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+The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stille Helden
+
+Author: Ida Boy-Ed
+
+Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+ Stille Helden
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Ida Boy-Ed
+
+
+ 1914
+
+ J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
+
+ Stuttgart und Berlin
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+
+ Copyright 1914 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
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+1
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+
+Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr
+geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag
+jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis
+zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde.
+Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und
+damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn
+sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein
+regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so
+zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein
+neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen.
+
+Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen,
+seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte
+Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder
+bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt
+arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und
+Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der
+Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem
+ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt
+wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein
+Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese
+Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer,
+aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen
+Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und
+gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen
+war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am
+raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde
+mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie
+erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel
+oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost
+gestattete.
+
+»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie
+’ne Wöchnerin,« sagte er.
+
+»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und
+schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht.
+
+»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der
+Geheimrat erbittert. »Na ja – wie denn nicht! Früher war ich sein Herr,
+jetzt ist er im Grunde der meine.«
+
+Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln
+Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem
+freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als
+fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von
+dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen,
+übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch
+die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man
+Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen
+– an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein
+Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick
+eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als
+der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der
+Riese jäh blaurot im Gesicht – stieß einen rauhen Laut aus – taumelte
+und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold
+habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden.
+
+Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und
+vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren
+konnte, und Leupold zog sich zurück.
+
+Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große
+Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine
+Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor.
+
+»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz’ ich ihn aus dem Bett!
+Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und
+er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...«
+
+Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal
+an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal
+zurückerwacht war zum Leben – auch eine Art von Wiedergeburt – – wie
+ihm das Bewußtsein kam – wie er die Lider öffnete – da sah er in ein
+treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen
+begann.
+
+Nur das Auge des Dieners – eines ergebenen Menschen – nicht das Auge
+seines Sohnes! –
+
+Ah – dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja
+mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in
+bezug auf Leupold.
+
+Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper
+muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ...
+
+Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese
+nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die
+unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares
+und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so
+gut, daß es das Ende ward ...
+
+In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige
+Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig
+– ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da
+schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der
+ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt.
+
+Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht
+für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals
+schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es
+keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen
+Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt.
+
+Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück
+Welt hin, darüber er der Gebieter war.
+
+Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im
+ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die
+kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der
+Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie.
+
+Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten
+hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und
+Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen.
+
+Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei
+Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu
+ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen
+Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen
+unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das
+Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern,
+hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer
+Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse
+diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben
+sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den
+verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in
+denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte.
+Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der
+Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße
+erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen
+und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die
+nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe
+bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den
+Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den
+rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich
+Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft
+von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all
+diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie
+andere waren, als die Natur sie schafft.
+
+Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin
+Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem
+Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm
+durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links,
+wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich
+zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich
+im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf
+welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf.
+
+Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und
+dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese
+Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt
+wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade
+gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer
+Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte –
+das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«.
+
+Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und
+Schlacken ...
+
+Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem
+Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm,
+dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel
+stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten
+lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den
+Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen
+Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in
+Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und
+Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß
+hinüber in die Straßen hinein – auch das Geld, das »Severin Lohmann« in
+Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,
+stärkeres Leben pulsierte.
+
+Der alte Herr sah gern hinüber – es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da
+wuchs – wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein
+Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.
+
+Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des
+andern Ufers fühlen.
+
+Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft
+hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar
+Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen
+wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie
+leer hinabgelassen hatten – Dampfer aus Schweden – aus Griechenland –
+Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt
+zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können.
+
+Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles,
+hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten
+von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz
+anzusehen war.
+
+Er dankte für Ruhe ...
+
+Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit
+Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im
+Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern
+Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine
+Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen
+sie.
+
+Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses
+Elend mit Wynfried ...
+
+Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage – ja, weiß Gott,
+ich weiß, was das ist ... wie’s gemeint ist mit dem Adler, der kommt,
+dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille
+ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an
+einem ...«
+
+Nun merkte er auf – ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen
+getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken.
+Ja richtig – was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag,
+das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen.
+
+Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im
+Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran
+mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur
+Führung beigegeben war – der eine auf einem hellen Fuchs, der andere
+auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen
+vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen
+und zogen zu einer Gefechtsübung aus – vielleicht um am Meeresstrand
+anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu
+verhindern.
+
+Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die
+marschierenden Gestalten.
+
+Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft
+gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem
+Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von
+Krankheit und Alter war in ihnen –
+
+Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren.
+
+»Ja, lieber Schönstedten – bin schon auf – kein Schlaf des Nachts –
+Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil
+verkauft – famos zugeritten, wie er war ...«
+
+Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck – Herrgott
+wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und
+imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er – und der
+da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant
+Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold
+seine Karte hereingebracht.
+
+Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte,
+mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast
+gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut
+gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er,
+der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine
+Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher
+schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn
+dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte,
+ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war,
+dachte er an seinen Sohn ...
+
+Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von
+Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren
+Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen – bin ja kein
+menschenfeindlicher Querkopf – aber da sitz’ ich nun – vorbei ist’s
+mit dem Gastlichsein ...«
+
+Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine
+Freundlichkeit erweisen konnte.
+
+Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen –
+da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu
+aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen,
+die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben –
+dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern
+nur an Pflicht denkt.
+
+Auch stille Helden – wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich
+bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und
+preist.
+
+Ja, die gibt’s auf allen Gebieten.
+
+So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den
+einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn.
+
+»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der
+Junge hatte es einmal gewünscht.«
+
+Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur
+lau gewesen.
+
+Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und
+späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das
+Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den
+ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich
+ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen – was
+sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an
+Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ...
+
+Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich,
+um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen.
+
+Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit
+all den Schüsseln und Speisen vor sich.
+
+Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung – durchschlug die
+Luft, als wolle er jemanden treffen ...
+
+Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie
+wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm
+Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du
+ihn weibisch erzogst ...
+
+Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln – er sah ihr schönes Gesicht,
+auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst.
+
+In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald
+erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht
+Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere
+Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch
+ärgerlich reizte.
+
+»Leupold!« sagte er befehlshaberisch.
+
+»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern
+abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer
+Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.
+
+»Ist mein Sohn schon aufgestanden?«
+
+»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad
+gegeben.«
+
+Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr
+etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang,
+spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können
+doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...«
+
+Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt.
+Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne
+schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner
+Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das
+ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn
+»was los« sei – was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber
+der würde es auch nicht verraten ...
+
+Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in
+Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht
+wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ...
+
+Geduld – wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist – die
+bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ...
+
+Was sollte mit seinem Sohn werden?
+
+Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun
+geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn
+wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf
+befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe
+hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im
+Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er
+überhaupt gearbeitet hatte, war unklar.
+
+Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null – sein Sohn!
+Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen
+hatte der Alte immer gehaßt.
+
+Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben
+Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von
+allen ...
+
+Ein Weib hatte ihn zerbrochen – er hatte sich zerbrechen
+lassen – – –
+
+Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte.
+
+Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für
+dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war.
+Erziehung – das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die
+Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch
+gewesen.
+
+Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre
+Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten
+können unbequem sein.
+
+Auch gehört Liebe dazu – und seine Frau hatte wohl, außer zu sich
+selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so
+aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist
+bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht – das wußte der alte
+Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte –
+früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das
+Philosophieren an ...
+
+Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer
+vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von
+den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist:
+Lieben und Leiden ...«
+
+Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie
+schroff sein Ausdruck gewesen war – das wußte er selbst nicht.
+
+Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach
+er: »Was weißt denn du von mir!«
+
+Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm!
+Einsam! Einsam!
+
+Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden
+bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ...
+
+Lieben und Leiden?
+
+Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen,
+Durchschnittlichen sei.
+
+Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht
+zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben
+wollen ...
+
+Helden müssen sie sein – aber in der Stille – denn es ziemt ihnen
+nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen.
+
+Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer
+Nächte bleibt ihr Geheimnis.
+
+Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in
+weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit
+einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte.
+Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der
+Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie
+Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn
+gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt.
+
+Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft,
+richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt,
+mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel
+Ergebenheit und Keuschheit aus – es war, als wehe der Hauch von
+Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften
+Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem
+stürmisch Leidenden half – und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal
+von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen
+sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr
+braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren
+Ausdruck so merkwürdig wechselnd war – beredte Hände.
+
+Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu
+Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann.
+
+Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er
+hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen – solche Männer gibt es. Es
+gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn
+sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur
+mit ihm in Berührung kommen – Frauen, die man isolieren sollte; wie
+Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt
+werden. Wunderlich – wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen
+die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen.
+
+Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.
+
+»Ich kenn’ meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine
+undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten – die äußeren Daten seiner
+Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? – Nichts? – Ich weiß
+es nicht.
+
+»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil
+er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron
+setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in
+vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht
+allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von
+Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat,
+will weiter existieren – volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft
+Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden –«
+
+Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend
+bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden,
+die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und
+Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt,
+Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte
+Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen
+für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht
+der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos
+ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der
+Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß,
+indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt
+engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ...
+Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. – Ja, solche Männer muß
+man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung.
+
+»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer
+Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen
+andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze
+bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...«
+
+»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum
+bleiben? Das tat weh nur zu denken – –
+
+Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz,
+all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken
+der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ...
+
+Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor,
+noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht
+wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem
+Reichtum?
+
+Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine
+glühende Unruhe.
+
+»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen
+worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch
+auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.«
+
+Aber wo die Rechte finden?
+
+Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige –
+ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts
+mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene
+nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der
+rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren
+drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht
+die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und
+von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob
+nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried
+passend.
+
+Keine – weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er
+müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert
+oder Unwert besaß, war ja erwiesen. –
+
+Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge
+gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes
+guter Engel werden konnte – denn sie war die eine, von der er vorher
+wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde
+nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.
+
+Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten
+über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich
+doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen
+Folgsamkeit erfüllt – hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein
+kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen
+fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben – leben!
+
+Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie
+sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf – die Sandsteintreppe
+zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der
+alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte
+das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind
+und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft
+trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins
+Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an
+der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter,
+dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und
+rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von
+Severinshof gebaut hatte.
+
+Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin.
+Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus
+folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des
+Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist
+verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen
+Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den
+Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die
+sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre
+Feierabendruhe erwarteten.
+
+Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien – dem
+Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein.
+
+Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte
+vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie
+pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die
+Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm
+sein bißchen Poesie. – Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags
+nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde
+lang.
+
+Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke
+Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.
+
+»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit
+erschütterte ihn beseligend.
+
+Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo
+er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. – Ihr
+Segen wäre über den Kindern – –
+
+Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien,
+um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so
+entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos
+in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit
+von Luxus umgeben gewesen war?
+
+Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos
+dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die
+Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und
+alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was
+man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte.
+
+Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen
+Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder
+mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln
+verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich
+immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog
+wie unter Peitschenhieben.
+
+Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen.
+
+Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus
+sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn
+ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel.
+
+Jetzt erschien ihr Haupt. – Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand
+sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte
+er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit
+den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien
+ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war
+so sorgsam – am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem
+lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. – Unter dem Arm trug
+sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie
+schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund,
+die tiefen grauen Augen – er kannte sie seit vielen, vielen Jahren.
+
+»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch
+eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens
+ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die
+Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ...
+
+Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen
+hatte. –
+
+Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen
+darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe
+heilig hielt.
+
+Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der
+Arbeitsriese – er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen,
+verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine,
+wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und
+das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm
+wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen
+können. – Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er
+schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte.
+
+In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war
+das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung
+von einst ...
+
+Klara grüßte herauf – und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte
+er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das:
+komm!
+
+Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes
+fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht
+geht.
+
+Ja sie – sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die
+Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück.
+
+In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille
+sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht
+des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all
+diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar
+nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum
+Unheil anderer Menschen.
+
+Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin
+meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. – In ihr
+kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt
+bleiben mußte.
+
+Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte
+er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das
+schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem
+atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen
+Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester
+und malträtiert mich – also bitte noch vorher.«
+
+»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen
+und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen
+fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich
+befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der
+auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So–o?« als Antwort
+hatte.
+
+Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des
+Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried
+Severin Lohmann bei seinem Vater ein.
+
+Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des
+Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches
+welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft
+gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden
+war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig
+– sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen
+standen, blickten leer in die Welt – ob aus Müdigkeit oder
+Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen.
+
+Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, – eine
+Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht
+entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase,
+das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht
+hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken,
+leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel
+ein wenig verzerrte. –
+
+Er war im Morgenanzug – das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und
+lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner
+Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter.
+
+»Guten Morgen, Vater – verzeih, daß ich so komme – aber es schien
+eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?«
+
+»Mag nicht gefragt sein, hab’ mich auch alle die Monate, seit dem
+Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch.
+
+Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam – mit Extrazügen
+hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß
+seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das
+hatte ihn in Paris, oder wo er grad’ gewesen war, mit eisernen Zangen
+festgehalten.
+
+Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken – neu anfangen.
+
+Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du
+gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß
+einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch
+den kostbaren Morgenanzug des Sohnes.
+
+»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du
+Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk’ ich: na ja,
+du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden
+Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie’n Frauenzimmer in seidene
+Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe,
+denk’ ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz
+unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor’n Kopf als dieses lila
+seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht
+abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn
+sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist
+mir was Fremdartiges. Nun – Randglosse. Überhör sie, wenn du willst.
+Und nu setz dich mal da ...«
+
+Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze
+zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die
+Besucher des Geheimrats dastand.
+
+»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen
+wünschest,« sprach der Sohn höflich.
+
+Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine
+Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern
+gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von
+_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die
+ganze Nacht beschäftigt.
+
+»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos,
+ziellos drauflos redeten – wie man so bei der ersten Gelegenheit zur
+Entladung tut – aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber
+praktischer sein,« begann der Vater.
+
+Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte
+die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes
+Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang.
+
+»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine
+Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin,
+sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.«
+
+Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den
+Faden der Weiterentwicklung ab.
+
+»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können.
+Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine
+Bedürfnisse – falls du diese nicht sehr einschränken willst. – Aber es
+ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig
+machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung.
+
+War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein
+Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese
+Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte.
+
+»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich
+werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben – Koppen ist diskret und ein
+zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine
+Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm
+durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen
+soll mir Details ersparen ... du verstehst ...«
+
+Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut
+des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich
+erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden
+und ihrer Art ersparen wollte – nicht die Rechnungen von Juwelieren,
+Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die
+Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte.
+
+Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld
+sein eigentlichster Wesenszug ...
+
+Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein
+Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ...
+
+Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.
+
+Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von
+allem – allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern
+würde – er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er
+ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht
+noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber
+Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum.
+
+Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend – er wußte
+jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß
+mitgeschwungen – sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies
+Roheisen – davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er
+zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als
+wolle ihn dies Wort verfolgen.
+
+Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden
+Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen
+kam – als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ...
+
+Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem
+Überragenden.
+
+Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht
+wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl – wie ein
+leise aufzuckendes Elend – darüber, daß er ein Nichts sei – sich jäh
+als solches fühlte – zum erstenmal.
+
+Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater
+und Sohn.
+
+Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse.
+
+»Ich danke dir für deine Großmut.«
+
+»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der
+Geheimrat.
+
+Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine
+Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder
+ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen
+Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.
+
+»Nein!«
+
+»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige
+denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.«
+
+»Aber ich habe doch ...«
+
+»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt
+gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder
+bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das
+Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große
+Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich.
+Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu
+behaupten ...«
+
+Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer
+Ausdruck über dieses Antlitz flog – es schien nicht mehr das eines
+gewöhnlichen Sterblichen – monumentale Größe war darin – Kraft von
+übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode
+trotzen, wenn er wolle ...
+
+Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist
+doch einmal mein Nachfolger – du mußt dich darauf vorbereiten – dich
+einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner
+vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die
+rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst.
+Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein,
+und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster
+Mitarbeiter – geschäftlich mein anderes Ich – trotz der völlig
+verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel – er mir auch –
+Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr
+auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts
+sein ohne ihn – du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein
+Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist
+du einverstanden?«
+
+»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos.
+
+Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese
+erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine
+Furcht aufblitzen ...
+
+Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war?
+Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die
+ihn von ihr absperrte?
+
+»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich
+– gestehst du mir das zu?«
+
+»Ja.«
+
+»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht’ ich, wenn ich
+so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_
+fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na – der Wunsch wurde mir
+erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht – man bekreuzigt sich,
+daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen,
+Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet – und mich – mich hat sie
+auch was gekostet. Glaub nur – es war ein harter Augenblick, als man
+mir dein Telegramm gab – ›Unabkömmlich – hoffe auf deine rasche
+Genesung‹– Unabkömmlich! – Wenn der Tod an des Vaters Lager steht!
+Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst,
+eine – _Dirne_ zu verlieren ...«
+
+Die Faust ballte sich – die Worte waren schwer von Schmerz.
+
+»Verzeih – ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme.
+
+»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in
+Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich
+die edle Dame – weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der
+ihr standesamtlich ’ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal,
+Wynfried – so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der
+Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre.
+Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?«
+
+»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem
+Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich
+verachte diese Frau und alle Frauen.«
+
+»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast
+zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein
+Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf –«
+
+Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.
+
+Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem
+Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen?
+Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen
+Tod ihn verändert?
+
+»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus,
+wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du
+heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt
+geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. – Die
+scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. – Nur durch eine Frau
+kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs
+Weib gestellt. – Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut
+abnimmst.«
+
+»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange
+Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das
+seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. –
+
+Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er
+begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war.
+
+Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich
+das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß
+vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens
+Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters
+zu erringen – das Verlangen danach wallte in ihm auf – zum erstenmal,
+seit er denken konnte.
+
+»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne
+heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte
+sich zu zerbrochen zum Kampf.
+
+Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes
+gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen
+gegen Welt und Weib.
+
+»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er
+doch auf seinen Vorschlag hören.
+
+»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried
+ausweichend.
+
+»Ah – ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.«
+
+Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in
+der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre
+heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen,
+daß er vielleicht unzart vorgehe ...
+
+»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich – nur um den Vater
+nicht zu reizen.
+
+»Klara Hildebrandt.«
+
+»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor – der sich erschoß –
+wegen verfehlter und verbotener Spekulationen – du hast dich des Kindes
+angenommen – die –?«
+
+»Ja – die.«
+
+»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen
+Tochter ankam. – Es gibt so Dinge – man behält sie, obschon sie
+eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben
+– aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig
+war. – Ja, ich weiß noch – Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage,
+deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren – ich hatte so viel
+Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und
+nicht durfte. – Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der
+Weg versperrt war – und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden
+möge. – Die Frau war sehr schön – ich begriff damals nicht und auch in
+den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz
+anders vorkam. – Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber
+reiner Weiblichkeit – wenn ich mich recht erinnere ...«
+
+»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr
+waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...«
+
+Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf.
+
+Sein Sohn sah ihn an – ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange
+ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was
+weißt _du_ von _mir_!«
+
+Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was
+dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen
+können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb
+– wie er für das Kind gesorgt. –
+
+Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn –
+
+Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und
+eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ...
+
+Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen
+unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ...
+
+»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,«
+sprach er langsam.
+
+Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. – Obgleich Wynfried wußte, der
+junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die
+Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal
+vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer
+seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen
+Druck der Hand – war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues
+Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,
+sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?
+
+Kannten sie sich denn jetzt?
+
+Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in
+Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_
+von _mir_?«
+
+Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das
+elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn.
+
+Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett.
+
+Er starrte ins Unbestimmte.
+
+»Eine Kugel durch den Kopf – das wäre das richtigste ...«
+
+Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines
+Vaters Angesicht. – Er hatte eine Vision. – Sein Vater stand an seiner
+Leiche, aber der alte Mann weinte nicht – Verachtung war in seinen
+Zügen, die furchtbar schienen.
+
+Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück – das
+fühlte er.
+
+Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten?
+
+Ah – gleichviel unter welchen – wenn sie ihm nur Inhalt für sein
+Dasein vortäuschten.
+
+Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten
+würde.
+
+
+
+
+2
+
+
+Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der
+beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt
+erwartet wurde.
+
+Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst
+paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den
+Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein
+Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller
+mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden
+seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte
+sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara
+Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre
+zweijährige Tochter mitgebracht – wenn also böswillige Menschen davon
+munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so
+war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr
+umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau
+gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare,
+stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal
+gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen
+machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten.
+
+Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten
+Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit
+sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen
+Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in
+den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und
+das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher
+Lebensinhalt.
+
+Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an,
+die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur
+Begutachtung gezeigt wurde.
+
+»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so
+durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich
+eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er
+gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte.
+
+Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders
+rätselhaft.
+
+Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie
+zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine
+Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren
+Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen.
+
+Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die
+Frage: Wie fang’ ich das an?
+
+Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und
+hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten
+durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen
+alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen
+Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute
+mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen
+Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer
+Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried
+unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in
+seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der
+Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes
+noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme
+Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich
+noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung,
+gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ...
+
+Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in
+der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um
+fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge.
+
+»Dann kann ich dich ihr vorstellen.«
+
+Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er
+verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er.
+Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem
+ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie«
+– seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen
+Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen – und
+andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit
+schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und
+anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen – – Ja, all diese würden
+sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum
+Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten – alles
+war egal –
+
+Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der
+gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu
+wälzen: Wie fang’ ich das an?
+
+Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß
+dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde.
+
+Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen
+Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit
+neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen
+zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das
+feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem
+ungewohnten Laut vergrämt wird? – War es klüger, zu schweigen oder zu
+reden? den Dingen ihren Lauf lassen?
+
+Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge
+abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war
+als der Dunkle, der neben ihm lauerte?
+
+Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann,
+dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte?
+
+Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es
+meinetwegen tun ...
+
+Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. – Es sollte doch für sie
+kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung
+finden, und damit das Glück ...
+
+»Wie fang’ ich es an?«
+
+Er fand keine Antwort.
+
+Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken
+Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte
+abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für
+die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen.
+
+Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar
+wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien
+– bei seinem Zustand!
+
+Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales.
+Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken.
+
+Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine
+Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den
+bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der
+Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,
+umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der
+Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend
+fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft.
+
+Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der
+Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der
+Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und
+geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach
+Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab.
+
+Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß
+glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde
+träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und
+schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel
+fleckend.
+
+Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten
+Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten,
+auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die
+drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte
+man auch den Blick auf das Werk.
+
+Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen.
+Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau
+gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl
+oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine
+Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich
+doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für
+seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab
+in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese
+Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald
+vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk – und
+bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen
+– wirklich zu blühen ...
+
+O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen
+wunderbar trotzigen Willen zum Leben.
+
+Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas
+Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich
+künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt.
+Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß.
+
+Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine
+Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler
+entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles
+zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie
+spielen – welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde –
+im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem
+Leben selbst.
+
+So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein
+hindurch ein Arbeitender gewesen.
+
+Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit
+sein Herz gehängt hatte.
+
+Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der
+Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr
+weit eine Rechte entgegenstreckte.
+
+»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der
+Ähnlichkeit ergriffen.
+
+Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede
+Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. – Er besaß kein Bild von der
+längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren
+vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden.
+
+Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche
+der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die
+Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter.
+
+Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune,
+reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen
+Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend
+gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der
+klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes
+Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es
+Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und
+sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke
+waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht
+haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß.
+
+»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn
+ist wieder da!«
+
+»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr
+Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.«
+
+»Hätt’ ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion,
+und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben – ’ne kleine alte
+Klatschbase bleibt sie doch.«
+
+»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte
+entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.«
+
+»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.«
+
+Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen
+und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn
+hier haben. – Er war so lange nicht zu Haus.«
+
+»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so
+lange fernhielten. – Liebe Klara – in der Welt draußen haben sie
+meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. – Er muß sich
+besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so
+gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er’s besser als hier. Arbeit
+und Familie – das ist die Gesundheit.«
+
+»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater
+zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu
+sein ...«
+
+Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne
+Tradition – ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus
+anzugehören. – So ein Haus bekommt Geschichte. – Wie Sie die Gründung
+Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.«
+
+»Wer weiß – wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung
+nimmt, die ich erhoffe – dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der
+Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme – wo so das
+Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. – Ein
+wenig müßt’ ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters
+imponieren. – Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche
+Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie – denn wissen Sie, liebes
+Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers – seins
+allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was
+sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit,
+das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein
+Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck
+keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden!
+Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen
+ganzen Posten davon – mehr als Geld – das weiß Gott. Aber er besaß die
+Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er
+diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz
+gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke
+ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein – sie
+allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen – und dies
+Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. –
+Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich.
+Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von
+Natur aus da sein: Erz oder Kohle – aber beides heranschaffen – das
+macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor:
+wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache,
+dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die
+Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch
+auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für
+Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum
+Aufblättern bringt – na, der muß schon was Suggestives an sich haben.«
+
+Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an
+allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf.
+
+»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing – er selbst
+verstand auch nichts von Hüttenchemie – kann sein, daß er nicht von
+vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen
+– ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs
+neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines
+Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch
+ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben.
+– Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus – lernen – lernen. –
+Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle
+hinaus. – Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne
+zusammen und schwor mir: ich mach’s! Als der Vater starb, war ich ein
+Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung
+– zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das
+teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte –
+gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen.
+
+»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir
+seinen Direktor mit – einen Mann von kolossalem Wissen und Können. –
+Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf
+den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die
+ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt’
+ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als
+Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer
+Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...«
+
+Er verlor sich in Nachdenken.
+
+Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren.
+
+Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den
+Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet.
+
+»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er
+dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig
+waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus
+›Severin Lohmann‹ zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten
+Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so
+früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch
+immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach
+einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte,
+was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und
+Mann eins – auch dem Namen nach – und daß mein Junge den sentimentalen
+Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den
+Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.«
+
+»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von
+Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles
+Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer
+rätselhafter, daß ...«
+
+»Daß was, liebes Kind?«
+
+Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene
+Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke.
+
+»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten
+und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an
+Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg
+und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld
+gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie
+sich angenommen wie meiner.«
+
+»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?«
+antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt.
+
+Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke,
+lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese
+Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich.
+
+»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu
+Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem
+Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind – es ist so
+natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, – »ich wäre
+bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs
+dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach
+Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl
+couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie
+sprachen. – Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich – aber
+Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern
+Leuten.«
+
+Er sah sie tief an – und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie
+etwas befangen machte.
+
+Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich
+keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das
+zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum
+daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und
+mich hier an der Schule anstellten.«
+
+»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?«
+
+»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich
+alles nicht angenommen wurde – aber ich darf doch jeden Sonntag
+kommen ...«
+
+»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die
+gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie
+aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ...
+
+»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. –
+Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen.
+Bitte Herr Geheimrat, ich hab’ manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen
+mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?«
+
+Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet
+gewesen. – Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und
+Selbstmord zu verzeihen gehabt! – Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte
+manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen,
+nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter
+Geschwätzigkeit litt – aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen –
+und können dennoch manchmal völlig schweigen – wo sie lieben und
+schonen wollen ...
+
+Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren
+Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für
+immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg
+doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand
+oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die
+Füße.
+
+Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater
+war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ...
+
+Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.
+
+Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht
+verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so
+eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie
+früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ...
+
+Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher
+Innigkeit um die Wahrheit baten.
+
+Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O
+nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!«
+
+Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, – die
+heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. –
+Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein
+abgleitender Blick. – Dies Auge wich ihr aus? – Dies gebieterische
+Herrenauge, das sonst andere bezwang – was bedeutete das?
+
+Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu
+wissen.
+
+»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam.
+
+Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an.
+
+»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter – ich habe – sie war – – Liebes Kind!
+Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.«
+
+»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich
+verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen
+– daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und
+verschleiert bliebe.
+
+Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und
+Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir
+wußten es rasch – wir waren füreinander bestimmt gewesen – sie mein
+Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum
+gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns.
+Meine Frau hätte mich niemals freigegeben – nie – aus kleinlicher
+Schadenfreude nicht. – Unsere Lage war bitter – sie war gefährlich –
+aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...«
+
+Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner
+Mutter ...«
+
+Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie – und sie küßte
+seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter
+ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und
+ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an.
+
+»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er.
+
+Sie lächelte mit Tränen in den Augen.
+
+Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.
+
+»Es war immer schon, als wär’ ich’s, wie ein Vater haben Sie an mir
+gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher
+gekommen ...«
+
+Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen – von ihrer
+Mutter – vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen – von der
+Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr
+eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben – was war
+es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber
+den Gatten ihrer Mutter?
+
+Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat
+gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!«
+
+Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie
+der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen.
+
+Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken
+Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über
+die ihres Vaters schweigend hinwegging.
+
+Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ...
+
+»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger
+Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit.
+
+Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe –
+wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das
+Zittern seiner Hand – das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch
+nicht aufregen.
+
+Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst
+irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in
+das Alltägliche hinüberzubringen – wie es eben für den noch
+Schonungsbedürftigen am besten war.
+
+Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war
+Wynfried – der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum
+je wirklich mit ihm gesprochen.
+
+»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen
+– Fräulein Klara Hildebrandt.«
+
+Klara reichte ihm freundlich die Hand.
+
+»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.«
+
+»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame
+Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er.
+
+»Aber nein – garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie
+waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von
+mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer
+oder Ihrer Mutter.«
+
+»Ja – ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir –
+ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt,
+nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.«
+
+»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie
+mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater – den einzigen
+Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht
+hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte
+sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre
+natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte
+ihn ihr doch gleich interessant.
+
+»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.«
+
+»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich
+durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist
+mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.«
+
+Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu.
+
+Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl – als sei er hier zwei
+Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche?
+Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein.
+
+Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es
+ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön
+war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter
+ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im
+Klang der sanften Stimme aus.
+
+Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von
+strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln
+vermocht.
+
+Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen
+eingestellt – die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm
+sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige
+Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte –
+und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen.
+
+Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch,
+der neben dem Krankheitsthron stand.
+
+»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß
+Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.«
+
+Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie
+hat – überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze
+Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch
+Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon
+versteht.«
+
+»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?«
+
+»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,«
+warf der Geheimrat ein.
+
+Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er
+sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner
+Angelegenheiten denken könne.
+
+»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der
+Arbeiterschaft zu unterrichten?«
+
+»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und
+mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig.
+
+»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude
+gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen
+Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt
+– Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen
+verschaffen können.«
+
+Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort – diese ganze Szene
+unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann
+der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr
+er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den
+beiden!
+
+Klara schüttelte nur leise den Kopf.
+
+»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine
+Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier
+geboren. Hier bin ich aufgewachsen – inmitten des Werks habe ich meine
+ersten Eindrücke gehabt – später hab’ ich an seinen Grenzen gelebt,
+immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt
+hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater,
+ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und
+selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab’ ich etwas anderes im Gefühl
+gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für ›Severin
+Lohmann‹ tätig sein müsse. Wie sollt’ ich’s? Als Buchhalterin?
+Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall
+gewesen – dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich
+mag erziehen – auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen
+macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden
+mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule
+unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an ›Severin Lohmann‹.
+Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt’s mir vor, als
+ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater
+und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?«
+
+»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat.
+»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...«
+
+Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen.
+
+Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so
+beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier
+ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich
+verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch
+noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben
+in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht
+einst geliebten Frau zu versorgen ...
+
+Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der
+alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen.
+Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen
+wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.
+
+Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie
+nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr
+zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich
+gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine
+treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei,
+erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf
+geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen
+Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und
+Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer
+Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar
+Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man
+mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht
+und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten
+Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und
+Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als
+Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre – und man
+spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges
+Pröbchen von Dummheit war.
+
+Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende
+anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches
+Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte
+er durchaus.
+
+Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der
+Begrenzung machte ihn betroffen.
+
+Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und
+beruhigend?
+
+Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt – vielleicht für immer.
+Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer
+Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen.
+
+Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings-
+und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor
+seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von
+Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten
+Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles,
+grünes Stückchen Wald ...
+
+Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß
+Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die
+Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? –
+Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer
+gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der
+Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte – wie sie floh, sobald sie
+konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ...
+
+Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war
+ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte
+sich dennoch gezwungen, zu glauben.
+
+Er wurde nach und nach sehr schweigsam.
+
+Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden
+lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die
+Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit
+uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ...
+
+Sie stand auf.
+
+»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.«
+
+»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr.
+
+»O nein – danke sehr – nein –,« lehnte Klara ab.
+
+Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung
+ergebend ...
+
+»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre
+Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen
+Tischgenossen an meiner Krankentafel – Wynfried muß unten allein essen
+– kommen Sie doch diese nächsten Tage – bis er etwas eingelebt ist –
+etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch
+vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als
+Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm’ ich dann auch mein
+Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.«
+
+Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_
+merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch
+sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken
+vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch
+schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche
+Züge zuweilen bemerkbar?
+
+Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er
+war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er
+konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu
+zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis)
+weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben
+werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die
+der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs
+wegen so gewachsen sein würde.
+
+Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten.
+
+Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit – so überflüssig erschien
+er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater.
+
+Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen
+Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine
+Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ.
+
+»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie
+kurzweg.
+
+Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend.
+Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen
+zu werden.
+
+Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und
+Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn
+herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen
+dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte
+früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln
+anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der
+Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie
+dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten.
+
+Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen
+wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster
+Wichtigkeit. –
+
+Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen
+hatte, um zu fragen: »Nun?«
+
+»Was – nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von
+einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?«
+
+»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich
+wissen.«
+
+»Wohltuend – ganz und gar – ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig
+näher kennen lernen – muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so
+etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe –
+wie sollt’ ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich
+nicht in sie verlieben. – Ich? – Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir,
+ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.«
+
+»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater.
+
+»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die
+seinen Vater gehaßt hatte.
+
+»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er
+weiter.
+
+Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte,
+als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung.
+
+»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben.
+Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren
+Tones – der grollte gleichwie aufkochender Zorn.
+
+»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. –
+
+Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die
+Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne
+Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die
+Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen
+schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden
+waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur
+von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und
+Lieschen auch artig seien.
+
+Sie hielt freundlich stand.
+
+Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an
+Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie
+dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit
+ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem
+Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste – o nein!«
+
+An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn
+kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der
+umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder
+ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der
+Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling
+anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn
+und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb
+des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale
+Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung
+genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und
+Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang
+zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies
+Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das
+dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war
+so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten.
+
+Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu
+genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende
+Erinnerungen tauchten auf – sahen nun, da sie vor dem Auge einer
+Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem
+Kind dargestellt hatten. – Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen
+voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem
+Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme
+Jammer der Mutter – ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus
+– dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats – düster und
+beherrschend. – Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen.
+– Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen – die Schrauben
+knirschten so – man hörte sie. – Die Mutter bebte nebenan und preßte
+ihre Tochter heftig an sich. – Damals dachte Klara, das sei immer so,
+wenn ein Mensch sterbe – all diese Einzelheiten. – Heute mit einem
+Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ...
+
+Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe
+eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen.
+
+Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen
+Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins
+Gesicht zu sehen – so kam sie in der kleinen Wohnung an ...
+
+Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über
+dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein
+Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche
+umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski
+vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst
+das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause
+hereingefahren.
+
+Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug.
+Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum
+Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald
+angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie
+von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden.
+
+Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen
+gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras
+Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt
+werden konnte.
+
+Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie
+den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles
+beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen:
+der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von
+dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem
+Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt
+zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von
+Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien –
+der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß
+demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt
+geigen möge.
+
+Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das
+heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge.
+
+Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei.
+
+Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden.
+
+Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte
+Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch
+einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt
+lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf
+bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die
+Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara
+zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so
+deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet
+wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst
+du, ich ängstigte mich.«
+
+Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den
+Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein
+ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete.
+
+»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten.
+Ich wußte nicht recht, was ich sollte.«
+
+»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender
+Neugier.
+
+Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum – auf sachten,
+aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen
+bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters
+erschien ...
+
+»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst,
+daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es
+schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,
+bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im
+Hause des Geheimrats unterrichtet war.
+
+Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die
+Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus?
+Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?
+Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier
+sei?
+
+Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das
+Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich
+vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als
+ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines
+Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten.
+
+»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm
+an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus.
+– Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen
+Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag’
+ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie
+treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den
+Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er – horch – wir wollen
+achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...«
+
+Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der
+Vorhänge zu verbergen.
+
+Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den
+Gleichgültigkeiten rundum.
+
+Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen,
+wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt,
+sich davon ermattet zu fühlen.
+
+»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie.
+
+Und plötzlich brach es aus ihr heraus.
+
+»Ich bitte dich – laß die fremden Leute – komm – ich muß mit dir
+sprechen, dich etwas fragen –«
+
+Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort.
+
+»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es
+mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen,
+wenn ich dich etwas fragte?«
+
+»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so
+starke Töne anschlug. – Sie war doch fast nie zärtlich, und nie
+aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der
+Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise.
+
+»Wie sollt’ ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?«
+
+»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so
+frühen Jahren?«
+
+Wie strenge Klara aussah – die geraden Brauen schoben sich näher
+zusammen, ihre Augen brannten.
+
+Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme
+Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage!
+
+Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl
+eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war.
+In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war
+man ganz klein davor ...
+
+»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.«
+
+»Ah –« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte
+Frau. – So drang schon diese Bewegung auf sie ein ...
+
+»Ah – also es ist etwas zu verschweigen ...«
+
+»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das
+nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_
+Manne gegeben worden war?«
+
+»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du
+sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann
+zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun
+völlig außer sich.
+
+Also es gab Schmachvolles zu verbergen!
+
+»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte
+wohl damals ... Aber der Geheimrat – du kennst ihn ja. – Er _wollte_
+alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was
+es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.«
+
+Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für
+Klara zur Folter.
+
+»Sag doch endlich, was denn – was denn ...«
+
+»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir
+versprichst, mich nie zu verraten ...«
+
+»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest.
+
+Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute
+bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur.
+
+Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie
+erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde.
+
+»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden.
+Großes Gehalt, Tantieme. – Das schaffte nicht genug, – woher ihm diese
+Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin,
+und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau
+wohl nicht. – Und er spekulierte. – Obwohl sein Kontrakt es ihm
+verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar
+gegen des Geheimrats Unternehmungen – oder unter Benutzung von ihm
+bekannten Chancen, die ›Severin Lohmann‹ hätten zugute kommen müssen. –
+Und so derlei. – Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was
+hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein
+Lamprecht, der ja Arzt bei ›Severin Lohmann‹ und allen Beamten war, aus
+dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der
+Schlag gerührt. – Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart
+bewiesen. – Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein
+Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort
+zum Geheimrat. – Und der nahm alles in seine Hand – die Hand kennen
+wir – stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und
+auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel
+geschlossen wurde – damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten,
+das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.«
+
+Klara stand regungslos.
+
+Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter,
+und die alte Frau legte sich keine Hemmung an.
+
+»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der
+Geheimrat habe es ihm befohlen – später befahl er selbst es auch noch
+mir, als du zu mir kamst. – Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte
+meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension
+gekostet – und dich hätte er mir nicht gelassen. – Das Finanzielle
+nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet
+haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für
+dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer:
+das sei alles wegen deiner Mutter – die hätte er wie ’ne Heilige
+verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen
+Idealismus – und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er
+hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär’ ich ’n rauher
+Autokrat geworden. – Ja Kind – nun weißt du es! Aber – o Gott, wenn
+du mich an ihn verrätst!« jammerte sie.
+
+»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen
+Schwur.«
+
+Die alte Frau hörte die tonlosen Worte – aber zugleich blitzte durch
+ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen.
+
+Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der
+Haustür nähern.
+
+Mechanisch – es trieb sie – war sie, husch, wieder am Fenster.
+
+»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig.
+
+Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ...
+
+Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch
+aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der
+Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm
+und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in
+melancholischem Schatten lagen ...
+
+Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ...
+
+Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher – ihre Augen blieben an der
+Uhr hängen – die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke
+Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und
+her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor
+von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes
+Liebeslied ...
+
+Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.
+
+Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und
+zerschlagen ...
+
+Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte – weinte.
+
+Was hatte er alles getan – für sie und ihre Mutter!
+
+Wie ihm jemals genug danken!
+
+»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!«
+
+Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht
+ein.
+
+Wie ihm jemals genug danken?
+
+Ein Leben reichte dazu nicht aus. – Mit welch heißer Freude würde sie
+es für ihn hingeben.
+
+Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn
+opfern zu dürfen.
+
+
+
+
+3
+
+
+Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen
+Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von
+Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten
+Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den
+letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen
+Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität
+morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen
+suchte.
+
+Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die
+Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt
+habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein
+_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett
+des Vaters kam.
+
+»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter,
+nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt,
+unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto
+mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.«
+
+Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht
+noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich
+werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und
+Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold,
+dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen,
+daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe
+herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben
+liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig – das war gewiß
+ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der
+Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen
+Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld
+kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten
+also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend
+liegen mochte.
+
+»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat
+spöttisch hinter ihnen her.
+
+In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk
+brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf.
+
+Wie einfach.
+
+Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar
+Einfaches. –
+
+Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und
+trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und
+zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und
+Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten
+Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß
+es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das
+fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei;
+seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der
+Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am
+Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton
+entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den
+weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten.
+Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der
+höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden.
+
+Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten
+Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben
+getragen.
+
+Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf
+eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und
+fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er
+die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen
+niederzuhalten.
+
+Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief
+seines ganzen Lebens.
+
+An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:
+
+
+ »Mein teures Kind!
+
+ Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit
+ gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der
+ Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die
+ mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die
+ Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten,
+ daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist,
+ brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also
+ darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.
+
+ Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu
+ sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten,
+ der Grund, weshalb ich schreibe.
+
+ Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht
+ bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß
+ erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude
+ sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen
+ sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war,
+ der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter
+ ablenken durfte ...
+
+ Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt!
+ Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen.
+ Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr
+ nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten
+ Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen.
+ Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte.
+
+ Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen
+ Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!
+
+ Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen
+ Worte aus.
+
+ Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll
+ Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in
+ seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen
+ Schmerz mit sich herumtrug.
+
+ Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden –
+ nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben
+
+ Ihr väterlicher Freund
+ Severin Lohmann.«
+
+
+Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in
+die Feder kam, feuchtete sich sein Auge.
+
+Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher
+Besitz als unser Glück?
+
+Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara
+seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so
+verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit – sie war wie von
+zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie
+Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung –
+ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene
+Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich
+einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet.
+
+Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte.
+
+Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner
+hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu
+dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, – weil es
+dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche
+Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit
+darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden.
+
+Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht!
+
+Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war
+seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer
+gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends
+zerstören mußte.
+
+Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff
+war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. –
+
+Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger.
+
+Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara
+zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen.
+Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und
+Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein
+Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er
+nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.
+
+»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater
+geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch
+nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das
+rührendste verändert, seit du hier bist.«
+
+Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten.
+Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei,
+er stand so unberührbar fern von diesen Dingen – sein Herz war tot.
+
+Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn
+in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der
+letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim
+– konnte in Ruhe nachdenken – sich vielleicht, wenn sie wollte, mit
+der Pflegemutter aussprechen – war gefaßt und klar in ihrem Entschluß,
+wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles.
+
+Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht
+Schläge herklingen lassen. –
+
+Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade
+ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.
+
+Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war’s ja draußen viel
+erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt.
+Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne
+gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der
+Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem
+braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre
+Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft.
+
+Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller
+Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die
+am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren
+so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre
+Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl
+von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. – Keine
+fröhliche Morgenfrühe. –
+
+Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor
+ihr herging – die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu
+nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen
+waren wie bestäubt von Regentropfen.
+
+Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem
+Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit
+der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß
+Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach.
+
+Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache,
+regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe
+Arbeit frisch zu halten hat.
+
+Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen
+Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund
+mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine
+hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines
+künftigen Divisionärs – zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden
+mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen.
+
+Richtig – die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging’s die Fahrstraße
+hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien,
+als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe
+der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine
+gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten.
+Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des
+Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie
+bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines
+Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen
+Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt
+vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme
+wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten
+und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen
+merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie
+ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar
+hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er
+sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen
+begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen
+ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab,
+wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave.
+
+Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen
+eingerammten Stämme, der Duc d’Alben, wie auch die ziegelroten
+Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der
+Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See
+erinnernden Charakter.
+
+Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den
+Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als
+strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut.
+
+Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man
+noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts
+gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter
+Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte
+nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen.
+
+Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken
+Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem
+Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein
+Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß.
+
+Der Hauptmann stieg zuerst ein – es bedurfte dazu nur des einen
+Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara
+aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen,
+tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte
+der andere Offizier.
+
+»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.«
+
+Klara nickte – sie schloß gerade ihren Schirm.
+
+»Mit dem aufgespannten Schirm – im Winde – das ist mehr Hindernis als
+Schutz,« sagte sie.
+
+»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er
+wohlwollend.
+
+»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich
+für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie.
+
+»Bitte –« sagte jetzt der Kamerad.
+
+Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning – Fräulein
+Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das
+gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen
+Hauseigentümerin.«
+
+Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den
+Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der
+Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu
+lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf.
+
+Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war
+sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als
+sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines
+dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen
+Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war
+in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man
+sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze
+Erscheinung gefiel ihr – sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem
+feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die
+Spuren schlammiger Wege klebten.
+
+So stand er vor ihr. –
+
+Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein
+Rahmen – voll Bedeutung.
+
+Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit
+angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt.
+Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der
+Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit.
+
+Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger
+Schein zwischen seinen Bauten.
+
+Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der
+Höhe.
+
+»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich
+übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning.
+
+»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich
+bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da
+wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit
+meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach.
+
+Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend
+aneinander fest – denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das
+Gleichgewicht verloren.
+
+Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem
+Beispiel.
+
+Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten
+hoch.
+
+Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und
+ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden
+Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen.
+
+»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er.
+
+Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in
+Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte:
+»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin
+Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.«
+
+Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat
+zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich
+interessanter.
+
+Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas
+Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht
+Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig
+hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig.
+Pflegetochter – das ist zu viel gesagt.«
+
+Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der
+Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal
+bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...«
+
+»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen
+Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig – er
+war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich
+war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?«
+
+»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich
+hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird – die linke Hand kann
+er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder
+klar – das ist das große Glück ...«
+
+»Pu–r–r–r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und
+Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt – na, nu hopp!«
+
+Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der
+Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen
+Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der
+Oberleutnant.
+
+»Darf ich Sie bitten – Fräulein Hildebrandt? – nicht wahr? – Herrn
+Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche
+auszurichten.«
+
+»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch
+nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen – darf
+noch nicht.«
+
+Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten,
+Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker
+hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des
+Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige
+Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus – so, als sei es
+vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte,
+um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.
+
+Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein.
+
+Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby«
+Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im
+Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig
+bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben.
+
+Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des
+Werkes hin – nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden
+vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das
+mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen
+Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den
+Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch.
+Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus,
+und ihre Nüstern dampften.
+
+Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die
+Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging.
+
+Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht,
+ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen
+anzustellen.
+
+»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt – im Grunde – nee wirklich – tun
+wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um
+aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu
+machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich
+mit der Wimper zucken, wenn’s endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und
+danken tut uns das keiner – Ihnen nich – uns nich – is auch egal! In
+der stillen Schufterei is doch was drinn – das erhebt. – Na, also:
+empfehl’ mich gehorsamst ...«
+
+Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat
+auch Marning.
+
+»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will –«
+
+Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht – das war ein
+abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung.
+
+Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht
+verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und
+der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen
+Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der
+Räder floß gelbes Wasser.
+
+»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte
+Marning.
+
+»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder ’ne schiefe – man weiß
+nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. – Kann
+einen dauern. ’n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten
+Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die
+zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der
+Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.«
+
+»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und
+sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr.
+
+»Das erstere allemal – der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das
+zweite sagen Sie nich – vielleicht erst recht. Na – aber Fräulein
+Hildebrandt würd’ mich schön ’runterputzen, wenn sie wüßte, ich
+bedauerte sie. Wissen Sie, Marning – wenn ich mir das Heiraten nich
+abgeschworen hätte: _die_ könnt’ einen wankend machen. Mein Vermögen
+langt ja. Und n’ Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat – der hat
+Beziehungen – Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee –«
+
+»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd.
+
+»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch
+endlich losgehen – wir lassen uns ja rein auf der Nase ’rum spielen,
+das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und
+keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen
+Zwiespalt haben.«
+
+»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.«
+
+»Ach Gott – das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen
+Umständen dem Broterwerb nachgehen als ’n geliebten Mann in ’n Krieg
+ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.«
+
+Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen
+Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht
+klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese
+seltsam geraden Brauen – die gaben diesen Zug.
+
+Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal – Sie müssen aber Besuche machen.
+Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie ’rauf nach Lübeck
+fahren. Da is viel los – gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. – Ich
+komm’ nich oft hin – unterhalt’ bloß kameradschaftliche Fühlung mit
+dem Regiment da – fahr’ kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann
+man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich
+immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab’ mir grade Willisen und
+Jomini angeschafft – man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch
+zustatten, wenn’s los geht. Und das tut es doch mal – muß es mal! ...«
+
+»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was
+sein muß –«
+
+»Na – freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist
+Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit
+Scheuklappen. Nee. Also denn hier ’rum. Allzuviel is es nich. Um
+Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr – der mit der
+Sensenfabrik – entzückende Krabbe von Tochter – nächstes Jahr geht sie
+aus. Denn die paar Honoratioren – drüben der Generaldirektor Thürauf –
+wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof – kluger Mann, feine, hübsche
+Frau – drei prosaische Töchter – semmelblond – gute Diners und
+gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die
+verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge
+wund und fuselig: soll ’n dolles Mädchen gewesen sein – die Eltern,
+reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich’s zwei Millionen kosten zu
+lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete
+Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben,
+daß das Mächen schon ’n Hufeisen verloren hatte. – Wer weiß, ob’s wahr
+is. Kein Mensch kann’s jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich,
+die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der
+Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau – und die Geheimrätin sei ’ne
+scharfe Dame gewesen, sagen alle – als ich herkam war sie schon dot.
+– Na, vielleicht möcht’ die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an
+sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer.
+Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.«
+
+Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht
+ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite
+Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel
+zu zurückgeschlagen.
+
+»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser ›Baby‹ die Leute
+angestellt hat – fixer kleiner Kerl, der Hornmarck – hat ’n Schneid –
+na, ein Trost – man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. – Wir werden
+uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. – Haben Sie
+gelesen, Marning – die letzten Depeschen – höllisch brenzlich! Passen
+Sie auf – in diesem Sommer erleben wir’s ...«
+
+Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und
+seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch
+sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen,
+obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei
+es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen.
+
+Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter
+aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben
+einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine
+topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung
+kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und
+einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu
+beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras
+Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die
+Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von
+Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen – und der Oberleutnant
+Freiherr von Marning war auch dabei. –
+
+Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte
+einmal den Namen.
+
+Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von
+sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. –
+
+Er sah sehr schön aus – männlich und vornehm, und Augen von seltener
+Ausdruckskraft hatte er auch. –
+
+Aber wirklich – er ging sie nichts an. – Wie töricht, daß sie diese
+Augen so deutlich vor sich sah. – Und sie sammelte sich fest und klar
+auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und
+überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so
+gleichgültige Begegnung. –
+
+Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr – noch drei – sie schwanden
+schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich
+hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im
+Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte
+einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den
+Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief.
+
+Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben!
+Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen – es war heute
+Mittwoch – –
+
+Und sie las ...
+
+Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen – betäubt –
+fassungslos – –
+
+Nun kamen ihre männlichen Kollegen – Herr Magers wollte, ehe er zu
+seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der
+kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der
+Mutter des Jungen gehen möge – aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme
+die Mutter sicher leichter an. – Und Herr Kehl strich sich durch seine
+blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war,
+und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich
+an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr
+Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über
+diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung
+seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal
+von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm –
+
+»Morgen,« sagte Klara, »morgen –«
+
+Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf
+und lief hinaus.
+
+»Fräulein Hildebrandt – Ihr Schirm!«
+
+Sie hörte nicht – sie fühlte ihren Körper nicht – nicht Regen – nicht
+Sturm – Sie lief – und lief –
+
+Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des
+Herrenhauses vielleicht sehen könnten.
+
+Fort, nur fort – in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das
+an sie herantrat.
+
+Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.
+
+Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte.
+
+Was Reichtum – was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr.
+
+Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein
+Fährmann – drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen
+aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht.
+Ganz gnomenhaft sah das aus – wie ein Bild aus einem Märchenbuch.
+
+Und der Wind brauste –
+
+Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst – sie läutete heftig, als
+sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das
+dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des
+gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als
+ängstliche Solostimme abhebend.
+
+Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der
+unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück.
+
+Sie wurde bleich, sehr bleich.
+
+Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte.
+
+»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl.
+
+Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von
+keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie!
+Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste
+Weisheit zu erkennen.
+
+»Er liebt mich nicht!«
+
+Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?
+
+»Sein Vater hat es gewünscht!«
+
+Dies stand ihr über jedem Zweifel.
+
+Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.
+
+Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger
+Begeisterung standest du wie in Flammen – dein Leben wolltest du
+hingeben, um ihm zu danken. – Und nun dein Leben wirklich gefordert
+wird, erschrickst du?«
+
+Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen
+Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben.
+
+Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht
+bestimmen!«
+
+Gewiß nicht – nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie
+fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück
+bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie
+begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe
+ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.«
+
+»Was er an mir getan hat, war ihm Freude – das verstehe ich wohl – es
+muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei
+– – Aber das andere! ...«
+
+Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters – die großen Summen, die
+er dem Werk entzogen – dieser schmachvolle Tod. – Und der grandiose
+Edelmut, der verzieh und alles verbergen half – damit über ihrer Mutter
+Leben nicht noch der Schimpf komme. –
+
+»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...«
+
+Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das!
+Mein Wissen muß ich ihm verbergen – immer – wie er mir seine Großtaten
+verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so
+hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.
+
+»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten
+– aber mit der Tat! –«
+
+»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie
+haben Ihre Mütze verloren.«
+
+»So?« antwortete sie mechanisch.
+
+Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr
+gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken.
+
+Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung:
+das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt – das
+Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. –
+
+Sie sagte sich: »Ich muß!«
+
+Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die
+regennassen Straßen und kam nach Haus.
+
+Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen
+Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne
+Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. –
+
+Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau,
+von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara
+noch mehr warme Suppe auf.
+
+Sie verstand sich plötzlich selbst nicht – diese wahnwitzige Aufregung
+... wie konnte sie das so umwerfen ...
+
+Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar
+nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung
+vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war.
+
+Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie
+ordnete es.
+
+Und sie dachte nun endlich auch an den Mann – stellte ihn förmlich vor
+sich hin.
+
+Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz
+seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein«
+entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein.
+
+Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem
+starken Nein sein mochte.
+
+Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost,
+Neuland, Lebenszweck bedeute.
+
+Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen
+ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll
+Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. – Wie hatte sie
+eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können!
+
+Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?«
+
+Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch
+abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu
+toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
+gewesen. –
+
+Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender
+Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.
+
+Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an
+mitleidig – machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau
+der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten.
+
+Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder
+Freudigkeit bringen. – Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum
+Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken – Sie
+sah wohl: noch war das alles tot in ihm. –
+
+Welche Aufgabe!
+
+Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu
+_seinem_ Sohn machen helfen. –
+
+Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete
+Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel.
+Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum
+Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer
+Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine
+Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem
+Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die
+edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes.
+
+Und Klara – sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes
+hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«
+
+War es denn wirklich ein solches Opfer?
+
+Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer
+Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse.
+
+Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen
+Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. –
+Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war
+ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur
+flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein
+Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten
+dergleichen bei ihr an – was bei allen obwaltenden Umständen ja auch
+auf der Hand lag ...
+
+Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen
+solchen Platz stellte – –
+
+Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
+
+Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten
+wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof – denn da gab es noch
+viel zu tun – gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch
+mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und
+diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne
+Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick
+das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als
+es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich
+rühren, nützlich sein. – Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch
+Einfluß auf den alten Herrn.
+
+War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese
+Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter
+gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten
+habe.
+
+Aber sie – oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
+
+Ihr Herz klopfte rascher – eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.
+
+Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen –
+
+Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer
+heiligen Mutter leben – viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie
+gedurft ...
+
+War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?
+
+Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der
+rechte Prüfstein für sie.
+
+Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann
+ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr – verschwamm in Träumereien.
+Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause – hülle sich in
+Dunkel – –
+
+Sie fuhr zusammen – erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich
+werde ihn niemals lieben ...«
+
+Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen – ja, so
+konnte sie ihn wohl lieb haben.
+
+Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.
+
+Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle,
+friedliche Ehe nottat.
+
+Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher
+Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?
+
+Klara wußte, was das war: heiraten.
+
+Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die
+sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...
+
+Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen
+Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!
+
+Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes
+Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir
+ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde.
+
+Hier war kein Wahn, keine Flamme.
+
+Hier warteten nur sittliche Pflichten.
+
+Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.
+
+Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.
+
+Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in
+heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit – –
+
+Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen
+Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr
+kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.
+
+»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte
+sie verdutzt.
+
+»Bitte,« sagte Klara.
+
+Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.
+
+Er wurde rot – es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit
+ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle
+Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn
+die Wirklichkeit.
+
+»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.
+
+Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas
+Mütterliches.
+
+»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von
+Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«
+
+Sie schob an dem Tisch – als wolle sie das Sofa freimachen. – Tat,
+als sei dies ein alltäglicher Besuch – war fast unbefangen –
+
+»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er.
+
+Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar – so voll
+Güte.
+
+»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.
+
+Er setzte sich aus Nervosität – unwillkürlich – legte den Hut auf den
+Tisch – strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn – wie sein
+Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und
+diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte
+ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick.
+
+Er begriff: ja – er mußte viel sagen – das hatte sie zu verlangen.
+Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. – Er konnte nicht. Alles in ihm
+wehrte sich.
+
+»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung – es ist das, was der
+Augenblick mit sich bringen sollte. – Ich – – liebes Fräulein –
+Klara – ich habe ... Schweres liegt hinter mir – was soll ich sagen –
+wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden – ja, das
+tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«
+
+Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch – vielleicht Zorn
+gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen – in
+langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen.
+
+»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen –
+Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht – –
+Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden
+vielleicht noch.«
+
+Er öffnete die Lippen – wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen
+Atemzug ...
+
+»So darf ich wahr sein?«
+
+»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?«
+fragte Klara entgegen.
+
+Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat – o wie wohl!
+
+»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil
+mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein
+neues Dasein finden würde.«
+
+Er dachte: »Nun sagt sie Nein!«
+
+Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch
+trostloser auf?
+
+»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen,
+daß ich Ihnen helfen könne?«
+
+Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in
+keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen.
+
+Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben – er stand
+vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.
+
+»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.
+
+»Ich danke Ihnen. Das ist viel. – Wie alles liegt, muß es mir – –
+genug sein,« sagte sie langsam.
+
+»Sie willigen ein – liebe Klara?«
+
+Er nahm etwas scheu ihre Rechte.
+
+»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich
+Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste
+Mensch auf der Welt.«
+
+Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?
+
+Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund.
+
+Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit
+war? – Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? – Nicht fragen ...
+
+Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt – welche Erleichterung! Dafür war
+er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. – Was sie ihm
+brachte, wollte er lieber nicht wissen.
+
+Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es
+ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der
+Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne,
+beunruhigend, beschämend – Nein, nicht fragen – –
+
+Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie
+doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so
+durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam
+ihn. Er küßte sie.
+
+Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.
+
+»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,«
+sagte sie warm.
+
+Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie
+Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. – Es
+tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten
+auszukommen.
+
+Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll
+Ungeduld.
+
+»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die
+alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat
+ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage
+– ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«
+
+Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften,
+ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn
+herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit
+zwang.
+
+Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen
+Monaten gehabt hatte.
+
+Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr
+besondere Wärme zu zeigen – aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_
+besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand
+zwischen seine beiden Hände.
+
+Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk
+geschmiedet war ...
+
+Klara sah sie – zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen – sie sah
+unwillkürlich genau hin.
+
+Da zog er hastig die Hand zurück – es war ihm unangenehm, daß ihr sein
+Armband so offenbar auffiel.
+
+»Also in einer Stunde.«
+
+Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen
+hatte.
+
+»Es wird – es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.
+
+Nun also zur alten Frau – ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber
+auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten
+standhalten ...
+
+Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen
+großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr
+Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur.
+
+Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab
+und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben – es ist wohl
+recht?«
+
+Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt,
+hier.«
+
+Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches
+Gefühl beriet sie – nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren.
+
+Sie öffnete.
+
+Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...
+
+Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der
+Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte:
+
+»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der
+Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«
+
+Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte – wickelte beides mit raschen,
+unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier – riß die Schublade
+ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief
+hinein ...
+
+Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn,
+fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh – höre ...«
+
+
+
+
+4
+
+
+Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die
+Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein
+kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen
+Natur gestellt.
+
+Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen
+Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der
+Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.
+
+Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von
+Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die
+Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
+Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu
+faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte
+unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß
+Vorwand, uns länger und allein zu haben – das zielt auf Sie, Marning –
+man müßte ja Idiot sein, wenn man’s nicht merkte – da könnense nu Ihr
+Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln
+hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen:
+ich habe zugehört.
+
+Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und
+weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der
+Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die
+arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration
+und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung
+verschieden war – oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer
+wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, – denn das
+Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ...
+
+Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat
+erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest
+großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art
+Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er
+vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist,
+um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil
+Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden.
+
+Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus
+gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß.
+Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten
+nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
+geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den
+Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um
+Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren.
+Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
+erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke
+einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen
+schienen.
+
+Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten
+Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte
+seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich
+dann ins Meer ergoß.
+
+Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und
+lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm
+bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit
+Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die
+weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den
+roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern.
+Blau war das Wasser, blau der Himmel – nur dies bedrohliche eine Gewölk
+da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.
+
+Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand,
+auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige
+und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von
+Üppigkeit und Sommerhöhe.
+
+Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an
+ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin
+dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein
+Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was
+nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und
+Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein
+Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung
+verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine
+Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien – die machen immer Mühe
+und oft Ärger, sagte sie.
+
+Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft
+darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es
+war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu
+verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
+zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern
+– und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe,
+teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten
+schien.
+
+Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den
+Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren
+Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.
+
+Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld
+an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben.
+
+»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame
+Weiblichkeit – so eine von den heißen Trägen.«
+
+Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe
+kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles,
+rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar
+Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur
+ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien,
+vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu
+üppig und schläfrig dabei zu werden.
+
+Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien
+Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu
+hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal
+Art der Frau. –
+
+Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am
+Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit«
+nannte. Sie ließ abräumen – man war von zwei Bedienten umsorgt worden,
+die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen
+nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit,
+und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr
+wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst
+kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen
+Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben,
+trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand
+breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
+bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte
+Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße
+Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese
+Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres
+Gesichts waren auffallend – rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie
+bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so
+weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften,
+wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen
+konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß
+und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als
+goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. –
+
+Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob
+es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.
+
+»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die
+Karten?«
+
+»Aber sehr gern.«
+
+Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn
+sie einmal in Anspruch genommen wurde.
+
+Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von
+Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle
+Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen
+nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht
+aneignen konnte.
+
+Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen,
+Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als
+Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben
+sich haben mußte.
+
+Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und
+daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl – an allem durfte man teilnehmen.
+Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen
+zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr
+immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen
+gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig
+verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte
+sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der
+sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens
+doch eine wohltuende Beruhigung war.
+
+Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener
+Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei
+Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
+
+»Mich muß natürlich Lohmann führen – er ist zum erstenmal hier,« sagte
+die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen
+naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und
+sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie
+wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
+
+»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere
+Pflegemutter.«
+
+»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
+
+»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«
+
+»Aber glückstrahlend?«
+
+Likowski erwog – prüfte nach – machte eine Kopfbewegung.
+
+»Glückstrahlend? Das ist nu so ’n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man
+nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer
+beherrscht.«
+
+»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein
+von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es
+ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte.
+
+»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen,
+die ’n Handel sind – so ’rum oder so ’rum.« Und sie seufzte auch.
+
+Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.
+
+»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz
+elegisch hinzu.
+
+Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft – sie hat sich verkauft ...«
+Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung.
+
+Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.
+
+»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen – der Vater soll
+ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme – hätt’s zur Bedingung
+gemacht für Bezahlung der Schulden – soll Klara Hildebrandt eine
+Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt – Klara soll ihn
+hassen – der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch
+sein. – Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered’t, ohne daß
+eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind’ doch auch nich aller Welt
+auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat
+so ’n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte!
+Als ob die Klara Hildebrandt ’n Mächen wäre, das sich so schlankweg
+kaufen läßt! Nee, so ’n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich
+gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der
+ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und
+sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.«
+
+»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für ’n Eindruck
+machte das Paar denn? Und die ganze Sache?«
+
+Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen.
+
+»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige,
+nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war
+mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und
+die rasche Heirat – das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet.
+Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der
+Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
+das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen
+gemeinschaftlich.«
+
+Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton
+fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all
+mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich
+nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu
+können.«
+
+»Ich hab’ immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar
+denken,« meinte Likowski.
+
+»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er
+kalt.
