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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Stille Helden + +Author: Ida Boy-Ed + +Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Stille Helden + + + Roman + + von + + Ida Boy-Ed + + + 1914 + + J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger + + Stuttgart und Berlin + + + + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten + + Copyright 1914 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart + + + + +1 + + +Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr +geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag +jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis +zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde. +Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und +damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn +sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein +regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so +zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein +neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen. + +Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen, +seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte +Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder +bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt +arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und +Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der +Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem +ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt +wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein +Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese +Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer, +aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen +Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und +gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen +war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am +raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde +mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie +erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel +oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost +gestattete. + +»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie +’ne Wöchnerin,« sagte er. + +»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und +schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht. + +»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der +Geheimrat erbittert. »Na ja – wie denn nicht! Früher war ich sein Herr, +jetzt ist er im Grunde der meine.« + +Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln +Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem +freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als +fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von +dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen, +übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch +die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man +Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen +– an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein +Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick +eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als +der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der +Riese jäh blaurot im Gesicht – stieß einen rauhen Laut aus – taumelte +und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold +habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden. + +Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und +vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren +konnte, und Leupold zog sich zurück. + +Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große +Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine +Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor. + +»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz’ ich ihn aus dem Bett! +Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und +er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...« + +Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal +an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal +zurückerwacht war zum Leben – auch eine Art von Wiedergeburt – – wie +ihm das Bewußtsein kam – wie er die Lider öffnete – da sah er in ein +treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen +begann. + +Nur das Auge des Dieners – eines ergebenen Menschen – nicht das Auge +seines Sohnes! – + +Ah – dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja +mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in +bezug auf Leupold. + +Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper +muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ... + +Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese +nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die +unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares +und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so +gut, daß es das Ende ward ... + +In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige +Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig +– ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da +schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der +ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt. + +Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht +für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals +schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es +keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen +Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt. + +Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück +Welt hin, darüber er der Gebieter war. + +Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im +ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die +kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der +Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie. + +Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten +hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und +Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen. + +Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei +Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu +ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen +Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen +unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das +Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern, +hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer +Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse +diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben +sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den +verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in +denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte. +Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der +Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße +erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen +und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die +nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe +bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den +Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den +rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich +Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft +von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all +diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie +andere waren, als die Natur sie schafft. + +Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin +Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem +Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm +durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links, +wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich +zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich +im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf +welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf. + +Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und +dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese +Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt +wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade +gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer +Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte – +das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«. + +Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und +Schlacken ... + +Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem +Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm, +dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel +stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten +lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den +Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen +Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in +Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und +Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß +hinüber in die Straßen hinein – auch das Geld, das »Severin Lohmann« in +Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen, +stärkeres Leben pulsierte. + +Der alte Herr sah gern hinüber – es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da +wuchs – wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein +Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden. + +Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des +andern Ufers fühlen. + +Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft +hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar +Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen +wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie +leer hinabgelassen hatten – Dampfer aus Schweden – aus Griechenland – +Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt +zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können. + +Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles, +hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten +von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz +anzusehen war. + +Er dankte für Ruhe ... + +Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit +Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im +Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern +Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine +Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen +sie. + +Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses +Elend mit Wynfried ... + +Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage – ja, weiß Gott, +ich weiß, was das ist ... wie’s gemeint ist mit dem Adler, der kommt, +dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille +ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an +einem ...« + +Nun merkte er auf – ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen +getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken. +Ja richtig – was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag, +das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen. + +Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im +Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran +mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur +Führung beigegeben war – der eine auf einem hellen Fuchs, der andere +auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen +vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen +und zogen zu einer Gefechtsübung aus – vielleicht um am Meeresstrand +anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu +verhindern. + +Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die +marschierenden Gestalten. + +Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft +gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem +Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von +Krankheit und Alter war in ihnen – + +Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren. + +»Ja, lieber Schönstedten – bin schon auf – kein Schlaf des Nachts – +Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil +verkauft – famos zugeritten, wie er war ...« + +Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck – Herrgott +wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und +imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er – und der +da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant +Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold +seine Karte hereingebracht. + +Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte, +mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast +gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut +gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er, +der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine +Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher +schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn +dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte, +ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war, +dachte er an seinen Sohn ... + +Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von +Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren +Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen – bin ja kein +menschenfeindlicher Querkopf – aber da sitz’ ich nun – vorbei ist’s +mit dem Gastlichsein ...« + +Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine +Freundlichkeit erweisen konnte. + +Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen – +da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu +aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen, +die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben – +dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern +nur an Pflicht denkt. + +Auch stille Helden – wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich +bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und +preist. + +Ja, die gibt’s auf allen Gebieten. + +So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den +einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn. + +»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der +Junge hatte es einmal gewünscht.« + +Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur +lau gewesen. + +Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und +späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das +Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den +ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich +ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen – was +sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an +Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ... + +Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich, +um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen. + +Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit +all den Schüsseln und Speisen vor sich. + +Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung – durchschlug die +Luft, als wolle er jemanden treffen ... + +Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie +wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm +Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du +ihn weibisch erzogst ... + +Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln – er sah ihr schönes Gesicht, +auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst. + +In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald +erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht +Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere +Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch +ärgerlich reizte. + +»Leupold!« sagte er befehlshaberisch. + +»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern +abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer +Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich. + +»Ist mein Sohn schon aufgestanden?« + +»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad +gegeben.« + +Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr +etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang, +spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können +doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...« + +Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt. +Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne +schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner +Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das +ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn +»was los« sei – was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber +der würde es auch nicht verraten ... + +Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in +Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht +wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ... + +Geduld – wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist – die +bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ... + +Was sollte mit seinem Sohn werden? + +Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun +geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn +wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf +befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe +hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im +Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er +überhaupt gearbeitet hatte, war unklar. + +Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null – sein Sohn! +Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen +hatte der Alte immer gehaßt. + +Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben +Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von +allen ... + +Ein Weib hatte ihn zerbrochen – er hatte sich zerbrechen +lassen – – – + +Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte. + +Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für +dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war. +Erziehung – das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die +Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch +gewesen. + +Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre +Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten +können unbequem sein. + +Auch gehört Liebe dazu – und seine Frau hatte wohl, außer zu sich +selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so +aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist +bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht – das wußte der alte +Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte – +früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das +Philosophieren an ... + +Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer +vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von +den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist: +Lieben und Leiden ...« + +Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie +schroff sein Ausdruck gewesen war – das wußte er selbst nicht. + +Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach +er: »Was weißt denn du von mir!« + +Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm! +Einsam! Einsam! + +Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden +bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ... + +Lieben und Leiden? + +Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen, +Durchschnittlichen sei. + +Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht +zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben +wollen ... + +Helden müssen sie sein – aber in der Stille – denn es ziemt ihnen +nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen. + +Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer +Nächte bleibt ihr Geheimnis. + +Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in +weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit +einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte. +Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der +Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie +Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn +gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt. + +Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft, +richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt, +mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel +Ergebenheit und Keuschheit aus – es war, als wehe der Hauch von +Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften +Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem +stürmisch Leidenden half – und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal +von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen +sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr +braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren +Ausdruck so merkwürdig wechselnd war – beredte Hände. + +Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu +Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann. + +Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er +hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen – solche Männer gibt es. Es +gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn +sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur +mit ihm in Berührung kommen – Frauen, die man isolieren sollte; wie +Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt +werden. Wunderlich – wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen +die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen. + +Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war. + +»Ich kenn’ meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine +undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten – die äußeren Daten seiner +Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? – Nichts? – Ich weiß +es nicht. + +»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil +er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron +setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in +vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht +allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von +Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat, +will weiter existieren – volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft +Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden –« + +Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend +bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden, +die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und +Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt, +Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte +Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen +für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht +der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos +ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der +Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß, +indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt +engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ... +Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. – Ja, solche Männer muß +man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung. + +»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer +Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen +andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze +bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...« + +»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum +bleiben? Das tat weh nur zu denken – – + +Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz, +all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken +der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ... + +Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor, +noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht +wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem +Reichtum? + +Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine +glühende Unruhe. + +»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen +worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch +auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.« + +Aber wo die Rechte finden? + +Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige – +ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts +mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene +nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der +rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren +drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht +die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und +von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob +nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried +passend. + +Keine – weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er +müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert +oder Unwert besaß, war ja erwiesen. – + +Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge +gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes +guter Engel werden konnte – denn sie war die eine, von der er vorher +wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde +nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen. + +Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten +über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich +doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen +Folgsamkeit erfüllt – hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein +kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen +fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben – leben! + +Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie +sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf – die Sandsteintreppe +zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der +alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte +das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind +und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft +trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins +Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an +der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter, +dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und +rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von +Severinshof gebaut hatte. + +Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin. +Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus +folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des +Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist +verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen +Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den +Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die +sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre +Feierabendruhe erwarteten. + +Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien – dem +Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein. + +Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte +vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie +pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die +Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm +sein bißchen Poesie. – Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags +nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde +lang. + +Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke +Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin. + +»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit +erschütterte ihn beseligend. + +Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo +er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. – Ihr +Segen wäre über den Kindern – – + +Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien, +um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so +entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos +in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit +von Luxus umgeben gewesen war? + +Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos +dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die +Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und +alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was +man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte. + +Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen +Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder +mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln +verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich +immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog +wie unter Peitschenhieben. + +Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen. + +Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus +sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn +ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel. + +Jetzt erschien ihr Haupt. – Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand +sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte +er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit +den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien +ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war +so sorgsam – am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem +lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. – Unter dem Arm trug +sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie +schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund, +die tiefen grauen Augen – er kannte sie seit vielen, vielen Jahren. + +»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch +eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens +ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die +Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ... + +Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen +hatte. – + +Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen +darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe +heilig hielt. + +Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der +Arbeitsriese – er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen, +verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine, +wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und +das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm +wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen +können. – Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er +schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte. + +In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war +das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung +von einst ... + +Klara grüßte herauf – und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte +er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das: +komm! + +Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes +fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht +geht. + +Ja sie – sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die +Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück. + +In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille +sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht +des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all +diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar +nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum +Unheil anderer Menschen. + +Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin +meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. – In ihr +kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt +bleiben mußte. + +Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte +er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das +schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem +atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen +Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester +und malträtiert mich – also bitte noch vorher.« + +»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen +und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen +fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich +befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der +auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So–o?« als Antwort +hatte. + +Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des +Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried +Severin Lohmann bei seinem Vater ein. + +Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des +Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches +welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft +gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden +war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig +– sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen +standen, blickten leer in die Welt – ob aus Müdigkeit oder +Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen. + +Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, – eine +Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht +entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase, +das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht +hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken, +leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel +ein wenig verzerrte. – + +Er war im Morgenanzug – das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und +lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner +Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter. + +»Guten Morgen, Vater – verzeih, daß ich so komme – aber es schien +eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?« + +»Mag nicht gefragt sein, hab’ mich auch alle die Monate, seit dem +Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch. + +Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam – mit Extrazügen +hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß +seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das +hatte ihn in Paris, oder wo er grad’ gewesen war, mit eisernen Zangen +festgehalten. + +Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken – neu anfangen. + +Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du +gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß +einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch +den kostbaren Morgenanzug des Sohnes. + +»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du +Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk’ ich: na ja, +du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden +Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie’n Frauenzimmer in seidene +Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe, +denk’ ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz +unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor’n Kopf als dieses lila +seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht +abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn +sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist +mir was Fremdartiges. Nun – Randglosse. Überhör sie, wenn du willst. +Und nu setz dich mal da ...« + +Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze +zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die +Besucher des Geheimrats dastand. + +»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen +wünschest,« sprach der Sohn höflich. + +Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine +Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern +gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von +_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die +ganze Nacht beschäftigt. + +»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos, +ziellos drauflos redeten – wie man so bei der ersten Gelegenheit zur +Entladung tut – aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber +praktischer sein,« begann der Vater. + +Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte +die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes +Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang. + +Ȁhnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine +Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin, +sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.« + +Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den +Faden der Weiterentwicklung ab. + +»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können. +Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine +Bedürfnisse – falls du diese nicht sehr einschränken willst. – Aber es +ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig +machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung. + +War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein +Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese +Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte. + +»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich +werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben – Koppen ist diskret und ein +zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine +Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm +durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen +soll mir Details ersparen ... du verstehst ...« + +Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut +des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich +erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden +und ihrer Art ersparen wollte – nicht die Rechnungen von Juwelieren, +Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die +Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte. + +Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld +sein eigentlichster Wesenszug ... + +Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein +Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ... + +Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen. + +Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von +allem – allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern +würde – er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er +ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht +noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber +Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum. + +Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend – er wußte +jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß +mitgeschwungen – sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies +Roheisen – davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er +zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als +wolle ihn dies Wort verfolgen. + +Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden +Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen +kam – als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ... + +Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem +Überragenden. + +Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht +wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl – wie ein +leise aufzuckendes Elend – darüber, daß er ein Nichts sei – sich jäh +als solches fühlte – zum erstenmal. + +Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater +und Sohn. + +Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse. + +»Ich danke dir für deine Großmut.« + +»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der +Geheimrat. + +Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine +Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder +ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen +Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen. + +»Nein!« + +»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige +denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.« + +»Aber ich habe doch ...« + +»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt +gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder +bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das +Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große +Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich. +Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu +behaupten ...« + +Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer +Ausdruck über dieses Antlitz flog – es schien nicht mehr das eines +gewöhnlichen Sterblichen – monumentale Größe war darin – Kraft von +übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode +trotzen, wenn er wolle ... + +Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist +doch einmal mein Nachfolger – du mußt dich darauf vorbereiten – dich +einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner +vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die +rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst. +Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein, +und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster +Mitarbeiter – geschäftlich mein anderes Ich – trotz der völlig +verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel – er mir auch – +Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr +auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts +sein ohne ihn – du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein +Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist +du einverstanden?« + +»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos. + +Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese +erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine +Furcht aufblitzen ... + +Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war? +Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die +ihn von ihr absperrte? + +»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich +– gestehst du mir das zu?« + +»Ja.« + +»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht’ ich, wenn ich +so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_ +fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na – der Wunsch wurde mir +erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht – man bekreuzigt sich, +daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen, +Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet – und mich – mich hat sie +auch was gekostet. Glaub nur – es war ein harter Augenblick, als man +mir dein Telegramm gab – ›Unabkömmlich – hoffe auf deine rasche +Genesung‹– Unabkömmlich! – Wenn der Tod an des Vaters Lager steht! +Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst, +eine – _Dirne_ zu verlieren ...« + +Die Faust ballte sich – die Worte waren schwer von Schmerz. + +»Verzeih – ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme. + +»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in +Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich +die edle Dame – weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der +ihr standesamtlich ’ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal, +Wynfried – so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der +Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre. +Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?« + +»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem +Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich +verachte diese Frau und alle Frauen.« + +»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast +zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein +Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf –« + +Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen. + +Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem +Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen? +Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen +Tod ihn verändert? + +»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus, +wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du +heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt +geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. – Die +scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. – Nur durch eine Frau +kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs +Weib gestellt. – Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut +abnimmst.« + +»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange +Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das +seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. – + +Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er +begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war. + +Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich +das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß +vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens +Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters +zu erringen – das Verlangen danach wallte in ihm auf – zum erstenmal, +seit er denken konnte. + +»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne +heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte +sich zu zerbrochen zum Kampf. + +Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes +gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen +gegen Welt und Weib. + +»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er +doch auf seinen Vorschlag hören. + +»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried +ausweichend. + +»Ah – ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.« + +Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in +der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre +heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen, +daß er vielleicht unzart vorgehe ... + +»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich – nur um den Vater +nicht zu reizen. + +»Klara Hildebrandt.« + +»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor – der sich erschoß – +wegen verfehlter und verbotener Spekulationen – du hast dich des Kindes +angenommen – die –?« + +»Ja – die.« + +»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen +Tochter ankam. – Es gibt so Dinge – man behält sie, obschon sie +eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben +– aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig +war. – Ja, ich weiß noch – Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage, +deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren – ich hatte so viel +Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und +nicht durfte. – Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der +Weg versperrt war – und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden +möge. – Die Frau war sehr schön – ich begriff damals nicht und auch in +den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz +anders vorkam. – Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber +reiner Weiblichkeit – wenn ich mich recht erinnere ...« + +»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr +waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...« + +Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf. + +Sein Sohn sah ihn an – ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange +ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was +weißt _du_ von _mir_!« + +Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was +dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen +können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb +– wie er für das Kind gesorgt. – + +Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn – + +Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und +eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ... + +Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen +unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ... + +»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,« +sprach er langsam. + +Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. – Obgleich Wynfried wußte, der +junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die +Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal +vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer +seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen +Druck der Hand – war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues +Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren, +sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde? + +Kannten sie sich denn jetzt? + +Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in +Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_ +von _mir_?« + +Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das +elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn. + +Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett. + +Er starrte ins Unbestimmte. + +»Eine Kugel durch den Kopf – das wäre das richtigste ...« + +Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines +Vaters Angesicht. – Er hatte eine Vision. – Sein Vater stand an seiner +Leiche, aber der alte Mann weinte nicht – Verachtung war in seinen +Zügen, die furchtbar schienen. + +Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück – das +fühlte er. + +Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten? + +Ah – gleichviel unter welchen – wenn sie ihm nur Inhalt für sein +Dasein vortäuschten. + +Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten +würde. + + + + +2 + + +Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der +beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt +erwartet wurde. + +Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst +paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den +Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein +Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller +mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden +seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte +sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara +Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre +zweijährige Tochter mitgebracht – wenn also böswillige Menschen davon +munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so +war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr +umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau +gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare, +stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal +gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen +machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten. + +Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten +Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit +sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen +Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in +den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und +das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher +Lebensinhalt. + +Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an, +die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur +Begutachtung gezeigt wurde. + +»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so +durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich +eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er +gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte. + +Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders +rätselhaft. + +Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie +zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine +Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren +Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen. + +Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die +Frage: Wie fang’ ich das an? + +Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und +hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten +durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen +alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen +Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute +mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen +Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer +Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried +unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in +seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der +Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes +noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme +Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich +noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung, +gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ... + +Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in +der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um +fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge. + +»Dann kann ich dich ihr vorstellen.« + +Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er +verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er. +Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem +ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie« +– seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen +Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen – und +andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit +schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und +anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen – – Ja, all diese würden +sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum +Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten – alles +war egal – + +Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der +gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu +wälzen: Wie fang’ ich das an? + +Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß +dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde. + +Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen +Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit +neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen +zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das +feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem +ungewohnten Laut vergrämt wird? – War es klüger, zu schweigen oder zu +reden? den Dingen ihren Lauf lassen? + +Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge +abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war +als der Dunkle, der neben ihm lauerte? + +Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann, +dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte? + +Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es +meinetwegen tun ... + +Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. – Es sollte doch für sie +kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung +finden, und damit das Glück ... + +»Wie fang’ ich es an?« + +Er fand keine Antwort. + +Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken +Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte +abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für +die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen. + +Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar +wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien +– bei seinem Zustand! + +Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales. +Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken. + +Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine +Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den +bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der +Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer, +umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der +Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend +fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft. + +Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der +Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der +Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und +geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach +Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab. + +Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß +glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde +träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und +schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel +fleckend. + +Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten +Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten, +auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die +drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte +man auch den Blick auf das Werk. + +Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen. +Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau +gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl +oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine +Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich +doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für +seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab +in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese +Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald +vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk – und +bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen +– wirklich zu blühen ... + +O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen +wunderbar trotzigen Willen zum Leben. + +Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas +Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich +künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt. +Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß. + +Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine +Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler +entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles +zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie +spielen – welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde – +im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem +Leben selbst. + +So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein +hindurch ein Arbeitender gewesen. + +Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit +sein Herz gehängt hatte. + +Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der +Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr +weit eine Rechte entgegenstreckte. + +»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der +Ähnlichkeit ergriffen. + +Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede +Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. – Er besaß kein Bild von der +längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren +vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden. + +Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche +der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die +Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter. + +Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune, +reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen +Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend +gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der +klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes +Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es +Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und +sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke +waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht +haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß. + +»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn +ist wieder da!« + +»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr +Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.« + +»Hätt’ ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion, +und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben – ’ne kleine alte +Klatschbase bleibt sie doch.« + +»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte +entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.« + +»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.« + +Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen +und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn +hier haben. – Er war so lange nicht zu Haus.« + +»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so +lange fernhielten. – Liebe Klara – in der Welt draußen haben sie +meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. – Er muß sich +besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so +gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er’s besser als hier. Arbeit +und Familie – das ist die Gesundheit.« + +»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater +zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu +sein ...« + +Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne +Tradition – ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus +anzugehören. – So ein Haus bekommt Geschichte. – Wie Sie die Gründung +Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.« + +»Wer weiß – wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung +nimmt, die ich erhoffe – dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der +Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme – wo so das +Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. – Ein +wenig müßt’ ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters +imponieren. – Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche +Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie – denn wissen Sie, liebes +Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers – seins +allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was +sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit, +das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein +Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck +keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden! +Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen +ganzen Posten davon – mehr als Geld – das weiß Gott. Aber er besaß die +Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er +diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz +gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke +ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein – sie +allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen – und dies +Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. – +Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich. +Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von +Natur aus da sein: Erz oder Kohle – aber beides heranschaffen – das +macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor: +wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache, +dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die +Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch +auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für +Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum +Aufblättern bringt – na, der muß schon was Suggestives an sich haben.« + +Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an +allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf. + +»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing – er selbst +verstand auch nichts von Hüttenchemie – kann sein, daß er nicht von +vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen +– ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs +neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines +Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch +ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben. +– Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus – lernen – lernen. – +Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle +hinaus. – Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne +zusammen und schwor mir: ich mach’s! Als der Vater starb, war ich ein +Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung +– zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das +teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte – +gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen. + +»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir +seinen Direktor mit – einen Mann von kolossalem Wissen und Können. – +Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf +den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die +ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt’ +ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als +Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer +Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...« + +Er verlor sich in Nachdenken. + +Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren. + +Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den +Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet. + +»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er +dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig +waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus +›Severin Lohmann‹ zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten +Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so +früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch +immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach +einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte, +was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und +Mann eins – auch dem Namen nach – und daß mein Junge den sentimentalen +Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den +Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.« + +»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von +Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles +Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer +rätselhafter, daß ...« + +»Daß was, liebes Kind?« + +Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene +Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke. + +»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten +und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an +Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg +und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld +gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie +sich angenommen wie meiner.« + +»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?« +antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt. + +Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke, +lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese +Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich. + +»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu +Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem +Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind – es ist so +natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, – »ich wäre +bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs +dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach +Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl +couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie +sprachen. – Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich – aber +Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern +Leuten.« + +Er sah sie tief an – und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie +etwas befangen machte. + +Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich +keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das +zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum +daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und +mich hier an der Schule anstellten.« + +»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?« + +»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich +alles nicht angenommen wurde – aber ich darf doch jeden Sonntag +kommen ...« + +»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die +gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie +aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ... + +»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. – +Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen. +Bitte Herr Geheimrat, ich hab’ manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen +mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?« + +Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet +gewesen. – Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und +Selbstmord zu verzeihen gehabt! – Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte +manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen, +nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter +Geschwätzigkeit litt – aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen – +und können dennoch manchmal völlig schweigen – wo sie lieben und +schonen wollen ... + +Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren +Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für +immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg +doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand +oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die +Füße. + +Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater +war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ... + +Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde. + +Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht +verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so +eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie +früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ... + +Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher +Innigkeit um die Wahrheit baten. + +Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O +nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!« + +Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, – die +heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. – +Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein +abgleitender Blick. – Dies Auge wich ihr aus? – Dies gebieterische +Herrenauge, das sonst andere bezwang – was bedeutete das? + +Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu +wissen. + +»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam. + +Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an. + +»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter – ich habe – sie war – – Liebes Kind! +Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.« + +»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich +verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen +– daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und +verschleiert bliebe. + +Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und +Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir +wußten es rasch – wir waren füreinander bestimmt gewesen – sie mein +Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum +gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns. +Meine Frau hätte mich niemals freigegeben – nie – aus kleinlicher +Schadenfreude nicht. – Unsere Lage war bitter – sie war gefährlich – +aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...« + +Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner +Mutter ...« + +Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie – und sie küßte +seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter +ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und +ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an. + +»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er. + +Sie lächelte mit Tränen in den Augen. + +Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte. + +»Es war immer schon, als wär’ ich’s, wie ein Vater haben Sie an mir +gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher +gekommen ...« + +Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen – von ihrer +Mutter – vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen – von der +Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr +eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben – was war +es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber +den Gatten ihrer Mutter? + +Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat +gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!« + +Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie +der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen. + +Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken +Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über +die ihres Vaters schweigend hinwegging. + +Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ... + +»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger +Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit. + +Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe – +wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das +Zittern seiner Hand – das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch +nicht aufregen. + +Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst +irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in +das Alltägliche hinüberzubringen – wie es eben für den noch +Schonungsbedürftigen am besten war. + +Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war +Wynfried – der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum +je wirklich mit ihm gesprochen. + +»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen +– Fräulein Klara Hildebrandt.« + +Klara reichte ihm freundlich die Hand. + +»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.« + +»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame +Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er. + +»Aber nein – garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie +waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von +mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer +oder Ihrer Mutter.« + +»Ja – ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir – +ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt, +nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.« + +»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie +mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater – den einzigen +Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht +hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte +sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre +natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte +ihn ihr doch gleich interessant. + +»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.« + +»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich +durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist +mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.« + +Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu. + +Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl – als sei er hier zwei +Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche? +Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein. + +Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es +ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön +war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter +ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im +Klang der sanften Stimme aus. + +Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von +strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln +vermocht. + +Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen +eingestellt – die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm +sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige +Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte – +und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen. + +Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch, +der neben dem Krankheitsthron stand. + +»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß +Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.« + +Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie +hat – überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze +Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch +Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon +versteht.« + +»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?« + +»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,« +warf der Geheimrat ein. + +Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er +sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner +Angelegenheiten denken könne. + +»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der +Arbeiterschaft zu unterrichten?« + +»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und +mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig. + +»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude +gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen +Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt +– Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen +verschaffen können.« + +Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort – diese ganze Szene +unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann +der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr +er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den +beiden! + +Klara schüttelte nur leise den Kopf. + +»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine +Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier +geboren. Hier bin ich aufgewachsen – inmitten des Werks habe ich meine +ersten Eindrücke gehabt – später hab’ ich an seinen Grenzen gelebt, +immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt +hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater, +ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und +selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab’ ich etwas anderes im Gefühl +gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für ›Severin +Lohmann‹ tätig sein müsse. Wie sollt’ ich’s? Als Buchhalterin? +Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall +gewesen – dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich +mag erziehen – auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen +macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden +mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule +unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an ›Severin Lohmann‹. +Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt’s mir vor, als +ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater +und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?« + +»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat. +»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...« + +Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen. + +Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so +beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier +ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich +verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch +noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben +in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht +einst geliebten Frau zu versorgen ... + +Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der +alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen. +Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen +wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben. + +Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie +nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr +zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich +gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine +treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei, +erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf +geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen +Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und +Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer +Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar +Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man +mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht +und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten +Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und +Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als +Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre – und man +spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges +Pröbchen von Dummheit war. + +Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende +anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches +Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte +er durchaus. + +Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der +Begrenzung machte ihn betroffen. + +Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und +beruhigend? + +Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt – vielleicht für immer. +Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer +Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen. + +Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings- +und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor +seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von +Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten +Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles, +grünes Stückchen Wald ... + +Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß +Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die +Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? – +Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer +gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der +Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte – wie sie floh, sobald sie +konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ... + +Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war +ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte +sich dennoch gezwungen, zu glauben. + +Er wurde nach und nach sehr schweigsam. + +Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden +lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die +Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit +uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ... + +Sie stand auf. + +»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.« + +»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr. + +»O nein – danke sehr – nein –,« lehnte Klara ab. + +Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung +ergebend ... + +»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre +Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen +Tischgenossen an meiner Krankentafel – Wynfried muß unten allein essen +– kommen Sie doch diese nächsten Tage – bis er etwas eingelebt ist – +etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch +vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als +Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm’ ich dann auch mein +Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.« + +Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_ +merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch +sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken +vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch +schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche +Züge zuweilen bemerkbar? + +Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er +war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er +konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu +zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis) +weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben +werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die +der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs +wegen so gewachsen sein würde. + +Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten. + +Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit – so überflüssig erschien +er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater. + +Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen +Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine +Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ. + +»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie +kurzweg. + +Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend. +Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen +zu werden. + +Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und +Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn +herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen +dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte +früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln +anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der +Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie +dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten. + +Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen +wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster +Wichtigkeit. – + +Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen +hatte, um zu fragen: »Nun?« + +»Was – nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von +einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?« + +»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich +wissen.« + +»Wohltuend – ganz und gar – ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig +näher kennen lernen – muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so +etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe – +wie sollt’ ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich +nicht in sie verlieben. – Ich? – Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir, +ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.« + +»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater. + +»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die +seinen Vater gehaßt hatte. + +»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er +weiter. + +Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte, +als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung. + +»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben. +Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren +Tones – der grollte gleichwie aufkochender Zorn. + +»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. – + +Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die +Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne +Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die +Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen +schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden +waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur +von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und +Lieschen auch artig seien. + +Sie hielt freundlich stand. + +Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an +Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie +dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit +ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem +Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste – o nein!« + +An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn +kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der +umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder +ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der +Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling +anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn +und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb +des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale +Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung +genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und +Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang +zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies +Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das +dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war +so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten. + +Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu +genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende +Erinnerungen tauchten auf – sahen nun, da sie vor dem Auge einer +Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem +Kind dargestellt hatten. – Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen +voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem +Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme +Jammer der Mutter – ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus +– dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats – düster und +beherrschend. – Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen. +– Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen – die Schrauben +knirschten so – man hörte sie. – Die Mutter bebte nebenan und preßte +ihre Tochter heftig an sich. – Damals dachte Klara, das sei immer so, +wenn ein Mensch sterbe – all diese Einzelheiten. – Heute mit einem +Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ... + +Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe +eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen. + +Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen +Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins +Gesicht zu sehen – so kam sie in der kleinen Wohnung an ... + +Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über +dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein +Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche +umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski +vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst +das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause +hereingefahren. + +Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug. +Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum +Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald +angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie +von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden. + +Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen +gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras +Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt +werden konnte. + +Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie +den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles +beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen: +der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von +dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem +Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt +zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von +Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien – +der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß +demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt +geigen möge. + +Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das +heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge. + +Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei. + +Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden. + +Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte +Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch +einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt +lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf +bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die +Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara +zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so +deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet +wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst +du, ich ängstigte mich.« + +Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den +Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein +ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete. + +»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten. +Ich wußte nicht recht, was ich sollte.« + +»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender +Neugier. + +Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum – auf sachten, +aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen +bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters +erschien ... + +»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst, +daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es +schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete, +bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im +Hause des Geheimrats unterrichtet war. + +Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die +Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus? +Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben? +Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier +sei? + +Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das +Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich +vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als +ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines +Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten. + +»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm +an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus. +– Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen +Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag’ +ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie +treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den +Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er – horch – wir wollen +achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...« + +Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der +Vorhänge zu verbergen. + +Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den +Gleichgültigkeiten rundum. + +Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen, +wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt, +sich davon ermattet zu fühlen. + +»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie. + +Und plötzlich brach es aus ihr heraus. + +»Ich bitte dich – laß die fremden Leute – komm – ich muß mit dir +sprechen, dich etwas fragen –« + +Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort. + +»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es +mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen, +wenn ich dich etwas fragte?« + +»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so +starke Töne anschlug. – Sie war doch fast nie zärtlich, und nie +aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der +Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise. + +»Wie sollt’ ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?« + +»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so +frühen Jahren?« + +Wie strenge Klara aussah – die geraden Brauen schoben sich näher +zusammen, ihre Augen brannten. + +Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme +Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage! + +Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl +eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war. +In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war +man ganz klein davor ... + +»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.« + +»Ah –« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte +Frau. – So drang schon diese Bewegung auf sie ein ... + +»Ah – also es ist etwas zu verschweigen ...« + +»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das +nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_ +Manne gegeben worden war?« + +»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du +sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann +zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun +völlig außer sich. + +Also es gab Schmachvolles zu verbergen! + +»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte +wohl damals ... Aber der Geheimrat – du kennst ihn ja. – Er _wollte_ +alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was +es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.« + +Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für +Klara zur Folter. + +»Sag doch endlich, was denn – was denn ...« + +»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir +versprichst, mich nie zu verraten ...« + +»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest. + +Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute +bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur. + +Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie +erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde. + +»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden. +Großes Gehalt, Tantieme. – Das schaffte nicht genug, – woher ihm diese +Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin, +und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau +wohl nicht. – Und er spekulierte. – Obwohl sein Kontrakt es ihm +verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar +gegen des Geheimrats Unternehmungen – oder unter Benutzung von ihm +bekannten Chancen, die ›Severin Lohmann‹ hätten zugute kommen müssen. – +Und so derlei. – Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was +hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein +Lamprecht, der ja Arzt bei ›Severin Lohmann‹ und allen Beamten war, aus +dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der +Schlag gerührt. – Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart +bewiesen. – Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein +Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort +zum Geheimrat. – Und der nahm alles in seine Hand – die Hand kennen +wir – stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und +auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel +geschlossen wurde – damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten, +das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.« + +Klara stand regungslos. + +Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter, +und die alte Frau legte sich keine Hemmung an. + +»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der +Geheimrat habe es ihm befohlen – später befahl er selbst es auch noch +mir, als du zu mir kamst. – Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte +meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension +gekostet – und dich hätte er mir nicht gelassen. – Das Finanzielle +nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet +haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für +dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer: +das sei alles wegen deiner Mutter – die hätte er wie ’ne Heilige +verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen +Idealismus – und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er +hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär’ ich ’n rauher +Autokrat geworden. – Ja Kind – nun weißt du es! Aber – o Gott, wenn +du mich an ihn verrätst!« jammerte sie. + +»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen +Schwur.« + +Die alte Frau hörte die tonlosen Worte – aber zugleich blitzte durch +ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen. + +Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der +Haustür nähern. + +Mechanisch – es trieb sie – war sie, husch, wieder am Fenster. + +»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig. + +Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ... + +Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch +aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der +Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm +und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in +melancholischem Schatten lagen ... + +Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ... + +Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher – ihre Augen blieben an der +Uhr hängen – die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke +Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und +her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor +von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes +Liebeslied ... + +Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend. + +Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und +zerschlagen ... + +Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte – weinte. + +Was hatte er alles getan – für sie und ihre Mutter! + +Wie ihm jemals genug danken! + +»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!« + +Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht +ein. + +Wie ihm jemals genug danken? + +Ein Leben reichte dazu nicht aus. – Mit welch heißer Freude würde sie +es für ihn hingeben. + +Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn +opfern zu dürfen. + + + + +3 + + +Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen +Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von +Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten +Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den +letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen +Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität +morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen +suchte. + +Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die +Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt +habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein +_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett +des Vaters kam. + +»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter, +nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt, +unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto +mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.« + +Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht +noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich +werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und +Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold, +dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen, +daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe +herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben +liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig – das war gewiß +ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der +Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen +Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld +kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten +also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend +liegen mochte. + +»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat +spöttisch hinter ihnen her. + +In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk +brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf. + +Wie einfach. + +Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar +Einfaches. – + +Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und +trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und +zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und +Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten +Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß +es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das +fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei; +seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der +Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am +Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton +entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den +weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten. +Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der +höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden. + +Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten +Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben +getragen. + +Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf +eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und +fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er +die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen +niederzuhalten. + +Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief +seines ganzen Lebens. + +An Klara war er gerichtet, und er redete sie an: + + + »Mein teures Kind! + + Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit + gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der + Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die + mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die + Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten, + daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist, + brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also + darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden. + + Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu + sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten, + der Grund, weshalb ich schreibe. + + Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht + bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß + erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude + sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen + sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war, + der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter + ablenken durfte ... + + Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt! + Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen. + Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr + nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten + Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen. + Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte. + + Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen + Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld! + + Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen + Worte aus. + + Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll + Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in + seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen + Schmerz mit sich herumtrug. + + Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden – + nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben + + Ihr väterlicher Freund + Severin Lohmann.« + + +Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in +die Feder kam, feuchtete sich sein Auge. + +Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher +Besitz als unser Glück? + +Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara +seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so +verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit – sie war wie von +zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie +Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung – +ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene +Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich +einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet. + +Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte. + +Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner +hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu +dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, – weil es +dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche +Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit +darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden. + +Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht! + +Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war +seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer +gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends +zerstören mußte. + +Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff +war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. – + +Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger. + +Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara +zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen. +Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und +Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein +Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er +nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles. + +»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater +geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch +nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das +rührendste verändert, seit du hier bist.« + +Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten. +Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei, +er stand so unberührbar fern von diesen Dingen – sein Herz war tot. + +Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn +in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der +letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim +– konnte in Ruhe nachdenken – sich vielleicht, wenn sie wollte, mit +der Pflegemutter aussprechen – war gefaßt und klar in ihrem Entschluß, +wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles. + +Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht +Schläge herklingen lassen. – + +Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade +ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen. + +Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war’s ja draußen viel +erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt. +Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne +gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der +Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem +braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre +Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft. + +Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller +Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die +am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren +so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre +Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl +von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. – Keine +fröhliche Morgenfrühe. – + +Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor +ihr herging – die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu +nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen +waren wie bestäubt von Regentropfen. + +Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem +Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit +der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß +Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach. + +Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache, +regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe +Arbeit frisch zu halten hat. + +Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen +Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund +mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine +hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines +künftigen Divisionärs – zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden +mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen. + +Richtig – die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging’s die Fahrstraße +hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien, +als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe +der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine +gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten. +Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des +Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie +bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines +Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen +Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt +vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme +wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten +und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen +merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie +ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar +hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er +sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen +begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen +ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab, +wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave. + +Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen +eingerammten Stämme, der Duc d’Alben, wie auch die ziegelroten +Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der +Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See +erinnernden Charakter. + +Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den +Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als +strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut. + +Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man +noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts +gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter +Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte +nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen. + +Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken +Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem +Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein +Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß. + +Der Hauptmann stieg zuerst ein – es bedurfte dazu nur des einen +Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara +aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen, +tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte +der andere Offizier. + +»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.« + +Klara nickte – sie schloß gerade ihren Schirm. + +»Mit dem aufgespannten Schirm – im Winde – das ist mehr Hindernis als +Schutz,« sagte sie. + +»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er +wohlwollend. + +»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich +für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie. + +»Bitte –« sagte jetzt der Kamerad. + +Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning – Fräulein +Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das +gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen +Hauseigentümerin.« + +Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den +Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der +Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu +lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf. + +Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war +sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als +sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines +dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen +Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war +in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man +sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze +Erscheinung gefiel ihr – sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem +feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die +Spuren schlammiger Wege klebten. + +So stand er vor ihr. – + +Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein +Rahmen – voll Bedeutung. + +Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit +angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt. +Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der +Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit. + +Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger +Schein zwischen seinen Bauten. + +Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der +Höhe. + +»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich +übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning. + +»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich +bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da +wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit +meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach. + +Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend +aneinander fest – denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das +Gleichgewicht verloren. + +Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem +Beispiel. + +Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten +hoch. + +Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und +ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden +Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen. + +»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er. + +Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in +Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte: +»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin +Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.« + +Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat +zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich +interessanter. + +Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas +Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht +Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig +hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig. +Pflegetochter – das ist zu viel gesagt.« + +Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der +Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal +bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...« + +»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen +Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig – er +war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich +war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?« + +»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich +hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird – die linke Hand kann +er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder +klar – das ist das große Glück ...« + +»Pu–r–r–r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und +Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt – na, nu hopp!« + +Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der +Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen +Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der +Oberleutnant. + +»Darf ich Sie bitten – Fräulein Hildebrandt? – nicht wahr? – Herrn +Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche +auszurichten.« + +»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch +nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen – darf +noch nicht.« + +Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten, +Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker +hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des +Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige +Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus – so, als sei es +vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte, +um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis. + +Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein. + +Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby« +Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im +Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig +bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben. + +Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des +Werkes hin – nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden +vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das +mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen +Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den +Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch. +Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus, +und ihre Nüstern dampften. + +Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die +Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging. + +Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht, +ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen +anzustellen. + +»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt – im Grunde – nee wirklich – tun +wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um +aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu +machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich +mit der Wimper zucken, wenn’s endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und +danken tut uns das keiner – Ihnen nich – uns nich – is auch egal! In +der stillen Schufterei is doch was drinn – das erhebt. – Na, also: +empfehl’ mich gehorsamst ...« + +Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat +auch Marning. + +»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will –« + +Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht – das war ein +abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung. + +Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht +verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und +der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen +Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der +Räder floß gelbes Wasser. + +»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte +Marning. + +»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder ’ne schiefe – man weiß +nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. – Kann +einen dauern. ’n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten +Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die +zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der +Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.« + +»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und +sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr. + +»Das erstere allemal – der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das +zweite sagen Sie nich – vielleicht erst recht. Na – aber Fräulein +Hildebrandt würd’ mich schön ’runterputzen, wenn sie wüßte, ich +bedauerte sie. Wissen Sie, Marning – wenn ich mir das Heiraten nich +abgeschworen hätte: _die_ könnt’ einen wankend machen. Mein Vermögen +langt ja. Und n’ Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat – der hat +Beziehungen – Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee –« + +»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd. + +»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch +endlich losgehen – wir lassen uns ja rein auf der Nase ’rum spielen, +das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und +keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen +Zwiespalt haben.« + +»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.« + +»Ach Gott – das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen +Umständen dem Broterwerb nachgehen als ’n geliebten Mann in ’n Krieg +ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.« + +Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen +Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht +klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese +seltsam geraden Brauen – die gaben diesen Zug. + +Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal – Sie müssen aber Besuche machen. +Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie ’rauf nach Lübeck +fahren. Da is viel los – gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. – Ich +komm’ nich oft hin – unterhalt’ bloß kameradschaftliche Fühlung mit +dem Regiment da – fahr’ kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann +man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich +immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab’ mir grade Willisen und +Jomini angeschafft – man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch +zustatten, wenn’s los geht. Und das tut es doch mal – muß es mal! ...« + +»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was +sein muß –« + +»Na – freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist +Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit +Scheuklappen. Nee. Also denn hier ’rum. Allzuviel is es nich. Um +Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr – der mit der +Sensenfabrik – entzückende Krabbe von Tochter – nächstes Jahr geht sie +aus. Denn die paar Honoratioren – drüben der Generaldirektor Thürauf – +wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof – kluger Mann, feine, hübsche +Frau – drei prosaische Töchter – semmelblond – gute Diners und +gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die +verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge +wund und fuselig: soll ’n dolles Mädchen gewesen sein – die Eltern, +reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich’s zwei Millionen kosten zu +lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete +Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben, +daß das Mächen schon ’n Hufeisen verloren hatte. – Wer weiß, ob’s wahr +is. Kein Mensch kann’s jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich, +die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der +Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau – und die Geheimrätin sei ’ne +scharfe Dame gewesen, sagen alle – als ich herkam war sie schon dot. +– Na, vielleicht möcht’ die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an +sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer. +Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.« + +Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht +ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite +Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel +zu zurückgeschlagen. + +»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser ›Baby‹ die Leute +angestellt hat – fixer kleiner Kerl, der Hornmarck – hat ’n Schneid – +na, ein Trost – man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. – Wir werden +uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. – Haben Sie +gelesen, Marning – die letzten Depeschen – höllisch brenzlich! Passen +Sie auf – in diesem Sommer erleben wir’s ...« + +Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und +seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch +sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen, +obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei +es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen. + +Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter +aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben +einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine +topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung +kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und +einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu +beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras +Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die +Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von +Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen – und der Oberleutnant +Freiherr von Marning war auch dabei. – + +Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte +einmal den Namen. + +Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von +sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. – + +Er sah sehr schön aus – männlich und vornehm, und Augen von seltener +Ausdruckskraft hatte er auch. – + +Aber wirklich – er ging sie nichts an. – Wie töricht, daß sie diese +Augen so deutlich vor sich sah. – Und sie sammelte sich fest und klar +auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und +überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so +gleichgültige Begegnung. – + +Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr – noch drei – sie schwanden +schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich +hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im +Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte +einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den +Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief. + +Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben! +Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen – es war heute +Mittwoch – – + +Und sie las ... + +Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen – betäubt – +fassungslos – – + +Nun kamen ihre männlichen Kollegen – Herr Magers wollte, ehe er zu +seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der +kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der +Mutter des Jungen gehen möge – aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme +die Mutter sicher leichter an. – Und Herr Kehl strich sich durch seine +blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war, +und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich +an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr +Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über +diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung +seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal +von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm – + +»Morgen,« sagte Klara, »morgen –« + +Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf +und lief hinaus. + +»Fräulein Hildebrandt – Ihr Schirm!« + +Sie hörte nicht – sie fühlte ihren Körper nicht – nicht Regen – nicht +Sturm – Sie lief – und lief – + +Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des +Herrenhauses vielleicht sehen könnten. + +Fort, nur fort – in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das +an sie herantrat. + +Wynfried wollte kommen und um sie anhalten. + +Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte. + +Was Reichtum – was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr. + +Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein +Fährmann – drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen +aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht. +Ganz gnomenhaft sah das aus – wie ein Bild aus einem Märchenbuch. + +Und der Wind brauste – + +Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst – sie läutete heftig, als +sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das +dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des +gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als +ängstliche Solostimme abhebend. + +Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der +unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück. + +Sie wurde bleich, sehr bleich. + +Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte. + +»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl. + +Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von +keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie! +Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste +Weisheit zu erkennen. + +»Er liebt mich nicht!« + +Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen? + +»Sein Vater hat es gewünscht!« + +Dies stand ihr über jedem Zweifel. + +Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung. + +Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger +Begeisterung standest du wie in Flammen – dein Leben wolltest du +hingeben, um ihm zu danken. – Und nun dein Leben wirklich gefordert +wird, erschrickst du?« + +Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen +Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben. + +Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht +bestimmen!« + +Gewiß nicht – nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie +fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück +bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie +begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe +ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.« + +»Was er an mir getan hat, war ihm Freude – das verstehe ich wohl – es +muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei +– – Aber das andere! ...« + +Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters – die großen Summen, die +er dem Werk entzogen – dieser schmachvolle Tod. – Und der grandiose +Edelmut, der verzieh und alles verbergen half – damit über ihrer Mutter +Leben nicht noch der Schimpf komme. – + +»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...« + +Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das! +Mein Wissen muß ich ihm verbergen – immer – wie er mir seine Großtaten +verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so +hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken. + +»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten +– aber mit der Tat! –« + +»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie +haben Ihre Mütze verloren.« + +»So?« antwortete sie mechanisch. + +Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr +gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken. + +Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung: +das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt – das +Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. – + +Sie sagte sich: »Ich muß!« + +Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die +regennassen Straßen und kam nach Haus. + +Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen +Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne +Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. – + +Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau, +von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara +noch mehr warme Suppe auf. + +Sie verstand sich plötzlich selbst nicht – diese wahnwitzige Aufregung +... wie konnte sie das so umwerfen ... + +Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar +nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung +vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war. + +Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie +ordnete es. + +Und sie dachte nun endlich auch an den Mann – stellte ihn förmlich vor +sich hin. + +Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz +seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein« +entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein. + +Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem +starken Nein sein mochte. + +Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost, +Neuland, Lebenszweck bedeute. + +Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen +ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll +Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. – Wie hatte sie +eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können! + +Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?« + +Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch +abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu +toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben +gewesen. – + +Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender +Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten. + +Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an +mitleidig – machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau +der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten. + +Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder +Freudigkeit bringen. – Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum +Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken – Sie +sah wohl: noch war das alles tot in ihm. – + +Welche Aufgabe! + +Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu +_seinem_ Sohn machen helfen. – + +Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete +Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel. +Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum +Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer +Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine +Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem +Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die +edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes. + +Und Klara – sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes +hängend, fühlte wieder: »Ich muß!« + +War es denn wirklich ein solches Opfer? + +Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer +Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse. + +Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen +Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. – +Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war +ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur +flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein +Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten +dergleichen bei ihr an – was bei allen obwaltenden Umständen ja auch +auf der Hand lag ... + +Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen +solchen Platz stellte – – + +Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen! + +Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten +wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof – denn da gab es noch +viel zu tun – gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch +mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und +diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne +Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick +das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als +es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich +rühren, nützlich sein. – Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch +Einfluß auf den alten Herrn. + +War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese +Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter +gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten +habe. + +Aber sie – oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen. + +Ihr Herz klopfte rascher – eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf. + +Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen – + +Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer +heiligen Mutter leben – viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie +gedurft ... + +War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben? + +Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der +rechte Prüfstein für sie. + +Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann +ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr – verschwamm in Träumereien. +Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause – hülle sich in +Dunkel – – + +Sie fuhr zusammen – erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich +werde ihn niemals lieben ...« + +Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen – ja, so +konnte sie ihn wohl lieb haben. + +Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod. + +Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle, +friedliche Ehe nottat. + +Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher +Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen? + +Klara wußte, was das war: heiraten. + +Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die +sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ... + +Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen +Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen! + +Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes +Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir +ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde. + +Hier war kein Wahn, keine Flamme. + +Hier warteten nur sittliche Pflichten. + +Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit. + +Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr. + +Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in +heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit – – + +Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen +Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr +kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck. + +»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte +sie verdutzt. + +»Bitte,« sagte Klara. + +Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand. + +Er wurde rot – es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit +ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle +Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn +die Wirklichkeit. + +»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er. + +Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas +Mütterliches. + +»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von +Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.« + +Sie schob an dem Tisch – als wolle sie das Sofa freimachen. – Tat, +als sei dies ein alltäglicher Besuch – war fast unbefangen – + +»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er. + +Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar – so voll +Güte. + +»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise. + +Er setzte sich aus Nervosität – unwillkürlich – legte den Hut auf den +Tisch – strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn – wie sein +Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und +diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte +ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick. + +Er begriff: ja – er mußte viel sagen – das hatte sie zu verlangen. +Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. – Er konnte nicht. Alles in ihm +wehrte sich. + +»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung – es ist das, was der +Augenblick mit sich bringen sollte. – Ich – – liebes Fräulein – +Klara – ich habe ... Schweres liegt hinter mir – was soll ich sagen – +wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden – ja, das +tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...« + +Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch – vielleicht Zorn +gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen – in +langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen. + +»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen – +Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht – – +Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden +vielleicht noch.« + +Er öffnete die Lippen – wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen +Atemzug ... + +»So darf ich wahr sein?« + +»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?« +fragte Klara entgegen. + +Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat – o wie wohl! + +»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil +mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein +neues Dasein finden würde.« + +Er dachte: »Nun sagt sie Nein!« + +Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch +trostloser auf? + +»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen, +daß ich Ihnen helfen könne?« + +Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in +keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen. + +Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben – er stand +vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen. + +»Ja.« Und er glaubte an sein Ja. + +»Ich danke Ihnen. Das ist viel. – Wie alles liegt, muß es mir – – +genug sein,« sagte sie langsam. + +»Sie willigen ein – liebe Klara?« + +Er nahm etwas scheu ihre Rechte. + +»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich +Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste +Mensch auf der Welt.« + +Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen? + +Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund. + +Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit +war? – Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? – Nicht fragen ... + +Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt – welche Erleichterung! Dafür war +er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. – Was sie ihm +brachte, wollte er lieber nicht wissen. + +Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es +ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der +Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne, +beunruhigend, beschämend – Nein, nicht fragen – – + +Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie +doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so +durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam +ihn. Er küßte sie. + +Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an. + +»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,« +sagte sie warm. + +Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie +Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. – Es +tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten +auszukommen. + +Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll +Ungeduld. + +»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die +alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat +ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage +– ich möchte noch allein mit ihr sprechen.« + +Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften, +ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn +herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit +zwang. + +Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen +Monaten gehabt hatte. + +Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr +besondere Wärme zu zeigen – aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_ +besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand +zwischen seine beiden Hände. + +Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk +geschmiedet war ... + +Klara sah sie – zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen – sie sah +unwillkürlich genau hin. + +Da zog er hastig die Hand zurück – es war ihm unangenehm, daß ihr sein +Armband so offenbar auffiel. + +»Also in einer Stunde.« + +Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen +hatte. + +»Es wird – es soll gut gehen!« sagte sie sich fest. + +Nun also zur alten Frau – ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber +auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten +standhalten ... + +Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen +großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr +Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur. + +Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab +und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben – es ist wohl +recht?« + +Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt, +hier.« + +Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches +Gefühl beriet sie – nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren. + +Sie öffnete. + +Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ... + +Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der +Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte: + +»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der +Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.« + +Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte – wickelte beides mit raschen, +unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier – riß die Schublade +ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief +hinein ... + +Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn, +fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh – höre ...« + + + + +4 + + +Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die +Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein +kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen +Natur gestellt. + +Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen +Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der +Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte. + +Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von +Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die +Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen. +Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu +faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte +unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß +Vorwand, uns länger und allein zu haben – das zielt auf Sie, Marning – +man müßte ja Idiot sein, wenn man’s nicht merkte – da könnense nu Ihr +Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln +hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen: +ich habe zugehört. + +Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und +weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der +Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die +arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration +und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung +verschieden war – oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer +wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, – denn das +Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ... + +Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat +erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest +großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art +Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er +vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist, +um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil +Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden. + +Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus +gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß. +Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten +nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht +geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den +Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um +Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren. +Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen, +erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke +einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen +schienen. + +Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten +Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte +seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich +dann ins Meer ergoß. + +Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und +lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm +bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit +Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die +weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den +roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern. +Blau war das Wasser, blau der Himmel – nur dies bedrohliche eine Gewölk +da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag. + +Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand, +auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige +und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von +Üppigkeit und Sommerhöhe. + +Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an +ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin +dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein +Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was +nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und +Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein +Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung +verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine +Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien – die machen immer Mühe +und oft Ärger, sagte sie. + +Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft +darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es +war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu +verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort +zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern +– und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe, +teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten +schien. + +Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den +Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren +Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei. + +Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld +an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben. + +»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame +Weiblichkeit – so eine von den heißen Trägen.« + +Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe +kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles, +rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar +Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur +ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, +vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu +üppig und schläfrig dabei zu werden. + +Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien +Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu +hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal +Art der Frau. – + +Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am +Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit« +nannte. Sie ließ abräumen – man war von zwei Bedienten umsorgt worden, +die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen +nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit, +und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr +wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst +kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen +Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben, +trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand +breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme +bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte +Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße +Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese +Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres +Gesichts waren auffallend – rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie +bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so +weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, +wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen +konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß +und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als +goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. – + +Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob +es der Dame hin, die ihr gegenüber saß. + +»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die +Karten?« + +»Aber sehr gern.« + +Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn +sie einmal in Anspruch genommen wurde. + +Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von +Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle +Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen +nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht +aneignen konnte. + +Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen, +Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als +Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben +sich haben mußte. + +Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und +daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl – an allem durfte man teilnehmen. +Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen +zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr +immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen +gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig +verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte +sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der +sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens +doch eine wohltuende Beruhigung war. + +Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener +Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei +Feststellung der Tischordnung genannt werden würde. + +»Mich muß natürlich Lohmann führen – er ist zum erstenmal hier,« sagte +die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen +naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und +sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie +wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.« + +»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere +Pflegemutter.« + +»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter. + +»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.« + +»Aber glückstrahlend?« + +Likowski erwog – prüfte nach – machte eine Kopfbewegung. + +»Glückstrahlend? Das ist nu so ’n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man +nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer +beherrscht.« + +»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein +von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es +ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte. + +»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen, +die ’n Handel sind – so ’rum oder so ’rum.« Und sie seufzte auch. + +Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe. + +»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz +elegisch hinzu. + +Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft – sie hat sich verkauft ...« +Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung. + +Likowskis Ritterlichkeit wallte auf. + +»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen – der Vater soll +ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme – hätt’s zur Bedingung +gemacht für Bezahlung der Schulden – soll Klara Hildebrandt eine +Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt – Klara soll ihn +hassen – der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch +sein. – Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered’t, ohne daß +eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind’ doch auch nich aller Welt +auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat +so ’n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte! +Als ob die Klara Hildebrandt ’n Mächen wäre, das sich so schlankweg +kaufen läßt! Nee, so ’n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich +gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der +ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und +sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.« + +»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für ’n Eindruck +machte das Paar denn? Und die ganze Sache?« + +Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen. + +»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige, +nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war +mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und +die rasche Heirat – das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet. +Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der +Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und +das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen +gemeinschaftlich.« + +Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton +fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all +mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich +nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu +können.« + +»Ich hab’ immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar +denken,« meinte Likowski. + +»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er +kalt. + +»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken +Hand wieder erlangt hat?« + +»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine +Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning. + +»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!« + +»Ach, Likowski, Sie haben immer ’n Faible für das Mädchen gehabt,« +neckte Agathe. + +»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so ’n rauher +Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab’ ich das Gefühl +nich verloren. Und wenn’s, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich +losgeht, sag’ ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern +auch: und zum Schutz der deutschen Frau.« + +»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...« + +»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor +sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab’ ich ihn mal erlebt – sein +Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau – +Wynfried war gerade zum Besuch – ich hatte ihn neben mir bei Tisch – +Gott, wir waren beide noch so jung – die Jüngsten in der ganzen +Gesellschaft – wir verstanden uns himmlisch. – Er war schön wie ’n +junger Gott damals – hoch, schlank, blond – und so viel Verständnis +für die Frau – ach, es war ein Abend ...« + +Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit – etwas +Sehnsuchtsvolles. – In ihre Augen kam ein feuchter Glanz – sie verlor +sich in träumerische Gedanken. + +»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,« +erlaubte Marning sich zu sagen. + +Agathe stand auf, reckte sich lässig – die ganze üppige Gestalt schien +sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor, +daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ... + +»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie +machen das – nicht wahr?« + +»Aber sehr gerne!« + +»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich – alles andere ist weiter +keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.« + +Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig +entglitten. + +»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem +Zauberfest. Tun Sie desgleichen – Sie wissen ja – das grüne +Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste – +Begeisterung über die schöne Aussicht – Promenaden – Gruppenbildungen. +Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. – ›Nur für Natur‹ ...« +schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend. + +Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand +auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in +ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte. + +Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen +Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz +sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen +kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie +manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen, +knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel +deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und +Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen +Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr +angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen +Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die +arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes +Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute, +doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu +können. Und Likowski – den teilte sie sich selbst zu. – Welch ein +Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie +er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend« +– das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem +Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine +Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er +war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. – Ach, man konnte +nicht wissen. – Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine +ritterlichen Worte danken ... + +Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von +Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert +und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und +Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen +Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte +eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung – eine Art +Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein +geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein +Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum +und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund +um die Schiffsränder gespannt waren. + +Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im +Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den +Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll +Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe. + +Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten +faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden. + +Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ... + +»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?« + +Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer +Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin, +zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in +Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück +vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ... + +Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er +neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des +alten Herrn saß ... + +Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte, +gelangweilter Höflichkeit ... + +Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. – Er +auch, der junge Ehemann auch. + +Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon, +wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand +der Schwiegertochter ... + +Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie – wenn sie den +alten Herrn bediente ... + +»Was geht das alles mich an? ...« + +Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante +Anpflanzung. + +»Ein junges Stückchen Wald – halbwüchsiges Baumgedränge hat keine +Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und +manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu +offenbaren.« + +Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen, +quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und +durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein +Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des +Gartens in einem Rundell. + +Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende +rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen +Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der +Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in +allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal. + +Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen +Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und +sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein – das Leben, der Stand +bringen das so mit sich – –« + +Und woher und warum so niedergeschlagen – fast mutlos und überdrüssig? + +Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie +bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten – wie das, +gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter +Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn +einmal die ernste, große Stunde käme ... + +Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie +zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die +Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei. + +Man wurde schläfrig davon – und doch so seltsam erregt ... + +Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen +– und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare +Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück – einem großen, seligen +Glück ... + +Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und +feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher +Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte +das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf. + +Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf – irgend ein Laut hatte +das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der +vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. – Nun +wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann +auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen. + +Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und +weltfernen Gartens. + +Er wollte aufspringen – war sehr überrascht. + +»Nein, ich setze mich zu Ihnen.« + +»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.« + +»Will ich auch – aber erst eine Stunde nach Tisch – ich möchte nicht +dick werden – lieber kastei’ ich mich.« + +»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.« + +»Na – sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit. +Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich +aussehe,« sagte sie. + +Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte +den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße +Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit. + +»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt. + +»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer +sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich. +Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt: +Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört, +ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir ’n +Kompliment sagt – halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig +werden. – Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in +der Welt ist ...« + +Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht – aber +doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums +und aller Vergnügungen, eigentlich einsam – vielleicht gar innerlich +arm. + +Wie schwer, darauf zu antworten. + +»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine +Frau – denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er. + +»Aber sie braucht Anerkennung – Verständnis – ich sage nicht: +Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht. +Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ... +ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. – Und das hab’ +ich nicht – hatt’ ich nie ...« + +Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos – wurde alles mit einer +Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht. + +Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu +trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen. + +»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er. + +»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles. +Sie wissen es doch – warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte +mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten +sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit +seiner rasenden Arbeit – ähnlich wie der Geheimrat, aber in +Textilindustrie – und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten – +Mama ist eine Vereinsdame – Mama hatte auch eine Schwäche für Adel – +ein Baron sollte es sein –« + +»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein – +lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen – es erregt +Sie.« + +»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat +Interesse für mich – nicht einmal meine Freunde – ich dachte, Sie +wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will, +ermahnt man mich gleich, zu schweigen.« + +Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals +zur rechten Aussprache kommen zu lassen. + +Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem +unverantwortlichen Kind hatte – zum Schutz, zum Bevormunden +herausforderte. + +»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie +mir nur immer anvertrauen mögen – ich erbitte es als besondere Gunst,« +sagte er sehr herzlich. + +Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre +Mädchenjahre – wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er +selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an +ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre +Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche +Seltenheit – eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen +versteht – – + +Man kann so rasch denken. – Das alles war ihm gegenwärtig, während er +sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte. + +Und sie hörte noch mehr hinein ... + +»Ach ja – ja,« flüsterte sie, »ja – ein anderes Mal – aber bald – +nicht wahr? Bald?« + +Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen. + +Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still. + +Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut – +als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern. + +Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen – sie +drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor +Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz – +schlossen sich halb – zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von +Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen +begann ... + +Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der +Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese +lechzenden Lippen, und er war gebunden ... + +Er riß sich zusammen – mannhaft und überlegen. – Nicht in Abwehr. Aber +in Besonnenheit. + +Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich +zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug +eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß – das war eine +Abschlagszahlung – ein Vertrösten – keine Zurückweisung. – Aber doch: +es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben +hätte, sich satt zu küssen. + +Sie stand auf – reckte sich wieder. – Das war immer wie ein Schauspiel +und ein unbewußtes Sichdarbieten – lachte ein wenig gezwungen, und doch +war zärtliches Gurren in der Stimme. + +»Ja – an einem ruhigen Tage – dann kommen Sie – Sie allein – und ich +erzähle Ihnen mein Leben. – Und jetzt will ich wirklich ruhen ...« + +Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die +zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte +mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ... + +Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn +verliebt, und er konnte sie haben. – Da war also ein Glück! Er hatte +sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau +von üppiger Schönheit. – »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte +sie in einen Harem passen,« dachte er. – Eine Frau mit großem Vermögen +und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen. +»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier +gebissen hatte – – sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen, +ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht +sauer wird.« + +Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines +Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten? + +Es war sozusagen das große Los. + +Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die +weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier +gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen – nichts +überstürzen – + +Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon, +der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die +wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des +Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer +Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige +Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm +etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest, +daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil +die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und +bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber +dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich. + +Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel +zu spät kämen, spanne ab. + +Und ihr Blick – den Likowski sah und höchst vielsagend fand – glitt +hinüber zu Stephan Marning. Und – wahrhaftig: erwiderte der +Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus – das konnte +man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif? +Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab +seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied +nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr. +Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile +aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten +war: das Schwert blank halten. – Die Stunde kam bald doch mal, wo ... +Ja, der Stephan Marning – ein ganzer Kerl – man konnte ihn heiraten +lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein +kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der +Erlöser Agathens zu sein ... + +Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an +der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner +bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der +Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht +für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit, +sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen +Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf +saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich +ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner +Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung +geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski +verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein +hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu +schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die +im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren. + +Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er +setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit +auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun, +sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei +einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um +ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte. + +»Wär’ ja Selbstmord ... ’ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos +bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben – +das versteht sich – aber ’ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft +nich zu – nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg – nein.« + +Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig +aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die +rechte Färbung. – Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der +überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich +in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes +Härchen. + +Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas +leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als +mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr +alter Adel waren. + +Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie +für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch +umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte +hellgrauer Atlas. + +»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum +jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten. + +Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie +ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe +um – alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen – es kamen +Freundinnen aus Lübeck – Referendare – allerhand halbwüchsiges Volk, +das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. – Und Hornmarck +hatte sich verliebt. – Na, das war ja selbstverständlich. – Aber es +hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu +frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt +man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. – Und denn diese +Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ... + +Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen +vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als +Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete, +die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der +Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller, +stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge +hineingeschrieben. + +»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär’ der Mann für +Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt’s ihm gönnen, +daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das +kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte – sein +Vater war ’ne Jeuratte – der Sohn is nich belastet – rührt keine Karte +an – nee, kann ich beschwören – tut er nich.« + +»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von +Pankow. Ich habe drei Töchter – drei!« sagte der Generaldirektor +lächelnd. + +Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf +sein Gegenüber zu. + +»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren +Generaldirektor mit ’n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann! +Wenn das nicht flutscht ...« + +»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so +auf Goldsäcken herumwälzen.« + +In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf +mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning. + +»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter +meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.« + +Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt +hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und +sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben +ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht – vom Betrachten und +Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum. + +»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt! +Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin – Papas +Geburtstag. – Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.« + +»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter +braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel +daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf – er sah ja +auch in der Geselligkeit so ’ne Art volkswirtschaftliche Pflicht – fand +es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu +unterhalten. – Neulich, als ich mal zu ihm fuhr – ich verdanke ihm ja +manches – als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften +mußte. – Na, das gehört nicht hierher. – Neulich hielt er mir einen +kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder +dann Besuch gemacht – bei mir waren sie mal nachmittags, zur +Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile – wer hat sie nicht! – die +Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das +Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut +gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt +sie hoch.« + +Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des +Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des +alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen +Sie, Baronin, es war recht eigen – gerade für mich! Das kann man sich +wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt +– solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat +sozusagen, manchmal um Severinshof – in solcher Arbeiterkolonie kann +man immer mal helfend einspringen – auch im Schulhause sprach ich wohl +vor – und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers +meines Mannes war, tat mir’s immer extra leid, daß ihr Leben so anders +lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel +Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich +gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres +Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu +danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung +auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für +unser weiteres Verstehen. – Es berührte angenehm. Keine Spur von +Auftrumpfen ...« + +»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die +Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich +doch verkauft.« + +»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich +das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in +der Tür zwischen Salon und Terrasse stand. + +Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich +plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als +taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit +erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben. + +Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön +wie ein Apoll gewesen – eine Erscheinung, wie man sie unter der +männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. – Er war +gealtert – der Jünglingszauber war davon – stattlich sah er zwar aus; +aber gar nicht mehr auffallend – so auf der Stelle bezaubernd. + +Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren +natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara +Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt. +Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren +und sogleich fesselten. + +Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen +unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die +Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen +entgegen; die ihr schon Bekannten – und es waren schließlich die +meisten – bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann +zeigte eine ruhige Verbindlichkeit. + +Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr +Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen +Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau. + +»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant +Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so ’n +gänzlich unverheirateten Eindruck.« + +»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine +Leutnant. + +»Ach, wer da so ’reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft +gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe. + +Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher +und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine +Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize +hatte. + +Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit, +daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. – +Es zog sie – es trieb sie – sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans +Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem +man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach. +Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen +Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen – halten eine +Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ... + +Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den +schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf +die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren +Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine +Farblosigkeit zu verwandeln. + +Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin +und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und +da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im +Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von +Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. – Mein +Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann. +– »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als +sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging. + +»Den Freiherrn von Marning.« + +Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der +geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. – Aber doch: Frau Klara +Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe. +Entschieden – so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im +letzten Augenblick unmöglich. + +Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche +Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf +dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant +Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie +setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den +Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder +ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür +bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und +obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen +Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte. + +Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr +munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl +beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und +höflich unterhielt – natürlich mochte er sie nicht leiden – daneben +versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen +schönen Abend von damals wachzurufen. + +Er lächelte. + +»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs +alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an +jenem Abend rasend in Sie verliebt.« + +»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja – jetzt sind +Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. – Ein würdiger Mann. – +Schrecklich ernsthaft verheiratet. – Teilhaber an Severin Lohmann. – +Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?« + +»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen +Geistesgaben auch noch die Hünenkraft – sie ist ja noch fast +ungebrochen. – Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. – Aber ich +versuche mich einzuarbeiten. – Das große Interesse, das meine Frau hat, +ist dabei nicht unwichtig. – Teilhaber werde ich offiziell am 1. +September.« + +»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in +plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den +Lohmanns. – Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine +nähere werden zu lassen. + +»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat +eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch +geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.« + +Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe. + +Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses +wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen +durch ihn hin – ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte +aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge. + +Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte, +hatte einen Duft an sich – einen ganz bestimmten Duft, süß und zart, +den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte +Erinnerungen aus dem Schlaf auf. + +Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm – verzeihen Sie +die Frage, Baronin – aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein +Duft!« + +Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. – +Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen +... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. – Er sah zu seiner Frau +hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke. + +Da lächelte er freundlich ... + +Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder +emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu. + +Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme. + +Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch: +gezwungen, konnte sie denken. – Und sie wußte nicht, was für Gespräche +sie versuchen sollte – jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste +fühlte sie sich befangen – und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine +ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu +entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen, +ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals +gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm +einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung +gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat. + +Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen +reichen Mann verkauft. + +Das verschloß ihr den Mund. + +Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich +außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen – als sei das +wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und +nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber +unmöglich. + +Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?« + +»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin – zur Turnanstalt +kommandiert.« + +»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer +auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.« + +»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann +die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat +immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken +umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!« + +»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir +ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns +sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen, +durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem +Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft +unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und +Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere +und positivere Art.« + +»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres +Herrn Schwiegervaters.« + +Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte: +»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?« + +»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.« + +»Wir wollen es Ihnen zeigen – Wynfried und ich – oder mein Mann +allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben +mag ...« dachte sie. + +»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt. + +Sie suchte nach einem anderen Thema. + +»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier +geworden?« fragte sie. + +»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.« + +»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange +Friede – und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe +Ihres Berufs ...« + +Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich. + +»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich +abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist +schmal – die Zulage klein – Offizier sein, heißt von tausend Fällen +neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos +reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt +und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer +gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten +Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird – das tut weh. +Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt +und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was +Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist +man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst – +vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher +Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen +Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder +Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen +zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben – ja, die wird +schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie +Likowski. Und doch – während man so ungeduldig ist, muß man zugleich +aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges +erspart bleibt. – Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ... +Konflikte ... keine leichten ...« + +»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo +gewisse Schichten das Wort ›Vaterland‹ nicht hören können, ohne von +Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen +Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am +stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, +das volle Hingabe immer gibt.« + +Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm – so deutlich +fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt. + +Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn +zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er +dachte: »Wir verstehen einander – sie und ich ...« + +Aber sie hatte sich ja doch verkauft – und das war gegen seine +Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal +nachdrücklich. + +Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht +so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie +gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der +hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel +ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch – zu +kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und +die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die +Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier +nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen +Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit +hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ... + +Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf +achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei +schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein, +daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.« + +Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine +Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ... +Er nahm sich zusammen. – Sie nicht verletzen – klug sein. – Heute +nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten +Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ... + +»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück. + +Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den +geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur +ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück. + +»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith. + +»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand. + +Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes +Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin +nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende, +schlotternde Angst hinunter. + +Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten +Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes. + +Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten +bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann. +Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen +Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem +Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar. +Sie hatte doch reich werden wollen ... + +Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter. + +Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und +war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und +deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig +schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal +umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe +kostete, sich auszuschließen. + +Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier +herein ...« + +Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.« + +»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf. + +»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann. + +Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der +jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen, +dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit +rauschendem Flügelschlag davonstieben. – + +»Wie schade,« sagte Klara. + +»Was?« + +»Daß wir die Sommernacht entweihen.« + +Er hatte dasselbe gefühlt. + +Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen +und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein +schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.« + +Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte +man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt. +Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber. + +»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,« +dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles +so überflüssig und geschmacklos schien. + +Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher +trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber +niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine +zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren +solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die +auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren – seht! Es schießt +flott weiter hinaus. – Und da ist doch die Baronin selbst an Bord – +und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei – bloß keine +unnütze Angst, meine Herrschaften.« + +Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche +Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden +entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte. +Einige Minuten lang schwiegen die Insassen. + +Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen +Himmel ein Blitz. – Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken +heraufgezogen waren. – Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei +aus. + +Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk. + +Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner +schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte +dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der +Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin, +ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man +wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein. +Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm +werden. + +Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis +gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive +Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen +packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien, +weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten +fürchten. + +Die Offiziere baten – beschworen – wurden streng. – Umsonst. Das +leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes +sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal +in Gefahr geriet, umzuschlagen. + +Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle +nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst +die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten – und die eine schrie: +»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht +ins Wasser zu stürzen. + +Stephan saß neben der jungen Frau. – Er faßte beruhigend nach ihrer +Hand. – Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit +großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu – es hörte ja auf, +lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle +Insassen war. + +Ein nächster Augenblick – ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen +– es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner +brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den +Verstand verlieren. + +Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit +des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen +beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre. + +Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte +sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte +plötzlich: es kann ja nichts geschehen. + +Er sah ihre Selbstbeherrschung – wie liebte er gefaßte Haltung, +geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all +der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe +ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein +wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können – die war keiner +niedrigen Handlung fähig. + +Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen – +warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen? + +Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz +niedergefahren. – Polternd schien die Luft auseinander zu fallen – als +ob ihre Räume zerbarsten, klang es. + +Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot +steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit +Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal +rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder +– als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die +Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen +keinen Platz. + +Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus. + +Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die +Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher +Schutzbedürftigkeit in Gefahr – alles erlosch. Und nur noch der eine +Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!« + +Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und +Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen. + +Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet +auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle. + +»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.« + +Auch das Ruderboot kam rasch heran – an seinem Borde schien kein Kampf +der Furcht sich abgespielt zu haben. + +Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb +komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf, +schämte sich. + +Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid +nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an, +ihr blondes Haar auseinander zu lösen – alle konnten so seine Fülle +sehen – das machte ihr Spaß. – + +Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den +Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel +Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle. + +Aber was halfen nun noch Schirme. + +»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen +außer sich. + +Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner +Frau zuwendete. + +»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und +sie lieben sich.« + +So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als +sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. – Verlaß ist nie +darauf.« + + + + +5 + + +Klara dachte über die vergangenen Monate nach. + +Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr +dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann. + +Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und +hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem +Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren +gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick +hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit. + +Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren +völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem +Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen +Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter. +Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und +hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem +halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen +Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des +Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine, +fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der +Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den +Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch +häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen +war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den +Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt +mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm +drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich +phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach +oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie +umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte, +wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte, +daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen +hineinschütteten. + +Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg +und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam +manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der +hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses +und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens +erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald +gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie +trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten, +mit silbrigem Blitzen in der Sonne. + +Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da +noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten +Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen. + +Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße +von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen +niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten +schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen. + +Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien +niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den +Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt. + +Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen +äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen. +Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem +reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen +genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab; +vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung +behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom +Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter +entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren, +tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte +sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen +dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa +ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es +ist ja gar nicht meiner! – Sie war keinen Augenblick berauscht von dem +Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich +in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte +Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für +ihre Person zu verlangen oder zu treiben. + +»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte +Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und +meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit +Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren? + +Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr +einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht. + +Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld +abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen. + +Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu +einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich +gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen. + +Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten +Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel +niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters +und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ... + +Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten +nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten: +rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn – +damit er dir recht leben kann! + +Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie +sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis +auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein +rascher Blick – und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen +Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal: +»Kind, ich muß mir’s immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von +meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer +Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden. +– Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen – vielleicht ohne daß sie es +wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.« + +Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und +wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr +geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den +Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen. + +Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe +recht getan. – + +Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es +für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie +man es noch nie an ihm beobachtet hatte. + +Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben +war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für +sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen +Abend.« + +Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen. + +Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung? + +Da war’s nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer +einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von +vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also +heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es +demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so +großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche +Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute +alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres +wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie +entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die +vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und +sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater +einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation +der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der +Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater +– das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch +vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im +Jahr mehr verbraucht werden – für deine Leute ist es nicht +gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern +allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten +Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen +Selbständigkeit.« + +Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne. + +Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte +Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche +Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm +die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser +Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der +Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu +reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er +zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir +verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur +zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu +führen.« + +So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich +nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster +Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie +spürte, wie er sie bewunderte. – Sie dachte dann immer: es ist ja +eigentlich meine Mutter, der er huldigt. + +Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und +hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die +Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr +immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der +in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und +Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen – +ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der +stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht +getan. + +Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte +Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton +gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen +Zerstreuung. – Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich +angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte +Klara natürlich nichts. + +Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit +Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte +sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten, +vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht +standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter +sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie +las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab’ +doch ich’s am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den +Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre +und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?« + +Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts +vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer +dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze. + +Wie störend. Nur ein Nebenumstand – nicht mehr. Aber doch. – Mit den +großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man +immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt: +es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken – das sind +die rechten Störenfriede. + +Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch +in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie +sich gedacht gehabt. + +So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder +auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die +Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer +Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich +mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als +hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich +auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in +besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen. + +Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von +ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch +nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und +Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten. + +Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand +Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln +gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt. + +Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei +selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und +Verantwortungen des Reichtums zu spüren. + +Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es +gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den +vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr +Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu +verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male +umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und +ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich +seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die +Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor +allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit +dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und +Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau +ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr +Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und +spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte +Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser +tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine +Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich +einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und +mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den +Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden +davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers’ kluges +Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein +Hildebrandt meint.« – Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein +Hildebrandt«. – + +Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken! +Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung +kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch +anderer Leben in Bewegung zu setzen. + +Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in +monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener +Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne +schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet +heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen +Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die +hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie +wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten. + +Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer. + +Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten +fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam. + +Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie +mit ihrem Mann gekommen? + +Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit – überraschend +weit! + +Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es +nicht! + +Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte +sie. + +Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte +dem Rätsel »Mann« nach. + +Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich +tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die +zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken – nie ganz ausfüllen ... + +Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben! + +Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz +Ergründliches nach. + +Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund – war +keine Laune der Natur. – + +Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe +gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie +wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die +klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht +hatte – ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen +Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich +nicht? – + +Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe – jene, die sie ersehnte – +immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt +besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr +heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln, +zu beeinflussen, anzuregen. + +Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden +können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre. + +Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück – er begann Reiz an der +Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ... + +War es nicht genug Glück, das zu sehen? + +Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige +Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller +Inhalt genügte? + +Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht +sagen ... + +Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu – all die +tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt +eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern – und die umschlingt +dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ... + +Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht – es war nur eine +lächerliche Kleinlichkeit gewesen. – Und doch: wie hob es sie gleich. + +Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk – +ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern +so unangenehm aufgefallen war – sie merkte: es war fort! + +Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um +deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. – Es tat Klara wohl, daß +er es nicht mehr trug. + +Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer +wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen. + +Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie +völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn +auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche +Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte – so mußte +dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie +wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend +etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war, +durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen, +damit das seine ihm nützlich und hell werde. + +Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden, +und sehr klar. + +Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter +Rätsel an. + +Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von +glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu +sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch +hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre +Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem +Rausch, was nur Liebe können sollte ... + +Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit +zwischen Mann und Weib. + +Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon +hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes +auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann. + +Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr +anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre +Schlafzimmertür zu öffnen. + +Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das +Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen +Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an +alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen. + +Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches +Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen. + +Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden. + +Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große +Liebe. + +In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater +ihres Kindes. + +Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft +dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer +dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu +vergegenwärtigen. + +Er war ritterlich. Das erleichterte alles. + +Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht +so eigentlich seine Interessen trafen. + +Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn +Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre +Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie +nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er +bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen +sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo +er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine +mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den +»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so +lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten +die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der +in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid +auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein +Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet. + +Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark, +wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut +zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach. + +Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden +Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch +Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den +Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts. + +So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur +interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten +schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage. + +Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik. + +Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der +Hauptsache. – Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und +seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk. + +Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum +erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas +furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie +diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch +merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen +und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was +für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein +Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. – Nun, kaltes +Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte +dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten – als +künftiger Besitzer – als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack, +das nicht zu sagen. + +Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte, +mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird +viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre +Offenheit, Ihre Warnungen kann ich’s nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie +mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe – vor den Abteilungsvorständen. +Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art – nicht nur durch +Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen +versteht – auch durch Zurückhaltung kann man’s, die schon von fern nach +Unsicherheit aussieht.« + +Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu +beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe. + +Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch +die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut. + +Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich. + +Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur +Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der +Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er +davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang +nur ganz von fern an seine Ohren – wie es so viele Worte tun, die doch +Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in +unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat. + +Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen, +sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen. + +Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und +antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann +brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft +heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen. + +Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg +und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie +auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien +nichts Besonderes zu bemerken. + +»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin +heute unleidlich ...« + +Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von +Eifer – von erhöhter Liebenswürdigkeit. + +Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von +den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der +Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder +aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt +– was für ’n humorvoller, frischer Mann der Kap’tän Fehrs. – Oder: ein +neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen, +und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen +konnte, mußte Klara ihn taufen – »Klara Lohmann« sollte er heißen und +nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu +welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der +Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es +handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden +werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er, +Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als +Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man +bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz +ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen +müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das +allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe. + +Da war Klara ganz erschreckt gewesen. + +»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du +solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf +Häphestos?« + +»Vater schwieg,« antwortete er nur. + +»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen +beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an. + +»Ich – nein – ich mußte damals oft in Paris sein – ein – Freund dort +bedurfte meiner.« + +Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken +etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen – Klara – du sollst +noch Respekt vor mir bekommen.« + +Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer +Lebensfreude zu haben – war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde +von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt – ja – so sah es aus, +als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm +sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen +Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und +vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck – – + +Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu +verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit +aufzuspüren? + +Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß +ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde. + +»Schon Vater werden? – Wie alt kommt man sich vor. – Ja, das ist dann +wieder eine neue Lebensepoche – man wird immer mehr Philister ...« + +Sie sah ihn an – starr – staunend – vor peinlicher Überraschung +stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz +auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die +Rechte – küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...« +Und ließ sie allein – als treibe ihn Verlegenheit fort. + +Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen +mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich +zugleich – – + +Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben +– einmal – dann ... ja dann ... + +Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein +Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster +Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern +gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich +bring’ ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem +brüchigen Mann.« + +Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur +einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam. + +Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete +gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut – im mächtigen Ledersessel +thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß. +Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich +mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich +neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der +möglichsten Vollkommenheit sei. + +Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch +genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden +Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen +Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge +Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob +der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet. +Eine Mütze war auch dabei. – + +»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein. +Hab’ seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt, +für junge Damen was einzukaufen.« + +»O wie schön. – Prachtvoll, Vater – wie danke ich dir –« Und sie +dachte: »Was soll ich nur damit?!« + +»Hab’ Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr +als vorderhand vom Eisenguß –« + +»Wynfried?« fragte sie. + +Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm – er begriff: das war eine +überflüssige Bemerkung gewesen ... + +»Na – das kam mir vielleicht auch nur so vor – er war sehr erpicht +darauf, daß ich dir was Statiöses schenke – Klara ist zu uninteressant +angezogen ... sagte er.« + +»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn ›interessante‹ +Kleider haben?« + +»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht +gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es +Nerz und Hermelin sein – sieh dir das mal an – Leupold, laß mich da – +hol mich in einer Stunde wieder – du weißt, der Kommerzienrat Kreyser +hat sich angemeldet. – Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz +an –« + +»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.« + +»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings +sehen mag ...« + +Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue +Wollmütze. + +Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie +den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon +den Gefallen tun – denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir +nach und nach zu bestehen.« + +»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn +aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt +noch – noch die Ausdauer – aber es kommt! – Alle Begabungen sind da +– Thürauf ist oft ganz glücklich. – Du kannst dir woll denken, daß +Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige +Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara – das +bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort +sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...« + +Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus +vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von +der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ... + +»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht – mit all dem Segen, der du +uns bist – nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses – –« + +Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe +Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin +ging – er sah den fiedelnden Amor an – – + +»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich +verstehen uns so. Aber heut ist so ’n Tag – dein erster Geburtstag als +Frau Klara Lohmann – da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich +es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht +geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du +meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist +oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt +– das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob – mir scheint, du +bist glücklich! Anders zerfräß’ es mir auch das Herz. – Ich kann in +Frieden weggehen – du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet, +nochmal mit der Sense ausholt ...« + +Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft. + +»Nicht so – o nein, Vater – du bleibst noch Jahrzehnte bei uns –« + +Er lächelte resigniert – aber doch in jener Resignation, die Starke +sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie +ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird. + +»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm +ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem +Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. – Ja, das hast +du erfüllt. – Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen. +Das sehe ich schon. – Wie herrlich, diese Beruhigung. – Heut kommt +Kreyser – ein alter Freund. – Weißt du, was er will? Mit mir die +Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. – +Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da +in die Hand bekommen. – Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit +vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. – Kreyser hat kein Interesse +mehr an seinem Werk. – Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne. +Und nun? Einer im Duell gefallen – üble Sache – man spricht besser +nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo +Tuberkeln geholt – fristet sich im Süden hin und soll nach Australien, +was ja als das Heilkräftigste gilt. – Früher sagte Kreyser woll mal: +Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not +mehr – wachsende Zuversicht. – Höre, Klara, es ist dir doch angenehm? +Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. – Ihr habt so wie so +Gäste?« + +»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum +Frühstück eingeladen – Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara +zerstreut. + +»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink ’ne Busenfreundin +geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut +mich. Beide haben meine starke Sympathie.« + +»Ach – Agathe? – Sie kommt sehr oft – sie ist so wenig mit ihrem +Leben zufrieden – ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um +irgend etwas Neues zu haben.« + +»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!« + +Klara lächelte. + +»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.« + +»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir +hast,« sagte er scherzhaft. + +»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen – bis +heute ...« + +Sie kniete neben ihm nieder – wie das oft geschah – dem Gelähmten +schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen – oben +in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron. + +Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger +preßten förmlich diese große Männerhand ... + +»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und +du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in +deinem Sinne erziehe.« + +»Klara? ...« + +»Ja,« sprach sie, »im April.« + +Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große +Auge ... + +Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von +feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in +diesen gebieterischen Augen. – + +Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen, +die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die +Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde +ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er +begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters +war. – + +Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die +Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin, +da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei +Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten – ach, in so mageren +Lebensumständen – Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen, +und so was könne man doch nicht mitansehen. – Und da habe sie ihr das +Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die +alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne. + +Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre +Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders +konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf +Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese +widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr +liebenswürdig. + +Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten. +Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei, +weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend +welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll +hierher. + +Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn +bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die +ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die +Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große, +fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die +nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung +lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau, +deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen +Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters +zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in +seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten +des Tisches präsidierte. + +Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen +Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab +sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem +Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich: +»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und +dreinzuschlagen, wenn’s befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen +gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns +ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie +sollen mal sehen – das ist das Schicksalsjahr. – Dann geht’s los! – +Nun, wir sind fertig! – Es _muß_ mal kommen ...« + +Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. – In ihr war eine stille und +doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres +Geburtstags ein Erlebnis werden würde. – So war ihr manchmal zumut, +wenn Gäste kommen sollten. – Dieselben Gäste – aber immer kam eine Art +von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen +Enttäuschung. + +Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und +lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine +so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines +faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen +Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten +übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu +beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. – Sie wußte längst: +Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu +erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...? + +Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses +geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den +unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl +nimmt?« + +»Nein,« dachte Klara, »nein – das ist nicht die Frau, die ich ihm +wünsche –« + +Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar +vorstellte. + +Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar – er groß, schlank, +dunkel – sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so +entzückend gepflegt – + +Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das +doch einfach unmöglich war ... + +Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte +sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation +von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und +Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen. +Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich +sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk +sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem +Kaffee und der Zigarre. – Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die +Herren eine halbe Stunde allein. + +Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich +sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei +ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien +stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild +und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch +widerstand ... + +Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich +Klara an den Hals – mit beiden runden Armen umschlang sie sie und +preßte sie heftig an sich. + +»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara – schenken Sie mir das Du – +laß uns Freundinnen sein – Du? nicht wahr. Du?!« + +Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an +einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht +unsympathisch war – wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend +einem Menschen sein? – so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des +»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes +Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben. + +Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch +keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich +was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich +liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja – ich mag nicht mehr +leben – ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.« + +Sie begann zu weinen. + +»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie +nicht ... + +»Gott – du fragst?! Wen denn als Stephan Marning – kann man anders? – +Und ich warte und warte – im Sommer schien es – ich hoffte – damals +im August. – Dann kam gleich das Manöver – dann hatte er vier Wochen +Urlaub und war bei seinen Verwandten – damals dachte ich: er will erst +seine Sippe fragen, fand’s natürlich – aber die haben ihm ganz, ganz +gewiß nicht abgeraten – ich weiß es durch die Gerwald, die da +Beziehungen hat – sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. – +Dann kam er wieder – ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen – +bringt immer Likowski mit – ach nein – umgekehrt: läßt sich von ihm +mitnehmen – als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara – +ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft. +– Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat – sprich mit ihm – klopfe +auf den Busch – nein, frage geradezu – sage ihm, daß ich Selbstmord +begehe, wenn er nicht ...« + +Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort +herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer +am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode +Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind – vor +Liebesverlangen. + +»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie. + +Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch +– ich hab’ Geld – ich lieb’ ihn – so hat noch nie ein Weib geliebt – +so liebt ihn keine wieder – nein – ich will sterben ...« + +Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren +mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das +heftigste. + +Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und +gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ... + +Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen +will – – – + +Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu +können – – + +»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien – o Gott – nein – +das könnte ich nicht,« dachte sie. + +Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und +Größe. + +Und es wurde von ihr verlangt, daß sie – sie! – unkeusch zum Manne – +zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher +Gedanke ... + +»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese +heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an +Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen +haben möchte – nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke: +was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht, +und er wird schon eines Tags sprechen; – wenn er dich nicht liebt, ist +es eine Demütigung für dich, daß ich sprach – – O nein! – Du mußt +die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.« + +»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr +geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder, +»wenn man einen solchen Mann hat – der sich so auf Frauen versteht – +ja – du kannst lachen –« + +Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn +für den Augenblick. + +»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...« + +»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den +Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft +kommen ...« + +»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der +Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue. + +Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der +zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch +verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er +es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ... + +Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß +schon im Salon seien. + +Sie trat ein. – Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und +sahen, daß sie geweint hatte. + +Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem +Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der +Ausdruck: »Ja – sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich – +Grausamer ...« + +Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser, +vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein – ihr kam auch vor, +als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das +tat ... + +Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da +war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte. +Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen – der Spender solle sie +noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen, +erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit. + +Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. – Wie schwer ihr das kostbare +Stück auf den Schultern lag – als fiele eine Last auf sie. Und da war +auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich +geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. – +Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei – er +lächelte zufrieden – nein, mehr: zärtlich! + +Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum – sie hätte es nicht zu +sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst. + +Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite +Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und +weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen +Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab +das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa +in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin. + +Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue +Wollmütze ... + +Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte +wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds +Geschmack. Aber – Klara – weißt du noch – deine pastellblaue +Wollmütze? Damit mocht’ ich dich auch gern leiden ...« + +Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans – und entwich ihm +wieder ... + +Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung – +sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes +Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ... + +»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich +so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können – da +war ja ihr Platz – der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt +für sie gab ... + +»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung – immer, +wenn ich da mal ’rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ – +der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen +Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen +verblenden möchte.« + +»Ihre nicht!« lachte Agathe. + +Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug, +daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf +legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen. + +Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam +ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren +die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften +sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran. + +Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den +sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte. + +»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne +doch vor Lernbegier.« + +»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried. +»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die +zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.« + +»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen +schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.« + +»Hallo! Das ist aber stark ...« + +»Na ja – gottlob – ich hab’ immer das Gefühl ... wie soll ich das +sagen – na – als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch +noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ... +Denk’ ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven +sich ab ...« + +»Glauben Sie es mir – ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist +manchmal geradezu gepackt – sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat +ein frisches Gefühl dabei – kommt sich als fixer Kerl vor.« + +»Ach so – Sie wissen doch, wie’s heißt: Ich spürte das kleine, dumme +Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.« + +»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut –« gab Wynfried eifrig zu. + +»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan +Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der +Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.« + +Er fragte sich – nicht zum erstenmal – was für eine Art von Mann denn +wohl Lohmann der Sohn sei ... + +Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde, +hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer +eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah. +Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme +schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin – er +ließ sich necken und neckte wieder. – Vielleicht nahm er Agathe nicht +ernst. – Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ... + +Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse. +Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich +zusammennehmen, um nicht zu weinen – sie – die nicht weinerlich +veranlagt war. + +Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer – und dennoch ging von ihrem +Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer +Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung. + +»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige +Frau?« fragte er. + +Klara fuhr auf. + +»Ich? Nein –« + +Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte. + +Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf +grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren +gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem +Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit +des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen, +in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des +Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen +durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun +passierte. + +»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen +Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten +mußte. + +Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor. + +»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie – so wie sie als Kind +vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie +bezweifelte. + +Er mußte doch, entwaffnet, lächeln. + +Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein +retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien – +Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. – Und dann standen sie +vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart +aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich +schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab – +mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und +rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen +hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und +Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten +kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten +hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine +Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden. + +Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform +hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der +schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich +ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine +Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige, +schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer, +mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam +vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine +Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in +die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich +zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von +Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues, +dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an, +ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander, +durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten +Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser +Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen +hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich +öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu +entlassen. + +Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen. + +Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen, +kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen +Stücken, gleich großen Holzscheiten – nur daß sie grau waren und rauh +ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das +Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte. + +Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie +herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß +der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte +sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. – »Wenn ich +liebe, kann ich alles!« dachte sie. + +Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen +Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken +kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand +dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das +Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen +gesehen. + +Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen +einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter +grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes. +Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben +schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. – Und es schien, +als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein +Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen +Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben +glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens. +Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie +wunderbar sprechend – weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein +gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von +wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den +dürren Rainen trauern. – + +Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der +verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte +herab – irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich +einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine +Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu +Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel. +Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es +wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten +sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der +großen Flamme herangerissen. + +»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.« + +Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte – wie er es +sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen, +daß er klar und sicher vortrug. – Daß Stephan Marning und Likowski voll +Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das +tat ihr wohl – es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit, +dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es +gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte +Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei. + +Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im +bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas +Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von +blaugrauen Streifen quer überschnitten – kein Ball mehr – kein Rund – +nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank. +Sonnenuntergang im Novemberabendnebel. + +Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es +keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag +der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter – und immer den der +Arbeit. + +Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf +des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen. + +Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin +Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der +Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies +Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des +Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur +übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen +aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles – jeder Betrieb hier +mußte von Maschinen getrieben werden. + +Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges +Gesicht. + +Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe +aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen. + +»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des +Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein. +Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte. +Sie war so peinlich ... + +»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der +Sauberkeit mitten im Betriebe. – Maschinen sind wie schöne Frauen – +sie wollen geputzt und – geschmiert werden, mit dem Öl der +Schmeichelei ...« + +Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm. + +Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die +ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen +Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie. +Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich +rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf. + +Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige +Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz +begleiten. + +Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre +leeren Kiefer nach Nahrung schnappen. + +Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah, +bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu +sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere +Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde – aber ein +pulsierendes Dasein wie sie – – + +»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan. + +»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß +die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme +und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen +gekommen. – Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die +sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie +engagiert waren – ihre Namen wußte man nicht. + +»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht? +Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen +Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche +Mühen. – Und kein Ruhm – kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere +auch nicht – wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne +Anerkennung, noch umfeindet – damit das hier geschützt ist – damit +solche Dinge blühen – uns groß machen. – Ich hab’ so’n Gefühl: wir +stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier –« + +Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. – Stephan gab +stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der +Hauptmann sich quälte. – + +Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum – nicht nur +das der Arbeit – auch das des Gefühls – schweigend sich bezwingen – +ja – wer das muß ...« + +Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte. + +Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch +nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken – es ging sich schlecht +damit. + +»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.« + +Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten +Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten +Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und +Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende +Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien +liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und +um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern +unaufhörlich kühlende Wasser. + +Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe +emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried. + +Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem +Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete! +Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken – das ging natürlich über +menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb +interessant, halb schauerlich war. + +»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück. + +»Doch – es kommt vor – trotz des besten Materials, das für den Umbau +verwendet wird. – Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung +gibt. – Gase sich entwickeln –« + +»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen +und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die +koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten +her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben +angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit +den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen +einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen. + +Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das +Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu +machen. + +»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie. + +»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein +zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt +_diese_ uns heutigen Menschen.« + +»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der +Generaldirektor. + +Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu +stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf +einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen +trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die +eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte. +Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter +lauter kurze Rinnen getieft – die Formen für den Guß der »Gänze«. In +unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer +Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen +strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen. + +Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt +– wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich +irgendwo sollte stauen wollen. + +Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten – als seien sie +die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die +Lande schleppten – eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie +zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch +vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin – wieder +und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten +Händen den Eisenstab gegen den Verschluß – berannten die Festung des +Feuers. – Und da krachte es – Funken schossen hervor – Garben von +Sprühpünktchen – und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort +überhaucht, floß das glühende Eisen. + +Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo +die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden +Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der +schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden +Eisen – das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt – +eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde. + +Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab – ein +Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit +Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde +rollen sollte. + +Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. – +Rauch wölkte. – Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. – Draußen, +zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den +blauen Abendhimmel. + +Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder +Schönheit! + +Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit. + +Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender +Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen +Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur +bezwingen! – + +Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt. + +Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich +verbunden – als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit +ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit – es würde, es sollte auch +einst die Welt ihres Kindes werden ... + +Ihre Seele ward wieder froh ... + +Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen, +denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war. + +Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten +sich ihre Blicke. + +Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der +gleichen Andacht erhoben seien. + + + + +6 + + +Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem +Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In +dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu +sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte +sich in Zorn um – nicht gegen irgend einen Menschen – nein, in diesen +unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch +fassen. – + +Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren +Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel +sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen +Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ... + +Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn +unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten. + +Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang. + +Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine +Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten +April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung +des Geheimrats übernehmen können – wie so oft, seit dieser an seinen +Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt +gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds +Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin +Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der +Industrie für das Haus eintreten solle. + +Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu +verschaffen – noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich +erwecken – wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte +wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater +selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als +wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der +Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht +Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken, +erweckte die wohlwollendsten Gedanken. + +Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung +Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin +anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor. + +Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine +Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich +anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er +habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen +geschenkt. + +Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte +interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus +konnte – wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß – nach +Berlin – nach Hamburg – dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er +wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die +Welt wartet ja noch auf dich. – + +Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau, +diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu +erheben ... + +Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried +möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete +Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und +wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ... + +Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel +daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der +Industrie sich Zutrauen erwarb. + +Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und +Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof +hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt +schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried +depeschiere. + +Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn +fern zu wissen. – Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen, +wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. – Er hatte so wenig +Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ... +Rücksichtsvoll war er immer – und manchmal so zärtlich, als seien sie +wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch +immer wartete. – + +Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die +Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der +zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde – die wußte noch: +als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht +chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den +leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen +könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt. + +Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige +Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April +erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit. +Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte +die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten +Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der +Frühe. + +Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein +Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft. + +Feierliche Würde war in diesem jungen Tag. + +Da kam Leupold wieder einmal herein – bleich, verwacht auch er. + +»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?« + +»Was soll das? – Was willst du mit mir ...« + +»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam +verstocktes Gesicht. + +»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ... +irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl +an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut – keine Sorge +– nein gar keine. – + +Er zitterte ... + +Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche +Aufregungen waren nicht für seinen Herrn – und Nächte durchwachen, wenn +man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu +leben ... Alles verkehrt – dieser ganze Zustand jetzt, mit einer +zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im +Gleichmaß hergegangen ... + +Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl +und schob ihn rasch zum Lift. + +Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum +Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ... + +Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar +und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf. + +Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das +Küchenpersonal, die Stubenmädchen – fast als bildeten sie eine Gasse +... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst +von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht, +klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht +der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen +und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen +Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte +Weibswesen. + +Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer +beklommener zumute ... Sein Herz klopfte. + +Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. – + +Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen +Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles +Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ... + +Leupold schob ihn an das Bett. – + +Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in +heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren +ein wenig zusammengerückt – als seien die Nerven nach dem Krampf der +Schmerzen noch nicht ganz gelöst ... + +Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel – und nun +sah man: das Fellchen war dunkles Haar. + +»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie. + +Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ... + +Er schluchzte auf. – Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem +Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung. + +Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der +wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ... + +Die große Männerhand streckte sich aus – tastete scheu nach diesem +Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als +habe sie Heiligstes berührt – so überfein und unfaßlich zart war das, +was seine Fingerspitzen verspürten. + +Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran – er +mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ... +Und er küßte sie – immer wieder – von Dankgefühl übermannt – +wortlos. – + +Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter +Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und +Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ... + +Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun +lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu +kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man +wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei. + +An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift +»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der +Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen +und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen +Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet. + +Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte +durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und +Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.« + +Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder +dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.« + +»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz +erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.« + +Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein +Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht. + +»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger +Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten +Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.« + +Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an +der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte. +Großfürsten der Industrie und des Handels – sie nahmen freudig teil am +Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz, +daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ... + +Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte, +sollte er selbst die Depesche sehen – sie sollte ihm einst sagen: Du +bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf, +ob du ein tüchtiger Mann wirst ... + +Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute. + +Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum +Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige +Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt +werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder +der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und +ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon +Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat +er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu +lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war, +versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in +befriedigenden Mengen anzubieten. + +Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden +Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren +Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen, +seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er +war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat. +Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der +Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben. + +Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja, +dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht – solche Mutter – +und solche Zukunft!« + +Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich +gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über +Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur: +Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei? + +Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge +Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O – man hat doch stets +den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...« + +»Angenehm – angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch – soll er +wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich – ich trau’ ihm nich – nee – +wo das mal drinn steckt – so ’ne Männer sind gerade wie die Gäule +früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ – wenn ein +ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal ›Marsch‹ hörte, +brannte er durch ... Warten wir’s ab ...« + +»Lieber Likowski – Sie sind ein Pessimist – in allen Dingen –« sprach +er. + +»Kunststück – erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind +mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab’ +ich nich gleich gesagt – damals im Februar – dieser auffallende Besuch +von Haldane – und dann die Pressekampagne hinterher – passen Sie auf, +wir werden wieder eingeseift – na – uns, grad’ uns kommt’s ja zu, zu +schweigen – warten – aufrecht bleiben –« + +»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes +Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir +haben noch Zeit – lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen +– ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach +Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da – es regt mich unersättlich +an ...« + +»Fabelhaft – Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon: +der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an – +nee – daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...« + +»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die +Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die +Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen +taten? Haben Sie damals, als wir – wissen Sie noch, es war am +Geburtstag der jungen Frau – als wir zuerst auf dem Werk waren – mir +eine neue Welt – ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch +Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird +schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom +Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant +ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär’ ich nicht +Offizier, möcht’ ich auf solchem Werk mitarbeiten – sei’s gegen noch so +bescheidenen Lohn ...« + +»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen +Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...« + +Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher +Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr +wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat +nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen +wolle. + +Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause +herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle +Nerven. + +Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus. +Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren +neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen +dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal +schrillte. + +Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer +Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen. + +Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die +bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte +es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause +einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr +durchlitten ... + +Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete. + +Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete +nach dem kleinen Knebel neben der Tür – das Licht an der großen Lampe, +die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf. + +Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so +viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller +Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen. + +Er neigte sich ein wenig herab – doch noch in Besorgnis, wollte +fragen ... + +Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte +Herr sprach: »Leupold – du weißt es seit damals – ich muß immer +gerüstet sein. – Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das +kleine Kind – das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ... +Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest – +überhaupt noch dienen magst – verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen: +Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der +jungen Frau und meinem Enkel gibst ...« + +»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen +Lippen. + +»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab’ so allerlei +’rausgefühlt ...« + +Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah +wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in +ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell +er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte – den von Glück bebenden +Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der +kleine Severin Lohmann.« – Da war doch auch über sein etwas +vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen – fast wie +Rührung. + +Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und +Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich +auf mich verlassen ...« + +Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen. +– Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen +Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der +Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. – Er mußte der geliebten +Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben. + +Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen. + +»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf – wir sind keine Fürsten. Denkst +so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll +zu – – – na ... Wie ich meine Tochter taxier’, lehrt sie den Jungen +feste erst mal gehorchen – auch dir! ... Der kleine ›gnädige Herr‹ ...« + +Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den +Kissen. + +So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen +Lächeln. – + +Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs +Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um +sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause. + +Klara hörte den Ruf der Hupe – hohl und dunkel. + +Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier – in Angst – +in Enttäuschung. – Niemals hätte sie genau sagen können, in was für +Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere. + +Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen +Daseins erwartet. + +Ȇber gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte, +hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der +Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur +konstruieren können, was wir innerlich erleben – und Frauen tun es, die +selber niemals ein Kind hatten.« + +Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine +verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem +Herzen und erweiterte es gleichsam – als sei ihm ein Stück +hinzugewachsen ... + +Sonst hatte sich nichts verändert ... + +Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr +eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich +leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde – wie ein +Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins. + +Nichts davon ... Alles war wie bisher. – Eine kleine Neugier war +hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken +könne – die ihm vielleicht – Klara ahnte es – nicht so ganz +zusagte ... + +Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen +Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge +verstehen – ein Blick war mehr als alles Begrübeln ... + +Nun schrie die Hupe zweimal auf – + +Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der +bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen +so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und +das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen – da werden sie naiv +überheblich,« dachte Klara oft. + +Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara +mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein. +Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ... +Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der +Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. – Klara sah +an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht +rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat +längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach – deren +Grund sie doch kannte ... + +Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen – +Klara sah nervös aus – als schmerze sie etwas – + +»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz. + +Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man +zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre +Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell. + +Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr +unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ... + +Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu – neigte sich herab und +küßte Klara – + +Sie sah ihn an – tief – tief. – Er lächelte dem Blick zu, der ihm +doch fast unbehaglich war ... + +Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis +ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand +und streichelte leise ihre Wangen – + +Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht – wie sie +es immer gewesen war, und nicht anders ... + +Nein – nicht anders ... + +Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben – + +»Willst du ihn nicht sehen?« + +Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit +vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die +Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und +lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit +dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend +– hoffentlich sieht er dir ähnlich – ja – so’n Baby – das ist nun +mehr was für Frauen –« + +Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben – die +Lamprächtige hat es so befohlen ...« + +Er küßte ihr die Stirn. + +»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist – und Vater ist ja wohl +außer sich ...« + +»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...« + +Ganz einfach sprach sie das – jedes große Wort, jede Aufwallung und +Erschütterung blieb aus. – + +Es war sehr alltäglich ... + +Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte +den Kopf zur Seite – sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken. + +Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken. + +Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten +kommen ... + +Das macht das Herz still – + +Alles war dasselbe geblieben – + +Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf +jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ... + +Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen +Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden +war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine +pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit +buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den +schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich +künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt. + +Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche. +Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach +gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren +wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er +fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über +Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie +konnte nicht kämpfen. + +Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren +Verschiedenheit in großen Dingen. – + +Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds +Wünsche durfte man nicht hinweggehen – sie nicht, deren Aufgabe es war, +einen _Mann_ aus ihm zu machen – und sie spürte: hier war es ihm ein +Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen. + +Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in +ihm nicht aufkommen. + +Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im +Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit +zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm +noch angehaftet. + +Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der +erfreulichsten Ausgeglichenheit. + +Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete +Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine +seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner +eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen +zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte. + +Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe +Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen +Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein +kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit +Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es +hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara« +trug. + +Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen +Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen +Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum +eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng +haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren +Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden +und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen. + +Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote +Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und +Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln +flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen +marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze +ein goldenes Band hatte. + +Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem +Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des +gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer +regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das +zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die +gesunde Jugendkraft. + +Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der +Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht, +keiner verlockender scheinen als dieser. + +Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen. + +Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst +gegen jetzt. + +»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt +anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so +gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich +nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation +– ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt’s +ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß +Wynfried die Erholung im Sport sucht.« + +»Ja – gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach +Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...« + +Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt – obgleich – Nein! +Nein – solche Frau – und einen Sohn in der Wiege – da war wohl keine +Gefahr mehr. + +Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr +vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh – +es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will +durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar +sein, daß er sie in der Natur sucht?« + +»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er +gar nicht hören. – – + +Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen +Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des +Hauses gefahren kamen. + +Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange +fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe +hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe, +ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war +beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck, +daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter +jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der +Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer +treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort +nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine +versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor. + +Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten, +wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht +glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben – sie habe +keine Hoffnung mehr. + +»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,« +meinte Klara. + +»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren +geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert. + +Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit +Kälte zu strafen. + +Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre +»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe – nicht +einmal verlangt, es zu sehen – merkwürdig! + +Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf +daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu +gar nichts nötig sei. + +Am anderen Tag freilich – es mochte diese Unterlassungssünde Agathen +selbst schwer auf die Seele gefallen sein – fand sie den Täufling süß +und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das +festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm +zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe. + +Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher +glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr +Haar habe er denn doch auch noch. + +Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler, +unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön. + +Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich +berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen – nicht diese +Wundertiefen darin? ...« + +Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr +kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen +Händen festhielt. + +Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte +Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge. + +Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des +einen, der hier zu sprechen hatte. + +Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen +die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im +Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und +Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen. + +Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch +der leuchtende Schein. + +Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste. +Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem +improvisierten Altar. + +Sein Herz klopfte – er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann +dies schnelle Schlagen. + +Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ... + +»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal. + +Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer +Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen +Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der +Wohltat sich dafür hinopferte ... + +Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen +Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas +zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz. + +Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie +hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf – und sah in das +große, sprechende Auge des Mannes. + +Sie erblaßten beide. + +Klara senkte die Lider – ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt +zu gehen. + +Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen, +kein Sturm fassungsloser Aufregung. + +Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis. + +Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß +fort ...« + +Ja, fort – sich versetzen lassen – an die russische oder französische +Grenze – wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man +nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ... + +Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer +Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt +hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je. +Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten +sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf – und der +hieß: Entsagung. + +Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut +herausschluchzen ließen. + +Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre +weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...« + +Nein – das lag ihr nicht. + +Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend, +segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches +Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch +bezaubern werde. + +Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt +werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und +Gebüschgruppen. + +Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte +schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht +sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein. +Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und +die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der +Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte. +Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf. + +Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine +Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts +gezogen wurde. + +Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr +beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört, +und du selbst stehst fest noch mitten darin. + +Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder – +darin war etwas gewesen – was? Großer Gott – was denn? + +Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom? + +Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und +der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr +zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu. +Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die +Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer +Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht +in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und +Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden +und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen +Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß +Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht +erworben habe. + +Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte, +tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit – wollte eine Art +freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten +sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa +beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja! +Das konnte sehr lustig werden. + +»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche +Geschmacksänderung?« spottete Likowski. + +»Ach – Sie! So ’n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen +einer Frauenseele.« + +»Na, es freut mich immerhin. Natur – das ist doch wenigstens kein +schlechter Geschmack!« + +»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört. + +Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und +sagte auch gleich – weil er wußte, er half damit dem Kameraden – daß +es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so, +daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der +Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im +Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind +ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes +Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in +solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da +hatte er keinen Sinn für Sport. + +»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich +Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck +ein, lieber Lohmann. Nein – nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen +Sie sein sein – aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er +anhält ... Das wär’ zu peinlich – wo man sich hier doch immer +gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war +doch bloß so ’n Backfischstadium.« + +Alle hörten es. + +»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat +mir noch gestern gesagt, er heirat’ bloß, wenn er ’ne sehr gediegene, +weibliche, schöne Frau kriegt – –« + +»Na,« lachte Edith, »also grad’ so ’n Mädchen, wie ich bin.« + +Und alle lachten mit. + +Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten – es +schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß +sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie +durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem +Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton. + +Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte +nicht gewagt, seinen Blick zu suchen. + +Welche qualvolle Unerklärlichkeit – was stand denn zwischen ihr und +ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von +diesem Mann – gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe +horchend, das der alte Herr für ihn hatte? + +Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese +nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ... + +Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen. + +Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem +Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh +zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an +und fuhr hinauf. + +Der alte Herr war still. Nicht müde – aber als sei er satt vom Tage. Er +mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden. + +Da kam die junge Frau. + +»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus – was +ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?« + +Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine +Schulter. + +»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt’ die Feier +lieber im kleinen Kreis gehabt.« + +»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.« + +»O ja – immer – immer,« sprach Klara. + +Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie – lange – +lange. + +Wie tat das wohl – gab solchen Frieden. + + * * * * * + +An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit +Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein +Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche +überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit +verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung, +mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck, +sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb. +Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so +oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich +bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem +bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre +Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art +mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine +herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr +Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht +vorenthalten werden.« + +Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr +Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste +ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll +küßte. + +Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden +nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein +leises, ironisches Lächeln. + +»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene +Los erbitten?« + +Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es +herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann +von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer +Tochter eine große Stellung.« + +Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre +alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich +darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration +so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf. +Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß +ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig +eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit +bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle +Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein +natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und +die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt +habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie +Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir +würden uns durchaus damit einrichten – sie will gern sparen.« + +Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch +deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die +verletzt – Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem +Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude. + +»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie +nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür +kein Verständnis hätten – wir brauchen selbst einen starken Posten +Idealismus – ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An +Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat +gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann – aber Luise hat zu +viel Herz, und Sie, taxier’ ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine +Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben +kann.« + +»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow +kurz, ja schroff. + +»Also denn ja – und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche +ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!« + +Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem +tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen. +Brelow erhob sich auf der Stelle auch. + +»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow – halten Sie mich +nicht für ’n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins +darin: die Kinder bescheiden erziehen! – Zu große Gewohnheiten haben +noch keinem Menschen das Leben erleichtert – und die Gefahr lag zu nah: +daß mal Mitgiftjäger sich ’ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was! +Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden – nicht +als Eisenprinzessinnen auf ’n Heiratsmarkt kommen. – Na – und ich seh’ +ja nun – Sie und Luise – Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten +des Feldes ... Schön, sehr schön! – Aber ich möchte denn doch, daß es +die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich +denke, wir lassen mal durch ’n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der +Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich +reden läßt ...« + +Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand +bleich vor freudigem Schreck. + +»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine +Mitgift! – Ich bin und bleibe ein Mann von Wort – schon allein, um dem +dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen – durchaus: keine Mitgift! – +Bloß Hochzeitsgeschenk.« + +Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage +innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die +Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein +Pläsier. + +Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung +auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone +kokett sind! – Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon ’n Platz im +Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so +zusammengeläppert, daß Fräulein Luise ’n kleines Rittergut zur Hochzeit +kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir +Ihren Posten.« + +Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat’s +natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift +und so ...« + +Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort: +»Sie lieben sich – sie lieben sich! ...« + +Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden +durften. – – + +Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen +Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die +Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die +freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute +schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus. + +Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin +Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß +sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in +erneuter Mannesschönheit aufblühte. + +Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried +mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das +väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand – +als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch +den Kern der Dinge, auf die es ankam. + +Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch – ihm schien, als +halte Thürauf irgend etwas zurück – das war sonst nicht seine Art. + +Er sprach auch mit Wynfried selbst. + +Der lachte. + +»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist +was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert +– Robert Koch soll’s gewesen sein – der sich sein Leben so einteilte: +acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann +man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?« + +»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken: +»Gerecht bleiben!« + +Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte +seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen +mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde +Frau – ein Glück in der Ehe – das hatte er doch? + +Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen +dieser jungen Frau so rätselhaft. + +Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von +Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief +eingezeichnet, daß er nie mehr wich. + +So sieht das Glück nicht aus ... + +Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton +weitersprach. + +»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich +abhetzt – rasche Entschlüsse fassen muß – das prickelt – – Spannung +und Wagnis ist dabei – grad’ wie beim Segeln – man sieht die Böe +kommen – es heißt Umlegen – ja, da kommt es auf die Sekunde an – +Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man’s haben, wann +das Tau locker zu geben ist – und hart an der Gefahr des Kenterns +vorbei – dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.« + +Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht +mit vorgebracht hatte. + +Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie +war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich. + +»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein +Unterschied. Arbeit ist kein Sport.« + +»Ich meine doch beinah – wenigstens für uns, die wir’s eigentlich nicht +nötig haben.« + +»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.« + +»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt +mir immer interessant. Nur – ich will daneben noch was vom Leben +haben.« + +»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater. + +Wynfried streichelte Klara das Haar. + +Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ... + +»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau +in mir geweckt.« + +Klara lächelte freundlich. + +Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es +nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen, +großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an +Worten? + +Fort – fort – Gespenster – Grübeleien – fort ... + +Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück. + +»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit +gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so +wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte +Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es +bewunderten. + +Der alte Mann fuhr beinahe zusammen – da war wieder ein Nachhall – +aber er kam von weit her – aus Zeitfernen. + +War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen? +Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin +ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte? + +O, dieser Tonfall – durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit +zu werden schien – in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang. + +In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie +nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« – das war ja +die junge Frau. – + +Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen +Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...« + +Klara kniete sogleich neben ihm hin – denn das war ja die Stellung, in +der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er +legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an. + +»Hast du Kummer?« + +»Nein, Vater.« + +»Du bist verändert.« + +Sie erblaßte. + +»Wie sollte ich es sein?« + +»Hast du über Wynfried zu klagen?« + +»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.« + +Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht. + +Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie +erblaßte. + +Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem +Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ... + +»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.« + +»Das brauch’ ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,« +sprach sie matt. + +»Aber wenn ... je ...« + +Da raffte sie sich auf. + +»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt’ ich! +Sonst wär’ ich nicht wert, dein Kind zu sein.« + + + + +7 + + +Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot +entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank, +im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm +Arm, stand sie und winkte schon von weitem. + +Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose +Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote +kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende +Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des +Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den +ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig – das wirkte +beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und +ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der +Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das +schöne Wetter kehre. – + +Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte +man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von +Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden +Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie +immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart +und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage +mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden. + +Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak +beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken, +brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und +das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den +bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch +häßlicher. + +»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da +muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von +Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr +Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens. +Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst – – na – +und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um ’n Finger +wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben +– ich bitt’ um stilles Beileid ...« + +»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn +auch nicht begleiten.« + +»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend. + +»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der +Kleine hat, glaub’ ich, einmal gehustet – da bringt niemand und nichts +meine Frau von ihm weg.« + +Edith lachte. + +»O Gott ja – diese fanatischen jungen Mütter ...« + +Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde +neckte. War’s nicht, als würde man sie necken, weil sie atme? + +»Fanatisch – das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als +ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald: +sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn +– als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da +sei.« + +Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in +Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten +konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein – mit ganzer Inbrunst +täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen – ihm +Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in +die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten +Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im +rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft – dem +nie abreißenden Hintereinander der Gefährte – wie waren sie mühsam +gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. – Das +Kind war doch der Zweck ihres Daseins – dies Kind gab in einem +besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte +wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben – sie war ja nicht nur +Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie +hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes +Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und +beschäftigt hätte – sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf +neue Wege geleitet hätte. Und dann – diese Unruhe in ihr, dies +unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem +bedroht zu sein – das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein +konnte. + +Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr – +deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke. + +»Aber nun fix!« mahnte Wynfried. + +Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins +Gesicht. + +»Sie sehen aber wirklich noch immer ’n bißchen matt aus – ich fand es +schon damals auf der Taufe. – Da sollten Sie grad’ mitsegeln.« + +»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich +etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.« + +»Schad’,« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und +Marning haben auch abgesagt.« + +»Was – die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher +Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer +ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer. + +»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin +Agathe und meine Frau mitsegeln würden.« + +»Ach Marning! – Ich glaub’, der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte +das rothaarige Mädchen. + +»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara. + +»Na – nu los. Und ängstige dich nicht – wenn gegen Abend Flaute kommt +– es kann spät werden ...« + +Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren +Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den +drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck +der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den +weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch +salutierten. + +Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann +zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt +stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen +Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und +Schunersegel waren noch gerefft. + +Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis +Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg. + +»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith. + +»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet +aussieht – sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf – die +Amme sei nicht verläßlich.« + +»O Gott – und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem +Pathos. + +»Hab’ mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes +Quartier oben genommen – bin sehr stolz auf meinen Sohn – auf sein +nächtliches Geschrei leg’ ich aber keinen Wert.« + +Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in +üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige, +ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein +breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von +Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender, +rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder +unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange +glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen +Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf. + +Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander +gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute +aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in +ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön +geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise +öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann +irritieren könnte –« + +»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er. + +»Ach – ich denk’ so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...« + +»Ich?« + +»Na ja – wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...« + +»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache, +mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend. + +»Will nichts gegen sie sagen – nicht von fern – ich verehre Ihre Frau +kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte +Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne – +aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ... + +Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei, +den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen – die Augen +blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. – Die Züge vornehm – und +das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und +selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen. + +Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war – ja, dieser Mann wäre in +jeder Hinsicht für sie gewesen. – Geld, Stellung – und seine Schönheit +lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_ +Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte +ihn ihr Studium gekostet haben. – Ach ja, er war weit und breit der +einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so +langweiligen Person verheiraten müssen. + +»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann +ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll. + +Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade +erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der +überraschend scharf war, fühlte sie das gleich. + +Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ... + +Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge. + +»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?« + +»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.« + +»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.« + +»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie +wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem +Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das +gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um +anderswo als Kompagnon einzutreten. – Nun bin ich nach Wunsch freier +Mann – denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.« + +»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.« + +»Sie sind durchaus normal.« + +»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das +Lohmannsche Kapital. – Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater +ins Werk gesteckt hat. – Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes +stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark +Einkünfte. O Gott – und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die +Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn’s mit den +Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie +sozusagen von selbst weiter.« + +»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie +das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen +Mädchens.« + +Edith zuckte die Achseln. + +»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen +hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen. +So ’n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für +Geld und Geschäfte hinein. – Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt +weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große +Liebe! – ›Severin Lohmann‹ sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man +immer gedacht.« + +»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan +haben. – Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die +Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel +übertragbar sein soll.« + +Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte +gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ... +und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. – Und bis der +zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein +alternder und ganz eingearbeiteter Mann. – + +»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja +’n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens +Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem +ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.« + +»So?« fragte Wynfried ungläubig. + +»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten +– Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich +genier’ mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen – na, wen +treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs, +nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an +dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen +und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst +belegt – das wäre so in der Situation gewesen. – Und was tat +Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen: +Vergißmeinnicht!« + +Wynfried lachte. + +»Wissen Sie, was ich tat?« + +»Bin gespannt.« + +»Ich lenkte mein Pferd ’ran – ich salutierte Hornmarck mit meinem +Reitstock und improvisierte: + + Ein Leutnant saß an dem Rain, + Er sammelte Vergißnichtmein + Und fügte sie zum Kranze; + Wie rührend war das Ganze. + +Und denn los und davon. – Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als +Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.« + +Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben. + +»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?« +fragte er. + +»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch +sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders. +Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a# +bringen darf. – Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem +Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei. + +Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte +sie selbst es auch. + +Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und +faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des +Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen +waren. + +»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton – aber um ihren großen Mund ging +ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen +können – der ist ja #hors de concours# ...« + +Und ihre Augen sprühten Funken – zu ihm hinüber. – Daß sie ihn meinte, +war zu fühlen. + +Er sah sie an, lächelnd – vielsagend – sie konnte nach Belieben alle +Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren. + +Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen, +das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen +Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. – Aber das ging natürlich +nicht an ... + +Sie machte ihm aber Spaß – in ihrem Gemisch von praktischem Verstand +und keckster Herausforderung. + +Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten +umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um +ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen +her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise +geraten war. + +Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes +Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten. + +In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« – die hatte so wenig mit +dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk. + +Eine Sache gänzlich für sich – – + +Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres +fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer +Bewegung in sich aufsteigen ... + +Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß +der Pfiff des Motorboots sie. + +Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die +roten und schwarzen Duc d’Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das +Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft +hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem +Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur +Stelle und erwartet ihre Gäste. + +»Ach – wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie – die Baronin muß schon +im Bootshaus gewartet haben.« + +Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken +Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher +Fahrt heran. + +Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und +Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand +für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches +Ziel. + +Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse +Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«. + +»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. – Agathe Hegemeister im +Futteral eines Sportkleides – sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle. +Keine Spur von Selbstkritik.« + +»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe +ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten +angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll – noch nicht mal +Rubens ...« + +»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total +anderen Geschmack als wir ...« + +Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier. + +Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war +denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu +ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene +Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen +Matrosenhut – wie Edith gehofft hatte – trug sie auch nicht; der hätte +auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken +können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst +kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links +unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war. + +Wynfried dachte: entzückend. – Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich +in jedem Blick, jeder Bewegung. + +Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit +einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine +Rarität unbefangen genau anstarrte. + +»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das +verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht – paßt sich denn +das überhaupt? – Ich allein mit dem Gatten einer anderen?« + +»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin – und Klara läßt Sie +vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes +Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig +schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet +ist,« sagte Wynfried. + +Agathe sah ihre Gerwald an. + +»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden +Ton. + +»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck. + +Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher +Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte +eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede +dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir +konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel +Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde +von Bord ging. + +Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe +Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das +abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders +schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein +leiser, schmerzlicher Stich. – + +Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen +hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie +abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie +winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas +großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze +zu ihr hin. + +»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So +eingebildet und dreist.« + +»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald +hinzuzufügen. + +»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und +temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.« + +»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz +anderen Geschmack als wir.« + +Nun hieß es erst einmal Tee trinken. + +Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der +Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische +Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator +elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse. + +Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand +mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. – Dafür hatte Klara +gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere. + +»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau – zu gut +für mich.« + +Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß +das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte, +bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer +Fahrt über die Wogen dahin. + +Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie +prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von +Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste +scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des +mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser +glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit. + +Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens. + +Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen +Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen, +fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete +köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die +runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher. + +Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum +Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die +weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte +des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem +»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau +und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge +umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise +spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben +erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen. + +Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in +eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen; +und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag +die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen. + +Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und +den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer +patriotischen Musik von dort herschwirren. + +Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts +– entgegen den aufkommenden Jachten. + +Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe +Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich +zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen +dahingleiten konnte. + +»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!« + +Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte +Klara diese Stunden nicht miterlebe. + +Das Wasser schwoll immer gegen den Bug – es war kein leises Gluckern +und Raunen – es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es +die Gedanken – es war ein Versinken – in eine himmlische Art von +Dummheit – als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und +brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne +bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise +Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel +bluffte. + +Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den +roten Sweatern sprangen – der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte +– die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am +Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte +sie auf. – Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder +der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der +Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch +durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im +Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in +kürzeren Schlägen. + +Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß +niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward. + +Sie mochten kaum sprechen. + +Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von +Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte +und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder +flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne +erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von +allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues +Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern +aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und +ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber. +Die Gerwald saß neben Wynfried. + +Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein +höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war, +weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. – – + +»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald. + +Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man +weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen. + +»›Meteor‹ und ›Germania‹,« sagte Wynfried. + +»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen – stick +Nordost. – Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde +zuhalten können.« + +»O – schon zurück?« + +»Erst wenn Sie wollen. – Für ein kleines Souper ist gesorgt. – Klara +hat alles an Bord schaffen lassen. – Hummer – kaltes Geflügel – sonst +noch dies und das. – Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat +kochen.« + +»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus +– bis ganz nach Fehmarn!« + +»Mir ist’s recht.« + +Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald +als Segel – rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen +Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen +Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran – +kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer. + +Das war herrlich zu sehen. – Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um +die Kaiserliche Jacht zu grüßen. + +Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln +schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die +blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper +und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze – der +»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten +wieder. + +Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten – +kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem +blauen Hintergrund des Himmels. + +Fülle des Lebens. – Fülle der Freude. + +Und Agathe seufzte schwer. + +»Nun?« fragte Wynfried. + +»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im +Herzen weh.« + +»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?« + +»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an +gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine +Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen +heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines +verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber +darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten, +sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle +Zuschauer, die da am Strande herumlungern. – Nicht mal mit meinem +Motorboot hätt’ ich mich herauswagen können – dazu ist es zu klein ...« + +»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.« + +»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich +ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und +ich muß wohl artig sein. – Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es +nicht in Lammen steckt – und das ergibt dann wie von selbst eine +Kontrolle. – Und dann – Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man +immer im Schock ist ...« + +Das wußte Wynfried noch. Früher – da war er seinem Vater auch lieber in +scheuer Ferne aus dem Weg gegangen. + +Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach +seiner Heimkehr – und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters +Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte. + +Wie weit und unbegreiflich lag das zurück. + +Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von +dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte. + +Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den +eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau. + +Aber er war nicht eifersüchtig – gar nicht. Es freute ihn im Grunde. +Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm +selbst mehr ab – als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes, +die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn, +den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten – würde eine beständige +Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein – alles war +vortrefflich, wie es war. – Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau +und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie +ein Zeugnis – es vernichtete die Vergangenheit. – An die dachte +Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich +ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede +Lage mehr beherrschen würde. + +Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie +schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich +niemand einen Begriff.« + +»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried. + +»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit. + +»Liebste Baronin – eine Frau wie Sie – so schön – verzeihen Sie, aber +diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen – so +wundervoll schön – so ganz hingebende Weiblichkeit – so voller +Herzensgüte – die muß und wird Liebe finden – keinen ›Käufer‹ – nein, +einen leidenschaftlich liebenden Gatten.« + +Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb +bekümmert an. + +»Wenn Sie so sprechen. – Und doch – glauben Sie mir – es scheint, mir +ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.« + +Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als +ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen +mehr ausspricht, als geschmackvoll ist. + +»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige +vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten +unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel. + +Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost +zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen. + +Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte +sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem +unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt, +daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue +Verliebtheit mischte – wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am +Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt. + +Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden. + +Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz +gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen. + +Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. – Aber +Agathe errötete doch – und ihr Atem fing an, rascher zu gehen. + +»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!« + +Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf +Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob, +daß da gerade Fehmarn war ... + +Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen +Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen +Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der +Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig +pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf. + +Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede +etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von +kluger und sehr feiner Kunst hingemalt. + +Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne, +die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der +schmale Fehmarnsund. + +Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am +Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten +Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf +aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn +Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen? +– unten warteten Hummer! – Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam +man nach Haus? Großer Gott – es konnte sehr spät werden. – + +Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen +Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben. + +»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut, +»dafür bin ich Ihnen so dankbar.« + +»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres +Gemüt zu erhellen.« + +»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich +besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich +lieb – teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie +sie neidlos bewunderte – neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß +Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken. + +»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen +etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen – ihrer +Freundin ...« + +»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe. + +»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht – Sie sind doch +Freundinnen – hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?« + +»Nie. Klara spricht nie von sich – sie ist so verschlossen. Ich +bewundere es.« + +Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd: +»Sehen Sie, liebste Freundin – im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe +mit Klara anders beurteilen – wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns +gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie – als +ich heimkam – Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es +möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht – eine Frau hatte +mich verraten ...« + +Agathe preßte seine Hand. + +»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?« + +Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man +von ihm geliebt sei ... + +Er erwiderte dankbar den Händedruck. + +»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel +wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige +moralische Rettung sah. – Heut freilich – heut gelänge es Vater +freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf – als +spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen +Geschichten. »Ja – und Klara – ich dachte erst, sie sei in mich +verliebt – man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten +Einbildungen. – Aber nein – Klara hat eigentlich nur so ’ne +schwesterliche Hingebung für mich. – Geheiratet hat sie mich wegen +Vater – etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.« + +»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch – oder ... nein +... Ich wollte sagen – es hätte tragisch werden können ...« + +»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige +Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut – glauben Sie bitte +nicht, daß ich es bereue. – Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie +das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen +meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun +glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in +Frieden. – Wie hätt’ er sich sonst daran verzehrt ...« + +»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf +unbestimmte Art ernüchtert. + +Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn +Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an. + +»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den +holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam. + +Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer +Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter, +steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch – und diese +Zwangsvorstellung entschied. + +Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen +Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht. + +»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt, +als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male +in ihrem Leben auf. + +Agathe erwachte ... + +»O – wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt. + +»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf +vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...« + +»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die +Gerwald. + +Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind +flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich +langsame Rückfahrt. + +Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter, +schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab +eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten +Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die +Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen +tüchtig zu. + +Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder +gegen das von Wynfried. – Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras +Wohl trinken!« + +Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. – + +Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt – seit +drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen +Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. – Rührung erfaßte +sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser +Stunde war sie wie berauscht – nicht gerade vom leise und fein +schäumenden Burgunder – nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer +Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds. + +Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. – Ach, es lohnte sich ja +doch noch, zu leben! – Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz +anderes Wesen bekommen hätte – gleichsam als habe eine Zauberhand über +sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden, +sprühenden Ausdruck gegeben? + +Ja – Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt – nicht verwandelt +– vielmehr wie ein Erwachender – wie ein Zurückgekehrter, der lange +verbannt war – so dergleichen – er wußte selbst nicht, wie ihn das +ankam. – Jedenfalls war es eine Gehobenheit. – Er war ganz +durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie +Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. – Ach, was gab es denn +Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich +Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren +Worten. – + +Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ... + +Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer +gelegt – dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende. + +Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht +mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo +der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie +nieder und fand Lehne und Halt. + +Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften +Sitzplatzes. Dicht nebeneinander – er nahm ihre Hand und küßte sie und +legte sie ihr in den Schoß zurück. + +»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man +gelitten hat.« + +»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach +Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte, +erzählen Sie nichts davon – mir ist, als würde ich zu zornig werden. – +Es gibt nur eins: vergessen!« + +Sie redeten sehr leise miteinander. + +»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es +ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu +straft, was man einmal verbrach ...« + +»Verbrach?! Sie – Agathe. – Nein, Sie können keine Schuld auf sich +geladen haben. – Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu +tun.« + +»Nein – keine Schuld. – Und doch – aus Unkenntnis – aus Neugier – +aus einer schrecklichen Sehnsucht nach – ach, ich weiß selbst nicht, +wonach – nach Liebe, oder nach Glück – oder nach Geheimnis – ja, aus +Unkenntnis kann man fehlen.« + +»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen. +Erfahrene Herzen urteilen anders.« + +»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie, +woran doch auch sie die Schuld trugen.« + +»Wollen Sie mir nicht vertrauen – liebe Agathe. – Ich – verstehe +alles –« + +Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille. + +Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm – stockend – in immer +wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend. + +Immer dunkler ward die Sommernacht – die Flut glänzte in der Nähe +schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den +Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf – von +der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und +backbord ein grünes – die glitten als magischer Schein mit der Fahrt +und schwebten über der Tiefe. + +»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe. +»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht – ich sollte Französisch und +Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch +hinaus. – Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat +große Verbindungen – das war so ’ne Art Vorarbeit, begriff ich später +– das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft +sichern. Und mal ’ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste +Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und +Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir +herumerzogen – und gar keine lustige Kindheit hatt’ ich – und keine +Freundin durft’ ich haben – damit nicht einmal unerwünschter Anhang da +sei. – Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position +ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben – man +muß erst sehen, wohin man gelangen kann.« + +»Eine kluge Dame Ihre Mama ...« + +»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß +erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte +ich – und da waren nur die steifen Gouvernanten – und sie und ich, wir +haßten uns.« + +»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte, +sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist +_das_ Parfüm. + +»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen +den Fabriken – das Haus war prachtvoll – aber doch in Berlin selbst +hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt – mehr Zerstreuung. Ich sah +oft die Herren aus dem Bureau – sie begegneten mir und grüßten – wenn +ich mit meinem Nero spielte – ja, ich hatte eigentlich bloß meinen +Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich +Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden – dann mußte ich +hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...« +sie stockte. + +Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde +Frau ... + +»Und da war einer – mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen +Schnurrbärtchen – so italienisch – bildete ich mir damals ein – Papa +sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam – +wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero +schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um +die Zeit, wo ›er‹ an seinem Parterrefenster stand. – Und ich war mit +einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken. +Und dann – einen Tag – es war im Juni – da warf er ein Briefchen +heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe +und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo +es wohl sein könne – und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde +vorbei komme, eine Antwort bringen – einen Zettel in sein Zimmer +werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so +fing es an.« + +Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und +erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen +von damals. + +»Wir trafen uns – hinter Zäunen – zwischen den Winkeln von Schuppen +und Lagerhäusern – da war keine Poesie – kein Wald – kein Mondschein +– keine Nachtigall – alles hatte gleich so was furchtbar +Verzweifeltes. – Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die +Seine werde.« + +Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße +Erinnern. + +»Dann verreisten die Eltern – ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus – +jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur +eine Tyrannin mich bewachte. – Und Miß Brown war sehr leidend – +benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh +schlafen zu gehen – es war ein so schwüler August. Ich starb vor +Sehnsucht – litt – o – dachte zu verbrennen – und da geschah es. – +Ich wußte ja nicht, was ich tat – ich war nur selig – selig ...« + +Sie erschauerte. – Sie flüsterte weiter. – Und es war, als ob ihre +raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien, +die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen. + +»Ich hab’ es nie begriffen – nie – daß das schlecht von mir gewesen +sein sollte – so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein –« + +Sie schwiegen beide lange. – Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner +Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter. + +»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit +ihnen zu sprechen – denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange +gemerkt – wie hätt’ ich daran denken können? – Und dann gab es einen +Zustand – o Gott – ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden. +– Hinrichtung ist ja milde dagegen. – Und Miß Brown flog hinaus – und +›er‹ schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er +mich heiraten wolle – und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur +spekuliert – Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit +ihm hinausziehen und betteln. – Dafür hatte Papa nur ein schreckliches +Gelächter. – Wiedergesehen hab’ ich ihn nie – nicht einmal Abschied +nehmen durfte ich. – Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika +– da ist er verdorben und gestorben – das hat Papa erst nach vier, +fünf Jahren gehört. – Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei +Papa und Mama war, wollte ich sterben. – Es ist schwer, zu sterben – +man weiß nicht, wie man es machen soll –« + +Sie seufzte. + +»Ich war noch ganz gebrochen – dann kamen die Eltern und sagten, ich +müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste – das +einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich – weil +ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. – Und ich dachte: +vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als +das, was ich zu Haus gehabt hätte. – Obgleich ... Bis auf den heutigen +Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in +Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die +Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.« + +Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm. + +»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes +Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl – böse Menschen flüstern noch +immer allerlei – und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen +schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. – Aber von wie +vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und +Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt +habe – soll ich nie mehr – nie – nie mehr die Glückseligkeit erfahren +– geliebt zu sein ...« + +Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre. + +Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung – + +Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die +ihren zu einem verzehrenden Kuß ... + + * * * * * + +Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht +hinaus. + +Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie +Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal +auf. – Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel +Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen +zuzumachen. + +Und aus der Sommernacht wehte so viel heran – fast wie Qual des Neides +– Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte – +Sorge vor schrecklichen Kämpfen. + +Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast +wie Brangäne vor. + +Märchenhaft – wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt +– und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den +Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der +Himmel. + +Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der ›Hohenzollern‹ auf, und aus +ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. – Und drüben +Travemünde-Strand – eine Reihe von Lichtperlen nur. – Und das +Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte. + +Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß, +und schreckte sie auf. + +Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. – Er +schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. – +Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle, +und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen +wartete ... + +Große Unruhe entstand an Bord. + +Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab, +sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer +Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. – + +Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da +und gab Befehle. + +Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem +Sitzplatz – in seligem Lächeln sinnend. + +Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. – Aber die +Treue wußte – dies verband sie beide auf immer. + +Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte +Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte +über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte +Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach +Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ... + +In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen – und zwei +Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ... + +Was denn? Ja – ganz gewiß. – Der Schlepper ›Primus‹ hatte die +Nachricht mitgebracht – gerade als er die Trave abwärts dampfte und +schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte +er einen furchtbaren Knall von dorther gehört. + +Wie von einer Explosion ... + + + + +8 + + +Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In +allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in +Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit +darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte +gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags +herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie +setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen +nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara +natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage +verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich +darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. – Die jungen Eheleute +wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. – Likowski, +der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen +Einladung, der er nicht folgen könne. + +Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit +ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der +Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den +Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück +erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn +sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der +Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das +Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung +gestört gewesen – nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und +die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen. +Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter +den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen +Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen +Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin +Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem +Kleinkram ihres engen Lebens. + +Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es +noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann, +ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?« + +Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging, +fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit +erhoben. Woher ihr die kam – sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer +wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und +jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr – sie +vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine +äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen. + +Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes +nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte +sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja +all seine Interessen und Freuden teilen – das war ihr ernster Vorsatz. +Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön – +fast, als sei es weniger – mühsam. – + +Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme +fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner +einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen +hinab. + +Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr +auch. Er fuhr auf und wurde rot. + +»Kathrin bat mich – ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. – Ich +kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau +recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.« + +Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten +Ärmchen frei – er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der +anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang – in diesem allerersten +zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß +selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold +erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde. + +Klara sah ihn an – irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu +sprechen. + +»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn +Geheimrat ähnlich ...« + +Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste +Kind, das ich je gesehen habe ...« + +Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann +hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und +bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte +ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den +Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst. + +Ja, so kleine Händchen können viel. + +»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung +ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht +zusammenfügen ...« + +O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! – Und warum nicht? Es gibt doch +Gefühlswunder, Wandlungen – man las so viel Schönes davon. Und was die +Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. – + +Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am +Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster +geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug +ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren +Ekel davor. + +»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara. + +»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die +Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen +will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge. +Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat +sich angesagt – eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik +will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus +Harburg zu erwarten.« + +»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert, +daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine +Pröbchen zu Füßen legen könne.« + +»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen +ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist’s ja nur ein Katzensprung. +Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen +und Gewichten. – Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht +noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge +Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, +billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt, +muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.« + +Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf +welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und +konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man +niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste +kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer +sechs. + +Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die +Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe, +die Klara heimlich bewunderte. + +»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern +selbst alle sprechen und sehen. – Auf dem Werk macht Wynfried ja +sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.« + +Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus +Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war. + +»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie. + +Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig +hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn +beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war, +verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er +konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit +Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war +auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das +ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war, +adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als +eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können – jene verborgensten, +geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller +Erklärbarkeit liegen. + +Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in +seinem brüchigen Zustand diese Stunden – auch ihm war’s im tiefsten +Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der +Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried +sich nur behaglich fühle ... + +Er sprach zu der eifrig Hörenden. + +»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines +blinden Nationalismus überall – der so oft Forderungen erhebt, die dem +eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes +zuwiderlaufen. – In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden +große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der +wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine +Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese +Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer +groß. – Und Schweden ist so klein – es hat auch keine Kohlen – keine +Arbeitskräfte – selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte +und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das +Rohmaterial abzunehmen imstande wäre – und sie könnte auch niemals in +einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen +zu verarbeiten. – Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer +– es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die +Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der +Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig +Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig – stell dir +das mal vor ...« + +Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art +vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen +soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in +dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je +sich zeigte, und sie scherzte ein wenig – denn das mochte er haben. Und +sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und +Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin +der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte +lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen +Vortrag zurück. + +So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr, +davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse. + +»Wenn du sagst ›man‹, meinst du mich,« scherzte der Geheimrat. + +»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben – auf Wynfried warten +– aber nur bis Mitternacht – später könnt’s ihm eher bedrückend als +erfreuend sein.« + +»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der +Hand – wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...« + +Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen +Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um +beim Zubettgehen zu helfen. + +Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus – der Lift mündete in der Nähe +des Eßzimmers auf die Diele. + +Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den +Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele +aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit +geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein. + +Der alte Herr atmete sie ein – sie tat ihm wohl. + +»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf +die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte +den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze +Dickicht des Parkes. + +Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser +große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer +und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein +überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer +Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem +Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und +seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so +aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen +und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne. + +Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren +des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr +hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und +ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der +Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem +beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön. + +So ließen sie die Minuten rinnen. – Da geschah etwas Furchtbares – +grauenvoll Bedrohliches – sie zuckten zusammen – ein dunkler, runder +Ton hatte die Luft zerrissen. – Die Gewalt der Erschütterung war so +groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging. + +Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie +konnte nicht einmal schreien – – + +»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. – Und er saß und war +gefangen ... + +Eine Explosion – irgend etwas war geschehen. – Ungewöhnliches – +vielleicht Furchtbares. + +Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach – ein, zwei +Sekunden – unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag – in +der Lähmung des Schreckens. + +»Durchbruch?« sagte der alte Mann. – Als Frage klang das in die jetzt +wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein. + +Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten. + +Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte +hinüberlaufen und fragen. – Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu +formen. + +Denn die junge Frau rannte fort – es trieb sie – rief sie. + +»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße +Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden. + +Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen, +federnden Schritten. + +Sie sah vor sich das Werk – war nicht alles wie sonst? ... Die vielen +kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in +ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch +von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das +Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die +dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als +hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die +weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu +erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer, +senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um +ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die +Wagen zu entleeren. + +Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern +und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von +schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen +aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand +dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der +dunklen Landschaft. + +Ein Blick – in solcher Angst – erfaßt in Sekundenschnelle viel – die +nächste Sekunde änderte das Bild. + +War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien +zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine, +durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen +gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch +der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht +zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher +erkennen konnte, geschah etwas Neues. – Dampf quoll auf, weißer, +dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles. + +Schon war die junge Frau am Tor – von Severinshof strömten Menschen +heran. – Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer +Ruhe riß – verängstete Frauen. + +Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. – Aber wie durfte er es +der Tochter und Gattin der Herren zurufen? + +Klara stürzte vorwärts – sie die einzige Frau unter den Scharen von +Männern. + +Nun sah sie – da am ersten Hochofen sah sie es – in kurzen Sekunden, +wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. – Ergoß sich ein Lavastrom +aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse +her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die +Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte? + +Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer +durchfressen. + +Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten, +machten sie allen Gasen freie Bahn. + +Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine +und Eisen zerbrach – und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr +nach. + +Es war ein ungeheuerliches Bild – wie dies Gedärm von fließendem Feuer +nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd +ergoß. + +Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge. + +Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem +weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. – Und doch hieß es +eingreifen – größerem Unglück vorbeugen – von all den maschinellen +Betrieben des Werkes Störungen abhalten – die vorbeiziehenden Bahnen +und Rohre vor der Schmelzglut schützen – die fließende Lava aufhalten. +Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den +Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken. + +Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von +Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor – +berannten das Stichloch – damit sein Tonverschluß zerbreche. + +Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. – +Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der +Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten. + +»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.« + +»Alle fort – Thürauf – mein Mann –« stammelte sie. + +»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig. + +»Nein – ich bleibe ...« Sie stand ja sicher. + +Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem +Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten. + +Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch +trieben, klangen durch die Wirrnis. + +Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen. + +Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang, +sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese +schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein +nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die +herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein +Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des +Vordermannes traf. + +Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner, +dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit +emporstieg. + +Auch die junge Frau schrie auf – sie drängte sich durch die Männer – +sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast +Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging +der Weg – durch Qualm und gasige Dünste – und da war das kleine +Rettungshaus. – Da war die Tragbahre – in Glasschränken alles, was +einem Verunglückten wohltun kann. + +Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt +kam, als er über den Knall erschrak. + +Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem +braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann – gefallen +auf dem Felde der Arbeit – ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich +dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte. + +Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag +fliegen. + +Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen +liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken +abwischte, um klarer zu sehen. + +Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters – +ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute +Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum +Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je – seine +Stirn war gefaltet – seine Finger zart, wie die eines schonenden +Weibes. + +Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem +nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten +Fleisches auf. – + +Dann kniete Klara neben der Bahre – und als der Arzt begann, mit +lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen +die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen +Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen +Arbeiterfäuste. + +Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter – er mochte die +Wohltat des Verbandes spüren – und vielleicht kam die Schwäche – jene +Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste +Milderung erlösend empfinden. + +Sein Blick – sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit – in dem +noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der +jungen Frau. + +Und es war, als sprächen sie zusammen. + +Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft. + +Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht. + +Tief neigte sie sich zu ihm herab – als wolle sie ihre Seele der seinen +nahe bringen. + +Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen. + +Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen – in dem +Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich +Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ... + +»Ich leide mit dir – sieh – ich hab’ mich niemals über dich erhoben – +hab’ nie hochgemut den Reichtum genossen – ich bin ein einfacher Mensch +wie du – deine Schwester – verzeih mir – verzeih Gott – verzeih dem +Leben – verzeih, daß du leidest – du sollst keine Sorgen haben – sei +tapfer – bleib mutig –« + +So stammelte ihr Denken. – Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten +Hände zum Arzt empor – ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben? + +Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage. + +Er sprach fest: »Ich hoffe.« + +Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log – sondern weil die Inbrunst +in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine +männliche Fassung fast zerbrach. + +Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte, +ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie +seine Schläfen – strich ihm das nasse Haar aus der Stirn. + +Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander – in schrecklicher Klage und +in innigem Trost. + +Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von +wilden Schmerzen verzerrte Stirn. + + * * * * * + +Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann +von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning, +noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch +aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen +hinaus ins Dunkel der Nacht. + +Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt. +Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski +sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit +stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh +vier Uhr begann eine große Marschübung. – Also: gute Nacht – + +»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte +Marning, während er seinen Säbel umschnallte. + +»Na ja, und ich dank’ Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie +mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn +Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit +Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen, +nach der Art unserer Absage, daß bei mir ’n großer Kommispekko für +Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien +fachgesimpelt – leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.« + +»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning. + +»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen! +Denn was anderes als dies unbestimmte ›Wir mögen ihn nu mal nich‹ können +wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich +zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher +Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang ’n Lebejüngling +war – nu – über so was wächst ja Gras – – Und dennoch: nee – ich +kann nu mal kein Herz zu ihm fassen – ich trau’ ihm nich – – Er ist +mir auch zu schön.« + +Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. – Und ihm wurde +auch jede Antwort abgeschnitten. – Ein Knall – dunkel und groß – von +dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in +Stücke. + +Sie sahen sich an – erschreckt nachhorchend – ein paar Augenblicke. + +Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher +anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder +gar auf »Severin Lohmann«? + +Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer +auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte +er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von +beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem +schwarzen Nachthimmel? + +Nein, nicht wie immer – da stiegen weiße Wolken – kochte Dampf auf. + +»Ein Unglück. Rasch, Marning – den zweiten Zug alarmieren – der +dritte soll sich bereit halten ...« + +Der Ruf: »Vollert – Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche +polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab. + +Sie griffen nach ihren Mützen und liefen. + +Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte, +und man sah eine weißbekleidete Schulter. + +Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen. + +»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben +brauchen. – Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein – wenn wirklich was +los ist – aber immerzu –« + +»Nun – anbieten müssen wir’s –« + +Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch +aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich +mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte. + +»Sie – Hornmarck – den zweiten Zug alarmieren – der dritte soll sich +bereit halten. – Laufschritt zur Fähre – drüben ebenso nach ›Severin +Lohmann‹ – immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. – Die +beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren – zum +Nachrichtendienst. – – Wir laufen voraus ...« + +Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre +führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder. +Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl +nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in +Hosen und dem blauen Hemd. + +Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er +selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer +Einwand: »Herrjes – in Büxen?« half ihm nicht. + +»Wat – Büxen! Is ja Sommertid – man to – man to!« + +Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne +Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr +los. + +Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der +dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle +Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in +großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der +Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe. + +Sie schwiegen. + +Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen: +weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das +junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück. + +»Gottlob!« dachte Stephan. – So brauchte er der Einen nicht zu +begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte. + +Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die +die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun +das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei – im +Laufschritt. – Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten +von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin – +neben ihm stand Leupold Wache. + +»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex. + +Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu. +Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin +Lohmann« begann. + +»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. – Und dieser Kerl +weigert sich, mich hinzufahren! – Mich zu verlassen! Mir meine Tochter +zu holen – und das Schaf – der Georg, der findet sie nicht – –« + +Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und +darf ich Herrn Geheimrat verlassen?« + +»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!« + +»Sie ist drüben – Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden –« + +»Was ist los? – Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier +sein. – Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...« + +»Oh – unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns +nichts nutzen – danke – danke – was los ist? Durchbruch! Ein Mann +verunglückt. – Und Schaden – schwerer Schaden – Produktionsminderung +auf zwei, drei Wochen – ich weiß noch nichts Genaues.« + +Er sah den atemlosen Georg heranrasen – zum drittenmal. + +»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten – da darf ich +nicht ’rein.« + +»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...« + +Stephan salutierte gehorsam. – Er konnte nichts sagen. Er ging. + +Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und +Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht. + +»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an +– vielleicht halt’ ich sie noch auf –« + +Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach, +während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem +früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging. + +Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in +schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand. + +Er kannte hier alles genau – oft und oft war er hier umhergegangen – +allein – mit dem Generaldirektor – mit einem der Ingenieure oder der +Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so +rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf +vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn +Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen +auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es +gekannt hätten. + +Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende +Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe – viel von diesem weißen +Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren, +zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen +her, glänzte unheimlich über das Gelände hin. + +Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem +Verunglückten beistand, mußte sie dort sein. + +Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen, +mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von +der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit. + +»Wir sollen ihn ’rüber bringen,« sagten sie. + +In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den +vollkommenen Einrichtungen. + +Stephan zauderte – durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil +die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im +Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun. + +Er öffnete die Tür. + +Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: – Da drinnen +kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des +Verunglückten. – – + +»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an – aber leise, – leise – +schwebt sozusagen – geht auf Eiern. – Schwester Ludmilla hat schon +telephoniert – alles bereit drüben.« + +Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen +zusammengebissenen Zähnen hervor ... + +Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last +davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die +zusammengepreßten Hände an der hellen Wand. + +Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm +Stephans. + +Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen – es gibt noch edle Frauen! – +Und den Mann mach’ ich gesund – wenn Gott uns nich ganz verläßt – dem +Tode aus ’m Rachen reiß’ ich ihn. – Ja ...« + +Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben. + +»Edle Frau,« dachte er – »edle Frau –« + +Sie hörte ein Geräusch – sie hatte gedacht, sie sei nun allein. – Sie +brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen – +das Geheul des armen Menschen – und der betäubende Geruch – Jodoform +– verbranntes Fleisch – furchtbar! – Sie war wie benommen. – Von der +Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. – Nun schreckte ein Schritt sie +auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie +Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung. + +Und erschrak – und erglühte. – + +Sie starrten einander an. – Auch er von ihrem Schreck ergriffen. – – + +Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft. + +»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater +beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.« + +»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme – wie eine Zerstreute war +sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke – ja – Vater –« + +»Er war in großer Angst um Sie.« + +»O – keine Ursache – gar keine ...« + +Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf +und schritt hinaus. – Er folgte ihr. – Draußen waren ein paar Leute – +sie wichen ehrerbietig zurück. + +Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im +beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel – +das Haar zerzaust – das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen +Linien durchzeichnet – da hätte man sie wohl eher für das Weib des +Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes. + +Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der +einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau +mitbetroffen. + +Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ... + +»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...« + +»Eine Minute ...« flüsterte Klara. + +Nein, so nicht vor den Vater treten – er würde sich entsetzen. – +Fassung – Haltung ... + +»Eine Minute,« sagte sie noch einmal. + +Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der +auf die Straße mündete. – + +Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander +verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen +sich hinzogen – da war Ruhe. – Die Sommernacht wohnte hier – und die +schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. – Vom Werk her +kam ein blasser Schein. – Sie konnten einander deutlich erkennen – +jeden Zug der Angesichter. + +Sie strich sich über die Augen – mit schwerer Hand. + +Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an – lange. + +Und langsam kam das Entsetzen über sie. + +»Nein ...« stammelte das junge Weib – »nein ... nein!« + +Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ... + +Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich +rasender Verzweiflung aufging. – Nicht wissen, nicht hören, was die +seine betäubte ... + +Stark daran vorüber! – + +»Eine Frage,« sprach er leise – kaum seiner Stimme mächtig – »eine +Frage! – Ich gehe von hier – sobald ich kann – aber eine Wahrheit muß +ich hören! – Sagen Sie es mir – geben Sie mir dies Wissen mit ... +Warum haben Sie ihn geheiratet –« + +Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage +an sie stellen durfte – er der einzige, dem sie Antwort geben mußte. + +Sie faßte sich. + +»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn +Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. – Nein. – Er hat mehr an uns +getan. – Er hat meine Mutter geliebt – und vor ihrer Würde seine +Leidenschaft bezwungen – mein Vater hat sein Vertrauen verraten – ihn +um Hunderttausende geschädigt – sich erschossen. – Und er hat den +Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter +ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...« + +Er hörte – und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung. + +»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau –« ein +halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. – – + +Nun konnte er gehen – hinaus in ein einsames Mannesleben voll +Entsagungen. + +Aber er nahm ein reines Bild mit. + +Dennoch – er war ein Mensch – ein junger Mann – und die starke Liebe, +die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ... + +»Ehen lassen sich lösen –« + +Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich +zu einem dumpfen Getön – gedämpft, zuweilen fast sanft. + +Die junge Frau horchte – hob ein wenig ihr Haupt – als wolle sie mit +allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich +die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er +ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der +dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« –? +Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging? +Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und +gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie +nicht wie ein tröstliches Lied? + +Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre – ich +höre ... + +Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich +lösen –« + +»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. – Und ihre Fassung wollte +zerbrechen ... + +»Ich wußte, was ich tat. – Liebe vielleicht kann enden. – Aber Pflicht +nie – wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist – und – immer +sein wird. – Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater +verließe und mein Kind ...« + +Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. – + +Er begriff, es hieß: Lebewohl! + +Er nahm die Hand und hielt sie lange. + +So standen sie im Helldunkel der Sommernacht. + +Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die +Würde, in Reinheit zu entsagen. + +Dann löste sie ihre Hand aus der seinen – schonend – leise. + +Und er ging. – – + +Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße +dahin, zurück nach dem Hause. + +Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt. + +»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning, +der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll. +Der alte Herr is was nervös – o jeh. – Na und Sie, Frau Klara ...« + +Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen +und gleiche einer Nachtwandlerin. + +In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ... +Sie konnte nur schweigen. – + +»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt – ich hab’ einfach selbst +den Stuhl geschoben. – Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen +wiedersieht –« + +Ja, da war er dann auch ruhig – er streichelte Klaras Hand und sah sie +an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. – Aber er schalt nicht. – Er +dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. – Auch ihm, dem +Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der +Riesenfaust des Eisens und des Feuers. + +»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!« + +Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?« + +»Sylvester hofft es.« + +»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?« + +Klara wußte es nicht. + +Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls +bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben. + +»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl –« + +»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin. + +Aber nun wollte er zur Ruhe. – Was? Gerade schlug die Uhr auf der +Diele. – Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur +Wynfried? + +Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch +seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der, +wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. – + +Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit. + +Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken – wie ein +Erstaunen: ich bin ja nie allein. – Ihr Eigenleben war wie erdrückt und +verdrängt von dem Leben um sie herum ... + +»Gute Nacht, Vater!« + +Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend. + +In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als +es klopfte – sie erschrak. – Warum? Ihr Mann mußte doch endlich +heimkommen. + +»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?« + +Und er trat ein. + +»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du +nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So +wurde es spät,« sprach er. + +»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?« + +Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer +Kommode stand. + +»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. – +Durchbruch – na ja – ziemlich aufregende Geschichte. – Und in diesem +Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen +Lieferungen abzuschließen hofften –« + +Wie merkwürdig – das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging +weiter – wie jeden Tag. – War es denn nicht ein neues und von Grund +aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck? + +Wynfried war unruhig – anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine +Worte liefen so – als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken +der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch +den Dienst auf dem Werk gefährdet. – Aber wie sonderbar – er wußte es +doch wohl nicht – er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden, +den sie hatten – erwog Zahlen – ging auf und ab in seinem weißseidenen +Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips +des Kaiserlichen Jachtklubs. + +»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den +Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl +noch nicht.« + +»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm +– bloß Judereit – ein Wasserpolack – kenn’ den Kerl zufällig – war +neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde – war in +wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof +geworden. – Der Vater hatte sich beschwert. – Der Judereit wollt’ sie +zum Weib – sie will aber nicht. – Ja, die Leute haben auch ihre +Romane.« + +»So leidet er tausendfach,« sprach sie. + +»Na nu – so schroff?« + +»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. – Und es war so aufregend ...« + +»Also denn gute Nacht.« + +Und er küßte ihr die Hand – sehr ritterlich – mit Allüren, als sei +hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. – + +Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es +ihr wie eine Beglückung. + +Allein – feierliches Dunkel – kühles Leinen um die erschöpften +Glieder. + +Das tat wohl. + +Und denken können – denken! ... + +Aber ihre Gedanken zerrannen. – In eherner Gewißheit stand ihr +Schicksal vor ihr. + +Aber sie fühlte: es war nicht klein! + +Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der +herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt – durch sie, durch seinen +Enkel. + +Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden. + +Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe +geschlossen. – Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit +– Treue – dieser Inhalt war _unumstößlich_! – Die Gründe, um +derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort. + +Sie dachte an den anderen Mann. + +Nun wußte sie es. – Sie hatte ihn immer geliebt. – Von jenem ersten +Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren. + +All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst – es +war die Furcht vor dieser Liebe gewesen. + +Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen –! + +Aber nein – nein – lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen +verzichten. + +Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht. + +Nur seine Augen hatten gesprochen. + +Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! – Sie fühlte es in +beseligender Erschütterung. + +Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück. + +Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen. + +Da fiel ihr etwas ein. – Sie drehte das Licht auf. – Sie glitt aus +ihrem Bette. – Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein +weißes Paketchen – es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene +Karte. – Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge +aufgehoben hatte. – Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht +behalten. + +Sie holte sie hervor – sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die +Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost – ganz hinten an die +Rückwand des Feuerloches. + +Da war auch noch die Karte – sein Name – wenige, förmliche Zeilen von +seiner Hand. + +Klara sah lange diesen teuren Namen an – las ihn – als enthielten +diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und – ihrer +Liebe. + +Sie hob das Kärtchen – zauderte ein wenig – und leise, leise hauchte +sie einen Kuß auf die Schrift. + +Und zerriß das kleine Blatt – + +Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf. + +»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!« + +Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. – +Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr +Verlorenen, der ihr nie gehört. + +Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen. + +Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein. + + + + +9 + + +Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war, +hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit +kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski +als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der +gewaltigen Armee. + +Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt +nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das +rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in +Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem +Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der +Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich +soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten +Sekt – deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski +merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder, +oder! + +Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller +unterm Schädel. + +Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam +noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen. +Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die +Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk +pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es +sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht +eingetreten. + +Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf +der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine +Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war +die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich +zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke +Wolken einher – weiß und grau. – + +»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der +Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied. +– Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende +Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und +Fach sein. + +Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm +der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn +Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. +Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine +Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den +sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal +sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen +müsse. + +Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen +Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch – +denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf +das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im +verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner +Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber +das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! +Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland +fürchtete es. – Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen +zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod +versöhnen würden. – + +»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat +sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar – aber +der ewige Druck wär’ auch schädigend. – Und dann besser endlich mal die +Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk +will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag’ nur: Siegen! Merken +Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns ’ran +fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man +spürt’s an dem Landvolk hier herum. – Gestern in der Menge war’s zu +merken. – Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. – +›Deutschland, Deutschland über alles‹ haben sie gesungen, als die +Schiffe um die ›Hohenzollern‹ kreisten. – Ein Jubel zum Kaiser empor! +Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.« + +»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu. + +»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich +denken kann, hab’ ich davon geträumt. – Meine Mutter hat mir’s, ihrem +Jüngsten, eingeimpft: ›Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen +würdig‹. – Mein Vater hatte das Eiserne erster – starb an den Folgen +seiner Verwundung – hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen +und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. – Dann ging’s nicht +mehr, und er siechte langsam hin. – Meine Mutter hat ihren Vater und +drei ältere Brüder verloren Siebzig – sie war ’ne ganz junge Frau – +ihr erster Junge war unterwegs. – Ja, wir wissen’s – das kostet unser +Blut! Nun, wir sind Soldaten!« + +Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht. + +»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei +Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?« +sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese +Frage begrübelt. + +Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag +über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen +Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht – nicht leicht +bewilligt. – Aber es mußte sein ... + +Likowski war starr. + +»Wa–as ...?« + +»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er +war sehr entfärbt – graublaß flog ein Schein über sein bräunliches, +verbranntes Gesicht. + +»Ich versteh’ immer: ›Versetzung!‹« sprach der Hauptmann, blöd tuend. + +»Bitte, Likowski – verzeihen Sie mir.« + +»Mensch! Kam’rad! Marning! Freund! Nee – das is doch Unsinn. – +Verset – – – Aber nee. – Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch +obenein!« + +»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. – Dies +gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den +bedeutenden alten Mann da drüben. – Verzeihen Sie mir. – Es muß sein. +Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann, +wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher +zurückkommen.« + +Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit +durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so +rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch +über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen. + +»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in +solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur +Mobilmachung kommen.« + +»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. – Sie meinten es +doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger +für uns. Aber wenn auch – es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und +wann ihn der Ruf trifft – er hat zu folgen.« + +Der Hauptmann schüttelte den Kopf. + +Diese Dringlichkeit, wegzukommen – nicht mal die Versetzung abwarten – +gleich auf und davon in Urlaub. – Was war denn los? – Aber er fragte +nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal – das kann ich nich so gleich +fassen. – Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment – in +das Sie als junges Küken eingetreten sind. – Nee Marning –« + +»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison +wechseln.« + +»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren – knapp! – +wann war’s doch? Mai vor’m Jahr. – Und nu wieder weg! Auch ohne die +gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier +mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone +soll ja nicht mehr zerrissen sein – wir sind noch von den wenigen, die +auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in +der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir +werden dorthin verlegt –« + +»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst. + +Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu +natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen +Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er +wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen +Baronin? Nein, vor so ’ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht +weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche +Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt +hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin +kokettierte – offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber +schicklich schien. + +Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß +gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor. + +Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen +Menschen und Verhältnissen zu tun hatten. + +Also – wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete +Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war; +keine zudringlichen Fragen. + +»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft: +Sie sagen: es _muß_ sein – da darf ich nur noch schweigen,« sprach er +bekümmert. + +Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter +ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand +regungslos in der schwülen Luft. + +Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm +teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in +seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter, +ein unermüdlicher Erzieher! – Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort +sagen – daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu +beweisen – ja, es gibt auch solche Lagen – und auch sie fordern +stillen Heldenmut. – Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die +fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. – + +Unmöglich. – + +Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß +das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. – + +Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes +Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen +dalag. + +Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem +Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von +Soldaten. – Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es +verschlungen? Was war geschehen? + +Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen +– so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen +und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte +unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen +gehalten. Da trat der Gaul hinein – es war ein ganz ungeahntes +Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es +riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert. +Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln +lösen wollen – nur dem Linken war’s gelungen. + +Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der +Gliedmaßen da. + +Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. – Schon +stürzte alles herzu. – Stephan schwang sich vom Pferde – kniete neben +dem Hauptmann – wollte ihm aufhelfen. – Hornmarck griff zu – von der +zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere – kräftige Fäuste +brachten das Pferd in die Höhe – es war unbeschädigt. + +Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen +blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen +entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer +kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. – Die singenden Töne in +seinen Ohren verstummten aber rasch wieder – er wußte, wo er war – was +mit ihm war. + +»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht – schändlich ...« + +Und er biß die Zähne zusammen. + +Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des +Unterschenkels davongetragen. + +Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. – Seine Lebensgeister +waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage. + +»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! –« + +Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die +Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen +Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im +Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es +geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen +flammenden Blick des Zornes erhielt. + +»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an – ich mein’: +egal, wie weh es tut – ich mein’: vorsichtig – daß die Sache nicht +schlimmer wird –« + +Und dann richtete er sich an Marning. + +»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein – Und wenn’s ein +simpler ist – was? Der heilt schnell?« + +»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit, +geradezu mütterlich. + +Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde +Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie +sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der +Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als +Kissen unterm Haupt – Stephan als Wache und Pfleger – ein paar +Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus, +um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem +Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne +brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die +schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu +bedecken. + +»Hier lieg’ ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene +Karikatur – sieht ’n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus – ist bloß +’ne Albernheit!« + +Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen +gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da +wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten +kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem +Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller +Schmerz. + +»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn’s nun losgeht und ich lieg’ +da – ich schieß’ mir – bei Gott – ich schieß’ mir ’ne Kugel durch ’n +Kopf!« + +»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung +kommt – dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach –« + +»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde +sitzen. – Und wenn ihr mich ’raufheben und anschnallen müßt. – Die +besten Chirurgen her. – Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap – +das ist mir nich genug – in Lübeck soll’s ja ’n großen Professor geben +– her mit ihm.« + +»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl +gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie +sich doch bitte!« + +»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht +in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär’ ich alle Ärzte +für Charlatans.« + +Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich +in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen. + +»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in +vierzehn Tagen reiten – wenn vielleicht auch noch nicht allein +aufsitzen.« + +»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning – Ihre Versetzung +... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen – bis ich +selbst wieder so weit bin!« + +»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß +ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.« + +Sein Gesicht war verschlossen – sein Blick in die Ferne gerichtet – +ernst und fest. + +»Der hat was Schweres – was Großes,« dachte Likowski, »und macht es +still mit sich ab.« + +Wie schwer wohl! – Wenn’s nicht mal einer treuen Kameradenseele +anvertraut werden durfte ... + +Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein +aufzuckender Schmerz seine Gedanken. + +»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?« + +»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.« + +»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...« + +Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die +sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße +war nur obenauf feucht – ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und +man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in +den Boden stecken. + +Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung +zuzuwedeln. + +»Nee – nee, Kinder – das nu nich – hier is nich Finale erster Akt +Lohengrin – setzt euch da hin – man immer mitten ’rin ins patschnasse +Gras – vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. – So – nu – +Donnerwetter ...« + +Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des +Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der +gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie. + +Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten. + +Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über +Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen. + +Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser +Woche – in der nächsten vielleicht – die Mobilmachung begänne! Das +machte ihn toll. – + +»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine +Maschinenschlacht werden?« sagte er. + +»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben +wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein +muß und wird. – Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten – Mut, +Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# – ja mein Gott – ist +ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln – +ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im +letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann +ankommen – auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. – +Und es wird nicht daran fehlen –« + +»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! – Es sind auch meine +Gedanken. – Die geben den zähen Mut zur Arbeit –« + +»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die +anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!« + +In der Perspektive der Chaussee raste was heran – Der Lazarettwagen – +der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen. + +»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser +Augenblick schon als Beginn der Heilung. + +In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die +provisorische Einschienung, der Rücktransport – das kostete Mühe und +Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da +war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf +und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit +sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr +ergebenes Altfrauengemüt. + +Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und +geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß – wenn auch recht grimmig – +zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff. +Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da – großartig +eingeschient – getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und +glatt wieder zusammenwachsen würden – frisch, als sei überhaupt gar +nichts passiert. + +Und er neckte die strahlende kleine graue Alte. + +»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige! +Na – was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu +haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag’ ich Ihnen gleich: es wird +’ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall – Sie wissen in was für +einem! – ganz einfach die Treppen ’runter und weg – so wie ich da bin! +Das Wasserglas hält wie Eisen.« + +Die Alte lächelte selig verlegen – und wehrte den schändlichen +Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab. + +Stephan sah: er konnte nun gehen. – Er kam erst gegen zwei Uhr zu +seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. – Aber +darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das +gab’s doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher +Empfindung heraus, den Teller bald von sich – er saß und starrte auf +das Tischtuch nieder. + +Ja, nun wurde alles anders ... + +Sein Gemüt war schwer. + +Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau +schuldig war. + +Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß +seine Pflicht ihn hier noch hielt. – Aber er wußte von selbst: sie +hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden! + +Sie kannten sich ganz genau – ohne Worte. – Ihre Seelen sprachen +zueinander – ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen – +übertrug sich von einem zum anderen. + +Sie waren füreinander bestimmt gewesen. + +Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen! + +Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen. + +Und die Frau ehren, die er liebte! + +Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen +durfte. + +Fort aus ihren Wegen! + +Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn +fortgewiesen. + +Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein – nein«, womit sie seinen Blicken +abwehrte, hallte immer in ihm nach. + +Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung +strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ... + +Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual +und Not grübelte er darüber nach. + +Er mußte ihr Recht geben. + +Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt. + +Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück – +sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem +Pflichtgefühl. + +Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein. + +Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht +erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung +bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still +beiseite ging und fern und einsam litt. + +Fort aus ihren Wegen ... + +Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. – Er merkte unterwegs: es +tropfte – jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die +einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. – Und da fuhr auch +ein Blitz nieder. – Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen. +Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein, +daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten +war auch das vorbei. – Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all +der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ... + +In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster +geschlossen gehalten. Luft! – Fenster aufgestoßen! – Die Litewka her. +– Eine halbe Stunde Ruhe. – Um vier wieder Dienst. – + +Voß meldete: da liege ein Brief. + +Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren +auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener +Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang +gerichtet, wenn er heimkam. + +Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn +gebracht. + +Stephan sah schon – das waren die Schriftzüge des Geheimrats. + +Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben +bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen – ja, daß sie gar +nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe. + +Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben +spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt: + +»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul.« + +Und als er las, wuchs seine Unruhe. + +»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht +Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen +bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn +miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten +darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.« + +Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht +aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm +unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis +traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und +Wort, steif, fremd tun – vor den durchdringenden Augen dieses Mannes! +Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer +töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. – Ihr Wesen war heiterer, +offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand – wenn all +ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. – Und +sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? – +Nein! + +Er ging hastig auf und ab und dachte nach. – Sein Dienst – der +verunglückte Kamerad – dieser Ruf nach drüben ... + +Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm. + +Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten +Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen. + +Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich +seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes. + +Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht – er hatte diesen vertieften +Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar +nicht bemerkt. + +Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand +ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum +vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner +nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan +eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für +ihn voll geheimer Aufregungen war. + +»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse +vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum +Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall +zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.« + +Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und +Glied im Zuge ab. + +Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll +Ruhe. + +Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr +Haus betrat. + +Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds, +den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. – + +Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir? +Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der +beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß +bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum +waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging +Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er +noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll +sofort meinen Brief hinübertragen. – Ach – Klara! Mein Kind – Ich +hab’ schon gewartet, wo du bleibst!« + +Sie küßte ihm die Stirn. + +»Guten Morgen, Vater – ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht +der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam, +hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen, +als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja – halb elf kommt Lebus.« + +»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug +von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst +dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch! +Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?« + +»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und +ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr +gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und +ihm verzeihen.« + +Der Geheimrat lächelte. + +»Du bringst sie noch zusammen.« + +»O nein,« sagte Klara, »nein – wie sollte ich das wagen. – Wenn sie +ihn nicht liebt ...« + +Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie +hatte es zu leidenschaftlich gesagt. + +Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara +wollte diese Befangenheit zerstören. + +»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall +depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort +zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach – vom +Chauffeur ...« + +»Nicht der Chauffeur. – Denk dir – von Wynfried!« + +»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute +früh mit der ›Klara‹ nach Warnemünde gesegelt – begleitet als Outsider +die Wettfahrt – wollte doch an Bord übernachten?« + +Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk, +in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine +Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot +nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte +den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des +Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am +Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die +Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am +Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach +Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an +Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen +des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu +entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid +zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr +Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend. + +Aber nun konnte sie nicht. – Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und +Lärm und Frohsinn. – Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer +zusehen? Diese Augen voll Qual? + +Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben +gegangen? – + +»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen +Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest +du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu +besuchen.« + +»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt’ ich +nicht vermutet. – Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe +nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?« + +»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen. +– Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei –« + +»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. – Das ist ihre Mission, ihr Beruf, +ihr Schicksal,« lachte Wynfried. + +Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte +sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater. + +So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich +hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den +dänischen Inseln hinübersegeln werde. + +Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem +Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet: +Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas +allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das +Gewitter sei dazugekommen – er habe den schweren Seegang gefürchtet, +etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um +sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre. + +Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ... + +Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen +einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte +aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem +Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es +gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind. +Ein Billett, das aus der Hand fällt – der Fahrplan, der aussagt, daß um +diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein. +– Was für törichte Mißtrauensgedanken. – Wozu brauchte Wynfried +Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. – +Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn. + +Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch +nicht felsenfest im Glauben an ihn sei. + +»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat +nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja – Marning.« + +Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen – +war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort +verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen – ein Offizier ist +kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne. + +Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen. + +An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher +Begegnungen voll Heuchelei hängen. + +Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um +Entschuldigung bitten – ich war so lange nicht bei Agathe – ich wollte +sie heute am späteren Nachmittag besuchen – wenn sie mich dann zum +Abendbrot –« + +»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan +hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört – ich fürchte, es gibt +noch was – wie sticht die Sonne! – Im Grunde ist es vielleicht ganz +gut, daß ich Marning allein habe. – Möchte viel mit ihm reden reden – +Wichtiges.« + +»Du?!« fragte sie. »Du – mit ihm?« + +Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da – die Hände um +ihr Knie gefaltet, vorgebeugt – und dachte immer: »Es ist doch schwer. +– Das muß ich lernen –« + +Gleichgültig von ihm sprechen. – + +»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns +zu kommen!« + +Sie fuhr in die Höhe – stand leichenblaß da – ein Laut brach von ihren +Lippen – fast ein leiser Schrei. + +Das kam zu jäh – darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht +vorweg mit Haltung umpanzern können. + +Und der alte Mann sah sie an – in einem tiefen Erstaunen, das in eine +langsam heraufdämmernde Angst überging. + +Was war das? ... + +Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend – ja +befehlend: »Das wirst du nicht tun!« + +Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin. + +Und was flammte denn in ihren Augen? + +Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher +Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?« + +Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen +und sagen: »Weil ich ihn liebe – weil ich es nicht ertragen könnte, ihn +immer, immer sehen zu müssen ...« + +Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her. + +Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!« + +Wie ein Segen kam der Gedanke über sie. + +Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung +mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen. + +Sie begriff, nun hieß es: lügen! + +Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde +schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden – +nein, die konnte und sollte er nicht tragen. + +Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen – – + +Woher eine Lüge nehmen? + +Lügen müssen glaubhaft sein – sonst sind sie noch schlimmer als harte +Wahrheiten. + +»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen +solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?« + +Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten +gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen, +liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen +Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in +zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem +urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische +Begabung festgestellt hatten. + +Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte +sie nichts. – + +So blitzschnell das alles durch sie hinging – sie fühlte doch: dies +große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr +eingefallen war. + +»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen +heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten +kann.« + +»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem +Einfall gesagt – er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. – Und +Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter, +der ihn entlastet. – Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so +eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann, +wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen: +sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. – Es ist nicht diese +umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche, +Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über +den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis, +ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche +Aussichten für ihn, der so arm ist ...« + +Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten – +fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand. + +»Nun – dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören, +was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?« + +Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch! + +»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur! + +Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden. + +»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk’ ich, +du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren +Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal +nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein +Großvater begonnen.« + +»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken +Kurzsichtigkeit – vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken +umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit +fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und +zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein +Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die +Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die +Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße +Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir +dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen. +Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden +können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die +Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich +gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder +zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke +verwerten.« + +Er seufzte. + +»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese +Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. – +Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu +Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die +vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt +das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man +scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich +vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. – Es muß doch wohl so +ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.« + +Nun dachte Klara: er ist abgelenkt – er sucht nicht mehr, weshalb ich +so erschrak ... + +Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn +Zerstörungen drohen. – Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an +mein Haus herankommen? ... + +Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit +einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer +Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert. + +Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend. +– Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf +Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft +leistete. – Ach – ja – und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau +Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von +Likowski hatte ...« + +Der Himmel verdüsterte sich und ward hell – dies launische Wetterleben +da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold +noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig +dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen. + +Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat – gerade heute +nicht. – Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn +konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn +herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem +Einfluß werden. – + +Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als +der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des +Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut +ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon! + +Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll +ausgestoßenen Befehl – sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren +Augen flammte. + +Und er fragte sich kaum noch – er _fühlte_: sie flieht vor diesem +Mann! + +Sein Ausdruck wurde gramvoll. – + +Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr +hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in +geschlossener Karosserie nicht ertragen. + +Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für +die Nerven. + +Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell +huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete +das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf +rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen +hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte. + +Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der +Seele Ruhe auf. – + +Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee +hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von +Lammen führte. + +Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht. +Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr +Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen. + +Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in +gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er +herausgerannt. + +Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag +abgereist. + +Klara sagte: »Abgereist?« + +Das klang fragend und erstaunt – während sie nur dachte: nun komme ich +zu früh zurück. + +Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich +vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich +habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.« + +»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.« + +Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke +Ehepaar würde sich vielleicht wundern. – Gleichgültig. – Und so +brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit +dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. – – + +In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr +seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des +väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm +hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten +will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört. +Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von +nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso +erschrecken wie Klara?« + +Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren – er mußte! + +Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner +Tochter. + +Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. – + +Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der +Freiherr von Marning gemeldet. + +»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er. + +Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte +schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach +lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so +jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen, +wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte. + +Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm +den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und +er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter +auszufahren. + +Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes. + +Stephan dachte: ich habe es gewußt! + +Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache +hergerufen sei. + +Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete +seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer +vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem +Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei. + +Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und +Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle – um mit ihm nach +Befund und Gefallen zu verfahren. + +Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ... + +»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich +herzlich Teil an Ihnen nehme.« + +Stephan verneigte sich im Sitzen. + +»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den +gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich +durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige +Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.« + +»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie +zu richten?« + +»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten +antworten.« + +»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?« + +»Vollkommen, Herr Geheimrat.« + +»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu +haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein +Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein +gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf +Begabung schließen – nicht nur von den Künsten, sondern auch von +wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was +meinen Sie?« + +»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das +stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen +hingezogen, wie ich sie auf ›Severin Lohmann‹ kennen lernen durfte. Wie +sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um +die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und +all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen +mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist +lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all +dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!« + +»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur +Industrie überzugehen?« + +»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den +Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers +und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten +haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.« + +Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber +ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe +gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie +was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten +mich auch gar nicht studieren lassen können.« + +»Und jetzt?« + +»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe! +Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.« + +»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr +überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung +machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege +angehörig bleiben.« + +»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen +Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange +beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter +Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin – wenn ich mir’s auch +zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.« + +Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter? +Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um +»Severin Lohmann«. + +»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht +gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der +Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren – sich dann noch +ein halbes Jahr praktisch umtun – das wäre schon Vorbildung, die Sie +natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber +doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie +von vornherein in die obere Laufbahn brächte.« + +»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich +habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung +gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu +beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein +Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und +eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das +Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate +ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp +oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen +Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können – +eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. – Und so muß ich +verzichten.« + +Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie +viel Zulage haben Sie?« + +Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig +Mark, Herr Geheimrat.« + +»Schulden?« + +»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang +an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.« + +Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein +Hochgefühl wallte in ihm auf. + +Ja, so gibt es Tausende – Tausende. – Mit einer knappen Zulage. – +Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche +schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. – Aber sie zu +ertragen, ist ihr Stolz. + +Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft! + +Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede +fordert. + +Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt +nicht mehr richtig sieht. + +Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde. + +Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin. + +Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte – er +ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. – Und +er wurde weich – sehr weich. – Er hätte am liebsten in kindlicher +Verehrung die Hand des Alten geküßt. + +Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf. + +Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden. + +»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln, +»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen +sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei ›Severin Lohmann‹ +eintreten?« + +Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit +fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen +begann. + +»Hier?« sprach er sofort – ließ keine, gar keine Pause aufkommen, +»hier? – auf ›Severin Lohmann‹ sein? Hier? Jeden Tag – immer? – Nein. +Nein! Ich – ich – danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.« + +Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er +setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich +um Versetzung ein. – Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon +heute zu tun. Ich danke gehorsamst –« + +Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den +starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die +Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen. + +»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben +wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es +nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der – der auch – ein +– Mensch ist ... der gelitten hat –« + +Diese zitternde Stimme – zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft – +erschütterte Stephan. + +Und doch sprach er leise und fest: »Nein!« + +Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!« + +Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. – Er tat, wozu es ihn +schon vor Minuten hatte hinreißen wollen – er neigte sich tief und +küßte die Hand des alten Herrn. + +Fast wollte seine Fassung zerbrechen – ein Übermaß von Empfindungen +stürmte durch ihn hin. – Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir, +daß ich deines Sohnes Frau liebe. – Als schwöre er: zwischen dieser +edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. – Als flehe +er: versteh doch, daß ich gehen muß. + +Dann richtete er sich auf – stand voll Haltung. + +Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand. + +Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen! +Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im +Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne. + +Dann grüßte er militärisch und ging. + +Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen +bleiben. – – + +Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn +nicht mehr offenbaren können als dies eine. + +Nun hatte er keine Zweifel mehr. + +Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen. + +»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis. + +Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist? + +Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden +aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen? + +Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld, +die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal« +nennt? + +Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so +geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht! + +Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein! + +Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter +gewinnen. + +Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn +Neigung habe. + +Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung +darbringen zu können. + +Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen, +indem er ihre Tochter in sein Haus zwang. + +Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben – denn sie +war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens. + +Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre +Mutter gewesen. + +Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der +Tochter ... + +Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal +spielen? + +Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst – sei frei! + +Aber das war ja ganz unmöglich! + +Er dachte an seinen Sohn – an den anderen Mann. + +Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn +war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes – +ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig. + +Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht +seinen entsagungsvollen Weg ging. + +Ja – dieser wäre Klaras würdiger gewesen ... + +Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten! + +Wie er selbst einst gelitten ... + +Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten +verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen +Geheimnissen – diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über +jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe – sie +wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß +Klara sich in heimlichem Gram verzehre. + +Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum +hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst +und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich +tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen, +die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts. + +Was sollte er tun? + +Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen +Weibes. + +Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite +fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich +hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen +Frau. Dennoch aber – das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen, +daß er daran glaubte – dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte +dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden +Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen. + +Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!