+
+»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken
+Hand wieder erlangt hat?«
+
+»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine
+Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning.
+
+»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!«
+
+»Ach, Likowski, Sie haben immer ’n Faible für das Mädchen gehabt,«
+neckte Agathe.
+
+»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so ’n rauher
+Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab’ ich das Gefühl
+nich verloren. Und wenn’s, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich
+losgeht, sag’ ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern
+auch: und zum Schutz der deutschen Frau.«
+
+»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...«
+
+»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor
+sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab’ ich ihn mal erlebt – sein
+Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau –
+Wynfried war gerade zum Besuch – ich hatte ihn neben mir bei Tisch –
+Gott, wir waren beide noch so jung – die Jüngsten in der ganzen
+Gesellschaft – wir verstanden uns himmlisch. – Er war schön wie ’n
+junger Gott damals – hoch, schlank, blond – und so viel Verständnis
+für die Frau – ach, es war ein Abend ...«
+
+Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit – etwas
+Sehnsuchtsvolles. – In ihre Augen kam ein feuchter Glanz – sie verlor
+sich in träumerische Gedanken.
+
+»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,«
+erlaubte Marning sich zu sagen.
+
+Agathe stand auf, reckte sich lässig – die ganze üppige Gestalt schien
+sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor,
+daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ...
+
+»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie
+machen das – nicht wahr?«
+
+»Aber sehr gerne!«
+
+»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich – alles andere ist weiter
+keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.«
+
+Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig
+entglitten.
+
+»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem
+Zauberfest. Tun Sie desgleichen – Sie wissen ja – das grüne
+Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste –
+Begeisterung über die schöne Aussicht – Promenaden – Gruppenbildungen.
+Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. – ›Nur für Natur‹ ...«
+schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.
+
+Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand
+auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in
+ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte.
+
+Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen
+Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz
+sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen
+kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie
+manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen,
+knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel
+deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und
+Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen
+Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr
+angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen
+Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die
+arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes
+Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute,
+doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu
+können. Und Likowski – den teilte sie sich selbst zu. – Welch ein
+Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie
+er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend«
+– das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem
+Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine
+Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er
+war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. – Ach, man konnte
+nicht wissen. – Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine
+ritterlichen Worte danken ...
+
+Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von
+Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert
+und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und
+Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen
+Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte
+eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung – eine Art
+Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein
+geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein
+Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum
+und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund
+um die Schiffsränder gespannt waren.
+
+Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im
+Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den
+Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll
+Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.
+
+Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten
+faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden.
+
+Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ...
+
+»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?«
+
+Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer
+Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin,
+zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in
+Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück
+vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ...
+
+Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er
+neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des
+alten Herrn saß ...
+
+Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte,
+gelangweilter Höflichkeit ...
+
+Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. – Er
+auch, der junge Ehemann auch.
+
+Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon,
+wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand
+der Schwiegertochter ...
+
+Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie – wenn sie den
+alten Herrn bediente ...
+
+»Was geht das alles mich an? ...«
+
+Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante
+Anpflanzung.
+
+»Ein junges Stückchen Wald – halbwüchsiges Baumgedränge hat keine
+Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und
+manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu
+offenbaren.«
+
+Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen,
+quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und
+durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
+Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des
+Gartens in einem Rundell.
+
+Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende
+rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen
+Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der
+Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in
+allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal.
+
+Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen
+Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und
+sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein – das Leben, der Stand
+bringen das so mit sich – –«
+
+Und woher und warum so niedergeschlagen – fast mutlos und überdrüssig?
+
+Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie
+bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten – wie das,
+gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter
+Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn
+einmal die ernste, große Stunde käme ...
+
+Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie
+zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die
+Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.
+
+Man wurde schläfrig davon – und doch so seltsam erregt ...
+
+Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen
+– und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare
+Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück – einem großen, seligen
+Glück ...
+
+Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und
+feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher
+Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte
+das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf.
+
+Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf – irgend ein Laut hatte
+das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der
+vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. – Nun
+wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann
+auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen.
+
+Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und
+weltfernen Gartens.
+
+Er wollte aufspringen – war sehr überrascht.
+
+»Nein, ich setze mich zu Ihnen.«
+
+»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.«
+
+»Will ich auch – aber erst eine Stunde nach Tisch – ich möchte nicht
+dick werden – lieber kastei’ ich mich.«
+
+»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.«
+
+»Na – sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit.
+Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich
+aussehe,« sagte sie.
+
+Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte
+den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße
+Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit.
+
+»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt.
+
+»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer
+sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich.
+Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt:
+Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört,
+ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir ’n
+Kompliment sagt – halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig
+werden. – Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in
+der Welt ist ...«
+
+Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht – aber
+doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums
+und aller Vergnügungen, eigentlich einsam – vielleicht gar innerlich
+arm.
+
+Wie schwer, darauf zu antworten.
+
+»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine
+Frau – denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er.
+
+»Aber sie braucht Anerkennung – Verständnis – ich sage nicht:
+Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht.
+Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ...
+ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. – Und das hab’
+ich nicht – hatt’ ich nie ...«
+
+Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos – wurde alles mit einer
+Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht.
+
+Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu
+trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen.
+
+»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er.
+
+»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles.
+Sie wissen es doch – warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte
+mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten
+sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit
+seiner rasenden Arbeit – ähnlich wie der Geheimrat, aber in
+Textilindustrie – und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten –
+Mama ist eine Vereinsdame – Mama hatte auch eine Schwäche für Adel –
+ein Baron sollte es sein –«
+
+»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein –
+lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen – es erregt
+Sie.«
+
+»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat
+Interesse für mich – nicht einmal meine Freunde – ich dachte, Sie
+wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will,
+ermahnt man mich gleich, zu schweigen.«
+
+Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals
+zur rechten Aussprache kommen zu lassen.
+
+Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem
+unverantwortlichen Kind hatte – zum Schutz, zum Bevormunden
+herausforderte.
+
+»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie
+mir nur immer anvertrauen mögen – ich erbitte es als besondere Gunst,«
+sagte er sehr herzlich.
+
+Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre
+Mädchenjahre – wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er
+selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an
+ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre
+Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche
+Seltenheit – eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen
+versteht – –
+
+Man kann so rasch denken. – Das alles war ihm gegenwärtig, während er
+sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte.
+
+Und sie hörte noch mehr hinein ...
+
+»Ach ja – ja,« flüsterte sie, »ja – ein anderes Mal – aber bald –
+nicht wahr? Bald?«
+
+Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen.
+
+Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still.
+
+Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut –
+als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern.
+
+Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen – sie
+drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor
+Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz –
+schlossen sich halb – zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von
+Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen
+begann ...
+
+Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der
+Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese
+lechzenden Lippen, und er war gebunden ...
+
+Er riß sich zusammen – mannhaft und überlegen. – Nicht in Abwehr. Aber
+in Besonnenheit.
+
+Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich
+zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug
+eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß – das war eine
+Abschlagszahlung – ein Vertrösten – keine Zurückweisung. – Aber doch:
+es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben
+hätte, sich satt zu küssen.
+
+Sie stand auf – reckte sich wieder. – Das war immer wie ein Schauspiel
+und ein unbewußtes Sichdarbieten – lachte ein wenig gezwungen, und doch
+war zärtliches Gurren in der Stimme.
+
+»Ja – an einem ruhigen Tage – dann kommen Sie – Sie allein – und ich
+erzähle Ihnen mein Leben. – Und jetzt will ich wirklich ruhen ...«
+
+Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die
+zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte
+mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ...
+
+Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn
+verliebt, und er konnte sie haben. – Da war also ein Glück! Er hatte
+sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau
+von üppiger Schönheit. – »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte
+sie in einen Harem passen,« dachte er. – Eine Frau mit großem Vermögen
+und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen.
+»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier
+gebissen hatte – – sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen,
+ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht
+sauer wird.«
+
+Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
+Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?
+
+Es war sozusagen das große Los.
+
+Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die
+weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier
+gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen – nichts
+überstürzen –
+
+Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon,
+der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die
+wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des
+Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer
+Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige
+Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm
+etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest,
+daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil
+die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und
+bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber
+dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich.
+
+Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel
+zu spät kämen, spanne ab.
+
+Und ihr Blick – den Likowski sah und höchst vielsagend fand – glitt
+hinüber zu Stephan Marning. Und – wahrhaftig: erwiderte der
+Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus – das konnte
+man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif?
+Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab
+seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied
+nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr.
+Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile
+aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten
+war: das Schwert blank halten. – Die Stunde kam bald doch mal, wo ...
+Ja, der Stephan Marning – ein ganzer Kerl – man konnte ihn heiraten
+lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein
+kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der
+Erlöser Agathens zu sein ...
+
+Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an
+der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner
+bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der
+Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
+für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit,
+sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen
+Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf
+saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
+ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner
+Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung
+geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski
+verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein
+hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu
+schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die
+im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.
+
+Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er
+setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit
+auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun,
+sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
+einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um
+ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte.
+
+»Wär’ ja Selbstmord ... ’ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos
+bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben –
+das versteht sich – aber ’ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
+nich zu – nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg – nein.«
+
+Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig
+aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die
+rechte Färbung. – Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der
+überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich
+in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes
+Härchen.
+
+Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas
+leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als
+mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr
+alter Adel waren.
+
+Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie
+für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch
+umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte
+hellgrauer Atlas.
+
+»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum
+jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten.
+
+Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie
+ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe
+um – alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen – es kamen
+Freundinnen aus Lübeck – Referendare – allerhand halbwüchsiges Volk,
+das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. – Und Hornmarck
+hatte sich verliebt. – Na, das war ja selbstverständlich. – Aber es
+hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu
+frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt
+man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. – Und denn diese
+Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ...
+
+Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen
+vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als
+Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete,
+die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der
+Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller,
+stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge
+hineingeschrieben.
+
+»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär’ der Mann für
+Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt’s ihm gönnen,
+daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das
+kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte – sein
+Vater war ’ne Jeuratte – der Sohn is nich belastet – rührt keine Karte
+an – nee, kann ich beschwören – tut er nich.«
+
+»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von
+Pankow. Ich habe drei Töchter – drei!« sagte der Generaldirektor
+lächelnd.
+
+Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf
+sein Gegenüber zu.
+
+»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren
+Generaldirektor mit ’n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann!
+Wenn das nicht flutscht ...«
+
+»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so
+auf Goldsäcken herumwälzen.«
+
+In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf
+mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning.
+
+»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter
+meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.«
+
+Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt
+hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und
+sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
+ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht – vom Betrachten und
+Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum.
+
+»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt!
+Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin – Papas
+Geburtstag. – Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.«
+
+»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter
+braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel
+daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf – er sah ja
+auch in der Geselligkeit so ’ne Art volkswirtschaftliche Pflicht – fand
+es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu
+unterhalten. – Neulich, als ich mal zu ihm fuhr – ich verdanke ihm ja
+manches – als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
+mußte. – Na, das gehört nicht hierher. – Neulich hielt er mir einen
+kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder
+dann Besuch gemacht – bei mir waren sie mal nachmittags, zur
+Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile – wer hat sie nicht! – die
+Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das
+Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut
+gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt
+sie hoch.«
+
+Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des
+Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des
+alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen
+Sie, Baronin, es war recht eigen – gerade für mich! Das kann man sich
+wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt
+– solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat
+sozusagen, manchmal um Severinshof – in solcher Arbeiterkolonie kann
+man immer mal helfend einspringen – auch im Schulhause sprach ich wohl
+vor – und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers
+meines Mannes war, tat mir’s immer extra leid, daß ihr Leben so anders
+lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel
+Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich
+gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres
+Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu
+danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung
+auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für
+unser weiteres Verstehen. – Es berührte angenehm. Keine Spur von
+Auftrumpfen ...«
+
+»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die
+Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich
+doch verkauft.«
+
+»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich
+das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in
+der Tür zwischen Salon und Terrasse stand.
+
+Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich
+plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als
+taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit
+erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben.
+
+Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön
+wie ein Apoll gewesen – eine Erscheinung, wie man sie unter der
+männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. – Er war
+gealtert – der Jünglingszauber war davon – stattlich sah er zwar aus;
+aber gar nicht mehr auffallend – so auf der Stelle bezaubernd.
+
+Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren
+natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara
+Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt.
+Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren
+und sogleich fesselten.
+
+Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen
+unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die
+Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen
+entgegen; die ihr schon Bekannten – und es waren schließlich die
+meisten – bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann
+zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.
+
+Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr
+Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen
+Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau.
+
+»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant
+Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so ’n
+gänzlich unverheirateten Eindruck.«
+
+»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine
+Leutnant.
+
+»Ach, wer da so ’reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft
+gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe.
+
+Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher
+und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine
+Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize
+hatte.
+
+Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit,
+daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. –
+Es zog sie – es trieb sie – sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans
+Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem
+man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach.
+Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen
+Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen – halten eine
+Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ...
+
+Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den
+schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf
+die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren
+Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine
+Farblosigkeit zu verwandeln.
+
+Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin
+und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und
+da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im
+Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von
+Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. – Mein
+Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
+– »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als
+sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging.
+
+»Den Freiherrn von Marning.«
+
+Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der
+geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. – Aber doch: Frau Klara
+Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe.
+Entschieden – so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im
+letzten Augenblick unmöglich.
+
+Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche
+Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf
+dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant
+Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie
+setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den
+Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder
+ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür
+bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und
+obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen
+Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte.
+
+Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr
+munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl
+beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und
+höflich unterhielt – natürlich mochte er sie nicht leiden – daneben
+versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen
+schönen Abend von damals wachzurufen.
+
+Er lächelte.
+
+»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs
+alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an
+jenem Abend rasend in Sie verliebt.«
+
+»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja – jetzt sind
+Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. – Ein würdiger Mann. –
+Schrecklich ernsthaft verheiratet. – Teilhaber an Severin Lohmann. –
+Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?«
+
+»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen
+Geistesgaben auch noch die Hünenkraft – sie ist ja noch fast
+ungebrochen. – Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. – Aber ich
+versuche mich einzuarbeiten. – Das große Interesse, das meine Frau hat,
+ist dabei nicht unwichtig. – Teilhaber werde ich offiziell am 1.
+September.«
+
+»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in
+plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den
+Lohmanns. – Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine
+nähere werden zu lassen.
+
+»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat
+eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch
+geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.«
+
+Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe.
+
+Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses
+wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen
+durch ihn hin – ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte
+aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge.
+
+Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte,
+hatte einen Duft an sich – einen ganz bestimmten Duft, süß und zart,
+den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte
+Erinnerungen aus dem Schlaf auf.
+
+Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm – verzeihen Sie
+die Frage, Baronin – aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein
+Duft!«
+
+Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. –
+Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen
+... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. – Er sah zu seiner Frau
+hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke.
+
+Da lächelte er freundlich ...
+
+Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder
+emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu.
+
+Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme.
+
+Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch:
+gezwungen, konnte sie denken. – Und sie wußte nicht, was für Gespräche
+sie versuchen sollte – jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste
+fühlte sie sich befangen – und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine
+ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu
+entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen,
+ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals
+gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm
+einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung
+gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat.
+
+Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen
+reichen Mann verkauft.
+
+Das verschloß ihr den Mund.
+
+Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich
+außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen – als sei das
+wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und
+nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber
+unmöglich.
+
+Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?«
+
+»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin – zur Turnanstalt
+kommandiert.«
+
+»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer
+auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.«
+
+»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann
+die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat
+immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken
+umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!«
+
+»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir
+ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns
+sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen,
+durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem
+Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft
+unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und
+Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere
+und positivere Art.«
+
+»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres
+Herrn Schwiegervaters.«
+
+Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte:
+»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?«
+
+»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.«
+
+»Wir wollen es Ihnen zeigen – Wynfried und ich – oder mein Mann
+allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben
+mag ...« dachte sie.
+
+»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt.
+
+Sie suchte nach einem anderen Thema.
+
+»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier
+geworden?« fragte sie.
+
+»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.«
+
+»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange
+Friede – und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe
+Ihres Berufs ...«
+
+Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.
+
+»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich
+abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist
+schmal – die Zulage klein – Offizier sein, heißt von tausend Fällen
+neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos
+reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt
+und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer
+gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten
+Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird – das tut weh.
+Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt
+und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was
+Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist
+man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst –
+vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher
+Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen
+Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder
+Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen
+zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben – ja, die wird
+schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie
+Likowski. Und doch – während man so ungeduldig ist, muß man zugleich
+aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges
+erspart bleibt. – Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ...
+Konflikte ... keine leichten ...«
+
+»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo
+gewisse Schichten das Wort ›Vaterland‹ nicht hören können, ohne von
+Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen
+Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am
+stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden,
+das volle Hingabe immer gibt.«
+
+Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm – so deutlich
+fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt.
+
+Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn
+zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er
+dachte: »Wir verstehen einander – sie und ich ...«
+
+Aber sie hatte sich ja doch verkauft – und das war gegen seine
+Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal
+nachdrücklich.
+
+Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht
+so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie
+gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der
+hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel
+ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch – zu
+kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und
+die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die
+Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier
+nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen
+Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit
+hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ...
+
+Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf
+achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei
+schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein,
+daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.«
+
+Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine
+Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ...
+Er nahm sich zusammen. – Sie nicht verletzen – klug sein. – Heute
+nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten
+Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ...
+
+»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück.
+
+Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den
+geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur
+ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück.
+
+»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith.
+
+»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand.
+
+Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes
+Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin
+nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende,
+schlotternde Angst hinunter.
+
+Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten
+Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes.
+
+Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten
+bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann.
+Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen
+Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem
+Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar.
+Sie hatte doch reich werden wollen ...
+
+Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter.
+
+Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und
+war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und
+deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig
+schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal
+umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe
+kostete, sich auszuschließen.
+
+Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier
+herein ...«
+
+Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.«
+
+»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf.
+
+»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann.
+
+Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der
+jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen,
+dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit
+rauschendem Flügelschlag davonstieben. –
+
+»Wie schade,« sagte Klara.
+
+»Was?«
+
+»Daß wir die Sommernacht entweihen.«
+
+Er hatte dasselbe gefühlt.
+
+Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen
+und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein
+schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.«
+
+Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte
+man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt.
+Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber.
+
+»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,«
+dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles
+so überflüssig und geschmacklos schien.
+
+Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher
+trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber
+niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine
+zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren
+solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die
+auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren – seht! Es schießt
+flott weiter hinaus. – Und da ist doch die Baronin selbst an Bord –
+und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei – bloß keine
+unnütze Angst, meine Herrschaften.«
+
+Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche
+Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden
+entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte.
+Einige Minuten lang schwiegen die Insassen.
+
+Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen
+Himmel ein Blitz. – Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken
+heraufgezogen waren. – Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei
+aus.
+
+Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.
+
+Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner
+schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte
+dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der
+Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin,
+ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man
+wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein.
+Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm
+werden.
+
+Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis
+gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive
+Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen
+packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien,
+weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten
+fürchten.
+
+Die Offiziere baten – beschworen – wurden streng. – Umsonst. Das
+leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes
+sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal
+in Gefahr geriet, umzuschlagen.
+
+Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle
+nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst
+die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten – und die eine schrie:
+»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht
+ins Wasser zu stürzen.
+
+Stephan saß neben der jungen Frau. – Er faßte beruhigend nach ihrer
+Hand. – Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit
+großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu – es hörte ja auf,
+lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle
+Insassen war.
+
+Ein nächster Augenblick – ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen
+– es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner
+brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den
+Verstand verlieren.
+
+Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit
+des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen
+beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre.
+
+Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte
+sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte
+plötzlich: es kann ja nichts geschehen.
+
+Er sah ihre Selbstbeherrschung – wie liebte er gefaßte Haltung,
+geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all
+der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe
+ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein
+wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können – die war keiner
+niedrigen Handlung fähig.
+
+Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen –
+warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen?
+
+Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz
+niedergefahren. – Polternd schien die Luft auseinander zu fallen – als
+ob ihre Räume zerbarsten, klang es.
+
+Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot
+steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit
+Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal
+rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder
+– als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die
+Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen
+keinen Platz.
+
+Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus.
+
+Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die
+Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher
+Schutzbedürftigkeit in Gefahr – alles erlosch. Und nur noch der eine
+Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!«
+
+Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und
+Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen.
+
+Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet
+auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle.
+
+»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.«
+
+Auch das Ruderboot kam rasch heran – an seinem Borde schien kein Kampf
+der Furcht sich abgespielt zu haben.
+
+Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb
+komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf,
+schämte sich.
+
+Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid
+nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an,
+ihr blondes Haar auseinander zu lösen – alle konnten so seine Fülle
+sehen – das machte ihr Spaß. –
+
+Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den
+Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel
+Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle.
+
+Aber was halfen nun noch Schirme.
+
+»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen
+außer sich.
+
+Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner
+Frau zuwendete.
+
+»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und
+sie lieben sich.«
+
+So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als
+sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. – Verlaß ist nie
+darauf.«
+
+
+
+
+5
+
+
+Klara dachte über die vergangenen Monate nach.
+
+Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr
+dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.
+
+Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und
+hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem
+Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren
+gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick
+hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit.
+
+Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren
+völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem
+Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen
+Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter.
+Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und
+hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem
+halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen
+Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des
+Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine,
+fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der
+Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den
+Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch
+häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen
+war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den
+Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt
+mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm
+drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich
+phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach
+oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie
+umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte,
+wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte,
+daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen
+hineinschütteten.
+
+Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg
+und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam
+manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der
+hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses
+und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens
+erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald
+gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie
+trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten,
+mit silbrigem Blitzen in der Sonne.
+
+Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da
+noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten
+Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen.
+
+Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße
+von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen
+niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten
+schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen.
+
+Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien
+niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den
+Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt.
+
+Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen
+äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen.
+Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem
+reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen
+genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab;
+vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung
+behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom
+Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter
+entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren,
+tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte
+sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen
+dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa
+ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es
+ist ja gar nicht meiner! – Sie war keinen Augenblick berauscht von dem
+Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich
+in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte
+Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für
+ihre Person zu verlangen oder zu treiben.
+
+»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte
+Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und
+meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit
+Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren?
+
+Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr
+einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.
+
+Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld
+abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.
+
+Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu
+einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich
+gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen.
+
+Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten
+Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel
+niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters
+und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ...
+
+Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten
+nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten:
+rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn –
+damit er dir recht leben kann!
+
+Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie
+sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis
+auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein
+rascher Blick – und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen
+Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal:
+»Kind, ich muß mir’s immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von
+meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer
+Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden.
+– Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen – vielleicht ohne daß sie es
+wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.«
+
+Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und
+wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr
+geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den
+Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen.
+
+Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe
+recht getan. –
+
+Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es
+für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie
+man es noch nie an ihm beobachtet hatte.
+
+Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben
+war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für
+sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen
+Abend.«
+
+Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen.
+
+Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?
+
+Da war’s nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer
+einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von
+vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also
+heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es
+demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so
+großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche
+Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute
+alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres
+wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie
+entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die
+vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und
+sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater
+einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation
+der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der
+Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater
+– das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch
+vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im
+Jahr mehr verbraucht werden – für deine Leute ist es nicht
+gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern
+allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten
+Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen
+Selbständigkeit.«
+
+Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne.
+
+Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte
+Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche
+Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm
+die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser
+Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der
+Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu
+reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er
+zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir
+verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur
+zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu
+führen.«
+
+So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich
+nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster
+Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie
+spürte, wie er sie bewunderte. – Sie dachte dann immer: es ist ja
+eigentlich meine Mutter, der er huldigt.
+
+Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und
+hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die
+Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr
+immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der
+in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und
+Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen –
+ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der
+stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht
+getan.
+
+Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte
+Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton
+gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen
+Zerstreuung. – Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich
+angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte
+Klara natürlich nichts.
+
+Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit
+Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte
+sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten,
+vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht
+standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter
+sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie
+las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab’
+doch ich’s am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den
+Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre
+und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?«
+
+Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts
+vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer
+dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze.
+
+Wie störend. Nur ein Nebenumstand – nicht mehr. Aber doch. – Mit den
+großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man
+immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:
+es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken – das sind
+die rechten Störenfriede.
+
+Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch
+in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie
+sich gedacht gehabt.
+
+So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder
+auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die
+Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer
+Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich
+mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als
+hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich
+auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in
+besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen.
+
+Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von
+ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch
+nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und
+Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten.
+
+Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand
+Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln
+gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt.
+
+Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei
+selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und
+Verantwortungen des Reichtums zu spüren.
+
+Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es
+gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den
+vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr
+Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu
+verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male
+umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und
+ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich
+seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die
+Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor
+allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit
+dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und
+Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau
+ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr
+Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und
+spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte
+Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser
+tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine
+Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich
+einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und
+mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den
+Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden
+davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers’ kluges
+Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein
+Hildebrandt meint.« – Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein
+Hildebrandt«. –
+
+Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken!
+Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung
+kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch
+anderer Leben in Bewegung zu setzen.
+
+Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in
+monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener
+Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne
+schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet
+heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen
+Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die
+hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie
+wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.
+
+Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.
+
+Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten
+fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam.
+
+Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie
+mit ihrem Mann gekommen?
+
+Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit – überraschend
+weit!
+
+Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es
+nicht!
+
+Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte
+sie.
+
+Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte
+dem Rätsel »Mann« nach.
+
+Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich
+tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die
+zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken – nie ganz ausfüllen ...
+
+Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben!
+
+Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz
+Ergründliches nach.
+
+Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund – war
+keine Laune der Natur. –
+
+Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe
+gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie
+wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die
+klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht
+hatte – ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen
+Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich
+nicht? –
+
+Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe – jene, die sie ersehnte –
+immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt
+besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr
+heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln,
+zu beeinflussen, anzuregen.
+
+Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden
+können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre.
+
+Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück – er begann Reiz an der
+Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ...
+
+War es nicht genug Glück, das zu sehen?
+
+Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige
+Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller
+Inhalt genügte?
+
+Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht
+sagen ...
+
+Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu – all die
+tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt
+eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern – und die umschlingt
+dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ...
+
+Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht – es war nur eine
+lächerliche Kleinlichkeit gewesen. – Und doch: wie hob es sie gleich.
+
+Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk –
+ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern
+so unangenehm aufgefallen war – sie merkte: es war fort!
+
+Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um
+deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. – Es tat Klara wohl, daß
+er es nicht mehr trug.
+
+Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer
+wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen.
+
+Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie
+völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn
+auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche
+Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte – so mußte
+dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie
+wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend
+etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war,
+durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen,
+damit das seine ihm nützlich und hell werde.
+
+Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden,
+und sehr klar.
+
+Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter
+Rätsel an.
+
+Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von
+glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu
+sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch
+hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre
+Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem
+Rausch, was nur Liebe können sollte ...
+
+Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit
+zwischen Mann und Weib.
+
+Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon
+hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes
+auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann.
+
+Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr
+anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre
+Schlafzimmertür zu öffnen.
+
+Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das
+Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen
+Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an
+alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen.
+
+Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches
+Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen.
+
+Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden.
+
+Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große
+Liebe.
+
+In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater
+ihres Kindes.
+
+Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft
+dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer
+dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu
+vergegenwärtigen.
+
+Er war ritterlich. Das erleichterte alles.
+
+Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht
+so eigentlich seine Interessen trafen.
+
+Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn
+Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre
+Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie
+nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er
+bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen
+sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo
+er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine
+mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den
+»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so
+lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten
+die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der
+in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid
+auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein
+Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet.
+
+Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark,
+wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut
+zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach.
+
+Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden
+Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch
+Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den
+Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts.
+
+So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur
+interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten
+schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage.
+
+Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik.
+
+Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der
+Hauptsache. – Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und
+seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk.
+
+Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum
+erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas
+furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie
+diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch
+merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen
+und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was
+für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein
+Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. – Nun, kaltes
+Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte
+dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten – als
+künftiger Besitzer – als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack,
+das nicht zu sagen.
+
+Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte,
+mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird
+viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre
+Offenheit, Ihre Warnungen kann ich’s nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie
+mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe – vor den Abteilungsvorständen.
+Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art – nicht nur durch
+Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen
+versteht – auch durch Zurückhaltung kann man’s, die schon von fern nach
+Unsicherheit aussieht.«
+
+Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu
+beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe.
+
+Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch
+die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut.
+
+Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.
+
+Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur
+Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der
+Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er
+davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang
+nur ganz von fern an seine Ohren – wie es so viele Worte tun, die doch
+Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in
+unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat.
+
+Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen,
+sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen.
+
+Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und
+antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann
+brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft
+heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.
+
+Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg
+und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie
+auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien
+nichts Besonderes zu bemerken.
+
+»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin
+heute unleidlich ...«
+
+Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von
+Eifer – von erhöhter Liebenswürdigkeit.
+
+Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von
+den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der
+Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder
+aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt
+– was für ’n humorvoller, frischer Mann der Kap’tän Fehrs. – Oder: ein
+neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,
+und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen
+konnte, mußte Klara ihn taufen – »Klara Lohmann« sollte er heißen und
+nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu
+welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der
+Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es
+handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden
+werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er,
+Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als
+Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man
+bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz
+ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen
+müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das
+allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe.
+
+Da war Klara ganz erschreckt gewesen.
+
+»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du
+solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf
+Häphestos?«
+
+»Vater schwieg,« antwortete er nur.
+
+»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen
+beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an.
+
+»Ich – nein – ich mußte damals oft in Paris sein – ein – Freund dort
+bedurfte meiner.«
+
+Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken
+etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen – Klara – du sollst
+noch Respekt vor mir bekommen.«
+
+Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer
+Lebensfreude zu haben – war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde
+von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt – ja – so sah es aus,
+als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm
+sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen
+Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und
+vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck – –
+
+Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu
+verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit
+aufzuspüren?
+
+Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß
+ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde.
+
+»Schon Vater werden? – Wie alt kommt man sich vor. – Ja, das ist dann
+wieder eine neue Lebensepoche – man wird immer mehr Philister ...«
+
+Sie sah ihn an – starr – staunend – vor peinlicher Überraschung
+stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz
+auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die
+Rechte – küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...«
+Und ließ sie allein – als treibe ihn Verlegenheit fort.
+
+Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen
+mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich
+zugleich – –
+
+Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben
+– einmal – dann ... ja dann ...
+
+Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein
+Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster
+Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern
+gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich
+bring’ ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem
+brüchigen Mann.«
+
+Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur
+einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.
+
+Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete
+gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut – im mächtigen Ledersessel
+thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß.
+Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich
+mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich
+neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der
+möglichsten Vollkommenheit sei.
+
+Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch
+genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden
+Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen
+Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge
+Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob
+der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet.
+Eine Mütze war auch dabei. –
+
+»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein.
+Hab’ seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt,
+für junge Damen was einzukaufen.«
+
+»O wie schön. – Prachtvoll, Vater – wie danke ich dir –« Und sie
+dachte: »Was soll ich nur damit?!«
+
+»Hab’ Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr
+als vorderhand vom Eisenguß –«
+
+»Wynfried?« fragte sie.
+
+Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm – er begriff: das war eine
+überflüssige Bemerkung gewesen ...
+
+»Na – das kam mir vielleicht auch nur so vor – er war sehr erpicht
+darauf, daß ich dir was Statiöses schenke – Klara ist zu uninteressant
+angezogen ... sagte er.«
+
+»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn ›interessante‹
+Kleider haben?«
+
+»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht
+gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es
+Nerz und Hermelin sein – sieh dir das mal an – Leupold, laß mich da –
+hol mich in einer Stunde wieder – du weißt, der Kommerzienrat Kreyser
+hat sich angemeldet. – Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz
+an –«
+
+»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.«
+
+»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings
+sehen mag ...«
+
+Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue
+Wollmütze.
+
+Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie
+den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon
+den Gefallen tun – denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir
+nach und nach zu bestehen.«
+
+»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn
+aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt
+noch – noch die Ausdauer – aber es kommt! – Alle Begabungen sind da
+– Thürauf ist oft ganz glücklich. – Du kannst dir woll denken, daß
+Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige
+Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara – das
+bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort
+sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...«
+
+Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus
+vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von
+der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ...
+
+»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht – mit all dem Segen, der du
+uns bist – nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses – –«
+
+Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe
+Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin
+ging – er sah den fiedelnden Amor an – –
+
+»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich
+verstehen uns so. Aber heut ist so ’n Tag – dein erster Geburtstag als
+Frau Klara Lohmann – da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich
+es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht
+geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du
+meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist
+oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt
+– das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob – mir scheint, du
+bist glücklich! Anders zerfräß’ es mir auch das Herz. – Ich kann in
+Frieden weggehen – du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,
+nochmal mit der Sense ausholt ...«
+
+Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft.
+
+»Nicht so – o nein, Vater – du bleibst noch Jahrzehnte bei uns –«
+
+Er lächelte resigniert – aber doch in jener Resignation, die Starke
+sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie
+ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird.
+
+»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm
+ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem
+Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. – Ja, das hast
+du erfüllt. – Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen.
+Das sehe ich schon. – Wie herrlich, diese Beruhigung. – Heut kommt
+Kreyser – ein alter Freund. – Weißt du, was er will? Mit mir die
+Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. –
+Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da
+in die Hand bekommen. – Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit
+vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. – Kreyser hat kein Interesse
+mehr an seinem Werk. – Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne.
+Und nun? Einer im Duell gefallen – üble Sache – man spricht besser
+nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo
+Tuberkeln geholt – fristet sich im Süden hin und soll nach Australien,
+was ja als das Heilkräftigste gilt. – Früher sagte Kreyser woll mal:
+Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not
+mehr – wachsende Zuversicht. – Höre, Klara, es ist dir doch angenehm?
+Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. – Ihr habt so wie so
+Gäste?«
+
+»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum
+Frühstück eingeladen – Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara
+zerstreut.
+
+»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink ’ne Busenfreundin
+geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut
+mich. Beide haben meine starke Sympathie.«
+
+»Ach – Agathe? – Sie kommt sehr oft – sie ist so wenig mit ihrem
+Leben zufrieden – ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um
+irgend etwas Neues zu haben.«
+
+»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!«
+
+Klara lächelte.
+
+»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.«
+
+»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir
+hast,« sagte er scherzhaft.
+
+»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen – bis
+heute ...«
+
+Sie kniete neben ihm nieder – wie das oft geschah – dem Gelähmten
+schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen – oben
+in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron.
+
+Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger
+preßten förmlich diese große Männerhand ...
+
+»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und
+du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in
+deinem Sinne erziehe.«
+
+»Klara? ...«
+
+»Ja,« sprach sie, »im April.«
+
+Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große
+Auge ...
+
+Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von
+feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in
+diesen gebieterischen Augen. –
+
+Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen,
+die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die
+Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde
+ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er
+begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters
+war. –
+
+Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die
+Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin,
+da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei
+Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten – ach, in so mageren
+Lebensumständen – Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen,
+und so was könne man doch nicht mitansehen. – Und da habe sie ihr das
+Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die
+alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne.
+
+Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre
+Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders
+konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf
+Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese
+widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr
+liebenswürdig.
+
+Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten.
+Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei,
+weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend
+welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll
+hierher.
+
+Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn
+bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die
+ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die
+Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große,
+fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die
+nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung
+lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau,
+deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen
+Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters
+zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in
+seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten
+des Tisches präsidierte.
+
+Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen
+Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab
+sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem
+Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich:
+»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und
+dreinzuschlagen, wenn’s befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen
+gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns
+ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie
+sollen mal sehen – das ist das Schicksalsjahr. – Dann geht’s los! –
+Nun, wir sind fertig! – Es _muß_ mal kommen ...«
+
+Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. – In ihr war eine stille und
+doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres
+Geburtstags ein Erlebnis werden würde. – So war ihr manchmal zumut,
+wenn Gäste kommen sollten. – Dieselben Gäste – aber immer kam eine Art
+von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen
+Enttäuschung.
+
+Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und
+lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine
+so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines
+faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen
+Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten
+übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu
+beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. – Sie wußte längst:
+Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu
+erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...?
+
+Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses
+geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den
+unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl
+nimmt?«
+
+»Nein,« dachte Klara, »nein – das ist nicht die Frau, die ich ihm
+wünsche –«
+
+Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar
+vorstellte.
+
+Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar – er groß, schlank,
+dunkel – sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so
+entzückend gepflegt –
+
+Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das
+doch einfach unmöglich war ...
+
+Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte
+sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation
+von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und
+Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen.
+Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich
+sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk
+sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem
+Kaffee und der Zigarre. – Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die
+Herren eine halbe Stunde allein.
+
+Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich
+sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei
+ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien
+stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild
+und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch
+widerstand ...
+
+Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich
+Klara an den Hals – mit beiden runden Armen umschlang sie sie und
+preßte sie heftig an sich.
+
+»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara – schenken Sie mir das Du –
+laß uns Freundinnen sein – Du? nicht wahr. Du?!«
+
+Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an
+einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht
+unsympathisch war – wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend
+einem Menschen sein? – so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des
+»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes
+Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben.
+
+Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch
+keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich
+was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich
+liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja – ich mag nicht mehr
+leben – ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.«
+
+Sie begann zu weinen.
+
+»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie
+nicht ...
+
+»Gott – du fragst?! Wen denn als Stephan Marning – kann man anders? –
+Und ich warte und warte – im Sommer schien es – ich hoffte – damals
+im August. – Dann kam gleich das Manöver – dann hatte er vier Wochen
+Urlaub und war bei seinen Verwandten – damals dachte ich: er will erst
+seine Sippe fragen, fand’s natürlich – aber die haben ihm ganz, ganz
+gewiß nicht abgeraten – ich weiß es durch die Gerwald, die da
+Beziehungen hat – sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. –
+Dann kam er wieder – ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen –
+bringt immer Likowski mit – ach nein – umgekehrt: läßt sich von ihm
+mitnehmen – als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara –
+ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft.
+– Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat – sprich mit ihm – klopfe
+auf den Busch – nein, frage geradezu – sage ihm, daß ich Selbstmord
+begehe, wenn er nicht ...«
+
+Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort
+herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer
+am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode
+Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind – vor
+Liebesverlangen.
+
+»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie.
+
+Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch
+– ich hab’ Geld – ich lieb’ ihn – so hat noch nie ein Weib geliebt –
+so liebt ihn keine wieder – nein – ich will sterben ...«
+
+Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren
+mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das
+heftigste.
+
+Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und
+gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ...
+
+Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen
+will – – –
+
+Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu
+können – –
+
+»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien – o Gott – nein –
+das könnte ich nicht,« dachte sie.
+
+Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und
+Größe.
+
+Und es wurde von ihr verlangt, daß sie – sie! – unkeusch zum Manne –
+zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher
+Gedanke ...
+
+»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese
+heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an
+Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen
+haben möchte – nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke:
+was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht,
+und er wird schon eines Tags sprechen; – wenn er dich nicht liebt, ist
+es eine Demütigung für dich, daß ich sprach – – O nein! – Du mußt
+die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.«
+
+»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr
+geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder,
+»wenn man einen solchen Mann hat – der sich so auf Frauen versteht –
+ja – du kannst lachen –«
+
+Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn
+für den Augenblick.
+
+»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...«
+
+»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den
+Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft
+kommen ...«
+
+»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der
+Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue.
+
+Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der
+zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch
+verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er
+es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ...
+
+Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß
+schon im Salon seien.
+
+Sie trat ein. – Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und
+sahen, daß sie geweint hatte.
+
+Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem
+Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der
+Ausdruck: »Ja – sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich –
+Grausamer ...«
+
+Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser,
+vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein – ihr kam auch vor,
+als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das
+tat ...
+
+Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da
+war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte.
+Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen – der Spender solle sie
+noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen,
+erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.
+
+Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. – Wie schwer ihr das kostbare
+Stück auf den Schultern lag – als fiele eine Last auf sie. Und da war
+auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich
+geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. –
+Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei – er
+lächelte zufrieden – nein, mehr: zärtlich!
+
+Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum – sie hätte es nicht zu
+sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst.
+
+Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite
+Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und
+weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen
+Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab
+das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa
+in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin.
+
+Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue
+Wollmütze ...
+
+Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte
+wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds
+Geschmack. Aber – Klara – weißt du noch – deine pastellblaue
+Wollmütze? Damit mocht’ ich dich auch gern leiden ...«
+
+Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans – und entwich ihm
+wieder ...
+
+Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung –
+sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes
+Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ...
+
+»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich
+so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können – da
+war ja ihr Platz – der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt
+für sie gab ...
+
+»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung – immer,
+wenn ich da mal ’rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ –
+der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen
+Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen
+verblenden möchte.«
+
+»Ihre nicht!« lachte Agathe.
+
+Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug,
+daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf
+legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.
+
+Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam
+ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren
+die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften
+sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran.
+
+Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den
+sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte.
+
+»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne
+doch vor Lernbegier.«
+
+»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried.
+»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die
+zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.«
+
+»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen
+schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.«
+
+»Hallo! Das ist aber stark ...«
+
+»Na ja – gottlob – ich hab’ immer das Gefühl ... wie soll ich das
+sagen – na – als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch
+noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ...
+Denk’ ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven
+sich ab ...«
+
+»Glauben Sie es mir – ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist
+manchmal geradezu gepackt – sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat
+ein frisches Gefühl dabei – kommt sich als fixer Kerl vor.«
+
+»Ach so – Sie wissen doch, wie’s heißt: Ich spürte das kleine, dumme
+Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.«
+
+»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut –« gab Wynfried eifrig zu.
+
+»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan
+Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der
+Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.«
+
+Er fragte sich – nicht zum erstenmal – was für eine Art von Mann denn
+wohl Lohmann der Sohn sei ...
+
+Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde,
+hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer
+eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah.
+Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme
+schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin – er
+ließ sich necken und neckte wieder. – Vielleicht nahm er Agathe nicht
+ernst. – Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ...
+
+Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse.
+Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich
+zusammennehmen, um nicht zu weinen – sie – die nicht weinerlich
+veranlagt war.
+
+Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer – und dennoch ging von ihrem
+Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer
+Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.
+
+»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige
+Frau?« fragte er.
+
+Klara fuhr auf.
+
+»Ich? Nein –«
+
+Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte.
+
+Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf
+grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren
+gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem
+Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit
+des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen,
+in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des
+Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen
+durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun
+passierte.
+
+»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen
+Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten
+mußte.
+
+Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.
+
+»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie – so wie sie als Kind
+vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie
+bezweifelte.
+
+Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.
+
+Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein
+retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien –
+Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. – Und dann standen sie
+vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart
+aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich
+schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab –
+mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und
+rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen
+hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und
+Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten
+kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten
+hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine
+Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.
+
+Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform
+hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der
+schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich
+ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine
+Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,
+schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer,
+mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam
+vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine
+Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in
+die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich
+zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von
+Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,
+dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an,
+ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander,
+durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten
+Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser
+Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen
+hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich
+öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu
+entlassen.
+
+Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen.
+
+Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen,
+kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen
+Stücken, gleich großen Holzscheiten – nur daß sie grau waren und rauh
+ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das
+Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.
+
+Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie
+herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß
+der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte
+sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. – »Wenn ich
+liebe, kann ich alles!« dachte sie.
+
+Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen
+Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken
+kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand
+dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das
+Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen
+gesehen.
+
+Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen
+einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter
+grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes.
+Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben
+schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. – Und es schien,
+als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein
+Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen
+Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben
+glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens.
+Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie
+wunderbar sprechend – weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein
+gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von
+wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den
+dürren Rainen trauern. –
+
+Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der
+verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte
+herab – irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich
+einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine
+Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu
+Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel.
+Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es
+wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten
+sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der
+großen Flamme herangerissen.
+
+»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«
+
+Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte – wie er es
+sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen,
+daß er klar und sicher vortrug. – Daß Stephan Marning und Likowski voll
+Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das
+tat ihr wohl – es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit,
+dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es
+gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte
+Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei.
+
+Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im
+bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas
+Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von
+blaugrauen Streifen quer überschnitten – kein Ball mehr – kein Rund –
+nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank.
+Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.
+
+Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es
+keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag
+der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter – und immer den der
+Arbeit.
+
+Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf
+des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen.
+
+Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin
+Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der
+Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies
+Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des
+Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur
+übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen
+aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles – jeder Betrieb hier
+mußte von Maschinen getrieben werden.
+
+Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges
+Gesicht.
+
+Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe
+aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen.
+
+»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des
+Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein.
+Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte.
+Sie war so peinlich ...
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der
+Sauberkeit mitten im Betriebe. – Maschinen sind wie schöne Frauen –
+sie wollen geputzt und – geschmiert werden, mit dem Öl der
+Schmeichelei ...«
+
+Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.
+
+Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die
+ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen
+Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie.
+Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich
+rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf.
+
+Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige
+Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz
+begleiten.
+
+Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre
+leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.
+
+Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah,
+bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu
+sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere
+Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde – aber ein
+pulsierendes Dasein wie sie – –
+
+»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan.
+
+»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß
+die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme
+und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen
+gekommen. – Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die
+sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie
+engagiert waren – ihre Namen wußte man nicht.
+
+»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht?
+Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen
+Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche
+Mühen. – Und kein Ruhm – kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere
+auch nicht – wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne
+Anerkennung, noch umfeindet – damit das hier geschützt ist – damit
+solche Dinge blühen – uns groß machen. – Ich hab’ so’n Gefühl: wir
+stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier –«
+
+Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. – Stephan gab
+stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der
+Hauptmann sich quälte. –
+
+Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum – nicht nur
+das der Arbeit – auch das des Gefühls – schweigend sich bezwingen –
+ja – wer das muß ...«
+
+Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.
+
+Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch
+nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken – es ging sich schlecht
+damit.
+
+»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.«
+
+Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten
+Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten
+Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und
+Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende
+Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien
+liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und
+um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern
+unaufhörlich kühlende Wasser.
+
+Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe
+emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried.
+
+Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem
+Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete!
+Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken – das ging natürlich über
+menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb
+interessant, halb schauerlich war.
+
+»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück.
+
+»Doch – es kommt vor – trotz des besten Materials, das für den Umbau
+verwendet wird. – Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung
+gibt. – Gase sich entwickeln –«
+
+»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen
+und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die
+koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten
+her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben
+angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit
+den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen
+einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen.
+
+Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das
+Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu
+machen.
+
+»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie.
+
+»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein
+zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt
+_diese_ uns heutigen Menschen.«
+
+»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der
+Generaldirektor.
+
+Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu
+stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf
+einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen
+trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die
+eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte.
+Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter
+lauter kurze Rinnen getieft – die Formen für den Guß der »Gänze«. In
+unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer
+Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen
+strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen.
+
+Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt
+– wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich
+irgendwo sollte stauen wollen.
+
+Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten – als seien sie
+die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die
+Lande schleppten – eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie
+zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch
+vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin – wieder
+und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten
+Händen den Eisenstab gegen den Verschluß – berannten die Festung des
+Feuers. – Und da krachte es – Funken schossen hervor – Garben von
+Sprühpünktchen – und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort
+überhaucht, floß das glühende Eisen.
+
+Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo
+die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden
+Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der
+schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden
+Eisen – das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt –
+eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde.
+
+Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab – ein
+Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit
+Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde
+rollen sollte.
+
+Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. –
+Rauch wölkte. – Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. – Draußen,
+zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den
+blauen Abendhimmel.
+
+Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder
+Schönheit!
+
+Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit.
+
+Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender
+Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen
+Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur
+bezwingen! –
+
+Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.
+
+Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich
+verbunden – als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit
+ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit – es würde, es sollte auch
+einst die Welt ihres Kindes werden ...
+
+Ihre Seele ward wieder froh ...
+
+Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen,
+denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war.
+
+Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten
+sich ihre Blicke.
+
+Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der
+gleichen Andacht erhoben seien.
+
+
+
+
+6
+
+
+Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem
+Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In
+dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu
+sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte
+sich in Zorn um – nicht gegen irgend einen Menschen – nein, in diesen
+unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch
+fassen. –
+
+Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren
+Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel
+sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen
+Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ...
+
+Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn
+unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten.
+
+Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang.
+
+Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine
+Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten
+April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung
+des Geheimrats übernehmen können – wie so oft, seit dieser an seinen
+Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt
+gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds
+Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin
+Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der
+Industrie für das Haus eintreten solle.
+
+Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu
+verschaffen – noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich
+erwecken – wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte
+wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater
+selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als
+wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der
+Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht
+Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken,
+erweckte die wohlwollendsten Gedanken.
+
+Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung
+Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin
+anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor.
+
+Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine
+Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich
+anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er
+habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen
+geschenkt.
+
+Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte
+interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus
+konnte – wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß – nach
+Berlin – nach Hamburg – dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er
+wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die
+Welt wartet ja noch auf dich. –
+
+Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau,
+diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu
+erheben ...
+
+Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried
+möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete
+Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und
+wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ...
+
+Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel
+daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der
+Industrie sich Zutrauen erwarb.
+
+Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und
+Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof
+hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt
+schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried
+depeschiere.
+
+Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn
+fern zu wissen. – Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen,
+wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. – Er hatte so wenig
+Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...
+Rücksichtsvoll war er immer – und manchmal so zärtlich, als seien sie
+wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch
+immer wartete. –
+
+Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die
+Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der
+zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde – die wußte noch:
+als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht
+chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den
+leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen
+könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt.
+
+Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige
+Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April
+erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit.
+Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte
+die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten
+Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der
+Frühe.
+
+Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein
+Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.
+
+Feierliche Würde war in diesem jungen Tag.
+
+Da kam Leupold wieder einmal herein – bleich, verwacht auch er.
+
+»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?«
+
+»Was soll das? – Was willst du mit mir ...«
+
+»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam
+verstocktes Gesicht.
+
+»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ...
+irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl
+an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut – keine Sorge
+– nein gar keine. –
+
+Er zitterte ...
+
+Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche
+Aufregungen waren nicht für seinen Herrn – und Nächte durchwachen, wenn
+man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu
+leben ... Alles verkehrt – dieser ganze Zustand jetzt, mit einer
+zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im
+Gleichmaß hergegangen ...
+
+Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl
+und schob ihn rasch zum Lift.
+
+Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum
+Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ...
+
+Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar
+und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf.
+
+Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das
+Küchenpersonal, die Stubenmädchen – fast als bildeten sie eine Gasse
+... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst
+von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,
+klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht
+der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen
+und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen
+Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte
+Weibswesen.
+
+Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer
+beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.
+
+Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. –
+
+Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen
+Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles
+Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ...
+
+Leupold schob ihn an das Bett. –
+
+Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in
+heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren
+ein wenig zusammengerückt – als seien die Nerven nach dem Krampf der
+Schmerzen noch nicht ganz gelöst ...
+
+Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel – und nun
+sah man: das Fellchen war dunkles Haar.
+
+»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie.
+
+Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ...
+
+Er schluchzte auf. – Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem
+Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung.
+
+Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der
+wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ...
+
+Die große Männerhand streckte sich aus – tastete scheu nach diesem
+Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als
+habe sie Heiligstes berührt – so überfein und unfaßlich zart war das,
+was seine Fingerspitzen verspürten.
+
+Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran – er
+mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ...
+Und er küßte sie – immer wieder – von Dankgefühl übermannt –
+wortlos. –
+
+Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter
+Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und
+Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ...
+
+Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun
+lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu
+kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man
+wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei.
+
+An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift
+»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der
+Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen
+und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen
+Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet.
+
+Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte
+durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und
+Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.«
+
+Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder
+dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.«
+
+»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz
+erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.«
+
+Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein
+Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht.
+
+»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger
+Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten
+Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.«
+
+Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an
+der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte.
+Großfürsten der Industrie und des Handels – sie nahmen freudig teil am
+Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz,
+daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ...
+
+Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte,
+sollte er selbst die Depesche sehen – sie sollte ihm einst sagen: Du
+bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf,
+ob du ein tüchtiger Mann wirst ...
+
+Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute.
+
+Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum
+Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige
+Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt
+werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder
+der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und
+ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon
+Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat
+er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu
+lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war,
+versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in
+befriedigenden Mengen anzubieten.
+
+Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden
+Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren
+Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen,
+seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er
+war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat.
+Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der
+Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben.
+
+Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja,
+dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht – solche Mutter –
+und solche Zukunft!«
+
+Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich
+gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über
+Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur:
+Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?
+
+Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge
+Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O – man hat doch stets
+den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...«
+
+»Angenehm – angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch – soll er
+wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich – ich trau’ ihm nich – nee –
+wo das mal drinn steckt – so ’ne Männer sind gerade wie die Gäule
+früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ – wenn ein
+ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal ›Marsch‹ hörte,
+brannte er durch ... Warten wir’s ab ...«
+
+»Lieber Likowski – Sie sind ein Pessimist – in allen Dingen –« sprach
+er.
+
+»Kunststück – erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind
+mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab’
+ich nich gleich gesagt – damals im Februar – dieser auffallende Besuch
+von Haldane – und dann die Pressekampagne hinterher – passen Sie auf,
+wir werden wieder eingeseift – na – uns, grad’ uns kommt’s ja zu, zu
+schweigen – warten – aufrecht bleiben –«
+
+»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes
+Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir
+haben noch Zeit – lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen
+– ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach
+Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da – es regt mich unersättlich
+an ...«
+
+»Fabelhaft – Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon:
+der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an –
+nee – daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...«
+
+»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die
+Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die
+Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen
+taten? Haben Sie damals, als wir – wissen Sie noch, es war am
+Geburtstag der jungen Frau – als wir zuerst auf dem Werk waren – mir
+eine neue Welt – ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch
+Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird
+schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom
+Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant
+ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär’ ich nicht
+Offizier, möcht’ ich auf solchem Werk mitarbeiten – sei’s gegen noch so
+bescheidenen Lohn ...«
+
+»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen
+Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...«
+
+Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher
+Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr
+wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat
+nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen
+wolle.
+
+Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause
+herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle
+Nerven.
+
+Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus.
+Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren
+neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen
+dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal
+schrillte.
+
+Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer
+Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen.
+
+Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die
+bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte
+es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause
+einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr
+durchlitten ...
+
+Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete.
+
+Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete
+nach dem kleinen Knebel neben der Tür – das Licht an der großen Lampe,
+die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf.
+
+Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so
+viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller
+Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen.
+
+Er neigte sich ein wenig herab – doch noch in Besorgnis, wollte
+fragen ...
+
+Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte
+Herr sprach: »Leupold – du weißt es seit damals – ich muß immer
+gerüstet sein. – Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das
+kleine Kind – das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ...
+Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest –
+überhaupt noch dienen magst – verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen:
+Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der
+jungen Frau und meinem Enkel gibst ...«
+
+»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen
+Lippen.
+
+»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab’ so allerlei
+’rausgefühlt ...«
+
+Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah
+wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in
+ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell
+er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte – den von Glück bebenden
+Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der
+kleine Severin Lohmann.« – Da war doch auch über sein etwas
+vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen – fast wie
+Rührung.
+
+Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und
+Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich
+auf mich verlassen ...«
+
+Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen.
+– Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen
+Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der
+Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. – Er mußte der geliebten
+Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben.
+
+Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen.
+
+»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf – wir sind keine Fürsten. Denkst
+so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll
+zu – – – na ... Wie ich meine Tochter taxier’, lehrt sie den Jungen
+feste erst mal gehorchen – auch dir! ... Der kleine ›gnädige Herr‹ ...«
+
+Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den
+Kissen.
+
+So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen
+Lächeln. –
+
+Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs
+Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um
+sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.
+
+Klara hörte den Ruf der Hupe – hohl und dunkel.
+
+Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier – in Angst –
+in Enttäuschung. – Niemals hätte sie genau sagen können, in was für
+Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere.
+
+Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen
+Daseins erwartet.
+
+»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte,
+hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der
+Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur
+konstruieren können, was wir innerlich erleben – und Frauen tun es, die
+selber niemals ein Kind hatten.«
+
+Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine
+verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem
+Herzen und erweiterte es gleichsam – als sei ihm ein Stück
+hinzugewachsen ...
+
+Sonst hatte sich nichts verändert ...
+
+Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr
+eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich
+leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde – wie ein
+Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins.
+
+Nichts davon ... Alles war wie bisher. – Eine kleine Neugier war
+hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken
+könne – die ihm vielleicht – Klara ahnte es – nicht so ganz
+zusagte ...
+
+Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen
+Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge
+verstehen – ein Blick war mehr als alles Begrübeln ...
+
+Nun schrie die Hupe zweimal auf –
+
+Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der
+bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen
+so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und
+das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen – da werden sie naiv
+überheblich,« dachte Klara oft.
+
+Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara
+mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein.
+Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ...
+Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der
+Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. – Klara sah
+an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht
+rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat
+längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach – deren
+Grund sie doch kannte ...
+
+Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen –
+Klara sah nervös aus – als schmerze sie etwas –
+
+»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz.
+
+Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man
+zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre
+Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell.
+
+Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr
+unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ...
+
+Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu – neigte sich herab und
+küßte Klara –
+
+Sie sah ihn an – tief – tief. – Er lächelte dem Blick zu, der ihm
+doch fast unbehaglich war ...
+
+Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis
+ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand
+und streichelte leise ihre Wangen –
+
+Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht – wie sie
+es immer gewesen war, und nicht anders ...
+
+Nein – nicht anders ...
+
+Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben –
+
+»Willst du ihn nicht sehen?«
+
+Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit
+vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die
+Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und
+lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit
+dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend
+– hoffentlich sieht er dir ähnlich – ja – so’n Baby – das ist nun
+mehr was für Frauen –«
+
+Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben – die
+Lamprächtige hat es so befohlen ...«
+
+Er küßte ihr die Stirn.
+
+»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist – und Vater ist ja wohl
+außer sich ...«
+
+»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...«
+
+Ganz einfach sprach sie das – jedes große Wort, jede Aufwallung und
+Erschütterung blieb aus. –
+
+Es war sehr alltäglich ...
+
+Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte
+den Kopf zur Seite – sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken.
+
+Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.
+
+Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten
+kommen ...
+
+Das macht das Herz still –
+
+Alles war dasselbe geblieben –
+
+Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf
+jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ...
+
+Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen
+Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden
+war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine
+pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit
+buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den
+schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich
+künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt.
+
+Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche.
+Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach
+gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren
+wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er
+fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über
+Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie
+konnte nicht kämpfen.
+
+Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren
+Verschiedenheit in großen Dingen. –
+
+Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds
+Wünsche durfte man nicht hinweggehen – sie nicht, deren Aufgabe es war,
+einen _Mann_ aus ihm zu machen – und sie spürte: hier war es ihm ein
+Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen.
+
+Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in
+ihm nicht aufkommen.
+
+Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im
+Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit
+zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm
+noch angehaftet.
+
+Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der
+erfreulichsten Ausgeglichenheit.
+
+Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete
+Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine
+seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner
+eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen
+zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.
+
+Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe
+Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen
+Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein
+kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit
+Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es
+hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara«
+trug.
+
+Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen
+Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen
+Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum
+eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng
+haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren
+Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden
+und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen.
+
+Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote
+Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und
+Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln
+flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen
+marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze
+ein goldenes Band hatte.
+
+Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem
+Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des
+gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer
+regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das
+zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die
+gesunde Jugendkraft.
+
+Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der
+Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht,
+keiner verlockender scheinen als dieser.
+
+Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen.
+
+Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst
+gegen jetzt.
+
+»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt
+anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so
+gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich
+nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation
+– ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt’s
+ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß
+Wynfried die Erholung im Sport sucht.«
+
+»Ja – gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach
+Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...«
+
+Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt – obgleich – Nein!
+Nein – solche Frau – und einen Sohn in der Wiege – da war wohl keine
+Gefahr mehr.
+
+Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr
+vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh –
+es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will
+durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar
+sein, daß er sie in der Natur sucht?«
+
+»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er
+gar nicht hören. – –
+
+Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen
+Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des
+Hauses gefahren kamen.
+
+Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange
+fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe
+hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe,
+ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war
+beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck,
+daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter
+jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der
+Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer
+treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort
+nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine
+versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor.
+
+Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten,
+wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht
+glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben – sie habe
+keine Hoffnung mehr.
+
+»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,«
+meinte Klara.
+
+»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren
+geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert.
+
+Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit
+Kälte zu strafen.
+
+Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre
+»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe – nicht
+einmal verlangt, es zu sehen – merkwürdig!
+
+Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf
+daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu
+gar nichts nötig sei.
+
+Am anderen Tag freilich – es mochte diese Unterlassungssünde Agathen
+selbst schwer auf die Seele gefallen sein – fand sie den Täufling süß
+und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das
+festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm
+zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe.
+
+Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher
+glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr
+Haar habe er denn doch auch noch.
+
+Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler,
+unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön.
+
+Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich
+berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen – nicht diese
+Wundertiefen darin? ...«
+
+Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr
+kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen
+Händen festhielt.
+
+Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte
+Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge.
+
+Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des
+einen, der hier zu sprechen hatte.
+
+Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen
+die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im
+Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und
+Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.
+
+Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch
+der leuchtende Schein.
+
+Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste.
+Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem
+improvisierten Altar.
+
+Sein Herz klopfte – er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann
+dies schnelle Schlagen.
+
+Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ...
+
+»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal.
+
+Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer
+Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen
+Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der
+Wohltat sich dafür hinopferte ...
+
+Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen
+Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas
+zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.
+
+Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie
+hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf – und sah in das
+große, sprechende Auge des Mannes.
+
+Sie erblaßten beide.
+
+Klara senkte die Lider – ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt
+zu gehen.
+
+Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen,
+kein Sturm fassungsloser Aufregung.
+
+Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis.
+
+Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß
+fort ...«
+
+Ja, fort – sich versetzen lassen – an die russische oder französische
+Grenze – wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man
+nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ...
+
+Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer
+Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt
+hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je.
+Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten
+sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf – und der
+hieß: Entsagung.
+
+Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut
+herausschluchzen ließen.
+
+Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre
+weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...«
+
+Nein – das lag ihr nicht.
+
+Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend,
+segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches
+Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch
+bezaubern werde.
+
+Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt
+werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und
+Gebüschgruppen.
+
+Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte
+schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht
+sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein.
+Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und
+die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der
+Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte.
+Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf.
+
+Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine
+Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts
+gezogen wurde.
+
+Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr
+beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört,
+und du selbst stehst fest noch mitten darin.
+
+Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder –
+darin war etwas gewesen – was? Großer Gott – was denn?
+
+Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?
+
+Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und
+der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr
+zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu.
+Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die
+Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer
+Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht
+in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und
+Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden
+und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen
+Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß
+Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht
+erworben habe.
+
+Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte,
+tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit – wollte eine Art
+freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten
+sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa
+beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja!
+Das konnte sehr lustig werden.
+
+»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche
+Geschmacksänderung?« spottete Likowski.
+
+»Ach – Sie! So ’n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen
+einer Frauenseele.«
+
+»Na, es freut mich immerhin. Natur – das ist doch wenigstens kein
+schlechter Geschmack!«
+
+»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört.
+
+Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und
+sagte auch gleich – weil er wußte, er half damit dem Kameraden – daß
+es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so,
+daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der
+Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im
+Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind
+ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes
+Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in
+solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da
+hatte er keinen Sinn für Sport.
+
+»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich
+Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck
+ein, lieber Lohmann. Nein – nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen
+Sie sein sein – aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er
+anhält ... Das wär’ zu peinlich – wo man sich hier doch immer
+gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war
+doch bloß so ’n Backfischstadium.«
+
+Alle hörten es.
+
+»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat
+mir noch gestern gesagt, er heirat’ bloß, wenn er ’ne sehr gediegene,
+weibliche, schöne Frau kriegt – –«
+
+»Na,« lachte Edith, »also grad’ so ’n Mädchen, wie ich bin.«
+
+Und alle lachten mit.
+
+Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten – es
+schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß
+sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie
+durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem
+Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton.
+
+Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte
+nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.
+
+Welche qualvolle Unerklärlichkeit – was stand denn zwischen ihr und
+ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von
+diesem Mann – gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe
+horchend, das der alte Herr für ihn hatte?
+
+Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese
+nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ...
+
+Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen.
+
+Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem
+Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh
+zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an
+und fuhr hinauf.
+
+Der alte Herr war still. Nicht müde – aber als sei er satt vom Tage. Er
+mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden.
+
+Da kam die junge Frau.
+
+»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus – was
+ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?«
+
+Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine
+Schulter.
+
+»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt’ die Feier
+lieber im kleinen Kreis gehabt.«
+
+»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.«
+
+»O ja – immer – immer,« sprach Klara.
+
+Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie – lange –
+lange.
+
+Wie tat das wohl – gab solchen Frieden.
+
+ * * * * *
+
+An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit
+Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein
+Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche
+überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit
+verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung,
+mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck,
+sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb.
+Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so
+oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich
+bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem
+bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre
+Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art
+mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine
+herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr
+Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht
+vorenthalten werden.«
+
+Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr
+Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste
+ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll
+küßte.
+
+Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden
+nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein
+leises, ironisches Lächeln.