« + +Das klang immer so flach, so äußerlich – es hatte ihn schon oft +verletzt. + +In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von +Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung. + +Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen +gelebt hatte. + +Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören? + +Unmöglich. + +Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses! +Sein Enkel – sein Stolz und Glück! + +Unmöglich! + +Das junge Weib – das Kind – das Werk – alles _eine_ Zukunft +zusammengeschmiedet. – Unzertrennlich. – + +Wie sollte sich das alles lösen? + +Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt. + +Zum erstenmal fühlte er sich müde – sein herrischer Wille – sein Zorn +– sein Schmerz entglitt ihm gleichsam. + +Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier +eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. – + +Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher +Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück +nüchtern wegwaschen. + + + + +10 + + +Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs +hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der +ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache +keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch +nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn +zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung +nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine +Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei. + +Er sah sich schon lahmend und außer Dienst! + +Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr – es war Wut. + +Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge +würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer +Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen, +dazu war er nicht der Mann. + +Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten’s in den +Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten – deren Nerven seien +eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich. + +Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war +nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können. + +Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man +es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. – Es +schien kein Zweifel mehr. + +Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las +ja Zeitungen – immer mehr – Zeitungen aller Parteien. – Und er +spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht +durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit +erglühten – das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige +nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit +Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu +sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich +sein Gespräch, seine Frage. + +Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen +zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt +Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders +von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die +einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung +erleben, wenn’s überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster +Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir +überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören? + +Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von +gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott +allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und +gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem +nicht morgen die Pferde weggeholt würden? + +Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar +mitmußte – stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande – bloß +erst die Ernte ’rein – dann war man hinterher auch leistungsfähiger. + +Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der +Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit +seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt +der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der +sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in +Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich +einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe: +ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor +Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein +Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch +nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes +zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und +Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange +Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht. + +Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem +Bett – was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand – und erzählte, +daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht +nach Sensen. + +Und die Kameraden kamen. + +Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es +Blick und Händedruck ... + +Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem +14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets +unsere Reserven. – Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so +rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen +sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die +Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben +frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also: +wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!« + +Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß’ mich tot, wenn’s losgeht +und ich bin ein Krüppel!« + +Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure +Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach +erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft +gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue +Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom +Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von +keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab. + +Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter +würde! + +Als sei damit dann viel geklärt. + +Aber es wurde kein Schönwetter. + +Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre +ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß. + +»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal. + +Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten +Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst +unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß +man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse. + +Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« – womit ein für allemal +die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren – niemand kam. + +Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit +erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem +eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt. + +Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon +einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche +nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo +bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte +er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie +noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht +schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe – aber natürlich +nur »beinahe« – erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie +keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend +sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen +mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ +sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat +wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde +einmal an seinem Lager zu spüren. + +Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie +wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel. +Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen +Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben, +ihre Pflegemutter wiederzusehen ... + +Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann. + +Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit +ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und +von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte +in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache +Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und +Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten +Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes – das war +kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam. + +Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große +Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff +fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte. + +»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein +Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp +umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der +Mühe wert, sich schön zu machen – wie angenehm für unser Männerauge, +daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen +was vorzublühen! + +Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war +Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden +sehen, es tat ihr zu weh! + +Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar +nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand +streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten +Glanz einer Träne. + +Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage. + +Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit +ihnen. + +»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner +geworden. Und ein wenig schlanker – ganz wenig – aber gerade sehr +vorteilhaft so. – Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen +bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir – im Grunde +verdank’ ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn +Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen +Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu +müssen.« + +»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.« + +Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde. +Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von +Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab +überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten: +»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu +unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen. + +»Wie geht’s denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen. +Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.« + +»O – es geht ihr gut, höre ich.« + +»Hören Sie? So was sieht man doch.« + +»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über +ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir +uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und +stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie +mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen +zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen, +die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen +... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein +paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer – ich kann +nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat +mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das +Ehepaar ein – sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag +hatte.« + +»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu. + +Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es +tut Frau Baronin wirklich sehr leid.« + +Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor +dem Hause an. + +»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.« + +Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern +Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude +wie umglänzt. + +Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl: +dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie +ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand +und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte +dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu +treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da +habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie +aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. – Aber Likowski wisse +wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ... + +»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.« + +Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in +Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige +Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein +Ton herrischer Vertrautheit mitschwang – dieser Paschaton, der gewisse +Frauen entzückt. + +Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches +an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen – +als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und +vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen – sie verstimmten ihn +tief. + +Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als +sie nun zu dritt gingen – nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut +beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin – blieb er finster +zurück. + +Das hatte ihm nicht gefallen – nein – nein. – + +Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf! + +Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit, +»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht +ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt +einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht: +deine Frau macht dich zum Gespött. – Zusehen ist schicklicher. + +»Nun, ich werde dieser jemand sein – sobald ich Gelegenheit habe!« +schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen. + +Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik +des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders +hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein +eigenes Auto wegschickte – »als wenn’s zum Jahrmarkt gegangen sei,« +hatte sie das Betragen gefunden. + +»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz +amüsieren können,« sagte Likowski abweisend. + +Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte +sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht +zurückhalten läßt. + +»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie – +aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.« + +»Sie wissen, Lamprächtige – hab’ keine Spur von Neugier ...« + +»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß +– daß Wynfried und die Hegemeister – wenn er verreist – verreist sie +auch. – Und er ist manchmal allein auf Lammen – aber nicht mit seinem +eigenen Auto sagen die Leute.« + +»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen +Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski. + +Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge +kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit – denn es ging doch +Klaras Leben an – kränkte sie schwer. + +Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt. +Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte +Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen – +es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß +– morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt – sein +linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. – Marning schwor ihm +zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der +Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal +steifer oder nachschleifender würde es werden. + +Aber das war es nicht allein – andere Dinge hatte Likowski gelesen: in +England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in +nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich +– diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder +unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in +allen Nerven zuckte. + +»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu. + +»O ja – ich merk’, Sie kennen mich – ja schmerzen tut’s mich – daß +die junge Frau von drüben nicht kommt. – Und da wären so allerhand +Gründe ... möcht’ mal mit ihr eins schwatzen – mal sehen, wie weit man +mit dem Gespräch sich wagen kann ...« + +Stephan saß schweigend und blaß. + +»Und kurz und gut – sagen Sie’s ihr nur geradezu – es sei keine Sache, +einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.« + +Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes – wie ist +mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?« + +»Nein, lange nicht.« + +»Aber jetzt gondeln Sie mal ’rüber und bestellen ihr ...« + +»Gewiß, gern – gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen +doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr +jetzt nicht einlädt, komm’ ich nicht hinüber.« + +Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen – +lag grübelnd, mit bösem Gesicht da. + +Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch +von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr ’rüberfährt?« + +Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht +zart genug behandeln kann. – + +Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht +– man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt’ sein, daß +da drüben die junge Frau auch mal ’n Freund braucht ...« + +Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst +natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß +eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen +wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er’s gleich noch +mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er +vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. – + +Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das +rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten +teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski +die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien +führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und +Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am +Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach. + +Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte, +der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning +vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich’s wagen, mitzureiten. Bleibt +Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach +sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann +kommen Sie um Ihre Versetzung ein – wenn Sie nicht anderen Sinnes +geworden sind.« + +Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine +Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am +Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich +die junge Frau. + +Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs +getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle, +von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie +sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen +hatte ... + +Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz +betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War +man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die +bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen? + +Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch – irgend etwas Rührendes +darin ... + +Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch +nicht hier gewesen sei – ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er +in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor, +wenn man ihn auch nicht erfährt! + +Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der +seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln, +als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und +Severin dem Kleinen. + +Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken +sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr +Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise +aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine +Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger +und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach +Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit +Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie +freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was +aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt! + +»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und +streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein +bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat’s noch nie +gegeben – Wie eben Großväter sind ...« + +»Und junge Mütter auch! Ich hab’ mich bisher als Barbar betragen gegen +Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch +wird – na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch +auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als +mein Charakter.« + +Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick! + +Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. – Und doch riß es ihn +zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die +Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei +an?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig. +Wär’s nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je +feindselig sein kann, dächt’ ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit +ihr – traf sie mal in Hamburg – fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow, +auf Lammen vor –« + +»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie +beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt +viele Pflichten: Vater – das Kind. – Agathe hat keine.« + +Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe – wie bei +einem Menschen, der seiner sicher ist. + +Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war +eigentlich ganz weich – so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er +früher nicht doch ... Aber Unsinn – weg mit solchen Anwandlungen! +Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind +sollten Anspruch an sein Leben haben – das gehörte einer großen Aufgabe +allein! Eine Familie gründen – nein! Aber ihre Heiligkeit schützen – +ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät, +schieße ich ihn über den Haufen. + +So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren +Gedanken nichts ahnte. + +Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über +ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der +durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr +Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl« +angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch. +Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am +Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. +Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so ’n ähnliches Wetter war an +jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal +daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue +Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e–n–t–zückend stand; und keiner +von uns hatte ’ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit +Wynfried Severin verloben würden –« + +»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...« + +»Was mir Marning geworden ist! – Und vor allem in den letzten Wochen! +Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen – will sich nu mal +partout versetzen lassen – ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie +führen muß. Na, aber eh’ es so weit kommt, ziehn wir doch unter der +gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn’s den einen von uns +trifft – schön wär’s, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von +Freundeshand den letzten Druck zu spüren. – Aber wie Gott will ...« + +Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem +treuen Mann. Er küßte sie – immer wieder. + +»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend. + +»Weiß selbst nicht – mir ist so wunderlich – grad als sollt’ ich Ihnen +sagen: wenn Sie mal jemand brauchen – soweit mein Kaiser mich nicht +braucht – allzeit Ihr treuer Freund. – Aber nicht wahr, dies ist kein +Abschied? Wir sehen uns wieder?« + +Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene +Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns +nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto +schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.« + +Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß +alles Persönliche zurücktrat. + +Jetzt, jetzt war es so weit. – Der September war da – ein Tag schlich +vorbei – wieder einer – eine Woche. – Und die große Frage brannte in +aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus +Berlin gehört, der andere das. – Jede Nachricht widersprach der +anderen. + +Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der +alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er +ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den +guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem +Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark. + +Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick +entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und +dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei, +hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht +habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für +das Größte. + +Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen – auch ohne die eine, die er +liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde +wie Erlösung und Krönung sein. – + +Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein +Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein, +auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich +Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ – wieder +einmal! – + +Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder +einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die +Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe. + +Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon +in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen. + +Friede – + +Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er +erwartet hatte. + +Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster +gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem +Freunde zu. + +»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in +der Scheide behalten – vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock +noch tragen – wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns +gefordert – die, die wir schon so lange üben. – Arbeiten wir weiter! +Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht +mehr sieht, was wir tun – wozu wir da sind. – _Ein Tag wird dennoch +kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie – stolz +und schweigend. – Ich will nie mehr davon sprechen – nie mehr. – Aber +denken wollen wir immer daran – denken!« + +Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen. + + * * * * * + +Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers +und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die +Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie +nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land. + +Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem +Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel +und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei +faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage +nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in +Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. – Der Geheimrat +dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich +gesegelt worden ist. + +Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. – Er sah es selbst: ein schöner +Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn +gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen +Liebesfrühling erleben – seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war, +arbeitete er froh, forsch, geschickt. + +Trotz allem – sein Sohn gefiel ihm nicht. + +Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne +Aufmerksamkeit mit – in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer +verwöhnten Frau ausgesucht. + +Alles sah geregelt, unauffällig aus. + +Weshalb sich sorgen? + +Er beobachtete Klara. – Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst, +jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem +Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten. + +Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie +verklärt. + +Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so +gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen. + +War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann +unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter +zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll +Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost – +es war die Zukunft. + +Dennoch – die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen +hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können. + +Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau +ihr Herz überwand. + +Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht +zurückgezogen hatte. + +Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden. + +Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen +Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein +Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem +Magneten drüben festgehalten – war eine von den putzigen Weibern, die +im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen, +weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich +machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und +Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen – er wußte +doch: sie meinte es redlich. + +Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie +beantworten. + +Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm +anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er +schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor – +er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl +gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke +sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden, +werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern +beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner +Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte +wieder vorstellen zu dürfen. + +Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt +befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie +bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des +Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise. +Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in +diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar +nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde +verzeihen. + +Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn +heran. + +»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich +muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber – offen, Lamprächtige! Ich kann +ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie +antworten.« + +»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu +antworten?« + +Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen +geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich. + +Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor +seinen Augen. + +»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater +sind Ihnen erinnerlich?« + +»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm +sofort ein Riesengewicht an. + +»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig +hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn – nicht wahr? – +das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau +weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen +Klara zur Pflegetochter gab.« + +Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch +hinein – halb vorweg aus Rührung – unbestimmt und ahnungsvoll. Und +dann: eben das Gewissen ... + +»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten, +furchtbaren Fall gehalten?« + +»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in +verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache +mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.« + +Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber +sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?« + +»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit +getan. – Wo Sie doch hofften – daß Klara Ihren Sohn – daß Ihr Sohn +durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern +getan ...« + +Er fuhr in lodernder Ungeduld auf. + +»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er +heftig. + +»Ich meinte – gegen alle anderen Menschen – aber als Klara so +leidenschaftlich auf mich eindrang – es war ja wohl zwei Wochen vor der +Verlobung – Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und +Ihr Leben Verdacht geschöpft – was sollte ich da machen?« sagte sie +beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst +zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären +der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir +gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein +Mensch. – Und nun gar Severin der Kleine – Ihr Enkel!« + +»Ich – ich!« sprach er vor sich hin. – »Aber sie! Ihre Jugend – ihr +Leben – ihr Glück. – Zu viel der Opfer ...« + +Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen +Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage – es +belud nur sein Herz noch schwerer. + +Weinerlich sagte die Alte: »Das hab’ ich ja auch nicht gedacht, daß +Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu +werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch +für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich +doch verlieben – ihr Mann kann gar nicht anders – muß sie anbeten – +ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt – aber das ist wohl bei den +Männern heutzutage Sitte –« + +»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder +einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ... + +»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur – die +Leute – es heißt – er sei sehr viel – sehr – mit der Baronin +Hegemeister zusammen.« + +Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen +galt ... + +Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle +Sorgen und alles Geschwätz müßig seien. + +Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das +Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September +stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf +einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben. + +Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen, +unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er +doch Fühlung behalten, sagte er. – Wie klar alles ... + +Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen +Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried +nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere +Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer +Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen +Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? – + +Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der +Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine +Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören – er sah es: +Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner +Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten +zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ... + +Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in +ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig – sein +keusches Mannesempfinden war verletzt. + +Auch Klara erbebte. + +Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie +erwacht. + +Sie wollte ihre Pflicht tun – auch als Gattin. Aber es war eine heiße +Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. – Sie mußte erst weiter +sein, weniger wund vielleicht. – Ihr Wille, über das Grab in ihrem +Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die +Anfänge von Sieg sehen. – Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich +in sie zu verlieben. – Und in zitternder Angst bebte sie zurück – ohne +zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward. + +So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst +hinein. + +Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor +den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das +Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt +verschluckt. + +Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein +Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige +Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als +Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war +erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete. + +»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei +der gnädigen Frau.« + +»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr +vorbei. + +Agathe wurde noch heißer rot. + +»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie +gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß +Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen. + +Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der +Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar +abgewiesen? + +Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. – Gewiß – Klara +wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. – Aber eine +Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut – und alles war ja gut! +Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme? + +Ach – gottlob! Da war Leupold wieder! + +Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige +Frau läßt bitten.« + +Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie +zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der +Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen +Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war, +dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak +sie so, daß ihre Knie unsicher wurden. + +Klara kam eilig herein – mit einem freundlichen Gesicht – unbefangen. + +»Endlich einmal wieder – Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih, +daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte +Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein +Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie +lächelte glücklich. »Aber nun sage – es war ja unglaublich mit uns – +vier Monate einander immer zu verfehlen!« + +»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe. + +Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem +unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken, +fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre +Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung. + +»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie. + +Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig: +»Lege doch ab – bleib zu Tisch – Vater und ich sind allein. Wynfried +ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den +Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er +depeschierte, er bleibe noch etwas aus – sein Telegramm kam aus Köln.« + +Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie +war von dort gestern abend zurückgekommen. + +»Nein – nein – ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und +sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der +Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme. + +Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des +Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe +war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten +hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder +zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen. +Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt +hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie +Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln +zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen – ihm sagen: +alles ist geordnet. + +Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was +sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände? + +Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden, +daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine +Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben! +Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der +verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten +niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun +kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren +Damen – und mit ihnen Likowski, in Zivil. + +Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie +aus – ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der +ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß +er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.« + +Aber Likowski kam dennoch heran – auf eine so fremde, ferne Art – +einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem +Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann – auf +ein Wort.« + +Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. – Sie blieben außer +Hörweite stehen. – Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze +Worte zusammen sprachen. – Dann verneigten sie sich sehr förmlich +voreinander. + +Wynfried kehrte zu ihr zurück – leichenblaß und stumm, und wehrte +allen Fragen ab. Und bat – nein – befahl, daß sie am nächsten Morgen +abreise. + +Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut +wird alles in das rechte Geleise bringen. – + +»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten +ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?« + +»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt. + +»Dir? Schlecht?« + +Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe +eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und +beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte +ihr, wenn sie litt. + +»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn +man entsagen und immer wieder entsagen soll ...« + +Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem +Liebesjammer? + +Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie +selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu +peinlich gequält. + +Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf +sich die andere plötzlich gegen sie – umklammerte ihren Hals und fing +schluchzend an, zu weinen. + +»Mein Gott – Agathe – fasse dich doch ...« + +»Nein,« stammelte Agathe, »nein – ich habe alle Fassung verloren – ich +kann nicht mehr – ich kam – weil du – du allein bist es, die mir mein +Glück geben kann. – Leben – Ehre – Glück – alles ...« + +Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr +geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es +einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte? + +Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie +schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück +zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.« + +»Doch: Gib ihn frei – laß ihn mir – ich liebe ihn über alles in der +Welt – ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.« + +»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden +Wort. + +»Von Wynfried – von Wynfried!« + +Das kam jammernd heraus – als umschlösse der Name allein alles Unglück +ihrer Gegenwart. + +»Von – von ...?« + +»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.« + +»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie +glücklich und froh er war. – Aber das ist es – so was kannst du nicht +merken – du bist ja nur seine gute Freundin – du bist kalt – ach – +du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. – Deshalb kann es +dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.« + +Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in +rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten – immer +liebenswürdig, höflich – rücksichtsvoll – ohne Ansprüche an ihre +Hingabe. – Wie war es friedlich – wie erlösend gewesen. – Aber nun. +– Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich – wie ein +Verliebter? + +O Schmach! + +Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter – +wurde ruhiger – nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene +eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat – naiv – +manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara, +ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe, +sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei +eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe +verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein +schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab’ dich auch viel zu lieb, als daß +ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu +anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich +sterbe sonst ...« + +Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen. + +Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht – gedacht – und doch, in fiebernder +Doppeltätigkeit, alles gehört. + +»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.« + +Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich, +und alles war doch anders. + +»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie. + +Wie diese Tränen Klara schrecklich waren – sie wuschen alle Würde von +den Worten. + +»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart. + +»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe. + +Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! – Ihre Tränen versiegten – +eine Art von Trotz kam ihr – sie wartete und sah die Frau an – die +blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. – Wie +von Unergründlichkeit umwittert. – Was würde ihr nächstes Wort sein? + +Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb? + +»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie. + +Und endlich fragte Klara – kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?« + +Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl +sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil – +weil – er vielleicht gar nicht frei sein wollte. + +Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem +Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als +Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt +gewinnen – sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten. + +Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil – weil – es so +nicht weitergehen kann – ich habe solche Angst.« + +Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese, +daß er anfängt, sich von ihr zu wenden – mir zu. Und sie will sich +deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis +brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein +siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper. + +»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine +Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man +erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.« + +Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die +Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen. + +»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten – wo +ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.« + +Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt. + +»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie. + +»Klara ...« + +»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe +mich nicht verkauft.« + +»Klara ...« + +»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir +taten.« + +»Klara!« Nun schrie es die andere Frau – flehend, jammernd. + +»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten. +Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen +Sohn.« + +Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen +hinwinden – irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte +doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben +gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr +Leben war wirklich vernichtet – ihre Zukunft verdorben, wenn er sie +verließ. + +Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um. + +In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht. + +»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht +dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine +weitere Ehe denkst.« + +Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach +sie: Ȇber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen. +– Und mir scheint – auch sonst nichts mehr.« + +»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh +aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?« + +»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese +Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er +frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe. +Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.« + +Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen +Lauten. + +Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um +Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und +Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus. + +Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach +gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig. + +Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der +höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von +jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben +können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst +verzeihen. – + +»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.« + +Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung, +mit Schluchzen und Betteln gegen sie an. + +»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu +spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...« + +»Geh. Laß mich allein.« + +Das war kaum hörbar – aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten, +Klagen und des Geschluchzes der anderen. + +Und sie ging. + +Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott – man +sieht, wie verweint ich bin ...« + +Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ... + +Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto. + +Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein +Diener war. + +Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt +fror die Gerwald unter der Pelzdecke. + +Agathe sank schwer auf ihren Sitz – die Tür schloß sich. + +»Geliebte Gerwald – Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln +fahren.« + +»Bitte, bitte, liebe Baronin – nicht weinen – es wird ja alles gut +werden ...« + + + + +11 + + +Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung +wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre +Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her +und her und hin – mit fieberisch erhitztem Gesicht. + +Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe +bedenken. + +Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört. + +Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau – dachte +kaum an sie. + +Sie dachte an ihre Ehe – an den Vater – an das Kind. + +Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er +nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe +festhielt – o, die hatte er mit Füßen getreten – sondern – sondern – +weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ... + +Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren +Gedanken. + +Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet. + +Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht. + +Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte – die war ihr wie eine +Beleidigung. + +Sie konnte lange gar nichts denken – ging hin und her, mit +beschwingten Schritten, wie auf der Flucht. + +Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe – gerade unsere – mußte durch +Treue geadelt werden.« + +Und nun, wo sie entadelt war – mußte sie aufrecht erhalten werden? +Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten, +gegen den Vater, gegen ihr Kind? + +Nein. Sie mußte verzeihen. + +Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen? + +Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen, +leidvollen Gesicht empor. – Das schwieg. – Wie Tote schweigen, die nur +sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. – Und die entsetzte Seele +der jungen Frau hatte keine – erbebte in stummer Not ... + +Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden +Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen +geben können!« + +Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals +stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr, +und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu +helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist – die dämmerte +noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres +Gefühlslebens. + +Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene +geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten. + +Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht. + +Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben. + +Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen – +töchterliche – mütterliche. + +Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu +durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn +sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und +der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so +stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr +Vater geworden war. + +Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen! + +Wie würde er leiden! + +Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr +Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran +hindern. + +Das würde den alten Mann töten! + +Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der +Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig +schlug. – + +Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät, +nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. – Diese +winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle +Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich – an +der Schwelle des Grabes fast – gab das kleine Kind ihm noch Freude – +Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden. + +Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen? + +»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.« + +Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal +dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken +verfolgt?« + +Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte – das +äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb +unverletzt. + +Sollte sie sie nun zerbrechen lassen? + +Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden +Pflichten und Gefühlen? + +Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr. + +Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von +dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel +zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr +alles Maß für die Zeit abhanden gekommen. + +Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete. + +Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen, +damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ... + +Mechanisch ging sie ins Eßzimmer – vergaß, sich umzukleiden – vergaß +den Blick in den Spiegel. – Ging im Zwange der Gewohnheit. – + +Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren +die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein. +Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von +stumpfgeschliffenem Kristall. + +Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand, +saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl. + +Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von +einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und +sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor +Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit +den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde. + +Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes. + +Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde? + +»Bist du krank?« + +»Ich? – Nein.« + +Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. – +Ja, schon fünf Zähnchen. – Ja, Judereit war nun genesen. – Ja, er war +in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit +vernünftigen Plänen. – Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und +sich der Malerei widmen. Ja – zu allem – und alles war so +gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie +mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. – + +»Nachrichten von Wynfried?« + +»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie. + +»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen +Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr +Betrieb interessieren ihn mehr als ›Severin Lohmann‹, und wenn er freie +Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des +Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind, +und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach +meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst +in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.« + +Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte. + +Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und +daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien – und +ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam +aus der Brust herauf. + +Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen +hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem +Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig – hatte eine letzte +Willensregung: nicht fallen – nicht fallen. – Dann war alles +abgeschnitten – als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein +niedergesaust. + +Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die +Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der +die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte. +Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward – +sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld +vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte. + +Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens, +wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. – +Sie horchte dem wieder nach. – Wie lange das andauerte. – Sie wußte +nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es +zuerst gehört. + +Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett? + +Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch? + +Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen: +»Gottlob!« + +Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie – es schien das der +Wirtschafterin – und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester +gewiß gleich da sein werde. + +Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in +leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die +Kissen. – + +Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer +aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den +flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers +mußten sie Nachricht erfragen. + +Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich +gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor +Sylvester ist schon unterwegs.« + +»Komm her!« befahl der Geheimrat. + +Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn +beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn +gekommen. + +»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein +Leben ist für dich von Glas – sprich – was geht in meinem Hause vor – +sprich – als Mensch – nicht als Diener – sprich –« + +»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause +geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.« + +»Mensch – keine Wortklauberei. – Sag, was du denkst.« + +»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit +zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.« + +»Die Baronin –« + +»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da – um Wache zu +halten – daß niemand horcht –« + +»Warum? Die Baronin – das ist eine Freundin des Hauses – ist zahllose +Male hier gewesen – was wär’ da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in +seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen +Wochen schon zugetragen hatte. + +»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und – Herr Geheimrat haben +befohlen, daß ich sprechen soll – und die ganze Gegend klatscht davon, +daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der ›Klara‹, der +hier auf Severinshof sich ’ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum +Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt +ist ... Und da dacht’ ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel +abzubitten. Und ich wollte nicht – dem Georg muß man immer mal +aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben, +wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. – Was soll +ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen +auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern – ich auch – ja ... Und +dann der Kleine! – Nein, so was durfte nicht kommen. – Verzeihen mir +Herr Geheimrat – aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.« + +Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon +lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in +den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den +zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit +heimlichem Zittern gefaßt war. + +Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen. + +Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf – +langsam hob er seinen Oberkörper – richtete sein Haupt empor. In jener +furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er +da. + +Das Licht füllte den Raum – die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf +dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg. + +Ein schweres Schweigen herrschte. – + +Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn +zu stören. + +Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten +Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen. + +Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß +empfangen, der ihn umwerfen mußte – das sah vielmehr so aus, als sei +alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem +gewaltigen Körper in straffer Energie. + +Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen +– da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es – er schrieb ein paar +Zeilen auf – riß das Blatt ab ... + +»Nimm,« sagte er. – Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten. + +Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An +den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen +Umständen morgen früh hier. Dein Vater.« + +Dann ging der Tag seinen Gang. – – + +Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich +in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver +aufgedrängt – sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. – +Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging. + +Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. – Kam das +vom Werk her? Nein – Sturm! Der Nebel war weggepeitscht. + +Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen. + +Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht – nicht denken können. + +Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit. + +Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um +des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie +wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen – damit +er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen. + +Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ – ob +es ins Dunkel mündete, ins Helle führte – das mußte die Zukunft lehren. + +Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr +... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre +Ohnmacht gestürzt haben! + +Sie kleidete sich an – rasch – und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit +hinauf.« + +Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme +übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen +können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen +und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man +das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen +glänzten tief. + +Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das +flaumige Köpfchen gegen ihre Wange – in leidenschaftlichem Glück die +Nähe des kleinen Geschöpfes genießend. + +So schritt sie hinauf. + +Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr +öffneten. + +Sie gelangte hinauf – mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig +dunklen Raum. + +In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte +Herr – im unerleuchteten Zimmer. + +Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im +linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen +ihre Wange drückend – und um sie der Schimmer von Glanz ... + +»Madonna ...« dachte er. + +»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.« + +Und ihre Stimme klang wie immer. + +»Du hättest liegen bleiben sollen.« + +»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast +du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: ›Der Frauen Zustand ist +beklagenswert‹ – Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.« + +»Heldin!« dachte er. + +Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen – mit ihr schweigen. – + +Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen +nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen +gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer +schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein +Kinderstubenreich. + +»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und +mich alles – sie darf uns nicht krank werden. – Schlaf fest.« + +»Dei – dei – dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges +versprechen. + +Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten +Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war. + +»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara. + +Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des +Vaters hin – da wo so recht eigentlich ihr Platz war. + +»Ich habe mich mit ›Severin Lohmann‹ unterhalten,« sprach der Alte, »es +hatte mir viel zu sagen ...« + +Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den +Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem +nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der +Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und +gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen +elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all +diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so +merkwürdig an Weihnachten. – Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb +angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf. + +Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle +Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem +Meere zu. + +Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu +erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der +verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein +grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich +gegen Strom und Wind flußauf quälte. + +Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. – + +Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. – + +So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch +hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem +Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel +mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit +denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der +Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit – ihre Herzen +wurden bescheiden und still. + +Leise sprach der Alte – für sich hin – zu ihr, die mit seinem Enkel +sein Werk bewachen und fortsetzen sollte – vielleicht hinaus zu +Tausenden, die ihn nicht hörten: + +»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen, +Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten +entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich +mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man +sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich +forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie +sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu +ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und +ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern +fließt mein _Blut_ – nicht nur _mein_ Blut – vielleicht, nein gewiß, +noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes +fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ – meinen _Geist_ – meine +_Energie_ – alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab’ ich +hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in +meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr +mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist +diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe? +Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander – das fordert die +Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das +Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein +Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist +wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe – und so, +wie mein Sohn ist – trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber – +muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger – +mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer – mein großes, +starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...« + +Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der +sich vor sich selbst fürchtet. + +Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht +bereit, den Sohn preiszugeben. + +Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die +einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. – +Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen +konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor +dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn. + +»Du und dein Kind – ihr wißt es – ich habe ein Herz! Deine Mutter +wußte es! – Und dennoch – dennoch – wenn ich denn ein unnatürlicher +Vater bin: – mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt’ ich +lassen – meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von +heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns +zusammenschmiedet mit unserer Arbeit – und wenn unsere Kinder dies +heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.« + +Klara fror. – Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. – Und ihr war, als +sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen +abgerungen habe ... + +»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.« + +Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer – +und dennoch wie Segen – Trost – Dank. – + +Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht +hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll +vor dem schwarzen Himmel jagte. – + +Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark +genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr. + +Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst +eintreffen. + +Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war, +verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein. + +Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß +von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor +vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die +Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne. +Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der +Firma. – + +Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch +dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen +sei. + +Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln. + +Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie +tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es +nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur +ein Sommervergnügen – vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn, +halb sank er hin. – Ach – klein – klein – banal! + +Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für +Klara gehabt. + +Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. – + +Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei. + +Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort +an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den +eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann +junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern +nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man +wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe. + +»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr. + +Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle +Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte +auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem +Vorwand zur Nachfrage verbot sich. + +Solche Stunden ertragen sich hart. + +Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand +zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen. + +Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten +Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen. + +Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe +zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu +verlieben. + +Ah – dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen! + +Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte – er, der +Vater, durfte die Ehe nicht sprengen. + +»Hätte ich sie nie zusammengebracht!« + +Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem +Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern. + +Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn +nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben +können ... + +Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten +war – alle Stimmen der Natur schwiegen. + +Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk – diese über seinen Tod hinaus vor +jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein +Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein +wohlhabender Mann. + +Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen +war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine +Nervosität bis zur Unerträglichkeit. + +Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ... + +Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle +gewiesen. + +Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl. + +Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das +Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen, +in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig. +Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten. + +Leupold kam. + +»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich, +etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten +gemacht – habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat +er, ich solle doch fragen.« + +Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für +immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt – + +Nein, nein – gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh +getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und +gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete +– denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen. + +»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht –« + +»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.« + +Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden. +Kam auf das Anerbieten zurück – wollte doch zur Industrie übergehen – +kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten. + +Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben, +sich zusammennehmen. + +»Also ja ...« + +Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß, +sehr ernst. + +»Lieber Marning. – Es freut mich, Sie zu sehen. – Wenn Sie’s nicht +wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl – hab’ im +Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. – Sie müssen schon Nachsicht mit +mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine +Gesinnung kennen Sie – die ist unverändert ...« + +»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener +Angelegenheit.« + +Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten +scharf aufmerken. + +»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.« + +»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.« + +»Ernstes. Ja.« + +»Sagen Sie’s nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten +und Brüchigen dürfe man das Wort ›Tod‹ nicht laut aussprechen. Ich bin +kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht +gleich, weil’s mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an +eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter +Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär’s.« + +»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu +bringen.« + +»Wa – was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja +unmöglich –« + +Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten – die des +Todes. + +»Likowski befindet sich wohl – er wird in zwei, drei Tagen zurück sein +– er wäre schon heute eingetroffen – aber er hat ... auch mußte er +sich beim Oberst melden.« + +»Nun also – was ist mit ihm los. – Nehmen Sie’s mir nicht übel, lieber +Marning – aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.« + +»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt. +– Mein Amt ist schwer. – Likowski hat ein Duell gehabt – mit – mit +Ihrem Herrn Sohn.« + +Der alte Mann fuhr auf – blieb erstarrt – sah den andern an – mit +offenem Munde. + +Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht. + +Er war furchtbar anzusehen. + +Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!« + +So sprach das Schicksal selber – ehern – ergeben – furchtgebietend. + +»Nein – nein. – Er lebt – er kann – er wird weiterleben –« + +Da sank das schwere Haupt zurück. – Die Augen schlossen sich – und ein +wunderbares Lächeln – geheimnisvoll – unbegreiflich, irrte um die +Lippen. – Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine +Träne und rann über die bleiche Wange. + +Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu. + +Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein. + +Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt +gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? – Rauschte +das Blut – das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu: +Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. – + +»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte. + +Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten +Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden. + +Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im +Zusammenhang hören.« + +»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich +Ihnen Likowskis Brief gebe – wie er nun mal ist. – Ganz Likowski. – +Ich befürchte da kein Mißverstehen.« + +Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn +däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch +Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen. + +»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und +schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!« + +Stephan legte den Brief – diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt +hatte – nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den +nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb +gefaltet – so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief +auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um +Wort ... + + + »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts + Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und + lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn + er kann! Wenn er nicht kann, muß ich’s ertragen. Mein Bewußtsein + ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes + und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch + nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß. + + »Zu Ihnen hab’ ich nie davon gesprochen – auch die anderen + Kameraden nicht zu mir – das war zu delikat, wo es ein Haus + betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein + rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja + in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem + plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was + sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr + Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das + beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im + Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste + Gebot gekommen ... + + »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab’ was an stiller Wut in + mich ’reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das + Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf + meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund + und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat + toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will. + – Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag’s ihm in sein + schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht. + + »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal? + + »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all + seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen + ist. + + »Geh’ mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner + Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein + Restaurant. So ’n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn + der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl – das wissen + Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und – das Geld! + Leider. Geld ohne Geschmack – das ist eine schlimme Mischung. + Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. – Und + wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo + zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen + Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer? + + »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot – röter – + am rötesten. + + »Ich war ganz ruhig. Ich ging ’ran – so mit ’ner gewissen + Vorsicht – Distanz wahrend – damit nicht etwa die Baronin mir + gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. – Und da + bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er + sie nicht einstecken konnte, wenn er ’n Mann von Ehre bleiben + wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang. + Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte + sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache + nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde + mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt. + – Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der + Gegend – Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten – + einer war aus ’m ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in + der Regie des Duells. – Und kurz und gut – heut im Nebelgrau + standen wir einander gegenüber. – So ’n rechter schwerer + Rheinnebel war’s. – Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht + weit vom Fluß – seltsam war’s mir: man hörte durch den Nebel + den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so ’n + Heulruf ihm das Leben gerettet hat! + + »Es war mein Vorsatz: den lösch’ ich aus. – Der verdirbt sonst + noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken + kann, das ganze Dasein. – Ich haßte ihn. Kräftig. + + »Aber was soll ich Ihnen beichten? – Wie ich so ziele – in + diesen gräßlichen Sekunden – ein, zwei sind’s bloß – da heult + von fern und leise ein Dampfer – wie bei uns – plötzlich seh + ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott + verzeih’ mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht + schreiben: mir war’s, als riefe der alte Herr. Es war direkt + unheimlich.« + +Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises +zitterten ... + +Ja, das war diese Stelle – seltsam – und so ganz außer Likowskis +Linie ... + +Aber weiter ... + + »Vielleicht hätt’s ihn doch schwer geschlagen – wenn sein Sohn + ... es ist immerhin der einzige! Obschon – unter uns – + manchmal dacht’ ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und + Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was + ’reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte + Herz zum Ziel. Aber treffen wollt’ ich, und ich traf. Besser als + er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die + Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee – ich merkte, wie er + zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen. + Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat + Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift. + + »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht: + voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine + Lebensgefahr – wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis. + + »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte + ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man + was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter, + als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen! + + »Aber nun kommt’s hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen + des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz + einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter + Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt, + fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht + haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen, + und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik + geschickt werden. + + »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen – und + dann das Wort ›Klinik‹. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie + schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und + nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es + offiziös. – Straf’ mich Gott, wenn ich in diesem Falle von + meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen + sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit, + nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu + seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach + die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten + sich dazu meiner bescheidenen Person. + + »Dieses Auftrumpfen Agathens: ›Mein ist der Mann, und mir gehört + er zu!‹ – macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der + alte Herr gar in den Zeitungen davon liest – ehe der Sohn ihn + benachrichtigen kann – denn von wegen Agathe kann er nun nicht + eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. – + Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe + was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt + des Vaters führt – gehen Sie sofort zu ihm. + + »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er’s mir gesagt. + Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an + den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad – + mein Freund – das sagt alles. + + »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet’ ich meiner Feder jedes. + Sie wird leiden – jetzt – zunächst in jedem Fall! Aber sie + wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben – + darauf hoffe ich! + + »Und nun: Gott befohlen! + + Ihr Likowski.« + + +Wie langsam der Greis gelesen hatte – ganz gewiß, er mußte jeden Satz +wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben. + +Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein +wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den +Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang. + +Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen. + +Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten – sie +kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf. + +Aber dennoch – auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren +Gefaßtheit. + +Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten – er +stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. – Von wo aus die Wirrnisse des +Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege +kommen und wohin sie gehen. + +Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund. + +»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,« +sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst +weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.« + +»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.« + +Er war verwirrt – sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle +verabschieden zu dürfen. + +»Lieber Marning – Sie sehen – der Sohn ist mir verloren – vielleicht +nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft – mag vielleicht eine ferne +Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine +legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! – Ich will +mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. – Es liegt an ihm –« + +Er mußte innehalten. – So lebendig stand plötzlich das Bild der +genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter +gewesen ... Er seufzte schwer ... + +»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit +Reue gepflastert sein.« + +Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter – mein Enkel – mein Werk +– das gehört zusammen – zu mir – bis übers Grab hinaus: zu mir! Und +davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und +die Würde meines Werkes verraten. – Vielem und Vielen sollte er zum +Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der +spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden – auf immer!« + +Nun sah er den jungen Mann voll und groß an – bezwingend – – + +»Ich tat einmal eine Frage an Sie. – Heute ist der Augenblick, sie zu +wiederholen. – In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer +und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag +wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und +mein Enkel. – Noch bin ich da! O – ich hoffe, dem Dunklen, der mir +schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch – es +ist Menschenlos. – Mein Enkel und meine Tochter – einmal brauchen sie +vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als – als +Freund. – Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn +für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen – wollen Sie +meinem Werke dienen?« + +»Ja!« + +Laut und feierlich klang das durch den Raum. + +Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie +damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und +küßte voll Ehrfurcht diese Hand – die Hand, die sein Schicksal auf +ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte. + +Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder. + +Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke +angelobt. Und nicht nur seinem Werke. + +»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...« + +Stephan trat erschrocken zurück. + +»Nicht in meiner Gegenwart.« + +»Doch!« – Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser +kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde. + +»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch +habe.« + +»Herr Geheimrat ...« bat Marning. + +Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an. + +»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage – ich +brauche Sie – – sonst – sonst – es könnte mir die Fassung +zerbrechen. – Ich hab’ diese zwei zusammengeführt – ich! Bin ich nicht +ein Schuldiger vor ihr?« + +»Nein,« rief Stephan, »nein – nichts von Schuld ...« + +Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen +Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette +gleich. + +Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten. + +Sie blieb stehen – ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen. + +Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des +Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen +qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe +hing ... + +»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm – sieh, hier ist +unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...« + +Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von – meinem – Sohn ...« + +Nun war sie vor ihm und sah ihn an – nur ihn – als sei nicht noch +einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte. + +Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet, +schweigend und unbeweglich dastand. + +»Ja, mein Kind – Wynfried – er hat – ein Unfall ... Später erfährst +du das Genaue. – Er liegt in Köln – krank ...« + +Sie wich ein wenig zurück – im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich +dahin – ihm helfen – er ist meines Kindes Vater – ich _muß_. – Ich +wollte ja Geduld haben – wollte vergeben – nun muß ich es beweisen ... + +»Dann will ich zu ihm – gleich – ja gleich. – Ihn pflegen – ihm +beistehen –« + +»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun +wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe – +sie wird gelöst werden.« + +»Vater!« schrie sie auf. + +Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht. + +Und die Männer schwiegen. + +Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine +ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. – +Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die +erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! – + +Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer +zerfallen – auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe +errichtet ward ... + +Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam +zurück. + +Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte. + +Nun verlor sie Vater und Heimat – – + +Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an – sie sah +wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam. + +Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging – sein einziger Sohn – +trotz allem. + +»Nun muß ich dich verlassen!« + +»Klara!« + +»Aber das Kind – es gehört mir. – Du wirst nicht den Versuch machen, +es mir zu nehmen. Nein – das nicht – das weiß ich.« + +Sie war außer sich. + +Er streckte seinen Arm nach ihr. + +»Nein – besinn dich doch. – Gehören wir nicht zusammen? – Das Werk, +das Kind – du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von +ihm! Und hier steht einer – ich hab’ sein Wort: er will in die Arbeit +hineinwachsen und dem Werke dienen und – meines Enkels Freund sein –« + +Er brach ab. + +»Vater!« + +Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße +Gesicht zwischen seine Hände. + +»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer. + +Oft hatte er sie so genannt – aber sie fühlte, was dieser Name, in +diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und +heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und +stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte. + +Sie hob den Blick – sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer +Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand. + +Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte. + +Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der +Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein – nach seinem +Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich +erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient. + + + + + Druck der + Union Deutsche Verlagsgesellschaft + in Stuttgart + + + + +Anzeigen des +Cotta’schen Verlages + + + +Ida Boy-Ed: + +Ein königlicher Kaufmann + +_Hanseatischer Roman_ + +16. und 17. Auflage + +In Leinen gebunden 5 Mark + + +=Aus den Besprechungen:= + +Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen +schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch. +Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur. +Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das +heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen +in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen +Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den +Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst +werden. + + =Bohemia, Prag= + + +Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das +ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt +mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die +Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie +sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine +und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne +Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über +den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die +spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede +Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«. +Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen +Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen +Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das +alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von +einer Romandichterin erwartet werden darf. + + =Deutsche Tageszeitung, Berlin= + + + +Ida Boy-Ed: + +Im Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und +Berlin erschienen: + + Gebunden + +Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50 + +Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer +Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.-- + +Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman +6. u. 7. Auflage M. 4.50 + +Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.-- + +Stille Helden. Roman M. 5.-- + + +In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen: + +Ein Tropfen Geheftet M. 2.50 + +Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.-- + + + + + Gebunden +_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und + andere Geschichten M. 4.-- + --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.-- + +_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka – Eine Ausschweifung. Zwei + Erzählungen " 3.50 + --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.-- + +_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Wolken und Sunn’schein. 5. Aufl. " 3.50 + +_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.-- + --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.-- + +_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50 + --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70 + --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10 + +_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.-- + --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80 + --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20 + --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.-- + --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20 + +_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50 + +_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.-- + +_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + +_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Stille Helden. Roman " 5.-- + --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u. + 17. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.-- + +_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50 + --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20 + --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50 + +_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.-- + +_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte. + Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Božena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.-- + +_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# – Ein Wunder + des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.-- + +_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.-- + +_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.-- + +_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50 + +_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50 + --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.-- + --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.-- + --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.-- + +_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50 + --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50 + --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.-- + --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50 + +_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.-- + +_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer + Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.-- + +_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50 + +_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.-- + +_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.-- + +_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile + Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.-- + +_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. + Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50 + +_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50 + --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50 + --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50 + --"-- Da träumen sie von Lieb’ und Glück! Drei Schweizer + Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50 + --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50 + --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + +_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.-- + +_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50 + --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.-- + --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.-- + --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.-- + --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.-- + --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.-- + --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50 + --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.-- + --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50 + +_Heyse, Paul_, L’Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40 + --"-- L’Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben + – Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50 + --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80 + --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Martha’s Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.-- + --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet. + 2.-4. Aufl. " 3.50 + --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40 + --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80 + --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.-- + --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40 + --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u. + 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.-- + --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50 + --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50 + +_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- ’s Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50 + --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. + 5. Aufl. " 5.-- + +_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.-- + +_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels. + 2. Aufl. " 6.-- + +_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. + 6. Aufl. " 3.50 + +_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. + Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_ + +_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50 + +_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. + 75.-80. Aufl. "11.40 + --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80 + --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60 + --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80 + --"-- Das Sinngedicht. Novellen – Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80 + --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. + Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + +_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte + Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.-- + +_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.-- + --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50 + +_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. + Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40 + +_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn. + Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.-- + +_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.-- + --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.-- + --"-- Genesung – Sein Todfeind – Gedankenschuld. Erzählungen " 5.-- + --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Phantasien und Märchen " 3.-- + --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen + Renaissance. 7. Aufl. " 6.50 + +_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50 + +_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau. + Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50 + +_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. + 5. u. 6. Aufl. " 7.50 + --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.-- + --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.-- + +_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln + und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.-- + +_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.-- + +_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman. + 2.-5. Aufl. " 4.50 + +_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.-- + --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.-- + --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.-- + +_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. + Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + +_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50 + --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.-- + +_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.-- + +_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.-- + --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.-- + +_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.-- + +_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.-- + +_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. + Roman. 2 Bände " 5.-- + +_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe. + 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (4. u. 5. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (3. Tausend) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.-- + --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.-- + --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.-- + --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. + 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.-- + --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.-- + --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse + herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.-- + +_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.-- + +_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + +_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.-- + +_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50 + --"-- Stille Wasser. Roman " 4.-- + +_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer + Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50 + --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.-- + --"-- Ich harr’ des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.-- + --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.-- + --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50 + --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.-- + --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.-- + --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Du bist die Ruh’. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen + Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50 + --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.-- + --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.-- + --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + +_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.-- + --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50 + --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.-- + --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.-- + --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50 + --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.-- + +_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.-- + +_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere + Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.-- + +_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.-- + +_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.-- + +_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50 + +_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50 + +_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50 + --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50 + --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.-- + +_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer + Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50 + +_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Erika – Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Franz. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Irma. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Novellen " 4.-- + --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + +_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.-- + +_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.-- + +_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50 + +Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1914. The table below lists all corrections applied +to the original text. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# + + +p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden –« +p. 080: [normalized] der Duc d’alben -> d'Alben +p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten +p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski +p. 255: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann -> Sörensen +p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber +p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + +***** This file should be named 29738-0.txt or 29738-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/9/7/3/29738/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/29738-0.zip b/29738-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..46d01d9 --- /dev/null +++ b/29738-0.zip diff --git a/29738-8.txt b/29738-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c7f0757 --- /dev/null +++ b/29738-8.txt @@ -0,0 +1,13934 @@ +The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Stille Helden + +Author: Ida Boy-Ed + +Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Stille Helden + + + Roman + + von + + Ida Boy-Ed + + + 1914 + + J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + + Stuttgart und Berlin + + + + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten + + Copyright 1914 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart + + + + +1 + + +Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr +geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag +jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis +zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde. +Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und +damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn +sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein +regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so +zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein +neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen. + +Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen, +seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte +Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder +bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt +arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und +Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der +Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem +ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt +wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein +Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese +Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer, +aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen +Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und +gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen +war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am +raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde +mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie +erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel +oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost +gestattete. + +»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie +'ne Wöchnerin,« sagte er. + +»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und +schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht. + +»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der +Geheimrat erbittert. »Na ja -- wie denn nicht! Früher war ich sein Herr, +jetzt ist er im Grunde der meine.« + +Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln +Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem +freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als +fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von +dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen, +übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch +die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man +Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen +-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein +Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick +eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als +der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der +Riese jäh blaurot im Gesicht -- stieß einen rauhen Laut aus -- taumelte +und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold +habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden. + +Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und +vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren +konnte, und Leupold zog sich zurück. + +Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große +Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine +Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor. + +»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett! +Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und +er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...« + +Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal +an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal +zurückerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt -- -- wie +ihm das Bewußtsein kam -- wie er die Lider öffnete -- da sah er in ein +treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen +begann. + +Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge +seines Sohnes! -- + +Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja +mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in +bezug auf Leupold. + +Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper +muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ... + +Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese +nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die +unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares +und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so +gut, daß es das Ende ward ... + +In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige +Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig +-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da +schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der +ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt. + +Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht +für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals +schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es +keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen +Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt. + +Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück +Welt hin, darüber er der Gebieter war. + +Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im +ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die +kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der +Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie. + +Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten +hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und +Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen. + +Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei +Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu +ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen +Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen +unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das +Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern, +hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer +Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse +diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben +sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den +verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in +denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte. +Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der +Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße +erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen +und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die +nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe +bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den +Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den +rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich +Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft +von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all +diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie +andere waren, als die Natur sie schafft. + +Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin +Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem +Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm +durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links, +wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich +zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich +im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf +welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf. + +Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und +dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese +Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt +wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade +gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer +Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte -- +das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«. + +Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und +Schlacken ... + +Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem +Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm, +dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel +stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten +lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den +Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen +Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in +Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und +Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß +hinüber in die Straßen hinein -- auch das Geld, das »Severin Lohmann« in +Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen, +stärkeres Leben pulsierte. + +Der alte Herr sah gern hinüber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da +wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein +Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden. + +Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des +andern Ufers fühlen. + +Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft +hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar +Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen +wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie +leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland -- +Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt +zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können. + +Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles, +hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten +von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz +anzusehen war. + +Er dankte für Ruhe ... + +Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit +Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im +Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern +Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine +Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen +sie. + +Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses +Elend mit Wynfried ... + +Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage -- ja, weiß Gott, +ich weiß, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt, +dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille +ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an +einem ...« + +Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen +getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken. +Ja richtig -- was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag, +das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen. + +Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im +Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran +mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur +Führung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere +auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen +vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen +und zogen zu einer Gefechtsübung aus -- vielleicht um am Meeresstrand +anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu +verhindern. + +Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die +marschierenden Gestalten. + +Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft +gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem +Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von +Krankheit und Alter war in ihnen -- + +Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren. + +»Ja, lieber Schönstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts -- +Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil +verkauft -- famos zugeritten, wie er war ...« + +Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott +wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und +imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er -- und der +da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant +Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold +seine Karte hereingebracht. + +Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte, +mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast +gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut +gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er, +der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine +Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher +schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn +dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte, +ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war, +dachte er an seinen Sohn ... + +Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von +Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren +Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein +menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's +mit dem Gastlichsein ...« + +Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine +Freundlichkeit erweisen konnte. + +Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen -- +da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu +aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen, +die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben -- +dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern +nur an Pflicht denkt. + +Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich +bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und +preist. + +Ja, die gibt's auf allen Gebieten. + +So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den +einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn. + +»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der +Junge hatte es einmal gewünscht.« + +Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur +lau gewesen. + +Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und +späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das +Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den +ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich +ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen -- was +sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an +Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ... + +Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich, +um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen. + +Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit +all den Schüsseln und Speisen vor sich. + +Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die +Luft, als wolle er jemanden treffen ... + +Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie +wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm +Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du +ihn weibisch erzogst ... + +Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln -- er sah ihr schönes Gesicht, +auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst. + +In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald +erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht +Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere +Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch +ärgerlich reizte. + +»Leupold!« sagte er befehlshaberisch. + +»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern +abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer +Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich. + +»Ist mein Sohn schon aufgestanden?« + +»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad +gegeben.« + +Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr +etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang, +spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können +doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...« + +Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt. +Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne +schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner +Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das +ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn +»was los« sei -- was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber +der würde es auch nicht verraten ... + +Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in +Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht +wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ... + +Geduld -- wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist -- die +bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ... + +Was sollte mit seinem Sohn werden? + +Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun +geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn +wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf +befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe +hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im +Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er +überhaupt gearbeitet hatte, war unklar. + +Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn! +Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen +hatte der Alte immer gehaßt. + +Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben +Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von +allen ... + +Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen +lassen -- -- -- + +Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte. + +Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für +dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war. +Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die +Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch +gewesen. + +Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre +Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten +können unbequem sein. + +Auch gehört Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, außer zu sich +selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so +aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist +bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wußte der alte +Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte -- +früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das +Philosophieren an ... + +Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer +vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von +den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist: +Lieben und Leiden ...« + +Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie +schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wußte er selbst nicht. + +Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach +er: »Was weißt denn du von mir!« + +Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm! +Einsam! Einsam! + +Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden +bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ... + +Lieben und Leiden? + +Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen, +Durchschnittlichen sei. + +Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht +zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben +wollen ... + +Helden müssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen +nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen. + +Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer +Nächte bleibt ihr Geheimnis. + +Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in +weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit +einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte. +Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der +Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie +Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn +gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt. + +Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft, +richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt, +mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel +Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von +Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften +Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem +stürmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal +von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen +sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr +braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren +Ausdruck so merkwürdig wechselnd war -- beredte Hände. + +Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu +Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann. + +Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er +hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Männer gibt es. Es +gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn +sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur +mit ihm in Berührung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie +Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt +werden. Wunderlich -- wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen +die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen. + +Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war. + +»Ich kenn' meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine +undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten -- die äußeren Daten seiner +Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich weiß +es nicht. + +»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil +er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron +setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in +vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht +allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von +Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat, +will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft +Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden --« + +Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend +bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden, +die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und +Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt, +Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte +Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen +für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht +der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos +ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der +Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß, +indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt +engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ... +Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. -- Ja, solche Männer muß +man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung. + +»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer +Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen +andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze +bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...« + +»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum +bleiben? Das tat weh nur zu denken -- -- + +Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz, +all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken +der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ... + +Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor, +noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht +wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem +Reichtum? + +Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine +glühende Unruhe. + +»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen +worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch +auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.« + +Aber wo die Rechte finden? + +Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige -- +ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts +mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene +nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der +rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren +drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht +die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und +von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob +nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried +passend. + +Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er +müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert +oder Unwert besaß, war ja erwiesen. -- + +Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge +gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes +guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher +wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde +nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen. + +Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten +über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich +doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen +Folgsamkeit erfüllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein +kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen +fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben! + +Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie +sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe +zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der +alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte +das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind +und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft +trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins +Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an +der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter, +dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und +rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von +Severinshof gebaut hatte. + +Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin. +Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus +folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des +Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist +verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen +Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den +Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die +sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre +Feierabendruhe erwarteten. + +Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem +Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein. + +Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte +vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie +pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die +Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm +sein bißchen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags +nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde +lang. + +Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke +Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin. + +»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit +erschütterte ihn beseligend. + +Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo +er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr +Segen wäre über den Kindern -- -- + +Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien, +um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so +entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos +in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit +von Luxus umgeben gewesen war? + +Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos +dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die +Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und +alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was +man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte. + +Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen +Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder +mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln +verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich +immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog +wie unter Peitschenhieben. + +Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen. + +Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus +sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn +ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel. + +Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand +sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte +er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit +den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien +ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war +so sorgsam -- am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem +lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. -- Unter dem Arm trug +sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie +schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund, +die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren. + +»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch +eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens +ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die +Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ... + +Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen +hatte. -- + +Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen +darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe +heilig hielt. + +Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der +Arbeitsriese -- er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen, +verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine, +wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und +das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm +wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen +können. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er +schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte. + +In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war +das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung +von einst ... + +Klara grüßte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte +er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das: +komm! + +Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes +fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht +geht. + +Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die +Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück. + +In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille +sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht +des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all +diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar +nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum +Unheil anderer Menschen. + +Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin +meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr +kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt +bleiben mußte. + +Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte +er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das +schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem +atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen +Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester +und malträtiert mich -- also bitte noch vorher.« + +»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen +und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen +fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich +befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der +auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So--o?« als Antwort +hatte. + +Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des +Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried +Severin Lohmann bei seinem Vater ein. + +Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des +Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches +welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft +gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden +war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig +-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen +standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Müdigkeit oder +Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen. + +Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine +Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht +entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase, +das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht +hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken, +leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel +ein wenig verzerrte. -- + +Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und +lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner +Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter. + +»Guten Morgen, Vater -- verzeih, daß ich so komme -- aber es schien +eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?« + +»Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem +Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch. + +Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam -- mit Extrazügen +hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß +seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das +hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen +festgehalten. + +Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen. + +Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du +gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß +einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch +den kostbaren Morgenanzug des Sohnes. + +»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du +Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja, +du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden +Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene +Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe, +denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz +unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila +seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht +abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn +sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist +mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. Überhör sie, wenn du willst. +Und nu setz dich mal da ...« + +Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze +zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die +Besucher des Geheimrats dastand. + +»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen +wünschest,« sprach der Sohn höflich. + +Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine +Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern +gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von +_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die +ganze Nacht beschäftigt. + +»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos, +ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur +Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber +praktischer sein,« begann der Vater. + +Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte +die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes +Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang. + +»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine +Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin, +sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.« + +Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den +Faden der Weiterentwicklung ab. + +»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können. +Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine +Bedürfnisse -- falls du diese nicht sehr einschränken willst. -- Aber es +ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig +machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung. + +War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein +Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese +Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte. + +»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich +werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein +zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine +Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm +durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen +soll mir Details ersparen ... du verstehst ...« + +Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut +des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich +erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden +und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren, +Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die +Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte. + +Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld +sein eigentlichster Wesenszug ... + +Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein +Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ... + +Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen. + +Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von +allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern +würde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er +ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht +noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber +Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum. + +Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wußte +jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß +mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies +Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er +zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als +wolle ihn dies Wort verfolgen. + +Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden +Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen +kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ... + +Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem +Überragenden. + +Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht +wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl -- wie ein +leise aufzuckendes Elend -- darüber, daß er ein Nichts sei -- sich jäh +als solches fühlte -- zum erstenmal. + +Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater +und Sohn. + +Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse. + +»Ich danke dir für deine Großmut.« + +»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der +Geheimrat. + +Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine +Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder +ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen +Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen. + +»Nein!« + +»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige +denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.« + +»Aber ich habe doch ...« + +»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt +gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder +bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das +Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große +Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich. +Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu +behaupten ...« + +Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer +Ausdruck über dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines +gewöhnlichen Sterblichen -- monumentale Größe war darin -- Kraft von +übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode +trotzen, wenn er wolle ... + +Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist +doch einmal mein Nachfolger -- du mußt dich darauf vorbereiten -- dich +einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner +vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die +rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst. +Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein, +und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster +Mitarbeiter -- geschäftlich mein anderes Ich -- trotz der völlig +verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch -- +Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr +auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts +sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein +Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist +du einverstanden?« + +»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos. + +Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese +erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine +Furcht aufblitzen ... + +Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war? +Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die +ihn von ihr absperrte? + +»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich +-- gestehst du mir das zu?« + +»Ja.« + +»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht' ich, wenn ich +so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_ +fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na -- der Wunsch wurde mir +erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht -- man bekreuzigt sich, +daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen, +Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie +auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man +mir dein Telegramm gab -- 'Unabkömmlich -- hoffe auf deine rasche +Genesung'-- Unabkömmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht! +Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst, +eine -- _Dirne_ zu verlieren ...« + +Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz. + +»Verzeih -- ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme. + +»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in +Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich +die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der +ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal, +Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der +Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre. +Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?« + +»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem +Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich +verachte diese Frau und alle Frauen.« + +»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast +zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein +Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf --« + +Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen. + +Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem +Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen? +Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen +Tod ihn verändert? + +»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus, +wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du +heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt +geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die +scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau +kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs +Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut +abnimmst.« + +»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange +Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das +seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. -- + +Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er +begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war. + +Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich +das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß +vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens +Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters +zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal, +seit er denken konnte. + +»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne +heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte +sich zu zerbrochen zum Kampf. + +Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes +gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen +gegen Welt und Weib. + +»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er +doch auf seinen Vorschlag hören. + +»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried +ausweichend. + +»Ah -- ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.« + +Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in +der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre +heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen, +daß er vielleicht unzart vorgehe ... + +»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich -- nur um den Vater +nicht zu reizen. + +»Klara Hildebrandt.« + +»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor -- der sich erschoß -- +wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes +angenommen -- die --?« + +»Ja -- die.« + +»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen +Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behält sie, obschon sie +eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben +-- aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig +war. -- Ja, ich weiß noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage, +deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel +Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und +nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der +Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden +möge. -- Die Frau war sehr schön -- ich begriff damals nicht und auch in +den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz +anders vorkam. -- Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber +reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere ...« + +»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr +waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...« + +Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf. + +Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange +ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was +weißt _du_ von _mir_!« + +Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was +dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen +können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb +-- wie er für das Kind gesorgt. -- + +Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn -- + +Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und +eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ... + +Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen +unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ... + +»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,« +sprach er langsam. + +Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wußte, der +junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die +Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal +vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer +seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen +Druck der Hand -- war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues +Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren, +sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde? + +Kannten sie sich denn jetzt? + +Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in +Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_ +von _mir_?« + +Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das +elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn. + +Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett. + +Er starrte ins Unbestimmte. + +»Eine Kugel durch den Kopf -- das wäre das richtigste ...« + +Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines +Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner +Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen +Zügen, die furchtbar schienen. + +Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück -- das +fühlte er. + +Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten? + +Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt für sein +Dasein vortäuschten. + +Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten +würde. + + + + +2 + + +Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der +beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt +erwartet wurde. + +Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst +paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den +Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein +Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller +mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden +seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte +sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara +Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre +zweijährige Tochter mitgebracht -- wenn also böswillige Menschen davon +munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so +war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr +umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau +gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare, +stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal +gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen +machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten. + +Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten +Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit +sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen +Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in +den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und +das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher +Lebensinhalt. + +Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an, +die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur +Begutachtung gezeigt wurde. + +»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so +durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich +eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er +gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte. + +Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders +rätselhaft. + +Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie +zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine +Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren +Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen. + +Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die +Frage: Wie fang' ich das an? + +Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und +hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten +durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen +alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen +Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute +mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen +Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer +Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried +unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in +seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der +Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes +noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme +Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich +noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung, +gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ... + +Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in +der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um +fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge. + +»Dann kann ich dich ihr vorstellen.« + +Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er +verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er. +Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem +ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie« +-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen +Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und +andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit +schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und +anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen -- -- Ja, all diese würden +sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum +Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles +war egal -- + +Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der +gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu +wälzen: Wie fang' ich das an? + +Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß +dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde. + +Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen +Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit +neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen +zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das +feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem +ungewohnten Laut vergrämt wird? -- War es klüger, zu schweigen oder zu +reden? den Dingen ihren Lauf lassen? + +Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge +abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war +als der Dunkle, der neben ihm lauerte? + +Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann, +dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte? + +Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es +meinetwegen tun ... + +Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch für sie +kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung +finden, und damit das Glück ... + +»Wie fang' ich es an?« + +Er fand keine Antwort. + +Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken +Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte +abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für +die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen. + +Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar +wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien +-- bei seinem Zustand! + +Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales. +Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken. + +Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine +Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den +bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der +Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer, +umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der +Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend +fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft. + +Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der +Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der +Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und +geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach +Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab. + +Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß +glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde +träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und +schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel +fleckend. + +Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten +Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten, +auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die +drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte +man auch den Blick auf das Werk. + +Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen. +Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau +gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl +oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine +Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich +doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für +seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab +in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese +Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald +vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk -- und +bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen +-- wirklich zu blühen ... + +O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen +wunderbar trotzigen Willen zum Leben. + +Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas +Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich +künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt. +Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß. + +Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine +Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler +entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles +zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie +spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde -- +im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem +Leben selbst. + +So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein +hindurch ein Arbeitender gewesen. + +Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit +sein Herz gehängt hatte. + +Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der +Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr +weit eine Rechte entgegenstreckte. + +»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der +Ähnlichkeit ergriffen. + +Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede +Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besaß kein Bild von der +längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren +vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden. + +Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche +der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die +Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter. + +Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune, +reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen +Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend +gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der +klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes +Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es +Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und +sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke +waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht +haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß. + +»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn +ist wieder da!« + +»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr +Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.« + +»Hätt' ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion, +und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben -- 'ne kleine alte +Klatschbase bleibt sie doch.« + +»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte +entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.« + +»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.« + +Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen +und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn +hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.« + +»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so +lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt draußen haben sie +meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er muß sich +besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so +gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er's besser als hier. Arbeit +und Familie -- das ist die Gesundheit.« + +»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater +zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu +sein ...« + +Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne +Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus +anzugehören. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Gründung +Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.« + +»Wer weiß -- wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung +nimmt, die ich erhoffe -- dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der +Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme -- wo so das +Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. -- Ein +wenig müßt' ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters +imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche +Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes +Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers -- seins +allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was +sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit, +das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein +Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck +keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden! +Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen +ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das weiß Gott. Aber er besaß die +Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er +diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz +gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke +ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein -- sie +allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen -- und dies +Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. -- +Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich. +Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von +Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das +macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor: +wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache, +dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die +Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch +auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für +Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum +Aufblättern bringt -- na, der muß schon was Suggestives an sich haben.« + +Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an +allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf. + +»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst +verstand auch nichts von Hüttenchemie -- kann sein, daß er nicht von +vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen +-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs +neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines +Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch +ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben. +-- Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus -- lernen -- lernen. -- +Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle +hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne +zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein +Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung +-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das +teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte -- +gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen. + +»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir +seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Können. -- +Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf +den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die +ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt' +ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als +Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer +Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...« + +Er verlor sich in Nachdenken. + +Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren. + +Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den +Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet. + +»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er +dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig +waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus +'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten +Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so +früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch +immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach +einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte, +was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und +Mann eins -- auch dem Namen nach -- und daß mein Junge den sentimentalen +Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den +Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.« + +»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von +Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles +Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer +rätselhafter, daß ...« + +»Daß was, liebes Kind?« + +Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene +Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke. + +»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten +und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an +Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg +und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld +gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie +sich angenommen wie meiner.« + +»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?« +antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt. + +Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke, +lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese +Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich. + +»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu +Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem +Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so +natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, -- »ich wäre +bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs +dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach +Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl +couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie +sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich -- aber +Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern +Leuten.« + +Er sah sie tief an -- und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie +etwas befangen machte. + +Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich +keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das +zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum +daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und +mich hier an der Schule anstellten.« + +»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?« + +»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich +alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag +kommen ...« + +»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die +gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie +aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ... + +»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. -- +Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen. +Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen +mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?« + +Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet +gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und +Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte +manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen, +nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter +Geschwätzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen -- +und können dennoch manchmal völlig schweigen -- wo sie lieben und +schonen wollen ... + +Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren +Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für +immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg +doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand +oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die +Füße. + +Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater +war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ... + +Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde. + +Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht +verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so +eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie +früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ... + +Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher +Innigkeit um die Wahrheit baten. + +Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O +nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!« + +Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, -- die +heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. -- +Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein +abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische +Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das? + +Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu +wissen. + +»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam. + +Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an. + +»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter -- ich habe -- sie war -- -- Liebes Kind! +Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.« + +»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich +verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen +-- daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und +verschleiert bliebe. + +Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und +Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir +wußten es rasch -- wir waren füreinander bestimmt gewesen -- sie mein +Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum +gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns. +Meine Frau hätte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher +Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefährlich -- +aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...« + +Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner +Mutter ...« + +Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie küßte +seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter +ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und +ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an. + +»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er. + +Sie lächelte mit Tränen in den Augen. + +Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte. + +»Es war immer schon, als wär' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir +gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher +gekommen ...« + +Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen -- von ihrer +Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der +Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr +eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben -- was war +es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber +den Gatten ihrer Mutter? + +Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat +gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!« + +Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie +der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen. + +Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken +Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über +die ihres Vaters schweigend hinwegging. + +Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ... + +»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger +Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit. + +Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe -- +wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das +Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch +nicht aufregen. + +Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst +irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in +das Alltägliche hinüberzubringen -- wie es eben für den noch +Schonungsbedürftigen am besten war. + +Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war +Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum +je wirklich mit ihm gesprochen. + +»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen +-- Fräulein Klara Hildebrandt.« + +Klara reichte ihm freundlich die Hand. + +»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.« + +»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame +Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er. + +»Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie +waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von +mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer +oder Ihrer Mutter.« + +»Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir -- +ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt, +nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.« + +»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie +mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater -- den einzigen +Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht +hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte +sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre +natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte +ihn ihr doch gleich interessant. + +»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.« + +»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich +durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist +mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.« + +Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu. + +Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl -- als sei er hier zwei +Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche? +Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein. + +Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es +ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön +war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter +ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im +Klang der sanften Stimme aus. + +Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von +strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln +vermocht. + +Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen +eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm +sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige +Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte -- +und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen. + +Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch, +der neben dem Krankheitsthron stand. + +»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß +Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.« + +Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie +hat -- überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze +Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch +Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon +versteht.« + +»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?« + +»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,« +warf der Geheimrat ein. + +Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er +sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner +Angelegenheiten denken könne. + +»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der +Arbeiterschaft zu unterrichten?« + +»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und +mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig. + +»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude +gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen +Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt +-- Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen +verschaffen können.« + +Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene +unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann +der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr +er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den +beiden! + +Klara schüttelte nur leise den Kopf. + +»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine +Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier +geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine +ersten Eindrücke gehabt -- später hab' ich an seinen Grenzen gelebt, +immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt +hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater, +ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und +selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefühl +gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für 'Severin +Lohmann' tätig sein müsse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin? +Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall +gewesen -- dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich +mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen +macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden +mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule +unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'. +Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als +ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater +und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?« + +»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat. +»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...« + +Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen. + +Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so +beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier +ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich +verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch +noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben +in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht +einst geliebten Frau zu versorgen ... + +Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der +alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen. +Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen +wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben. + +Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie +nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr +zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich +gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine +treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei, +erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf +geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen +Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und +Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer +Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar +Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man +mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht +und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten +Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und +Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als +Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre -- und man +spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges +Pröbchen von Dummheit war. + +Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende +anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches +Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte +er durchaus. + +Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der +Begrenzung machte ihn betroffen. + +Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und +beruhigend? + +Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt -- vielleicht für immer. +Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer +Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen. + +Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings- +und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor +seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von +Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten +Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles, +grünes Stückchen Wald ... + +Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß +Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die +Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? -- +Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer +gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der +Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte -- wie sie floh, sobald sie +konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ... + +Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war +ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte +sich dennoch gezwungen, zu glauben. + +Er wurde nach und nach sehr schweigsam. + +Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden +lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die +Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit +uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ... + +Sie stand auf. + +»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.« + +»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr. + +»O nein -- danke sehr -- nein --,« lehnte Klara ab. + +Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung +ergebend ... + +»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre +Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen +Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried muß unten allein essen +-- kommen Sie doch diese nächsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist -- +etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch +vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als +Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein +Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.« + +Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_ +merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch +sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken +vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch +schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche +Züge zuweilen bemerkbar? + +Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er +war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er +konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu +zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis) +weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben +werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die +der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs +wegen so gewachsen sein würde. + +Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten. + +Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so überflüssig erschien +er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater. + +Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen +Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine +Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ. + +»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie +kurzweg. + +Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend. +Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen +zu werden. + +Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und +Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn +herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen +dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte +früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln +anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der +Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie +dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten. + +Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen +wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster +Wichtigkeit. -- + +Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen +hatte, um zu fragen: »Nun?« + +»Was -- nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von +einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?« + +»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich +wissen.« + +»Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig +näher kennen lernen -- muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so +etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe -- +wie sollt' ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich +nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir, +ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.« + +»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater. + +»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die +seinen Vater gehaßt hatte. + +»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er +weiter. + +Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte, +als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung. + +»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben. +Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren +Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn. + +»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. -- + +Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die +Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne +Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die +Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen +schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden +waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur +von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und +Lieschen auch artig seien. + +Sie hielt freundlich stand. + +Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an +Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie +dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit +ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem +Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste -- o nein!« + +An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn +kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der +umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder +ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der +Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling +anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn +und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb +des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale +Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung +genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und +Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang +zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies +Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das +dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war +so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten. + +Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu +genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende +Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer +Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem +Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen +voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem +Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme +Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus +-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- düster und +beherrschend. -- Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen. +-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben +knirschten so -- man hörte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und preßte +ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so, +wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem +Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ... + +Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe +eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen. + +Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen +Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins +Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an ... + +Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über +dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein +Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche +umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski +vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst +das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause +hereingefahren. + +Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug. +Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum +Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald +angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie +von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden. + +Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen +gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras +Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt +werden konnte. + +Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie +den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles +beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen: +der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von +dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem +Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt +zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von +Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien -- +der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß +demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt +geigen möge. + +Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das +heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge. + +Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei. + +Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden. + +Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte +Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch +einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt +lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf +bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die +Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara +zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so +deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet +wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst +du, ich ängstigte mich.« + +Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den +Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein +ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete. + +»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten. +Ich wußte nicht recht, was ich sollte.« + +»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender +Neugier. + +Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum -- auf sachten, +aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen +bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters +erschien ... + +»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst, +daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es +schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete, +bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im +Hause des Geheimrats unterrichtet war. + +Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die +Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus? +Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben? +Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier +sei? + +Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das +Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich +vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als +ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines +Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten. + +»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm +an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus. +-- Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen +Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag' +ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie +treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den +Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen +achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...« + +Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der +Vorhänge zu verbergen. + +Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den +Gleichgültigkeiten rundum. + +Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen, +wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt, +sich davon ermattet zu fühlen. + +»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie. + +Und plötzlich brach es aus ihr heraus. + +»Ich bitte dich -- laß die fremden Leute -- komm -- ich muß mit dir +sprechen, dich etwas fragen --« + +Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort. + +»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es +mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen, +wenn ich dich etwas fragte?« + +»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so +starke Töne anschlug. -- Sie war doch fast nie zärtlich, und nie +aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der +Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise. + +»Wie sollt' ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?« + +»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so +frühen Jahren?« + +Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich näher +zusammen, ihre Augen brannten. + +Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme +Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage! + +Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl +eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war. +In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war +man ganz klein davor ... + +»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.« + +»Ah --« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte +Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein ... + +»Ah -- also es ist etwas zu verschweigen ...« + +»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das +nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_ +Manne gegeben worden war?« + +»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du +sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann +zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun +völlig außer sich. + +Also es gab Schmachvolles zu verbergen! + +»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte +wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_ +alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was +es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.« + +Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für +Klara zur Folter. + +»Sag doch endlich, was denn -- was denn ...« + +»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir +versprichst, mich nie zu verraten ...« + +»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest. + +Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute +bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur. + +Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie +erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde. + +»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden. +Großes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese +Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin, +und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau +wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm +verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar +gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm +bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' hätten zugute kommen müssen. -- +Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was +hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein +Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus +dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der +Schlag gerührt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart +bewiesen. -- Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein +Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort +zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen +wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und +auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel +geschlossen wurde -- damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten, +das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.« + +Klara stand regungslos. + +Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter, +und die alte Frau legte sich keine Hemmung an. + +»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der +Geheimrat habe es ihm befohlen -- später befahl er selbst es auch noch +mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte +meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension +gekostet -- und dich hätte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle +nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet +haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für +dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer: +das sei alles wegen deiner Mutter -- die hätte er wie 'ne Heilige +verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen +Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er +hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär' ich 'n rauher +Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weißt du es! Aber -- o Gott, wenn +du mich an ihn verrätst!« jammerte sie. + +»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen +Schwur.« + +Die alte Frau hörte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch +ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen. + +Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der +Haustür nähern. + +Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster. + +»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig. + +Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ... + +Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch +aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der +Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm +und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in +melancholischem Schatten lagen ... + +Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ... + +Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der +Uhr hängen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke +Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und +her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor +von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes +Liebeslied ... + +Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend. + +Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und +zerschlagen ... + +Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte -- weinte. + +Was hatte er alles getan -- für sie und ihre Mutter! + +Wie ihm jemals genug danken! + +»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!« + +Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht +ein. + +Wie ihm jemals genug danken? + +Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heißer Freude würde sie +es für ihn hingeben. + +Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn +opfern zu dürfen. + + + + +3 + + +Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen +Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von +Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten +Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den +letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen +Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität +morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen +suchte. + +Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die +Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt +habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein +_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett +des Vaters kam. + +»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter, +nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt, +unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto +mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.« + +Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht +noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich +werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und +Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold, +dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen, +daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe +herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben +liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewiß +ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der +Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen +Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld +kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten +also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend +liegen mochte. + +»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat +spöttisch hinter ihnen her. + +In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk +brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf. + +Wie einfach. + +Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar +Einfaches. -- + +Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und +trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und +zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und +Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten +Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß +es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das +fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei; +seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der +Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am +Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton +entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den +weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten. +Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der +höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden. + +Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten +Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben +getragen. + +Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf +eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und +fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er +die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen +niederzuhalten. + +Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief +seines ganzen Lebens. + +An Klara war er gerichtet, und er redete sie an: + + + »Mein teures Kind! + + Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit + gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der + Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die + mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die + Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten, + daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist, + brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also + darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden. + + Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu + sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten, + der Grund, weshalb ich schreibe. + + Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht + bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß + erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude + sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen + sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war, + der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter + ablenken durfte ... + + Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt! + Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen. + Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr + nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten + Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen. + Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte. + + Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen + Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld! + + Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen + Worte aus. + + Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll + Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in + seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen + Schmerz mit sich herumtrug. + + Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden -- + nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben + + Ihr väterlicher Freund + Severin Lohmann.« + + +Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in +die Feder kam, feuchtete sich sein Auge. + +Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher +Besitz als unser Glück? + +Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara +seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so +verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von +zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie +Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung -- +ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene +Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich +einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet. + +Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte. + +Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner +hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu +dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, -- weil es +dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche +Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit +darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden. + +Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht! + +Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war +seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer +gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends +zerstören mußte. + +Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff +war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. -- + +Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger. + +Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara +zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen. +Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und +Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein +Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er +nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles. + +»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater +geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch +nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das +rührendste verändert, seit du hier bist.« + +Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten. +Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei, +er stand so unberührbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot. + +Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn +in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der +letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim +-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit +der Pflegemutter aussprechen -- war gefaßt und klar in ihrem Entschluß, +wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles. + +Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht +Schläge herklingen lassen. -- + +Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade +ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen. + +Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja draußen viel +erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt. +Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne +gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der +Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem +braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre +Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft. + +Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller +Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die +am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren +so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre +Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl +von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. -- Keine +fröhliche Morgenfrühe. -- + +Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor +ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu +nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen +waren wie bestäubt von Regentropfen. + +Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem +Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit +der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß +Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach. + +Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache, +regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe +Arbeit frisch zu halten hat. + +Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen +Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund +mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine +hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines +künftigen Divisionärs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden +mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen. + +Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstraße +hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien, +als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe +der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine +gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten. +Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des +Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie +bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines +Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen +Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt +vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme +wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten +und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen +merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie +ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar +hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er +sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen +begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen +ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab, +wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave. + +Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen +eingerammten Stämme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten +Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der +Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See +erinnernden Charakter. + +Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den +Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als +strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut. + +Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man +noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts +gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter +Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte +nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen. + +Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken +Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem +Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein +Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß. + +Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen +Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara +aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen, +tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte +der andere Offizier. + +»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.« + +Klara nickte -- sie schloß gerade ihren Schirm. + +»Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als +Schutz,« sagte sie. + +»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er +wohlwollend. + +»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich +für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie. + +»Bitte --« sagte jetzt der Kamerad. + +Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning -- Fräulein +Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das +gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen +Hauseigentümerin.« + +Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den +Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der +Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu +lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf. + +Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war +sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als +sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines +dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen +Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war +in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man +sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze +Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem +feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die +Spuren schlammiger Wege klebten. + +So stand er vor ihr. -- + +Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein +Rahmen -- voll Bedeutung. + +Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit +angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt. +Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der +Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit. + +Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger +Schein zwischen seinen Bauten. + +Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der +Höhe. + +»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich +übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning. + +»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich +bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da +wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit +meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach. + +Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend +aneinander fest -- denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das +Gleichgewicht verloren. + +Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem +Beispiel. + +Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten +hoch. + +Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und +ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden +Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen. + +»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er. + +Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in +Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte: +»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin +Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.« + +Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat +zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich +interessanter. + +Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas +Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht +Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig +hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig. +Pflegetochter -- das ist zu viel gesagt.« + +Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der +Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal +bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...« + +»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen +Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig -- er +war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich +war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?« + +»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich +hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird -- die linke Hand kann +er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder +klar -- das ist das große Glück ...« + +»Pu--r--r--r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und +Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt -- na, nu hopp!« + +Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der +Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen +Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der +Oberleutnant. + +»Darf ich Sie bitten -- Fräulein Hildebrandt? -- nicht wahr? -- Herrn +Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche +auszurichten.« + +»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch +nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen -- darf +noch nicht.« + +Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten, +Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker +hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des +Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige +Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus -- so, als sei es +vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte, +um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis. + +Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein. + +Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby« +Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im +Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig +bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben. + +Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des +Werkes hin -- nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden +vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das +mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen +Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den +Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch. +Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus, +und ihre Nüstern dampften. + +Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die +Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging. + +Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht, +ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen +anzustellen. + +»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt -- im Grunde -- nee wirklich -- tun +wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um +aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu +machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich +mit der Wimper zucken, wenn's endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und +danken tut uns das keiner -- Ihnen nich -- uns nich -- is auch egal! In +der stillen Schufterei is doch was drinn -- das erhebt. -- Na, also: +empfehl' mich gehorsamst ...« + +Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat +auch Marning. + +»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will --« + +Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht -- das war ein +abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung. + +Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht +verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und +der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen +Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der +Räder floß gelbes Wasser. + +»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte +Marning. + +»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder 'ne schiefe -- man weiß +nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. -- Kann +einen dauern. 'n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten +Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die +zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der +Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.