+
+»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene
+Los erbitten?«
+
+Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es
+herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann
+von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer
+Tochter eine große Stellung.«
+
+Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre
+alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich
+darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration
+so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf.
+Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß
+ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig
+eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit
+bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle
+Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein
+natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und
+die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt
+habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie
+Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir
+würden uns durchaus damit einrichten – sie will gern sparen.«
+
+Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch
+deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die
+verletzt – Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem
+Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude.
+
+»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie
+nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür
+kein Verständnis hätten – wir brauchen selbst einen starken Posten
+Idealismus – ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An
+Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat
+gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann – aber Luise hat zu
+viel Herz, und Sie, taxier’ ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine
+Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben
+kann.«
+
+»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow
+kurz, ja schroff.
+
+»Also denn ja – und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche
+ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!«
+
+Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem
+tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen.
+Brelow erhob sich auf der Stelle auch.
+
+»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow – halten Sie mich
+nicht für ’n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins
+darin: die Kinder bescheiden erziehen! – Zu große Gewohnheiten haben
+noch keinem Menschen das Leben erleichtert – und die Gefahr lag zu nah:
+daß mal Mitgiftjäger sich ’ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was!
+Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden – nicht
+als Eisenprinzessinnen auf ’n Heiratsmarkt kommen. – Na – und ich seh’
+ja nun – Sie und Luise – Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten
+des Feldes ... Schön, sehr schön! – Aber ich möchte denn doch, daß es
+die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich
+denke, wir lassen mal durch ’n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der
+Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich
+reden läßt ...«
+
+Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand
+bleich vor freudigem Schreck.
+
+»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine
+Mitgift! – Ich bin und bleibe ein Mann von Wort – schon allein, um dem
+dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen – durchaus: keine Mitgift! –
+Bloß Hochzeitsgeschenk.«
+
+Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage
+innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die
+Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein
+Pläsier.
+
+Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung
+auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone
+kokett sind! – Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon ’n Platz im
+Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so
+zusammengeläppert, daß Fräulein Luise ’n kleines Rittergut zur Hochzeit
+kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir
+Ihren Posten.«
+
+Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat’s
+natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift
+und so ...«
+
+Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort:
+»Sie lieben sich – sie lieben sich! ...«
+
+Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden
+durften. – –
+
+Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen
+Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die
+Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die
+freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute
+schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus.
+
+Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin
+Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß
+sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in
+erneuter Mannesschönheit aufblühte.
+
+Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried
+mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das
+väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand –
+als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch
+den Kern der Dinge, auf die es ankam.
+
+Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch – ihm schien, als
+halte Thürauf irgend etwas zurück – das war sonst nicht seine Art.
+
+Er sprach auch mit Wynfried selbst.
+
+Der lachte.
+
+»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist
+was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert
+– Robert Koch soll’s gewesen sein – der sich sein Leben so einteilte:
+acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann
+man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?«
+
+»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken:
+»Gerecht bleiben!«
+
+Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte
+seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen
+mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde
+Frau – ein Glück in der Ehe – das hatte er doch?
+
+Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen
+dieser jungen Frau so rätselhaft.
+
+Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von
+Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief
+eingezeichnet, daß er nie mehr wich.
+
+So sieht das Glück nicht aus ...
+
+Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton
+weitersprach.
+
+»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich
+abhetzt – rasche Entschlüsse fassen muß – das prickelt – – Spannung
+und Wagnis ist dabei – grad’ wie beim Segeln – man sieht die Böe
+kommen – es heißt Umlegen – ja, da kommt es auf die Sekunde an –
+Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man’s haben, wann
+das Tau locker zu geben ist – und hart an der Gefahr des Kenterns
+vorbei – dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.«
+
+Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht
+mit vorgebracht hatte.
+
+Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie
+war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich.
+
+»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein
+Unterschied. Arbeit ist kein Sport.«
+
+»Ich meine doch beinah – wenigstens für uns, die wir’s eigentlich nicht
+nötig haben.«
+
+»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.«
+
+»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt
+mir immer interessant. Nur – ich will daneben noch was vom Leben
+haben.«
+
+»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater.
+
+Wynfried streichelte Klara das Haar.
+
+Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ...
+
+»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau
+in mir geweckt.«
+
+Klara lächelte freundlich.
+
+Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es
+nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen,
+großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an
+Worten?
+
+Fort – fort – Gespenster – Grübeleien – fort ...
+
+Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück.
+
+»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit
+gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so
+wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte
+Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es
+bewunderten.
+
+Der alte Mann fuhr beinahe zusammen – da war wieder ein Nachhall –
+aber er kam von weit her – aus Zeitfernen.
+
+War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen?
+Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin
+ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte?
+
+O, dieser Tonfall – durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit
+zu werden schien – in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang.
+
+In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie
+nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« – das war ja
+die junge Frau. –
+
+Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen
+Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...«
+
+Klara kniete sogleich neben ihm hin – denn das war ja die Stellung, in
+der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er
+legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.
+
+»Hast du Kummer?«
+
+»Nein, Vater.«
+
+»Du bist verändert.«
+
+Sie erblaßte.
+
+»Wie sollte ich es sein?«
+
+»Hast du über Wynfried zu klagen?«
+
+»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.«
+
+Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht.
+
+Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie
+erblaßte.
+
+Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem
+Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ...
+
+»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.«
+
+»Das brauch’ ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,«
+sprach sie matt.
+
+»Aber wenn ... je ...«
+
+Da raffte sie sich auf.
+
+»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt’ ich!
+Sonst wär’ ich nicht wert, dein Kind zu sein.«
+
+
+
+
+7
+
+
+Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot
+entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank,
+im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm
+Arm, stand sie und winkte schon von weitem.
+
+Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose
+Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote
+kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende
+Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des
+Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den
+ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig – das wirkte
+beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und
+ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der
+Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das
+schöne Wetter kehre. –
+
+Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte
+man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von
+Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden
+Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie
+immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart
+und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage
+mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden.
+
+Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak
+beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken,
+brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und
+das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den
+bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch
+häßlicher.
+
+»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da
+muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von
+Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr
+Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens.
+Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst – – na –
+und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um ’n Finger
+wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben
+– ich bitt’ um stilles Beileid ...«
+
+»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn
+auch nicht begleiten.«
+
+»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend.
+
+»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der
+Kleine hat, glaub’ ich, einmal gehustet – da bringt niemand und nichts
+meine Frau von ihm weg.«
+
+Edith lachte.
+
+»O Gott ja – diese fanatischen jungen Mütter ...«
+
+Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde
+neckte. War’s nicht, als würde man sie necken, weil sie atme?
+
+»Fanatisch – das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als
+ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald:
+sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn
+– als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da
+sei.«
+
+Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in
+Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten
+konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein – mit ganzer Inbrunst
+täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen – ihm
+Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in
+die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten
+Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im
+rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft – dem
+nie abreißenden Hintereinander der Gefährte – wie waren sie mühsam
+gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. – Das
+Kind war doch der Zweck ihres Daseins – dies Kind gab in einem
+besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte
+wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben – sie war ja nicht nur
+Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie
+hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes
+Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und
+beschäftigt hätte – sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf
+neue Wege geleitet hätte. Und dann – diese Unruhe in ihr, dies
+unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem
+bedroht zu sein – das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein
+konnte.
+
+Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr –
+deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke.
+
+»Aber nun fix!« mahnte Wynfried.
+
+Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins
+Gesicht.
+
+»Sie sehen aber wirklich noch immer ’n bißchen matt aus – ich fand es
+schon damals auf der Taufe. – Da sollten Sie grad’ mitsegeln.«
+
+»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich
+etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.«
+
+»Schad’,« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und
+Marning haben auch abgesagt.«
+
+»Was – die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher
+Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer
+ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer.
+
+»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin
+Agathe und meine Frau mitsegeln würden.«
+
+»Ach Marning! – Ich glaub’, der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte
+das rothaarige Mädchen.
+
+»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara.
+
+»Na – nu los. Und ängstige dich nicht – wenn gegen Abend Flaute kommt
+– es kann spät werden ...«
+
+Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren
+Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den
+drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck
+der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den
+weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch
+salutierten.
+
+Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann
+zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt
+stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen
+Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und
+Schunersegel waren noch gerefft.
+
+Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis
+Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg.
+
+»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith.
+
+»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet
+aussieht – sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf – die
+Amme sei nicht verläßlich.«
+
+»O Gott – und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem
+Pathos.
+
+»Hab’ mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes
+Quartier oben genommen – bin sehr stolz auf meinen Sohn – auf sein
+nächtliches Geschrei leg’ ich aber keinen Wert.«
+
+Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in
+üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige,
+ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein
+breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von
+Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender,
+rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder
+unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange
+glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen
+Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf.
+
+Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander
+gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute
+aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in
+ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön
+geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise
+öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann
+irritieren könnte –«
+
+»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er.
+
+»Ach – ich denk’ so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...«
+
+»Ich?«
+
+»Na ja – wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...«
+
+»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache,
+mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend.
+
+»Will nichts gegen sie sagen – nicht von fern – ich verehre Ihre Frau
+kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte
+Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne –
+aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ...
+
+Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei,
+den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen – die Augen
+blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. – Die Züge vornehm – und
+das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und
+selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen.
+
+Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war – ja, dieser Mann wäre in
+jeder Hinsicht für sie gewesen. – Geld, Stellung – und seine Schönheit
+lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_
+Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte
+ihn ihr Studium gekostet haben. – Ach ja, er war weit und breit der
+einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so
+langweiligen Person verheiraten müssen.
+
+»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann
+ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll.
+
+Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade
+erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der
+überraschend scharf war, fühlte sie das gleich.
+
+Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ...
+
+Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge.
+
+»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?«
+
+»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.«
+
+»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.«
+
+»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie
+wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem
+Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das
+gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um
+anderswo als Kompagnon einzutreten. – Nun bin ich nach Wunsch freier
+Mann – denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.«
+
+»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.«
+
+»Sie sind durchaus normal.«
+
+»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das
+Lohmannsche Kapital. – Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater
+ins Werk gesteckt hat. – Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes
+stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark
+Einkünfte. O Gott – und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die
+Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn’s mit den
+Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie
+sozusagen von selbst weiter.«
+
+»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie
+das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen
+Mädchens.«
+
+Edith zuckte die Achseln.
+
+»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen
+hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen.
+So ’n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für
+Geld und Geschäfte hinein. – Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt
+weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große
+Liebe! – ›Severin Lohmann‹ sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man
+immer gedacht.«
+
+»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan
+haben. – Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die
+Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel
+übertragbar sein soll.«
+
+Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte
+gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ...
+und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. – Und bis der
+zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein
+alternder und ganz eingearbeiteter Mann. –
+
+»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja
+’n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens
+Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem
+ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.«
+
+»So?« fragte Wynfried ungläubig.
+
+»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten
+– Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich
+genier’ mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen – na, wen
+treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs,
+nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an
+dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen
+und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst
+belegt – das wäre so in der Situation gewesen. – Und was tat
+Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen:
+Vergißmeinnicht!«
+
+Wynfried lachte.
+
+»Wissen Sie, was ich tat?«
+
+»Bin gespannt.«
+
+»Ich lenkte mein Pferd ’ran – ich salutierte Hornmarck mit meinem
+Reitstock und improvisierte:
+
+ Ein Leutnant saß an dem Rain,
+ Er sammelte Vergißnichtmein
+ Und fügte sie zum Kranze;
+ Wie rührend war das Ganze.
+
+Und denn los und davon. – Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als
+Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.«
+
+Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben.
+
+»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?«
+fragte er.
+
+»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch
+sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders.
+Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a#
+bringen darf. – Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem
+Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei.
+
+Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte
+sie selbst es auch.
+
+Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und
+faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des
+Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen
+waren.
+
+»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton – aber um ihren großen Mund ging
+ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen
+können – der ist ja #hors de concours# ...«
+
+Und ihre Augen sprühten Funken – zu ihm hinüber. – Daß sie ihn meinte,
+war zu fühlen.
+
+Er sah sie an, lächelnd – vielsagend – sie konnte nach Belieben alle
+Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren.
+
+Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen,
+das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen
+Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. – Aber das ging natürlich
+nicht an ...
+
+Sie machte ihm aber Spaß – in ihrem Gemisch von praktischem Verstand
+und keckster Herausforderung.
+
+Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten
+umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um
+ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen
+her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise
+geraten war.
+
+Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes
+Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten.
+
+In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« – die hatte so wenig mit
+dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.
+
+Eine Sache gänzlich für sich – –
+
+Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres
+fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer
+Bewegung in sich aufsteigen ...
+
+Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß
+der Pfiff des Motorboots sie.
+
+Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die
+roten und schwarzen Duc d’Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das
+Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft
+hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem
+Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur
+Stelle und erwartet ihre Gäste.
+
+»Ach – wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie – die Baronin muß schon
+im Bootshaus gewartet haben.«
+
+Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken
+Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher
+Fahrt heran.
+
+Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und
+Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand
+für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches
+Ziel.
+
+Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse
+Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«.
+
+»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. – Agathe Hegemeister im
+Futteral eines Sportkleides – sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle.
+Keine Spur von Selbstkritik.«
+
+»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe
+ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten
+angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll – noch nicht mal
+Rubens ...«
+
+»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total
+anderen Geschmack als wir ...«
+
+Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier.
+
+Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war
+denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu
+ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene
+Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen
+Matrosenhut – wie Edith gehofft hatte – trug sie auch nicht; der hätte
+auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken
+können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst
+kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links
+unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war.
+
+Wynfried dachte: entzückend. – Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich
+in jedem Blick, jeder Bewegung.
+
+Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit
+einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine
+Rarität unbefangen genau anstarrte.
+
+»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das
+verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht – paßt sich denn
+das überhaupt? – Ich allein mit dem Gatten einer anderen?«
+
+»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin – und Klara läßt Sie
+vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes
+Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig
+schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet
+ist,« sagte Wynfried.
+
+Agathe sah ihre Gerwald an.
+
+»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden
+Ton.
+
+»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck.
+
+Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher
+Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte
+eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede
+dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir
+konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel
+Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde
+von Bord ging.
+
+Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe
+Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das
+abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders
+schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein
+leiser, schmerzlicher Stich. –
+
+Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen
+hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie
+abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie
+winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas
+großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze
+zu ihr hin.
+
+»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So
+eingebildet und dreist.«
+
+»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald
+hinzuzufügen.
+
+»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und
+temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.«
+
+»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz
+anderen Geschmack als wir.«
+
+Nun hieß es erst einmal Tee trinken.
+
+Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der
+Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische
+Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator
+elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse.
+
+Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand
+mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. – Dafür hatte Klara
+gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere.
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau – zu gut
+für mich.«
+
+Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß
+das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte,
+bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer
+Fahrt über die Wogen dahin.
+
+Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie
+prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von
+Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste
+scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des
+mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser
+glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit.
+
+Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens.
+
+Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen
+Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen,
+fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete
+köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die
+runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher.
+
+Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum
+Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die
+weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte
+des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem
+»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau
+und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge
+umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise
+spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben
+erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.
+
+Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in
+eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen;
+und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag
+die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.
+
+Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und
+den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer
+patriotischen Musik von dort herschwirren.
+
+Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts
+– entgegen den aufkommenden Jachten.
+
+Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe
+Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich
+zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen
+dahingleiten konnte.
+
+»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!«
+
+Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte
+Klara diese Stunden nicht miterlebe.
+
+Das Wasser schwoll immer gegen den Bug – es war kein leises Gluckern
+und Raunen – es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es
+die Gedanken – es war ein Versinken – in eine himmlische Art von
+Dummheit – als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und
+brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne
+bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise
+Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel
+bluffte.
+
+Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den
+roten Sweatern sprangen – der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte
+– die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am
+Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte
+sie auf. – Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder
+der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der
+Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch
+durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im
+Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in
+kürzeren Schlägen.
+
+Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß
+niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward.
+
+Sie mochten kaum sprechen.
+
+Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von
+Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte
+und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder
+flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne
+erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von
+allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues
+Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern
+aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und
+ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber.
+Die Gerwald saß neben Wynfried.
+
+Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein
+höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war,
+weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. – –
+
+»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald.
+
+Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man
+weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen.
+
+»›Meteor‹ und ›Germania‹,« sagte Wynfried.
+
+»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen – stick
+Nordost. – Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde
+zuhalten können.«
+
+»O – schon zurück?«
+
+»Erst wenn Sie wollen. – Für ein kleines Souper ist gesorgt. – Klara
+hat alles an Bord schaffen lassen. – Hummer – kaltes Geflügel – sonst
+noch dies und das. – Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat
+kochen.«
+
+»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus
+– bis ganz nach Fehmarn!«
+
+»Mir ist’s recht.«
+
+Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald
+als Segel – rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen
+Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen
+Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran –
+kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.
+
+Das war herrlich zu sehen. – Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um
+die Kaiserliche Jacht zu grüßen.
+
+Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln
+schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die
+blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper
+und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze – der
+»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten
+wieder.
+
+Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten –
+kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem
+blauen Hintergrund des Himmels.
+
+Fülle des Lebens. – Fülle der Freude.
+
+Und Agathe seufzte schwer.
+
+»Nun?« fragte Wynfried.
+
+»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im
+Herzen weh.«
+
+»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?«
+
+»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an
+gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine
+Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen
+heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines
+verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber
+darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten,
+sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle
+Zuschauer, die da am Strande herumlungern. – Nicht mal mit meinem
+Motorboot hätt’ ich mich herauswagen können – dazu ist es zu klein ...«
+
+»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.«
+
+»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich
+ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und
+ich muß wohl artig sein. – Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es
+nicht in Lammen steckt – und das ergibt dann wie von selbst eine
+Kontrolle. – Und dann – Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man
+immer im Schock ist ...«
+
+Das wußte Wynfried noch. Früher – da war er seinem Vater auch lieber in
+scheuer Ferne aus dem Weg gegangen.
+
+Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach
+seiner Heimkehr – und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters
+Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte.
+
+Wie weit und unbegreiflich lag das zurück.
+
+Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von
+dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte.
+
+Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den
+eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau.
+
+Aber er war nicht eifersüchtig – gar nicht. Es freute ihn im Grunde.
+Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm
+selbst mehr ab – als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes,
+die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn,
+den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten – würde eine beständige
+Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein – alles war
+vortrefflich, wie es war. – Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau
+und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie
+ein Zeugnis – es vernichtete die Vergangenheit. – An die dachte
+Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich
+ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede
+Lage mehr beherrschen würde.
+
+Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie
+schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich
+niemand einen Begriff.«
+
+»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried.
+
+»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit.
+
+»Liebste Baronin – eine Frau wie Sie – so schön – verzeihen Sie, aber
+diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen – so
+wundervoll schön – so ganz hingebende Weiblichkeit – so voller
+Herzensgüte – die muß und wird Liebe finden – keinen ›Käufer‹ – nein,
+einen leidenschaftlich liebenden Gatten.«
+
+Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb
+bekümmert an.
+
+»Wenn Sie so sprechen. – Und doch – glauben Sie mir – es scheint, mir
+ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.«
+
+Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als
+ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen
+mehr ausspricht, als geschmackvoll ist.
+
+»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige
+vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten
+unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel.
+
+Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost
+zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen.
+
+Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte
+sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem
+unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt,
+daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue
+Verliebtheit mischte – wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am
+Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt.
+
+Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden.
+
+Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz
+gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.
+
+Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. – Aber
+Agathe errötete doch – und ihr Atem fing an, rascher zu gehen.
+
+»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!«
+
+Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf
+Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob,
+daß da gerade Fehmarn war ...
+
+Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen
+Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen
+Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der
+Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig
+pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf.
+
+Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede
+etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von
+kluger und sehr feiner Kunst hingemalt.
+
+Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne,
+die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der
+schmale Fehmarnsund.
+
+Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am
+Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten
+Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf
+aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn
+Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen?
+– unten warteten Hummer! – Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam
+man nach Haus? Großer Gott – es konnte sehr spät werden. –
+
+Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen
+Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben.
+
+»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut,
+»dafür bin ich Ihnen so dankbar.«
+
+»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres
+Gemüt zu erhellen.«
+
+»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich
+besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich
+lieb – teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie
+sie neidlos bewunderte – neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß
+Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.
+
+»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen
+etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen – ihrer
+Freundin ...«
+
+»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe.
+
+»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht – Sie sind doch
+Freundinnen – hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?«
+
+»Nie. Klara spricht nie von sich – sie ist so verschlossen. Ich
+bewundere es.«
+
+Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd:
+»Sehen Sie, liebste Freundin – im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe
+mit Klara anders beurteilen – wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns
+gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie – als
+ich heimkam – Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es
+möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht – eine Frau hatte
+mich verraten ...«
+
+Agathe preßte seine Hand.
+
+»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?«
+
+Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man
+von ihm geliebt sei ...
+
+Er erwiderte dankbar den Händedruck.
+
+»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel
+wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige
+moralische Rettung sah. – Heut freilich – heut gelänge es Vater
+freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf – als
+spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen
+Geschichten. »Ja – und Klara – ich dachte erst, sie sei in mich
+verliebt – man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten
+Einbildungen. – Aber nein – Klara hat eigentlich nur so ’ne
+schwesterliche Hingebung für mich. – Geheiratet hat sie mich wegen
+Vater – etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.«
+
+»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch – oder ... nein
+... Ich wollte sagen – es hätte tragisch werden können ...«
+
+»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige
+Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut – glauben Sie bitte
+nicht, daß ich es bereue. – Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie
+das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen
+meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun
+glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in
+Frieden. – Wie hätt’ er sich sonst daran verzehrt ...«
+
+»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf
+unbestimmte Art ernüchtert.
+
+Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn
+Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an.
+
+»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den
+holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam.
+
+Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer
+Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter,
+steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch – und diese
+Zwangsvorstellung entschied.
+
+Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen
+Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht.
+
+»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt,
+als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male
+in ihrem Leben auf.
+
+Agathe erwachte ...
+
+»O – wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt.
+
+»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf
+vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...«
+
+»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die
+Gerwald.
+
+Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind
+flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich
+langsame Rückfahrt.
+
+Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter,
+schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab
+eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten
+Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die
+Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen
+tüchtig zu.
+
+Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder
+gegen das von Wynfried. – Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras
+Wohl trinken!«
+
+Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. –
+
+Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt – seit
+drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen
+Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. – Rührung erfaßte
+sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
+Stunde war sie wie berauscht – nicht gerade vom leise und fein
+schäumenden Burgunder – nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer
+Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds.
+
+Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. – Ach, es lohnte sich ja
+doch noch, zu leben! – Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz
+anderes Wesen bekommen hätte – gleichsam als habe eine Zauberhand über
+sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden,
+sprühenden Ausdruck gegeben?
+
+Ja – Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt – nicht verwandelt
+– vielmehr wie ein Erwachender – wie ein Zurückgekehrter, der lange
+verbannt war – so dergleichen – er wußte selbst nicht, wie ihn das
+ankam. – Jedenfalls war es eine Gehobenheit. – Er war ganz
+durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie
+Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. – Ach, was gab es denn
+Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich
+Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren
+Worten. –
+
+Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ...
+
+Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer
+gelegt – dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende.
+
+Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht
+mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo
+der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie
+nieder und fand Lehne und Halt.
+
+Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften
+Sitzplatzes. Dicht nebeneinander – er nahm ihre Hand und küßte sie und
+legte sie ihr in den Schoß zurück.
+
+»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man
+gelitten hat.«
+
+»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach
+Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte,
+erzählen Sie nichts davon – mir ist, als würde ich zu zornig werden. –
+Es gibt nur eins: vergessen!«
+
+Sie redeten sehr leise miteinander.
+
+»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es
+ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu
+straft, was man einmal verbrach ...«
+
+»Verbrach?! Sie – Agathe. – Nein, Sie können keine Schuld auf sich
+geladen haben. – Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu
+tun.«
+
+»Nein – keine Schuld. – Und doch – aus Unkenntnis – aus Neugier –
+aus einer schrecklichen Sehnsucht nach – ach, ich weiß selbst nicht,
+wonach – nach Liebe, oder nach Glück – oder nach Geheimnis – ja, aus
+Unkenntnis kann man fehlen.«
+
+»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen.
+Erfahrene Herzen urteilen anders.«
+
+»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie,
+woran doch auch sie die Schuld trugen.«
+
+»Wollen Sie mir nicht vertrauen – liebe Agathe. – Ich – verstehe
+alles –«
+
+Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.
+
+Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm – stockend – in immer
+wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.
+
+Immer dunkler ward die Sommernacht – die Flut glänzte in der Nähe
+schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den
+Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf – von
+der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und
+backbord ein grünes – die glitten als magischer Schein mit der Fahrt
+und schwebten über der Tiefe.
+
+»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe.
+»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht – ich sollte Französisch und
+Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch
+hinaus. – Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat
+große Verbindungen – das war so ’ne Art Vorarbeit, begriff ich später
+– das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft
+sichern. Und mal ’ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste
+Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und
+Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir
+herumerzogen – und gar keine lustige Kindheit hatt’ ich – und keine
+Freundin durft’ ich haben – damit nicht einmal unerwünschter Anhang da
+sei. – Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position
+ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben – man
+muß erst sehen, wohin man gelangen kann.«
+
+»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«
+
+»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß
+erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte
+ich – und da waren nur die steifen Gouvernanten – und sie und ich, wir
+haßten uns.«
+
+»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte,
+sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist
+_das_ Parfüm.
+
+»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen
+den Fabriken – das Haus war prachtvoll – aber doch in Berlin selbst
+hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt – mehr Zerstreuung. Ich sah
+oft die Herren aus dem Bureau – sie begegneten mir und grüßten – wenn
+ich mit meinem Nero spielte – ja, ich hatte eigentlich bloß meinen
+Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich
+Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden – dann mußte ich
+hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...«
+sie stockte.
+
+Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde
+Frau ...
+
+»Und da war einer – mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen
+Schnurrbärtchen – so italienisch – bildete ich mir damals ein – Papa
+sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam –
+wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero
+schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um
+die Zeit, wo ›er‹ an seinem Parterrefenster stand. – Und ich war mit
+einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken.
+Und dann – einen Tag – es war im Juni – da warf er ein Briefchen
+heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe
+und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo
+es wohl sein könne – und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde
+vorbei komme, eine Antwort bringen – einen Zettel in sein Zimmer
+werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so
+fing es an.«
+
+Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und
+erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen
+von damals.
+
+»Wir trafen uns – hinter Zäunen – zwischen den Winkeln von Schuppen
+und Lagerhäusern – da war keine Poesie – kein Wald – kein Mondschein
+– keine Nachtigall – alles hatte gleich so was furchtbar
+Verzweifeltes. – Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die
+Seine werde.«
+
+Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße
+Erinnern.
+
+»Dann verreisten die Eltern – ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus –
+jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur
+eine Tyrannin mich bewachte. – Und Miß Brown war sehr leidend –
+benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh
+schlafen zu gehen – es war ein so schwüler August. Ich starb vor
+Sehnsucht – litt – o – dachte zu verbrennen – und da geschah es. –
+Ich wußte ja nicht, was ich tat – ich war nur selig – selig ...«
+
+Sie erschauerte. – Sie flüsterte weiter. – Und es war, als ob ihre
+raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien,
+die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen.
+
+»Ich hab’ es nie begriffen – nie – daß das schlecht von mir gewesen
+sein sollte – so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein –«
+
+Sie schwiegen beide lange. – Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner
+Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.
+
+»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit
+ihnen zu sprechen – denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange
+gemerkt – wie hätt’ ich daran denken können? – Und dann gab es einen
+Zustand – o Gott – ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden.
+– Hinrichtung ist ja milde dagegen. – Und Miß Brown flog hinaus – und
+›er‹ schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er
+mich heiraten wolle – und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur
+spekuliert – Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit
+ihm hinausziehen und betteln. – Dafür hatte Papa nur ein schreckliches
+Gelächter. – Wiedergesehen hab’ ich ihn nie – nicht einmal Abschied
+nehmen durfte ich. – Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika
+– da ist er verdorben und gestorben – das hat Papa erst nach vier,
+fünf Jahren gehört. – Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei
+Papa und Mama war, wollte ich sterben. – Es ist schwer, zu sterben –
+man weiß nicht, wie man es machen soll –«
+
+Sie seufzte.
+
+»Ich war noch ganz gebrochen – dann kamen die Eltern und sagten, ich
+müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste – das
+einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich – weil
+ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. – Und ich dachte:
+vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als
+das, was ich zu Haus gehabt hätte. – Obgleich ... Bis auf den heutigen
+Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in
+Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die
+Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.«
+
+Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.
+
+»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes
+Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl – böse Menschen flüstern noch
+immer allerlei – und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen
+schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. – Aber von wie
+vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und
+Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt
+habe – soll ich nie mehr – nie – nie mehr die Glückseligkeit erfahren
+– geliebt zu sein ...«
+
+Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.
+
+Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung –
+
+Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die
+ihren zu einem verzehrenden Kuß ...
+
+ * * * * *
+
+Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht
+hinaus.
+
+Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie
+Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal
+auf. – Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel
+Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen
+zuzumachen.
+
+Und aus der Sommernacht wehte so viel heran – fast wie Qual des Neides
+– Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte –
+Sorge vor schrecklichen Kämpfen.
+
+Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast
+wie Brangäne vor.
+
+Märchenhaft – wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt
+– und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den
+Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der
+Himmel.
+
+Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der ›Hohenzollern‹ auf, und aus
+ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. – Und drüben
+Travemünde-Strand – eine Reihe von Lichtperlen nur. – Und das
+Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.
+
+Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß,
+und schreckte sie auf.
+
+Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. – Er
+schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. –
+Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle,
+und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen
+wartete ...
+
+Große Unruhe entstand an Bord.
+
+Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab,
+sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer
+Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. –
+
+Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da
+und gab Befehle.
+
+Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem
+Sitzplatz – in seligem Lächeln sinnend.
+
+Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. – Aber die
+Treue wußte – dies verband sie beide auf immer.
+
+Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte
+Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte
+über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte
+Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach
+Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ...
+
+In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen – und zwei
+Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ...
+
+Was denn? Ja – ganz gewiß. – Der Schlepper ›Primus‹ hatte die
+Nachricht mitgebracht – gerade als er die Trave abwärts dampfte und
+schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte
+er einen furchtbaren Knall von dorther gehört.
+
+Wie von einer Explosion ...
+
+
+
+
+8
+
+
+Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In
+allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in
+Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit
+darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte
+gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags
+herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie
+setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen
+nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara
+natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage
+verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich
+darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. – Die jungen Eheleute
+wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. – Likowski,
+der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen
+Einladung, der er nicht folgen könne.
+
+Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit
+ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der
+Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den
+Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück
+erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn
+sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der
+Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das
+Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung
+gestört gewesen – nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und
+die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen.
+Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter
+den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen
+Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen
+Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin
+Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem
+Kleinkram ihres engen Lebens.
+
+Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es
+noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann,
+ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«
+
+Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging,
+fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit
+erhoben. Woher ihr die kam – sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer
+wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und
+jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr – sie
+vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine
+äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen.
+
+Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes
+nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte
+sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja
+all seine Interessen und Freuden teilen – das war ihr ernster Vorsatz.
+Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön –
+fast, als sei es weniger – mühsam. –
+
+Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme
+fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner
+einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen
+hinab.
+
+Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr
+auch. Er fuhr auf und wurde rot.
+
+»Kathrin bat mich – ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. – Ich
+kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau
+recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«
+
+Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten
+Ärmchen frei – er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der
+anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang – in diesem allerersten
+zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß
+selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold
+erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde.
+
+Klara sah ihn an – irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu
+sprechen.
+
+»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn
+Geheimrat ähnlich ...«
+
+Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste
+Kind, das ich je gesehen habe ...«
+
+Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann
+hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und
+bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte
+ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den
+Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.
+
+Ja, so kleine Händchen können viel.
+
+»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung
+ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht
+zusammenfügen ...«
+
+O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! – Und warum nicht? Es gibt doch
+Gefühlswunder, Wandlungen – man las so viel Schönes davon. Und was die
+Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. –
+
+Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am
+Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster
+geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug
+ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren
+Ekel davor.
+
+»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara.
+
+»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die
+Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen
+will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge.
+Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat
+sich angesagt – eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik
+will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus
+Harburg zu erwarten.«
+
+»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert,
+daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine
+Pröbchen zu Füßen legen könne.«
+
+»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen
+ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist’s ja nur ein Katzensprung.
+Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen
+und Gewichten. – Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht
+noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge
+Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse,
+billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt,
+muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.«
+
+Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf
+welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und
+konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man
+niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste
+kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer
+sechs.
+
+Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die
+Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe,
+die Klara heimlich bewunderte.
+
+»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern
+selbst alle sprechen und sehen. – Auf dem Werk macht Wynfried ja
+sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.«
+
+Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus
+Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war.
+
+»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.
+
+Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig
+hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn
+beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war,
+verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er
+konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit
+Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war
+auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das
+ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war,
+adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als
+eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können – jene verborgensten,
+geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller
+Erklärbarkeit liegen.
+
+Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in
+seinem brüchigen Zustand diese Stunden – auch ihm war’s im tiefsten
+Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der
+Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried
+sich nur behaglich fühle ...
+
+Er sprach zu der eifrig Hörenden.
+
+»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines
+blinden Nationalismus überall – der so oft Forderungen erhebt, die dem
+eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes
+zuwiderlaufen. – In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden
+große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der
+wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine
+Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese
+Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer
+groß. – Und Schweden ist so klein – es hat auch keine Kohlen – keine
+Arbeitskräfte – selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte
+und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das
+Rohmaterial abzunehmen imstande wäre – und sie könnte auch niemals in
+einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen
+zu verarbeiten. – Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer
+– es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die
+Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der
+Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig
+Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig – stell dir
+das mal vor ...«
+
+Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art
+vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen
+soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in
+dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je
+sich zeigte, und sie scherzte ein wenig – denn das mochte er haben. Und
+sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und
+Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin
+der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte
+lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen
+Vortrag zurück.
+
+So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr,
+davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse.
+
+»Wenn du sagst ›man‹, meinst du mich,« scherzte der Geheimrat.
+
+»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben – auf Wynfried warten
+– aber nur bis Mitternacht – später könnt’s ihm eher bedrückend als
+erfreuend sein.«
+
+»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der
+Hand – wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...«
+
+Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen
+Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um
+beim Zubettgehen zu helfen.
+
+Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus – der Lift mündete in der Nähe
+des Eßzimmers auf die Diele.
+
+Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den
+Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele
+aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit
+geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein.
+
+Der alte Herr atmete sie ein – sie tat ihm wohl.
+
+»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf
+die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte
+den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze
+Dickicht des Parkes.
+
+Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser
+große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer
+und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein
+überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer
+Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem
+Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und
+seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so
+aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen
+und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne.
+
+Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren
+des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr
+hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und
+ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der
+Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem
+beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön.
+
+So ließen sie die Minuten rinnen. – Da geschah etwas Furchtbares –
+grauenvoll Bedrohliches – sie zuckten zusammen – ein dunkler, runder
+Ton hatte die Luft zerrissen. – Die Gewalt der Erschütterung war so
+groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging.
+
+Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie
+konnte nicht einmal schreien – –
+
+»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. – Und er saß und war
+gefangen ...
+
+Eine Explosion – irgend etwas war geschehen. – Ungewöhnliches –
+vielleicht Furchtbares.
+
+Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach – ein, zwei
+Sekunden – unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag – in
+der Lähmung des Schreckens.
+
+»Durchbruch?« sagte der alte Mann. – Als Frage klang das in die jetzt
+wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein.
+
+Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten.
+
+Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte
+hinüberlaufen und fragen. – Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu
+formen.
+
+Denn die junge Frau rannte fort – es trieb sie – rief sie.
+
+»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße
+Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.
+
+Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen,
+federnden Schritten.
+
+Sie sah vor sich das Werk – war nicht alles wie sonst? ... Die vielen
+kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in
+ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch
+von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das
+Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die
+dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als
+hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die
+weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu
+erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer,
+senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um
+ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die
+Wagen zu entleeren.
+
+Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern
+und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von
+schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen
+aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand
+dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der
+dunklen Landschaft.
+
+Ein Blick – in solcher Angst – erfaßt in Sekundenschnelle viel – die
+nächste Sekunde änderte das Bild.
+
+War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien
+zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine,
+durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen
+gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch
+der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht
+zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher
+erkennen konnte, geschah etwas Neues. – Dampf quoll auf, weißer,
+dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles.
+
+Schon war die junge Frau am Tor – von Severinshof strömten Menschen
+heran. – Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer
+Ruhe riß – verängstete Frauen.
+
+Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. – Aber wie durfte er es
+der Tochter und Gattin der Herren zurufen?
+
+Klara stürzte vorwärts – sie die einzige Frau unter den Scharen von
+Männern.
+
+Nun sah sie – da am ersten Hochofen sah sie es – in kurzen Sekunden,
+wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. – Ergoß sich ein Lavastrom
+aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse
+her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die
+Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte?
+
+Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer
+durchfressen.
+
+Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten,
+machten sie allen Gasen freie Bahn.
+
+Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine
+und Eisen zerbrach – und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr
+nach.
+
+Es war ein ungeheuerliches Bild – wie dies Gedärm von fließendem Feuer
+nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd
+ergoß.
+
+Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge.
+
+Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem
+weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. – Und doch hieß es
+eingreifen – größerem Unglück vorbeugen – von all den maschinellen
+Betrieben des Werkes Störungen abhalten – die vorbeiziehenden Bahnen
+und Rohre vor der Schmelzglut schützen – die fließende Lava aufhalten.
+Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den
+Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.
+
+Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von
+Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor –
+berannten das Stichloch – damit sein Tonverschluß zerbreche.
+
+Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. –
+Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der
+Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten.
+
+»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.«
+
+»Alle fort – Thürauf – mein Mann –« stammelte sie.
+
+»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig.
+
+»Nein – ich bleibe ...« Sie stand ja sicher.
+
+Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem
+Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.
+
+Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch
+trieben, klangen durch die Wirrnis.
+
+Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.
+
+Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang,
+sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese
+schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein
+nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die
+herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein
+Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des
+Vordermannes traf.
+
+Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner,
+dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit
+emporstieg.
+
+Auch die junge Frau schrie auf – sie drängte sich durch die Männer –
+sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast
+Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging
+der Weg – durch Qualm und gasige Dünste – und da war das kleine
+Rettungshaus. – Da war die Tragbahre – in Glasschränken alles, was
+einem Verunglückten wohltun kann.
+
+Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt
+kam, als er über den Knall erschrak.
+
+Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem
+braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann – gefallen
+auf dem Felde der Arbeit – ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich
+dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.
+
+Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag
+fliegen.
+
+Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen
+liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken
+abwischte, um klarer zu sehen.
+
+Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters –
+ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute
+Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum
+Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je – seine
+Stirn war gefaltet – seine Finger zart, wie die eines schonenden
+Weibes.
+
+Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem
+nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten
+Fleisches auf. –
+
+Dann kniete Klara neben der Bahre – und als der Arzt begann, mit
+lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen
+die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen
+Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen
+Arbeiterfäuste.
+
+Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter – er mochte die
+Wohltat des Verbandes spüren – und vielleicht kam die Schwäche – jene
+Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste
+Milderung erlösend empfinden.
+
+Sein Blick – sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit – in dem
+noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der
+jungen Frau.
+
+Und es war, als sprächen sie zusammen.
+
+Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft.
+
+Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht.
+
+Tief neigte sie sich zu ihm herab – als wolle sie ihre Seele der seinen
+nahe bringen.
+
+Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.
+
+Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen – in dem
+Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich
+Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ...
+
+»Ich leide mit dir – sieh – ich hab’ mich niemals über dich erhoben –
+hab’ nie hochgemut den Reichtum genossen – ich bin ein einfacher Mensch
+wie du – deine Schwester – verzeih mir – verzeih Gott – verzeih dem
+Leben – verzeih, daß du leidest – du sollst keine Sorgen haben – sei
+tapfer – bleib mutig –«
+
+So stammelte ihr Denken. – Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten
+Hände zum Arzt empor – ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben?
+
+Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage.
+
+Er sprach fest: »Ich hoffe.«
+
+Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log – sondern weil die Inbrunst
+in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine
+männliche Fassung fast zerbrach.
+
+Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte,
+ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie
+seine Schläfen – strich ihm das nasse Haar aus der Stirn.
+
+Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander – in schrecklicher Klage und
+in innigem Trost.
+
+Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von
+wilden Schmerzen verzerrte Stirn.
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann
+von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning,
+noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch
+aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen
+hinaus ins Dunkel der Nacht.
+
+Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt.
+Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski
+sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit
+stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh
+vier Uhr begann eine große Marschübung. – Also: gute Nacht –
+
+»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte
+Marning, während er seinen Säbel umschnallte.
+
+»Na ja, und ich dank’ Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie
+mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn
+Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit
+Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen,
+nach der Art unserer Absage, daß bei mir ’n großer Kommispekko für
+Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien
+fachgesimpelt – leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.«
+
+»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning.
+
+»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen!
+Denn was anderes als dies unbestimmte ›Wir mögen ihn nu mal nich‹ können
+wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich
+zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher
+Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang ’n Lebejüngling
+war – nu – über so was wächst ja Gras – – Und dennoch: nee – ich
+kann nu mal kein Herz zu ihm fassen – ich trau’ ihm nich – – Er ist
+mir auch zu schön.«
+
+Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. – Und ihm wurde
+auch jede Antwort abgeschnitten. – Ein Knall – dunkel und groß – von
+dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in
+Stücke.
+
+Sie sahen sich an – erschreckt nachhorchend – ein paar Augenblicke.
+
+Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher
+anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder
+gar auf »Severin Lohmann«?
+
+Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer
+auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte
+er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von
+beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem
+schwarzen Nachthimmel?
+
+Nein, nicht wie immer – da stiegen weiße Wolken – kochte Dampf auf.
+
+»Ein Unglück. Rasch, Marning – den zweiten Zug alarmieren – der
+dritte soll sich bereit halten ...«
+
+Der Ruf: »Vollert – Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche
+polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab.
+
+Sie griffen nach ihren Mützen und liefen.
+
+Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte,
+und man sah eine weißbekleidete Schulter.
+
+Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen.
+
+»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben
+brauchen. – Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein – wenn wirklich was
+los ist – aber immerzu –«
+
+»Nun – anbieten müssen wir’s –«
+
+Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch
+aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich
+mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte.
+
+»Sie – Hornmarck – den zweiten Zug alarmieren – der dritte soll sich
+bereit halten. – Laufschritt zur Fähre – drüben ebenso nach ›Severin
+Lohmann‹ – immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. – Die
+beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren – zum
+Nachrichtendienst. – – Wir laufen voraus ...«
+
+Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre
+führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder.
+Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl
+nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in
+Hosen und dem blauen Hemd.
+
+Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er
+selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer
+Einwand: »Herrjes – in Büxen?« half ihm nicht.
+
+»Wat – Büxen! Is ja Sommertid – man to – man to!«
+
+Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne
+Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr
+los.
+
+Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der
+dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle
+Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in
+großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der
+Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe.
+
+Sie schwiegen.
+
+Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen:
+weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das
+junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück.
+
+»Gottlob!« dachte Stephan. – So brauchte er der Einen nicht zu
+begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte.
+
+Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die
+die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun
+das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei – im
+Laufschritt. – Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten
+von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin –
+neben ihm stand Leupold Wache.
+
+»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex.
+
+Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu.
+Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin
+Lohmann« begann.
+
+»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. – Und dieser Kerl
+weigert sich, mich hinzufahren! – Mich zu verlassen! Mir meine Tochter
+zu holen – und das Schaf – der Georg, der findet sie nicht – –«
+
+Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und
+darf ich Herrn Geheimrat verlassen?«
+
+»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!«
+
+»Sie ist drüben – Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden –«
+
+»Was ist los? – Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier
+sein. – Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...«
+
+»Oh – unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns
+nichts nutzen – danke – danke – was los ist? Durchbruch! Ein Mann
+verunglückt. – Und Schaden – schwerer Schaden – Produktionsminderung
+auf zwei, drei Wochen – ich weiß noch nichts Genaues.«
+
+Er sah den atemlosen Georg heranrasen – zum drittenmal.
+
+»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten – da darf ich
+nicht ’rein.«
+
+»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...«
+
+Stephan salutierte gehorsam. – Er konnte nichts sagen. Er ging.
+
+Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und
+Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht.
+
+»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an
+– vielleicht halt’ ich sie noch auf –«
+
+Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach,
+während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem
+früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging.
+
+Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in
+schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand.
+
+Er kannte hier alles genau – oft und oft war er hier umhergegangen –
+allein – mit dem Generaldirektor – mit einem der Ingenieure oder der
+Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so
+rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf
+vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn
+Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen
+auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es
+gekannt hätten.
+
+Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende
+Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe – viel von diesem weißen
+Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren,
+zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen
+her, glänzte unheimlich über das Gelände hin.
+
+Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem
+Verunglückten beistand, mußte sie dort sein.
+
+Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen,
+mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von
+der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit.
+
+»Wir sollen ihn ’rüber bringen,« sagten sie.
+
+In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den
+vollkommenen Einrichtungen.
+
+Stephan zauderte – durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil
+die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im
+Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun.
+
+Er öffnete die Tür.
+
+Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: – Da drinnen
+kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des
+Verunglückten. – –
+
+»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an – aber leise, – leise –
+schwebt sozusagen – geht auf Eiern. – Schwester Ludmilla hat schon
+telephoniert – alles bereit drüben.«
+
+Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen
+zusammengebissenen Zähnen hervor ...
+
+Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last
+davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die
+zusammengepreßten Hände an der hellen Wand.
+
+Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm
+Stephans.
+
+Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen – es gibt noch edle Frauen! –
+Und den Mann mach’ ich gesund – wenn Gott uns nich ganz verläßt – dem
+Tode aus ’m Rachen reiß’ ich ihn. – Ja ...«
+
+Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben.
+
+»Edle Frau,« dachte er – »edle Frau –«
+
+Sie hörte ein Geräusch – sie hatte gedacht, sie sei nun allein. – Sie
+brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen –
+das Geheul des armen Menschen – und der betäubende Geruch – Jodoform
+– verbranntes Fleisch – furchtbar! – Sie war wie benommen. – Von der
+Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. – Nun schreckte ein Schritt sie
+auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie
+Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung.
+
+Und erschrak – und erglühte. –
+
+Sie starrten einander an. – Auch er von ihrem Schreck ergriffen. – –
+
+Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft.
+
+»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater
+beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.«
+
+»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme – wie eine Zerstreute war
+sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke – ja – Vater –«
+
+»Er war in großer Angst um Sie.«
+
+»O – keine Ursache – gar keine ...«
+
+Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf
+und schritt hinaus. – Er folgte ihr. – Draußen waren ein paar Leute –
+sie wichen ehrerbietig zurück.
+
+Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im
+beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel –
+das Haar zerzaust – das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen
+Linien durchzeichnet – da hätte man sie wohl eher für das Weib des
+Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes.
+
+Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der
+einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau
+mitbetroffen.
+
+Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ...
+
+»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...«
+
+»Eine Minute ...« flüsterte Klara.
+
+Nein, so nicht vor den Vater treten – er würde sich entsetzen. –
+Fassung – Haltung ...
+
+»Eine Minute,« sagte sie noch einmal.
+
+Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der
+auf die Straße mündete. –
+
+Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander
+verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen
+sich hinzogen – da war Ruhe. – Die Sommernacht wohnte hier – und die
+schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. – Vom Werk her
+kam ein blasser Schein. – Sie konnten einander deutlich erkennen –
+jeden Zug der Angesichter.
+
+Sie strich sich über die Augen – mit schwerer Hand.
+
+Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an – lange.
+
+Und langsam kam das Entsetzen über sie.
+
+»Nein ...« stammelte das junge Weib – »nein ... nein!«
+
+Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ...
+
+Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich
+rasender Verzweiflung aufging. – Nicht wissen, nicht hören, was die
+seine betäubte ...
+
+Stark daran vorüber! –
+
+»Eine Frage,« sprach er leise – kaum seiner Stimme mächtig – »eine
+Frage! – Ich gehe von hier – sobald ich kann – aber eine Wahrheit muß
+ich hören! – Sagen Sie es mir – geben Sie mir dies Wissen mit ...
+Warum haben Sie ihn geheiratet –«
+
+Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage
+an sie stellen durfte – er der einzige, dem sie Antwort geben mußte.
+
+Sie faßte sich.
+
+»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn
+Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. – Nein. – Er hat mehr an uns
+getan. – Er hat meine Mutter geliebt – und vor ihrer Würde seine
+Leidenschaft bezwungen – mein Vater hat sein Vertrauen verraten – ihn
+um Hunderttausende geschädigt – sich erschossen. – Und er hat den
+Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter
+ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...«
+
+Er hörte – und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung.
+
+»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau –« ein
+halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. – –
+
+Nun konnte er gehen – hinaus in ein einsames Mannesleben voll
+Entsagungen.
+
+Aber er nahm ein reines Bild mit.
+
+Dennoch – er war ein Mensch – ein junger Mann – und die starke Liebe,
+die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ...
+
+»Ehen lassen sich lösen –«
+
+Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich
+zu einem dumpfen Getön – gedämpft, zuweilen fast sanft.
+
+Die junge Frau horchte – hob ein wenig ihr Haupt – als wolle sie mit
+allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich
+die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
+ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der
+dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« –?
+Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
+Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und
+gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie
+nicht wie ein tröstliches Lied?
+
+Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre – ich
+höre ...
+
+Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich
+lösen –«
+
+»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. – Und ihre Fassung wollte
+zerbrechen ...
+
+»Ich wußte, was ich tat. – Liebe vielleicht kann enden. – Aber Pflicht
+nie – wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist – und – immer
+sein wird. – Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater
+verließe und mein Kind ...«
+
+Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. –
+
+Er begriff, es hieß: Lebewohl!
+
+Er nahm die Hand und hielt sie lange.
+
+So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die
+Würde, in Reinheit zu entsagen.
+
+Dann löste sie ihre Hand aus der seinen – schonend – leise.
+
+Und er ging. – –
+
+Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße
+dahin, zurück nach dem Hause.
+
+Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt.
+
+»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning,
+der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll.
+Der alte Herr is was nervös – o jeh. – Na und Sie, Frau Klara ...«
+
+Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen
+und gleiche einer Nachtwandlerin.
+
+In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ...
+Sie konnte nur schweigen. –
+
+»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt – ich hab’ einfach selbst
+den Stuhl geschoben. – Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen
+wiedersieht –«
+
+Ja, da war er dann auch ruhig – er streichelte Klaras Hand und sah sie
+an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. – Aber er schalt nicht. – Er
+dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. – Auch ihm, dem
+Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der
+Riesenfaust des Eisens und des Feuers.
+
+»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!«
+
+Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?«
+
+»Sylvester hofft es.«
+
+»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?«
+
+Klara wußte es nicht.
+
+Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls
+bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben.
+
+»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl –«
+
+»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin.
+
+Aber nun wollte er zur Ruhe. – Was? Gerade schlug die Uhr auf der
+Diele. – Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur
+Wynfried?
+
+Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch
+seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der,
+wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. –
+
+Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.
+
+Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken – wie ein
+Erstaunen: ich bin ja nie allein. – Ihr Eigenleben war wie erdrückt und
+verdrängt von dem Leben um sie herum ...
+
+»Gute Nacht, Vater!«
+
+Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend.
+
+In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als
+es klopfte – sie erschrak. – Warum? Ihr Mann mußte doch endlich
+heimkommen.
+
+»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?«
+
+Und er trat ein.
+
+»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du
+nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So
+wurde es spät,« sprach er.
+
+»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?«
+
+Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer
+Kommode stand.
+
+»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. –
+Durchbruch – na ja – ziemlich aufregende Geschichte. – Und in diesem
+Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen
+Lieferungen abzuschließen hofften –«
+
+Wie merkwürdig – das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging
+weiter – wie jeden Tag. – War es denn nicht ein neues und von Grund
+aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck?
+
+Wynfried war unruhig – anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine
+Worte liefen so – als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken
+der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch
+den Dienst auf dem Werk gefährdet. – Aber wie sonderbar – er wußte es
+doch wohl nicht – er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden,
+den sie hatten – erwog Zahlen – ging auf und ab in seinem weißseidenen
+Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips
+des Kaiserlichen Jachtklubs.
+
+»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den
+Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl
+noch nicht.«
+
+»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm
+– bloß Judereit – ein Wasserpolack – kenn’ den Kerl zufällig – war
+neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde – war in
+wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof
+geworden. – Der Vater hatte sich beschwert. – Der Judereit wollt’ sie
+zum Weib – sie will aber nicht. – Ja, die Leute haben auch ihre
+Romane.«
+
+»So leidet er tausendfach,« sprach sie.
+
+»Na nu – so schroff?«
+
+»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. – Und es war so aufregend ...«
+
+»Also denn gute Nacht.«
+
+Und er küßte ihr die Hand – sehr ritterlich – mit Allüren, als sei
+hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. –
+
+Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es
+ihr wie eine Beglückung.
+
+Allein – feierliches Dunkel – kühles Leinen um die erschöpften
+Glieder.
+
+Das tat wohl.
+
+Und denken können – denken! ...
+
+Aber ihre Gedanken zerrannen. – In eherner Gewißheit stand ihr
+Schicksal vor ihr.
+
+Aber sie fühlte: es war nicht klein!
+
+Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der
+herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt – durch sie, durch seinen
+Enkel.
+
+Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden.
+
+Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe
+geschlossen. – Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit
+– Treue – dieser Inhalt war _unumstößlich_! – Die Gründe, um
+derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.
+
+Sie dachte an den anderen Mann.
+
+Nun wußte sie es. – Sie hatte ihn immer geliebt. – Von jenem ersten
+Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren.
+
+All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst – es
+war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.
+
+Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen –!
+
+Aber nein – nein – lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen
+verzichten.
+
+Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Nur seine Augen hatten gesprochen.
+
+Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! – Sie fühlte es in
+beseligender Erschütterung.
+
+Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück.
+
+Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen.
+
+Da fiel ihr etwas ein. – Sie drehte das Licht auf. – Sie glitt aus
+ihrem Bette. – Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein
+weißes Paketchen – es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene
+Karte. – Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
+aufgehoben hatte. – Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht
+behalten.
+
+Sie holte sie hervor – sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die
+Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost – ganz hinten an die
+Rückwand des Feuerloches.
+
+Da war auch noch die Karte – sein Name – wenige, förmliche Zeilen von
+seiner Hand.
+
+Klara sah lange diesen teuren Namen an – las ihn – als enthielten
+diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und – ihrer
+Liebe.
+
+Sie hob das Kärtchen – zauderte ein wenig – und leise, leise hauchte
+sie einen Kuß auf die Schrift.
+
+Und zerriß das kleine Blatt –
+
+Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf.
+
+»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!«
+
+Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. –
+Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr
+Verlorenen, der ihr nie gehört.
+
+Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen.
+
+Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein.
+
+
+
+
+9
+
+
+Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war,
+hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit
+kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski
+als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der
+gewaltigen Armee.
+
+Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt
+nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das
+rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in
+Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem
+Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der
+Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich
+soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten
+Sekt – deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski
+merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder,
+oder!
+
+Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller
+unterm Schädel.
+
+Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam
+noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen.
+Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die
+Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk
+pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es
+sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht
+eingetreten.
+
+Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf
+der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine
+Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war
+die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich
+zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke
+Wolken einher – weiß und grau. –
+
+»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der
+Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied.
+– Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende
+Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und
+Fach sein.
+
+Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm
+der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn
+Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten.
+Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine
+Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den
+sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal
+sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen
+müsse.
+
+Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen
+Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch –
+denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf
+das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im
+verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner
+Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber
+das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg!
+Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland
+fürchtete es. – Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen
+zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod
+versöhnen würden. –
+
+»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat
+sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar – aber
+der ewige Druck wär’ auch schädigend. – Und dann besser endlich mal die
+Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk
+will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag’ nur: Siegen! Merken
+Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns ’ran
+fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man
+spürt’s an dem Landvolk hier herum. – Gestern in der Menge war’s zu
+merken. – Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. –
+›Deutschland, Deutschland über alles‹ haben sie gesungen, als die
+Schiffe um die ›Hohenzollern‹ kreisten. – Ein Jubel zum Kaiser empor!
+Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.«
+
+»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu.
+
+»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich
+denken kann, hab’ ich davon geträumt. – Meine Mutter hat mir’s, ihrem
+Jüngsten, eingeimpft: ›Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen
+würdig‹. – Mein Vater hatte das Eiserne erster – starb an den Folgen
+seiner Verwundung – hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen
+und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. – Dann ging’s nicht
+mehr, und er siechte langsam hin. – Meine Mutter hat ihren Vater und
+drei ältere Brüder verloren Siebzig – sie war ’ne ganz junge Frau –
+ihr erster Junge war unterwegs. – Ja, wir wissen’s – das kostet unser
+Blut! Nun, wir sind Soldaten!«
+
+Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht.
+
+»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei
+Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?«
+sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese
+Frage begrübelt.
+
+Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag
+über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen
+Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht – nicht leicht
+bewilligt. – Aber es mußte sein ...
+
+Likowski war starr.
+
+»Wa–as ...?«
+
+»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er
+war sehr entfärbt – graublaß flog ein Schein über sein bräunliches,
+verbranntes Gesicht.
+
+»Ich versteh’ immer: ›Versetzung!‹« sprach der Hauptmann, blöd tuend.
+
+»Bitte, Likowski – verzeihen Sie mir.«
+
+»Mensch! Kam’rad! Marning! Freund! Nee – das is doch Unsinn. –
+Verset – – – Aber nee. – Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch
+obenein!«
+
+»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. – Dies
+gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den
+bedeutenden alten Mann da drüben. – Verzeihen Sie mir. – Es muß sein.
+Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann,
+wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher
+zurückkommen.«
+
+Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit
+durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so
+rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch
+über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.
+
+»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in
+solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur
+Mobilmachung kommen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. – Sie meinten es
+doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger
+für uns. Aber wenn auch – es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und
+wann ihn der Ruf trifft – er hat zu folgen.«
+
+Der Hauptmann schüttelte den Kopf.
+
+Diese Dringlichkeit, wegzukommen – nicht mal die Versetzung abwarten –
+gleich auf und davon in Urlaub. – Was war denn los? – Aber er fragte
+nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal – das kann ich nich so gleich
+fassen. – Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment – in
+das Sie als junges Küken eingetreten sind. – Nee Marning –«
+
+»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison
+wechseln.«
+
+»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren – knapp! –
+wann war’s doch? Mai vor’m Jahr. – Und nu wieder weg! Auch ohne die
+gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier
+mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone
+soll ja nicht mehr zerrissen sein – wir sind noch von den wenigen, die
+auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in
+der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir
+werden dorthin verlegt –«
+
+»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst.
+
+Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu
+natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen
+Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er
+wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen
+Baronin? Nein, vor so ’ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht
+weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche
+Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt
+hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin
+kokettierte – offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber
+schicklich schien.
+
+Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß
+gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor.
+
+Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen
+Menschen und Verhältnissen zu tun hatten.
+
+Also – wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete
+Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war;
+keine zudringlichen Fragen.
+
+»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft:
+Sie sagen: es _muß_ sein – da darf ich nur noch schweigen,« sprach er
+bekümmert.
+
+Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter
+ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand
+regungslos in der schwülen Luft.
+
+Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm
+teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in
+seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter,
+ein unermüdlicher Erzieher! – Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort
+sagen – daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu
+beweisen – ja, es gibt auch solche Lagen – und auch sie fordern
+stillen Heldenmut. – Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die
+fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. –
+
+Unmöglich. –
+
+Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß
+das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. –
+
+Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes
+Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen
+dalag.
+
+Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem
+Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von
+Soldaten. – Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
+verschlungen? Was war geschehen?
+
+Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen
+– so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen
+und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte
+unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen
+gehalten. Da trat der Gaul hinein – es war ein ganz ungeahntes
+Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es
+riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert.
+Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln
+lösen wollen – nur dem Linken war’s gelungen.
+
+Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der
+Gliedmaßen da.
+
+Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. – Schon
+stürzte alles herzu. – Stephan schwang sich vom Pferde – kniete neben
+dem Hauptmann – wollte ihm aufhelfen. – Hornmarck griff zu – von der
+zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere – kräftige Fäuste
+brachten das Pferd in die Höhe – es war unbeschädigt.
+
+Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen
+blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen
+entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer
+kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. – Die singenden Töne in
+seinen Ohren verstummten aber rasch wieder – er wußte, wo er war – was
+mit ihm war.
+
+»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht – schändlich ...«
+
+Und er biß die Zähne zusammen.
+
+Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des
+Unterschenkels davongetragen.
+
+Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. – Seine Lebensgeister
+waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage.
+
+»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! –«
+
+Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die
+Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen
+Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im
+Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es
+geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen
+flammenden Blick des Zornes erhielt.
+
+»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an – ich mein’:
+egal, wie weh es tut – ich mein’: vorsichtig – daß die Sache nicht
+schlimmer wird –«
+
+Und dann richtete er sich an Marning.
+
+»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein – Und wenn’s ein
+simpler ist – was? Der heilt schnell?«
+
+»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit,
+geradezu mütterlich.
+
+Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde
+Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie
+sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der
+Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als
+Kissen unterm Haupt – Stephan als Wache und Pfleger – ein paar
+Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus,
+um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem
+Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne
+brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die
+schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu
+bedecken.
+
+»Hier lieg’ ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene
+Karikatur – sieht ’n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus – ist bloß
+’ne Albernheit!«
+
+Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen
+gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da
+wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten
+kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem
+Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller
+Schmerz.
+
+»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn’s nun losgeht und ich lieg’
+da – ich schieß’ mir – bei Gott – ich schieß’ mir ’ne Kugel durch ’n
+Kopf!«
+
+»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung
+kommt – dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach –«
+
+»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde
+sitzen. – Und wenn ihr mich ’raufheben und anschnallen müßt. – Die
+besten Chirurgen her. – Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap –
+das ist mir nich genug – in Lübeck soll’s ja ’n großen Professor geben
+– her mit ihm.«
+
+»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl
+gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie
+sich doch bitte!«
+
+»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht
+in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär’ ich alle Ärzte
+für Charlatans.«
+
+Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich
+in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen.
+
+»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in
+vierzehn Tagen reiten – wenn vielleicht auch noch nicht allein
+aufsitzen.«
+
+»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning – Ihre Versetzung
+... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen – bis ich
+selbst wieder so weit bin!«
+
+»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß
+ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.«
+
+Sein Gesicht war verschlossen – sein Blick in die Ferne gerichtet –
+ernst und fest.
+
+»Der hat was Schweres – was Großes,« dachte Likowski, »und macht es
+still mit sich ab.«
+
+Wie schwer wohl! – Wenn’s nicht mal einer treuen Kameradenseele
+anvertraut werden durfte ...
+
+Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein
+aufzuckender Schmerz seine Gedanken.
+
+»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?«
+
+»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.«
+
+»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...«
+
+Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die
+sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße
+war nur obenauf feucht – ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und
+man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in
+den Boden stecken.
+
+Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung
+zuzuwedeln.
+
+»Nee – nee, Kinder – das nu nich – hier is nich Finale erster Akt
+Lohengrin – setzt euch da hin – man immer mitten ’rin ins patschnasse
+Gras – vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. – So – nu –
+Donnerwetter ...«
+
+Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des
+Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der
+gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie.
+
+Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten.
+
+Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über
+Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen.
+
+Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser
+Woche – in der nächsten vielleicht – die Mobilmachung begänne! Das
+machte ihn toll. –
+
+»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine
+Maschinenschlacht werden?« sagte er.
+
+»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben
+wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein
+muß und wird. – Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten – Mut,
+Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# – ja mein Gott – ist
+ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln –
+ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im
+letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann
+ankommen – auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. –
+Und es wird nicht daran fehlen –«
+
+»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! – Es sind auch meine
+Gedanken. – Die geben den zähen Mut zur Arbeit –«
+
+»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die
+anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!«
+
+In der Perspektive der Chaussee raste was heran – Der Lazarettwagen –
+der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen.
+
+»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser
+Augenblick schon als Beginn der Heilung.
+
+In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die
+provisorische Einschienung, der Rücktransport – das kostete Mühe und
+Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da
+war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
+und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit
+sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr
+ergebenes Altfrauengemüt.
+
+Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und
+geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß – wenn auch recht grimmig –
+zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff.
+Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da – großartig
+eingeschient – getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und
+glatt wieder zusammenwachsen würden – frisch, als sei überhaupt gar
+nichts passiert.