« + +»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und +sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr. + +»Das erstere allemal -- der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das +zweite sagen Sie nich -- vielleicht erst recht. Na -- aber Fräulein +Hildebrandt würd' mich schön 'runterputzen, wenn sie wüßte, ich +bedauerte sie. Wissen Sie, Marning -- wenn ich mir das Heiraten nich +abgeschworen hätte: _die_ könnt' einen wankend machen. Mein Vermögen +langt ja. Und n' Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat -- der hat +Beziehungen -- Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee --« + +»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd. + +»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch +endlich losgehen -- wir lassen uns ja rein auf der Nase 'rum spielen, +das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und +keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen +Zwiespalt haben.« + +»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.« + +»Ach Gott -- das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen +Umständen dem Broterwerb nachgehen als 'n geliebten Mann in 'n Krieg +ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.« + +Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen +Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht +klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese +seltsam geraden Brauen -- die gaben diesen Zug. + +Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal -- Sie müssen aber Besuche machen. +Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie 'rauf nach Lübeck +fahren. Da is viel los -- gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. -- Ich +komm' nich oft hin -- unterhalt' bloß kameradschaftliche Fühlung mit +dem Regiment da -- fahr' kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann +man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich +immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab' mir grade Willisen und +Jomini angeschafft -- man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch +zustatten, wenn's los geht. Und das tut es doch mal -- muß es mal! ...« + +»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was +sein muß --« + +»Na -- freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist +Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit +Scheuklappen. Nee. Also denn hier 'rum. Allzuviel is es nich. Um +Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr -- der mit der +Sensenfabrik -- entzückende Krabbe von Tochter -- nächstes Jahr geht sie +aus. Denn die paar Honoratioren -- drüben der Generaldirektor Thürauf -- +wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof -- kluger Mann, feine, hübsche +Frau -- drei prosaische Töchter -- semmelblond -- gute Diners und +gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die +verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge +wund und fuselig: soll 'n dolles Mädchen gewesen sein -- die Eltern, +reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich's zwei Millionen kosten zu +lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete +Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben, +daß das Mächen schon 'n Hufeisen verloren hatte. -- Wer weiß, ob's wahr +is. Kein Mensch kann's jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich, +die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der +Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau -- und die Geheimrätin sei 'ne +scharfe Dame gewesen, sagen alle -- als ich herkam war sie schon dot. +-- Na, vielleicht möcht' die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an +sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer. +Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.« + +Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht +ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite +Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel +zu zurückgeschlagen. + +»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser 'Baby' die Leute +angestellt hat -- fixer kleiner Kerl, der Hornmarck -- hat 'n Schneid -- +na, ein Trost -- man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. -- Wir werden +uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. -- Haben Sie +gelesen, Marning -- die letzten Depeschen -- höllisch brenzlich! Passen +Sie auf -- in diesem Sommer erleben wir's ...« + +Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und +seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch +sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen, +obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei +es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen. + +Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter +aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben +einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine +topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung +kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und +einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu +beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras +Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die +Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von +Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen -- und der Oberleutnant +Freiherr von Marning war auch dabei. -- + +Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte +einmal den Namen. + +Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von +sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. -- + +Er sah sehr schön aus -- männlich und vornehm, und Augen von seltener +Ausdruckskraft hatte er auch. -- + +Aber wirklich -- er ging sie nichts an. -- Wie töricht, daß sie diese +Augen so deutlich vor sich sah. -- Und sie sammelte sich fest und klar +auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und +überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so +gleichgültige Begegnung. -- + +Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr -- noch drei -- sie schwanden +schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich +hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im +Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte +einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den +Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief. + +Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben! +Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen -- es war heute +Mittwoch -- -- + +Und sie las ... + +Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen -- betäubt -- +fassungslos -- -- + +Nun kamen ihre männlichen Kollegen -- Herr Magers wollte, ehe er zu +seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der +kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der +Mutter des Jungen gehen möge -- aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme +die Mutter sicher leichter an. -- Und Herr Kehl strich sich durch seine +blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war, +und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich +an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr +Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über +diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung +seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal +von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm -- + +»Morgen,« sagte Klara, »morgen --« + +Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf +und lief hinaus. + +»Fräulein Hildebrandt -- Ihr Schirm!« + +Sie hörte nicht -- sie fühlte ihren Körper nicht -- nicht Regen -- nicht +Sturm -- Sie lief -- und lief -- + +Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des +Herrenhauses vielleicht sehen könnten. + +Fort, nur fort -- in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das +an sie herantrat. + +Wynfried wollte kommen und um sie anhalten. + +Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte. + +Was Reichtum -- was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr. + +Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein +Fährmann -- drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen +aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht. +Ganz gnomenhaft sah das aus -- wie ein Bild aus einem Märchenbuch. + +Und der Wind brauste -- + +Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst -- sie läutete heftig, als +sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das +dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des +gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als +ängstliche Solostimme abhebend. + +Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der +unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück. + +Sie wurde bleich, sehr bleich. + +Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte. + +»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl. + +Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von +keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie! +Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste +Weisheit zu erkennen. + +»Er liebt mich nicht!« + +Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen? + +»Sein Vater hat es gewünscht!« + +Dies stand ihr über jedem Zweifel. + +Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung. + +Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger +Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du +hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert +wird, erschrickst du?« + +Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen +Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben. + +Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht +bestimmen!« + +Gewiß nicht -- nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie +fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück +bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie +begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe +ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.« + +»Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es +muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei +-- -- Aber das andere! ...« + +Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die großen Summen, die +er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose +Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit über ihrer Mutter +Leben nicht noch der Schimpf komme. -- + +»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...« + +Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das! +Mein Wissen muß ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Großtaten +verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so +hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken. + +»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten +-- aber mit der Tat! --« + +»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie +haben Ihre Mütze verloren.« + +»So?« antwortete sie mechanisch. + +Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr +gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken. + +Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung: +das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt -- das +Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. -- + +Sie sagte sich: »Ich muß!« + +Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die +regennassen Straßen und kam nach Haus. + +Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen +Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne +Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. -- + +Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau, +von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara +noch mehr warme Suppe auf. + +Sie verstand sich plötzlich selbst nicht -- diese wahnwitzige Aufregung +... wie konnte sie das so umwerfen ... + +Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar +nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung +vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war. + +Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie +ordnete es. + +Und sie dachte nun endlich auch an den Mann -- stellte ihn förmlich vor +sich hin. + +Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz +seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein« +entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein. + +Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem +starken Nein sein mochte. + +Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost, +Neuland, Lebenszweck bedeute. + +Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen +ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll +Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. -- Wie hatte sie +eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können! + +Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?« + +Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch +abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu +toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben +gewesen. -- + +Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender +Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten. + +Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an +mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau +der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten. + +Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder +Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum +Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie +sah wohl: noch war das alles tot in ihm. -- + +Welche Aufgabe! + +Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu +_seinem_ Sohn machen helfen. -- + +Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete +Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel. +Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum +Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer +Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine +Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem +Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die +edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes. + +Und Klara -- sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes +hängend, fühlte wieder: »Ich muß!« + +War es denn wirklich ein solches Opfer? + +Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer +Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse. + +Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen +Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. -- +Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war +ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur +flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein +Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten +dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umständen ja auch +auf der Hand lag ... + +Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen +solchen Platz stellte -- -- + +Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen! + +Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten +wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch +viel zu tun -- gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch +mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und +diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne +Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick +das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als +es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich +rühren, nützlich sein. -- Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch +Einfluß auf den alten Herrn. + +War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese +Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter +gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten +habe. + +Aber sie -- oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen. + +Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf. + +Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen -- + +Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer +heiligen Mutter leben -- viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie +gedurft ... + +War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben? + +Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der +rechte Prüfstein für sie. + +Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann +ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Träumereien. +Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hülle sich in +Dunkel -- -- + +Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich +werde ihn niemals lieben ...« + +Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen -- ja, so +konnte sie ihn wohl lieb haben. + +Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod. + +Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle, +friedliche Ehe nottat. + +Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher +Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen? + +Klara wußte, was das war: heiraten. + +Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die +sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ... + +Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen +Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen! + +Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes +Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir +ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde. + +Hier war kein Wahn, keine Flamme. + +Hier warteten nur sittliche Pflichten. + +Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit. + +Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr. + +Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in +heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit -- -- + +Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen +Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr +kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck. + +»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte +sie verdutzt. + +»Bitte,« sagte Klara. + +Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand. + +Er wurde rot -- es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit +ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle +Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn +die Wirklichkeit. + +»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er. + +Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas +Mütterliches. + +»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von +Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.« + +Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat, +als sei dies ein alltäglicher Besuch -- war fast unbefangen -- + +»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er. + +Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll +Güte. + +»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise. + +Er setzte sich aus Nervosität -- unwillkürlich -- legte den Hut auf den +Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn -- wie sein +Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und +diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte +ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick. + +Er begriff: ja -- er mußte viel sagen -- das hatte sie zu verlangen. +Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm +wehrte sich. + +»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung -- es ist das, was der +Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich -- -- liebes Fräulein -- +Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen -- +wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das +tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...« + +Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn +gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in +langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen. + +»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen -- +Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht -- -- +Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden +vielleicht noch.« + +Er öffnete die Lippen -- wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen +Atemzug ... + +»So darf ich wahr sein?« + +»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?« +fragte Klara entgegen. + +Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat -- o wie wohl! + +»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil +mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein +neues Dasein finden würde.« + +Er dachte: »Nun sagt sie Nein!« + +Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch +trostloser auf? + +»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen, +daß ich Ihnen helfen könne?« + +Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in +keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen. + +Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand +vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen. + +»Ja.« Und er glaubte an sein Ja. + +»Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, muß es mir -- -- +genug sein,« sagte sie langsam. + +»Sie willigen ein -- liebe Klara?« + +Er nahm etwas scheu ihre Rechte. + +»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich +Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste +Mensch auf der Welt.« + +Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen? + +Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund. + +Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit +war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen ... + +Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt -- welche Erleichterung! Dafür war +er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. -- Was sie ihm +brachte, wollte er lieber nicht wissen. + +Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es +ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der +Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne, +beunruhigend, beschämend -- Nein, nicht fragen -- -- + +Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie +doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so +durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam +ihn. Er küßte sie. + +Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an. + +»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,« +sagte sie warm. + +Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie +Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. -- Es +tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten +auszukommen. + +Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll +Ungeduld. + +»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die +alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat +ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage +-- ich möchte noch allein mit ihr sprechen.« + +Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften, +ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn +herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit +zwang. + +Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen +Monaten gehabt hatte. + +Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr +besondere Wärme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_ +besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand +zwischen seine beiden Hände. + +Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk +geschmiedet war ... + +Klara sah sie -- zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah +unwillkürlich genau hin. + +Da zog er hastig die Hand zurück -- es war ihm unangenehm, daß ihr sein +Armband so offenbar auffiel. + +»Also in einer Stunde.« + +Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen +hatte. + +»Es wird -- es soll gut gehen!« sagte sie sich fest. + +Nun also zur alten Frau -- ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber +auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten +standhalten ... + +Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen +großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr +Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur. + +Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab +und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl +recht?« + +Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt, +hier.« + +Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches +Gefühl beriet sie -- nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren. + +Sie öffnete. + +Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ... + +Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der +Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte: + +»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der +Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.« + +Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen, +unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier -- riß die Schublade +ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief +hinein ... + +Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn, +fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh -- höre ...« + + + + +4 + + +Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die +Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein +kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen +Natur gestellt. + +Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen +Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der +Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte. + +Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von +Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die +Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen. +Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu +faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte +unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß +Vorwand, uns länger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning -- +man müßte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da könnense nu Ihr +Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln +hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen: +ich habe zugehört. + +Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und +weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der +Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die +arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration +und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung +verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer +wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das +Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ... + +Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat +erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest +großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art +Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er +vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist, +um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil +Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden. + +Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus +gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß. +Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten +nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht +geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den +Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um +Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren. +Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen, +erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke +einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen +schienen. + +Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten +Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte +seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich +dann ins Meer ergoß. + +Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und +lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm +bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit +Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die +weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den +roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern. +Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewölk +da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag. + +Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand, +auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige +und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von +Üppigkeit und Sommerhöhe. + +Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an +ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin +dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein +Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was +nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und +Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein +Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung +verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine +Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mühe +und oft Ärger, sagte sie. + +Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft +darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es +war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu +verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort +zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern +-- und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe, +teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten +schien. + +Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den +Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren +Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei. + +Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld +an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben. + +»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame +Weiblichkeit -- so eine von den heißen Trägen.« + +Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe +kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles, +rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar +Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur +ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, +vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu +üppig und schläfrig dabei zu werden. + +Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien +Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu +hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal +Art der Frau. -- + +Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am +Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit« +nannte. Sie ließ abräumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden, +die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen +nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit, +und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr +wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst +kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen +Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben, +trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand +breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme +bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte +Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße +Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese +Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres +Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie +bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so +weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, +wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen +konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß +und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als +goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. -- + +Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob +es der Dame hin, die ihr gegenüber saß. + +»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die +Karten?« + +»Aber sehr gern.« + +Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn +sie einmal in Anspruch genommen wurde. + +Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von +Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle +Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen +nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht +aneignen konnte. + +Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen, +Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als +Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben +sich haben mußte. + +Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und +daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen. +Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen +zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr +immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen +gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig +verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte +sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der +sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens +doch eine wohltuende Beruhigung war. + +Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener +Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei +Feststellung der Tischordnung genannt werden würde. + +»Mich muß natürlich Lohmann führen -- er ist zum erstenmal hier,« sagte +die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen +naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und +sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie +wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.« + +»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere +Pflegemutter.« + +»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter. + +»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.« + +»Aber glückstrahlend?« + +Likowski erwog -- prüfte nach -- machte eine Kopfbewegung. + +»Glückstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man +nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer +beherrscht.« + +»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein +von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es +ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte. + +»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen, +die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum.« Und sie seufzte auch. + +Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe. + +»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz +elegisch hinzu. + +Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft ...« +Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung. + +Likowskis Ritterlichkeit wallte auf. + +»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen -- der Vater soll +ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme -- hätt's zur Bedingung +gemacht für Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine +Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn +hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch +sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne daß +eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt +auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat +so 'n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte! +Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mächen wäre, das sich so schlankweg +kaufen läßt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich +gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der +ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und +sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.« + +»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für 'n Eindruck +machte das Paar denn? Und die ganze Sache?« + +Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen. + +»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige, +nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war +mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und +die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet. +Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der +Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und +das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen +gemeinschaftlich.« + +Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton +fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all +mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich +nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu +können.« + +»Ich hab' immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar +denken,« meinte Likowski. + +»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er +kalt. + +»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken +Hand wieder erlangt hat?« + +»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine +Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning. + +»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!« + +»Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible für das Mädchen gehabt,« +neckte Agathe. + +»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so 'n rauher +Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab' ich das Gefühl +nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich +losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern +auch: und zum Schutz der deutschen Frau.« + +»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...« + +»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor +sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein +Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau -- +Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch -- +Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jüngsten in der ganzen +Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schön wie 'n +junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verständnis +für die Frau -- ach, es war ein Abend ...« + +Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit -- etwas +Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor +sich in träumerische Gedanken. + +»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,« +erlaubte Marning sich zu sagen. + +Agathe stand auf, reckte sich lässig -- die ganze üppige Gestalt schien +sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor, +daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ... + +»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie +machen das -- nicht wahr?« + +»Aber sehr gerne!« + +»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich -- alles andere ist weiter +keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.« + +Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig +entglitten. + +»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem +Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grüne +Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste -- +Begeisterung über die schöne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen. +Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur für Natur' ...« +schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend. + +Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand +auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in +ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte. + +Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen +Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz +sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen +kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie +manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen, +knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel +deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und +Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen +Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr +angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen +Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die +arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes +Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute, +doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu +können. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein +Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie +er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend« +-- das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem +Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine +Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er +war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte +nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine +ritterlichen Worte danken ... + +Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von +Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert +und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und +Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen +Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte +eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art +Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein +geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein +Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum +und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund +um die Schiffsränder gespannt waren. + +Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im +Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den +Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll +Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe. + +Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten +faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden. + +Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ... + +»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?« + +Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer +Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin, +zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in +Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück +vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ... + +Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er +neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des +alten Herrn saß ... + +Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte, +gelangweilter Höflichkeit ... + +Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er +auch, der junge Ehemann auch. + +Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon, +wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand +der Schwiegertochter ... + +Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den +alten Herrn bediente ... + +»Was geht das alles mich an? ...« + +Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante +Anpflanzung. + +»Ein junges Stückchen Wald -- halbwüchsiges Baumgedränge hat keine +Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und +manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu +offenbaren.« + +Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen, +quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und +durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein +Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des +Gartens in einem Rundell. + +Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende +rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen +Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der +Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in +allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal. + +Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen +Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und +sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein -- das Leben, der Stand +bringen das so mit sich -- --« + +Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und überdrüssig? + +Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie +bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das, +gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter +Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn +einmal die ernste, große Stunde käme ... + +Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie +zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die +Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei. + +Man wurde schläfrig davon -- und doch so seltsam erregt ... + +Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen +-- und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare +Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück -- einem großen, seligen +Glück ... + +Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und +feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher +Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte +das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf. + +Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf -- irgend ein Laut hatte +das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der +vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. -- Nun +wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann +auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen. + +Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und +weltfernen Gartens. + +Er wollte aufspringen -- war sehr überrascht. + +»Nein, ich setze mich zu Ihnen.« + +»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.« + +»Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich möchte nicht +dick werden -- lieber kastei' ich mich.« + +»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.« + +»Na -- sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit. +Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich +aussehe,« sagte sie. + +Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte +den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße +Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit. + +»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt. + +»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer +sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich. +Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt: +Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört, +ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n +Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig +werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in +der Welt ist ...« + +Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht -- aber +doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums +und aller Vergnügungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich +arm. + +Wie schwer, darauf zu antworten. + +»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine +Frau -- denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er. + +»Aber sie braucht Anerkennung -- Verständnis -- ich sage nicht: +Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht. +Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ... +ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab' +ich nicht -- hatt' ich nie ...« + +Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer +Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht. + +Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu +trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen. + +»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er. + +»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles. +Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte +mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten +sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit +seiner rasenden Arbeit -- ähnlich wie der Geheimrat, aber in +Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten -- +Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwäche für Adel -- +ein Baron sollte es sein --« + +»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein -- +lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen -- es erregt +Sie.« + +»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat +Interesse für mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie +wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will, +ermahnt man mich gleich, zu schweigen.« + +Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals +zur rechten Aussprache kommen zu lassen. + +Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem +unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden +herausforderte. + +»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie +mir nur immer anvertrauen mögen -- ich erbitte es als besondere Gunst,« +sagte er sehr herzlich. + +Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre +Mädchenjahre -- wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er +selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an +ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre +Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche +Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen +versteht -- -- + +Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwärtig, während er +sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte. + +Und sie hörte noch mehr hinein ... + +»Ach ja -- ja,« flüsterte sie, »ja -- ein anderes Mal -- aber bald -- +nicht wahr? Bald?« + +Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen. + +Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still. + +Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut -- +als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern. + +Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie +drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor +Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz -- +schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von +Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen +begann ... + +Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der +Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese +lechzenden Lippen, und er war gebunden ... + +Er riß sich zusammen -- mannhaft und überlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber +in Besonnenheit. + +Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich +zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug +eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß -- das war eine +Abschlagszahlung -- ein Vertrösten -- keine Zurückweisung. -- Aber doch: +es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben +hätte, sich satt zu küssen. + +Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel +und ein unbewußtes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch +war zärtliches Gurren in der Stimme. + +»Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich +erzähle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen ...« + +Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die +zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte +mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ... + +Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn +verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glück! Er hatte +sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau +von üppiger Schönheit. -- »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte +sie in einen Harem passen,« dachte er. -- Eine Frau mit großem Vermögen +und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen. +»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier +gebissen hatte -- -- sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen, +ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht +sauer wird.« + +Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines +Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten? + +Es war sozusagen das große Los. + +Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die +weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier +gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen -- nichts +überstürzen -- + +Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon, +der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die +wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des +Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer +Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige +Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm +etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest, +daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil +die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und +bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber +dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich. + +Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel +zu spät kämen, spanne ab. + +Und ihr Blick -- den Likowski sah und höchst vielsagend fand -- glitt +hinüber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der +Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte +man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif? +Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab +seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied +nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr. +Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile +aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten +war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ... +Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten +lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein +kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der +Erlöser Agathens zu sein ... + +Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an +der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner +bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der +Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht +für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit, +sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen +Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf +saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich +ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner +Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung +geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski +verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein +hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu +schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die +im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren. + +Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er +setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit +auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun, +sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei +einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um +ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte. + +»Wär' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos +bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben -- +das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft +nich zu -- nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.« + +Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig +aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die +rechte Färbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der +überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich +in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes +Härchen. + +Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas +leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als +mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr +alter Adel waren. + +Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie +für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch +umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte +hellgrauer Atlas. + +»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum +jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten. + +Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie +ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe +um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen +Freundinnen aus Lübeck -- Referendare -- allerhand halbwüchsiges Volk, +das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck +hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverständlich. -- Aber es +hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu +frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt +man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. -- Und denn diese +Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ... + +Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen +vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als +Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete, +die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der +Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller, +stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge +hineingeschrieben. + +»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär' der Mann für +Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gönnen, +daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das +kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte -- sein +Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rührt keine Karte +an -- nee, kann ich beschwören -- tut er nich.« + +»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von +Pankow. Ich habe drei Töchter -- drei!« sagte der Generaldirektor +lächelnd. + +Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf +sein Gegenüber zu. + +»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren +Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann! +Wenn das nicht flutscht ...« + +»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so +auf Goldsäcken herumwälzen.« + +In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf +mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning. + +»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter +meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.« + +Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt +hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und +sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben +ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und +Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum. + +»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt! +Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas +Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.« + +»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter +braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel +daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja +auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand +es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu +unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja +manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften +mußte. -- Na, das gehört nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen +kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder +dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur +Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die +Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das +Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut +gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt +sie hoch.« + +Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des +Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des +alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen +Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade für mich! Das kann man sich +wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt +-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat +sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann +man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl +vor -- und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers +meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, daß ihr Leben so anders +lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel +Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich +gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres +Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu +danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung +auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für +unser weiteres Verstehen. -- Es berührte angenehm. Keine Spur von +Auftrumpfen ...« + +»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die +Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich +doch verkauft.« + +»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich +das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in +der Tür zwischen Salon und Terrasse stand. + +Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich +plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als +taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit +erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben. + +Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön +wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der +männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war +gealtert -- der Jünglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus; +aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd. + +Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren +natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara +Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt. +Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren +und sogleich fesselten. + +Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen +unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die +Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen +entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schließlich die +meisten -- bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann +zeigte eine ruhige Verbindlichkeit. + +Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr +Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen +Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau. + +»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant +Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n +gänzlich unverheirateten Eindruck.« + +»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine +Leutnant. + +»Ach, wer da so 'reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft +gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe. + +Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher +und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine +Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize +hatte. + +Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit, +daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. -- +Es zog sie -- es trieb sie -- sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans +Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem +man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach. +Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen +Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine +Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ... + +Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den +schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf +die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren +Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine +Farblosigkeit zu verwandeln. + +Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin +und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und +da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im +Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von +Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. -- Mein +Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann. +-- »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als +sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging. + +»Den Freiherrn von Marning.« + +Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der +geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara +Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe. +Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im +letzten Augenblick unmöglich. + +Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche +Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf +dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant +Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie +setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den +Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder +ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür +bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und +obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen +Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte. + +Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr +munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl +beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und +höflich unterhielt -- natürlich mochte er sie nicht leiden -- daneben +versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen +schönen Abend von damals wachzurufen. + +Er lächelte. + +»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs +alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an +jenem Abend rasend in Sie verliebt.« + +»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja -- jetzt sind +Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. -- Ein würdiger Mann. -- +Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. -- +Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?« + +»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen +Geistesgaben auch noch die Hünenkraft -- sie ist ja noch fast +ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. -- Aber ich +versuche mich einzuarbeiten. -- Das große Interesse, das meine Frau hat, +ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1. +September.« + +»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in +plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den +Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine +nähere werden zu lassen. + +»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat +eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch +geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.« + +Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe. + +Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses +wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen +durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte +aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge. + +Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte, +hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, süß und zart, +den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte +Erinnerungen aus dem Schlaf auf. + +Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm -- verzeihen Sie +die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein +Duft!« + +Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. -- +Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen +... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau +hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke. + +Da lächelte er freundlich ... + +Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder +emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu. + +Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme. + +Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch: +gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wußte nicht, was für Gespräche +sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste +fühlte sie sich befangen -- und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine +ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu +entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen, +ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals +gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm +einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung +gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat. + +Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen +reichen Mann verkauft. + +Das verschloß ihr den Mund. + +Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich +außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen -- als sei das +wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und +nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber +unmöglich. + +Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?« + +»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt +kommandiert.« + +»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer +auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.« + +»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann +die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat +immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken +umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!« + +»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir +ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns +sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen, +durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem +Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft +unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und +Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere +und positivere Art.« + +»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres +Herrn Schwiegervaters.« + +Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte: +»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?« + +»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.« + +»Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann +allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben +mag ...« dachte sie. + +»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt. + +Sie suchte nach einem anderen Thema. + +»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier +geworden?« fragte sie. + +»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.« + +»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange +Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe +Ihres Berufs ...« + +Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich. + +»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich +abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist +schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heißt von tausend Fällen +neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos +reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt +und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer +gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten +Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird -- das tut weh. +Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt +und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was +Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist +man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst -- +vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher +Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen +Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder +Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen +zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird +schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie +Likowski. Und doch -- während man so ungeduldig ist, muß man zugleich +aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges +erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ... +Konflikte ... keine leichten ...« + +»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo +gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hören können, ohne von +Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen +Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am +stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, +das volle Hingabe immer gibt.« + +Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm -- so deutlich +fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt. + +Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn +zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er +dachte: »Wir verstehen einander -- sie und ich ...« + +Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine +Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal +nachdrücklich. + +Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht +so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie +gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der +hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel +ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu +kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und +die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die +Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier +nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen +Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit +hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ... + +Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf +achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei +schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein, +daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.« + +Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine +Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ... +Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute +nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten +Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ... + +»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück. + +Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den +geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur +ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück. + +»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith. + +»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand. + +Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes +Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin +nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende, +schlotternde Angst hinunter. + +Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten +Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes. + +Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten +bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann. +Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen +Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem +Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar. +Sie hatte doch reich werden wollen ... + +Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter. + +Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und +war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und +deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig +schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal +umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe +kostete, sich auszuschließen. + +Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier +herein ...« + +Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.« + +»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf. + +»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann. + +Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der +jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen, +dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit +rauschendem Flügelschlag davonstieben. -- + +»Wie schade,« sagte Klara. + +»Was?« + +»Daß wir die Sommernacht entweihen.« + +Er hatte dasselbe gefühlt. + +Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen +und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein +schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.« + +Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte +man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt. +Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber. + +»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,« +dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles +so überflüssig und geschmacklos schien. + +Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher +trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber +niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine +zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren +solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die +auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schießt +flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord -- +und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei -- bloß keine +unnütze Angst, meine Herrschaften.« + +Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche +Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden +entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte. +Einige Minuten lang schwiegen die Insassen. + +Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen +Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken +heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei +aus. + +Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk. + +Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner +schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte +dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der +Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin, +ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man +wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein. +Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm +werden. + +Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis +gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive +Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen +packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien, +weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten +fürchten. + +Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das +leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes +sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal +in Gefahr geriet, umzuschlagen. + +Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle +nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst +die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten -- und die eine schrie: +»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht +ins Wasser zu stürzen. + +Stephan saß neben der jungen Frau. -- Er faßte beruhigend nach ihrer +Hand. -- Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit +großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hörte ja auf, +lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle +Insassen war. + +Ein nächster Augenblick -- ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen +-- es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner +brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den +Verstand verlieren. + +Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit +des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen +beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre. + +Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte +sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte +plötzlich: es kann ja nichts geschehen. + +Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefaßte Haltung, +geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all +der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe +ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein +wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können -- die war keiner +niedrigen Handlung fähig. + +Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen -- +warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen? + +Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz +niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als +ob ihre Räume zerbarsten, klang es. + +Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot +steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit +Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal +rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder +-- als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die +Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen +keinen Platz. + +Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus. + +Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die +Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher +Schutzbedürftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine +Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!« + +Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und +Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen. + +Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet +auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle. + +»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.« + +Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf +der Furcht sich abgespielt zu haben. + +Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb +komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf, +schämte sich. + +Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid +nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an, +ihr blondes Haar auseinander zu lösen -- alle konnten so seine Fülle +sehen -- das machte ihr Spaß. -- + +Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den +Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel +Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle. + +Aber was halfen nun noch Schirme. + +»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen +außer sich. + +Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner +Frau zuwendete. + +»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und +sie lieben sich.« + +So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als +sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. -- Verlaß ist nie +darauf.« + + + + +5 + + +Klara dachte über die vergangenen Monate nach. + +Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr +dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann. + +Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und +hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem +Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren +gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick +hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit. + +Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren +völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem +Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen +Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter. +Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und +hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem +halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen +Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des +Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine, +fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der +Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den +Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch +häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen +war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den +Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt +mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm +drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich +phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach +oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie +umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte, +wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte, +daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen +hineinschütteten. + +Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg +und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam +manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der +hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses +und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens +erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald +gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie +trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten, +mit silbrigem Blitzen in der Sonne. + +Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da +noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten +Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen. + +Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße +von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen +niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten +schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen. + +Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien +niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den +Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt. + +Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen +äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen. +Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem +reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen +genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab; +vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung +behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom +Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter +entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren, +tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte +sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen +dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa +ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es +ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem +Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich +in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte +Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für +ihre Person zu verlangen oder zu treiben. + +»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte +Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und +meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit +Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren? + +Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr +einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht. + +Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld +abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen. + +Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu +einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich +gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen. + +Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten +Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel +niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters +und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ... + +Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten +nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten: +rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn -- +damit er dir recht leben kann! + +Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie +sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis +auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein +rascher Blick -- und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen +Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal: +»Kind, ich muß mir's immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von +meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer +Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden. +-- Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne daß sie es +wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.« + +Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und +wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr +geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den +Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen. + +Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe +recht getan. -- + +Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es +für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie +man es noch nie an ihm beobachtet hatte. + +Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben +war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für +sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen +Abend.« + +Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen. + +Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung? + +Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer +einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von +vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also +heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es +demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so +großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche +Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute +alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres +wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie +entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die +vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und +sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater +einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation +der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der +Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater +-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch +vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im +Jahr mehr verbraucht werden -- für deine Leute ist es nicht +gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern +allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten +Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen +Selbständigkeit.« + +Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne. + +Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte +Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche +Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm +die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser +Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der +Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu +reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er +zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir +verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur +zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu +führen.« + +So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich +nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster +Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie +spürte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja +eigentlich meine Mutter, der er huldigt. + +Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und +hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die +Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr +immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der +in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und +Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen -- +ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der +stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht +getan. + +Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte +Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton +gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen +Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich +angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte +Klara natürlich nichts. + +Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit +Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte +sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten, +vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht +standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter +sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie +las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab' +doch ich's am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den +Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre +und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?« + +Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts +vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer +dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze. + +Wie störend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den +großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man +immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt: +es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken -- das sind +die rechten Störenfriede. + +Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch +in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie +sich gedacht gehabt. + +So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder +auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die +Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer +Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich +mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als +hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich +auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in +besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen. + +Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von +ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch +nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und +Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten. + +Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand +Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln +gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt. + +Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei +selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und +Verantwortungen des Reichtums zu spüren. + +Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es +gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den +vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr +Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu +verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male +umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und +ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich +seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die +Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor +allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit +dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und +Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau +ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr +Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und +spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte +Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser +tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine +Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich +einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und +mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den +Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden +davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges +Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein +Hildebrandt meint.« -- Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein +Hildebrandt«. -- + +Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken! +Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung +kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch +anderer Leben in Bewegung zu setzen. + +Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in +monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener +Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne +schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet +heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen +Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die +hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie +wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten. + +Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer. + +Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten +fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam. + +Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie +mit ihrem Mann gekommen? + +Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- überraschend +weit! + +Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es +nicht! + +Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte +sie. + +Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte +dem Rätsel »Mann« nach. + +Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich +tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die +zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken -- nie ganz ausfüllen ... + +Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben! + +Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz +Ergründliches nach. + +Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war +keine Laune der Natur. -- + +Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe +gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie +wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die +klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht +hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen +Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich +nicht? -- + +Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte -- +immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt +besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr +heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln, +zu beeinflussen, anzuregen. + +Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden +können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre. + +Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück -- er begann Reiz an der +Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ... + +War es nicht genug Glück, das zu sehen? + +Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige +Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller +Inhalt genügte? + +Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht +sagen ... + +Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die +tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt +eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern -- und die umschlingt +dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ... + +Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine +lächerliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich. + +Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk -- +ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern +so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort! + +Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um +deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, daß +er es nicht mehr trug. + +Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer +wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen. + +Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie +völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn +auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche +Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mußte +dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie +wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend +etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war, +durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen, +damit das seine ihm nützlich und hell werde. + +Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden, +und sehr klar. + +Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter +Rätsel an. + +Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von +glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu +sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch +hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre +Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem +Rausch, was nur Liebe können sollte ... + +Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit +zwischen Mann und Weib. + +Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon +hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes +auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann. + +Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr +anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre +Schlafzimmertür zu öffnen. + +Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das +Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen +Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an +alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen. + +Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches +Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen. + +Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden. + +Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große +Liebe. + +In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater +ihres Kindes. + +Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft +dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer +dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu +vergegenwärtigen. + +Er war ritterlich. Das erleichterte alles. + +Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht +so eigentlich seine Interessen trafen. + +Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn +Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre +Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie +nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er +bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen +sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo +er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine +mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den +»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so +lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten +die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der +in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid +auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein +Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet. + +Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark, +wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut +zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach. + +Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden +Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch +Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den +Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts. + +So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur +interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten +schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage. + +Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik. + +Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der +Hauptsache. -- Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und +seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk. + +Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum +erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas +furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie +diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch +merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen +und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was +für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein +Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes +Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte +dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als +künftiger Besitzer -- als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack, +das nicht zu sagen. + +Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte, +mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird +viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre +Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie +mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe -- vor den Abteilungsvorständen. +Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch +Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen +versteht -- auch durch Zurückhaltung kann man's, die schon von fern nach +Unsicherheit aussieht.« + +Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu +beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe. + +Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch +die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut. + +Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich. + +Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur +Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der +Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er +davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang +nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch +Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in +unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat. + +Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen, +sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen. + +Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und +antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann +brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft +heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen. + +Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg +und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie +auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien +nichts Besonderes zu bemerken. + +»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin +heute unleidlich ...« + +Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von +Eifer -- von erhöhter Liebenswürdigkeit. + +Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von +den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der +Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder +aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt +-- was für 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tän Fehrs. -- Oder: ein +neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen, +und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen +konnte, mußte Klara ihn taufen -- »Klara Lohmann« sollte er heißen und +nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu +welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der +Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es +handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden +werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er, +Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als +Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man +bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz +ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen +müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das +allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe. + +Da war Klara ganz erschreckt gewesen. + +»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du +solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf +Häphestos?« + +»Vater schwieg,« antwortete er nur. + +»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen +beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an. + +»Ich -- nein -- ich mußte damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort +bedurfte meiner.« + +Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken +etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen -- Klara -- du sollst +noch Respekt vor mir bekommen.« + +Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer +Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde +von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus, +als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm +sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen +Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und +vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck -- -- + +Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu +verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit +aufzuspüren? + +Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß +ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde. + +»Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann +wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister ...« + +Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher Überraschung +stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz +auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die +Rechte -- küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...« +Und ließ sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort. + +Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen +mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich +zugleich -- -- + +Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben +-- einmal -- dann ... ja dann ... + +Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein +Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster +Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern +gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich +bring' ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem +brüchigen Mann.« + +Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur +einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam. + +Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete +gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut -- im mächtigen Ledersessel +thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß. +Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich +mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich +neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der +möglichsten Vollkommenheit sei. + +Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch +genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden +Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen +Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge +Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob +der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet. +Eine Mütze war auch dabei. -- + +»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein. +Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt, +für junge Damen was einzukaufen.« + +»O wie schön. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir --« Und sie +dachte: »Was soll ich nur damit?!« + +»Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr +als vorderhand vom Eisenguß --« + +»Wynfried?« fragte sie. + +Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine +überflüssige Bemerkung gewesen ... + +»Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht +darauf, daß ich dir was Statiöses schenke -- Klara ist zu uninteressant +angezogen ... sagte er.« + +»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn 'interessante' +Kleider haben?« + +»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht +gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es +Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, laß mich da -- +hol mich in einer Stunde wieder -- du weißt, der Kommerzienrat Kreyser +hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz +an --« + +»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.« + +»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings +sehen mag ...« + +Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue +Wollmütze. + +Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie +den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon +den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir +nach und nach zu bestehen.« + +»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn +aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt +noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da +-- Thürauf ist oft ganz glücklich. -- Du kannst dir woll denken, daß +Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige +Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das +bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort +sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...« + +Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus +vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von +der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ... + +»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du +uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses -- --« + +Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe +Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin +ging -- er sah den fiedelnden Amor an -- -- + +»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich +verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als +Frau Klara Lohmann -- da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich +es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht +geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du +meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist +oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt +-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du +bist glücklich! Anders zerfräß' es mir auch das Herz. -- Ich kann in +Frieden weggehen -- du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet, +nochmal mit der Sense ausholt ...« + +Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft. + +»Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns --« + +Er lächelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke +sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie +ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird. + +»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm +ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem +Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. -- Ja, das hast +du erfüllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen. +Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt +Kreyser -- ein alter Freund. -- Weißt du, was er will? Mit mir die +Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. -- +Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da +in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit +vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse +mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne. +Und nun? Einer im Duell gefallen -- üble Sache -- man spricht besser +nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo +Tuberkeln geholt -- fristet sich im Süden hin und soll nach Australien, +was ja als das Heilkräftigste gilt. -- Früher sagte Kreyser woll mal: +Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not +mehr -- wachsende Zuversicht. -- Höre, Klara, es ist dir doch angenehm? +Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so +Gäste?« + +»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum +Frühstück eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara +zerstreut. + +»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin +geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut +mich. Beide haben meine starke Sympathie.« + +»Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem +Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um +irgend etwas Neues zu haben.« + +»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!« + +Klara lächelte. + +»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.« + +»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir +hast,« sagte er scherzhaft. + +»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis +heute ...« + +Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelähmten +schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben +in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron. + +Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger +preßten förmlich diese große Männerhand ... + +»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und +du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in +deinem Sinne erziehe.« + +»Klara? ...« + +»Ja,« sprach sie, »im April.« + +Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große +Auge ... + +Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von +feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in +diesen gebieterischen Augen. -- + +Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen, +die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die +Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde +ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er +begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters +war. -- + +Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die +Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin, +da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei +Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren +Lebensumständen -- Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen, +und so was könne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das +Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die +alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne. + +Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre +Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders +konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf +Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese +widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr +liebenswürdig. + +Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten. +Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei, +weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend +welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll +hierher. + +Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn +bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die +ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die +Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große, +fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die +nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung +lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau, +deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen +Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters +zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in +seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten +des Tisches präsidierte. + +Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen +Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab +sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem +Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich: +»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und +dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen +gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns +ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie +sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! -- +Nun, wir sind fertig! -- Es _muß_ mal kommen ...« + +Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. -- In ihr war eine stille und +doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres +Geburtstags ein Erlebnis werden würde. -- So war ihr manchmal zumut, +wenn Gäste kommen sollten. -- Dieselben Gäste -- aber immer kam eine Art +von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen +Enttäuschung. + +Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und +lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine +so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines +faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen +Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten +übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu +beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wußte längst: +Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu +erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...? + +Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses +geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den +unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl +nimmt?« + +»Nein,« dachte Klara, »nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm +wünsche --« + +Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar +vorstellte. + +Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar -- er groß, schlank, +dunkel -- sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so +entzückend gepflegt -- + +Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das +doch einfach unmöglich war ... + +Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte +sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation +von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und +Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen. +Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich +sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk +sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem +Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die +Herren eine halbe Stunde allein. + +Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich +sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei +ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien +stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild +und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch +widerstand ... + +Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich +Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und +preßte sie heftig an sich. + +»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du -- +laß uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!« + +Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an +einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht +unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend +einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des +»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes +Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben. + +Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch +keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich +was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich +liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr +leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.« + +Sie begann zu weinen. + +»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie +nicht ... + +»Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? -- +Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals +im August. -- Dann kam gleich das Manöver -- dann hatte er vier Wochen +Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst +seine Sippe fragen, fand's natürlich -- aber die haben ihm ganz, ganz +gewiß nicht abgeraten -- ich weiß es durch die Gerwald, die da +Beziehungen hat -- sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. -- +Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen -- +bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: läßt sich von ihm +mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara -- +ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft. +-- Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe +auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, daß ich Selbstmord +begehe, wenn er nicht ...« + +Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort +herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer +am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode +Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor +Liebesverlangen. + +»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie. + +Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch +-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt -- +so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben ...« + +Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren +mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das +heftigste. + +Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und +gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ... + +Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen +will -- -- -- + +Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu +können -- -- + +»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein -- +das könnte ich nicht,« dachte sie. + +Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und +Größe. + +Und es wurde von ihr verlangt, daß sie -- sie! -- unkeusch zum Manne -- +zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher +Gedanke ... + +»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese +heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an +Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen +haben möchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke: +was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht, +und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist +es eine Demütigung für dich, daß ich sprach -- -- O nein! -- Du mußt +die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.« + +»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr +geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder, +»wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht -- +ja -- du kannst lachen --« + +Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn +für den Augenblick. + +»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...« + +»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den +Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft +kommen ...« + +»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der +Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue. + +Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der +zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch +verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er +es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ... + +Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß +schon im Salon seien. + +Sie trat ein. -- Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und +sahen, daß sie geweint hatte. + +Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem +Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der +Ausdruck: »Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich -- +Grausamer ...« + +Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser, +vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor, +als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das +tat ... + +Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da +war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte. +Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie +noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen, +erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit. + +Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare +Stück auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war +auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich +geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. -- +Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei -- er +lächelte zufrieden -- nein, mehr: zärtlich! + +Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum -- sie hätte es nicht zu +sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst. + +Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite +Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und +weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen +Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab +das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa +in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin. + +Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue +Wollmütze ... + +Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte +wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds +Geschmack. Aber -- Klara -- weißt du noch -- deine pastellblaue +Wollmütze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden ...« + +Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm +wieder ... + +Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung -- +sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes +Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ... + +»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich +so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können -- da +war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt +für sie gab ... + +»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung -- immer, +wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ -- +der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen +Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen +verblenden möchte.« + +»Ihre nicht!« lachte Agathe. + +Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug, +daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf +legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen. + +Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam +ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren +die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften +sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran. + +Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den +sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte. + +»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne +doch vor Lernbegier.« + +»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried. +»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die +zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.« + +»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen +schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.« + +»Hallo! Das ist aber stark ...« + +»Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefühl ... wie soll ich das +sagen -- na -- als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch +noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ... +Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven +sich ab ...« + +»Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist +manchmal geradezu gepackt -- sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat +ein frisches Gefühl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.« + +»Ach so -- Sie wissen doch, wie's heißt: Ich spürte das kleine, dumme +Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.« + +»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut --« gab Wynfried eifrig zu. + +»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan +Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der +Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.« + +Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was für eine Art von Mann denn +wohl Lohmann der Sohn sei ... + +Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde, +hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer +eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah. +Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme +schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er +ließ sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht +ernst. -- Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ... + +Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse. +Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich +zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich +veranlagt war. + +Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem +Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer +Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung. + +»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige +Frau?« fragte er. + +Klara fuhr auf. + +»Ich? Nein --« + +Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte. + +Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf +grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann. + +Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren +gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem +Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit +des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen, +in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des +Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen +durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun +passierte. + +»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen +Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten +mußte. + +Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor. + +»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie -- so wie sie als Kind +vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie +bezweifelte. + +Er mußte doch, entwaffnet, lächeln. + +Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein +retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien -- +Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie +vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart +aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich +schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab -- +mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und +rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen +hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und +Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten +kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten +hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine +Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden. + +Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform +hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der +schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich +ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine +Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige, +schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer, +mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam +vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine +Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in +die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich +zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von +Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues, +dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an, +ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander, +durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten +Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser +Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen +hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich +öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu +entlassen. + +Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen. + +Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen, +kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen +Stücken, gleich großen Holzscheiten -- nur daß sie grau waren und rauh +ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das +Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte. + +Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie +herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß +der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte +sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- »Wenn ich +liebe, kann ich alles!« dachte sie. + +Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen +Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken +kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand +dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das +Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen +gesehen. + +Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen +einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter +grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes. +Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben +schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien, +als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein +Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen +Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben +glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens. +Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie +wunderbar sprechend -- weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein +gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von +wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den +dürren Rainen trauern. -- + +Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der +verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte +herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich +einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine +Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu +Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel. +Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es +wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten +sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der +großen Flamme herangerissen. + +»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.« + +Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte -- wie er es +sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen, +daß er klar und sicher vortrug. -- Daß Stephan Marning und Likowski voll +Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das +tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit, +dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es +gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte +Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei. + +Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im +bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas +Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von +blaugrauen Streifen quer überschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund -- +nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank. +Sonnenuntergang im Novemberabendnebel. + +Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es +keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag +der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der +Arbeit. + +Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf +des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen. + +Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin +Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der +Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies +Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des +Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur +übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen +aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier +mußte von Maschinen getrieben werden. + +Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges +Gesicht. + +Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe +aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen. + +»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des +Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein. +Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte. +Sie war so peinlich ... + +»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der +Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schöne Frauen -- +sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem Öl der +Schmeichelei ...« + +Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm. + +Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die +ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen +Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie. +Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich +rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf. + +Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige +Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz +begleiten. + +Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre +leeren Kiefer nach Nahrung schnappen. + +Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah, +bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu +sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere +Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein +pulsierendes Dasein wie sie -- -- + +»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan. + +»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß +die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme +und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen +gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die +sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie +engagiert waren -- ihre Namen wußte man nicht. + +»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht? +Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen +Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche +Mühen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere +auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne +Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschützt ist -- damit +solche Dinge blühen -- uns groß machen. -- Ich hab' so'n Gefühl: wir +stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier --« + +Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab +stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der +Hauptmann sich quälte. -- + +Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur +das der Arbeit -- auch das des Gefühls -- schweigend sich bezwingen -- +ja -- wer das muß ...« + +Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte. + +Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch +nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht +damit. + +»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.« + +Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten +Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten +Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und +Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende +Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien +liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und +um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern +unaufhörlich kühlende Wasser. + +Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe +emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried. + +Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem +Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete! +Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natürlich über +menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb +interessant, halb schauerlich war. + +»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück. + +»Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das für den Umbau +verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung +gibt. -- Gase sich entwickeln --« + +»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen +und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die +koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten +her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben +angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit +den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen +einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen. + +Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das +Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu +machen. + +»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie. + +»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein +zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt +_diese_ uns heutigen Menschen.« + +»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der +Generaldirektor. + +Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu +stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf +einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen +trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die +eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte. +Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter +lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen für den Guß der »Gänze«. In +unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer +Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen +strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen. + +Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt +-- wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich +irgendwo sollte stauen wollen. + +Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie +die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die +Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie +zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch +vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin -- wieder +und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten +Händen den Eisenstab gegen den Verschluß -- berannten die Festung des +Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von +Sprühpünktchen -- und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort +überhaucht, floß das glühende Eisen. + +Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo +die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden +Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der +schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden +Eisen -- das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt -- +eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde. + +Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab -- ein +Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit +Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde +rollen sollte. + +Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. -- +Rauch wölkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Draußen, +zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den +blauen Abendhimmel. + +Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder +Schönheit! + +Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit. + +Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender +Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen +Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur +bezwingen! -- + +Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt. + +Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich +verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit +ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es würde, es sollte auch +einst die Welt ihres Kindes werden ... + +Ihre Seele ward wieder froh ... + +Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen, +denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war. + +Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten +sich ihre Blicke. + +Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der +gleichen Andacht erhoben seien. + + + + +6 + + +Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem +Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In +dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu +sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte +sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen +unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch +fassen. -- + +Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren +Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel +sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen +Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ... + +Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn +unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten. + +Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang. + +Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine +Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten +April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung +des Geheimrats übernehmen können -- wie so oft, seit dieser an seinen +Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt +gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds +Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin +Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der +Industrie für das Haus eintreten solle. + +Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu +verschaffen -- noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich +erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte +wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater +selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als +wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der +Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht +Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken, +erweckte die wohlwollendsten Gedanken. + +Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung +Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin +anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor. + +Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine +Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich +anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er +habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen +geschenkt. + +Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte +interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus +konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß -- nach +Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er +wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die +Welt wartet ja noch auf dich. -- + +Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau, +diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu +erheben ... + +Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried +möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete +Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und +wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ... + +Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel +daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der +Industrie sich Zutrauen erwarb. + +Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und +Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof +hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt +schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried +depeschiere. + +Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn +fern zu wissen. -- Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen, +wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. -- Er hatte so wenig +Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ... +Rücksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zärtlich, als seien sie +wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch +immer wartete. -- + +Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die +Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der +zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wußte noch: +als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht +chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den +leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen +könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt. + +Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige +Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April +erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit. +Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte +die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten +Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der +Frühe. + +Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein +Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft. + +Feierliche Würde war in diesem jungen Tag. + +Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er. + +»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?« + +»Was soll das? -- Was willst du mit mir ...« + +»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam +verstocktes Gesicht. + +»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ... +irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl +an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge +-- nein gar keine. -- + +Er zitterte ... + +Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche +Aufregungen waren nicht für seinen Herrn -- und Nächte durchwachen, wenn +man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu +leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer +zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im +Gleichmaß hergegangen ... + +Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl +und schob ihn rasch zum Lift. + +Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum +Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ... + +Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar +und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf. + +Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das +Küchenpersonal, die Stubenmädchen -- fast als bildeten sie eine Gasse +... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst +von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht, +klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht +der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen +und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen +Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte +Weibswesen. + +Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer +beklommener zumute ... Sein Herz klopfte. + +Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. -- + +Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen +Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles +Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ... + +Leupold schob ihn an das Bett. -- + +Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in +heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren +ein wenig zusammengerückt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der +Schmerzen noch nicht ganz gelöst ... + +Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel -- und nun +sah man: das Fellchen war dunkles Haar. + +»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie. + +Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ... + +Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem +Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung. + +Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der +wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ... + +Die große Männerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem +Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als +habe sie Heiligstes berührt -- so überfein und unfaßlich zart war das, +was seine Fingerspitzen verspürten. + +Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er +mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ... +Und er küßte sie -- immer wieder -- von Dankgefühl übermannt -- +wortlos. -- + +Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter +Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und +Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ... + +Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun +lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu +kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man +wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei. + +An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift +»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der +Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen +und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen +Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet. + +Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte +durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und +Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.« + +Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder +dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.« + +»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz +erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.« + +Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein +Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht. + +»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger +Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten +Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.« + +Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an +der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte. +Großfürsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am +Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz, +daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ... + +Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte, +sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du +bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf, +ob du ein tüchtiger Mann wirst ... + +Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute. + +Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum +Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige +Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt +werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder +der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und +ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon +Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat +er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu +lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war, +versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in +befriedigenden Mengen anzubieten. + +Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden +Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren +Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen, +seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er +war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat. +Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der +Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben. + +Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja, +dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter -- +und solche Zukunft!« + +Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich +gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über +Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur: +Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei? + +Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge +Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O -- man hat doch stets +den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...« + +»Angenehm -- angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch -- soll er +wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich -- ich trau' ihm nich -- nee -- +wo das mal drinn steckt -- so 'ne Männer sind gerade wie die Gäule +früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ -- wenn ein +ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hörte, +brannte er durch ... Warten wir's ab ...« + +»Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen --« sprach +er. + +»Kunststück -- erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind +mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab' +ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch +von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf, +wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu +schweigen -- warten -- aufrecht bleiben --« + +»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes +Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir +haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen +-- ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach +Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da -- es regt mich unersättlich +an ...« + +»Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon: +der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an -- +nee -- daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...« + +»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die +Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die +Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen +taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am +Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir +eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch +Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird +schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom +Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant +ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär' ich nicht +Offizier, möcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so +bescheidenen Lohn ...« + +»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen +Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...« + +Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher +Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr +wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat +nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen +wolle. + +Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause +herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle +Nerven. + +Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus. +Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren +neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen +dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal +schrillte. + +Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer +Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen. + +Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die +bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte +es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause +einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr +durchlitten ... + +Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete. + +Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete +nach dem kleinen Knebel neben der Tür -- das Licht an der großen Lampe, +die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf. + +Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so +viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller +Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen. + +Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte +fragen ... + +Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte +Herr sprach: »Leupold -- du weißt es seit damals -- ich muß immer +gerüstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das +kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ... +Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest -- +überhaupt noch dienen magst -- verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen: +Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der +jungen Frau und meinem Enkel gibst ...« + +»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen +Lippen. + +»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab' so allerlei +'rausgefühlt ...« + +Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah +wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in +ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell +er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte -- den von Glück bebenden +Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der +kleine Severin Lohmann.« -- Da war doch auch über sein etwas +vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie +Rührung. + +Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und +Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich +auf mich verlassen ...« + +Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen. +-- Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen +Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der +Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mußte der geliebten +Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben. + +Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen. + +»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Fürsten. Denkst +so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll +zu -- -- -- na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen +feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gnädige Herr' ...« + +Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den +Kissen. + +So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen +Lächeln. -- + +Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs +Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um +sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause. + +Klara hörte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel. + +Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst -- +in Enttäuschung. -- Niemals hätte sie genau sagen können, in was für +Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere. + +Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen +Daseins erwartet. + +»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte, +hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der +Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur +konstruieren können, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die +selber niemals ein Kind hatten.« + +Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine +verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem +Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stück +hinzugewachsen ... + +Sonst hatte sich nichts verändert ... + +Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr +eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich +leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein +Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins. + +Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war +hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken +könne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz +zusagte ... + +Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen +Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge +verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrübeln ... + +Nun schrie die Hupe zweimal auf -- + +Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der +bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen +so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und +das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen -- da werden sie naiv +überheblich,« dachte Klara oft. + +Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara +mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein. +Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ... +Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der +Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. -- Klara sah +an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht +rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat +längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach -- deren +Grund sie doch kannte ... + +Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen -- +Klara sah nervös aus -- als schmerze sie etwas -- + +»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz. + +Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man +zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre +Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell. + +Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr +unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ... + +Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu -- neigte sich herab und +küßte Klara -- + +Sie sah ihn an -- tief -- tief. -- Er lächelte dem Blick zu, der ihm +doch fast unbehaglich war ... + +Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis +ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand +und streichelte leise ihre Wangen -- + +Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht -- wie sie +es immer gewesen war, und nicht anders ... + +Nein -- nicht anders ... + +Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben -- + +»Willst du ihn nicht sehen?« + +Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit +vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die +Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und +lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit +dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend +-- hoffentlich sieht er dir ähnlich -- ja -- so'n Baby -- das ist nun +mehr was für Frauen --« + +Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben -- die +Lamprächtige hat es so befohlen ...« + +Er küßte ihr die Stirn. + +»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist -- und Vater ist ja wohl +außer sich ...« + +»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...« + +Ganz einfach sprach sie das -- jedes große Wort, jede Aufwallung und +Erschütterung blieb aus. -- + +Es war sehr alltäglich ... + +Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte +den Kopf zur Seite -- sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken. + +Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken. + +Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten +kommen ... + +Das macht das Herz still -- + +Alles war dasselbe geblieben -- + +Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf +jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ... + +Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen +Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden +war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine +pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit +buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den +schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich +künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt. + +Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche. +Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach +gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren +wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er +fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über +Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie +konnte nicht kämpfen. + +Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren +Verschiedenheit in großen Dingen. -- + +Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds +Wünsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war, +einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie spürte: hier war es ihm ein +Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen. + +Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in +ihm nicht aufkommen. + +Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im +Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit +zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm +noch angehaftet. + +Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der +erfreulichsten Ausgeglichenheit. + +Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete +Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine +seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner +eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen +zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte. + +Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe +Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen +Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein +kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit +Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es +hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara« +trug. + +Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen +Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen +Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum +eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng +haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren +Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden +und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen. + +Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote +Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und +Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln +flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen +marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze +ein goldenes Band hatte. + +Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem +Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des +gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer +regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das +zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die +gesunde Jugendkraft. + +Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der +Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht, +keiner verlockender scheinen als dieser. + +Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen. + +Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst +gegen jetzt. + +»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt +anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so +gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich +nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation +-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt's +ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß +Wynfried die Erholung im Sport sucht.« + +»Ja -- gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach +Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...« + +Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt -- obgleich -- Nein! +Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine +Gefahr mehr. + +Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr +vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh -- +es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will +durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar +sein, daß er sie in der Natur sucht?« + +»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er +gar nicht hören. -- -- + +Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen +Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des +Hauses gefahren kamen. + +Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange +fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe +hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe, +ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war +beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck, +daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter +jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der +Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer +treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort +nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine +versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor. + +Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten, +wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht +glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe +keine Hoffnung mehr. + +»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,« +meinte Klara. + +»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren +geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert. + +Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit +Kälte zu strafen. + +Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre +»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht +einmal verlangt, es zu sehen -- merkwürdig! + +Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf +daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu +gar nichts nötig sei. + +Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssünde Agathen +selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Täufling süß +und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das +festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm +zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe. + +Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher +glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr +Haar habe er denn doch auch noch. + +Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler, +unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön. + +Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich +berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese +Wundertiefen darin? ...« + +Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr +kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen +Händen festhielt. + +Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte +Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge. + +Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des +einen, der hier zu sprechen hatte. + +Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen +die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im +Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und +Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen. + +Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch +der leuchtende Schein. + +Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste. +Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem +improvisierten Altar. + +Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann +dies schnelle Schlagen. + +Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ... + +»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal. + +Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer +Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen +Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der +Wohltat sich dafür hinopferte ... + +Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen +Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas +zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz. + +Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie +hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das +große, sprechende Auge des Mannes. + +Sie erblaßten beide. + +Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt +zu gehen. + +Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen, +kein Sturm fassungsloser Aufregung. + +Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis. + +Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß +fort ...« + +Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder französische +Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man +nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ... + +Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer +Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt +hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je. +Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten +sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf -- und der +hieß: Entsagung. + +Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut +herausschluchzen ließen. + +Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre +weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...« + +Nein -- das lag ihr nicht. + +Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend, +segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches +Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch +bezaubern werde. + +Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt +werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und +Gebüschgruppen. + +Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte +schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht +sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein. +Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und +die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der +Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte. +Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf. + +Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine +Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts +gezogen wurde. + +Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr +beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört, +und du selbst stehst fest noch mitten darin. + +Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder -- +darin war etwas gewesen -- was? Großer Gott -- was denn? + +Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom? + +Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und +der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr +zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu. +Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die +Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer +Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht +in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und +Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden +und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen +Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß +Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht +erworben habe. + +Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte, +tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art +freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten +sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa +beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja! +Das konnte sehr lustig werden. + +»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche +Geschmacksänderung?« spottete Likowski. + +»Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen +einer Frauenseele.« + +»Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein +schlechter Geschmack!« + +»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört. + +Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und +sagte auch gleich -- weil er wußte, er half damit dem Kameraden -- daß +es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so, +daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der +Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im +Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind +ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes +Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in +solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da +hatte er keinen Sinn für Sport. + +»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich +Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck +ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen +Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er +anhält ... Das wär' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer +gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war +doch bloß so 'n Backfischstadium.« + +Alle hörten es. + +»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat +mir noch gestern gesagt, er heirat' bloß, wenn er 'ne sehr gediegene, +weibliche, schöne Frau kriegt -- --« + +»Na,« lachte Edith, »also grad' so 'n Mädchen, wie ich bin.« + +Und alle lachten mit. + +Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten -- es +schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß +sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie +durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem +Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton. + +Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte +nicht gewagt, seinen Blick zu suchen. + +Welche qualvolle Unerklärlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und +ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von +diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe +horchend, das der alte Herr für ihn hatte? + +Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese +nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ... + +Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen. + +Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem +Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh +zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an +und fuhr hinauf. + +Der alte Herr war still. Nicht müde -- aber als sei er satt vom Tage. Er +mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden. + +Da kam die junge Frau. + +»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was +ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?« + +Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine +Schulter. + +»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt' die Feier +lieber im kleinen Kreis gehabt.« + +»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.« + +»O ja -- immer -- immer,« sprach Klara. + +Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange -- +lange. + +Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden. + + * * * * * + +An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit +Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein +Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche +überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit +verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung, +mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck, +sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb. +Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so +oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich +bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem +bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre +Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art +mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine +herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr +Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht +vorenthalten werden.« + +Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr +Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste +ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll +küßte. + +Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden +nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein +leises, ironisches Lächeln. + +»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene +Los erbitten?« + +Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es +herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann +von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer +Tochter eine große Stellung.« + +Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre +alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich +darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration +so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf. +Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß +ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig +eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit +bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle +Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein +natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und +die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt +habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie +Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir +würden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.« + +Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch +deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die +verletzt -- Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem +Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude. + +»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie +nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür +kein Verständnis hätten -- wir brauchen selbst einen starken Posten +Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An +Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat +gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu +viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine +Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben +kann.« + +»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow +kurz, ja schroff. + +»Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche +ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!« + +Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem +tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen. +Brelow erhob sich auf der Stelle auch. + +»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich +nicht für 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins +darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu große Gewohnheiten haben +noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah: +daß mal Mitgiftjäger sich 'ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was! +Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht +als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh' +ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten +des Feldes ... Schön, sehr schön! -- Aber ich möchte denn doch, daß es +die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich +denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der +Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich +reden läßt ...« + +Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand +bleich vor freudigem Schreck. + +»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine +Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem +dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen -- durchaus: keine Mitgift! -- +Bloß Hochzeitsgeschenk.« + +Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage +innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die +Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein +Pläsier. + +Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung +auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone +kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon 'n Platz im +Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so +zusammengeläppert, daß Fräulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit +kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir +Ihren Posten.« + +Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat's +natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift +und so ...« + +Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort: +»Sie lieben sich -- sie lieben sich! ...« + +Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden +durften. -- -- + +Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen +Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die +Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die +freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute +schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus. + +Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin +Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß +sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in +erneuter Mannesschönheit aufblühte. + +Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried +mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das +väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand -- +als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch +den Kern der Dinge, auf die es ankam. + +Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als +halte Thürauf irgend etwas zurück -- das war sonst nicht seine Art. + +Er sprach auch mit Wynfried selbst. + +Der lachte. + +»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist +was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert +-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte: +acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann +man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?« + +»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken: +»Gerecht bleiben!« + +Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte +seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen +mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde +Frau -- ein Glück in der Ehe -- das hatte er doch? + +Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen +dieser jungen Frau so rätselhaft. + +Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von +Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief +eingezeichnet, daß er nie mehr wich. + +So sieht das Glück nicht aus ... + +Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton +weitersprach. + +»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich +abhetzt -- rasche Entschlüsse fassen muß -- das prickelt -- -- Spannung +und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Böe +kommen -- es heißt Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an -- +Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man's haben, wann +das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns +vorbei -- dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.« + +Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht +mit vorgebracht hatte. + +Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie +war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich. + +»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein +Unterschied. Arbeit ist kein Sport.« + +»Ich meine doch beinah -- wenigstens für uns, die wir's eigentlich nicht +nötig haben.« + +»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.« + +»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt +mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben +haben.« + +»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater. + +Wynfried streichelte Klara das Haar. + +Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ... + +»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau +in mir geweckt.« + +Klara lächelte freundlich. + +Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es +nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen, +großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an +Worten? + +Fort -- fort -- Gespenster -- Grübeleien -- fort ... + +Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück. + +»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit +gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so +wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte +Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es +bewunderten. + +Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall -- +aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen. + +War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen? +Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin +ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte? + +O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit +zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang. + +In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie +nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« -- das war ja +die junge Frau. -- + +Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen +Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...« + +Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in +der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er +legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an. + +»Hast du Kummer?« + +»Nein, Vater.« + +»Du bist verändert.« + +Sie erblaßte. + +»Wie sollte ich es sein?« + +»Hast du über Wynfried zu klagen?« + +»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.« + +Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht. + +Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie +erblaßte. + +Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem +Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ... + +»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.« + +»Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,« +sprach sie matt. + +»Aber wenn ... je ...« + +Da raffte sie sich auf. + +»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich! +Sonst wär' ich nicht wert, dein Kind zu sein.« + + + + +7 + + +Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot +entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank, +im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm +Arm, stand sie und winkte schon von weitem. + +Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose +Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote +kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende +Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des +Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den +ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte +beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und +ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der +Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das +schöne Wetter kehre. -- + +Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte +man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von +Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden +Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie +immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart +und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage +mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden. + +Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak +beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken, +brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und +das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den +bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch +häßlicher. + +»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da +muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von +Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr +Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens. +Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst -- -- na -- +und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger +wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben +-- ich bitt' um stilles Beileid ...« + +»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn +auch nicht begleiten.« + +»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend. + +»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der +Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts +meine Frau von ihm weg.« + +Edith lachte. + +»O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mütter ...« + +Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde +neckte. War's nicht, als würde man sie necken, weil sie atme? + +»Fanatisch -- das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als +ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald: +sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn +-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da +sei.« + +Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in +Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten +konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst +täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen -- ihm +Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in +die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten +Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im +rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem +nie abreißenden Hintereinander der Gefährte -- wie waren sie mühsam +gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das +Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem +besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte +wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur +Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie +hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes +Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und +beschäftigt hätte -- sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf +neue Wege geleitet hätte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies +unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem +bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein +konnte. + +Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr -- +deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke. + +»Aber nun fix!« mahnte Wynfried. + +Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins +Gesicht. + +»Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bißchen matt aus -- ich fand es +schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.« + +»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich +etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.« + +»Schad',« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und +Marning haben auch abgesagt.« + +»Was -- die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher +Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer +ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer. + +»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin +Agathe und meine Frau mitsegeln würden.« + +»Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte +das rothaarige Mädchen. + +»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara. + +»Na -- nu los. Und ängstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt +-- es kann spät werden ...« + +Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren +Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den +drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck +der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den +weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch +salutierten. + +Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann +zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt +stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen +Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und +Schunersegel waren noch gerefft. + +Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis +Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg. + +»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith. + +»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet +aussieht -- sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf -- die +Amme sei nicht verläßlich.« + +»O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem +Pathos. + +»Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes +Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein +nächtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.« + +Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in +üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige, +ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein +breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von +Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender, +rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder +unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange +glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen +Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf. + +Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander +gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute +aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in +ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön +geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise +öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann +irritieren könnte --« + +»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er. + +»Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...« + +»Ich?« + +»Na ja -- wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...« + +»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache, +mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend. + +»Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau +kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte +Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne -- +aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ... + +Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei, +den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen -- die Augen +blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. -- Die Züge vornehm -- und +das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und +selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen. + +Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war -- ja, dieser Mann wäre in +jeder Hinsicht für sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schönheit +lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_ +Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte +ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der +einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so +langweiligen Person verheiraten müssen. + +»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann +ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll. + +Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade +erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der +überraschend scharf war, fühlte sie das gleich. + +Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ... + +Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge. + +»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?« + +»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.« + +»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.« + +»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie +wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem +Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das +gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um +anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier +Mann -- denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.« + +»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.« + +»Sie sind durchaus normal.« + +»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das +Lohmannsche Kapital. -- Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater +ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes +stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark +Einkünfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die +Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den +Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie +sozusagen von selbst weiter.« + +»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie +das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen +Mädchens.« + +Edith zuckte die Achseln. + +»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen +hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen. +So 'n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für +Geld und Geschäfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt +weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große +Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man +immer gedacht.« + +»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan +haben. -- Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die +Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel +übertragbar sein soll.« + +Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte +gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ... +und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der +zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein +alternder und ganz eingearbeiteter Mann. -- + +»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja +'n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens +Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem +ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.« + +»So?« fragte Wynfried ungläubig. + +»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten +-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich +genier' mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen -- na, wen +treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs, +nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an +dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen +und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst +belegt -- das wäre so in der Situation gewesen. -- Und was tat +Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen: +Vergißmeinnicht!« + +Wynfried lachte. + +»Wissen Sie, was ich tat?« + +»Bin gespannt.« + +»Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem +Reitstock und improvisierte: + + Ein Leutnant saß an dem Rain, + Er sammelte Vergißnichtmein + Und fügte sie zum Kranze; + Wie rührend war das Ganze. + +Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als +Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.« + +Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben. + +»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?« +fragte er. + +»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch +sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders. +Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a# +bringen darf. -- Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem +Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei. + +Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte +sie selbst es auch. + +Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und +faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des +Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen +waren. + +»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton -- aber um ihren großen Mund ging +ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen +können -- der ist ja #hors de concours# ...« + +Und ihre Augen sprühten Funken -- zu ihm hinüber. -- Daß sie ihn meinte, +war zu fühlen. + +Er sah sie an, lächelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle +Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren. + +Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen, +das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen +Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natürlich +nicht an ... + +Sie machte ihm aber Spaß -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand +und keckster Herausforderung. + +Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten +umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um +ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen +her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise +geraten war. + +Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes +Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten. + +In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« -- die hatte so wenig mit +dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk. + +Eine Sache gänzlich für sich -- -- + +Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres +fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer +Bewegung in sich aufsteigen ... + +Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß +der Pfiff des Motorboots sie. + +Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die +roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das +Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft +hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem +Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur +Stelle und erwartet ihre Gäste. + +»Ach -- wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie -- die Baronin muß schon +im Bootshaus gewartet haben.« + +Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken +Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher +Fahrt heran. + +Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und +Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand +für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches +Ziel. + +Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse +Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«. + +»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im +Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle. +Keine Spur von Selbstkritik.« + +»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe +ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten +angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll -- noch nicht mal +Rubens ...« + +»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total +anderen Geschmack als wir ...« + +Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier. + +Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war +denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu +ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene +Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen +Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der hätte +auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken +können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst +kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links +unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war. + +Wynfried dachte: entzückend. -- Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich +in jedem Blick, jeder Bewegung. + +Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit +einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine +Rarität unbefangen genau anstarrte. + +»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das +verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht -- paßt sich denn +das überhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?« + +»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara läßt Sie +vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes +Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig +schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet +ist,« sagte Wynfried. + +Agathe sah ihre Gerwald an. + +»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden +Ton. + +»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck. + +Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher +Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte +eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede +dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir +konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel +Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde +von Bord ging. + +Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe +Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das +abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders +schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein +leiser, schmerzlicher Stich. -- + +Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen +hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie +abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie +winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas +großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze +zu ihr hin. + +»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So +eingebildet und dreist.« + +»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald +hinzuzufügen. + +»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und +temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.« + +»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz +anderen Geschmack als wir.« + +Nun hieß es erst einmal Tee trinken. + +Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der +Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische +Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator +elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse. + +Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand +mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafür hatte Klara +gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere. + +»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau -- zu gut +für mich.« + +Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß +das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte, +bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer +Fahrt über die Wogen dahin. + +Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie +prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von +Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste +scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des +mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser +glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit. + +Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens. + +Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen +Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen, +fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete +köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die +runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher. + +Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum +Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die +weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte +des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem +»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau +und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge +umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise +spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben +erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen. + +Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in +eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen; +und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag +die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen. + +Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und +den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer +patriotischen Musik von dort herschwirren. + +Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts +-- entgegen den aufkommenden Jachten. + +Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe +Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich +zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen +dahingleiten konnte. + +»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!« + +Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte +Klara diese Stunden nicht miterlebe. + +Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern +und Raunen -- es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es +die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von +Dummheit -- als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und +brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne +bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise +Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel +bluffte. + +Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den +roten Sweatern sprangen -- der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte +-- die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am +Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte +sie auf. -- Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder +der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der +Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch +durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im +Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in +kürzeren Schlägen. + +Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß +niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward. + +Sie mochten kaum sprechen. + +Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von +Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte +und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder +flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne +erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von +allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues +Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern +aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und +ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber. +Die Gerwald saß neben Wynfried. + +Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein +höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war, +weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. -- -- + +»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald. + +Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man +weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen. + +»'Meteor' und 'Germania',« sagte Wynfried. + +»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen -- stick +Nordost. -- Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde +zuhalten können.« + +»O -- schon zurück?« + +»Erst wenn Sie wollen. -- Für ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara +hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflügel -- sonst +noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat +kochen.« + +»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus +-- bis ganz nach Fehmarn!« + +»Mir ist's recht.« + +Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald +als Segel -- rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen +Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen +Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran -- +kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer. + +Das war herrlich zu sehen. -- Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um +die Kaiserliche Jacht zu grüßen. + +Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln +schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die +blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper +und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze -- der +»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten +wieder. + +Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten -- +kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem +blauen Hintergrund des Himmels. + +Fülle des Lebens. -- Fülle der Freude. + +Und Agathe seufzte schwer. + +»Nun?« fragte Wynfried. + +»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im +Herzen weh.« + +»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?« + +»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an +gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine +Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen +heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines +verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber +darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten, +sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle +Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem +Motorboot hätt' ich mich herauswagen können -- dazu ist es zu klein ...« + +»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.« + +»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich +ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und +ich muß wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es +nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine +Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man +immer im Schock ist ...« + +Das wußte Wynfried noch. Früher -- da war er seinem Vater auch lieber in +scheuer Ferne aus dem Weg gegangen. + +Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach +seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters +Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte. + +Wie weit und unbegreiflich lag das zurück. + +Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von +dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte. + +Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den +eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau. + +Aber er war nicht eifersüchtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde. +Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm +selbst mehr ab -- als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes, +die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn, +den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- würde eine beständige +Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war +vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau +und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie +ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte +Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich +ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede +Lage mehr beherrschen würde. + +Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie +schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich +niemand einen Begriff.« + +»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried. + +»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit. + +»Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schön -- verzeihen Sie, aber +diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so +wundervoll schön -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller +Herzensgüte -- die muß und wird Liebe finden -- keinen 'Käufer' -- nein, +einen leidenschaftlich liebenden Gatten.« + +Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb +bekümmert an. + +»Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir +ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.« + +Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als +ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen +mehr ausspricht, als geschmackvoll ist. + +»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige +vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten +unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel. + +Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost +zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen. + +Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte +sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem +unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt, +daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue +Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am +Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt. + +Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden. + +Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz +gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen. + +Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. -- Aber +Agathe errötete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen. + +»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!« + +Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf +Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob, +daß da gerade Fehmarn war ... + +Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen +Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen +Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der +Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig +pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf. + +Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede +etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von +kluger und sehr feiner Kunst hingemalt. + +Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne, +die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der +schmale Fehmarnsund. + +Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am +Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten +Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf +aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn +Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen? +-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam +man nach Haus? Großer Gott -- es konnte sehr spät werden. -- + +Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen +Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben. + +»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut, +»dafür bin ich Ihnen so dankbar.« + +»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres +Gemüt zu erhellen.« + +»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich +besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich +lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie +sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß +Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken. + +»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen +etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer +Freundin ...« + +»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe. + +»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht -- Sie sind doch +Freundinnen -- hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?« + +»Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich +bewundere es.« + +Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd: +»Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe +mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns +gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als +ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es +möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte +mich verraten ...« + +Agathe preßte seine Hand. + +»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?« + +Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man +von ihm geliebt sei ... + +Er erwiderte dankbar den Händedruck. + +»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel +wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige +moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelänge es Vater +freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf -- als +spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen +Geschichten. »Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich +verliebt -- man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten +Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne +schwesterliche Hingebung für mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen +Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.« + +»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein +... Ich wollte sagen -- es hätte tragisch werden können ...« + +»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige +Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte +nicht, daß ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie +das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen +meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun +glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in +Frieden. -- Wie hätt' er sich sonst daran verzehrt ...« + +»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf +unbestimmte Art ernüchtert. + +Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn +Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an. + +»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den +holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam. + +Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer +Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter, +steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese +Zwangsvorstellung entschied. + +Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen +Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht. + +»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt, +als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male +in ihrem Leben auf. + +Agathe erwachte ... + +»O -- wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt. + +»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf +vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...« + +»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die +Gerwald. + +Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind +flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich +langsame Rückfahrt. + +Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter, +schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab +eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten +Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die +Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen +tüchtig zu. + +Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder +gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras +Wohl trinken!« + +Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. -- + +Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt -- seit +drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen +Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. -- Rührung erfaßte +sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser +Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein +schäumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer +Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds. + +Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja +doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz +anderes Wesen bekommen hätte -- gleichsam als habe eine Zauberhand über +sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden, +sprühenden Ausdruck gegeben? + +Ja -- Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt +-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurückgekehrter, der lange +verbannt war -- so dergleichen -- er wußte selbst nicht, wie ihn das +ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz +durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie +Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. -- Ach, was gab es denn +Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich +Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren +Worten. -- + +Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ... + +Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer +gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende. + +Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht +mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo +der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie +nieder und fand Lehne und Halt. + +Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften +Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und küßte sie und +legte sie ihr in den Schoß zurück. + +»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man +gelitten hat.« + +»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach +Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte, +erzählen Sie nichts davon -- mir ist, als würde ich zu zornig werden. -- +Es gibt nur eins: vergessen!« + +Sie redeten sehr leise miteinander. + +»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es +ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu +straft, was man einmal verbrach ...« + +»Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie können keine Schuld auf sich +geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu +tun.« + +»Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier -- +aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich weiß selbst nicht, +wonach -- nach Liebe, oder nach Glück -- oder nach Geheimnis -- ja, aus +Unkenntnis kann man fehlen.« + +»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen. +Erfahrene Herzen urteilen anders.« + +»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie, +woran doch auch sie die Schuld trugen.« + +»Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe +alles --« + +Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille. + +Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm -- stockend -- in immer +wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend. + +Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glänzte in der Nähe +schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den +Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf -- von +der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und +backbord ein grünes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt +und schwebten über der Tiefe. + +»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe. +»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Französisch und +Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch +hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat +große Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich später +-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft +sichern. Und mal 'ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste +Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und +Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir +herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine +Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwünschter Anhang da +sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position +ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man +muß erst sehen, wohin man gelangen kann.« + +»Eine kluge Dame Ihre Mama ...« + +»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß +erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte +ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir +haßten uns.« + +»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte, +sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist +_das_ Parfüm. + +»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen +den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst +hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah +oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grüßten -- wenn +ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich bloß meinen +Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich +Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden -- dann mußte ich +hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...« +sie stockte. + +Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde +Frau ... + +»Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen +Schnurrbärtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa +sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam -- +wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero +schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um +die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit +einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken. +Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen +heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe +und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo +es wohl sein könne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde +vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer +werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so +fing es an.« + +Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und +erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen +von damals. + +»Wir trafen uns -- hinter Zäunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen +und Lagerhäusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein +-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar +Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die +Seine werde.« + +Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße +Erinnern. + +»Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus -- +jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur +eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Miß Brown war sehr leidend -- +benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh +schlafen zu gehen -- es war ein so schwüler August. Ich starb vor +Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. -- +Ich wußte ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig ...« + +Sie erschauerte. -- Sie flüsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre +raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien, +die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen. + +»Ich hab' es nie begriffen -- nie -- daß das schlecht von mir gewesen +sein sollte -- so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein --« + +Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner +Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter. + +»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit +ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange +gemerkt -- wie hätt' ich daran denken können? -- Und dann gab es einen +Zustand -- o Gott -- ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden. +-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Miß Brown flog hinaus -- und +'er' schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er +mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur +spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit +ihm hinausziehen und betteln. -- Dafür hatte Papa nur ein schreckliches +Gelächter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied +nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika +-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier, +fünf Jahren gehört. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei +Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben -- +man weiß nicht, wie man es machen soll --« + +Sie seufzte. + +»Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich +müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste -- das +einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil +ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte: +vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als +das, was ich zu Haus gehabt hätte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen +Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in +Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die +Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.« + +Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm. + +»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes +Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl -- böse Menschen flüstern noch +immer allerlei -- und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen +schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. -- Aber von wie +vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und +Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt +habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glückseligkeit erfahren +-- geliebt zu sein ...« + +Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre. + +Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung -- + +Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die +ihren zu einem verzehrenden Kuß ... + + * * * * * + +Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht +hinaus. + +Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie +Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal +auf. -- Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel +Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen +zuzumachen. + +Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides +-- Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte -- +Sorge vor schrecklichen Kämpfen. + +Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast +wie Brangäne vor. + +Märchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt +-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den +Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der +Himmel. + +Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus +ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. -- Und drüben +Travemünde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das +Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte. + +Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß, +und schreckte sie auf. + +Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. -- Er +schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. -- +Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle, +und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen +wartete ... + +Große Unruhe entstand an Bord. + +Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab, +sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer +Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. -- + +Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da +und gab Befehle. + +Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem +Sitzplatz -- in seligem Lächeln sinnend. + +Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die +Treue wußte -- dies verband sie beide auf immer. + +Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte +Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte +über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte +Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach +Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ... + +In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei +Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ... + +Was denn? Ja -- ganz gewiß. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die +Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwärts dampfte und +schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte +er einen furchtbaren Knall von dorther gehört. + +Wie von einer Explosion ... + + + + +8 + + +Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In +allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in +Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit +darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte +gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags +herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie +setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen +nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara +natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage +verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich +darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute +wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski, +der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen +Einladung, der er nicht folgen könne. + +Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit +ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der +Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den +Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück +erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn +sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der +Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das +Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung +gestört gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und +die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen. +Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter +den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen +Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen +Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin +Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem +Kleinkram ihres engen Lebens. + +Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es +noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann, +ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?« + +Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging, +fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit +erhoben. Woher ihr die kam -- sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer +wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und +jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr -- sie +vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine +äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen. + +Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes +nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte +sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja +all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz. +Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön -- +fast, als sei es weniger -- mühsam. -- + +Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme +fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner +einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen +hinab. + +Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr +auch. Er fuhr auf und wurde rot. + +»Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich +kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau +recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.« + +Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten +Ärmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der +anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang -- in diesem allerersten +zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß +selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold +erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde. + +Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu +sprechen. + +»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn +Geheimrat ähnlich ...« + +Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste +Kind, das ich je gesehen habe ...« + +Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann +hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und +bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte +ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den +Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst. + +Ja, so kleine Händchen können viel. + +»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung +ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht +zusammenfügen ...« + +O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! -- Und warum nicht? Es gibt doch +Gefühlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schönes davon. Und was die +Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. -- + +Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am +Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster +geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug +ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren +Ekel davor. + +»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara. + +»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die +Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen +will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge. +Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat +sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik +will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus +Harburg zu erwarten.« + +»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert, +daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine +Pröbchen zu Füßen legen könne.« + +»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen +ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung. +Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen +und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht +noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge +Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, +billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt, +muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.« + +Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf +welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und +konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man +niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste +kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer +sechs. + +Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die +Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe, +die Klara heimlich bewunderte. + +»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern +selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja +sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.« + +Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus +Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war. + +»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie. + +Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig +hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn +beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war, +verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er +konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit +Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war +auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das +ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war, +adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als +eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können -- jene verborgensten, +geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller +Erklärbarkeit liegen. + +Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in +seinem brüchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten +Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der +Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried +sich nur behaglich fühle ... + +Er sprach zu der eifrig Hörenden. + +»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines +blinden Nationalismus überall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem +eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes +zuwiderlaufen. -- In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden +große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der +wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine +Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese +Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer +groß. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine +Arbeitskräfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte +und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das +Rohmaterial abzunehmen imstande wäre -- und sie könnte auch niemals in +einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen +zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer +-- es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die +Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der +Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig +Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig -- stell dir +das mal vor ...« + +Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art +vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen +soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in +dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je +sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und +sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und +Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin +der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte +lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen +Vortrag zurück. + +So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr, +davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse. + +»Wenn du sagst 'man', meinst du mich,« scherzte der Geheimrat. + +»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten +-- aber nur bis Mitternacht -- später könnt's ihm eher bedrückend als +erfreuend sein.« + +»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der +Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...« + +Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen +Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um +beim Zubettgehen zu helfen. + +Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mündete in der Nähe +des Eßzimmers auf die Diele. + +Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den +Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele +aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit +geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein. + +Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl. + +»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf +die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte +den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze +Dickicht des Parkes. + +Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser +große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer +und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein +überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer +Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem +Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und +seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so +aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen +und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne. + +Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren +des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr +hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und +ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der +Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem +beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön. + +So ließen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares -- +grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder +Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschütterung war so +groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging. + +Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie +konnte nicht einmal schreien -- -- + +»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. -- Und er saß und war +gefangen ... + +Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewöhnliches -- +vielleicht Furchtbares. + +Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei +Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in +der Lähmung des Schreckens. + +»Durchbruch?« sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt +wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein. + +Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten. + +Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte +hinüberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu +formen. + +Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie. + +»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße +Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden. + +Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen, +federnden Schritten. + +Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen +kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in +ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch +von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das +Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die +dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als +hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die +weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu +erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer, +senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um +ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die +Wagen zu entleeren. + +Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern +und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von +schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen +aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand +dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der +dunklen Landschaft. + +Ein Blick -- in solcher Angst -- erfaßt in Sekundenschnelle viel -- die +nächste Sekunde änderte das Bild. + +War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien +zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine, +durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen +gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch +der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht +zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher +erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weißer, +dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles. + +Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strömten Menschen +heran. -- Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer +Ruhe riß -- verängstete Frauen. + +Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es +der Tochter und Gattin der Herren zurufen? + +Klara stürzte vorwärts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von +Männern. + +Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden, +wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. -- Ergoß sich ein Lavastrom +aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse +her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die +Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte? + +Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer +durchfressen. + +Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten, +machten sie allen Gasen freie Bahn. + +Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine +und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr +nach. + +Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedärm von fließendem Feuer +nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd +ergoß. + +Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge. + +Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem +weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. -- Und doch hieß es +eingreifen -- größerem Unglück vorbeugen -- von all den maschinellen +Betrieben des Werkes Störungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen +und Rohre vor der Schmelzglut schützen -- die fließende Lava aufhalten. +Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den +Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken. + +Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von +Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor -- +berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschluß zerbreche. + +Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. -- +Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der +Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten. + +»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.« + +»Alle fort -- Thürauf -- mein Mann --« stammelte sie. + +»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig. + +»Nein -- ich bleibe ...« Sie stand ja sicher. + +Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem +Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten. + +Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch +trieben, klangen durch die Wirrnis. + +Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen. + +Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang, +sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese +schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein +nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die +herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein +Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des +Vordermannes traf. + +Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner, +dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit +emporstieg. + +Auch die junge Frau schrie auf -- sie drängte sich durch die Männer -- +sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast +Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging +der Weg -- durch Qualm und gasige Dünste -- und da war das kleine +Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschränken alles, was +einem Verunglückten wohltun kann. + +Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt +kam, als er über den Knall erschrak. + +Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem +braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen +auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich +dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte. + +Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag +fliegen. + +Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen +liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken +abwischte, um klarer zu sehen. + +Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters -- +ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute +Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum +Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je -- seine +Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden +Weibes. + +Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem +nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten +Fleisches auf. -- + +Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit +lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen +die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen +Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen +Arbeiterfäuste. + +Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die +Wohltat des Verbandes spüren -- und vielleicht kam die Schwäche -- jene +Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste +Milderung erlösend empfinden. + +Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem +noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der +jungen Frau. + +Und es war, als sprächen sie zusammen. + +Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft. + +Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht. + +Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen +nahe bringen. + +Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen. + +Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem +Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich +Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ... + +»Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals über dich erhoben -- +hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch +wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem +Leben -- verzeih, daß du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei +tapfer -- bleib mutig --« + +So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten +Hände zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben? + +Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage. + +Er sprach fest: »Ich hoffe.« + +Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst +in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine +männliche Fassung fast zerbrach. + +Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte, +ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie +seine Schläfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn. + +Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und +in innigem Trost. + +Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von +wilden Schmerzen verzerrte Stirn. + + * * * * * + +Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann +von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning, +noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch +aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen +hinaus ins Dunkel der Nacht. + +Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt. +Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski +sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit +stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh +vier Uhr begann eine große Marschübung. -- Also: gute Nacht -- + +»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte +Marning, während er seinen Säbel umschnallte. + +»Na ja, und ich dank' Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie +mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn +Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit +Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen, +nach der Art unserer Absage, daß bei mir 'n großer Kommispekko für +Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien +fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.« + +»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning. + +»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen! +Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mögen ihn nu mal nich' können +wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich +zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher +Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang 'n Lebejüngling +war -- nu -- über so was wächst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich +kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist +mir auch zu schön.« + +Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. -- Und ihm wurde +auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und groß -- von +dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in +Stücke. + +Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke. + +Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher +anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder +gar auf »Severin Lohmann«? + +Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer +auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte +er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von +beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem +schwarzen Nachthimmel? + +Nein, nicht wie immer -- da stiegen weiße Wolken -- kochte Dampf auf. + +»Ein Unglück. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der +dritte soll sich bereit halten ...« + +Der Ruf: »Vollert -- Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche +polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab. + +Sie griffen nach ihren Mützen und liefen. + +Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte, +und man sah eine weißbekleidete Schulter. + +Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen. + +»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben +brauchen. -- Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was +los ist -- aber immerzu --« + +»Nun -- anbieten müssen wir's --« + +Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch +aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich +mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte. + +»Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich +bereit halten. -- Laufschritt zur Fähre -- drüben ebenso nach 'Severin +Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. -- Die +beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren -- zum +Nachrichtendienst. -- -- Wir laufen voraus ...« + +Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre +führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder. +Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl +nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in +Hosen und dem blauen Hemd. + +Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er +selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer +Einwand: »Herrjes -- in Büxen?« half ihm nicht. + +»Wat -- Büxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!« + +Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne +Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr +los. + +Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der +dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle +Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in +großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der +Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe. + +Sie schwiegen. + +Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen: +weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das +junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück. + +»Gottlob!« dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu +begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte. + +Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die +die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun +das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im +Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten +von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin -- +neben ihm stand Leupold Wache. + +»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex. + +Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu. +Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin +Lohmann« begann. + +»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. -- Und dieser Kerl +weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter +zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht -- --« + +Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und +darf ich Herrn Geheimrat verlassen?« + +»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!« + +»Sie ist drüben -- Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden --« + +»Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier +sein. -- Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...« + +»Oh -- unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns +nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann +verunglückt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung +auf zwei, drei Wochen -- ich weiß noch nichts Genaues.« + +Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal. + +»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten -- da darf ich +nicht 'rein.« + +»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...« + +Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging. + +Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und +Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht. + +»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an +-- vielleicht halt' ich sie noch auf --« + +Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach, +während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem +früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging. + +Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in +schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand. + +Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen -- +allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der +Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so +rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf +vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn +Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen +auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es +gekannt hätten. + +Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende +Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe -- viel von diesem weißen +Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren, +zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen +her, glänzte unheimlich über das Gelände hin. + +Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem +Verunglückten beistand, mußte sie dort sein. + +Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen, +mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von +der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit. + +»Wir sollen ihn 'rüber bringen,« sagten sie. + +In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den +vollkommenen Einrichtungen. + +Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil +die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im +Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun. + +Er öffnete die Tür. + +Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: -- Da drinnen +kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des +Verunglückten. -- -- + +»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an -- aber leise, -- leise -- +schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon +telephoniert -- alles bereit drüben.« + +Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen +zusammengebissenen Zähnen hervor ... + +Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last +davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die +zusammengepreßten Hände an der hellen Wand. + +Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm +Stephans. + +Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! -- +Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verläßt -- dem +Tode aus 'm Rachen reiß' ich ihn. -- Ja ...« + +Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben. + +»Edle Frau,« dachte er -- »edle Frau --« + +Sie hörte ein Geräusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie +brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen -- +das Geheul des armen Menschen -- und der betäubende Geruch -- Jodoform +-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der +Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie +auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie +Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung. + +Und erschrak -- und erglühte. -- + +Sie starrten einander an. -- Auch er von ihrem Schreck ergriffen. -- -- + +Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft. + +»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater +beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.« + +»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme -- wie eine Zerstreute war +sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke -- ja -- Vater --« + +»Er war in großer Angst um Sie.« + +»O -- keine Ursache -- gar keine ...« + +Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf +und schritt hinaus. -- Er folgte ihr. -- Draußen waren ein paar Leute -- +sie wichen ehrerbietig zurück. + +Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im +beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel -- +das Haar zerzaust -- das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen +Linien durchzeichnet -- da hätte man sie wohl eher für das Weib des +Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes. + +Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der +einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau +mitbetroffen. + +Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ... + +»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...« + +»Eine Minute ...« flüsterte Klara. + +Nein, so nicht vor den Vater treten -- er würde sich entsetzen. -- +Fassung -- Haltung ... + +»Eine Minute,« sagte sie noch einmal. + +Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der +auf die Straße mündete. -- + +Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander +verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen +sich hinzogen -- da war Ruhe. -- Die Sommernacht wohnte hier -- und die +schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. -- Vom Werk her +kam ein blasser Schein. -- Sie konnten einander deutlich erkennen -- +jeden Zug der Angesichter. + +Sie strich sich über die Augen -- mit schwerer Hand. + +Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an -- lange. + +Und langsam kam das Entsetzen über sie. + +»Nein ...« stammelte das junge Weib -- »nein ... nein!« + +Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ... + +Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich +rasender Verzweiflung aufging. -- Nicht wissen, nicht hören, was die +seine betäubte ... + +Stark daran vorüber! -- + +»Eine Frage,« sprach er leise -- kaum seiner Stimme mächtig -- »eine +Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit muß +ich hören! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ... +Warum haben Sie ihn geheiratet --« + +Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage +an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mußte. + +Sie faßte sich. + +»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn +Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns +getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Würde seine +Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn +um Hunderttausende geschädigt -- sich erschossen. -- Und er hat den +Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter +ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...« + +Er hörte -- und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung. + +»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau --« ein +halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. -- -- + +Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll +Entsagungen. + +Aber er nahm ein reines Bild mit. + +Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe, +die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ... + +»Ehen lassen sich lösen --« + +Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich +zu einem dumpfen Getön -- gedämpft, zuweilen fast sanft. + +Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit +allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich +die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er +ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der +dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« --? +Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging? +Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und +gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie +nicht wie ein tröstliches Lied? + +Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre -- ich +höre ... + +Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich +lösen --« + +»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte +zerbrechen ... + +»Ich wußte, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht +nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer +sein wird. -- Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater +verließe und mein Kind ...« + +Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. -- + +Er begriff, es hieß: Lebewohl! + +Er nahm die Hand und hielt sie lange. + +So standen sie im Helldunkel der Sommernacht. + +Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die +Würde, in Reinheit zu entsagen. + +Dann löste sie ihre Hand aus der seinen -- schonend -- leise. + +Und er ging. -- -- + +Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße +dahin, zurück nach dem Hause. + +Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt. + +»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning, +der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll. +Der alte Herr is was nervös -- o jeh. -- Na und Sie, Frau Klara ...« + +Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen +und gleiche einer Nachtwandlerin. + +In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ... +Sie konnte nur schweigen. -- + +»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt -- ich hab' einfach selbst +den Stuhl geschoben. -- Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen +wiedersieht --« + +Ja, da war er dann auch ruhig -- er streichelte Klaras Hand und sah sie +an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. -- Aber er schalt nicht. -- Er +dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. -- Auch ihm, dem +Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der +Riesenfaust des Eisens und des Feuers. + +»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!« + +Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?« + +»Sylvester hofft es.« + +»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?« + +Klara wußte es nicht. + +Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls +bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben. + +»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl --« + +»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin. + +Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der +Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur +Wynfried? + +Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch +seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der, +wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. -- + +Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit. + +Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein +Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrückt und +verdrängt von dem Leben um sie herum ... + +»Gute Nacht, Vater!« + +Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend. + +In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als +es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mußte doch endlich +heimkommen. + +»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?« + +Und er trat ein. + +»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du +nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So +wurde es spät,« sprach er. + +»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?« + +Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer +Kommode stand. + +»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. -- +Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem +Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen +Lieferungen abzuschließen hofften --« + +Wie merkwürdig -- das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging +weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund +aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck? + +Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine +Worte liefen so -- als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken +der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch +den Dienst auf dem Werk gefährdet. -- Aber wie sonderbar -- er wußte es +doch wohl nicht -- er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden, +den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weißseidenen +Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips +des Kaiserlichen Jachtklubs. + +»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den +Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl +noch nicht.« + +»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm +-- bloß Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufällig -- war +neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde -- war in +wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof +geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie +zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre +Romane.« + +»So leidet er tausendfach,« sprach sie. + +»Na nu -- so schroff?« + +»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. -- Und es war so aufregend ...« + +»Also denn gute Nacht.« + +Und er küßte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allüren, als sei +hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. -- + +Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es +ihr wie eine Beglückung. + +Allein -- feierliches Dunkel -- kühles Leinen um die erschöpften +Glieder. + +Das tat wohl. + +Und denken können -- denken! ... + +Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewißheit stand ihr +Schicksal vor ihr. + +Aber sie fühlte: es war nicht klein! + +Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der +herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt -- durch sie, durch seinen +Enkel. + +Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden. + +Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe +geschlossen. -- Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit +-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstößlich_! -- Die Gründe, um +derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort. + +Sie dachte an den anderen Mann. + +Nun wußte sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten +Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren. + +All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es +war die Furcht vor dieser Liebe gewesen. + +Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen --! + +Aber nein -- nein -- lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen +verzichten. + +Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht. + +Nur seine Augen hatten gesprochen. + +Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fühlte es in +beseligender Erschütterung. + +Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück. + +Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen. + +Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus +ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein +weißes Paketchen -- es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene +Karte. -- Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge +aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht +behalten. + +Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die +Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die +Rückwand des Feuerloches. + +Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, förmliche Zeilen von +seiner Hand. + +Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten +diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer +Liebe. + +Sie hob das Kärtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte +sie einen Kuß auf die Schrift. + +Und zerriß das kleine Blatt -- + +Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf. + +»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!« + +Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. -- +Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr +Verlorenen, der ihr nie gehört. + +Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen. + +Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein. + + + + +9 + + +Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war, +hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit +kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski +als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der +gewaltigen Armee. + +Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt +nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das +rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in +Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem +Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der +Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich +soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten +Sekt -- deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski +merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder, +oder! + +Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller +unterm Schädel. + +Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam +noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen. +Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die +Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk +pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es +sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht +eingetreten. + +Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf +der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine +Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war +die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich +zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke +Wolken einher -- weiß und grau. -- + +»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der +Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied. +-- Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende +Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und +Fach sein. + +Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm +der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn +Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. +Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine +Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den +sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal +sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen +müsse. + +Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen +Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch -- +denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf +das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im +verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner +Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber +das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! +Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland +fürchtete es. -- Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen +zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod +versöhnen würden. -- + +»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat +sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar -- aber +der ewige Druck wär' auch schädigend. -- Und dann besser endlich mal die +Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk +will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag' nur: Siegen! Merken +Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns 'ran +fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man +spürt's an dem Landvolk hier herum. -- Gestern in der Menge war's zu +merken. -- Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. -- +'Deutschland, Deutschland über alles' haben sie gesungen, als die +Schiffe um die 'Hohenzollern' kreisten. -- Ein Jubel zum Kaiser empor! +Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.« + +»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu. + +»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich +denken kann, hab' ich davon geträumt. -- Meine Mutter hat mir's, ihrem +Jüngsten, eingeimpft: 'Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen +würdig'. -- Mein Vater hatte das Eiserne erster -- starb an den Folgen +seiner Verwundung -- hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen +und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. -- Dann ging's nicht +mehr, und er siechte langsam hin. -- Meine Mutter hat ihren Vater und +drei ältere Brüder verloren Siebzig -- sie war 'ne ganz junge Frau -- +ihr erster Junge war unterwegs. -- Ja, wir wissen's -- das kostet unser +Blut! Nun, wir sind Soldaten!« + +Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht. + +»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei +Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?« +sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese +Frage begrübelt. + +Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag +über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen +Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht -- nicht leicht +bewilligt. -- Aber es mußte sein ... + +Likowski war starr. + +»Wa--as ...?« + +»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er +war sehr entfärbt -- graublaß flog ein Schein über sein bräunliches, +verbranntes Gesicht. + +»Ich versteh' immer: 'Versetzung!'« sprach der Hauptmann, blöd tuend. + +»Bitte, Likowski -- verzeihen Sie mir.« + +»Mensch! Kam'rad! Marning! Freund! Nee -- das is doch Unsinn. -- +Verset -- -- -- Aber nee. -- Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch +obenein!« + +»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. -- Dies +gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den +bedeutenden alten Mann da drüben. -- Verzeihen Sie mir. -- Es muß sein. +Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann, +wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher +zurückkommen.« + +Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit +durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so +rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch +über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen. + +»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in +solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur +Mobilmachung kommen.« + +»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. -- Sie meinten es +doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger +für uns. Aber wenn auch -- es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und +wann ihn der Ruf trifft -- er hat zu folgen.« + +Der Hauptmann schüttelte den Kopf. + +Diese Dringlichkeit, wegzukommen -- nicht mal die Versetzung abwarten -- +gleich auf und davon in Urlaub. -- Was war denn los? -- Aber er fragte +nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal -- das kann ich nich so gleich +fassen. -- Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment -- in +das Sie als junges Küken eingetreten sind. -- Nee Marning --« + +»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison +wechseln.« + +»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren -- knapp! -- +wann war's doch? Mai vor'm Jahr. -- Und nu wieder weg! Auch ohne die +gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier +mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone +soll ja nicht mehr zerrissen sein -- wir sind noch von den wenigen, die +auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in +der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir +werden dorthin verlegt --« + +»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst. + +Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu +natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen +Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er +wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen +Baronin? Nein, vor so 'ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht +weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche +Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt +hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin +kokettierte -- offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber +schicklich schien. + +Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß +gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor. + +Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen +Menschen und Verhältnissen zu tun hatten. + +Also -- wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete +Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war; +keine zudringlichen Fragen. + +»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft: +Sie sagen: es _muß_ sein -- da darf ich nur noch schweigen,« sprach er +bekümmert. + +Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter +ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand +regungslos in der schwülen Luft. + +Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm +teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in +seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter, +ein unermüdlicher Erzieher! -- Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort +sagen -- daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu +beweisen -- ja, es gibt auch solche Lagen -- und auch sie fordern +stillen Heldenmut. -- Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die +fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. -- + +Unmöglich. -- + +Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß +das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. -- + +Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes +Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen +dalag. + +Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem +Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von +Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es +verschlungen? Was war geschehen? + +Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen +-- so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen +und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte +unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen +gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes +Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es +riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert. +Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln +lösen wollen -- nur dem Linken war's gelungen. + +Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der +Gliedmaßen da. + +Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. -- Schon +stürzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben +dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der +zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- kräftige Fäuste +brachten das Pferd in die Höhe -- es war unbeschädigt. + +Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen +blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen +entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer +kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. -- Die singenden Töne in +seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wußte, wo er war -- was +mit ihm war. + +»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht -- schändlich ...« + +Und er biß die Zähne zusammen. + +Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des +Unterschenkels davongetragen. + +Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister +waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage. + +»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! --« + +Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die +Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen +Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im +Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es +geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen +flammenden Blick des Zornes erhielt. + +»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an -- ich mein': +egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- daß die Sache nicht +schlimmer wird --« + +Und dann richtete er sich an Marning. + +»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein +simpler ist -- was? Der heilt schnell?« + +»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit, +geradezu mütterlich. + +Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde +Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie +sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der +Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als +Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar +Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus, +um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem +Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne +brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die +schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu +bedecken. + +»Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene +Karikatur -- sieht 'n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist bloß +'ne Albernheit!« + +Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen +gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da +wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten +kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem +Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller +Schmerz. + +»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn's nun losgeht und ich lieg' +da -- ich schieß' mir -- bei Gott -- ich schieß' mir 'ne Kugel durch 'n +Kopf!« + +»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung +kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach --« + +»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde +sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen müßt. -- Die +besten Chirurgen her. -- Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap -- +das ist mir nich genug -- in Lübeck soll's ja 'n großen Professor geben +-- her mit ihm.« + +»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl +gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie +sich doch bitte!« + +»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht +in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär' ich alle Ärzte +für Charlatans.« + +Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich +in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen. + +»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in +vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein +aufsitzen.« + +»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung +... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen -- bis ich +selbst wieder so weit bin!« + +»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß +ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.« + +Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet -- +ernst und fest. + +»Der hat was Schweres -- was Großes,« dachte Likowski, »und macht es +still mit sich ab.« + +Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele +anvertraut werden durfte ... + +Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein +aufzuckender Schmerz seine Gedanken. + +»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?« + +»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.« + +»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...« + +Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die +sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße +war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und +man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in +den Boden stecken. + +Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung +zuzuwedeln. + +»Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt +Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse +Gras -- vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. -- So -- nu -- +Donnerwetter ...« + +Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des +Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der +gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie. + +Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten. + +Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über +Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen. + +Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser +Woche -- in der nächsten vielleicht -- die Mobilmachung begänne! Das +machte ihn toll. -- + +»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine +Maschinenschlacht werden?« sagte er. + +»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben +wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein +muß und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut, +Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist +ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln -- +ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im +letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann +ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. -- +Und es wird nicht daran fehlen --« + +»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! -- Es sind auch meine +Gedanken. -- Die geben den zähen Mut zur Arbeit --« + +»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die +anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!« + +In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen -- +der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen. + +»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser +Augenblick schon als Beginn der Heilung. + +In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die +provisorische Einschienung, der Rücktransport -- das kostete Mühe und +Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da +war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf +und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit +sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr +ergebenes Altfrauengemüt. + +Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und +geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß -- wenn auch recht grimmig -- +zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff. +Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da -- großartig +eingeschient -- getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und +glatt wieder zusammenwachsen würden -- frisch, als sei überhaupt gar +nichts passiert. + +Und er neckte die strahlende kleine graue Alte. + +»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige! +Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu +haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird +'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was für +einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin! +Das Wasserglas hält wie Eisen.« + +Die Alte lächelte selig verlegen -- und wehrte den schändlichen +Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab. + +Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu +seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber +darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das +gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher +Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er saß und starrte auf +das Tischtuch nieder. + +Ja, nun wurde alles anders ... + +Sein Gemüt war schwer. + +Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau +schuldig war. + +Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß +seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wußte von selbst: sie +hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden! + +Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen +zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen -- +übertrug sich von einem zum anderen. + +Sie waren füreinander bestimmt gewesen. + +Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen! + +Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen. + +Und die Frau ehren, die er liebte! + +Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen +durfte. + +Fort aus ihren Wegen! + +Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn +fortgewiesen. + +Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein -- nein«, womit sie seinen Blicken +abwehrte, hallte immer in ihm nach. + +Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung +strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ... + +Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual +und Not grübelte er darüber nach. + +Er mußte ihr Recht geben. + +Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt. + +Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück -- +sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem +Pflichtgefühl. + +Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein. + +Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht +erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung +bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still +beiseite ging und fern und einsam litt. + +Fort aus ihren Wegen ... + +Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es +tropfte -- jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die +einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch +ein Blitz nieder. -- Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen. +Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein, +daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten +war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all +der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ... + +In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster +geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoßen! -- Die Litewka her. +-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst. -- + +Voß meldete: da liege ein Brief. + +Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren +auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener +Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang +gerichtet, wenn er heimkam. + +Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn +gebracht. + +Stephan sah schon -- das waren die Schriftzüge des Geheimrats. + +Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben +bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen -- ja, daß sie gar +nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe. + +Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben +spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt: + +»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment +Großherzog Paul.« + +Und als er las, wuchs seine Unruhe. + +»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht +Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen +bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn +miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten +darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.« + +Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht +aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm +unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis +traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und +Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes! +Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer +töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer, +offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all +ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und +sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? -- +Nein! + +Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der +verunglückte Kamerad -- dieser Ruf nach drüben ... + +Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm. + +Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten +Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen. + +Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich +seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes. + +Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften +Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar +nicht bemerkt. + +Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand +ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum +vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner +nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan +eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für +ihn voll geheimer Aufregungen war. + +»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse +vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum +Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall +zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.« + +Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und +Glied im Zuge ab. + +Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll +Ruhe. + +Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr +Haus betrat. + +Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds, +den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. -- + +Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir? +Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf. + + * * * * * + +Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der +beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß +bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum +waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging +Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er +noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll +sofort meinen Brief hinübertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich +hab' schon gewartet, wo du bleibst!« + +Sie küßte ihm die Stirn. + +»Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht +der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam, +hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen, +als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja -- halb elf kommt Lebus.« + +»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug +von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst +dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch! +Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?« + +»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und +ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr +gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und +ihm verzeihen.« + +Der Geheimrat lächelte. + +»Du bringst sie noch zusammen.« + +»O nein,« sagte Klara, »nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie +ihn nicht liebt ...« + +Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie +hatte es zu leidenschaftlich gesagt. + +Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara +wollte diese Befangenheit zerstören. + +»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall +depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort +zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach -- vom +Chauffeur ...« + +»Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!« + +»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute +früh mit der 'Klara' nach Warnemünde gesegelt -- begleitet als Outsider +die Wettfahrt -- wollte doch an Bord übernachten?« + +Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk, +in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine +Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot +nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte +den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des +Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am +Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die +Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am +Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach +Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an +Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen +des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu +entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid +zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr +Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend. + +Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und +Lärm und Frohsinn. -- Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer +zusehen? Diese Augen voll Qual? + +Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben +gegangen? -- + +»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen +Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest +du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu +besuchen.« + +»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt' ich +nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe +nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?« + +»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen. +-- Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei --« + +»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf, +ihr Schicksal,« lachte Wynfried. + +Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte +sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater. + +So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich +hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den +dänischen Inseln hinübersegeln werde. + +Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem +Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet: +Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas +allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das +Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefürchtet, +etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um +sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre. + +Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ... + +Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen +einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte +aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem +Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es +gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind. +Ein Billett, das aus der Hand fällt -- der Fahrplan, der aussagt, daß um +diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein. +-- Was für törichte Mißtrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried +Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. -- +Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn. + +Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch +nicht felsenfest im Glauben an ihn sei. + +»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat +nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja -- Marning.« + +Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen -- +war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort +verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen -- ein Offizier ist +kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne. + +Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen. + +An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher +Begegnungen voll Heuchelei hängen. + +Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um +Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte +sie heute am späteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum +Abendbrot --« + +»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan +hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört -- ich fürchte, es gibt +noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz +gut, daß ich Marning allein habe. -- Möchte viel mit ihm reden reden -- +Wichtiges.« + +»Du?!« fragte sie. »Du -- mit ihm?« + +Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hände um +ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: »Es ist doch schwer. +-- Das muß ich lernen --« + +Gleichgültig von ihm sprechen. -- + +»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns +zu kommen!« + +Sie fuhr in die Höhe -- stand leichenblaß da -- ein Laut brach von ihren +Lippen -- fast ein leiser Schrei. + +Das kam zu jäh -- darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht +vorweg mit Haltung umpanzern können. + +Und der alte Mann sah sie an -- in einem tiefen Erstaunen, das in eine +langsam heraufdämmernde Angst überging. + +Was war das? ... + +Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend -- ja +befehlend: »Das wirst du nicht tun!« + +Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin. + +Und was flammte denn in ihren Augen? + +Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher +Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?« + +Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen +und sagen: »Weil ich ihn liebe -- weil ich es nicht ertragen könnte, ihn +immer, immer sehen zu müssen ...« + +Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her. + +Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!« + +Wie ein Segen kam der Gedanke über sie. + +Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung +mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen. + +Sie begriff, nun hieß es: lügen! + +Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde +schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden -- +nein, die konnte und sollte er nicht tragen. + +Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen -- -- + +Woher eine Lüge nehmen? + +Lügen müssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte +Wahrheiten. + +»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen +solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?« + +Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten +gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen, +liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen +Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in +zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem +urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische +Begabung festgestellt hatten. + +Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte +sie nichts. -- + +So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fühlte doch: dies +große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr +eingefallen war. + +»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen +heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten +kann.« + +»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem +Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und +Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter, +der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so +eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann, +wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen: +sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese +umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche, +Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über +den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis, +ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche +Aussichten für ihn, der so arm ist ...« + +Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten -- +fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand. + +»Nun -- dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören, +was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?« + +Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch! + +»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur! + +Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden. + +»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk' ich, +du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren +Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal +nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein +Großvater begonnen.« + +»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken +Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken +umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit +fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und +zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein +Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die +Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die +Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße +Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir +dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen. +Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden +können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die +Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich +gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder +zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke +verwerten.« + +Er seufzte. + +»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese +Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. -- +Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu +Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die +vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt +das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man +scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich +vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es muß doch wohl so +ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.« + +Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich +so erschrak ... + +Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn +Zerstörungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an +mein Haus herankommen? ... + +Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit +einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer +Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert. + +Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend. +-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf +Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft +leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau +Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von +Likowski hatte ...« + +Der Himmel verdüsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben +da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold +noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig +dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen. + +Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute +nicht. -- Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn +konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn +herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem +Einfluß werden. -- + +Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als +der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des +Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut +ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon! + +Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll +ausgestoßenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren +Augen flammte. + +Und er fragte sich kaum noch -- er _fühlte_: sie flieht vor diesem +Mann! + +Sein Ausdruck wurde gramvoll. -- + +Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr +hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in +geschlossener Karosserie nicht ertragen. + +Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für +die Nerven. + +Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell +huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete +das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf +rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen +hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte. + +Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der +Seele Ruhe auf. -- + +Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee +hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von +Lammen führte. + +Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht. +Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr +Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen. + +Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in +gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er +herausgerannt. + +Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag +abgereist. + +Klara sagte: »Abgereist?« + +Das klang fragend und erstaunt -- während sie nur dachte: nun komme ich +zu früh zurück. + +Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich +vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich +habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.« + +»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.« + +Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke +Ehepaar würde sich vielleicht wundern. -- Gleichgültig. -- Und so +brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit +dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. -- -- + +In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr +seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des +väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm +hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten +will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört. +Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von +nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso +erschrecken wie Klara?« + +Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren -- er mußte! + +Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner +Tochter. + +Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. -- + +Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der +Freiherr von Marning gemeldet. + +»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er. + +Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte +schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach +lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so +jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen, +wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte. + +Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm +den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und +er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter +auszufahren. + +Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes. + +Stephan dachte: ich habe es gewußt! + +Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache +hergerufen sei. + +Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete +seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer +vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem +Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei. + +Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und +Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach +Befund und Gefallen zu verfahren. + +Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ... + +»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich +herzlich Teil an Ihnen nehme.« + +Stephan verneigte sich im Sitzen. + +»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den +gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich +durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige +Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.« + +»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie +zu richten?« + +»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten +antworten.« + +»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?« + +»Vollkommen, Herr Geheimrat.« + +»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu +haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein +Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein +gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf +Begabung schließen -- nicht nur von den Künsten, sondern auch von +wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was +meinen Sie?« + +»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das +stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen +hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie +sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um +die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und +all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen +mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist +lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all +dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!« + +»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur +Industrie überzugehen?« + +»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den +Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers +und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten +haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.« + +Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber +ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe +gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie +was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten +mich auch gar nicht studieren lassen können.« + +»Und jetzt?« + +»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe! +Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.« + +»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr +überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung +machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege +angehörig bleiben.« + +»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen +Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange +beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter +Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch +zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.« + +Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter? +Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um +»Severin Lohmann«. + +»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht +gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der +Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren -- sich dann noch +ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wäre schon Vorbildung, die Sie +natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber +doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie +von vornherein in die obere Laufbahn brächte.« + +»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich +habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung +gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu +beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein +Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und +eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das +Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate +ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp +oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen +Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können -- +eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. -- Und so muß ich +verzichten.« + +Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie +viel Zulage haben Sie?« + +Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig +Mark, Herr Geheimrat.« + +»Schulden?« + +»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang +an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.« + +Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein +Hochgefühl wallte in ihm auf. + +Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. -- +Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche +schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu +ertragen, ist ihr Stolz. + +Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft! + +Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede +fordert. + +Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt +nicht mehr richtig sieht. + +Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde. + +Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin. + +Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er +ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. -- Und +er wurde weich -- sehr weich. -- Er hätte am liebsten in kindlicher +Verehrung die Hand des Alten geküßt. + +Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf. + +Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden. + +»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln, +»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen +sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann' +eintreten?« + +Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit +fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen +begann. + +»Hier?« sprach er sofort -- ließ keine, gar keine Pause aufkommen, +»hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein. +Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.« + +Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er +setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich +um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon +heute zu tun. Ich danke gehorsamst --« + +Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den +starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die +Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen. + +»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben +wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es +nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein +-- Mensch ist ... der gelitten hat --« + +Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft -- +erschütterte Stephan. + +Und doch sprach er leise und fest: »Nein!« + +Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!« + +Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn +schon vor Minuten hatte hinreißen wollen -- er neigte sich tief und +küßte die Hand des alten Herrn. + +Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein Übermaß von Empfindungen +stürmte durch ihn hin. -- Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir, +daß ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwöre er: zwischen dieser +edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe +er: versteh doch, daß ich gehen muß. + +Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung. + +Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand. + +Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen! +Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im +Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne. + +Dann grüßte er militärisch und ging. + +Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen +bleiben. -- -- + +Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn +nicht mehr offenbaren können als dies eine. + +Nun hatte er keine Zweifel mehr. + +Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen. + +»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis. + +Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist? + +Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden +aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen? + +Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld, +die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal« +nennt? + +Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so +geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht! + +Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein! + +Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter +gewinnen. + +Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn +Neigung habe. + +Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung +darbringen zu können. + +Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen, +indem er ihre Tochter in sein Haus zwang. + +Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie +war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens. + +Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre +Mutter gewesen. + +Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der +Tochter ... + +Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal +spielen? + +Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei! + +Aber das war ja ganz unmöglich! + +Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann. + +Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn +war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes -- +ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig. + +Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht +seinen entsagungsvollen Weg ging. + +Ja -- dieser wäre Klaras würdiger gewesen ... + +Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten! + +Wie er selbst einst gelitten ... + +Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten +verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen +Geheimnissen -- diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über +jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie +wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß +Klara sich in heimlichem Gram verzehre. + +Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum +hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst +und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich +tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen, +die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts. + +Was sollte er tun? + +Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen +Weibes. + +Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite +fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich +hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen +Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen, +daß er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte +dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden +Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen. + +Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!« + +Das klang immer so flach, so äußerlich -- es hatte ihn schon oft +verletzt. + +In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von +Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung. + +Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen +gelebt hatte. + +Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören? + +Unmöglich. + +Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses! +Sein Enkel -- sein Stolz und Glück! + +Unmöglich! + +Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft +zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich. -- + +Wie sollte sich das alles lösen? + +Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt. + +Zum erstenmal fühlte er sich müde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn +-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam. + +Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier +eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. -- + +Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher +Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück +nüchtern wegwaschen. + + + + +10 + + +Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs +hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der +ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache +keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch +nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn +zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung +nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine +Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei. + +Er sah sich schon lahmend und außer Dienst! + +Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut. + +Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge +würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer +Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen, +dazu war er nicht der Mann. + +Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten's in den +Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten -- deren Nerven seien +eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich. + +Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war +nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können. + +Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man +es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. -- Es +schien kein Zweifel mehr. + +Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las +ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er +spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht +durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit +erglühten -- das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige +nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit +Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu +sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich +sein Gespräch, seine Frage. + +Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen +zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt +Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders +von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die +einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung +erleben, wenn's überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster +Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir +überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören? + +Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von +gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott +allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und +gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem +nicht morgen die Pferde weggeholt würden? + +Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar +mitmußte -- stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande -- bloß +erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfähiger. + +Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der +Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit +seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt +der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der +sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in +Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich +einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe: +ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor +Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein +Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch +nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes +zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und +Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange +Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht. + +Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem +Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand -- und erzählte, +daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht +nach Sensen. + +Und die Kameraden kamen. + +Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es +Blick und Händedruck ... + +Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem +14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets +unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so +rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen +sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die +Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben +frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also: +wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!« + +Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß' mich tot, wenn's losgeht +und ich bin ein Krüppel!« + +Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure +Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach +erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft +gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue +Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom +Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von +keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab. + +Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter +würde! + +Als sei damit dann viel geklärt. + +Aber es wurde kein Schönwetter. + +Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre +ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß. + +»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal. + +Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten +Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst +unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß +man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse. + +Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« -- womit ein für allemal +die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam. + +Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit +erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem +eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt. + +Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon +einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche +nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo +bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte +er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie +noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht +schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe -- aber natürlich +nur »beinahe« -- erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie +keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend +sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen +mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ +sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat +wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde +einmal an seinem Lager zu spüren. + +Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie +wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel. +Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen +Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben, +ihre Pflegemutter wiederzusehen ... + +Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann. + +Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit +ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und +von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte +in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache +Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und +Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten +Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes -- das war +kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam. + +Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große +Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff +fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte. + +»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein +Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp +umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der +Mühe wert, sich schön zu machen -- wie angenehm für unser Männerauge, +daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen +was vorzublühen! + +Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war +Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden +sehen, es tat ihr zu weh! + +Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar +nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand +streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten +Glanz einer Träne. + +Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage. + +Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit +ihnen. + +»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner +geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr +vorteilhaft so. -- Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen +bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde +verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn +Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen +Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu +müssen.« + +»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.« + +Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde. +Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von +Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab +überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten: +»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu +unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen. + +»Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen. +Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.« + +»O -- es geht ihr gut, höre ich.« + +»Hören Sie? So was sieht man doch.« + +»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über +ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir +uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und +stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie +mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen +zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen, +die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen +... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein +paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer -- ich kann +nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat +mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das +Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag +hatte.« + +»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu. + +Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es +tut Frau Baronin wirklich sehr leid.« + +Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor +dem Hause an. + +»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.« + +Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern +Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude +wie umglänzt. + +Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl: +dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie +ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand +und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte +dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu +treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da +habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie +aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse +wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ... + +»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.« + +Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in +Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige +Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein +Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse +Frauen entzückt. + +Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches +an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen -- +als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und +vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn +tief. + +Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als +sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut +beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin -- blieb er finster +zurück. + +Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein. -- + +Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf! + +Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit, +»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht +ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt +einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht: +deine Frau macht dich zum Gespött. -- Zusehen ist schicklicher. + +»Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!« +schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen. + +Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik +des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders +hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein +eigenes Auto wegschickte -- »als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,« +hatte sie das Betragen gefunden. + +»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz +amüsieren können,« sagte Likowski abweisend. + +Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte +sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht +zurückhalten läßt. + +»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie -- +aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.« + +»Sie wissen, Lamprächtige -- hab' keine Spur von Neugier ...« + +»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß +-- daß Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie +auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem +eigenen Auto sagen die Leute.« + +»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen +Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski. + +Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge +kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch +Klaras Leben an -- kränkte sie schwer. + +Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt. +Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte +Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen -- +es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß +-- morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt -- sein +linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm +zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der +Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal +steifer oder nachschleifender würde es werden. + +Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in +England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in +nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich +-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder +unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in +allen Nerven zuckte. + +»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu. + +»O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- daß +die junge Frau von drüben nicht kommt. -- Und da wären so allerhand +Gründe ... möcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man +mit dem Gespräch sich wagen kann ...« + +Stephan saß schweigend und blaß. + +»Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache, +einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.« + +Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes -- wie ist +mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?« + +»Nein, lange nicht.« + +»Aber jetzt gondeln Sie mal 'rüber und bestellen ihr ...« + +»Gewiß, gern -- gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen +doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr +jetzt nicht einlädt, komm' ich nicht hinüber.« + +Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen -- +lag grübelnd, mit bösem Gesicht da. + +Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch +von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr 'rüberfährt?« + +Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht +zart genug behandeln kann. -- + +Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht +-- man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt' sein, daß +da drüben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht ...« + +Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst +natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß +eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen +wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch +mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er +vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. -- + +Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das +rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten +teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski +die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien +führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und +Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am +Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach. + +Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte, +der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning +vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt +Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach +sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann +kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes +geworden sind.« + +Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine +Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am +Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich +die junge Frau. + +Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs +getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle, +von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie +sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen +hatte ... + +Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz +betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War +man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die +bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen? + +Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch -- irgend etwas Rührendes +darin ... + +Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch +nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er +in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor, +wenn man ihn auch nicht erfährt! + +Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der +seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln, +als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und +Severin dem Kleinen. + +Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken +sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr +Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise +aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine +Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger +und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach +Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit +Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie +freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was +aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt! + +»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und +streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein +bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie +gegeben -- Wie eben Großväter sind ...« + +»Und junge Mütter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen +Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch +wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch +auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als +mein Charakter.« + +Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick! + +Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch riß es ihn +zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die +Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei +an?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig. +Wär's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je +feindselig sein kann, dächt' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit +ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow, +auf Lammen vor --« + +»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie +beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt +viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.« + +Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei +einem Menschen, der seiner sicher ist. + +Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war +eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er +früher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen! +Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind +sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehörte einer großen Aufgabe +allein! Eine Familie gründen -- nein! Aber ihre Heiligkeit schützen -- +ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät, +schieße ich ihn über den Haufen. + +So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren +Gedanken nichts ahnte. + +Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über +ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der +durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr +Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl« +angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch. +Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am +Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. +Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so 'n ähnliches Wetter war an +jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal +daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue +Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e--n--t--zückend stand; und keiner +von uns hatte 'ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit +Wynfried Severin verloben würden --« + +»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...« + +»Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen! +Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal +partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie +führen muß. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der +gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns +trifft -- schön wär's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von +Freundeshand den letzten Druck zu spüren. -- Aber wie Gott will ...« + +Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem +treuen Mann. Er küßte sie -- immer wieder. + +»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend. + +»Weiß selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen +sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht +braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein +Abschied? Wir sehen uns wieder?« + +Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene +Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns +nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto +schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.« + +Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß +alles Persönliche zurücktrat. + +Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich +vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die große Frage brannte in +aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus +Berlin gehört, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der +anderen. + +Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der +alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er +ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den +guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem +Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark. + +Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick +entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und +dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei, +hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht +habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für +das Größte. + +Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er +liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde +wie Erlösung und Krönung sein. -- + +Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein +Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein, +auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich +Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder +einmal! -- + +Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder +einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die +Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe. + +Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon +in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen. + +Friede -- + +Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er +erwartet hatte. + +Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster +gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem +Freunde zu. + +»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in +der Scheide behalten -- vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock +noch tragen -- wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns +gefordert -- die, die wir schon so lange üben. -- Arbeiten wir weiter! +Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht +mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch +kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz +und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber +denken wollen wir immer daran -- denken!« + +Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen. + + * * * * * + +Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers +und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die +Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie +nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land. + +Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem +Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel +und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei +faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage +nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in +Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat +dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich +gesegelt worden ist. + +Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schöner +Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn +gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen +Liebesfrühling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war, +arbeitete er froh, forsch, geschickt. + +Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht. + +Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne +Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer +verwöhnten Frau ausgesucht. + +Alles sah geregelt, unauffällig aus. + +Weshalb sich sorgen? + +Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst, +jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem +Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten. + +Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie +verklärt. + +Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so +gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen. + +War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann +unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter +zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll +Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost -- +es war die Zukunft. + +Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen +hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können. + +Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau +ihr Herz überwand. + +Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht +zurückgezogen hatte. + +Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden. + +Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen +Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein +Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem +Magneten drüben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die +im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen, +weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich +machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und +Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen -- er wußte +doch: sie meinte es redlich. + +Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie +beantworten. + +Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm +anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er +schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor -- +er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl +gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke +sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden, +werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern +beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner +Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte +wieder vorstellen zu dürfen. + +Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt +befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie +bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des +Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise. +Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in +diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar +nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde +verzeihen. + +Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn +heran. + +»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich +muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber -- offen, Lamprächtige! Ich kann +ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie +antworten.« + +»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu +antworten?« + +Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen +geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich. + +Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor +seinen Augen. + +»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater +sind Ihnen erinnerlich?« + +»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm +sofort ein Riesengewicht an. + +»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig +hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? -- +das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau +weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen +Klara zur Pflegetochter gab.« + +Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch +hinein -- halb vorweg aus Rührung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und +dann: eben das Gewissen ... + +»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten, +furchtbaren Fall gehalten?« + +»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in +verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache +mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.« + +Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber +sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?« + +»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit +getan. -- Wo Sie doch hofften -- daß Klara Ihren Sohn -- daß Ihr Sohn +durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern +getan ...« + +Er fuhr in lodernder Ungeduld auf. + +»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er +heftig. + +»Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so +leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der +Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und +Ihr Leben Verdacht geschöpft -- was sollte ich da machen?« sagte sie +beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst +zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären +der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir +gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein +Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!« + +»Ich -- ich!« sprach er vor sich hin. -- »Aber sie! Ihre Jugend -- ihr +Leben -- ihr Glück. -- Zu viel der Opfer ...« + +Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen +Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage -- es +belud nur sein Herz noch schwerer. + +Weinerlich sagte die Alte: »Das hab' ich ja auch nicht gedacht, daß +Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu +werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch +für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich +doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- muß sie anbeten -- +ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den +Männern heutzutage Sitte --« + +»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder +einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ... + +»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur -- die +Leute -- es heißt -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin +Hegemeister zusammen.« + +Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen +galt ... + +Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle +Sorgen und alles Geschwätz müßig seien. + +Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das +Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September +stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf +einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben. + +Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen, +unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er +doch Fühlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles ... + +Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen +Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried +nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere +Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer +Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen +Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? -- + +Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der +Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine +Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören -- er sah es: +Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner +Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten +zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ... + +Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in +ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein +keusches Mannesempfinden war verletzt. + +Auch Klara erbebte. + +Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie +erwacht. + +Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heiße +Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. -- Sie mußte erst weiter +sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, über das Grab in ihrem +Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die +Anfänge von Sieg sehen. -- Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich +in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurück -- ohne +zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward. + +So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst +hinein. + +Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor +den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das +Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt +verschluckt. + +Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein +Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige +Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als +Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war +erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete. + +»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei +der gnädigen Frau.« + +»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr +vorbei. + +Agathe wurde noch heißer rot. + +»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie +gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß +Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen. + +Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der +Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar +abgewiesen? + +Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. -- Gewiß -- Klara +wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine +Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut -- und alles war ja gut! +Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme? + +Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder! + +Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige +Frau läßt bitten.« + +Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie +zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der +Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen +Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war, +dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak +sie so, daß ihre Knie unsicher wurden. + +Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen. + +»Endlich einmal wieder -- Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih, +daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte +Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein +Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie +lächelte glücklich. »Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns -- +vier Monate einander immer zu verfehlen!« + +»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe. + +Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem +unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken, +fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre +Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung. + +»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie. + +Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig: +»Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried +ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den +Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er +depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Köln.« + +Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie +war von dort gestern abend zurückgekommen. + +»Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und +sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der +Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme. + +Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des +Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe +war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten +hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder +zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen. +Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt +hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie +Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln +zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen: +alles ist geordnet. + +Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was +sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände? + +Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden, +daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine +Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben! +Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der +verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten +niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun +kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren +Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil. + +Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie +aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der +ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß +er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.« + +Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art -- +einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem +Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann -- auf +ein Wort.« + +Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben außer +Hörweite stehen. -- Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze +Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr förmlich +voreinander. + +Wynfried kehrte zu ihr zurück -- leichenblaß und stumm, und wehrte +allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, daß sie am nächsten Morgen +abreise. + +Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut +wird alles in das rechte Geleise bringen. -- + +»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten +ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?« + +»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt. + +»Dir? Schlecht?« + +Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe +eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und +beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte +ihr, wenn sie litt. + +»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn +man entsagen und immer wieder entsagen soll ...« + +Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem +Liebesjammer? + +Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie +selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu +peinlich gequält. + +Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf +sich die andere plötzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing +schluchzend an, zu weinen. + +»Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch ...« + +»Nein,« stammelte Agathe, »nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich +kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein +Glück geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glück -- alles ...« + +Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr +geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es +einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte? + +Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie +schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück +zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.« + +»Doch: Gib ihn frei -- laß ihn mir -- ich liebe ihn über alles in der +Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.« + +»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden +Wort. + +»Von Wynfried -- von Wynfried!« + +Das kam jammernd heraus -- als umschlösse der Name allein alles Unglück +ihrer Gegenwart. + +»Von -- von ...?« + +»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.« + +»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie +glücklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht +merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach -- +du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es +dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.« + +Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in +rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer +liebenswürdig, höflich -- rücksichtsvoll -- ohne Ansprüche an ihre +Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlösend gewesen. -- Aber nun. +-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein +Verliebter? + +O Schmach! + +Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter -- +wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene +eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv -- +manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara, +ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe, +sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei +eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe +verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein +schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als daß +ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu +anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich +sterbe sonst ...« + +Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen. + +Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder +Doppeltätigkeit, alles gehört. + +»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.« + +Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich, +und alles war doch anders. + +»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie. + +Wie diese Tränen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Würde von +den Worten. + +»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart. + +»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe. + +Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Tränen versiegten -- +eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die +blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. -- Wie +von Unergründlichkeit umwittert. -- Was würde ihr nächstes Wort sein? + +Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb? + +»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie. + +Und endlich fragte Klara -- kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?« + +Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl +sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil -- +weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte. + +Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem +Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als +Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt +gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten. + +Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so +nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.« + +Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese, +daß er anfängt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich +deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis +brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein +siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper. + +»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine +Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man +erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.« + +Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die +Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen. + +»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo +ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.« + +Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt. + +»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie. + +»Klara ...« + +»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe +mich nicht verkauft.« + +»Klara ...« + +»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir +taten.« + +»Klara!« Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd. + +»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten. +Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen +Sohn.« + +Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen +hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte +doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben +gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr +Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie +verließ. + +Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um. + +In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht. + +»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht +dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine +weitere Ehe denkst.« + +Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach +sie: »Über die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen. +-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.« + +»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh +aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?« + +»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese +Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er +frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe. +Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.« + +Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen +Lauten. + +Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um +Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und +Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus. + +Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach +gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig. + +Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der +höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von +jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben +können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst +verzeihen. -- + +»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.« + +Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung, +mit Schluchzen und Betteln gegen sie an. + +»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu +spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...« + +»Geh. Laß mich allein.« + +Das war kaum hörbar -- aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten, +Klagen und des Geschluchzes der anderen. + +Und sie ging. + +Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott -- man +sieht, wie verweint ich bin ...« + +Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ... + +Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto. + +Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein +Diener war. + +Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt +fror die Gerwald unter der Pelzdecke. + +Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tür schloß sich. + +»Geliebte Gerwald -- Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln +fahren.« + +»Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut +werden ...« + + + + +11 + + +Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung +wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre +Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her +und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht. + +Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe +bedenken. + +Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört. + +Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte +kaum an sie. + +Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind. + +Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er +nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe +festhielt -- o, die hatte er mit Füßen getreten -- sondern -- sondern -- +weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ... + +Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren +Gedanken. + +Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet. + +Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht. + +Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine +Beleidigung. + +Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit +beschwingten Schritten, wie auf der Flucht. + +Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe -- gerade unsere -- mußte durch +Treue geadelt werden.« + +Und nun, wo sie entadelt war -- mußte sie aufrecht erhalten werden? +Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten, +gegen den Vater, gegen ihr Kind? + +Nein. Sie mußte verzeihen. + +Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen? + +Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen, +leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur +sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele +der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not ... + +Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden +Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen +geben können!« + +Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals +stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr, +und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu +helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dämmerte +noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres +Gefühlslebens. + +Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene +geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten. + +Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht. + +Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben. + +Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen -- +töchterliche -- mütterliche. + +Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu +durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn +sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und +der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so +stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr +Vater geworden war. + +Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen! + +Wie würde er leiden! + +Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr +Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran +hindern. + +Das würde den alten Mann töten! + +Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der +Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig +schlug. -- + +Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät, +nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. -- Diese +winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle +Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an +der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude -- +Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden. + +Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen? + +»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.« + +Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal +dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken +verfolgt?« + +Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das +äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb +unverletzt. + +Sollte sie sie nun zerbrechen lassen? + +Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden +Pflichten und Gefühlen? + +Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr. + +Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von +dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel +zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr +alles Maß für die Zeit abhanden gekommen. + +Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete. + +Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen, +damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ... + +Mechanisch ging sie ins Eßzimmer -- vergaß, sich umzukleiden -- vergaß +den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit. -- + +Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren +die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein. +Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von +stumpfgeschliffenem Kristall. + +Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand, +saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl. + +Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von +einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und +sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor +Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit +den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde. + +Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes. + +Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde? + +»Bist du krank?« + +»Ich? -- Nein.« + +Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. -- +Ja, schon fünf Zähnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war +in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit +vernünftigen Plänen. -- Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und +sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so +gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie +mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. -- + +»Nachrichten von Wynfried?« + +»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie. + +»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen +Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr +Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie +Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des +Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind, +und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach +meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst +in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.« + +Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte. + +Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und +daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien -- und +ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam +aus der Brust herauf. + +Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen +hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem +Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte +Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles +abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein +niedergesaust. + +Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die +Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der +die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte. +Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward -- +sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld +vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte. + +Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens, +wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. -- +Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wußte +nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es +zuerst gehört. + +Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett? + +Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch? + +Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen: +»Gottlob!« + +Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie -- es schien das der +Wirtschafterin -- und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester +gewiß gleich da sein werde. + +Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in +leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die +Kissen. -- + +Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer +aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den +flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers +mußten sie Nachricht erfragen. + +Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich +gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor +Sylvester ist schon unterwegs.« + +»Komm her!« befahl der Geheimrat. + +Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn +beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn +gekommen. + +»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein +Leben ist für dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor -- +sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich --« + +»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause +geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.« + +»Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.« + +»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit +zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.« + +»Die Baronin --« + +»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu +halten -- daß niemand horcht --« + +»Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose +Male hier gewesen -- was wär' da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in +seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen +Wochen schon zugetragen hatte. + +»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben +befohlen, daß ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon, +daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der +hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum +Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt +ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel +abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg muß man immer mal +aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben, +wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll +ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen +auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern -- ich auch -- ja ... Und +dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir +Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.« + +Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon +lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in +den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den +zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit +heimlichem Zittern gefaßt war. + +Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen. + +Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf -- +langsam hob er seinen Oberkörper -- richtete sein Haupt empor. In jener +furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er +da. + +Das Licht füllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf +dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg. + +Ein schweres Schweigen herrschte. -- + +Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn +zu stören. + +Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten +Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen. + +Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß +empfangen, der ihn umwerfen mußte -- das sah vielmehr so aus, als sei +alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem +gewaltigen Körper in straffer Energie. + +Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen +-- da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es -- er schrieb ein paar +Zeilen auf -- riß das Blatt ab ... + +»Nimm,« sagte er. -- Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten. + +Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An +den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen +Umständen morgen früh hier. Dein Vater.« + +Dann ging der Tag seinen Gang. -- -- + +Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich +in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver +aufgedrängt -- sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. -- +Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging. + +Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. -- Kam das +vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht. + +Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen. + +Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken können. + +Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit. + +Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um +des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie +wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen -- damit +er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen. + +Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ -- ob +es ins Dunkel mündete, ins Helle führte -- das mußte die Zukunft lehren. + +Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr +... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre +Ohnmacht gestürzt haben! + +Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit +hinauf.« + +Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme +übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen +können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen +und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man +das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen +glänzten tief. + +Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das +flaumige Köpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glück die +Nähe des kleinen Geschöpfes genießend. + +So schritt sie hinauf. + +Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr +öffneten. + +Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig +dunklen Raum. + +In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte +Herr -- im unerleuchteten Zimmer. + +Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im +linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen +ihre Wange drückend -- und um sie der Schimmer von Glanz ... + +»Madonna ...« dachte er. + +»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.« + +Und ihre Stimme klang wie immer. + +»Du hättest liegen bleiben sollen.« + +»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast +du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: 'Der Frauen Zustand ist +beklagenswert' -- Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.« + +»Heldin!« dachte er. + +Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen -- mit ihr schweigen. -- + +Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen +nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen +gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer +schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein +Kinderstubenreich. + +»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und +mich alles -- sie darf uns nicht krank werden. -- Schlaf fest.« + +»Dei -- dei -- dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges +versprechen. + +Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten +Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war. + +»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara. + +Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des +Vaters hin -- da wo so recht eigentlich ihr Platz war. + +»Ich habe mich mit 'Severin Lohmann' unterhalten,« sprach der Alte, »es +hatte mir viel zu sagen ...« + +Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den +Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem +nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der +Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und +gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen +elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all +diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so +merkwürdig an Weihnachten. -- Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb +angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf. + +Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle +Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem +Meere zu. + +Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu +erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der +verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein +grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich +gegen Strom und Wind flußauf quälte. + +Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. -- + +Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. -- + +So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch +hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem +Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel +mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit +denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der +Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen +wurden bescheiden und still. + +Leise sprach der Alte -- für sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel +sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu +Tausenden, die ihn nicht hörten: + +»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen, +Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten +entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich +mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man +sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich +forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie +sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu +ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und +ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern +fließt mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewiß, +noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes +fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine +_Energie_ -- alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab' ich +hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in +meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr +mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist +diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe? +Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander -- das fordert die +Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das +Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein +Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist +wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so, +wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber -- +muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger -- +mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein großes, +starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...« + +Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der +sich vor sich selbst fürchtet. + +Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht +bereit, den Sohn preiszugeben. + +Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die +einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. -- +Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen +konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor +dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn. + +»Du und dein Kind -- ihr wißt es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter +wußte es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatürlicher +Vater bin: -- mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt' ich +lassen -- meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von +heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns +zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies +heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.« + +Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als +sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen +abgerungen habe ... + +»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.« + +Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer -- +und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank. -- + +Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht +hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll +vor dem schwarzen Himmel jagte. -- + +Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark +genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr. + +Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst +eintreffen. + +Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war, +verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein. + +Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß +von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor +vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die +Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne. +Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der +Firma. -- + +Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch +dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen +sei. + +Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln. + +Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie +tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es +nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur +ein Sommervergnügen -- vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn, +halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal! + +Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für +Klara gehabt. + +Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. -- + +Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei. + +Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort +an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den +eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann +junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern +nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man +wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe. + +»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr. + +Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle +Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte +auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem +Vorwand zur Nachfrage verbot sich. + +Solche Stunden ertragen sich hart. + +Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand +zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen. + +Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten +Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen. + +Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe +zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu +verlieben. + +Ah -- dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen! + +Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der +Vater, durfte die Ehe nicht sprengen. + +»Hätte ich sie nie zusammengebracht!« + +Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem +Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern. + +Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn +nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben +können ... + +Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten +war -- alle Stimmen der Natur schwiegen. + +Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese über seinen Tod hinaus vor +jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein +Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein +wohlhabender Mann. + +Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen +war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine +Nervosität bis zur Unerträglichkeit. + +Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ... + +Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle +gewiesen. + +Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl. + +Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das +Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen, +in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig. +Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten. + +Leupold kam. + +»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich, +etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten +gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat +er, ich solle doch fragen.« + +Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für +immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt -- + +Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh +getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und +gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete +-- denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen. + +»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht --« + +»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.« + +Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden. +Kam auf das Anerbieten zurück -- wollte doch zur Industrie übergehen -- +kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten. + +Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben, +sich zusammennehmen. + +»Also ja ...« + +Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß, +sehr ernst. + +»Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht +wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im +Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie müssen schon Nachsicht mit +mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine +Gesinnung kennen Sie -- die ist unverändert ...« + +»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener +Angelegenheit.« + +Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten +scharf aufmerken. + +»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.« + +»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.« + +»Ernstes. Ja.« + +»Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten +und Brüchigen dürfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin +kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht +gleich, weil's mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an +eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter +Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär's.« + +»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu +bringen.« + +»Wa -- was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja +unmöglich --« + +Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten -- die des +Todes. + +»Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurück sein +-- er wäre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mußte er +sich beim Oberst melden.« + +»Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht übel, lieber +Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.« + +»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt. +-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit +Ihrem Herrn Sohn.« + +Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit +offenem Munde. + +Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht. + +Er war furchtbar anzusehen. + +Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!« + +So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend. + +»Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben --« + +Da sank das schwere Haupt zurück. -- Die Augen schlossen sich -- und ein +wunderbares Lächeln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die +Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine +Träne und rann über die bleiche Wange. + +Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu. + +Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein. + +Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt +gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? -- Rauschte +das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu: +Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. -- + +»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte. + +Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten +Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden. + +Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im +Zusammenhang hören.« + +»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich +Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. -- +Ich befürchte da kein Mißverstehen.« + +Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn +däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch +Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen. + +»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und +schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!« + +Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt +hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den +nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb +gefaltet -- so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief +auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um +Wort ... + + + »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts + Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und + lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn + er kann! Wenn er nicht kann, muß ich's ertragen. Mein Bewußtsein + ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes + und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch + nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß. + + »Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen + Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus + betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein + rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja + in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem + plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was + sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr + Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das + beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im + Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste + Gebot gekommen ... + + »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in + mich 'reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das + Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf + meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund + und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat + toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will. + -- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein + schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht. + + »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal? + + »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all + seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen + ist. + + »Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner + Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein + Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn + der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen + Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und -- das Geld! + Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung. + Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. -- Und + wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo + zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen + Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer? + + »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- röter -- + am rötesten. + + »Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen + Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir + gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da + bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er + sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben + wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang. + Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte + sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache + nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde + mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt. + -- Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der + Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten -- + einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in + der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau + standen wir einander gegenüber. -- So 'n rechter schwerer + Rheinnebel war's. -- Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht + weit vom Fluß -- seltsam war's mir: man hörte durch den Nebel + den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so 'n + Heulruf ihm das Leben gerettet hat! + + »Es war mein Vorsatz: den lösch' ich aus. -- Der verdirbt sonst + noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken + kann, das ganze Dasein. -- Ich haßte ihn. Kräftig. + + »Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in + diesen gräßlichen Sekunden -- ein, zwei sind's bloß -- da heult + von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- plötzlich seh + ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott + verzeih' mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht + schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt + unheimlich.« + +Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises +zitterten ... + +Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz außer Likowskis +Linie ... + +Aber weiter ... + + »Vielleicht hätt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn + ... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns -- + manchmal dacht' ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und + Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was + 'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte + Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als + er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die + Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er + zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen. + Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat + Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift. + + »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht: + voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine + Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis. + + »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte + ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man + was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter, + als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen! + + »Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen + des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz + einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter + Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt, + fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht + haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen, + und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik + geschickt werden. + + »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und + dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie + schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und + nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es + offiziös. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von + meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen + sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit, + nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu + seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach + die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten + sich dazu meiner bescheidenen Person. + + »Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehört + er zu!' -- macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der + alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn + benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht + eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. -- + Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe + was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt + des Vaters führt -- gehen Sie sofort zu ihm. + + »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt. + Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an + den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad -- + mein Freund -- das sagt alles. + + »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes. + Sie wird leiden -- jetzt -- zunächst in jedem Fall! Aber sie + wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben -- + darauf hoffe ich! + + »Und nun: Gott befohlen! + + Ihr Likowski.« + + +Wie langsam der Greis gelesen hatte -- ganz gewiß, er mußte jeden Satz +wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben. + +Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein +wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den +Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang. + +Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen. + +Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten -- sie +kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf. + +Aber dennoch -- auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren +Gefaßtheit. + +Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten -- er +stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. -- Von wo aus die Wirrnisse des +Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege +kommen und wohin sie gehen. + +Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund. + +»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,« +sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst +weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.« + +»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.« + +Er war verwirrt -- sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle +verabschieden zu dürfen. + +»Lieber Marning -- Sie sehen -- der Sohn ist mir verloren -- vielleicht +nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft -- mag vielleicht eine ferne +Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine +legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! -- Ich will +mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. -- Es liegt an ihm --« + +Er mußte innehalten. -- So lebendig stand plötzlich das Bild der +genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter +gewesen ... Er seufzte schwer ... + +»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit +Reue gepflastert sein.« + +Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter -- mein Enkel -- mein Werk +-- das gehört zusammen -- zu mir -- bis übers Grab hinaus: zu mir! Und +davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und +die Würde meines Werkes verraten. -- Vielem und Vielen sollte er zum +Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der +spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden -- auf immer!« + +Nun sah er den jungen Mann voll und groß an -- bezwingend -- -- + +»Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu +wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer +und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag +wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und +mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir +schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es +ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie +vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als +Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn +für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie +meinem Werke dienen?« + +»Ja!« + +Laut und feierlich klang das durch den Raum. + +Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie +damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und +küßte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf +ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte. + +Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder. + +Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke +angelobt. Und nicht nur seinem Werke. + +»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...« + +Stephan trat erschrocken zurück. + +»Nicht in meiner Gegenwart.« + +»Doch!« -- Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser +kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde. + +»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch +habe.« + +»Herr Geheimrat ...« bat Marning. + +Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an. + +»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich +brauche Sie -- -- sonst -- sonst -- es könnte mir die Fassung +zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengeführt -- ich! Bin ich nicht +ein Schuldiger vor ihr?« + +»Nein,« rief Stephan, »nein -- nichts von Schuld ...« + +Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen +Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette +gleich. + +Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten. + +Sie blieb stehen -- ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen. + +Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des +Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen +qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe +hing ... + +»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm -- sieh, hier ist +unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...« + +Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von -- meinem -- Sohn ...« + +Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch +einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte. + +Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet, +schweigend und unbeweglich dastand. + +»Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Später erfährst +du das Genaue. -- Er liegt in Köln -- krank ...« + +Sie wich ein wenig zurück -- im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich +dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _muß_. -- Ich +wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun muß ich es beweisen ... + +»Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm +beistehen --« + +»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun +wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe -- +sie wird gelöst werden.« + +»Vater!« schrie sie auf. + +Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht. + +Und die Männer schwiegen. + +Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine +ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. -- +Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die +erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! -- + +Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer +zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe +errichtet ward ... + +Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam +zurück. + +Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte. + +Nun verlor sie Vater und Heimat -- -- + +Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an -- sie sah +wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam. + +Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging -- sein einziger Sohn -- +trotz allem. + +»Nun muß ich dich verlassen!« + +»Klara!« + +»Aber das Kind -- es gehört mir. -- Du wirst nicht den Versuch machen, +es mir zu nehmen. Nein -- das nicht -- das weiß ich.« + +Sie war außer sich. + +Er streckte seinen Arm nach ihr. + +»Nein -- besinn dich doch. -- Gehören wir nicht zusammen? -- Das Werk, +das Kind -- du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von +ihm! Und hier steht einer -- ich hab' sein Wort: er will in die Arbeit +hineinwachsen und dem Werke dienen und -- meines Enkels Freund sein --« + +Er brach ab. + +»Vater!« + +Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße +Gesicht zwischen seine Hände. + +»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer. + +Oft hatte er sie so genannt -- aber sie fühlte, was dieser Name, in +diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und +heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und +stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte. + +Sie hob den Blick -- sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer +Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand. + +Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte. + +Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der +Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein -- nach seinem +Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich +erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient. + + + + + Druck der + Union Deutsche Verlagsgesellschaft + in Stuttgart + + + + +Anzeigen des +Cotta'schen Verlages + + + +Ida Boy-Ed: + +Ein königlicher Kaufmann + +_Hanseatischer Roman_ + +16. und 17. Auflage + +In Leinen gebunden 5 Mark + + +=Aus den Besprechungen:= + +Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen +schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch. +Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur. +Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das +heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen +in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen +Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den +Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst +werden. + + =Bohemia, Prag= + + +Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das +ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt +mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die +Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie +sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine +und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne +Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über +den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die +spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede +Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«. +Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen +Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen +Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das +alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von +einer Romandichterin erwartet werden darf. + + =Deutsche Tageszeitung, Berlin= + + + +Ida Boy-Ed: + +Im Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und +Berlin erschienen: + + Gebunden + +Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50 + +Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer +Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.-- + +Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50 + +Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman +6. u. 7. Auflage M. 4.50 + +Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.-- + +Stille Helden. Roman M. 5.-- + + +In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen: + +Ein Tropfen Geheftet M. 2.50 + +Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.-- + + + + + Gebunden +_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und + andere Geschichten M. 4.-- + --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.-- + +_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. Zwei + Erzählungen " 3.50 + --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.-- + +_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. " 3.50 + +_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.-- + --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.-- + +_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50 + --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20 + --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70 + --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10 + +_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.-- + --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80 + --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20 + --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.-- + --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20 + +_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50 + +_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.-- + +_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + +_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Stille Helden. Roman " 5.-- + --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u. + 17. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.-- + +_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50 + --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20 + --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50 + +_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.-- + +_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte. + Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Bozena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.-- + +_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# -- Ein Wunder + des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.-- + +_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.-- + +_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.-- + +_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50 + +_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50 + --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.-- + --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.-- + --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.-- + +_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50 + --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50 + --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.-- + --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.-- + --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50 + +_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.-- + +_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer + Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.-- + +_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.-- + +_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50 + +_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.-- + +_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.-- + +_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile + Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.-- + +_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. + Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50 + +_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50 + --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50 + --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50 + --"-- Da träumen sie von Lieb' und Glück! Drei Schweizer + Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50 + --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50 + --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50 + +_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.-- + +_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50 + --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.-- + --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.-- + --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.-- + --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.-- + --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.-- + --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50 + --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50 + --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.-- + --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50 + +_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40 + --"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben + -- Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50 + --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80 + --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Martha's Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.-- + --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.-- + --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet. + 2.-4. Aufl. " 3.50 + --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40 + --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50 + --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80 + --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.-- + --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40 + --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u. + 6. Aufl. " 3.40 + --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.-- + --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.-- + --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50 + --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50 + +_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50 + --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. + 5. Aufl. " 5.-- + +_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.-- + +_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels. + 2. Aufl. " 6.-- + +_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50 + --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.-- + +_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. + 6. Aufl. " 3.50 + +_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. + Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_ + +_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + +_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50 + +_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. + 75.-80. Aufl. "11.40 + --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80 + --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60 + --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80 + --"-- Das Sinngedicht. Novellen -- Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80 + --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. + Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.-- + +_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte + Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.-- + +_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.-- + --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50 + +_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. + Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40 + +_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn. + Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.-- + +_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.-- + --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50 + --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.-- + --"-- Genesung -- Sein Todfeind -- Gedankenschuld. Erzählungen " 5.-- + --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Phantasien und Märchen " 3.-- + --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen + Renaissance. 7. Aufl. " 6.50 + +_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50 + +_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau. + Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.-- + --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.-- + --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50 + +_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. + 5. u. 6. Aufl. " 7.50 + --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.-- + --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.-- + --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.-- + +_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln + und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.-- + +_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.-- + +_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.-- + +_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman. + 2.-5. Aufl. " 4.50 + +_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.-- + --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.-- + --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.-- + +_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. + Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.-- + +_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50 + --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.-- + +_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.-- + +_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.-- + --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.-- + +_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.-- + +_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.-- + +_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. + Roman. 2 Bände " 5.-- + +_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe. + 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (4. u. 5. Tsd.) " 5.-- + --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. + (3. Tausend) " 5.-- + --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.-- + --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.-- + --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.-- + --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. + 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.-- + --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.-- + --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse + herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.-- + +_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.-- + +_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + +_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.-- + +_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50 + --"-- Stille Wasser. Roman " 4.-- + +_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer + Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.-- + --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50 + --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50 + --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.-- + --"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.-- + --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.-- + --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50 + --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50 + --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.-- + --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.-- + --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.-- + --"-- Du bist die Ruh'. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50 + --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen + Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50 + --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.-- + --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.-- + --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50 + --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + +_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.-- + --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50 + --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.-- + --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50 + --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.-- + --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.-- + --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50 + --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.-- + +_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.-- + +_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere + Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.-- + +_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.-- + +_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.-- + +_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50 + +_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50 + +_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50 + --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50 + --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.-- + +_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer + Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50 + +_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50 + --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Erika -- Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Franz. Roman. 3. Aufl. " 4.50 + --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. " 4.-- + --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. " 3.50 + --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl. " 5.-- + --"-- Irma. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Novellen " 4.-- + --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. " 5.-- + --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl. " 4.-- + --"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. " 5.-- + --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. " 4.-- + --"-- Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.-- + +_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.-- + +_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.-- + +_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50 + --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. " 4.50 + --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.-- + --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.-- + --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50 + +Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1914. The table below lists all corrections applied +to the original text. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# + + +p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden --« +p. 080: [normalized] der Duc d'alben -> d'Alben +p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten +p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski +p. 255: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann -> Sörensen +p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber +p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + +***** This file should be named 29738-8.txt or 29738-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/9/7/3/29738/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Stille Helden + +Author: Ida Boy-Ed + +Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>Stille Helden</p> --> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p> --> + +<h1>Stille Helden</h1> + +<p class="subtitle">Roman</p> + +<p class="writtenby">von</p> + +<p class="author">Ida Boy-Ed</p> + + +<p class="publishedin">1914</p> + +<p class="publisher">J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger<br /> +Stuttgart und Berlin</p> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span></p> --> + +<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br /> +<span class="smaller">Copyright 1914 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart</span></p> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_1" id="Kapitel_1"></a>1</h2> + + +<p><span class="dropcap">E</span>ine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk +begann. Droben im sehr geräumigen Erker ließ sich der +alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag jetzt die Nächte +oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis zwischen +den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar +wurde. Diesen grauen Schein der Morgendämmerung +nannte er schon »Tag«, und damit gestand er sich das +Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn sein treuer +Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein +regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden +müssen. Und so zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger +Selbstbeherrschung, noch ein neues Gesicht in seiner Nähe +zu ertragen.</p> + +<p>Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig +sich zu bewegen, seinen Helfern die Handhabungen +noch erschwerend, kam er in die rechte Lage. Nun saß +er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder bezogenen +Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt arbeitende +Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene +Schräg- und Steilstellungen bringen ließ. Auch eine +breite Tischplatte kam von der Erkerwand geräuschlos +nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem ein +kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne +berührt wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der +<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>gegenüberliegenden Wand ein Bücherregal und eine +Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese Beweglichkeit +all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem +Leben treuer, aufmerksamer und stumm wartender Tiere. +Sie machte den seit einigen Monaten halbseitig Gelähmten +unabhängiger von seiner Bedienung und gewährte ihm, +was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen +war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte +sein Kopf am raschesten und gesammeltsten arbeiten. +Jetzt in dieser frühen Stunde mußte der bewegliche Tisch +das erste Frühstück tragen. Mit nie erlöschendem Zorn +aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel +oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an +leichter Kost gestattete.</p> + +<p>»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich +mal päppeln müßtest wie ’ne Wöchnerin,« sagte er.</p> + +<p>»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« +tröstete Leupold und schob noch handlicher Teller und +Löffel zurecht.</p> + +<p>»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich +verändert hat!« dachte der Geheimrat erbittert. »Na ja +– wie denn nicht! Früher war ich sein Herr, jetzt ist er +im Grunde der meine.«</p> + +<p>Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in +seinen klugen dunkeln Augen war wirklich nichts von +Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem freundlich-gleichmäßigen +Ausdruck, den er sich in mehr als fünfundzwanzig +Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße +Fleisch von dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. +Wenn man einem mächtigen, übermäßig beschäftigten +großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch die Adern +läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man +Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal +<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>erschüttert gesehen – an jenem Abend, als unten im +Speisesaal ein festlicher Tisch für ein Herrendiner schon +fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick eintreffen +konnten. Da, gerade als Leupold den Frack +bereithielt, als der Herr schon den Arm ausstreckte, um +hineinzufahren, da wurde der Riese jäh blaurot im Gesicht +– stieß einen rauhen Laut aus – taumelte und fiel. ... +In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold +habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn +hierauf anzureden.</p> + +<p>Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt +und vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe +sein Mahl verzehren konnte, und Leupold zog sich zurück.</p> + +<p>Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree +durch das große Zimmer der Ausgangstür zu schritt, +sah sein Herr ihm nach. Eine Aufwallung von Rührung +stieg in ihm empor.</p> + +<p>»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz’ ich ihn +aus dem Bett! Was ist das für ein brutaler Unsinn. +Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und er muckt nicht mal +auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...«</p> + +<p>Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn +auch er dachte manchmal an jenen Augenblick, wo er von +den dunkeln Grenzen noch einmal zurückerwacht war +zum Leben – auch eine Art von Wiedergeburt – – wie +ihm das Bewußtsein kam – wie er die Lider öffnete – +da sah er in ein treues, angstvolles Auge, in dem Freude +aufleuchtete, als er zu sprechen begann.</p> + +<p>Nur das Auge des Dieners – eines ergebenen Menschen +– nicht das Auge seines Sohnes! –</p> + +<p>Ah – dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... +»Na, er wird ja mal mit meinem Testament nicht unzufrieden +sein!« dachte er noch in bezug auf Leupold.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein +so mächtiger Körper muß Bewegung haben, wenn sein +Haushalt in Ordnung bleiben soll ...</p> + +<p>Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. +Jeder Tag, diese nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei +bezwungen, konnte ihn die unsichtbare Faust zum +zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares und +dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann +traf sie so gut, daß es das Ende ward ...</p> + +<p>In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann +man, wenn der einzige Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, +gegen Lebensfreude gleichgültig – ein Mensch, der +am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da schließe +mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. +Einer, der ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt.</p> + +<p>Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber +was war Tag, was Nacht für das Hüttenwerk! Da brauste +die Arbeit und legte sich niemals schlafen. Die Hochöfen +erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es keine +Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das +Symbol der ewigen Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen +am Herde der Mutter Erde brodelt.</p> + +<p>Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des +Herrn das Stück Welt hin, darüber er der Gebieter war.</p> + +<p>Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, +der im ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen +Ostsee zustrebte, hatte die kräftigen und ruhevollen Farben +einer Landschaft, darin sonst allein der Bauer sein Reich +findet. Ferne Wälder umgrenzten sie.</p> + +<p>Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, +abgetönten Weiten hatte sich das Feuer eine gewaltige +und beherrschte Stätte gesucht und Erze und Kohlen ihre +düsteren Farben hineingetragen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah +er die drei Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen +ragen. Steil hinan zu ihnen zog sich das Eisengestänge +der Schrägaufzüge, an denen die kleinen Wagen emporkletterten, +die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen +unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren +Rachen das Material schütteten. Und schwarz, in den +Formen von Riesenzylindern, hielten neben ihnen in +Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer Wache, +in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als +Gebläse diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, +schlanken Säulen erhoben sich frei und leicht, scheinbar +ganz ohne Zusammenhang mit den verschiedenen langgestreckten +Dächern und den aufgetürmten Bauten, in +denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen +vermuten konnte. Ein Gasometer, rund und klobig, +in der Gestalt an das Grabmal der Cäcilia Metella fern +drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße erinnernd, +stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen +und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie +waren wie Körper, die nur ein Skelett haben und gar +keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe bewegten +sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den +Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem +Prasseln an den rechten Lagerplätzen ausschütteten. +All diese Dinge ragten gleich Gipfeln hoch aus dem +Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft von +steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, +umhüllte all diese phantastischen Formen, die +bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie andere waren, +als die Natur sie schafft.</p> + +<p>Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte +»Severin Lohmann« angesiedelt worden waren, +<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>verbarg sich vom Erker aus dem Blick. Eine große gärtnerische +Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm durch +die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage +nahm links, wo sie breit war, den Palisadenzaun des +Werkes als Grenze; sie zog sich zum Fluß hinab, wurde +nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich im +Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke +endete, auf welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde +Landstraße dort traf.</p> + +<p>Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch +emporgewachsen waren und dichte Kronen bekommen +hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese Blumenrabatten, +die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz +bestäubt wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die +Anlagen dem Hause gerade gegenüber schnitt und zum +Flußufer hinabführte, wo früher an einer Brücke eine +Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte – +das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«.</p> + +<p>Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt +der Kohlen, Erze und Schlacken ...</p> + +<p>Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, +schroff abfallendem Abhang eine kleine Stadt. Rote +Dächer drängten sich um den Kirchturm, dessen spitzes +Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel stand. +Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze +flimmerten lustig und neu im Morgenglanze. Aber +auch drüben kam zwischen den Dächern heraus Rauch. +Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen Essen +blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische +in Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von +Ackerbau und Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der +Arbeitslärm über den Fluß hinüber in die Straßen hinein +– auch das Geld, das »Severin Lohmann« in Bewegung +<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen, +stärkeres Leben pulsierte.</p> + +<p>Der alte Herr sah gern hinüber – es tat ihm wohl, +zu sehen, wie das da wuchs – wie sich mehr und mehr +Industrien ansiedelten, die durch sein Werk und dessen +Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.