+
+Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.
+
+»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige!
+Na – was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu
+haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag’ ich Ihnen gleich: es wird
+’ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall – Sie wissen in was für
+einem! – ganz einfach die Treppen ’runter und weg – so wie ich da bin!
+Das Wasserglas hält wie Eisen.«
+
+Die Alte lächelte selig verlegen – und wehrte den schändlichen
+Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab.
+
+Stephan sah: er konnte nun gehen. – Er kam erst gegen zwei Uhr zu
+seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. – Aber
+darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das
+gab’s doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher
+Empfindung heraus, den Teller bald von sich – er saß und starrte auf
+das Tischtuch nieder.
+
+Ja, nun wurde alles anders ...
+
+Sein Gemüt war schwer.
+
+Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau
+schuldig war.
+
+Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß
+seine Pflicht ihn hier noch hielt. – Aber er wußte von selbst: sie
+hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden!
+
+Sie kannten sich ganz genau – ohne Worte. – Ihre Seelen sprachen
+zueinander – ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen –
+übertrug sich von einem zum anderen.
+
+Sie waren füreinander bestimmt gewesen.
+
+Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!
+
+Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.
+
+Und die Frau ehren, die er liebte!
+
+Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen
+durfte.
+
+Fort aus ihren Wegen!
+
+Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn
+fortgewiesen.
+
+Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein – nein«, womit sie seinen Blicken
+abwehrte, hallte immer in ihm nach.
+
+Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung
+strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ...
+
+Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual
+und Not grübelte er darüber nach.
+
+Er mußte ihr Recht geben.
+
+Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt.
+
+Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück –
+sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem
+Pflichtgefühl.
+
+Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein.
+
+Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht
+erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung
+bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still
+beiseite ging und fern und einsam litt.
+
+Fort aus ihren Wegen ...
+
+Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. – Er merkte unterwegs: es
+tropfte – jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die
+einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. – Und da fuhr auch
+ein Blitz nieder. – Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen.
+Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein,
+daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten
+war auch das vorbei. – Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all
+der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ...
+
+In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster
+geschlossen gehalten. Luft! – Fenster aufgestoßen! – Die Litewka her.
+– Eine halbe Stunde Ruhe. – Um vier wieder Dienst. –
+
+Voß meldete: da liege ein Brief.
+
+Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren
+auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener
+Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang
+gerichtet, wenn er heimkam.
+
+Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn
+gebracht.
+
+Stephan sah schon – das waren die Schriftzüge des Geheimrats.
+
+Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben
+bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen – ja, daß sie gar
+nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe.
+
+Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben
+spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt:
+
+»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul.«
+
+Und als er las, wuchs seine Unruhe.
+
+»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht
+Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen
+bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn
+miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
+darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.«
+
+Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht
+aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm
+unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis
+traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und
+Wort, steif, fremd tun – vor den durchdringenden Augen dieses Mannes!
+Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer
+töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. – Ihr Wesen war heiterer,
+offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand – wenn all
+ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. – Und
+sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? –
+Nein!
+
+Er ging hastig auf und ab und dachte nach. – Sein Dienst – der
+verunglückte Kamerad – dieser Ruf nach drüben ...
+
+Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm.
+
+Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten
+Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen.
+
+Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich
+seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes.
+
+Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht – er hatte diesen vertieften
+Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar
+nicht bemerkt.
+
+Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand
+ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum
+vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner
+nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan
+eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für
+ihn voll geheimer Aufregungen war.
+
+»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse
+vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum
+Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall
+zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.«
+
+Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und
+Glied im Zuge ab.
+
+Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll
+Ruhe.
+
+Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr
+Haus betrat.
+
+Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds,
+den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. –
+
+Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir?
+Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf.
+
+ * * * * *
+
+Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der
+beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß
+bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum
+waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging
+Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er
+noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll
+sofort meinen Brief hinübertragen. – Ach – Klara! Mein Kind – Ich
+hab’ schon gewartet, wo du bleibst!«
+
+Sie küßte ihm die Stirn.
+
+»Guten Morgen, Vater – ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht
+der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam,
+hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen,
+als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja – halb elf kommt Lebus.«
+
+»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug
+von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst
+dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch!
+Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?«
+
+»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und
+ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr
+gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und
+ihm verzeihen.«
+
+Der Geheimrat lächelte.
+
+»Du bringst sie noch zusammen.«
+
+»O nein,« sagte Klara, »nein – wie sollte ich das wagen. – Wenn sie
+ihn nicht liebt ...«
+
+Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie
+hatte es zu leidenschaftlich gesagt.
+
+Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara
+wollte diese Befangenheit zerstören.
+
+»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall
+depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort
+zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach – vom
+Chauffeur ...«
+
+»Nicht der Chauffeur. – Denk dir – von Wynfried!«
+
+»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute
+früh mit der ›Klara‹ nach Warnemünde gesegelt – begleitet als Outsider
+die Wettfahrt – wollte doch an Bord übernachten?«
+
+Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk,
+in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine
+Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot
+nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte
+den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des
+Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am
+Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die
+Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am
+Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach
+Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an
+Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen
+des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu
+entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid
+zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr
+Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.
+
+Aber nun konnte sie nicht. – Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und
+Lärm und Frohsinn. – Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer
+zusehen? Diese Augen voll Qual?
+
+Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben
+gegangen? –
+
+»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen
+Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest
+du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu
+besuchen.«
+
+»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt’ ich
+nicht vermutet. – Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe
+nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?«
+
+»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen.
+– Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei –«
+
+»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. – Das ist ihre Mission, ihr Beruf,
+ihr Schicksal,« lachte Wynfried.
+
+Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte
+sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater.
+
+So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich
+hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den
+dänischen Inseln hinübersegeln werde.
+
+Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem
+Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet:
+Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas
+allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das
+Gewitter sei dazugekommen – er habe den schweren Seegang gefürchtet,
+etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um
+sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.
+
+Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...
+
+Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen
+einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte
+aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem
+Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es
+gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind.
+Ein Billett, das aus der Hand fällt – der Fahrplan, der aussagt, daß um
+diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein.
+– Was für törichte Mißtrauensgedanken. – Wozu brauchte Wynfried
+Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. –
+Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn.
+
+Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch
+nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.
+
+»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat
+nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja – Marning.«
+
+Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen –
+war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort
+verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen – ein Offizier ist
+kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.
+
+Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.
+
+An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher
+Begegnungen voll Heuchelei hängen.
+
+Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um
+Entschuldigung bitten – ich war so lange nicht bei Agathe – ich wollte
+sie heute am späteren Nachmittag besuchen – wenn sie mich dann zum
+Abendbrot –«
+
+»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan
+hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört – ich fürchte, es gibt
+noch was – wie sticht die Sonne! – Im Grunde ist es vielleicht ganz
+gut, daß ich Marning allein habe. – Möchte viel mit ihm reden reden –
+Wichtiges.«
+
+»Du?!« fragte sie. »Du – mit ihm?«
+
+Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da – die Hände um
+ihr Knie gefaltet, vorgebeugt – und dachte immer: »Es ist doch schwer.
+– Das muß ich lernen –«
+
+Gleichgültig von ihm sprechen. –
+
+»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns
+zu kommen!«
+
+Sie fuhr in die Höhe – stand leichenblaß da – ein Laut brach von ihren
+Lippen – fast ein leiser Schrei.
+
+Das kam zu jäh – darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht
+vorweg mit Haltung umpanzern können.
+
+Und der alte Mann sah sie an – in einem tiefen Erstaunen, das in eine
+langsam heraufdämmernde Angst überging.
+
+Was war das? ...
+
+Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend – ja
+befehlend: »Das wirst du nicht tun!«
+
+Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.
+
+Und was flammte denn in ihren Augen?
+
+Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher
+Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?«
+
+Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen
+und sagen: »Weil ich ihn liebe – weil ich es nicht ertragen könnte, ihn
+immer, immer sehen zu müssen ...«
+
+Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her.
+
+Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!«
+
+Wie ein Segen kam der Gedanke über sie.
+
+Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung
+mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen.
+
+Sie begriff, nun hieß es: lügen!
+
+Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde
+schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden –
+nein, die konnte und sollte er nicht tragen.
+
+Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen – –
+
+Woher eine Lüge nehmen?
+
+Lügen müssen glaubhaft sein – sonst sind sie noch schlimmer als harte
+Wahrheiten.
+
+»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen
+solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?«
+
+Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten
+gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen,
+liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen
+Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in
+zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem
+urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische
+Begabung festgestellt hatten.
+
+Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte
+sie nichts. –
+
+So blitzschnell das alles durch sie hinging – sie fühlte doch: dies
+große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr
+eingefallen war.
+
+»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen
+heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten
+kann.«
+
+»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem
+Einfall gesagt – er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. – Und
+Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter,
+der ihn entlastet. – Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so
+eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann,
+wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen:
+sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. – Es ist nicht diese
+umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
+Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über
+den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis,
+ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche
+Aussichten für ihn, der so arm ist ...«
+
+Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten –
+fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand.
+
+»Nun – dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören,
+was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?«
+
+Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!
+
+»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur!
+
+Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden.
+
+»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk’ ich,
+du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren
+Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal
+nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein
+Großvater begonnen.«
+
+»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
+Kurzsichtigkeit – vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken
+umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit
+fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und
+zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
+Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die
+Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die
+Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße
+Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir
+dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
+Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden
+können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die
+Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich
+gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder
+zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke
+verwerten.«
+
+Er seufzte.
+
+»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese
+Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. –
+Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu
+Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die
+vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt
+das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man
+scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich
+vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. – Es muß doch wohl so
+ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.«
+
+Nun dachte Klara: er ist abgelenkt – er sucht nicht mehr, weshalb ich
+so erschrak ...
+
+Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn
+Zerstörungen drohen. – Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an
+mein Haus herankommen? ...
+
+Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit
+einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer
+Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert.
+
+Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend.
+– Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf
+Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
+leistete. – Ach – ja – und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau
+Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von
+Likowski hatte ...«
+
+Der Himmel verdüsterte sich und ward hell – dies launische Wetterleben
+da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold
+noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
+dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.
+
+Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat – gerade heute
+nicht. – Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn
+konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn
+herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem
+Einfluß werden. –
+
+Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als
+der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des
+Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut
+ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon!
+
+Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll
+ausgestoßenen Befehl – sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren
+Augen flammte.
+
+Und er fragte sich kaum noch – er _fühlte_: sie flieht vor diesem
+Mann!
+
+Sein Ausdruck wurde gramvoll. –
+
+Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr
+hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in
+geschlossener Karosserie nicht ertragen.
+
+Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für
+die Nerven.
+
+Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell
+huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete
+das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf
+rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen
+hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte.
+
+Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der
+Seele Ruhe auf. –
+
+Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee
+hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von
+Lammen führte.
+
+Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht.
+Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr
+Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen.
+
+Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in
+gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er
+herausgerannt.
+
+Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag
+abgereist.
+
+Klara sagte: »Abgereist?«
+
+Das klang fragend und erstaunt – während sie nur dachte: nun komme ich
+zu früh zurück.
+
+Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich
+vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich
+habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.«
+
+»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.«
+
+Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke
+Ehepaar würde sich vielleicht wundern. – Gleichgültig. – Und so
+brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit
+dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. – –
+
+In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr
+seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des
+väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm
+hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten
+will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört.
+Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von
+nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso
+erschrecken wie Klara?«
+
+Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren – er mußte!
+
+Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner
+Tochter.
+
+Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. –
+
+Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der
+Freiherr von Marning gemeldet.
+
+»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er.
+
+Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte
+schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach
+lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so
+jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen,
+wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte.
+
+Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm
+den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und
+er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter
+auszufahren.
+
+Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes.
+
+Stephan dachte: ich habe es gewußt!
+
+Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache
+hergerufen sei.
+
+Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete
+seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer
+vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
+Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.
+
+Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und
+Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle – um mit ihm nach
+Befund und Gefallen zu verfahren.
+
+Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ...
+
+»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich
+herzlich Teil an Ihnen nehme.«
+
+Stephan verneigte sich im Sitzen.
+
+»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den
+gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich
+durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige
+Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.«
+
+»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie
+zu richten?«
+
+»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten
+antworten.«
+
+»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?«
+
+»Vollkommen, Herr Geheimrat.«
+
+»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu
+haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein
+Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein
+gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf
+Begabung schließen – nicht nur von den Künsten, sondern auch von
+wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was
+meinen Sie?«
+
+»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das
+stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen
+hingezogen, wie ich sie auf ›Severin Lohmann‹ kennen lernen durfte. Wie
+sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um
+die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und
+all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen
+mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist
+lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all
+dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!«
+
+»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur
+Industrie überzugehen?«
+
+»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den
+Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers
+und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten
+haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.«
+
+Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber
+ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe
+gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie
+was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten
+mich auch gar nicht studieren lassen können.«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe!
+Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.«
+
+»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr
+überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung
+machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege
+angehörig bleiben.«
+
+»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen
+Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange
+beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
+Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin – wenn ich mir’s auch
+zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.«
+
+Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter?
+Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um
+»Severin Lohmann«.
+
+»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht
+gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der
+Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren – sich dann noch
+ein halbes Jahr praktisch umtun – das wäre schon Vorbildung, die Sie
+natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber
+doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie
+von vornherein in die obere Laufbahn brächte.«
+
+»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich
+habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung
+gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu
+beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein
+Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und
+eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das
+Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate
+ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp
+oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen
+Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können –
+eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. – Und so muß ich
+verzichten.«
+
+Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie
+viel Zulage haben Sie?«
+
+Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig
+Mark, Herr Geheimrat.«
+
+»Schulden?«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang
+an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.«
+
+Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein
+Hochgefühl wallte in ihm auf.
+
+Ja, so gibt es Tausende – Tausende. – Mit einer knappen Zulage. –
+Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche
+schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. – Aber sie zu
+ertragen, ist ihr Stolz.
+
+Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!
+
+Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede
+fordert.
+
+Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt
+nicht mehr richtig sieht.
+
+Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde.
+
+Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.
+
+Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte – er
+ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. – Und
+er wurde weich – sehr weich. – Er hätte am liebsten in kindlicher
+Verehrung die Hand des Alten geküßt.
+
+Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf.
+
+Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden.
+
+»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln,
+»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen
+sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei ›Severin Lohmann‹
+eintreten?«
+
+Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit
+fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen
+begann.
+
+»Hier?« sprach er sofort – ließ keine, gar keine Pause aufkommen,
+»hier? – auf ›Severin Lohmann‹ sein? Hier? Jeden Tag – immer? – Nein.
+Nein! Ich – ich – danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.«
+
+Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er
+setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich
+um Versetzung ein. – Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon
+heute zu tun. Ich danke gehorsamst –«
+
+Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den
+starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die
+Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen.
+
+»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben
+wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es
+nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der – der auch – ein
+– Mensch ist ... der gelitten hat –«
+
+Diese zitternde Stimme – zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft –
+erschütterte Stephan.
+
+Und doch sprach er leise und fest: »Nein!«
+
+Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!«
+
+Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. – Er tat, wozu es ihn
+schon vor Minuten hatte hinreißen wollen – er neigte sich tief und
+küßte die Hand des alten Herrn.
+
+Fast wollte seine Fassung zerbrechen – ein Übermaß von Empfindungen
+stürmte durch ihn hin. – Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir,
+daß ich deines Sohnes Frau liebe. – Als schwöre er: zwischen dieser
+edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. – Als flehe
+er: versteh doch, daß ich gehen muß.
+
+Dann richtete er sich auf – stand voll Haltung.
+
+Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand.
+
+Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen!
+Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im
+Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne.
+
+Dann grüßte er militärisch und ging.
+
+Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen
+bleiben. – –
+
+Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn
+nicht mehr offenbaren können als dies eine.
+
+Nun hatte er keine Zweifel mehr.
+
+Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen.
+
+»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis.
+
+Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?
+
+Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden
+aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen?
+
+Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld,
+die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal«
+nennt?
+
+Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so
+geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!
+
+Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein!
+
+Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter
+gewinnen.
+
+Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn
+Neigung habe.
+
+Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung
+darbringen zu können.
+
+Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen,
+indem er ihre Tochter in sein Haus zwang.
+
+Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben – denn sie
+war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens.
+
+Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre
+Mutter gewesen.
+
+Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der
+Tochter ...
+
+Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal
+spielen?
+
+Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst – sei frei!
+
+Aber das war ja ganz unmöglich!
+
+Er dachte an seinen Sohn – an den anderen Mann.
+
+Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn
+war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes –
+ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig.
+
+Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht
+seinen entsagungsvollen Weg ging.
+
+Ja – dieser wäre Klaras würdiger gewesen ...
+
+Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten!
+
+Wie er selbst einst gelitten ...
+
+Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten
+verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen
+Geheimnissen – diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über
+jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe – sie
+wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß
+Klara sich in heimlichem Gram verzehre.
+
+Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum
+hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst
+und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich
+tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen,
+die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts.
+
+Was sollte er tun?
+
+Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen
+Weibes.
+
+Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite
+fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich
+hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen
+Frau. Dennoch aber – das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,
+daß er daran glaubte – dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte
+dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden
+Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen.
+
+Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!«
+
+Das klang immer so flach, so äußerlich – es hatte ihn schon oft
+verletzt.
+
+In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von
+Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung.
+
+Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen
+gelebt hatte.
+
+Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören?
+
+Unmöglich.
+
+Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses!
+Sein Enkel – sein Stolz und Glück!
+
+Unmöglich!
+
+Das junge Weib – das Kind – das Werk – alles _eine_ Zukunft
+zusammengeschmiedet. – Unzertrennlich. –
+
+Wie sollte sich das alles lösen?
+
+Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt.
+
+Zum erstenmal fühlte er sich müde – sein herrischer Wille – sein Zorn
+– sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.
+
+Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier
+eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. –
+
+Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher
+Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück
+nüchtern wegwaschen.
+
+
+
+
+10
+
+
+Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs
+hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der
+ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache
+keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch
+nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn
+zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung
+nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine
+Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.
+
+Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!
+
+Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr – es war Wut.
+
+Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge
+würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer
+Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen,
+dazu war er nicht der Mann.
+
+Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten’s in den
+Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten – deren Nerven seien
+eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich.
+
+Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war
+nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können.
+
+Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man
+es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. – Es
+schien kein Zweifel mehr.
+
+Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las
+ja Zeitungen – immer mehr – Zeitungen aller Parteien. – Und er
+spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht
+durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit
+erglühten – das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige
+nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit
+Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu
+sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
+sein Gespräch, seine Frage.
+
+Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen
+zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt
+Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders
+von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die
+einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung
+erleben, wenn’s überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster
+Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir
+überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören?
+
+Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von
+gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott
+allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und
+gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem
+nicht morgen die Pferde weggeholt würden?
+
+Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar
+mitmußte – stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande – bloß
+erst die Ernte ’rein – dann war man hinterher auch leistungsfähiger.
+
+Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der
+Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit
+seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
+der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der
+sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in
+Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich
+einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe:
+ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
+Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein
+Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch
+nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes
+zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und
+Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange
+Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht.
+
+Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem
+Bett – was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand – und erzählte,
+daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
+nach Sensen.
+
+Und die Kameraden kamen.
+
+Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es
+Blick und Händedruck ...
+
+Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem
+14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets
+unsere Reserven. – Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so
+rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen
+sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die
+Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben
+frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also:
+wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!«
+
+Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß’ mich tot, wenn’s losgeht
+und ich bin ein Krüppel!«
+
+Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure
+Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach
+erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft
+gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue
+Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom
+Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
+keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.
+
+Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter
+würde!
+
+Als sei damit dann viel geklärt.
+
+Aber es wurde kein Schönwetter.
+
+Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre
+ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.
+
+»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.
+
+Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten
+Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst
+unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß
+man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.
+
+Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« – womit ein für allemal
+die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren – niemand kam.
+
+Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit
+erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem
+eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt.
+
+Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon
+einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche
+nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo
+bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte
+er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie
+noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht
+schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe – aber natürlich
+nur »beinahe« – erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie
+keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend
+sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen
+mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ
+sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat
+wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde
+einmal an seinem Lager zu spüren.
+
+Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie
+wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel.
+Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen
+Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben,
+ihre Pflegemutter wiederzusehen ...
+
+Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.
+
+Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit
+ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und
+von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
+in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache
+Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und
+Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten
+Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes – das war
+kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.
+
+Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große
+Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff
+fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.
+
+»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein
+Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp
+umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der
+Mühe wert, sich schön zu machen – wie angenehm für unser Männerauge,
+daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen
+was vorzublühen!
+
+Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war
+Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden
+sehen, es tat ihr zu weh!
+
+Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar
+nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand
+streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten
+Glanz einer Träne.
+
+Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.
+
+Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit
+ihnen.
+
+»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner
+geworden. Und ein wenig schlanker – ganz wenig – aber gerade sehr
+vorteilhaft so. – Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen
+bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir – im Grunde
+verdank’ ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn
+Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen
+Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu
+müssen.«
+
+»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.«
+
+Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde.
+Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von
+Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab
+überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten:
+»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu
+unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen.
+
+»Wie geht’s denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen.
+Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.«
+
+»O – es geht ihr gut, höre ich.«
+
+»Hören Sie? So was sieht man doch.«
+
+»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über
+ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir
+uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und
+stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie
+mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen
+zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen,
+die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen
+... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein
+paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer – ich kann
+nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat
+mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das
+Ehepaar ein – sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
+hatte.«
+
+»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.
+
+Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es
+tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«
+
+Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor
+dem Hause an.
+
+»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«
+
+Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern
+Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude
+wie umglänzt.
+
+Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl:
+dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie
+ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand
+und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte
+dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu
+treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da
+habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie
+aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. – Aber Likowski wisse
+wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ...
+
+»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.«
+
+Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in
+Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige
+Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein
+Ton herrischer Vertrautheit mitschwang – dieser Paschaton, der gewisse
+Frauen entzückt.
+
+Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches
+an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen –
+als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und
+vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen – sie verstimmten ihn
+tief.
+
+Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als
+sie nun zu dritt gingen – nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut
+beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin – blieb er finster
+zurück.
+
+Das hatte ihm nicht gefallen – nein – nein. –
+
+Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!
+
+Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit,
+»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht
+ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt
+einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht:
+deine Frau macht dich zum Gespött. – Zusehen ist schicklicher.
+
+»Nun, ich werde dieser jemand sein – sobald ich Gelegenheit habe!«
+schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.
+
+Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik
+des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders
+hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein
+eigenes Auto wegschickte – »als wenn’s zum Jahrmarkt gegangen sei,«
+hatte sie das Betragen gefunden.
+
+»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz
+amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.
+
+Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte
+sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht
+zurückhalten läßt.
+
+»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie –
+aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.«
+
+»Sie wissen, Lamprächtige – hab’ keine Spur von Neugier ...«
+
+»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß
+– daß Wynfried und die Hegemeister – wenn er verreist – verreist sie
+auch. – Und er ist manchmal allein auf Lammen – aber nicht mit seinem
+eigenen Auto sagen die Leute.«
+
+»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen
+Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski.
+
+Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge
+kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit – denn es ging doch
+Klaras Leben an – kränkte sie schwer.
+
+Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt.
+Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte
+Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen –
+es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß
+– morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt – sein
+linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. – Marning schwor ihm
+zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der
+Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal
+steifer oder nachschleifender würde es werden.
+
+Aber das war es nicht allein – andere Dinge hatte Likowski gelesen: in
+England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in
+nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich
+– diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder
+unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in
+allen Nerven zuckte.
+
+»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu.
+
+»O ja – ich merk’, Sie kennen mich – ja schmerzen tut’s mich – daß
+die junge Frau von drüben nicht kommt. – Und da wären so allerhand
+Gründe ... möcht’ mal mit ihr eins schwatzen – mal sehen, wie weit man
+mit dem Gespräch sich wagen kann ...«
+
+Stephan saß schweigend und blaß.
+
+»Und kurz und gut – sagen Sie’s ihr nur geradezu – es sei keine Sache,
+einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.«
+
+Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes – wie ist
+mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?«
+
+»Nein, lange nicht.«
+
+»Aber jetzt gondeln Sie mal ’rüber und bestellen ihr ...«
+
+»Gewiß, gern – gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen
+doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr
+jetzt nicht einlädt, komm’ ich nicht hinüber.«
+
+Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen –
+lag grübelnd, mit bösem Gesicht da.
+
+Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch
+von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr ’rüberfährt?«
+
+Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht
+zart genug behandeln kann. –
+
+Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht
+– man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt’ sein, daß
+da drüben die junge Frau auch mal ’n Freund braucht ...«
+
+Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst
+natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß
+eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen
+wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er’s gleich noch
+mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er
+vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. –
+
+Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das
+rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten
+teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski
+die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien
+führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und
+Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am
+Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.
+
+Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte,
+der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning
+vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich’s wagen, mitzureiten. Bleibt
+Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach
+sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann
+kommen Sie um Ihre Versetzung ein – wenn Sie nicht anderen Sinnes
+geworden sind.«
+
+Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine
+Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am
+Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich
+die junge Frau.
+
+Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs
+getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle,
+von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie
+sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen
+hatte ...
+
+Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz
+betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War
+man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die
+bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?
+
+Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch – irgend etwas Rührendes
+darin ...
+
+Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch
+nicht hier gewesen sei – ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er
+in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor,
+wenn man ihn auch nicht erfährt!
+
+Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der
+seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln,
+als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und
+Severin dem Kleinen.
+
+Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken
+sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr
+Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise
+aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine
+Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger
+und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach
+Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit
+Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie
+freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was
+aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!
+
+»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und
+streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein
+bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat’s noch nie
+gegeben – Wie eben Großväter sind ...«
+
+»Und junge Mütter auch! Ich hab’ mich bisher als Barbar betragen gegen
+Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch
+wird – na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch
+auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als
+mein Charakter.«
+
+Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!
+
+Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. – Und doch riß es ihn
+zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die
+Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei
+an?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig.
+Wär’s nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je
+feindselig sein kann, dächt’ ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit
+ihr – traf sie mal in Hamburg – fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow,
+auf Lammen vor –«
+
+»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie
+beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt
+viele Pflichten: Vater – das Kind. – Agathe hat keine.«
+
+Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe – wie bei
+einem Menschen, der seiner sicher ist.
+
+Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war
+eigentlich ganz weich – so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er
+früher nicht doch ... Aber Unsinn – weg mit solchen Anwandlungen!
+Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind
+sollten Anspruch an sein Leben haben – das gehörte einer großen Aufgabe
+allein! Eine Familie gründen – nein! Aber ihre Heiligkeit schützen –
+ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät,
+schieße ich ihn über den Haufen.
+
+So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren
+Gedanken nichts ahnte.
+
+Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über
+ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der
+durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr
+Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl«
+angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch.
+Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am
+Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab.
+Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so ’n ähnliches Wetter war an
+jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal
+daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue
+Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e–n–t–zückend stand; und keiner
+von uns hatte ’ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit
+Wynfried Severin verloben würden –«
+
+»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«
+
+»Was mir Marning geworden ist! – Und vor allem in den letzten Wochen!
+Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen – will sich nu mal
+partout versetzen lassen – ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie
+führen muß. Na, aber eh’ es so weit kommt, ziehn wir doch unter der
+gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn’s den einen von uns
+trifft – schön wär’s, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von
+Freundeshand den letzten Druck zu spüren. – Aber wie Gott will ...«
+
+Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem
+treuen Mann. Er küßte sie – immer wieder.
+
+»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend.
+
+»Weiß selbst nicht – mir ist so wunderlich – grad als sollt’ ich Ihnen
+sagen: wenn Sie mal jemand brauchen – soweit mein Kaiser mich nicht
+braucht – allzeit Ihr treuer Freund. – Aber nicht wahr, dies ist kein
+Abschied? Wir sehen uns wieder?«
+
+Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene
+Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns
+nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto
+schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«
+
+Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß
+alles Persönliche zurücktrat.
+
+Jetzt, jetzt war es so weit. – Der September war da – ein Tag schlich
+vorbei – wieder einer – eine Woche. – Und die große Frage brannte in
+aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus
+Berlin gehört, der andere das. – Jede Nachricht widersprach der
+anderen.
+
+Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der
+alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er
+ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den
+guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem
+Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.
+
+Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick
+entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und
+dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei,
+hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht
+habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für
+das Größte.
+
+Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen – auch ohne die eine, die er
+liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde
+wie Erlösung und Krönung sein. –
+
+Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein
+Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein,
+auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich
+Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ – wieder
+einmal! –
+
+Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder
+einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die
+Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe.
+
+Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon
+in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.
+
+Friede –
+
+Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er
+erwartet hatte.
+
+Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster
+gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem
+Freunde zu.
+
+»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in
+der Scheide behalten – vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock
+noch tragen – wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns
+gefordert – die, die wir schon so lange üben. – Arbeiten wir weiter!
+Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht
+mehr sieht, was wir tun – wozu wir da sind. – _Ein Tag wird dennoch
+kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie – stolz
+und schweigend. – Ich will nie mehr davon sprechen – nie mehr. – Aber
+denken wollen wir immer daran – denken!«
+
+Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen.
+
+ * * * * *
+
+Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers
+und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die
+Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie
+nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.
+
+Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem
+Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel
+und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei
+faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage
+nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in
+Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. – Der Geheimrat
+dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich
+gesegelt worden ist.
+
+Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. – Er sah es selbst: ein schöner
+Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn
+gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen
+Liebesfrühling erleben – seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war,
+arbeitete er froh, forsch, geschickt.
+
+Trotz allem – sein Sohn gefiel ihm nicht.
+
+Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne
+Aufmerksamkeit mit – in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer
+verwöhnten Frau ausgesucht.
+
+Alles sah geregelt, unauffällig aus.
+
+Weshalb sich sorgen?
+
+Er beobachtete Klara. – Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst,
+jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem
+Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten.
+
+Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie
+verklärt.
+
+Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so
+gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.
+
+War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann
+unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter
+zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll
+Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost –
+es war die Zukunft.
+
+Dennoch – die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen
+hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können.
+
+Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau
+ihr Herz überwand.
+
+Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht
+zurückgezogen hatte.
+
+Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.
+
+Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen
+Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein
+Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem
+Magneten drüben festgehalten – war eine von den putzigen Weibern, die
+im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen,
+weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich
+machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und
+Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen – er wußte
+doch: sie meinte es redlich.
+
+Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie
+beantworten.
+
+Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm
+anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er
+schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor –
+er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl
+gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke
+sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden,
+werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern
+beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner
+Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte
+wieder vorstellen zu dürfen.
+
+Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt
+befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie
+bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des
+Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.
+Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in
+diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar
+nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde
+verzeihen.
+
+Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn
+heran.
+
+»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich
+muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber – offen, Lamprächtige! Ich kann
+ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie
+antworten.«
+
+»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu
+antworten?«
+
+Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen
+geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich.
+
+Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor
+seinen Augen.
+
+»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater
+sind Ihnen erinnerlich?«
+
+»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm
+sofort ein Riesengewicht an.
+
+»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig
+hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn – nicht wahr? –
+das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau
+weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen
+Klara zur Pflegetochter gab.«
+
+Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch
+hinein – halb vorweg aus Rührung – unbestimmt und ahnungsvoll. Und
+dann: eben das Gewissen ...
+
+»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten,
+furchtbaren Fall gehalten?«
+
+»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in
+verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache
+mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.«
+
+Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber
+sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?«
+
+»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit
+getan. – Wo Sie doch hofften – daß Klara Ihren Sohn – daß Ihr Sohn
+durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern
+getan ...«
+
+Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.
+
+»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er
+heftig.
+
+»Ich meinte – gegen alle anderen Menschen – aber als Klara so
+leidenschaftlich auf mich eindrang – es war ja wohl zwei Wochen vor der
+Verlobung – Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und
+Ihr Leben Verdacht geschöpft – was sollte ich da machen?« sagte sie
+beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst
+zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären
+der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir
+gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein
+Mensch. – Und nun gar Severin der Kleine – Ihr Enkel!«
+
+»Ich – ich!« sprach er vor sich hin. – »Aber sie! Ihre Jugend – ihr
+Leben – ihr Glück. – Zu viel der Opfer ...«
+
+Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen
+Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage – es
+belud nur sein Herz noch schwerer.
+
+Weinerlich sagte die Alte: »Das hab’ ich ja auch nicht gedacht, daß
+Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu
+werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch
+für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich
+doch verlieben – ihr Mann kann gar nicht anders – muß sie anbeten –
+ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt – aber das ist wohl bei den
+Männern heutzutage Sitte –«
+
+»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder
+einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ...
+
+»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur – die
+Leute – es heißt – er sei sehr viel – sehr – mit der Baronin
+Hegemeister zusammen.«
+
+Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen
+galt ...
+
+Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle
+Sorgen und alles Geschwätz müßig seien.
+
+Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das
+Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September
+stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf
+einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.
+
+Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen,
+unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er
+doch Fühlung behalten, sagte er. – Wie klar alles ...
+
+Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen
+Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried
+nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere
+Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer
+Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen
+Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? –
+
+Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der
+Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine
+Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören – er sah es:
+Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner
+Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten
+zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ...
+
+Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in
+ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig – sein
+keusches Mannesempfinden war verletzt.
+
+Auch Klara erbebte.
+
+Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie
+erwacht.
+
+Sie wollte ihre Pflicht tun – auch als Gattin. Aber es war eine heiße
+Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. – Sie mußte erst weiter
+sein, weniger wund vielleicht. – Ihr Wille, über das Grab in ihrem
+Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die
+Anfänge von Sieg sehen. – Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich
+in sie zu verlieben. – Und in zitternder Angst bebte sie zurück – ohne
+zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.
+
+So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst
+hinein.
+
+Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor
+den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das
+Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt
+verschluckt.
+
+Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein
+Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige
+Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als
+Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war
+erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.
+
+»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei
+der gnädigen Frau.«
+
+»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr
+vorbei.
+
+Agathe wurde noch heißer rot.
+
+»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie
+gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß
+Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.
+
+Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der
+Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar
+abgewiesen?
+
+Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. – Gewiß – Klara
+wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. – Aber eine
+Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut – und alles war ja gut!
+Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?
+
+Ach – gottlob! Da war Leupold wieder!
+
+Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige
+Frau läßt bitten.«
+
+Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie
+zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der
+Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen
+Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war,
+dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak
+sie so, daß ihre Knie unsicher wurden.
+
+Klara kam eilig herein – mit einem freundlichen Gesicht – unbefangen.
+
+»Endlich einmal wieder – Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih,
+daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte
+Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein
+Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie
+lächelte glücklich. »Aber nun sage – es war ja unglaublich mit uns –
+vier Monate einander immer zu verfehlen!«
+
+»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe.
+
+Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem
+unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken,
+fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre
+Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung.
+
+»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie.
+
+Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig:
+»Lege doch ab – bleib zu Tisch – Vater und ich sind allein. Wynfried
+ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den
+Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er
+depeschierte, er bleibe noch etwas aus – sein Telegramm kam aus Köln.«
+
+Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie
+war von dort gestern abend zurückgekommen.
+
+»Nein – nein – ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und
+sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der
+Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme.
+
+Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des
+Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe
+war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten
+hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder
+zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen.
+Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt
+hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie
+Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln
+zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen – ihm sagen:
+alles ist geordnet.
+
+Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was
+sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände?
+
+Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden,
+daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine
+Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben!
+Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der
+verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten
+niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun
+kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren
+Damen – und mit ihnen Likowski, in Zivil.
+
+Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie
+aus – ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der
+ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß
+er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.«
+
+Aber Likowski kam dennoch heran – auf eine so fremde, ferne Art –
+einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem
+Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann – auf
+ein Wort.«
+
+Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. – Sie blieben außer
+Hörweite stehen. – Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze
+Worte zusammen sprachen. – Dann verneigten sie sich sehr förmlich
+voreinander.
+
+Wynfried kehrte zu ihr zurück – leichenblaß und stumm, und wehrte
+allen Fragen ab. Und bat – nein – befahl, daß sie am nächsten Morgen
+abreise.
+
+Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut
+wird alles in das rechte Geleise bringen. –
+
+»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten
+ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?«
+
+»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt.
+
+»Dir? Schlecht?«
+
+Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe
+eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und
+beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte
+ihr, wenn sie litt.
+
+»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn
+man entsagen und immer wieder entsagen soll ...«
+
+Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem
+Liebesjammer?
+
+Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie
+selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu
+peinlich gequält.
+
+Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf
+sich die andere plötzlich gegen sie – umklammerte ihren Hals und fing
+schluchzend an, zu weinen.
+
+»Mein Gott – Agathe – fasse dich doch ...«
+
+»Nein,« stammelte Agathe, »nein – ich habe alle Fassung verloren – ich
+kann nicht mehr – ich kam – weil du – du allein bist es, die mir mein
+Glück geben kann. – Leben – Ehre – Glück – alles ...«
+
+Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr
+geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es
+einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte?
+
+Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie
+schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück
+zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.«
+
+»Doch: Gib ihn frei – laß ihn mir – ich liebe ihn über alles in der
+Welt – ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.«
+
+»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden
+Wort.
+
+»Von Wynfried – von Wynfried!«
+
+Das kam jammernd heraus – als umschlösse der Name allein alles Unglück
+ihrer Gegenwart.
+
+»Von – von ...?«
+
+»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.«
+
+»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie
+glücklich und froh er war. – Aber das ist es – so was kannst du nicht
+merken – du bist ja nur seine gute Freundin – du bist kalt – ach –
+du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. – Deshalb kann es
+dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.«
+
+Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in
+rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten – immer
+liebenswürdig, höflich – rücksichtsvoll – ohne Ansprüche an ihre
+Hingabe. – Wie war es friedlich – wie erlösend gewesen. – Aber nun.
+– Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich – wie ein
+Verliebter?
+
+O Schmach!
+
+Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter –
+wurde ruhiger – nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene
+eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat – naiv –
+manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara,
+ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe,
+sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei
+eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe
+verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein
+schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab’ dich auch viel zu lieb, als daß
+ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu
+anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich
+sterbe sonst ...«
+
+Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen.
+
+Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht – gedacht – und doch, in fiebernder
+Doppeltätigkeit, alles gehört.
+
+»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.«
+
+Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich,
+und alles war doch anders.
+
+»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie.
+
+Wie diese Tränen Klara schrecklich waren – sie wuschen alle Würde von
+den Worten.
+
+»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart.
+
+»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe.
+
+Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! – Ihre Tränen versiegten –
+eine Art von Trotz kam ihr – sie wartete und sah die Frau an – die
+blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. – Wie
+von Unergründlichkeit umwittert. – Was würde ihr nächstes Wort sein?
+
+Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb?
+
+»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie.
+
+Und endlich fragte Klara – kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?«
+
+Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl
+sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil –
+weil – er vielleicht gar nicht frei sein wollte.
+
+Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem
+Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als
+Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
+gewinnen – sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten.
+
+Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil – weil – es so
+nicht weitergehen kann – ich habe solche Angst.«
+
+Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese,
+daß er anfängt, sich von ihr zu wenden – mir zu. Und sie will sich
+deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis
+brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
+siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper.
+
+»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine
+Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man
+erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.«
+
+Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die
+Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen.
+
+»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten – wo
+ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.«
+
+Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt.
+
+»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie.
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe
+mich nicht verkauft.«
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir
+taten.«
+
+»Klara!« Nun schrie es die andere Frau – flehend, jammernd.
+
+»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten.
+Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen
+Sohn.«
+
+Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen
+hinwinden – irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte
+doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben
+gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr
+Leben war wirklich vernichtet – ihre Zukunft verdorben, wenn er sie
+verließ.
+
+Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.
+
+In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht.
+
+»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht
+dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine
+weitere Ehe denkst.«
+
+Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach
+sie: Ȇber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen.
+– Und mir scheint – auch sonst nichts mehr.«
+
+»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh
+aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?«
+
+»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese
+Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er
+frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe.
+Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.«
+
+Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen
+Lauten.
+
+Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um
+Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und
+Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus.
+
+Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach
+gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig.
+
+Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der
+höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von
+jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben
+können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst
+verzeihen. –
+
+»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.«
+
+Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung,
+mit Schluchzen und Betteln gegen sie an.
+
+»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu
+spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...«
+
+»Geh. Laß mich allein.«
+
+Das war kaum hörbar – aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten,
+Klagen und des Geschluchzes der anderen.
+
+Und sie ging.
+
+Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott – man
+sieht, wie verweint ich bin ...«
+
+Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ...
+
+Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.
+
+Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein
+Diener war.
+
+Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt
+fror die Gerwald unter der Pelzdecke.
+
+Agathe sank schwer auf ihren Sitz – die Tür schloß sich.
+
+»Geliebte Gerwald – Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln
+fahren.«
+
+»Bitte, bitte, liebe Baronin – nicht weinen – es wird ja alles gut
+werden ...«
+
+
+
+
+11
+
+
+Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung
+wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre
+Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her
+und her und hin – mit fieberisch erhitztem Gesicht.
+
+Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe
+bedenken.
+
+Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört.
+
+Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau – dachte
+kaum an sie.
+
+Sie dachte an ihre Ehe – an den Vater – an das Kind.
+
+Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er
+nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe
+festhielt – o, die hatte er mit Füßen getreten – sondern – sondern –
+weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ...
+
+Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren
+Gedanken.
+
+Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet.
+
+Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.
+
+Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte – die war ihr wie eine
+Beleidigung.
+
+Sie konnte lange gar nichts denken – ging hin und her, mit
+beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.
+
+Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe – gerade unsere – mußte durch
+Treue geadelt werden.«
+
+Und nun, wo sie entadelt war – mußte sie aufrecht erhalten werden?
+Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten,
+gegen den Vater, gegen ihr Kind?
+
+Nein. Sie mußte verzeihen.
+
+Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?
+
+Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen,
+leidvollen Gesicht empor. – Das schwieg. – Wie Tote schweigen, die nur
+sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. – Und die entsetzte Seele
+der jungen Frau hatte keine – erbebte in stummer Not ...
+
+Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden
+Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen
+geben können!«
+
+Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals
+stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr,
+und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu
+helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist – die dämmerte
+noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres
+Gefühlslebens.
+
+Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene
+geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten.
+
+Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht.
+
+Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.
+
+Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen –
+töchterliche – mütterliche.
+
+Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu
+durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn
+sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und
+der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so
+stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr
+Vater geworden war.
+
+Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen!
+
+Wie würde er leiden!
+
+Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr
+Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran
+hindern.
+
+Das würde den alten Mann töten!
+
+Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der
+Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig
+schlug. –
+
+Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät,
+nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. – Diese
+winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle
+Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich – an
+der Schwelle des Grabes fast – gab das kleine Kind ihm noch Freude –
+Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden.
+
+Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen?
+
+»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.«
+
+Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal
+dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken
+verfolgt?«
+
+Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte – das
+äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb
+unverletzt.
+
+Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?
+
+Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden
+Pflichten und Gefühlen?
+
+Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr.
+
+Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von
+dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel
+zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
+alles Maß für die Zeit abhanden gekommen.
+
+Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete.
+
+Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen,
+damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ...
+
+Mechanisch ging sie ins Eßzimmer – vergaß, sich umzukleiden – vergaß
+den Blick in den Spiegel. – Ging im Zwange der Gewohnheit. –
+
+Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren
+die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein.
+Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von
+stumpfgeschliffenem Kristall.
+
+Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand,
+saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.
+
+Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von
+einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und
+sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor
+Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit
+den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde.
+
+Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes.
+
+Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde?
+
+»Bist du krank?«
+
+»Ich? – Nein.«
+
+Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. –
+Ja, schon fünf Zähnchen. – Ja, Judereit war nun genesen. – Ja, er war
+in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit
+vernünftigen Plänen. – Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und
+sich der Malerei widmen. Ja – zu allem – und alles war so
+gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie
+mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. –
+
+»Nachrichten von Wynfried?«
+
+»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie.
+
+»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen
+Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr
+Betrieb interessieren ihn mehr als ›Severin Lohmann‹, und wenn er freie
+Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des
+Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind,
+und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach
+meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst
+in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.«
+
+Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte.
+
+Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und
+daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien – und
+ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam
+aus der Brust herauf.
+
+Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen
+hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem
+Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig – hatte eine letzte
+Willensregung: nicht fallen – nicht fallen. – Dann war alles
+abgeschnitten – als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein
+niedergesaust.
+
+Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die
+Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der
+die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte.
+Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward –
+sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
+vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte.
+
+Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens,
+wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. –
+Sie horchte dem wieder nach. – Wie lange das andauerte. – Sie wußte
+nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es
+zuerst gehört.
+
+Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett?
+
+Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch?
+
+Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen:
+»Gottlob!«
+
+Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie – es schien das der
+Wirtschafterin – und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester
+gewiß gleich da sein werde.
+
+Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in
+leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die
+Kissen. –
+
+Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer
+aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den
+flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers
+mußten sie Nachricht erfragen.
+
+Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich
+gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor
+Sylvester ist schon unterwegs.«
+
+»Komm her!« befahl der Geheimrat.
+
+Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn
+beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn
+gekommen.
+
+»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein
+Leben ist für dich von Glas – sprich – was geht in meinem Hause vor –
+sprich – als Mensch – nicht als Diener – sprich –«
+
+»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause
+geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.«
+
+»Mensch – keine Wortklauberei. – Sag, was du denkst.«
+
+»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit
+zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.«
+
+»Die Baronin –«
+
+»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da – um Wache zu
+halten – daß niemand horcht –«
+
+»Warum? Die Baronin – das ist eine Freundin des Hauses – ist zahllose
+Male hier gewesen – was wär’ da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in
+seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen
+Wochen schon zugetragen hatte.
+
+»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und – Herr Geheimrat haben
+befohlen, daß ich sprechen soll – und die ganze Gegend klatscht davon,
+daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der ›Klara‹, der
+hier auf Severinshof sich ’ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum
+Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt
+ist ... Und da dacht’ ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel
+abzubitten. Und ich wollte nicht – dem Georg muß man immer mal
+aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben,
+wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. – Was soll
+ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
+auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern – ich auch – ja ... Und
+dann der Kleine! – Nein, so was durfte nicht kommen. – Verzeihen mir
+Herr Geheimrat – aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«
+
+Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon
+lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in
+den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
+zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit
+heimlichem Zittern gefaßt war.
+
+Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.
+
+Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf –
+langsam hob er seinen Oberkörper – richtete sein Haupt empor. In jener
+furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er
+da.
+
+Das Licht füllte den Raum – die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf
+dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg.
+
+Ein schweres Schweigen herrschte. –
+
+Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn
+zu stören.
+
+Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten
+Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen.
+
+Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß
+empfangen, der ihn umwerfen mußte – das sah vielmehr so aus, als sei
+alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem
+gewaltigen Körper in straffer Energie.
+
+Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen
+– da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es – er schrieb ein paar
+Zeilen auf – riß das Blatt ab ...
+
+»Nimm,« sagte er. – Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten.
+
+Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An
+den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen
+Umständen morgen früh hier. Dein Vater.«
+
+Dann ging der Tag seinen Gang. – –
+
+Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich
+in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver
+aufgedrängt – sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. –
+Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging.
+
+Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. – Kam das
+vom Werk her? Nein – Sturm! Der Nebel war weggepeitscht.
+
+Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen.
+
+Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht – nicht denken können.
+
+Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit.
+
+Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um
+des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie
+wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen – damit
+er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen.
+
+Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ – ob
+es ins Dunkel mündete, ins Helle führte – das mußte die Zukunft lehren.
+
+Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr
+... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre
+Ohnmacht gestürzt haben!
+
+Sie kleidete sich an – rasch – und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit
+hinauf.«
+
+Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme
+übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen
+können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen
+und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man
+das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen
+glänzten tief.
+
+Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das
+flaumige Köpfchen gegen ihre Wange – in leidenschaftlichem Glück die
+Nähe des kleinen Geschöpfes genießend.
+
+So schritt sie hinauf.
+
+Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr
+öffneten.
+
+Sie gelangte hinauf – mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig
+dunklen Raum.
+
+In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte
+Herr – im unerleuchteten Zimmer.
+
+Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im
+linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen
+ihre Wange drückend – und um sie der Schimmer von Glanz ...
+
+»Madonna ...« dachte er.
+
+»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.«
+
+Und ihre Stimme klang wie immer.
+
+»Du hättest liegen bleiben sollen.«
+
+»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast
+du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: ›Der Frauen Zustand ist
+beklagenswert‹ – Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.«
+
+»Heldin!« dachte er.
+
+Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen – mit ihr schweigen. –
+
+Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen
+nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen
+gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer
+schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein
+Kinderstubenreich.
+
+»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und
+mich alles – sie darf uns nicht krank werden. – Schlaf fest.«
+
+»Dei – dei – dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges
+versprechen.
+
+Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten
+Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war.
+
+»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara.
+
+Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des
+Vaters hin – da wo so recht eigentlich ihr Platz war.
+
+»Ich habe mich mit ›Severin Lohmann‹ unterhalten,« sprach der Alte, »es
+hatte mir viel zu sagen ...«
+
+Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den
+Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem
+nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der
+Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und
+gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen
+elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all
+diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so
+merkwürdig an Weihnachten. – Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb
+angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf.
+
+Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle
+Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem
+Meere zu.
+
+Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu
+erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der
+verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein
+grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich
+gegen Strom und Wind flußauf quälte.
+
+Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. –
+
+Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. –
+
+So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch
+hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem
+Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
+mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit
+denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der
+Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit – ihre Herzen
+wurden bescheiden und still.
+
+Leise sprach der Alte – für sich hin – zu ihr, die mit seinem Enkel
+sein Werk bewachen und fortsetzen sollte – vielleicht hinaus zu
+Tausenden, die ihn nicht hörten:
+
+»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen,
+Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten
+entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich
+mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man
+sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich
+forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie
+sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu
+ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und
+ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern
+fließt mein _Blut_ – nicht nur _mein_ Blut – vielleicht, nein gewiß,
+noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes
+fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ – meinen _Geist_ – meine
+_Energie_ – alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab’ ich
+hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in
+meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr
+mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist
+diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe?
+Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander – das fordert die
+Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das
+Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein
+Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist
+wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe – und so,
+wie mein Sohn ist – trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber –
+muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger –
+mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer – mein großes,
+starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...«
+
+Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der
+sich vor sich selbst fürchtet.
+
+Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht
+bereit, den Sohn preiszugeben.
+
+Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die
+einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. –
+Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen
+konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor
+dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.
+
+»Du und dein Kind – ihr wißt es – ich habe ein Herz! Deine Mutter
+wußte es! – Und dennoch – dennoch – wenn ich denn ein unnatürlicher
+Vater bin: – mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt’ ich
+lassen – meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von
+heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns
+zusammenschmiedet mit unserer Arbeit – und wenn unsere Kinder dies
+heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.«
+
+Klara fror. – Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. – Und ihr war, als
+sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen
+abgerungen habe ...
+
+»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.«
+
+Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer –
+und dennoch wie Segen – Trost – Dank. –
+
+Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht
+hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll
+vor dem schwarzen Himmel jagte. –
+
+Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark
+genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr.
+
+Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst
+eintreffen.
+
+Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war,
+verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein.
+
+Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß
+von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor
+vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die
+Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne.
+Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der
+Firma. –
+
+Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch
+dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen
+sei.
+
+Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln.
+
+Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie
+tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es
+nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
+ein Sommervergnügen – vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn,
+halb sank er hin. – Ach – klein – klein – banal!
+
+Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für
+Klara gehabt.
+
+Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. –
+
+Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei.
+
+Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort
+an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den
+eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann
+junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern
+nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man
+wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe.
+
+»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr.
+
+Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle
+Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte
+auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem
+Vorwand zur Nachfrage verbot sich.
+
+Solche Stunden ertragen sich hart.
+
+Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand
+zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen.
+
+Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten
+Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen.
+
+Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe
+zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu
+verlieben.
+
+Ah – dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen!
+
+Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte – er, der
+Vater, durfte die Ehe nicht sprengen.
+
+»Hätte ich sie nie zusammengebracht!«
+
+Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem
+Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern.
+
+Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn
+nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben
+können ...
+
+Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten
+war – alle Stimmen der Natur schwiegen.
+
+Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk – diese über seinen Tod hinaus vor
+jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein
+Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein
+wohlhabender Mann.
+
+Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen
+war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine
+Nervosität bis zur Unerträglichkeit.
+
+Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ...
+
+Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle
+gewiesen.
+
+Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl.
+
+Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das
+Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen,
+in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig.
+Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten.
+
+Leupold kam.
+
+»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich,
+etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten
+gemacht – habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
+er, ich solle doch fragen.«
+
+Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für
+immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt –
+
+Nein, nein – gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh
+getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und
+gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete
+– denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen.
+
+»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht –«
+
+»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.«
+
+Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden.
+Kam auf das Anerbieten zurück – wollte doch zur Industrie übergehen –
+kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten.
+
+Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben,
+sich zusammennehmen.
+
+»Also ja ...«
+
+Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß,
+sehr ernst.
+
+»Lieber Marning. – Es freut mich, Sie zu sehen. – Wenn Sie’s nicht
+wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl – hab’ im
+Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. – Sie müssen schon Nachsicht mit
+mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine
+Gesinnung kennen Sie – die ist unverändert ...«
+
+»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener
+Angelegenheit.«
+
+Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten
+scharf aufmerken.
+
+»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.«
+
+»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.«
+
+»Ernstes. Ja.«
+
+»Sagen Sie’s nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten
+und Brüchigen dürfe man das Wort ›Tod‹ nicht laut aussprechen. Ich bin
+kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht
+gleich, weil’s mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an
+eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter
+Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär’s.«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu
+bringen.«
+
+»Wa – was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja
+unmöglich –«
+
+Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten – die des
+Todes.
+
+»Likowski befindet sich wohl – er wird in zwei, drei Tagen zurück sein
+– er wäre schon heute eingetroffen – aber er hat ... auch mußte er
+sich beim Oberst melden.«
+
+»Nun also – was ist mit ihm los. – Nehmen Sie’s mir nicht übel, lieber
+Marning – aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.«
+
+»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt.
+– Mein Amt ist schwer. – Likowski hat ein Duell gehabt – mit – mit
+Ihrem Herrn Sohn.«
+
+Der alte Mann fuhr auf – blieb erstarrt – sah den andern an – mit
+offenem Munde.
+
+Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
+
+Er war furchtbar anzusehen.
+
+Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!«
+
+So sprach das Schicksal selber – ehern – ergeben – furchtgebietend.
+
+»Nein – nein. – Er lebt – er kann – er wird weiterleben –«
+
+Da sank das schwere Haupt zurück. – Die Augen schlossen sich – und ein
+wunderbares Lächeln – geheimnisvoll – unbegreiflich, irrte um die
+Lippen. – Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine
+Träne und rann über die bleiche Wange.
+
+Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.
+
+Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein.
+
+Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt
+gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? – Rauschte
+das Blut – das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:
+Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. –
+
+»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte.
+
+Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten
+Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden.
+
+Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im
+Zusammenhang hören.«
+
+»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich
+Ihnen Likowskis Brief gebe – wie er nun mal ist. – Ganz Likowski. –
+Ich befürchte da kein Mißverstehen.«
+
+Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn
+däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch
+Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.
+
+»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und
+schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!«
+
+Stephan legte den Brief – diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt
+hatte – nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den
+nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb
+gefaltet – so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief
+auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um
+Wort ...
+
+
+ »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts
+ Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und
+ lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn
+ er kann! Wenn er nicht kann, muß ich’s ertragen. Mein Bewußtsein
+ ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes
+ und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch
+ nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß.
+
+ »Zu Ihnen hab’ ich nie davon gesprochen – auch die anderen
+ Kameraden nicht zu mir – das war zu delikat, wo es ein Haus
+ betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein
+ rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja
+ in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem
+ plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was
+ sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr
+ Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das
+ beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im
+ Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste
+ Gebot gekommen ...
+
+ »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab’ was an stiller Wut in
+ mich ’reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das
+ Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf
+ meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund
+ und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat
+ toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will.
+ – Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag’s ihm in sein
+ schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht.
+
+ »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal?
+
+ »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all
+ seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen
+ ist.
+
+ »Geh’ mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner
+ Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein
+ Restaurant. So ’n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn
+ der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl – das wissen
+ Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und – das Geld!
+ Leider. Geld ohne Geschmack – das ist eine schlimme Mischung.
+ Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. – Und
+ wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo
+ zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen
+ Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer?
+
+ »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot – röter –
+ am rötesten.
+
+ »Ich war ganz ruhig. Ich ging ’ran – so mit ’ner gewissen
+ Vorsicht – Distanz wahrend – damit nicht etwa die Baronin mir
+ gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. – Und da
+ bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er
+ sie nicht einstecken konnte, wenn er ’n Mann von Ehre bleiben
+ wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang.
+ Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte
+ sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache
+ nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde
+ mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt.
+ – Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der
+ Gegend – Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten –
+ einer war aus ’m ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in
+ der Regie des Duells. – Und kurz und gut – heut im Nebelgrau
+ standen wir einander gegenüber. – So ’n rechter schwerer
+ Rheinnebel war’s. – Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht
+ weit vom Fluß – seltsam war’s mir: man hörte durch den Nebel
+ den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so ’n
+ Heulruf ihm das Leben gerettet hat!
+
+ »Es war mein Vorsatz: den lösch’ ich aus. – Der verdirbt sonst
+ noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken
+ kann, das ganze Dasein. – Ich haßte ihn. Kräftig.
+
+ »Aber was soll ich Ihnen beichten? – Wie ich so ziele – in
+ diesen gräßlichen Sekunden – ein, zwei sind’s bloß – da heult
+ von fern und leise ein Dampfer – wie bei uns – plötzlich seh
+ ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott
+ verzeih’ mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht
+ schreiben: mir war’s, als riefe der alte Herr. Es war direkt
+ unheimlich.«
+
+Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises
+zitterten ...
+
+Ja, das war diese Stelle – seltsam – und so ganz außer Likowskis
+Linie ...
+
+Aber weiter ...
+
+ »Vielleicht hätt’s ihn doch schwer geschlagen – wenn sein Sohn
+ ... es ist immerhin der einzige! Obschon – unter uns –
+ manchmal dacht’ ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und
+ Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was
+ ’reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte
+ Herz zum Ziel. Aber treffen wollt’ ich, und ich traf. Besser als
+ er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die
+ Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee – ich merkte, wie er
+ zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen.
+ Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat
+ Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift.
+
+ »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht:
+ voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine
+ Lebensgefahr – wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis.
+
+ »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte
+ ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man
+ was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter,
+ als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen!
+
+ »Aber nun kommt’s hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen
+ des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz
+ einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter
+ Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt,
+ fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht
+ haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen,
+ und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik
+ geschickt werden.
+
+ »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen – und
+ dann das Wort ›Klinik‹. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie
+ schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und
+ nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es
+ offiziös. – Straf’ mich Gott, wenn ich in diesem Falle von
+ meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen
+ sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,
+ nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu
+ seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach
+ die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten
+ sich dazu meiner bescheidenen Person.
+
+ »Dieses Auftrumpfen Agathens: ›Mein ist der Mann, und mir gehört
+ er zu!‹ – macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der
+ alte Herr gar in den Zeitungen davon liest – ehe der Sohn ihn
+ benachrichtigen kann – denn von wegen Agathe kann er nun nicht
+ eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. –
+ Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe
+ was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt
+ des Vaters führt – gehen Sie sofort zu ihm.
+
+ »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er’s mir gesagt.
+ Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an
+ den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad –
+ mein Freund – das sagt alles.
+
+ »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet’ ich meiner Feder jedes.
+ Sie wird leiden – jetzt – zunächst in jedem Fall! Aber sie
+ wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben –
+ darauf hoffe ich!
+
+ »Und nun: Gott befohlen!
+
+ Ihr Likowski.«
+
+
+Wie langsam der Greis gelesen hatte – ganz gewiß, er mußte jeden Satz
+wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben.
+
+Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein
+wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den
+Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.
+
+Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.
+
+Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten – sie
+kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf.
+
+Aber dennoch – auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren
+Gefaßtheit.
+
+Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten – er
+stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. – Von wo aus die Wirrnisse des
+Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege
+kommen und wohin sie gehen.
+
+Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund.
+
+»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,«
+sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst
+weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.«
+
+»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.«
+
+Er war verwirrt – sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle
+verabschieden zu dürfen.
+
+»Lieber Marning – Sie sehen – der Sohn ist mir verloren – vielleicht
+nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft – mag vielleicht eine ferne
+Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine
+legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! – Ich will
+mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. – Es liegt an ihm –«
+
+Er mußte innehalten. – So lebendig stand plötzlich das Bild der
+genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter
+gewesen ... Er seufzte schwer ...
+
+»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit
+Reue gepflastert sein.«
+
+Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter – mein Enkel – mein Werk
+– das gehört zusammen – zu mir – bis übers Grab hinaus: zu mir! Und
+davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und
+die Würde meines Werkes verraten. – Vielem und Vielen sollte er zum
+Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der
+spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden – auf immer!«
+
+Nun sah er den jungen Mann voll und groß an – bezwingend – –
+
+»Ich tat einmal eine Frage an Sie. – Heute ist der Augenblick, sie zu
+wiederholen. – In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer
+und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag
+wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und
+mein Enkel. – Noch bin ich da! O – ich hoffe, dem Dunklen, der mir
+schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch – es
+ist Menschenlos. – Mein Enkel und meine Tochter – einmal brauchen sie
+vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als – als
+Freund. – Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn
+für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen – wollen Sie
+meinem Werke dienen?«
+
+»Ja!«
+
+Laut und feierlich klang das durch den Raum.
+
+Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie
+damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und
+küßte voll Ehrfurcht diese Hand – die Hand, die sein Schicksal auf
+ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte.
+
+Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder.
+
+Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke
+angelobt. Und nicht nur seinem Werke.
+
+»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...«
+
+Stephan trat erschrocken zurück.
+
+»Nicht in meiner Gegenwart.«
+
+»Doch!« – Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser
+kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde.
+
+»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch
+habe.«
+
+»Herr Geheimrat ...« bat Marning.
+
+Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.
+
+»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage – ich
+brauche Sie – – sonst – sonst – es könnte mir die Fassung
+zerbrechen. – Ich hab’ diese zwei zusammengeführt – ich! Bin ich nicht
+ein Schuldiger vor ihr?«
+
+»Nein,« rief Stephan, »nein – nichts von Schuld ...«
+
+Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen
+Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette
+gleich.
+
+Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten.
+
+Sie blieb stehen – ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen.
+
+Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des
+Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen
+qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe
+hing ...
+
+»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm – sieh, hier ist
+unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...«
+
+Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von – meinem – Sohn ...«
+
+Nun war sie vor ihm und sah ihn an – nur ihn – als sei nicht noch
+einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte.
+
+Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
+schweigend und unbeweglich dastand.
+
+»Ja, mein Kind – Wynfried – er hat – ein Unfall ... Später erfährst
+du das Genaue. – Er liegt in Köln – krank ...«
+
+Sie wich ein wenig zurück – im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich
+dahin – ihm helfen – er ist meines Kindes Vater – ich _muß_. – Ich
+wollte ja Geduld haben – wollte vergeben – nun muß ich es beweisen ...
+
+»Dann will ich zu ihm – gleich – ja gleich. – Ihn pflegen – ihm
+beistehen –«
+
+»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun
+wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe –
+sie wird gelöst werden.«
+
+»Vater!« schrie sie auf.
+
+Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht.
+
+Und die Männer schwiegen.
+
+Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine
+ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. –
+Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
+erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! –
+
+Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer
+zerfallen – auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe
+errichtet ward ...
+
+Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam
+zurück.
+
+Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte.
+
+Nun verlor sie Vater und Heimat – –
+
+Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an – sie sah
+wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam.
+
+Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging – sein einziger Sohn –
+trotz allem.
+
+»Nun muß ich dich verlassen!«
+
+»Klara!«
+
+»Aber das Kind – es gehört mir. – Du wirst nicht den Versuch machen,
+es mir zu nehmen. Nein – das nicht – das weiß ich.«
+
+Sie war außer sich.
+
+Er streckte seinen Arm nach ihr.
+
+»Nein – besinn dich doch. – Gehören wir nicht zusammen? – Das Werk,
+das Kind – du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von
+ihm! Und hier steht einer – ich hab’ sein Wort: er will in die Arbeit
+hineinwachsen und dem Werke dienen und – meines Enkels Freund sein –«
+
+Er brach ab.
+
+»Vater!«
+
+Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße
+Gesicht zwischen seine Hände.
+
+»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer.
+
+Oft hatte er sie so genannt – aber sie fühlte, was dieser Name, in
+diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und
+heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und
+stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.
+
+Sie hob den Blick – sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer
+Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand.
+
+Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte.
+
+Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der
+Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein – nach seinem
+Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich
+erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.
+
+
+
+
+ Druck der
+ Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+ in Stuttgart
+
+
+
+
+Anzeigen des
+Cotta’schen Verlages
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Ein königlicher Kaufmann
+
+_Hanseatischer Roman_
+
+16. und 17. Auflage
+
+In Leinen gebunden 5 Mark
+
+
+=Aus den Besprechungen:=
+
+Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen
+schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch.
+Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur.
+Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das
+heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen
+in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen
+Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den
+Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst
+werden.
+
+ =Bohemia, Prag=
+
+
+Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das
+ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt
+mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die
+Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie
+sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine
+und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne
+Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über
+den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die
+spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede
+Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«.
+Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen
+Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen
+Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das
+alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von
+einer Romandichterin erwartet werden darf.
+
+ =Deutsche Tageszeitung, Berlin=
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Im Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und
+Berlin erschienen:
+
+ Gebunden
+
+Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50
+
+Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer
+Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.--
+
+Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman
+6. u. 7. Auflage M. 4.50
+
+Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.--
+
+Stille Helden. Roman M. 5.--
+
+
+In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen:
+
+Ein Tropfen Geheftet M. 2.50
+
+Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.--
+
+
+
+
+ Gebunden
+_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und
+ andere Geschichten M. 4.--
+ --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.--
+
+_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka – Eine Ausschweifung. Zwei
+ Erzählungen " 3.50
+ --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Wolken und Sunn’schein. 5. Aufl. " 3.50
+
+_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.--
+ --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.--
+
+_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50
+ --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70
+ --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10
+
+_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.--
+ --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80
+ --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20
+ --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.--
+ --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20
+
+_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50
+
+_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.--
+
+_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Stille Helden. Roman " 5.--
+ --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u.
+ 17. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.--
+
+_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50
+ --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20
+ --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte.
+ Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Božena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.--
+ --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# – Ein Wunder
+ des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.--
+
+_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.--
+
+_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.--
+
+_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50
+
+_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50
+ --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.--
+ --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.--
+ --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.--
+
+_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50
+ --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50
+ --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.--
+ --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.--
+
+_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer
+ Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.--
+
+_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50
+
+_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.--
+
+_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.--
+
+_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile
+ Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.--
+
+_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
+ Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50
+
+_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50
+ --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50
+ --"-- Da träumen sie von Lieb’ und Glück! Drei Schweizer
+ Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50
+ --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50
+ --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+
+_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.--
+
+_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50
+ --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.--
+ --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50
+ --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50
+
+_Heyse, Paul_, L’Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40
+ --"-- L’Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben
+ – Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80
+ --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Martha’s Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.--
+ --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet.
+ 2.-4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40
+ --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80
+ --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.--
+ --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40
+ --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u.
+ 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.--
+ --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50
+
+_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- ’s Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50
+ --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u.
+ 5. Aufl. " 5.--
+
+_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.--
+
+_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels.
+ 2. Aufl. " 6.--
+
+_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte.
+ 6. Aufl. " 3.50
+
+_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren.
+ Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_
+
+_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände.
+ 75.-80. Aufl. "11.40
+ --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80
+ --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60
+ --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80
+ --"-- Das Sinngedicht. Novellen – Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80
+ --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+ --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung.
+ Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+
+_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte
+ Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.--
+ --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50
+
+_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
+ Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40
+
+_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn.
+ Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.--
+ --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.--
+ --"-- Genesung – Sein Todfeind – Gedankenschuld. Erzählungen " 5.--
+ --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Phantasien und Märchen " 3.--
+ --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen
+ Renaissance. 7. Aufl. " 6.50
+
+_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50
+
+_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau.
+ Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50
+
+_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände.
+ 5. u. 6. Aufl. " 7.50
+ --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.--
+ --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.--
+
+_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln
+ und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.--
+
+_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.--
+
+_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman.
+ 2.-5. Aufl. " 4.50
+
+_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.--
+ --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.--
+ --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.--
+
+_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack.
+ Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+
+_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50
+ --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.--
+
+_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.--
+
+_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.--
+ --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.--
+ --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.--
+
+_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.--
+
+_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft.
+ Roman. 2 Bände " 5.--
+
+_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe.
+ 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (4. u. 5. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (3. Tausend) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.--
+ --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.--
+ --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.--
+ --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
+ 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.--
+ --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.--
+ --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse
+ herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.--
+
+_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.--
+
+_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.--
+
+_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.--
+
+_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50
+ --"-- Stille Wasser. Roman " 4.--
+
+_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer
+ Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50
+ --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ich harr’ des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.--
+ --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.--
+ --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Du bist die Ruh’. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen
+ Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50
+ --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.--
+ --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+
+_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.--
+ --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50
+ --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.--
+ --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50
+ --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.--
+
+_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.--
+
+_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere
+ Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.--
+
+_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.--
+
+_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.--
+
+_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50
+
+_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50
+
+_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50
+ --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50
+ --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.--
+
+_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer
+ Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Erika – Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Franz. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl. " 5.--
+ --"-- Irma. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Novellen " 4.--
+ --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Große Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.--
+
+_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.--
+
+_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50
+
+Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1914. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+
+p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden –«
+p. 080: [normalized] der Duc d’alben -> d'Alben
+p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten
+p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski
+p. 255: [normalized] bis Sörnsen, der Fährmann -> Sörensen
+p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber
+p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..46d01d9
--- /dev/null
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--- /dev/null
+++ b/29738-8.txt
@@ -0,0 +1,13934 @@
+The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stille Helden
+
+Author: Ida Boy-Ed
+
+Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Stille Helden
+
+
+ Roman
+
+ von
+
+ Ida Boy-Ed
+
+
+ 1914
+
+ J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+
+ Stuttgart und Berlin
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+
+ Copyright 1914 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
+
+
+
+
+1
+
+
+Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr
+geräumigen Erker ließ sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag
+jetzt die Nächte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis
+zwischen den Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbar wurde.
+Diesen grauen Schein der Morgendämmerung nannte er schon »Tag«, und
+damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn
+sein treuer Leupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr allein
+regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden müssen. Und so
+zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein
+neues Gesicht in seiner Nähe zu ertragen.
+
+Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätig sich zu bewegen,
+seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte
+Lage. Nun saß er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder
+bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt
+arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schräg- und
+Steilstellungen bringen ließ. Auch eine breite Tischplatte kam von der
+Erkerwand geräuschlos nahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem
+ein kaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehne berührt
+wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der gegenüberliegenden Wand ein
+Bücherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese
+Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer,
+aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen
+Monaten halbseitig Gelähmten unabhängiger von seiner Bedienung und
+gewährte ihm, was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesen
+war: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am
+raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frühen Stunde
+mußte der bewegliche Tisch das erste Frühstück tragen. Mit nie
+erlöschendem Zorn aß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügel
+oder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost
+gestattete.
+
+»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du mich mal päppeln müßtest wie
+'ne Wöchnerin,« sagte er.
+
+»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,« tröstete Leupold und
+schob noch handlicher Teller und Löffel zurecht.
+
+»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen mich verändert hat!« dachte der
+Geheimrat erbittert. »Na ja -- wie denn nicht! Früher war ich sein Herr,
+jetzt ist er im Grunde der meine.«
+
+Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln
+Augen war wirklich nichts von Überhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem
+freundlich-gleichmäßigen Ausdruck, den er sich in mehr als
+fünfundzwanzig Jahren angewöhnt hatte, schnitt er das weiße Fleisch von
+dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mächtigen,
+übermäßig beschäftigten großen Herrn dient, dem das Blut rascher durch
+die Adern läuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man
+Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschüttert gesehen
+-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch für ein
+Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gäste jeden Augenblick
+eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als
+der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der
+Riese jäh blaurot im Gesicht -- stieß einen rauhen Laut aus -- taumelte
+und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flüsterte man davon, Leupold
+habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden.
+
+Jetzt war alles auf dem Frühstückstisch so zurechtgestellt und
+vorbereitet, daß der Halbgelähmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren
+konnte, und Leupold zog sich zurück.
+
+Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das große
+Zimmer der Ausgangstür zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine
+Aufwallung von Rührung stieg in ihm empor.
+
+»Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett!
+Was ist das für ein brutaler Unsinn. Mißbrauch der Herrengewalt? ... Und
+er muckt nicht mal auf ... Anhänglichkeit oder Sklavensinn!? ...«
+
+Aber sein Herz sagte ihm: Anhänglichkeit! Denn auch er dachte manchmal
+an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal
+zurückerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt -- -- wie
+ihm das Bewußtsein kam -- wie er die Lider öffnete -- da sah er in ein
+treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen
+begann.
+
+Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge
+seines Sohnes! --
+
+Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... »Na, er wird ja
+mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein!« dachte er noch in
+bezug auf Leupold.
+
+Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mächtiger Körper
+muß Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll ...
+
+Bewegung! Er wußte wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese
+nächste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die
+unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein großes, furchtbares
+und dennoch seltsam feierliches Vorgefühl sagte ihm: dann traf sie so
+gut, daß es das Ende ward ...
+
+In solcher Lage schließt man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige
+Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgültig
+-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da
+schließe mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehören zwei. Einer, der
+ihn ausspricht, und einer, der ihn ausführt.
+
+Er sah hinaus. Es war immer noch sehr früh. Aber was war Tag, was Nacht
+für das Hüttenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals
+schlafen. Die Hochöfen erloschen nie. Für ihre schwelende Glut gab es
+keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen
+Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt.
+
+Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stück
+Welt hin, darüber er der Gebieter war.
+
+Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Fluß durchschnitten, der im
+ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die
+kräftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der
+Bauer sein Reich findet. Ferne Wälder umgrenzten sie.
+
+Aber mitten in diesen grünen Geländen und auf stillen, abgetönten Weiten
+hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Stätte gesucht und
+Erze und Kohlen ihre düsteren Farben hineingetragen.
+
+Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei
+Hochöfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu
+ihnen zog sich das Eisengestänge der Schrägaufzüge, an denen die kleinen
+Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen
+unaufhörlich die Öfen beschickten, das heißt in ihren Rachen das
+Material schütteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern,
+hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer
+Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Gebläse
+diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Säulen erhoben
+sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den
+verschiedenen langgestreckten Dächern und den aufgetürmten Bauten, in
+denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksöfen vermuten konnte.
+Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der
+Cäcilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Straße
+erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen
+und Ausladebrücken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Körper, die
+nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe
+bewegten sich die Förderwagen, emsig und doch gelassen, die von den
+Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den
+rechten Lagerplätzen ausschütteten. All diese Dinge ragten gleich
+Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bläulich, oft
+von steigendem weißen oder schwarzgrauen Gewölk durchzogen, umhüllte all
+diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie
+andere waren, als die Natur sie schafft.
+
+Das Gelände selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhütte »Severin
+Lohmann« angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem
+Blick. Eine große gärtnerische Anlage lag dem Hause gegenüber, von ihm
+durch die vorbeiziehende Landstraße geschieden. Diese Anlage nahm links,
+wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich
+zum Fluß hinab, wurde nach rechts schmäler und schmäler und verlor sich
+im Uferstreifen, der flußauf endlich an einer Hochbrücke endete, auf
+welche die dem Fluß sich immer mehr nähernde Landstraße dort traf.
+
+Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und
+dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebüschpartien; diese
+Blumenrabatten, die doch bei östlichem Winde immer grauschwarz bestäubt
+wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade
+gegenüber schnitt und zum Flußufer hinabführte, wo früher an einer
+Brücke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fähre ihren Platz hatte --
+das alles war die »Anlage der gnädigen Frau«.
+
+Die gnädige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und
+Schlacken ...
+
+Drüben am andern Ufer erhob sich über weißsandigem, schroff abfallendem
+Abhang eine kleine Stadt. Rote Dächer drängten sich um den Kirchturm,
+dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel
+stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten
+lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drüben kam zwischen den
+Dächern heraus Rauch. Aus merkwürdigen breiten, kurzhalsigen kleinen
+Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man räucherte Fische in
+Schlutup, und einst lebte das ganze Städtchen von Ackerbau und
+Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslärm über den Fluß
+hinüber in die Straßen hinein -- auch das Geld, das »Severin Lohmann« in
+Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,
+stärkeres Leben pulsierte.
+
+Der alte Herr sah gern hinüber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da
+wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein
+Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.
+
+Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrönte König auch des
+andern Ufers fühlen.
+
+Unten auf dem Fluß, unterhalb der hoch über ihnen sich in die Luft
+hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrücken, ankerten ein paar
+Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Förderwagen
+wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie
+leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland --
+Spanien. Erhebend und quälend zugleich war das, den Blick auf seine Welt
+zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu können.
+
+Nun saß er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles,
+hohes Schmiedeisengitter von der Landstraße geschieden war und, inmitten
+von Vorgärten und anschließendem Park, wie ein fürstlicher Ruhesitz
+anzusehen war.
+
+Er dankte für Ruhe ...
+
+Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit
+Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe über die Größe, die im
+Entsagenkönnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Daß er sie andern
+Menschen gegenüber aufzubringen vermochte, gewährte ihm eine kleine
+Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zähnen gegen
+sie.
+
+Alles wäre wahrscheinlich würdevoll und gefaßt zu ertragen, ohne dieses
+Elend mit Wynfried ...
+
+Er dachte plötzlich: »Ich verstehe die Prometheussage -- ja, weiß Gott,
+ich weiß, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt,
+dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille
+ist stark, aber die Kraft, die man nicht betätigen kann, frißt an
+einem ...«
+
+Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertönen
+getragener Klang schien heranzukommen. Das riß ihn aus seinen Gedanken.
+Ja richtig -- was für ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag,
+das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen.
+
+Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drüben im Städtchen lag. Im
+Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran
+mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur
+Führung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere
+auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen
+vorgepfiffen und getrommelt ward. Über die Hochbrücke waren sie gekommen
+und zogen zu einer Gefechtsübung aus -- vielleicht um am Meeresstrand
+anderthalb Stunden ostwärts die Landung eines markierten Feindes zu
+verhindern.
+
+Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk überschnitt die
+marschierenden Gestalten.
+
+Die Offiziere grüßten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft
+gastlich aufgenommen worden. Jeden Gruß beantwortete mit freundlichem
+Nicken das weißhaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von
+Krankheit und Alter war in ihnen --
+
+Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grüßenden Herren.
+
+»Ja, lieber Schönstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts --
+Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natürlich mit Vorteil
+verkauft -- famos zugeritten, wie er war ...«
+
+Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott
+wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und
+imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wußten als er -- und der
+da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mußte der Oberleutnant
+Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold
+seine Karte hereingebracht.
+
+Der Sohn alter Freunde, was man so »Freunde« nennt. Angenehme Bekannte,
+mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast
+gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut
+gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er,
+der alternde Großindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine
+Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wußte, mit welcher
+schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn
+dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte,
+ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war,
+dachte er an seinen Sohn ...
+
+Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrüßenden Freiherrn von
+Marning: »Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren
+Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein
+menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's
+mit dem Gastlichsein ...«
+
+Und es tat ihm seltsam dringlich leid, daß er dem jungen Marning keine
+Freundlichkeit erweisen konnte.
+
+Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen --
+da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zäher, täglich neu
+aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen,
+die unerhört opfervolle Mühe des Kriegshandwerks im Frieden zu üben --
+dazu gehört Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern
+nur an Pflicht denkt.
+
+Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich
+bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und
+preist.
+
+Ja, die gibt's auf allen Gebieten.
+
+So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den
+einen Menschen zuführten, so war er schon wieder bei seinem Sohn.
+
+»Ich hätte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der
+Junge hatte es einmal gewünscht.«
+
+Aber er hatte so oft mit seinen Wünschen gewechselt; sie waren immer nur
+lau gewesen.
+
+Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum künftigen Mitbesitzer und
+späteren alleinigen Herrn von »Severin Lohmann« zu bestimmen, war das
+Selbstverständliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den
+ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich
+ohne jemals Aufsehen durch Fleiß oder Leistungen zu erregen -- was
+sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem Überfluß an
+Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam ...
+
+Hier übermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich,
+um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen.
+
+Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit
+all den Schüsseln und Speisen vor sich.
+
+Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die
+Luft, als wolle er jemanden treffen ...
+
+Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe hätte er sie
+wieder holen mögen, um sie haßvoll zu fragen: Was hast du aus unserm
+Sohn gemacht? Einen Schwächling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du
+ihn weibisch erzogst ...
+
+Er sah ihr kühles, ablehnendes Lächeln -- er sah ihr schönes Gesicht,
+auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst.
+
+In einem seiner stürmischen Entschlüsse klingelte er plötzlich. Alsbald
+erschien eine schlichte blaue Livree in der Tür. Aber es war nicht
+Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere
+Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch
+ärgerlich reizte.
+
+»Leupold!« sagte er befehlshaberisch.
+
+»Leupold ist nach Schlutup hinüber, um die von Herrn Geheimrat gestern
+abend angeordneten Besorgungen zu machen,« sagte Georg in militärischer
+Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.
+
+»Ist mein Sohn schon aufgestanden?«
+
+»Der junge gnädige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad
+gegeben.«
+
+Der alte gnädige Herr gab nur einen Laut von sich, der für Georgs Ohr
+etwas Ungeformtes behielt. Daß aber beinahe Verachtung darin klang,
+spürte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsässig: »Na, wir können
+doch nicht alle immer Glock fünf aufstehen ...«
+
+Er war es ja zum Glück von seiner Militär- und Burschenzeit her gewöhnt.
+Aber wenn er der junge Herr gewesen wäre, würde er auch bis zehne
+schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner
+Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das
+ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, daß zwischen Vater und Sohn
+»was los« sei -- was, wußte kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber
+der würde es auch nicht verraten ...
+
+Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mußte er sich von neuem in
+Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefühl dafür, daß er seinen Sohn nicht
+wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen könne ...
+
+Geduld -- wenn eine so große, so schwere Frage zu beantworten ist -- die
+bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte ...
+
+Was sollte mit seinem Sohn werden?
+
+Äußerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun
+geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung für die auf ihn
+wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf
+befreundeten Hüttenwerken hatte er als Volontär in die Betriebe
+hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im
+Auslande. Nirgends hatte er Anlaß zu Klage oder Lob gegeben. Ob er
+überhaupt gearbeitet hatte, war unklar.
+
+Das prickelte und grämte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn!
+Lieber mit Härten, Ecken und Kanten sich herumstoßen! Die Neutralen
+hatte der Alte immer gehaßt.
+
+Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauffälligen Bahn des eben
+Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhängnisvollste von
+allen ...
+
+Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen
+lassen -- -- --
+
+Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwächlich genommen hatte.
+
+Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, für
+dessen Pflichtenfülle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war.
+Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die
+Söhne gebären, sollen sie auch erziehen können. Das war sein Anspruch
+gewesen.
+
+Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, daß nichts ihre
+Gemütsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schönheit störte. Erzieherpflichten
+können unbequem sein.
+
+Auch gehört Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, außer zu sich
+selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so
+aussah, als vergöttere sie den Sohn. Solche mütterliche Affenliebe ist
+bloß eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wußte der alte
+Herr längst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte --
+früher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das
+Philosophieren an ...
+
+Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer
+vorläufigen Aussprache gegeben hatte: »Ja, Vater, du bist eben einer von
+den Männern, die nur denken und arbeiten. Du weißt nicht, was das ist:
+Lieben und Leiden ...«
+
+Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefärbt hatte, wie rauh sein Ton, wie
+schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wußte er selbst nicht.
+
+Grollend und in so schwerer Düsterheit, daß sein Sohn verstummte, sprach
+er: »Was weißt denn du von mir!«
+
+Ja, was hatte sein Weib von ihm gewußt! Was wußte sein Sohn von ihm!
+Einsam! Einsam!
+
+Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glück und Frieden
+bedeutete, die hatte er nicht festhalten dürfen ...
+
+Lieben und Leiden?
+
+Als ob es das Teil der Müßigen, Schwachen, Zärtlichen,
+Durchschnittlichen sei.
+
+Wehe, wenn es die großen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht
+zerbrechen lassen dürfen, wenn sie vor sich selbst voll Würde bleiben
+wollen ...
+
+Helden müssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen
+nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen.
+
+Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer
+Nächte bleibt ihr Geheimnis.
+
+Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in
+weichere Stimmungen hinüber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit
+einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglückte und erschütterte.
+Für die, die groß lieben, ganz und mit der heißen Kraft der
+Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Gräber. Nie
+Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie für ihn
+gestorben und nie von seinem Gemüt entfernt.
+
+Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft,
+richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mädchenhafte Gestalt,
+mittelgroß und schlank, drückte in der ganzen Haltung so viel
+Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von
+Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften
+Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem
+stürmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal
+von einem Lächeln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Töchterchen
+sprach, dann war es rührend schön, zum Weinen schön ... Er sah ihr
+braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hände, deren
+Ausdruck so merkwürdig wechselnd war -- beredte Hände.
+
+Solch ein Weib hätte seinem Sohn begegnen müssen. Eine, die den Mann zu
+Höhen emporführt, die er allein niemals erreichen kann.
+
+Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er
+hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Männer gibt es. Es
+gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschädlich, scheinbar fast gut, wenn
+sie in Ungestörtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur
+mit ihm in Berührung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie
+Bakterien unschädlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen überführt
+werden. Wunderlich -- wer könnte je ergründen, von was für Bedingungen
+die schädlichen oder segensreichen Wirkungen abhängen.
+
+Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.
+
+»Ich kenn' meinen Sohn nicht,« das gestand er sich ein, »weiß bloß seine
+undeutlichen, äußeren Abgeschliffenheiten -- die äußeren Daten seiner
+Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich weiß
+es nicht.
+
+»Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, bloß weil
+er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron
+setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in
+vierzig Jahren zur Blüte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht
+allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von
+Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat,
+will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft
+Vieler dürfen nicht in lässige Hände gelegt werden werden --«
+
+Ein Niedergang von »Severin Lohmann« würde einen Niedergang der Gegend
+bedeuten. Lebten denn nicht drüben in Schlutup die Gewerbetreibenden,
+die Handwerker, die Ladeninhaber zum großen Teil von der Beamten- und
+Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Kräfte werden mal abgenutzt,
+Beamte müssen gehen, um neuen Persönlichkeiten Platz zu machen. Hatte
+Wynfried die Gabe, rechte Männer zu wählen? Eine der größten Begabungen
+für die Beherrscher so großer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht
+der kleinste Krämer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfähig und treulos
+ist. Und was für Männer brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der
+Geheimrat an seine klügste geschäftliche Tat: an den Mut, den er besaß,
+indem er seinen Generaldirektor Thürauf mit einem Ministergehalt
+engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ...
+Und mit Thürauf kam eine noch größere Blüte. -- Ja, solche Männer muß
+man erkennen, erfühlen können, das ist die Begabung.
+
+»Thürauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer
+Aktiengesellschaft bliebe er,« das sagte sich der Geheimrat. »Einen
+andern Chef als mich ertrüge er nicht. Er fühlt, daß ich ihn einschätze
+bis in seine subtilsten Fähigkeiten hinein ...«
+
+»Severin Lohmann« sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum
+bleiben? Das tat weh nur zu denken -- --
+
+Immer leidenschaftlicher überdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz,
+all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken
+der Geschäftsblüte auch zum Absterben bestimmt wären ...
+
+Und aus diesem Grübeln rang sich ein geradezu dämonischer Wille empor,
+noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht
+wußte: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem
+Reichtum?
+
+Ein beinahe abergläubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine
+glühende Unruhe.
+
+»Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen
+worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er muß doch
+auch schließlich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.«
+
+Aber wo die Rechte finden?
+
+Hier waren keine. Die fröhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige --
+ach, die war ja gänzlich eine angenehmere höhere Tochter und nichts
+mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thürauf? Trefflich erzogene
+nette Mädchen, mal passend für sparsame, strebsame Beamte. Oder der
+rothaarige Backfisch des Großindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren
+drüben in Schlutup eine große Sensenfabrik gegründet hatte? Vielleicht
+die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schloß Lammen saß und
+von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate übers Meer hinaus, ob
+nicht ein zweiter Gatte dahergefahren käme? Alle nicht für Wynfried
+passend.
+
+Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefühl, er
+müsse für den Sohn wählen. Daß Wynfried kein Urteil über weiblichen Wert
+oder Unwert besaß, war ja erwiesen. --
+
+Keine? Er fühlte plötzlich, daß er sich all diese Figuren vor sein Auge
+gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes
+guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher
+wußte: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie würde
+nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.
+
+Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten
+über die Stirn, als könne er Hitze und Röte wegwischen. Er sollte sich
+doch nicht aufregen ... und ganz plötzlich war er von einer ängstlichen
+Folgsamkeit erfüllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewußtsein
+kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen ärztlichen Anordnungen
+fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben!
+
+Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mußte sie
+sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe
+zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drüben bei der
+alten Witwe des früheren Hüttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte
+das Mädchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind
+und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft
+trieb, kam sie über die Fähre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins
+Schulhaus führte. Das lag weiter hinauf an der Landstraße. Man mußte an
+der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter,
+dann kam man an das fröhlich aussehende weiße Haus mit grünen Läden und
+rotem Dach, das der Geheimrat für den Schulunterricht all der Kinder von
+Severinshof gebaut hatte.
+
+Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nördlich des Werkes hin.
+Das Schulhaus an der Landstraße war ihr Abschluß. Auf das Schulhaus
+folgte dann mit ihrem großen Garten die stattliche Villa des
+Generaldirektors Thürauf und die Doppelhäuser für all die meist
+verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmännischen
+Abteilungsvorstände des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den
+Stamm der Arbeiter in freundlichen Häuschen mit Gärten angesiedelt, die
+sich dem Werk auf immer verbunden fühlten und von ihm Pension für ihre
+Feierabendruhe erwarteten.
+
+Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem
+Geheimrat kam es vor, als müsse es schon immer so gewesen sein.
+
+Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte
+vertauschen dürfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie
+pünktlich zwischen den Hainbuchenwänden auftauche, die die
+Sandsteintreppe bis zum Fluß hinab begleiteten, und ihr Gruß war ihm
+sein bißchen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags
+nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schöne reiche Stunde
+lang.
+
+Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionär, der starke
+Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.
+
+»Wenn sie meine Tochter werden wollte!« Der Gedanke an diese Möglichkeit
+erschütterte ihn beseligend.
+
+Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo
+er sich mit sich selbst beschäftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr
+Segen wäre über den Kindern -- --
+
+Aber würden sie wollen? Dieser Sohn, der zu müde und freudlos erschien,
+um noch einen Entschluß zu fassen? Dies Mädchen, das mit einer so
+entschlossenen Gefaßtheit, verschlossen ohne Kälte, zufrieden, wunschlos
+in bescheidenen Verhältnissen dahinlebte, obgleich ihre frühe Kindheit
+von Luxus umgeben gewesen war?
+
+Reue erfaßte ihn. Er hätte das Kind, als es verwaist und mittellos
+dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann hätte Wynfried die
+Heranwachsende oft gesehen, vielleicht würdigen und lieben gelernt, und
+alles wäre von selbst einer glücklichen Wendung entgegengewachsen, was
+man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mußte.
+
+Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Daß er das auch nur einen
+Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mädchen mißbildet oder
+mißhandelt hätte, auf diese feine Weise, wie sie zu mißhandeln
+verstand, durch Hochmut und Kälte, die so versteckt waren, daß sie sich
+immer ableugnen ließen, und doch so spürbar, daß man sich darunter bog
+wie unter Peitschenhieben.
+
+Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mußte sie kommen.
+
+Die Anlegebrücken hüben und drüben konnte er nicht von seinem Platz aus
+sehen; auch jene Stelle des Flusses, über die der Fährmann seinen Kahn
+ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel.
+
+Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Körper wuchs auf der Treppe, nun stand
+sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte
+er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit
+den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien
+ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war
+so sorgsam -- am schlanken Halse glänzte der weiße Kragen, auf dem
+lockeren Haar saß ein einfacher gefälliger Hut. -- Unter dem Arm trug
+sie Bücher. Was für eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie
+schön sie sich bewegte. Diese feinen klugen Züge, den etwas herben Mund,
+die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren.
+
+»Klara!« sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch
+eine andere Klara. Die, die längst von den Enttäuschungen ihres Lebens
+ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich weiß, nicht einmal die
+Wohltat fühlt, daß alle Not zu Ende ist ...
+
+Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen
+hatte. --
+
+Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wüßte! Lachen würde sie, lachen
+darüber, daß Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe
+heilig hielt.
+
+Er aber fühlte tief: auch der Rauheste, auch der Größte, auch der
+Arbeitsriese -- er verliert alle Fäden zum Verständnis der Menschen,
+verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Kälte, wird zur Maschine,
+wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hält; und
+das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm
+wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sättigen
+können. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wußte er
+schon, daß eine schöne Larve ihn getäuscht hatte.
+
+In den schweren und bitteren Erwägungen der heutigen Morgenstunde war
+das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung
+von einst ...
+
+Klara grüßte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu grüßen, streckte
+er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das:
+komm!
+
+Und sie lächelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes
+fröhliches Mädchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht
+geht.
+
+Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die
+Jugend, sie war die Schönheit. Die Liebe, das Glück.
+
+In der Stärke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille
+sich untrennbar rasch vermählen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht
+des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all
+diesen großzügigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar
+nicht die Erwägung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum
+Unheil anderer Menschen.
+
+Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin
+meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr
+kommt ihre Mutter zurück und will durch sie erfüllen, was uns versagt
+bleiben mußte.
+
+Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte
+er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, daß das
+schrille Geläute drüben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem
+atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: »Ich lasse den jungen
+Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester
+und malträtiert mich -- also bitte noch vorher.«
+
+»Sofort!« sagte Georg verängstigt. Denn er sollte eine Bitte überbringen
+und hatte doch einen Befehl gehört, hinter dem sich das Donnergrollen
+fürchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich
+befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der
+auf jede Bestellung nur ein lässiges, zweifelhaftes »So--o?« als Antwort
+hatte.
+
+Aber es mußte ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des
+Auftrages fühlbar zu machen. Denn einige Minuten später trat Wynfried
+Severin Lohmann bei seinem Vater ein.
+
+Der Sohn war von stattlicher Höhe, wenn er auch den Riesenwuchs des
+Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schädel bedeckte hüsches
+welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft
+gestreichelt, daß davon eine Lichtung auf der Scheitelhöhe entstanden
+war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmäßigkeit der Züge unauffällig
+-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schön geschwungenen Brauen
+standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Müdigkeit oder
+Gleichgültigkeit, wer konnte das sagen.
+
+Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine
+Familienähnlichkeit konnte dem schärfer Zuschauenden doch nicht
+entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase,
+das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht
+hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken,
+leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel
+ein wenig verzerrte. --
+
+Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das weiß und
+lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner
+Erscheinung aber doch einen verzärtelten Charakter.
+
+»Guten Morgen, Vater -- verzeih, daß ich so komme -- aber es schien
+eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?«
+
+»Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem
+Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,« sprach er mürrisch.
+
+Ja, das wurmte immer wieder, daß der Sohn nicht kam -- mit Extrazügen
+hätte er hereilen müssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, daß
+seine Geliebte ihn verlassen könne, und das war wichtiger gewesen, das
+hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen
+festgehalten.
+
+Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen.
+
+Der alte Herr sah ihn an. Wie höflich die Frage gewesen war: »hast du
+gut geschlafen?« Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne daß
+einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch
+den kostbaren Morgenanzug des Sohnes.
+
+»Höre,« sagte er offen, »ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du
+Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja,
+du bist der Sohn eines Millionärs, und ich war der eines hart kämpfenden
+Anfängers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene
+Frühstücksroben hüllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe,
+denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz
+unbefangen: die Schulden stoßen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila
+seidene Morgenraffinement. Daß es ohne Schulden und Lehrgeld nicht
+abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefaßt. Aber daß mein Sohn
+sich mal so von mir weg entwickeln würde, daß er weibisch tut, das ist
+mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. Überhör sie, wenn du willst.
+Und nu setz dich mal da ...«
+
+Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze
+zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, für die
+Besucher des Geheimrats dastand.
+
+»Ich will gewiß niemals etwas überhören von dem, was du mir zu sagen
+wünschest,« sprach der Sohn höflich.
+
+Er saß da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine
+Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgültig, wie sie noch gestern
+gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: »Was weißt _du_ von
+_mir_?«, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die
+ganze Nacht beschäftigt.
+
+»Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos,
+ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur
+Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute kürzer, aber
+praktischer sein,« begann der Vater.
+
+Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte
+die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes
+Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang.
+
+»Ähnliches habe ich auch gedacht,« antwortete der Sohn. »Und meine
+Schulden betreffend, so wollte ich dir erklären, daß ich bereit bin,
+sie mit meinem mütterlichen Erbteil zu bezahlen.«
+
+Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den
+Faden der Weiterentwicklung ab.
+
+»Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen können.
+Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb für deine
+Bedürfnisse -- falls du diese nicht sehr einschränken willst. -- Aber es
+ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhängig
+machen könnte,« schloß er langsam mit Bedeutung.
+
+War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein
+Sohn soll sich nicht als mein Sklave fühlen? Kaum erhoben sich diese
+Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hörte.
+
+»Dieser bescheidenen Unabhängigkeit will ich dich nicht berauben. Ich
+werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein
+zuverlässiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine
+Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mündlich mit ihm
+durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen
+soll mir Details ersparen ... du verstehst ...«
+
+Wynfried errötete. Er fühlte es. Und es war ihm demütigend. Die Großmut
+des Vaters rührte ihn weniger, als daß sie ihn beschämte. Zugleich
+erleichterte es ihn, daß sein Vater sich das genaue Studium der Schulden
+und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren,
+Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die
+Forderungen dunkler Geldmänner selbst prüfen mochte.
+
+Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gütige Geduld
+sein eigentlichster Wesenszug ...
+
+Wynfried hatte ein unklares Gefühl, als sei diese vornehme Milde ein
+Vorspiel, das ihn gefügig machen solle ...
+
+Ach, gefügig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.
+
+Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von
+allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgültig, was man von ihm fordern
+würde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er
+ließ sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht
+noch eine ferne leise Dankbarkeit, daß jemand ihn schieben wolle. Aber
+Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum.
+
+Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wußte
+jetzt, zurückhorchend in seine Jugend, daß in ihrem Ton Haß
+mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: »Er fabriziert phosphorfreies
+Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen.« Und seltsam hörte er
+zugleich wieder dies düstere: »Was weißt _du_ von _mir_?« Es schien, als
+wolle ihn dies Wort verfolgen.
+
+Er sah seinen Vater an und begegnete einem großen, durchdringenden
+Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen
+kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefürchtet ...
+
+Ihm war, als säße er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem
+Überragenden.
+
+Ein nervöses Frösteln lief ihm über die Haut. War das wieder die Furcht
+wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklärliches Gefühl -- wie ein
+leise aufzuckendes Elend -- darüber, daß er ein Nichts sei -- sich jäh
+als solches fühlte -- zum erstenmal.
+
+Er biß sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater
+und Sohn.
+
+Endlich besann sich Wynfried, daß er etwas sagen müsse.
+
+»Ich danke dir für deine Großmut.«
+
+»Hast du dir Pläne für dein nächstes Leben gemacht?« fragte der
+Geheimrat.
+
+Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine
+Reise um die Welt. Oder einen größeren Jagdausflug nach Südamerika. Oder
+ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen
+Küste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.
+
+»Nein!«
+
+»Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige
+denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.«
+
+»Aber ich habe doch ...«
+
+»Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefüllt
+gewesen als von gründlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder
+bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, dürfte dir selbst das
+Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weißt und kannst. Eine große
+Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich.
+Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu
+behaupten ...«
+
+Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer
+Ausdruck über dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines
+gewöhnlichen Sterblichen -- monumentale Größe war darin -- Kraft von
+übermenschlicher Art. Und ihm war, als könne sein Vater selbst dem Tode
+trotzen, wenn er wolle ...
+
+Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: »Aber du bist
+doch einmal mein Nachfolger -- du mußt dich darauf vorbereiten -- dich
+einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner
+vorausgesetzten Unzulänglichkeit, bei den Abteilungsvorständen die
+rechte Stellung zu machen, daß du in keine schiefe Lage kommst.
+Freilich, wie du dich zu Thürauf stellst, das wird deine Sache sein,
+und ist die allerwichtigste für dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster
+Mitarbeiter -- geschäftlich mein anderes Ich -- trotz der völlig
+verschiedenen Individualität. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch --
+Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr
+auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts
+sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehört: es ist mein
+Wunsch, daß du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist
+du einverstanden?«
+
+»Ich will es versuchen,« sprach Wynfried tonlos.
+
+Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese
+erschreckende Blässe, die sein Gesicht entfärbte, ließ in dem Vater eine
+Furcht aufblitzen ...
+
+Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war?
+Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die
+ihn von ihr absperrte?
+
+»Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich
+-- gestehst du mir das zu?«
+
+»Ja.«
+
+»Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Früher dacht' ich, wenn ich
+so von ewig wechselnden Liebschaften hörte: wenn er doch mal _eine_
+fände, die ihm das Sichverzetteln abgewöhnt. Na -- der Wunsch wurde mir
+erfüllt. Wie das so manchmal mit Wünschen geht -- man bekreuzigt sich,
+daß man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermögen,
+Nerven, ein paar schöne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie
+auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man
+mir dein Telegramm gab -- 'Unabkömmlich -- hoffe auf deine rasche
+Genesung'-- Unabkömmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht!
+Und warum unabkömmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst,
+eine -- _Dirne_ zu verlieren ...«
+
+Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz.
+
+»Verzeih -- ich war von Sinnen,« sagte der Sohn mit schwacher Stimme.
+
+»Und endlich mußtest du _doch_ begreifen! Grad saßest du auch so fest in
+Schulden, daß nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verließ dich
+die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der
+ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal,
+Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der
+Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Haßt du sie? Was dasselbe wäre.
+Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?«
+
+»Herz?« sagte Wynfried, und der verächtliche Zug erschien in seinem
+Mundwinkel. »Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich
+verachte diese Frau und alle Frauen.«
+
+»Nun, nun,« meinte der Geheimrat, und ein Lächeln, tiefsinnig und fast
+zärtlich, spielte über sein Gesicht, »es gibt noch edle Frauen. Und ein
+Herz ist gottlob wie die Natur: es blüht wieder auf --«
+
+Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.
+
+Er verspürte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem
+Vater. Woher kamen sie? Waren sie früher nur tiefer verborgen gewesen?
+Oder hatte die Brüchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen
+Tod ihn verändert?
+
+»Und kurz und gut,« sprach der Alte aus seinem mächtigen Sessel heraus,
+wo er sich so oft als Prometheus fühlte, »kurz und gut: ich denke, du
+heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein höheren Inhalt
+geben. Ohne Familie hält es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die
+scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau
+kann dein Gemüt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs
+Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut
+abnimmst.«
+
+»Kurz und gut« hatte der Vater gesagt. Als schließe sein Vorschlag lange
+Verhandlungen über die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das
+seinem Sohn sozusagen auf den Kopf. --
+
+Er lächelte. So überrascht war er. Aber das Lächeln losch gleich hin. Er
+begriff auf der Stelle, daß es seines Vaters fester Wille war.
+
+Das elende Gefühl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich
+das dunkle noch andrängende, rasch aber klarer werdende Erkennen, daß
+vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens
+Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters
+zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal,
+seit er denken konnte.
+
+»Aber deshalb heiratet man doch nicht!« dachte er. Er dachte es ohne
+heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fühlte
+sich zu zerbrochen zum Kampf.
+
+Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes
+gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen
+gegen Welt und Weib.
+
+»Nun!« mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er
+doch auf seinen Vorschlag hören.
+
+»Und du hast dir gewiß auch schon ausgedacht: welche,« sagte Wynfried
+ausweichend.
+
+»Ah -- ob! Du wirst dir Mühe geben müssen, angenommen zu werden.«
+
+Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in
+der Naivität, die geniale Menschen haben können, wenn es sich um ihre
+heimlichen Poesien und Herzenswünsche handelt, schien nicht zu ahnen,
+daß er vielleicht unzart vorgehe ...
+
+»Wer ist es denn?« fragte er gleichgültig, höflich -- nur um den Vater
+nicht zu reizen.
+
+»Klara Hildebrandt.«
+
+»Die Tochter von deinem früheren Generaldirektor -- der sich erschoß --
+wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes
+angenommen -- die --?«
+
+»Ja -- die.«
+
+»Ich weiß noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen
+Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behält sie, obschon sie
+eigentlich nebensächlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben
+-- aber zeitlich mit irgendwas verknüpft sind, was damals einem wichtig
+war. -- Ja, ich weiß noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage,
+deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel
+Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt hätte und
+nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und mußten aussteigen, weil der
+Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, daß sie sie nicht leiden
+möge. -- Die Frau war sehr schön -- ich begriff damals nicht und auch in
+den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schön und so ganz
+anders vorkam. -- Jetzt weiß ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber
+reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere ...«
+
+»Ja, du erinnerst dich recht,« sprach der alte Mann langsam, »in ihr
+waren Schönheiten ... ein Wunder war sie ...«
+
+Und sein Gesicht bekam einen Schein, als läge Andacht darauf.
+
+Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange
+ineinander. Und wieder war dem Sohn, als höre er den Vater sagen: »Was
+weißt _du_ von _mir_!«
+
+Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Großmut alles vertuschte, was
+dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre hätte nehmen
+können ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb
+-- wie er für das Kind gesorgt. --
+
+Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn --
+
+Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit für sich und
+eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob ...
+
+Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen
+unantastbare Heiligtümer verschlossen gehalten würden ...
+
+»Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,«
+sprach er langsam.
+
+Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wußte, der
+junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die
+Behandlung mit Massage und Elektrizität zu beginnen, die täglich zweimal
+vorgenommen wurde, fühlte er doch, daß diese Verabschiedung aus einer
+seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er spürte auch einen festen
+Druck der Hand -- war das Versöhnung? eine stumme Überredung? ein neues
+Bündnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,
+sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?
+
+Kannten sie sich denn jetzt?
+
+Und es war dem Sohne, als dürfe er das Wort des Vaters auch für sich in
+Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: »Was weißt _du_
+von _mir_?«
+
+Da durchschauerte es ihn: was weiß ich denn selbst von mir? Und das
+elende Gefühl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals über ihn.
+
+Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett.
+
+Er starrte ins Unbestimmte.
+
+»Eine Kugel durch den Kopf -- das wäre das richtigste ...«
+
+Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als sähe er seines
+Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner
+Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen
+Zügen, die furchtbar schienen.
+
+Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurück -- das
+fühlte er.
+
+Aber wie leben? Unter welchen Möglichkeiten?
+
+Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt für sein
+Dasein vortäuschten.
+
+Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten
+würde.
+
+
+
+
+2
+
+
+Nun war es Sonntag. Aber Leupold fühlte, daß sein Herr sich nicht in der
+beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Fräulein Hildebrandt
+erwartet wurde.
+
+Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst
+paßte der Geheimrat sogar auf, ob auch schöne Blumen aus den
+Treibhäusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Fräulein
+Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller
+mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetörtchen vorhanden
+seien, die Fräulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte
+sich manchmal Gedanken über das starke Interesse seines Herrn an Klara
+Hildebrandt. Er wußte: die Hildebrandts hatten damals schon ihre
+zweijährige Tochter mitgebracht -- wenn also böswillige Menschen davon
+munkelten, Klara solle die natürliche Tochter des Geheimrats sein, so
+war das nur böswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so völlig von ihr
+umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau
+gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare,
+stattliche, fürstliche Erscheinung, und es wäre doch nicht das erste Mal
+gewesen, daß ein fünfundsechzigjähriger Millionär sich das Vergnügen
+machte, eine zweiundzwanzigjährige junge Dame zu heiraten.
+
+Leupold beschloß aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten
+Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natürlich mit solcher Klugheit
+sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewußt zu sein, seinen
+Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wäre er in
+den Hintergrund gedrängt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und
+das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher
+Lebensinhalt.
+
+Heute nun kümmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an,
+die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur
+Begutachtung gezeigt wurde.
+
+»Was er wohl hat,« dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so
+durchsichtig vor ihm hingebreitet, daß er sich trotz aller ihm wirklich
+eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrübeln, was er
+gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte.
+
+Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders
+rätselhaft.
+
+Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, daß sie ihm wie
+zyklopische Blöcke im Gemüt lagen. Seine Intelligenz, seine
+Lebenserfahrung, sein starkes Gefühl versuchten sich an diesen schweren
+Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen.
+
+Zum erstenmal geschah es ihm, daß er einfach keine Antwort wußte auf die
+Frage: Wie fang' ich das an?
+
+Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und
+hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trüben Finanzangelegenheiten
+durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen
+alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprüft haben würde, einen
+Scheck mit einer wahrscheinlich sehr großen Zahl auszuschreiben. Heute
+mittag war er schon wieder zurückgekommen. Der Vater mochte keinen
+Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer
+Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mußte. So aß jeder für sich. Wynfried
+unten im Speisesaal voll schön stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in
+seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der
+Begrüßung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes
+noch nicht ein bißchen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme
+Apathie, die so empörend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich
+noch wie ein Koloß an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lähmung,
+gegen diesen gleichgültigen jungen Mann ...
+
+Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung »bitten« hieß, in
+der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, daß Wynfried doch um
+fünf Uhr zum Tee heraufkommen möge.
+
+»Dann kann ich dich ihr vorstellen.«
+
+Wynfried wußte von selbst, daß damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er
+verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er.
+Sie lauteten ungefähr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem
+ersten besten Mädchen verheiratet, bloß damit er in Ordnung kommt. »Sie«
+-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen
+Männer, die in ihren Vätern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und
+andere »Freunde«, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit
+schmarotzten. Und all die »Freundinnen«, die ihn zu trösten und
+anzupumpen suchten und ihn betäuben halfen -- -- Ja, all diese würden
+sich totlachen und es sich zuschreien: Wißt ihr, Winni hat man zum
+Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles
+war egal --
+
+Nun saß der Geheimrat da, wuchtig und groß, in der Umrahmung der
+gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu
+wälzen: Wie fang' ich das an?
+
+Er fühlte, daß er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und daß
+dieser pünktlich gegen fünf Uhr eintreten würde.
+
+Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen
+Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, daß Wynfried, von ihr bezaubert, mit
+neu erwachendem männlichen Mut darauf ausgehen würde, sich das Mädchen
+zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, daß er mit zu offenem Wort das
+feine herbe Kind kopfscheu machen würde, wie ein scheues Wild von einem
+ungewohnten Laut vergrämt wird? -- War es klüger, zu schweigen oder zu
+reden? den Dingen ihren Lauf lassen?
+
+Aber wer verbürgte ihm denn, daß ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge
+abzuwarten? Wußte er so gewiß, daß sein Wille zum Leben siegreicher war
+als der Dunkle, der neben ihm lauerte?
+
+Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann,
+dem ein Mädchenherz schnell zufliegen konnte?
+
+Ganz tief in seinem Unterbewußtsein war ja das Gefühl: Sie wird es
+meinetwegen tun ...
+
+Aber dem Gefühl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch für sie
+kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung
+finden, und damit das Glück ...
+
+»Wie fang' ich es an?«
+
+Er fand keine Antwort.
+
+Und so beschloß er, der sonst die Dinge mit klaren Vorsätzen und starken
+Händen lenkte, sich zunächst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte
+abwarten, wie weit Gespräch und Stimmung und jenes unwägbare Gefühl für
+die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben würden zu gehen.
+
+Er kam durch diesen Entschluß ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar
+wohl und frisch war ihm zumut, so daß es ihm selbst erstaunlich schien
+-- bei seinem Zustand!
+
+Der Sonntagsfrieden draußen und drinnen hatte für ihn etwas Pastorales.
+Früher war er nie dazu gekommen, ihn überhaupt zu bemerken.
+
+Sonntäglich war ihm zumut, obschon draußen von pastoralem Frieden keine
+Rede sein konnte. Düsteres Gewölk flockte sich wie jeden Tag durch den
+bläulichen Dunst, der die Schornsteine und die düsteren Burgen der
+Hochöfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,
+umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der
+Schrägaufzüge zur Höhe der Öfen hinan, und die dumpfe Musik von tausend
+fallenden, zischenden und stoßenden Geräuschen summte durch die Luft.
+
+Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der
+Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der
+Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstraße gingen saubere und
+geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fähre nach
+Schlutup hinüberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab.
+
+Die Sonne schien. Über dem weiten Land lag Helle, und der Fluß
+glitzerte. Er war belebt von Booten, und weiße Segel wurden vom Winde
+träge gebläht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und
+schoben sich über die Felder, goldgrüne Wiesen für eine Weile dunkel
+fleckend.
+
+Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten
+Stockwerkes. Das breite Fenster und der große Erker sahen gegen Osten,
+auf die Anlagen, das Städtchen und den Fluß und die Landschaft, die
+drüben hinter dem Städtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte
+man auch den Blick auf das Werk.
+
+Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewöhnen.
+Quälende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau
+gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, daß man es wohl
+oder übel hatte als Tagesaufenthalt einrichten müssen, seit seine
+Lähmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich
+doch auf die nächste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der für
+seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab
+in das Erdgeschoß und zugleich in den Park befördern sollte. Diese
+Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald
+vielleicht, bald konnte er sich hinüberfahren lassen aufs Werk -- und
+bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glück, und es begann zu blühen
+-- wirklich zu blühen ...
+
+O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen
+wunderbar trotzigen Willen zum Leben.
+
+Früher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas
+Selbstverständliches hingenommen. Nun war in ihm ein förmlich
+künstlerisches Verständnis erwacht für das Wunder, das man Leben nennt.
+Und er wußte, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen muß.
+
+Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine
+Vaterpflicht, über diesen Sohn zu verfügen, wie man eben Spieler
+entmündigen muß. Denn sie sind die Schädlinge, in deren Händen alles
+zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glück. Ganz einerlei, womit sie
+spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Börse, Weiber, Pferde --
+im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Höchsten, was man hat: dem
+Leben selbst.
+
+So grübelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein
+hindurch ein Arbeitender gewesen.
+
+Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit väterlicher Zärtlichkeit
+sein Herz gehängt hatte.
+
+Leupold meldete Fräulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der
+Tür und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr
+weit eine Rechte entgegenstreckte.
+
+»Wie sie ihrer Mutter gleicht,« dachte er, jedesmal neu von der
+Ähnlichkeit ergriffen.
+
+Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewöhnlich, jede
+Möglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besaß kein Bild von der
+längst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren
+vielleicht die unzuverlässigsten Maler. Wer wollte entscheiden.
+
+Klara selbst war stolz und glücklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche
+der Mutter. Denn verwaiste Töchter kennen kein schöneres Ideal als die
+Gestalt einer ihnen früh geraubten Mutter.
+
+Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroße Gestalt, das braune,
+reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen
+Zügen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend
+gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der
+klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes
+Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es
+Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und
+sie trug zu einer weißen Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke
+waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht
+haben, daß sie wie ein Besuch dasaß, der gleich wieder fort muß.
+
+»Also, liebe Klara, ich muß Ihnen ganz etwas Neues erzählen: mein Sohn
+ist wieder da!«
+
+»Das hat mir Frau Doktor schon erzählt,« sagte Klara, »der junge Herr
+Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.«
+
+»Hätt' ich mir denken können. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion,
+und wenn wir sie auch die Lamprächtige getauft haben -- 'ne kleine alte
+Klatschbase bleibt sie doch.«
+
+»Ach Gott, so ein beschränktes Altfrauenleben,« sagte Klara und zuckte
+entschuldigend die Achseln ... »Sie meint es doch rührend mit mir.«
+
+»Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.«
+
+Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen
+und sprach unbefangen weiter: »Schön für Sie, daß Sie nun den Herrn Sohn
+hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.«
+
+»Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so
+lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt draußen haben sie
+meinen Einzigen tüchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er muß sich
+besinnen, daran denken, daß er noch mein Sohn ist. Er muß so
+gewissermaßen von vorn anfangen. Wo könnte er's besser als hier. Arbeit
+und Familie -- das ist die Gesundheit.«
+
+»Ach,« dachte Klara, »wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater
+zusammen ein Familienleben zu führen; zu solchen Aufgaben berufen zu
+sein ...«
+
+Sie sagte: »Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne
+Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegründeten Haus
+anzugehören. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Gründung
+Ihres Vaters weiterführten, so wächst nun Ihr Sohn in all dies hinein.«
+
+»Wer weiß -- wenn sein persönliches Geschick die glückliche Wendung
+nimmt, die ich erhoffe -- dann gewiß! Er müßte ja auch zu sehr aus der
+Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekäme -- wo so das
+Herzblut und der Angstschweiß von Vater und Großvater daranhängt. -- Ein
+wenig müßt' ihm doch der Mut des Großvaters und die Zähigkeit des Vaters
+imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche
+Kühnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes
+Kind, man denkt immer: die ist ein Göttergeschenk des Künstlers -- seins
+allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er muß das, was
+sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine große Möglichkeit,
+das muß er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein
+Industrieller, kein großer Handelsherr ohne Phantasie. Hätte Bismarck
+keine Phantasie gehabt, wären wir kein einiges Deutschland geworden!
+Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besaß einen
+ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das weiß Gott. Aber er besaß die
+Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er
+diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zähen Stolz
+gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch über, denke
+ich oft. Und er erkannte: Industrie, große Industrie muß sein -- sie
+allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blüte bringen -- und dies
+Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. --
+Daß man hier ein Hüttenwerk anlegen könne, das schien fast unglaublich.
+Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines muß doch von
+Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das
+macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor:
+wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch große Kosten verursache,
+dafür habe man den billigen Wasserweg für das fertige Produkt und die
+Zufuhr von fremden Erzen, die sich schließlich die Binnenlandwerke auch
+auf weiten Transportwegen heranbringen lassen müssen. Mit was für
+Engelszungen muß er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbücher zum
+Aufblättern bringt -- na, der muß schon was Suggestives an sich haben.«
+
+Klara hörte andächtig zu. Sie hatte ein unersättliches Interesse an
+allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf.
+
+»Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst
+verstand auch nichts von Hüttenchemie -- kann sein, daß er nicht von
+vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen
+-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs
+neben sich. Ja: toll! Was für Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines
+Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld könne durch
+ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben.
+-- Als Junge von vierzehn mußte ich schon hinaus -- lernen -- lernen. --
+Wenn man so im Sorgendunkel aufwächst, sieht man scharf ins Helle
+hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich biß die Zähne
+zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein
+Jüngling von zwanzig und beim Grafen Stürkgen in Schlesien in Stellung
+-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk übernehmen, das
+teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte --
+gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein große Dimensionen.
+
+»Nun, der Graf Stürkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir
+seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Können. --
+Der sah sich alles an, prüfte alles durch. Und Stürkgen wagte es, auf
+den Bericht hin, mich zu stützen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die
+ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt'
+ich den Sieg! Und vor fünfzehn Jahren gewann ich mir Thürauf als
+Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schöpfer all unserer
+Nebenproduktionen, die unsere Erträge fast verdoppelten ...«
+
+Er verlor sich in Nachdenken.
+
+Das junge Mädchen wagte kaum, sich zu rühren.
+
+Sie spürte wohl, dieser Rückblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den
+Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet.
+
+»Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,« sprach er
+dann weiter, »ich hatte gerade die Fäuste, die hier zum Anpacken nötig
+waren. Eins war bitter ... Mein Vater hätte noch erleben müssen, was aus
+'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten
+Vätern, die den Söhnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so
+früh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch
+immer dankbar, daß er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach
+einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte,
+was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen hätte. Na, nun sind Werk und
+Mann eins -- auch dem Namen nach -- und daß mein Junge den sentimentalen
+Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen muß, das war eines von den
+Ärgernissen, in deren Erfindung meine Frau groß gewesen ist.«
+
+»Nun weiß ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefähre Geschichte von
+Severin Lohmann,« sagte Klara. »Aber wenn ich so bedenke, wie über alles
+Maß anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer
+rätselhafter, daß ...«
+
+»Daß was, liebes Kind?«
+
+Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene
+Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke.
+
+»Daß Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Güte für mich hatten
+und haben. Darüber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drängen sich an
+Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg
+und hinterließ Witwe und Waisen. Ich weiß es, daß Sie alle mit Geld
+gestützt haben, solange es Ihnen nötig schien. Keiner Waise haben Sie
+sich angenommen wie meiner.«
+
+»Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?«
+antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt.
+
+Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Händen, die Linke,
+lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkürlich auf diese
+Hand, die so sehr den edlen beredten Händen der geliebten Toten glich.
+
+»Früher,« sagte sie, »wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu
+Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem
+Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so
+natürlich, sich vor Ihnen zu fürchten,« schaltete sie ein, -- »ich wäre
+bereit gewesen, mich für Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs
+dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach
+Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl
+couragierter und fühlte, wie gütig Sie mich ansahen und wie milde Sie
+sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht über mich -- aber
+Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern
+Leuten.«
+
+Er sah sie tief an -- und mit einem so rätselhaften Ausdruck, daß es sie
+etwas befangen machte.
+
+Weniger zutraulich, zögernder fuhr sie fort: »Aber auch dann hatte ich
+keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wäre mir das
+zugekommen, Ihre Zeit mehr als für Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum
+daß ich Ihnen zu danken wagte, daß Sie mir meinen Wunsch erfüllten und
+mich hier an der Schule anstellten.«
+
+»Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?«
+
+»Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich
+alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag
+kommen ...«
+
+»Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die
+gesünder im Freien verbracht würde,« unterbrach er sie ablenkend. Sie
+aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen ...
+
+»Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fühlen. --
+Ihre Güte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen.
+Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen
+mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?«
+
+Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet
+gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schädigung und
+Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte
+manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht würde den Befehl, zu schweigen,
+nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter
+Geschwätzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen --
+und können dennoch manchmal völlig schweigen -- wo sie lieben und
+schonen wollen ...
+
+Welche Lage! Mußte die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit über ihren
+Vater erfahren? Lüge oder auch nur Unwissenheit läßt sich nicht für
+immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg
+doch immer schritthaltend mit, und plötzlich gibt eine böswillige Hand
+oder ein Zufall ihr einen Anstoß, und sie fällt dem Ahnungslosen vor die
+Füße.
+
+Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater
+war ein Sünder, an allem, was er besaß, an Weib, Kind und Amt ...
+
+Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.
+
+Er wußte nicht, daß er sich trotz allen Kraftgefühls doch recht
+verändert hatte seit seinem Schlaganfall und daß er nicht mehr in so
+eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie
+früher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hände zitterten bemerkbar ...
+
+Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher
+Innigkeit um die Wahrheit baten.
+
+Und er antwortete, während er diesen Blicken auswich: »Ihr Vater? O
+nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!«
+
+Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschläge lang. Seine Röte, -- die
+heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten würgen. --
+Das sehr starke Zittern seiner ungelähmten Hand, und vor allem sein
+abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische
+Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das?
+
+Ihr Frauengefühl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu
+wissen.
+
+»Wegen meiner Mutter?« fragte sie langsam.
+
+Da blitzten die mächtigen Augen sie wieder hell an.
+
+»Ja,« sprach er, »Ihre Mutter -- ich habe -- sie war -- -- Liebes Kind!
+Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.«
+
+»Und meine Mutter?« fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich
+verändert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst über sie kommen
+-- daß sie mit ihren Fragen an Tragik rührte, die besser ungeweckt und
+verschleiert bliebe.
+
+Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und
+Gefaßtheit, die das junge Mädchen ergriff: »Ihre Mutter und ich, wir
+wußten es rasch -- wir waren füreinander bestimmt gewesen -- sie mein
+Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum
+gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns.
+Meine Frau hätte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher
+Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefährlich --
+aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz ...«
+
+Klara sah ihn wartend an. Da schloß er langsam: »Die _Würde_ deiner
+Mutter ...«
+
+Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie küßte
+seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter
+ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und
+ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an.
+
+»Ich wollte, du wärest meine Tochter, oder du würdest es!« sprach er.
+
+Sie lächelte mit Tränen in den Augen.
+
+Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.
+
+»Es war immer schon, als wär' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir
+gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch näher
+gekommen ...«
+
+Ihr Gemüt war ihr nun übervoll. Viel hätte sie wissen mögen -- von ihrer
+Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der
+Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr
+eigener, leiblicher Vater mußte ja dazwischen gestanden haben -- was war
+es mit ihm? Weshalb erwähnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber
+den Gatten ihrer Mutter?
+
+Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurück, in welchem der Geheimrat
+gesagt: »Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!«
+
+Dies »O nein!« barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie
+der Sprecher selbst mit Vorsatz gewiß nicht hatte verraten wollen.
+
+Und plötzlich fiel es ihr noch schwer auf, daß er, der in so starken
+Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thürauf rühmte, über
+die ihres Vaters schweigend hinwegging.
+
+Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund ...
+
+»Ich muß wissen,« dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mündiger
+Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit.
+
+Aber sie fühlte, daß sie den alten Herrn nicht weiter fragen dürfe --
+wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heiße Röte vorhin, das
+Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch
+nicht aufregen.
+
+Sie hörte, daß die Tür geöffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst
+irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gespräch in
+das Alltägliche hinüberzubringen -- wie es eben für den noch
+Schonungsbedürftigen am besten war.
+
+Sie wandte sich um und wußte auf der Stelle: der da herankam, das war
+Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum
+je wirklich mit ihm gesprochen.
+
+»Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetöchterchen vorstellen
+-- Fräulein Klara Hildebrandt.«
+
+Klara reichte ihm freundlich die Hand.
+
+»Wie freue ich mich für Ihren Vater, daß Sie hier sind.«
+
+»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame
+Kindheitserinnerungen erheben darf,« sagte er.
+
+»Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie
+waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von
+mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer
+oder Ihrer Mutter.«
+
+»Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ängstlich mit mir --
+ich weiß noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt,
+nur einmal eine kolossale Prügelei haben zu dürfen.«
+
+»Der sieht freilich aus, als hätte er viel Kummer gehabt,« dachte sie
+mitleidig, während er sprach. Welche Sorge für den Vater -- den einzigen
+Sohn so seltsam förmlich, so unjung, als wäre er eigentlich lieber nicht
+hier, zu sehen. Draußen in der Welt hätten sie ihn »zerzaust«, hatte
+sein Vater vorhin gesagt. Ruhe müsse er haben, sich besinnen. Und ihre
+natürliche Mädchenneugier fragte sich: Unglückliche Liebe? Das machte
+ihn ihr doch gleich interessant.
+
+»Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie meinen Vater besuchen und erheitern.«
+
+»Das Dankenmüssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich
+durch Ihres Vaters Güte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist
+mein Stolz und mein Glück, daß ich kommen darf.«
+
+Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu.
+
+Wynfried hatte ein unbehagliches Gefühl -- als sei er hier zwei
+Verbündeten ausgeliefert. Wußte dies Mädchen um seines Vaters Wünsche?
+Unmöglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein.
+
+Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es
+ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, daß sie sehr schön
+war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter
+ihn besaß. Das drückte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im
+Klang der sanften Stimme aus.
+
+Diese Art von Schönheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von
+strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln
+vermocht.
+
+Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen
+eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm
+sein zu wollen, wurde unbewußt wach in ihm. Dazu kam das neugierige
+Wissen, daß dies die Frau sei, die sein Vater für ihn bestimmt hatte --
+und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen.
+
+Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenüber an den Tisch,
+der neben dem Krankheitsthron stand.
+
+»Ich sehe, Leupold hat für drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, daß
+Sie mir auch gütigst eine Tasse Tee gönnen sollen.«
+
+Während Klara ihn bediente, meinte sie: »Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie
+hat -- überflüssig komme ich mir doch nicht vor. Männer, die die ganze
+Woche von der Arbeit zusammen sprechen, würden es auch noch
+Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wäre, der sehr wenig davon
+versteht.«
+
+»Ah, Sie wissen, daß ich hier bleiben werde?«
+
+»Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fräulein Hildebrandt erzählt,«
+warf der Geheimrat ein.
+
+Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er
+sagen, daß er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner
+Angelegenheiten denken könne.
+
+»Und Sie haben die Geduld und den Mut, gnädiges Fräulein, die Kinder der
+Arbeiterschaft zu unterrichten?«
+
+»Nun, irgend etwas mußte ich doch tun, um meine Kräfte zu brauchen und
+mein Brot zu verdienen,« sprach sie ruhig.
+
+»Aber gab es nicht reizvollere Beschäftigungen, die Ihnen mehr Freude
+gebracht hätten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem großen
+Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genießt, tanzt
+-- Vater mit seinen Beziehungen hätte Ihnen doch leicht dergleichen
+verschaffen können.«
+
+Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene
+unterhielt ihn überhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann
+der ersten Eindrücke, der raschen Entschlüsse. Er fühlte, oder vielmehr
+er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den
+beiden!