</p> + +<p>Und im Grunde genommen durfte er sich wie der +ungekrönte König auch des andern Ufers fühlen.</p> + +<p>Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen +sich in die Luft hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, +ankerten ein paar Dampfer. Aus den Tiefen +ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen wieder +empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter +Grazie leer hinabgelassen hatten – Dampfer aus +Schweden – aus Griechenland – Spanien. Erhebend +und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt +zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können.</p> + +<p>Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das +durch ein kunstvolles, hohes Schmiedeisengitter von der +Landstraße geschieden war und, inmitten von Vorgärten +und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz +anzusehen war.</p> + +<p>Er dankte für Ruhe ...</p> + +<p>Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er +nun schon seit Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose +Monologe über die Größe, die im Entsagenkönnen +liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern +Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte +ihm eine kleine Genugtuung. Aber allein mit der Qual, +knirschte er mit den Zähnen gegen sie.</p> + +<p>Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu +ertragen, ohne dieses Elend mit Wynfried ...</p> + +<p>Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>– ja, weiß Gott, ich weiß, was das ist ... wie’s gemeint +ist mit dem Adler, der kommt, dem Gefesselten die Leber +auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille ist stark, +aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an +einem ...«</p> + +<p>Nun merkte er auf – ein heller, schneidender, von +dumpfen Untertönen getragener Klang schien heranzukommen. +Das riß ihn aus seinen Gedanken. Ja richtig +– was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied +lag, das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln +schlugen.</p> + +<p>Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben +im Städtchen lag. Im Schritt und Tritt marschierte es +heran durch die Morgenfrische; voran mit seinem Adjutanten +der Major im Stabe, der den beiden Kompanien +zur Führung beigegeben war – der eine auf einem +hellen Fuchs, der andere auf einem Rappen. Die Soldaten +sangen das Lied mit, das ihnen vorgepfiffen und +getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen +und zogen zu einer Gefechtsübung aus – vielleicht +um am Meeresstrand anderthalb Stunden ostwärts die +Landung eines markierten Feindes zu verhindern.</p> + +<p>Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk +überschnitt die marschierenden Gestalten.</p> + +<p>Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in +diesem Hause oft gastlich aufgenommen worden. Jeden +Gruß beantwortete mit freundlichem Nicken das weißhaarige, +bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts +von Krankheit und Alter war in ihnen –</p> + +<p>Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den +grüßenden Herren.</p> + +<p>»Ja, lieber Schönstedten – bin schon auf – kein +Schlaf des Nachts – Was, Likowski? Einen neuen Gaul? +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Den Rappen natürlich mit Vorteil verkauft – famos +zugeritten, wie er war ...«</p> + +<p>Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant +Hornmarck – Herrgott wie klein und zart und jung, und +sollte Kerls kommandieren und imponieren, die vielleicht +schon mehr vom Leben wußten als er – und der da, +der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der +Oberleutnant Stephan Freiherr von Marning sein. +Vor ein paar Tagen hatte Leupold seine Karte hereingebracht.</p> + +<p>Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« +nennt. Angenehme Bekannte, mit denen er manchen +Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast +gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan +hatte ihm immer gut gefallen, in seine besondere Unterhaltung +hatte er ihn oft gezogen, er, der alternde Großindustrielle +den jungen Leutnant, die scheinbar keine Interessen +zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, +mit welcher schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden +vornehm behauptete, denn dieser Zweig der Marnings +war fast arm. Und wenn er so die schlichte, ernste Haltung +des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter +war, dachte er an seinen Sohn ...</p> + +<p>Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden +Freiherrn von Marning: »Wie gern, lieber +Marning, antwortete ich sofort auf Ihren Besuch mit +einer Einladung, bei mir zu essen – bin ja kein menschenfeindlicher +Querkopf – aber da sitz’ ich nun – vorbei ist’s +mit dem Gastlichsein ...«</p> + +<p>Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem +jungen Marning keine Freundlichkeit erweisen konnte.</p> + +<p>Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar +Minuten nachsehen – da zog sie hin, Mann wie Offizier, +<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>um in zäher, täglich neu aufgenommener Arbeit, mit +einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen, die unerhört +opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu +üben – dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm +und Heldenrausch, sondern nur an Pflicht denkt.</p> + +<p>Auch stille Helden – wie die Tausend und Tausend, +die arbeiten und sich bezwingen, und deren Namen und +deren Kampf niemals jemand nennt und preist.</p> + +<p>Ja, die gibt’s auf allen Gebieten.</p> + +<p>So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege +jetzt auf den einen Menschen zuführten, so war er +schon wieder bei seinem Sohn.</p> + +<p>»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden +lassen sollen! Der Junge hatte es einmal gewünscht.«</p> + +<p>Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; +sie waren immer nur lau gewesen.</p> + +<p>Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen +Mitbesitzer und späteren alleinigen Herrn von »Severin +Lohmann« zu bestimmen, war das Selbstverständliche. +Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den ganzen +Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch +freilich ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen +zu erregen – was sicher nicht von einem Mangel an +Begabung, sondern von dem Überfluß an Beziehungen +zum weiblichen Geschlecht herkam ...</p> + +<p>Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, +und er unterbrach sich, um den dienstwilligen Tisch fast +gegen die Wand fliegen zu lassen.</p> + +<p>Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere +von Tischplatte mit all den Schüsseln und Speisen vor sich.</p> + +<p>Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung +– durchschlug die Luft, als wolle er jemanden treffen ...</p> + +<p>Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem +<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Grabe hätte er sie wieder holen mögen, um sie haßvoll +zu fragen: Was hast du aus unserm Sohn gemacht? +Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, +weil du ihn weibisch erzogst ...</p> + +<p>Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln – er sah ihr +schönes Gesicht, auf dem nichts geschrieben stand als +Wohlgefallen an sich selbst.</p> + +<p>In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er +plötzlich. Alsbald erschien eine schlichte blaue Livree in +der Tür. Aber es war nicht Leupold, sondern der neu +engagierte blonde Georg, dessen saubere Gewaschenheit +den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch +ärgerlich reizte.</p> + +<p>»Leupold!« sagte er befehlshaberisch.</p> + +<p>»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn +Geheimrat gestern abend angeordneten Besorgungen +zu machen,« sagte Georg in militärischer Haltung, als habe +er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.</p> + +<p>»Ist mein Sohn schon aufgestanden?«</p> + +<p>»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen +zum Bad gegeben.«</p> + +<p>Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, +der für Georgs Ohr etwas Ungeformtes behielt. Daß +aber beinahe Verachtung darin klang, spürte der junge +Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können +doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...«</p> + +<p>Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit +her gewöhnt. Aber wenn er der junge Herr gewesen +wäre, würde er auch bis zehne schlafen. Und viel frohe +Stunden schien der junge Herr seit seiner Ankunft gestern +morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. +Das ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß +zwischen Vater und Sohn »was los« sei – was, wußte +<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber der würde +es auch nicht verraten ...</p> + +<p>Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte +er sich von neuem in Geduld fassen. Er hatte doch ein +Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht wie einen Schuljungen +aus dem Bett holen lassen könne ...</p> + +<p>Geduld – wenn eine so große, so schwere Frage zu +beantworten ist – die bitterste, die das Leben bisher an +ihn gestellt hatte ...</p> + +<p>Was sollte mit seinem Sohn werden?</p> + +<p>Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher +bestimmt gewesen, nun geschehen. Wynfried hatte alle +Stadien der Vorschulung für die auf ihn wartende Stellung +durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; +auf befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär +in die Betriebe hineingesehen; er war ein Jahr auf einer +Bank gewesen und ein Jahr im Auslande. Nirgends +hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er überhaupt +gearbeitet hatte, war unklar.</p> + +<p>Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte +Null – sein Sohn! Lieber mit Härten, Ecken und Kanten +sich herumstoßen! Die Neutralen hatte der Alte immer +gehaßt.</p> + +<p>Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen +Bahn des eben Zureichenden gewichen war, das +war gerade das verhängnisvollste von allen ...</p> + +<p>Ein Weib hatte ihn zerbrochen – er hatte sich zerbrechen +lassen – – –</p> + +<p>Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich +genommen hatte.</p> + +<p>Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. +Er, ein Mann, für dessen Pflichtenfülle der Tag immer +um viele Stunden zu kurz war. Erziehung – das galt +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die +Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das +war sein Anspruch gewesen.</p> + +<p>Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, +daß nichts ihre Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre +Schönheit störte. Erzieherpflichten können unbequem +sein.</p> + +<p>Auch gehört Liebe dazu – und seine Frau hatte wohl, +außer zu sich selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal +zu Wynfried, obschon es so aussah, als vergöttere sie den +Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist bloß eine etwas +verwickeltere Form von Selbstsucht – das wußte der alte +Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen +gehabt hatte – früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen +Willen, oft genug das Philosophieren an ...</p> + +<p>Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern +bei einer vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, +Vater, du bist eben einer von den Männern, die nur denken +und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist: Lieben und +Leiden ...«</p> + +<p>Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, +wie rauh sein Ton, wie schroff sein Ausdruck gewesen +war – das wußte er selbst nicht.</p> + +<p>Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn +verstummte, sprach er: »Was weißt denn du von mir!«</p> + +<p>Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte +sein Sohn von ihm! Einsam! Einsam!</p> + +<p>Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm +Glück und Frieden bedeutete, die hatte er nicht festhalten +dürfen ...</p> + +<p>Lieben und Leiden?</p> + +<p>Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen, +Durchschnittlichen sei.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die +Ehernen, die sich nicht zerbrechen lassen dürfen, wenn sie +vor sich selbst voll Würde bleiben wollen ...</p> + +<p>Helden müssen sie sein – aber in der Stille – denn +es ziemt ihnen nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut +auszurufen.</p> + +<p>Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder +Bitterkeit; der Gram ihrer Nächte bleibt ihr Geheimnis.</p> + +<p>Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam +seine Seele in weichere Stimmungen hinüber. Er sah +das Weib, das er geliebt hatte, mit einer starken Deutlichkeit +vor sich, die ihn beglückte und erschütterte. Für die, +die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der Hoffnungslosigkeit, +gibt es keine Entfernungen und keine +Gräber. Nie Besessenes bleibt unverloren und ewig +nah ... So war Klara nie für ihn gestorben und nie +von seinem Gemüt entfernt.</p> + +<p>Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit +immer vertieft, richteten sich mit innigem Blick auf +ihn, ihre mädchenhafte Gestalt, mittelgroß und schlank, +drückte in der ganzen Haltung so viel Ergebenheit und +Keuschheit aus – es war, als wehe der Hauch von +Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen +sanften Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar +Feste gewesen, was ihm, dem stürmisch Leidenden +half – und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal von +einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem +Töchterchen sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen +schön ... Er sah ihr braunes, fast glanzloses lockeres Haar, +er sah ihre edlen Hände, deren Ausdruck so merkwürdig +wechselnd war – beredte Hände.</p> + +<p>Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. +<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>Eine, die den Mann zu Höhen emporführt, die er allein +niemals erreichen kann.</p> + +<p>Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur +Weiber begegnet, oder er hatte das Talent, jedes Weib +herabzuziehen – solche Männer gibt es. Es gibt aber +auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, +wenn sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann +herab, wenn sie nur mit ihm in Berührung kommen – +Frauen, die man isolieren sollte; wie Bakterien unschädlich +bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt werden. +Wunderlich – wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen +die schädlichen oder segensreichen Wirkungen +abhängen.</p> + +<p>Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.</p> + +<p>»Ich kenn’ meinen Sohn nicht,« das gestand er sich +ein, »weiß bloß seine undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten +– die äußeren Daten seiner Liebesgeschichten. +Was sonst in ihm steckt? Viel? – Nichts? – Ich weiß +es nicht.</p> + +<p>»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen +Mann, bloß weil er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? +Er soll sich auf meinen Thron setzen? Und vielleicht +alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in vierzig +Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht +doch nicht allein um mich und meinen Herrn Filius, es +geht ja um das Wohl von Tausenden. Alles, was von +mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat, will +weiter existieren – volkswirtschaftliche Werte und die +Zukunft Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt +werden werden –«</p> + +<p>Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen +Niedergang der Gegend bedeuten. Lebten denn nicht +drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden, die Handwerker, +<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>die Ladeninhaber zum großen Teil von der +Beamten- und Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: +Kräfte werden mal abgenutzt, Beamte müssen gehen, +um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte Wynfried +die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der +größten Begabungen für die Beherrscher so großer Unternehmungen, +ja einer jeglichen; nicht der kleinste Krämer +kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos +ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit +Genugtuung dachte der Geheimrat an seine klügste geschäftliche +Tat: an den Mut, den er besaß, indem er seinen +Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt engagierte, +weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben +war ... Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. +– Ja, solche Männer muß man erkennen, erfühlen +können, das ist die Begabung.</p> + +<p>»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als +Direktor einer Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte +sich der Geheimrat. »Einen andern Chef als mich ertrüge +er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze bis in seine subtilsten +Fähigkeiten hinein ...«</p> + +<p>»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation +Privateigentum bleiben? Das tat weh nur zu +denken – –</p> + +<p>Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, +seinen Besitz, all die zahlreichen Existenzen, die +daran hingen und mit dem Hinwelken der Geschäftsblüte +auch zum Absterben bestimmt wären ...</p> + +<p>Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu +dämonischer Wille empor, noch zu leben! Er konnte, er +durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht wußte: Wer +und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, +meinem Reichtum?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz +in seine glühende Unruhe.</p> + +<p>»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er +ja zerbrochen worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten +Mann machen, denn er muß doch auch schließlich einen +Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.«</p> + +<p>Aber wo die Rechte finden?</p> + +<p>Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines +ersten Chemikers Einzige – ach, die war ja gänzlich eine +angenehmere höhere Tochter und nichts mehr. Und die +drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene +nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame +Beamte. Oder der rothaarige Backfisch des Großindustriellen +Stuhr, der vor drei Jahren drüben in Schlutup eine +große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht die Witwe +des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen +saß und von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate +übers Meer hinaus, ob nicht ein zweiter Gatte dahergefahren +käme? Alle nicht für Wynfried passend.</p> + +<p>Keine – weit und breit. Und der Vater hatte doch das +starke Gefühl, er müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried +kein Urteil über weiblichen Wert oder Unwert besaß, +war ja erwiesen. –</p> + +<p>Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren +vor sein Auge gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, +die seines Sohnes guter Engel werden konnte – +denn sie war die eine, von der er vorher wußte: ihr entlockte +Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde nur +einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.</p> + +<p>Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich +sich mit der Rechten über die Stirn, als könne er Hitze und +Röte wegwischen. Er sollte sich doch nicht aufregen ... +und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen Folgsamkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>erfüllt – hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein +kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen +Anordnungen fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn +er wollte leben – leben!</p> + +<p>Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde +mußte sie sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt +auf – die Sandsteintreppe zwischen den Anlagen +kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der alten Witwe +des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht +liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen +und Nachmittag, in Wind und Wetter, an lachenden Sommertagen +und wenn Schnee durch die Luft trieb, kam sie +über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins Schulhaus +führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. +Man mußte an der ganzen Front des Werkes vorbei und +noch ein paar Minuten weiter, dann kam man an das fröhlich +aussehende weiße Haus mit grünen Läden und rotem +Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der +Kinder von Severinshof gebaut hatte.</p> + +<p>Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich +des Werkes hin. Das Schulhaus an der Landstraße war +ihr Abschluß. Auf das Schulhaus folgte dann mit ihrem +großen Garten die stattliche Villa des Generaldirektors +Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist verheirateten +Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen +Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof +hatte der Geheimrat den Stamm der Arbeiter in freundlichen +Häuschen mit Gärten angesiedelt, die sich dem Werk +auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für +ihre Feierabendruhe erwarteten.</p> + +<p>Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder +dreien – dem Geheimrat kam es vor, als müsse es schon +immer so gewesen sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer +hatte vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, +aufzupassen, ob sie pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden +auftauche, die die Sandsteintreppe bis zum +Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm sein bißchen +Poesie. – Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch +Sonntags nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, +eine schöne reiche Stunde lang.</p> + +<p>Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, +der starke Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.</p> + +<p>»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke +an diese Möglichkeit erschütterte ihn beseligend.</p> + +<p>Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar +in den Stunden, wo er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, +immer bei ihm war. – Ihr Segen wäre über den Kindern – –</p> + +<p>Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde +und freudlos erschien, um noch einen Entschluß zu fassen? +Dies Mädchen, das mit einer so entschlossenen Gefaßtheit, +verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos in bescheidenen +Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit von +Luxus umgeben gewesen war?</p> + +<p>Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist +und mittellos dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen +sollen, dann hätte Wynfried die Heranwachsende oft gesehen, +vielleicht würdigen und lieben gelernt, und alles +wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, +was man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken +versuchen mußte.</p> + +<p>Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das +auch nur einen Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, +die das Mädchen mißbildet oder mißhandelt hätte, auf +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln verstand, durch +Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich +immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man +sich darunter bog wie unter Peitschenhieben.</p> + +<p>Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie +kommen.</p> + +<p>Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht +von seinem Platz aus sehen; auch jene Stelle des Flusses, +über die der Fährmann seinen Kahn ruderte, verbarg ihm +ein Baumwipfel.</p> + +<p>Jetzt erschien ihr Haupt. – Der Körper wuchs auf der +Treppe, nun stand sie auf der obersten Stufe und hob das +Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte er von seinem hohen +Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit den +Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm +schien ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; +ihre Kleidung war so sorgsam – am schlanken Halse glänzte +der weiße Kragen, auf dem lockeren Haar saß ein einfacher +gefälliger Hut. – Unter dem Arm trug sie Bücher. Was +für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie schön +sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben +Mund, die tiefen grauen Augen – er kannte sie seit vielen, +vielen Jahren.</p> + +<p>»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte +eigentlich doch eine andere Klara. Die, die längst von den +Enttäuschungen ihres Lebens ausruhte, in jener Ruhe, die +nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die Wohltat fühlt, +daß alle Not zu Ende ist ...</p> + +<p>Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt +und nie besessen hatte. –</p> + +<p>Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen +würde sie, lachen darüber, daß Severin Lohmann das Andenken +an eine entsagungsvolle Liebe heilig hielt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, +auch der Arbeitsriese – er verliert alle Fäden zum Verständnis +der Menschen, verliert sich selber in Unbarmherzigkeit +und Kälte, wird zur Maschine, wenn er nicht tief +in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und das Verlangen +zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, +das ihm wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm +sein Weib nicht sättigen können. – Als er acht Tage mit +ihr verheiratet gewesen war, wußte er schon, daß eine +schöne Larve ihn getäuscht hatte.</p> + +<p>In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen +Morgenstunde war das alles wieder zu starkem Leben erwacht, +das Leiden und die Entsagung von einst ...</p> + +<p>Klara grüßte herauf – und seltsam: anstatt wieder +zu grüßen, streckte er nur die Rechte gegen das Fenster. +Wie eine verlangende Geste war das: komm!</p> + +<p>Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein +unbefangenes fröhliches Mädchen tut, das in gesunder +Freudigkeit an seine Pflicht geht.</p> + +<p>Ja sie – sie! Sie war die Gesundheit, sie war die +Kraft. Sie war die Jugend, sie war die Schönheit. Die +Liebe, das Glück.</p> + +<p>In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, +Wunsch und Wille sich untrennbar rasch vermählen +zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht des Verantwortlichen, +der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all diesen +großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam +ihm gar nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen +wollte, vielleicht zum Unheil anderer Menschen.</p> + +<p>Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie +ist zur Retterin meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin +meines Lebenswerkes. – In ihr kommt ihre Mutter zurück +und will durch sie erfüllen, was uns versagt bleiben mußte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden +war, setzte er die Klingel in Bewegung, mit +einem so heftigen Druck, daß das schrille Geläute drüben +im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem atemlos +herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den +jungen Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun +Uhr kommt aber Sylvester und malträtiert mich – also +bitte noch vorher.«</p> + +<p>»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte +eine Bitte überbringen und hatte doch einen Befehl gehört, +hinter dem sich das Donnergrollen fürchterlichen Unwetters +barg, falls der Befehl nicht augenblicklich befolgt +werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? +Der auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes +»So–o?« als Antwort hatte.</p> + +<p>Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche +und Bedrohliche des Auftrages fühlbar zu machen. Denn +einige Minuten später trat Wynfried Severin Lohmann +bei seinem Vater ein.</p> + +<p>Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den +Riesenwuchs des Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten +Schädel bedeckte hüsches welliges Blondhaar. Vielleicht +hatten es zarte Frauenfinger so oft gestreichelt, daß davon +eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden war. Das +Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig +– sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön +geschwungenen Brauen standen, blickten leer in die Welt – +ob aus Müdigkeit oder Gleichgültigkeit, wer konnte das +sagen.</p> + +<p>Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, – +eine Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden +doch nicht entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe +etwas abgestumpfte Nase, das gleiche Wangenprofil, und +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht hineinsah, konnte +darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken, leidvoller +Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten +Mundwinkel ein wenig verzerrte. –</p> + +<p>Er war im Morgenanzug – das gesteppte lila Seidenjackett, +das weiß und lila gestreifte Seidenhemd kleideten +ihn sehr gut, gaben seiner Erscheinung aber doch einen +verzärtelten Charakter.</p> + +<p>»Guten Morgen, Vater – verzeih, daß ich so komme – +aber es schien eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?«</p> + +<p>»Mag nicht gefragt sein, hab’ mich auch alle die Monate, +seit dem Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er +mürrisch.</p> + +<p>Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht +kam – mit Extrazügen hätte er hereilen müssen. Aber +da gerade fing er ja an zu zittern, daß seine Geliebte ihn +verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das +hatte ihn in Paris, oder wo er grad’ gewesen war, mit +eisernen Zangen festgehalten.</p> + +<p>Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken – +neu anfangen.</p> + +<p>Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen +war: »hast du gut geschlafen?« Als werde sie an +einen Fremden gerichtet, ohne daß einen die Antwort im +mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch den kostbaren +Morgenanzug des Sohnes.</p> + +<p>»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. +Wenn du Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend +keine, denk’ ich: na ja, du bist der Sohn eines Millionärs, +und ich war der eines hart kämpfenden Anfängers. Und +wenn du dich morgens fast wie’n Frauenzimmer in seidene +Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>gehabt habe, denk’ ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. +Aber so mal ganz unbefangen: die Schulden +stoßen mir weniger vor’n Kopf als dieses lila seidene +Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld +nicht abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. +Aber daß mein Sohn sich mal so von mir weg entwickeln +würde, daß er weibisch tut, das ist mir was Fremdartiges. +Nun – Randglosse. Überhör sie, wenn du willst. +Und nu setz dich mal da ...«</p> + +<p>Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der +auf der Grenze zwischen Erker und Zimmer, gegen die +Mauerecke geschoben, für die Besucher des Geheimrats +dastand.</p> + +<p>»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, +was du mir zu sagen wünschest,« sprach der Sohn +höflich.</p> + +<p>Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. +Aber seine Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, +wie sie noch gestern gewesen war. Dieses furchtbar +grollende, schwere: »Was weißt <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?«, das +ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn +die ganze Nacht beschäftigt.</p> + +<p>»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, +weil wir planlos, ziellos drauflos redeten – wie man so +bei der ersten Gelegenheit zur Entladung tut – aber nie +tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber praktischer sein,« +begann der Vater.</p> + +<p>Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des +weiten Stuhls, hatte die Finger wagrecht ineinandergeschoben. +Dabei kam ein goldenes Kettenarmband zu Gesicht, +das sich um das linke Handgelenk schlang.</p> + +<p>»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. +»Und meine Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, +<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>daß ich bereit bin, sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu +bezahlen.«</p> + +<p>Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt +diesem Vorschlag den Faden der Weiterentwicklung ab.</p> + +<p>»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins +verdienen können. Die Zinsen deines Muttererbes reichen +zwar nicht halb für deine Bedürfnisse – falls du diese nicht +sehr einschränken willst. – Aber es ist ja nun mal dein einziges +Einkommen, das dich von mir unabhängig machen +könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung.</p> + +<p>War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene +Sinn so: mein Sohn soll sich nicht als mein Sklave +fühlen? Kaum erhoben sich diese Fragen in Wynfried, als +er auch schon den Vater weitersprechen hörte.</p> + +<p>»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht +berauben. Ich werde unserm Anwalt in Hamburg +schreiben – Koppen ist diskret und ein zuverlässiger Mann. +Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine Liste +deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich +mit ihm durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt +werden. Und Koppen soll mir Details ersparen ... du +verstehst ...«</p> + +<p>Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm +demütigend. Die Großmut des Vaters rührte ihn weniger, +als daß sie ihn beschämte. Zugleich erleichterte es ihn, daß +sein Vater sich das genaue Studium der Schulden und ihrer +Art ersparen wollte – nicht die Rechnungen von Juwelieren, +Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten +einsehen, nicht die Forderungen dunkler Geldmänner selbst +prüfen mochte.</p> + +<p>Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei +gütige Geduld sein eigentlichster Wesenszug ...</p> + +<p>Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese +<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>vornehme Milde ein Vorspiel, das ihn gefügig machen +solle ...</p> + +<p>Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.</p> + +<p>Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von +Freundschaft, von allem – allem. Ihm war es ganz +gleichgültig, was man von ihm fordern würde – er war +bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er +ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm +war vielleicht noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand +ihn schieben wolle. Aber Neugier, wohin er geschoben werden +solle, empfand er kaum.</p> + +<p>Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal +scherzend – er wußte jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, +daß in ihrem Ton Haß mitgeschwungen – sie sagte scherzend: +»Er fabriziert phosphorfreies Roheisen – davon ist +seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er +zugleich wieder dies düstere: »Was weißt <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?« +Es schien, als wolle ihn dies Wort verfolgen.</p> + +<p>Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, +durchdringenden Blick, der unter den buschigen Brauen +her aus diesen gewaltigen Augen kam – als Kind hatte +er sich vor den Augen gefürchtet ...</p> + +<p>Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts +vor diesem Überragenden.</p> + +<p>Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das +wieder die Furcht wie in Kindertagen? Nein, ein neues, +unerklärliches Gefühl – wie ein leise aufzuckendes Elend – +darüber, daß er ein Nichts sei – sich jäh als solches fühlte – +zum erstenmal.</p> + +<p>Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen +stand zwischen Vater und Sohn.</p> + +<p>Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>»Ich danke dir für deine Großmut.«</p> + +<p>»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« +fragte der Geheimrat.</p> + +<p>Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. +Vielleicht eine Reise um die Welt. Oder einen größeren +Jagdausflug nach Südamerika. Oder ein stumpfes Vegetieren +in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen +Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.</p> + +<p>»Nein!«</p> + +<p>»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest +an das einzige denken, was einem Mannesleben rechten +Inhalt gibt: an Arbeit.«</p> + +<p>»Aber ich habe doch ...«</p> + +<p>»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen +Dingen mehr ausgefüllt gewesen als von gründlicher +Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder bezahlte +Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das +Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. +Eine große Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen +warten auf dich. Noch bin ich da, und +mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu behaupten ...«</p> + +<p>Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, +welch ein wunderbarer Ausdruck über dieses Antlitz flog +– es schien nicht mehr das eines gewöhnlichen Sterblichen +– monumentale Größe war darin – Kraft von +übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein +Vater selbst dem Tode trotzen, wenn er wolle ...</p> + +<p>Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: +»Aber du bist doch einmal mein Nachfolger – du mußt +dich darauf vorbereiten – dich einarbeiten. Ich werde +es schon verstehen, dir, trotz deiner vorausgesetzten Unzulänglichkeit, +bei den Abteilungsvorständen die rechte +Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst. +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine +Sache sein, und ist die allerwichtigste für dich. Dieser +Mann ist mein bedeutendster Mitarbeiter – geschäftlich +mein anderes Ich – trotz der völlig verschiedenen Individualität. +Ich verdanke ihm viel – er mir auch – +Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das +nicht mehr auseinander zu sondernde Bindemittel. Du +wirst noch viele Jahre nichts sein ohne ihn – du hast +schon aus allem herausgehört: es ist mein Wunsch, daß +du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist +du einverstanden?«</p> + +<p>»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos.</p> + +<p>Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, +diese erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ +in dem Vater eine Furcht aufblitzen ...</p> + +<p>Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener +Frau fertig war? Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas +wie Gefangenschaft bedeutete, die ihn von ihr absperrte?</p> + +<p>»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, +wie ich dich – gestehst du mir das zu?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher +dacht’ ich, wenn ich so von ewig wechselnden Liebschaften +hörte: wenn er doch mal <em class="gesperrt">eine</em> fände, die ihm das Sichverzetteln +abgewöhnt. Na – der Wunsch wurde mir +erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht – +man bekreuzigt sich, daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! +Die eine hat dich ein Vermögen, Nerven, ein +paar schöne Jugendjahre gekostet – und mich – mich +hat sie auch was gekostet. Glaub nur – es war ein +harter Augenblick, als man mir dein Telegramm gab – +›Unabkömmlich – hoffe auf deine rasche Genesung‹– +Unabkömmlich! – Wenn der Tod an des Vaters Lager +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>steht! Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst +aus Eifersucht und Angst, eine – <em class="gesperrt">Dirne</em> zu verlieren ...«</p> + +<p>Die Faust ballte sich – die Worte waren schwer von +Schmerz.</p> + +<p>»Verzeih – ich war von Sinnen,« sagte der Sohn +mit schwacher Stimme.</p> + +<p>»Und endlich mußtest du <em class="gesperrt">doch</em> begreifen! Grad +saßest du auch so fest in Schulden, daß nichts mehr blieb +als die Flucht zu mir. Da verließ dich die edle Dame – +weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, +der ihr standesamtlich ’ne Neunzackige aufsetzen wollte. +Aber nu sage mal, Wynfried – so Mann den Mann +gefragt: bist du kuriert von der Leidenschaft? Liebst du +das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre. Wie +ist es mit deinem Herzen bestellt?«</p> + +<p>»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien +in seinem Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen +durch solche Erfahrungen. Ich verachte diese +Frau und alle Frauen.«</p> + +<p>»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, +tiefsinnig und fast zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es +gibt noch edle Frauen. Und ein Herz ist gottlob wie die +Natur: es blüht wieder auf –«</p> + +<p>Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.</p> + +<p>Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas +nie Geahntes bei seinem Vater. Woher kamen sie? Waren +sie früher nur tiefer verborgen gewesen? Oder hatte die +Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen +Tod ihn verändert?</p> + +<p>»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen +Sessel heraus, wo er sich so oft als Prometheus +fühlte, »kurz und gut: ich denke, du heiratest. Ein liebes +edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt geben. +<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. – +Die scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. – +Nur durch eine Frau kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht +kommen. Du bist nun mal aufs Weib gestellt. – +Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut abnimmst.«</p> + +<p>»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe +sein Vorschlag lange Verhandlungen über die Werte des +Familienlebens ab. Und doch fiel das seinem Sohn sozusagen +auf den Kopf. –</p> + +<p>Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln +losch gleich hin. Er begriff auf der Stelle, daß es seines +Vaters fester Wille war.</p> + +<p>Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam +ihm wieder. Zugleich das dunkle noch andrängende, rasch +aber klarer werdende Erkennen, daß vielleicht in diesem +entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens Gehorsam +das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen +des Vaters zu erringen – das Verlangen danach wallte +in ihm auf – zum erstenmal, seit er denken konnte.</p> + +<p>»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. +Er dachte es ohne heftige Abwehr. Nur in einer matten +Regung des Eigenwillens. Er fühlte sich zu zerbrochen +zum Kampf.</p> + +<p>Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der +Sklave eines Weibes gewesen. Sie hatte ihn verraten +und verlassen. Der Rest war Widerwillen gegen Welt +und Weib.</p> + +<p>»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. +Irgend etwas wollte er doch auf seinen Vorschlag hören.</p> + +<p>»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« +sagte Wynfried ausweichend.</p> + +<p>»Ah – ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen +zu werden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war +wund. Sein Vater, in der Naivität, die geniale Menschen +haben können, wenn es sich um ihre heimlichen Poesien +und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen, daß +er vielleicht unzart vorgehe ...</p> + +<p>»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich – +nur um den Vater nicht zu reizen.</p> + +<p>»Klara Hildebrandt.«</p> + +<p>»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor – +der sich erschoß – wegen verfehlter und verbotener Spekulationen +– du hast dich des Kindes angenommen – +die –?«</p> + +<p>»Ja – die.«</p> + +<p>»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und +seiner ganz kleinen Tochter ankam. – Es gibt so Dinge +– man behält sie, obschon sie eigentlich nebensächlich sind +und nichts mit einem selbst zu tun haben – aber zeitlich +mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig +war. – Ja, ich weiß noch – Mama bestimmte die Bepflanzung +der Anlage, deren Erdarbeiten gerade fertig +geworden waren – ich hatte so viel Kummer davon gehabt, +weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und +nicht durfte. – Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, +weil der Weg versperrt war – und Mama sagte +gleich, daß sie sie nicht leiden möge. – Die Frau war +sehr schön – ich begriff damals nicht und auch in den folgenden +Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und +so ganz anders vorkam. – Jetzt weiß ich: sie hatte wohl +einen seltenen Zauber reiner Weiblichkeit – wenn ich +mich recht erinnere ...«</p> + +<p>»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann +langsam, »in ihr waren Schönheiten ... ein Wunder war +sie ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht +darauf.</p> + +<p>Sein Sohn sah ihn an – ihre Blicke begegneten sich, +ruhten lange ineinander. Und wieder war dem Sohn, +als höre er den Vater sagen: »Was weißt <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>!«</p> + +<p>Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut +alles vertuschte, was dem ungetreuen Beamten noch im +Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen können ... +Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach +hinstarb – wie er für das Kind gesorgt. –</p> + +<p>Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn –</p> + +<p>Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der +Reinheit für sich und eine Tote, hoch und frei sein Haupt +erhob ...</p> + +<p>Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, +hinter denen unantastbare Heiligtümer verschlossen +gehalten würden ...</p> + +<p>»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht +mehr gesehen,« sprach er langsam.</p> + +<p>Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. – Obgleich +Wynfried wußte, der junge Doktor Sylvester werde jeden +Augenblick erwartet, um die Behandlung mit Massage und +Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal vorgenommen +wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer +seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte +auch einen festen Druck der Hand – war das Versöhnung? +eine stumme Überredung? ein neues Bündnis zwischen +zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren, +sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?</p> + +<p>Kannten sie sich denn jetzt?</p> + +<p>Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des +Vaters auch für sich in Anspruch nehmen und gegen ihn +kehren und auch fragen: »Was weißt <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst +von mir? Und das elende Gefühl der Lebensleere, der +Nichtigkeit kam abermals über ihn.</p> + +<p>Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein +Bett.</p> + +<p>Er starrte ins Unbestimmte.</p> + +<p>»Eine Kugel durch den Kopf – das wäre das richtigste ...«</p> + +<p>Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm +war, als sähe er seines Vaters Angesicht. – Er hatte eine +Vision. – Sein Vater stand an seiner Leiche, aber der +alte Mann weinte nicht – Verachtung war in seinen +Zügen, die furchtbar schienen.</p> + +<p>Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum +Leben zurück – das fühlte er.</p> + +<p>Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten?</p> + +<p>Ah – gleichviel unter welchen – wenn sie ihm nur +Inhalt für sein Dasein vortäuschten.</p> + +<p>Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was +sein Vater verachten würde.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_2" id="Kapitel_2"></a>2</h2> + + +<p><span class="dropcap">N</span>un war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein +Herr sich nicht in der beruhigten Stimmung befand, wie +sonst, wenn Fräulein Hildebrandt erwartet wurde.</p> + +<p>Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den +Teetisch. Sonst paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch +schöne Blumen aus den Treibhäusern heraufgeholt worden +waren, denn die Blumen durfte Fräulein Hildebrandt +nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller +mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen +vorhanden seien, die Fräulein Hildebrandt gern +zu essen scheine. Leupold machte sich manchmal Gedanken +über das starke Interesse seines Herrn an Klara Hildebrandt. +Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon +ihre zweijährige Tochter mitgebracht – wenn also böswillige +Menschen davon munkelten, Klara solle die natürliche +Tochter des Geheimrats sein, so war das nur böswilliger +Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr +umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg +zu seiner Frau gemacht? Vor einem Jahr noch war +der Geheimrat eine wunderbare, stattliche, fürstliche Erscheinung, +und es wäre doch nicht das erste Mal gewesen, +daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen +machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame +zu heiraten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit +dem bestimmten Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war +natürlich mit solcher Klugheit sehr zufrieden, denn er sah, +ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen Herrn einfach als +sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in +den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn +unentbehrlich, und das wollte er bleiben. Diese Empfindung +war sein eigentlicher Lebensinhalt.</p> + +<p>Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, +sah kaum die Rosen an, die Leupold vorwies, und wehrte +unwillig ab, als der Kuchenteller zur Begutachtung gezeigt +wurde.</p> + +<p>»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben +seines Herrn lag so durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß +er sich trotz aller ihm wirklich eigenen Diskretion nicht +enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er gelegentlich +an einer Stimmung nicht verstehen konnte.</p> + +<p>Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien +besonders rätselhaft.</p> + +<p>Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, +daß sie ihm wie zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine +Intelligenz, seine Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl +versuchten sich an diesen schweren Dingen. Aber ihnen war +nicht beizukommen.</p> + +<p>Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine +Antwort wußte auf die Frage: Wie fang’ ich das an?</p> + +<p>Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach +Hamburg gereist und hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen +alle diese trüben Finanzangelegenheiten durchgesprochen. +Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen +alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben +würde, einen Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen +Zahl auszuschreiben. Heute mittag war er schon wieder +<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>zurückgekommen. Der Vater mochte keinen Zeugen beim +Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer +Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder +für sich. Wynfried unten im Speisesaal voll schön stilisiertem +Prunk. Der Geheimrat in seinem Sessel, der seine +Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der Begrüßung +erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines +Sohnes noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. +Die gleiche vornehme Apathie, die so empörend auf den +kraftvollen Riesen wirkte, der sich noch wie ein Koloß an +Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung, gegen +diesen gleichgültigen jungen Mann ...</p> + +<p>Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung +»bitten« hieß, in der Tat aber einfach immer wie ein +Kommando klang, daß Wynfried doch um fünf Uhr zum +Tee heraufkommen möge.</p> + +<p>»Dann kann ich dich ihr vorstellen.«</p> + +<p>Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt +gemeint sei. Er verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. +Seine Gedanken verschwieg er. Sie lauteten +ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem +ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung +kommt. »Sie« – seine Genossen der letzten tollen +Lebemannsjahre, all diese jungen Männer, die in ihren +Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen – und andere +»Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit +schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten +und anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen – – +Ja, all diese würden sich totlachen und es sich zuschreien: +Wißt ihr, Winni hat man zum Standesamt geschleppt ... +Aber es war egal, was diese spotteten – alles war egal –</p> + +<p>Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der +Umrahmung der gelbgrauen Lederlehne, und versuchte +<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>vergebens die Frage vom Fleck zu wälzen: Wie fang’ ich +das an?</p> + +<p>Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein +konnte und daß dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten +würde.</p> + +<p>Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten +auf seinen Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, +daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit neu erwachendem +männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen +zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu +offenem Wort das feine herbe Kind kopfscheu machen +würde, wie ein scheues Wild von einem ungewohnten Laut +vergrämt wird? – War es klüger, zu schweigen oder zu +reden? den Dingen ihren Lauf lassen?</p> + +<p>Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, +den Lauf der Dinge abzuwarten? Wußte er so gewiß, +daß sein Wille zum Leben siegreicher war als der Dunkle, +der neben ihm lauerte?</p> + +<p>Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen +Unlust wohl der Mann, dem ein Mädchenherz schnell zufliegen +konnte?</p> + +<p>Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: +Sie wird es meinetwegen tun ...</p> + +<p>Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. – Es +sollte doch für sie kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, +Reichtum, Achtung, Zuneigung finden, und damit +das Glück ...</p> + +<p>»Wie fang’ ich es an?«</p> + +<p>Er fand keine Antwort.</p> + +<p>Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen +und starken Händen lenkte, sich zunächst von ihnen +lenken zu lassen. Er wollte abwarten, wie weit Gespräch +und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für die Gunst +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu +gehen.</p> + +<p>Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur +Ruhe. Wunderbar wohl und frisch war ihm zumut, so +daß es ihm selbst erstaunlich schien – bei seinem Zustand!</p> + +<p>Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für +ihn etwas Pastorales. Früher war er nie dazu gekommen, +ihn überhaupt zu bemerken.</p> + +<p>Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von +pastoralem Frieden keine Rede sein konnte. Düsteres +Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den bläulichen +Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der +Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer, +umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen +dem Gerippe der Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, +und die dumpfe Musik von tausend fallenden, zischenden +und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft.</p> + +<p>Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen +Wechsels der Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei +hatte, gab sich der Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf +der Landstraße gingen saubere und geputzte Menschen +vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach +Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen +gab.</p> + +<p>Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, +und der Fluß glitzerte. Er war belebt von Booten, und +weiße Segel wurden vom Winde träge gebläht. Am Himmel +zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und schoben +sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile +dunkel fleckend.</p> + +<p>Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum +des ersten Stockwerkes. Das breite Fenster und +der große Erker sahen gegen Osten, auf die Anlagen, das +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die drüben +hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom +Erker hatte man auch den Blick auf das Werk.</p> + +<p>Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den +Raum zu gewöhnen. Quälende Erinnerungen hingen +daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau gewesen. +Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man +es wohl oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten +müssen, seit seine Lähmung ihn hinderte, die Treppen +hinabzukommen. Aber er freute sich doch auf die nächste +Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für seinen +Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen +Stuhl hinab in das Erdgeschoß und zugleich in den Park +befördern sollte. Diese Aussicht erschien ihm wie das Ende +einer Gefangenschaft, und bald vielleicht, bald konnte er +sich hinüberfahren lassen aufs Werk – und bald vielleicht +auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen +– wirklich zu blühen ...</p> + +<p>O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand +wieder jenen wunderbar trotzigen Willen zum Leben.</p> + +<p>Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das +Leben als etwas Selbstverständliches hingenommen. Nun +war in ihm ein förmlich künstlerisches Verständnis erwacht +für das Wunder, das man Leben nennt. Und er wußte, +wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß.</p> + +<p>Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So +war es seine Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, +wie man eben Spieler entmündigen muß. Denn sie sind +die Schädlinge, in deren Händen alles zerrinnt. Wohlstand, +Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie +spielen – welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, +Weiber, Pferde – im letzten Grunde ist es immer Spiel +mit dem Höchsten, was man hat: dem Leben selbst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein +ganzes Dasein hindurch ein Arbeitender gewesen.</p> + +<p>Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher +Zärtlichkeit sein Herz gehängt hatte.</p> + +<p>Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon +erschien sie in der Tür und eilte mit raschen Schritten auf den +Stuhl zu, aus dem sich ihr weit eine Rechte entgegenstreckte.</p> + +<p>»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu +von der Ähnlichkeit ergriffen.</p> + +<p>Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, +jede Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. – Er +besaß kein Bild von der längst Dahingeschiedenen. Seine +Erinnerung, seine Phantasie waren vielleicht die unzuverlässigsten +Maler. Wer wollte entscheiden.</p> + +<p>Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr +sagte, sie gleiche der Mutter. Denn verwaiste Töchter +kennen kein schöneres Ideal als die Gestalt einer ihnen +früh geraubten Mutter.</p> + +<p>Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das +braune, reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen +und in den feinen Zügen den etwas herben Mund. Ihre +dunklen Brauen zeigten eine auffallend gerade Linie; dies +vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der klassischen +Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes +Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen +schien. Weil es Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche +dunkle Kleid abgelegt, und sie trug zu einer +weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke waren +unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr +mochte nicht haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich +wieder fort muß.</p> + +<p>»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues +erzählen: mein Sohn ist wieder da!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, +»der junge Herr Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, +kurz vor Tisch.«</p> + +<p>»Hätt’ ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht +ist der reinste Spion, und wenn wir sie auch die Lamprächtige +getauft haben – ’ne kleine alte Klatschbase bleibt +sie doch.«</p> + +<p>»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte +Klara und zuckte entschuldigend die Achseln ... »Sie +meint es doch rührend mit mir.«</p> + +<p>»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.«</p> + +<p>Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee +in die Tassen und sprach unbefangen weiter: »Schön für +Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn hier haben. – Er +war so lange nicht zu Haus.«</p> + +<p>»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten +Dinge, die ihn so lange fernhielten. – Liebe Klara – in +der Welt draußen haben sie meinen Einzigen tüchtig zerzaust. +Er bedarf der Ruhe. – Er muß sich besinnen, +daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so +gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er’s besser +als hier. Arbeit und Familie – das ist die Gesundheit.«</p> + +<p>»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, +mit diesem Vater zusammen ein Familienleben zu führen; +zu solchen Aufgaben berufen zu sein ...«</p> + +<p>Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, +und fast ohne Tradition – ich denke es mir herrlich, einem +so festgegründeten Haus anzugehören. – So ein Haus +bekommt Geschichte. – Wie Sie die Gründung Ihres +Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies +hinein.«</p> + +<p>»Wer weiß – wenn sein persönliches Geschick die glückliche +Wendung nimmt, die ich erhoffe – dann gewiß! +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>Er müßte ja auch zu sehr aus der Art geschlagen sein, +wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme – wo so das Herzblut +und der Angstschweiß von Vater und Großvater +daranhängt. – Ein wenig müßt’ ihm doch der Mut des +Großvaters und die Zähigkeit des Vaters imponieren. – +Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! +Welche Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie – +denn wissen Sie, liebes Kind, man denkt immer: die ist +ein Göttergeschenk des Künstlers – seins allein! Kein +Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was +sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große +Möglichkeit, das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. +Kein Politiker, kein Industrieller, kein großer Handelsherr +ohne Phantasie. Hätte Bismarck keine Phantasie +gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden! +Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, +besaß einen ganzen Posten davon – mehr als Geld – +das weiß Gott. Aber er besaß die Wunderkraft der Menschen, +die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er diese +fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen +Stolz gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern +noch über, denke ich oft. Und er erkannte: Industrie, große +Industrie muß sein – sie allein kann dem alten Stadtstaat +wieder Blüte bringen – und dies Landgebiet, das +sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. – +Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien +fast unglaublich. Die Menschen, die was davon verstanden, +die sagten: eines muß doch von Natur aus da sein: Erz +oder Kohle – aber beides heranschaffen – das macht ja +die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete +vor: wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch +große Kosten verursache, dafür habe man den billigen +Wasserweg für das fertige Produkt und die Zufuhr von +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke +auch auf weiten Transportwegen heranbringen lassen +müssen. Mit was für Engelszungen muß er geredet haben! +Wer widerwillige Scheckbücher zum Aufblättern bringt – +na, der muß schon was Suggestives an sich haben.«</p> + +<p>Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches +Interesse an allem, was sein Werk und sein Leben und +sein Haus betraf.</p> + +<p>»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing +– er selbst verstand auch nichts von Hüttenchemie – +kann sein, daß er nicht von vorn an die rechten Leute +neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen – ein +Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs +neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! +Und die Ehrenhaftigkeit meines Vaters, an dem die verzweifelte +Angst zehrte, fremdes Geld könne durch ihn +verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit +aufgerieben. – Als Junge von vierzehn mußte ich schon +hinaus – lernen – lernen. – Wenn man so im Sorgendunkel +aufwächst, sieht man scharf ins Helle hinaus. – Und +ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne +zusammen und schwor mir: ich mach’s! Als der Vater +starb, war ich ein Jüngling von zwanzig und beim Grafen +Stürkgen in Schlesien in Stellung – zwanzig Jahre, +und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das teilweise +falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit +krankte – gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein +große Dimensionen.</p> + +<p>»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu +mir. Er gab mir seinen Direktor mit – einen Mann von +kolossalem Wissen und Können. – Der sah sich alles an, +prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf den Bericht +hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Die ersten sieben forderten was ... Dann sah +man: es kommt! Im zehnten hatt’ ich den Sieg! Und +vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als Mitarbeiter. +Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer Nebenproduktionen, +die unsere Erträge fast verdoppelten ...«</p> + +<p>Er verlor sich in Nachdenken.</p> + +<p>Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren.</p> + +<p>Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller +Stolz kann den Sieger nicht vergessen machen, was der +Kampf ihn gekostet.</p> + +<p>»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« +sprach er dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die +hier zum Anpacken nötig waren. Eins war bitter ... +Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus ›Severin +Lohmann‹ zu werden begann. Er war keiner von den +verblendeten Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. +Er schickte mich ja gerade so früh hinaus, weil er mich als +Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch immer dankbar, +daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht +nach einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen +Gott taufte, was ihm vielleicht nicht ganz fern +gelegen hätte. Na, nun sind Werk und Mann eins – +auch dem Namen nach – und daß mein Junge den sentimentalen +Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen +muß, das war eines von den Ärgernissen, in deren Erfindung +meine Frau groß gewesen ist.«</p> + +<p>»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die +ungefähre Geschichte von Severin Lohmann,« sagte Klara. +»Aber wenn ich so bedenke, wie über alles Maß anderer +Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer +rätselhafter, daß ...«</p> + +<p>»Daß was, liebes Kind?«</p> + +<p>Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>Bat um eine offene Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden +Blicke.</p> + +<p>»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel +Güte für mich hatten und haben. Darüber habe ich oft +nachgedacht. Zahllose drängen sich an Sie mit Bitten +um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg +und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, +daß Sie alle mit Geld gestützt haben, solange es Ihnen +nötig schien. Keiner Waise haben Sie sich angenommen +wie meiner.«</p> + +<p>»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, +mich das zu fragen?« antwortete er ausweichend und sehr +beunruhigt.</p> + +<p>Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren +Händen, die Linke, lag auf der Lehne seines Stuhles. +Er schaute unwillkürlich auf diese Hand, die so sehr den +edlen beredten Händen der geliebten Toten glich.</p> + +<p>»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin +Lamprecht zu Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, +zu Neujahr, zu Ihrem Geburtstag, da war ich ein +etwas furchtsames Kind – es ist so natürlich, sich vor +Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, – »ich wäre bereit +gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so +geradewegs dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann +kam ich ja zwei Jahre nach Hamburg in Pension und machte +mein Examen. Und nachher war ich wohl couragierter +und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde +Sie sprachen. – Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht +über mich – aber Ihre Stimme ist ganz anders, wenn +Sie zu mir sprechen, als zu andern Leuten.«</p> + +<p>Er sah sie tief an – und mit einem so rätselhaften +Ausdruck, daß es sie etwas befangen machte.</p> + +<p>Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>auch dann hatte ich keine Gelegenheit, recht mit Ihnen +zu sprechen. Wie wäre mir das zugekommen, Ihre Zeit +mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum +daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch +erfüllten und mich hier an der Schule anstellten.«</p> + +<p>»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache +heraus?«</p> + +<p>»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, +was freilich alles nicht angenommen wurde – aber ich +darf doch jeden Sonntag kommen ...«</p> + +<p>»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer +die Zeit verbringen, die gesünder im Freien verbracht +würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie aber blieb +bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ...</p> + +<p>»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier +heimisch zu fühlen. – Ihre Güte erlaubte mir das, und +nun traue ich mich auch, zu sprechen. Bitte Herr Geheimrat, +ich hab’ manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen mein +Vater sehr wichtige Dienste geleistet?«</p> + +<p>Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er +nicht vorbereitet gewesen. – Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, +Schädigung und Selbstmord zu verzeihen gehabt! +– Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte manchmal +gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, +zu schweigen, nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst +etwas an triebhafter Geschwätzigkeit litt – aber so sind +Frauen: schwatzen und klatschen – und können dennoch +manchmal völlig schweigen – wo sie lieben und schonen +wollen ...</p> + +<p>Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal +die Wahrheit über ihren Vater erfahren? Lüge oder auch +nur Unwissenheit läßt sich nicht für immer aufrechterhalten. +Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg +<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine +böswillige Hand oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie +fällt dem Ahnungslosen vor die Füße.</p> + +<p>Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde +zu sagen: Dein Vater war ein Sünder, an allem, was er +besaß, an Weib, Kind und Amt ...</p> + +<p>Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.</p> + +<p>Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls +doch recht verändert hatte seit seinem Schlaganfall und +daß er nicht mehr in so eiserner Selbstbeherrschung seine +Nerven zu bezwingen vermochte wie früher. Seine Stirn +war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ...</p> + +<p>Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit +unwiderstehlicher Innigkeit um die Wahrheit baten.</p> + +<p>Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: +»Ihr Vater? O nein! Wichtige und treue Dienste? +O nein!«</p> + +<p>Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. +Seine Röte, – die heisere Stimme, wie Menschen sie +haben, die an ihren Worten würgen. – Das sehr starke +Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein +abgleitender Blick. – Dies Auge wich ihr aus? – Dies +gebieterische Herrenauge, das sonst andere bezwang – +was bedeutete das?</p> + +<p>Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem +Wunsch ablassen, zu wissen.</p> + +<p>»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam.</p> + +<p>Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an.</p> + +<p>»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter – ich habe – sie war +– – Liebes Kind! Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.«</p> + +<p>»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre +Farbe hatte sich verändert, ihr war, als wolle irgend +eine dunkle Angst über sie kommen – daß sie mit ihren +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und verschleiert +bliebe.</p> + +<p>Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren +Einfachheit und Gefaßtheit, die das junge Mädchen +ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir wußten es rasch – +wir waren füreinander bestimmt gewesen – sie mein +Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir +durften es uns kaum gestehen, die Hoffnungslosigkeit +war vom ersten Augenblick an mit uns. Meine Frau +hätte mich niemals freigegeben – nie – aus kleinlicher +Schadenfreude nicht. – Unsere Lage war bitter – sie +war gefährlich – aber in unserem Schicksal hatten wir +einen wunderbaren Schutz ...«</p> + +<p>Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: +»Die <em class="gesperrt">Würde</em> deiner Mutter ...«</p> + +<p>Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang +sie – und sie küßte seine Hand. Er entzog sie ihr und legte +sie auf ihren Scheitel. Unter ihrem schweren Druck richtete +sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und ihm zu. Sie sah +ihn mit grenzenloser Verehrung an.</p> + +<p>»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest +es!« sprach er.</p> + +<p>Sie lächelte mit Tränen in den Augen.</p> + +<p>Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.</p> + +<p>»Es war immer schon, als wär’ ich’s, wie ein Vater +haben Sie an mir gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei +ich Ihnen noch näher gekommen ...«</p> + +<p>Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen +mögen – von ihrer Mutter – vom Herzeleid dieser beiden +ihr heiligen Menschen – von der Frau, die zwischen dem +Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr +eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden +haben – was war es mit ihm? Weshalb erwähnte der +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>alte Herr nur seine Frau, nicht aber den Gatten ihrer +Mutter?</p> + +<p>Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem +der Geheimrat gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? +O nein!«</p> + +<p>Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so +wegwerfend, wie sie der Sprecher selbst mit Vorsatz +gewiß nicht hatte verraten wollen.</p> + +<p>Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in +so starken Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors +Thürauf rühmte, über die ihres Vaters schweigend +hinwegging.</p> + +<p>Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ...</p> + +<p>»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie +war ein mündiger Mensch und brauchte in allen Dingen +ihres Innenlebens immer Klarheit.</p> + +<p>Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter +fragen dürfe – wenigstens nicht in diesem Augenblick. +Seine heiße Röte vorhin, das Zittern seiner Hand – das +hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch nicht aufregen.</p> + +<p>Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, +Leupold oder sonst irgend jemand kam, und das half +sofort, die Stimmung und das Gespräch in das Alltägliche +hinüberzubringen – wie es eben für den noch Schonungsbedürftigen +am besten war.</p> + +<p>Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da +herankam, das war Wynfried – der Sohn. Viele Jahre +hatte sie ihn nicht gesehen und kaum je wirklich mit ihm +gesprochen.</p> + +<p>»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen +vorstellen – Fräulein Klara Hildebrandt.«</p> + +<p>Klara reichte ihm freundlich die Hand.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier +sind.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch +auf gemeinsame Kindheitserinnerungen erheben darf,« +sagte er.</p> + +<p>»Aber nein – garnicht. Solche wollen wir nur nicht +konstruieren. Sie waren nicht nur durch die sechs oder +acht Jahre, die Sie mehr haben, von mir getrennt. Sie +waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer +oder Ihrer Mutter.«</p> + +<p>»Ja – ich durfte mich nie austoben. Mama war +so ängstlich mit mir – ich weiß noch: Damals erschien +es mir als das Herrlichste von der Welt, nur einmal eine +kolossale Prügelei haben zu dürfen.«</p> + +<p>»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer +gehabt,« dachte sie mitleidig, während er sprach. Welche +Sorge für den Vater – den einzigen Sohn so seltsam +förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht +hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, +hatte sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er +haben, sich besinnen. Und ihre natürliche Mädchenneugier +fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte ihn ihr +doch gleich interessant.</p> + +<p>»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater +besuchen und erheitern.«</p> + +<p>»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, +was ich bin, bin ich durch Ihres Vaters Güte. Aber ich +komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist mein Stolz und mein +Glück, daß ich kommen darf.«</p> + +<p>Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und +er nickte ihr zu.</p> + +<p>Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl – als sei er +hier zwei Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>um seines Vaters Wünsche? Unmöglich! Dann konnte +sie nicht so unbefangen sein.</p> + +<p>Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie +ihm gab, machten es ihm schwer, weiter mit ihr zu +sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön war und +denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre +Mutter ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder +leisen Bewegung, im Klang der sanften Stimme aus.</p> + +<p>Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung +von strengen Linien mit weicher Anmut war, +hatte ihn nie zu fesseln vermocht.</p> + +<p>Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven +auf Frauen eingestellt – die alte Gewohnheit, auf jede +einzugehen, ihr angenehm sein zu wollen, wurde unbewußt +wach in ihm. Dazu kam das neugierige Wissen, daß +dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte – +und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen +zu zeigen.</p> + +<p>Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber +an den Tisch, der neben dem Krankheitsthron stand.</p> + +<p>»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also +vorgesehen, daß Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee +gönnen sollen.«</p> + +<p>Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr +Vater jetzt auch Sie hat – überflüssig komme ich mir doch +nicht vor. Männer, die die ganze Woche von der Arbeit +zusammen sprechen, würden es auch noch Sonntagnachmittags +tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr +wenig davon versteht.«</p> + +<p>»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?«</p> + +<p>»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein +Hildebrandt erzählt,« warf der Geheimrat ein.</p> + +<p>Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>als wolle er sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin +seiner Angelegenheiten denken könne.</p> + +<p>»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges +Fräulein, die Kinder der Arbeiterschaft zu unterrichten?«</p> + +<p>»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine +Kräfte zu brauchen und mein Brot zu verdienen,« sprach +sie ruhig.</p> + +<p>»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die +Ihnen mehr Freude gebracht hätten? Etwa der Posten +einer Gesellschaftsdame in einem großen Hause, wo viele +Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt – +Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht +dergleichen verschaffen können.«</p> + +<p>Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort +– diese ganze Szene unterhielt ihn überhaupt +auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann der +ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder +vielmehr er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, +ob es geht mit den beiden!</p> + +<p>Klara schüttelte nur leise den Kopf.</p> + +<p>»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit +reichen meine Erinnerungen natürlich nicht zurück. So +ist es mir, als sei ich hier geboren. Hier bin ich aufgewachsen +– inmitten des Werks habe ich meine ersten Eindrücke +gehabt – später hab’ ich an seinen Grenzen gelebt, immer +in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand +und Inhalt hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, +verdanke ich Ihrem Vater, ihm meine Ausbildung und +daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und selbstverdientes +Brot essen kann. Nie hab’ ich etwas anderes im Gefühl +gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für +›Severin Lohmann‹ tätig sein müsse. Wie sollt’ ich’s? Als +Buchhalterin? Stenographin? So im Bureau sitzen? +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>Ach nein, das wäre nicht mein Fall gewesen – dabei +wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. +Ich mag erziehen – auf andere ein wenig wirken können, +Entwicklung zu sehen macht doch Freude. So drängte +es sich auf, daß ich Lehrerin werden mußte. Ich könnte +in der Stadt an der höheren Töchterschule unterrichten. +Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an ›Severin Lohmann‹. +Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, +kommt’s mir vor, als ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig +und sehr von fern für Ihren Vater und in seinem Sinn +arbeite. Konnte es wohl anders sein?«</p> + +<p>»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach +der Geheimrat. »Sie sind mit mir, mit uns, mit dem +Werk für immer verbunden ...«</p> + +<p>Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen.</p> + +<p>Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten +nach ... Er fühlte so beklemmend, daß er, der Sohn +und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier ferner +und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem +unlöslich verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, +daß seines Vaters Wunsch noch in anderen Dingen wurzelte +als in dem Verlangen, des Sohnes Leben in Ordnung +zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht +einst geliebten Frau zu versorgen ...</p> + +<p>Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, +zu warten, bis der alte Herr durch irgend ein Wort ihr das +Gefühl gab, sie dürfe gehen. Heute, wenn das mühsam +sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen wollte, +suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.</p> + +<p>Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß +seine Fragen sie nötigten, viel von sich zu sprechen. Von +ihren Jugendjahren bei der sehr zärtlichen, unentschlossenen, +umständlichen und zum Erziehen eigentlich gar nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch +eine treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge +und autoritativ sei, erzählte sie mit einem leisen Humor. +Von ihren durch ihren Beruf geregelten Tagen mußte sie +berichten, und von den bescheidenen kleinen Zerstreuungen. +Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel +und Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still +dabei mit einer Handarbeit und hatte ihre Gedanken +für sich. Es gab mal ein paar Vorträge im Winter, einen +Kasinoball und ein Sommerfest, die man mitmachte, +denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht +und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm +unterstützten Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für +die Damen den Beitrag. Und Klara sagte, es gebe da +immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als Volksschullehrerin +nicht recht unter die Honoratioren gehöre – und +man spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern +nur ein lustiges Pröbchen von Dummheit war.</p> + +<p>Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn +wie eine Legende anmutete. Das gab es? In solchen +Beschränkungen konnte ein weibliches Wesen es aushalten? +Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte er +durchaus.</p> + +<p>Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit +in der Begrenzung machte ihn betroffen.</p> + +<p>Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich +wohltuend und beruhigend?</p> + +<p>Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt – vielleicht +für immer. Seine Phantasie war ermattet, im +atemlosen Rausch immer neuer Vergnügungen an immer +wechselnden Schauplätzen.</p> + +<p>Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine +ersten Jünglings- und Mannesjahre vertan, und diesem +<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>Idyll. Ihm war, als sehe er vor seinem geistigen Auge +dicht neben einem glitzernden Durcheinander von Seidenglanz, +funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten +Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden +Federn ein stilles, grünes Stückchen Wald ...</p> + +<p>Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte +sich nicht, daß Schönheit und Jugend in Gefahr +war, unbemerkt zu verblühen, daß die Möglichkeit vorlag, +ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? – +Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune +sie immer gewesen war während der wenigen +Monate im Jahr, die sie neben der Arbeitsstätte ihres +Gatten verbringen mußte – wie sie floh, sobald sie konnte. +Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein +Opfer ...</p> + +<p>Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige +Stimmung war ihr wirklicher Seelenzustand! +So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte sich dennoch +gezwungen, zu glauben.</p> + +<p>Er wurde nach und nach sehr schweigsam.</p> + +<p>Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie +nicht unbescheiden lange? Warum gab der Geheimrat +nicht wie sonst ein Zeichen? Und die Doktorin Lamprecht, +die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit uhrenmäßiger +Pünktlichkeit heimkam ...</p> + +<p>Sie stand auf.</p> + +<p>»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich +sonst.«</p> + +<p>»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der +alte Herr.</p> + +<p>»O nein – danke sehr – nein –,« lehnte Klara ab.</p> + +<p>Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die +Ablehnung ergebend ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte +der alte Herr, ihre Hand in seiner Rechten haltend. +»Sie wissen, ich mag keinen Tischgenossen an meiner +Krankentafel – Wynfried muß unten allein essen – +kommen Sie doch diese nächsten Tage – bis er etwas +eingelebt ist – etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. +Ihr Weg führt Sie ja doch vorbei, Leupold soll eins von +den Fremdenzimmern für Sie als Tagesquartier einrichten. +Nachmittags bekomm’ ich dann auch mein Stündchen, +als wäre alle Tage Sonntag.«</p> + +<p>Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, +sie <em class="gesperrt">müsse</em> merken, was sein Vater wünsche ... Er +stellte auch fest, so gebieterisch sich auch noch die alte Wucht +und Größe seines Vaters aufzurecken vermochte, so +ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch +schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft +kindliche Züge zuweilen bemerkbar?</p> + +<p>Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich +in ihm regen. Aber er war ja eigentlich sicher, daß sie +beseligt zugreifen würde. Und er konnte dann bei diesen +Diners zu zweien (an was für andere Diners zu zweien +war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis) +weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche +Figur er künftig abgeben werde, als Gatte dieser offenbar +beinahe vollkommenen jungen Dame, die der Aufgabe, +ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs +wegen so gewachsen sein würde.</p> + +<p>Um seine Lippen zuckte es. Er <em class="gesperrt">wollte</em> spotten.</p> + +<p>Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit – so +überflüssig erschien er sich neben diesem Mädchen und seinem +Vater.</p> + +<p>Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, +doch vor allen Dingen verlegen, weil sich eine derartige +<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>Einrichtung, auch nur eine Woche lang, nicht mit ihren +Pflichten vereinbaren ließ.</p> + +<p>»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur +am Mittwoch,« sagte sie kurzweg.</p> + +<p>Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein +wenig triumphierend. Hatte er nicht prophezeit: du wirst +dich dazu halten müssen, angenommen zu werden.</p> + +<p>Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch +abzuräumen. Und Leupold konnte sich wieder Gedanken +machen, denn zwischen Vater und Sohn herrschte vollkommenes +Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche +wegen dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die +Geheimrätin hatte früher ihrer scharfen Rede Zügel +angelegt, während er die Schüsseln anbot. Und ungeachtet +seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der Geheimrat +bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, +daß sie dann stumm sich hinter zusammengekniffenen +Lippen zurückhielten.</p> + +<p>Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner +Gegenwart geschwiegen wurde, gab es Dinge von höchster +Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster Wichtigkeit. –</p> + +<p>Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter +ihm geschlossen hatte, um zu fragen: »Nun?«</p> + +<p>»Was – nun? Forderst du von mir, daß ich, nach +dem Zusammensein von einer Stunde, mich schon bereit +erkläre, das Mädchen zu heiraten?«</p> + +<p>»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den +Eindruck möchte ich wissen.«</p> + +<p>»Wohltuend – ganz und gar – ja. Aber ich muß sie +doch erst ein wenig näher kennen lernen – muß mich +erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so etwas wagen kann, +darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe – +wie sollt’ ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>werde mich nicht in sie verlieben. – Ich? – Nach allem: +nein! Und sie? Glaub mir, ich habe keinen Eindruck auf +sie gemacht.«</p> + +<p>»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater.</p> + +<p>»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte +an seine Mutter, die seinen Vater gehaßt hatte.</p> + +<p>»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« +sprach er weiter.</p> + +<p>Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen +ersten Worte, als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, +Ablehnung.</p> + +<p>»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt +und Richtung geben. Was solltest du sonst anfangen mit +deinem Leben?« fragte er schweren Tones – der grollte +gleichwie aufkochender Zorn.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. –</p> + +<p>Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße +dahin, auf die Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu +kommen. Aber sie konnte nicht ohne Aufenthalt vorwärts +kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die Kinder +drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus +die Anemonen schenken, deren Stengel in den kleinen +Fäusten schon warm geworden waren. Und die Mutter +erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur von +Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, +ob Artur und Lieschen auch artig seien.</p> + +<p>Sie hielt freundlich stand.</p> + +<p>Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie +dachte nicht mehr an Wynfried, der doch nun eine neue +Gestalt im hiesigen Leben war. Sie dachte nur an den +einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit +ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder +<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>Hand von ihrem Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste – +o nein!«</p> + +<p>An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie +noch warten, der Kahn kam erst vom anderen Ufer heran. +Vier, fünf junge Männer saßen auf der umlaufenden Bank. +Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder +ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf +die Filzränder der Hüte herab. Aber die jungen Männer +hatten sich doch den Frühling anheften wollen, wie ein +Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn und trieb +mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit +oberhalb des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der +sachtfließende schmale Strom drückte aber so sehr gegen +den Kahn, daß die endliche Landung genau an der Stufe +der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und Klara +stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den +hellen Hang zu, dessen weißsandige Wand von dem +roten Städtchen überkrönt war. Dies Hin und Her von +Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das +dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte +leise ... es war so viel Ruhe darin und ein wenig von +der Romantik alter Zeiten.</p> + +<p>Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, +um die Stimmung zu genießen. Ganz verworrene und +plötzlich beängstigend werdende Erinnerungen tauchten +auf – sahen nun, da sie vor dem Auge einer Gereiften +erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst +dem Kind dargestellt hatten. – Die Zehnjährige hatte +nur an einem Morgen voll unaussprechlicher Ängste erfahren, +daß ihr Vater über Nacht einem Herzschlag erlegen +sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der +stumme Jammer der Mutter – ein seltsames Hasten +und eine scheue Angst im Haus – dazwischen dann die +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Gestalt des Geheimrats – düster und beherrschend. – +Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen. +– Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen – +die Schrauben knirschten so – man hörte sie. – Die +Mutter bebte nebenan und preßte ihre Tochter heftig +an sich. – Damals dachte Klara, das sei immer so, wenn +ein Mensch sterbe – all diese Einzelheiten. – Heute +mit einem Male wußte sie: da war etwas zu verstecken +gewesen ...</p> + +<p>Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, +es ist, als griffe eine Hand nach einem und risse eine Binde +von unseren Augen.</p> + +<p>Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, +vom angstvollen Wahn sich sogleich heilen zu lassen +oder auch dem Traurigsten ins Gesicht zu sehen – so kam +sie in der kleinen Wohnung an ...</p> + +<p>Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am +Kirchplatz. Es hatte über dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, +und vom Ziegeldach sah noch ein Giebelfenster +hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der +Kirche umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann +von Likowski vermietet. Seine beiden Pferde hatte +er im Stalle auf dem Hofe, wo einst das Doktorwägelchen +stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause +hereingefahren.</p> + +<p>Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen +Behaglichkeit genug. Die Küche lag hinter der Treppe +mit den Fenstern nach dem Durchgang zum Stall. Seit +Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und +alsbald angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer +für sich. Damit war sie von ihrer Pflegmutter als selbständiger +Mensch anerkannt worden.</p> + +<p>Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche +<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>Besprechungen gekostet, bis ihre Sachen auf +den Boden gebracht wurden und dafür Klaras Einrichtung, +die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt +werden konnte.</p> + +<p>Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie +wußte es, daß sie den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. +Ganz vollständig war alles beisammen geblieben, so wie +es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen: der Sekretär, +der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa +und Stühle von dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen +Stoffen von dickem Seidendamast; die Bücher, die +Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt zwischen kleinen +Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von +Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu +tänzeln schien – der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher +den anmutigen Gedanken gehabt, daß demjenigen, für +den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt +geigen möge.</p> + +<p>Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen +ihre Mutter das heitere kleine Bilderwerk oberhalb +der Zeiger betrachtet haben möge.</p> + +<p>Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich +gewesen sei.</p> + +<p>Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden.</p> + +<p>Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht +hätte die alte Frau keinem Menschen geopfert, +und sie sagte, Klara wäre es ja doch einerlei, ob sie auf den +Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt lauerte +die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der +graue Kopf bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah +an das Glas hin, um die Stelle zu erspähen, wo die +Straße in den Platz einmündete und wo Klara zuerst +sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>so deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie +mit Unruhe erwartet wurde, und das erste Wort, das sie +hörte, war das erwartete: »Wo bleibst du, ich ängstigte +mich.«</p> + +<p>Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte +ihn auf den Nähtisch vor sich, was immer eine Art von +Zurüstung auf ein ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete.</p> + +<p>»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich +länger dazubehalten. Ich wußte nicht recht, was ich +sollte.«</p> + +<p>»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« +fragte sie in brennender Neugier.</p> + +<p>Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte +herum – auf sachten, aber sehr emsigen Füßen, von Haus +zu Haus. Und sie hatten ihren stillen bösen Gang begonnen +damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters erschien ...</p> + +<p>»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. +Sie wußte längst, daß Zurückhaltung gegenüber der +alten Frau geboten sei. Sie kannte es schon, welchen +Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete, +bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die +Vorgänge im Hause des Geheimrats unterrichtet war.</p> + +<p>Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen +eines anderen. Und die Fragen klangen auch noch minutenlang +durch das Zimmer. Wie sah er aus? Sehr verlebt? +Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben? +Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob +er gern hier sei?</p> + +<p>Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als +sie sagte, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei +ihr ganz natürlich und herzlich vorgekommen, war die +Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als ganz +<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>»wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges +kleines Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz +anderen Wichtigkeiten.</p> + +<p>»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues +Frühjahrskostüm an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann +das gut macht, all den Luxus. – Und denke dir, weißt du, +wen ich gesehen habe? Den neuen Oberleutnant, den +Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, +sag’ ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen +in den Stall. Als ich sie treppab kommen hörte, lief ich +in dein Zimmer und paßte hinter den Gardinen auf. +Er ist noch oben, gleich geht er – horch – wir wollen achtgeben, +du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...«</p> + +<p>Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den +Mullfalten der Vorhänge zu verbergen.</p> + +<p>Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen +Teilnehmen an den Gleichgültigkeiten rundum.</p> + +<p>Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu +freundlichem Eingehen, wenn auch mit noch so flüchtigem +Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt, sich davon ermattet +zu fühlen.</p> + +<p>»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« +sagte sie.</p> + +<p>Und plötzlich brach es aus ihr heraus.</p> + +<p>»Ich bitte dich – laß die fremden Leute – komm – +ich muß mit dir sprechen, dich etwas fragen –«</p> + +<p>Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie +vom Fenster fort.</p> + +<p>»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir +lebe, hast du es mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, +würdest du mich belügen, wenn ich dich etwas +fragte?«</p> + +<p>»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, +<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>daß Klara so starke Töne anschlug. – Sie war doch +fast nie zärtlich, und nie aufgeregt. Und brauchte nun gar +die scherzhafte Benennung, die der Geheimrat aufgebracht +hatte, in so leidenschaftlicher Weise.</p> + +<p>»Wie sollt’ ich dich wohl belügen wollen! Was ist +denn?«</p> + +<p>»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und +an was starb er in so frühen Jahren?«</p> + +<p>Wie strenge Klara aussah – die geraden Brauen +schoben sich näher zusammen, ihre Augen brannten.</p> + +<p>Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, +daß das arme Kind irgendwann einmal den alten +Geschichten nachfrage!</p> + +<p>Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine +gute Alte hatte wohl eine dumpfe Erkenntnis davon, daß +sie dem Mädchen nicht gewachsen war. In Klara war +irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann +war man ganz klein davor ...</p> + +<p>»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.«</p> + +<p>»Ah –« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst +bekam die alte Frau. – So drang schon diese Bewegung +auf sie ein ...</p> + +<p>»Ah – also es ist etwas zu verschweigen ...«</p> + +<p>»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte +sie. »Wäre das nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein +Versprechen bräche, das <em class="gesperrt">dem</em> Manne gegeben worden +war?«</p> + +<p>»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit +sagtest. Wenn du sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, +oder zum Standesamt, von Mann zu Mann, bis ich den +finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun völlig +außer sich.</p> + +<p>Also es gab Schmachvolles zu verbergen!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. +»Man flüsterte wohl damals ... Aber der Geheimrat +– du kennst ihn ja. – Er <em class="gesperrt">wollte</em> alles versteckt +lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was +es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles +zu vertuschen.«</p> + +<p>Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu +nennen, wurde für Klara zur Folter.</p> + +<p>»Sag doch endlich, was denn – was denn ...«</p> + +<p>»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe +läßt, und wenn du mir versprichst, mich nie zu verraten ...«</p> + +<p>»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest.</p> + +<p>Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit +anderer Leute bauen, nahm sie dies Versprechen für +einen Schwur.</p> + +<p>Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern +vielleicht wie erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens +abgezwungen wurde.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, +drei reich werden. Großes Gehalt, Tantieme. – Das +schaffte nicht genug, – woher ihm diese Gier nach Geld +kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin, und +habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er +seiner Frau wohl nicht. – Und er spekulierte. – Obwohl +sein Kontrakt es ihm verbot, machte er private Geschäfte, +waghalsige Sachen mit Tendenz sogar gegen des Geheimrats +Unternehmungen – oder unter Benutzung von ihm +bekannten Chancen, die ›Severin Lohmann‹ hätten zugute +kommen müssen. – Und so derlei. – Und dann kam ein +Tag, wo alles zusammenbrach. So was hat immer kurze +Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein +Lamprecht, der ja Arzt bei ›Severin Lohmann‹ und allen +Beamten war, aus dem Bett geholt, und es hieß, den +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Generaldirektor Hildebrandt hat der Schlag gerührt. – +Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart bewiesen. +– Sie ließ keinen von den Dienstboten in das +Zimmer, und mein Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod +hat böse Gründe. Er ging sofort zum Geheimrat. – Und +der nahm alles in seine Hand – die Hand kennen wir – +stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt +und auf Befehl vom Geheimrat mußte mein +Lamprecht dabei sein, wie der Deckel geschlossen wurde – +damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten, das dem +Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.«</p> + +<p>Klara stand regungslos.</p> + +<p>Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß +die Rede und trug weiter, und die alte Frau legte sich keine +Hemmung an.</p> + +<p>»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich +schweigen müßten, der Geheimrat habe es ihm befohlen – +später befahl er selbst es auch noch mir, als du zu mir +kamst. – Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte meinem +Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen +Pension gekostet – und dich hätte er mir nicht gelassen. – +Das Finanzielle nahm der Geheimrat alles in die Hand. +Es muß ihn ziemlich was gekostet haben. Und deine Mutter +bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für dich +sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte +immer: das sei alles wegen deiner Mutter – die hätte er +wie ’ne Heilige verehrt. Gerade so große Männer haben +ja manchmal irgend einen geheimen Idealismus – und +in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er hat zu +meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär’ ich ’n +rauher Autokrat geworden. – Ja Kind – nun weißt du +es! Aber – o Gott, wenn du mich an ihn verrätst!« +jammerte sie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, +»nimm das für einen Schwur.«</p> + +<p>Die alte Frau hörte die tonlosen Worte – aber zugleich +blitzte durch ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse +am Nebenmenschen.</p> + +<p>Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich +durch den Flur der Haustür nähern.</p> + +<p>Mechanisch – es trieb sie – war sie, husch, wieder am +Fenster.</p> + +<p>»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig.</p> + +<p>Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie +noch minutenlang ...</p> + +<p>Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof +mit dem zu hoch aufgeschossenen Lindenbaum und seiner +sperrigen Krone, darin der Abendschein Goldglanz entzündet +hatte, während unten der schwarze Stamm und +die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, +in melancholischem Schatten lagen ...</p> + +<p>Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende +Herrenaugen ...</p> + +<p>Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher – ihre +Augen blieben an der Uhr hängen – die gelbbronzene +kleine Pendelscheibe, eine starke Handbreit unter der größeren +gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und her und her und +hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor von +weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes +Liebeslied ...</p> + +<p>Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.</p> + +<p>Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen +und zerschlagen ...</p> + +<p>Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte – weinte.</p> + +<p>Was hatte er alles getan – für sie und ihre Mutter!</p> + +<p>Wie ihm jemals genug danken!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit +zu erkaufen!«</p> + +<p>Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich +das Schicksal nicht ein.</p> + +<p>Wie ihm jemals genug danken?</p> + +<p>Ein Leben reichte dazu nicht aus. – Mit welch heißer +Freude würde sie es für ihn hingeben.</p> + +<p>Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, +sich für ihn opfern zu dürfen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_3" id="Kapitel_3"></a>3</h2> + + +<p><span class="dropcap">E</span>s sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen +Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, +als sie wieder einmal von Kiel, Hamburg und Lübeck zur +Beratung und Kontrolle sich bei dem alten Herrn zusammenfanden. +Niemand schrieb die Fortschritte, die in +den letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein +der täglichen Behandlung des Doktors Sylvester zu, der +mit Massage und Elektrizität morgens und abends die +Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen suchte.</p> + +<p>Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr +des Sohnes und die Versöhnung mit ihm den Willen zum +Leben in dem alten Herrn neu geweckt habe. Daß zwischen +Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein +<em class="gesperrt">konnte</em>, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht +an das Krankenbett des Vaters kam.</p> + +<p>»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je +intelligenter, nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker +ist, desto weniger hängt, unter gewissen Umständen, seine +Genesung von der Wissenschaft, desto mehr aber von den +Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.«</p> + +<p>Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß +sich vielleicht noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken +Körperhälfte allmählich werde erzielen lassen; und mit der +Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und Stimmung des Patienten +<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>sich auffallend gebessert hatten. Leupold, dessen +Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, +konnte sagen, daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht +mehr in ungewöhnlicher Frühe herausklingle, sondern, +auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben liege. Und +das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig – das +war gewiß ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen +Lebensumstände, die mit der Uhr zusammenhängen, in +seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen Umwelt +war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. +Geduld kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. +Wie besänftigt mußten also sein Gemüt, wie angenehm +seine Gedanken sein, wenn er still wachend liegen mochte.</p> + +<p>»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« +dachte der Geheimrat spöttisch hinter ihnen her.</p> + +<p>In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein +Leben und sein Werk brächen zusammen. Nun blühten +neue Hoffnungen vor ihm auf.</p> + +<p>Wie einfach.</p> + +<p>Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja +immer etwas wunderbar Einfaches. –</p> + +<p>Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen +herab, kalt und trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte +sich das Dunstgewölk, und zerdrückte Rauchschlangen +schlichen sich, niedergepreßt von Wind und Regen, seitwärts +weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten +Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien +nieder, so daß es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe +vor dem Bilde. Das fernere Gelände verschwamm +im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei; seine +hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von +all der Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter +Lappen hinten am Heck. Er ließ aus seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton entweichen, +als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den weitausreichenden +Skelettarmen der eisernen Entladebrücken +ankerten. Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die +Luft schnitt, war der höfliche Gruß des Schweden an seine +Kameraden.</p> + +<p>Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte +die Stimmung des alten Herrn nicht in Unmut auflösen. +Dazu war sie zu fest von frohem Glauben getragen.</p> + +<p>Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte +er sich gut auf eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. +Dann lag das Papier glatt und fest vor ihm, und er konnte +es beschreiben. Denn so weit vermochte er die Linke noch +nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen niederzuhalten.</p> + +<p>Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und +beglückendsten Brief seines ganzen Lebens.</p> + +<p>An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:</p> + +<div class="blockquote"> +<p class="letterhead">»Mein teures Kind!</p> + +<p>Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit +gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte +wohl aus der Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie +die Frage bejahen, die mein Sohn heute nachmittag an +Sie richten wird. Er hat mir die Erlaubnis gegeben, Sie, +meine liebe Klara, darauf vorzubereiten, daß er zu Ihnen +kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist, brauchen Sie +nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also +darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.</p> + +<p>Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch +etwas zu sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie +vorzubereiten, der Grund, weshalb ich schreibe.</p> + +<p>Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Sie nicht bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! +Ganz gewiß erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für +mich eine große Freude sein würde, Sie als Tochter umarmen +zu können. Und Sie rufen sich vielleicht ins Gedächtnis +in dieser Stunde, daß ich es war, der die bitterste +Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter ablenken +durfte ...</p> + +<p>Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter +geliebt! Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine +nennen. Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen +wird, bleibt ihr nur eine Art von Linderung und Erlösung: +für den geliebten Menschen und das, was ihm teuer ist, +ein wenig sorgen zu dürfen. Das war das bescheidene +stille Glück, das ich mir gönnen konnte.</p> + +<p>Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann +verstehen Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!</p> + +<p>Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle +anderen Worte aus.</p> + +<p>Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh +war und voll Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, +daß er immer tief in seinem Gemüt einen großen +Schmerz, einen sehr glücklichen Schmerz mit sich herumtrug.</p> + +<p>Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden +– nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben</p> + +<p class="sigline1">Ihr väterlicher Freund</p> +<p class="signature">Severin Lohmann.«</p> +</div> + +<p>Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem +glücklichen Schmerz in die Feder kam, feuchtete sich sein +Auge.</p> + +<p>Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr +unser köstlicher Besitz als unser Glück?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde +nicht, daß Klara seinen Sohn mit Freuden annehmen +werde. Sie war seit jenem Sonntag so verändert! In +ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit – sie war wie von +zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den +Hörer wie Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art +von Demut und Hingebung – ihre Hand schien noch pflegsamer, +leiser geworden, und der gemessene Ernst, der ihr +schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich +einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich +verriet.</p> + +<p>Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen +gelernt hatte.</p> + +<p>Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen +Frauenkenner hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen +vermuten zu dürfen, daß es in aufwallendem +Gefühl dem Vater sich nähere, – weil es dem Sohn aus +holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche Glückseligkeit +dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit +darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden +sich finden würden.</p> + +<p>Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne +leicht!</p> + +<p>Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und +das zu verbergen, war seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit +und Offenheit sehr schwer gewesen, obschon er begriff, +daß seine Verachtung den Sohn vollends zerstören mußte.</p> + +<p>Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte +oder im Begriff war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch +Werte in seinem Sohn. –</p> + +<p>Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger.</p> + +<p>Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit +sei, um Klara zu werben, hielt er lange stumm die Hand +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>des Sohnes in der seinen. Wynfried sagte, daß der Wunsch +des Vaters und die Leere und Zwecklosigkeit seines Lebens +ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein Mädchen zu erwarten +pflege und die es verlangen könne, die könne er +nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.</p> + +<p>»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« +hatte der Vater geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist +es genug. Denn das weckt auch nach und nach die Liebe +des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das rührendste +verändert, seit du hier bist.«</p> + +<p>Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß +die Frauen ihn liebten. Aber er hatte keine, auch nicht die +leiseste Regung von Eitelkeit dabei, er stand so unberührbar +fern von diesen Dingen – sein Herz war tot.</p> + +<p>Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. +Leupold sollte ihn in das Schulhaus tragen, genau um +zwölf Uhr sollte er ihn, nach der letzten Unterrichtsstunde, +überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim – konnte +in Ruhe nachdenken – sich vielleicht, wenn sie wollte, mit +der Pflegemutter aussprechen – war gefaßt und klar in +ihrem Entschluß, wenn Wynfried um drei hinüberführe. +Wohldurchdacht war alles.</p> + +<p>Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch +nicht acht Schläge herklingen lassen. –</p> + +<p>Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ +erst gerade ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.</p> + +<p>Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war’s +ja draußen viel erträglicher, als es von drinnen schien. +Heute zeigte es sich umgekehrt. Die schönen Frühlingstage +hatten die Haut schon an Wärme und Sonne gewöhnt. +Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. +Der Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>angezogen. Auf dem braunen Haar saß eine Art Sportmütze +von pastellblauer Wolle. Und ihre Gestalt war ganz +und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft.</p> + +<p>Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern +standen; aller Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. +Die Blechrinnen, die am langen Dachsaum +des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren so +übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; +ihre Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus +Zink, spieen einen dicken Strahl von Wasser hinab. Es +rauschte und plätscherte überall. – Keine fröhliche Morgenfrühe. –</p> + +<p>Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit +einem Kameraden vor ihr herging – die Herren schienen +ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu nehmen. Sie +hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre +Mützen waren wie bestäubt von Regentropfen.</p> + +<p>Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch +mit ihr unter einem Dach. Und die engen Verhältnisse +sowie die übereifrige Dienstwilligkeit der alten Doktorin +Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß Likowski +oft im Erdgeschoß vorsprach.</p> + +<p>Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das +einfache, regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, +der sich für seine scharfe Arbeit frisch zu halten hat.</p> + +<p>Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in +seinem rötlichen Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart +aufgebürstet über einem Mund mit vorstrebenden Lippen +und entschlossenem Ausdruck. Auch seine hellblauen Augen +blickten unternehmend. Haltung und Miene eines künftigen +Divisionärs – zum mindesten! Doch neckten ihn +die Kameraden mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem +Feldherrnwesen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>Richtig – die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging’s +die Fahrstraße hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden +immer schien, als schubse ihn etwas vorwärts. +Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe der +Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine +gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen +oft ausgeglitten. Die Straße mündete an der Anlegebrücke, +die dem Ufer des Eisenhüttenwerkes schräg +gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie bezeichnete +auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines +Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut +wiesenreichen Binnenlandes seine Begleitung; dann zog +er an der uralten Hansestadt vorbei und spiegelte deren +rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme wider. +Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten +und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne +sein idyllisches Wesen merklich verändern zu können. Aber +in dieser Gegend häufte die Industrie ihre grauen und +toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar +hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer +lag, weitete er sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich +von größeren Waldungen begrenzt, schon durch den Geruch +ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen ließ. Es war +Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von +da ab, wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die +Salzentrave.</p> + +<p>Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der +mächtigen eingerammten Stämme, der Duc d’Alben, wie +auch die ziegelroten Markierungsstangen, die den Schiffen +den Fahrweg durch das Wasser der Bucht zeigten, gab ihr +einen großartigen, an die freie, weite See erinnernden +Charakter.</p> + +<p>Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>und gegen den Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. +Klara fühlte ihn im Gesicht, als strichen ihr kalte, nasse +Hände über die Haut.</p> + +<p>Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke +stieß, mußte man noch ein Streckchen am Fuß des +Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts gehen, um an die +kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter +Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. +Und hier mußte nun Klara auf den Hauptmann von Likowski +und seinen Kameraden treffen.</p> + +<p>Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und +hielt mit starken Fäusten sich und damit den Kahn an der +Eisenkette fest, die auf dem Brückchen aus einem Ringe +heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein Südwester +war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand +glänzte naß.</p> + +<p>Der Hauptmann stieg zuerst ein – es bedurfte dazu +nur des einen Schrittes hinab auf den flachen Boden des +Kahnes. Er wollte Klara aufmerksam die Hand reichen. +Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen, tat schon selbständig +diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte +der andere Offizier.</p> + +<p>»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.«</p> + +<p>Klara nickte – sie schloß gerade ihren Schirm.</p> + +<p>»Mit dem aufgespannten Schirm – im Winde – das +ist mehr Hindernis als Schutz,« sagte sie.</p> + +<p>»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« +sprach er wohlwollend.</p> + +<p>»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund +ist. Sie können sich für Ihren Dienst ja auch nicht nur +Schönwetter aussuchen,« meinte sie.</p> + +<p>»Bitte –« sagte jetzt der Kamerad.</p> + +<p>Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>– Fräulein Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich +erläuternd hinzu: »Das gnädige Fräulein ist die Pflegetochter +meiner fürsorglichen Hauseigentümerin.«</p> + +<p>Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, +die unter den Entladebrücken drüben ankerten, +seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der Fährmann +wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei +zu lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen +Flußlauf.</p> + +<p>Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit +an. Und sie war sogleich eingenommen von diesem +bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als sei es ihr kein +neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines dunkelhaarigen. +Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. +Die braunen Augen fielen besonders auf. Eine seltsam +eindringliche Leuchtkraft war in ihnen; aber es waren doch +keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man sogleich das +Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze +Erscheinung gefiel ihr – sie wirkte auch förmlich kriegerisch, +in dem feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen +hohen Stiefeln schon die Spuren schlammiger Wege +klebten.</p> + +<p>So stand er vor ihr. –</p> + +<p>Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild +um ihn her war wie ein Rahmen – voll Bedeutung.</p> + +<p>Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der +Fährmann, gebückt, mit angespannten Muskeln, gewaltsam +die eiserne Kette umklammert hielt. Strom und Wind +zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe +der Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten +Geschwindigkeit.</p> + +<p>Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da +und dort glühte feuriger Schein zwischen seinen Bauten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle +Wolken jagten in der Höhe.</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem +Wetter sich übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von +Marning.</p> + +<p>»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben +habe ich ein Amt. Ich bin Lehrerin. Unterrichte an der +Schule von Severinshof. Wenn ich da wohnen wollte, +müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit meinem +zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara +einfach.</p> + +<p>Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning +hielten sich lachend aneinander fest – denn beinahe hätten +sie im ersten Anstoß das Gleichgewicht verloren.</p> + +<p>Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die +Herren folgten ihrem Beispiel.</p> + +<p>Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten +Wasser wellten hoch.</p> + +<p>Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so +sicher und ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege +man nicht im peitschenden Regen über einen Fluß, sondern +säße irgendwo voll Behagen.</p> + +<p>»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« +sprach er.</p> + +<p>Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das +junge Mädchen in Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich +noch heben. Er erzählte: »Fräulein Hildebrandt +ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin Lamprecht, +sondern auch die des Geheimrats.«</p> + +<p>Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was +mit dem Geheimrat zusammenhing, seine Gunst besaß, +war allen Menschen der Gegend gleich interessanter.</p> + +<p>Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>irgend etwas Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch +eigentlich zu Likowski nicht Passendes. Ganz abwehrend +klang ihr Ton, als sie sofort eilig hinzufügte: »Ich schulde +Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig. Pflegetochter +– das ist zu viel gesagt.«</p> + +<p>Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade +an. »Der Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von +Ihnen erzählt. Sie waren einigemal bei Verwandten +von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...«</p> + +<p>»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den +bescheidenen Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: +er ist sehr gütig – er war es zu mir und würdigte +mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich war. Nun +ist das Jagen wohl für immer vorbei?«</p> + +<p>»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen +feuchten Glanz, »ich hoffe, daß er noch einmal ganz der +frühere wird – die linke Hand kann er schon wieder bewegen. +Und das Bewußtsein war ja damals sofort +wieder klar – das ist das große Glück ...«</p> + +<p>»Pu–r–r–r,« machte Likowski mit den Lippen, um +Nässe- und Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt – +na, nu hopp!«</p> + +<p>Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb +der Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf +mit einer strammen Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter +ihm folgten Klara und der Oberleutnant.</p> + +<p>»Darf ich Sie bitten – Fräulein Hildebrandt? – nicht +wahr? – Herrn Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten +Grüße und Wünsche auszurichten.«</p> + +<p>»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm +leid sei, Sie noch nicht gesehen zu haben. Aber Gäste +kann er noch nicht empfangen – darf noch nicht.«</p> + +<p>Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>Weg hatten, Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen +vorbei. Sie sah zum Erker hinauf, der in der Mitte +des ersten Stockwerks aus der Front des Herrenhauses hervorsprang. +Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige +Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus – +so, als sei es vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. +Daß er nicht aufpaßte, um sie zu begrüßen, war ein +selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.</p> + +<p>Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt +sein.</p> + +<p>Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen +Führung von »Baby« Hornmarck seien schon über die Hochbrücke +marschiert, um sich im Grabenausheben und Schanzenaufwerfen +zu üben. Er habe den Bauern Vietig bewogen, +seine Brachkoppel dazu herzugeben.</p> + +<p>Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten +Palisadenzaun des Werkes hin – nun kamen sie an den +stattlichen Verwaltungsgebäuden vorbei, die mit ihren +Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das mächtige +Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in +schwarzen Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin +Lohmann.</p> + +<p>Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich +drinnen an den Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden +Wagen untersuchend durch. Die schweren +vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus, +und ihre Nüstern dampften.</p> + +<p>Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von +Knicken eingefaßt, in die Straße, die an Severinshof vorbei +und weiter hinaus ging.</p> + +<p>Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski +konnte es nicht, ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen +Betrachtungen anzustellen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt – im Grunde – +nee wirklich – tun wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: +vorbereiten! Sie schuften, um aus den rotznasigen +Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu machen. +Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, +die nich mit der Wimper zucken, wenn’s endlich ans Dreinschlagen +geht. Na, und danken tut uns das keiner – Ihnen +nich – uns nich – is auch egal! In der stillen Schufterei +is doch was drinn – das erhebt. – Na, also: empfehl’ mich +gehorsamst ...«</p> + +<p>Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. +Und so tat auch Marning.</p> + +<p>»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will –«</p> + +<p>Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht – das war +ein abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll +Zurückhaltung.</p> + +<p>Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg +hinein. Das dicht verschrankte Gezweig und Gerank der +Knicke, das Laub der Hainbuchen und der Schlehdorne, die +kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen Zweige der +wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren +der Räder floß gelbes Wasser.</p> + +<p>»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt +ein?« fragte Marning.</p> + +<p>»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder ’ne +schiefe – man weiß nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? +Und haben tutse nischt. – Kann einen dauern. ’n Mächen +<em class="antiqua">I a!</em> Viele sagen: natürliche Tochter vom alten Lohmann. +Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei +an die zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten +und der Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst +kennen lernte.«</p> + +<p>»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>er sie legitimieren und sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten +lassen,« meinte der Freiherr.</p> + +<p>»Das erstere allemal – der ist nicht der Mann, was zu +verstecken. Das zweite sagen Sie nich – vielleicht erst +recht. Na – aber Fräulein Hildebrandt würd’ mich schön +’runterputzen, wenn sie wüßte, ich bedauerte sie. Wissen +Sie, Marning – wenn ich mir das Heiraten nich abgeschworen +hätte: <em class="gesperrt">die</em> könnt’ einen wankend machen. +Mein Vermögen langt ja. Und n’ Dispens kriegte man +woll durch den Geheimrat – der hat Beziehungen – Verbindungen +bis ganz oben ruff ... Nee –«</p> + +<p>»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd.</p> + +<p>»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: +<em class="gesperrt">mal</em> muß es ja doch endlich losgehen – wir lassen uns +ja rein auf der Nase ’rum spielen, das <em class="gesperrt">kann</em> ja nich dauern. +Na, und denn will ich kein weinendes Weib und keine +schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen +Zwiespalt haben.«</p> + +<p>»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine +gesehen.«</p> + +<p>»Ach Gott – das is ja nu ganz was anderes, untern +bißchen mühseligen Umständen dem Broterwerb nachgehen +als ’n geliebten Mann in ’n Krieg ziehen lassen. In +der Liebe verändern sich die Weiber völlig.«</p> + +<p>Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht +unter den braunen Haaren, auf denen die pastellblaue +Wollmütze saß. Er war sich nicht klar, woher der Ausdruck +von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese seltsam +geraden Brauen – die gaben diesen Zug.</p> + +<p>Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal – Sie müssen +aber Besuche machen. Wenn Sie sehr gesellig veranlagt +sind, können Sie ’rauf nach Lübeck fahren. Da is viel +los – gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. – Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>komm’ nich oft hin – unterhalt’ bloß kameradschaftliche +Fühlung mit dem Regiment da – fahr’ kaum mal ins +Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann man nich zum +Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich +immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab’ mir grade +Willisen und Jomini angeschafft – man lernt ja immer +noch zu. Das kommt einem doch zustatten, wenn’s los +geht. Und das tut es doch mal – muß es mal! ...«</p> + +<p>»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig +gesellig. Nur grade, was sein muß –«</p> + +<p>»Na – freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. +Verkehr ist Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß +nich Kommiß werden! Mit Scheuklappen. Nee. Also +denn hier ’rum. Allzuviel is es nich. Um Überblick zu +geben: da is der Großindustrielle Stuhr – der mit der +Sensenfabrik – entzückende Krabbe von Tochter – nächstes +Jahr geht sie aus. Denn die paar Honoratioren – drüben +der Generaldirektor Thürauf – wohnt dicht bei der Kolonie +Severinshof – kluger Mann, feine, hübsche Frau – drei +prosaische Töchter – semmelblond – gute Diners und +gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! +Gott, über die verwitwete Baronin Hegemeister reden sich +die Leute ja auch die Zunge wund und fuselig: soll ’n +dolles Mädchen gewesen sein – die Eltern, reiche Parvenüs, +hatten alle Ursache, sich’s zwei Millionen kosten zu lassen, +damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete +Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran +gestoßen haben, daß das Mächen schon ’n Hufeisen verloren +hatte. – Wer weiß, ob’s wahr is. Kein Mensch +kann’s jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich, die +schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch +der Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau – und die +Geheimrätin sei ’ne scharfe Dame gewesen, sagen alle – +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>als ich herkam war sie schon dot. – Na, vielleicht möcht’ +die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an sich kein +sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer. Vorausgesetzt, +daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.«</p> + +<p>Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, +dicht ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche +trug, eine breite Einfahrt. Ihr primitives, niedriges +Tor aus Latten war nach der Koppel zu zurückgeschlagen.</p> + +<p>»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie +unser ›Baby‹ die Leute angestellt hat – fixer kleiner Kerl, +der Hornmarck – hat ’n Schneid – na, ein Trost – man +erlebt immer noch famosen Nachwuchs. – Wir werden +uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. – +Haben Sie gelesen, Marning – die letzten Depeschen – +höllisch brenzlich! Passen Sie auf – in diesem Sommer +erleben wir’s ...«</p> + +<p>Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen +Schulhaus und seinen großen Zimmern, die durch +beste Einrichtungen gelüftet und durch sehr große Fenster +erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen, obgleich +der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, +als sei es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen.</p> + +<p>Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, +und lauter aufmerksame Gesichter waren der jungen +Lehrerin zugewandt, die neben einem großen farbigen +Bild an der Wand stand. Das war eine topographische +Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung +kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp +und einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, +Felder und Dörfer zu beleben. Jedes einzelne Gewese +war auf der Karte eingetragen. Und Klaras Augen sahen, +wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf +die Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>des Hauptmanns von Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen +– und der Oberleutnant Freiherr von Marning war auch dabei. –</p> + +<p>Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der +Geheimrat nannte einmal den Namen.</p> + +<p>Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken +wehrte sie das von sich: dieser Mann geht mich ja gar +nichts an. –</p> + +<p>Er sah sehr schön aus – männlich und vornehm, und +Augen von seltener Ausdruckskraft hatte er auch. –</p> + +<p>Aber wirklich – er ging sie nichts an. – Wie töricht, +daß sie diese Augen so deutlich vor sich sah. – Und sie +sammelte sich fest und klar auf ihren Vortrag und all die +Fragen der aufmerksamen Kinder und überwand dieses +unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so gleichgültige +Begegnung. –</p> + +<p>Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr – noch +drei – sie schwanden schnell dahin. Und als Klara, hinter +dem Rücken der letzten sich hinausdrängenden Kinder, nach +ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im Flur, neben der +Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte einen +Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf +den Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief.</p> + +<p>Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas +Wichtigeres geben! Vielleicht bat er sie, im Herrenhause +zu essen – es war heute Mittwoch – –</p> + +<p>Und sie las ...</p> + +<p>Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks +lehnen – betäubt – fassungslos – –</p> + +<p>Nun kamen ihre männlichen Kollegen – Herr Magers +wollte, ehe er zu seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk +ging, ihr noch sagen, daß der kleine Rohrdantz wieder +gelogen habe und daß sie doch einmal zu der Mutter des +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Jungen gehen möge – aus Frauenmund Warnungen zu +hören, käme die Mutter sicher leichter an. – Und Herr +Kehl strich sich durch seine blonden Haare und wartete, +bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war, und sah Klara +über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich +an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es +schon heraus: »Herr Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« +Nun bat er, verlegen über diese seine Nebentätigkeit, +von der er doch einen wunderbaren Umschwung +seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer +schon dreimal von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, +ihr Urteil sei ihm ihm –</p> + +<p>»Morgen,« sagte Klara, »morgen –«</p> + +<p>Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die +Mütze auf den Kopf und lief hinaus.</p> + +<p>»Fräulein Hildebrandt – Ihr Schirm!«</p> + +<p>Sie hörte nicht – sie fühlte ihren Körper nicht – +nicht Regen – nicht Sturm – Sie lief – und lief –</p> + +<p>Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den +Fenstern des Herrenhauses vielleicht sehen könnten.</p> + +<p>Fort, nur fort – in die Einsamkeit. Nachdenken über +das Ungeheure, das an sie herantrat.</p> + +<p>Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.</p> + +<p>Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht +liebte.</p> + +<p>Was Reichtum – was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« +schrie alles in ihr.</p> + +<p>Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. +Unten war kein Fährmann – drüben saß er, unterm Schirm +hockend und das dampfende Essen aus dem Henkeltopf +löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht. Ganz +gnomenhaft sah das aus – wie ein Bild aus einem +Märchenbuch.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>Und der Wind brauste –</p> + +<p>Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst – sie +läutete heftig, als sei Gefahr, an der Glocke. Blechern +und doch schrill klang das dringliche Gebimmel hinüber +ans andere Ufer, sich vom Chor des gleichmäßig rumorenden +Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als ängstliche +Solostimme abhebend.</p> + +<p>Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend +vom Lauf, von der unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut +langsam zurück.</p> + +<p>Sie wurde bleich, sehr bleich.</p> + +<p>Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken +mußte.</p> + +<p>»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl.</p> + +<p>Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr +Herz, von keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. +Und dennoch wußte sie! Aus jenem Gefühl heraus, das +keines Wissens bedarf, um die tiefste Weisheit zu erkennen.</p> + +<p>»Er liebt mich nicht!«</p> + +<p>Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?</p> + +<p>»Sein Vater hat es gewünscht!«</p> + +<p>Dies stand ihr über jedem Zweifel.</p> + +<p>Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.</p> + +<p>Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von +opferfreudiger Begeisterung standest du wie in Flammen +– dein Leben wolltest du hingeben, um ihm zu danken. – +Und nun dein Leben wirklich gefordert wird, erschrickst du?«</p> + +<p>Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der +vom jenseitigen Ufer her herangewiegt kam, von starkem +Ruderschlag getrieben.</p> + +<p>Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit +darf Sie nicht bestimmen!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>Gewiß nicht – nicht für das, was er allein an ihr +getan. Denn sie fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit +sei: daß es noch ein leises Glück bedeutete, für die Tochter +der Geliebten sorgen zu können. Und sie begriff ahnungsvoll +die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe +ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.«</p> + +<p>»Was er an mir getan hat, war ihm Freude – das +verstehe ich wohl – es muß ihm immer gewesen sein, +als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei – – Aber +das andere! ...«</p> + +<p>Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters – die +großen Summen, die er dem Werk entzogen – dieser +schmachvolle Tod. – Und der grandiose Edelmut, der +verzieh und alles verbergen half – damit über ihrer +Mutter Leben nicht noch der Schimpf komme. –</p> + +<p>»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...«</p> + +<p>Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: +auch ohne das! Mein Wissen muß ich ihm verbergen – +immer – wie er mir seine Großtaten verbarg. Es gibt +eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so hoch, +daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.</p> + +<p>»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man +dankt nicht mit Worten – aber mit der Tat! –«</p> + +<p>»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen +konnte, »Sie haben Ihre Mütze verloren.«</p> + +<p>»So?« antwortete sie mechanisch.</p> + +<p>Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei +und alles in ihr gekettet und unbeweglich, saß sie und +wollte denken.</p> + +<p>Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine +dumpfe Empfindung: das Schicksal hatte so viele gütige +Gaben für sie gehabt – das Schicksal schenkt nicht, ohne +eines Tages die Gegengabe zu fordern. –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>Sie sagte sich: »Ich muß!«</p> + +<p>Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich +durch die regennassen Straßen und kam nach Haus.</p> + +<p>Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, +unerschöpflichen Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah +Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne Mütze! Und leichenblaß! +Klara hatte Ausreden. –</p> + +<p>Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« +sagte die alte Frau, von rasch emporgekommenen Sorgen +ebenso flink befreit, und nötigte Klara noch mehr warme +Suppe auf.</p> + +<p>Sie verstand sich plötzlich selbst nicht – diese wahnwitzige +Aufregung ... wie konnte sie das so umwerfen ...</p> + +<p>Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. +Sie konnte klar nachdenken und sich sogar beherrscht die +Maske der Alltagsstimmung vornehmen, bis sie allein in +ihrem Zimmer war.</p> + +<p>Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar +war zerzaust. Sie ordnete es.</p> + +<p>Und sie dachte nun endlich auch an den Mann – stellte +ihn förmlich vor sich hin.</p> + +<p>Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch +kein Tyrann, trotz seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried +seinem Wunsch ein kräftiges »Nein« entgegengesetzt +hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein.</p> + +<p>Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried +zu matt zu einem starken Nein sein mochte.</p> + +<p>Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat +nun für ihn Trost, Neuland, Lebenszweck bedeute.</p> + +<p>Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt +dergleichen ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara +auf, daß er sie immer voll Bedeutung dabei angesehen. +Sie war so arglos gewesen. – Wie hatte sie eine so +<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen +können!</p> + +<p>Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir +unangenehm?«</p> + +<p>Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung +konnte ästhetisch abstoßen. Sein Vater hatte manchmal +grimmig gesagt: die Weiber sind zu toll hinter ihm hergewesen. +Vielleicht war er sehr geliebt und umworben +gewesen. –</p> + +<p>Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem +er jahrelang in rasender Leidenschaft angehangen, hatte +ihn verraten.</p> + +<p>Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten +Augenblick an mitleidig – machte ihn ihr ein wenig interessant, +wie es für jede Frau der Mann ist, von dem sie +weiß: er hat geliebt und gelitten.</p> + +<p>Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und +allmählich wieder Freudigkeit bringen. – Sie konnte das +Ihre tun, in ihm die Liebe zum Werk, das Verständnis +für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken – Sie sah +wohl: noch war das alles tot in ihm. –</p> + +<p>Welche Aufgabe!</p> + +<p>Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie +sollte ihm den Sohn zu <em class="gesperrt">seinem</em> Sohn machen helfen. –</p> + +<p>Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den +Hof und schüttete Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum +mit dem schmalbrüstigen Wipfel. Ihre Hände hatte sie +ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum Bilde +ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, +denn ein großer Künstler hatte es damals gemalt, als +Geld im Hause Hildebrandt keine Rolle spielte. Die +ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem Bilde. +Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. +<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>Die edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig +lächelnden Ernstes.</p> + +<p>Und Klara – sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst +des Blickes hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«</p> + +<p>War es denn wirklich ein solches Opfer?</p> + +<p>Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität +anderer Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen +müsse.</p> + +<p>Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie +unter keinen Umständen einen anderen nähme als den, +der einem Idealbilde gleiche. – Ihre Lage brachte es +nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war ganz +arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt +auch nur flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte +für mich. Weder ein Hauptmann von Likowski einerseits, +noch ein Herr Kehl anderseits regten dergleichen bei ihr +an – was bei allen obwaltenden Umständen ja auch auf +der Hand lag ...</p> + +<p>Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, +der sie auf einen solchen Platz stellte – –</p> + +<p>Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!</p> + +<p>Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art +eingewöhnten wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof +– denn da gab es noch viel zu tun – gerade +für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch mehr +Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich +machten. Und diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, +war auch eine schöne Aufgabe. In der sozialen +Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick das Nötige +und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, +als es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte +man schaffen, sich rühren, nützlich sein. – Und als Herrin! +Mit großen Mitteln, und durch Einfluß auf den alten Herrn.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, +diese Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus +Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter gar keine Teilnahme +gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten habe.</p> + +<p>Aber sie – oh, sie würde mit heißem Willen nach +Pflichten suchen.</p> + +<p>Ihr Herz klopfte rascher – eine stolze Vorfreude wallte +in ihr auf.</p> + +<p>Und dann vor allem: den großartigen alten Mann +pflegen –</p> + +<p>Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem +Andenken ihrer heiligen Mutter leben – viel von dem +erfüllen, was deren Liebe nie gedurft ...</p> + +<p>War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?</p> + +<p>Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. +Erst die Heirat ist der rechte Prüfstein für sie.</p> + +<p>Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er +erst mein Mann ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr +– verschwamm in Träumereien. Es war, als mache +ihr Seelenleben eine Pause – hülle sich in Dunkel – –</p> + +<p>Sie fuhr zusammen – erwachte. Und wußte mit +wunderbarer Klarheit: »Ich werde ihn niemals lieben ...«</p> + +<p>Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen +– ja, so konnte sie ihn wohl lieb haben.</p> + +<p>Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.</p> + +<p>Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für +eine segensvolle, friedliche Ehe nottat.</p> + +<p>Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen +zu nützlicher Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?</p> + +<p>Klara wußte, was das war: heiraten.</p> + +<p>Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte +in einer Ehe, die sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte +unter allen Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!</p> + +<p>Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes +Liebesfeuer und können sich nachher voreinander +entschuldigen: wir ahnten nicht, daß es so rasch +verglühen würde.</p> + +<p>Hier war kein Wahn, keine Flamme.</p> + +<p>Hier warteten nur sittliche Pflichten.</p> + +<p>Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von +Entschlossenheit.</p> + +<p>Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.</p> + +<p>Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, +hatte sie in heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. +Sie war bereit – –</p> + +<p>Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt +mit der blauen Aufwaschschürze vor der Leibesfülle +blieb in der breiten Spalte. Ihr kupfriges Gesicht hatte +einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.</p> + +<p>»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is +er gekommen ...« sagte sie verdutzt.</p> + +<p>»Bitte,« sagte Klara.</p> + +<p>Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.</p> + +<p>Er wurde rot – es schien, als übernehme ihn plötzlich +eine Verlegenheit ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit +war er hergekommen. Alle Gespräche und die +Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn +die Wirklichkeit.</p> + +<p>»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.</p> + +<p>Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. +Unbewußt etwas Mütterliches.</p> + +<p>»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war +richtig und herzlich von Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>Sie schob an dem Tisch – als wolle sie das Sofa +freimachen. – Tat, als sei dies ein alltäglicher Besuch – +war fast unbefangen –</p> + +<p>»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« +fragte er.</p> + +<p>Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren +so klar – so voll Güte.</p> + +<p>»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.</p> + +<p>Er setzte sich aus Nervosität – unwillkürlich – legte +den Hut auf den Tisch – strich sich mit den Fingerspitzen +über die Stirn – wie sein Vater pflegte, wenn der sich +fassen wollte ... Klara dachte es. Und diese kleine Bewegung +war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer +ruhte ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er +begegnete diesem Blick.</p> + +<p>Er begriff: ja – er mußte viel sagen – das hatte +sie zu verlangen. Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. – +Er konnte nicht. Alles in ihm wehrte sich.</p> + +<p>»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung – +es ist das, was der Augenblick mit sich bringen sollte. – +Ich – – liebes Fräulein – Klara – ich habe ... Schweres +liegt hinter mir – was soll ich sagen – wie Ihnen begründen +... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden – +ja, das tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«</p> + +<p>Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch – +vielleicht Zorn gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, +ihn herzuzwingen – in langsamer Überredung, in leidenschaftlichen +Wünschen.</p> + +<p>»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß +ein wenig von Ihnen – Ihr Vater sagte es mir: Sie +haben eine harte Erfahrung gemacht – – Nein. Ich +erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und +leiden vielleicht noch.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>Er öffnete die Lippen – wie vor Überraschung. Er +tat einen tiefen Atemzug ...</p> + +<p>»So darf ich wahr sein?«</p> + +<p>»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als +die Wahrheit?« fragte Klara entgegen.</p> + +<p>Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat – +o wie wohl!</p> + +<p>»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher +Leere ist, weil mein Vater glaubt, daß ich durch +eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein neues Dasein +finden würde.«</p> + +<p>Er dachte: »Nun sagt sie Nein!«</p> + +<p>Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich +die Leere nur noch trostloser auf?</p> + +<p>»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie +selbst das Vertrauen, daß ich Ihnen helfen könne?«</p> + +<p>Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er +noch keinen Blick in keinem Auge gesehen hatte. Das +zwang ihn »Ja« zu sagen.</p> + +<p>Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben +– er stand vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.</p> + +<p>»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Das ist viel. – Wie alles liegt, +muß es mir – – genug sein,« sagte sie langsam.</p> + +<p>»Sie willigen ein – liebe Klara?«</p> + +<p>Er nahm etwas scheu ihre Rechte.</p> + +<p>»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem +Vater nun wirklich Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist +mir der teuerste, der wichtigste Mensch auf der Welt.«</p> + +<p>Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?</p> + +<p>Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den +Mund.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus +Dankbarkeit so bereit war? – Ob sie ihn, wie sein +Vater meinte, liebe? – Nicht fragen ...</p> + +<p>Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt – welche Erleichterung! +Dafür war er ihr dankbar. Was er ihr +brachte, wußte sie, ahnte sie. – Was sie ihm brachte, +wollte er lieber nicht wissen.</p> + +<p>Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! +Gestern noch war es ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, +das zu hören. Heute war der Gedanke, daß sie +ihn liebe und er das nicht erwidern könne, beunruhigend, +beschämend – Nein, nicht fragen – –</p> + +<p>Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er +dachte: ich muß sie doch küssen. Er wußte: diese Lippen +waren unberührt. Das blitzte so durch ihn hin; eine +flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam ihn. +Er küßte sie.</p> + +<p>Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit +an.</p> + +<p>»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, +uns zu verstehen,« sagte sie warm.</p> + +<p>Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und +Wynfried nannte sie Du. Alles war plötzlich ganz einfach +und so selbstverständlich. – Es tat ihm sehr wohl, ganz +ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten auszukommen.</p> + +<p>Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der +wartete voll Ungeduld.</p> + +<p>»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! +Zwölf Jahre hat die alte Frau treu und eifrig versucht, +mütterlich für mich zu sein! Sie hat ein Recht darauf, +daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage – +ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von +ihrer sanften, ernsten und doch so unbegreiflich sichern +Art wirkte etwas auf ihn herüber, das ihn beruhigte und +zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit zwang.</p> + +<p>Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, +die er seit vielen Monaten gehabt hatte.</p> + +<p>Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas +trieb ihn, ihr besondere Wärme zu zeigen – aus Dankbarkeit, +weil sie eben <em class="gesperrt">keine</em> besondere Wärme zu beanspruchen +schien; deshalb nahm er ihre Hand zwischen +seine beiden Hände.</p> + +<p>Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein +linkes Handgelenk geschmiedet war ...</p> + +<p>Klara sah sie – zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen +– sie sah unwillkürlich genau hin.</p> + +<p>Da zog er hastig die Hand zurück – es war ihm unangenehm, +daß ihr sein Armband so offenbar auffiel.</p> + +<p>»Also in einer Stunde.«</p> + +<p>Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter +ihm geschlossen hatte.</p> + +<p>»Es wird – es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.</p> + +<p>Nun also zur alten Frau – ihrer Überraschung, Rührung, +Neugier, aber auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten +und ahnungslosen Plumpheiten standhalten ...</p> + +<p>Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern +war durch einen großen Schrank verstellt, um der +für die Schulpflichten Arbeitenden mehr Ungestörtheit zu +sichern. Klara mußte also über den Flur.</p> + +<p>Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der +riß die Mütze ab und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich +hier abgeben – es ist wohl recht?«</p> + +<p>Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein +Klara Hildebrandt, hier.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. +Ein unerklärliches Gefühl beriet sie – nötigte sie, in ihre +Ungestörtheit zurückzukehren.</p> + +<p>Sie öffnete.</p> + +<p>Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...</p> + +<p>Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein +Strich, der ihn mit der Schrift auf der Rückseite der Karte +verbinden sollte:</p> + +<p>»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im +Infanterieregiment Großherzog Paul, erlaubt sich, das +Beifolgende, von ihm Gefundene, der Eigentümerin +mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«</p> + +<p>Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte – wickelte +beides mit raschen, unsicheren Händen wieder fest, fest in +das Papier – riß die Schublade ihrer Kommode auf +und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief hinein ...</p> + +<p>Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief +sie nach vorn, fiel der alten Frau um den Hals und sagte: +»Oh – höre ...«</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_4" id="Kapitel_4"></a>4</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>ie Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende +August und bevor die Offiziere ins Manöver und nach +ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein kleines Fest. +Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen +Natur gestellt.</p> + +<p>Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln +genossen. Den ewig langen Sommer hindurch. Aber die +Umstände ergaben es eben, daß man aus der Langenweile +eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit +machte.</p> + +<p>Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski +und der Oberleutnant von Marning schon zum Frühstück +gekommen, um ihr beizustehen und die Einteilung der +Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen. +Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. +Aber sie sei zu faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. +Und dieser hatte unterwegs, als sie im Krümperwagen +nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß Vorwand, +uns länger und allein zu haben – das zielt auf Sie, +Marning – man müßte ja Idiot sein, wenn man’s +nicht merkte – da könnense nu Ihr Glück machen, +wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches +Lächeln hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um +dem Sprechenden zu zeigen: ich habe zugehört.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die +orangefarben und weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein +abhielt. Von der Terrasse sah man in die +»schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die arme +Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine +Wandeldekoration und stand ein für allemal fest. Höchstens, +daß die Beleuchtung verschieden war – oft sogar +zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer wußte, +ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, – denn +das Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen +Himmel stand? ...</p> + +<p>Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich +bald nach ihrer Heirat erbaut; gerade hier, auf der kleinen +Klitsche, die als letzter Überrest großen Familienbesitzes +verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art Genugtuung, +an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu +leben, wo er vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. +Und er war zu sehr Realist, um den weiten Rundblick auf +die Gegend, die einst zum großen Teil Hegemeisterscher +Boden gewesen war, wehmütig zu finden.</p> + +<p>Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines +Gutshaus gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte +am Wyk, das weiße Schloß. Von seinen Fenstern sah +man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten nur durch +eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht +geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel +zwischen den Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete +sie sich erheblich, um Sportplätzen und einer kleinen, +umgrünten Siedlung Raum zu gewähren. Über sie hinweg +ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen, +erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht +eine Strecke einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel +ungestört aufeinanderzustoßen schienen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich +schon in den weiten Wassern des großen Wyk verloren; +aber die Spitze der Halbinsel drängte seinen Lauf noch +einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich +dann ins Meer ergoß.</p> + +<p>Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend +fein und lieblich an den Uferrand hingebaut und +vom malerischen alten Kirchturm bevatert. Man sah, +fern und klein, die gestutzten Linden, die mit Biedermeierwürde +vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah +die weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß +ankern und über den roten und schwarzen Navigationszeichen +die silberhellen Möwen flattern. Blau war das +Wasser, blau der Himmel – nur dies bedrohliche eine +Gewölk da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.</p> + +<p>Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften +Leinwand, auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, +farbenprächtige und linienkühne Ferne freiließ. +Und die Nähe gab ein Gefühl von Üppigkeit und Sommerhöhe.</p> + +<p>Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen +standen an ihrem Rande weiße, viereckige Kübel +mit gelb bemalten Faßbändern, darin dunkle ausländische +Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein Blumengarten, +in dem alles duftete und bunt sich aneinander +drängte, was nur im Hochsommer blühen mag. Doch +herrschten die Rosen vor, und Hochstämme edler Sorten +zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein Rosenfreund +war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung +verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, +seine Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien – +die machen immer Mühe und oft Ärger, sagte sie.</p> + +<p>Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. +<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Sie klagte oft darüber, daß sie ihn als Last empfinde. +Aber was sollte sie machen. Es war nun einmal viel von +ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu verkaufen, +hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort +zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten +noch die Eltern – und die Eltern fanden durchaus, daß +Agathe Lammen zu behalten habe, teils um Verlust zu +vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten schien.</p> + +<p>Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, +hatte er den Eindruck gehabt, daß die schöne Frau +ein wenig in Schock vor ihren Eltern und nicht in sehr +inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.</p> + +<p>Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr +geneigt, die Schuld an einem etwaigen Mißverhältnisse +den Eltern zuzuschreiben.</p> + +<p>»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, +mollige, fügsame Weiblichkeit – so eine von den heißen +Trägen.«</p> + +<p>Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als +er die Baronin Agathe kennen lernte. Er hatte sich nach +den Andeutungen ein temperamentvolles, rot- oder +schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante +oder gar Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche +Blondine, die nur ein wenig mit dem zu stillen +Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, vielleicht aus dem +gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu üppig +und schläfrig dabei zu werden.</p> + +<p>Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. +Die Neckereien Likowskis hielt er für grundlos, +nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu hänseln, entsprungen. +Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun +einmal Art der Frau. –</p> + +<p>Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>wurden am Tische genommen, denn nun fing +ja das an, was Agathe die »Arbeit« nannte. Sie ließ +abräumen – man war von zwei Bedienten umsorgt +worden, die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern +glänzten. Vor ihr lagen nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, +weichen Hände spielten damit, und die Brillanten +an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr wohlgewachsene +Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst +kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen +sehr tiefen Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, +die ihn straff umgaben, trafen unter einer vorgesteckten +Rose zusammen, höchstens eine Hand breit oberhalb +des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme +bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe +unterlegt. So zeigte Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, +daß sie eine prachtvolle weiße Haut und untadelige Formen +habe. Merkwürdigerweise wirkte diese Enthüllung bei +ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres +Gesichts waren auffallend – rein der Teint, rosig die +Wangen, fast wie bei einem Wachskopf. Sie war stolz +auf diese Schönheit. Die Züge, so weich sie schienen, so +unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, wirkten +aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die +Augen konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. +Sehr hellblau, groß und schwimmend waren die +Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als goldig in +der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete +Fülle. –</p> + +<p>Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. +Agathe schob es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.</p> + +<p>»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben +die Namen auf die Karten?«</p> + +<p>»Aber sehr gern.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War +ja überhaupt froh, wenn sie einmal in Anspruch genommen +wurde.</p> + +<p>Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn +Jahre war sie von Stellung zu Stellung gestoßen worden, +hatte oft genug keine gehabt. Alle Damen wollten immer +so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen nicht +leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich +nicht aneignen konnte.</p> + +<p>Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie +nur, um Klagen, Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut +vor ihr zu bedenken. Und als Schatten, den sie auf Reisen +und bei der Geselligkeit im Hause neben sich haben mußte.</p> + +<p>Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das +Geld unterwegs und daheim ausgegeben wurde! Das tat +wohl – an allem durfte man teilnehmen. Die Baronin +schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen +zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte +für ihre Herrin, sprach ihr immer nach dem Munde und war +schon in den ersten Tagen entschlossen gewesen, sich hier +zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig +verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre +hier, aber es hatte sich niemals die Gelegenheit zum +Blind- und Taubtun gezeigt. Was der sehr befestigten +und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens +doch eine wohltuende Beruhigung war.</p> + +<p>Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht +von beflissener Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden +Namen zu schreiben, der bei Feststellung der Tischordnung +genannt werden würde.</p> + +<p>»Mich muß natürlich Lohmann führen – er ist zum +erstenmal hier,« sagte die Baronin Agathe. Sie lag bequem +in dem Rohrsessel, dessen naturfarbenes Geflecht mit +<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und sie fragte: +»Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? +Sie wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«</p> + +<p>»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und +an die frühere Pflegemutter.«</p> + +<p>»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.</p> + +<p>»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«</p> + +<p>»Aber glückstrahlend?«</p> + +<p>Likowski erwog – prüfte nach – machte eine Kopfbewegung.</p> + +<p>»Glückstrahlend? Das ist nu so ’n Wort. Nee. Klara +Hildebrandt hat man nie angemerkt, ob ihr strahlend +oder bekümmert zumute war. Immer beherrscht.«</p> + +<p>»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« +sagte Fräulein von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, +die einen Millionär bekommt! Es ist beinahe phantastisch!« +Und sie seufzte.</p> + +<p>»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt +ja viele Ehen, die ’n Handel sind – so ’rum oder so ’rum.« +Und sie seufzte auch.</p> + +<p>Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.</p> + +<p>»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen +sich,« fügte sie ganz elegisch hinzu.</p> + +<p>Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft – sie +hat sich verkauft ...« Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, +fast von Erbitterung.</p> + +<p>Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.</p> + +<p>»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen +– der Vater soll ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung +käme – hätt’s zur Bedingung gemacht für Bezahlung +der Schulden – soll Klara Hildebrandt eine Million +geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt – Klara +soll ihn hassen – der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, +<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>verseuchter Mensch sein. – Ist ja alles Quatsch. Immer +wird drauf losgered’t, ohne daß eine Seele genau die +Motive kennt. Ich bind’ doch auch nich aller Welt auf die +Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob +der Geheimrat so ’n Schuft wäre und ein Mächen an +einen verseuchten Mann verkuppelte! Als ob die Klara +Hildebrandt ’n Mächen wäre, das sich so schlankweg +kaufen läßt! Nee, so ’n simpler, ekelhafter Handel is das +nu nich gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. +Vom Geld ist bei der ganzen Verloberei nich ein Ton +gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und sie sagt, vor der +Klara müsse man den Hut abnehmen.«</p> + +<p>»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, +»was für ’n Eindruck machte das Paar denn? Und die +ganze Sache?«</p> + +<p>Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag +zu sprechen.</p> + +<p>»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen +Verwandten vieljährige, nahe Beziehungen hat; sie +empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war mehrere +Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung +und die rasche Heirat – das war auch keine Zeit, +in der man Gäste bittet. Kaum aber war das Ehepaar +von der Hochzeitsreise zurück, da lud der Geheimrat mich +am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und +das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, +war das Essen gemeinschaftlich.«</p> + +<p>Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann +in einem kühleren Ton fort: »Die überragende Persönlichkeit +des Geheimrats nahm so völlig all mein Interesse +in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich +nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein +Urteil abgeben zu können.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>»Ich hab’ immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über +dieses Paar denken,« meinte Likowski.</p> + +<p>»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber +denke,« sagte er kalt.</p> + +<p>»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den +Gebrauch der linken Hand wieder erlangt hat?«</p> + +<p>»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber +sein Geist, seine Stimmung ist von einer Frische ...« +erzählte Marning.</p> + +<p>»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter +vergöttern!«</p> + +<p>»Ach, Likowski, Sie haben immer ’n Faible für das +Mädchen gehabt,« neckte Agathe.</p> + +<p>»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, +»so ’n rauher Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde +und Tugend hab’ ich das Gefühl nich verloren. Und +wenn’s, wie ich <em class="gesperrt">dringlich</em> hoffe, demnächst endlich +losgeht, sag’ ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, +sondern auch: und zum Schutz der deutschen Frau.«</p> + +<p>»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich +empfunden! ...«</p> + +<p>»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« +sagte Agathe laut vor sich hin träumend. »Vor sechs Jahren +hab’ ich ihn mal erlebt – sein Vater gab das erste große +Diner nach dem Trauerjahr für die Frau – Wynfried +war gerade zum Besuch – ich hatte ihn neben mir bei +Tisch – Gott, wir waren beide noch so jung – die +Jüngsten in der ganzen Gesellschaft – wir verstanden +uns himmlisch. – Er war schön wie ’n junger Gott damals +– hoch, schlank, blond – und so viel Verständnis für die +Frau – ach, es war ein Abend ...«</p> + +<p>Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles +mit – etwas Sehnsuchtsvolles. – In ihre Augen kam +<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>ein feuchter Glanz – sie verlor sich in träumerische +Gedanken.</p> + +<p>»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung +nicht weiter,« erlaubte Marning sich zu sagen.</p> + +<p>Agathe stand auf, reckte sich lässig – die ganze üppige +Gestalt schien sich in wohligem Behagen zu dehnen ... +Freilich trat dabei auch hervor, daß der Oberkörper eigentlich +ein wenig zu groß sei ...</p> + +<p>»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein +von Gerwald. Sie machen das – nicht wahr?«</p> + +<p>»Aber sehr gerne!«</p> + +<p>»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich – +alles andere ist weiter keine Etikettenfrage, alle Gäste +kennen sich und passen zueinander.«</p> + +<p>Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem +Gedächtnis völlig entglitten.</p> + +<p>»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu +sein zu dem Zauberfest. Tun Sie desgleichen – Sie +wissen ja – das grüne Fremdenzimmer ... Um fünf +Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste – Begeisterung +über die schöne Aussicht – Promenaden – Gruppenbildungen. +Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. +– ›Nur für Natur‹ ...« schloß sie, falsch +singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.</p> + +<p>Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn +er wußte: da stand auch ein Kistchen mit den schweren +Importen, die die schöne Hausfrau in ihrer Gegenwart +nicht geraucht haben mochte.</p> + +<p>Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften +grauen Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich +unterfüttertem Spitzeneinsatz sie eine Bernsteinbrosche +trug, zog sich mit ihrem Material in einen kleinen Raum +neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei +Mädchen, in hellen, knisternden Kattunkleidern, mit +Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel deckten. Und dann +wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und +Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, +geborenen Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan +von Marning. Das kam ihr sehr angebracht vor. Vielleicht +waren Likowski und Marning ja die einzigen Herren, +die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte +für die arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald +vorweg rasendes Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche +Ungewandtheit zutraute, doch eine Erleichterung +sein, sich auf einen Bekannten stützen zu können. Und +Likowski – den teilte sie sich selbst zu. – Welch ein Mann! +Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden +Männern ... Wie er mit blitzenden Augen von Frauenwürde +und Tugend sprach! ... »Tugend« – das war +für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste +mit einem Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich +sagen, daß sie eine Überfülle von Tugend besaß ... Und +Likowski wußte das zu schätzen! Er war auch in finanzieller +Hinsicht nicht gebunden. – Ach, man konnte nicht +wissen. – Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine +ritterlichen Worte danken ...</p> + +<p>Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im +Fremdenzimmer von Likowski einräuchern lassen. Er +ging in den Garten. Der war stilisiert und ganz auf Blumenzucht +und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und +Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. +An diesen Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor +dem Schloß einnahm, grenzte eine schräg zum Wasser +hinuntersteigende Baumpflanzung – eine Art Wäldchen, +von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>war ein geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks +hineingebaut. Da lagen ein Motorboot und ein großes +Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum und +hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck +zum Bug und rund um die Schiffsränder gespannt +waren.</p> + +<p>Braungoldener Schatten lag unter dem niederen +Dach, das Wasser im Bootshaus hatte den dunklen Schimmer +von Rauchtopas. Man sah durch den Bau wie durch +einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll +Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.</p> + +<p>Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den +schaukelnden Booten faltige Formen auseinanderbogen, +daß sie zu bunten Ballons wurden.</p> + +<p>Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ...</p> + +<p>»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft +hat oder nicht?«</p> + +<p>Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs +Wochen nach ihrer Hochzeit war er mit ihr und ihrem +Manne, dem Hauptmann von Strenglin, zusammengetroffen. +Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, +die in Armut und Treue lange aufeinander gewartet, +kaum ihr seliges Liebesglück vor den Augen anderer +recht zu verstecken wußten ...</p> + +<p>Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen +Glück hatte er neulich nichts gespürt, als er mit dem +Ehepaar zusammen am Tische des alten Herrn saß ...</p> + +<p>Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger +Kälte, gelangweilter Höflichkeit ...</p> + +<p>Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge +Frau gewesen. – Er auch, der junge Ehemann auch.</p> + +<p>Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der +alte Herr sprach davon, wie seine letzten Jahre nun gesegnet +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>seien, und nahm zärtlich die Hand der Schwiegertochter ...</p> + +<p>Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte +sie – wenn sie den alten Herrn bediente ...</p> + +<p>»Was geht das alles mich an? ...«</p> + +<p>Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig +imposante Anpflanzung.</p> + +<p>»Ein junges Stückchen Wald – halbwüchsiges Baumgedränge +hat keine Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... +wie bei manchen Menschen und manchen Schicksalen: sie +brauchen Reife, um ihre Schönheit zu offenbaren.«</p> + +<p>Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen +Wänden von weißen, quadratisch geordneten Holzstäben +hin. Sie waren anmutig berankt und durchflochten von +allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein +Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten +Seitengrenze des Gartens in einem Rundell.</p> + +<p>Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; +der noch blühende rote <em class="antiqua">Crimson rambler</em> bedeckte +sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen Abständen voneinander, +bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der Mitte +trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; +in allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal.</p> + +<p>Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen +Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue +ich hier eigentlich?« Und sagte sich dann: »Nun, man +muß gesellig sein – das Leben, der Stand bringen das +so mit sich – –«</p> + +<p>Und woher und warum so niedergeschlagen – fast +mutlos und überdrüssig?</p> + +<p>Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale +Zulage hatte ihn nie bedrückt. Es war sein Stolz, mit +ihr sich einzurichten – wie das, gottlob, der Stolz von +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Tausenden von Offizieren war. Unter Entbehrungen, +in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn einmal +die ernste, große Stunde käme ...</p> + +<p>Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, +man sah sie zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft +hinein, die Hitze nahm ihm die Keuschheit, mischte ihm +etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.</p> + +<p>Man wurde schläfrig davon – und doch so seltsam +erregt ...</p> + +<p>Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust +voll von Wünschen – und er hätte dennoch keinen beim +Namen nennen können. Eine unklare Begierde kam +über ihn, nach irgend einem Glück – einem großen, seligen +Glück ...</p> + +<p>Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz +und feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie +Arme beim Anblick reicher Lebensführung sich in ihrer +Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte das Prangen +dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf.</p> + +<p>Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf – +irgend ein Laut hatte das Gespinst zerrissen. Er horchte: +fern der Heulton eines Dampfers, der vielleicht flußauf +fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. – Nun wußte +er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen +kann auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar +gehen.</p> + +<p>Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, +durchdufteten und weltfernen Gartens.</p> + +<p>Er wollte aufspringen – war sehr überrascht.</p> + +<p>»Nein, ich setze mich zu Ihnen.«</p> + +<p>»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.«</p> + +<p>»Will ich auch – aber erst eine Stunde nach Tisch – +ich möchte nicht dick werden – lieber kastei’ ich mich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern +können.«</p> + +<p>»Na – sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit. +Obgleich es ja gerade für mich ganz egal +ist, ob ich hübsch oder häßlich aussehe,« sagte sie.</p> + +<p>Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. +Sie hatte den Ellbogen auf die Rücklehne der +Bank gestützt, und der runde, weiße Arm zeigte sich in +seiner ganzen Schönheit.</p> + +<p>»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt.</p> + +<p>»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, +»wer sieht mich denn wirklich an? Mit Freude +oder Interesse, meine ich. Denken Sie denn, daß es von +Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt: Frau +Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski +mal schwört, ich hätte meinen <em class="antiqua">beau jour</em>. Oder wenn sonst +einer der Herren mir ’n Kompliment sagt – halb versteckt, +damit ihre Frauen nicht eifersüchtig werden. – Ja, +man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson +in der Welt ist ...«</p> + +<p>Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche +Ergüsse nicht – aber doch, sie hatte im Grunde Recht. +Ihr Leben war, trotz allen Reichtums und aller Vergnügungen, +eigentlich einsam – vielleicht gar innerlich +arm.</p> + +<p>Wie schwer, darauf zu antworten.</p> + +<p>»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit +beglücke eine Frau – denn Schönheit ist immer +Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er.</p> + +<p>»Aber sie braucht Anerkennung – Verständnis – ich +sage nicht: Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung +der Gesellschaft nicht. Ein Wort, ein Blick der +Bewunderung von einem geliebten Menschen ... ach, +<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. – +Und das hab’ ich nicht – hatt’ ich nie ...«</p> + +<p>Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos – +wurde alles mit einer Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit +vorgebracht.</p> + +<p>Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch +unmöglich, um sie zu trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien +füllen.</p> + +<p>»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er.</p> + +<p>»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich +fand. Das war alles. Sie wissen es doch – warum soll +ich ein Hehl daraus machen: man hatte mich in die Ehe +mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten +sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. +Papa mit seiner rasenden Arbeit – ähnlich wie der Geheimrat, +aber in Textilindustrie – und Mama mit ihren +zahllosen Vorstandspflichten – Mama ist eine Vereinsdame +– Mama hatte auch eine Schwäche für Adel – +ein Baron sollte es sein –«</p> + +<p>»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie +wollen froh sein – lassen Sie die schweren Lebensumstände +heute unbesprochen – es erregt Sie.«</p> + +<p>»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. +»Niemand hat Interesse für mich – nicht einmal meine +Freunde – ich dachte, Sie wären mein Freund geworden. +Wenn ich einmal von mir sprechen will, ermahnt man +mich gleich, zu schweigen.«</p> + +<p>Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und +ungerecht, sie niemals zur rechten Aussprache kommen zu +lassen.</p> + +<p>Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau +von einem unverantwortlichen Kind hatte – zum Schutz, +zum Bevormunden herausforderte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben +erzählen, als Sie mir nur immer anvertrauen mögen – +ich erbitte es als besondere Gunst,« sagte er sehr herzlich.</p> + +<p>Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den +Klatsch über ihre Mädchenjahre – wer wußte etwas +Sicheres? Sicher war dagegen, daß er selbst viele Züge +der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an ihr +hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald +immer? Ihre Dame sei gar nicht imstande, ihr eine +Demütigung zuzufügen. Welche Seltenheit – eine Frau, +die eine gebildete Untergebene immer zu schonen versteht – –</p> + +<p>Man kann so rasch denken. – Das alles war ihm +gegenwärtig, während er sprach, und färbte seinen Ton +noch viel herzlicher, als er wußte.</p> + +<p>Und sie hörte noch mehr hinein ...</p> + +<p>»Ach ja – ja,« flüsterte sie, »ja – ein anderes Mal +– aber bald – nicht wahr? Bald?«</p> + +<p>Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die +ihre zu küssen.</p> + +<p>Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte +ihn still.</p> + +<p>Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle +und Glut – als verkörpere sich die heiße +Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern.</p> + +<p>Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen +– sie drängte ihn zu diesem roten Mund. Der +war ein wenig verzerrt vor Begehrlichkeit. Und ihre +schwimmenden Augen hatten weichen Glanz – schlossen +sich halb – zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl +von Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... +daß sein Herz zu klopfen begann ...</p> + +<p>Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>wenn er jetzt der Versuchung erlag, entschied es über +sein Leben. Ein Kuß auf diese lechzenden Lippen, und +er war gebunden ...</p> + +<p>Er riß sich zusammen – mannhaft und überlegen. – +Nicht in Abwehr. Aber in Besonnenheit.</p> + +<p>Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, +wunderlich zutreffende Verständnis für die Annäherung +und den vorsichtigen Rückzug eines Mannes +blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß – das war eine +Abschlagszahlung – ein Vertrösten – keine Zurückweisung. +– Aber doch: es war quälend, in diesem Augenblick, +wo sie ihr Leben darum gegeben hätte, sich satt zu +küssen.</p> + +<p>Sie stand auf – reckte sich wieder. – Das war immer +wie ein Schauspiel und ein unbewußtes Sichdarbieten – +lachte ein wenig gezwungen, und doch war zärtliches +Gurren in der Stimme.</p> + +<p>»Ja – an einem ruhigen Tage – dann kommen Sie +– Sie allein – und ich erzähle Ihnen mein Leben. – +Und jetzt will ich wirklich ruhen ...«</p> + +<p>Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes +Gerank all die zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie +sich noch einmal um, winkte mit ihrer weißen Hand, an +der die Brillanten blitzten ...</p> + +<p>Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: +sie war in ihn verliebt, und er konnte sie haben. – Da +war also ein Glück! Er hatte sich doch schweren Herzens +vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau von üppiger +Schönheit. – »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte +sie in einen Harem passen,« dachte er. – Eine Frau mit +großem Vermögen und Erbaussichten auf noch viel mehr. +Eine Frau von gutherzigem Wesen. »Sie weinte neulich +beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier gebissen +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>hatte – – sie ist außerstande, sich etwas Schönes +zu kaufen, ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, +damit der das Zusehen nicht sauer wird.«</p> + +<p>Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines +Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?</p> + +<p>Es war sozusagen das große Los.</p> + +<p>Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, +den runden Arm, die weiße Haut ... Sein Blut wallte +auf ... Und wenn sie jetzt noch hier gewesen wäre ... +Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen – nichts +überstürzen –</p> + +<p>Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der +Terrasse, im Salon, der sich mit zwei Türen auf die Terrasse +zu öffnete, in der Diele, die wiederum an den Salon stieß, +so daß der ganze mittlere Teil des Erdgeschosses für gesellige +Zwecke sich wie ein einziger sehr großer Raum benutzen +ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige Beweglichkeit +und der Hang, alle paar Minuten den Platz +zu wechseln, ihm etwas Neues an der allergnädigsten +Hausfrau sei. Ferner stellte er fest, daß sie eine andere +Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil die +armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick +werden mußten. Und bei sich dachte er: sie hat jawoll +<em class="gesperrt">noch</em> weniger an als vorher ... Aber dies zarte Lila, +dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich.</p> + +<p>Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten +der Gäste, die viel zu spät kämen, spanne ab.</p> + +<p>Und ihr Blick – den Likowski sah und höchst vielsagend +fand – glitt hinüber zu Stephan Marning. Und – wahrhaftig: +erwiderte der Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen +sah er nicht aus – das konnte man bei schärferem +Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif? Hatte +sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>gab seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß +Marning nicht den Abschied nähme, um in Wohlleben zu +versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr. Marning +zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine +Vorteile aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht +des deutschen Soldaten war: das Schwert blank halten. – +Die Stunde kam bald doch mal, wo ... Ja, der Stephan +Marning – ein ganzer Kerl – man konnte ihn heiraten +lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er +dachte: kein kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes +Pläsier, der Erlöser Agathens zu sein ...</p> + +<p>Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. +Etwa fünfundzwanzig an der Zahl. Da war der Großindustrielle +Herr Detlev Stuhr mit seiner bemerkenswerten +Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der Gesellschaft +erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht +für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten +Häßlichkeit, sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken +Näschen und hellbraunen Augen, aus denen allerlei lustige +und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf saß fein auf +sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich +ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem +blassen Blau dünner Stoffe. Und das zu rote Haar war +mit einer so malerischen Berechnung geordnet, daß eine +Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski verkehrte +im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene +Vater, ein hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte +damit, daß er zu schwach sei gegenüber der Tochter, und +klagte über sie in Wendungen, die im Grunde lauter Lob +und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.</p> + +<p>Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und +Frau von Pankow. Er setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel +auf der Terrasse, mit auseinandergestellten Knien, +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun, sprach den +Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei +einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, +die Finger um ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler +Ruhe zuhörte.</p> + +<p>»Wär’ ja Selbstmord ... ’ne Verfassung?! Seit 1755 +haben wir uns famos bei der bisherigen befunden ... +bin meinem Großherzog loyal ergeben – das versteht +sich – aber ’ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft +nich zu – nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg +– nein.«</p> + +<p>Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute +wuchtig aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen +Ansicht erst die rechte Färbung. – Sein rundes Gesicht +war rot von der Hitze der überstandenen Fahrt. Aber +sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich in glänzender +Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes +Härchen.</p> + +<p>Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso +rundlich, sprach etwas leutselig mit Fräulein von Gerwald, +der sie sich immerhin näher als mancher anderen Anwesenden +fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr alter Adel +waren.</p> + +<p>Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in +Stoffen, wie sie für Körperfülle gar nicht ungeeigneter +sein konnten. Seinen Spitzbauch umglänzte eine weiße +Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte hellgrauer +Atlas.</p> + +<p>»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte +Fräulein Edith zum jungen Leutnant Hornmarck. Und sie +lachten.</p> + +<p>Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, +an dem er wie ein alter Bruder herumerzog, ging +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe um – alle Woche +zweimal spielte man Tennis zusammen – es kamen +Freundinnen aus Lübeck – Referendare – allerhand +halbwüchsiges Volk, das sich aber natürlich für voll und +lebensreif hielt. – Und Hornmarck hatte sich verliebt. – +Na, das war ja selbstverständlich. – Aber es hieß aufpassen: +tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen +von zu frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte +das: mit zwanzig denkt man intensiver ans Heiraten als +um die dreißig herum. – Und denn diese Edith! Zu +amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ...</p> + +<p>Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors +Thürauf sprachen vernünftig mit zwei Offizieren und dem +Freiherrn von Brelow, der als Administrator eines der +großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete, die sich +mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern +an der Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; +ein etwas stiller, stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen +Zug im Gesicht, den Sorge hineingeschrieben.</p> + +<p>»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, +»das wär’ der Mann für Ihre Älteste. Er ist tüchtig und +hat Charakter. Ich wollt’s ihm gönnen, daß er wieder auf +eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das kleine, +eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte – +sein Vater war ’ne Jeuratte – der Sohn is nich belastet +– rührt keine Karte an – nee, kann ich beschwören – +tut er nich.«</p> + +<p>»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für +mich sein, Herr von Pankow. Ich habe drei Töchter – +drei!« sagte der Generaldirektor lächelnd.</p> + +<p>Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch +in die Luft, auf sein Gegenüber zu.</p> + +<p>»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn +<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>Jahren Generaldirektor mit ’n Ministergehalt und Tantieme +auf Severin Lohmann! Wenn das nicht flutscht ...«</p> + +<p>»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen +uns nur so auf Goldsäcken herumwälzen.«</p> + +<p>In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige +Frau Thürauf mit der Baronin Bratt und dem +Oberleutnant von Marning.</p> + +<p>»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie +sehr meine Töchter meinem Mann ähneln. Von mir keinen +Zug.«</p> + +<p>Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie +Neuankommende begrüßt hatte, als zöge es sie magnetisch +dahin, wo Stephan Marning stand. Und sie ahnte nicht, +daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben +ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht – vom Betrachten +und Bewachen der Flamme wird der Blick blind +für alles ringsum.</p> + +<p>»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und +ich bin so gespannt! Als sie bei mir Besuch machen wollten, +war ich in Berlin – Papas Geburtstag. – Und als ich +bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.«</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht +von Wind und Wetter braun war wie das eines Mannes, +»das junge Paar macht sich nicht viel daraus, zu verkehren. +Der Geheimrat hielt ja immer drauf – er sah ja auch +in der Geselligkeit so ’ne Art volkswirtschaftliche Pflicht – +fand es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit +hinaus Beziehungen zu unterhalten. – Neulich, als ich +mal zu ihm fuhr – ich verdanke ihm ja manches – als +ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften +mußte. – Na, das gehört nicht hierher. – Neulich hielt +er mir einen kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf +seinen Wunsch haben die Kinder dann Besuch gemacht – +<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>bei mir waren sie mal nachmittags, zur Kaffeezeit. Ich +hatte auch Vorurteile – wer hat sie nicht! – die Heirat +war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es +wohl das Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die +junge Frau hat mir gut gefallen. Mir ist auch des Geheimrats +Urteil maßgebend. Und er stellt sie hoch.«</p> + +<p>Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin +des Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über +die Schwiegertochter des alten Herrn zu sprechen. Aber +gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen Sie, Baronin, +es war recht eigen – gerade für mich! Das kann man +sich wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt +zu tun gehabt – solange keine Frau im Herrenhaus +war, kümmerte ich mich, ohne Mandat sozusagen, +manchmal um Severinshof – in solcher Arbeiterkolonie +kann man immer mal helfend einspringen – auch im +Schulhause sprach ich wohl vor – und da Fräulein Hildebrandt +doch die Tochter des Vorgängers meines Mannes +war, tat mir’s immer extra leid, daß ihr Leben so anders +lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch +ohne das viel Sympathie für sie, die ich sie merken +ließ. So was fühlt sich gegenseitig. Und mit einem Male +ist sie die Schwiegertochter unseres Chefs ... Aber welch +ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu danken +für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die +Hoffnung auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung +gewesen sein möge für unser weiteres Verstehen. – Es +berührte angenehm. Keine Spur von Auftrumpfen ...«</p> + +<p>»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es +reizte ihn. Warum die Nachsicht? Immer wieder sollte +man es hart und laut sagen: »Sie hat sich doch verkauft.«</p> + +<p>»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich +halblaut, obgleich das Ehepaar Lohmann fern in der Diele +<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>erschien, während sie selbst in der Tür zwischen Salon und +Terrasse stand.</p> + +<p>Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft +legte sich plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne +das sofort spürte und als taktlos empfand, dauerte es keine +zweite Sekunde, bis die Stimmen mit erhöhter Lebhaftigkeit +sich erhoben.</p> + +<p>Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war +der junge Wynfried schön wie ein Apoll gewesen – eine +Erscheinung, wie man sie unter der männlichen Jugend +der englischen Aristokratie zuweilen trifft. – Er war +gealtert – der Jünglingszauber war davon – stattlich sah +er zwar aus; aber gar nicht mehr auffallend – so auf +der Stelle bezaubernd.</p> + +<p>Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr +Schönheitsideal waren natürlich blonde, üppige Frauen +mit herrlichem Teint. Und diese Klara Lohmann schien +ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt. +Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß +und ernst waren und sogleich fesselten.</p> + +<p>Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre +Voraussetzungen unzutreffend gewesen waren. Die junge +Frau Lohmann nahm die Vorstellungen mit einer schlichten +Freundlichkeit, gänzlich unbefangen entgegen; die ihr schon +Bekannten – und es waren schließlich die meisten – +bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge +Ehemann zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.</p> + +<p>Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. +Der Freiherr Stephan von Marning wechselte mit dem +Ehemann einen flüchtigen Händedruck und verneigte sich +fremd vor der jungen Frau.</p> + +<p>»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem +Ritter, dem Leutnant Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert +<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>mich fabelhaft. Sie machen so ’n gänzlich unverheirateten +Eindruck.«</p> + +<p>»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« +meinte der kleine Leutnant.</p> + +<p>»Ach, wer da so ’reingucken könnte!« sagte Edith mit +einer wahrhaft gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen +Ehe.</p> + +<p>Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte +im Garten umher und war genügsam des Beisammenseins +froh, das ja durch mancherlei kleine Schwingungen, +verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize +hatte.</p> + +<p>Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und +tröstete sich damit, daß Fräulein von Gerwald beflissen +um die älteren Damen besorgt sei. – Es zog sie – es +trieb sie – sie mußte, <em class="gesperrt">mußte</em> immer wieder Stephans +Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, +dies Mädchen, dem man einfach alles zutrauen konnte, +mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach. Ihr Fraueninstinkt +wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen +Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen – +halten eine Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht +quälte sie ...</p> + +<p>Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon +früh den schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage +gab den Blick frei nicht nur auf die weite Ferne und Wyk +und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren Himmelsraum, +dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine +feine Farblosigkeit zu verwandeln.</p> + +<p>Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, +suchte ihre Herrin und gab die empfangene Meldung +weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und da erst fiel +es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>im Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, +Hauptmann von Likowski und Frau von Pankow.« Das +erinnerte an so viel Würde. – Mein Gott, ja, sie war +nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann. +– »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« +fragte Agathe, als sie mit ihrer Gesellschaftsdame +auf die Terrasse zuging.</p> + +<p>»Den Freiherrn von Marning.«</p> + +<p>Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher +konnte der geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. +– Aber doch: Frau Klara Lohmann würde sicher erwarten, +daß Herr von Pankow sie führe. Entschieden – so war es +nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im letzten +Augenblick unmöglich.</p> + +<p>Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald +keine glückliche Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit +wollte fördern, wo sie zwei auf dem Wege zueinander +witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant Hornmarck, +und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; +sie setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und +das beunruhigte den Generaldirektor und seine Frau und +raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder ließ sie die Baronin +Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür bekannt +war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite +hatte und obendrein als Grenznachbar des Brattschen +Gutes in vielerlei kleinen Ärgernissen mit der ihm zu +autoritativen Baronin lebte.</p> + +<p>Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer +Gäste nicht sehr munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. +Mit glücklichem Gefühl beobachtete sie, daß +Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und höflich +unterhielt – natürlich mochte er sie nicht leiden – +daneben versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die +<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Erinnerungen an jenen schönen Abend von damals wachzurufen.</p> + +<p>Er lächelte.</p> + +<p>»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man +so als junger Dachs alles wagt! Und nach sechs Jahren +darf ich es wohl gestehen: ich war an jenem Abend rasend +in Sie verliebt.«</p> + +<p>»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. +Ja – jetzt sind Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. +– Ein würdiger Mann. – Schrecklich ernsthaft verheiratet. – +Teilhaber an Severin Lohmann. – Und +machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?«</p> + +<p>»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur +gab ihm zu seinen Geistesgaben auch noch die Hünenkraft – +sie ist ja noch fast ungebrochen. – Wenn die linksseitige +Lähmung nicht wäre. – Aber ich versuche mich einzuarbeiten. – +Das große Interesse, das meine Frau hat, ist +dabei nicht unwichtig. – Teilhaber werde ich offiziell am +1. September.«</p> + +<p>»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« +sagte Agathe in plötzlichem Entschluß. Der von ihr +geliebte Mann verkehrte doch bei den Lohmanns. – Grund +genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine +nähere werden zu lassen.</p> + +<p>»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, +Baronin. Meine Frau hat eine sehr ernste Jugend gehabt. +So ist sie ein verschlossener Mensch geworden. Ein +wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.«</p> + +<p>Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, +dachte Agathe.</p> + +<p>Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein +könnte, dieses wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen +ging es ja wie ein Erwachen durch ihn hin – ein +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte aufwallen, daß +ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge.</p> + +<p>Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher +zu ihr neigen mußte, hatte einen Duft an sich – einen ganz +bestimmten Duft, süß und zart, den Wynfried kannte. +Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte Erinnerungen +aus dem Schlaf auf.</p> + +<p>Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm +– verzeihen Sie die Frage, Baronin – aber Sie +wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein Duft!«</p> + +<p>Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als +Bezugsquelle. – Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein +Nachhall aus verrauschten Tagen ... Der bittere Zug kam +in seinen Mundwinkel. – Er sah zu seiner Frau hinüber. +Zufällig trafen sich ihre Blicke.</p> + +<p>Da lächelte er freundlich ...</p> + +<p>Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen +Hand er wieder emporkam ... Und im Trotz gegen diesen +Duft nickte er ihr zu.</p> + +<p>Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme.</p> + +<p>Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. +Nein, mehr noch: gezwungen, konnte sie denken. – Und +sie wußte nicht, was für Gespräche sie versuchen sollte – +jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste fühlte sie sich befangen +– und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine +ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie +sich doch nicht zu entschließen vermochte, davon zu sprechen. +Sie war nie dazu gekommen, ihm für die arme kleine pastellblaue +Wollmütze zu danken, die er damals gefunden und +ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie +ihm einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. +Bei dieser Begegnung gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, +daß es ihr weh tat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe +sich an einen reichen Mann verkauft.</p> + +<p>Das verschloß ihr den Mund.</p> + +<p>Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte +sie sich außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen +– als sei das wunder was gewesen, ein Erlebnis, +daran man nicht rühren dürfe ... Und nun rang sie mit +dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber unmöglich.</p> + +<p>Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?«</p> + +<p>»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin – +zur Turnanstalt kommandiert.«</p> + +<p>»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es +Ihnen nicht schwer auf dem Lande, in der kleinen Stadt? +Das Leben ist so anders.«</p> + +<p>»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie +die Severin Lohmann die Gegend beherrscht, ist weder +Kleinstadt noch Landstille. Man hat immer das Gefühl, +als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken +umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!«</p> + +<p>»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte +Klara lebhaft. »Mir ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare +Arbeit der Natur, die uns sonst geheimnisvoll verborgen +bleibt, sich in einem geschlossenen, durchsichtigen +Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem Hüttenwerk +mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft +unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat +ihr ihre Misch- und Kochkünste abgelauscht und wiederholt +sie oben im Licht, auf sicherere und positivere Art.«</p> + +<p>»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für +das Lebenswerk Ihres Herrn Schwiegervaters.«</p> + +<p>Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber +Klara fragte: »Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu +bitten.«</p> + +<p>»Wir wollen es Ihnen zeigen – Wynfried und ich – +oder mein Mann allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er +mich nicht dabei haben mag ...« dachte sie.</p> + +<p>»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt.</p> + +<p>Sie suchte nach einem anderen Thema.</p> + +<p>»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition +Offizier geworden?« fragte sie.</p> + +<p>»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.«</p> + +<p>»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der +lange Friede – und das mehr und mehr entschwindende +Verständnis für die Größe Ihres Berufs ...«</p> + +<p>Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.</p> + +<p>»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu +tun, Bitterkeit von sich abzuwehren, daß sie einem den +frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist schmal – die Zulage +klein – Offizier sein, heißt von tausend Fällen neunhundertmal: +mit stiller Würde entsagen können und auf +alle sorglos reichlichen Lebensformen verzichten. Man +hat sich dem Vaterlande gelobt und ist mit dem guten Bewußtsein +zufrieden, das volle Hingabe immer gibt. Aber +wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten +Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird – +das tut weh. Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn +man todmüde vom Dienst kommt und dann als Erfrischung +ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was Uniform +trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut +ist man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen +Dienst – vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei +kriegswissenschaftlicher Arbeit. Und dann liest man, noch +nicht mal bloß in sozialdemokratischen Blättern, Urteile, +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder Unverständnis +einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich +einmal zeigen zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet +haben – ja, die wird schon fast Ungeduld. Wenn +auch nicht alle so viel davon sprechen wie Likowski. Und +doch – während man so ungeduldig ist, muß man zugleich +aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen +eines Krieges erspart bleibt. – Ja, er ist nicht ganz einfach, +unser Beruf ... Konflikte ... keine leichten ...«</p> + +<p>»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In +dieser Zeit, wo gewisse Schichten das Wort ›Vaterland‹ +nicht hören können, ohne von Hurrapatriotismus und Sentimentalität +zu höhnen.« Und nach einer kleinen Pause +sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen +Worten am stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem +guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer gibt.«</p> + +<p>Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm +– so deutlich fühlte er es, als habe sie es ihm +erklärt.</p> + +<p>Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der +Vorsicht, das ihn zwang, sich fern und feindlich von ihr zu +halten, war ihm entglitten. Er dachte: »Wir verstehen +einander – sie und ich ...«</p> + +<p>Aber sie hatte sich ja doch verkauft – und das war +gegen seine Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es +sich noch einmal nachdrücklich.</p> + +<p>Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle +Hochsommernacht so mächtig da, daß alle Leute sich von +etwas rätselvoll Großem wie gebändigt fühlten und alle +einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der hinschwindende +Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene +Sichel ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als +<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>sonst noch – zu kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer +Höhe, kaum erkennbar. Und die eine Seite des Himmels +rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die Lichter +von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen +man von hier nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet +man aus dem gespenstigen Schein, der nach regelmäßigen +Pausen über die grenzenlose Dunkelheit hinhuschte, von +der man wußte: sie ist das Meer ...</p> + +<p>Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen +auf. Ohne daß er darauf achtgegeben, hatte Agathe sich +ihm genähert. Sie flüsterte, als sei schon geheimes Einverständnis +zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein, daß +wir zusammen ins Ruderboot kommen.«</p> + +<p>Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, +als wolle eine Frauenhand ihn streicheln, die er um keine +Liebkosung gebeten hatte ... Er nahm sich zusammen. – +Sie nicht verletzen – klug sein. – Heute nachmittag, in durchdufteter +Sonnenglut hätte er doch beinah die roten Lippen +geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ...</p> + +<p>»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte +er zurück.</p> + +<p>Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt +in den geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser +des Wyk zu machen. Nur ein paar ältere Herren und die +Baronin Bratt blieben zurück.</p> + +<p>»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith.</p> + +<p>»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« +sagte jemand.</p> + +<p>Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr +starkes Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. +Sie wollte ihrer Herrin nicht das Programm verderben. +Und würgte lieber die jäh aufsteigende, schlotternde Angst +hinunter.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils +echten Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas +merkwürdig Törichtes.</p> + +<p>Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden +Wegen aufgehängten bunten Laternen hergaben, sah er +dicht vor sich Frau Klara Lohmann. Zuweilen konnte er +ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen Haaransatz +erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in +diesem Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet +war ... Sonderbar. Sie hatte doch reich werden wollen ...</p> + +<p>Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter.</p> + +<p>Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser +zu fallen, und war recht laut. Sie wollte auch durchaus +selbst ein Ruder haben, und deshalb stieg sie in das Ruderboot, +wo die blonde Hausfrau, ein wenig schwer atmend, +schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal +umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan +keine Mühe kostete, sich auszuschließen.</p> + +<p>Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch +mit hier herein ...«</p> + +<p>Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz +mehr.«</p> + +<p>»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein +Thürauf.</p> + +<p>»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann.</p> + +<p>Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen +Querbank, neben der jungen Frau Lohmann. Und die +Maschine fing an, eilig und mit kleinen, dunklen Tönen zu +puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit +rauschendem Flügelschlag davonstieben. –</p> + +<p>»Wie schade,« sagte Klara.</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Daß wir die Sommernacht entweihen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>Er hatte dasselbe gefühlt.</p> + +<p>Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten +hübsche Stimmen und fingen an zu singen. Es klang sentimental. +In den Gesang hinein schrie wieder jemand: »Es +wetterleuchtet aber fix.«</p> + +<p>Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die +Laternen an Bord hätte man vielleicht den metallischen +Blauglanz der Hochsommernacht erkannt. Die roten, +durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber.</p> + +<p>»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man +bei frischer Laune sein,« dachte Stephan und konnte selbst +nicht begreifen, weshalb ihm dies alles so überflüssig und +geschmacklos schien.</p> + +<p>Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten +immer rascher trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen +Himmel zerriß. Es schien aber niemand im Boot +ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine +zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder +weiterfahren solle. Aber die behielten noch die Vormacht +beim Entscheid, die auftrumpften: »Das Ruderboot denkt +nicht an umkehren – seht! Es schießt flott weiter hinaus. – +Und da ist doch die Baronin selbst an Bord – und sie ist +doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei – bloß keine +unnütze Angst, meine Herrschaften.