+
+Klara schüttelte nur leise den Kopf.
+
+»Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine
+Erinnerungen natürlich nicht zurück. So ist es mir, als sei ich hier
+geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine
+ersten Eindrücke gehabt -- später hab' ich an seinen Grenzen gelebt,
+immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt
+hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater,
+ihm meine Ausbildung und daß ich nun auf eigenen Füßen stehe und
+selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefühl
+gehabt, vor mir gesehen als dies eine, daß auch ich für 'Severin
+Lohmann' tätig sein müsse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin?
+Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wäre nicht mein Fall
+gewesen -- dabei wäre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich
+mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken können, Entwicklung zu sehen
+macht doch Freude. So drängte es sich auf, daß ich Lehrerin werden
+mußte. Ich könnte in der Stadt an der höheren Töchterschule
+unterrichten. Aber da hätte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'.
+Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als
+ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern für Ihren Vater
+und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?«
+
+»Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,« sprach der Geheimrat.
+»Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk für immer verbunden ...«
+
+Er mußte sich Mühe geben, nicht mehr zu sagen.
+
+Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fühlte so
+beklemmend, daß er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier
+ferner und fremder war als dieses Mädchen, das mit allem unlöslich
+verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, daß seines Vaters Wunsch
+noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben
+in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht
+einst geliebten Frau zu versorgen ...
+
+Klara blieb heute länger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der
+alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefühl gab, sie dürfe gehen.
+Heute, wenn das mühsam sich hinschleppende Gespräch ganz verstummen
+wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.
+
+Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, daß seine Fragen sie
+nötigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr
+zärtlichen, unentschlossenen, umständlichen und zum Erziehen eigentlich
+gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine
+treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei,
+erzählte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf
+geregelten Tagen mußte sie berichten, und von den bescheidenen kleinen
+Zerstreuungen. Man hörte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und
+Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, saß sie still dabei mit einer
+Handarbeit und hatte ihre Gedanken für sich. Es gab mal ein paar
+Vorträge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man
+mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst für die Doktorin Lamprecht
+und ihre Pensionärin die Mitgliedschaft bei der von ihm unterstützten
+Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte für die Damen den Beitrag. Und
+Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fühlen ließen, daß sie als
+Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehöre -- und man
+spürte, daß ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges
+Pröbchen von Dummheit war.
+
+Wynfried sah so in ein Mädchenleben hinein, das ihn wie eine Legende
+anmutete. Das gab es? In solchen Beschränkungen konnte ein weibliches
+Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fühlte
+er durchaus.
+
+Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der
+Begrenzung machte ihn betroffen.
+
+Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und
+beruhigend?
+
+Sein Herz war in schwülen Feuern verbrannt -- vielleicht für immer.
+Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer
+Vergnügungen an immer wechselnden Schauplätzen.
+
+Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jünglings-
+und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor
+seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von
+Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten
+Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles,
+grünes Stückchen Wald ...
+
+Und das Mädchen bäumte sich nicht einmal auf? Empörte sich nicht, daß
+Schönheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblühen, daß die
+Möglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? --
+Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mißlaune sie immer
+gewesen war während der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der
+Arbeitsstätte ihres Gatten verbringen mußte -- wie sie floh, sobald sie
+konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer ...
+
+Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war
+ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fühlte
+sich dennoch gezwungen, zu glauben.
+
+Er wurde nach und nach sehr schweigsam.
+
+Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden
+lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die
+Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, daß ihr Schützling nicht mit
+uhrenmäßiger Pünktlichkeit heimkam ...
+
+Sie stand auf.
+
+»Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ängstigt sich sonst.«
+
+»Wynfried bringt Sie nach Haus,« bestimmte der alte Herr.
+
+»O nein -- danke sehr -- nein --,« lehnte Klara ab.
+
+Er verneigte sich höflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung
+ergebend ...
+
+»Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,« sagte der alte Herr, ihre
+Hand in seiner Rechten haltend. »Sie wissen, ich mag keinen
+Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried muß unten allein essen
+-- kommen Sie doch diese nächsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist --
+etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg führt Sie ja doch
+vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern für Sie als
+Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein
+Stündchen, als wäre alle Tage Sonntag.«
+
+Wynfried fand diesen Vorschlag »faustdick«. Er meinte, sie _müsse_
+merken, was sein Vater wünsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch
+sich auch noch die alte Wucht und Größe seines Vaters aufzurecken
+vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch
+schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche
+Züge zuweilen bemerkbar?
+
+Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er
+war ja eigentlich sicher, daß sie beseligt zugreifen würde. Und er
+konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was für andere Diners zu
+zweien war er gewöhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedächtnis)
+weitere Betrachtungen darüber anstellen, welche Figur er künftig abgeben
+werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die
+der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs
+wegen so gewachsen sein würde.
+
+Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten.
+
+Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so überflüssig erschien
+er sich neben diesem Mädchen und seinem Vater.
+
+Klara war wohl etwas erstaunt über diese Einladung, doch vor allen
+Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine
+Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren ließ.
+
+»Ja, wenn Ferien wären! So kann ich es aber nur am Mittwoch,« sagte sie
+kurzweg.
+
+Der Vater sah hierbei zum Sohn hinüber. Fast ein wenig triumphierend.
+Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten müssen, angenommen
+zu werden.
+
+Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzuräumen. Und
+Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn
+herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gespräche wegen
+dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrätin hatte
+früher ihrer scharfen Rede Zügel angelegt, während er die Schüsseln
+anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der
+Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, daß sie
+dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurückhielten.
+
+Somit stand es für Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen
+wurde, gab es Dinge von höchster Ärgerlichkeit oder geheimnisvollster
+Wichtigkeit. --
+
+Der Geheimrat wartete nur, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen
+hatte, um zu fragen: »Nun?«
+
+»Was -- nun? Forderst du von mir, daß ich, nach dem Zusammensein von
+einer Stunde, mich schon bereit erkläre, das Mädchen zu heiraten?«
+
+»Nein,« sagte der Vater, »da sei Gott vor. Aber den Eindruck möchte ich
+wissen.«
+
+»Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich muß sie doch erst ein wenig
+näher kennen lernen -- muß mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so
+etwas wagen kann, darf. Junge Mädchen träumen von einer großen Liebe --
+wie sollt' ich die vorlügen und vorheucheln können! Ich werde mich
+nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir,
+ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.«
+
+»Man lernt sich in der Ehe lieben,« sagte sein Vater.
+
+»Oder hassen,« setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die
+seinen Vater gehaßt hatte.
+
+»Heiraten, das ist ein Entschluß von großer Tragweite,« sprach er
+weiter.
+
+Es schien dem Alten trotz der seinen Wünschen günstigen ersten Worte,
+als höre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung.
+
+»Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben.
+Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben?« fragte er schweren
+Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn.
+
+»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte der Sohn zerquält. --
+
+Klara aber schritt mit eiligen Füßen über die Straße dahin, auf die
+Treppe zu, um hinunter zur Fähre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne
+Aufenthalt vorwärts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die
+Kinder drängten sich an sie und wollten »Fräulein« durchaus die Anemonen
+schenken, deren Stengel in den kleinen Fäusten schon warm geworden
+waren. Und die Mutter erzählte schmeichlerisch, daß die Kinder immer nur
+von Fräulein und Fräulein schwärmten, und wollte wissen, ob Artur und
+Lieschen auch artig seien.
+
+Sie hielt freundlich stand.
+
+Und doch brannte in ihr eine große Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an
+Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie
+dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit
+ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem
+Vater sagte: »Treue, wichtige Dienste -- o nein!«
+
+An der Fährbrücke unten an der Treppe mußte sie noch warten, der Kahn
+kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fünf junge Männer saßen auf der
+umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder
+ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzränder der
+Hüte herab. Aber die jungen Männer hatten sich doch den Frühling
+anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fährmann stand aufrecht im Kahn
+und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb
+des Anlegesteges auf die Uferböschung zu, der sachtfließende schmale
+Strom drückte aber so sehr gegen den Kahn, daß die endliche Landung
+genau an der Stufe der Brücke erfolgte. Die Männer stiegen aus, und
+Klara stieg ein. Und wieder hinüber ging die Fahrt auf den hellen Hang
+zu, dessen weißsandige Wand von dem roten Städtchen überkrönt war. Dies
+Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer für Klara voll Reiz. Das
+dunkle tiefe Wasser glänzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war
+so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten.
+
+Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu
+genießen. Ganz verworrene und plötzlich beängstigend werdende
+Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer
+Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem
+Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjährige hatte nur an einem Morgen
+voll unaussprechlicher Ängste erfahren, daß ihr Vater über Nacht einem
+Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nähe des Todes, der stumme
+Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus
+-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- düster und
+beherrschend. -- Und daß niemand, niemand den Toten hatte sehen dürfen.
+-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben
+knirschten so -- man hörte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und preßte
+ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so,
+wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem
+Male wußte sie: da war etwas zu verstecken gewesen ...
+
+Es gibt jähe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe
+eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen.
+
+Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen
+Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins
+Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an ...
+
+Das Häuschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte über
+dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein
+Giebelfenster hinüber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche
+umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski
+vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst
+das Doktorwägelchen stand, wenn es durch die Toröffnung neben dem Hause
+hereingefahren.
+
+Vier überraschend geräumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug.
+Die Küche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum
+Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurückgekommen und alsbald
+angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer für sich. Damit war sie
+von ihrer Pflegmutter als selbständiger Mensch anerkannt worden.
+
+Es hatte der alten Dame viele Erwägungen und umständliche Besprechungen
+gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafür Klaras
+Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt
+werden konnte.
+
+Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wußte es, daß sie
+den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollständig war alles
+beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen:
+der Sekretär, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Stühle von
+dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem
+Seidendamast; die Bücher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt
+zwischen kleinen Alabastersäulen, die auf ihren Kapitälen einen Steg von
+Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tänzeln schien --
+der Schöpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, daß
+demjenigen, für den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt
+geigen möge.
+
+Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das
+heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben möge.
+
+Denn sie ahnte immer, daß ihre Mutter nicht glücklich gewesen sei.
+
+Heute war aus der Ahnung eine Gewißheit geworden.
+
+Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straßenaussicht hätte die alte
+Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wäre es ja doch
+einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinaussähe. Jetzt
+lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf
+bog sich alle paar Sekunden sehr schräg nah an das Glas hin, um die
+Stelle zu erspähen, wo die Straße in den Platz einmündete und wo Klara
+zuerst sichtbar werden mußte. Kaum erschien sie in Blickweite, so
+deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, daß sie mit Unruhe erwartet
+wurde, und das erste Wort, das sie hörte, war das erwartete: »Wo bleibst
+du, ich ängstigte mich.«
+
+Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den
+Nähtisch vor sich, was immer eine Art von Zurüstung auf ein
+ausführliches Gespräch bei ihr bedeutete.
+
+»Es kam mir so vor, als wünsche der Geheimrat, mich länger dazubehalten.
+Ich wußte nicht recht, was ich sollte.«
+
+»Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?« fragte sie in brennender
+Neugier.
+
+Denn in dem Städtchen liefen allerlei Gerüchte herum -- auf sachten,
+aber sehr emsigen Füßen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen
+bösen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters
+erschien ...
+
+»Doch. Flüchtig. Er war sehr höflich,« sagte Klara. Sie wußte längst,
+daß Zurückhaltung gegenüber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es
+schon, welchen Genuß und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,
+bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten über die Vorgänge im
+Hause des Geheimrats unterrichtet war.
+
+Aber Neugier spürt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die
+Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus?
+Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?
+Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier
+sei?
+
+Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das
+Verhältnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natürlich und herzlich
+vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als
+ganz »wahr und wahrhaftig« weiterzuerzählen. Ihr unruhiges kleines
+Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten.
+
+»Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frühjahrskostüm
+an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus.
+-- Und denke dir, weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen
+Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag'
+ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie
+treppab kommen hörte, lief ich in dein Zimmer und paßte hinter den
+Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen
+achtgeben, du sollst sehen: eine schöne Männererscheinung ...«
+
+Und sie rückte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der
+Vorhänge zu verbergen.
+
+Klara fühlte sich ja manchmal gequält von dem eifrigen Teilnehmen an den
+Gleichgültigkeiten rundum.
+
+Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen,
+wenn auch mit noch so flüchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt,
+sich davon ermattet zu fühlen.
+
+»Was geht mich der Freiherr von Marning an?« sagte sie.
+
+Und plötzlich brach es aus ihr heraus.
+
+»Ich bitte dich -- laß die fremden Leute -- komm -- ich muß mit dir
+sprechen, dich etwas fragen --«
+
+Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort.
+
+»Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es
+mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprächtige, würdest du mich belügen,
+wenn ich dich etwas fragte?«
+
+»Aber Kind!« Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, daß Klara so
+starke Töne anschlug. -- Sie war doch fast nie zärtlich, und nie
+aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der
+Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise.
+
+»Wie sollt' ich dich wohl belügen wollen! Was ist denn?«
+
+»Sage mir, was war mein Vater für ein Mann? Und an was starb er in so
+frühen Jahren?«
+
+Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich näher
+zusammen, ihre Augen brannten.
+
+Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefürchtet, daß das arme
+Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage!
+
+Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl
+eine dumpfe Erkenntnis davon, daß sie dem Mädchen nicht gewachsen war.
+In Klara war irgend etwas Starkes. Man spürte es selten. Aber dann war
+man ganz klein davor ...
+
+»Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich muß schweigen.«
+
+»Ah --« Klara beugte sich näher zu ihr, förmlich Angst bekam die alte
+Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein ...
+
+»Ah -- also es ist etwas zu verschweigen ...«
+
+»Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,« klagte sie. »Wäre das
+nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen bräche, das _dem_
+Manne gegeben worden war?«
+
+»Er soll es nie erfahren, nie, daß du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du
+sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann
+zu Mann, bis ich den finde, der weiß ...« drohte Klara. Sie war nun
+völlig außer sich.
+
+Also es gab Schmachvolles zu verbergen!
+
+»Niemand weiß etwas Genaues,« sprach die Alte ängstlich. »Man flüsterte
+wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_
+alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was
+es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.«
+
+Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde für
+Klara zur Folter.
+
+»Sag doch endlich, was denn -- was denn ...«
+
+»Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe läßt, und wenn du mir
+versprichst, mich nie zu verraten ...«
+
+»Ich verspreche es,« sagte Klara hart und fest.
+
+Und da Schwätzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute
+bauen, nahm sie dies Versprechen für einen Schwur.
+
+Ganz erschöpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie
+erlöst, daß ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde.
+
+»Ja,« sagte sie, »dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden.
+Großes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese
+Gier nach Geld kam, weiß ich nicht. Es hieß, er fahre oft nach Berlin,
+und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau
+wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm
+verbot, machte er private Geschäfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar
+gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm
+bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' hätten zugute kommen müssen. --
+Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was
+hat immer kurze Beine und läuft nicht lange. Eines Morgens wurde mein
+Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus
+dem Bett geholt, und es hieß, den Generaldirektor Hildebrandt hat der
+Schlag gerührt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart
+bewiesen. -- Sie ließ keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein
+Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat böse Gründe. Er ging sofort
+zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen
+wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und
+auf Befehl vom Geheimrat mußte mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel
+geschlossen wurde -- damit die Männer nicht das Taschentuch lüfteten,
+das dem Toten über die zerschossene Stirn gelegt worden war.«
+
+Klara stand regungslos.
+
+Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun floß die Rede und trug weiter,
+und die alte Frau legte sich keine Hemmung an.
+
+»Mein Lamprecht sagte mir, daß wir unverbrüchlich schweigen müßten, der
+Geheimrat habe es ihm befohlen -- später befahl er selbst es auch noch
+mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, hätte
+meinem Mann die Stellung und mir später vielleicht das bißchen Pension
+gekostet -- und dich hätte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle
+nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es muß ihn ziemlich was gekostet
+haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er für
+dich sorgte, weißt du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer:
+das sei alles wegen deiner Mutter -- die hätte er wie 'ne Heilige
+verehrt. Gerade so große Männer haben ja manchmal irgend einen geheimen
+Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er
+hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wär' ich 'n rauher
+Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weißt du es! Aber -- o Gott, wenn
+du mich an ihn verrätst!« jammerte sie.
+
+»Ich habe versprochen, zu schweigen,« sprach Klara, »nimm das für einen
+Schwur.«
+
+Die alte Frau hörte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch
+ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen.
+
+Sie hörte nämlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der
+Haustür nähern.
+
+Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster.
+
+»Der Freiherr von Marning!« flüsterte sie wichtig.
+
+Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang ...
+
+Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht draußen den Hof mit dem zu hoch
+aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der
+Abendschein Goldglanz entzündet hatte, während unten der schwarze Stamm
+und die rotbraun gestrichene Stalltür, die seine Linie überschnitt, in
+melancholischem Schatten lagen ...
+
+Sie sah ein mächtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen ...
+
+Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der
+Uhr hängen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke
+Handbreit unter der größeren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und
+her und her und hin zwischen den Alabastersäulen, und der kleine Amor
+von weißem schimmernden Stein fiedelte sein fröhliches stummes
+Liebeslied ...
+
+Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.
+
+Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und
+zerschlagen ...
+
+Sie legte die Hände vors Gesicht und weinte -- weinte.
+
+Was hatte er alles getan -- für sie und ihre Mutter!
+
+Wie ihm jemals genug danken!
+
+»Wenn ich doch sterben könnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!«
+
+Aber sie wußte wohl, auf solchen Austausch läßt sich das Schicksal nicht
+ein.
+
+Wie ihm jemals genug danken?
+
+Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heißer Freude würde sie
+es für ihn hingeben.
+
+Ihr ganzes Wesen war wie durchglüht von der Begierde, sich für ihn
+opfern zu dürfen.
+
+
+
+
+3
+
+
+Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen
+Reorganisationsvermögen sprachen die Ärzte, als sie wieder einmal von
+Kiel, Hamburg und Lübeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten
+Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den
+letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der täglichen
+Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizität
+morgens und abends die Lähmung der linken Körperseite zu bekämpfen
+suchte.
+
+Vielmehr waren alle überzeugt, daß die Wiederkehr des Sohnes und die
+Versöhnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt
+habe. Daß zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein
+_konnte_, hatte man fühlen müssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett
+des Vaters kam.
+
+»Man sieht es wieder,« sagte Professor Rößler, »je intelligenter,
+nervöser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hängt,
+unter gewissen Umständen, seine Genesung von der Wissenschaft, desto
+mehr aber von den Dingen ab, über die wir keine Gewalt haben.«
+
+Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, daß sich vielleicht
+noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Körperhälfte allmählich
+werde erzielen lassen; und mit der Gewißheit, daß Schlaf, Appetit und
+Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold,
+dessen Auskünfte den Ärzten immer die maßgebendsten waren, konnte sagen,
+daß der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewöhnlicher Frühe
+herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben
+liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewiß
+ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstände, die mit der
+Uhr zusammenhängen, in seinem Verhältnis zu den Dingen der häuslichen
+Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld
+kannte er nur in den großen Aufgaben der Arbeit. Wie besänftigt mußten
+also sein Gemüt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend
+liegen mochte.
+
+»Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!« dachte der Geheimrat
+spöttisch hinter ihnen her.
+
+In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk
+brächen zusammen. Nun blühten neue Hoffnungen vor ihm auf.
+
+Wie einfach.
+
+Aber die ganz großen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar
+Einfaches. --
+
+Am Tage nach der Abreise der Ärzte troff der Regen herab, kalt und
+trostlos. Über dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewölk, und
+zerdrückte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepreßt von Wind und
+Regen, seitwärts weg. Drüben vor der kleinen Stadt um den aufrechten
+Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so daß
+es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das
+fernere Gelände verschwamm im Grau. Auf dem Fluß zog ein Dampfer vorbei;
+seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der
+Nässe. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am
+Heck. Er ließ aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton
+entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den
+weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrücken ankerten.
+Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der
+höfliche Gruß des Schweden an seine Kameraden.
+
+Das ganze Bild zeigte Düsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten
+Herrn nicht in Unmut auflösen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben
+getragen.
+
+Er saß in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf
+eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und
+fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er
+die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen
+niederzuhalten.
+
+Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglückendsten Brief
+seines ganzen Lebens.
+
+An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:
+
+
+ »Mein teures Kind!
+
+ Es ist mir seit Ihrer frühen Jugend eine liebe Angewohnheit
+ gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun könnte wohl aus der
+ Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die
+ mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die
+ Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten,
+ daß er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist,
+ brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also
+ darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.
+
+ Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu
+ sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten,
+ der Grund, weshalb ich schreibe.
+
+ Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: daß Dankbarkeit Sie nicht
+ bestimmen darf, sich für Wynfried zu entscheiden! Ganz gewiß
+ erraten Sie mit Ihrem Herzen, daß es für mich eine große Freude
+ sein würde, Sie als Tochter umarmen zu können. Und Sie rufen
+ sich vielleicht ins Gedächtnis in dieser Stunde, daß ich es war,
+ der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter
+ ablenken durfte ...
+
+ Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt!
+ Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen.
+ Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr
+ nur eine Art von Linderung und Erlösung: für den geliebten
+ Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu dürfen.
+ Das war das bescheidene stille Glück, das ich mir gönnen konnte.
+
+ Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen
+ Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!
+
+ Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, löscht es alle anderen
+ Worte aus.
+
+ Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll
+ Haß. Und dem es vielleicht niemand zutraut, daß er immer tief in
+ seinem Gemüt einen großen Schmerz, einen sehr glücklichen
+ Schmerz mit sich herumtrug.
+
+ Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden --
+ nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben
+
+ Ihr väterlicher Freund
+ Severin Lohmann.«
+
+
+Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glücklichen Schmerz in
+die Feder kam, feuchtete sich sein Auge.
+
+Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser köstlicher
+Besitz als unser Glück?
+
+Seine Zuversicht war groß. Er bezweifelte im Grunde nicht, daß Klara
+seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so
+verändert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von
+zärtlicher Ergebenheit gefärbt und umschmeichelte den Hörer wie
+Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung --
+ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene
+Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich
+einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet.
+
+Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte.
+
+Und obschon der alte Herr sich ganz gewiß nicht für einen Frauenkenner
+hielt, glaubte er doch so viel von einem Mädchenherzen vermuten zu
+dürfen, daß es in aufwallendem Gefühl dem Vater sich nähere, -- weil es
+dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche
+Glückseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit
+darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden würden.
+
+Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht!
+
+Er hatte keine Achtung vor ihm haben können. Und das zu verbergen, war
+seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer
+gewesen, obschon er begriff, daß seine Verachtung den Sohn vollends
+zerstören mußte.
+
+Nun fühlte er: wenn dieses Mädchen ihn lieben konnte oder im Begriff
+war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn. --
+
+Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmäßiger.
+
+Und als Wynfried ihm gestern erklärt hatte, daß er bereit sei, um Klara
+zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen.
+Wynfried sagte, daß der Wunsch des Vaters und die Leere und
+Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein
+Mädchen zu erwarten pflege und die es verlangen könne, die könne er
+nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.
+
+»Darüber sprecht euch nur unter vier Augen aus,« hatte der Vater
+geantwortet. »Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch
+nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das
+rührendste verändert, seit du hier bist.«
+
+Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, daß die Frauen ihn liebten.
+Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei,
+er stand so unberührbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot.
+
+Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn
+in das Schulhaus tragen, genau um zwölf Uhr sollte er ihn, nach der
+letzten Unterrichtsstunde, überreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim
+-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit
+der Pflegemutter aussprechen -- war gefaßt und klar in ihrem Entschluß,
+wenn Wynfried um drei hinüberführe. Wohldurchdacht war alles.
+
+Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht
+Schläge herklingen lassen. --
+
+Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verließ erst gerade
+ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.
+
+Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja draußen viel
+erträglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt.
+Die schönen Frühlingstage hatten die Haut schon an Wärme und Sonne
+gewöhnt. Nun schlug der unnatürlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der
+Schirm nützte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem
+braunen Haar saß eine Art Sportmütze von pastellblauer Wolle. Und ihre
+Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknöpft.
+
+Wie trübselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller
+Frühlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgespült. Die Blechrinnen, die
+am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren
+so übervoll, daß allerwärts Tropfenfälle ihre Linien begleiteten; ihre
+Abflüsse, die grauen Drachenköpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl
+von Wasser hinab. Es rauschte und plätscherte überall. -- Keine
+fröhliche Morgenfrühe. --
+
+Klara bemerkte, daß der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor
+ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fähre hinab zu
+nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mützen
+waren wie bestäubt von Regentropfen.
+
+Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem
+Dach. Und die engen Verhältnisse sowie die übereifrige Dienstwilligkeit
+der alten Doktorin Lamprecht für ihren Mieter brachten es mit sich, daß
+Likowski oft im Erdgeschoß vorsprach.
+
+Es hieß, er sei ganz wohlhabend. Aber er führte das einfache,
+regelmäßige Dasein des preußischen Offiziers, der sich für seine scharfe
+Arbeit frisch zu halten hat.
+
+Er war ziemlich groß, etwas steif von Haltung, und in seinem rötlichen
+Gesicht stand der weißblonde Schnurrbart aufgebürstet über einem Mund
+mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine
+hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines
+künftigen Divisionärs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden
+mehr wohlwollend als spöttisch mit seinem Feldherrnwesen.
+
+Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstraße
+hinab. Sie war so steil, daß es dem Abwärtsschreitenden immer schien,
+als schubse ihn etwas vorwärts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe
+der Pferde wären ohne den Halt, den ihnen die kräftigen Kopfsteine
+gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten.
+Die Straße mündete an der Anlegebrücke, die dem Ufer des
+Eisenhüttenwerkes schräg gegenüber in den Fluß hineingebaut war. Sie
+bezeichnete auch gewissermaßen einen Abschnitt in der Linie seines
+Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen
+Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt
+vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtürme
+wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten
+und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen
+merklich verändern zu können. Aber in dieser Gegend häufte die Industrie
+ihre grauen und toten Farben auf das Grün der Ufer. Und unmittelbar
+hinter dem Punkt, wo das Städtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er
+sich zu einer gerundeten Bucht, die, östlich von größeren Waldungen
+begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nähe des Meeres ahnen
+ließ. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hieß der Fluß auch von da ab,
+wie ihn schon die alten Geschichtsbücher nannten: die Salzentrave.
+
+Und die Navigationszeichen, die schweren Bündel der mächtigen
+eingerammten Stämme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten
+Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der
+Bucht zeigten, gab ihr einen großartigen, an die freie, weite See
+erinnernden Charakter.
+
+Scharf wehte der Wind über die vom Regen bestrichene und gegen den
+Strom aufgewühlte Wasserfläche daher. Klara fühlte ihn im Gesicht, als
+strichen ihr kalte, nasse Hände über die Haut.
+
+Vom Punkt aus, wo die Fahrstraße auf die Anlegebrücke stieß, mußte man
+noch ein Streckchen am Fuß des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwärts
+gehen, um an die kleine Fährstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter
+Pfahl mit einer Glocke und einer weißen Inschrifttafel. Und hier mußte
+nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen.
+
+Sie warteten; gerade kam der Fährmann heran und hielt mit starken
+Fäusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem
+Brückchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebückt, sein
+Südwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glänzte naß.
+
+Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen
+Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara
+aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Büchern und Schirm beladen,
+tat schon selbständig diesen einen tüchtigen Schritt hinab. Ihr folgte
+der andere Offizier.
+
+»Guten Morgen, Fräulein Hildebrandt.«
+
+Klara nickte -- sie schloß gerade ihren Schirm.
+
+»Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als
+Schutz,« sagte sie.
+
+»Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!« sprach er
+wohlwollend.
+
+»Man muß! Ich weiß auch längst, daß das sehr gesund ist. Sie können sich
+für Ihren Dienst ja auch nicht nur Schönwetter aussuchen,« meinte sie.
+
+»Bitte --« sagte jetzt der Kamerad.
+
+Und Herr von Likowski stellte vor: »Freiherr von Marning -- Fräulein
+Hildebrandt ...«, und er setzte auch gleich erläuternd hinzu: »Das
+gnädige Fräulein ist die Pflegetochter meiner fürsorglichen
+Hauseigentümerin.«
+
+Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den
+Entladebrücken drüben ankerten, seinen klagenden Sirenengruß zu. Und der
+Fährmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu
+lassen, denn die Fährstelle lag ja noch im schmalen Flußlauf.
+
+Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war
+sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als
+sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines
+dunkelhaarigen. Die Züge hatten festen männlichen Schnitt. Die braunen
+Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war
+in ihnen; aber es waren doch keine Schwärmeraugen. Vielmehr hatte man
+sogleich das Gefühl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze
+Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch förmlich kriegerisch, in dem
+feldmarschmäßigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die
+Spuren schlammiger Wege klebten.
+
+So stand er vor ihr. --
+
+Und das ganze, weite, vom Wetter umdüsterte Bild um ihn her war wie ein
+Rahmen -- voll Bedeutung.
+
+Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fährmann, gebückt, mit
+angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt.
+Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der
+Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit.
+
+Drüben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glühte feuriger
+Schein zwischen seinen Bauten.
+
+Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der
+Höhe.
+
+»Gnädiges Fräulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich
+übersetzen zu lassen?« fragte der Freiherr von Marning.
+
+»Ich fahre oft bei viel größerem Unwetter. Drüben habe ich ein Amt. Ich
+bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da
+wohnen wollte, müßte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit
+meinem zehnten Jahr lebe. Das täte ihr zu weh,« sagte Klara einfach.
+
+Nun stieß der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend
+aneinander fest -- denn beinahe hätten sie im ersten Anstoß das
+Gleichgewicht verloren.
+
+Klara saß schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem
+Beispiel.
+
+Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewühlten Wasser wellten
+hoch.
+
+Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und
+ungezwungen ihm gegenüber hielt, als wiege man nicht im peitschenden
+Regen über einen Fluß, sondern säße irgendwo voll Behagen.
+
+»Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,« sprach er.
+
+Likowski hatte ein unklares Gefühl, als müsse er das junge Mädchen in
+Marnings Augen gewissermaßen gesellschaftlich noch heben. Er erzählte:
+»Fräulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin
+Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.«
+
+Und Marning merkte auch unwillkürlich auf. Was mit dem Geheimrat
+zusammenhing, seine Gunst besaß, war allen Menschen der Gegend gleich
+interessanter.
+
+Für Klaras Feingefühl hatte diese Erklärung aber irgend etwas
+Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht
+Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig
+hinzufügte: »Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gütig.
+Pflegetochter -- das ist zu viel gesagt.«
+
+Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. »Der
+Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzählt. Sie waren einigemal
+bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen ...«
+
+»Wie ist das viel, daß ein solcher Mann sich an den bescheidenen
+Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gütig -- er
+war es zu mir und würdigte mich manchen Gespräches, das mir so lehrreich
+war. Nun ist das Jagen wohl für immer vorbei?«
+
+»Oh,« sagte Klara gläubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, »ich
+hoffe, daß er noch einmal ganz der frühere wird -- die linke Hand kann
+er schon wieder bewegen. Und das Bewußtsein war ja damals sofort wieder
+klar -- das ist das große Glück ...«
+
+»Pu--r--r--r,« machte Likowski mit den Lippen, um Nässe- und
+Kälteschauer auszudrücken. »Angelangt -- na, nu hopp!«
+
+Und mit einem Schritt stand er auf der Brücke unterhalb der
+Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen
+Gleichmäßigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der
+Oberleutnant.
+
+»Darf ich Sie bitten -- Fräulein Hildebrandt? -- nicht wahr? -- Herrn
+Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Grüße und Wünsche
+auszurichten.«
+
+»Gern. Er hat einmal ausdrücklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch
+nicht gesehen zu haben. Aber Gäste kann er noch nicht empfangen -- darf
+noch nicht.«
+
+Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten,
+Klara noch auf der Landstraße an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker
+hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des
+Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige
+Haupt aus den Lehnen des mächtigen Stuhles heraus -- so, als sei es
+vorwärts über ein Buch oder eine Schrift geneigt. Daß er nicht aufpaßte,
+um sie zu begrüßen, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.
+
+Da mußte er schon mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt sein.
+
+Likowski erzählte: seine Kerle unter der väterlichen Führung von »Baby«
+Hornmarck seien schon über die Hochbrücke marschiert, um sich im
+Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu üben. Er habe den Bauern Vietig
+bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben.
+
+Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des
+Werkes hin -- nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebäuden
+vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das
+mächtige Tor, über dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen
+Lettern zu lesen stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Gerade stand der Portier vor seinem Häuschen, das sich drinnen an den
+Torpfosten drängte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch.
+Die schweren vlämischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus,
+und ihre Nüstern dampften.
+
+Diesem Tore gegenüber mündete ein Landweg, von Knicken eingefaßt, in die
+Straße, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging.
+
+Und hier mußten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht,
+ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen
+anzustellen.
+
+»Wissen Sie, Fräulein Hildebrandt -- im Grunde -- nee wirklich -- tun
+wir ja ziemlich was Ähnliches. Nämlich: vorbereiten! Sie schuften, um
+aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jünglinge zu
+machen. Wir schuften, damit diese Jünglinge fixe Kerls werden, die nich
+mit der Wimper zucken, wenn's endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und
+danken tut uns das keiner -- Ihnen nich -- uns nich -- is auch egal! In
+der stillen Schufterei is doch was drinn -- das erhebt. -- Na, also:
+empfehl' mich gehorsamst ...«
+
+Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mützenrand. Und so tat
+auch Marning.
+
+»Ja,« sagte Klara, »wenn man es so nehmen will --«
+
+Sie neigte, ein wenig lächelnd, ihr Gesicht -- das war ein
+abschiednehmender Gruß voll Anmut und doch voll Zurückhaltung.
+
+Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht
+verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und
+der Schlehdorne, die kletternden Jelängerjelieberstengel, die grünen
+Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der
+Räder floß gelbes Wasser.
+
+»Was für eine Stellung nimmt dies Fräulein Hildebrandt ein?« fragte
+Marning.
+
+»Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder 'ne schiefe -- man weiß
+nie recht. Wohin gehörtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. -- Kann
+einen dauern. 'n Mächen #I a!# Viele sagen: natürliche Tochter vom alten
+Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die
+zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der
+Geheimrat ihre Mutter überhaupt erst kennen lernte.«
+
+»Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wäre, würde er sie legitimieren und
+sie nicht so hart für ihr Brot arbeiten lassen,« meinte der Freiherr.
+
+»Das erstere allemal -- der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das
+zweite sagen Sie nich -- vielleicht erst recht. Na -- aber Fräulein
+Hildebrandt würd' mich schön 'runterputzen, wenn sie wüßte, ich
+bedauerte sie. Wissen Sie, Marning -- wenn ich mir das Heiraten nich
+abgeschworen hätte: _die_ könnt' einen wankend machen. Mein Vermögen
+langt ja. Und n' Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat -- der hat
+Beziehungen -- Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee --«
+
+»So ehefeindlich?« fragte der Kamerad lächelnd.
+
+»Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ muß es ja doch
+endlich losgehen -- wir lassen uns ja rein auf der Nase 'rum spielen,
+das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und
+keine schreienden Kinder zurücklassen, und mein Herz soll keinen
+Zwiespalt haben.«
+
+»Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.«
+
+»Ach Gott -- das is ja nu ganz was anderes, untern bißchen mühseligen
+Umständen dem Broterwerb nachgehen als 'n geliebten Mann in 'n Krieg
+ziehen lassen. In der Liebe verändern sich die Weiber völlig.«
+
+Marning dachte an das schöne, etwas strenge Gesicht unter den braunen
+Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmütze saß. Er war sich nicht
+klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Plötzlich begriff er: diese
+seltsam geraden Brauen -- die gaben diesen Zug.
+
+Likowski sagte jetzt: »Hören Sie mal -- Sie müssen aber Besuche machen.
+Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, können Sie 'rauf nach Lübeck
+fahren. Da is viel los -- gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. -- Ich
+komm' nich oft hin -- unterhalt' bloß kameradschaftliche Fühlung mit
+dem Regiment da -- fahr' kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann
+man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschäftige mich
+immerlos mit Strategie, auch der älteren, hab' mir grade Willisen und
+Jomini angeschafft -- man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch
+zustatten, wenn's los geht. Und das tut es doch mal -- muß es mal! ...«
+
+»Nein,« sagte Marning. »Ich bin nicht übermäßig gesellig. Nur grade, was
+sein muß --«
+
+»Na -- freilich. Ganz abschließen kann man sich nich. Verkehr ist
+Pflicht. Man lernt auch hie und da. Bloß nich Kommiß werden! Mit
+Scheuklappen. Nee. Also denn hier 'rum. Allzuviel is es nich. Um
+Überblick zu geben: da is der Großindustrielle Stuhr -- der mit der
+Sensenfabrik -- entzückende Krabbe von Tochter -- nächstes Jahr geht sie
+aus. Denn die paar Honoratioren -- drüben der Generaldirektor Thürauf --
+wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof -- kluger Mann, feine, hübsche
+Frau -- drei prosaische Töchter -- semmelblond -- gute Diners und
+gemütlich. Ein paar Güter. Vor allem Schloß Lammen! Gott, über die
+verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge
+wund und fuselig: soll 'n dolles Mädchen gewesen sein -- die Eltern,
+reiche Parvenüs, hatten alle Ursache, sich's zwei Millionen kosten zu
+lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete
+Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoßen haben,
+daß das Mächen schon 'n Hufeisen verloren hatte. -- Wer weiß, ob's wahr
+is. Kein Mensch kann's jetzt anders sagen: einwandsfrei hält sie sich,
+die schöne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der
+Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau -- und die Geheimrätin sei 'ne
+scharfe Dame gewesen, sagen alle -- als ich herkam war sie schon dot.
+-- Na, vielleicht möcht' die schöne Agathe wieder heiraten, was ja an
+sich kein sündhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfüllbarer.
+Vorausgesetzt, daß sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.«
+
+Jetzt öffnete sich rechts im Erdwall, der die überregnete, dicht
+ineinanderverflochtene Mauer der frischgrünen Gebüsche trug, eine breite
+Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel
+zu zurückgeschlagen.
+
+»Da wären wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser 'Baby' die Leute
+angestellt hat -- fixer kleiner Kerl, der Hornmarck -- hat 'n Schneid --
+na, ein Trost -- man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. -- Wir werden
+uns mal den Helden von Siebenzig ebenbürtig zeigen. -- Haben Sie
+gelesen, Marning -- die letzten Depeschen -- höllisch brenzlich! Passen
+Sie auf -- in diesem Sommer erleben wir's ...«
+
+Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und
+seinen großen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelüftet und durch
+sehr große Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen,
+obgleich der Regen eiligst an den Scheiben draußen niederrann, als sei
+es sein Geschäft, sie gründlich abzuspülen.
+
+Die Kinderschar, Knaben und Mädchen, saßen in Reihen, und lauter
+aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben
+einem großen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine
+topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nächste Umgebung
+kennen und wußte durch allerlei historische Rückblicke, knapp und
+einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wälder, Felder und Dörfer zu
+beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras
+Augen sahen, wie infolge einer inneren Nötigung, immer wieder auf die
+Koppel des Bauern Vietig. Da übte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von
+Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen -- und der Oberleutnant
+Freiherr von Marning war auch dabei. --
+
+Plötzlich fiel es Klara ein: Stephan heißt er! Der Geheimrat nannte
+einmal den Namen.
+
+Und ganz unwillig über diese Störung ihrer Gedanken wehrte sie das von
+sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an. --
+
+Er sah sehr schön aus -- männlich und vornehm, und Augen von seltener
+Ausdruckskraft hatte er auch. --
+
+Aber wirklich -- er ging sie nichts an. -- Wie töricht, daß sie diese
+Augen so deutlich vor sich sah. -- Und sie sammelte sich fest und klar
+auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und
+überwand dieses unbegreifliche Zurückdenken an eine im Grunde so
+gleichgültige Begegnung. --
+
+Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr -- noch drei -- sie schwanden
+schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rücken der letzten sich
+hinausdrängenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im
+Flur, neben der Tür nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte
+einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den
+Mantel über den Arm und öffnete sofort den Brief.
+
+Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben!
+Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen -- es war heute
+Mittwoch -- --
+
+Und sie las ...
+
+Sie mußte sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen -- betäubt --
+fassungslos -- --
+
+Nun kamen ihre männlichen Kollegen -- Herr Magers wollte, ehe er zu
+seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, daß der
+kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und daß sie doch einmal zu der
+Mutter des Jungen gehen möge -- aus Frauenmund Warnungen zu hören, käme
+die Mutter sicher leichter an. -- Und Herr Kehl strich sich durch seine
+blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war,
+und sah Klara über den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zärtlich
+an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: »Herr
+Kehl ist in Fräulein Hildebrandt verschossen.« Nun bat er, verlegen über
+diese seine Nebentätigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung
+seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal
+von ihm umgearbeiteten Novelle geben dürfe, ihr Urteil sei ihm ihm --
+
+»Morgen,« sagte Klara, »morgen --«
+
+Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drückte sich die Mütze auf den Kopf
+und lief hinaus.
+
+»Fräulein Hildebrandt -- Ihr Schirm!«
+
+Sie hörte nicht -- sie fühlte ihren Körper nicht -- nicht Regen -- nicht
+Sturm -- Sie lief -- und lief --
+
+Sie dachte nicht, daß Vater oder Sohn sie von den Fenstern des
+Herrenhauses vielleicht sehen könnten.
+
+Fort, nur fort -- in die Einsamkeit. Nachdenken über das Ungeheure, das
+an sie herantrat.
+
+Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.
+
+Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte.
+
+Was Reichtum -- was Rang! »Ich liebe ihn nicht!« schrie alles in ihr.
+
+Treppab, auf den Fluß zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein
+Fährmann -- drüben saß er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen
+aus dem Henkeltopf löffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht.
+Ganz gnomenhaft sah das aus -- wie ein Bild aus einem Märchenbuch.
+
+Und der Wind brauste --
+
+Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst -- sie läutete heftig, als
+sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das
+dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des
+gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als
+ängstliche Solostimme abhebend.
+
+Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der
+unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück.
+
+Sie wurde bleich, sehr bleich.
+
+Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte.
+
+»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl.
+
+Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von
+keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie!
+Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste
+Weisheit zu erkennen.
+
+»Er liebt mich nicht!«
+
+Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?
+
+»Sein Vater hat es gewünscht!«
+
+Dies stand ihr über jedem Zweifel.
+
+Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.
+
+Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger
+Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du
+hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert
+wird, erschrickst du?«
+
+Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen
+Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben.
+
+Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht
+bestimmen!«
+
+Gewiß nicht -- nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie
+fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück
+bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie
+begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe
+ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.«
+
+»Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es
+muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei
+-- -- Aber das andere! ...«
+
+Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die großen Summen, die
+er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose
+Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit über ihrer Mutter
+Leben nicht noch der Schimpf komme. --
+
+»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...«
+
+Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das!
+Mein Wissen muß ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Großtaten
+verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so
+hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.
+
+»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten
+-- aber mit der Tat! --«
+
+»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie
+haben Ihre Mütze verloren.«
+
+»So?« antwortete sie mechanisch.
+
+Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr
+gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken.
+
+Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung:
+das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt -- das
+Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. --
+
+Sie sagte sich: »Ich muß!«
+
+Mit mühsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die
+regennassen Straßen und kam nach Haus.
+
+Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschöpflichen
+Gesprächen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne
+Mütze! Und leichenblaß! Klara hatte Ausreden. --
+
+Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. »Na gottlob!« sagte die alte Frau,
+von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und nötigte Klara
+noch mehr warme Suppe auf.
+
+Sie verstand sich plötzlich selbst nicht -- diese wahnwitzige Aufregung
+... wie konnte sie das so umwerfen ...
+
+Ihr wurde wohler; das Gefühl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar
+nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung
+vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war.
+
+Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie
+ordnete es.
+
+Und sie dachte nun endlich auch an den Mann -- stellte ihn förmlich vor
+sich hin.
+
+Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz
+seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein kräftiges »Nein«
+entgegengesetzt hätte, würde dieser Wunsch verstummt sein.
+
+Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, daß Wynfried zu matt zu einem
+starken Nein sein mochte.
+
+Vielleicht dachte er, wie sein Vater: daß eine Heirat nun für ihn Trost,
+Neuland, Lebenszweck bedeute.
+
+Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen
+ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, daß er sie immer voll
+Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. -- Wie hatte sie
+eine so schwindelerregende Schicksalswendung für sich erahnen können!
+
+Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: »Ist er mir unangenehm?«
+
+Nein! Gewiß nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte ästhetisch
+abstoßen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu
+toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
+gewesen. --
+
+Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender
+Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.
+
+Mehr wußte Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an
+mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es für jede Frau
+der Mann ist, von dem sie weiß: er hat geliebt und gelitten.
+
+Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmählich wieder
+Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum
+Werk, das Verständnis für seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie
+sah wohl: noch war das alles tot in ihm. --
+
+Welche Aufgabe!
+
+Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu
+_seinem_ Sohn machen helfen. --
+
+Am Fenster saß sie, draußen rann der Regen auf den Hof und schüttete
+Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrüstigen Wipfel.
+Ihre Hände hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum
+Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein großer
+Künstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine
+Rolle spielte. Die ganze Persönlichkeit der Toten sprach aus diesem
+Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrünen Hintergrunde. Die
+edlen Züge zeigten den Ausdruck eines wehmütig lächelnden Ernstes.
+
+Und Klara -- sich an diese Züge mit förmlicher Inbrunst des Blickes
+hängend, fühlte wieder: »Ich muß!«
+
+War es denn wirklich ein solches Opfer?
+
+Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalität anderer
+Mädchen ausgedacht, wie »Er« aussehen müsse.
+
+Und sich in Phantastereien nie verschworen, daß sie unter keinen
+Umständen einen anderen nähme als den, der einem Idealbilde gleiche. --
+Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war
+ganz arm. Sie lernte kaum Männer kennen, die ihr überhaupt auch nur
+flüchtig die Idee erwecken konnten: der paßte für mich. Weder ein
+Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten
+dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umständen ja auch
+auf der Hand lag ...
+
+Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen
+solchen Platz stellte -- --
+
+Was würde sie für einen Wirkungskreis bekommen!
+
+Das große Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewöhnten
+wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch
+viel zu tun -- gerade für eine Frau. In viele Familien ließ sich noch
+mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen möglich machten. Und
+diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schöne
+Aufgabe. In der sozialen Fürsorge kann eine Frau mit begabterem Blick
+das Nötige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als
+es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da könnte man schaffen, sich
+rühren, nützlich sein. -- Und als Herrin! Mit großen Mitteln, und durch
+Einfluß auf den alten Herrn.
+
+War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese
+Aufgaben zu übernehmen? Sie wußte aus Erzählungen, daß Wynfrieds Mutter
+gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, daß sie Pflichten
+habe.
+
+Aber sie -- oh, sie würde mit heißem Willen nach Pflichten suchen.
+
+Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.
+
+Und dann vor allem: den großartigen alten Mann pflegen --
+
+Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer
+heiligen Mutter leben -- viel von dem erfüllen, was deren Liebe nie
+gedurft ...
+
+War das nicht herrlicher Inhalt für ein Leben?
+
+Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der
+rechte Prüfstein für sie.
+
+Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann
+ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Träumereien.
+Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hülle sich in
+Dunkel -- --
+
+Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wußte mit wunderbarer Klarheit: »Ich
+werde ihn niemals lieben ...«
+
+Freundlich, herzlich, mit allen Vorsätzen, ihn zu verstehen -- ja, so
+konnte sie ihn wohl lieb haben.
+
+Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.
+
+Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das für eine segensvolle,
+friedliche Ehe nottat.
+
+Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu nützlicher
+Gemeinsamkeit auch ein Glück erwachsen?
+
+Klara wußte, was das war: heiraten.
+
+Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die
+sie mit Bewußtsein schloß, nichts verweigern ...
+
+Und weiter wußte sie: gerade in dieser Ehe mußte unter allen
+Gelöbnissen das zur Treue am höchsten stehen!
+
+Wie oft stürzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes
+Liebesfeuer und können sich nachher voreinander entschuldigen: wir
+ahnten nicht, daß es so rasch verglühen würde.
+
+Hier war kein Wahn, keine Flamme.
+
+Hier warteten nur sittliche Pflichten.
+
+Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.
+
+Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.
+
+Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in
+heißer Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit -- --
+
+Die alte Vossen riß die Tür auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen
+Aufwaschschürze vor der Leibesfülle blieb in der breiten Spalte. Ihr
+kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.
+
+»Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen ...« sagte
+sie verdutzt.
+
+»Bitte,« sagte Klara.
+
+Wynfried kam auf sie zu und küßte ihr die Hand.
+
+Er wurde rot -- es schien, als übernehme ihn plötzlich eine Verlegenheit
+ohnegleichen. Mit einer laschen Gefügigkeit war er hergekommen. Alle
+Gespräche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt überstürzte ihn
+die Wirklichkeit.
+
+»Mein Vater hat Ihnen geschrieben?« begann er.
+
+Klara fühlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewußt etwas
+Mütterliches.
+
+»Ja. Ich war sehr, sehr überrascht. Aber es war richtig und herzlich von
+Ihrem Vater, daß er mich vorbereitete.«
+
+Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat,
+als sei dies ein alltäglicher Besuch -- war fast unbefangen --
+
+»Und auf welche Antwort darf ich gefaßt sein?« fragte er.
+
+Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll
+Güte.
+
+»Sie haben mir nichts zu sagen?« fragte sie leise.
+
+Er setzte sich aus Nervosität -- unwillkürlich -- legte den Hut auf den
+Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn -- wie sein
+Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und
+diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte
+ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zügen. Er begegnete diesem Blick.
+
+Er begriff: ja -- er mußte viel sagen -- das hatte sie zu verlangen.
+Bitten. Zärtlichkeiten, schöne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm
+wehrte sich.
+
+»Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklärung -- es ist das, was der
+Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich -- -- liebes Fräulein --
+Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen --
+wie Ihnen begründen ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das
+tue ich aus vollster Sympathie, ich habe ...«
+
+Er brach ab. Bitterkeit kam plötzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn
+gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in
+langsamer Überredung, in leidenschaftlichen Wünschen.
+
+»Nein!« sprach Klara ihn unterbrechend. »Ich weiß ein wenig von Ihnen --
+Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht -- --
+Nein. Ich erwarte keine Liebeserklärung. Sie haben gelitten und leiden
+vielleicht noch.«
+
+Er öffnete die Lippen -- wie vor Überraschung. Er tat einen tiefen
+Atemzug ...
+
+»So darf ich wahr sein?«
+
+»Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?«
+fragte Klara entgegen.
+
+Es war so viel Würde in ihrer Art, daß es ihm wohltat -- o wie wohl!
+
+»Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil
+mein Vater glaubt, daß ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein
+neues Dasein finden würde.«
+
+Er dachte: »Nun sagt sie Nein!«
+
+Er wußte nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch
+trostloser auf?
+
+»Und Sie selbst?« fragte Klara weiter. »Haben Sie selbst das Vertrauen,
+daß ich Ihnen helfen könne?«
+
+Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in
+keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn »Ja« zu sagen.
+
+Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand
+vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.
+
+»Ja.« Und er glaubte an sein Ja.
+
+»Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, muß es mir -- --
+genug sein,« sagte sie langsam.
+
+»Sie willigen ein -- liebe Klara?«
+
+Er nahm etwas scheu ihre Rechte.
+
+»Große Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich
+Tochter sein. Sie fühlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste
+Mensch auf der Welt.«
+
+Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?
+
+Aber ein unbestimmtes Gefühl verschloß ihm den Mund.
+
+Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit
+war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen ...
+
+Sie hatte von ihm keine Lüge verlangt -- welche Erleichterung! Dafür war
+er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wußte sie, ahnte sie. -- Was sie ihm
+brachte, wollte er lieber nicht wissen.
+
+Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es
+ihm gleichgültig oder gar lästig gewesen, das zu hören. Heute war der
+Gedanke, daß sie ihn liebe und er das nicht erwidern könne,
+beunruhigend, beschämend -- Nein, nicht fragen -- --
+
+Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände. Er dachte: ich muß sie
+doch küssen. Er wußte: diese Lippen waren unberührt. Das blitzte so
+durch ihn hin; eine flüchtige Aufwallung von etwas Reizvollem überkam
+ihn. Er küßte sie.
+
+Klara nahm den kurzen Kuß mit verständiger Freundlichkeit an.
+
+»Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,«
+sagte sie warm.
+
+Sie sprachen noch über allerlei äußere Fragen, und Wynfried nannte sie
+Du. Alles war plötzlich ganz einfach und so selbstverständlich. -- Es
+tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten
+auszukommen.
+
+Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll
+Ungeduld.
+
+»Nein,« sagte Klara, »wie werde ich so davonfahren! Zwölf Jahre hat die
+alte Frau treu und eifrig versucht, mütterlich für mich zu sein! Sie hat
+ein Recht darauf, daß ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage
+-- ich möchte noch allein mit ihr sprechen.«
+
+Das gefiel ihm. Er fühlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften,
+ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn
+herüber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit
+zwang.
+
+Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen
+Monaten gehabt hatte.
+
+Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr
+besondere Wärme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_
+besondere Wärme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand
+zwischen seine beiden Hände.
+
+Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk
+geschmiedet war ...
+
+Klara sah sie -- zufällig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah
+unwillkürlich genau hin.
+
+Da zog er hastig die Hand zurück -- es war ihm unangenehm, daß ihr sein
+Armband so offenbar auffiel.
+
+»Also in einer Stunde.«
+
+Klara stand und sah noch auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen
+hatte.
+
+»Es wird -- es soll gut gehen!« sagte sie sich fest.
+
+Nun also zur alten Frau -- ihrer Überraschung, Rührung, Neugier, aber
+auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitäten und ahnungslosen Plumpheiten
+standhalten ...
+
+Die Tür von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen
+großen Schrank verstellt, um der für die Schulpflichten Arbeitenden mehr
+Ungestörtheit zu sichern. Klara mußte also über den Flur.
+
+Da stieß sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der riß die Mütze ab
+und sagte dienstbeflissen: »Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl
+recht?«
+
+Ein weißes Paketchen, mit der Aufschrift: »Fräulein Klara Hildebrandt,
+hier.«
+
+Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklärliches
+Gefühl beriet sie -- nötigte sie, in ihre Ungestörtheit zurückzukehren.
+
+Sie öffnete.
+
+Ihre pastellblaue, gehäkelte Wollmütze ...
+
+Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der
+Schrift auf der Rückseite der Karte verbinden sollte:
+
+»Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der
+Eigentümerin mit respektvollem Gruß zurückzustellen.«
+
+Klara nahm die Mütze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen,
+unsicheren Händen wieder fest, fest in das Papier -- riß die Schublade
+ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weiße Bündelchen tief
+hinein ...
+
+Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn,
+fiel der alten Frau um den Hals und sagte: »Oh -- höre ...«
+
+
+
+
+4
+
+
+Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die
+Offiziere ins Manöver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein
+kleines Fest. Es sollte ländlich sein und auf den Genuß der schönen
+Natur gestellt.
+
+Schöne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen
+Sommer hindurch. Aber die Umstände ergaben es eben, daß man aus der
+Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.
+
+Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von
+Marning schon zum Frühstück gekommen, um ihr beizustehen und die
+Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
+Was sie alles sehr wohl allein hätte bestimmen können. Aber sie sei zu
+faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte
+unterwegs, als sie im Krümperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: »Bloß
+Vorwand, uns länger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning --
+man müßte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da könnense nu Ihr
+Glück machen, wennse wolln.« Worauf Marning nur ein schwaches Lächeln
+hatte, sozusagen ein Gefälligkeitslächeln, um dem Sprechenden zu zeigen:
+ich habe zugehört.
+
+Jetzt saßen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und
+weiß gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der
+Terrasse sah man in die »schöne Natur« hinaus, an deren Herrlichkeit die
+arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration
+und stand ein für allemal fest. Höchstens, daß die Beleuchtung
+verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer
+wußte, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das
+Gewölk, das da so hartnäckig tief am nordöstlichen Himmel stand? ...
+
+Das Schlößchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat
+erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter Überrest
+großen Familienbesitzes verblieben war. Es gewährte dem Baron eine Art
+Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als großer Herr zu leben, wo er
+vordem sich vor Gläubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist,
+um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum großen Teil
+Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmütig zu finden.
+
+Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus
+gestanden, auf einem der höchsten Uferpunkte am Wyk, das weiße Schloß.
+Von seinen Fenstern sah man hinaus über das Wyk, dessen salzige Fluten
+nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
+geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den
+Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um
+Sportplätzen und einer kleinen, umgrünten Siedlung Raum zu gewähren.
+Über sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
+erhöhten mecklenburgischen Waldufer, die drüben die Bucht eine Strecke
+einsäumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestört aufeinanderzustoßen
+schienen.
+
+Man konnte vielleicht glauben, der Fluß habe sich schon in den weiten
+Wassern des großen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drängte
+seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemünde vorbei, sich
+dann ins Meer ergoß.
+
+Travemünde lag da wie ein holländisches Bild. Entzückend fein und
+lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm
+bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit
+Biedermeierwürde vor den Häuserfronten steif einherstanden; man sah die
+weißen, schmalen Leiber der Segeljachten im Fluß ankern und über den
+roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Möwen flattern.
+Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewölk
+da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.
+
+Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand,
+auf der Terrasse, die solchen Blick in die großartige, farbenprächtige
+und linienkühne Ferne freiließ. Und die Nähe gab ein Gefühl von
+Üppigkeit und Sommerhöhe.
+
+Die Terrasse hatte kein Geländer. In kurzen Zwischenräumen standen an
+ihrem Rande weiße, viereckige Kübel mit gelb bemalten Faßbändern, darin
+dunkle ausländische Kugelgewächse grünten. Vor ihr breitete sich ein
+Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drängte, was
+nur im Hochsommer blühen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und
+Hochstämme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein
+Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Züchtung
+verschiedener Arten als Gärtnerdilettant zu versuchen, seine
+Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mühe
+und oft Ärger, sagte sie.
+
+Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft
+darüber, daß sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es
+war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu
+verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
+zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern
+-- und die Eltern fanden durchaus, daß Agathe Lammen zu behalten habe,
+teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten
+schien.
+
+Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzählte, hatte er den
+Eindruck gehabt, daß die schöne Frau ein wenig in Schock vor ihren
+Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.
+
+Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld
+an einem etwaigen Mißverhältnisse den Eltern zuzuschreiben.
+
+»Nicht wahr?« sagte Likowski einmal, »gänzlich blonde, mollige, fügsame
+Weiblichkeit -- so eine von den heißen Trägen.«
+
+Stephan Marning war sehr überrascht gewesen, als er die Baronin Agathe
+kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles,
+rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar
+Dämonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur
+ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien,
+vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, daß ihr Gefahr drohe, zu
+üppig und schläfrig dabei zu werden.
+
+Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien
+Likowskis hielt er für grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu
+hänseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal
+Art der Frau. --
+
+Das Frühstück war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am
+Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die »Arbeit«
+nannte. Sie ließ abräumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden,
+die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glänzten. Vor ihr lagen
+nun weiße Kärtchen; ihre wunderhübschen, weichen Hände spielten damit,
+und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr
+wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein höchst
+kunstreiches weißes Kleid gepreßt. Es hatte vorn einen sehr tiefen
+Ausschnitt; die feinen, dünnen Tüllfalten, die ihn straff umgaben,
+trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, höchstens eine Hand
+breit oberhalb des Gürtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
+bedeckte, war mit keinerlei verhüllendem Gewebe unterlegt. So zeigte
+Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, daß sie eine prachtvolle weiße
+Haut und untadelige Formen habe. Merkwürdigerweise wirkte diese
+Enthüllung bei ihr wie etwas Selbstverständliches. Die Farben ihres
+Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie
+bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schönheit. Die Züge, so
+weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften,
+wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen
+konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschäftigen. Sehr hellblau, groß
+und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als
+goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Fülle. --
+
+Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfaß. Agathe schob
+es der Dame hin, die ihr gegenüber saß.
+
+»Liebstes Fräulein,« sagte sie bittend, »Sie schreiben die Namen auf die
+Karten?«
+
+»Aber sehr gern.«
+
+Fräulein von Gerwald tat alles »sehr gern«. War ja überhaupt froh, wenn
+sie einmal in Anspruch genommen wurde.
+
+Ihre Überflüssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von
+Stellung zu Stellung gestoßen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle
+Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen
+nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht
+aneignen konnte.
+
+Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen,
+Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als
+Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben
+sich haben mußte.
+
+Und wie gut man hier aß und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und
+daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen.
+Die Baronin schien es nicht übers Herz bringen zu können, einen Menschen
+zu demütigen. Fräulein von Gerwald schwärmte für ihre Herrin, sprach ihr
+immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen
+gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefällig
+verschließen müssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte
+sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der
+sehr befestigten und nie bestürmten Moral des häßlichen alten Mädchens
+doch eine wohltuende Beruhigung war.
+
+Nun saß sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener
+Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei
+Feststellung der Tischordnung genannt werden würde.
+
+»Mich muß natürlich Lohmann führen -- er ist zum erstenmal hier,« sagte
+die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen
+naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und
+sie fragte: »Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie
+wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.«
+
+»Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frühere
+Pflegemutter.«
+
+»Sehr verändert?« fragte Agathe weiter.
+
+»Ih wo. Keine Spur. Einfach und natürlich, wie sonst.«
+
+»Aber glückstrahlend?«
+
+Likowski erwog -- prüfte nach -- machte eine Kopfbewegung.
+
+»Glückstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man
+nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekümmert zumute war. Immer
+beherrscht.«
+
+»Sie wird schon glücklich sein, wie sollte sie nicht!« sagte Fräulein
+von Gerwald. »Eine Volksschullehrerin, die einen Millionär bekommt! Es
+ist beinahe phantastisch!« Und sie seufzte.
+
+»Gott,« sprach Agathe, »sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen,
+die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum.« Und sie seufzte auch.
+
+Alle wußten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.
+
+»Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich,« fügte sie ganz
+elegisch hinzu.
+
+Stephan Marning dachte: »Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft ...«
+Und er hatte ein Gefühl von Ablehnung, fast von Erbitterung.
+
+Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.
+
+»Nein,« behauptete er, »was auch die Leute klatschen -- der Vater soll
+ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung käme -- hätt's zur Bedingung
+gemacht für Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine
+Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn
+hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch
+sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne daß
+eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt
+auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat
+so 'n Schuft wäre und ein Mächen an einen verseuchten Mann verkuppelte!
+Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mächen wäre, das sich so schlankweg
+kaufen läßt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich
+gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der
+ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und
+sie sagt, vor der Klara müsse man den Hut abnehmen.«
+
+»Sie haben da ja neulich gegessen,« fragte Agathe, »was für 'n Eindruck
+machte das Paar denn? Und die ganze Sache?«
+
+Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen.
+
+»Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljährige,
+nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war
+mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und
+die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gäste bittet.
+Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurück, da lud der
+Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
+das junge Paar zusammen einen Hausstand führen, war das Essen
+gemeinschaftlich.«
+
+Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem kühleren Ton
+fort: »Die überragende Persönlichkeit des Geheimrats nahm so völlig all
+mein Interesse in Anspruch, daß ich mit den jungen Herrschaften mich
+nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu
+können.«
+
+»Ich hab' immer das Gefühl, daß Sie zu schroff über dieses Paar
+denken,« meinte Likowski.
+
+»Es geht mich so wenig an, daß ich gar nichts darüber denke,« sagte er
+kalt.
+
+»Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, daß er den Gebrauch der linken
+Hand wieder erlangt hat?«
+
+»Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine
+Stimmung ist von einer Frische ...« erzählte Marning.
+
+»Die Freude! Das Glück! Er soll seine Schwiegertochter vergöttern!«
+
+»Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible für das Mädchen gehabt,«
+neckte Agathe.
+
+»Meine teuerste Freundin,« sprach er voll Haltung, »so 'n rauher
+Kriegsmann ich auch bin: für Frauenwürde und Tugend hab' ich das Gefühl
+nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnächst endlich
+losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott für König und Vaterland, sondern
+auch: und zum Schutz der deutschen Frau.«
+
+»Oh!« rief Fräulein von Gerwald, »wie herrlich empfunden! ...«
+
+»Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,« sagte Agathe laut vor
+sich hin träumend. »Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein
+Vater gab das erste große Diner nach dem Trauerjahr für die Frau --
+Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch --
+Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jüngsten in der ganzen
+Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schön wie 'n
+junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verständnis
+für die Frau -- ach, es war ein Abend ...«
+
+Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwüles mit -- etwas
+Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor
+sich in träumerische Gedanken.
+
+»Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,«
+erlaubte Marning sich zu sagen.
+
+Agathe stand auf, reckte sich lässig -- die ganze üppige Gestalt schien
+sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor,
+daß der Oberkörper eigentlich ein wenig zu groß sei ...
+
+»Ach was,« sagte sie, »wir überlassen es Fräulein von Gerwald. Sie
+machen das -- nicht wahr?«
+
+»Aber sehr gerne!«
+
+»Halten Sie nur fest: Herr Lohmann führt mich -- alles andere ist weiter
+keine Etikettenfrage, alle Gäste kennen sich und passen zueinander.«
+
+Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedächtnis völlig
+entglitten.
+
+»Ich ziehe mich zurück, meine Herren, um frisch zu sein zu dem
+Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grüne
+Fremdenzimmer ... Um fünf Uhr Tee, allmähliche Anfahrt der Gäste --
+Begeisterung über die schöne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen.
+Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur für Natur' ...«
+schloß sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.
+
+Likowski suchte das grüne Fremdenzimmer auf, denn er wußte: da stand
+auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schöne Hausfrau in
+ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte.
+
+Fräulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen
+Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfüttertem Spitzeneinsatz
+sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen
+kleinen Raum neben dem Eßsaal zurück. Durch die offene Tür sah sie
+manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mädchen, in hellen,
+knisternden Kattunkleidern, mit Tüllmützchen auf dem Kopf, die Tafel
+deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Männlein und
+Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen
+Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr
+angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen
+Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mußte für die
+arme kleine Person, der Fräulein von Gerwald vorweg rasendes
+Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute,
+doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten stützen zu
+können. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein
+Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Männern ... Wie
+er mit blitzenden Augen von Frauenwürde und Tugend sprach! ... »Tugend«
+-- das war für Fräulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem
+Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, daß sie eine
+Überfülle von Tugend besaß ... Und Likowski wußte das zu schätzen! Er
+war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte
+nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig für seine
+ritterlichen Worte danken ...
+
+Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von
+Likowski einräuchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert
+und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bänke und
+Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen
+Garten, der eine Fläche auf der Uferhöhe vor dem Schloß einnahm, grenzte
+eine schräg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art
+Wäldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein
+geräumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein
+Motorboot und ein großes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum
+und hängten Lampions an Drähte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund
+um die Schiffsränder gespannt waren.
+
+Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im
+Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den
+Bau wie durch einen Tunnel. Seine Öffnung nach dem Wyk zu war voll
+Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.
+
+Er schaute eine Weile zu, wie die Männer in den schaukelnden Booten
+faltige Formen auseinanderbogen, daß sie zu bunten Ballons wurden.
+
+Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke ...
+
+»Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?«
+
+Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer
+Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin,
+zusammengetroffen. Und man hatte wohl gespürt, daß die beiden, die in
+Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglück
+vor den Augen anderer recht zu verstecken wußten ...
+
+Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glück hatte er
+neulich nichts gespürt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des
+alten Herrn saß ...
+
+Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Kälte,
+gelangweilter Höflichkeit ...
+
+Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er
+auch, der junge Ehemann auch.
+
+Nach krassem Unglück sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon,
+wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zärtlich die Hand
+der Schwiegertochter ...
+
+Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den
+alten Herrn bediente ...
+
+»Was geht das alles mich an? ...«
+
+Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante
+Anpflanzung.
+
+»Ein junges Stückchen Wald -- halbwüchsiges Baumgedränge hat keine
+Schönheit,« dachte er. »Merkwürdig ... wie bei manchen Menschen und
+manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schönheit zu
+offenbaren.«
+
+Oben glühte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wänden von weißen,
+quadratisch geordneten Holzstäben hin. Sie waren anmutig berankt und
+durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
+Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des
+Gartens in einem Rundell.
+
+Dies war umgeben von dicht übersponnenen Gitterwänden; der noch blühende
+rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in gefälligen
+Abständen voneinander, bildeten schneeweiße Bänke einen Kreis. In der
+Mitte trug ein Beet eine gedrängte Fülle von niederen Rosenbüschen; in
+allen Farben blühten sie jetzt zum zweitenmal.
+
+Stephan setzte sich. Er fühlte sich von einer unbegreiflichen
+Traurigkeit übernommen. Er dachte: »Was tue ich hier eigentlich?« Und
+sagte sich dann: »Nun, man muß gesellig sein -- das Leben, der Stand
+bringen das so mit sich -- --«
+
+Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und überdrüssig?
+
+Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie
+bedrückt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das,
+gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter
+Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn
+einmal die ernste, große Stunde käme ...
+
+Heiß war die Luft, sie bebte in Wellen über den Rosen, man sah sie
+zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die
+Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.
+
+Man wurde schläfrig davon -- und doch so seltsam erregt ...
+
+Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wünschen
+-- und er hätte dennoch keinen beim Namen nennen können. Eine unklare
+Begierde kam über ihn, nach irgend einem Glück -- einem großen, seligen
+Glück ...
+
+Die Üppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und
+feierlich-froher Stille übernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher
+Lebensführung sich in ihrer Zufriedenheit erschüttert fühlen, so wühlte
+das Prangen dieser Hochsommerschwüle in seiner Seele Sehnsucht auf.
+
+Er erschrak und fuhr aus seinem Hinträumen auf -- irgend ein Laut hatte
+das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der
+vielleicht flußauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestört. -- Nun
+wußte er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann
+auch der kleinste Frauenfuß nicht unhörbar gehen.
+
+Und da war auch schon die Herrin dieses durchglühten, durchdufteten und
+weltfernen Gartens.
+
+Er wollte aufspringen -- war sehr überrascht.
+
+»Nein, ich setze mich zu Ihnen.«
+
+»Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.«
+
+»Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich möchte nicht
+dick werden -- lieber kastei' ich mich.«
+
+»Was Frauen nicht alles für ihre Schönheit opfern können.«
+
+»Na -- sie ist immerhin keine ganz nebensächliche Angelegenheit.
+Obgleich es ja gerade für mich ganz egal ist, ob ich hübsch oder häßlich
+aussehe,« sagte sie.
+
+Sehr dicht saß sie neben ihm, seitwärts und ihm zugewendet. Sie hatte
+den Ellbogen auf die Rücklehne der Bank gestützt, und der runde, weiße
+Arm zeigte sich in seiner ganzen Schönheit.
+
+»Warum gerade für Sie?« fragte er erstaunt.
+
+»Ach,« sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekümmertheit, »wer
+sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich.
+Denken Sie denn, daß es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt:
+Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwört,
+ich hätte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n
+Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eifersüchtig
+werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in
+der Welt ist ...«
+
+Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergüsse nicht -- aber
+doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums
+und aller Vergnügungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich
+arm.
+
+Wie schwer, darauf zu antworten.
+
+»Ich habe immer gedacht, das Bewußtsein ihrer Schönheit beglücke eine
+Frau -- denn Schönheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung,« sagte er.
+
+»Aber sie braucht Anerkennung -- Verständnis -- ich sage nicht:
+Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht.
+Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ...
+ach, dafür gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab'
+ich nicht -- hatt' ich nie ...«
+
+Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer
+Art von Kindlichkeit oder Natürlichkeit vorgebracht.
+
+Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmöglich, um sie zu
+trösten, ihre Ohren mit Schmeicheleien füllen.
+
+»Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,« sprach er.
+
+»Es war ihm angenehm, daß man mich nicht häßlich fand. Das war alles.
+Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte
+mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fühlten
+sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit
+seiner rasenden Arbeit -- ähnlich wie der Geheimrat, aber in
+Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten --
+Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwäche für Adel --
+ein Baron sollte es sein --«
+
+»Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gäste, Sie wollen froh sein --
+lassen Sie die schweren Lebensumstände heute unbesprochen -- es erregt
+Sie.«
+
+»Sehen Sie, sehen Sie,« sagte sie mit klagendem Ton. »Niemand hat
+Interesse für mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie
+wären mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will,
+ermahnt man mich gleich, zu schweigen.«
+
+Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals
+zur rechten Aussprache kommen zu lassen.
+
+Merkwürdig, wie viel diese volle, weiche, schöne Frau von einem
+unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden
+herausforderte.
+
+»Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzählen, als Sie
+mir nur immer anvertrauen mögen -- ich erbitte es als besondere Gunst,«
+sagte er sehr herzlich.
+
+Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch über ihre
+Mädchenjahre -- wer wußte etwas Sicheres? Sicher war dagegen, daß er
+selbst viele Züge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gefälligkeit an
+ihr hatte beobachten können ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre
+Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demütigung zuzufügen. Welche
+Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen
+versteht -- --
+
+Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwärtig, während er
+sprach, und färbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wußte.
+
+Und sie hörte noch mehr hinein ...
+
+»Ach ja -- ja,« flüsterte sie, »ja -- ein anderes Mal -- aber bald --
+nicht wahr? Bald?«
+
+Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu küssen.
+
+Eine angenehme, träumerische Befangenheit machte ihn still.
+
+Wie diese Frau hineinpaßte in die prangende Hochsommerfülle und Glut --
+als verkörpere sich die heiße Stunde in ihren weißen, vollen Gliedern.
+
+Er fühlte immer stärker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie
+drängte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor
+Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz --
+schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von
+Hingegebenheit ... von glühendem Verlangen ... daß sein Herz zu klopfen
+begann ...
+
+Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fühlte, wenn er jetzt der
+Versuchung erlag, entschied es über sein Leben. Ein Kuß auf diese
+lechzenden Lippen, und er war gebunden ...
+
+Er riß sich zusammen -- mannhaft und überlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber
+in Besonnenheit.
+
+Er küßte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich
+zutreffende Verständnis für die Annäherung und den vorsichtigen Rückzug
+eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handkuß -- das war eine
+Abschlagszahlung -- ein Vertrösten -- keine Zurückweisung. -- Aber doch:
+es war quälend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben
+hätte, sich satt zu küssen.
+
+Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel
+und ein unbewußtes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch
+war zärtliches Gurren in der Stimme.
+
+»Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich
+erzähle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen ...«
+
+Sie ging, und zwischen den Gitterwänden, wo grünes Gerank all die
+zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte
+mit ihrer weißen Hand, an der die Brillanten blitzten ...
+
+Er blieb ein wenig betäubt zurück. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn
+verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glück! Er hatte
+sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glück gesehnt. Eine Frau
+von üppiger Schönheit. -- »Sie hat so irgend etwas an sich, als müßte
+sie in einen Harem passen,« dachte er. -- Eine Frau mit großem Vermögen
+und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen.
+»Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraßenköter ihren Foxterrier
+gebissen hatte -- -- sie ist außerstande, sich etwas Schönes zu kaufen,
+ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht
+sauer wird.«
+
+Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
+Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?
+
+Es war sozusagen das große Los.
+
+Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die
+weiße Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier
+gewesen wäre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prüfen -- nichts
+überstürzen --
+
+Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon,
+der sich mit zwei Türen auf die Terrasse zu öffnete, in der Diele, die
+wiederum an den Salon stieß, so daß der ganze mittlere Teil des
+Erdgeschosses für gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr großer
+Raum benutzen ließ. Likowski stellte fest, daß eine derartige
+Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm
+etwas Neues an der allergnädigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest,
+daß sie eine andere Toilette trug, die er »unerlaubt« schön nannte, weil
+die armen Männer schwach wie Adam bei solchem Anblick werden mußten. Und
+bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber
+dies zarte Lila, dieser hauchdünne Chiffon kleideten sie köstlich.
+
+Agathe lachte etwas nervös und meinte, das Erwarten der Gäste, die viel
+zu spät kämen, spanne ab.
+
+Und ihr Blick -- den Likowski sah und höchst vielsagend fand -- glitt
+hinüber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der
+Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte
+man bei schärferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif?
+Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab
+seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, daß Marning nicht den Abschied
+nähme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr.
+Marning zog des Königs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile
+aus! Er wußte, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten
+war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ...
+Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten
+lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein
+kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Pläsier, der
+Erlöser Agathens zu sein ...
+
+Und dann kamen die Gäste in rascher Reihenfolge. Etwa fünfundzwanzig an
+der Zahl. Da war der Großindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner
+bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der
+Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
+für voll rechne. Fräulein Edith war von der bezauberndsten Häßlichkeit,
+sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Näschen und hellbraunen
+Augen, aus denen allerlei lustige und zündende Farben sprühten. Ihr Kopf
+saß fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
+ebensogut in Jünglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dünner
+Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung
+geordnet, daß eine Schauspielerin hätte davon lernen können. Likowski
+verkehrte im Ton väterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein
+hastiger Mann mit scharfklugen Zügen, kokettierte damit, daß er zu
+schwach sei gegenüber der Tochter, und klagte über sie in Wendungen, die
+im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.
+
+Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er
+setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit
+auseinandergestellten Knien, wie Männer mit erheblichen Bäuchen tun,
+sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
+einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thürauf, die Finger um
+ein Glas Gießhübler geklammert, in kühler Ruhe zuhörte.
+
+»Wär' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos
+bei der bisherigen befunden ... bin meinem Großherzog loyal ergeben --
+das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
+nich zu -- nie! Mecklenburg wäre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.«
+
+Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig
+aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die
+rechte Färbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der
+überstandenen Fahrt. Aber sein bißchen blondes Scheitelhaar befand sich
+in glänzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weißes
+Härchen.
+
+Frau von Pankow, auch kaum mittelgroß und ebenso rundlich, sprach etwas
+leutselig mit Fräulein von Gerwald, der sie sich immerhin näher als
+mancher anderen Anwesenden fühlte, weil die Gerwalds eben doch sehr
+alter Adel waren.
+
+Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie
+für Körperfülle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch
+umglänzte eine weiße Weste. Und ihren Busen, ihre Hüften umprallte
+hellgrauer Atlas.
+
+»Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,« sagte Fräulein Edith zum
+jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten.
+
+Likowski warf einen Blick hinüber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie
+ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe
+um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen
+Freundinnen aus Lübeck -- Referendare -- allerhand halbwüchsiges Volk,
+das sich aber natürlich für voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck
+hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverständlich. -- Aber es
+hieß aufpassen: tüchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu
+frühen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt
+man intensiver ans Heiraten als um die dreißig herum. -- Und denn diese
+Edith! Zu amüsant! Amüsante Frauen sind was Zweischneidiges ...
+
+Die blonden, ruhigen Töchter des Generaldirektors Thürauf sprachen
+vernünftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als
+Administrator eines der großen mecklenburgischen Rittergüter verwaltete,
+die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wäldern an der
+Küste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller,
+stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge
+hineingeschrieben.
+
+»Wissen Sie,« sagte Herr von Pankow vertraulich, »das wär' der Mann für
+Ihre Älteste. Er ist tüchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gönnen,
+daß er wieder auf eigene Scholle zu sitzen käme und sich wenigstens das
+kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurückkaufen könnte -- sein
+Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rührt keine Karte
+an -- nee, kann ich beschwören -- tut er nich.«
+
+»Das dürfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn für mich sein, Herr von
+Pankow. Ich habe drei Töchter -- drei!« sagte der Generaldirektor
+lächelnd.
+
+Pankow stieß mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf
+sein Gegenüber zu.
+
+»Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fünfzehn Jahren
+Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann!
+Wenn das nicht flutscht ...«
+
+»Die Herren Agrarier denken immer, daß wir Großindustriellen uns nur so
+auf Goldsäcken herumwälzen.«
+
+In einer anderen Gruppe sprach die hübsche, dunkelhaarige Frau Thürauf
+mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning.
+
+»Ja, darüber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Töchter
+meinem Mann ähneln. Von mir keinen Zug.«
+
+Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrüßt
+hatte, als zöge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und
+sie ahnte nicht, daß die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
+ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und
+Bewachen der Flamme wird der Blick blind für alles ringsum.
+
+»Lohmanns kommen aber sehr spät,« sagte sie. »Und ich bin so gespannt!
+Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas
+Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.«
+
+»Ich glaube,« sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter
+braun war wie das eines Mannes, »das junge Paar macht sich nicht viel
+daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja
+auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand
+es auch menschlich freundlich, mit den Gütern weit hinaus Beziehungen zu
+unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja
+manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
+mußte. -- Na, das gehört nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen
+kleinen Vortrag über diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder
+dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur
+Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die
+Heirat war so überraschend. Für den jungen Lohmann war es wohl das
+Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut
+gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil maßgebend. Und er stellt
+sie hoch.«
+
+Da fiel ihr ein, daß es taktvoller sei, mit der Gattin des
+Generaldirektors von Severin Lohmann nicht über die Schwiegertochter des
+alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thürauf: »Wissen
+Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade für mich! Das kann man sich
+wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fräulein Hildebrandt zu tun gehabt
+-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kümmerte ich mich, ohne Mandat
+sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann
+man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl
+vor -- und da Fräulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgängers
+meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, daß ihr Leben so anders
+lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel
+Sympathie für sie, die ich sie merken ließ. So was fühlt sich
+gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres
+Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu
+danken für die Sympathie, die ich ihr früher gezeigt, und die Hoffnung
+auszusprechen, daß das eine gute Vorbedeutung gewesen sein möge für
+unser weiteres Verstehen. -- Es berührte angenehm. Keine Spur von
+Auftrumpfen ...«
+
+»Wie alle diese Frau loben!« dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die
+Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: »Sie hat sich
+doch verkauft.«
+
+»Da sind sie,« sagte die Baronin Bratt unwillkürlich halblaut, obgleich
+das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, während sie selbst in
+der Tür zwischen Salon und Terrasse stand.
+
+Agathe eilte ihnen entgegen. Über die ganze Gesellschaft legte sich
+plötzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort spürte und als
+taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit
+erhöhter Lebhaftigkeit sich erhoben.
+
+Das Wiedersehen enttäuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schön
+wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der
+männlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war
+gealtert -- der Jünglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus;
+aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd.
+
+Agathe fand auch die junge Frau nicht schön. Ihr Schönheitsideal waren
+natürlich blonde, üppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara
+Lohmann schien ihr zu schlank, die Züge zu streng, die Farben zu matt.
+Höchstens konnte man gelten lassen, daß die Augen groß und ernst waren
+und sogleich fesselten.
+
+Nun konnte Fräulein von Gerwald erkennen, daß ihre Voraussetzungen
+unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die
+Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gänzlich unbefangen
+entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schließlich die
+meisten -- bekamen ein besonders helles Lächeln. Auch der junge Ehemann
+zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.
+
+Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr
+Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flüchtigen
+Händedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau.
+
+»Wissen Sie,« sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant
+Hornmarck, »dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n
+gänzlich unverheirateten Eindruck.«
+
+»Den näher erläutert zu bekommen, wäre interessant,« meinte der kleine
+Leutnant.
+
+»Ach, wer da so 'reingucken könnte!« sagte Edith mit einer wahrhaft
+gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe.
+
+Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trödelte im Garten umher
+und war genügsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine
+Schwingungen, verborgene Wünsche und Elektrizitäten vielerlei Reize
+hatte.
+
+Agathe versäumte oft ihre Hausfrauenpflichten und tröstete sich damit,
+daß Fräulein von Gerwald beflissen um die älteren Damen besorgt sei. --
+Es zog sie -- es trieb sie -- sie mußte, _mußte_ immer wieder Stephans
+Nähe haben. Sie beobachtete zweimal, daß Edith Stuhr, dies Mädchen, dem
+man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach.
+Ihr Fraueninstinkt wußte: diese eben dem Backfischtum entronnenen
+Mädchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine
+Achtundzwanzigjährige schon für alt. Eifersucht quälte sie ...
+
+Es war Ende August, und die Dämmerung füllte schon früh den
+schwülduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf
+die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren
+Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine
+Farblosigkeit zu verwandeln.
+
+Da kam Fräulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin
+und gab die empfangene Meldung weiter, daß man zu Tisch gehen könne. Und
+da erst fiel es Agathe ein, daß man die junge Frau Lohmann gar nicht im
+Garten gesehen habe. »Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von
+Likowski und Frau von Pankow.« Das erinnerte an so viel Würde. -- Mein
+Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
+-- »Was haben Sie ihr für einen Tischherrn gegeben?« fragte Agathe, als
+sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging.
+
+»Den Freiherrn von Marning.«
+
+Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefährlicher konnte der
+geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara
+Lohmann würde sicher erwarten, daß Herr von Pankow sie führe.
+Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine Änderung aber im
+letzten Augenblick unmöglich.
+
+Es zeigte sich auch weiterhin, daß Fräulein von Gerwald keine glückliche
+Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte fördern, wo sie zwei auf
+dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant
+Hornmarck, und darüber waren Ediths Vater und Likowski ärgerlich; sie
+setzte Brelow neben die älteste Thürauf, und das beunruhigte den
+Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder
+ließ sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow führen, der dafür
+bekannt war, daß er gern was Hübsches, Junges zur Seite hatte und
+obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen
+Ärgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte.
+
+Aber Agathe merkte nichts davon, daß ein Teil ihrer Gäste nicht sehr
+munter schien. Sie war ganz und gar beschäftigt. Mit glücklichem Gefühl
+beobachtete sie, daß Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und
+höflich unterhielt -- natürlich mochte er sie nicht leiden -- daneben
+versäumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen
+schönen Abend von damals wachzurufen.
+
+Er lächelte.
+
+»Ich bin gewiß sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs
+alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an
+jenem Abend rasend in Sie verliebt.«
+
+»Ach, wie entzückend, das noch nachträglich zu hören. Ja -- jetzt sind
+Sie nicht mehr so ganz flammender Schwärmer. -- Ein würdiger Mann. --
+Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. --
+Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von früh bis spät?«
+
+»Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen
+Geistesgaben auch noch die Hünenkraft -- sie ist ja noch fast
+ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lähmung nicht wäre. -- Aber ich
+versuche mich einzuarbeiten. -- Das große Interesse, das meine Frau hat,
+ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1.
+September.«
+
+»Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,« sagte Agathe in
+plötzlichem Entschluß. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den
+Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der förmlichen Beziehung eine
+nähere werden zu lassen.
+
+»Es würde mich freuen, wenn Ihnen das gelänge, Baronin. Meine Frau hat
+eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch
+geworden. Ein wenig Fröhlichkeit könnte unserem Hause nicht schaden.«
+
+Der arme Mann darbt gewiß an allen Ecken und Enden, dachte Agathe.
+
+Und er dachte, daß es immerhin unterhaltend sein könnte, dieses
+wundervolle Weib öfter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen
+durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte
+aufwallen, daß ihm das Dasein wieder genießenswerter werden möge.
+
+Und diese Frau, wenn man sich zufällig einmal näher zu ihr neigen mußte,
+hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, süß und zart,
+den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch störte
+Erinnerungen aus dem Schlaf auf.
+
+Er fragte endlich leise: »Was haben Sie für ein Parfüm -- verzeihen Sie
+die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein
+Duft!«
+
+Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. --
+Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen
+... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau
+hinüber. Zufällig trafen sich ihre Blicke.
+
+Da lächelte er freundlich ...
+
+Das war sein redlicher, gütiger Kamerad, an dessen Hand er wieder
+emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu.
+
+Klara dachte, daß das Tafeln niemals ein Ende nähme.
+
+Wie förmlich der Freiherr von Marning neben ihr saß. Nein, mehr noch:
+gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wußte nicht, was für Gespräche
+sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste
+fühlte sie sich befangen -- und es war geradezu lächerlich, wie ihr eine
+ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu
+entschließen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen,
+ihm für die arme kleine pastellblaue Wollmütze zu danken, die er damals
+gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm
+einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung
+gratulierte er ihr mit so viel Zurückhaltung, daß es ihr weh tat.
+
+Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen
+reichen Mann verkauft.
+
+Das verschloß ihr den Mund.
+
+Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fühlte sie sich
+außerstande, von der kleinen blauen Mütze zu sprechen -- als sei das
+wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rühren dürfe ... Und
+nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber
+unmöglich.
+
+Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?«
+
+»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt
+kommandiert.«
+
+»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer
+auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.«
+
+»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann
+die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat
+immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken
+umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!«
+
+»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir
+ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns
+sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen,
+durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem
+Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft
+unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und
+Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere
+und positivere Art.«
+
+»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres
+Herrn Schwiegervaters.«
+
+Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte:
+»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?«
+
+»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.«
+
+»Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann
+allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben
+mag ...« dachte sie.
+
+»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt.
+
+Sie suchte nach einem anderen Thema.
+
+»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier
+geworden?« fragte sie.
+
+»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.«
+
+»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange
+Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe
+Ihres Berufs ...«
+
+Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.
+
+»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich
+abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist
+schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heißt von tausend Fällen
+neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos
+reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt
+und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer
+gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten
+Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird -- das tut weh.
+Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt
+und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was
+Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist
+man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst --
+vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher
+Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen
+Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder
+Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen
+zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird
+schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie
+Likowski. Und doch -- während man so ungeduldig ist, muß man zugleich
+aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges
+erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ...
+Konflikte ... keine leichten ...«
+
+»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo
+gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hören können, ohne von
+Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen
+Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am
+stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden,
+das volle Hingabe immer gibt.«
+
+Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm -- so deutlich
+fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt.
+
+Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn
+zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er
+dachte: »Wir verstehen einander -- sie und ich ...«
+
+Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine
+Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal
+nachdrücklich.
+
+Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht
+so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie
+gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der
+hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel
+ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu
+kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und
+die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die
+Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier
+nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen
+Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit
+hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ...
+
+Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf
+achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei
+schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein,
+daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.«
+
+Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine
+Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ...
+Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute
+nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten
+Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ...
+
+»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück.
+
+Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den
+geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur
+ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück.
+
+»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith.
+
+»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand.
+
+Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes
+Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin
+nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende,
+schlotternde Angst hinunter.
+
+Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten
+Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes.
+
+Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten
+bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann.
+Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen
+Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem
+Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar.
+Sie hatte doch reich werden wollen ...
+
+Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter.
+
+Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und
+war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und
+deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig
+schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal
+umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe
+kostete, sich auszuschließen.
+
+Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier
+herein ...«
+
+Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.«
+
+»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf.
+
+»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann.
+
+Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der
+jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen,
+dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit
+rauschendem Flügelschlag davonstieben. --
+
+»Wie schade,« sagte Klara.
+
+»Was?«
+
+»Daß wir die Sommernacht entweihen.«
+
+Er hatte dasselbe gefühlt.
+
+Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen
+und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein
+schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.«
+
+Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte
+man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt.
+Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber.
+
+»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,«
+dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles
+so überflüssig und geschmacklos schien.
+
+Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher
+trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber
+niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine
+zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren
+solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die
+auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schießt
+flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord --
+und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei -- bloß keine
+unnütze Angst, meine Herrschaften.«
+
+Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche
+Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden
+entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte.
+Einige Minuten lang schwiegen die Insassen.
+
+Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen
+Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken
+heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei
+aus.
+
+Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.
+
+Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner
+schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte
+dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der
+Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin,
+ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man
+wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein.
+Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm
+werden.
+
+Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis
+gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive
+Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen
+packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien,
+weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten
+fürchten.
+
+Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das
+leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes
+sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal
+in Gefahr geriet, umzuschlagen.
+
+Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle
+nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst
+die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten -- und die eine schrie:
+»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht
+ins Wasser zu stürzen.
+
+Stephan saß neben der jungen Frau. -- Er faßte beruhigend nach ihrer
+Hand. -- Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit
+großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hörte ja auf,
+lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle
+Insassen war.
+
+Ein nächster Augenblick -- ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen
+-- es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner
+brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den
+Verstand verlieren.
+
+Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit
+des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen
+beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre.
+
+Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte
+sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte
+plötzlich: es kann ja nichts geschehen.
+
+Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefaßte Haltung,
+geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all
+der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe
+ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein
+wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können -- die war keiner
+niedrigen Handlung fähig.
+
+Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen --
+warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen?
+
+Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz
+niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als
+ob ihre Räume zerbarsten, klang es.
+
+Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot
+steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit
+Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal
+rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder
+-- als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die
+Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen
+keinen Platz.
+
+Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus.
+
+Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die
+Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher
+Schutzbedürftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine
+Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!«
+
+Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und
+Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen.
+
+Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet
+auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle.
+
+»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.«
+
+Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf
+der Furcht sich abgespielt zu haben.
+
+Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb
+komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf,
+schämte sich.
+
+Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid
+nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an,
+ihr blondes Haar auseinander zu lösen -- alle konnten so seine Fülle
+sehen -- das machte ihr Spaß. --
+
+Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den
+Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel
+Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle.
+
+Aber was halfen nun noch Schirme.
+
+»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen
+außer sich.
+
+Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner
+Frau zuwendete.
+
+»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und
+sie lieben sich.«
+
+So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als
+sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. -- Verlaß ist nie
+darauf.«
+
+
+
+
+5
+
+
+Klara dachte über die vergangenen Monate nach.
+
+Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr
+dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.
+
+Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und
+hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem
+Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren
+gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick
+hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit.
+
+Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren
+völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem
+Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen
+Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter.
+Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und
+hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem
+halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen
+Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des
+Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine,
+fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der
+Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den
+Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch
+häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen
+war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den
+Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt
+mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm
+drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich
+phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach
+oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie
+umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte,
+wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte,
+daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen
+hineinschütteten.
+
+Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg
+und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam
+manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der
+hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses
+und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens
+erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald
+gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie
+trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten,
+mit silbrigem Blitzen in der Sonne.
+
+Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da
+noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten
+Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen.
+
+Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße
+von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen
+niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten
+schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen.
+
+Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien
+niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den
+Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt.
+
+Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen
+äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen.
+Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem
+reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen
+genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab;
+vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung
+behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom
+Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter
+entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren,
+tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte
+sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen
+dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa
+ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es
+ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem
+Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich
+in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte
+Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für
+ihre Person zu verlangen oder zu treiben.
+
+»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte
+Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und
+meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit
+Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren?
+
+Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr
+einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.
+
+Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld
+abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.
+
+Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu
+einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich
+gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen.
+
+Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten
+Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel
+niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters
+und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ...
+
+Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten
+nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten:
+rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn --
+damit er dir recht leben kann!
+
+Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie
+sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis
+auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein
+rascher Blick -- und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen
+Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal:
+»Kind, ich muß mir's immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von
+meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer
+Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden.
+-- Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne daß sie es
+wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.«
+
+Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und
+wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr
+geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den
+Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen.
+
+Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe
+recht getan. --
+
+Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es
+für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie
+man es noch nie an ihm beobachtet hatte.
+
+Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben
+war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für
+sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen
+Abend.«
+
+Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen.
+
+Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?
+
+Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer
+einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von
+vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also
+heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es
+demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so
+großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche
+Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute
+alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres
+wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie
+entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die
+vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und
+sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater
+einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation
+der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der
+Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater
+-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch
+vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im
+Jahr mehr verbraucht werden -- für deine Leute ist es nicht
+gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern
+allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten
+Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen
+Selbständigkeit.«
+
+Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne.
+
+Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte
+Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche
+Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm
+die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser
+Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der
+Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu
+reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er
+zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir
+verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur
+zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu
+führen.«
+
+So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich
+nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster
+Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie
+spürte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja
+eigentlich meine Mutter, der er huldigt.
+
+Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und
+hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die
+Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr
+immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der
+in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und
+Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen --
+ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der
+stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht
+getan.
+
+Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte
+Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton
+gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen
+Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich
+angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte
+Klara natürlich nichts.
+
+Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit
+Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte
+sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten,
+vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht
+standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter
+sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie
+las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab'
+doch ich's am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den
+Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre
+und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?«
+
+Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts
+vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer
+dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze.
+
+Wie störend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den
+großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man
+immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:
+es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken -- das sind
+die rechten Störenfriede.
+
+Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch
+in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie
+sich gedacht gehabt.
+
+So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder
+auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die
+Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer
+Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich
+mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als
+hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich
+auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in
+besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen.
+
+Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von
+ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch
+nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und
+Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten.
+
+Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand
+Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln
+gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt.
+
+Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei
+selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und
+Verantwortungen des Reichtums zu spüren.
+
+Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es
+gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den
+vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr
+Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu
+verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male
+umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und
+ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich
+seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die
+Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor
+allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit
+dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und
+Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau
+ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr
+Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und
+spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte
+Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser
+tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine
+Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich
+einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und
+mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den
+Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden
+davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges
+Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein
+Hildebrandt meint.« -- Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein
+Hildebrandt«. --
+
+Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken!
+Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung
+kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch
+anderer Leben in Bewegung zu setzen.
+
+Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in
+monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener
+Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne
+schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet
+heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen
+Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die
+hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie
+wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.
+
+Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.
+
+Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten
+fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam.
+
+Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie
+mit ihrem Mann gekommen?
+
+Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- überraschend
+weit!
+
+Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es
+nicht!
+
+Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte
+sie.
+
+Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte
+dem Rätsel »Mann« nach.
+
+Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich
+tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die
+zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken -- nie ganz ausfüllen ...
+
+Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben!
+
+Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz
+Ergründliches nach.
+
+Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war
+keine Laune der Natur. --
+
+Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe
+gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie
+wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die
+klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht
+hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen
+Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich
+nicht? --
+
+Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte --
+immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt
+besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr
+heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln,
+zu beeinflussen, anzuregen.
+
+Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden
+können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre.
+
+Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück -- er begann Reiz an der
+Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ...
+
+War es nicht genug Glück, das zu sehen?
+
+Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige
+Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller
+Inhalt genügte?
+
+Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht
+sagen ...
+
+Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die
+tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt
+eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern -- und die umschlingt
+dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ...
+
+Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine
+lächerliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich.
+
+Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk --
+ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern
+so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort!
+
+Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um
+deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, daß
+er es nicht mehr trug.
+
+Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer
+wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen.
+
+Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie
+völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn
+auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche
+Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mußte
+dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie
+wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend
+etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war,
+durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen,
+damit das seine ihm nützlich und hell werde.
+
+Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden,
+und sehr klar.
+
+Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter
+Rätsel an.
+
+Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von
+glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu
+sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch
+hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre
+Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem
+Rausch, was nur Liebe können sollte ...
+
+Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit
+zwischen Mann und Weib.
+
+Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon
+hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes
+auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann.
+
+Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr
+anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre
+Schlafzimmertür zu öffnen.
+
+Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das
+Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen
+Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an
+alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen.
+
+Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches
+Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen.
+
+Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden.
+
+Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große
+Liebe.
+
+In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater
+ihres Kindes.
+
+Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft
+dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer
+dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu
+vergegenwärtigen.
+
+Er war ritterlich. Das erleichterte alles.
+
+Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht
+so eigentlich seine Interessen trafen.
+
+Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn
+Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre
+Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie
+nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er
+bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen
+sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo
+er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine
+mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den
+»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so
+lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten
+die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der
+in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid
+auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein
+Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet.
+
+Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark,
+wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut
+zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach.
+
+Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden
+Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch
+Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den
+Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts.
+
+So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur
+interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten
+schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage.
+
+Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik.
+
+Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der
+Hauptsache. -- Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und
+seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk.
+
+Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum
+erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas
+furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie
+diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch
+merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen
+und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was
+für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein
+Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes
+Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte
+dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als
+künftiger Besitzer -- als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack,
+das nicht zu sagen.
+
+Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte,
+mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird
+viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre
+Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie
+mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe -- vor den Abteilungsvorständen.
+Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch
+Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen
+versteht -- auch durch Zurückhaltung kann man's, die schon von fern nach
+Unsicherheit aussieht.«
+
+Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu
+beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe.
+
+Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch
+die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut.
+
+Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.
+
+Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur
+Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der
+Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er
+davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang
+nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch
+Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in
+unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat.
+
+Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen,
+sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen.
+
+Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und
+antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann
+brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft
+heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.
+
+Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg
+und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie
+auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien
+nichts Besonderes zu bemerken.
+
+»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin
+heute unleidlich ...«
+
+Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von
+Eifer -- von erhöhter Liebenswürdigkeit.
+
+Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von
+den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der
+Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder
+aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt
+-- was für 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tän Fehrs. -- Oder: ein
+neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,
+und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen
+konnte, mußte Klara ihn taufen -- »Klara Lohmann« sollte er heißen und
+nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu
+welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der
+Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es
+handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden
+werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er,
+Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als
+Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man
+bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz
+ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen
+müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das
+allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe.
+
+Da war Klara ganz erschreckt gewesen.
+
+»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du
+solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf
+Häphestos?«
+
+»Vater schwieg,« antwortete er nur.
+
+»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen
+beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an.
+
+»Ich -- nein -- ich mußte damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort
+bedurfte meiner.«
+
+Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken
+etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen -- Klara -- du sollst
+noch Respekt vor mir bekommen.«
+
+Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer
+Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde
+von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus,
+als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm
+sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen
+Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und
+vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck -- --
+
+Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu
+verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit
+aufzuspüren?
+
+Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß
+ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde.
+
+»Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann
+wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister ...«
+
+Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher Überraschung
+stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz
+auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die
+Rechte -- küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...«
+Und ließ sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort.
+
+Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen
+mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich
+zugleich -- --
+
+Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben
+-- einmal -- dann ... ja dann ...
+
+Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein
+Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster
+Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern
+gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich
+bring' ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem
+brüchigen Mann.«
+
+Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur
+einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.
+
+Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete
+gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut -- im mächtigen Ledersessel
+thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß.
+Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich
+mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich
+neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der
+möglichsten Vollkommenheit sei.
+
+Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch
+genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden
+Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen
+Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge
+Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob
+der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet.
+Eine Mütze war auch dabei. --
+
+»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein.
+Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt,
+für junge Damen was einzukaufen.«
+
+»O wie schön. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir --« Und sie
+dachte: »Was soll ich nur damit?!«
+
+»Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr
+als vorderhand vom Eisenguß --«
+
+»Wynfried?« fragte sie.
+
+Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine
+überflüssige Bemerkung gewesen ...
+
+»Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht
+darauf, daß ich dir was Statiöses schenke -- Klara ist zu uninteressant
+angezogen ... sagte er.«
+
+»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn 'interessante'
+Kleider haben?«
+
+»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht
+gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es
+Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, laß mich da --
+hol mich in einer Stunde wieder -- du weißt, der Kommerzienrat Kreyser
+hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz
+an --«
+
+»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.«
+
+»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings
+sehen mag ...«
+
+Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue
+Wollmütze.
+
+Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie
+den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon
+den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir
+nach und nach zu bestehen.«
+
+»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn
+aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt
+noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da
+-- Thürauf ist oft ganz glücklich. -- Du kannst dir woll denken, daß
+Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige
+Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das
+bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort
+sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...«
+
+Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus
+vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von
+der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ...
+
+»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du
+uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses -- --«
+
+Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe
+Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin
+ging -- er sah den fiedelnden Amor an -- --
+
+»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich
+verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als
+Frau Klara Lohmann -- da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich
+es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht
+geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du
+meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist
+oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt
+-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du
+bist glücklich! Anders zerfräß' es mir auch das Herz. -- Ich kann in
+Frieden weggehen -- du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,
+nochmal mit der Sense ausholt ...«
+
+Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft.
+
+»Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns --«
+
+Er lächelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke
+sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie
+ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird.
+
+»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm
+ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem
+Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. -- Ja, das hast
+du erfüllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen.
+Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt
+Kreyser -- ein alter Freund. -- Weißt du, was er will? Mit mir die
+Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. --
+Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da
+in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit
+vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse
+mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne.
+Und nun? Einer im Duell gefallen -- üble Sache -- man spricht besser
+nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo
+Tuberkeln geholt -- fristet sich im Süden hin und soll nach Australien,
+was ja als das Heilkräftigste gilt. -- Früher sagte Kreyser woll mal:
+Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not
+mehr -- wachsende Zuversicht. -- Höre, Klara, es ist dir doch angenehm?
+Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so
+Gäste?«
+
+»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum
+Frühstück eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara
+zerstreut.
+
+»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin
+geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut
+mich. Beide haben meine starke Sympathie.«
+
+»Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem
+Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um
+irgend etwas Neues zu haben.«
+
+»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!«
+
+Klara lächelte.
+
+»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.«
+
+»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir
+hast,« sagte er scherzhaft.
+
+»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis
+heute ...«
+
+Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelähmten
+schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben
+in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron.
+
+Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger
+preßten förmlich diese große Männerhand ...
+
+»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und
+du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in
+deinem Sinne erziehe.«
+
+»Klara? ...«
+
+»Ja,« sprach sie, »im April.«
+
+Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große
+Auge ...
+
+Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von
+feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in
+diesen gebieterischen Augen. --
+
+Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen,
+die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die
+Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde
+ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er
+begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters
+war. --
+
+Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die
+Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin,
+da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei
+Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren
+Lebensumständen -- Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen,
+und so was könne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das
+Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die
+alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne.
+
+Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre
+Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders
+konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf
+Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese
+widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr
+liebenswürdig.
+
+Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten.
+Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei,
+weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend
+welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll
+hierher.
+
+Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn
+bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die
+ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die
+Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große,
+fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die
+nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung
+lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau,
+deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen
+Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters
+zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in
+seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten
+des Tisches präsidierte.
+
+Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen
+Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab
+sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem
+Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich:
+»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und
+dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen
+gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns
+ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie
+sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! --
+Nun, wir sind fertig! -- Es _muß_ mal kommen ...«
+
+Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. -- In ihr war eine stille und
+doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres
+Geburtstags ein Erlebnis werden würde. -- So war ihr manchmal zumut,
+wenn Gäste kommen sollten. -- Dieselben Gäste -- aber immer kam eine Art
+von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen
+Enttäuschung.
+
+Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und
+lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine
+so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines
+faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen
+Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten
+übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu
+beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wußte längst:
+Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu
+erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...?
+
+Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses
+geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den
+unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl
+nimmt?«
+
+»Nein,« dachte Klara, »nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm
+wünsche --«
+
+Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar
+vorstellte.
+
+Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar -- er groß, schlank,
+dunkel -- sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so
+entzückend gepflegt --
+
+Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das
+doch einfach unmöglich war ...
+
+Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte
+sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation
+von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und
+Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen.
+Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich
+sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk
+sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem
+Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die
+Herren eine halbe Stunde allein.
+
+Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich
+sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei
+ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien
+stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild
+und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch
+widerstand ...
+
+Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich
+Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und
+preßte sie heftig an sich.
+
+»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du --
+laß uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!«
+
+Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an
+einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht
+unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend
+einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des
+»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes
+Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben.
+
+Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch
+keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich
+was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich
+liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr
+leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.«
+
+Sie begann zu weinen.
+
+»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie
+nicht ...
+
+»Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? --
+Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals
+im August. -- Dann kam gleich das Manöver -- dann hatte er vier Wochen
+Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst
+seine Sippe fragen, fand's natürlich -- aber die haben ihm ganz, ganz
+gewiß nicht abgeraten -- ich weiß es durch die Gerwald, die da
+Beziehungen hat -- sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. --
+Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen --
+bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: läßt sich von ihm
+mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara --
+ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft.
+-- Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe
+auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, daß ich Selbstmord
+begehe, wenn er nicht ...«
+
+Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort
+herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer
+am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode
+Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor
+Liebesverlangen.
+
+»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie.
+
+Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch
+-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt --
+so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben ...«
+
+Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren
+mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das
+heftigste.
+
+Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und
+gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ...
+
+Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen
+will -- -- --
+
+Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu
+können -- --
+
+»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein --
+das könnte ich nicht,« dachte sie.
+
+Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und
+Größe.
+
+Und es wurde von ihr verlangt, daß sie -- sie! -- unkeusch zum Manne --
+zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher
+Gedanke ...
+
+»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese
+heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an
+Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen
+haben möchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke:
+was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht,
+und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist
+es eine Demütigung für dich, daß ich sprach -- -- O nein! -- Du mußt
+die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.«
+
+»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr
+geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder,
+»wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht --
+ja -- du kannst lachen --«
+
+Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn
+für den Augenblick.
+
+»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...«
+
+»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den
+Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft
+kommen ...«
+
+»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der
+Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue.
+
+Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der
+zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch
+verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er
+es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ...
+
+Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß
+schon im Salon seien.
+
+Sie trat ein. -- Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und
+sahen, daß sie geweint hatte.
+
+Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem
+Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der
+Ausdruck: »Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich --
+Grausamer ...«
+
+Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser,
+vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor,
+als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das
+tat ...
+
+Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da
+war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte.
+Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie
+noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen,
+erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.
+
+Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare
+Stück auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war
+auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich
+geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. --
+Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei -- er
+lächelte zufrieden -- nein, mehr: zärtlich!
+
+Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum -- sie hätte es nicht zu
+sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst.
+
+Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite
+Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und
+weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen
+Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab
+das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa
+in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin.
+
+Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue
+Wollmütze ...
+
+Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte
+wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds
+Geschmack. Aber -- Klara -- weißt du noch -- deine pastellblaue
+Wollmütze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden ...«
+
+Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm
+wieder ...
+
+Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung --
+sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes
+Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ...
+
+»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich
+so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können -- da
+war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt
+für sie gab ...
+
+»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung -- immer,
+wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ --
+der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen
+Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen
+verblenden möchte.«
+
+»Ihre nicht!« lachte Agathe.
+
+Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug,
+daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf
+legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.
+
+Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam
+ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren
+die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften
+sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran.
+
+Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den
+sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte.
+
+»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne
+doch vor Lernbegier.«
+
+»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried.
+»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die
+zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.«
+
+»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen
+schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.«
+
+»Hallo! Das ist aber stark ...«
+
+»Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefühl ... wie soll ich das
+sagen -- na -- als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch
+noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ...
+Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven
+sich ab ...«
+
+»Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist
+manchmal geradezu gepackt -- sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat
+ein frisches Gefühl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.«
+
+»Ach so -- Sie wissen doch, wie's heißt: Ich spürte das kleine, dumme
+Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.«
+
+»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut --« gab Wynfried eifrig zu.
+
+»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan
+Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der
+Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.«
+
+Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was für eine Art von Mann denn
+wohl Lohmann der Sohn sei ...
+
+Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde,
+hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer
+eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah.
+Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme
+schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er
+ließ sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht
+ernst. -- Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ...
+
+Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse.
+Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich
+zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich
+veranlagt war.
+
+Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem
+Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer
+Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.
+
+»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige
+Frau?« fragte er.
+
+Klara fuhr auf.
+
+»Ich? Nein --«
+
+Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte.
+
+Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf
+grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann.
+
+Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren
+gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem
+Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit
+des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen,
+in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des
+Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen
+durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun
+passierte.
+
+»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen
+Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten
+mußte.
+
+Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.
+
+»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie -- so wie sie als Kind
+vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie
+bezweifelte.
+
+Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.
+
+Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein
+retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien --
+Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie
+vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart
+aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich
+schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab --
+mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und
+rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen
+hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und
+Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten
+kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten
+hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine
+Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.
+
+Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform
+hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der
+schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich
+ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine
+Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,
+schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer,
+mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam
+vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine
+Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in
+die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich
+zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von
+Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,
+dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an,
+ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander,
+durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten
+Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser
+Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen
+hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich
+öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu
+entlassen.
+
+Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen.
+
+Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen,
+kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen
+Stücken, gleich großen Holzscheiten -- nur daß sie grau waren und rauh
+ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das
+Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.
+
+Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie
+herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß
+der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte
+sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- »Wenn ich
+liebe, kann ich alles!« dachte sie.
+
+Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen
+Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken
+kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand
+dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das
+Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen
+gesehen.
+
+Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen
+einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter
+grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes.
+Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben
+schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien,
+als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein
+Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen
+Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben
+glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens.
+Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie
+wunderbar sprechend -- weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein
+gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von
+wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den
+dürren Rainen trauern. --
+
+Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der
+verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte
+herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich
+einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine
+Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu
+Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel.
+Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es
+wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten
+sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der
+großen Flamme herangerissen.
+
+»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«
+
+Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte -- wie er es
+sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen,
+daß er klar und sicher vortrug. -- Daß Stephan Marning und Likowski voll
+Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das
+tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit,
+dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es
+gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte
+Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei.
+
+Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im
+bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas
+Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von
+blaugrauen Streifen quer überschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund --
+nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank.
+Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.
+
+Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es
+keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag
+der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der
+Arbeit.
+
+Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf
+des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen.
+
+Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin
+Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der
+Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies
+Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des
+Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur
+übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen
+aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier
+mußte von Maschinen getrieben werden.
+
+Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges
+Gesicht.
+
+Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe
+aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen.
+
+»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des
+Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein.
+Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte.
+Sie war so peinlich ...
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der
+Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schöne Frauen --
+sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem Öl der
+Schmeichelei ...«
+
+Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.
+
+Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die
+ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen
+Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie.
+Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich
+rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf.
+
+Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige
+Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz
+begleiten.
+
+Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre
+leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.
+
+Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah,
+bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu
+sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere
+Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein
+pulsierendes Dasein wie sie -- --
+
+»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan.
+
+»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß
+die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme
+und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen
+gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die
+sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie
+engagiert waren -- ihre Namen wußte man nicht.
+
+»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht?
+Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen
+Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche
+Mühen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere
+auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne
+Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschützt ist -- damit
+solche Dinge blühen -- uns groß machen. -- Ich hab' so'n Gefühl: wir
+stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier --«
+
+Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab
+stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der
+Hauptmann sich quälte. --
+
+Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur
+das der Arbeit -- auch das des Gefühls -- schweigend sich bezwingen --
+ja -- wer das muß ...«
+
+Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.
+
+Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch
+nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht
+damit.
+
+»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.«
+
+Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten
+Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten
+Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und
+Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende
+Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien
+liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und
+um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern
+unaufhörlich kühlende Wasser.
+
+Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe
+emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried.
+
+Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem
+Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete!
+Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natürlich über
+menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb
+interessant, halb schauerlich war.
+
+»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück.
+
+»Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das für den Umbau
+verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung
+gibt. -- Gase sich entwickeln --«
+
+»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen
+und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die
+koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten
+her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben
+angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit
+den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen
+einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen.
+
+Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das
+Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu
+machen.
+
+»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie.
+
+»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein
+zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt
+_diese_ uns heutigen Menschen.«
+
+»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der
+Generaldirektor.
+
+Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu
+stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf
+einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen
+trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die
+eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte.
+Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter
+lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen für den Guß der »Gänze«. In
+unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer
+Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen
+strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen.
+
+Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt
+-- wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich
+irgendwo sollte stauen wollen.
+
+Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie
+die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die
+Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie
+zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch
+vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin -- wieder
+und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten
+Händen den Eisenstab gegen den Verschluß -- berannten die Festung des
+Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von
+Sprühpünktchen -- und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort
+überhaucht, floß das glühende Eisen.
+
+Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo
+die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden
+Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der
+schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden
+Eisen -- das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt --
+eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde.
+
+Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab -- ein
+Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit
+Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde
+rollen sollte.
+
+Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. --
+Rauch wölkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Draußen,
+zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den
+blauen Abendhimmel.
+
+Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder
+Schönheit!
+
+Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit.
+
+Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender
+Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen
+Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur
+bezwingen! --
+
+Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.
+
+Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich
+verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit
+ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es würde, es sollte auch
+einst die Welt ihres Kindes werden ...
+
+Ihre Seele ward wieder froh ...
+
+Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen,
+denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war.
+
+Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten
+sich ihre Blicke.
+
+Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der
+gleichen Andacht erhoben seien.
+
+
+
+
+6
+
+
+Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem
+Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In
+dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu
+sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte
+sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen
+unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch
+fassen. --
+
+Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren
+Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel
+sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen
+Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ...
+
+Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn
+unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten.
+
+Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang.
+
+Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine
+Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten
+April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung
+des Geheimrats übernehmen können -- wie so oft, seit dieser an seinen
+Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt
+gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds
+Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin
+Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der
+Industrie für das Haus eintreten solle.
+
+Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu
+verschaffen -- noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich
+erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte
+wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater
+selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als
+wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der
+Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht
+Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken,
+erweckte die wohlwollendsten Gedanken.
+
+Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung
+Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin
+anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor.
+
+Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine
+Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich
+anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er
+habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen
+geschenkt.
+
+Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte
+interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus
+konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß -- nach
+Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er
+wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die
+Welt wartet ja noch auf dich. --
+
+Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau,
+diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu
+erheben ...
+
+Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried
+möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete
+Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und
+wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ...
+
+Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel
+daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der
+Industrie sich Zutrauen erwarb.
+
+Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und
+Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof
+hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt
+schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried
+depeschiere.
+
+Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn
+fern zu wissen. -- Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen,
+wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. -- Er hatte so wenig
+Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...
+Rücksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zärtlich, als seien sie
+wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch
+immer wartete. --
+
+Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die
+Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der
+zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wußte noch:
+als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht
+chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den
+leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen
+könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt.
+
+Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige
+Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April
+erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit.
+Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte
+die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten
+Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der
+Frühe.
+
+Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein
+Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.
+
+Feierliche Würde war in diesem jungen Tag.
+
+Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er.
+
+»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?«
+
+»Was soll das? -- Was willst du mit mir ...«
+
+»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam
+verstocktes Gesicht.
+
+»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ...
+irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl
+an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge
+-- nein gar keine. --
+
+Er zitterte ...
+
+Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche
+Aufregungen waren nicht für seinen Herrn -- und Nächte durchwachen, wenn
+man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu
+leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer
+zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im
+Gleichmaß hergegangen ...
+
+Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl
+und schob ihn rasch zum Lift.
+
+Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum
+Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ...
+
+Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar
+und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf.
+
+Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das
+Küchenpersonal, die Stubenmädchen -- fast als bildeten sie eine Gasse
+... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst
+von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,
+klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht
+der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen
+und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen
+Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte
+Weibswesen.
+
+Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer
+beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.
+
+Die Tür zum Schlafzimmer tat sich auf. --
+
+Da lag, im feinen, hellen Licht der Frühe, bleich ein Haupt auf weißen
+Kissen ... Und da lag ein Bündel, auch weiß, und aus ihm sah ein dunkles
+Fellchen hervor, ein ganz kleines Stück nur ...
+
+Leupold schob ihn an das Bett. --
+
+Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in
+heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren
+ein wenig zusammengerückt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der
+Schmerzen noch nicht ganz gelöst ...
+
+Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel -- und nun
+sah man: das Fellchen war dunkles Haar.
+
+»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie.
+
+Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ...
+
+Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem
+Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung.
+
+Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der
+wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ...
+
+Die große Männerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem
+Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als
+habe sie Heiligstes berührt -- so überfein und unfaßlich zart war das,
+was seine Fingerspitzen verspürten.
+
+Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er
+mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ...
+Und er küßte sie -- immer wieder -- von Dankgefühl übermannt --
+wortlos. --
+
+Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter
+Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und
+Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ...
+
+Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun
+lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu
+kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man
+wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei.
+
+An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift
+»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der
+Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen
+und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen
+Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet.
+
+Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte
+durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und
+Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.«
+
+Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder
+dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.«
+
+»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz
+erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.«
+
+Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein
+Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht.
+
+»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger
+Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten
+Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.«
+
+Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an
+der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte.
+Großfürsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am
+Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz,
+daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ...
+
+Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte,
+sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du
+bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf,
+ob du ein tüchtiger Mann wirst ...
+
+Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute.
+
+Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum
+Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige
+Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt
+werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder
+der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und
+ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon
+Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat
+er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu
+lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war,
+versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in
+befriedigenden Mengen anzubieten.
+
+Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden
+Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren
+Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen,
+seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er
+war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat.
+Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der
+Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben.
+
+Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja,
+dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter --
+und solche Zukunft!«
+
+Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich
+gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über
+Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur:
+Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?
+
+Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge
+Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O -- man hat doch stets
+den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...«
+
+»Angenehm -- angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch -- soll er
+wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich -- ich trau' ihm nich -- nee --
+wo das mal drinn steckt -- so 'ne Männer sind gerade wie die Gäule
+früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ -- wenn ein
+ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hörte,
+brannte er durch ... Warten wir's ab ...«
+
+»Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen --« sprach
+er.
+
+»Kunststück -- erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind
+mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab'
+ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch
+von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf,
+wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu
+schweigen -- warten -- aufrecht bleiben --«
+
+»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes
+Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir
+haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen
+-- ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach
+Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da -- es regt mich unersättlich
+an ...«
+
+»Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon:
+der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an --
+nee -- daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...«
+
+»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die
+Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die
+Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen
+taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am
+Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir
+eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch
+Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird
+schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom
+Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant
+ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär' ich nicht
+Offizier, möcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so
+bescheidenen Lohn ...«
+
+»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen
+Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...«
+
+Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher
+Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr
+wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat
+nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen
+wolle.
+
+Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause
+herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle
+Nerven.
+
+Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus.
+Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren
+neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen
+dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal
+schrillte.
+
+Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer
+Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen.
+
+Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die
+bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte
+es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause
+einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr
+durchlitten ...
+
+Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete.
+
+Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete
+nach dem kleinen Knebel neben der Tür -- das Licht an der großen Lampe,
+die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf.
+
+Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so
+viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller
+Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen.
+
+Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte
+fragen ...
+
+Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte
+Herr sprach: »Leupold -- du weißt es seit damals -- ich muß immer
+gerüstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das
+kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ...
+Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest --
+überhaupt noch dienen magst -- verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen:
+Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der
+jungen Frau und meinem Enkel gibst ...«
+
+»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen
+Lippen.
+
+»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab' so allerlei
+'rausgefühlt ...«
+
+Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah
+wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in
+ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell
+er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte -- den von Glück bebenden
+Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der
+kleine Severin Lohmann.« -- Da war doch auch über sein etwas
+vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie
+Rührung.
+
+Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und
+Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich
+auf mich verlassen ...«
+
+Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen.
+-- Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen
+Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der
+Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mußte der geliebten
+Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben.
+
+Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen.
+
+»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Fürsten. Denkst
+so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll
+zu -- -- -- na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen
+feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gnädige Herr' ...«
+
+Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den
+Kissen.
+
+So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen
+Lächeln. --
+
+Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs
+Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um
+sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.
+
+Klara hörte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel.
+
+Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst --
+in Enttäuschung. -- Niemals hätte sie genau sagen können, in was für
+Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere.
+
+Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen
+Daseins erwartet.
+
+»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte,
+hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der
+Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur
+konstruieren können, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die
+selber niemals ein Kind hatten.«
+
+Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine
+verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem
+Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stück
+hinzugewachsen ...
+
+Sonst hatte sich nichts verändert ...
+
+Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr
+eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich
+leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein
+Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins.
+
+Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war
+hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken
+könne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz
+zusagte ...
+
+Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen
+Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge
+verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrübeln ...
+
+Nun schrie die Hupe zweimal auf --
+
+Klara wurde erregt. Das sah die Wärterin und mahnte mit der
+bevormundenden Familiarität solcher Frauen in solcher Lage. »Sie wissen
+so viel mehr als die jungen Mütter, die ihre Schülerinnen werden, und
+das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen -- da werden sie naiv
+überheblich,« dachte Klara oft.
+
+Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara
+mit, und sich nur wichtig in allen Räumen des Hauses zeigte, kam herein.
+Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ...
+Die gute Alte trug das in einem neckischen, zärtlichen Ton vor, der
+Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. -- Klara sah
+an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedürfnis zum Frieden, so leicht
+rosige Phantasien und ein so kurzes Gedächtnis ... Und die alte Frau tat
+längst schäker- und schäferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach -- deren
+Grund sie doch kannte ...
+
+Die geraden Brauen über den dunklen Augen rückten näher zusammen --
+Klara sah nervös aus -- als schmerze sie etwas --
+
+»Ich möchte meinen Mann sofort sehen,« sprach sie etwas kurz.
+
+Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhänge hatte man
+zurückgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre
+Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell.
+
+Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, daß der Mann mehr
+unsicher, mehr verlegen war als gerührt und erhoben ...
+
+Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu -- neigte sich herab und
+küßte Klara --
+
+Sie sah ihn an -- tief -- tief. -- Er lächelte dem Blick zu, der ihm
+doch fast unbehaglich war ...
+
+Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis
+ergeben konnte. Und er küßte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand
+und streichelte leise ihre Wangen --
+
+Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rücksicht -- wie sie
+es immer gewesen war, und nicht anders ...
+
+Nein -- nicht anders ...
+
+Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben --
+
+»Willst du ihn nicht sehen?«
+
+Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit
+vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die
+Spitzenüberhänge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und
+lauer Wärme ein, der ihm gräßlich war, sah ein Stückchen Schädel mit
+dunklem Haar, schloß die Falten wieder zusammen und sprach: »Entzückend
+-- hoffentlich sieht er dir ähnlich -- ja -- so'n Baby -- das ist nun
+mehr was für Frauen --«
+
+Und dann: »Aber ich darf nur fünf Minuten hier bleiben -- die
+Lamprächtige hat es so befohlen ...«
+
+Er küßte ihr die Stirn.
+
+»Ich bin rasend stolz, daß es ein Junge ist -- und Vater ist ja wohl
+außer sich ...«
+
+»Ja,« sagte Klara, »Vater freut sich ...«
+
+Ganz einfach sprach sie das -- jedes große Wort, jede Aufwallung und
+Erschütterung blieb aus. --
+
+Es war sehr alltäglich ...
+
+Und die junge Frau war wieder allein. Sie schloß die Augen und drehte
+den Kopf zur Seite -- sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken.
+
+Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.
+
+Wenn auf Monate abergläubischen Hoffens fünf nüchtern-nette Minuten
+kommen ...
+
+Das macht das Herz still --
+
+Alles war dasselbe geblieben --
+
+Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf
+jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ...
+
+Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen
+Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden
+war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine
+pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit
+buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den
+schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich
+künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt.
+
+Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche.
+Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach
+gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren
+wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er
+fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über
+Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie
+konnte nicht kämpfen.
+
+Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren
+Verschiedenheit in großen Dingen. --
+
+Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds
+Wünsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war,
+einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie spürte: hier war es ihm ein
+Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen.
+
+Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in
+ihm nicht aufkommen.
+
+Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im
+Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit
+zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm
+noch angehaftet.
+
+Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der
+erfreulichsten Ausgeglichenheit.
+
+Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete
+Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine
+seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner
+eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen
+zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.
+
+Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe
+Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen
+Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein
+kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit
+Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es
+hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara«
+trug.
+
+Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen
+Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen
+Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum
+eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng
+haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren
+Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden
+und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen.
+
+Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote
+Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und
+Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln
+flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen
+marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze
+ein goldenes Band hatte.
+
+Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem
+Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des
+gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer
+regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das
+zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die
+gesunde Jugendkraft.
+
+Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der
+Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht,
+keiner verlockender scheinen als dieser.
+
+Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen.
+
+Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst
+gegen jetzt.
+
+»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt
+anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so
+gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich
+nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation
+-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt's
+ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß
+Wynfried die Erholung im Sport sucht.«
+
+»Ja -- gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach
+Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...«
+
+Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt -- obgleich -- Nein!
+Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine
+Gefahr mehr.
+
+Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr
+vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh --
+es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will
+durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar
+sein, daß er sie in der Natur sucht?«
+
+»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er
+gar nicht hören. -- --
+
+Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen
+Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des
+Hauses gefahren kamen.
+
+Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange
+fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe
+hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe,
+ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war
+beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck,
+daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter
+jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der
+Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer
+treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort
+nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine
+versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor.
+
+Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten,
+wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht
+glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe
+keine Hoffnung mehr.
+
+»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,«
+meinte Klara.
+
+»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren
+geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert.
+
+Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit
+Kälte zu strafen.
+
+Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre
+»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht
+einmal verlangt, es zu sehen -- merkwürdig!
+
+Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf
+daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu
+gar nichts nötig sei.
+
+Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssünde Agathen
+selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Täufling süß
+und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das
+festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm
+zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe.
+
+Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher
+glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr
+Haar habe er denn doch auch noch.
+
+Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler,
+unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön.
+
+Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich
+berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese
+Wundertiefen darin? ...«
+
+Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr
+kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen
+Händen festhielt.
+
+Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte
+Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge.
+
+Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des
+einen, der hier zu sprechen hatte.
+
+Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen
+die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im
+Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und
+Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.
+
+Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch
+der leuchtende Schein.
+
+Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste.
+Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem
+improvisierten Altar.
+
+Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann
+dies schnelle Schlagen.
+
+Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ...
+
+»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal.
+
+Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer
+Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen
+Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der
+Wohltat sich dafür hinopferte ...
+
+Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen
+Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas
+zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.
+
+Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie
+hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das
+große, sprechende Auge des Mannes.
+
+Sie erblaßten beide.
+
+Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt
+zu gehen.
+
+Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen,
+kein Sturm fassungsloser Aufregung.
+
+Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis.
+
+Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß
+fort ...«
+
+Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder französische
+Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man
+nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ...
+
+Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer
+Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt
+hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je.
+Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten
+sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf -- und der
+hieß: Entsagung.
+
+Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut
+herausschluchzen ließen.
+
+Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre
+weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...«
+
+Nein -- das lag ihr nicht.
+
+Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend,
+segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches
+Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch
+bezaubern werde.