«</p> + +<p>Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als +plauderten liebliche Stimmen unbekümmert vor sich hin. +Laue Luft wehte den Fahrenden entgegen, wie das Boot +so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte. Einige Minuten +lang schwiegen die Insassen.</p> + +<p>Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf +auch am nördlichen Himmel ein Blitz. – Niemand hatte +gemerkt, daß rundherum Wolken heraufgezogen waren. – +Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei aus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.</p> + +<p>Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel +nieder, Donner schütterte durch die Luft, das Wasser gärte +in Unruhe. Aber man hätte dieses große Schauspiel ohne +Angst ansehen können, denn der Mann an der Maschine +lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning +hin, ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn +Minuten konnte man wieder sicher unter das Dach des +Bootshauses eingeglitten sein. Höchstens konnte etwa +bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm +werden.</p> + +<p>Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen +weiblichen Bedürfnis gefaßt, sich in Gefahr und Angst +hineinzusteigern. Die instinktive Begier nach Schrecknissen +und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen packte +sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer +schreien, weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte +Bedrohlichkeiten fürchten.</p> + +<p>Die Offiziere baten – beschworen – wurden streng. – +Umsonst. Das leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von +der einen Seite des Bootes sich auf die andere hinüberstürzen. +Es schwankte so sehr, daß es zweimal in Gefahr +geriet, umzuschlagen.</p> + +<p>Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend +wie alle nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug +Miterleidende machen. Selbst die vernünftigen beiden +Fräulein Thürauf weinten – und die eine schrie: »Wir +wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, +um sich nicht ins Wasser zu stürzen.</p> + +<p>Stephan saß neben der jungen Frau. – Er faßte beruhigend +nach ihrer Hand. – Klara saß ganz still. Sie +schien sehr bleich zu sein. Mit großen Augen sah sie dem +angstzuckenden Gebaren zu – es hörte ja auf, lächerlich +<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle +Insassen war.</p> + +<p>Ein nächster Augenblick – ein Ungefähr konnte das +Unglück herbeiführen – es brauchte nur ein Blitz greller +und näher herabzufahren. Der Donner brauchte nur +rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den +Verstand verlieren.</p> + +<p>Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, +von der Besessenheit des Grauens erfaßt worden. Aber +sie sah deutlich: diese Tollen beschworen herauf, was ohne +Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre.</p> + +<p>Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt +... Da fühlte sie, daß eine starke Hand tröstend die +ihre umfaßte. Sie wußte plötzlich: es kann ja nichts geschehen.</p> + +<p>Er sah ihre Selbstbeherrschung – wie liebte er gefaßte +Haltung, geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser +jungen Frau inmitten all der sinnlos sich Gebärdenden +war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe ihr Unrecht +getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er +heute ein wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können +– die war keiner niedrigen Handlung fähig.</p> + +<p>Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft +suchen – warum nicht trachten, sie näher kennen zu +lernen?</p> + +<p>Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war +ein Blitz niedergefahren. – Polternd schien die Luft auseinander +zu fallen – als ob ihre Räume zerbarsten, klang es.</p> + +<p>Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, +das Boot steuerbord so stark auf die Kante, daß +nur das Gegengewicht, das mit Geistesgegenwart von den +Offizieren gegeben wurde, es noch einmal rettete. Und +im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>– als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß +prallten die Tropfen auf und in solchen Mengen, als +habe einer neben dem anderen keinen Platz.</p> + +<p>Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus.</p> + +<p>Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in +Wasserfluten, die Begierde auf Rettung durch starke +Männerarme, die Schwelgerei weiblicher Schutzbedürftigkeit +in Gefahr – alles erlosch. Und nur noch der eine Gedanke +hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein +Kleid!«</p> + +<p>Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. +Die Spitzen und Tülle der Kleider nur noch anklebende +Lappen.</p> + +<p>Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und +die junge Frau erriet auf der Stelle, daß er ihn ausziehen +und ihr umlegen wolle.</p> + +<p>»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.«</p> + +<p>Auch das Ruderboot kam rasch heran – an seinem +Borde schien kein Kampf der Furcht sich abgespielt zu +haben.</p> + +<p>Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen +war ein Gedränge halb komischer, halb tragischer Art. Man +lachte, weinte, trumpfte auf, schämte sich.</p> + +<p>Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila +Chiffonkleid nur noch ein unzulänglicher Badeanzug +war, und sie fing schon gleich an, ihr blondes Haar auseinander +zu lösen – alle konnten so seine Fülle sehen – das +machte ihr Spaß. –</p> + +<p>Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und +Gatten neben den Blausilbernen, die ihren Glanz in +Gummimäntel gehüllt hatten. So viel Regenschirme es +im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle.</p> + +<p>Aber was halfen nun noch Schirme.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, +vor Vergnügen außer sich.</p> + +<p>Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher +Besorgnis seiner Frau zuwendete.</p> + +<p>»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche +wahr, und sie lieben sich.«</p> + +<p>So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe +hatte wohl Recht, als sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich +schöne Natur. – Verlaß ist nie darauf.«</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_5" id="Kapitel_5"></a>5</h2> + + +<p><span class="dropcap">K</span>lara dachte über die vergangenen Monate nach.</p> + +<p>Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, +und ihr dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.</p> + +<p>Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses +ein und hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, +eines nach den Anlagen und dem Fluß zu. Aber auch von +diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren gewohnten +Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick +hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende +Welt der Arbeit.</p> + +<p>Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das +Zimmer. Sie waren völlig unbeschädigt erhalten gewesen, +und man hatte nur ihrem Mahagoniglanz nachgeholfen. +Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen Seidendamast +stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der +Mutter. Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr +glich, leuchtete fein und hell vor dem grünen Hintergrund +im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem halbhohen +Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den +kleinen Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe +hin und her; oberhalb des Zifferblattes, auf der alabasternen +Brücke, schritt der kleine, fiedelnde Amor. Nichts +war hier neu als der Teppich, der zu der Einrichtung +passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den +<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge +Frau nicht durch häusliche Pflichten oder durch ihren +Schwiegervater in Anspruch genommen war, saß sie am +liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den Fluß, +das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und +rotbunt mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich +um den Kirchturm drängte. Sie sah auch die Schornsteine +und die Spitzen der wunderlich phantastischen Bauten des +Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach oben zu +in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie +umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. +Sie verfolgte, wie an den Schrägaufzügen die +kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte, daß die dann +oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen hineinschütteten.</p> + +<p>Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den +Rauch schon vom Rande weg und zerjagte ihn ostwärts in +der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam manchmal die +Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der +hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das +Wasser des Flusses und der Bucht, zu der er sich gleich +hinterm hohen Ufer des Städtchens erweiterte, wechselte +die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald gleißte es +in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, +wie trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem +Flügelschlag im Schatten, mit silbrigem Blitzen in der +Sonne.</p> + +<p>Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der +Anlagen hing hie und da noch rostfarbenes Laub. Von +den meisten Ästen und Zweigen aber hatten Nebel, Regen +und Sturm es längst fortgerissen.</p> + +<p>Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, +das die Landstraße von der Besitzung schied, arbeitete der +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>Gärtner, um die Rosen niederzulegen und allerlei niedrige +Ziersträucher, die den Vorgarten schmückten, für den Winter +mit Tannendecken zu schützen.</p> + +<p>Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien +niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit +dachte sie über den Weg nach, den ihr Leben in den +letzten Monaten zurückgelegt.</p> + +<p>Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung +in allen äußerlichen Daseinsbedingungen kaum +ein Gegenstand ihrer Betrachtungen. Eigentlich hatte sie +sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem +reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch +Erinnerungen genug wach waren an die Üppigkeit, die +ihre erste Jugend umgab; vielleicht auch, weil sie in diesem +Raum eine ganz gewohnte Umgebung behalten hatte; +und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom Reichtum +zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter +entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes +an sich erfuhren, tragen als Gewinn all des Jammers +Unabhängigkeit davon. Klara wunderte sich selbst oft, +wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen +dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, +wenn etwa ihre Pflegemutter wie trunken und +staunend von dem Reichtum sprach: es ist ja gar nicht +meiner! – Sie war keinen Augenblick berauscht von dem +Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher +fühlte sie sich in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen +die eine bestimmte Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll +sein würde, Aufwand für ihre Person zu verlangen +oder zu treiben.</p> + +<p>»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, +wenn die alte Doktorin Lamprecht immer wieder ihre +einfache Kleidung besprach und meinte: »An deiner Stelle +<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit Schmuck +behängen? Und von Samt und Gold starren?</p> + +<p>Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu +bleiben, war ihr einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.</p> + +<p>Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße +Dankesschuld abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.</p> + +<p>Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie +wie ein Auftakt zu einem festlichen Tage war, und dachte +nach, wie weit sie denn eigentlich gekommen sei und ob +alles schwer oder leicht gewesen.</p> + +<p>Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! +Von jenem ersten Augenblick an, wo sie als Braut seines +Sohnes neben seinem Sessel niederkniete und die Hand +küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters und die +Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ...</p> + +<p>Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das +junge Mädchen konnten nicht von dem sprechen, was sie +zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten: rette meinen +Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn – +damit er dir recht leben kann!</p> + +<p>Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das +wunderbarste, und wie sie sich damals mit langen, tiefen +Blicken alles gesagt, so war es bis auf den heutigen Tag +geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein rascher +Blick – und sie wußten voneinander, was sie dachten. +In großen Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und +der alte Herr sagte manchmal: »Kind, ich muß mir’s immer +mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von meinem +Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis +seelischer Übertragungen. »Deine Mutter hat mich +geliebt und hat mich verstanden. – Das hat hinübergewirkt +auf dein Wesen – vielleicht ohne daß sie es +wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm +sie reich machte und wie viel Interesse er in ihr weckte, wie +er ihr Wissen erweiterte. Ihr geistiges Leben, so dachte sie +oft, begann in der Zeit, als sie den Kranken jeden Sonntag +hatte besuchen dürfen.</p> + +<p>Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung +das Gefühl: ich habe recht getan. –</p> + +<p>Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, +wie kein Arzt es für möglich gehalten; seine Stimmung +war so gleichmäßig und milde, wie man es noch nie an +ihm beobachtet hatte.</p> + +<p>Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder +Treue ergeben war, sagte der jungen Frau: +»So kommt der große Arbeiter, der nie für sein privates +Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem +schönen Abend.«</p> + +<p>Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen +behangen.</p> + +<p>Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?</p> + +<p>Da war’s nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde +noch nicht immer einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet +Klara bald, hatte von vornherein die Annahme: Die +junge Frau regiert den alten Herrn, also heißt es bei +ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte +es demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten +auf die Führung eines so großen Hausstandes vorbereitet +war, mußte sie all ihre rasche Intelligenz zusammennehmen, +um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute +alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen +kleinen Rahmen ihres wirtschaftlichen Lebens heraus, +auch keinen Rat geben. Aber sie entdeckte in sich überraschenderweise +die Begabung für diese Dinge, die vielleicht +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr +Mut, und sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. +Als ihr Schwiegervater einmal schalt, daß sie zu viel +umherlaufe und sich mit der Organisation der Rechnungsablage, +mit der Kontrolle der Wäschevorräte und +der Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, +sagte sie: »Ach, Vater – das meinst du gar nicht wirklich. +Es sind doch Werte! Wenn es auch vielleicht für deine +Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im Jahr +mehr verbraucht werden – für deine Leute ist es nicht +gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten +in großen Häusern allzu flott wirtschaften dürfen, können +sie nachher keine guten Haushalter werden in ihrer eigenen, +oft so sorgenvollen kleinen Selbständigkeit.«</p> + +<p>Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem +Sinne.</p> + +<p>Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine +unerhörte Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, +wenn viele und rasche Bedienung, jede Erleichterung +des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm die +Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer +dieser Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände +und den Ablauf der Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte +ihn noch ein anderer Grund zu reicher Lebensführung. +»Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er zu +Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung +ist mir verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. +Und du tust recht, nicht nur zur Erziehung der Leute, +sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu führen.«</p> + +<p>So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung +kümmerte er sich nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, +daß sie bei möglichster Einfachheit blieb, und sie lächelte +oft gerührt in sich hinein, wenn sie spürte, wie er sie +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>bewunderte. – Sie dachte dann immer: es ist ja eigentlich +meine Mutter, der er huldigt.</p> + +<p>Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die +hatte einen Namen und hieß Leupold. Ein Diener, der sich +in fünfundzwanzig Jahren so in die Art seines Herrn +eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr immer +anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile +gesucht, der in schweren Nächten treu gewacht und an +mühselig-langen Tagen Essen und Trinken vergaß, um +nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen – +ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. +Mit der stattlichen Entlohnung und der schönen +Ziffer im Testament war es nicht getan.</p> + +<p>Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr +wohl gewollt. Das wußte Klara noch. Er hatte sogar einen +ganz leisen Protektor- oder Gönnerton gehabt, wenn sie +kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen +Zerstreuung. – Von den Betrachtungen, die er früher +still bei sich angestellt über seines Herrn Vorliebe für +Fräulein Hildebrandt, wußte Klara natürlich nichts.</p> + +<p>Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines +Herrn nicht mit Wohlwollen, sondern durchaus mit +Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte sie mit feinem Spürsinn +für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten, vielleicht +fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn +nicht standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege +der Schwiegertochter sei dem alten Herrn angenehmer +als die Handreichungen des Dieners. Sie las ihm förmlich +die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab’ +doch ich’s am besten verstanden ...« Nun mußte sie +ihm gewissermaßen den Hof machen, rief ihn oft zur +Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre und wenn +der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: +sich nichts vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme +und dennoch immer dem Manne zeigen, daß +auch sie dankbar seine Verdienste schätze.</p> + +<p>Wie störend. Nur ein Nebenumstand – nicht mehr. +Aber doch. – Mit den großen Sachen, die man deutlich +sieht und fest fassen kann, wird man immer bald fertig. +Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt: +es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken +– das sind die rechten Störenfriede.</p> + +<p>Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich +auch nicht rasch in die klare Form und zu der segensreichen +Ausdehnung bringen, wie sie sich gedacht gehabt.</p> + +<p>So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem +herzlichen Antrieb oder auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, +des Herrn Magers, über die Fehler ihrer Kinder +gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer Pflege +für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun +vertraulich mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. +Es schien gerade, als hätten Mütter und Kinder von der +Schicksalswendung der Lehrerin für sich auch goldene +Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher +in besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob +nun Forderungen.</p> + +<p>Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater +besprechen und von ihm tröstend vernehmen, daß die +Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch nie aus der Welt +zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und Millionäre +ihr Gold zur Verteilung brächten.</p> + +<p>Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten +Tisch speist, fand Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, +wie das Bitten und Betteln gerade dem Mildherzigen +seine sorglose Lage vergällt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl +gekommen war, sie sei selbst eine reiche Frau geworden, +fing sie schon an, die Lasten und Verantwortungen des +Reichtums zu spüren.</p> + +<p>Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine +Episode hatte es gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen +glühende Verehrung für sie den vergnügten Spott der +Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr +Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt +nicht zu verbergen vermochte, der kam und brachte ihr +seine zum achten Male umgearbeitete Novelle. In zitternder +Scheuheit stand er vor ihr, und ihre unveränderte +freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich seine +Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle +und die Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe +auf ihre Kosten und vor allen Dingen ihr Urteil. Klara +dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit dem Gefühl: +nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm +und Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige +Hand und genau ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern +oder großen Redaktionen wie Herr Kehl selbst. Und +obendrein war die Novelle von überwältigender Komik +und spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er +fabelhafte Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, +daß er vielleicht besser tue, die Welt, die er kenne, zu +schildern, und andeutete, daß sie seine Arbeit nicht für +druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich einen Feind +mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er +kaum und mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers +hörte sie dann, daß man den Kehl entlassen müsse. Er +spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden davon, +daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers’ +kluges Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als +<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>wenn er Fräulein Hildebrandt meint.« – Für die Kinder +war sie noch immer »Fräulein Hildebrandt«. –</p> + +<p>Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode +Kehl nachzudenken! Und doch, wie war es wunderlich, +daß das eigene Leben in keine Bewegung kommen kann, +ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch +anderer Leben in Bewegung zu setzen.</p> + +<p>Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte +Summe, die ihr in monatlichen Raten ausbezahlt wurde. +Damit sollte sie dann nach eigener Erkenntnis helfen, +wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne schmerzende +Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem +Gebiet heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit +ihr die vorhandenen Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein +Krankenhaus und die Schule die hauptsächlichsten waren. +Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie wollte trachten, +sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.</p> + +<p>Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.</p> + +<p>Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten +und machten fühlbar, daß man mit sich und anderen +vorwärts kam.</p> + +<p>Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: +Wie weit war sie mit ihrem Mann gekommen?</p> + +<p>Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit – +überraschend weit!</p> + +<p>Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich +sagen: ich weiß es nicht!</p> + +<p>Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist +doch im Manne, dachte sie.</p> + +<p>Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. +Und sie grübelte dem Rätsel »Mann« nach.</p> + +<p>Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei +verschiedene Welten in sich tragen und daß nur die Liebe +<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>die große Kluft überbrücken kann, die zwischen beiden +sich dehnt. Überbrücken – nie ganz ausfüllen ...</p> + +<p>Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die +andere drüben!</p> + +<p>Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie +über etwas nie ganz Ergründliches nach.</p> + +<p>Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen +Zweck und Grund – war keine Laune der Natur. –</p> + +<p>Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen +Eifer war sie in die Ehe gekommen, in der Hoffnung: in +ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie wollte, sie mußte +ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die klugen +Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer +gebracht hatte – ein Dankopfer ... Und auch aus einem +eigenen, kräftigen Lebensgefühl heraus: sie wünschte +sich das Glück! Wer wünscht es sich nicht? –</p> + +<p>Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe – jene, die +sie ersehnte – immer noch nicht erwacht. Sie meinte +es mit keinem Menschen auf der Welt besser als mit +Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr +heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, +zu fesseln, zu beeinflussen, anzuregen.</p> + +<p>Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten +überreizt davon werden können, wenn nicht der Erfolg +gewesen wäre.</p> + +<p>Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück – er +begann Reiz an der Arbeit, Interesse für das Werk zu +gewinnen. Er wurde ein anderer ...</p> + +<p>War es nicht genug Glück, das zu sehen?</p> + +<p>Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von +Ehen, wo diese ruhige Freundlichkeit des Gemütes +und die große Pflicht zur Arbeit als voller Inhalt +genügte?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte +man gewiß nicht sagen ...</p> + +<p>Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit +hinzu – all die tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja +wie Ringe und bilden zuletzt eine Kette von nicht mehr +übersehbaren Gliedern – und die umschlingt dann zwei +Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ...</p> + +<p>Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht – +es war nur eine lächerliche Kleinlichkeit gewesen. – +Und doch: wie hob es sie gleich.</p> + +<p>Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein +linkes Handgelenk – ob da wohl wieder das fatale Armband +zum Vorschein käme, das ihr gestern so unangenehm +aufgefallen war – sie merkte: es war fort!</p> + +<p>Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme +Frau gewesen, um deretwillen er so viel Jugendjahre +vergeudet. – Es tat Klara wohl, daß er es nicht mehr +trug.</p> + +<p>Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte +sie oft, muß immer wachsame Rücksicht die Zartheiten +der Liebe ersetzen.</p> + +<p>Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem +Manne war sie völlig im klaren: wenn sie auch keine +Leidenschaft für ihn empfand, wenn auch niemals ihre +Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche Teilnahme +hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte – +so mußte dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres +Lebens sein und bleiben. Sie wollte, sie durfte niemals +einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend etwas zu +verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern +war, durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte +ihr Dasein daran setzen, damit das seine ihm nützlich und +hell werde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht +übernommen worden, und sehr klar.</p> + +<p>Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu +ihr. Da fingen lauter Rätsel an.</p> + +<p>Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann +konnte, ohne von glühender, ausschließlicher, heiliger +Liebe für eine Frau erfüllt zu sein, dennoch in gewissen +Stunden und Stimmungen von einem Rausch hingerissen +werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, +ihre Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. +Und vermochte in solchem Rausch, was nur Liebe +können sollte ...</p> + +<p>Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der +Verschiedenheit zwischen Mann und Weib.</p> + +<p>Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie +keinen Begriff davon hatte, wie der erste und alleinige +Besitz eines schönen jungen Weibes auch für einen nicht +Liebenden voll Reiz sein kann.</p> + +<p>Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, +wenn Wynfried als ihr anspruchsloser Freund neben ihr +dahingelebt hätte, ohne jemals ihre Schlafzimmertür zu +öffnen.</p> + +<p>Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der +Ehe, das Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz +mit einer tapferen Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt +wurde durch den Gedanken an alles, was sie in diese Ehe +hineingezwungen.</p> + +<p>Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was +ihr ein peinliches Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit +der Natur anzustaunen.</p> + +<p>Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden.</p> + +<p>Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch +noch die große Liebe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, +für den Vater ihres Kindes.</p> + +<p>Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht +an die Zukunft dachte und an all das Glück, das dann +vielleicht über sie käme, immer dringlicher, sich ihres Mannes +angenehme Eigenschaften zu vergegenwärtigen.</p> + +<p>Er war ritterlich. Das erleichterte alles.</p> + +<p>Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, +daß ihre Gespräche nicht so eigentlich seine Interessen +trafen.</p> + +<p>Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. +Höchstens einmal, wenn Klara davon sprach, wie herrlich +es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre Hochzeitsreise gemacht +hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie +nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater +sagte: er bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine +große Reise machen sollten. Dann beschrieb Wynfried +Paris oder London oder die Plätze, wo er Wintersport +getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« +eine mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht +habe. Aber von den »Freunden« sprach er nicht genauer. +Und wenn Klara einmal fragte, so lehnte er mit einem +Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten die +nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, +der in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte +rührende Mitleid auslöste, das unerfahrene Frauen haben +können, wenn sie sich denken: ein Mann leidet, weil ein +Weib ihn verriet.</p> + +<p>Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich +dann ziemlich stark, wenn auch unbewußt in ihr: der Hang +des Weibes, zu trösten und das gut zu machen, was eine +Geschlechtsgenossin verbrach.</p> + +<p>Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem +<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>bedeutenden Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie +war nicht genährt durch Wissen vom wirklichen Kampf +zwischen Mann und Weib. Und von den Dunkelheiten +auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts.</p> + +<p>So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben +zu hüllen wußte, nur interessant, und es war, als sehe +man unter ihnen undeutlich Gluten schimmern und wilde +Szenen von Zorn und Klage.</p> + +<p>Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie +und Romantik.</p> + +<p>Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung +in der Hauptsache. – Die »Hauptsache« war für Klara +ja nicht ihre Ehe und seine Stellung zu ihr selbst, sondern +seine Beziehung zum Werk.</p> + +<p>Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem +Generaldirektor Thürauf zum erstenmal über künftige +Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas furchtsamen +Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, +wie diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem +schlanken, noch merkwürdig jugendlich wirkenden Mann +mit den immer beherrschten Zügen und den klaren, scharf +blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was für +einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, +sein Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er +kenne. – Nun, kaltes Blut und fester Blick war wohl für +seine Aufgaben nötig. Was gehörte dazu, solchem Mann +zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten – als +künftiger Besitzer – als Teilhaber.« Aber Wynfried +hatte den Geschmack, das nicht zu sagen.</p> + +<p>Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand +entgegen und sagte, mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich +bitte Sie, mir zu helfen. Es wird viel kosten, bis ich mich +eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre Offenheit, +<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>Ihre Warnungen kann ich’s nie! Und vor allen Dingen: +stehen Sie mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe – vor +den Abteilungsvorständen. Sie wissen wohl, das kann +man auf zweierlei Art – nicht nur durch Hineinsprechen, +was man denn vielleicht nicht recht zu begründen versteht +– auch durch Zurückhaltung kann man’s, die schon von +fern nach Unsicherheit aussieht.«</p> + +<p>Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor +zu beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen +habe.</p> + +<p>Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die +ersten Monate doch die schwersten waren, durfte man +hoffen, es bleibe gut.</p> + +<p>Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.</p> + +<p>Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts +ihn zur Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht +die gesunde Schulung der Militärzeit durchgemacht. Um +irgend einer Kleinigkeit willen war er davon freigekommen, +als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« +klang nur ganz von fern an seine Ohren – wie es so +viele Worte tun, die doch Unentrinnbarkeiten benennen, +aber mit denen man sich erst in unbestimmter Zukunft +näher zu befassen hat.</p> + +<p>Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, +ins Büro zu gehen, sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu +zeigen.</p> + +<p>Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden +und antreibenden Frau fallen wollte, waren +ihr solche Tage schwer. Dann brütete er vor sich hin. +Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft heim. +Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.</p> + +<p>Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge +<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>dann verbarg und mit keiner Frage, keiner Bemerkung +zeigte, wie bekümmerlich oder wie auffallend sie sein +Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien nichts +Besonderes zu bemerken.</p> + +<p>»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann +von selbst, »ich bin heute unleidlich ...«</p> + +<p>Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung +kam meist ein Anfall von Eifer – von erhöhter Liebenswürdigkeit.</p> + +<p>Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau +zu gefallen, von den Ereignissen drüben auf dem Werk: +er hatte den ganzen Morgen in der Einkaufsabteilung +gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder +aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung +Roteisenstein geholt – was für ’n humorvoller, frischer +Mann der Kap’tän Fehrs. – Oder: ein neuer Dampfer +sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen, +und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel +laufen lassen konnte, mußte Klara ihn taufen – »Klara +Lohmann« sollte er heißen und nicht anders. Ein andermal: +er hatte an der Beratung teilgenommen, zu welcher +sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und +der Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn +versammelt gehabt. Es handelte sich darum, daß aus der +Schlacke die Kalkteile herausgeschieden werden sollten, +um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und +er, Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn +er habe doch als Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos +im Rheinland gearbeitet, wo man bekanntlich den Kalkgehalt +der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz ehrlich, +daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen +müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht +das allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>Da war Klara ganz erschreckt gewesen.</p> + +<p>»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm +sicher peinlich, daß du solche Antwort geben mußtest. +Was hast du denn getan damals auf Häphestos?«</p> + +<p>»Vater schwieg,« antwortete er nur.</p> + +<p>»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen +Abteilungen beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn +in lebhaftem Interesse an.</p> + +<p>»Ich – nein – ich mußte damals oft in Paris sein – +ein – Freund dort bedurfte meiner.«</p> + +<p>Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren +fragenden Blicken etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich +nachholen – Klara – du sollst noch Respekt vor mir +bekommen.«</p> + +<p>Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung +von frischer Lebensfreude zu haben – war so liebevoll +mit seiner Frau. Klara wurde von einem Gefühl der +Beklommenheit ganz verwirrt – ja – so sah es aus, als +fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als +sei sie ihm sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch +etwas ganz anderes als jenen Rausch, den sie nicht verstand +und der ein Wunder war und ein Rätsel und vielleicht +sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck – –</p> + +<p>Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde +Wesen ihres Mannes zu verstehen? Und die tiefsten Gründe +seiner Unausgeglichenheit aufzuspüren?</p> + +<p>Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er +es aufnahm, daß ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur +Familie erweitern würde.</p> + +<p>»Schon Vater werden? – Wie alt kommt man sich +vor. – Ja, das ist dann wieder eine neue Lebensepoche +– man wird immer mehr Philister ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>Sie sah ihn an – starr – staunend – vor peinlicher +Überraschung stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese +ihre Überraschung sich in Schmerz auflösen konnte, erfaßte +Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die Rechte +– küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...« +Und ließ sie allein – als treibe ihn Verlegenheit +fort.</p> + +<p>Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, +wo Klara sich fragen mußte: liebt er mich doch? Es machte +sie glücklich und ängstlich zugleich – –</p> + +<p>Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde +ihn auch lieben – einmal – dann ... ja dann ...</p> + +<p>Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte +ihrem Nachsinnen ein Ende. Sie wußte, wer kam und +wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster Weg jeden Morgen +hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern +gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht +holen. Ich bring’ ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch +noch in mir altem brüchigen Mann.«</p> + +<p>Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich +war, nur einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.</p> + +<p>Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt +kleidete gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut +– im mächtigen Ledersessel thronte er. Hier sah man so +deutlich, daß ein Gelähmter darin saß. Vielleicht hatte +er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich +mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte +er täglich neue Ärgernisse an seiner Konstruktion +und bestritt, daß sie von der möglichsten Vollkommenheit +sei.</p> + +<p>Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war +sehr in Anspruch genommen von dem Geschenk, das er +<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>brachte. Leupold nahm es dem blonden Georg ab, der +in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen Damenpelz +über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und +die junge Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich +zurückgezogen hatte, hob der alte Herr ihr den Pelz entgegen, +den man ihm auf die Knie gebreitet. Eine Mütze +war auch dabei. –</p> + +<p>»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und +will man galant sein. Hab’ seit vielen, vielen Jahren +weder Ursache noch Gelegenheit gehabt, für junge Damen +was einzukaufen.«</p> + +<p>»O wie schön. – Prachtvoll, Vater – wie danke ich +dir –« Und sie dachte: »Was soll ich nur damit?!«</p> + +<p>»Hab’ Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von +Damentoiletten mehr als vorderhand vom Eisenguß –«</p> + +<p>»Wynfried?« fragte sie.</p> + +<p>Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm – er +begriff: das war eine überflüssige Bemerkung gewesen ...</p> + +<p>»Na – das kam mir vielleicht auch nur so vor – er +war sehr erpicht darauf, daß ich dir was Statiöses schenke +– Klara ist zu uninteressant angezogen ... sagte er.«</p> + +<p>»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn +›interessante‹ Kleider haben?«</p> + +<p>»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer +gerade recht gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für +Wynfrieds Geschmack muß es Nerz und Hermelin sein – +sieh dir das mal an – Leupold, laß mich da – hol mich +in einer Stunde wieder – du weißt, der Kommerzienrat +Kreyser hat sich angemeldet. – Na, mein Kind, was +staunst du denn den Pelz an –«</p> + +<p>»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.«</p> + +<p>»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch +gern in solchem Dings sehen mag ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die +pastellblaue Wollmütze.</p> + +<p>Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit +Vorsicht breitete sie den Pelz auf den graublauen Sofa +hin und sprach: »Wir müssen ihm schon den Gefallen tun +– denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir +nach und nach zu bestehen.«</p> + +<p>»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt +vor dir, der ihn aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal +verlangen. Das Gleichmaß fehlt noch – noch die +Ausdauer – aber es kommt! – Alle Begabungen sind +da – Thürauf ist oft ganz glücklich. – Du kannst dir woll +denken, daß Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen +Redensarten über wichtige Dinge machen, sondern klipp +und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara – das bist allein +du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein +Dankeswort sagen ... Du weißt von selbst, was ich +fühle ...«</p> + +<p>Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. +Stimmen aus vergangenen, schweren und doch erhebend +schönen Zeiten füllten ihn. Von der Wand sah das lieblich-ernste +Angesicht der heiligen Toten ...</p> + +<p>»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht – mit all +dem Segen, der du uns bist – nein, auch diesen Tempel +des Gedächtnisses – –«</p> + +<p>Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit +die kleine gelbe Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen +hin und her und her und hin ging – er sah den +fiedelnden Amor an – –</p> + +<p>»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte +zusammen, du und ich verstehen uns so. Aber heut ist +so ’n Tag – dein erster Geburtstag als Frau Klara Lohmann +– da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner +Mutter nicht geben durfte. Und wie es mich mit der +tiefsten Ruhe erfüllt, daß du meinem Einzigen hilfst, ein +werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist oder +wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine +Liebe lohnt – das macht zwischen euch zweien aus. Aber, +gottlob – mir scheint, du bist glücklich! Anders zerfräß’ +es mir auch das Herz. – Ich kann in Frieden weggehen +– du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet, +nochmal mit der Sense ausholt ...«</p> + +<p>Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn +mit Leidenschaft.</p> + +<p>»Nicht so – o nein, Vater – du bleibst noch Jahrzehnte +bei uns –«</p> + +<p>Er lächelte resigniert – aber doch in jener Resignation, +die Starke sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht +vorstellen können, wie ihr Werk ohne sie sich ausnehmen +wird.</p> + +<p>»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut +geworden warst: hilf ihm ein Mann der Arbeit zu werden, +denn seine Mutter hat ihn zu einem Luxusmenschen erzogen, +und er kam nachher in üble Hände. – Ja, das hast +du erfüllt. – Er wird einmal mein Werk als ein Berufener +weiterführen. Das sehe ich schon. – Wie herrlich, +diese Beruhigung. – Heut kommt Kreyser – ein +alter Freund. – Weißt du, was er will? Mit mir die +Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft +beraten. – Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, +daß wir die Dinge da in die Hand bekommen. – +Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit vielen Jahren +Abnehmer unseres Roheisens. – Kreyser hat kein Interesse +mehr an seinem Werk. – Hatte einst auch gedacht: +er arbeitet für Söhne. Und nun? Einer im Duell gefallen +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>– üble Sache – man spricht besser nicht davon. +Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo Tuberkeln +geholt – fristet sich im Süden hin und soll nach +Australien, was ja als das Heilkräftigste gilt. – Früher +sagte Kreyser woll mal: Na, Sie haben ja auch Not mit +dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not mehr – +wachsende Zuversicht. – Höre, Klara, es ist dir doch angenehm? +Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. – +Ihr habt so wie so Gäste?«</p> + +<p>»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren +von drüben zum Frühstück eingeladen – Likowski und +seinen Oberleutnant,« sagte Klara zerstreut.</p> + +<p>»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink ’ne +Busenfreundin geworden? Daß Wynfried gerade Likowski +und Marning so heranzieht, freut mich. Beide haben +meine starke Sympathie.«</p> + +<p>»Ach – Agathe? – Sie kommt sehr oft – sie ist so +wenig mit ihrem Leben zufrieden – ich glaube, sie hat +sich nur an mich gehängt, um irgend etwas Neues zu +haben.«</p> + +<p>»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? +Anderswo!«</p> + +<p>Klara lächelte.</p> + +<p>»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.«</p> + +<p>»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine +Heimlichkeiten vor mir hast,« sagte er scherzhaft.</p> + +<p>»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu +lassen – bis heute ...«</p> + +<p>Sie kniete neben ihm nieder – wie das oft geschah – +dem Gelähmten schien sie dann am nächsten, konnte am +besten zu ihm emporsehen – oben in seinem Zimmer +hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron.</p> + +<p>Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, +<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>weißen Finger preßten förmlich diese große Männerhand ...</p> + +<p>»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird +weiterblühen. Und du mußt durchaus leben, damit du +siehst, daß ich dein Enkelkind in deinem Sinne erziehe.«</p> + +<p>»Klara? ...«</p> + +<p>»Ja,« sprach sie, »im April.«</p> + +<p>Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute +voll in das große Auge ...</p> + +<p>Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und +gleich wurden sie von feuchtem Glanz verschleiert ... +Klara sah zum erstenmal eine Träne in diesen gebieterischen +Augen. –</p> + +<p>Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche +Andacht zwischen ihnen, die keiner Worte bedurfte. Vergangenes +und Zukünftiges zog durch die Gedanken des +alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau +wurde ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein +Herz ihr inbrünstig. Und er begriff es vollends, daß die +Liebe zu ihr das Glück seines Alters war. –</p> + +<p>Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen +Frühstück ein. Die Baronin Hegemeister kam ohne ihren +Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin, da feiere ihre alte +Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei Treppen +hoch ihren Fünfundsiebenzigsten – ach, in so mageren +Lebensumständen – Gerwaldchen habe mit einer Träne +davon gesprochen, und so was könne man doch nicht mitansehen. +– Und da habe sie ihr das Reisegeld geschenkt und +sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die alte Dame +ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne.</p> + +<p>Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb +dachte, ihre Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch +nun einmal nicht anders konnte. Nein sagen konnte sie +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf Bitten, die +man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese widerstandsunfähige +Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, +war sehr liebenswürdig.</p> + +<p>Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen +furchtbaren Husten. Und Likowski berichtete, daß die alte +Dame vor Ärger ganz krank sei, weil sie hier heute fehlen +müsse, denn offenbar habe sie in irgend welchen ganz unlogischen +Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll +hierher.</p> + +<p>Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser +mit und machte ihn bekannt. Da dieser Name einen hallenden +Klang hatte für alle, die ungefähr von den »Kapitänen +der Industrie« etwas wußten, nahm man die Vorstellung +mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große, +fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, +die nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über +der schweren Stimmung lag, die ihn eigentlich beherrschte. +Er saß neben der jungen Hausfrau, deren nächste Pflicht +es nun war, sich diesem sehr wichtigen Geschäftsfreund des +Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters +zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten +Herrn, der in seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn +bequemsten Platz, zu Häupten des Tisches präsidierte.</p> + +<p>Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen +Teil des kleinen Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, +der Hauptmann von Likowski, gab sich immer väterlich +und war heute in erbittertem und gespanntem Zustand. +Er politisierte mit den beiden alten Herren und +verschwor sich: »Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu +schweigen, bereit zu sein und dreinzuschlagen, wenn’s befohlen +wird. Aber man hat ja noch seinen gesunden +Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir +<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>lassen uns ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf +übernächstes Jahr ... Sie sollen mal sehen – das ist +das Schicksalsjahr. – Dann geht’s los! – Nun, wir sind +fertig! – Es <em class="gesperrt">muß</em> mal kommen ...«</p> + +<p>Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. – In ihr +war eine stille und doch eine so starke Freude gewesen, +als wenn diese kleine Feier ihres Geburtstags ein Erlebnis +werden würde. – So war ihr manchmal zumut, +wenn Gäste kommen sollten. – Dieselben Gäste – aber +immer kam eine Art von Trauer oder Schwere über sie, +gleich einer grenzenlosen Enttäuschung.</p> + +<p>Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara +sah, wie leicht und lebhaft sich ihr Mann in den neckischen +Ton fand. Agathe konnte auf eine so durchsichtige und +naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines faustdicken +Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen +Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht +im mindesten übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. +Klara glaubte auch zu beobachten, daß Stephan von Marning +wenig sprach. – Sie wußte längst: Agathe hoffte auf +ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu erkennen. +Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...?</p> + +<p>Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den +alle Menschen dieses geselligen Kreises beobachteten: niemand +sagte: »Welches Glück für den unbemittelten jungen +Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl nimmt?«</p> + +<p>»Nein,« dachte Klara, »nein – das ist nicht die Frau, +die ich ihm wünsche –«</p> + +<p>Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese +beiden als Paar vorstellte.</p> + +<p>Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar – +er groß, schlank, dunkel – sie so blond, üppig, ganz weiche +Weiblichkeit und so entzückend gepflegt –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn +Wynfried nicht, daß das doch einfach unmöglich war ...</p> + +<p>Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; +seither hatte sich der Betrieb um einen Hochofen +vermehrt, auch war die Fabrikation von Ammoniak und +Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und +Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang +machen zu dürfen. Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, +sich anzuschließen. Sogleich sagte Agathe, daß +sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk sehen +zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich +nach dem Kaffee und der Zigarre. – Zum Genuß +dieser ließen die beiden Damen die Herren eine halbe +Stunde allein.</p> + +<p>Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch +noch ordentlich sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette +finde. Der Seidenstoff sei ihr ein wenig, ein Spürchen +zu glänzend ausgefallen; für sie seien stumpfe Stoffe +kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr +Bild und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der +der eine immer noch widerstand ...</p> + +<p>Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, +und sie warf sich Klara an den Hals – mit beiden runden +Armen umschlang sie sie und preßte sie heftig an sich.</p> + +<p>»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara – schenken Sie +mir das Du – laß uns Freundinnen sein – Du? nicht +wahr. Du?!«</p> + +<p>Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, +sich so schnell an einen Menschen nahe anzuschließen. Und +wenn ihr Agathe auch nicht unsympathisch war – wie +konnte dies gutherzige Naturkind es irgend einem Menschen +sein? – so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des +»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu +<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>unbequemes Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als +möge sie lieber allein bleiben.</p> + +<p>Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete +eine solche auch keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab +und sagte: »Ich muß dir gleich was anvertrauen! Ich +<em class="gesperrt">muß</em>. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich liebe ihn! +Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja – ich mag +nicht mehr leben – ich will nicht mehr leben, wenn er +mich nicht liebt.«</p> + +<p>Sie begann zu weinen.</p> + +<p>»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu +tun, als wisse sie nicht ...</p> + +<p>»Gott – du fragst?! Wen denn als Stephan Marning +– kann man anders? – Und ich warte und warte +– im Sommer schien es – ich hoffte – damals im +August. – Dann kam gleich das Manöver – dann hatte er +vier Wochen Urlaub und war bei seinen Verwandten – +damals dachte ich: er will erst seine Sippe fragen, fand’s +natürlich – aber die haben ihm ganz, ganz gewiß nicht +abgeraten – ich weiß es durch die Gerwald, die da Beziehungen +hat – sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich +heiratet. – Dann kam er wieder – ist seitdem noch nie +allein auf Lammen gewesen – bringt immer Likowski +mit – ach nein – umgekehrt: läßt sich von ihm mitnehmen +– als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... +Klara – ich <em class="gesperrt">muß</em> die Wahrheit wissen! ... Zeige mir +gleich deine Freundschaft. – Weihe unser Bündnis ein, +durch eine Tat – sprich mit ihm – klopfe auf den Busch +– nein, frage geradezu – sage ihm, daß ich Selbstmord +begehe, wenn er nicht ...«</p> + +<p>Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch +ein Wort herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis +zur Chaiselongue, die quer am Fußende von ihrem Bett +<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>stand. Da sank die vor Unglück zum Tode Bereite schwer +auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind – +vor Liebesverlangen.</p> + +<p>»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie.</p> + +<p>Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? +Bin ich nicht ganz hübsch – ich hab’ Geld – ich lieb’ +ihn – so hat noch nie ein Weib geliebt – so liebt ihn +keine wieder – nein – ich will sterben ...«</p> + +<p>Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser +Frau und ihrem Gebaren mitten hindurchging, sehr wohl. +Dennoch ergriff sie alles auf das heftigste.</p> + +<p>Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese +Szene war ihr ganz und gar zuwider, obgleich ein starkes +Mitleid ihr Herz klopfen machte ...</p> + +<p>Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben +als entsagen will – – –</p> + +<p>Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das +fühlen zu können – –</p> + +<p>»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien – +o Gott – nein – das könnte ich nicht,« dachte sie.</p> + +<p>Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft +Würde und Größe.</p> + +<p>Und es wurde von ihr verlangt, daß sie – sie! – +unkeusch zum Manne – zu <em class="gesperrt">diesem</em> Manne, als Vermittlerin +davon sprechen sollte? Unmöglicher Gedanke ...</p> + +<p>»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich +nicht. In diese heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch +sich einmischen? Mit Worten an Geheimnisse rühren, die +zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen haben +möchte – nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber +ich denke: was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf +es der Vermittlung nicht, und er wird schon eines Tags +sprechen; – wenn er dich nicht liebt, ist es eine Demütigung +<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>für dich, daß ich sprach – – O nein! – Du mußt +die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.«</p> + +<p>»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und +drückte sich ihr geballtes Taschentuch gegen die Augen, +behauchte es und tupfte wieder, »wenn man einen solchen +Mann hat – der sich so auf Frauen versteht – ja – +du kannst lachen –«</p> + +<p>Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint +auszusehen, besiegte ihn für den Augenblick.</p> + +<p>»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...«</p> + +<p>»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß +er sich immer den Freiherrn von Marning einlädt, wenn +du kommst. Und du wirst gewiß oft kommen ...«</p> + +<p>»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches +Herz, das der Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue.</p> + +<p>Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun +die Tränenspuren auf der zarten Haut und ließen sich mit +allem Tupfen doch nicht so rasch verjagen. Aber es kam +wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er +es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ...</p> + +<p>Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu +kommen, die gewiß schon im Salon seien.</p> + +<p>Sie trat ein. – Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren +sahen sie an und sahen, daß sie geweint hatte.</p> + +<p>Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und +bettelten zu dem Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht +stand beinah lesbar der Ausdruck: »Ja – sieh mich nur +an! Um dich leide ich! Um dich – Grausamer ...«</p> + +<p>Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes +flog ein leiser, vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck +von Pein – ihr kam auch vor, als werde seine Haltung +noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das tat ...</p> + +<p>Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es +<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>gab ein Durcheinander. Da war Leupold, der seinen Herrn +wieder nach oben transportieren wollte. Und es hieß, +Klara müsse den neuen Pelz tragen – der Spender solle +sie noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in +ihrer plötzlichen, erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.</p> + +<p>Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. – Wie +schwer ihr das kostbare Stück auf den Schultern lag – +als fiele eine Last auf sie. Und da war auch die Mütze: +er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich geschickten +Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. – +Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt +sei – er lächelte zufrieden – nein, mehr: zärtlich!</p> + +<p>Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum – +sie hätte es nicht zu sagen vermocht, keinem Menschen +und nicht sich selbst.</p> + +<p>Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen +Haar das breite Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel +von Hermelinschwänzen schwarz und weiß kokett über dem +linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen Gesicht +mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden +Augen gab das einen merkwürdigen Glanz von Pracht +und Würde. Sie schien nicht etwa in eine elegante Modedame +verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin.</p> + +<p>Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und +die pastellblaue Wollmütze ...</p> + +<p>Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. +Er lächelte wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! +Sehr prachtvoll! Wynfrieds Geschmack. Aber – Klara +– weißt du noch – deine pastellblaue Wollmütze? Damit +mocht’ ich dich auch gern leiden ...«</p> + +<p>Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans – +und entwich ihm wieder ...</p> + +<p>Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>eine Erinnerung – sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie +eilig und heimlich ein weißes Paketchen tief in das Schubfach +ihrer Kommode hineinstopfte ...</p> + +<p>»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie +fühlte sich plötzlich so freudlos und wünschte, neben dem +alten Mann bleiben zu können – da war ja ihr Platz – +der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt für sie +gab ...</p> + +<p>»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine +Erhebung – immer, wenn ich da mal ’rumgehen darf ... +Der Gott, der Eisen wachsen ließ – der wollte keine +Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen +Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute +die Augen verblenden möchte.«</p> + +<p>»Ihre nicht!« lachte Agathe.</p> + +<p>Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, +der noch Sorge trug, daß an Thürauf telephoniert +werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf legen, +Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.</p> + +<p>Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, +und schon kam ihnen auch der Generaldirektor entgegen. +Von dieser Begegnung an waren die beiden Herren +für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften sich +in fachmännische Gespräche und gingen weit voran.</p> + +<p>Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn +von Marning, den sie mit einer Frage gleich an ihre +Seite zu nötigen gewußt hatte.</p> + +<p>»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte +Agathe. »Und ich brenne doch vor Lernbegier.«</p> + +<p>»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach +Wynfried. »Seien Sie sicher, all die chemischen +Formeln und Zahlen, in denen die zwei reden, hätten Sie +doch nicht verstanden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was +von solchen schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.«</p> + +<p>»Hallo! Das ist aber stark ...«</p> + +<p>»Na ja – gottlob – ich hab’ immer das Gefühl ... +wie soll ich das sagen – na – als gäben Sie ein Gastspiel, +wenn Sie arbeiten ... Doch noch mal ein Mann, +der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ... +Denk’ ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, +und Sie sklaven sich ab ...«</p> + +<p>»Glauben Sie es mir – ich entdecke da ganz neue +Genüsse. Man ist manchmal geradezu gepackt – sehr +ähnlich wie beim Sport. Und man hat ein frisches Gefühl +dabei – kommt sich als fixer Kerl vor.«</p> + +<p>»Ach so – Sie wissen doch, wie’s heißt: Ich spürte das +kleine, dumme Vergnügen, was abzumachen, was fertig +zu kriegen.«</p> + +<p>»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut –« gab +Wynfried eifrig zu.</p> + +<p>»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles +nicht,« sagte Stephan Marning, und er dachte: »Das heißt +doch aus der Arbeit nur ein Spiel der Kräfte machen, +ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.«</p> + +<p>Er fragte sich – nicht zum erstenmal – was für eine +Art von Mann denn wohl Lohmann der Sohn sei ...</p> + +<p>Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem +alten Freunde, hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge +Frau hörte zu. Sie hatte immer eine leise Verwunderung, +wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah. Wie +anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang +seiner Stimme schien heller. Und seine Rede schien so +leicht, so nur obenhin – er ließ sich necken und neckte +wieder. – Vielleicht nahm er Agathe nicht ernst. – Das +war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen +zusammen sein müsse. Eine grenzenlose Traurigkeit drückte +sie nieder. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht +zu weinen – sie – die nicht weinerlich veranlagt war.</p> + +<p>Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer – und dennoch +ging von ihrem Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, +treugesinnten Mann an ihrer Seite ahnen ließ, +mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.</p> + +<p>»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, +gnädige Frau?« fragte er.</p> + +<p>Klara fuhr auf.</p> + +<p>»Ich? Nein –«</p> + +<p>Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte.</p> + +<p>Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen +Buchstaben auf grauem Schilde stand: Eisenhütte +Severin Lohmann.</p> + +<p>Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen +her Kohlenspuren gekommen. Der sandige Grund der +Erde war schon viele Schritte vor dem Tor geströmt von +dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit des +Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich +glich er drinnen, in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen +und den Niederschlag des Rauches fest eingetreten hatten. +Und der Dunst von Teer und Gasen durchbeizte dichter und +spürbarer die Luft, als man das Tor nun passierte.</p> + +<p>»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte +über einen Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, +so daß er sie halten mußte.</p> + +<p>Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.</p> + +<p>»Ich bin <em class="gesperrt">wirklich</em> gestolpert,« sagte sie – so wie +sie als Kind vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht +gelogen,« wenn man sie bezweifelte.</p> + +<p>Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen +um ein retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer +zu schwitzen schien – Likowski sagte wenigstens, es komme +ihm so vor. – Und dann standen sie vor einer Riesenwand, +die sich aus hundertundfünfzig hart aneinandergepreßten +Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich schwarze, +gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab – +mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm +und selbsttätig und rastlos die gepulverten und gewaschenen +Kohlen heranglitten, in die Öfen hineinsanken, um da in +rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und Wege +waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den +Gluten kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen +Werkstätten hin, wo ihm in wunderbaren +Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine Bestandteile +an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.</p> + +<p>Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte +eiserne Plattform hin. Auf sie hinaus schob sich gerade +jetzt der Inhalt eines. Eine der schmalen Türen öffnete +sich. In höllischer Majestät bewegte sich ruhevoll ein fast +weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine Gespensterhand +drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige, +schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. +Männer, mit Schläuchen bewehrt, warteten +und sahen der sich langsam vorwärtsbewegenden Glutmauer +entgegen. Nun stand sie. Und das an eine Hand +erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen +in die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder +schloß. Zugleich zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen +und begossen das Ungetüm von Form gewordenem +Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues, +dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, +lief dunkel an, ward schwarz und fiel nach zwei Minuten +<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>als Koks prasselnd auseinander, durchstochen und +gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten +Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, +daß dieser Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und +daß von diesen hundertundfünfzig schmalen Türen bald +die eine, bald die andere sich öffne, um solche aufrechte +Glutmauer in grandioser Sicherheit zu entlassen.</p> + +<p>Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu +den Öfen zu bringen.</p> + +<p>Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese +offenen, kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, +länglichen Stücken, gleich großen Holzscheiten +– nur daß sie grau waren und rauh ihre Oberfläche. +Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das Roheisen +in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.</p> + +<p>Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, +alles könne auf sie herabfallen. Aber sie verriet nichts +von ihrer Angst. Denn sie sah, daß der geliebte Mann +dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte +sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. – +»Wenn ich liebe, kann ich alles!« dachte sie.</p> + +<p>Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem +trichterförmigen Bassin, in das die kleinen Wagen der +Drahtseilbahn, von den Ladebrücken kommend, die gepulverte +Kohle hineinschütteten, während an der Wand +dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk +das Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die +man oberhalb der Öfen gesehen.</p> + +<p>Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten +die Förderwagen einer nach dem anderen anmutig heran, +kippten und warfen mit Gepolter grauen, schimmernden +Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes. Nebeneinander +<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben +schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. – +Und es schien, als trage jedes den Charakter seiner Heimat, +als sei sein Gewand kein Zufall. Sprach nicht der silbergraue +Magneteisenstein von den stillen Himmeln und beschatteten +Bergseen Schwedens? In starken satten Farben +glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme +spanischen Bodens. Und aus den Tiefen lothringischer +Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie wunderbar +sprechend – weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein gehäuft, +und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands +vor, von wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten +Zypressen an den dürren Rainen trauern. –</p> + +<p>Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen +Eisenlinien der verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen +hin. Wasser tropfte herab – irgend woher kam +roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich einer dünnen +Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine +Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte +sie zu Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in +ständig wechselndem Spiel. Ihr Geleucht im schon leise +verblassenden Tageslicht war unruhig. Es wurde manchmal +ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten +sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich +wieder von der großen Flamme herangerissen.</p> + +<p>»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«</p> + +<p>Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann +sagte – wie er es sagte. Und sie wurde teilnehmender. +Sie vermochte wohl zu beurteilen, daß er klar und sicher +vortrug. – Daß Stephan Marning und Likowski voll +Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine +lobende Kritik. Das tat ihr wohl – es kam ihr vor, als +<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>weiche diese schwere Traurigkeit, dies lähmende Gefühl von +Leere allmählich von ihr. Woher war es gekommen? Sie +verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte +Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches +sei.</p> + +<p>Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten +am Himmel; fern im bläulichen feinen Dunst des beginnenden +Nebels stand am Horizont etwas Unbegreifliches. Eine +lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von blaugrauen +Streifen quer überschnitten – kein Ball mehr – kein Rund +– nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer +tiefer sank. Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.</p> + +<p>Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. +Denn hier gab es keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. +Hier gab es nur Tag. Den Tag der Sonne und +den Tag der elektrischen Lichter – und immer den der +Arbeit.</p> + +<p>Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau +schien, im Kampf des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen.</p> + +<p>Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, +nicht wahr? Baronin Agathe mußte begreifen: all die +zauberhafte selbsttätige Bewegung der Förderungen, die +in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies +Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das +Hinüberleiten des Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« +hießen und eigentlich nur übermenschlich große +Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen aus +der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles – jeder Betrieb +hier mußte von Maschinen getrieben werden.</p> + +<p>Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, +wichtiges Gesicht.</p> + +<p>Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten +<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>Geschöpfe aus Metall bebten und zitterten, klopften +und schwangen.</p> + +<p>»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der +Belag des Estrichs von braungebrannten Ton war wie +Porzellan so glatt und rein. Und Agathe litt, wenn sie +nur auf einen unsauberen Boden treten mußte. Sie war +so peinlich ...</p> + +<p>»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer +wie ein Asyl der Sauberkeit mitten im Betriebe. – Maschinen +sind wie schöne Frauen – sie wollen geputzt und – +geschmiert werden, mit dem Öl der Schmeichelei ...«</p> + +<p>Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.</p> + +<p>Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete +Formen, die ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; +gleich gerundeten dunklen Tierrücken, über die hellere Hautstreifen +liefen, waren sie. Riesenräder, aufrecht, halb über, +halb unter dem Boden, drehten sich rasend; immer wieder +verschwanden Speichen und tauchten auf.</p> + +<p>Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, +die das emsige Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem +Geschwätz begleiten.</p> + +<p>Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im +Märchen, die für ihre leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.</p> + +<p>Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden +Bewegung zusah, bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, +zwischen lauter Lebewesen zu sein, die aus einer +anderen Welt stammten, nur eine andere Körperlichkeit +hatten als die Menschen dieser Erde – aber ein pulsierendes +Dasein wie sie – –</p> + +<p>»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte +Stephan.</p> + +<p>»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. +Und er wußte nur, daß die und jene Maschine aus der und +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme und daß die zwei +da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen gekommen. +– Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die +anderen, die sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für +das Werk, in dem sie engagiert waren – ihre Namen +wußte man nicht.</p> + +<p>»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht? +Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die +Kultur ohne all die stillen Helden der Arbeit, der täglichen, +selbstlosen Hingabe an unsägliche Mühen. – Und kein +Ruhm – kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere +auch nicht – wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen +Lohn, ohne Anerkennung, noch umfeindet – damit das +hier geschützt ist – damit solche Dinge blühen – uns groß +machen. – Ich hab’ so’n Gefühl: wir stehen ja Schulter +an Schulter mit all diesem hier –«</p> + +<p>Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die +Hand. – Stephan gab stark, gleichsam tröstend, den Druck +zurück. Er wußte ja, wie der Hauptmann sich quälte. –</p> + +<p>Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum +– nicht nur das der Arbeit – auch das des Gefühls – +schweigend sich bezwingen – ja – wer das muß ...«</p> + +<p>Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.</p> + +<p>Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. +Sie hatte doch nur ganz dünne Schuhe an mit so +hohen Hacken – es ging sich schlecht damit.</p> + +<p>»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch +die Hauptsache.«</p> + +<p>Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die +aus dem breiten Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen +und deren mit gemischten Erzen und Kalk gefüllte +Schachträume mit einem Panzer von Steinen und Eisen +umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich +<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>verjüngende Umbau gab den ragenden Hochöfen den +burgenartigen Charakter. Galerien liefen um diesen +Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und +um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit +Rauschen und Plätschern unaufhörlich kühlende Wasser.</p> + +<p>Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte +eine primitive Treppe emporsteigen. Agathe als Vorletzte, +hinter ihr Wynfried.</p> + +<p>Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah +war man dem Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend +Grad Celsius wütete! Sie konnte sich nichts bei +dieser Zahl denken – das ging natürlich über menschliche +Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die +halb interessant, halb schauerlich war.</p> + +<p>»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück.</p> + +<p>»Doch – es kommt vor – trotz des besten Materials, +das für den Umbau verwendet wird. – Wenn es Verstopfungen +im Nachsacken der Beschickung gibt. – Gase +sich entwickeln –«</p> + +<p>»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher +und enger zusammen und blieb stehen. Der Mann hinter +ihr sah die seidenen Strümpfe und die koketten Schuhe. +Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten +her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als +sie oben angekommen waren, wandte sie sich etwas zu +ihm, und sie lachten sich mit den Augen an, wie zwei tun, +die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen einer Dreistigkeit +nicht schwer nehmen.</p> + +<p>Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, +und Agathe hatte das Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen +ein Kompliment über das Werk zu machen.</p> + +<p>»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie.</p> + +<p>»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im +<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>Mondschein zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von +Marning. »Wie viel mehr sagt <em class="gesperrt">diese</em> uns heutigen +Menschen.«</p> + +<p>»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der +Generaldirektor.</p> + +<p>Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an +sicheren Platz zu stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. +Er verwies sie auf einen balkonartigen Ausbau +neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen trefflichen +Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, +die eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren +Dach auf Pfeilern ruhte. Diese Ebene war mit Sand bedeckt, +und in ihn hinein hatten die Arbeiter lauter kurze +Rinnen getieft – die Formen für den Guß der »Gänze«. +In unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie +sich hin, in ihrer Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, +den entlang das fließende Eisen strömen sollte, um sich +dann in all diese Rinnen zu verteilen.</p> + +<p>Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen +waren zurechtgelegt – wachsam hieß es den feurigen Fluß +lenken und fördern, falls er sich irgendwo sollte stauen +wollen.</p> + +<p>Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten +– als seien sie die sieben Schwaben, die gemeinsam +ihren Riesenspieß wagerecht durch die Lande schleppten +– eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie zum +Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene +Gießloch vor. Hallende Töne zitterten über +das Rauschen der Wasser hin – wieder und wieder stießen +die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten +Händen den Eisenstab gegen den Verschluß – berannten +die Festung des Feuers. – Und da krachte es – Funken +schossen hervor – Garben von Sprühpünktchen – und +<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>weißgolden, von leichten Trübungen da und dort überhaucht, +floß das glühende Eisen.</p> + +<p>Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum +der Gießhalle, wo die sich bückenden und von Sandwall +zu Sandwall hinübertretenden Gestalten der Arbeiter zu +schwarzen Silhouetten wurden. Und in der schiefen +Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem +fließenden Eisen – das sah aus, als hätten sich lauter +Goldstreifen hingelegt – eine Reihe von kurzen, blanken +Linien auf dunklem Grunde.</p> + +<p>Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon +die Schlacke ab – ein Brunnenstrahl von Feuer. In +kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit Wasser halbgefüllte +Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde +rollen sollte.</p> + +<p>Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll +Hitze war sie. – Rauch wölkte. – Die schwarzen Gestalten +hantierten in Hast. – Draußen, zwischen dem Gestänge +und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den +blauen Abendhimmel.</p> + +<p>Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und +erschütternder Schönheit!</p> + +<p>Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit.</p> + +<p>Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und +wunderlich quälender Unruhe? Was die unbedeutenden +Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen Menschenleben? +Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur bezwingen! –</p> + +<p>Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.</p> + +<p>Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen +unlöslich verbunden – als sei in dieser Welt der gewaltigen, +machtvollen Arbeit ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit +<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>– es würde, es sollte auch einst die Welt ihres Kindes +werden ...</p> + +<p>Ihre Seele ward wieder froh ...</p> + +<p>Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen +Augen zu suchen, denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt +ausgewichen war.</p> + +<p>Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. +Denn wieder begegneten sich ihre Blicke.</p> + +<p>Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre +Seelen in der gleichen Andacht erhoben seien.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_6" id="Kapitel_6"></a>6</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>as war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr +hatte sie in seinem Sessel verbracht. Keine Bitten des +treuen Leupold vermochten etwas. In dem greisen Riesen +kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu +sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende +Aufregung setzte sich in Zorn um – nicht gegen irgend +einen Menschen – nein, in diesen unbestimmten Zorn +über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch +fassen. –</p> + +<p>Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In +diesen furchtbaren Stunden hätte er neben seiner Frau +sein sollen. Das Schicksal gefiel sich wahrlich darin, Wynfried +immer fern zu halten, wenn mit großen Mahnungen +Tod oder Leben an dies Haus klopften ...</p> + +<p>Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, +hielten ihn unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung +beraubt hatten.</p> + +<p>Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn +fortzwang.</p> + +<p>Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv +in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, +war auf den siebzehnten April anberaumt worden. Der +Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung des Geheimrats +übernehmen können – wie so oft, seit dieser an +<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>seinen Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war +seit Monaten bestimmt gewesen, daß bei dieser wichtigen +Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds Vermögen anging, +der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin +Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle +und Kapitänen der Industrie für das Haus eintreten solle.</p> + +<p>Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich +erst Ansehen zu verschaffen – noch besaß er es kaum. Er +mußte Vertrauen zu sich erwecken – wie sollte man es ihm +schon schenken! Denn die Welt hatte wahrscheinlich mehr +von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater +selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist +schwerer, als wenn man unbekannt und unbeschrien in +einen Kreis tritt. Aber der Geheimrat wußte auch: die +bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht Thürauf, +sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken, +erweckte die wohlwollendsten Gedanken.</p> + +<p>Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst +sollte die Sitzung Anfang März stattfinden, ward verschoben +und dann zu einem Termin anberaumt, der einen +Konflikt heraufbeschwor.</p> + +<p>Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge +Ehemann jetzt seine Frau verlasse. Andererseits schien es +eine Unmöglichkeit, plötzlich anstatt Wynfrieds den Generaldirektor +zu entsenden. Man würde denken, er habe +im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen +geschenkt.</p> + +<p>Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. +Die Geschichte interessierte ihn immerhin ein wenig. +Außerdem: jedesmal wenn er hinaus konnte – wenn er +nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß – nach +Berlin – nach Hamburg – dann wachte etwas in ihm +auf ... Als wenn er wieder jünger werde ... Als wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>ihm irgend was tröstend sage: na, die Welt wartet ja noch +auf dich. –</p> + +<p>Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. +Denn seine Frau, diese großartige, famose Frau hatte +doch am Ende Ansprüche zu erheben ...</p> + +<p>Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß +sie bat, Wynfried möge unbekümmert reisen. Niemand +konnte wissen, ob das erwartete Ereignis denn auch gerade +in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und wie, +wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben +hätte! ...</p> + +<p>Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat +treu. Es hing so viel daran, daß Wynfried sich erprobte, +in der Welt der großen Herren der Industrie sich Zutrauen +erwarb.</p> + +<p>Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur +Vorbesprechung und Sitzung brachte, war vielleicht eben +aus dem Bremer Bahnhof hinausgeglitten und raste auf +die Heide zu, als Klara nach dem Arzt schicken mußte. Sie +verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried depeschiere.</p> + +<p>Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: +es war ihr lieb, ihn fern zu wissen. – Sie mußte sich ganz +mühsam immer wieder klar machen, wie wichtig doch das +Ereignis auch für ihn sei. – Er hatte so wenig Teil daran +genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ... +Rücksichtsvoll war er immer – und manchmal so zärtlich, +als seien sie wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, +auf die Klara noch immer wartete. –</p> + +<p>Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch +nicht erlebt. Die Doktorin Lamprecht, die nicht vom +Platze wich und einigemal von der zornigen Ungeduld +des alten Herrn angefahren wurde – die wußte noch: als +<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige +Lamprecht chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau +lehnte es ab, auch nur den leisesten Schmerz zu ertragen, +wenn die Wissenschaft ihr den ersparen könne. So war +die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt.</p> + +<p>Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. +Es waren heilige Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten +werden. Und am siebzehnten April erhob sich aus feinstem +Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit. Hyazinthenduft +atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte +Herr hatte die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte +sich an dem zarten Frühlingszauber der Luft. Drüben +überm weiten Gelände lag die Poesie der Frühe.</p> + +<p>Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der +Rauch, wie ein Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.</p> + +<p>Feierliche Würde war in diesem jungen Tag.</p> + +<p>Da kam Leupold wieder einmal herein – bleich, verwacht +auch er.</p> + +<p>»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?«</p> + +<p>»Was soll das? – Was willst du mit mir ...«</p> + +<p>»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte +ein seltsam verstocktes Gesicht.</p> + +<p>»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der +alte Herr verstört ... irgend ein unbestimmter Schreck +wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl an die zwanzigmal +zugeschworen hatte: es steht sehr gut – keine Sorge – +nein gar keine. –</p> + +<p>Er zitterte ...</p> + +<p>Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war +Zorn. Solche Aufregungen waren nicht für seinen Herrn +– und Nächte durchwachen, wenn man streng und vorsichtig +nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu leben ... +<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>Alles verkehrt – dieser ganze Zustand jetzt, mit einer +zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem +war alles im Gleichmaß hergegangen ...</p> + +<p>Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt +in den Fahrstuhl und schob ihn rasch zum Lift.</p> + +<p>Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold +gewußt hätte, warum Klara nach ihm rief, würde er es +gesagt haben ...</p> + +<p>Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten +Blondhaar und gewaschenem Gesicht die Tür +des Lift auf.</p> + +<p>Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer +... Das Küchenpersonal, die Stubenmädchen – fast +als bildeten sie eine Gasse ... Und im großen Zimmer, +wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst von der Wand +herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht, +klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem +Gesicht der dunkelblonde Doktor Sylvester mit +dem Kneifer vor den hellen Augen und dem Schmiß vom +Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen Ausdruck +gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch +zwei unbekannte Weibswesen.</p> + +<p>Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm +wurde immer beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.</p> + +<p>Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. –</p> + +<p>Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein +Haupt auf weißen Kissen ... Und da lag ein Bündel, +auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles Fellchen hervor, +ein ganz kleines Stück nur ...</p> + +<p>Leupold schob ihn an das Bett. –</p> + +<p>Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten +dunkle Augen in heißem Glanz höchsten Glücks ... und +die geraden, strengen Brauen waren ein wenig zusammengerückt +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>– als seien die Nerven nach dem Krampf der +Schmerzen noch nicht ganz gelöst ...</p> + +<p>Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig +das Bündel – und nun sah man: das Fellchen war +dunkles Haar.</p> + +<p>»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie.</p> + +<p>Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ...</p> + +<p>Er schluchzte auf. – Dem alten Mann, der stark geblieben +war in jedem Kampf und in jeder Not, zerbrach +die Fassung.</p> + +<p>Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels +war ihm der wunderbarste Anblick, den das Leben +ihm gegönnt ...</p> + +<p>Die große Männerhand streckte sich aus – tastete scheu +nach diesem Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und +zog sich erschreckt zurück, als habe sie Heiligstes berührt – +so überfein und unfaßlich zart war das, was seine Fingerspitzen +verspürten.</p> + +<p>Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu +sich heran – er mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit +seinen Lippen zu erreichen ... Und er küßte sie – immer +wieder – von Dankgefühl übermannt – wortlos. –</p> + +<p>Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und +in geplätteter Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden +Weibswesen hereinkam und Leupold kurzerhand den Fahrstuhl +rückwärts und zum Zimmer hinauszog ...</p> + +<p>Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus +schlafen, denn nun lag ihm erst recht am Leben. Aber die +Aufregung ließ ihn nicht dazu kommen. Und Doktor Sylvester +tröstete Leupold: es schade nicht. Man wisse ja, +wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei.</p> + +<p>An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der +Inschrift »Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>von den Häusern der Beamten und der Villa des Generaldirektors +wallten die rot und weißen und die schwarz-weiß-roten +Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen Wellenbewegungen +immer wieder neu entfaltet.</p> + +<p>Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. +Wynfried sagte durch den Draht seiner Frau: »Freudig +bewegt sende tausend Grüße und Wünsche, am zwanzigsten +bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.«</p> + +<p>Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte +täglich zwei- oder dreimal um Telegramm über Befinden. +Wynfried.«</p> + +<p>»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden +Ruhe ganz erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und +sicher da.«</p> + +<p>Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: +er schmunzelte, und ein Ausdruck freudigen Stolzes ging +über sein Gesicht.</p> + +<p>»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des +Großvaters würdiger Enkel werden. Mutter und Kind +wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten Großvater +bringen wir Glückwünsche und Gruß.«</p> + +<p>Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, +mit dem Kreysers an der Spitze. Und jeder hatte Klang, +der über die Ozeane hallte. Großfürsten der Industrie +und des Handels – sie nahmen freudig teil am Dasein +des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie +waren stolz, daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen +sollte ...</p> + +<p>Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge +erst lesen konnte, sollte er selbst die Depesche sehen – sie +sollte ihm einst sagen: Du bist in große Verantwortungen +hinein geboren. Viele Augen sehen darauf, ob du ein +tüchtiger Mann wirst ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude +haben heute.</p> + +<p>Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit +seiner Frau zum Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel +stand, daß die sofortige Verteilung einer großen +Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt werde. Über +eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder +der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter +sich beraten und ihr die Freude gönnen, am Tauftage +des Kindes der Arbeiterschaft davon Mitteilung zu machen. +Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat er, +den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung +veranstalten zu lassen, und sie, die immer von der anmutigsten +Gefälligkeit war, versprach, mit ihren drei Töchtern +selbst Schokolade und Kuchen in befriedigenden Mengen +anzubieten.</p> + +<p>Likowski und Marning kamen, als die von den drüben +garnisonierenden Herren dem Hause nächst Befreundeten, +und der Geheimrat nahm ihren Besuch an. Er hatte ja +ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen, seine +eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war +verwandelt. Er war nicht mehr der große Beherrscher, +der den Kopf voll von Sorgen hat. Nur ein ganz einfach +glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der Würde +einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu +haben.</p> + +<p>Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen +Stephan Marning: »Ja, dies Kind hat sich eine bevorzugte +Statt ausgesucht – solche Mutter – und solche +Zukunft!«</p> + +<p>Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. +Marning solle sich gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, +schon für ein Urteil über Fräulein Klara Hildebrandt +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur: Hatte +der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?</p> + +<p>Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem +Kameraden diese junge Frau und ihre Ehe zu besprechen. +Er sagte nur: »O – man hat doch stets den Eindruck +eines angenehmen Verhältnisses ...«</p> + +<p>»Angenehm – angenehm!« schalt Likowski. »Den +Kuckuck auch – soll er wohl gar unangenehm sein? Ich +weiß nich – ich trau’ ihm nich – nee – wo das mal +drinn steckt – so ’ne Männer sind gerade wie die Gäule +früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen +ließ – wenn ein ausrangierter noch nach Jahr und Tag +wieder das Signal ›Marsch‹ hörte, brannte er durch ... +Warten wir’s ab ...«</p> + +<p>»Lieber Likowski – Sie sind ein Pessimist – in allen +Dingen –« sprach er.</p> + +<p>»Kunststück – erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... +Die sind mein tägliches Brot ... Haben +Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab’ ich nich gleich +gesagt – damals im Februar – dieser auffallende Besuch +von Haldane – und dann die Pressekampagne hinterher +– passen Sie auf, wir werden wieder eingeseift – na +– uns, grad’ uns kommt’s ja zu, zu schweigen – warten – +aufrecht bleiben –«</p> + +<p>»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls +des Freundes Gedanken zu der jungen Frau und +ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir haben noch Zeit – +lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen – +ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis +erwirkt, nach Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da +– es regt mich unersättlich an ...«</p> + +<p>»Fabelhaft – Ihr Interesse! ... Thürauf und der +alte Herr sagen schon: der kommt noch zu uns herüber ... +<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>Marning, das tun Sie mir nich an – nee – daß Sie um +schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...«</p> + +<p>»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken +Sie denn, daß all die Herren, die bei Krupp und sonst +da und dort in die Industrie oder die Schiffahrtsgesellschaften +eintraten, das immer um des Mammons willen +taten? Haben Sie damals, als wir – wissen Sie noch, es war +am Geburtstag der jungen Frau – als wir zuerst auf dem +Werk waren – mir eine neue Welt – ja, da haben Sie +selbst gesagt: wir stehen doch Schulter an Schulter ... +Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird schon kein +Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom +Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter +armer Oberleutnant ohne großmächtige Beziehungen. +Aber das ist wahr: wär’ ich nicht Offizier, möcht’ ich +auf solchem Werk mitarbeiten – sei’s gegen noch so +bescheidenen Lohn ...«</p> + +<p>»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und +Konsorten keinen Schimmer von Ihrer Nebenliebe +haben ...«</p> + +<p>Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von +körperlicher Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung +hervorgerufen, sehr wohltätig war. Früh schon +wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat nicht +zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster +Lage nehmen wolle.</p> + +<p>Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten +im Hause herrschte, durch Balken und Decken bis oben +hinauf und besänftige alle Nerven.</p> + +<p>Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter +im Herrenhaus. Leupold, der seit dem Schlaganfall des +Geheimrats vor fünfviertel Jahren neben dessen Schlafzimmer +seine Stube hatte, zog gerade seinen dunkelblauen +<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal +schrillte.</p> + +<p>Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter +Zeit immer Schreck. Heute aber begann ihm +das Herz vollends rasend zu klopfen.</p> + +<p>Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken +an die bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte +sich in ihr ereignen! Man hatte es manchmal erfahren, +daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause einkehrten +... Und die unsäglichen Aufregungen, die der +alte Herr durchlitten ...</p> + +<p>Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und +öffnete.</p> + +<p>Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... +seine Hand tastete nach dem kleinen Knebel neben der +Tür – das Licht an der großen Lampe, die grün umhangen +vom Plafond herabkam, blitzte auf.</p> + +<p>Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer +fast sitzend, so viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die +Augen sahen in heller Wachsamkeit groß und blitzend ihm +entgegen.</p> + +<p>Er neigte sich ein wenig herab – doch noch in Besorgnis, +wollte fragen ...</p> + +<p>Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner +Rechten. Und der alte Herr sprach: »Leupold – du +weißt es seit damals – ich muß immer gerüstet sein. – +Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das kleine +Kind – das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann +hat ... Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit +findest – überhaupt noch dienen magst – verlaß +sie nicht! Das mußt du einsehen: Deine Treue für +mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der +jungen Frau und meinem Enkel gibst ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte +Leupold mit blassen Lippen.</p> + +<p>»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab’ so +allerlei ’rausgefühlt ...«</p> + +<p>Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut +habe. Und er sah wieder die junge Mutter auf +dem weißen Kissen und das Bündelchen in ihrem Arm. +Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und +so schnell er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte +– den von Glück bebenden Ton vernahm er doch noch, +mit welchem die junge Mutter sprach: »Der kleine Severin +Lohmann.« – Da war doch auch über sein etwas vertrocknetes +Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen +– fast wie Rührung.</p> + +<p>Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit +und Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der +kleine gnädige Herr sollen sich auf mich verlassen ...«</p> + +<p>Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben +befallen gewesen. – Man hat es zuweilen erfahren, +daß Leben und Tod ein Haus am gleichen Tage +suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit +und der Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. – +Er mußte der geliebten Tochter und dem Kinde noch einen +Treuen werben.</p> + +<p>Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen.</p> + +<p>»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf – wir sind +keine Fürsten. Denkst so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz +haben geruht, seine Windeln voll zu – – – na ... +Wie ich meine Tochter taxier’, lehrt sie den Jungen feste +erst mal gehorchen – auch dir! ... Der kleine ›gnädige +Herr‹ ...«</p> + +<p>Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das +dunkle Stück Fell in den Kissen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, +humorvollen Lächeln. –</p> + +<p>Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige +Minuten nach sechs Uhr abends traf der Zug in Lübeck +ein; das Auto war am Bahnhof; um sieben raste es auf +das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.</p> + +<p>Klara hörte den Ruf der Hupe – hohl und dunkel.</p> + +<p>Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von +Neugier – in Angst – in Enttäuschung. – Niemals hätte +sie genau sagen können, in was für Empfindungen. Bald +sprach die eine stark und bald die andere.</p> + +<p>Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung +ihres seelischen Daseins erwartet.</p> + +<p>»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel +überspannte, hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über +das Wunder der Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun +wohl Männer, die sich nur konstruieren können, was wir +innerlich erleben – und Frauen tun es, die selber niemals +ein Kind hatten.«</p> + +<p>Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. +Nur eine verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen +Geschöpfchen war in ihrem Herzen und erweiterte +es gleichsam – als sei ihm ein Stück hinzugewachsen ...</p> + +<p>Sonst hatte sich nichts verändert ...</p> + +<p>Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, +daß das Kind in ihr eine heiße Dankbarkeit für den Vater, +eine neue, nun wirklich leidenschaftliche Neigung zu dem +Vater mitbringen werde – wie ein Geschenk aus den +dunklen Untergründen des Daseins.</p> + +<p>Nichts davon ... Alles war wie bisher. – Eine kleine +Neugier war hinzugekommen, was Wynfried sage, wie +er sich in die neue Würde schicken könne – die ihm vielleicht +– Klara ahnte es – nicht so ganz zusagte ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle +eines neuen Lebensabschnittes voller Pflichten mußten +sie sich von Auge zu Auge verstehen – ein Blick war mehr +als alles Begrübeln ...</p> + +<p>Nun schrie die Hupe zweimal auf –</p> + +<p>Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte +mit der bevormundenden Familiarität solcher Frauen +in solcher Lage. »Sie wissen so viel mehr als die jungen +Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und das neue +kleine Leben ist ihnen anbefohlen – da werden sie naiv +überheblich,« dachte Klara oft.</p> + +<p>Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn +hingab, sie pflege Klara mit, und sich nur wichtig in +allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein. Wynfried +meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen +... Die gute Alte trug das in einem neckischen, +zärtlichen Ton vor, der Klara wehtat, als sei er voll +verborgener Taktlosigkeiten. – Klara sah an ihr: greise +Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, +so leicht rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... +Und die alte Frau tat längst schäker- und schäferhaft, +wenn sie von Klaras Ehe sprach – deren Grund sie doch +kannte ...</p> + +<p>Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten +näher zusammen – Klara sah nervös aus – als schmerze +sie etwas –</p> + +<p>»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie +etwas kurz.</p> + +<p>Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die +Vorhänge hatte man zurückgezogen, da die Sonne schon +zu tief im Westen stand und ihre Strahlen diese Fenster +nicht mehr erreichten. Es war hell.</p> + +<p>Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, +<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>daß der Mann mehr unsicher, mehr verlegen war als +gerührt und erhoben ...</p> + +<p>Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu – neigte +sich herab und küßte Klara –</p> + +<p>Sie sah ihn an – tief – tief. – Er lächelte dem Blick +zu, der ihm doch fast unbehaglich war ...</p> + +<p>Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus +dem Ereignis ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch +wohl viermal die Hand und streichelte leise ihre +Wangen –</p> + +<p>Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller +Rücksicht – wie sie es immer gewesen war, und nicht +anders ...</p> + +<p>Nein – nicht anders ...</p> + +<p>Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben –</p> + +<p>»Willst du ihn nicht sehen?«</p> + +<p>Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, +nahm mit vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen +Seidenstoff und die Spitzenüberhänge auseinander, atmete +einen Dunst von neuem Flanell und lauer Wärme ein, +der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit +dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und +sprach: »Entzückend – hoffentlich sieht er dir ähnlich – +ja – so’n Baby – das ist nun mehr was für Frauen –«</p> + +<p>Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier +bleiben – die Lamprächtige hat es so befohlen ...«</p> + +<p>Er küßte ihr die Stirn.</p> + +<p>»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist – und +Vater ist ja wohl außer sich ...«</p> + +<p>»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...«</p> + +<p>Ganz einfach sprach sie das – jedes große Wort, jede +Aufwallung und Erschütterung blieb aus. –</p> + +<p>Es war sehr alltäglich ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die +Augen und drehte den Kopf zur Seite – sie heuchelte +Schlummer, um nachzudenken.</p> + +<p>Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.</p> + +<p>Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf +nüchtern-nette Minuten kommen ...</p> + +<p>Das macht das Herz still –</p> + +<p>Alles war dasselbe geblieben –</p> + +<p>Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit +unter Verzicht auf jedes wahre Herzensglück durchführen +mußte ...</p> + +<p>Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, +und nach einigen Wochen war man es schon gewohnt, +daß eine neue Hauptperson vorhanden war, die meist +schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine +pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in +schwarzem Mieder mit buntem Brusttuch und weißen +Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den schwarzen +Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile +sich künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner +vermehrt.</p> + +<p>Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein +solches Wesen suche. Er erklärte dem Doktor Sylvester +und seiner Frau, daß es ihm einfach gegen sein ästhetisches +Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren wolle. +Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte +war er fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das +Natürliche. Aber über Klara kam auf der Stelle eine +ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie konnte nicht +kämpfen.</p> + +<p>Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren +Verschiedenheit in großen Dingen. –</p> + +<p>Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. +<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>Über Wynfrieds Wünsche durfte man nicht hinweggehen +– sie nicht, deren Aufgabe es war, einen <em class="gesperrt">Mann</em> +aus ihm zu machen – und sie spürte: hier war es ihm +ein Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen.</p> + +<p>Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten +sollten in ihm nicht aufkommen.</p> + +<p>Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die +Veränderung im Familienleben als einen Abschnitt ansah, +der ihm mehr Freiheit zurückgebe, oder daß er die letzten +Nervositäten abschüttelte, die ihm noch angehaftet.</p> + +<p>Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere +Stimmung von der erfreulichsten Ausgeglichenheit.</p> + +<p>Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken +geleitete Sandsteintreppe hinabführte, ankerten +nun ein Motorboot und eine seegehende Schonerjacht. +Hart an der Brücke schaukelte an seiner eisernen Kette +das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen +zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.</p> + +<p>Das Motorboot war viel größer und eleganter als das +der Baronin Agathe Hegemeister. Es hatte in der Mitte +eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen Samtsofas man +leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein +kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, +mit Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im +Motorboot ausführen. Es hieß dem Kinde zu Ehren +»Severin«, während die Jacht den Namen »Klara« trug.</p> + +<p>Die war schneeweiß und wirkte neben dem von +Benzin getriebenen Mahagonigefährten südlich-kokett. +Ihr Deck, von schmalen Pitschpinebohlen, strahlte von +Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum eine Hauptkajüte, +eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu +eng haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, +war also zu größeren Küstenreisen durchaus eingerichtet +<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>und seetüchtig, auch in den Sunden und Belten +der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen.</p> + +<p>Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen +Hosen und krebsrote Zipfelmützen. In dieser munteren +Tracht sah man sie wie Spring- und Kletterwesen an den +Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln flink +hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, +der einen marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen +trug und um seine Schirmmütze ein goldenes Band hatte.</p> + +<p>Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen +war, sagte dem Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. +Er sah es: nach einem Jahr des gesunden Lebens neben +einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer regelmäßiger +werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz +einfach das zurückgekommen, was er in tollen Jahren +verloren gehabt hatte: die gesunde Jugendkraft.</p> + +<p>Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte +ihr hier, in der Nähe von Travemünde und dem berühmten +Segelwasser der Lübecker Bucht, keiner verlockender +scheinen als dieser.</p> + +<p>Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich +zu erholen.</p> + +<p>Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht +und zu sehr: einst gegen jetzt.</p> + +<p>»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: +alles liegt anders jetzt. Der Mann von heute wird +ja durch seine Arbeitsstunden so gepeitscht, daß er Ausgleich +für seine Nerven haben muß, wenn er sich nicht zu +früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner +Generation – ihr seid so nach und nach in das Hetzen +hineingewachsen. Heut fängt’s ja schon für die Kinder +mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß Wynfried +die Erholung im Sport sucht.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>»Ja – gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle +Augenblick nach Berlin oder Hamburg führe, um sich zu +erholen ...«</p> + +<p>Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt – +obgleich – Nein! Nein – solche Frau – und einen Sohn +in der Wiege – da war wohl keine Gefahr mehr.</p> + +<p>Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine +Mutter sehr vergnügungssüchtig gewesen sei, und es +hier nie lange aushielt. Sieh – es rumort doch gewiß +auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will +durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen +wir nicht dankbar sein, daß er sie in der Natur sucht?«</p> + +<p>»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. +Lieberes konnte er gar nicht hören. – –</p> + +<p>Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen +gefeiert, zu dem von allen Seiten her, aus dem Mecklenburgischen +und Lübeckischen, die Freunde des Hauses +gefahren kamen.</p> + +<p>Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder +vor. Sie war solange fortgewesen. Nun kam wie eine +Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe hatte ihren Eltern +klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe, +ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. +Und Agathe war beinahe schon umgekommen in dem +Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck, daß die Eltern +der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter +jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie +wünschten, der Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. +Agathe konnte mit ihrer treuen Gerwald so +oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort +nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei +dennoch immer eine versteckte Gefangenschaft, klagte sie der +Freundin vor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach +dem Einen, Bewußten, wegen dessen Kälte sie noch vor +Gram sterbe. Klara werde es nicht glauben: keinmal, +kein einziges Mal habe er geschrieben – sie habe keine +Hoffnung mehr.</p> + +<p>»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir +glänzend bekommen,« meinte Klara.</p> + +<p>»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, +denen man ihren geheimen Jammer nie glaubt,« sagte +Agathe bekümmert.</p> + +<p>Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den +Undankbaren mit Kälte zu strafen.</p> + +<p>Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, +daß ihre »intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind +gefragt habe – nicht einmal verlangt, es zu sehen – +merkwürdig!</p> + +<p>Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man +einer Rose Vorwurf daraus machen können, daß sie nur +Schönheit und Duft habe und sonst zu gar nichts nötig sei.</p> + +<p>Am anderen Tag freilich – es mochte diese Unterlassungssünde +Agathen selbst schwer auf die Seele gefallen +sein – fand sie den Täufling süß und reizend und kokettierte +auf das unschuldigste und stärkste über das festliche +Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem +Vater, ihm zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm +fabelhaft ähnlich sehe.</p> + +<p>Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas +jünger und hübscher glaube er denn doch auszusehen als +sein acht Wochen alter Sohn, und mehr Haar habe er denn +doch auch noch.</p> + +<p>Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein +kahler, unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie +schön.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas +peinlich berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die +Augen – nicht diese Wundertiefen darin? ...«</p> + +<p>Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als +Klara selbst ihr kleines Kind auf die Knie des Großvaters +legte, der es mit scheuen Händen festhielt.</p> + +<p>Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was +der gebändigte alte Riese wohl in diesem Augenblick +empfinden möge.</p> + +<p>Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die +pastorale Stimme des einen, der hier zu sprechen hatte.</p> + +<p>Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von +Grün und Blumen kamen die goldenen Strahlen und +umglänzten den Pastor und den Alten im Fahrstuhl mit +dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- +und Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.</p> + +<p>Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen +Frauenkopfes fiel noch der leuchtende Schein.</p> + +<p>Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten +Reihen der Taufgäste. Er hatte aber den Blick frei auf diese +umstrahlte Gruppe vor dem improvisierten Altar.</p> + +<p>Sein Herz klopfte – er wurde selbst davon überrascht, +so jäh begann dies schnelle Schlagen.</p> + +<p>Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie +sah ...</p> + +<p>»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum +unendlichsten Mal.</p> + +<p>Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach +dem Tode ihrer Eltern. Für einen so reichen Mann +gegen die Waise eines einstigen Beamten eine brave, +aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der Wohltat +sich dafür hinopferte ...</p> + +<p>Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>von diesem edlen Gesicht mit den dunklen Augen, über +denen die geraden Brauen etwas zusammengerückt waren +wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.</p> + +<p>Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der +jungen Frau. Sie hob, als rufe sie wer, ein wenig das +Haupt, sah auf – und sah in das große, sprechende Auge +des Mannes.</p> + +<p>Sie erblaßten beide.</p> + +<p>Klara senkte die Lider – ein leises Schwanken schien +durch ihre Gestalt zu gehen.</p> + +<p>Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich +kein Entsetzen, kein Sturm fassungsloser Aufregung.</p> + +<p>Nichts war deutliches Denken oder eingestandene +Erkenntnis.</p> + +<p>Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem +Gefühl: »Ich muß fort ...«</p> + +<p>Ja, fort – sich versetzen lassen – an die russische oder +französische Grenze – wo man fern von allen Erinnerungen, +aller Kultur ist, wo man nichts hat als das wachsame +und lauernde Warten auf den Krieg ...</p> + +<p>Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der +Hausherr in einer Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei +an seine linke Seite gesetzt hatte. Und Agathe blühte in +ihrer üppigen Schönheit lockender als je. Aber sie mußte +einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten +sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel +auf – und der hieß: Entsagung.</p> + +<p>Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier +nur nicht laut herausschluchzen ließen.</p> + +<p>Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung +über sich und ihre weiche Natur: »Hassen kann ich ihn +nicht ...«</p> + +<p>Nein – das lag ihr nicht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie +ihn, abschiednehmend, segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein +doch noch ein unsterbliches Fünkchen Hoffnung +glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch bezaubern +werde.</p> + +<p>Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause +schon mehr Park genannt werden konnte mit seinen weiten +Rasenflächen und seinen großen Baum- und Gebüschgruppen.</p> + +<p>Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, +kurze Nächte schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber +konnte man deshalb nicht sprechen, und zur Sentimentalität +lud das blaue Licht nicht ein. Zwischen den +Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine +und die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem +Abendhimmel stand der Dunst, der die Welt des Feuers +und des Eisens immer überschwebte. Glühender Schein +glänzte geheimnisvoll auf.</p> + +<p>Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, +man sah auch eine Schlange von Rauch in der Luft +liegen, die langsam weiter und meerwärts gezogen wurde.</p> + +<p>Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl +und schien ihr beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht +von einem Erdbeben zerstört, und du selbst stehst fest noch +mitten darin.</p> + +<p>Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. +Nie wieder – darin war etwas gewesen – was? Großer +Gott – was denn?</p> + +<p>Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?</p> + +<p>Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, +Likowski, Marning und der rothaarigen, nicht mehr so +völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr zusammenstand, +ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu. Wynfried +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung +auf die Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« +sich mit den Jachten ihrer Klasse, des Kaisers »Meteor« +und der Kruppschen »Germania«, noch nicht in einen +Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft +und Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch +bemerkt werden und als neue Erscheinung einen sehr guten +Eindruck machen. In allen Sportzeitungen war es schon +in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß Herr Wynfried +Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute +Jacht erworben habe.</p> + +<p>Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen +hatte, tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem +bereit – wollte eine Art freiwilliger Schiffsjunge werden, +und weder Sturm noch Gefahr sollten sie erschrecken. +Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa +beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die +Hände: Ja, ja! Das konnte sehr lustig werden.</p> + +<p>»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! +Plötzliche Geschmacksänderung?« spottete Likowski.</p> + +<p>»Ach – Sie! So ’n rauher Kriegsmann versteht nichts +von den Wandlungen einer Frauenseele.«</p> + +<p>»Na, es freut mich immerhin. Natur – das ist doch +wenigstens kein schlechter Geschmack!«</p> + +<p>»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe +empört.</p> + +<p>Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten +teilzunehmen, und sagte auch gleich – weil er wußte, er +half damit dem Kameraden – daß es Marning wohl ebenso +ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so, daß es +noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein +Vetter, der Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. +Vor dem Herbst! Denn im Spätherbst lassen sich die +<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind ihnen mit unseren +Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes Feld +ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. +Nein, in solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter +Erwartung bebten, da hatte er keinen Sinn +für Sport.</p> + +<p>»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst +vertraulich Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: +»Laden Sie nicht Hornmarck ein, lieber Lohmann. Nein +– nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen Sie sein sein – +aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß +er anhält ... Das wär’ zu peinlich – wo man sich hier +doch immer gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja +woll nich begreifen: Das war doch bloß so ’n Backfischstadium.«</p> + +<p>Alle hörten es.</p> + +<p>»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein +Edith. Hornmarck hat mir noch gestern gesagt, er heirat’ +bloß, wenn er ’ne sehr gediegene, weibliche, schöne Frau +kriegt – –«</p> + +<p>»Na,« lachte Edith, »also grad’ so ’n Mädchen, wie +ich bin.«</p> + +<p>Und alle lachten mit.</p> + +<p>Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese +Banalitäten – es schien so zu beweisen, daß nichts aus +den Fugen sei. Und sie sagte, daß sie gelegentlich auch +mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie durch ihr +Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte +dem Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein +fremder Ton.</p> + +<p>Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. +Und sie hätte nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.</p> + +<p>Welche qualvolle Unerklärlichkeit – was stand denn +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>zwischen ihr und ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes +mit ihrem Schwiegervater von diesem Mann – +gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe +horchend, das der alte Herr für ihn hatte?</p> + +<p>Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte +in ihrer Brust diese nervöse Angst? Der Entschluß wallte +in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ...</p> + +<p>Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle +fliehen.</p> + +<p>Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit +sei, wo sie dem Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... +er zog sich ja immer früh zurück ... Sie lief, als peitsche +sie wer. Und kam atemlos im Hause an und fuhr hinauf.</p> + +<p>Der alte Herr war still. Nicht müde – aber als sei +er satt vom Tage. Er mochte gern noch einsam bedenken, +wie reich er nun geworden.</p> + +<p>Da kam die junge Frau.</p> + +<p>»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend +siehst du aus – was ist denn das? Ich dachte schon immer +bei Tische: was hat denn Klara?«</p> + +<p>Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und +ihren Arm um seine Schulter.</p> + +<p>»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich +hätt’ die Feier lieber im kleinen Kreis gehabt.«</p> + +<p>»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu +Willen sein.«</p> + +<p>»O ja – immer – immer,« sprach Klara.</p> + +<p>Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, +stand sie – lange – lange.</p> + +<p>Wie tat das wohl – gab solchen Frieden.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein +Thürauf doch noch mit Herrn von Brelow. Er bat den +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>Generaldirektor und seine Gattin um ein Gespräch. Und +auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche überhangenen +Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die +Angelegenheit verhandelt. Der Freier in seiner schönen, +aristokratischen Erscheinung, mit den schon angegrauten +Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck, sprach: »Ihre +Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb. +Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. +Sie sprachen es so oft aus, Herr Generaldirektor, und +auch Luise hat es mir so ausdrücklich bestätigt, daß wir +von vorneherein wissen: wir müssen mit dem bescheidenen +Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre +Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen +Art mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus +leben und bewerte eine herzlich-friedliche Ehe höher als +Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr Generaldirektor, und +Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht vorenthalten +werden.«</p> + +<p>Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit +der Linken ihr Spitzentüchlein gegen die Augen, während +sie mit ausdrucksvoller Geste ihre Rechte Herrn von Brelow +entgegenstreckte, die er verehrungsvoll küßte.</p> + +<p>Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei +Sekunden nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen +auf und hatte ein leises, ironisches Lächeln.</p> + +<p>»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über +dies bescheidene Los erbitten?«</p> + +<p>Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. +Sein Vater hatte es herabgewirtschaftet. Dies war kein +kleiner Augenblick für ihn. Als Mann von Herz und Ritterlichkeit +hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer Tochter +eine große Stellung.«</p> + +<p>Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst +<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>dreiundzwanzig Jahre alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer +Idiot. Das wissen Sie. Ich darf hinzusetzen: +Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration +so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich +ansehen darf. Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst +verschlossen dasteht und daß ich das Kavalierhaus als Wohnung +habe. Es ist geräumig und würde, völlig eingerichtet, +meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit +bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. +Ferner alle Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens +und für die Hauswirtschaft ein natürlich abgegrenztes +Quantum von allem, was der Stall, die Meierei +und die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu +an barem Gehalt habe, ist freilich so bescheiden, daß ich +die Ziffer vor einem Mann, wie Sie es sind, nicht aussprechen +mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir würden +uns durchaus damit einrichten – sie will gern sparen.«</p> + +<p>Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers +war noch deutlicher geworden. Aber es war nicht +von jener Art Ironie, die verletzt – Frau Thürauf kannte +dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem Gesicht den Reflex +strahlender Vorfreude.</p> + +<p>»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. +»Aber glauben Sie nicht, daß wir Männer der Großindustrie +und der Naturwissenschaft dafür kein Verständnis hätten +– wir brauchen selbst einen starken Posten Idealismus – +ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! +An Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine +wohlhabende Heirat gesucht haben. Natürlich, ich bin +kein armer Mann – aber Luise hat zu viel Herz, und +Sie, taxier’ ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine Erbschaft +zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger +ausbleiben kann.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« +antwortete Brelow kurz, ja schroff.</p> + +<p>»Also denn ja – und von ganzem Herzen. Und +ich sehe: meine Frau brauche ich nicht zu fragen, ob sie +auch einverstanden ist!«</p> + +<p>Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das +den Weg zu diesem tristen Winkel geleitete, die Gestalt +seiner Ältesten herankommen. Brelow erhob sich auf der +Stelle auch.</p> + +<p>»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow +– halten Sie mich nicht für ’n Schauspieler oder +Poseur. Meine Frau und ich waren eins darin: die +Kinder bescheiden erziehen! – Zu große Gewohnheiten +haben noch keinem Menschen das Leben erleichtert – +und die Gefahr lag zu nah: daß mal Mitgiftjäger sich +’ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was! Das +darf ich sagen! Sie sollen aus <em class="gesperrt">Liebe</em> geheiratet werden +– nicht als Eisenprinzessinnen auf ’n Heiratsmarkt +kommen. – Na – und ich seh’ ja nun – Sie und Luise +– Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten des Feldes ... +Schön, sehr schön! – Aber ich möchte denn doch, daß es +die Früchte der <em class="gesperrt">eigenen</em> Felder meines Schwiegersohnes +wären. Ich denke, wir lassen mal durch ’n geschickten +Mittelsmann anklopfen, ob der Herr Kommerzienrat +Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich reden +läßt ...«</p> + +<p>Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters +Hals, und Brelow stand bleich vor freudigem Schreck.</p> + +<p>»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, +»es ist keine Mitgift! – Ich bin und bleibe ein Mann +von Wort – schon allein, um dem dicken Pankow nicht +den Triumph zu gönnen – durchaus: keine Mitgift! – +Bloß Hochzeitsgeschenk.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von +der neuen Lage innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch +äußerlich verlegen die Glückwünsche der Gesellschaft empfing, +hatte Herr von Pankow doch sein Pläsier.</p> + +<p>Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die +Luft, in der Richtung auf des Generaldirektors Weste zu, +und lachte: »Was diese Eisenbarone kokett sind! – Ich +wollte unserem Freunde Thürauf schon ’n Platz im Pankower +Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat +es sich doch so zusammengeläppert, daß Fräulein Luise +’n kleines Rittergut zur Hochzeit kriegt. Hören Se mal, +Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir +Ihren Posten.«</p> + +<p>Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow +hat’s natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem +Gerede von: keine Mitgift und so ...«</p> + +<p>Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. +Und dachte immerfort: »Sie lieben sich – sie lieben +sich! ...«</p> + +<p>Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe +sich zusammenfinden durften. – –</p> + +<p>Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht +mit den gelbbleichen Seidensegeln und der flinken Mannschaft +in den krebsroten Sweatern die Trave hinabkreuzen, +durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die freie +Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. +Bei Flaute schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn +weit hinaus.</p> + +<p>Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef +Wynfried Severin Lohmann jeden Nachmittag die +Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß sein Sohn in +der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in +erneuter Mannesschönheit aufblühte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor +gestand, daß Wynfried mit einer genialen Leichtigkeit +und Raschheit arbeite, die denn doch das väterliche +Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der +Hand – als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei +Beratungen traf er rasch den Kern der Dinge, auf die +es ankam.</p> + +<p>Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch +– ihm schien, als halte Thürauf irgend etwas zurück – +das war sonst nicht seine Art.</p> + +<p>Er sprach auch mit Wynfried selbst.</p> + +<p>Der lachte.</p> + +<p>»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die +Art des Arbeitens ist was Individuelles. Weißt du, mir +hat immer der große Gelehrte imponiert – Robert Koch +soll’s gewesen sein – der sich sein Leben so einteilte: +acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden +Vergnügen. Kann man seine vierundzwanzig Stunden +klüger einteilen?«</p> + +<p>»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte +sich in Gedanken: »Gerecht bleiben!«</p> + +<p>Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche +gewesen war, brauchte seines Sohnes Dasein nicht ein +ebenso brutales, unaufhörliches Ringen mit der Arbeit zu +sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde Frau +– ein Glück in der Ehe – das hatte er doch?</p> + +<p>Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck +in den strengen Zügen dieser jungen Frau so rätselhaft.</p> + +<p>Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, +dieser Zug von Abspannung, der fast nach verborgenem +Leid aussah, der schien so tief eingezeichnet, daß er nie +mehr wich.</p> + +<p>So sieht das Glück nicht aus ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in +fröhlich flottem Ton weitersprach.</p> + +<p>»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da +so auf dem Werk sich abhetzt – rasche Entschlüsse fassen +muß – das prickelt – – Spannung und Wagnis ist dabei +– grad’ wie beim Segeln – man sieht die Böe +kommen – es heißt Umlegen – ja, da kommt es auf +die Sekunde an – Geistesgegenwart ist alles. In den +Fingerspitzen muß man’s haben, wann das Tau locker zu +geben ist – und hart an der Gefahr des Kenterns vorbei +– dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.«</p> + +<p>Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen +Äußerungen nicht mit vorgebracht hatte.</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">Sportgefühl</em>, mit dem Wynfried der Arbeit +gegenüberstand! ... Sie war ihm keine heilige Sache. +War nebensächlich.</p> + +<p>»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist +doch wohl ein Unterschied. Arbeit ist kein Sport.«</p> + +<p>»Ich meine doch beinah – wenigstens für uns, die +wir’s eigentlich nicht nötig haben.«</p> + +<p>»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der +großen Aufgabe nicht.«</p> + +<p>»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe +doch, sie bleibt mir immer interessant. Nur – ich will +daneben noch was vom Leben haben.«</p> + +<p>»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte +der Vater.</p> + +<p>Wynfried streichelte Klara das Haar.</p> + +<p>Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch +nebensächlich ...</p> + +<p>»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine +famose, großartige Frau in mir geweckt.«</p> + +<p>Klara lächelte freundlich.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen +Nachhall. Hatte er es nicht schon oft und oft gehört? +Immer dies Rühmen der »famosen, großartigen« Frau? +Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an +Worten?</p> + +<p>Fort – fort – Gespenster – Grübeleien – fort ...</p> + +<p>Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit +dem Kinde zurück.</p> + +<p>»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, +auch aus Gefälligkeit gegen Klara, das Kind an. Es +entwickelte sich so kräftig, es war so wundervoll gepflegt, +daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte +Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es +sahen, es bewunderten.</p> + +<p>Der alte Mann fuhr beinahe zusammen – da war +wieder ein Nachhall – aber er kam von weit her – aus +Zeitfernen.</p> + +<p>War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall +seiner Frau gewesen? Sagte sie nicht geradeso »na, +du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin ihr einmal den +kleinen Wynfried zeigte?</p> + +<p>O, dieser Tonfall – durch den alles zur oberflächlichsten +Nichtigkeit zu werden schien – in dem kein +Klang von tiefem Gefühl mitschwang.</p> + +<p>In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen +so schwer, daß er sie nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen +konnte. »Sein Kind« – das war ja die junge +Frau. –</p> + +<p>Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben +in seinem mächtigen Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich +fragen ...«</p> + +<p>Klara kniete sogleich neben ihm hin – denn das war +ja die Stellung, in der sie ihm am besten in die Augen +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>und zu ihm empor sehen konnte. Er legte seine schwere +Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.</p> + +<p>»Hast du Kummer?«</p> + +<p>»Nein, Vater.«</p> + +<p>»Du bist verändert.«</p> + +<p>Sie erblaßte.</p> + +<p>»Wie sollte ich es sein?«</p> + +<p>»Hast du über Wynfried zu klagen?«</p> + +<p>»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und +rücksichtsvoll.«</p> + +<p>Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte +es nicht.</p> + +<p>Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte +auch gesehen, wie sie erblaßte.</p> + +<p>Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete +sich zu dem Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil +nahe ...</p> + +<p>»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.«</p> + +<p>»Das brauch’ ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts +zu klagen,« sprach sie matt.</p> + +<p>»Aber wenn ... je ...«</p> + +<p>Da raffte sie sich auf.</p> + +<p>»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen +habe, halt’ ich! Sonst wär’ ich nicht wert, dein Kind zu +sein.«</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_7" id="Kapitel_7"></a>7</h2> + + +<p><span class="dropcap">K</span>lara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen +dem Fährboot entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein +Edith heranbrachte. Schlank, im engen schneeweißen +Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm Arm, +stand sie und winkte schon von weitem.</p> + +<p>Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der +wolkenlose Himmel, die besonnte Welt der Felder und +Wiesen, die leuchtendrote kleine Stadt drüben auf der +sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende Fluß. Und die +schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des Hüttenwerks +standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus +den ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und +eilig – das wirkte beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein +ablehnt und ausdrücklich betonen will, daß +die wichtige und finstere Arbeit der Kohle und des Feuers +sich nicht an so etwas Veränderliches wie das schöne Wetter +kehre. –</p> + +<p>Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. +Im Wyk wollte man die Baronin Hegemeister mit ihrem +Schatten, dem Fräulein von Gerwald, aufnehmen und +dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden Jachten +entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, +sie schloß wie immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, +wo dann noch unter Gegenwart und Teilnahme des Kaisers +<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>die beiden rauschenden und glanzvollen Tage mit Wettsegeln, +Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten +wurden.</p> + +<p>Nun war Edith angekommen und sprang aus dem +Fährboot. Klara erschrak beinah. Was hatte das Mädchen +denn nur mit sich gemacht? Die dicken, brandroten Haare +in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! +Und das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund +und den bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen +wirkte dazwischen noch häßlicher.</p> + +<p>»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis +Travemünde mit! Da muß ich meine Tante Aline erwarten. +Sie kommt mit dem Abendzug von Hannover +und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß +ihr Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter +selbst vergebens. Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du +dich nicht unterstehst – – na – und so weiter. Wie +Väter auftrumpfen, die man sonst um ’n Finger wickelt. +Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal +erben – ich bitt’ um stilles Beileid ...«</p> + +<p>»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte +Klara, »ich kann ihn auch nicht begleiten.«</p> + +<p>»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als +fragend.</p> + +<p>»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. +»Keine Spur. Der Kleine hat, glaub’ ich, einmal +gehustet – da bringt niemand und nichts meine Frau +von ihm weg.«</p> + +<p>Edith lachte.</p> + +<p>»O Gott ja – diese fanatischen jungen Mütter ...«</p> + +<p>Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer +Liebe zu ihrem Kinde neckte. War’s nicht, als würde man +sie necken, weil sie atme?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>»Fanatisch – das ist das Wort,« stimmte Wynfried +wohlgelaunt zu. »Als ich neulich mit meiner Frau acht +Tage in Berlin war, merkte ich bald: sie kam beinah um +vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um +ihn – als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein +Heer von Aufsehern da sei.«</p> + +<p>Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die +schweren Tage in Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so +viel, als sie es irgend einrichten konnte, in ihres Mannes +Gesellschaft zu sein – mit ganzer Inbrunst täglich von +neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen – ihm +Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend +ging sie mit in die Theater. Wynfried wählte immer +das, wo man sich am meisten Augenweide und Lustigkeit +versprechen konnte. Und diese Tage im rauschenden, +rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft +– dem nie abreißenden Hintereinander der Gefährte – +wie waren sie mühsam gewesen. Gewiß, auch durch das +quälende Heimweh nach ihrem Kinde. – Das Kind war +doch der Zweck ihres Daseins – dies Kind gab in einem +besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. +Aber sie spürte wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen +haben – sie war ja nicht nur Mutter und mit der Mutterschaft +nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie hatte auch +die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes +Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt +und beschäftigt hätte – sie hörte auch kaum ein Wort, +das ihre Gedanken auf neue Wege geleitet hätte. Und +dann – diese Unruhe in ihr, dies unbestimmte und doch +furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem bedroht +zu sein – das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde +sein konnte.</p> + +<p>Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt +<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>nicht zu ihr – deshalb spürte sie nichts von der Wucht +der Eindrücke.</p> + +<p>»Aber nun fix!« mahnte Wynfried.</p> + +<p>Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah +ihr dreist ins Gesicht.</p> + +<p>»Sie sehen aber wirklich noch immer ’n bißchen matt +aus – ich fand es schon damals auf der Taufe. – Da +sollten Sie grad’ mitsegeln.«</p> + +<p>»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der +Kleine ist wirklich etwas unruhig, und dann ist Vater fast +noch besorgter als ich.«</p> + +<p>»Schad’,« meinte Wynfried, »es ist so großartiges +Wetter. Likowski und Marning haben auch abgesagt.«</p> + +<p>»Was – die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, +bei solcher Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann +war sie doch einer ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung +sicherer.</p> + +<p>»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, +daß Sie, Baronin Agathe und meine Frau mitsegeln +würden.«</p> + +<p>»Ach Marning! – Ich glaub’, der retiriert vor Baronin +Agathe,« meinte das rothaarige Mädchen.</p> + +<p>»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara.</p> + +<p>»Na – nu los. Und ängstige dich nicht – wenn +gegen Abend Flaute kommt – es kann spät werden ...«</p> + +<p>Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit +ein paar sicheren Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die +hatte schon ihr Fallreep mit den drei Stufen herabgelassen, +und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck der Jacht, +wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den +weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn +militärisch salutierten.</p> + +<p>Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine +<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>Maschine begann zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, +braune Mahagonileib glitt stromab. Die Trossen strafften +sich, und wie ein großer Sohn der kleinen Mutter, so +folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und Schunersegel +waren noch gerefft.</p> + +<p>Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten +Grüße hinüber, bis Klara langsam wieder treppan und +zum Hause emporstieg.</p> + +<p>»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte +Edith.</p> + +<p>»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie +oft ermüdet aussieht – sowie der Junge nachts sich rührt, +steht sie ja auf – die Amme sei nicht verläßlich.«</p> + +<p>»O Gott – und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte +Edith mit komischem Pathos.</p> + +<p>»Hab’ mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen +und mein altes Quartier oben genommen – bin +sehr stolz auf meinen Sohn – auf sein nächtliches Geschrei +leg’ ich aber keinen Wert.«</p> + +<p>Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang +zur Kajüte, der in üblicher Weise schräg überdacht +war, hatte das Deck eine bassinartige, ovale kleine Vertiefung, +in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein +breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. +Sie waren von Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze +Menge lose liegender, rotseidener gearbeitet, die man sich in +den Rücken stopfen konnte oder unter den Kopf legen. Hier +blieb man auch von der Mannschaft, solange glatte Fahrt +war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen +Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf.</p> + +<p>Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger +Stellung einander gegenüber. Er hatte die Hände zwischen +den Knien gefaltet und schaute aufmerksam in Ediths +<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in ihren dreisten +Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön +geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden +Zähnen leise öffneten, so dachte Wynfried: »Derart +lüstern, daß es einen Mann irritieren könnte –«</p> + +<p>»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er.</p> + +<p>»Ach – ich denk’ so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...«</p> + +<p>»Ich?«</p> + +<p>»Na ja – wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei +hört ...«</p> + +<p>»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder +Mann hat Ursache, mich zu beneiden,« bemerkte er etwas +ablehnend.</p> + +<p>»Will nichts gegen sie sagen – nicht von fern – ich +verehre Ihre Frau kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie +hatte irgend eine unbestimmte Empfindung gehabt, daß +man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne – aber sie +spürte: das schien doch nicht geraten ...</p> + +<p>Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der +schönste Mann sei, den sie je gesehen. Ziemlich groß, +wundervoll gewachsen – die Augen blau und manchmal +so rätselvoll im Ausdruck. – Die Züge vornehm – und +das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke +abwarf und selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen +Nacken sehen.</p> + +<p>Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war – ja, +dieser Mann wäre in jeder Hinsicht für sie gewesen. – Geld, +Stellung – und seine Schönheit lud noch dazu ein, sich +rasend in ihn zu verlieben ... Und was <em class="gesperrt">der</em> Mann wohl +von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende +sollte ihn ihr Studium gekostet haben. – Ach ja, er war +weit und breit der einzige interessante Mann ... Und +<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>gerade dieser hatte sich mit einer so langweiligen Person +verheiraten müssen.</p> + +<p>»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir +auch von jedermann ausgebeten haben,« sagte Wynfried +würdevoll.</p> + +<p>Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der +Augenblick gerade erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz +und ihrem sechsten Sinn, der überraschend scharf war, +fühlte sie das gleich.</p> + +<p>Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ...</p> + +<p>Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge.</p> + +<p>»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?«</p> + +<p>»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.«</p> + +<p>»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater +das gewollt haben.«</p> + +<p>»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. +Denken Sie mal: wie wäre ich gebunden gewesen, wenn +Vater mal davonginge, denn von seinem Krankheitsthron +aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das gewichtigste +Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen +hätte, um anderswo als Kompagnon einzutreten. – Nun +bin ich nach Wunsch freier Mann – denn Thürauf hat ja +bloß eine Leidenschaft: arbeiten.«</p> + +<p>»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen +seien fabelhaft.«</p> + +<p>»Sie sind durchaus normal.«</p> + +<p>»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet +für all das Lohmannsche Kapital. – Es wären +acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater ins Werk gesteckt +hat. – Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes stehe +sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend +Mark Einkünfte. O Gott – und wenn man bedenkt, +daß Ihrem Vater auch noch die Kreyser-Werke zu +<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn’s mit den +Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus +ist, arbeiten sie sozusagen von selbst weiter.«</p> + +<p>»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried +mokant; »und wie Sie das alles behalten haben! So viel +Zahlen im Munde eines so jungen Mädchens.«</p> + +<p>Edith zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an +von Farben sprechen hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, +die alles von Pferden verstehen. So ’n Industrieprinzeßchen +wie ich wächst von selbst ins Verständnis +für Geld und Geschäfte hinein. – Papa wundert sich aber +doch. Wo alle Welt weiß, daß Ihr Vater den rasenden +Stolz auf sein Werk hat und diese große Liebe! – ›Severin +Lohmann‹ sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man immer +gedacht.«</p> + +<p>»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde +Vater es nicht getan haben. – Es steht auch ausdrücklich +im Kontrakt, daß die Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche +Schwiegersöhne oder Enkel übertragbar sein soll.«</p> + +<p>Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg +Edith. Er hatte gemeint: der Geheimrat traue seinem +Sohn doch wohl noch nicht ganz ... und wolle dem Werk +den bedeutenden Mitarbeiter sichern. – Und bis der zähe +Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried +auch ein alternder und ganz eingearbeiteter Mann. –</p> + +<p>»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf +erobert, macht er ja ’n blendendes Geschäft,« sagte Edith +voll Verachtung. »Seit Luisens Verlobung mit Brelow +weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem +ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen +Tugenden.«</p> + +<p>»So?« fragte Wynfried ungläubig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh +unseren Ritt machten – Sie wissen ja, Papa ist in jedem +Sinne Sonntagsreiter, und ich genier’ mich immer, wenn +uns sachverständige Herren begegnen – na, wen treffen +wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten +Thüraufs, nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei +Jüngelingen. Die Räder lehnten an dem berasten Erdwall, +etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen +und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die +waren mit Wurst belegt – das wäre so in der Situation +gewesen. – Und was tat Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht +zusammen. Ich schwöre Ihnen: Vergißmeinnicht!«</p> + +<p>Wynfried lachte.</p> + +<p>»Wissen Sie, was ich tat?«</p> + +<p>»Bin gespannt.«</p> + +<p>»Ich lenkte mein Pferd ’ran – ich salutierte Hornmarck +mit meinem Reitstock und improvisierte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein Leutnant saß an dem Rain,<br /></span> +<span class="i0">Er sammelte Vergißnichtmein<br /></span> +<span class="i0">Und fügte sie zum Kranze;<br /></span> +<span class="i0">Wie rührend war das Ganze.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und denn los und davon. – Sie wissen, ich kann reiten! +Papa, als Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.«</p> + +<p>Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben.</p> + +<p>»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in +Ihren Diensten ernannt?« fragte er.</p> + +<p>»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß +fortan auch wählerisch sein. Vorigen Sommer galt man +noch nicht für voll. Das ist nun anders. Als Papas Einzige +weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn <em class="antiqua">I a</em> +bringen darf. – Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik +<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>sich in so enormem Aufschwung befindet ...« sprach sie in +lässiger Prahlerei.</p> + +<p>Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und +wahrscheinlich wußte sie selbst es auch.</p> + +<p>Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen +ganz zurück und faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, +wo von der weißen Linie des Scheitels die roten Haare +straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen waren.</p> + +<p>»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton – aber um ihren +großen Mund ging ein besonderes Lächeln. »Der eine, +der mich vielleicht hätte reizen können – der ist ja <em class="antiqua">hors +de concours</em> ...«</p> + +<p>Und ihre Augen sprühten Funken – zu ihm hinüber. – Daß +sie ihn meinte, war zu fühlen.</p> + +<p>Er sah sie an, lächelnd – vielsagend – sie konnte nach +Belieben alle Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis +waren.</p> + +<p>Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem +lüsternen Mädchen, das mit all seiner Häßlichkeit höchst +lockend war, einen ausführlichen Kuß auf den animalischen +Mund zu pressen. – Aber das ging natürlich nicht an ...</p> + +<p>Sie machte ihm aber Spaß – in ihrem Gemisch von +praktischem Verstand und keckster Herausforderung.</p> + +<p>Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er +mochte mit pikanten Worten umworben werden; es unterhielt +ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um ihn bemühte. +Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen +her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche +Kreise geraten war.</p> + +<p>Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und +irgend ein kokettes Spiel im Wechsel von Lockungen und +Versagen nicht erwarten.</p> + +<p>In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« – +<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>die hatte so wenig mit dem übrigen Mannesempfinden zu +tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.</p> + +<p>Eine Sache gänzlich für sich – –</p> + +<p>Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten +Lebensjahres fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise +Sehnsucht nach stärkerer Bewegung in sich aufsteigen ...</p> + +<p>Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. +Zum Glück zerriß der Pfiff des Motorboots sie.</p> + +<p>Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus +der durch die roten und schwarzen Duc d’Alben bezeichneten +Fahrstraße ein wenig in das Wyk hinein und ließ unaufhörlich +gelle Pfiffe in die Sommerluft hineinsausen. Sie +sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem +Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: +Die »Klara« ist zur Stelle und erwartet ihre Gäste.</p> + +<p>»Ach – wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie – die +Baronin muß schon im Bootshaus gewartet haben.«</p> + +<p>Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein +Ruderboot. Mit starken Schlägen trieb es der als Theatermatrose +gekleidete Knecht in rascher Fahrt heran.</p> + +<p>Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer +kecken Blicke und Reden nur unter vier Augen gegen eine +Männerbrust abbrennen konnte, fand für ihr Bedürfnis, +sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches Ziel.</p> + +<p>Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die +über eine gewisse Schmächtigkeit hinaus rundere Linien +zeigten, sofort »dick«.</p> + +<p>»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. – Agathe +Hegemeister im Futteral eines Sportkleides – sie hat keine +Ahnung von ihrer Fülle. Keine Spur von Selbstkritik.«</p> + +<p>»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried +eifrig. »Baronin Agathe ist von allen Damen unseres +Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten angezogen. +<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Und ihre leise Fülle ist wundervoll – noch nicht mal +Rubens ...«</p> + +<p>»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben +einen total anderen Geschmack als wir ...«</p> + +<p>Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen +Chiffonschleier.</p> + +<p>Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid +an. Und was war denn das? Schwarze Knöpfe an +der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu ihrem verzehrenden +Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene Amethyste +waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen +Matrosenhut – wie Edith gehofft hatte – trug sie auch +nicht; der hätte auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares +nur lächerlich wirken können, sondern einen sehr +feinen florentiner Strohhut von äußerst kleidsamer Form, +um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links +unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war.</p> + +<p>Wynfried dachte: entzückend. – Wie ein Mädchen. +Und so weiblich weich in jedem Blick, jeder Bewegung.</p> + +<p>Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald +in Dunkelblau mit einem steifen, blanken, schwarzen +Matrosenhut, den Edith wie eine Rarität unbefangen genau +anstarrte.</p> + +<p>»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt +nicht mit? Aber das verleidet mir ja den ganzen Tag! +Und ich weiß nicht – paßt sich denn das überhaupt? – Ich +allein mit dem Gatten einer anderen?«</p> + +<p>»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin – +und Klara läßt Sie vielmals grüßen. Zweitens haben Sie +Ihre Ehrendame, unser allverehrtes Fräulein von Gerwald +neben sich. Und drittens ist es wenig schmeichelhaft +für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet +ist,« sagte Wynfried.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>Agathe sah ihre Gerwald an.</p> + +<p>»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um +Zustimmung bittenden Ton.</p> + +<p>»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit +Nachdruck.</p> + +<p>Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam +auch kein gemütlicher Ton auf. Zwischen der blonden +Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte eine versteckte +Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn +jede dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht +mit mir konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, +hatte so viel Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid +tat, als Edith in Travemünde von Bord ging.</p> + +<p>Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß +Agathe Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als +Wynfried und das abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn +der Fahrt eine ganz besonders schöne Stunde voll intimer +Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein leiser, +schmerzlicher Stich. –</p> + +<p>Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen +Mantel angezogen hatte, stand noch eine Weile auf der +hohen Brücke, an deren Fuß sie abgesetzt worden war und +zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie winkte nicht +und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas +großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine +weiße Mütze zu ihr hin.</p> + +<p>»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und +so häßlich. So eingebildet und dreist.«</p> + +<p>»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein +von Gerwald hinzuzufügen.</p> + +<p>»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so +intelligent und temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur +Schönheit wird.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben +eben einen ganz anderen Geschmack als wir.«</p> + +<p>Nun hieß es erst einmal Tee trinken.</p> + +<p>Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf +den Tisch hatte der Kombüsenmaat schon den Teekessel +gestellt, von dem die elektrische Schnur zum Steckkontakt +ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator elektrische +Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse.</p> + +<p>Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee +auf, und Agathe fand mit Rührung die Kuchen vor, die +sie liebte. – Dafür hatte Klara gesorgt? Wie liebevoll +dachte Klara immer nur an andere.</p> + +<p>»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige +Frau – zu gut für mich.«</p> + +<p>Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. +Fern schon schoß das Motorboot zurück in den Hafen von +Travemünde, wo es warten sollte, bis die »Klara« wieder +hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer Fahrt +über die Wogen dahin.</p> + +<p>Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der +Wind blähte sie prall auf. Er kam von Nordost, und so +hieß es, um auf die Höhe von Fehmarn zu kommen, in +langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste scheinbar +geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des +mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar +klaren Wasser glitt das Spiegelbild der weißen Jacht +als Schatten mit.</p> + +<p>Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden +Prangens.</p> + +<p>Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder +schläfrigen Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte +in einer kraftvollen, fröhlichen Bewegung, sog das Blau +des Himmels in sich ein und atmete köstliche Salzluft aus. +<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die runden, +trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend +einher.</p> + +<p>Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche +dem Vergnügen zum Tummelplatz. Segelboote aller Art +kreuzten. Stolz und groß lag da die weiße »Hohenzollern«, +und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte des +Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand +sich auf dem »Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der +Wettfahrt teilnahm. Grau und schlank und dennoch von +einer gewissen kriegerischen Strenge umwittert, ankerte +der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise spielte +sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. +Eben erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.</p> + +<p>Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck +wehte, zerschnitt in eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr +weißschäumend am Bug emporstiegen; und ihr Kielwasser +quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag die Spur +auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.</p> + +<p>Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die +»Hohenzollern« und den »Sleipner« im weiten Bogen; +man hörte die metallischen Klänge einer patriotischen Musik +von dort herschwirren.</p> + +<p>Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward +aber dann: Fehmarnwärts – entgegen den aufkommenden +Jachten.</p> + +<p>Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all +diese frohe Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, +ungefährlichen Estrich zu machen schien, auf dem man, anstatt +mit Füßen, mit Schiffen dahingleiten konnte.</p> + +<p>»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie +schön!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß +ihre geliebte Klara diese Stunden nicht miterlebe.</p> + +<p>Das Wasser schwoll immer gegen den Bug – es war +kein leises Gluckern und Raunen – es war ein seidiges, +großes Rauschen. Wie besänftigte es die Gedanken – es +war ein Versinken – in eine himmlische Art von Dummheit +– als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum +und brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort +von der Sonne bescheinen zu lassen und dem endlosen +Gerausche zuzuhören. Das leise Knarren der Masten war +manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel +bluffte.</p> + +<p>Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die +flinken Kerls in den roten Sweatern sprangen – der +»Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte – die gelblich +weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am +Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind +hinein und blähte sie auf. – Und nach dem Manöver des +Umlegens schwebte dann immer wieder der Traum von +Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der +Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt +und die Flut rasch durchschneidend, von hüben nach drüben. +Die Bucht weitete sich, und im Maße, daß man mehr dem +offenen Meer sich näherte, kreuzte man in kürzeren Schlägen.</p> + +<p>Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, +so unhörbar, daß niemand sich des Entgleitens der Zeit recht +bewußt ward.</p> + +<p>Sie mochten kaum sprechen.</p> + +<p>Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und +die Fülle von Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus +erwuchs ihr eine unbestimmte und schmerzliche Sehnsucht. +Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder flüsterte +zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne +<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam +sich wie von allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert +vor. Ihr treues Fräulein von Gerwald, das +ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern aus völlig +gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach +und ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und +innig zu ihr hinüber. Die Gerwald saß neben Wynfried.</p> + +<p>Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm +gegenüber war ihm ein höchst zusagender Anblick. Und +immer, wenn er mit ihr zusammen war, weckte ihr feines, +sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. – –</p> + +<p>»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald.</p> + +<p>Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen +Himmel und Meer sah man weiße Striche, die gar keinem +Schiffskörper anzugehören schienen.</p> + +<p>»›Meteor‹ und ›Germania‹,« sagte Wynfried.</p> + +<p>»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf +kämen – stick Nordost. – Zurück werden wir auch in +gerader Fahrt auf Travemünde zuhalten können.«</p> + +<p>»O – schon zurück?«</p> + +<p>»Erst wenn Sie wollen. – Für ein kleines Souper ist +gesorgt. – Klara hat alles an Bord schaffen lassen. – +Hummer – kaltes Geflügel – sonst noch dies und das. – +Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat kochen.«</p> + +<p>»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe +bat: »Ja weit hinaus – bis ganz nach Fehmarn!«</p> + +<p>»Mir ist’s recht.«</p> + +<p>Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und +erwiesen sich bald als Segel – rasch, vom günstigen Winde +getrieben kamen die großen Jachten herauf. Sie hatten +alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen Takelage lagen sie +stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran – kühn +und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>Das war herrlich zu sehen. – Und die »Klara« tippte +ihre Flaggen, um die Kaiserliche Jacht zu grüßen.</p> + +<p>Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm +von Riesenschwimmvögeln schien sich aufgemacht zu haben +und zog daher, durchschnitt spielend die blauen Fluten. +Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper und +Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand +eine Mütze – der »Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, +und Wynfried und die Damen grüßten wieder.</p> + +<p>Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader +von Rennjachten – kreischende Laute gellten herab, und +der Flügelschlag blitzte vor dem blauen Hintergrund des +Himmels.</p> + +<p>Fülle des Lebens. – Fülle der Freude.</p> + +<p>Und Agathe seufzte schwer.</p> + +<p>»Nun?« fragte Wynfried.</p> + +<p>»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit +tut mir im Herzen weh.«</p> + +<p>»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?«</p> + +<p>»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. +Ich kann an gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann +neben mir habe. Denn meine Eltern wollen durchaus +nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen heraustrete. +Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines verstorbenen +Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause +haben? Ja. Aber darüber hinaus nichts. Und wenn Sie +sich nicht meiner angenommen hätten, sähe ich wieder nichts +mehr von den Travemünder Tagen als alle Zuschauer, die +da am Strande herumlungern. – Nicht mal mit meinem +Motorboot hätt’ ich mich herauswagen können – dazu ist +es zu klein ...«</p> + +<p>»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam +rot. Sie schien sich ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. +Plötzlich fügte sie hinzu: »Und ich muß wohl artig +sein. – Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es nicht +in Lammen steckt – und das ergibt dann wie von selbst +eine Kontrolle. – Und dann – Sie wissen, es gibt so +Eltern, vor denen man immer im Schock ist ...«</p> + +<p>Das wußte Wynfried noch. Früher – da war er +seinem Vater auch lieber in scheuer Ferne aus dem Weg +gegangen.</p> + +<p>Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten +Zeit nach seiner Heimkehr – und wie nur die Scham +und die Angst vor seines Vaters Kritik ihn vom Selbstmord +abgehalten hatte.</p> + +<p>Wie weit und unbegreiflich lag das zurück.</p> + +<p>Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein +Umgang mit ihm erst von dem Tage an geworden, wo er +ihm Klara als Tochter brachte.</p> + +<p>Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter +mehr als den eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau.</p> + +<p>Aber er war nicht eifersüchtig – gar nicht. Es freute +ihn im Grunde. Undeutlich lag die Empfindung in ihm, +als lenke das seinen Vater von ihm selbst mehr ab – als +würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes, die +völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein +auf ihn, den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten – würde +eine beständige Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... +Nein, nein – alles war vortrefflich, wie es war. – Diese +ganze häusliche Welt mit Vater, Frau und Kind gab solch +ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie +ein Zeugnis – es vernichtete die Vergangenheit. – An +die dachte Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll +Kritik. Er bildete sich ein, daß er heute das alles klüger +<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>anfangen und jedes Weib und jede Lage mehr beherrschen +würde.</p> + +<p>Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend +fort: »Davon, wie schwer es ist, als junge Frau so einsam +dahinzuleben, davon macht sich niemand einen Begriff.«</p> + +<p>»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried.</p> + +<p>»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit.</p> + +<p>»Liebste Baronin – eine Frau wie Sie – so schön – +verzeihen Sie, aber diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, +deutlich zu sprechen – so wundervoll schön – so ganz hingebende +Weiblichkeit – so voller Herzensgüte – die muß +und wird Liebe finden – keinen ›Käufer‹ – nein, einen +leidenschaftlich liebenden Gatten.«</p> + +<p>Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb +beseligt, halb bekümmert an.</p> + +<p>»Wenn Sie so sprechen. – Und doch – glauben Sie +mir – es scheint, mir ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.«</p> + +<p>Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte +nicht viel anders als ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle +unklar drängender Empfindungen mehr ausspricht, +als geschmackvoll ist.</p> + +<p>»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die +Siebzehnjährige vorhin hatte ihn von Geschäften und +Zahlen und mit Bosheiten unterhalten, und diese reife +Frau sprach wie ein sentimentales Mädel.</p> + +<p>Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz +ganz ohne Trost zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds +Art gewesen.</p> + +<p>Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen +hatte. Er dachte sich wohl, daß dies noch die allerletzten +Tränen seien, die dem unerbittlichen Stephan nachflossen. +Und er hatte längst herausgefühlt, daß bei Agathe in die +<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>abschwindende Liebe sich schon eine neue Verliebtheit +mischte – wie der Mond noch, immer mehr verblassend, +am Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend +erhebt.</p> + +<p>Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen +beiden.</p> + +<p>Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, +daß sie ganz gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.</p> + +<p>Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. +– Aber Agathe errötete doch – und ihr Atem +fing an, rascher zu gehen.</p> + +<p>»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!«</p> + +<p>Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei +Stufen empor auf Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser +Blick zwischen den beiden ... Gottlob, daß da gerade +Fehmarn war ...</p> + +<p>Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache +Insel, mit ihrem hellen Sandstrand, ihren goldgelben, +reifenden Ährenfeldern und dem kleinen Städtchen Burg +mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der +Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. +So liebenswürdig pastoral tauchte der Kirchturm +aus dem Gehäufe der Ortschaft auf.</p> + +<p>Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch +so fern, daß jede etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen +verschwand. Ein Bild wie von kluger und sehr +feiner Kunst hingemalt.</p> + +<p>Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten +Glanz der Sonne, die hinter der Küste zur Linken unterging. +Voraus öffnete sich der schmale Fehmarnsund.</p> + +<p>Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, +die am Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte +immerfort, von schwersten Zweifeln geplagt, ob es nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf aufmerksam zu machen, +oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn Lohmann +zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend +zu essen? – unten warteten Hummer! – Und war es +nicht Zeit, umzukehren? Wann kam man nach Haus? +Großer Gott – es konnte sehr spät werden. –</p> + +<p>Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und +den reizvollen Anblick der korngelben Insel im Rahmen +blauer Wogen zu haben.</p> + +<p>»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« +sagte sie halblaut, »dafür bin ich Ihnen so dankbar.«</p> + +<p>»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen +Ihr oft so schweres Gemüt zu erhellen.«</p> + +<p>»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich +um mich besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. +Sie hatte doch Klara wirklich lieb – teils aus ihrem allgemeinen +Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie sie neidlos +bewunderte – neidlos, aus dem unbewußten Gefühl +heraus, daß Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.</p> + +<p>»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara +und einem Menschen etwas nicht gönnen: das gibt es +gar nicht. Und noch dazu Ihnen – ihrer Freundin ...«</p> + +<p>»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe.</p> + +<p>»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht – +Sie sind doch Freundinnen – hat sie sich je über unsere +Ehe ausgesprochen?«</p> + +<p>»Nie. Klara spricht nie von sich – sie ist so verschlossen. +Ich bewundere es.«</p> + +<p>Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, +beinahe flüsternd: »Sehen Sie, liebste Freundin – im +tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe mit Klara +anders beurteilen – wie wohl sonst Ehen. Wir haben +uns gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. +<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>Wissen Sie – als ich heimkam – Gott, es sind schon +dreizehn Monat seitdem, wie ist es möglich! Da hatte ich +so viel Schweres durchgemacht – eine Frau hatte mich +verraten ...«</p> + +<p>Agathe preßte seine Hand.</p> + +<p>»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?«</p> + +<p>Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn +zu lassen, wenn man von ihm geliebt sei ...</p> + +<p>Er erwiderte dankbar den Händedruck.</p> + +<p>»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich +mich nicht viel wehrte, als Vater in einer raschen Heirat +mit Klara für mich die einzige moralische Rettung sah. +– Heut freilich – heut gelänge es Vater freilich nicht so +leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf – als spreche +er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen +Geschichten. »Ja – und Klara – ich dachte erst, sie sei +in mich verliebt – man neigt als etwas verwöhnter Mann +zu arroganten Einbildungen. – Aber nein – Klara hat +eigentlich nur so ’ne schwesterliche Hingebung für mich. – +Geheiratet hat sie mich wegen Vater – etwas aus Dankbarkeit +und besonders, weil sie ihn vergöttert.«</p> + +<p>»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch +– oder ... nein ... Ich wollte sagen – es hätte tragisch +werden können ...«</p> + +<p>»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade +diese schöne, ruhige Ehe voll Freundschaft gefällt uns +beiden sehr gut – glauben Sie bitte nicht, daß ich es +bereue. – Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie das +angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich +habe sozusagen meine Jugend wiedergefunden ... Und +dann: wie mein alter Herr nun glücklich ist! Er trägt sein +Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in Frieden. – Wie +hätt’ er sich sonst daran verzehrt ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem +Male auf unbestimmte Art ernüchtert.</p> + +<p>Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen +Aufwallung. Denn Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem +Ausdruck an.</p> + +<p>»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht +blind für den holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« +sprach er leise und langsam.</p> + +<p>Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von +Gerwalds Brust zu einer Entscheidung gedrängt. Ihre +Phantasie sah immer das leckere, von roter, steinharter +Schale umpanzerte Hummerfleisch – und diese Zwangsvorstellung +entschied.</p> + +<p>Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend +auf der schrägen Ebene des Decks der gerade sehr +nach Backbord überliegenden Jacht.</p> + +<p>»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten +Ton von der Welt, als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende +Tatsache zum ersten Male in ihrem Leben auf.</p> + +<p>Agathe erwachte ...</p> + +<p>»O – wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt.</p> + +<p>»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe +zu Haus darauf vorbereitet, daß es spät in der Nacht +werden kann ...«</p> + +<p>»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« +ermahnte die Gerwald.</p> + +<p>Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit +dem Schiffer. Der Wind flaute ab, blieb aber Nordnordost +und verhieß glatte, wenngleich langsame Rückfahrt.</p> + +<p>Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen +Stimmung. Roter, schäumender Romané füllte die +<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab eine Traumbeleuchtung. +Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten +Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht +waren. Die Hummerschüssel stand auf Eis, und alle +drei Tischgenossen griffen tüchtig zu.</p> + +<p>Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem +prickelnden Burgunder gegen das von Wynfried. – +Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras Wohl +trinken!«</p> + +<p>Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. –</p> + +<p>Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz +beglückt – seit drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen +und des ewigen Wechselns von Häuslichkeit +zu Häuslichkeit ein Ende. – Rührung erfaßte sie, wenn sie +bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser +Stunde war sie wie berauscht – nicht gerade vom leise +und fein schäumenden Burgunder – nein, vielmehr noch +von der Schwärmerei ihrer Herrin und von der Mannesschönheit +Wynfrieds.</p> + +<p>Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. – +Ach, es lohnte sich ja doch noch, zu leben! – Und war es +nicht, als ob Wynfried ein ganz anderes Wesen bekommen +hätte – gleichsam als habe eine Zauberhand über sein +Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden, +sprühenden Ausdruck gegeben?</p> + +<p>Ja – Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt – +nicht verwandelt – vielmehr wie ein Erwachender – wie +ein Zurückgekehrter, der lange verbannt war – so dergleichen +– er wußte selbst nicht, wie ihn das ankam. – +Jedenfalls war es eine Gehobenheit. – Er war ganz +durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, +die Mann wie Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. +– Ach, was gab es denn Lebensvolleres als dies Vorahnen +<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>möglicher Wonnen, dies sich Einanderentgegendrängen +mit Blick und Lächeln und sinnschweren Worten. –</p> + +<p>Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ...</p> + +<p>Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über +Himmel, Land und Meer gelegt – dunkelveilchenfarbene, +ins Grau hinüberspielende.</p> + +<p>Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer +Stimme, sie wolle es recht mit Andacht genießen, und +suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo der Klüverbaum +über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort +hockte sie nieder und fand Lehne und Halt.</p> + +<p>Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des +vertieften Sitzplatzes. Dicht nebeneinander – er nahm +ihre Hand und küßte sie und legte sie ihr in den Schoß +zurück.</p> + +<p>»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für +alles, was man gelitten hat.«</p> + +<p>»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« +sprach Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen +war, kann ich mir denken. Bitte, erzählen Sie nichts +davon – mir ist, als würde ich zu zornig werden. – +Es gibt nur eins: vergessen!«</p> + +<p>Sie redeten sehr leise miteinander.</p> + +<p>»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort +vom Ewig-Gestrigen. Es ist wahr! Wenn immer wieder +zu einem zurückkommt und sich immer neu straft, was +man einmal verbrach ...«</p> + +<p>»Verbrach?! Sie – Agathe. – Nein, Sie können +keine Schuld auf sich geladen haben. – Sie, die Sie +nicht imstande sind, einer Fliege weh zu tun.«</p> + +<p>»Nein – keine Schuld. – Und doch – aus Unkenntnis +– aus Neugier – aus einer schrecklichen Sehnsucht nach +– ach, ich weiß selbst nicht, wonach – nach Liebe, oder +<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>nach Glück – oder nach Geheimnis – ja, aus Unkenntnis +kann man fehlen.«</p> + +<p>»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung +anzunehmen. Erfahrene Herzen urteilen +anders.«</p> + +<p>»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, +sie verzeihen mir nie, woran doch auch sie die Schuld +trugen.«</p> + +<p>»Wollen Sie mir nicht vertrauen – liebe Agathe. – +Ich – verstehe alles –«</p> + +<p>Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den +Arm um ihre Taille.</p> + +<p>Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm – +stockend – in immer wachsender Leidenschaftlichkeit sprach +sie von ihrer Jugend.</p> + +<p>Immer dunkler ward die Sommernacht – die Flut +glänzte in der Nähe schwarzblank und war in der Ferne +ein Abgrund von Finsternis. Aus den Wogen kam eine +gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf – von +der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel +hinaus und backbord ein grünes – die glitten als magischer +Schein mit der Fahrt und schwebten über der Tiefe.</p> + +<p>»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« +erzählte Agathe. »Und immer von zwei Gouvernanten +bewacht – ich sollte Französisch und Englisch wie Deutsch +können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch hinaus. +– Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen +Händen, hat große Verbindungen – das war so ’ne +Art Vorarbeit, begriff ich später – das sollte mir dann +den Eintritt in die allererste Gesellschaft sichern. Und +mal ’ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste +Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben +für sein Geld, und Mama für all ihre Schufterei in den +<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>Vereinen. Und deshalb wurde an mir herumerzogen – +und gar keine lustige Kindheit hatt’ ich – und keine +Freundin durft’ ich haben – damit nicht einmal unerwünschter +Anhang da sei. – Mama sagte manchmal: +bis man seine gesellschaftliche Position ganz fest begründet +hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben – man muß erst +sehen, wohin man gelangen kann.«</p> + +<p>»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«</p> + +<p>»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen +war mir bloß erbitternd. Ich wollte lustig sein, +eine Freundin zum Liebhaben wollte ich – und da waren +nur die steifen Gouvernanten – und sie und ich, wir +haßten uns.«</p> + +<p>»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur +flüchtig zuhörte, sondern nachprüfend Agathens Parfüm +aufatmete und dachte: ja, es ist <em class="gesperrt">das</em> Parfüm.</p> + +<p>»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer +da draußen, zwischen den Fabriken – das Haus war +prachtvoll – aber doch in Berlin selbst hätte ich vielleicht +mehr Freiheit gehabt – mehr Zerstreuung. Ich sah oft +die Herren aus dem Bureau – sie begegneten mir und +grüßten – wenn ich mit meinem Nero spielte – ja, +ich hatte eigentlich bloß meinen Bernhardiner zum Vergnügen. +Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich Nero +in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden – dann +mußte ich hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren +alle wohnten. Und da ...« sie stockte.</p> + +<p>Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm +fester um die zitternde Frau ...</p> + +<p>»Und da war einer – mit so blanken braunen Augen +und einem schwarzen Schnurrbärtchen – so italienisch – +bildete ich mir damals ein – Papa sagte später: wie ein +Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam – wir +<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen +Nero schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn +zu baden, und immer um die Zeit, wo ›er‹ an seinem +Parterrefenster stand. – Und ich war mit einem Male +glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu +denken. Und dann – einen Tag – es war im Juni – +da warf er ein Briefchen heraus, als ich vorbeikam, und +drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe und sterben +werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und +wo es wohl sein könne – und ich solle morgen, wenn ich +mit dem Hunde vorbei komme, eine Antwort bringen – +einen Zettel in sein Zimmer werfen, er wolle aus Vorsicht +nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so fing es an.«</p> + +<p>Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer +wieder. Und erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen +Ängste und Wonnen von damals.</p> + +<p>»Wir trafen uns – hinter Zäunen – zwischen den +Winkeln von Schuppen und Lagerhäusern – da war keine +Poesie – kein Wald – kein Mondschein – keine Nachtigall +– alles hatte gleich so was furchtbar Verzweifeltes. +– Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die +Seine werde.«</p> + +<p>Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham +und Gram ward das heiße Erinnern.</p> + +<p>»Dann verreisten die Eltern – ich blieb bei den Gouvernanten +zu Haus – jede von ihnen hatte vierzehn Tage +Urlaub, so daß vier Wochen lang nur eine Tyrannin mich +bewachte. – Und Miß Brown war sehr leidend – benutzte +diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz +früh schlafen zu gehen – es war ein so schwüler August. +Ich starb vor Sehnsucht – litt – o – dachte zu verbrennen +– und da geschah es. – Ich wußte ja nicht, was +ich tat – ich war nur selig – selig ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>Sie erschauerte. – Sie flüsterte weiter. – Und es +war, als ob ihre raunende Stimme und das schmeichelnde +Rauschen des Meeres Töne seien, die aus dem gleichen +Urgrunde allen Lebens heraufkämen.</p> + +<p>»Ich hab’ es nie begriffen – nie – daß das schlecht +von mir gewesen sein sollte – so unmenschlich glückselig +in Liebe zu sein –«</p> + +<p>Sie schwiegen beide lange. – Und Agathens Kopf +ruhte sich an seiner Schulter von vergangenen Leiden +aus ... Endlich sprach sie weiter.</p> + +<p>»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte +sich verpflichtet, mit ihnen zu sprechen – denn die ganze +Fabrik hatte es gewiß schon lange gemerkt – wie hätt’ +ich daran denken können? – Und dann gab es einen +Zustand – o Gott – ein Massenmörder kann nicht härter +bestraft werden. – Hinrichtung ist ja milde dagegen. – +Und Miß Brown flog hinaus – und ›er‹ schrieb kühn +und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er mich +heiraten wolle – und Papa und Mama schrien, darauf +habe er nur spekuliert – Und ich sagte, seine Armut sei +mir recht und ich wolle mit ihm hinausziehen und +betteln. – Dafür hatte Papa nur ein schreckliches +Gelächter. – Wiedergesehen hab’ ich ihn nie – nicht +einmal Abschied nehmen durfte ich. – Und Papa schickte +ihn mit viel Geld nach Amerika – da ist er verdorben +und gestorben – das hat Papa erst nach vier, fünf +Jahren gehört. – Damals gleich, als all diese Wut +auf mich bei Papa und Mama war, wollte ich sterben. +– Es ist schwer, zu sterben – man weiß nicht, wie man +es machen soll –«</p> + +<p>Sie seufzte.</p> + +<p>»Ich war noch ganz gebrochen – dann kamen die +Eltern und sagten, ich müsse den Baron Hegemeister +<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>heiraten, es sei für mich das beste – das einzigste. Sie +taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich – +weil ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. – Und +ich dachte: vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war +ja gewiß ein besseres Leben als das, was ich zu Haus +gehabt hätte. – Obgleich ... Bis auf den heutigen Tag +zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als +sei alles in Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, +und die gute Gerwald sagt die Wahrheit und erzählt, +wie trist ich eigentlich lebe.«</p> + +<p>Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.</p> + +<p>»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, +soll mein ganzes Leben verpfuscht sein? O, ich weiß +wohl – böse Menschen flüstern noch immer allerlei – +und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen schwärmte, +gedacht, als Offizier könne er das nicht. – Aber von +wie vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus +lauter Einsamkeit und Unkenntnis und Sehnsucht einen +Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt habe – soll ich +nie mehr – nie – nie mehr die Glückseligkeit erfahren – +geliebt zu sein ...«</p> + +<p>Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.</p> + +<p>Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der +Verheißung –</p> + +<p>Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten +seine Lippen die ihren zu einem verzehrenden Kuß ...</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte +in die Nacht hinaus.</p> + +<p>Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und +Entsagen glomm, wie Feuerreste unter Aschenhaufen, +wenn er aufgestöbert wird, noch einmal auf. – Und sie +fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel +<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde +da, beide Augen zuzumachen.</p> + +<p>Und aus der Sommernacht wehte so viel heran – fast +wie Qual des Neides – Rührung, die der gutherzigsten +aller Frauen ein wenig Glück gönnte – Sorge vor schrecklichen +Kämpfen.</p> + +<p>Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und +sie kam sich fast wie Brangäne vor.</p> + +<p>Märchenhaft – wie so das Schiff durch die schwarzen +Wasser dahinglitt – und im ewig gleichen Ton und +Rhythmus besangen die Wogen leise den Zauber der Fahrt; +dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der +Himmel.</p> + +<p>Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der ›Hohenzollern‹ +auf, und aus ihren vielen, vielen Augen glänzte +gelbes Licht. – Und drüben Travemünde-Strand – eine +Reihe von Lichtperlen nur. – Und das Blinkfeuer des +Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.</p> + +<p>Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo +Fräulein von Gerwald saß, und schreckte sie auf.</p> + +<p>Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je +eine Laterne. – Er schwenkte sie und wiederholte gewisse +Bewegungen in mehrfacher Folge. – Er semaphorte +der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle, +und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, +das im Hafen wartete ...</p> + +<p>Große Unruhe entstand an Bord.</p> + +<p>Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel +rauschte herab, sank in sich zusammen und ward von +raschen, vielen Händen zu einer Faltenrolle zusammengebunden. +Das Großsegel schlänkerte gelöst. –</p> + +<p>Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male +der Herr der Jacht da und gab Befehle.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie +wie verzaubert auf dem Sitzplatz – in seligem Lächeln +sinnend.</p> + +<p>Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach +kein Wort. – Aber die Treue wußte – dies verband sie +beide auf immer.</p> + +<p>Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. +Und dort wollte Wynfried mit den Damen auf das Motorboot +übersiedeln. Die »Klara« sollte über Nacht in Travemünde +bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte Wynfried +erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen +und dann nach Haus zu fahren. Es würde wohl lange +nach Mitternacht werden ...</p> + +<p>In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit +noch Menschen – und zwei Schiffer riefen allerlei von der +hohen Brücke herab ...</p> + +<p>Was denn? Ja – ganz gewiß. – Der Schlepper +›Primus‹ hatte die Nachricht mitgebracht – gerade als er +die Trave abwärts dampfte und schon eine gute Strecke +an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte er einen +furchtbaren Knall von dorther gehört.</p> + +<p>Wie von einer Explosion ...</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_8" id="Kapitel_8"></a>8</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>ie junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren +Pflegemutter gehabt. In allem war die Doktorin Lamprecht +ein eifriger Mensch, in Rede wie in Tat. Und so hielt +sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit darauf, +Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara +hatte gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so +oft du willst, nachmittags herüber. Das war der alten +raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie setzte sich +selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den +Gängen nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« +fest. Das hatte Klara natürlich bald gemerkt, und wenn +sie einmal an einem dieser Wochentage verhindert war, +telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich +darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. – Die +jungen Eheleute wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern +entgegenfahren. – Likowski, der immer einen Augenblick +vorsprach, erzählte von der erhaltenen Einladung, der er +nicht folgen könne.</p> + +<p>Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich +die alte Frau mit ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. +War das Kind krank? Oder der Geheimrat? Darüber +nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den Wurf +kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. +Zum Glück erwies sich alles als überflüssige Gedanken- +<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>und Zungengymnastik, denn sie fand Mutter und Kind +in der völligsten Gesundheit vor, und der Geheimrat +war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. +Das Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig +mit der Verdauung gestört gewesen – nun lag es prachtvoll +anzusehen im offenen Wagen, und die Amme in +der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen. +Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. +Der Platz unter den alten Ulmen war angenehm, man +hatte von da einen sehr malerischen Blick auf die Hochöfen, +die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen Himmel, +von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die +Doktorin Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden +Worten von allem Kleinkram ihres engen +Lebens.</p> + +<p>Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte +hinab zur Fähre, wo es noch einen wortreichen Abschied +gab, bis Sörensen, der Fährmann, ungeduldig fragte: +»Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«</p> + +<p>Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken +zurückging, fühlte sie sich von einer unbegreiflichen +Zuversicht und Heiterkeit erhoben. Woher ihr die kam – +sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer wechselnden +Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht +und jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual +der Welt auf ihr – sie vermochte es nicht zu erklären. +Alles, was sie konnte, war, eine äußerlich immer beherrschte +Haltung zeigen.</p> + +<p>Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen +Unruhe des Kindes nicht die Vorbotin von ernstlichen +Störungen gewesen sei. Sie machte sich Vorwürfe, ihren +Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja all +seine Interessen und Freuden teilen – das war ihr +<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>ernster Vorsatz. Aber dieser freie, friedlich ungezwungene +Nachmittag war so schön – fast, als sei es weniger – +mühsam. –</p> + +<p>Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah +sie, daß die Amme fortgegangen war und daß anstatt ihrer +Leupold Wache hielt. In seiner einfachen dunkelblauen +Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen hinab.</p> + +<p>Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, +und das gelang ihr auch. Er fuhr auf und wurde rot.</p> + +<p>»Kathrin bat mich – ich sollte mal ein paar Minuten +aufpassen. – Ich kam her, weil Herr Geheimrat bitten +lassen, wenn es der gnädigen Frau recht sei, möchte das +Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«</p> + +<p>Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig +zugedeckt, die nackten Ärmchen frei – er fing nun schon +an, mit der einen Hand nach der anderen zu greifen, ohne +daß es ihm gelang – in diesem allerersten zweckvollen +Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, +daß selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde +Junggesell Leupold erkennen mußte, es sei ein köstliches +Exemplar von einem Kinde.</p> + +<p>Klara sah ihn an – irgend etwas in ihrem Blick forderte +ihn auf, zu sprechen.</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal +ganz und gar Herrn Geheimrat ähnlich ...«</p> + +<p>Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: +»Es ist das schönste Kind, das ich je gesehen habe ...«</p> + +<p>Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der +eifersüchtige Mann hatte ihr nun endlich verziehen, daß +sie die Schwiegertochter und bevorzugte Pflegerin seines +Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte ihn entwaffnet, +und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf +den Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>Ja, so kleine Händchen können viel.</p> + +<p>»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden +Hoffnung ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal +die Herzen seiner Eltern recht zusammenfügen ...«</p> + +<p>O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! – Und +warum nicht? Es gibt doch Gefühlswunder, Wandlungen +– man las so viel Schönes davon. Und was die Poesie +verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. –</p> + +<p>Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in +seinem Fahrstuhl am Tische. Trotz des wundervollen +Sommerabends blieben die Fenster geschlossen. Das +Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug +ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der +Geheimrat teilte ihren Ekel davor.</p> + +<p>»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag +gehabt,« schalt Klara.</p> + +<p>»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf +gesetzt, die Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister +zustellen lassen will, noch heute zu beenden. +Morgen gibt es Störungen die Menge. Direktor Malzan +von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat sich +angesagt – eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. +Die Fabrik will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. +Außerdem ist Mühlmann aus Harburg zu erwarten.«</p> + +<p>»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, +indem er bedauert, daß er mir von den niedlichen +Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine Pröbchen zu Füßen +legen könne.«</p> + +<p>»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke +mit Wynfried zusammen ansehen; wenn ihr mal in Hamburg +seid, ist’s ja nur ein Katzensprung. Anker für Ozeandampfer +und Krane und Ketten von kolossalischen Größen +und Gewichten. – Ja, also Malzan und Mühlmann wohl +<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>sicher. Vielleicht noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. +Und möglicherweise der junge Marks. Die Reederei +Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, billig +einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef +selbst kommt, muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du +weißt: alles ist unsicher.«</p> + +<p>Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche +Tischgäste: die, auf welche man sich vorbereitet hatte, +kamen zu ganz anderen Tageszeiten und konnten nicht +zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man niemanden, +und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es +würden Gäste kommen. Oder man dachte an einen oder +zwei Herren, und es wurden ihrer sechs.</p> + +<p>Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau +Flüggen, die Herrenköchin, war eine Verbindung von +rascher Entschlossenheit und Ruhe, die Klara heimlich bewunderte.</p> + +<p>»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr +fort, »mag ich gern selbst alle sprechen und sehen. – +Auf dem Werk macht Wynfried ja sowieso allein die Honneurs, +wenn Thürauf fort ist.«</p> + +<p>Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten +Ragout aus Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn +besonders bereitet war.</p> + +<p>»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.</p> + +<p>Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein +wollte. So lebendig hatte auch einst ihre Mutter an +allem teilgenommen, was ihn beschäftigte. Seit die Tochter +der Geliebten seine Tochter geworden war, verschwammen +beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. +Er konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und +diese ihn täglich mit Liebe umsorgende junge Frau nicht +mehr auseinanderhalten. Und ihm war auch, als erkenne +<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das ihn zum +Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben +war, adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. +Klara war ihm teurer, als eine Tochter aus eigenem Blute +hätte sein können – jene verborgensten, geheimnisvollsten +Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller Erklärbarkeit +liegen.</p> + +<p>Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter +Arbeit und in seinem brüchigen Zustand diese Stunden – +auch ihm war’s im tiefsten Herzen uneingestanden recht, +wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der Vater, +und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß +Wynfried sich nur behaglich fühle ...</p> + +<p>Er sprach zu der eifrig Hörenden.</p> + +<p>»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies +Erwachen eines blinden Nationalismus überall – der so +oft Forderungen erhebt, die dem eigentlichen volkswirtschaftlichen +Interesse des Vaterlandes zuwiderlaufen. – +In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden +große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung +der wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden +fortfahre, seine Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe +Selbstmord, wenn diese Ausfuhr je verboten werden +sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer groß. – Und +Schweden ist so klein – es hat auch keine Kohlen – keine +Arbeitskräfte – selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten +wollte und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, +die den Hüttenwerken das Rohmaterial abzunehmen imstande +wäre – und sie könnte auch niemals in einem +Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte +Roheisen zu verarbeiten. – Deutschland ist der nächste, +der gegebenste Abnehmer – es trägt für das Erz, das +es empfängt, ein Riesenkapital über die Ostsee nach dem +<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>befreundeten Land. In Deutschland ist der Eisenverbrauch +pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig +Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig – +stell dir das mal vor ...«</p> + +<p>Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche +Art vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm +Eisen verbrauchen soll. Sie lächelte glücklich, war +voll Freude, daß der Vater immer in dem starken Bedürfnis, +sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je sich +zeigte, und sie scherzte ein wenig – denn das mochte er +haben. Und sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen +Humor besäßen; und Großvater solle es sich doch +seinerseits einmal vorstellen, wie Severin der Kleine +hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte +lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn +wieder auf seinen Vortrag zurück.</p> + +<p>So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, +etwa um elf Uhr, davon, ob man nicht ans Zubettgehen +denken müsse.</p> + +<p>»Wenn du sagst ›man‹, meinst du mich,« scherzte der +Geheimrat.</p> + +<p>»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben – +auf Wynfried warten – aber nur bis Mitternacht – später +könnt’s ihm eher bedrückend als erfreuend sein.«</p> + +<p>»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute +wirklich nicht in der Hand – wenn zum Beispiel Flaute +eingetreten sein sollte ...«</p> + +<p>Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen +solle, um seinen Herrn hinaufzuschaffen, und daß +Georg oben zur Stelle zu sein habe, um beim Zubettgehen +zu helfen.</p> + +<p>Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus – der Lift +mündete in der Nähe des Eßzimmers auf die Diele.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch +die man in den Hauseingang kam, war geschlossen. Aber +die breite Tür, die von der Diele aus auf eine Plattform +mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit geöffnet, und die +Wärme des Sommerabends kam herein.</p> + +<p>Der alte Herr atmete sie ein – sie tat ihm wohl.</p> + +<p>»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen +Herrn gehorsam auf die Plattform hinaus. Klara setzte +sich auf den nächsten Stuhl, stützte den Ellbogen auf seine +Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze Dickicht +des Parkes.</p> + +<p>Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie +fühlte: solange dieser große Mann lebte, war sie, als +seine Tochter, reich. Wie mußte er immer und immer +an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein +überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit +gleich einer Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht +nur aus Neigung zu dem Gesprächsstoff, sondern sehr +zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und seinen tausendfältigen +Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich +so aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis +entgegenkommen und sein Interesse, falls es erlahme, +neu beflügeln könne.</p> + +<p>Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. +An das Rumoren des Betriebes waren ihrer +aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr hörten. +Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und +Friede und ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe +und schwebe in ihr der Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles +zwang zum Schweigen. Und diesem beruhigenden Schweigen +nachzuhängen, war schön.</p> + +<p>So ließen sie die Minuten rinnen. – Da geschah etwas +Furchtbares – grauenvoll Bedrohliches – sie zuckten zusammen – +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>ein dunkler, runder Ton hatte die Luft zerrissen. +– Die Gewalt der Erschütterung war so groß, +daß ein Zittern durch die Nacht ging.</p> + +<p>Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der +jungen Frau, und sie konnte nicht einmal schreien – –</p> + +<p>»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. – Und +er saß und war gefangen ...</p> + +<p>Eine Explosion – irgend etwas war geschehen. – +Ungewöhnliches – vielleicht Furchtbares.</p> + +<p>Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden +Ton nach – ein, zwei Sekunden – unter der Wucht +des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag – in der Lähmung +des Schreckens.</p> + +<p>»Durchbruch?« sagte der alte Mann. – Als Frage klang +das in die jetzt wieder stumm gewordene, dunkle Nacht +hinein.</p> + +<p>Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles +zitterten.</p> + +<p>Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: +Leupold sollte hinüberlaufen und fragen. – Aber er hatte +keine Zeit, das zu Worten zu formen.</p> + +<p>Denn die junge Frau rannte fort – es trieb sie – +rief sie.</p> + +<p>»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. +Ihre weiße Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.</p> + +<p>Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, +mit langen, federnden Schritten.</p> + +<p>Sie sah vor sich das Werk – war nicht alles wie +sonst? ... Die vielen kleinen Sonnen all der elektrischen +Lichter standen als heller Kern in ihrer runden Strahlenglorie. +Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch von der +Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>das Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, +ehe er sich in die dunkle Luft hinauf verlor und von der +Nacht aufgesogen ward. Als hellbeleuchtete Säulen erhoben +sich unbeschädigt die Schornsteine. Die weit hinausragenden +eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar +zu erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen +Lebens, der Selbstgreifer, senkte sich von der ersten Brücke +hinab in den Bauch eines Dampfers, um ihm Riesenhände +voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in +die Wagen zu entleeren.</p> + +<p>Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute +Bild von Lichtern und Feuerscheinen und überhelltem +Gewölk, senkrecht und wagerecht von schwarzen Linien +und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen +aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, +stand dies Wunder menschlicher Kraft vor dem +schwarzen Himmel, inmitten der dunklen Landschaft.</p> + +<p>Ein Blick – in solcher Angst – erfaßt in Sekundenschnelle +viel – die nächste Sekunde änderte das Bild.</p> + +<p>War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden +der Linien zerstört? Wo war der leiterartige +Schrägaufzug, dieser feine, durchsichtige Bau von Eisenstäben, +zwischen denen sonst die Förderwagen gleich kleinen +Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch +der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? +Starrten da nicht zerbrochene Rippen in die Luft? Aber +noch ehe der Blick dies sicher erkennen konnte, geschah +etwas Neues. – Dampf quoll auf, weißer, dickgeballter +Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles.</p> + +<p>Schon war die junge Frau am Tor – von Severinshof +strömten Menschen heran. – Die Männer der abgelösten +Belegschaft, die der Knall aus ihrer Ruhe riß – verängstete +Frauen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. – Aber +wie durfte er es der Tochter und Gattin der Herren zurufen?</p> + +<p>Klara stürzte vorwärts – sie die einzige Frau unter +den Scharen von Männern.</p> + +<p>Nun sah sie – da am ersten Hochofen sah sie es – in +kurzen Sekunden, wenn der weiße Dampf zischend höher +trieb. – Ergoß sich ein Lavastrom aus dem Bauche des +Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse +her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden +Mantel die Burg der schmelzenden Erze umgab, zum +Verdampfen brachte?</p> + +<p>Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten +ihren Panzer durchfressen.</p> + +<p>Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen +wollten, machten sie allen Gasen freie Bahn.</p> + +<p>Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, +indem sie Steine und Eisen zerbrach – und die +Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr nach.</p> + +<p>Es war ein ungeheuerliches Bild – wie dies Gedärm +von fließendem Feuer nun fast ruhevoll herausquoll und +sich über den Unterbau, den Herd ergoß.</p> + +<p>Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge.</p> + +<p>Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, +vor dem weißkochenden Dampf wich alles weit +zurück. – Und doch hieß es eingreifen – größerem Unglück +vorbeugen – von all den maschinellen Betrieben +des Werkes Störungen abhalten – die vorbeiziehenden +Bahnen und Rohre vor der Schmelzglut schützen – die +fließende Lava aufhalten. Von der Gießhalle her mußte +das Stichloch eingestoßen werden, um den Abfluß auf die +sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.</p> + +<p>Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>umwunden, von Schläuchen mit Wasser begossen, drangen +mit der Stoßstange vor – berannten das Stichloch – +damit sein Tonverschluß zerbreche.</p> + +<p>Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte +sich Klara. – Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt +von der Majestät der Elemente, die sich der Menschenhand +entwinden wollten.</p> + +<p>»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es +hieß: »Gehen Sie.«</p> + +<p>»Alle fort – Thürauf – mein Mann –« stammelte sie.</p> + +<p>»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig.</p> + +<p>»Nein – ich bleibe ...« Sie stand ja sicher.</p> + +<p>Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten +es in jähem Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.</p> + +<p>Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen +das Stichloch trieben, klangen durch die Wirrnis.</p> + +<p>Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.</p> + +<p>Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches +gelang, sackte von oben im Gehäuse des Ofens die +ganze Beschickungssäule, diese schon halb durchschmolzene +Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein nach, hinab +in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die herausquellenden +Massen, daß sich aus dem Stichloch ein +Katarakt, ein Springquell von fließendem Eisen ergoß +und auf den Unterkörper des Vordermannes traf.</p> + +<p>Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und +da war wohl keiner, dem nicht ein Frösteln über die Haut +lief und ein Gefühl von Übelkeit emporstieg.</p> + +<p>Auch die junge Frau schrie auf – sie drängte sich +durch die Männer – sie lief und lief und merkte kaum, +daß ein paar Atemlose mit ihr fast Schritt hielten. Zwischen +starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging der Weg – +durch Qualm und gasige Dünste – und da war das kleine +<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Rettungshaus. – Da war die Tragbahre – in Glasschränken +alles, was einem Verunglückten wohltun kann.</p> + +<p>Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle +Fälle herbeigeeilt kam, als er über den Knall erschrak.</p> + +<p>Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, +die mitten auf dem braunblanken Tonestrich des kleinen +Raumes stand, der Mann – gefallen auf dem Felde der +Arbeit – ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich dahin +stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.</p> + +<p>Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen +Frau den Herzschlag fliegen.</p> + +<p>Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen +aus den Augen liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch +mit dem Handrücken abwischte, um klarer zu sehen.</p> + +<p>Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen +Sylvesters – ihr Frauengefühl, die sanfte +Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute Dienerinnen. +Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum +Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus +als je – seine Stirn war gefaltet – seine Finger zart, +wie die eines schonenden Weibes.</p> + +<p>Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom +Leibe, und von dem nackten berußten Körper stieg der +furchtbare Geruch verbrannten Fleisches auf. –</p> + +<p>Dann kniete Klara neben der Bahre – und als der +Arzt begann, mit lindernden Mitteln, antiseptischen Watten +und schleierdünnen Bandagen die Beine und Schenkel zu +behandeln, umfaßten die beiden feinen Frauenhände +manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen +Arbeiterfäuste.</p> + +<p>Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde +matter – er mochte die Wohltat des Verbandes spüren +– und vielleicht kam die Schwäche – jene Grenze der +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste +Milderung erlösend empfinden.</p> + +<p>Sein Blick – sein furchtbarer Blick voll Zorn und +Wildheit – in dem noch die ungebrochene Wut der +Schmerzen loderte, traf den Blick der jungen Frau.</p> + +<p>Und es war, als sprächen sie zusammen.</p> + +<p>Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll +himmlischer Kraft.</p> + +<p>Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren +Schmerz gefurcht.</p> + +<p>Tief neigte sie sich zu ihm herab – als wolle sie ihre +Seele der seinen nahe bringen.</p> + +<p>Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.</p> + +<p>Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten +fassen – in dem Übermaß der durcheinanderflutenden +Gefühle tauchten, gleich Bruchstücken, einzelne, deutlichere +Empfindungen auf ...</p> + +<p>»Ich leide mit dir – sieh – ich hab’ mich niemals +über dich erhoben – hab’ nie hochgemut den Reichtum +genossen – ich bin ein einfacher Mensch wie du – deine +Schwester – verzeih mir – verzeih Gott – verzeih dem +Leben – verzeih, daß du leidest – du sollst keine Sorgen +haben – sei tapfer – bleib mutig –«</p> + +<p>So stammelte ihr Denken. – Und sie hob mit aller +Kraft ihre gefalteten Hände zum Arzt empor – ohne +Worte flehte, fragte sie: er wird leben?</p> + +<p>Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage.</p> + +<p>Er sprach fest: »Ich hoffe.«</p> + +<p>Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log – sondern +weil die Inbrunst in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden +auf diesem Angesicht seine männliche Fassung fast +zerbrach.</p> + +<p>Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte, +<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten +Händen streichelte sie seine Schläfen – strich ihm das +nasse Haar aus der Stirn.</p> + +<p>Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander – in +schrecklicher Klage und in innigem Trost.</p> + +<p>Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte +die berußte, von wilden Schmerzen verzerrte Stirn.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, +saßen der Hauptmann von Likowski und sein Oberleutnant +und Freund, der Freiherr von Marning, noch spät +zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende +Rauch aus des Hauptmanns Zigarren zog um die +Lampe und dann in feinen Streifen hinaus ins Dunkel +der Nacht.</p> + +<p>Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren +Kameraden geteilt. Dann saßen sie und nahmen eine +strategische Aufgabe durch, die Likowski sich ausgedacht +hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit stritten +sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen +früh vier Uhr begann eine große Marschübung. – Also: +gute Nacht –</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen +sein konnte,« sagte Marning, während er seinen Säbel +umschnallte.</p> + +<p>»Na ja, und ich dank’ Ihnen, daß Sie sich bei mir +einluden. Sagen Sie mal, Marning, was ist das, daß +wir uns um Vorwände bemühen, Herrn Wynfried Severins +Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit Zurhilfenahme +von Verschleierungen und Vorspiegelungen. +Er muß meinen, nach der Art unserer Absage, daß +bei mir ’n großer Kommispekko für Unbeweibte stattfindet. +Und wir haben bloß friedlich zu zweien fachgesimpelt +<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>– leider Gottes tun wir ja immer nur was +Friedliches.«</p> + +<p>»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning.</p> + +<p>»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! +Nach Vorgefühlen gehen! Denn was anderes als dies +unbestimmte ›Wir mögen ihn nu mal nich‹ können wir +doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. +Er soll sich zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir +sehen ihn nur in ritterlicher Art mit Vater und Frau +verkehren. Daß er acht Jahre lang ’n Lebejüngling war +– nu – über so was wächst ja Gras – – Und dennoch: +nee – ich kann nu mal kein Herz zu ihm fassen – ich +trau’ ihm nich – – Er ist mir auch zu schön.«</p> + +<p>Marning hätte kaum etwas antworten mögen und +können. – Und ihm wurde auch jede Antwort abgeschnitten. +– Ein Knall – dunkel und groß – von dem Nachklang +krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in +Stücke.</p> + +<p>Sie sahen sich an – erschreckt nachhorchend – ein +paar Augenblicke.</p> + +<p>Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen +Fabrik? In welcher anderen der vielen industriellen +Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder gar auf +»Severin Lohmann«?</p> + +<p>Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus +gelegenen Schlafzimmer auf und stürzte ans Fenster. +Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte er das +Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, +von beschienenem Gewölk umzogen, als +helldunkles Bild wunderbar vor dem schwarzen Nachthimmel?</p> + +<p>Nein, nicht wie immer – da stiegen weiße Wolken +– kochte Dampf auf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>»Ein Unglück. Rasch, Marning – den zweiten Zug +alarmieren – der dritte soll sich bereit halten ...«</p> + +<p>Der Ruf: »Vollert – Vollert!« donnerte durch das +Haus. Der Bursche polterte aber schon gerade die Holztreppe +von seiner Dachkammer herab.</p> + +<p>Sie griffen nach ihren Mützen und liefen.</p> + +<p>Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen +aus der Türspalte, und man sah eine weißbekleidete +Schulter.</p> + +<p>Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden +Gesprächen.</p> + +<p>»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß +sie uns drüben brauchen. – Die abgelöste Belegschaft +tritt ja ein – wenn wirklich was los ist – aber immerzu –«</p> + +<p>»Nun – anbieten müssen wir’s –«</p> + +<p>Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom +Schreibtisch aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel +in Verse goß und sich mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen +Strophen auseinandersetzte.</p> + +<p>»Sie – Hornmarck – den zweiten Zug alarmieren – +der dritte soll sich bereit halten. – Laufschritt zur Fähre +– drüben ebenso nach ›Severin Lohmann‹ – immer zwei +Gruppen auf einmal übersetzen lassen. – Die beiden +Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren – +zum Nachrichtendienst. – – Wir laufen voraus ...«</p> + +<p>Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, +die zur Fähre führte. Das Leben, das schon schlafen +gegangen war, erwachte wieder. Einzelne Männer erschienen +in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl nichts +Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln +und nur in Hosen und dem blauen Hemd.</p> + +<p>Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, +wäre er selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. +<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>Und Sörensens mürrischer Einwand: »Herrjes – +in Büxen?« half ihm nicht.</p> + +<p>»Wat – Büxen! Is ja Sommertid – man to – +man to!«</p> + +<p>Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, +während die eiserne Kette klirrte. Nun warf Sörensen +sie hinein, daß es krachte, und fuhr los.</p> + +<p>Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, +schaukelten sie. Der dunkle Himmel der Sommernacht +spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle Ferne war in +Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in +großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks +spiegelte sich in der Flut; vor dem mächtigen Hintergrund +quoll weißer Dampf in die Höhe.</p> + +<p>Sie schwiegen.</p> + +<p>Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der +Überfahrt gesehen: weder die »Klara« noch das Motorboot +lagen an ihren Bojen. Also das junge Paar war +von der Segelpartie noch nicht zurück.</p> + +<p>»Gottlob!« dachte Stephan. – So brauchte er der +Einen nicht zu begegnen, die er mied, wenn er es ohne +Aufsehen konnte.</p> + +<p>Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In +den Hainbuchenhecken, die die Treppe begleiteten, raschelte +ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun das Herrenhaus. +Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei – im +Laufschritt. – Aber wie denn? Vor dem Gitter, das +Park und Vorgarten von der Straße schied, stand der +Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin – neben ihm stand +Leupold Wache.</p> + +<p>»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex.</p> + +<p>Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen +wandte sich um und ihm zu. Er hatte in die Richtung +<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin Lohmann« +begann.</p> + +<p>»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. – +Und dieser Kerl weigert sich, mich hinzufahren! – Mich +zu verlassen! Mir meine Tochter zu holen – und das +Schaf – der Georg, der findet sie nicht – –«</p> + +<p>Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur +kurz: »Wie kann und darf ich Herrn Geheimrat verlassen?«</p> + +<p>»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!«</p> + +<p>»Sie ist drüben – Georg läuft her und hin und kann +sie nicht finden –«</p> + +<p>»Was ist los? – Der zweite Zug meiner Kompanie +kann bald zur Hilfe hier sein. – Soldaten können Sie +haben, so viel da sind ...«</p> + +<p>»Oh – unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre +Soldaten können uns nichts nutzen – danke – danke – +was los ist? Durchbruch! Ein Mann verunglückt. – Und +Schaden – schwerer Schaden – Produktionsminderung +auf zwei, drei Wochen – ich weiß noch nichts Genaues.«</p> + +<p>Er sah den atemlosen Georg heranrasen – zum +drittenmal.</p> + +<p>»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten +– da darf ich nicht ’rein.«</p> + +<p>»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine +Tochter ...«</p> + +<p>Stephan salutierte gehorsam. – Er konnte nichts sagen. +Er ging.</p> + +<p>Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig +hatte er Retter und Helfer aufgeboten, und nun waren +sie nicht einmal gewünscht.</p> + +<p>»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst +mit den Leuten an – vielleicht halt’ ich sie noch auf –«</p> + +<p>Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden +<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>Marning nach, während der Hauptmann, diensteifrig +und strahlend von Georg, seinem früheren Burschen, gefolgt, +ins Haus ging.</p> + +<p>Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf +breitem Blechband in schwarzen Buchstaben der wuchtige +Name stand.</p> + +<p>Er kannte hier alles genau – oft und oft war er hier +umhergegangen – allein – mit dem Generaldirektor – +mit einem der Ingenieure oder der Chemiker. Sein Interesse +war unersättlich, sein Verständnis ein so rasches, +als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf vorbereitet, +diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht +immer ist, wenn Menschen von ihren überkommenen +Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen auf ein Gebiet, +dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es +gekannt hätten.</p> + +<p>Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all +der zischende Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe +– viel von diesem weißen Gewölk schlich sich um die +Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren, zwischen den +Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten +Ofen her, glänzte unheimlich über das Gelände hin.</p> + +<p>Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die +junge Frau dem Verunglückten beistand, mußte sie dort sein.</p> + +<p>Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in +bedrücktem Schweigen, mit finsteren Mienen. Das Mitleid +fraß an ihnen und das Bewußtsein von der Bedrohlichkeit +ihrer Arbeit.</p> + +<p>»Wir sollen ihn ’rüber bringen,« sagten sie.</p> + +<p>In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine +Krankenhaus mit den vollkommenen Einrichtungen.</p> + +<p>Stephan zauderte – durfte er eintreten? Er fühlte: +ja! Nicht nur, weil die Bitte des alten Herrn ihn trieb. +<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>Er war Offizier. Es lag ihm im Blute, sich nach einem +Gefallenen liebevoll umzutun.</p> + +<p>Er öffnete die Tür.</p> + +<p>Und er und die finster wartenden Männer sahen es +alle: – Da drinnen kniete eine junge Frau und küßte die +berußte, schmerzverzerrte Stirn des Verunglückten. – –</p> + +<p>»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an – aber +leise, – leise – schwebt sozusagen – geht auf Eiern. – +Schwester Ludmilla hat schon telephoniert – alles bereit +drüben.«</p> + +<p>Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern +zitterte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor ...</p> + +<p>Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer +düsteren Last davonschritten, stand Klara und lehnte ihre +Stirn gegen die zusammengepreßten Hände an der hellen +Wand.</p> + +<p>Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre +folgte, den Arm Stephans.</p> + +<p>Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen – es gibt +noch edle Frauen! – Und den Mann mach’ ich gesund – +wenn Gott uns nich ganz verläßt – dem Tode aus ’m +Rachen reiß’ ich ihn. – Ja ...«</p> + +<p>Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben.</p> + +<p>»Edle Frau,« dachte er – »edle Frau –«</p> + +<p>Sie hörte ein Geräusch – sie hatte gedacht, sie sei nun +allein. – Sie brauchte ein paar Minuten der Sammlung. +Der Schreck, das Entsetzen – das Geheul des armen Menschen +– und der betäubende Geruch – Jodoform – verbranntes +Fleisch – furchtbar! – Sie war wie benommen. +– Von der Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. – +Nun schreckte ein Schritt sie auf, der hinter ihr anhielt. +Sie löste sich von der Wand, an der sie Halt gesucht. Sie +wandte sich um, in einer müden Bewegung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>Und erschrak – und erglühte. –</p> + +<p>Sie starrten einander an. – Auch er von ihrem Schreck +ergriffen. – –</p> + +<p>Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft.</p> + +<p>»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr +Schwiegervater beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.«</p> + +<p>»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme – wie +eine Zerstreute war sie, die nicht recht bei ihren Worten +ist; »danke – ja – Vater –«</p> + +<p>»Er war in großer Angst um Sie.«</p> + +<p>»O – keine Ursache – gar keine ...«</p> + +<p>Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich +abermals auf und schritt hinaus. – Er folgte ihr. – Draußen +waren ein paar Leute – sie wichen ehrerbietig zurück.</p> + +<p>Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, +schwankend, im beschmutzten weißen Kleid, an dem kein +Schmuck, kein Zierat auffiel – das Haar zerzaust – das +Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen Linien durchzeichnet +– da hätte man sie wohl eher für das Weib des +Verunglückten halten können als für die Herrin dieses +Werkes.</p> + +<p>Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: +der Schlag, der einen von den Ihren hingestreckt, der hatte +auch diese junge Frau mitbetroffen.</p> + +<p>Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ...</p> + +<p>»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie +können ja kaum ...«</p> + +<p>»Eine Minute ...« flüsterte Klara.</p> + +<p>Nein, so nicht vor den Vater treten – er würde sich +entsetzen. – Fassung – Haltung ...</p> + +<p>»Eine Minute,« sagte sie noch einmal.</p> + +<p>Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den +Knickweg hinein, der auf die Straße mündete. –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, +die ineinander verflochten, vom Gerank des Caprifoliums +durchwirkt, auf den Erdwällen sich hinzogen – da war +Ruhe. – Die Sommernacht wohnte hier – und die +schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. – +Vom Werk her kam ein blasser Schein. – Sie konnten einander +deutlich erkennen – jeden Zug der Angesichter.</p> + +<p>Sie strich sich über die Augen – mit schwerer Hand.</p> + +<p>Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an – +lange.</p> + +<p>Und langsam kam das Entsetzen über sie.</p> + +<p>»Nein ...« stammelte das junge Weib – »nein ... +nein!«</p> + +<p>Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ...</p> + +<p>Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem +Glück, gleich rasender Verzweiflung aufging. – +Nicht wissen, nicht hören, was die seine betäubte ...</p> + +<p>Stark daran vorüber! –</p> + +<p>»Eine Frage,« sprach er leise – kaum seiner Stimme +mächtig – »eine Frage! – Ich gehe von hier – sobald ich +kann – aber eine Wahrheit muß ich hören! – Sagen Sie +es mir – geben Sie mir dies Wissen mit ... Warum +haben Sie ihn geheiratet –«</p> + +<p>Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, +der diese Frage an sie stellen durfte – er der einzige, dem +sie Antwort geben mußte.</p> + +<p>Sie faßte sich.</p> + +<p>»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der +reiche Mann mir zehn Jahre lang Unterhalt und Bildung +gab. – Nein. – Er hat mehr an uns getan. – Er hat +meine Mutter geliebt – und vor ihrer Würde seine Leidenschaft +bezwungen – mein Vater hat sein Vertrauen verraten +– ihn um Hunderttausende geschädigt – sich erschossen. +<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>– Und er hat den Schimpf vom Grabe meines +Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter ferngehalten +... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...«</p> + +<p>Er hörte – und über sein bleiches Gesicht ging eine +tiefe Bewegung.</p> + +<p>»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle +Frau –« ein halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer +gesprochen. – –</p> + +<p>Nun konnte er gehen – hinaus in ein einsames Mannesleben +voll Entsagungen.</p> + +<p>Aber er nahm ein reines Bild mit.</p> + +<p>Dennoch – er war ein Mensch – ein junger Mann – +und die starke Liebe, die sein Herz erschütterte, rang um +ein wenig Hoffnung ...</p> + +<p>»Ehen lassen sich lösen –«</p> + +<p>Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. +Sie vermengten sich zu einem dumpfen Getön – gedämpft, +zuweilen fast sanft.</p> + +<p>Die junge Frau horchte – hob ein wenig ihr Haupt – +als wolle sie mit allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. +War es nicht, als sei es eigentlich die Stimme des alten +Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er +ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! +Nicht mich, der dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, +der es einmal lenken soll« –? Zitterte in den brausenden +Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging? +Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das +vereint und gemildert herüberkam, nicht ein stolzer +Rhythmus? Umschmeichelte es sie nicht wie ein tröstliches +Lied?</p> + +<p>Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden +Stimmen: ich höre – ich höre ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen +lassen sich lösen –«</p> + +<p>»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. – Und ihre +Fassung wollte zerbrechen ...</p> + +<p>»Ich wußte, was ich tat. – Liebe vielleicht kann enden. +– Aber Pflicht nie – wenn sie allein der Inhalt einer Ehe +war und ist – und – immer sein wird. – Und ich will +eher sterben, als daß ich meinen Vater verließe und mein +Kind ...«</p> + +<p>Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. –</p> + +<p>Er begriff, es hieß: Lebewohl!</p> + +<p>Er nahm die Hand und hielt sie lange.</p> + +<p>So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.</p> + +<p>Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck +den Mut und die Würde, in Reinheit zu entsagen.</p> + +<p>Dann löste sie ihre Hand aus der seinen – schonend – +leise.</p> + +<p>Und er ging. – –</p> + +<p>Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen +langsam die Straße dahin, zurück nach dem Hause.</p> + +<p>Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war +erstaunt.</p> + +<p>»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo +ist der Marning, der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der +Sie und Marning holen soll. Der alte Herr is was nervös +– o jeh. – Na und Sie, Frau Klara ...«</p> + +<p>Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher +auf den Füßen und gleiche einer Nachtwandlerin.</p> + +<p>In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm +in den seinen ... Sie konnte nur schweigen. –</p> + +<p>»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt – ich +hab’ einfach selbst den Stuhl geschoben. – Na, wenn er +Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen wiedersieht –«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>Ja, da war er dann auch ruhig – er streichelte Klaras +Hand und sah sie an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. +– Aber er schalt nicht. – Er dachte sich wohl, was ihr Gemüt +erschüttert hatte. – Auch ihm, dem Manne, erbebte +das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der +Riesenfaust des Eisens und des Feuers.</p> + +<p>»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!«</p> + +<p>Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?«</p> + +<p>»Sylvester hofft es.«</p> + +<p>»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?«</p> + +<p>Klara wußte es nicht.</p> + +<p>Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am +Griff des Fahrstuhls bereit stand, um seinen Herrn in den +Lift zu schieben.</p> + +<p>»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei +ein wilder Kerl –«</p> + +<p>»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise +vor sich hin.</p> + +<p>Aber nun wollte er zur Ruhe. – Was? Gerade schlug +die Uhr auf der Diele. – Einen Schlag? Dunkel und volltönig? +Halb eins! Wo blieb nur Wynfried?</p> + +<p>Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse +doch zunächst noch seinen verlorengegangenen Oberleutnant +aufgabeln. Und wettete, daß der, wieder vom +Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. –</p> + +<p>Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.</p> + +<p>Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken +– wie ein Erstaunen: ich bin ja nie allein. – Ihr +Eigenleben war wie erdrückt und verdrängt von dem +Leben um sie herum ...</p> + +<p>»Gute Nacht, Vater!«</p> + +<p>Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden +Abend.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr +Haar zu lösen, als es klopfte – sie erschrak. – Warum? +Ihr Mann mußte doch endlich heimkommen.</p> + +<p>»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?«</p> + +<p>Und er trat ein.</p> + +<p>»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr +leid getan, daß du nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. +Nur zuletzt starke Flaute. So wurde es spät,« +sprach er.</p> + +<p>»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?«</p> + +<p>Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die +auf ihrer Kommode stand.</p> + +<p>»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von +einem Malheur. – Durchbruch – na ja – ziemlich aufregende +Geschichte. – Und in diesem Moment Produktionsverminderung, +wo wir gerade mit Direktor Malzan +morgen Lieferungen abzuschließen hofften –«</p> + +<p>Wie merkwürdig – das Leben mit all seinem tausendfältigen +Inhalt ging weiter – wie jeden Tag. – War es +denn nicht ein neues und von Grund aus erschüttertes geworden, +seit jenem letzten Blick und Händedruck?</p> + +<p>Wynfried war unruhig – anders als sonst. Sie +begann es zu spüren. Seine Worte liefen so – als +flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken der +Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben +durch den Dienst auf dem Werk gefährdet. – +Aber wie sonderbar – er wußte es doch wohl nicht – +er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden, +den sie hatten – erwog Zahlen – ging auf und ab +in seinem weißseidenen Sportkostüm, daran nichts farbig +war als der schwarz-weiß-rote Schlips des Kaiserlichen +Jachtklubs.</p> + +<p>»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie +<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>und schloß den Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht +hatte, »das weißt du wohl noch nicht.«</p> + +<p>»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner +vom alten Stamm – bloß Judereit – ein Wasserpolack – +kenn’ den Kerl zufällig – war neulich dabei, als er von +Thürauf in Person verdonnert wurde – war in wahnsinniger +Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof +geworden. – Der Vater hatte sich beschwert. – +Der Judereit wollt’ sie zum Weib – sie will aber nicht. – +Ja, die Leute haben auch ihre Romane.«</p> + +<p>»So leidet er tausendfach,« sprach sie.</p> + +<p>»Na nu – so schroff?«</p> + +<p>»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. – Und es +war so aufregend ...«</p> + +<p>»Also denn gute Nacht.«</p> + +<p>Und er küßte ihr die Hand – sehr ritterlich – mit Allüren, +als sei hier ein Salon, in dem sich eine feierliche +Gesellschaft dränge. –</p> + +<p>Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken +konnte, war es ihr wie eine Beglückung.</p> + +<p>Allein – feierliches Dunkel – kühles Leinen um die +erschöpften Glieder.</p> + +<p>Das tat wohl.</p> + +<p>Und denken können – denken! ...</p> + +<p>Aber ihre Gedanken zerrannen. – In eherner Gewißheit +stand ihr Schicksal vor ihr.</p> + +<p>Aber sie fühlte: es war nicht klein!</p> + +<p>Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld +abtragen dürfen: Der herrliche Mann, nun ihr Vater, +war beglückt – durch sie, durch seinen Enkel.</p> + +<p>Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden.</p> + +<p>Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja +nicht aus Liebe geschlossen. – Sein Inhalt hieß: sittliche +<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>Pflichten, Wahrhaftigkeit – Treue – dieser Inhalt war +<em class="gesperrt">unumstößlich</em>! – Die Gründe, um derenwillen sie +sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.</p> + +<p>Sie dachte an den anderen Mann.</p> + +<p>Nun wußte sie es. – Sie hatte ihn immer geliebt. – +Von jenem ersten Tage an, da sie im Regen und Sturm +zusammen übers Wasser fuhren.</p> + +<p>All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese +geheime Angst – es war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.</p> + +<p>Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen –!</p> + +<p>Aber nein – nein – lieber leiden und kämpfen, als +auf dies Wissen verzichten.</p> + +<p>Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.</p> + +<p>Nur seine Augen hatten gesprochen.</p> + +<p>Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! – +Sie fühlte es in beseligender Erschütterung.</p> + +<p>Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück.</p> + +<p>Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das +erste Begegnen.</p> + +<p>Da fiel ihr etwas ein. – Sie drehte das Licht auf. – +Sie glitt aus ihrem Bette. – Hinten, tief im Schubfach +ihrer Kommode gab es ein weißes Paketchen – es umschloß +eine blaue Mütze und eine beschriebene Karte. – +Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge +aufgehoben hatte. – Und weil sie es wußte, durfte sie sie +nicht behalten.</p> + +<p>Sie holte sie hervor – sie ging an den Kamin und +knüllte Papier und die Wollhäkelei zusammen und warf +sie auf den Rost – ganz hinten an die Rückwand des Feuerloches.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Da war auch noch die Karte – sein Name – wenige, +förmliche Zeilen von seiner Hand.</p> + +<p>Klara sah lange diesen teuren Namen an – las ihn – +als enthielten diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, +ihres Lebens und – ihrer Liebe.</p> + +<p>Sie hob das Kärtchen – zauderte ein wenig – und +leise, leise hauchte sie einen Kuß auf die Schrift.</p> + +<p>Und zerriß das kleine Blatt –</p> + +<p>Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein +kurzes Feuer auf.</p> + +<p>»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!«</p> + +<p>Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr +Kissen hinein. – Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht +gelebt hatte; um einen ihr Verlorenen, der ihr nie gehört.</p> + +<p>Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen +Wissen.</p> + +<p>Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, +kann ein Glück sein.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_9" id="Kapitel_9"></a>9</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur +Führung beigegeben war, hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten +zu ungewöhnlicher Zeit kurzen Urlaub +erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von +Likowski als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies +Bruchstückchen der gewaltigen Armee.</p> + +<p>Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die +Jachten ihre Wettfahrt nach Warnemünde angetreten. +Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das rauschende +Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum +sich in Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski +hatte mit einem Kreis von Bekannten teilgenommen; +nach einem am Strande und bei der Kurmusik verbummelten +Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich +soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. +Famos! Aber zwei Sorten Sekt – deutschen und französischen. +Vom Übel! Denn das konnte Likowski merkwürdigerweise +nie vertragen. Seine Magennerven wollten: +entweder, oder!</p> + +<p>Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm +wieder lichtvoller unterm Schädel.</p> + +<p>Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang +gezogen. Aber das kam noch wieder. »Datt kann nich +öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen. Nach Westen +<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die Ostsee. +Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk +pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so +lange hin und her, bis es sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. +Jedenfalls: Kühlung war nicht eingetreten.</p> + +<p>Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem +Glanz. Auf der Landstraße war jede flache +Furche ein Kanälchen, jede kleine Vertiefung eine Lache +geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war +die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien +sie unbeweglich zu stehen. Am blauen Himmel trieben da +und dort träge und trächtig dicke Wolken einher – weiß +und grau. –</p> + +<p>»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten +unter den Wipfeln der Hohenmeiler Tannen hinstapften. +Sie sangen. Munter klang das Marschlied. – Nun lag +die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende +Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man +unter Dach und Fach sein.</p> + +<p>Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen +vorne. Neben ihm der Oberleutnant, der heute auf dem +Heimweg auch beritten war. Denn Likowski wollte seinen +zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. Es +war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine +Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. +Bei den sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes +wollte nun Likowski einmal sehen, wie er wirke, ob es gehe, +ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen müsse.</p> + +<p>Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit +braunen Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der +Kompanie. Mechanisch – denn nun, da die Übung vorbei +war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf das dringlichste +zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im verregneten +<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an +seiner Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen +erringen werde! Aber das Drama würde durch höhere +Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! Diesmal +sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland +fürchtete es. – Er hoffte dann wenigstens das eine, +daß beide Mädchen zusammen um ihn weinen und sich im +Andenken an seinen Heldentod versöhnen würden. –</p> + +<p>»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, +»selbst der Geheimrat sagt, es wäre für die Industrie und +den Handel zwar furchtbar – aber der ewige Druck wär’ +auch schädigend. – Und dann besser endlich mal die Entscheidung. +Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt +und das Volk will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. +Ich sag’ nur: Siegen! Merken Sie wohl, wie mit einem +Male das Volk sich wieder näher an uns ’ran fühlt? Wie +es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man +spürt’s an dem Landvolk hier herum. – Gestern in der +Menge war’s zu merken. – Auf den Dampfern sind die +Leute wie toll gewesen. – ›Deutschland, Deutschland über +alles‹ haben sie gesungen, als die Schiffe um die ›Hohenzollern‹ +kreisten. – Ein Jubel zum Kaiser empor! Er soll +ganz erschüttert und blaß gewesen sein.«</p> + +<p>»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu.</p> + +<p>»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann +bewegt. »Seit ich denken kann, hab’ ich davon geträumt. +– Meine Mutter hat mir’s, ihrem Jüngsten, eingeimpft: +›Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen +würdig‹. – Mein Vater hatte das Eiserne erster – starb +an den Folgen seiner Verwundung – hat aber doch noch +nach dem Kriege, trotz Schmerzen und Beschwerden, zehn +Jahr weiter dienen können. – Dann ging’s nicht mehr, +und er siechte langsam hin. – Meine Mutter hat ihren +<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>Vater und drei ältere Brüder verloren Siebzig – sie +war ’ne ganz junge Frau – ihr erster Junge war unterwegs. +– Ja, wir wissen’s – das kostet unser Blut! Nun, +wir sind Soldaten!«</p> + +<p>Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht.</p> + +<p>»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher +mich dienstlich bei Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich +um meine Versetzung einkommen will?« sprach Stephan +langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch +diese Frage begrübelt.</p> + +<p>Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine +ungeheure Spannung lag über Europa, und die Völker +standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen Augenblick +werden Versetzungen nicht nachgesucht – nicht leicht bewilligt. +– Aber es mußte sein ...</p> + +<p>Likowski war starr.</p> + +<p>»Wa–as ...?«</p> + +<p>»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« +sprach Marning. Er war sehr entfärbt – graublaß flog +ein Schein über sein bräunliches, verbranntes Gesicht.</p> + +<p>»Ich versteh’ immer: ›Versetzung!‹« sprach der Hauptmann, +blöd tuend.</p> + +<p>»Bitte, Likowski – verzeihen Sie mir.«</p> + +<p>»Mensch! Kam’rad! Marning! Freund! Nee – das +is doch Unsinn. – Verset – – – Aber nee. – Wieso +denn, warum denn? In dieser Zeit noch obenein!«</p> + +<p>»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. +– Dies gesammelte Leben in Dienst und Natur und +das gewaltige Werk und den bedeutenden alten Mann da +drüben. – Verzeihen Sie mir. – Es muß sein. Ich will +einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde +dann, wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, +nicht erst hierher zurückkommen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer +solchen Festigkeit durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl +spürte: es war Ernst. Aber so rasch wollte er sich nicht ergeben. +Er hatte seinen Oberleutnant noch über das +Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.</p> + +<p>»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche +muß doch in solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: +jeden Tag kann der Befehl zur Mobilmachung kommen.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was +wird. – Sie meinten es doch neulich auch, in der Marine +heiße es: im Herbst läge es günstiger für uns. Aber wenn +auch – es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und wann +ihn der Ruf trifft – er hat zu folgen.«</p> + +<p>Der Hauptmann schüttelte den Kopf.</p> + +<p>Diese Dringlichkeit, wegzukommen – nicht mal die +Versetzung abwarten – gleich auf und davon in Urlaub. – +Was war denn los? – Aber er fragte nicht. Er sprach +nur: »Nee hörn Sie mal – das kann ich nich so gleich +fassen. – Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes +Regiment – in das Sie als junges Küken eingetreten +sind. – Nee Marning –«</p> + +<p>»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur +die Garnison wechseln.«</p> + +<p>»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb +Jahren – knapp! – wann war’s doch? Mai vor’m Jahr. +– Und nu wieder weg! Auch ohne die gespannte Lage +und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier +mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit +der Bataillone soll ja nicht mehr zerrissen sein – wir sind +noch von den wenigen, die auf zwei Garnisonen verteilt +stehen. Da hängen wichtige Änderungen in der Luft. Entweder +kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns +oder wir werden dorthin verlegt –«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst.</p> + +<p>Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte +nach. Es war zu natürlich, daß er seine Gedanken nach +irgend welchen begreiflichen Gründen umherjagen ließ. +Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er wohl: +flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen +Baronin? Nein, vor so ’ner gurrenden Taube läuft doch +ein Mann nicht weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender +Mann noch ritterliche Formen. Ganz abgesehen +noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt hatte, +in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin +kokettierte – offener, als es einem verheirateten Mann +gegenüber schicklich schien.</p> + +<p>Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning +einen solchen Entschluß gefaßt hatte und die Gründe dazu +verschwieg, so lag Ernstes vor.</p> + +<p>Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den +hiesigen Menschen und Verhältnissen zu tun hatten.</p> + +<p>Also – wenn Marning schwieg, so hieß es für den +Kameraden: diskrete Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, +der vielleicht ein schwerer war; keine zudringlichen +Fragen.</p> + +<p>»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von +anderswoher ruft: Sie sagen: es <em class="gesperrt">muß</em> sein – da darf +ich nur noch schweigen,« sprach er bekümmert.</p> + +<p>Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. +Munter klang hinter ihnen der Marschgesang der Soldaten. +Der durchfeuchtete Wald stand regungslos in der schwülen +Luft.</p> + +<p>Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an +seiner Seite war ihm teuer geworden. Er wußte ja: der +litt. Heldenblut kochte ungestüm in seinen Pulsen. Und +er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter, ein unermüdlicher +<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>Erzieher! – Sollte er ihm nicht ein andeutendes +Wort sagen – daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit +durch Flucht zu beweisen – ja, es gibt auch solche Lagen – +und auch sie fordern stillen Heldenmut. – Stephan fühlte: +es war unmöglich! Jede, die fernste Andeutung mußte +Likowski die Wahrheit erraten lassen. –</p> + +<p>Unmöglich. –</p> + +<p>Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl +Aussicht sei, daß das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch +genehmige. –</p> + +<p>Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, +die als durchnäßtes Band zwischen begrasten Rainen und +regelmäßig angepflanzten Bäumen dalag.</p> + +<p>Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen +auf. Und mit einem Male stockte das munter-gelassene +Marschieren der langen Schlange von Soldaten. – Vorn +das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es +verschlungen? Was war geschehen?</p> + +<p>Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben +beworfen – so stark gleißten die stechenden +Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen und gefüllten +Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen +hatte unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes +Loch verborgen gehalten. Da trat der Gaul hinein – es +war ein ganz ungeahntes Niederbrechen, ein Sturz wie +ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es riß den +Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er +geschleudert. Im Husch des Geschehens hatte er noch +seine Füße aus den Steigbügeln lösen wollen – nur dem +Linken war’s gelungen.</p> + +<p>Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen +Verschiebung der Gliedmaßen da.</p> + +<p>Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen +<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>geschehen. – Schon stürzte alles herzu. – Stephan schwang +sich vom Pferde – kniete neben dem Hauptmann – wollte +ihm aufhelfen. – Hornmarck griff zu – von der zweiten +Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere – kräftige +Fäuste brachten das Pferd in die Höhe – es war unbeschädigt.</p> + +<p>Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war +weiß, seine Lippen blau, und als er sich rühren wollte, +seinen Körper den helfenden Händen entgegenbietend, +da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer +kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. – Die +singenden Töne in seinen Ohren verstummten aber +rasch wieder – er wußte, wo er war – was mit ihm +war.</p> + +<p>»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht – schändlich ...«</p> + +<p>Und er biß die Zähne zusammen.</p> + +<p>Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte +einen Bruch des Unterschenkels davongetragen.</p> + +<p>Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. – +Seine Lebensgeister waren alsbald in vollster Energie +wach. Er übersah seine Lage.</p> + +<p>»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! –«</p> + +<p>Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, +daß es die Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch +eben über seinen eigenen Heldentod vorweg gerührt +gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im Geist +untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, +es geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann +einen flammenden Blick des Zornes erhielt.</p> + +<p>»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich +klug an – ich mein’: egal, wie weh es tut – ich mein’: +vorsichtig – daß die Sache nicht schlimmer wird –«</p> + +<p>Und dann richtete er sich an Marning.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein – +Und wenn’s ein simpler ist – was? Der heilt schnell?«</p> + +<p>»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender +Naseweisheit, geradezu mütterlich.</p> + +<p>Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte +auf dem zweiten Pferde Likowskis davon. Die Kompanien +setzten ihren Marsch fort. Aber sie sangen nicht mehr. +Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der Landstraße: +der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock +als Kissen unterm Haupt – Stephan als Wache und Pfleger +– ein paar Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. +Und die Soldaten schwärmten aus, um von der Waldgrenze +große Zweige zu holen, mit denen sie über dem +Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. +Denn die Sonne brannte durch die feuchte Schwüle, und +es war gerade, als ob die schweren Wolken am Himmel +vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu bedecken.</p> + +<p>»Hier lieg’ ich nun, als die Karikatur eines Helden. +Die ganze Szene Karikatur – sieht ’n bißchen nach +Schlachtfeldgrenze aus – ist bloß ’ne Albernheit!«</p> + +<p>Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken +Schulterknochen gebrochen, und er wußte: es tut verflucht +weh! Auch ein Mann kann da wohl die Zähne zusammenbeißen. +Aber er sah wohl, nach der allerersten kurzen +Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall +aus dem Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der +Hohn größer als aller Schmerz.</p> + +<p>»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn’s nun +losgeht und ich lieg’ da – ich schieß’ mir – bei Gott – +ich schieß’ mir ’ne Kugel durch ’n Kopf!«</p> + +<p>»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald +zur Mobilmachung kommt – dann folgen Sie uns in +einigen Wochen nach –«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich +wieder zu Pferde sitzen. – Und wenn ihr mich ’raufheben +und anschnallen müßt. – Die besten Chirurgen her. +– Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap – +das ist mir nich genug – in Lübeck soll’s ja ’n großen +Professor geben – her mit ihm.«</p> + +<p>»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit +Befehl gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« +sagte Stephan, »beruhigen Sie sich doch bitte!«</p> + +<p>»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! +Aber wenn ich nicht in vierzehn Tagen wieder zu Pferde +sitzen kann, erklär’ ich alle Ärzte für Charlatans.«</p> + +<p>Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen +werden sollte, setzte sich in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen.</p> + +<p>»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, +Sie können in vierzehn Tagen reiten – wenn vielleicht +auch noch nicht allein aufsitzen.«</p> + +<p>»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning +– Ihre Versetzung ... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun +doch die Kompanie führen – bis ich selbst wieder so weit +bin!«</p> + +<p>»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester +Stimme, »daß ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder +dienstfähig sind.«</p> + +<p>Sein Gesicht war verschlossen – sein Blick in die +Ferne gerichtet – ernst und fest.</p> + +<p>»Der hat was Schweres – was Großes,« dachte +Likowski, »und macht es still mit sich ab.«</p> + +<p>Wie schwer wohl! – Wenn’s nicht mal einer treuen +Kameradenseele anvertraut werden durfte ...</p> + +<p>Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, +zerriß ein aufzuckender Schmerz seine Gedanken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die +Bande?«</p> + +<p>»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein +kann.«</p> + +<p>»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...«</p> + +<p>Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den +belaubten Zweigen, die sie herbeigeschleppt hatten, +einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße war nur +obenauf feucht – ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, +und man konnte unmöglich diese schwankenden, schief +abgebrochenen Äste in den Boden stecken.</p> + +<p>Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen +ab- und Kühlung zuzuwedeln.</p> + +<p>»Nee – nee, Kinder – das nu nich – hier is nich +Finale erster Akt Lohengrin – setzt euch da hin – man +immer mitten ’rin ins patschnasse Gras – vielleicht sind +eure Sitzböden wasserdicht. – So – nu – Donnerwetter ...«</p> + +<p>Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen +Rande des Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich +auf den Meilenstein, der gerade dicht neben der Unglücksstelle +stand. So warteten sie.</p> + +<p>Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, +still zu warten.</p> + +<p>Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, +das Stephan ihm über Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz +vor Sonne und Fliegen.</p> + +<p>Wenn es <em class="gesperrt">doch</em> nicht in vierzehn Tagen heilte! Und +wenn noch in dieser Woche – in der nächsten vielleicht +– die Mobilmachung begänne! Das machte ihn toll. –</p> + +<p>»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht +oder eine Maschinenschlacht werden?« sagte er.</p> + +<p>»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große +Überraschungen erleben wird, und daß im letzten Grunde +<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>jeder Krieg eine Männerschlacht sein muß und wird. – +Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten – Mut, +Tapferkeit, Besonnenheit. Der <em class="antiqua">Furor teutonicus</em> – ja +mein Gott – ist ein Krieg denkbar, ohne daß all das +aufflammt? Wir stehen vor Rätseln – ich will selbst +zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im +letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern +auf den Mann ankommen – auf Disziplin und Opfermut +und wahnwitzige Tapferkeit. – Und es wird nicht daran +fehlen –«</p> + +<p>»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! – Es +sind auch meine Gedanken. – Die geben den zähen Mut +zur Arbeit –«</p> + +<p>»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am +Grabenrand. Und die anderen drei schrien aufspringend +dazu: »Sie kommen!«</p> + +<p>In der Perspektive der Chaussee raste was heran – +Der Lazarettwagen – der »Kommißäskulap« auf Likowskis +Stichelrappen.</p> + +<p>»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich +erschien ihm dieser Augenblick schon als Beginn der +Heilung.</p> + +<p>In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. +Die provisorische Einschienung, der Rücktransport – +das kostete Mühe und Zeit. Likowski bestand darauf, in +seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da war die alte +Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf +und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und +Fürsorge mit sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart +gewöhnt und kannte ihr ergebenes Altfrauengemüt.</p> + +<p>Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte +den Bruch bildschön und geradezu ideal, und Likowski +lächelte bloß – wenn auch recht grimmig – zu den +<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich +schroff. Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen +da – großartig eingeschient – getragen von dem Glauben, +daß seine Knochen flink und glatt wieder zusammenwachsen +würden – frisch, als sei überhaupt gar nichts +passiert.</p> + +<p>Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.</p> + +<p>»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube +gemacht, Lamprächtige! Na – was? So ganz tief +inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu haben. +So als Ihr kleines Kind! Aber das sag’ ich Ihnen gleich: +es wird ’ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall – +Sie wissen in was für einem! – ganz einfach die Treppen +’runter und weg – so wie ich da bin! Das Wasserglas +hält wie Eisen.«</p> + +<p>Die Alte lächelte selig verlegen – und wehrte den +schändlichen Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten +und Worten ab.</p> + +<p>Stephan sah: er konnte nun gehen. – Er kam erst +gegen zwei Uhr zu seinem Essen. Seit dem Morgengrauen +hatte er nichts genossen. – Aber darauf muß +ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? +Das gab’s doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht +aus solcher Empfindung heraus, den Teller bald von sich – +er saß und starrte auf das Tischtuch nieder.</p> + +<p>Ja, nun wurde alles anders ...</p> + +<p>Sein Gemüt war schwer.</p> + +<p>Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer +heißgeliebten Frau schuldig war.</p> + +<p>Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund +begreifen und daß seine Pflicht ihn hier noch hielt. – +Aber er wußte von selbst: sie hatte das Vertrauen, daß +er es doch verstehen werde, sie zu meiden!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>Sie kannten sich ganz genau – ohne Worte. – Ihre +Seelen sprachen zueinander – ein geheimnisvolles +Begreifen war zwischen ihnen – übertrug sich von einem +zum anderen.</p> + +<p>Sie waren füreinander bestimmt gewesen.</p> + +<p>Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!</p> + +<p>Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.</p> + +<p>Und die Frau ehren, die er liebte!</p> + +<p>Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung +sie beunruhigen durfte.</p> + +<p>Fort aus ihren Wegen!</p> + +<p>Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, +weil sie ihn fortgewiesen.</p> + +<p>Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein – nein«, womit +sie seinen Blicken abwehrte, hallte immer in ihm nach.</p> + +<p>Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr +Segen und Beglückung strahlen ließ als aus jedem hingebenden +Wort ...</p> + +<p>Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange +Nächte voll Qual und Not grübelte er darüber nach.</p> + +<p>Er mußte ihr Recht geben.</p> + +<p>Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die +Ehe hineingelockt.</p> + +<p>Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein +zärtliches Glück – sie gab ihr als Ersatz einen würdigen +Inhalt, in sittlichem Pflichtgefühl.</p> + +<p>Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich +sein.</p> + +<p>Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer +Pflicht erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf +und keine Beunruhigung bringen. Er konnte sie ihr +am größten dadurch beweisen, daß er still beiseite ging +und fern und einsam litt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>Fort aus ihren Wegen ...</p> + +<p>Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. – Er +merkte unterwegs: es tropfte – jene großen, schweren +Tropfen begannen herabzuspielen, die einen prasselnden +Gewitterregen einzuleiten pflegen. – Und da fuhr auch +ein Blitz nieder. – Der jähe Schein strich ihm förmlich +über die Augen. Ein Schlag polterte nach, und dann +stürzte der dicke Regen hinterdrein, daß die Luft wie von +Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten war +auch das vorbei. – Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes +Aufpochen all der droben auf der Lauer liegenden Gewalten +war das gewesen ...</p> + +<p>In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß +hatte die Fenster geschlossen gehalten. Luft! – Fenster +aufgestoßen! – Die Litewka her. – Eine halbe Stunde +Ruhe. – Um vier wieder Dienst. –</p> + +<p>Voß meldete: da liege ein Brief.</p> + +<p>Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den +Büchern und Papieren auf dem Schreibtisch. Seine +Gedanken waren nicht, wie die jener Menschen, die große +Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang gerichtet, +wenn er heimkam.</p> + +<p>Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer +Bursche, habe ihn gebracht.</p> + +<p>Stephan sah schon – das waren die Schriftzüge des +Geheimrats.</p> + +<p>Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft +eines Briefes von drüben bewies ja, daß die Fäden sich +schwer zerreißen ließen – ja, daß sie gar nicht zerrissen +werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe.</p> + +<p>Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, +steilen Buchstaben spürte man die Herrscherhand, die +sie hingesetzt:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im +Infanterieregiment Großherzog Paul.«</p> + +<p>Und als er las, wuchs seine Unruhe.</p> + +<p>»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. +Für Sie vielleicht Wichtiges. Besuchen Sie mich heute +gegen Abend. Wenn Sie zum Essen bleiben können, freut +es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn miteinschließt. +Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten +darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.«</p> + +<p>Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten +Unterredung nicht aus dem Wege gehen könne. Und ebenso +gewiß wußte er, daß es ihm unmöglich sein werde, +mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis traulich +zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in +Blick und Wort, steif, fremd tun – vor den durchdringenden +Augen dieses Mannes! Das holde, sanfte Glück genießen, +die geliebte Frau in ihrer töchterlichen Fürsorge um den +Vater zu sehen. – Ihr Wesen war heiterer, offener, +bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand – +wenn all ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann +zu dienen schien. – Und sie! Würde sie das ertragen, ihm +noch an ihrem Tische zu begegnen? – Nein!</p> + +<p>Er ging hastig auf und ab und dachte nach. – Sein +Dienst – der verunglückte Kamerad – dieser Ruf nach +drüben ...</p> + +<p>Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug +stramm.</p> + +<p>Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon +die fabelhaftesten Bestellungen und Auskünfte in die +Welt hinausgesprochen.</p> + +<p>Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, +verhedderten sich seine Gedanken schon vorweg, und er +ahnte Trübes.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht – er hatte +diesen vertieften Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren +scheint, während er sie gar nicht bemerkt.</p> + +<p>Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit +rascher Hand ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, +und um jedem Irrtum vorzubeugen, mußte Voß den +Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner nasalen, breiten, +niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan eigen, +daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, +was für ihn voll geheimer Aufregungen war.</p> + +<p>»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant +von Marning lasse vielmals danken. Er werde +sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum Abendessen +könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann +ein Unfall zugestoßen und der Oberleutnant wolle den +Abend bei ihm verbringen.«</p> + +<p>Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als +schwenke er in Reih und Glied im Zuge ab.</p> + +<p>Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. +Aber er war doch voll Ruhe.</p> + +<p>Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu +treffen, wenn er ihr Haus betrat.</p> + +<p>Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine +Verhöhnung des Abschieds, den sie in schweigendem Verstehen +voneinander genommen. –</p> + +<p>Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will +der alte Herr mit mir? Wichtiges? Die Unsicherheit regte +ihn doch auf.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich +erfuhr, daß auch der beste Reiter stürzen kann, besuchte +Klara ihren Schwiegervater. Er saß bei offenen Fenstern +im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum +<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. +Gerade ging Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, +um sie auszuarbeiten. Ehe er noch die Tür erreichte, rief +ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll sofort meinen +Brief hinübertragen. – Ach – Klara! Mein Kind – +Ich hab’ schon gewartet, wo du bleibst!«</p> + +<p>Sie küßte ihm die Stirn.</p> + +<p>»Guten Morgen, Vater – ich wagte nicht, zu stören. +Du weißt, jetzt geht der Verunglückte sogar dir vor. Als +ich von Severinshof zurückkam, hattest du schon den +Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen, als +ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja – halb elf +kommt Lebus.«</p> + +<p>»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. +Hatte den Nachtzug von Rotterdam nach Hamburg +benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst dir denken, +wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch! Produktionsstörung! +Ein Mann verunglückt! Wie geht es +ihm denn?«</p> + +<p>»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die +Nacht war gut. Und ich bin bei dem Mädchen gewesen, +das der Mann liebt. Ich habe mit ihr gesprochen. Sie +war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und ihm +verzeihen.«</p> + +<p>Der Geheimrat lächelte.</p> + +<p>»Du bringst sie noch zusammen.«</p> + +<p>»O nein,« sagte Klara, »nein – wie sollte ich das +wagen. – Wenn sie ihn nicht liebt ...«</p> + +<p>Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie +fühlte selbst: sie hatte es zu leidenschaftlich gesagt.</p> + +<p>Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über +beide. Klara wollte diese Befangenheit zerstören.</p> + +<p>»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>von dem Vorfall depeschieren? Es hätte ja auch keinen +Zweck gehabt. Aber er kam sofort zu dir herauf? Das +sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach – vom +Chauffeur ...«</p> + +<p>»Nicht der Chauffeur. – Denk dir – von Wynfried!«</p> + +<p>»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, +»der ist doch heute früh mit der ›Klara‹ nach Warnemünde +gesegelt – begleitet als Outsider die Wettfahrt – wollte +doch an Bord übernachten?«</p> + +<p>Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls +auf dem Werk, in einer so fröhlichen Stimmung +gezeigt, wie weder sein Vater noch seine Frau ihn je +gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot +nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die +»Klara« lag. Er wollte den Bierabend des Jachtklubs +mitmachen, der unter dem Vorsitz des Kaisers stattfand. +Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am Sonntag +vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die +Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte +Wynfried am Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am +Montag früh mit nach Warnemünde zu kreuzen. Es +erschien als das bequemste, von Sonnabend an Wohnung +an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den +Vergnügungen des Sonntags nicht teilnehmen wollte. +Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu entschlossen gewesen; +er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid zeigen +lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen +sollte. Ihr Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.</p> + +<p>Aber nun konnte sie nicht. – Alles in ihr wehrte sich +gegen Fest und Lärm und Frohsinn. – Würden nicht +die Augen des Verunglückten ihr immer zusehen? Diese +Augen voll Qual?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes +Seelenleben gegangen? –</p> + +<p>»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn +du den armen Judereit in seinem ersten grauenvollen +Schmerz gesehen hättest, möchtest du auch nicht. Und +ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu besuchen.«</p> + +<p>»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, +»das hätt’ ich nicht vermutet. – Aber wie wird es nun? +Ich hatte deine Freundin Agathe nebst Duenna eingeladen, +uns Sonntag vormittag zu begleiten?«</p> + +<p>»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben +nicht stören lassen. – Und Fräulein von Gerwald ist doch +dabei –«</p> + +<p>»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. – Das ist +ihre Mission, ihr Beruf, ihr Schicksal,« lachte Wynfried.</p> + +<p>Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung +zeigte. Und sie rühmte sein liebenswürdiges Wesen vor +seinem Vater.</p> + +<p>So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es +als wahrscheinlich hin, daß er von Warnemünde aus noch +nach Rügen oder vielleicht nach den dänischen Inseln +hinübersegeln werde.</p> + +<p>Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, +auf dem Bahnsteig der Hamburger Züge. Der +Vater erzählte, was Thürauf berichtet: Wynfried habe +vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer +etwas allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die +Zeit verschlafen. Das Gewitter sei dazugekommen – +er habe den schweren Seegang gefürchtet, etwas verkatert +wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, +um sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin +er mit der Bahn fahre.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...</p> + +<p>Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs +kühlen, klugen Augen einen besonderen Ausdruck gesehen. +Eine ferne, leise Unruhe wollte aufsteigen: war es vielleicht +dem Generaldirektor aus irgend einem Grunde zweifelhaft, +daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde +fuhr? Es gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die +verräterisch sind. Ein Billett, das aus der Hand fällt – +der Fahrplan, der aussagt, daß um diese Zeit gar kein +Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein. – +Was für törichte Mißtrauensgedanken. – Wozu brauchte +Wynfried Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, +wann und wohin er wollte. – Keine Tyrannei, keine +Fragen belästigten ihn.</p> + +<p>Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn +ab, daß er immer noch nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.</p> + +<p>»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« +sagte der Geheimrat nun. Und auf Klaras fragenden +Blick fügte er hinzu: »Ja – Marning.«</p> + +<p>Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet +sein müssen – war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen +Posten nicht sofort verlassen könne. Da waren Formalitäten +zu erfüllen – ein Offizier ist kein freier Mann. +Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.</p> + +<p>Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal +zu sehen.</p> + +<p>An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel +alltäglicher Begegnungen voll Heuchelei hängen.</p> + +<p>Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich +gerade um Entschuldigung bitten – ich war so lange nicht +bei Agathe – ich wollte sie heute am späteren Nachmittag +besuchen – wenn sie mich dann zum Abendbrot –«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen +kleinen eigenen Plan hast! Wenn dich die Gewitterluft +nicht stört – ich fürchte, es gibt noch was – wie sticht +die Sonne! – Im Grunde ist es vielleicht ganz gut, daß +ich Marning allein habe. – Möchte viel mit ihm reden reden – +Wichtiges.«</p> + +<p>»Du?!« fragte sie. »Du – mit ihm?«</p> + +<p>Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl +da – die Hände um ihr Knie gefaltet, vorgebeugt – und +dachte immer: »Es ist doch schwer. – Das muß ich lernen –«</p> + +<p>Gleichgültig von ihm sprechen. –</p> + +<p>»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, +ganz zu uns zu kommen!«</p> + +<p>Sie fuhr in die Höhe – stand leichenblaß da – ein +Laut brach von ihren Lippen – fast ein leiser Schrei.</p> + +<p>Das kam zu jäh – darauf hatte sich ihr Herz nicht +rüsten, sich nicht vorweg mit Haltung umpanzern können.</p> + +<p>Und der alte Mann sah sie an – in einem tiefen +Erstaunen, das in eine langsam heraufdämmernde Angst +überging.</p> + +<p>Was war das? ...</p> + +<p>Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem +und befehlend – ja befehlend: »Das wirst du nicht tun!«</p> + +<p>Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.</p> + +<p>Und was flammte denn in ihren Augen?</p> + +<p>Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte +doch mit leidlicher Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?«</p> + +<p>Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht +in seine Arme werfen und sagen: »Weil ich ihn liebe – +weil ich es nicht ertragen könnte, ihn immer, immer sehen +zu müssen ...«</p> + +<p>Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin +und her.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche +getragen!«</p> + +<p>Wie ein Segen kam der Gedanke über sie.</p> + +<p>Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der +Schwere der Prüfung mußte und würde ihre Tapferkeit +wachsen.</p> + +<p>Sie begriff, nun hieß es: lügen!</p> + +<p>Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit +nur zu ahnen, würde schon eine zu schwere Last für das +Gemüt des alten Mannes werden – nein, die konnte und +sollte er nicht tragen.</p> + +<p>Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen – –</p> + +<p>Woher eine Lüge nehmen?</p> + +<p>Lügen müssen glaubhaft sein – sonst sind sie noch +schlimmer als harte Wahrheiten.</p> + +<p>»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, +daß man einen solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden +will?«</p> + +<p>Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte +ja ihren Gatten gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer +verbindlichen, liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten +Formen und vornehmen Lebensgewohnheiten, +der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in zärtlichen Aufwallungen +sich als Liebender gebärdet hatte. An dem +urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche +kaufmännische Begabung festgestellt hatten.</p> + +<p>Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines +Wesens schlummerte, wußte sie nichts. –</p> + +<p>So blitzschnell das alles durch sie hinging – sie fühlte +doch: dies große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. +Und sie sagte, was ihr eingefallen war.</p> + +<p>»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du +<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>einen anderen heranziehst, der sich möglicherweise zu einem +Rivalen heraufarbeiten kann.«</p> + +<p>»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried +von meinem Einfall gesagt – er ist mir nicht von +gestern auf heut gekommen. – Und Wynfried ist sehr einverstanden. +Der ist froh über jeden Mitarbeiter, der ihn +entlastet. – Und wenn Marning nach ein paar Jahren +sich so eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende +Stelle setzen kann, wäre niemand zufriedener als Wynfried. +Ich muß es einmal aussprechen: sein Interesse am +Werk ist das des Sportmannes. – Es ist nicht diese umspannende, +ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche, +Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit +fast noch über den Gewinn stellt ... In Marning habe ich +ein merkwürdiges Verständnis, ja eine Begabung für all +dies erkannt. Denke doch auch, welche Aussichten für ihn, +der so arm ist ...«</p> + +<p>Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit +behielten – fühlte sich belauert. Und nahm sich +noch fester in die Hand.</p> + +<p>»Nun – dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte +ich ihm zerstören, was ihn in freiere, größere Verhältnisse +bringen kann?«</p> + +<p>Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!</p> + +<p>»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war +wie ein Schwur!</p> + +<p>Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden.</p> + +<p>»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. +»Manchmal denk’ ich, du bist wie ein Forstmann, der die +Setzlinge pflanzt, die erst späteren Generationen als große +Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal nicht +mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat +mein Großvater begonnen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken +Kurzsichtigkeit – vielleicht sind wir bei unserer +Arbeit von Schranken umgeben, die wir nicht einmal ahnen, +weil uns noch die Möglichkeit fehlt, sie zu erkennen. Dein +Sohn vielleicht wird sie spüren und zersprengen. Wer +will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein +Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht +wirft die Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer +um und macht die Gebläsemaschinen unnötig, mit denen +wir den Koks im Hochofen die heiße Luft zublasen, +damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir +dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen. +Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen +Sauerstoff verwenden können. Versuche sind schon im +Gange. Sie haben ergeben, daß die Leistungsfähigkeit der +Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich gesteigert +würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich +dann wieder zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche +Zwecke verwerten.«</p> + +<p>Er seufzte.</p> + +<p>»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich +an all diese Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich +zu sagen: du mußt davon. – Man möchte wissen, wie es +weiter wird, welche Wunder noch zu Selbstverständlichkeiten +werden. In dieser Begierde, zu wissen, die vielleicht +jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie +hat, liegt das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die +uns die Zukunft vormalen. Man scheint beim Lesen in +ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich vorzustellen: +ich bin einmal nicht mehr dabei. – Es muß doch wohl so +ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.«</p> + +<p>Nun dachte Klara: er ist abgelenkt – er sucht nicht mehr, +weshalb ich so erschrak ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, +wenn Zerstörungen drohen. – Weshalb entsetzte sie sich +so? Was will da an mein Haus herankommen? ...</p> + +<p>Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen +mit einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen +war, kam Leupold mit einer Bestellung. Marnings Bursche +hatte diesmal genau telephoniert.</p> + +<p>Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also +kein Gast zum Abend. – Sagen Sie meinem Schwiegervater, +daß ich nur einen kurzen Besuch auf Lammen machen +würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft +leistete. – Ach – ja – und: fragen Sie doch nachher einmal +bei Frau Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall +denn das ist, den Herr von Likowski hatte ...«</p> + +<p>Der Himmel verdüsterte sich und ward hell – dies +launische Wetterleben da oben verhieß nichts Gutes. Der +besorgte alte Herr ließ durch Leupold noch besonders darauf +aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig +dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.</p> + +<p>Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat +– gerade heute nicht. – Eine zufällige Begegnung +war möglich, ein Ruf des alten Herrn konnte sie herbeizwingen. +Und heute, wo eine so große Frage an ihn herankam, +sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu +einem Einfluß werden. –</p> + +<p>Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. +Und als der alte Herr trotzdem unter seinem +Fenster den hellen Warnruf des Gabrielshorns hörte, +hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut ertönen +ließ, da wußte er: Klara fuhr davon!</p> + +<p>Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den +angstvoll ausgestoßenen Befehl – sah wieder ihren Schreck +und das, was aus ihren Augen flammte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Und er fragte sich kaum noch – er <em class="gesperrt">fühlte</em>: sie flieht +vor diesem Mann!</p> + +<p>Sein Ausdruck wurde gramvoll. –</p> + +<p>Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und +sprengte Tropfen auf ihr hellgraues Kleid. Sie beachtete +es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in geschlossener Karosserie +nicht ertragen.</p> + +<p>Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens +als Wohltat für die Nerven.</p> + +<p>Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das +Auto. Blitzschnell huschte das Bild des Flusses am Auge +vorbei, und eine Sekunde haftete das blaugraue Band, auf +dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf rauchte: ein +Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen +hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf +herniederstürzte.</p> + +<p>Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der +Dinge nötigte der Seele Ruhe auf. –</p> + +<p>Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch +junge Allee hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen +bis an das Portal von Lammen führte.</p> + +<p>Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete +es sich nicht. Niemand eilte dienstbeflissen herzu. +Klara saß und wartete, ihr Chauffeur ließ die Hupe wiederholt +rufen.</p> + +<p>Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen +in gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer +im Auto saß, kam er herausgerannt.</p> + +<p>Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die +Damen seien heute vormittag abgereist.</p> + +<p>Klara sagte: »Abgereist?«</p> + +<p>Das klang fragend und erstaunt – während sie nur +dachte: nun komme ich zu früh zurück.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. +Förmlich vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur +auf einige Tage. Ich habe nicht genau verstanden, ob nach +Hamburg oder nach Hannover.«</p> + +<p>»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.«</p> + +<p>Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. +Das dicke Ehepaar würde sich vielleicht wundern. – Gleichgültig. +– Und so brauste denn das Auto weiter ins Land +hinaus, vom Regen begossen, mit dem kleinen Schweif von +Rauch hinter sich. – –</p> + +<p>In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen +der alte Herr seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden +Gefühl des väterlichen Freundes, der einem +ihm sympathischen und von ihm hochgeachteten jungen +Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten +will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie +war zerstört. Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle +getreten. Voller Spannung, von nervöser Ungeduld durchzittert +fragte er sich: »Wird Marning ebenso erschrecken +wie Klara?«</p> + +<p>Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren +– er mußte!</p> + +<p>Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe +zu seiner Tochter.</p> + +<p>Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. –</p> + +<p>Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, +wurde ihm der Freiherr von Marning gemeldet.</p> + +<p>»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er.</p> + +<p>Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der +Geheimrat wußte schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel +gebrochen. Und er sprach lebhaft davon, wie dem +Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so jämmerlich +als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden +<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>zu liegen, wo die Kriegsstimmung durch Deutschland +fieberte.</p> + +<p>Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, +denn der Regen nahm den heftigsten Charakter an und strich +schräg und dicht hernieder. Und er sagte, daß es seiner +Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter auszufahren.</p> + +<p>Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des +jungen Mannes.</p> + +<p>Stephan dachte: ich habe es gewußt!</p> + +<p>Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er +in wichtiger Sache hergerufen sei.</p> + +<p>Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen +und richtete seinen Kopf gerade auf. Wenn er in +dieser Herrscherhaltung zu den tiefer vor ihm Sitzenden +herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem +Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.</p> + +<p>Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß +jetzt ein Reiferer und Größerer ihn gleichsam in die Hand +nehmen wolle – um mit ihm nach Befund und Gefallen +zu verfahren.</p> + +<p>Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens +sehen würden ...</p> + +<p>»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen +sein, daß ich herzlich Teil an Ihnen nehme.«</p> + +<p>Stephan verneigte sich im Sitzen.</p> + +<p>»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach +er. »Schon bei den gelegentlichen Begegnungen im Hause +meiner Verwandten fühlte ich mich durch die Aufmerksamkeit +geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige Aufnahme, +die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz +und Dank.«</p> + +<p>»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund +allerlei Fragen an Sie zu richten?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde +mit Wahrheiten antworten.«</p> + +<p>»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?«</p> + +<p>»Vollkommen, Herr Geheimrat.«</p> + +<p>»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, +glauben beobachtet zu haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, +wie die unsere ist, ein Verständnis haben, aus dem +man auf Berufung schließen kann. Denn ein gewisser +Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit +auf Begabung schließen – nicht nur von den Künsten, +sondern auch von wissenschaftlichen und praktischen Berufen +darf man das behaupten. Was meinen Sie?«</p> + +<p>»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich +fühle mich auf das stärkste, ja leidenschaftlich zu all den +wunderbar großen Dingen hingezogen, wie ich sie auf +›Severin Lohmann‹ kennen lernen durfte. Wie sich da +Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, +um die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, +das ist herrlich. Und all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten +eines solchen Werkes regen mich unablässig zum +Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist lebendige +Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe +all dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu +erhalten!«</p> + +<p>»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme +von der Armee zur Industrie überzugehen?«</p> + +<p>»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo +man anfängt, über den Beruf nachzudenken, Gelegenheit +gehabt hätte, in diese Welt des Feuers und Eisens hineinzusehen, +so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten haben: +laßt mich Hüttenchemie studieren.«</p> + +<p>Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht +hinzu: »Aber ich bin im Kadettenhaus auferzogen, +<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>weil es das Billigste war; ich habe gar keine Gelegenheit +gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie was +anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine +Eltern hätten mich auch gar nicht studieren lassen können.«</p> + +<p>»Und jetzt?«</p> + +<p>»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, +den ich liebe! Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich +nicht zu Hause bleiben.«</p> + +<p>»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs +zur Landwehr überzutreten, sondern könnten, wenn Sie +alljährlich eine längere Übung machen, als Reserveoffizier +Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege angehörig +bleiben.«</p> + +<p>»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß +auch, daß die großen Unternehmer schwerlich ihre unteren +Angestellten alljährlich so lange beurlauben. Und ich +könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter +Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin – wenn +ich mir’s auch zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.«</p> + +<p>Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie +gehe ich weiter? Denn er spürte, daß Marning gar nicht +daran dachte, es handle sich um »Severin Lohmann«.</p> + +<p>»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. +Und warum nicht gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? +Ein Jahr auf der Hochschule in Charlottenburg +Hüttenchemie studieren – sich dann noch ein halbes Jahr +praktisch umtun – das wäre schon Vorbildung, die Sie +natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif +machte, aber doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, +Ihrem Ehrgeiz, Sie von vornherein in die obere +Laufbahn brächte.«</p> + +<p>»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem +Ton, »ich habe mich durch ähnliche Erwägungen +<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>schon manchesmal in Versuchung gefühlt. Ich muß aber +darauf verzichten, den verlockenden Weg zu beschreiten. +Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage +ein Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich +für das Studium und eine kurze Volontärzeit von meinem +sehr kleinen Erbteil das Erforderliche opfere, und ich finde +nachher keine Stellung, so gerate ich in eine schwere Lage. +Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp oder anderen +Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung +den mutvollen Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre +Empfehlung würde rechnen können – eine Sicherheit +wäre mir damit nicht gegeben. – Und so muß ich verzichten.«</p> + +<p>Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade +in die Augen: »Wie viel Zulage haben Sie?«</p> + +<p>Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete +Stephan: »Sechzig Mark, Herr Geheimrat.«</p> + +<p>»Schulden?«</p> + +<p>»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. +Ich habe von Anfang an beim Offiziersverein immer bar +bezahlt und zwölf Prozent bekommen.«</p> + +<p>Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es +weich. Und ein Hochgefühl wallte in ihm auf.</p> + +<p>Ja, so gibt es Tausende – Tausende. – Mit einer +knappen Zulage. – Großer Gott: zwei Mark für jeden +Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche schlagen sie sich +durch. Entbehrung ist ihr Los. – Aber sie zu ertragen, +ist ihr Stolz.</p> + +<p>Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!</p> + +<p>Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das +der Friede fordert.</p> + +<p>Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, +aufrechte Gestalt nicht mehr richtig sieht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert +erhoben werde.</p> + +<p>Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.</p> + +<p>Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der +auf ihm ruhte – er ahnte, daß dies Schweigen erfüllt +war von Achtung und Verstehen. – Und er wurde weich +– sehr weich. – Er hätte am liebsten in kindlicher Verehrung +die Hand des Alten geküßt.</p> + +<p>Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken +auf.</p> + +<p>Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan +werden.</p> + +<p>»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem +mühsamen Lächeln, »ich mache lange Vorreden. Ganz +klipp und klar hätte ich gleich sagen sollen: wollen Sie nach +den nötigen Vorbereitungen bei ›Severin Lohmann‹ eintreten?«</p> + +<p>Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem +alten Mann, der ihn mit fast gieriger Wachsamkeit beobachtet +hatte, das Herz rasend zu klopfen begann.</p> + +<p>»Hier?« sprach er sofort – ließ keine, gar keine Pause +aufkommen, »hier? – auf ›Severin Lohmann‹ sein? Hier? +Jeden Tag – immer? – Nein. Nein! Ich – ich – danke +gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.«</p> + +<p>Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. +Und er setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder +Dienst tun kann, komme ich um Versetzung ein. – Nur sein +Unfall hat mich verhindert, es schon heute zu tun. Ich +danke gehorsamst –«</p> + +<p>Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es +müde. Unter den starken, grauen Brauen her kamen die +tiefen Blicke und schienen in die Stürme und Leiden des +jungen Menschen hineinsehen zu wollen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht +bei uns bleiben wollen, weder als Mitarbeiter noch in +Ihrer Garnison? Wollen Sie es nicht einem alten Mann +sagen, der Sie liebhat und der – der auch – ein – Mensch +ist ... der gelitten hat –«</p> + +<p>Diese zitternde Stimme – zum erstenmal klang sie +ihm greisenhaft – erschütterte Stephan.</p> + +<p>Und doch sprach er leise und fest: »Nein!«</p> + +<p>Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende +»Nein!«</p> + +<p>Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. – Er +tat, wozu es ihn schon vor Minuten hatte hinreißen wollen +– er neigte sich tief und küßte die Hand des alten Herrn.</p> + +<p>Fast wollte seine Fassung zerbrechen – ein Übermaß +von Empfindungen stürmte durch ihn hin. – Als bäte er +mit diesem Handkuß: verzeih mir, daß ich deines Sohnes +Frau liebe. – Als schwöre er: zwischen dieser edlen Frau +und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. – Als flehe +er: versteh doch, daß ich gehen muß.</p> + +<p>Dann richtete er sich auf – stand voll Haltung.</p> + +<p>Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand.</p> + +<p>Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest +in die Augen! Höher hob Stephan den Kopf, und sein +Blick schien zu leuchten, im Bewußtsein, daß er ihn so frei +erheben könne.</p> + +<p>Dann grüßte er militärisch und ging.</p> + +<p>Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen +ihnen bleiben. – –</p> + +<p>Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten +dem alten Herrn nicht mehr offenbaren können als dies +eine.</p> + +<p>Nun hatte er keine Zweifel mehr.</p> + +<p>Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis.</p> + +<p>Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?</p> + +<p>Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen +dieselben Leiden aufbürden, die er und eine heilige +Tote einst getragen?</p> + +<p>Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte +Macht schuld, die man so unbestimmt und sich +selbst entlastend gern »das Schicksal« nennt?</p> + +<p>Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, +die alles so geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!</p> + +<p>Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich +das ein!</p> + +<p>Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste +Tochter gewinnen.</p> + +<p>Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie +für seinen Sohn Neigung habe.</p> + +<p>Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche +Stellung darbringen zu können.</p> + +<p>Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus +Treue zu beweisen, indem er ihre Tochter in sein Haus +zwang.</p> + +<p>Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt +haben – denn sie war nicht veränderlichen und leicht +entflammten Herzens.</p> + +<p>Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, +wie es ihre Mutter gewesen.</p> + +<p>Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über +das Geschick der Tochter ...</p> + +<p>Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? +Noch einmal Schicksal spielen?</p> + +<p>Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst – +sei frei!</p> + +<p>Aber das war ja ganz unmöglich!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>Er dachte an seinen Sohn – an den anderen Mann.</p> + +<p>Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte +klar: sein Sohn war von der Art seiner Mutter. Begabt, +schön, beweglichen Verstandes – ohne Tiefe des Herzens +und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig.</p> + +<p>Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still +und aufrecht seinen entsagungsvollen Weg ging.</p> + +<p>Ja – dieser wäre Klaras würdiger gewesen ...</p> + +<p>Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie +litten!</p> + +<p>Wie er selbst einst gelitten ...</p> + +<p>Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe +zu einer Toten verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, +wie in Furcht vor seltsamen Geheimnissen – diese heiße, +selbstsüchtige und dennoch zugleich über jedes Mannesgefühl +hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe – +sie wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig +zuzusehen, daß Klara sich in heimlichem Gram +verzehre.</p> + +<p>Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von +ihrem Herzen? Warum hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? +Er hatte es ihr doch damals ernst und stark geschrieben: +nicht das geringste, was ich sorglich für dich tat, +darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen +Dingen, die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie +doch nichts.</p> + +<p>Was sollte er tun?</p> + +<p>Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte +dieses jungen Weibes.</p> + +<p>Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die +von der Seite fortreißen, die seine Helferin, sein edelster +Besitz war? Wahrscheinlich hatte er keine volle Erkenntnis +von dem Adel und der Würde seiner jungen Frau. Dennoch +<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>aber – das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen, +daß er daran glaubte – dennoch stand sie ihm hoch, und +er fühlte dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn +aus dem elenden Lebensüberdruß herausgerettet, dem er +verfallen gewesen.</p> + +<p>Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige +Frau!«</p> + +<p>Das klang immer so flach, so äußerlich – es hatte ihn +schon oft verletzt.</p> + +<p>In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, +fühlte er: von Wynfried war es ehrlich gemeint und eine +starke Anerkennung.</p> + +<p>Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in +des Sohnes Herzen gelebt hatte.</p> + +<p>Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören?</p> + +<p>Unmöglich.</p> + +<p>Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? +Die Zukunft des Hauses! Sein Enkel – sein Stolz und +Glück!</p> + +<p>Unmöglich!</p> + +<p>Das junge Weib – das Kind – das Werk – alles +<em class="gesperrt">eine</em> Zukunft zusammengeschmiedet. – Unzertrennlich. –</p> + +<p>Wie sollte sich das alles lösen?</p> + +<p>Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt.</p> + +<p>Zum erstenmal fühlte er sich müde – sein herrischer +Wille – sein Zorn – sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.</p> + +<p>Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste +Lebensgier eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig +werden können. –</p> + +<p>Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher +Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft +und alles Unglück nüchtern wegwaschen.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_10" id="Kapitel_10"></a>10</h2> + + +<p><span class="dropcap">M</span>it der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten +Schenkelbruchs hatte der Professor seinen Patienten nur +bändigen wollen. Aber als der ungeduldige Likowski nach +vierzehn Tagen einsah, daß die Sache keineswegs so einfach +sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch nehmen werde, +verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn +zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der +Versicherung nicht, daß alles wieder völlig gut werden +würde und seine Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.</p> + +<p>Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!</p> + +<p>Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram +mehr – es war Wut.</p> + +<p>Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und +Leiden in einem Feldzuge würde er wahrscheinlich kaum +gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer Pflichterfüllung. +Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen, dazu war +er nicht der Mann.</p> + +<p>Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die +hätten’s in den Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden +könnten – deren Nerven seien eben dehnbarer eingerichtet. +Männernerven rissen gleich.</p> + +<p>Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite +draußen, war nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm +zerstreuen können.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt +endlich glaubte man es ganz gewiß. Der Herbst würde die +Völker gegeneinander werfen. – Es schien kein Zweifel +mehr.</p> + +<p>Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu +sprechen. Aber er las ja Zeitungen – immer mehr – Zeitungen +aller Parteien. – Und er spürte, wie der Glaube +an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht durch die +Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit +erglühten – das sah er mit glückseligem Stolz. Wie +die anderen feige nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben +dachten, erkannte er mit Zähneknirschen. Es war ihm +doch das brennendste Bedürfnis, davon zu sprechen. Und +wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich +sein Gespräch, seine Frage.</p> + +<p>Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland +sich mit Bestellungen zurückhielt, daß wiederum einige +Industrien des Inlandes überhetzt Rohmaterial brauchten. +Die geschäftliche Lage war trübe und besonders von der +Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten +die einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn +und neuen Aufschwung erleben, wenn’s überstanden ist! +Die anderen: Alles ist nun in schönster Blüte, die Kinderjahre +unserer Industrie sind überwunden, wir überflügeln +die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören?</p> + +<p>Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit +erschien umflort von gedrückten Stimmungen. Was aus +der Ernte werden sollte, wußte Gott allein bei diesem +ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und gute +Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man +denn, ob einem nicht morgen die Pferde weggeholt würden?</p> + +<p>Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger +als blauer Husar mitmußte – stand in Wandsbek, Regiment +<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>Königin der Niederlande – bloß erst die Ernte ’rein +– dann war man hinterher auch leistungsfähiger.</p> + +<p>Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in +dem der Schmiß von der Wange her endete, zog sich ganz +besonders schief. Er sagte, daß er seit seinen Quartanertagen +darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt +der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten +geschrieben, der sich gerade aus der Praxis zurückgezogen +habe, aber bereit sei, ihn in Severinshof als Hüttenarzt zu +ersetzen. Womit der Geheimrat sich einverstanden erklärte. +Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe: ein Krieg +sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor +Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn +daß ein Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein +in der Geschichte noch nicht dagewesener Fall. Aber die +ethischen Eigenschaften unseres Volkes zeigten Erschlaffung, +und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und Gewalt +wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: +lange Zeitspannen der Sorglosigkeit und des +Friedens vertrage sie nicht.</p> + +<p>Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und +vergnügt an seinem Bett – was die alte Doktorin Lamprecht +unerhört fand – und erzählte, daß ihr Papa jammere: +wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht +nach Sensen.</p> + +<p>Und die Kameraden kamen.</p> + +<p>Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von +dem einen, so sagte es Blick und Händedruck ...</p> + +<p>Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es +wird, muß es vor dem 14. September sein, denn nach dem +Flottenmanöver entlassen wir stets unsere Reserven. – +Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so rasch +wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>zerstreuen sich, infolge ihres größtenteils seemännischen +Berufes, bald über die Ozeane. Die brauchen oft Wochen, +bis sie zurückkommen können. Mit eben frisch Eingestellten +kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also: wenn +unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg +in Sicht!«</p> + +<p>Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß’ mich +tot, wenn’s losgeht und ich bin ein Krüppel!«</p> + +<p>Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze +Spannung, dies ungeheure Warten auf das gewaltige +Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach erhielt, +dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus +der Luft gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven +gewiß nicht. Der graue Tageshimmel schüttete vom Morgen +bis zum Abend, die schwarze Nacht vom Abend bis zur +Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von +keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen +herab.</p> + +<p>Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß +endlich mal Schönwetter würde!</p> + +<p>Als sei damit dann viel geklärt.</p> + +<p>Aber es wurde kein Schönwetter.</p> + +<p>Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, +und ihre ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.</p> + +<p>»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.</p> + +<p>Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem +spiegelglatten Flachskopf des Burschen zusammen, und +sie kam mit Vollert, in höchst unmilitärischer Verwischung +aller Subordinationsgrenzen, überein, daß man Herrn +Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.</p> + +<p>Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« – +womit ein für allemal die Bewohner des Herrenhauses +gemeint waren – niemand kam.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen +Leupold mit erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. +Und hatte auch in einem eigenhändigen Brief sein Mitgefühl +ausgedrückt.</p> + +<p>Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried +Severin schon einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr +Pflegling schien diese Besuche nicht zu rechnen. Er mochte +nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo bliebe denn +Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. +Hatte er das um sie verdient? War er nicht ihr guter +Freund gewesen, als sie noch Klara Hildebrandt und eine +arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht schon damals geachtet +und verehrt, so daß er beinahe – aber natürlich nur +»beinahe« – erwogen hätte ... Und wußte sie denn +nicht, daß sie keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? +Man erzählte, wie rührend sie sich des verbrannten Judereit +annehme; Sylvester sprach sozusagen mit Andacht +davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, +ließ sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für +ihn eine Wohltat wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen +und ihre sanfte Frauenwürde einmal an seinem Lager +zu spüren.</p> + +<p>Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig +erwidern. Sie wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch +für ihre Person etwas übel. Denn nun, da sie nicht mehr +nach drüben zu ihren regelmäßigen Teebesuchen fahren +konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben, +ihre Pflegemutter wiederzusehen ...</p> + +<p>Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.</p> + +<p>Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin +fuhr, natürlich mit ihrer Gerwald, im Auto vor. Das +Geräusch des Regens war in der Luft, und von der Traufe, +neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte +<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. +Das einfache Zimmer, voll Karten an den Wänden und +voll Zeitungshaufen und Schriftstücken auf dem Tisch, +mit dem etwas schräg vornübergebeugten Spiegel über +dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes – +das war kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.</p> + +<p>Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen +und in Vollerts große Hände gelegt, die aber erst einmal +den seidigen, gleitenden Gummistoff fallen ließen, was +die Damen in Heiterkeit versetzte.</p> + +<p>»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski +und hatte sein Wohlgefallen an dem hellblauen, +die üppige blonde Frau knapp umspannenden Schneiderkleid. +Er dachte: selbst für mich ist es ihr der Mühe wert, +sich schön zu machen – wie angenehm für unser Männerauge, +daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis +haben, uns sozusagen was vorzublühen!</p> + +<p>Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick +zeigte, war Agathe doch tief gerührt. Sie konnte +nun einmal keinen Menschen leiden sehen, es tat ihr zu +weh!</p> + +<p>Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah +wohl, daß es gar nichts Echteres geben konnte als dies +Mitleid, mit dem Agathe seine Hand streichelte. In ihren +blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten Glanz +einer Träne.</p> + +<p>Sie konnte es kaum sagen, <em class="gesperrt">wie</em> sie ihn beklage.</p> + +<p>Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt +sich in guter Laune mit ihnen.</p> + +<p>»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie +sind noch schöner geworden. Und ein wenig schlanker – +ganz wenig – aber gerade sehr vorteilhaft so. – Ja und +auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen bekommt +<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>der Sommer mit all dem Regen besser als mir – im +Grunde verdank’ ich dem verfluchten Regen mein Malheur. +Verehrte Freundin, wenn Sie morgen lesen: der +Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen Trauerkranz +für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben +zu müssen.«</p> + +<p>»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts +draus.«</p> + +<p>Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski +stutzte nur eine Sekunde. Agathe war eng befreundet +mit Klara; warum sollte ihr der Name von Klaras Gatten +nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? +Es gab überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus +Gewohnheit sagten: »der Geheimrat« und »Wynfried +Severin«, um Vater und Sohn bequem zu unterscheiden, +und den Namen Lohmann wegließen.</p> + +<p>»Wie geht’s denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei +mir nicht sehen. Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und +schmerzt.«</p> + +<p>»O – es geht ihr gut, höre ich.«</p> + +<p>»Hören Sie? So was sieht man doch.«</p> + +<p>»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot +breitete sich über ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! +Seit Wochen verfehlen wir uns, mit tödlicher Sicherheit. +Dreimal bin ich bei Klara gewesen und stets vergebens. +Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war +sie mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag +sie mit Kopfschmerzen zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich +auch verfehlt. Die kleinen Essen, die der Geheimrat +sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen ... +er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, +als ein paar Großindustrielle da waren. Schweden und +Finnländer – ich kann nicht Schwedisch, und englisch zu +<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>sprechen, ist mir verhaßt. Man hat mich in meiner Jugend +zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das Ehepaar ein – +sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag +hatte.«</p> + +<p>»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.</p> + +<p>Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein +von Gerwald: »Es tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«</p> + +<p>Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes +Dröhnen, und das hielt vor dem Hause an.</p> + +<p>»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«</p> + +<p>Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller +Vater, sondern Wynfried Severin kam herein. Schön, +heiter, ein Mann von Lebensfreude wie umglänzt.</p> + +<p>Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann +das peinliche Gefühl: dies Zusammentreffen sei vielleicht +kein Zufall. Agathe war unruhig wie ein Backfisch +und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die +Hand und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich +bekommen sei, und erzählte dem Hauptmann, daß er das +Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu treffen, +gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. +Da habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu +dürfen. Und als sie aufbrachen, stießen sie in der Tür +auf Stuhr. – Aber Likowski wisse wohl schon davon, +Stuhr habe es sicher erzählt ...</p> + +<p>»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein +Klatschweib.«</p> + +<p>Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und +er erkannte wohl, daß in Agathens schwimmenden Blicken +der Glanz war, den die gierige Verliebtheit entzündet. +Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein Ton +herrischer Vertrautheit mitschwang – dieser Paschaton, +der gewisse Frauen entzückt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[329]</a></span>Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, +die etwas Festliches an sich hatten und doch voll unbegreiflicher +Unruhe zu sein schienen – als könnten sie +vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen +und vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen – sie +verstimmten ihn tief.</p> + +<p>Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas +Zerstreuung bedeutet. Als sie nun zu dritt gingen – nicht +ohne daß Wynfried den Hauptmann laut beneidete um +das Mitleid dieser holden Gönnerin – blieb er finster +zurück.</p> + +<p>Das hatte ihm nicht gefallen – nein – nein. –</p> + +<p>Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!</p> + +<p>Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der +Gewohnheit, »konventionell« und »formell« sich zu betragen, +mischt man sich nicht ein. Sagt einer Mutter nicht: +Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt einer Frau +nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne +nicht: deine Frau macht dich zum Gespött. – Zusehen +ist schicklicher.</p> + +<p>»Nun, ich werde dieser jemand sein – sobald ich +Gelegenheit habe!« schloß er mit festem Vorsatz seine +Betrachtungen.</p> + +<p>Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre +ausführliche Kritik des geräuschvollen Besuches vom +Herzen heruntersprechen, und besonders hatte es ihr +mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr +und sein eigenes Auto wegschickte – »als wenn’s zum +Jahrmarkt gegangen sei,« hatte sie das Betragen gefunden.</p> + +<p>»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der +Zeit zum Trotz amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[330]</a></span>Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. +Sie mußte sprechen. Das war bei ihr auch +eine Funktion, die sich nicht zurückhalten läßt.</p> + +<p>»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich +klatsche nie – aber was jetzt die Leute sagen, geht mir +doch zu nahe.«</p> + +<p>»Sie wissen, Lamprächtige – hab’ keine Spur von +Neugier ...«</p> + +<p>»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... +Man spricht davon, daß – daß Wynfried und die Hegemeister +– wenn er verreist – verreist sie auch. – Und +er ist manchmal allein auf Lammen – aber nicht mit +seinem eigenen Auto sagen die Leute.«</p> + +<p>»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in +ihre eigenen Angelegenheiten stecken sollen,« befahl +Likowski.</p> + +<p>Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz +doch für gewisse Dinge kein Gefühl übrig habe. Diese +Teilnahmslosigkeit – denn es ging doch Klaras Leben +an – kränkte sie schwer.</p> + +<p>Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. +Er fand ihn sehr erregt. Sollte man es nicht sein? grollte +der Hauptmann. Morgen wurde der letzte Verband abgenommen. +Die Massage und die Gehversuche würden +beginnen – es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« +ausgesprochen. Und ganz gewiß – morgen würde +es offenbar werden, davon war er überzeugt – sein +linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. – +Marning schwor ihm zum unendlichsten Male zu, daß es +nur zwei Zentimeter seien, und daß der Professor gesagt +habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal steifer +oder nachschleifender würde es werden.</p> + +<p>Aber das war es nicht allein – andere Dinge hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[331]</a></span>Likowski gelesen: in England waren die Menschen wie +verrückt: glaubten einen Zeppelin in nächtlicher Dunkelheit +über London gesehen zu haben. Und in Frankreich – +diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und +die Wunder unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern +an der Grenzwacht in allen Nerven zuckte.</p> + +<p>»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den +Kopf zu.</p> + +<p>»O ja – ich merk’, Sie kennen mich – ja schmerzen +tut’s mich – daß die junge Frau von drüben nicht kommt. +– Und da wären so allerhand Gründe ... möcht’ mal +mit ihr eins schwatzen – mal sehen, wie weit man mit +dem Gespräch sich wagen kann ...«</p> + +<p>Stephan saß schweigend und blaß.</p> + +<p>»Und kurz und gut – sagen Sie’s ihr nur geradezu +– es sei keine Sache, einen alten Freund in trüben Tagen +zu vernachlässigen.«</p> + +<p>Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: +»Herrjes – wie ist mir denn? Sie sind ja wohl lange +nicht mehr drüben gewesen?«</p> + +<p>»Nein, lange nicht.«</p> + +<p>»Aber jetzt gondeln Sie mal ’rüber und bestellen +ihr ...«</p> + +<p>»Gewiß, gern – gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. +»Sie wissen doch: wir mögen den jungen +Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr jetzt nicht +einlädt, komm’ ich nicht hinüber.«</p> + +<p>Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das +Gespräch völlig fallen – lag grübelnd, mit bösem Gesicht +da.</p> + +<p>Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren +könnte! Ob Marning auch von dem Klatsch gehört hat? +Deshalb nicht mehr ’rüberfährt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[332]</a></span>Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den +Sachen, die man nicht zart genug behandeln kann. –</p> + +<p>Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten +sein! In jeder Hinsicht – man ist doch kein Überzähliger! +Gottlob nicht. Und könnt’ sein, daß da drüben die junge +Frau auch mal ’n Freund braucht ...«</p> + +<p>Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich +zu denken. Erst natürlich wetterte er über die Maßen +herum, daß sein Bein nicht bloß eine Handbreit, nein +daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen wie +von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er’s +gleich noch mal brechen. Aber mit viel Geräusch und +ungemeiner Energie kam er vorwärts. Er fing an, zu +hoffen, zu glauben. –</p> + +<p>Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, +hatte das rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich +gemacht. Die Manöver mußten teilweise verschoben +und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski +die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, +der die beiden Kompanien führte, ließ zum Ersatz ganz +besonders große Marsch- und Felddienstübungen unternehmen, +deren Anlage und Verlauf Likowski dann am +Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.</p> + +<p>Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter +zeigte, der erst herausheilen mußte. Aber dann +konnte Likowski doch Marning vorrechnen: »Wenn Krieg +kommt, kann ich’s wagen, mitzureiten. Bleibt Frieden, +gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine +hier nach sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer +wieder. Und dann kommen Sie um Ihre Versetzung +ein – wenn Sie nicht anderen Sinnes geworden sind.«</p> + +<p>Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches +Unwetter eine Abwechslung erfuhr und anstatt +<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[333]</a></span>der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am Himmel wildes +Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich +die junge Frau.</p> + +<p>Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck +bei Thüraufs getroffen und zufällig erfahren, daß +heute eine Übung stattfinden solle, von der die Kompanien +erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie sicher, +dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied +genommen hatte ...</p> + +<p>Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. +Er war ganz betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! +War sie noch gewachsen? War man so des +Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die +bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?</p> + +<p>Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch – irgend +etwas Rührendes darin ...</p> + +<p>Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens +davon, daß sie noch nicht hier gewesen sei – ging schweigend +daran vorbei. Und da wußte er in zartem Verstehen: +sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung +davor, wenn man ihn auch nicht erfährt!</p> + +<p>Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre +Hand lange in der seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung +und zärtlich zu streicheln, als sei er ein guter +alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und +Severin dem Kleinen.</p> + +<p>Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in +Nachdenken versunken sei; es schien, als ermatte seine +Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr Mann die eigentlich +für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise aufgegeben +habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus +Anfang Juli seine Jacht nach der Elbmündung gehen +lassen, wo er die Segelei großartiger und interessanter +<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[334]</a></span>finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach +Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport +habe ihn mit Haut und Haar. Das sei mehr Erholung +als eine Reise, sagte er. Und sie freue sich dessen für ihn. +Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was aber Severin +den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!</p> + +<p>»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und +strampelt! Und streckt die dicken Händchen nach seinem +Großvater aus! Ja, der ist ein bißchen vernarrt und einseitig +und sagt: Solchen Jungen hat’s noch nie gegeben – +Wie eben Großväter sind ...«</p> + +<p>»Und junge Mütter auch! Ich hab’ mich bisher als +Barbar betragen gegen Severin den Kleinen. Babys +sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch wird – +na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm +auch noch auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender +erscheinen sollten als mein Charakter.«</p> + +<p>Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!</p> + +<p>Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. – +Und doch riß es ihn zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. +Plötzlich fragte er: »Na, und die Baronin? Hängt sie Ihnen +immer noch mit solcher Backfischschwärmerei an?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt +mich beständig. Wär’s nicht die gutherzige Agathe, +die wohl gegen keinen Menschen je feindselig sein kann, +dächt’ ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit ihr – +traf sie mal in Hamburg – fuhr mal, auf dem Wege nach +Pankow, auf Lammen vor –«</p> + +<p>»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so +verschieden,« setzte sie beschönigend hinzu. »Vormittags +bin ich ganz gebunden, habe überhaupt viele Pflichten: +Vater – das Kind. – Agathe hat keine.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[335]</a></span>Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend +voll Ruhe – wie bei einem Menschen, der seiner sicher ist.</p> + +<p>Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein +wenig mürbe, war eigentlich ganz weich – so etwas wie +Reue wollte ihn ankommen, daß er früher nicht doch ... +Aber Unsinn – weg mit solchen Anwandlungen! Selbst +eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib +noch Kind sollten Anspruch an sein Leben haben – das +gehörte einer großen Aufgabe allein! Eine Familie gründen +– nein! Aber ihre Heiligkeit schützen – ja! Und er +schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich +verrät, schieße ich ihn über den Haufen.</p> + +<p>So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie +von diesen schweren Gedanken nichts ahnte.</p> + +<p>Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen +Sie noch?« stand über ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts +Vorgänger wieder auf, Mau, der durchaus nicht begreifen +konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr Hauptmann«, +und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl« +angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie +ein wenig durch. Und es war so wunderbar sonnig im +Zimmer, als schleppten draußen am Himmel nicht schwarze, +zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. Und +Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so ’n ähnliches Wetter +war an jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. +Ich denke noch manchmal daran: ich stellte Ihnen Marning +vor; Sie hatten Ihre pastellblaue Wollmütze auf, die +Ihnen entzückend, e–n–t–zückend stand; und keiner +von uns hatte ’ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen +Tags mit Wynfried Severin verloben würden –«</p> + +<p>»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«</p> + +<p>»Was mir Marning geworden ist! – Und vor allem +in den letzten Wochen! Das ist ein Mensch! Eins a! +<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[336]</a></span>Und er wird mir fehlen – will sich nu mal partout versetzen +lassen – ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie führen +muß. Na, aber eh’ es so weit kommt, ziehn wir doch +unter der gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und +wenn’s den einen von uns trifft – schön wär’s, den letzten +Blick in Freundesauge zu tun, von Freundeshand den +letzten Druck zu spüren. – Aber wie Gott will ...«</p> + +<p>Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal +ihre Hand dem treuen Mann. Er küßte sie – immer wieder.</p> + +<p>»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen +Lächeln scheltend.</p> + +<p>»Weiß selbst nicht – mir ist so wunderlich – grad +als sollt’ ich Ihnen sagen: wenn Sie mal jemand brauchen +– soweit mein Kaiser mich nicht braucht – allzeit Ihr +treuer Freund. – Aber nicht wahr, dies ist kein Abschied? +Wir sehen uns wieder?«</p> + +<p>Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die +kaum verborgene Erregung des Mannes auf sie hinüber, +sprach sie: »Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? +Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto +schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«</p> + +<p>Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, +nervösen Charakter an, daß alles Persönliche zurücktrat.</p> + +<p>Jetzt, jetzt war es so weit. – Der September war +da – ein Tag schlich vorbei – wieder einer – eine Woche. +– Und die große Frage brannte in aller Herzen: Krieg? +Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus +Berlin gehört, der andere das. – Jede Nachricht widersprach +der anderen.</p> + +<p>Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen +und schrie nach der alten Frau, damit sie bestätigte: +es sei schon fabelhaft viel besser. Er ordnete all seine +Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den +<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[337]</a></span>guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er +seinem Freunde, dem Oberleutnant Stephan Freiherrn +von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.</p> + +<p>Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er +dem Geschick entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er +hatte Humboldt gelesen, und dessen Ausspruch, daß der +Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei, hatte ihn +tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt +recht habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben +hingeben zu dürfen für das Größte.</p> + +<p>Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen – auch +ohne die eine, die er liebte. Aber wenn er es für das +Vaterland einsetzen durfte, das würde wie Erlösung und +Krönung sein. –</p> + +<p>Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. +Sie fuhr nicht wie ein Blitz hernieder, und die Lage wurde +nicht jäh deutlich erhellt. Nein, auf die flammenden +Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich Ernüchterung, +die Gewißheit: die Lage <em class="gesperrt">entspannte sich</em> – wieder +einmal! –</p> + +<p>Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, +daß sie wieder einen klaren Himmel über sich sahen. Aber +Millionen fühlten, daß die Muttererde mit den Nebeln +gärende Keime eingesogen habe.</p> + +<p>Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was +auch zugleich schon in den Zeitungen stand: die Reserven +seien entlassen.</p> + +<p>Friede –</p> + +<p>Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen +anderen, als er erwartet hatte.</p> + +<p>Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann +am Fenster gestanden und in die sinkenden Tropfen +gestarrt. Nun wandte er sich dem Freunde zu.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[338]</a></span>»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen +das Schwert in der Scheide behalten – vielleicht überhaupt +so lange, wie wir den Rock noch tragen – wer weiß +es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns gefordert +– die, die wir schon so lange üben. – Arbeiten +wir weiter! Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, +wenn man uns schmäht, nicht mehr sieht, was wir tun +– wozu wir da sind. – <em class="gesperrt">Ein Tag wird dennoch +kommen, wo man erkennt: wir taten unsere +Pflicht!</em> Tun wir sie – stolz und schweigend. – Ich will +nie mehr davon sprechen – nie mehr. – Aber denken +wollen wir immer daran – denken!«</p> + +<p>Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen +Gelöbnissen.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die +Stimmung des Hochsommers und Herbstes nicht leichter +gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die Wassermengen +herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, +die sie nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag +das Land.</p> + +<p>Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried +gerade in diesem Sommer, der nicht nur Arbeit, +Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel und Frohsinn +zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei +faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für +zwei, drei Tage nach Hamburg. Und als es Herbst ward, +ließ er dort auch die Jacht in Winterquartier legen und +die Mannschaft abheuern. – Der Geheimrat dachte unruhig: +so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich +gesegelt worden ist.</p> + +<p>Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. – Er sah es +selbst: ein schöner Mann, voll lachender Lebensfreude. +<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[339]</a></span>Eine merkwürdige Blüte war über ihn gekommen. Derlei +beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen +Liebesfrühling erleben – seltsam. Und wenn Wynfried +zu Haus war, arbeitete er froh, forsch, geschickt.</p> + +<p>Trotz allem – sein Sohn gefiel ihm nicht.</p> + +<p>Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine +schöne Aufmerksamkeit mit – in feinster Wahl zum Luxusgebrauch +einer verwöhnten Frau ausgesucht.</p> + +<p>Alles sah geregelt, unauffällig aus.</p> + +<p>Weshalb sich sorgen?</p> + +<p>Er beobachtete Klara. – Und er sagte es sich jeden Tag: +jetzt erst, jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er +verstand in diesem Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem +der Toten.</p> + +<p>Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen +Schmerz wie verklärt.</p> + +<p>Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der +hier früher doch so gern gesehen worden war ... Und sie +verstanden sich in diesem Schweigen.</p> + +<p>War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen +alten Mann unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht +um mich! Sie suchte heiter zu scheinen, und wenn sie ihr +Kind herbeitrug, war es dem Greis voll Bedeutung. Sie +hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost +– es war die Zukunft.</p> + +<p>Dennoch – die Wochen, die Monde lasteten. Kampf +und große Stimmungen hätten den alten Mann zu frischem +Lebenswillen wieder aufrufen können.</p> + +<p>Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese +junge, geliebte Frau ihr Herz überwand.</p> + +<p>Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und +beherrscht zurückgezogen hatte.</p> + +<p>Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[340]</a></span>Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal +vor seinen Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das +wollte er nicht, um kein Aufsehen dadurch zu machen. Aber +diese alte Frau war ja wie von einem Magneten drüben +festgehalten – war eine von den putzigen Weibern, die +im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als +Fest genießen, weil es Abwechslungen sind, die ihnen +Zunge und Glieder beweglich machen. Plagte sicherlich +den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und +Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen +– er wußte doch: sie meinte es redlich.</p> + +<p>Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur +die Alte konnte sie beantworten.</p> + +<p>Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie +der Geheimrat ihm anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch +herüberholen zu lassen. Er schrieb herzliche Abschiedsworte. +Zu grotesk komme er sich jetzt vor – er möge +niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl +gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. +Er denke sich nun in Wiesbaden wieder einen +festen, geraden Gang heranzubaden, werde danach seinen +Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern beschließen, +davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover +an seiner Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der +zweiten Novemberhälfte wieder vorstellen zu dürfen.</p> + +<p>Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem +Pflegeramt befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag +war sie da. Vorerst entlud sie bei Klara in sich überstürzendem +Durcheinander ihre Bewunderung des Kindes und +den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise. +Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat +anmelden, denn in diesem Augenblick kam ihr die +Reue, daß sie sich so viele Wochen gar nicht nach ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[341]</a></span>umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde verzeihen.</p> + +<p>Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen +an ihn heran.</p> + +<p>»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und +hören Sie zu. Ich muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber +– offen, Lamprächtige! Ich kann ausweichende Vielrederei +nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie antworten.«</p> + +<p>»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, +Ihnen ausweichend zu antworten?«</p> + +<p>Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von +schlechtem Gewissen geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich.</p> + +<p>Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer +etwas in Furcht vor seinen Augen.</p> + +<p>»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode +von Klaras Vater sind Ihnen erinnerlich?«</p> + +<p>»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse +Gewissen nahm sofort ein Riesengewicht an.</p> + +<p>»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. +Freiwillig hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen +gezogen. Denn – nicht wahr? – das Schweigen +ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau weiß, +was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem +ich Ihnen Klara zur Pflegetochter gab.«</p> + +<p>Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in +ihr Taschentuch hinein – halb vorweg aus Rührung – +unbestimmt und ahnungsvoll. Und dann: eben das Gewissen ...</p> + +<p>»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen +ernsten, furchtbaren Fall gehalten?«</p> + +<p>»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen +in verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der +in dieser Sache mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie +mir etwas darüber sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, +Wynfrieds Frau zu werden?«</p> + +<p>»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch +aus Dankbarkeit getan. – Wo Sie doch hofften – daß +Klara Ihren Sohn – daß Ihr Sohn durch Klara ... Nach +all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern getan ...«</p> + +<p>Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.</p> + +<p>»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches +Schweigen!« rief er heftig.</p> + +<p>»Ich meinte – gegen alle anderen Menschen – aber +als Klara so leidenschaftlich auf mich eindrang – es war +ja wohl zwei Wochen vor der Verlobung – Klara hatte +aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und Ihr +Leben Verdacht geschöpft – was sollte ich da machen?« +sagte sie beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung +ein Verdienst zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich +denke, Herr Geheimrat, Sie wären der letzte, mir einen +Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir gesagt: +Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich +erst ein Mensch. – Und nun gar Severin der Kleine – +Ihr Enkel!«</p> + +<p>»Ich – ich!« sprach er vor sich hin. – »Aber sie! Ihre +Jugend – ihr Leben – ihr Glück. – Zu viel der Opfer ...«</p> + +<p>Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte +er, warum Klara seinen Sohn geheiratet hatte. Es +änderte nichts, gar nichts an der Lage – es belud nur sein +Herz noch schwerer.</p> + +<p>Weinerlich sagte die Alte: »Das hab’ ich ja auch nicht +gedacht, daß Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich +dachte: so reich zu werden! Das war doch schön. Und +solchen Vater zu bekommen! Das war doch für die Verwaiste +herrlich. Und ich dachte: in Klara <em class="gesperrt">muß</em> man sich +<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>doch verlieben – ihr Mann kann gar nicht anders – muß +sie anbeten – ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt – +aber das ist wohl bei den Männern heutzutage Sitte –«</p> + +<p>»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. +Man konnte wieder einmal nur vor ihm zittern. +Sie duckte sich förmlich ...</p> + +<p>»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie +heraus, »nur – die Leute – es heißt – er sei sehr viel – +sehr – mit der Baronin Hegemeister zusammen.«</p> + +<p>Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige +Auflachen galt ...</p> + +<p>Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu +wollen, daß alle Sorgen und alles Geschwätz müßig seien.</p> + +<p>Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien +erklärlich. Das Absegeln der verschiedenen Jachtklubs +hatte schon gegen Ende September stattgefunden. Wynfried +hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf einer +Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.</p> + +<p>Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg +in Seglerkreisen, unter Mitgliedern des Norddeutschen +Regattavereins gebildet, wolle er doch Fühlung behalten, +sagte er. – Wie klar alles ...</p> + +<p>Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine +uneingestandenen Hoffnungen, daß dennoch alles gut +enden möge, etwas vor? Schien Wynfried nicht aus seiner +freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere +Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal +in besonderer Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, +wenn sie in ihrer anmutsvollen Ruhe, schlank und vornehm +dahinschritt? –</p> + +<p>Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. +Er war der Zeuge ... wie sollte die Gegenwart +eines Vaters, der seine Schwiegertochter anbetet, den +<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>jungen Gatten stören – er sah es: Wynfried befestigte +selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner Frau geschenkt, +am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke +suchten zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ...</p> + +<p>Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und +Vornehmste, was in ihm war. Anstatt sich zu freuen, +klopfte sein Herz ihm hastig – sein keusches Mannesempfinden +war verletzt.</p> + +<p>Auch Klara erbebte.</p> + +<p>Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen +ist, war sie erwacht.</p> + +<p>Sie wollte ihre Pflicht tun – auch als Gattin. Aber +es war eine heiße Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt +sein. – Sie mußte erst weiter sein, weniger wund +vielleicht. – Ihr Wille, über das Grab in ihrem Herzen +hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte +erst die Anfänge von Sieg sehen. – Sie spürte: er begann, +sich leidenschaftlich in sie zu verlieben. – Und in zitternder +Angst bebte sie zurück – ohne zu ahnen, daß seine keimende +Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.</p> + +<p>So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in +einen düstern Herbst hinein.</p> + +<p>Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich +dickem weißem Filz vor den Fenstern standen und jeden +Ausblick wehrten. Sie hatten das Hochofenwerk und +drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt verschluckt.</p> + +<p>Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe +stieg aus. Ein Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen +gekehrt war, machte ihre üppige Gestalt allzu umfangreich. +Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als Schmuck +über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war +erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und +melden Sie mich doch bei der gnädigen Frau.«</p> + +<p>»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt +und sah an ihr vorbei.</p> + +<p>Agathe wurde noch heißer rot.</p> + +<p>»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« +wiederholte sie. Sie gab sich eine hochmütige Haltung. +Denn sie fühlte auf der Stelle, daß Leupold sie mit Absicht +falsch hatte verstehen wollen.</p> + +<p>Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie +warten? Fand der Diener die Frau des Hauses nicht +gleich? Wurde sie vielleicht gar abgewiesen?</p> + +<p>Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. – +Gewiß – Klara wußte schon alles und wollte sie nicht +sprechen. – Aber eine Unterredung mit Klara, ein Anruf +ihrer Großmut – und alles war ja gut! Was sollte werden, +wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?</p> + +<p>Ach – gottlob! Da war Leupold wieder!</p> + +<p>Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete +er: »Die gnädige Frau läßt bitten.«</p> + +<p>Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. +Nun wartete sie zwischen den Möbeln, die von +Klaras Mutter stammten, und das Bild der Toten sah auf +sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen Hintergrund +ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. +Dies war, dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich +die Tür öffnete, erschrak sie so, daß ihre Knie unsicher +wurden.</p> + +<p>Klara kam eilig herein – mit einem freundlichen Gesicht +– unbefangen.</p> + +<p>»Endlich einmal wieder – Agathe!« sagte sie beinahe +fröhlich. »Verzeih, daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester +war da. Denke dir: der fünfte Zahn ist bei unserem +<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein +Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem +Kleinen.« Sie lächelte glücklich. »Aber nun sage – es +war ja unglaublich mit uns – vier Monate einander immer +zu verfehlen!«</p> + +<p>»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe.</p> + +<p>Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung +und in dem unklaren Wunsch, durch jede Geste +schon bittend, bezwingend zu wirken, fiel sie der jungen +Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre Wangen +und war ganz aufgelöst vor Erregung.</p> + +<p>»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie.</p> + +<p>Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. +Aber sie bat gütig: »Lege doch ab – bleib zu Tisch – Vater +und ich sind allein. Wynfried ist seit einigen Tagen fort. +Er war zu einer Konferenz auf den Kreyser-Werken und +ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er depeschierte, +er bleibe noch etwas aus – sein Telegramm kam +aus Köln.«</p> + +<p>Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried +sich in Köln befand. Sie war von dort gestern abend +zurückgekommen.</p> + +<p>»Nein – nein – ich kann nicht hier bleiben,« sprach +sie abwehrend. Und sie brachte allerlei heraus von Handwerkern +auf Lammen, von der Modistin, die aus Berlin +mit Anproben käme.</p> + +<p>Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in +der Nähe des Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing +vor den Scheiben. Und Agathe war plötzlich stumm. Ihr +Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten hilflos die +Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder zusammenzubringen, +die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen. +Eine Rede, durch die sie sich selbst immer +<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>wieder zu Tränen gerührt hatte, die auch Klara das Herz +erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie Wynfried überraschen +wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln zurückzufahren. +Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen +– ihm sagen: alles ist geordnet.</p> + +<p>Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm +der Angst ... Was sollte werden, wenn sie die rechten +Worte nicht fände?</p> + +<p>Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl +nicht los werden, daß aus dieser unglückseligen Begegnung +mit Likowski sich irgend eine Katastrophe entwickle. Ein +größeres Pech konnte es auch gar nicht geben! Sie saß +mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der verborgensten +Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und +sie hatten niemals eine Uniform dort gesehen, außer der +der Bonner Husaren. Und nun kam eine kleine Gesellschaft, +zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren Damen – und +mit ihnen Likowski, in Zivil.</p> + +<p>Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber +Wynfried schalt sie aus – ach, er war nicht mehr der +strahlende, anbetende Freund der ersten Zeit. Er sagte: +»Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß er uns nicht +zu sehen und zu erkennen hat.«</p> + +<p>Aber Likowski kam dennoch heran – auf eine so fremde, +ferne Art – einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte +kalt. Und sprach in einem Ton, der nicht aus Agathens +Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann – auf ein Wort.«</p> + +<p>Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. – +Sie blieben außer Hörweite stehen. – Steif und höflich +sah es aus, wie sie ein paar kurze Worte zusammen +sprachen. – Dann verneigten sie sich sehr förmlich voreinander.</p> + +<p>Wynfried kehrte zu ihr zurück – leichenblaß und stumm, +<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>und wehrte allen Fragen ab. Und bat – nein – befahl, +daß sie am nächsten Morgen abreise.</p> + +<p>Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: +Klaras Großmut wird alles in das rechte Geleise +bringen. –</p> + +<p>»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen +letzten Monaten ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald +auf Reisen?«</p> + +<p>»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt.</p> + +<p>»Dir? Schlecht?«</p> + +<p>Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen +war für Agathe eine Kränkung. Ihr Dasein +kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und beladen +vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch +glaubte ihr, wenn sie litt.</p> + +<p>»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher +Stimme. »Wenn man entsagen und immer wieder entsagen +soll ...«</p> + +<p>Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau +wieder mit ihrem Liebesjammer?</p> + +<p>Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, +um einen, den sie selbst in heiliger Entsagung liebte. Das +hätte ihre wunde Seele zu peinlich gequält.</p> + +<p>Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch +ehe sie es fand, warf sich die andere plötzlich gegen sie – +umklammerte ihren Hals und fing schluchzend an, zu +weinen.</p> + +<p>»Mein Gott – Agathe – fasse dich doch ...«</p> + +<p>»Nein,« stammelte Agathe, »nein – ich habe alle Fassung +verloren – ich kann nicht mehr – ich kam – weil +du – du allein bist es, die mir mein Glück geben kann. – +Leben – Ehre – Glück – alles ...«</p> + +<p>Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der +<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[349]</a></span>ahnungsvoll ihr geheimstes Leid zu erraten schien und es +andächtig beschwieg, gab es einen Menschen, der von ihrer +Herzensqual wußte?</p> + +<p>Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der +Weinenden. Sie schob sie von sich und sprach mit blassen +Lippen: »Ich habe kein Glück zu vergeben, und ich kann +dir nicht helfen.«</p> + +<p>»Doch: Gib ihn frei – laß ihn mir – ich liebe ihn über +alles in der Welt – ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten +soll.«</p> + +<p>»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor +dem kommenden Wort.</p> + +<p>»Von Wynfried – von Wynfried!«</p> + +<p>Das kam jammernd heraus – als umschlösse der Name +allein alles Unglück ihrer Gegenwart.</p> + +<p>»Von – von ...?«</p> + +<p>»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.«</p> + +<p>»Hast du es denn nicht gespürt? Du <em class="gesperrt">mußt</em> doch gemerkt +haben, wie glücklich und froh er war. – Aber das +ist es – so was kannst du nicht merken – du bist ja nur seine +gute Freundin – du bist kalt – ach – du weißt nicht, wie +es ist, wahnsinnig zu lieben. – Deshalb kann es dich auch +nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.«</p> + +<p>Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen +Monate zogen in rasendem Fluge an ihr vorbei. +Sie sah ihren Gatten – immer liebenswürdig, höflich – +rücksichtsvoll – ohne Ansprüche an ihre Hingabe. – Wie +war es friedlich – wie erlösend gewesen. – Aber nun. – +Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich +– wie ein Verliebter?</p> + +<p>O Schmach!</p> + +<p>Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen +immer weiter – wurde ruhiger – nahm endlich den Ton +<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[350]</a></span>des Rechtes an. Mit der Miene eines kleinen Mädchens, +das seine ersten Liebessorgen hat – naiv – manchmal fast +treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara, +ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht +aus Liebe, sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. +Und Wynfried sagt, er sei eben damals so herunter und so +willenlos gewesen, daß er sich habe verheiraten lassen. +Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein schlechtes Gewissen +zu haben. Ich hab’ dich auch viel zu lieb, als daß +ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein +zu anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib +werden kann. Ich sterbe sonst ...«</p> + +<p>Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen.</p> + +<p>Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht – gedacht – und +doch, in fiebernder Doppeltätigkeit, alles gehört.</p> + +<p>»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen +sterben.«</p> + +<p>Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu +leidenschaftlich, und alles war doch anders.</p> + +<p>»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie.</p> + +<p>Wie diese Tränen Klara schrecklich waren – sie wuschen +alle Würde von den Worten.</p> + +<p>»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart.</p> + +<p>»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe.</p> + +<p>Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! – Ihre +Tränen versiegten – eine Art von Trotz kam ihr – sie +wartete und sah die Frau an – die blaß, in aufrechter +Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. – Wie von +Unergründlichkeit umwittert. – Was würde ihr nächstes +Wort sein?</p> + +<p>Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb?</p> + +<p>»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[351]</a></span>Und endlich fragte Klara – kurz und klar: »Schickt +dich Wynfried?«</p> + +<p>Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! +Ein dumpfes Gefühl sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt +mißbilligt haben würde, weil – weil – er vielleicht gar +nicht frei sein wollte.</p> + +<p>Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung +mit dem Hauptmann gab es nur noch eins: sich +öffentlich zueinander bekennen. Als Held und Heldin +einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt +gewinnen – sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau +des Geliebten.</p> + +<p>Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil – +weil – es so nicht weitergehen kann – ich habe solche +Angst.«</p> + +<p>Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: +vielleicht fühlt diese, daß er anfängt, sich von ihr zu wenden +– mir zu. Und sie will sich deshalb zwischen ihn und +mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis brannten seine +begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein +siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch +ihren Körper.</p> + +<p>»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. +»Du bist eine Verstandesnatur. Gegen die große, wahre +Liebe ist man eben machtlos. Man erliegt. Sie ist gewaltiger +als Gesetz und Pflicht.«</p> + +<p>Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, +da gerade die Größe ihrer Liebe zweien Herzen die +Kraft gegeben, sich zu bezwingen.</p> + +<p>»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann +zu verzichten – wo ihr euch nicht aus Liebe geheiratet +habt.«</p> + +<p>Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[352]</a></span>»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie.</p> + +<p>»Klara ...«</p> + +<p>»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden +kann, denn ich habe mich nicht verkauft.«</p> + +<p>»Klara ...«</p> + +<p>»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. +Wir wußten, was wir taten.«</p> + +<p>»Klara!« Nun schrie es die andere Frau – flehend, +jammernd.</p> + +<p>»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher +Pflichten. Diese bestehen fort. Sie haben sich noch +vermehrt. Wir haben einen Sohn.«</p> + +<p>Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich +zu ihren Füßen hinwinden – irgend etwas schrecklich +Demütiges tun. Aber sie kämpfte doch um ihr Recht! +Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben gespürt, +daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! +Nein, ihr Leben war wirklich vernichtet – ihre Zukunft +verdorben, wenn er sie verließ.</p> + +<p>Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.</p> + +<p>In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe +gehässiges Licht.</p> + +<p>»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen +Mann halten, der nicht dir, sondern mir gehört! Ich möchte +wohl wissen, wie du dir deine weitere Ehe denkst.«</p> + +<p>Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in +stolzer Abwehr sprach sie: »Über die Zukunft meiner Ehe +habe ich mit dir nichts zu sprechen. – Und mir scheint – +auch sonst nichts mehr.«</p> + +<p>»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder +mit jäh aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?«</p> + +<p>»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem +<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[353]</a></span>Mann habe ich über diese Sache zu reden. Und erst wenn +ich von ihm selbst gehört habe, daß er frei zu sein wünscht, +werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe. Ich, +von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.«</p> + +<p>Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte +wieder mit kindischen Lauten.</p> + +<p>Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne +gar nicht um Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah +eine große Vergebungs- und Versöhnungsszene zwischen +den Gatten voraus.</p> + +<p>Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte +ihn sich so einfach gedacht. Klara war doch so edel, so +selbstlos, so großmütig.</p> + +<p>Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen +all die Großmut der höheren Natur zu ihren eigenen +Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von jenen, die +einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben +können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so +großherzig, du wirst verzeihen. –</p> + +<p>»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich +allein.«</p> + +<p>Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht +in heftiger Umarmung, mit Schluchzen und Betteln gegen +sie an.</p> + +<p>»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, +»es ist zu spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...«</p> + +<p>»Geh. Laß mich allein.«</p> + +<p>Das war kaum hörbar – aber es drang doch durch all +den Lärm der Bitten, Klagen und des Geschluchzes der +anderen.</p> + +<p>Und sie ging.</p> + +<p>Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie +hin: »Gott – man sieht, wie verweint ich bin ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[354]</a></span>Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und +Wangen herum ...</p> + +<p>Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.</p> + +<p>Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, +der doch bloß ein Diener war.</p> + +<p>Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in +eine Ecke gedrückt fror die Gerwald unter der Pelzdecke.</p> + +<p>Agathe sank schwer auf ihren Sitz – die Tür schloß +sich.</p> + +<p>»Geliebte Gerwald – Sie müssen mit dem Nachtzug +mit mir nach Köln fahren.«</p> + +<p>»Bitte, bitte, liebe Baronin – nicht weinen – es wird +ja alles gut werden ...«</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[355]</a></span></p> +<h2><a name="Kapitel_11" id="Kapitel_11"></a>11</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>ie junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die +große Aufregung wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender +Trank, der durch ihre Adern schwoll und ihre Nerven +anspannte. Sie ging rastlos hin und her und her und hin – +mit fieberisch erhitztem Gesicht.</p> + +<p>Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr +geworden war, in Ruhe bedenken.</p> + +<p>Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen +war aufgestört.</p> + +<p>Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere +Frau – dachte kaum an sie.</p> + +<p>Sie dachte an ihre Ehe – an den Vater – an das Kind.</p> + +<p>Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: +nein, das würde er nicht tun. Aber nicht etwa, weil er +an der Sittlichkeit ihrer Ehe festhielt – o, die hatte er +mit Füßen getreten – sondern – sondern – weil er begann, +sich in seine Frau zu verlieben ...</p> + +<p>Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem +furchtbaren Gedanken.</p> + +<p>Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der +Liebe gewartet.</p> + +<p>Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.</p> + +<p>Aber <em class="gesperrt">diese</em> Art Liebe, die sie jetzt ahnte – die war +ihr wie eine Beleidigung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[356]</a></span>Sie konnte lange gar nichts denken – ging hin und her, +mit beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.</p> + +<p>Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe – gerade +unsere – mußte durch Treue geadelt werden.«</p> + +<p>Und nun, wo sie entadelt war – mußte sie aufrecht +erhalten werden? Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer +Pflicht gegen den Gatten, gegen den Vater, gegen ihr +Kind?</p> + +<p>Nein. Sie mußte verzeihen.</p> + +<p>Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?</p> + +<p>Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu +dem feinen, leidvollen Gesicht empor. – Das schwieg. – +Wie Tote schweigen, die nur sprechen, wenn wir selbst +ihnen Worte leihen. – Und die entsetzte Seele der jungen +Frau hatte keine – erbebte in stummer Not ...</p> + +<p>Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem +staunenden Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals +heiraten und mich ihm zu eigen geben können!«</p> + +<p>Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie +getragen! Damals stand der Mann als ein von geheimnisvollen +Leiden Zerschlagener vor ihr, und alle unbewußte +Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu helfen. +Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist – die dämmerte +noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im +Untergrunde ihres Gefühlslebens.</p> + +<p>Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, +daß jene geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient +hatten.</p> + +<p>Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden +Liebe erwacht.</p> + +<p>Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.</p> + +<p>Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren +emporgewachsen – töchterliche – mütterliche.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[357]</a></span>Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken +den Nebel zu durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen +Luft verbarg das Werk. Wenn sie es doch hätte sehen +können! Der Anblick der rauchenden Schlote und der +mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie +sprachen so stark vom Lebenswerk des alten Mannes, +des großen Arbeiters, der ihr Vater geworden war.</p> + +<p>Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen!</p> + +<p>Wie würde er leiden!</p> + +<p>Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen +ging, so war es ihr Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, +kein Gesetz konnte sie daran hindern.</p> + +<p>Das würde den alten Mann töten!</p> + +<p>Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, +für wen der Pulsschlag des gewaltigen Werkes +da drüben so stark und lebendig schlug. –</p> + +<p>Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen +... Spät, nach vielen und herben Enttäuschungen +war sie ihm geworden. – Diese winzigen +Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, +alle Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. +Endlich – an der Schwelle des Grabes fast – gab das +kleine Kind ihm noch Freude – Freude, mit der ganzen +Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden.</p> + +<p>Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen?</p> + +<p>»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.«</p> + +<p>Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du +dich denn noch einmal dem Manne zu eigen geben, der +dich jetzt mit so werbenden Blicken verfolgt?«</p> + +<p>Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht +hatte – das äußerste war ihr erspart geblieben: +ihre weibliche Würde blieb unverletzt.</p> + +<p>Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[358]</a></span>Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander +bekämpfenden Pflichten und Gefühlen?</p> + +<p>Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft +vor ihr.</p> + +<p>Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr +gequält wurde von dem kindischen Jammer der blonden +Frau. In diesem wunderlichen Wechsel zwischen entsetzt +hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr +alles Maß für die Zeit abhanden gekommen.</p> + +<p>Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit +meldete.</p> + +<p>Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten +Vater sitzen, damit ihm die Stunde der Mahlzeit +eine freundliche sei ...</p> + +<p>Mechanisch ging sie ins Eßzimmer – vergaß, sich umzukleiden +– vergaß den Blick in den Spiegel. – Ging +im Zwange der Gewohnheit. –</p> + +<p>Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. +Im Eßzimmer waren die Vorhänge geschlossen, und das +fahle Nebellicht kam nicht herein. Festlich glänzten die +elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von stumpfgeschliffenem +Kristall.</p> + +<p>Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen +Raum stand, saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.</p> + +<p>Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende +Haupt schien wie von einer hellen Stimmung umstrahlt. +Eben hatte er seinen Enkel besucht und sich geschmeichelt +gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor Vergnügen +mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen +mit den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater +hereingefahren wurde.</p> + +<p>Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines +Blickes.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? +Wie eine Fiebernde?</p> + +<p>»Bist du krank?«</p> + +<p>»Ich? – Nein.«</p> + +<p>Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, +zu sprechen. – Ja, schon fünf Zähnchen. – Ja, Judereit +war nun genesen. – Ja, er war in den langen Leidensmonaten +ein einsichtsvoller Mensch geworden mit vernünftigen +Plänen. – Ja, Thüraufs Finchen wollte nach +München und sich der Malerei widmen. Ja – zu allem – +und alles war so gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie +die großen, blitzenden Augen sie mit wachsamer Sorge +zu durchbohren schienen. –</p> + +<p>»Nachrichten von Wynfried?«</p> + +<p>»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie.</p> + +<p>»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie +er gern zu seinen Bekannten nach Köln fährt. Ich denke +manchmal, die Kreyser-Werke und ihr Betrieb interessieren +ihn mehr als ›Severin Lohmann‹, und wenn er freie Wahl +hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben +des Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, +daß du da bist, Kind, und daß wir Severin den Kleinen +haben. Sonst hätte ich Angst, nach meinem Tode wendete +mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst +in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.«</p> + +<p>Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören +konnte.</p> + +<p>Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen +langsam hinlosch und daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, +zusammengefallen erschien – und ihre Stimme leise, wie +verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam aus der +Brust herauf.</p> + +<p>Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In +<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>ihren Ohren sangen hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. +Sie horchte mit versteinertem Gesicht. Sie +dachte: ich bin schwindelig – hatte eine letzte Willensregung: +nicht fallen – nicht fallen. – Dann war alles +abgeschnitten – als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr +Bewußtsein niedergesaust.</p> + +<p>Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber +auf die Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold +sie aufgefangen, der die letzten Sekunden, atemlos vor +Schreck, sie schon beobachtet hatte. Sie hörte nicht, daß +nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward – sah nicht, +daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld +vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die +Lehnen stemmte.</p> + +<p>Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel +des Erwachens, wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte +eine Art Verwunderung in ihr. – Sie horchte dem +wieder nach. – Wie lange das andauerte. – Sie wußte +nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, +seit sie es zuerst gehört.</p> + +<p>Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf +ihrem Bett?</p> + +<p>Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch?</p> + +<p>Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie +eine Stimme sagen: »Gottlob!«</p> + +<p>Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie – es +schien das der Wirtschafterin – und man versicherte +tröstend, daß Doktor Sylvester gewiß gleich da sein werde.</p> + +<p>Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach +sie in leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht +tief in die Kissen. –</p> + +<p>Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor +Sorge und Schmerz außer aller Fassung in seinem Stuhl +<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>wartete, jagte bald den Leupold, bald den flinken jungen +Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers +mußten sie Nachricht erfragen.</p> + +<p>Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige +Frau ist wieder zu sich gekommen, aber dann sogleich in +ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor Sylvester ist +schon unterwegs.«</p> + +<p>»Komm her!« befahl der Geheimrat.</p> + +<p>Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, +er schüttelte ihn beinahe. Etwas von seinem alten +brausenden Zorn war wieder über ihn gekommen.</p> + +<p>»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist +du hier, und mein Leben ist für dich von Glas – sprich – +was geht in meinem Hause vor – sprich – als Mensch – +nicht als Diener – sprich –«</p> + +<p>»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, +»hier im Hause geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat +doch selbst.«</p> + +<p>»Mensch – keine Wortklauberei. – Sag, was du +denkst.«</p> + +<p>»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der +gnädigen Frau wohl damit zusammenhängen, daß die +Baronin Hegemeister heute hier war.«</p> + +<p>»Die Baronin –«</p> + +<p>»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich +da – um Wache zu halten – daß niemand horcht –«</p> + +<p>»Warum? Die Baronin – das ist eine Freundin +des Hauses – ist zahllose Male hier gewesen – was wär’ +da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in seinem +Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht +ihm vor vielen Wochen schon zugetragen hatte.</p> + +<p>»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und – +Herr Geheimrat haben befohlen, daß ich sprechen soll – +<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>und die ganze Gegend klatscht davon, daß sie und unser +junger Herr ... Und ein Matrose von der ›Klara‹, der +hier auf Severinshof sich ’ne Braut angeschafft hat, +war neulich da zum Besuch und erzählte, daß der junge +Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt ist ... Und da +dacht’ ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel abzubitten. +Und ich wollte nicht – dem Georg muß man immer +mal aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte +mir Mühe geben, wegzuhören. Die Baronin weinte und +jammerte manchmal laut. – Was soll ich noch mehr +sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen +auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern – ich +auch – ja ... Und dann der Kleine! – Nein, so was +durfte nicht kommen. – Verzeihen mir Herr Geheimrat +– aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«</p> + +<p>Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der +Groll fraß ihm schon lange das Herz ab. Aber er ängstigte +sich auch schwer. Sein Herr war in den letzten Monaten +weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den +zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren +täglich mit heimlichem Zittern gefaßt war.</p> + +<p>Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor +Erstaunen.</p> + +<p>Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. +Er atmete tief auf – langsam hob er seinen Oberkörper – +richtete sein Haupt empor. In jener furchterweckenden +Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er da.</p> + +<p>Das Licht füllte den Raum – die unterbrochene +Mahlzeit stand kalt auf dem Tisch, der in Unordnung war. +Das blitzende Auge sah über alles weg.</p> + +<p>Ein schweres Schweigen herrschte. –</p> + +<p>Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die +Gedanken seines Herrn zu stören.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten +standen auf der breiten Stirn. Und eine mächtige Bewegung +arbeitete in den großen Zügen.</p> + +<p>Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis +einen Stoß empfangen, der ihn umwerfen mußte – +das sah vielmehr so aus, als sei alle Kraft von neuem +erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem gewaltigen +Körper in straffer Energie.</p> + +<p>Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der +Brusttasche griffen – da trug der Geheimrat ein Büchlein. +Er nahm es – er schrieb ein paar Zeilen auf – +riß das Blatt ab ...</p> + +<p>»Nimm,« sagte er. – Nein, wirklich, nicht einmal +seine Hände zitterten.</p> + +<p>Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche +Depesche. Nach Köln. An den Sohn des Hauses. Und sie +lautete: »Ich erwarte dich unter allen Umständen morgen +früh hier. Dein Vater.«</p> + +<p>Dann ging der Tag seinen Gang. – –</p> + +<p>Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen +Tränen allmählich in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. +Sylvester hatte ihr ein Pulver aufgedrängt – sie nahm es +aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. – Es mochte +helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging.</p> + +<p>Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende +Töne. – Kam das vom Werk her? Nein – Sturm! +Der Nebel war weggepeitscht.</p> + +<p>Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung +war nun vollkommen.</p> + +<p>Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht – nicht +denken können.</p> + +<p>Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und +Festigkeit.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn +anzufangen, und um des Vaters wie des Kindes willen +ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie wollte mit +ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen – +damit er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung +erringen.</p> + +<p>Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich +übersehen ließ – ob es ins Dunkel mündete, ins Helle +führte – das mußte die Zukunft lehren.</p> + +<p>Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere +Pflicht von ihr ... Sie mußte den Vater beruhigen! +In welche Aufregung mochte ihn ihre Ohnmacht gestürzt +haben!</p> + +<p>Sie kleidete sich an – rasch – und dachte: »Ich nehme +den Kleinen mit hinauf.«</p> + +<p>Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen +lag er, seine Stimme übend, mit jenen unbegreiflichen +Lauten, die noch keine Worte formen können und doch +zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen +und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen +Schleifen sah man das runde Gesichtchen und die prallen +Arme. Und die großen Augen glänzten tief.</p> + +<p>Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor +und legte das flaumige Köpfchen gegen ihre Wange – +in leidenschaftlichem Glück die Nähe des kleinen Geschöpfes +genießend.</p> + +<p>So schritt sie hinauf.</p> + +<p>Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände +alle Türen vor ihr öffneten.</p> + +<p>Sie gelangte hinauf – mit ihr kam ein Lichtstrom +in einen völlig dunklen Raum.</p> + +<p>In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern +saß der alte Herr – im unerleuchteten Zimmer.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom +heranschritt, im linken Arm hoch das Kind tragend, mit +der Rechten das kleine Haupt gegen ihre Wange drückend +– und um sie der Schimmer von Glanz ...</p> + +<p>»Madonna ...« dachte er.</p> + +<p>»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.«</p> + +<p>Und ihre Stimme klang wie immer.</p> + +<p>»Du hättest liegen bleiben sollen.«</p> + +<p>»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder +gut. Hoffentlich hast du dich nicht erschreckt. Du weißt +ja: ›Der Frauen Zustand ist beklagenswert‹ – Wir sind +ein jämmerliches Geschlecht.«</p> + +<p>»Heldin!« dachte er.</p> + +<p>Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen – mit +ihr schweigen. –</p> + +<p>Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die +winzigen Fäustchen nehmen, denn der kleine Regent +sollte bald in sein Nachtröckchen gesteckt werden. Und +da erschien auch schon die Amme in ihrer schwarzbunten +Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein Kinderstubenreich.</p> + +<p>»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. +Sie ist für dich und mich alles – sie darf uns nicht krank +werden. – Schlaf fest.«</p> + +<p>»Dei – dei – dei,« klöhnte das Kind, als wolle es +sehr Vernünftiges versprechen.</p> + +<p>Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen +sich die breiten Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen +war.</p> + +<p>»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara.</p> + +<p>Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den +thronartigen Sitz des Vaters hin – da wo so recht eigentlich +ihr Platz war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>»Ich habe mich mit ›Severin Lohmann‹ unterhalten,« +sprach der Alte, »es hatte mir viel zu sagen ...«</p> + +<p>Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah +man hinaus in den Novemberabend, aus dem der Sturm +allen Nebel geblasen. Und vor dem nächtigen Hintergrund +erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der Kokerei +und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme +her roter und gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel +umleuchtete. Von bläulichen elektrischen Lichtern war +das düster-große Bild überfleckt, und all diese Lichtkerne +mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so merkwürdig +an Weihnachten. – Die plumpen Burgen der +Hochöfen waren halb angestrahlt, halb lösten sich ihre +Formen in Dunkelheit auf.</p> + +<p>Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen +Heultönen alle Geräusche vom Werk fort und trug sie +auf seinen Fittichen ostwärts, dem Meere zu.</p> + +<p>Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken +Gleißen nur zu erkennen, wo vom Werk her Licht über +ihn hinspielte. Außerhalb der verständlichen und übersehbaren +Wirklichkeit krochen ein rotes und ein grünes Licht +in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, +der sich gegen Strom und Wind flußauf quälte.</p> + +<p>Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des +Stuhls. –</p> + +<p>Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem +Haar. –</p> + +<p>So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein +angehauchten Rauch hinüber, der sich in der schwarzen +Höhe verlor. Sie sahen von diesem Stück Welt des +Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel +mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle +tausend Fäden, mit denen es an die Gegenwart, an alle +<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>großen Fragen und Forderungen der Zeit gebunden war. +Sie sahen sich als Diener dieser Zeit – ihre Herzen wurden +bescheiden und still.</p> + +<p>Leise sprach der Alte – für sich hin – zu ihr, die +mit seinem Enkel sein Werk bewachen und fortsetzen sollte +– vielleicht hinaus zu Tausenden, die ihn nicht hörten:</p> + +<p>»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur +neue Formen, Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche +Notwendigkeiten entstehen, wälzt nicht nur +Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich mich, es +auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! +Man sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten +auf ihrer sich forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer +Inbrunst lieben. Wie sollten sie nicht! Und dennoch muß +die Liebe, die Männer wie ich zu ihren Werken haben, +noch von einer anderen Art sein. Tiefer und ausschließlicher. +Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes +Adern fließt mein <em class="gesperrt">Blut</em> – nicht nur <em class="gesperrt">mein</em> Blut – vielleicht, +nein gewiß, noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. +In den Adern meines Werkes fließt nicht nur mein Blut; +meine <em class="gesperrt">Kraft</em> – meinen <em class="gesperrt">Geist</em> – meine <em class="gesperrt">Energie</em> – alles, +was ich bin, körperlich und seelisch, hab’ ich hinübergepflanzt +in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in +meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk +nicht noch mehr mein Kind, in viel unzerstörbarerem +Sinne, als mein Sohn es ist? Ist diese Wahrheit erschreckend? +Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe? Voll +drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander – +das fordert die Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll +des Familienlebens und das Auskosten seiner kleinen und +großen Kämpfe. Aber für die, denen ein Platz ward in +der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist +wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich +<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>stehe – und so, wie mein Sohn ist – trotz allem, was +ihm geopfert ward, ein Halber – muß ich mich besonders +fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger – mein +Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer – +mein großes, starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser +Sohn? ...«</p> + +<p>Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. +Er sprach wie einer, der sich vor sich selbst fürchtet.</p> + +<p>Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. +Er war vielleicht bereit, den Sohn preiszugeben.</p> + +<p>Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte +das geschehen? Die einfache Tatsache der festgefügten +Lebensverhältnisse verbot es. – Vielleicht eine zornige +Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen konnte? +Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam +vor dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.</p> + +<p>»Du und dein Kind – ihr wißt es – ich habe ein Herz! +Deine Mutter wußte es! – Und dennoch – dennoch – +wenn ich denn ein unnatürlicher Vater bin: – mein Werk +steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt’ ich lassen – +meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen +von heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß +uns zusammenschmiedet mit unserer Arbeit – und wenn +unsere Kinder dies heilige Bündnis nicht verstehen, seien +sie davon geschieden.«</p> + +<p>Klara fror. – Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. – +Und ihr war, als sei es kein Zufall, daß seine Faust sein +Leben lang dem Erz das Eisen abgerungen habe ...</p> + +<p>»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld +haben.«</p> + +<p>Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt +und lag da schwer – und dennoch wie Segen – Trost – +Dank. –</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[369]</a></span>Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still +durch die Nacht hinüber auf den bestrahlten, quellenden +und zerreißenden Rauch, der toll vor dem schwarzen Himmel +jagte. –</p> + +<p>Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. +Die Depesche war doch stark genug gewesen. Aber an +diesem Abend kam keine Antwort mehr.</p> + +<p>Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde +sein Sohn selbst eintreffen.</p> + +<p>Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu +berechnen war, verstrich, und er trat nicht bei seinem +Vater ein.</p> + +<p>Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte +aus seinem Übermaß von Arbeit auf und hatte zwei +Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor vier +Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm +über die Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, +das der Geheimrat ja kenne. Seither erhielt Thürauf +persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der Firma. –</p> + +<p>Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten +sich. Auch dieser, daß Wynfried gar mit der +blonden Baronin auf und davon gegangen sei.</p> + +<p>Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges +Lächeln.</p> + +<p>Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich +ganz unbefangen, wie tausend moderne Ehegatten denken: +auf die Treue des <em class="gesperrt">Mannes</em> kommt es nicht weiter an. +Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur +ein Sommervergnügen – vielleicht hatte es geheißen: +halb zog sie ihn, halb sank er hin. – Ach – klein – klein +– banal!</p> + +<p>Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der +letzten Zeit für Klara gehabt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[370]</a></span>Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und +er litt. –</p> + +<p>Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren +Schweigens sei.</p> + +<p>Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit +dringlicher Rückantwort an das Hotel in Köln abgehen. +Da hatte er binnen einer Stunde in den eiligen Blaustiftbuchstaben +der Depesche die Nachricht, daß Herr +Lohmann junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, +daß dort aber seit gestern nachmittag eine <em class="antiqua">D</em>-Depesche +für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man wohl auf +seine baldige Ankunft schließen dürfe.</p> + +<p>»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr.</p> + +<p>Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte +nicht an alle Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob +er überhaupt da war? Man hätte auf Lammen anfragen +können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem +Vorwand zur Nachfrage verbot sich.</p> + +<p>Solche Stunden ertragen sich hart.</p> + +<p>Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze +in der Hand zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen.</p> + +<p>Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die +festgefügten Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen.</p> + +<p>Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren +würde, seine Ehe zu lösen, denn er war offenbar im +Begriff, sich in seine Frau zu verlieben.</p> + +<p>Ah – dürfte er doch die holde Frau gegen <em class="gesperrt">diese</em> +Liebe schützen!</p> + +<p>Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld +haben wollte – er, der Vater, durfte die Ehe nicht +sprengen.</p> + +<p>»Hätte ich sie nie zusammengebracht!«</p> + +<p>Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann +<span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[371]</a></span>zum Manne, mit dem Schwert scharfer Worte gegen den +Sohn wettern.</p> + +<p>Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles +Vertrauen verloren. Wenn nicht einmal die reine Würde +der jungen Frau ihm Halt hatte geben können ...</p> + +<p>Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm +sein Sohn entglitten war – alle Stimmen der Natur +schwiegen.</p> + +<p>Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk – diese über +seinen Tod hinaus vor jeder Gefährdung zu schützen, war +sein Hauptgedanke. Er wollte sein Testament ändern. +Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein wohlhabender +Mann.</p> + +<p>Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere +Grübeleien angewiesen war und sich nicht in Wort und Tat +entladen konnte, stieg seine Nervosität bis zur Unerträglichkeit.</p> + +<p>Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung +zu lösen ...</p> + +<p>Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von +seiner Schwelle gewiesen.</p> + +<p>Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen +Mittagsmahl.</p> + +<p>Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein +raste Sturm. Das Land lag braunschwarz, mit den rostroten +Farbenflecken der Hainbuchen, in deren Gezweig +das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig. +Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter +zu warten.</p> + +<p>Leupold kam.</p> + +<p>»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte +er. Und fügte gleich, etwaigen Vorwürfen abzuwehren, +hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten gemacht – habe +<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[372]</a></span>gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat +er, ich solle doch fragen.«</p> + +<p>Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. +Marning? Er, der für immer aus diesem Hause gegangen +war? Noch einmal wieder? Und jetzt –</p> + +<p>Nein, nein – gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! +Es hätte zu weh getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, +zu diesem zu sprechen. Und gerade diesem +mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause +lastete – denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, +davon zu wissen.</p> + +<p>»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht –«</p> + +<p>»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.«</p> + +<p>Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er +anderen Sinnes geworden. Kam auf das Anerbieten +zurück – wollte doch zur Industrie übergehen – kam, +um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten.</p> + +<p>Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte +auf. Es hieß eben, sich zusammennehmen.</p> + +<p>»Also ja ...«</p> + +<p>Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning +vor ihm, sehr blaß, sehr ernst.</p> + +<p>»Lieber Marning. – Es freut mich, Sie zu sehen. – +Wenn Sie’s nicht wären ... Ich bin ein verstimmter, +ungeduldiger alter Kerl – hab’ im Moment zu viel +bunte Gedanken im Kopf. – Sie müssen schon Nachsicht +mit mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie +wünschen. Meine Gesinnung kennen Sie – die ist unverändert ...«</p> + +<p>»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht +in eigener Angelegenheit.«</p> + +<p>Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen +Mannes ließ den Alten scharf aufmerken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[373]</a></span>»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten +ein gefürchtetes.«</p> + +<p>»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie +demnach.«</p> + +<p>»Ernstes. Ja.«</p> + +<p>»Sagen Sie’s nur schlankweg. Man bildet sich immer +ein, vor uns Alten und Brüchigen dürfe man das Wort +›Tod‹ nicht laut aussprechen. Ich bin kein Feigling. Wenn +Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht gleich, +weil’s mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei +Jahren an eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr +Onkel, mein verehrter Freund, gestorben? Ein schmerzlicher +Verlust wär’s.«</p> + +<p>»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski +Nachrichten zu bringen.«</p> + +<p>»Wa – was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? +Aber das ist ja unmöglich –«</p> + +<p>Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten +– die des Todes.</p> + +<p>»Likowski befindet sich wohl – er wird in zwei, drei +Tagen zurück sein – er wäre schon heute eingetroffen – +aber er hat ... auch mußte er sich beim Oberst melden.«</p> + +<p>»Nun also – was ist mit ihm los. – Nehmen Sie’s +mir nicht übel, lieber Marning – aber Sie verstehen sich +drauf, einen ungeduldig zu machen.«</p> + +<p>»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, +»ich bin ungeschickt. – Mein Amt ist schwer. – Likowski +hat ein Duell gehabt – mit – mit Ihrem Herrn Sohn.«</p> + +<p>Der alte Mann fuhr auf – blieb erstarrt – sah den +andern an – mit offenem Munde.</p> + +<p>Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.</p> + +<p>Er war furchtbar anzusehen.</p> + +<p>Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[374]</a></span>So sprach das Schicksal selber – ehern – ergeben – +furchtgebietend.</p> + +<p>»Nein – nein. – Er lebt – er kann – er wird weiterleben –«</p> + +<p>Da sank das schwere Haupt zurück. – Die Augen +schlossen sich – und ein wunderbares Lächeln – geheimnisvoll +– unbegreiflich, irrte um die Lippen. – Und +unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam +eine Träne und rann über die bleiche Wange.</p> + +<p>Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.</p> + +<p>Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte +Gott allein.</p> + +<p>Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, +die verstummt gewesen war? ... Reckte sich das ganz +einfache Gefühl empor? – Rauschte das Blut – das +Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu: +Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. –</p> + +<p>»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte.</p> + +<p>Stephan stand Minuten und sah in den matten, +sturmgepeitschten Sonnenschein hinaus und wagte nicht, +sich umzuwenden.</p> + +<p>Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen +Sie mich alles im Zusammenhang hören.«</p> + +<p>»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, +wenn ich Ihnen Likowskis Brief gebe – wie er +nun mal ist. – Ganz Likowski. – Ich befürchte da kein +Mißverstehen.«</p> + +<p>Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten +Worten zu sagen. Ihn däuchte, als müsse jedes einzelne +zum Posaunenton werden und durch Mauern und Estrich +hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.</p> + +<p>»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski +sagt und tut und schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[375]</a></span>Stephan legte den Brief – diesen Brief, dessen Inhalt +ihn fast betäubt hatte – nun in die Hand des alten Herrn. +Er setzte sich auf den nächsten Stuhl, den Säbel zwischen +den Knien, die Hände auf dem Korb gefaltet – so wartete +er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief auswendig +wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort +um Wort ...</p> + +<div class="blockquote"> +<p>»Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde +ich Ihnen nichts Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte +Herr, den wir verehren und lieben, der muß wissen, was +los ist. Er soll mir verzeihen, wenn er kann! Wenn er nicht +kann, muß ich’s ertragen. Mein Bewußtsein ist: ich habe +getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes +und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. +Auch nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß.</p> + +<p>»Zu Ihnen hab’ ich nie davon gesprochen – auch +die anderen Kameraden nicht zu mir – das war zu +delikat, wo es ein Haus betraf, das uns so oft Gastlichkeit +bot. Wenn man auch ein rauher Krieger ist, man hat +doch sein Zartgefühl. Aber es war ja in allen Blicken, +zwischen den Worten war es, in jedem plötzlichen Verstummen +war es, daß auch wir genau wußten, was sämtliche +Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß +Herr Wynfried Severin und die mollige Baronin sich +zusammen auf das beste unterhielten und offenbar nicht +gerade zusammen im Katechismus lasen. Sonst wären +sie doch wohl mal bis ans sechste Gebot gekommen ...</p> + +<p>»Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab’ was an +stiller Wut in mich ’reingefressen. Wo die junge Frau für +mich so ungefähr das Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit +ist, was mir auf meinem Junggesellenpfad begegnete. +Und wo ich ihr alter Freund und Hausgenosse +<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[376]</a></span>gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat toben +würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen +will. – Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag’s +ihm in sein schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr +häßlich aussieht.</p> + +<p>»Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne +Skandal?</p> + +<p>»Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man +gerade mit all seinen Gedanken mal weit davon weg und +in behaglicheren Regionen ist.</p> + +<p>»Geh’ mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit +einem seiner Regimentskameraden, gleichfalls beweibten +Zustandes, in ein Restaurant. So ’n ganz pickfeines, wo es +schon was kostet, wenn der Kellner sich verbeugt. Sonst +nicht meine Wahl – das wissen Sie wohl. Aber Madame +Adolf hat die Schwäche und – das Geld! Leider. Geld +ohne Geschmack – das ist eine schlimme Mischung. Da +hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. – +Und wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem +Tisch, wo zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem +rosigseidenen Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock +glänzt? Wer?</p> + +<p>»Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde +rot – röter – am rötesten.</p> + +<p>»Ich war ganz ruhig. Ich ging ’ran – so mit ’ner +gewissen Vorsicht – Distanz wahrend – damit nicht +etwa die Baronin mir gleich die Patschhand freundschaftlich +hinstreckte. – Und da bat ich ihn denn, mich anzuhören. +Drei Worte genügten ja. Daß er sie nicht einstecken konnte, +wenn er ’n Mann von Ehre bleiben wollte, war klar. +Und dann lief die Geschichte ihren Gang. Ehrengericht +damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte sein: +sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache +<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[377]</a></span>nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich +melde mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung +bin ich gefaßt. – Zum Glück hatte Wynfried Severin +ein paar Freunde da in der Gegend – Herren, die schlagenden +Verbindungen angehörten – einer war aus +’m ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in der +Regie des Duells. – Und kurz und gut – heut im Nebelgrau +standen wir einander gegenüber. – So ’n rechter +schwerer Rheinnebel war’s. – Das Gelände, zwischen +Schonungen, nicht weit vom Fluß – seltsam war’s mir: +man hörte durch den Nebel den Heulton der Dampfer. +Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so ’n Heulruf ihm +das Leben gerettet hat!</p> + +<p>»Es war mein Vorsatz: den lösch’ ich aus. – Der +verdirbt sonst noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß +mit Andacht denken kann, das ganze Dasein. – Ich haßte +ihn. Kräftig.</p> + +<p>»Aber was soll ich Ihnen beichten? – Wie ich so ziele +– in diesen gräßlichen Sekunden – ein, zwei sind’s bloß +– da heult von fern und leise ein Dampfer – wie bei uns +– plötzlich seh ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den +alten Herrn. Gott verzeih’ mir: es war verrückt. Total. +Beinahe mag ich es nicht schreiben: mir war’s, als riefe +der alte Herr. Es war direkt unheimlich.«</p> +</div> + +<p>Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der +Hand des Greises zitterten ...</p> + +<p>Ja, das war diese Stelle – seltsam – und so ganz +außer Likowskis Linie ...</p> + +<p>Aber weiter ...</p> + +<div class="blockquote"> +<p>»Vielleicht hätt’s ihn doch schwer geschlagen – wenn +sein Sohn ... es ist immerhin der einzige! Obschon – +unter uns – manchmal dacht’ ich: heiß ist die Liebe nicht. +Und Enkel und Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer +<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[378]</a></span>kann in so was ’reingucken? Na und kurz und gut: ich +nahm nicht dies flotte Herz zum Ziel. Aber treffen wollt’ +ich, und ich traf. Besser als er, der den ersten Schuß +hatte und damit bloß ein Loch in die Luft machte. Nicht +vorsätzlich. Ih nee – ich merkte, wie er zielte. Aber +natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen. Meine +Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, +hat Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge +gestreift.</p> + +<p>»Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf +die Nachricht: voraussichtlich längeres Krankenlager, aber +durchaus keine Lebensgefahr – wahrscheinlich auch +längeres Schonungsbedürfnis.</p> + +<p>»So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen +und hätte ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten +Herrn konnte man was von einem Automalheur erzählen. +Was ist heutzutage leichter, als sich auf der Straße die +Knochen zu zerbrechen!</p> + +<p>»Aber nun kommt’s hochdramatisch. Ohne sich um +Wunsch und Willen des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, +läßt ihn unser Paukarzt ganz einfach in eine Privatklinik +schaffen, die ein ihm befreundeter Chirurg hält. Na, +das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt, fällt +ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht +haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten +abreisen, und seine Sachen sollten vom Hotel in die +Meinhardtsche Klinik geschickt werden.</p> + +<p>»Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte +gerochen – und dann das Wort ›Klinik‹. Kurz: nach einer +halben Stunde saß sie schon am Bett. Und erklärte jedermann: +da ist mein Platz! Und nimmt mit der Gerwald +mehrere Räume in der Klinik und macht es offiziös. – +Straf’ mich Gott, wenn ich in diesem Falle von meiner +<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[379]</a></span>sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen +sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit, +nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar +nicht anders. Zu seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen +lassen kann er hiernach die Baronin nicht. Und so strafen +ihn die Götter und bedienten sich dazu meiner bescheidenen +Person.</p> + +<p>»Dieses Auftrumpfen Agathens: ›Mein ist der Mann, +und mir gehört er zu!‹ – macht es unmöglich, den Fall +zu vertuschen. Ehe der alte Herr gar in den Zeitungen +davon liest – ehe der Sohn ihn benachrichtigen kann – +denn von wegen Agathe kann er nun nicht eine glaubhafte +Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. – Die +Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, +ehe was geschieht, das den Schlag zu roh und plump +gegen das Gemüt des Vaters führt – gehen Sie sofort +zu ihm.</p> + +<p>»Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er’s +mir gesagt. Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage +an Sie als an den vortrefflichen Thürauf zu wenden. +Sie sind mein Kamerad – mein Freund – das sagt +alles.</p> + +<p>»Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet’ ich meiner +Feder jedes. Sie wird leiden – jetzt – zunächst in jedem +Fall! Aber sie wird mir doch noch mal im Leben freundlich +die Hand geben – darauf hoffe ich!</p> + +<p>»Und nun: Gott befohlen!</p> + +<p class="signature">Ihr Likowski.«</p> +</div> + +<p>Wie langsam der Greis gelesen hatte – ganz gewiß, +er mußte jeden Satz wiederholt in sich aufgenommen und +lange bedacht haben.</p> + +<p>Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die +<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[380]</a></span>Bogen zusammen. Ein wenig mußte er sich vorneigen +und den Arm ausstrecken, um sie auf den Tisch legen zu +können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.</p> + +<p>Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.</p> + +<p>Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken +des Alten – sie kamen wie aus einem Abgrund von +Gram herauf.</p> + +<p>Aber dennoch – auf seinen Zügen lag der Ausdruck +einer wunderbaren Gefaßtheit.</p> + +<p>Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt +sein mochten – er stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. +– Von wo aus die Wirrnisse des Lebens weithin +übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege +kommen und wohin sie gehen.</p> + +<p>Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging +um seinen Mund.</p> + +<p>»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für +immer entfliehen,« sprach er, »und nun spielt unser Freund, +noch viel mehr als er selbst weiß, Schicksal und schickt +gerade Sie zu mir.«</p> + +<p>»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.«</p> + +<p>Er war verwirrt – sein Herz klopfte. Er wünschte +sich auf der Stelle verabschieden zu dürfen.</p> + +<p>»Lieber Marning – Sie sehen – der Sohn ist mir +verloren – vielleicht nicht ganz als Sohn. Mag die +Zukunft – mag vielleicht eine ferne Stunde, die meines +Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine legen. +Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! +– Ich will mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. +– Es liegt an ihm –«</p> + +<p>Er mußte innehalten. – So lebendig stand plötzlich +das Bild der genußsüchtigen, selbstischen Frau vor +<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[381]</a></span>ihm, die seines Sohnes Mutter gewesen ... Er seufzte +schwer ...</p> + +<p>»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm +nicht zu hart mit Reue gepflastert sein.«</p> + +<p>Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter – mein +Enkel – mein Werk – das gehört zusammen – zu mir – +bis übers Grab hinaus: zu mir! Und davon hat mein +Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau +und die Würde meines Werkes verraten. – Vielem und +Vielen sollte er zum Herrn gesetzt sein. Das kann nur +einer, der strebt. Nicht einer, der spielt. Er bleibt von +meinem Werk geschieden – auf immer!«</p> + +<p>Nun sah er den jungen Mann voll und groß an – +bezwingend – –</p> + +<p>»Ich tat einmal eine Frage an Sie. – Heute ist der +Augenblick, sie zu wiederholen. – In dieser Stunde braucht +mein Werk noch keinen Helfer und Leiter. Ein vorbildlicher +Mann steht an der Spitze. Aber der Tag wird +kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger +braucht. Und mein Enkel. – Noch bin ich da! O – ich +hoffe, dem Dunklen, der mir schon mal so nahe war, +noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch – es ist +Menschenlos. – Mein Enkel und meine Tochter – +einmal brauchen sie vielleicht einen klugen, besonnenen +Mann von Ehre und Herz als – als Freund. – Und so, +Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn +für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen +– wollen Sie meinem Werke dienen?«</p> + +<p>»Ja!«</p> + +<p>Laut und feierlich klang das durch den Raum.</p> + +<p>Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff +sie und tat wie damals, als er für immer zu scheiden +glaubte: er neigte sich tief und küßte voll Ehrfurcht +<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[382]</a></span>diese Hand – die Hand, die sein Schicksal auf ungeahnte, +nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte.</p> + +<p>Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder.</p> + +<p>Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich +seinem Werke angelobt. Und nicht nur seinem Werke.</p> + +<p>»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...«</p> + +<p>Stephan trat erschrocken zurück.</p> + +<p>»Nicht in meiner Gegenwart.«</p> + +<p>»Doch!« – Er hatte schon das Zeichen für Leupold +gegeben, und dieser kam so rasch, daß kein Wort mehr +gewechselt wurde.</p> + +<p>»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, +daß ich Besuch habe.«</p> + +<p>»Herr Geheimrat ...« bat Marning.</p> + +<p>Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.</p> + +<p>»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich +Ihnen sage – ich brauche Sie – – sonst – sonst – es +könnte mir die Fassung zerbrechen. – Ich hab’ diese zwei +zusammengeführt – ich! Bin ich nicht ein Schuldiger +vor ihr?«</p> + +<p>»Nein,« rief Stephan, »nein – nichts von Schuld ...«</p> + +<p>Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, +hinter dem mächtigen Stuhl, in dem der Alte saß. Im +Schatten, einer schwarzen Silhouette gleich.</p> + +<p>Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle +überschritten.</p> + +<p>Sie blieb stehen – ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen.</p> + +<p>Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen +Notwendigkeiten des Alltags, die sich in das Große mengen? +Gerade jetzt? In diesen qualvollen Tagen der Unklarheit, +wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe hing ...</p> + +<p>»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, +<span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[383]</a></span>»komm – sieh, hier ist unser Freund. Er hat ernste Nachrichten +gebracht ...«</p> + +<p>Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von – +meinem – Sohn ...«</p> + +<p>Nun war sie vor ihm und sah ihn an – nur ihn – als +sei nicht noch einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten +durfte.</p> + +<p>Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet, +schweigend und unbeweglich dastand.</p> + +<p>»Ja, mein Kind – Wynfried – er hat – ein Unfall ... +Später erfährst du das Genaue. – Er liegt in Köln – +krank ...«</p> + +<p>Sie wich ein wenig zurück – im Schreck. Und wußte +sofort: dann muß ich dahin – ihm helfen – er ist meines +Kindes Vater – ich <em class="gesperrt">muß</em>. – Ich wollte ja Geduld +haben – wollte vergeben – nun muß ich es beweisen ...</p> + +<p>»Dann will ich zu ihm – gleich – ja gleich. – Ihn +pflegen – ihm beistehen –«</p> + +<p>»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine +andere Frau, der nun wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt +an seinem Bett. Und deine Ehe – sie wird gelöst werden.«</p> + +<p>»Vater!« schrie sie auf.</p> + +<p>Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht.</p> + +<p>Und die Männer schwiegen.</p> + +<p>Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß +in ihrer Seele eine ungeheure Bitterkeit aufwallte und +alles, alles andere überflutete. – Die Bitterkeit der +edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die +erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht +geachtet! –</p> + +<p>Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines +Lebens in Trümmer zerfallen – auch wenn dieser Bau +nicht im Glanze seliger Liebe errichtet ward ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[384]</a></span>Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen +ebbte langsam zurück.</p> + +<p>Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte.</p> + +<p>Nun verlor sie Vater und Heimat – –</p> + +<p>Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den +alten Mann an – sie sah wohl, welch eine Welt von Liebe +ihr aus seinen Blicken entgegenkam.</p> + +<p>Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging – +sein einziger Sohn – trotz allem.</p> + +<p>»Nun muß ich dich verlassen!«</p> + +<p>»Klara!«</p> + +<p>»Aber das Kind – es gehört mir. – Du wirst nicht +den Versuch machen, es mir zu nehmen. Nein – das nicht +– das weiß ich.«</p> + +<p>Sie war außer sich.</p> + +<p>Er streckte seinen Arm nach ihr.</p> + +<p>»Nein – besinn dich doch. – Gehören wir nicht +zusammen? – Das Werk, das Kind – du und ich? Er +hat sich von uns geschieden, nicht wir von ihm! Und hier +steht einer – ich hab’ sein Wort: er will in die Arbeit +hineinwachsen und dem Werke dienen und – meines +Enkels Freund sein –«</p> + +<p>Er brach ab.</p> + +<p>»Vater!«</p> + +<p>Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das +schmale, weiße Gesicht zwischen seine Hände.</p> + +<p>»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer.</p> + +<p>Oft hatte er sie so genannt – aber sie fühlte, was +dieser Name, in diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf +sie legte an großen und heiligen Pflichten; was er +ihr versprach an Glück, das nach still und stark ertragenem +Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[385]</a></span>Sie hob den Blick – sie wagte es, den Mann anzusehen, +der als stummer Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters +stand.</p> + +<p>Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch +verschweigen mußte.</p> + +<p>Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre +Seelen einander, der Vatergüte des großen alten Mannes +immer wert zu sein – nach seinem Vorbilde zu wirken +und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich erneuten, +stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.</p> + + + +<p class="printer"><span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[386]</a></span> +Druck der<br /> +Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br /> +in Stuttgart +</p> + + + +<div class="advertisements"> + +<p class="anzeigen"><span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[387]</a></span> +Anzeigen des<br /> +Cotta’schen Verlages</p> + + +<p class="author"><span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[388]</a></span>Ida Boy-Ed:</p> + +<p class="title">Ein königlicher Kaufmann</p> + +<p class="subtitle"><em class="gesperrt">Hanseatischer Roman</em></p> + +<p class="center">16. und 17. Auflage</p> + +<p class="center">In Leinen gebunden 5 Mark</p> + + +<p class="besprechungen"><b>Aus den Besprechungen:</b></p> + +<p>Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, +das bezeugen schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch +wirklich ein gutes Buch. Es enthält treffliche poetische Schilderungen +der Landschaft, der Natur. Neben feinsinnigen Bemerkungen +über die modernen Menschen und das heutige Geschäftsleben +der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen +in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur +plastischen Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin +gestaltet den Roman reich an verschlungenen Situationen, +die meisterhaft gelöst werden.</p> + +<p class="reviewer"><b>Bohemia, Prag</b></p> + + +<p>Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte +ausmacht, das ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. +Die stolze Hansastadt mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern +taucht vor uns auf; die Verfasserin schildert das Innere eines +solchen, und ebensogut kennt sie sich im republikanischen Verfassungsleben +aus. Sie zeichnet diese kleine und doch wieder in +ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne Anerkennung +und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über den +übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die spezifische +Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede Familie +sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«. Natürlich +entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen Kaufmannslebens; +wir werden Zeugen von allerhand industriellen Gründungen, +nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. +Das alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur +immer von einer Romandichterin erwartet werden darf.</p> + +<p class="reviewer"><b>Deutsche Tageszeitung, Berlin</b></p> + + +<p class="author"><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[389]</a></span>Ida Boy-Ed:</p> + + +<p class="center">Im Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger +in Stuttgart und Berlin erschienen:</p> + + + +<div class="center"> +<table class="werke1" summary="werke"> +<tr><td></td><td class="preis"><span class="smaller">Gebunden</span></td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Die säende Hand.</span> Roman. 5. Auflage</td><td class="preis">M. 4.50</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Um Helena.</span> Roman. 3. Auflage</td><td class="preis">M. 4.50</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Ein königlicher Kaufmann.</span> Hanseatischer +Roman. 16. u. 17. Auflage</td><td class="preis">M. 5.—</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Die Lampe der Psyche.</span> Roman. 3. Auflage</td><td class="preis">M. 4.50</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Nur wer die Sehnsucht kennt ...</span> Roman +6. u. 7. Auflage</td><td class="preis">M. 4.50</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Die große Stimme.</span> Novellen. 3. Auflage</td><td class="preis">M. 3.—</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Stille Helden.</span> Roman</td><td class="preis">M. 5.—</td></tr> +</table></div> + + +<p class="center">In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen:</p> + + +<div class="center"> +<table class="werke1" summary="werke"> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Ein Tropfen</span></td><td class="preis2">Geheftet M. 2.50</td></tr> +<tr><td class="werk"><span class="larger">Getrübtes Glück.</span> Zwei Novellen</td><td class="preis2">Gebunden M. 4.—</td></tr> +</table></div> + + +<div class="center"> +<table class="katalog" summary="katalog"> +<tr><td></td><td>Gebunden</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[390]</a></span><em class="gesperrt">Althof, Paul</em> (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und andere Geschichten</td><td class="preis">M. 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Das verlorene Wort. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Andreas-Salomé, Lou</em>, Fenitschka – Eine Ausschweifung. Zwei Erzählungen</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ma. Ein Porträt. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ruth. Erzählung. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Anzengruber, Ludwig</em>, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Wolken und Sunn’schein. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Arminius, W.</em>, Der Weg zur Erkenntnis. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Auerbach, Berthold</em>, Barfüßele. 44.-46. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr> +<tr><td>–"– Auf der Höhe. Roman. 2 Bände</td><td class="preis">" 4.20</td></tr> +<tr><td>–"– Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände</td><td class="preis">" 4.20</td></tr> +<tr><td>–"– Spinoza. Ein Denkerleben</td><td class="preis">" 1.70</td></tr> +<tr><td>–"– Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte</td><td class="preis">" 2.10</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Baumbach, Rudolf</em>, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr> +<tr><td>–"– Aus der Jugendzeit. 10. Tsd.</td><td class="preis">" 6.20</td></tr> +<tr><td>–"– Neue Märchen. 9. Tsd.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd.</td><td class="preis">" 4.20</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Bertsch, Hugo</em>, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Birt, Th.</em>, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Böhlau, Helene</em>, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Boy-Ed, Ida</em>, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Stille Helden. Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Um Helena. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u. 17. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Bülow, Frieda v.</em>, Kara. Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Burckhard, Max</em>, Simon Thums. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Busse, Carl</em>, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.20</td></tr> +<tr><td>–"– Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Dove, A.</em>, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 9.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Ebner-Eschenbach, Marie v.</em>, Die erste Beichte. Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 2.—</td></tr> +<tr><td>–"– Božena. Erzählung. 9.-11. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Erzählungen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[391]</a></span>–"– Margarete. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Ebner-Eschenbach, Moriz v.</em>, <em class="antiqua">Hypnosis perennis</em> – Ein Wunder des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Eckstein, Ernst</em>, Nero. Roman. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">El-Correï</em>, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Enderling, Paul</em>, Zwischen Tat und Traum. Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Engel, Eduard</em>, Paraskenvúla und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Fontane, Theodor</em>, Ellernklipp. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Grete Minde. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Quitt. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Franzos, K. E.</em>, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 7.50</td></tr> +<tr><td>–"– Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Neue Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 8.—</td></tr> +<tr><td>–"– Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Frei, Leonore</em>, Das leuchtende Reich. Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Frey, Adolf</em>, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer Schweizerroman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Fulda, L.</em>, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Gleichen-Rußwurm, A. v.</em>, Vergeltung. Roman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Grimm, Herman</em>, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl.</td><td class="preis">"10.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Grisebach, Ed.</em>, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Harbou, Thea v.</em>, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile Ausgabe. 11.-15. Tausend</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Haushofer, Max</em>, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Heer, J. C.</em>, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Da träumen sie von Lieb’ und Glück! Drei Schweizer Novellen. 24. u. 25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Heilborn, Ernst</em>, Kleefeld. Roman</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Herzog, Rudolf</em>, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[392]</a></span>–"– Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Heyse, Paul</em>, L’Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 2.40</td></tr> +<tr><td>–"– L’Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben +– Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Geburt der Venus. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl.</td><td class="preis">" 6.80</td></tr> +<tr><td>–"– Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Neue Märchen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Martha’s Briefe an Maria. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 2.—</td></tr> +<tr><td>–"– Melusine und andere Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ninon und andere Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl.</td><td class="preis">"10.—</td></tr> +<tr><td>–"– Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr> +<tr><td>–"– Meraner Novellen. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Neue Novellen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl.</td><td class="preis">" 6.80</td></tr> +<tr><td>–"– Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr> +<tr><td>–"– Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr> +<tr><td>–"– Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr> +<tr><td>–"– Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Aus den Vorbergen. Novellen</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vroni und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Xaverl und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[393]</a></span><em class="gesperrt">Hillern, W. v.</em>, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– ’s Reis am Weg. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Hirschfeld, Georg</em>, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Höcker, Paul Oskar</em>, Väterchen. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Hofer, Klara</em>, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Hoffmann, Hans</em>, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ostseemärchen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Hopfen, Hans</em>, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Huch, Ricarda</em>, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Roman. 13. u. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe <em class="gesperrt">Kügelgen</em></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Junghans, Sophie</em>, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Kaiser, Isabelle</em>, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Keller, Gottfried</em>, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. 75.-80. Aufl.</td><td class="preis">"11.40</td></tr> +<tr><td>–"– Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr> +<tr><td>–"– Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl.</td><td class="preis">" 7.60</td></tr> +<tr><td>–"– Züricher Novellen. 78.-82. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr> +<tr><td>–"– Das Sinngedicht. Novellen – Sieben Legenden. 61.-65. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr> +<tr><td>–"– Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Knudsen, J.</em>, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Krauel, Wilhelm</em>, Von der andern Art. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Kügelgen, Wilhelm v.</em>, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl.</td><td class="preis">" 2.40</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Kurz, Hermann</em> (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Kurz, Isolde</em>, Unsere Carlotta. Erzählung</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Italienische Erzählungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Frutti di Mare. Zwei Erzählungen.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Genesung – Sein Todfeind – Gedankenschuld. Erzählungen</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Phantasien und Märchen</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen Renaissance. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 6.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Langmann, Philipp</em>, Leben und Musik. Roman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Lilienfein, Heinrich</em>, Von den Frauen und einer Frau. Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[394]</a></span>–"– Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die große Stille. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Lindau, Paul</em>, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 7.50</td></tr> +<tr><td>–"– Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Mauthner, Fritz</em>, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »<em class="gesperrt">Lügenohr</em>«</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Meyer-Förster, Wilh.</em>, Eldena. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Meyerhof-Hildeck, Leonie</em>, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Töchter der Zeit. Münchner Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Moersberger, Felicitas Rose</em>, Pastor Verden. Ein Heideroman. 2.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Muellenbach, E.</em> (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Aphrodite und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vom heißen Stein. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Niessen-Deiters, Leonore</em>, Leute mit und ohne Frack. Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Im Liebesfalle. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Mitmenschen. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Olfers, Marie v.</em>, Neue Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die Vernunftheirat und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Prel, Karl du</em>, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Riehl, W. H.</em>, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 7.—</td></tr> +<tr><td>–"– Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Neues Novellenbuch. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Rittberg, Gräfin Charlotte</em>, Der Weg zur Höhe. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Rommel-Hohrath, Clara</em>, Im Banne Roms. Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Roquette, Otto</em>, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bände</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Seidel, Heinrich</em>, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe. 10. Aufl. (51.-55. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (3. Tausend)</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Phantasiestücke. Gesamtausgabe</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[395]</a></span>–"– Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bände. 9. Tsd.</td><td class="preis">je M. 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd.</td><td class="preis">" " 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse herausgegeben von <em class="gesperrt">H.W. Seidel</em>. 2. Tsd.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Seidel, H. Wolfgang</em>, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Skowronnek, R.</em>, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Speidel, Felix</em>, Hindurch mit Freuden. Novellen</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Stegemann, Hermann</em>, Der Gebieter. Roman</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Stille Wasser. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Stratz, Rudolph</em>, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. 13. u. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Ich harr’ des Glücks. Novellen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Du bist die Ruh’. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen Armee. 36.-40. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Sudermann, Hermann</em>, Es war. Roman. 51.-55. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Telmann, Konrad</em>, Trinacria. Sizilische Geschichten</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Trojan, Johannes</em>, Das Wustrower Königsschießen und andere Humoresken. 4. u. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Uxkull, Gräfin Lucy</em>, Rote Nelken. Ein sozialer Roman</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Vockeradt, Emma</em>, Wanderer im Dunkeln. Roman</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Vogt, Martha</em>, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Vollert, Konrad</em>, Sonja. Roman</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[396]</a></span><em class="gesperrt">Voß, Richard</em>, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Watzdorf-Bachoff, E. v.</em>, Maria und Yvonne. Geschichte einer Freundschaft. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Wilbrandt, Adolf</em>, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr> +<tr><td>–"– Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Meister Amor. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Erika – Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Fesseln. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Franz. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Irma. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Novellen</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Familie Roland. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Der Sänger. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Villa Maria. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Wildenbruch, E. v.</em>, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Wohlbrück, Olga</em>, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 6.—</td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Worms, C.</em>, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +<tr><td>–"– Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Erdkinder. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr> +<tr><td>–"– Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.—</td></tr> +<tr><td>–"– Thoms friert. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.—</td></tr> +<tr><td>–"– Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr> +</table></div> + +<p class="center">Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende +Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext +vorgenommenen Korrekturen.</p> + + +<p><strong>Transcriber’s Note:</strong> This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1914. The table below lists all corrections applied +to the original text.</p> + + +<ul> +<li><a href="#Page_19">S. 19</a>: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden –«</li> +<li><a href="#Page_80">S. 80</a>: [normalized] der Duc d’alben → d'Alben</li> +<li><a href="#Page_203">S. 203</a>: Mahagoniegefährten → Mahagonigefährten</li> +<li><a href="#Page_254">S. 254</a>: Likowsky, der immer einen Augenblick → Likowski</li> +<li><a href="#Page_255">S. 255</a>: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann → Sörensen</li> +<li><a href="#Page_360">S. 360</a>: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen → vornüber</li> +<li><a href="#Page_368">S. 368</a>: dem Erz das Eisen ab erungen → abgerungen</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN *** + +***** This file should be named 29738-h.htm or 29738-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/9/7/3/29738/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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