+
+Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt
+werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und
+Gebüschgruppen.
+
+Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte
+schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht
+sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein.
+Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und
+die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der
+Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte.
+Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf.
+
+Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine
+Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts
+gezogen wurde.
+
+Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr
+beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört,
+und du selbst stehst fest noch mitten darin.
+
+Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder --
+darin war etwas gewesen -- was? Großer Gott -- was denn?
+
+Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?
+
+Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und
+der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr
+zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu.
+Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die
+Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer
+Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht
+in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und
+Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden
+und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen
+Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß
+Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht
+erworben habe.
+
+Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte,
+tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art
+freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten
+sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa
+beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja!
+Das konnte sehr lustig werden.
+
+»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche
+Geschmacksänderung?« spottete Likowski.
+
+»Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen
+einer Frauenseele.«
+
+»Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein
+schlechter Geschmack!«
+
+»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört.
+
+Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und
+sagte auch gleich -- weil er wußte, er half damit dem Kameraden -- daß
+es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so,
+daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der
+Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im
+Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind
+ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes
+Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in
+solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da
+hatte er keinen Sinn für Sport.
+
+»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich
+Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck
+ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen
+Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er
+anhält ... Das wär' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer
+gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war
+doch bloß so 'n Backfischstadium.«
+
+Alle hörten es.
+
+»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat
+mir noch gestern gesagt, er heirat' bloß, wenn er 'ne sehr gediegene,
+weibliche, schöne Frau kriegt -- --«
+
+»Na,« lachte Edith, »also grad' so 'n Mädchen, wie ich bin.«
+
+Und alle lachten mit.
+
+Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten -- es
+schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß
+sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie
+durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem
+Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton.
+
+Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte
+nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.
+
+Welche qualvolle Unerklärlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und
+ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von
+diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe
+horchend, das der alte Herr für ihn hatte?
+
+Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese
+nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ...
+
+Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen.
+
+Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem
+Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh
+zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an
+und fuhr hinauf.
+
+Der alte Herr war still. Nicht müde -- aber als sei er satt vom Tage. Er
+mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden.
+
+Da kam die junge Frau.
+
+»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was
+ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?«
+
+Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine
+Schulter.
+
+»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt' die Feier
+lieber im kleinen Kreis gehabt.«
+
+»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.«
+
+»O ja -- immer -- immer,« sprach Klara.
+
+Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange --
+lange.
+
+Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden.
+
+ * * * * *
+
+An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit
+Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein
+Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche
+überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit
+verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung,
+mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck,
+sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb.
+Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so
+oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich
+bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem
+bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre
+Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art
+mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine
+herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr
+Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht
+vorenthalten werden.«
+
+Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr
+Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste
+ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll
+küßte.
+
+Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden
+nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein
+leises, ironisches Lächeln.
+
+»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene
+Los erbitten?«
+
+Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es
+herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann
+von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer
+Tochter eine große Stellung.«
+
+Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre
+alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich
+darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration
+so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf.
+Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß
+ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig
+eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit
+bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle
+Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein
+natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und
+die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt
+habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie
+Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir
+würden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.«
+
+Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch
+deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die
+verletzt -- Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem
+Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude.
+
+»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie
+nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür
+kein Verständnis hätten -- wir brauchen selbst einen starken Posten
+Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An
+Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat
+gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu
+viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine
+Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben
+kann.«
+
+»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow
+kurz, ja schroff.
+
+»Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche
+ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!«
+
+Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem
+tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen.
+Brelow erhob sich auf der Stelle auch.
+
+»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich
+nicht für 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins
+darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu große Gewohnheiten haben
+noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah:
+daß mal Mitgiftjäger sich 'ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was!
+Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht
+als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh'
+ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten
+des Feldes ... Schön, sehr schön! -- Aber ich möchte denn doch, daß es
+die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich
+denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der
+Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich
+reden läßt ...«
+
+Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand
+bleich vor freudigem Schreck.
+
+»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine
+Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem
+dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen -- durchaus: keine Mitgift! --
+Bloß Hochzeitsgeschenk.«
+
+Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage
+innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die
+Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein
+Pläsier.
+
+Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung
+auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone
+kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon 'n Platz im
+Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so
+zusammengeläppert, daß Fräulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit
+kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir
+Ihren Posten.«
+
+Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat's
+natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift
+und so ...«
+
+Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort:
+»Sie lieben sich -- sie lieben sich! ...«
+
+Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden
+durften. -- --
+
+Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen
+Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die
+Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die
+freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute
+schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus.
+
+Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin
+Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß
+sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in
+erneuter Mannesschönheit aufblühte.
+
+Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried
+mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das
+väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand --
+als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch
+den Kern der Dinge, auf die es ankam.
+
+Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als
+halte Thürauf irgend etwas zurück -- das war sonst nicht seine Art.
+
+Er sprach auch mit Wynfried selbst.
+
+Der lachte.
+
+»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist
+was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert
+-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte:
+acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann
+man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?«
+
+»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken:
+»Gerecht bleiben!«
+
+Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte
+seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen
+mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde
+Frau -- ein Glück in der Ehe -- das hatte er doch?
+
+Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen
+dieser jungen Frau so rätselhaft.
+
+Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von
+Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief
+eingezeichnet, daß er nie mehr wich.
+
+So sieht das Glück nicht aus ...
+
+Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton
+weitersprach.
+
+»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich
+abhetzt -- rasche Entschlüsse fassen muß -- das prickelt -- -- Spannung
+und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Böe
+kommen -- es heißt Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an --
+Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man's haben, wann
+das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns
+vorbei -- dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.«
+
+Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht
+mit vorgebracht hatte.
+
+Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie
+war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich.
+
+»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein
+Unterschied. Arbeit ist kein Sport.«
+
+»Ich meine doch beinah -- wenigstens für uns, die wir's eigentlich nicht
+nötig haben.«
+
+»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.«
+
+»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt
+mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben
+haben.«
+
+»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater.
+
+Wynfried streichelte Klara das Haar.
+
+Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ...
+
+»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau
+in mir geweckt.«
+
+Klara lächelte freundlich.
+
+Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es
+nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen,
+großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an
+Worten?
+
+Fort -- fort -- Gespenster -- Grübeleien -- fort ...
+
+Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück.
+
+»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit
+gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so
+wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte
+Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es
+bewunderten.
+
+Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall --
+aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen.
+
+War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen?
+Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin
+ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte?
+
+O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit
+zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang.
+
+In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie
+nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« -- das war ja
+die junge Frau. --
+
+Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen
+Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...«
+
+Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in
+der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er
+legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.
+
+»Hast du Kummer?«
+
+»Nein, Vater.«
+
+»Du bist verändert.«
+
+Sie erblaßte.
+
+»Wie sollte ich es sein?«
+
+»Hast du über Wynfried zu klagen?«
+
+»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.«
+
+Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht.
+
+Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie
+erblaßte.
+
+Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem
+Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ...
+
+»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.«
+
+»Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,«
+sprach sie matt.
+
+»Aber wenn ... je ...«
+
+Da raffte sie sich auf.
+
+»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich!
+Sonst wär' ich nicht wert, dein Kind zu sein.«
+
+
+
+
+7
+
+
+Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot
+entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank,
+im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm
+Arm, stand sie und winkte schon von weitem.
+
+Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose
+Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote
+kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende
+Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des
+Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den
+ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte
+beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und
+ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der
+Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das
+schöne Wetter kehre. --
+
+Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte
+man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von
+Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden
+Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie
+immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart
+und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage
+mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden.
+
+Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak
+beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken,
+brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und
+das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den
+bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch
+häßlicher.
+
+»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da
+muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von
+Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr
+Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens.
+Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst -- -- na --
+und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger
+wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben
+-- ich bitt' um stilles Beileid ...«
+
+»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn
+auch nicht begleiten.«
+
+»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend.
+
+»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der
+Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts
+meine Frau von ihm weg.«
+
+Edith lachte.
+
+»O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mütter ...«
+
+Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde
+neckte. War's nicht, als würde man sie necken, weil sie atme?
+
+»Fanatisch -- das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als
+ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald:
+sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn
+-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da
+sei.«
+
+Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in
+Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten
+konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst
+täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen -- ihm
+Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in
+die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten
+Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im
+rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem
+nie abreißenden Hintereinander der Gefährte -- wie waren sie mühsam
+gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das
+Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem
+besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte
+wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur
+Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie
+hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes
+Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und
+beschäftigt hätte -- sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf
+neue Wege geleitet hätte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies
+unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem
+bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein
+konnte.
+
+Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr --
+deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke.
+
+»Aber nun fix!« mahnte Wynfried.
+
+Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins
+Gesicht.
+
+»Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bißchen matt aus -- ich fand es
+schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.«
+
+»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich
+etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.«
+
+»Schad',« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und
+Marning haben auch abgesagt.«
+
+»Was -- die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher
+Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer
+ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer.
+
+»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin
+Agathe und meine Frau mitsegeln würden.«
+
+»Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte
+das rothaarige Mädchen.
+
+»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara.
+
+»Na -- nu los. Und ängstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt
+-- es kann spät werden ...«
+
+Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren
+Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den
+drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck
+der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den
+weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch
+salutierten.
+
+Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann
+zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt
+stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen
+Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und
+Schunersegel waren noch gerefft.
+
+Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis
+Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg.
+
+»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith.
+
+»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet
+aussieht -- sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf -- die
+Amme sei nicht verläßlich.«
+
+»O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem
+Pathos.
+
+»Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes
+Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein
+nächtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.«
+
+Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in
+üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige,
+ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein
+breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von
+Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender,
+rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder
+unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange
+glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen
+Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf.
+
+Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander
+gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute
+aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in
+ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön
+geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise
+öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann
+irritieren könnte --«
+
+»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er.
+
+»Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...«
+
+»Ich?«
+
+»Na ja -- wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...«
+
+»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache,
+mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend.
+
+»Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau
+kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte
+Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne --
+aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ...
+
+Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei,
+den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen -- die Augen
+blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. -- Die Züge vornehm -- und
+das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und
+selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen.
+
+Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war -- ja, dieser Mann wäre in
+jeder Hinsicht für sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schönheit
+lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_
+Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte
+ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der
+einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so
+langweiligen Person verheiraten müssen.
+
+»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann
+ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll.
+
+Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade
+erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der
+überraschend scharf war, fühlte sie das gleich.
+
+Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ...
+
+Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge.
+
+»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?«
+
+»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.«
+
+»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.«
+
+»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie
+wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem
+Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das
+gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um
+anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier
+Mann -- denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.«
+
+»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.«
+
+»Sie sind durchaus normal.«
+
+»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das
+Lohmannsche Kapital. -- Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater
+ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes
+stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark
+Einkünfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die
+Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den
+Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie
+sozusagen von selbst weiter.«
+
+»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie
+das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen
+Mädchens.«
+
+Edith zuckte die Achseln.
+
+»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen
+hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen.
+So 'n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für
+Geld und Geschäfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt
+weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große
+Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man
+immer gedacht.«
+
+»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan
+haben. -- Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die
+Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel
+übertragbar sein soll.«
+
+Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte
+gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ...
+und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der
+zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein
+alternder und ganz eingearbeiteter Mann. --
+
+»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja
+'n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens
+Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem
+ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.«
+
+»So?« fragte Wynfried ungläubig.
+
+»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten
+-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich
+genier' mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen -- na, wen
+treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs,
+nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an
+dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen
+und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst
+belegt -- das wäre so in der Situation gewesen. -- Und was tat
+Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen:
+Vergißmeinnicht!«
+
+Wynfried lachte.
+
+»Wissen Sie, was ich tat?«
+
+»Bin gespannt.«
+
+»Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem
+Reitstock und improvisierte:
+
+ Ein Leutnant saß an dem Rain,
+ Er sammelte Vergißnichtmein
+ Und fügte sie zum Kranze;
+ Wie rührend war das Ganze.
+
+Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als
+Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.«
+
+Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben.
+
+»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?«
+fragte er.
+
+»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch
+sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders.
+Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a#
+bringen darf. -- Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem
+Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei.
+
+Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte
+sie selbst es auch.
+
+Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und
+faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des
+Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen
+waren.
+
+»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton -- aber um ihren großen Mund ging
+ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen
+können -- der ist ja #hors de concours# ...«
+
+Und ihre Augen sprühten Funken -- zu ihm hinüber. -- Daß sie ihn meinte,
+war zu fühlen.
+
+Er sah sie an, lächelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle
+Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren.
+
+Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen,
+das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen
+Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natürlich
+nicht an ...
+
+Sie machte ihm aber Spaß -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand
+und keckster Herausforderung.
+
+Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten
+umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um
+ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen
+her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise
+geraten war.
+
+Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes
+Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten.
+
+In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« -- die hatte so wenig mit
+dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.
+
+Eine Sache gänzlich für sich -- --
+
+Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres
+fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer
+Bewegung in sich aufsteigen ...
+
+Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß
+der Pfiff des Motorboots sie.
+
+Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die
+roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das
+Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft
+hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem
+Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur
+Stelle und erwartet ihre Gäste.
+
+»Ach -- wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie -- die Baronin muß schon
+im Bootshaus gewartet haben.«
+
+Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken
+Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher
+Fahrt heran.
+
+Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und
+Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand
+für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches
+Ziel.
+
+Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse
+Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«.
+
+»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im
+Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle.
+Keine Spur von Selbstkritik.«
+
+»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe
+ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten
+angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll -- noch nicht mal
+Rubens ...«
+
+»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total
+anderen Geschmack als wir ...«
+
+Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier.
+
+Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war
+denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu
+ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene
+Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen
+Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der hätte
+auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken
+können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst
+kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links
+unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war.
+
+Wynfried dachte: entzückend. -- Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich
+in jedem Blick, jeder Bewegung.
+
+Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit
+einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine
+Rarität unbefangen genau anstarrte.
+
+»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das
+verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht -- paßt sich denn
+das überhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?«
+
+»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara läßt Sie
+vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes
+Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig
+schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet
+ist,« sagte Wynfried.
+
+Agathe sah ihre Gerwald an.
+
+»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden
+Ton.
+
+»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck.
+
+Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher
+Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte
+eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede
+dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir
+konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel
+Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde
+von Bord ging.
+
+Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe
+Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das
+abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders
+schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein
+leiser, schmerzlicher Stich. --
+
+Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen
+hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie
+abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie
+winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas
+großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze
+zu ihr hin.
+
+»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So
+eingebildet und dreist.«
+
+»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald
+hinzuzufügen.
+
+»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und
+temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.«
+
+»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz
+anderen Geschmack als wir.«
+
+Nun hieß es erst einmal Tee trinken.
+
+Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der
+Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische
+Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator
+elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse.
+
+Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand
+mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafür hatte Klara
+gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere.
+
+»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau -- zu gut
+für mich.«
+
+Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß
+das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte,
+bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer
+Fahrt über die Wogen dahin.
+
+Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie
+prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von
+Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste
+scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des
+mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser
+glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit.
+
+Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens.
+
+Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen
+Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen,
+fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete
+köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die
+runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher.
+
+Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum
+Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die
+weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte
+des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem
+»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau
+und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge
+umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise
+spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben
+erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.
+
+Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in
+eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen;
+und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag
+die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.
+
+Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und
+den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer
+patriotischen Musik von dort herschwirren.
+
+Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts
+-- entgegen den aufkommenden Jachten.
+
+Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe
+Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich
+zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen
+dahingleiten konnte.
+
+»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!«
+
+Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte
+Klara diese Stunden nicht miterlebe.
+
+Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern
+und Raunen -- es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es
+die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von
+Dummheit -- als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und
+brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne
+bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise
+Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel
+bluffte.
+
+Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den
+roten Sweatern sprangen -- der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte
+-- die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am
+Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte
+sie auf. -- Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder
+der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der
+Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch
+durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im
+Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in
+kürzeren Schlägen.
+
+Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß
+niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward.
+
+Sie mochten kaum sprechen.
+
+Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von
+Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte
+und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder
+flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne
+erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von
+allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues
+Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern
+aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und
+ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber.
+Die Gerwald saß neben Wynfried.
+
+Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein
+höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war,
+weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. -- --
+
+»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald.
+
+Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man
+weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen.
+
+»'Meteor' und 'Germania',« sagte Wynfried.
+
+»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen -- stick
+Nordost. -- Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde
+zuhalten können.«
+
+»O -- schon zurück?«
+
+»Erst wenn Sie wollen. -- Für ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara
+hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflügel -- sonst
+noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat
+kochen.«
+
+»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus
+-- bis ganz nach Fehmarn!«
+
+»Mir ist's recht.«
+
+Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald
+als Segel -- rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen
+Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen
+Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran --
+kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.
+
+Das war herrlich zu sehen. -- Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um
+die Kaiserliche Jacht zu grüßen.
+
+Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln
+schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die
+blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper
+und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze -- der
+»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten
+wieder.
+
+Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten --
+kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem
+blauen Hintergrund des Himmels.
+
+Fülle des Lebens. -- Fülle der Freude.
+
+Und Agathe seufzte schwer.
+
+»Nun?« fragte Wynfried.
+
+»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im
+Herzen weh.«
+
+»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?«
+
+»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an
+gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine
+Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen
+heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines
+verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber
+darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten,
+sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle
+Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem
+Motorboot hätt' ich mich herauswagen können -- dazu ist es zu klein ...«
+
+»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.«
+
+»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich
+ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und
+ich muß wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es
+nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine
+Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man
+immer im Schock ist ...«
+
+Das wußte Wynfried noch. Früher -- da war er seinem Vater auch lieber in
+scheuer Ferne aus dem Weg gegangen.
+
+Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach
+seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters
+Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte.
+
+Wie weit und unbegreiflich lag das zurück.
+
+Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von
+dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte.
+
+Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den
+eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau.
+
+Aber er war nicht eifersüchtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde.
+Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm
+selbst mehr ab -- als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes,
+die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn,
+den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- würde eine beständige
+Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war
+vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau
+und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie
+ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte
+Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich
+ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede
+Lage mehr beherrschen würde.
+
+Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie
+schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich
+niemand einen Begriff.«
+
+»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried.
+
+»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit.
+
+»Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schön -- verzeihen Sie, aber
+diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so
+wundervoll schön -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller
+Herzensgüte -- die muß und wird Liebe finden -- keinen 'Käufer' -- nein,
+einen leidenschaftlich liebenden Gatten.«
+
+Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb
+bekümmert an.
+
+»Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir
+ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.«
+
+Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als
+ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen
+mehr ausspricht, als geschmackvoll ist.
+
+»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige
+vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten
+unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel.
+
+Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost
+zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen.
+
+Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte
+sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem
+unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt,
+daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue
+Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am
+Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt.
+
+Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden.
+
+Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz
+gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.
+
+Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. -- Aber
+Agathe errötete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen.
+
+»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!«
+
+Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf
+Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob,
+daß da gerade Fehmarn war ...
+
+Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen
+Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen
+Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der
+Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig
+pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf.
+
+Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede
+etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von
+kluger und sehr feiner Kunst hingemalt.
+
+Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne,
+die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der
+schmale Fehmarnsund.
+
+Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am
+Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten
+Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf
+aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn
+Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen?
+-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam
+man nach Haus? Großer Gott -- es konnte sehr spät werden. --
+
+Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen
+Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben.
+
+»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut,
+»dafür bin ich Ihnen so dankbar.«
+
+»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres
+Gemüt zu erhellen.«
+
+»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich
+besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich
+lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie
+sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß
+Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.
+
+»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen
+etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer
+Freundin ...«
+
+»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe.
+
+»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht -- Sie sind doch
+Freundinnen -- hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?«
+
+»Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich
+bewundere es.«
+
+Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd:
+»Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe
+mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns
+gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als
+ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es
+möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte
+mich verraten ...«
+
+Agathe preßte seine Hand.
+
+»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?«
+
+Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man
+von ihm geliebt sei ...
+
+Er erwiderte dankbar den Händedruck.
+
+»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel
+wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige
+moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelänge es Vater
+freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf -- als
+spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen
+Geschichten. »Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich
+verliebt -- man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten
+Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne
+schwesterliche Hingebung für mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen
+Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.«
+
+»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein
+... Ich wollte sagen -- es hätte tragisch werden können ...«
+
+»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige
+Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte
+nicht, daß ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie
+das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen
+meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun
+glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in
+Frieden. -- Wie hätt' er sich sonst daran verzehrt ...«
+
+»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf
+unbestimmte Art ernüchtert.
+
+Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn
+Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an.
+
+»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den
+holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam.
+
+Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer
+Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter,
+steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese
+Zwangsvorstellung entschied.
+
+Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen
+Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht.
+
+»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt,
+als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male
+in ihrem Leben auf.
+
+Agathe erwachte ...
+
+»O -- wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt.
+
+»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf
+vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...«
+
+»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die
+Gerwald.
+
+Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind
+flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich
+langsame Rückfahrt.
+
+Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter,
+schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab
+eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten
+Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die
+Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen
+tüchtig zu.
+
+Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder
+gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras
+Wohl trinken!«
+
+Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau. --
+
+Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt -- seit
+drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen
+Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. -- Rührung erfaßte
+sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
+Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein
+schäumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer
+Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds.
+
+Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja
+doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz
+anderes Wesen bekommen hätte -- gleichsam als habe eine Zauberhand über
+sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden,
+sprühenden Ausdruck gegeben?
+
+Ja -- Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt
+-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurückgekehrter, der lange
+verbannt war -- so dergleichen -- er wußte selbst nicht, wie ihn das
+ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz
+durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie
+Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. -- Ach, was gab es denn
+Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich
+Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren
+Worten. --
+
+Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ...
+
+Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer
+gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende.
+
+Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht
+mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo
+der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie
+nieder und fand Lehne und Halt.
+
+Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften
+Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und küßte sie und
+legte sie ihr in den Schoß zurück.
+
+»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man
+gelitten hat.«
+
+»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach
+Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte,
+erzählen Sie nichts davon -- mir ist, als würde ich zu zornig werden. --
+Es gibt nur eins: vergessen!«
+
+Sie redeten sehr leise miteinander.
+
+»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es
+ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu
+straft, was man einmal verbrach ...«
+
+»Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie können keine Schuld auf sich
+geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu
+tun.«
+
+»Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier --
+aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich weiß selbst nicht,
+wonach -- nach Liebe, oder nach Glück -- oder nach Geheimnis -- ja, aus
+Unkenntnis kann man fehlen.«
+
+»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen.
+Erfahrene Herzen urteilen anders.«
+
+»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie,
+woran doch auch sie die Schuld trugen.«
+
+»Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe
+alles --«
+
+Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.
+
+Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm -- stockend -- in immer
+wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.
+
+Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glänzte in der Nähe
+schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den
+Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf -- von
+der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und
+backbord ein grünes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt
+und schwebten über der Tiefe.
+
+»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe.
+»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Französisch und
+Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch
+hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat
+große Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich später
+-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft
+sichern. Und mal 'ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste
+Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und
+Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir
+herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine
+Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwünschter Anhang da
+sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position
+ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man
+muß erst sehen, wohin man gelangen kann.«
+
+»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«
+
+»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß
+erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte
+ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir
+haßten uns.«
+
+»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte,
+sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist
+_das_ Parfüm.
+
+»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen
+den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst
+hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah
+oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grüßten -- wenn
+ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich bloß meinen
+Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich
+Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden -- dann mußte ich
+hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...«
+sie stockte.
+
+Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde
+Frau ...
+
+»Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen
+Schnurrbärtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa
+sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam --
+wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero
+schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um
+die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit
+einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken.
+Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen
+heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe
+und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo
+es wohl sein könne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde
+vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer
+werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so
+fing es an.«
+
+Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und
+erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen
+von damals.
+
+»Wir trafen uns -- hinter Zäunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen
+und Lagerhäusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein
+-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar
+Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die
+Seine werde.«
+
+Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße
+Erinnern.
+
+»Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus --
+jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur
+eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Miß Brown war sehr leidend --
+benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh
+schlafen zu gehen -- es war ein so schwüler August. Ich starb vor
+Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. --
+Ich wußte ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig ...«
+
+Sie erschauerte. -- Sie flüsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre
+raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien,
+die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen.
+
+»Ich hab' es nie begriffen -- nie -- daß das schlecht von mir gewesen
+sein sollte -- so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein --«
+
+Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner
+Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.
+
+»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit
+ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange
+gemerkt -- wie hätt' ich daran denken können? -- Und dann gab es einen
+Zustand -- o Gott -- ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden.
+-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Miß Brown flog hinaus -- und
+'er' schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er
+mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur
+spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit
+ihm hinausziehen und betteln. -- Dafür hatte Papa nur ein schreckliches
+Gelächter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied
+nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika
+-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier,
+fünf Jahren gehört. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei
+Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben --
+man weiß nicht, wie man es machen soll --«
+
+Sie seufzte.
+
+»Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich
+müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste -- das
+einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil
+ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte:
+vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als
+das, was ich zu Haus gehabt hätte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen
+Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in
+Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die
+Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.«
+
+Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.
+
+»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes
+Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl -- böse Menschen flüstern noch
+immer allerlei -- und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen
+schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. -- Aber von wie
+vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und
+Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt
+habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glückseligkeit erfahren
+-- geliebt zu sein ...«
+
+Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.
+
+Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung --
+
+Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die
+ihren zu einem verzehrenden Kuß ...
+
+ * * * * *
+
+Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht
+hinaus.
+
+Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie
+Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal
+auf. -- Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel
+Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen
+zuzumachen.
+
+Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides
+-- Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte --
+Sorge vor schrecklichen Kämpfen.
+
+Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast
+wie Brangäne vor.
+
+Märchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt
+-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den
+Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der
+Himmel.
+
+Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus
+ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. -- Und drüben
+Travemünde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das
+Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.
+
+Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß,
+und schreckte sie auf.
+
+Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. -- Er
+schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. --
+Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle,
+und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen
+wartete ...
+
+Große Unruhe entstand an Bord.
+
+Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab,
+sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer
+Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. --
+
+Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da
+und gab Befehle.
+
+Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem
+Sitzplatz -- in seligem Lächeln sinnend.
+
+Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die
+Treue wußte -- dies verband sie beide auf immer.
+
+Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte
+Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte
+über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte
+Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach
+Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ...
+
+In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei
+Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ...
+
+Was denn? Ja -- ganz gewiß. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die
+Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwärts dampfte und
+schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte
+er einen furchtbaren Knall von dorther gehört.
+
+Wie von einer Explosion ...
+
+
+
+
+8
+
+
+Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In
+allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in
+Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit
+darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte
+gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags
+herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie
+setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen
+nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara
+natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage
+verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich
+darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute
+wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski,
+der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen
+Einladung, der er nicht folgen könne.
+
+Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit
+ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der
+Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den
+Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück
+erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn
+sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der
+Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das
+Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung
+gestört gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und
+die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen.
+Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter
+den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen
+Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen
+Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin
+Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem
+Kleinkram ihres engen Lebens.
+
+Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es
+noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann,
+ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«
+
+Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging,
+fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit
+erhoben. Woher ihr die kam -- sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer
+wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und
+jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr -- sie
+vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine
+äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen.
+
+Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes
+nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte
+sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja
+all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz.
+Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön --
+fast, als sei es weniger -- mühsam. --
+
+Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme
+fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner
+einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen
+hinab.
+
+Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr
+auch. Er fuhr auf und wurde rot.
+
+»Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich
+kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau
+recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«
+
+Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten
+Ärmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der
+anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang -- in diesem allerersten
+zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß
+selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold
+erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde.
+
+Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu
+sprechen.
+
+»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn
+Geheimrat ähnlich ...«
+
+Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste
+Kind, das ich je gesehen habe ...«
+
+Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann
+hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und
+bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte
+ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den
+Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.
+
+Ja, so kleine Händchen können viel.
+
+»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung
+ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht
+zusammenfügen ...«
+
+O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! -- Und warum nicht? Es gibt doch
+Gefühlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schönes davon. Und was die
+Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. --
+
+Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am
+Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster
+geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug
+ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren
+Ekel davor.
+
+»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara.
+
+»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die
+Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen
+will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge.
+Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat
+sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik
+will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus
+Harburg zu erwarten.«
+
+»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert,
+daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine
+Pröbchen zu Füßen legen könne.«
+
+»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen
+ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung.
+Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen
+und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht
+noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge
+Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse,
+billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt,
+muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.«
+
+Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf
+welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und
+konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man
+niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste
+kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer
+sechs.
+
+Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die
+Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe,
+die Klara heimlich bewunderte.
+
+»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern
+selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja
+sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.«
+
+Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus
+Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war.
+
+»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.
+
+Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig
+hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn
+beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war,
+verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er
+konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit
+Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war
+auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das
+ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war,
+adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als
+eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können -- jene verborgensten,
+geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller
+Erklärbarkeit liegen.
+
+Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in
+seinem brüchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten
+Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der
+Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried
+sich nur behaglich fühle ...
+
+Er sprach zu der eifrig Hörenden.
+
+»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines
+blinden Nationalismus überall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem
+eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes
+zuwiderlaufen. -- In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden
+große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der
+wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine
+Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese
+Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer
+groß. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine
+Arbeitskräfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte
+und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das
+Rohmaterial abzunehmen imstande wäre -- und sie könnte auch niemals in
+einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen
+zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer
+-- es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die
+Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der
+Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig
+Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig -- stell dir
+das mal vor ...«
+
+Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art
+vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen
+soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in
+dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je
+sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und
+sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und
+Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin
+der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte
+lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen
+Vortrag zurück.
+
+So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr,
+davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse.
+
+»Wenn du sagst 'man', meinst du mich,« scherzte der Geheimrat.
+
+»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten
+-- aber nur bis Mitternacht -- später könnt's ihm eher bedrückend als
+erfreuend sein.«
+
+»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der
+Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...«
+
+Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen
+Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um
+beim Zubettgehen zu helfen.
+
+Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mündete in der Nähe
+des Eßzimmers auf die Diele.
+
+Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den
+Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele
+aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit
+geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein.
+
+Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl.
+
+»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf
+die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte
+den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze
+Dickicht des Parkes.
+
+Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser
+große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer
+und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein
+überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer
+Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem
+Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und
+seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so
+aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen
+und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne.
+
+Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren
+des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr
+hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und
+ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der
+Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem
+beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön.
+
+So ließen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares --
+grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder
+Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschütterung war so
+groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging.
+
+Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie
+konnte nicht einmal schreien -- --
+
+»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. -- Und er saß und war
+gefangen ...
+
+Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewöhnliches --
+vielleicht Furchtbares.
+
+Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei
+Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in
+der Lähmung des Schreckens.
+
+»Durchbruch?« sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt
+wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein.
+
+Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten.
+
+Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte
+hinüberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu
+formen.
+
+Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie.
+
+»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße
+Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.
+
+Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen,
+federnden Schritten.
+
+Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen
+kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in
+ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch
+von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das
+Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die
+dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als
+hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die
+weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu
+erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer,
+senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um
+ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die
+Wagen zu entleeren.
+
+Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern
+und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von
+schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen
+aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand
+dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der
+dunklen Landschaft.
+
+Ein Blick -- in solcher Angst -- erfaßt in Sekundenschnelle viel -- die
+nächste Sekunde änderte das Bild.
+
+War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien
+zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine,
+durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen
+gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch
+der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht
+zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher
+erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weißer,
+dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles.
+
+Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strömten Menschen
+heran. -- Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer
+Ruhe riß -- verängstete Frauen.
+
+Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es
+der Tochter und Gattin der Herren zurufen?
+
+Klara stürzte vorwärts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von
+Männern.
+
+Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden,
+wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. -- Ergoß sich ein Lavastrom
+aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse
+her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die
+Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte?
+
+Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer
+durchfressen.
+
+Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten,
+machten sie allen Gasen freie Bahn.
+
+Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine
+und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr
+nach.
+
+Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedärm von fließendem Feuer
+nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd
+ergoß.
+
+Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge.
+
+Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem
+weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. -- Und doch hieß es
+eingreifen -- größerem Unglück vorbeugen -- von all den maschinellen
+Betrieben des Werkes Störungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen
+und Rohre vor der Schmelzglut schützen -- die fließende Lava aufhalten.
+Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den
+Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.
+
+Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von
+Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor --
+berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschluß zerbreche.
+
+Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. --
+Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der
+Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten.
+
+»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.«
+
+»Alle fort -- Thürauf -- mein Mann --« stammelte sie.
+
+»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig.
+
+»Nein -- ich bleibe ...« Sie stand ja sicher.
+
+Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem
+Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.
+
+Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch
+trieben, klangen durch die Wirrnis.
+
+Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.
+
+Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang,
+sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese
+schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein
+nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die
+herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein
+Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des
+Vordermannes traf.
+
+Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner,
+dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit
+emporstieg.
+
+Auch die junge Frau schrie auf -- sie drängte sich durch die Männer --
+sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast
+Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging
+der Weg -- durch Qualm und gasige Dünste -- und da war das kleine
+Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschränken alles, was
+einem Verunglückten wohltun kann.
+
+Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt
+kam, als er über den Knall erschrak.
+
+Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem
+braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen
+auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich
+dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.
+
+Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag
+fliegen.
+
+Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen
+liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken
+abwischte, um klarer zu sehen.
+
+Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters --
+ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute
+Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum
+Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je -- seine
+Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden
+Weibes.
+
+Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem
+nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten
+Fleisches auf. --
+
+Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit
+lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen
+die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen
+Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen
+Arbeiterfäuste.
+
+Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die
+Wohltat des Verbandes spüren -- und vielleicht kam die Schwäche -- jene
+Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste
+Milderung erlösend empfinden.
+
+Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem
+noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der
+jungen Frau.
+
+Und es war, als sprächen sie zusammen.
+
+Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft.
+
+Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht.
+
+Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen
+nahe bringen.
+
+Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.
+
+Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem
+Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich
+Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ...
+
+»Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals über dich erhoben --
+hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch
+wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem
+Leben -- verzeih, daß du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei
+tapfer -- bleib mutig --«
+
+So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten
+Hände zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben?
+
+Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage.
+
+Er sprach fest: »Ich hoffe.«
+
+Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst
+in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine
+männliche Fassung fast zerbrach.
+
+Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte,
+ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie
+seine Schläfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn.
+
+Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und
+in innigem Trost.
+
+Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von
+wilden Schmerzen verzerrte Stirn.
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann
+von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning,
+noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch
+aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen
+hinaus ins Dunkel der Nacht.
+
+Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt.
+Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski
+sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit
+stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh
+vier Uhr begann eine große Marschübung. -- Also: gute Nacht --
+
+»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte
+Marning, während er seinen Säbel umschnallte.
+
+»Na ja, und ich dank' Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie
+mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn
+Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit
+Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen,
+nach der Art unserer Absage, daß bei mir 'n großer Kommispekko für
+Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien
+fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.«
+
+»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning.
+
+»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen!
+Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mögen ihn nu mal nich' können
+wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich
+zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher
+Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang 'n Lebejüngling
+war -- nu -- über so was wächst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich
+kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist
+mir auch zu schön.«
+
+Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. -- Und ihm wurde
+auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und groß -- von
+dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in
+Stücke.
+
+Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke.
+
+Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher
+anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder
+gar auf »Severin Lohmann«?
+
+Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer
+auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte
+er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von
+beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem
+schwarzen Nachthimmel?
+
+Nein, nicht wie immer -- da stiegen weiße Wolken -- kochte Dampf auf.
+
+»Ein Unglück. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der
+dritte soll sich bereit halten ...«
+
+Der Ruf: »Vollert -- Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche
+polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab.
+
+Sie griffen nach ihren Mützen und liefen.
+
+Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte,
+und man sah eine weißbekleidete Schulter.
+
+Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen.
+
+»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben
+brauchen. -- Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was
+los ist -- aber immerzu --«
+
+»Nun -- anbieten müssen wir's --«
+
+Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch
+aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich
+mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte.
+
+»Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich
+bereit halten. -- Laufschritt zur Fähre -- drüben ebenso nach 'Severin
+Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. -- Die
+beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren -- zum
+Nachrichtendienst. -- -- Wir laufen voraus ...«
+
+Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre
+führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder.
+Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl
+nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in
+Hosen und dem blauen Hemd.
+
+Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er
+selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer
+Einwand: »Herrjes -- in Büxen?« half ihm nicht.
+
+»Wat -- Büxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!«
+
+Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne
+Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr
+los.
+
+Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der
+dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle
+Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in
+großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der
+Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe.
+
+Sie schwiegen.
+
+Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen:
+weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das
+junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück.
+
+»Gottlob!« dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu
+begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte.
+
+Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die
+die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun
+das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im
+Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten
+von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin --
+neben ihm stand Leupold Wache.
+
+»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex.
+
+Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu.
+Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin
+Lohmann« begann.
+
+»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. -- Und dieser Kerl
+weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter
+zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht -- --«
+
+Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und
+darf ich Herrn Geheimrat verlassen?«
+
+»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!«
+
+»Sie ist drüben -- Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden --«
+
+»Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier
+sein. -- Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...«
+
+»Oh -- unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns
+nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann
+verunglückt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung
+auf zwei, drei Wochen -- ich weiß noch nichts Genaues.«
+
+Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal.
+
+»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten -- da darf ich
+nicht 'rein.«
+
+»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...«
+
+Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging.
+
+Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und
+Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht.
+
+»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an
+-- vielleicht halt' ich sie noch auf --«
+
+Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach,
+während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem
+früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging.
+
+Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in
+schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand.
+
+Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen --
+allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der
+Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so
+rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf
+vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn
+Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen
+auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es
+gekannt hätten.
+
+Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende
+Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe -- viel von diesem weißen
+Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren,
+zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen
+her, glänzte unheimlich über das Gelände hin.
+
+Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem
+Verunglückten beistand, mußte sie dort sein.
+
+Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen,
+mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von
+der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit.
+
+»Wir sollen ihn 'rüber bringen,« sagten sie.
+
+In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den
+vollkommenen Einrichtungen.
+
+Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil
+die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im
+Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun.
+
+Er öffnete die Tür.
+
+Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: -- Da drinnen
+kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des
+Verunglückten. -- --
+
+»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an -- aber leise, -- leise --
+schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon
+telephoniert -- alles bereit drüben.«
+
+Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen
+zusammengebissenen Zähnen hervor ...
+
+Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last
+davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die
+zusammengepreßten Hände an der hellen Wand.
+
+Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm
+Stephans.
+
+Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! --
+Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verläßt -- dem
+Tode aus 'm Rachen reiß' ich ihn. -- Ja ...«
+
+Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben.
+
+»Edle Frau,« dachte er -- »edle Frau --«
+
+Sie hörte ein Geräusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie
+brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen --
+das Geheul des armen Menschen -- und der betäubende Geruch -- Jodoform
+-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der
+Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie
+auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie
+Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung.
+
+Und erschrak -- und erglühte. --
+
+Sie starrten einander an. -- Auch er von ihrem Schreck ergriffen. -- --
+
+Sie faßten sich ... Mit all ihrer Kraft.
+
+»Gnädige Frau,« sprach er sehr förmlich, »Ihr Herr Schwiegervater
+beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.«
+
+»Danke,« sagte sie mit kaum hörbarer Stimme -- wie eine Zerstreute war
+sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; »danke -- ja -- Vater --«
+
+»Er war in großer Angst um Sie.«
+
+»O -- keine Ursache -- gar keine ...«
+
+Sie ging auf die Tür zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf
+und schritt hinaus. -- Er folgte ihr. -- Draußen waren ein paar Leute --
+sie wichen ehrerbietig zurück.
+
+Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Füßen, schwankend, im
+beschmutzten weißen Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel --
+das Haar zerzaust -- das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen
+Linien durchzeichnet -- da hätte man sie wohl eher für das Weib des
+Verunglückten halten können als für die Herrin dieses Werkes.
+
+Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fühlten es: der Schlag, der
+einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau
+mitbetroffen.
+
+Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an ...
+
+»Ich darf Ihnen meinen Arm geben,« sprach er. »Sie können ja kaum ...«
+
+»Eine Minute ...« flüsterte Klara.
+
+Nein, so nicht vor den Vater treten -- er würde sich entsetzen. --
+Fassung -- Haltung ...
+
+»Eine Minute,« sagte sie noch einmal.
+
+Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der
+auf die Straße mündete. --
+
+Da, zwischen den ragenden Wänden der hohen Büsche, die ineinander
+verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwällen
+sich hinzogen -- da war Ruhe. -- Die Sommernacht wohnte hier -- und die
+schwarzblaue Höhe droben über allem Irdischen tröstete. -- Vom Werk her
+kam ein blasser Schein. -- Sie konnten einander deutlich erkennen --
+jeden Zug der Angesichter.
+
+Sie strich sich über die Augen -- mit schwerer Hand.
+
+Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an -- lange.
+
+Und langsam kam das Entsetzen über sie.
+
+»Nein ...« stammelte das junge Weib -- »nein ... nein!«
+
+Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus ...
+
+Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glück, gleich
+rasender Verzweiflung aufging. -- Nicht wissen, nicht hören, was die
+seine betäubte ...
+
+Stark daran vorüber! --
+
+»Eine Frage,« sprach er leise -- kaum seiner Stimme mächtig -- »eine
+Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit muß
+ich hören! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ...
+Warum haben Sie ihn geheiratet --«
+
+Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage
+an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mußte.
+
+Sie faßte sich.
+
+»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn
+Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns
+getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Würde seine
+Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn
+um Hunderttausende geschädigt -- sich erschossen. -- Und er hat den
+Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter
+ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...«
+
+Er hörte -- und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung.
+
+»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau --« ein
+halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. -- --
+
+Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll
+Entsagungen.
+
+Aber er nahm ein reines Bild mit.
+
+Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe,
+die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ...
+
+»Ehen lassen sich lösen --«
+
+Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich
+zu einem dumpfen Getön -- gedämpft, zuweilen fast sanft.
+
+Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit
+allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich
+die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
+ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der
+dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« --?
+Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
+Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und
+gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie
+nicht wie ein tröstliches Lied?
+
+Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre -- ich
+höre ...
+
+Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich
+lösen --«
+
+»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte
+zerbrechen ...
+
+»Ich wußte, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht
+nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer
+sein wird. -- Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater
+verließe und mein Kind ...«
+
+Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin. --
+
+Er begriff, es hieß: Lebewohl!
+
+Er nahm die Hand und hielt sie lange.
+
+So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Und sie gaben einander durch diesen festen Händedruck den Mut und die
+Würde, in Reinheit zu entsagen.
+
+Dann löste sie ihre Hand aus der seinen -- schonend -- leise.
+
+Und er ging. -- --
+
+Einige Minuten später schritt Klara mit müden Füßen langsam die Straße
+dahin, zurück nach dem Hause.
+
+Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt.
+
+»Da schickt der Herr den Jochen hin,« zitierte er. »Wo ist der Marning,
+der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll.
+Der alte Herr is was nervös -- o jeh. -- Na und Sie, Frau Klara ...«
+
+Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Füßen
+und gleiche einer Nachtwandlerin.
+
+In seiner väterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ...
+Sie konnte nur schweigen. --
+
+»Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt -- ich hab' einfach selbst
+den Stuhl geschoben. -- Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaßen
+wiedersieht --«
+
+Ja, da war er dann auch ruhig -- er streichelte Klaras Hand und sah sie
+an und fand ihr Gesicht blaß und scharf. -- Aber er schalt nicht. -- Er
+dachte sich wohl, was ihr Gemüt erschüttert hatte. -- Auch ihm, dem
+Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der
+Riesenfaust des Eisens und des Feuers.
+
+»Mein Kind!« sagte er nur zärtlich, »mein Kind!«
+
+Und dann fragte er noch: »Wird er leben bleiben?«
+
+»Sylvester hofft es.«
+
+»Ist es ein Verheirateter von Severinshof?«
+
+Klara wußte es nicht.
+
+Da mischte sich Leupold ein, der mit den Händen am Griff des Fahrstuhls
+bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben.
+
+»Nein. Georg hat gehört, er heißt Judereit und sei ein wilder Kerl --«
+
+»Möchte er gerettet werden,« sprach der alte Herr leise vor sich hin.
+
+Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der
+Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltönig? Halb eins! Wo blieb nur
+Wynfried?
+
+Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er müsse doch zunächst noch
+seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, daß der,
+wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen könne. --
+
+Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.
+
+Und ganz merkwürdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein
+Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrückt und
+verdrängt von dem Leben um sie herum ...
+
+»Gute Nacht, Vater!«
+
+Sie neigte sich zu ihm und küßte seine Stirn, wie jeden Abend.
+
+In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lösen, als
+es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mußte doch endlich
+heimkommen.
+
+»Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?«
+
+Und er trat ein.
+
+»Agathe läßt dich vielmals grüßen. Es hat ihr sehr leid getan, daß du
+nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So
+wurde es spät,« sprach er.
+
+»Wie gut, daß ich hier blieb. Weißt du denn nicht ...?«
+
+Sie beschäftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer
+Kommode stand.
+
+»Fatal. Ja. Wir hörten schon in Travemünde von einem Malheur. --
+Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem
+Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen
+Lieferungen abzuschließen hofften --«
+
+Wie merkwürdig -- das Leben mit all seinem tausendfältigen Inhalt ging
+weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund
+aus erschüttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Händedruck?
+
+Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spüren. Seine
+Worte liefen so -- als flöhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken
+der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch
+den Dienst auf dem Werk gefährdet. -- Aber wie sonderbar -- er wußte es
+doch wohl nicht -- er sprach so unnötig lang und breit von dem Schaden,
+den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weißseidenen
+Sportkostüm, daran nichts farbig war als der schwarz-weiß-rote Schlips
+des Kaiserlichen Jachtklubs.
+
+»Es ist ein Mann sehr schwer verunglückt,« sagte sie und schloß den
+Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, »das weißt du wohl
+noch nicht.«
+
+»Doch, doch,« sprach er, »aber es ist zum Glück keiner vom alten Stamm
+-- bloß Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufällig -- war
+neulich dabei, als er von Thürauf in Person verdonnert wurde -- war in
+wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mädel von Severinshof
+geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie
+zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre
+Romane.«
+
+»So leidet er tausendfach,« sprach sie.
+
+»Na nu -- so schroff?«
+
+»Verzeih. Ich bin zum Umfallen müde. -- Und es war so aufregend ...«
+
+»Also denn gute Nacht.«
+
+Und er küßte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allüren, als sei
+hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft dränge. --
+
+Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es
+ihr wie eine Beglückung.
+
+Allein -- feierliches Dunkel -- kühles Leinen um die erschöpften
+Glieder.
+
+Das tat wohl.
+
+Und denken können -- denken! ...
+
+Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewißheit stand ihr
+Schicksal vor ihr.
+
+Aber sie fühlte: es war nicht klein!
+
+Ihr Dasein hingebend, hatte sie große Dankesschuld abtragen dürfen: Der
+herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglückt -- durch sie, durch seinen
+Enkel.
+
+Dies Bewußtsein gab Halt und Frieden.
+
+Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe
+geschlossen. -- Sein Inhalt hieß: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit
+-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstößlich_! -- Die Gründe, um
+derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.
+
+Sie dachte an den anderen Mann.
+
+Nun wußte sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten
+Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen übers Wasser fuhren.
+
+All diese dumpfe Bedrängnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es
+war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.
+
+Einen Augenblick wünschte sie: hätte ich nie begriffen --!
+
+Aber nein -- nein -- lieber leiden und kämpfen, als auf dies Wissen
+verzichten.
+
+Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.
+
+Nur seine Augen hatten gesprochen.
+
+Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fühlte es in
+beseligender Erschütterung.
+
+Ihr Herz war erhoben in Dank und Glück.
+
+Wie deutlich erlebte ihr Gedächtnis noch einmal das erste Begegnen.
+
+Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus
+ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein
+weißes Paketchen -- es umschloß eine blaue Mütze und eine beschriebene
+Karte. -- Klara wußte nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
+aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wußte, durfte sie sie nicht
+behalten.
+
+Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knüllte Papier und die
+Wollhäkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die
+Rückwand des Feuerloches.
+
+Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, förmliche Zeilen von
+seiner Hand.
+
+Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten
+diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer
+Liebe.
+
+Sie hob das Kärtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte
+sie einen Kuß auf die Schrift.
+
+Und zerriß das kleine Blatt --
+
+Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf.
+
+»Lebewohl!« dachte sie, »lebewohl!«
+
+Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. --
+Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr
+Verlorenen, der ihr nie gehört.
+
+Aber dennoch war sie zugleich erfüllt von einem tröstlichen Wissen.
+
+Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glück sein.
+
+
+
+
+9
+
+
+Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Führung beigegeben war,
+hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewöhnlicher Zeit
+kurzen Urlaub erbitten müssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski
+als dem Rangältesten die Herrschaft zu über dies Bruchstückchen der
+gewaltigen Armee.
+
+Es war Montag, und von Travemünde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt
+nach Warnemünde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das
+rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in
+Travemünde gedrängt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem
+Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der
+Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausführlich
+soupiert und getrunken worden. Lübecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten
+Sekt -- deutschen und französischen. Vom Übel! Denn das konnte Likowski
+merkwürdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder,
+oder!
+
+Erst auf dem Marsch zur Felddienstübung wurde ihm wieder lichtvoller
+unterm Schädel.
+
+Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam
+noch wieder. »Datt kann nich öber Water,« sagte der Fährmann Sörensen.
+Nach Westen nicht über die Nordsee und nach Osten nicht über die
+Ostsee. Sörensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewölk
+pendelnd über Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es
+sich irgendwie zur Höhe verkrümelte. Jedenfalls: Kühlung war nicht
+eingetreten.
+
+Schwer troffen Busch und Gräser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf
+der Landstraße war jede flache Furche ein Kanälchen, jede kleine
+Vertiefung eine Lache geworden. Von kräuterigen und moosigen Dünsten war
+die feuchte Luft gesättigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich
+zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort träge und trächtig dicke
+Wolken einher -- weiß und grau. --
+
+»Helm ab!« wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der
+Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied.
+-- Nun lag die Felddienstübung schon hinter ihnen. Ehe die ermüdende
+Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, würde man unter Dach und
+Fach sein.
+
+Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm
+der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn
+Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten.
+Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine
+Eigenschaft durchaus unkleidsam für einen Kompaniechef. Bei den
+sonstigen vorzüglichen Qualitäten des Pferdes wollte nun Likowski einmal
+sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen
+müsse.
+
+Leutnant Hornmarck marschierte, den Säbel in der mit braunen
+Glacéhandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch --
+denn nun, da die Übung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf
+das dringlichste zurück. Und diese entnervende Gewitterluft im
+verregneten Wald machte es ihm zur Gewißheit, daß er an seiner
+Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber
+das Drama würde durch höhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg!
+Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland
+fürchtete es. -- Er hoffte dann wenigstens das eine, daß beide Mädchen
+zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod
+versöhnen würden. --
+
+»Ja,« sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, »selbst der Geheimrat
+sagt, es wäre für die Industrie und den Handel zwar furchtbar -- aber
+der ewige Druck wär' auch schädigend. -- Und dann besser endlich mal die
+Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk
+will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag' nur: Siegen! Merken
+Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder näher an uns 'ran
+fühlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man
+spürt's an dem Landvolk hier herum. -- Gestern in der Menge war's zu
+merken. -- Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. --
+'Deutschland, Deutschland über alles' haben sie gesungen, als die
+Schiffe um die 'Hohenzollern' kreisten. -- Ein Jubel zum Kaiser empor!
+Er soll ganz erschüttert und blaß gewesen sein.«
+
+»Es ist wohl kein Zweifel mehr,« gab Marning zu.
+
+»Daß wir es nun endlich erleben!« sagte der Hauptmann bewegt. »Seit ich
+denken kann, hab' ich davon geträumt. -- Meine Mutter hat mir's, ihrem
+Jüngsten, eingeimpft: 'Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen
+würdig'. -- Mein Vater hatte das Eiserne erster -- starb an den Folgen
+seiner Verwundung -- hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen
+und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen können. -- Dann ging's nicht
+mehr, und er siechte langsam hin. -- Meine Mutter hat ihren Vater und
+drei ältere Brüder verloren Siebzig -- sie war 'ne ganz junge Frau --
+ihr erster Junge war unterwegs. -- Ja, wir wissen's -- das kostet unser
+Blut! Nun, wir sind Soldaten!«
+
+Und ein ruhiger Stolz verschönte sein Gesicht.
+
+»Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei
+Ihnen melde mit dem Wunsch, daß ich um meine Versetzung einkommen will?«
+sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese
+Frage begrübelt.
+
+Er wußte es wie jedermann es wußte und las: eine ungeheure Spannung lag
+über Europa, und die Völker standen Gewehr bei Fuß. In einem solchen
+Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht -- nicht leicht
+bewilligt. -- Aber es mußte sein ...
+
+Likowski war starr.
+
+»Wa--as ...?«
+
+»Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,« sprach Marning. Er
+war sehr entfärbt -- graublaß flog ein Schein über sein bräunliches,
+verbranntes Gesicht.
+
+»Ich versteh' immer: 'Versetzung!'« sprach der Hauptmann, blöd tuend.
+
+»Bitte, Likowski -- verzeihen Sie mir.«
+
+»Mensch! Kam'rad! Marning! Freund! Nee -- das is doch Unsinn. --
+Verset -- -- -- Aber nee. -- Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch
+obenein!«
+
+»Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. -- Dies
+gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den
+bedeutenden alten Mann da drüben. -- Verzeihen Sie mir. -- Es muß sein.
+Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und würde dann,
+wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher
+zurückkommen.«
+
+Seine Stimme klang gedämpft. Sie war von einer solchen Festigkeit
+durchgeistigt, daß der Hauptmann wohl spürte: es war Ernst. Aber so
+rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch
+über das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.
+
+»Sehn Sie mal, Marning,« begann er, »alles Persönliche muß doch in
+solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur
+Mobilmachung kommen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß es vor dem September was wird. -- Sie meinten es
+doch neulich auch, in der Marine heiße es: im Herbst läge es günstiger
+für uns. Aber wenn auch -- es ist doch für einen Soldaten gleich, wo und
+wann ihn der Ruf trifft -- er hat zu folgen.«
+
+Der Hauptmann schüttelte den Kopf.
+
+Diese Dringlichkeit, wegzukommen -- nicht mal die Versetzung abwarten --
+gleich auf und davon in Urlaub. -- Was war denn los? -- Aber er fragte
+nicht. Er sprach nur: »Nee hörn Sie mal -- das kann ich nich so gleich
+fassen. -- Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment -- in
+das Sie als junges Küken eingetreten sind. -- Nee Marning --«
+
+»Das läßt sich vielleicht vermeiden. Ich möchte nur die Garnison
+wechseln.«
+
+»Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren -- knapp! --
+wann war's doch? Mai vor'm Jahr. -- Und nu wieder weg! Auch ohne die
+gespannte Lage und die Aussicht, daß es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier
+mit uns wird sich ja doch bald alles ändern. Die Einheit der Bataillone
+soll ja nicht mehr zerrissen sein -- wir sind noch von den wenigen, die
+auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hängen wichtige Änderungen in
+der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir
+werden dorthin verlegt --«
+
+»Es muß sein!« sprach Marning mit schwerem Ernst.
+
+Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu
+natürlich, daß er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen
+Gründen umherjagen ließ. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er
+wohl: flieht er vor den zärtlichen, werbenden Blicken der molligen
+Baronin? Nein, vor so 'ner gurrenden Taube läuft doch ein Mann nicht
+weg! Auch fürs Abwinken findet ein zartfühlender Mann noch ritterliche
+Formen. Ganz abgesehen noch davon, daß Agathe, wie er manchmal gemerkt
+hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin
+kokettierte -- offener, als es einem verheirateten Mann gegenüber
+schicklich schien.
+
+Er mußte sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschluß
+gefaßt hatte und die Gründe dazu verschwieg, so lag Ernstes vor.
+
+Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen
+Menschen und Verhältnissen zu tun hatten.
+
+Also -- wenn Marning schwieg, so hieß es für den Kameraden: diskrete
+Haltung! Achtung vor seinem Entschluß, der vielleicht ein schwerer war;
+keine zudringlichen Fragen.
+
+»Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft:
+Sie sagen: es _muß_ sein -- da darf ich nur noch schweigen,« sprach er
+bekümmert.
+
+Ihre Pferde schritten mit nickenden Köpfen ruhevoll. Munter klang hinter
+ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand
+regungslos in der schwülen Luft.
+
+Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm
+teuer geworden. Er wußte ja: der litt. Heldenblut kochte ungestüm in
+seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter,
+ein unermüdlicher Erzieher! -- Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort
+sagen -- daß er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu
+beweisen -- ja, es gibt auch solche Lagen -- und auch sie fordern
+stillen Heldenmut. -- Stephan fühlte: es war unmöglich! Jede, die
+fernste Andeutung mußte Likowski die Wahrheit erraten lassen. --
+
+Unmöglich. --
+
+Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß
+das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. --
+
+Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes
+Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen
+dalag.
+
+Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem
+Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von
+Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
+verschlungen? Was war geschehen?
+
+Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen
+-- so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen
+und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte
+unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen
+gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes
+Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es
+riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert.
+Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln
+lösen wollen -- nur dem Linken war's gelungen.
+
+Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der
+Gliedmaßen da.
+
+Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. -- Schon
+stürzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben
+dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der
+zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- kräftige Fäuste
+brachten das Pferd in die Höhe -- es war unbeschädigt.
+
+Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen
+blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen
+entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer
+kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. -- Die singenden Töne in
+seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wußte, wo er war -- was
+mit ihm war.
+
+»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht -- schändlich ...«
+
+Und er biß die Zähne zusammen.
+
+Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des
+Unterschenkels davongetragen.
+
+Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister
+waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage.
+
+»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! --«
+
+Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die
+Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen
+Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im
+Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es
+geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen
+flammenden Blick des Zornes erhielt.
+
+»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an -- ich mein':
+egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- daß die Sache nicht
+schlimmer wird --«
+
+Und dann richtete er sich an Marning.
+
+»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein
+simpler ist -- was? Der heilt schnell?«
+
+»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit,
+geradezu mütterlich.
+
+Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde
+Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie
+sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der
+Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als
+Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar
+Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus,
+um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem
+Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne
+brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die
+schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu
+bedecken.
+
+»Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene
+Karikatur -- sieht 'n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist bloß
+'ne Albernheit!«
+
+Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen
+gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da
+wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten
+kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem
+Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller
+Schmerz.
+
+»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn's nun losgeht und ich lieg'
+da -- ich schieß' mir -- bei Gott -- ich schieß' mir 'ne Kugel durch 'n
+Kopf!«
+
+»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung
+kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach --«
+
+»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde
+sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen müßt. -- Die
+besten Chirurgen her. -- Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap --
+das ist mir nich genug -- in Lübeck soll's ja 'n großen Professor geben
+-- her mit ihm.«
+
+»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl
+gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie
+sich doch bitte!«
+
+»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht
+in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär' ich alle Ärzte
+für Charlatans.«
+
+Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich
+in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen.
+
+»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in
+vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein
+aufsitzen.«
+
+»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung
+... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen -- bis ich
+selbst wieder so weit bin!«
+
+»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß
+ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.«
+
+Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet --
+ernst und fest.
+
+»Der hat was Schweres -- was Großes,« dachte Likowski, »und macht es
+still mit sich ab.«
+
+Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele
+anvertraut werden durfte ...
+
+Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein
+aufzuckender Schmerz seine Gedanken.
+
+»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?«
+
+»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.«
+
+»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...«
+
+Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die
+sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße
+war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und
+man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in
+den Boden stecken.
+
+Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung
+zuzuwedeln.
+
+»Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt
+Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse
+Gras -- vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. -- So -- nu --
+Donnerwetter ...«
+
+Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des
+Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der
+gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie.
+
+Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten.
+
+Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über
+Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen.
+
+Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser
+Woche -- in der nächsten vielleicht -- die Mobilmachung begänne! Das
+machte ihn toll. --
+
+»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine
+Maschinenschlacht werden?« sagte er.
+
+»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben
+wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein
+muß und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut,
+Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist
+ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln --
+ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im
+letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann
+ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. --
+Und es wird nicht daran fehlen --«
+
+»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! -- Es sind auch meine
+Gedanken. -- Die geben den zähen Mut zur Arbeit --«
+
+»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die
+anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!«
+
+In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen --
+der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen.
+
+»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser
+Augenblick schon als Beginn der Heilung.
+
+In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die
+provisorische Einschienung, der Rücktransport -- das kostete Mühe und
+Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da
+war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
+und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit
+sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr
+ergebenes Altfrauengemüt.
+
+Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und
+geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß -- wenn auch recht grimmig --
+zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff.
+Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da -- großartig
+eingeschient -- getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und
+glatt wieder zusammenwachsen würden -- frisch, als sei überhaupt gar
+nichts passiert.
+
+Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.
+
+»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige!
+Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu
+haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird
+'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was für
+einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin!
+Das Wasserglas hält wie Eisen.«
+
+Die Alte lächelte selig verlegen -- und wehrte den schändlichen
+Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab.
+
+Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu
+seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber
+darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das
+gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher
+Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er saß und starrte auf
+das Tischtuch nieder.
+
+Ja, nun wurde alles anders ...
+
+Sein Gemüt war schwer.
+
+Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau
+schuldig war.
+
+Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß
+seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wußte von selbst: sie
+hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden!
+
+Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen
+zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen --
+übertrug sich von einem zum anderen.
+
+Sie waren füreinander bestimmt gewesen.
+
+Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!
+
+Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.
+
+Und die Frau ehren, die er liebte!
+
+Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen
+durfte.
+
+Fort aus ihren Wegen!
+
+Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn
+fortgewiesen.
+
+Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein -- nein«, womit sie seinen Blicken
+abwehrte, hallte immer in ihm nach.
+
+Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung
+strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ...
+
+Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual
+und Not grübelte er darüber nach.
+
+Er mußte ihr Recht geben.
+
+Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt.
+
+Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück --
+sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem
+Pflichtgefühl.
+
+Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein.
+
+Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht
+erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung
+bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still
+beiseite ging und fern und einsam litt.
+
+Fort aus ihren Wegen ...
+
+Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es
+tropfte -- jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die
+einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch
+ein Blitz nieder. -- Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen.
+Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein,
+daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten
+war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all
+der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ...
+
+In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster
+geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoßen! -- Die Litewka her.
+-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst. --
+
+Voß meldete: da liege ein Brief.
+
+Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren
+auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener
+Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang
+gerichtet, wenn er heimkam.
+
+Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn
+gebracht.
+
+Stephan sah schon -- das waren die Schriftzüge des Geheimrats.
+
+Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben
+bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen -- ja, daß sie gar
+nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe.
+
+Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben
+spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt:
+
+»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
+Großherzog Paul.«
+
+Und als er las, wuchs seine Unruhe.
+
+»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht
+Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen
+bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn
+miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
+darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.«
+
+Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht
+aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm
+unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis
+traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und
+Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes!
+Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer
+töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer,
+offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all
+ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und
+sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? --
+Nein!
+
+Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der
+verunglückte Kamerad -- dieser Ruf nach drüben ...
+
+Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm.
+
+Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten
+Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen.
+
+Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich
+seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes.
+
+Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften
+Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar
+nicht bemerkt.
+
+Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand
+ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum
+vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner
+nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan
+eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für
+ihn voll geheimer Aufregungen war.
+
+»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse
+vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum
+Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall
+zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.«
+
+Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und
+Glied im Zuge ab.
+
+Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll
+Ruhe.
+
+Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr
+Haus betrat.
+
+Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds,
+den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. --
+
+Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir?
+Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf.
+
+ * * * * *
+
+Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der
+beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß
+bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum
+waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging
+Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er
+noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll
+sofort meinen Brief hinübertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich
+hab' schon gewartet, wo du bleibst!«
+
+Sie küßte ihm die Stirn.
+
+»Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht
+der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam,
+hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen,
+als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja -- halb elf kommt Lebus.«
+
+»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug
+von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst
+dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch!
+Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?«
+
+»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und
+ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr
+gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und
+ihm verzeihen.«
+
+Der Geheimrat lächelte.
+
+»Du bringst sie noch zusammen.«
+
+»O nein,« sagte Klara, »nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie
+ihn nicht liebt ...«
+
+Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie
+hatte es zu leidenschaftlich gesagt.
+
+Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara
+wollte diese Befangenheit zerstören.
+
+»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall
+depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort
+zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach -- vom
+Chauffeur ...«
+
+»Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!«
+
+»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute
+früh mit der 'Klara' nach Warnemünde gesegelt -- begleitet als Outsider
+die Wettfahrt -- wollte doch an Bord übernachten?«
+
+Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk,
+in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine
+Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot
+nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte
+den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des
+Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am
+Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die
+Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am
+Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach
+Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an
+Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen
+des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu
+entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid
+zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr
+Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.
+
+Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und
+Lärm und Frohsinn. -- Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer
+zusehen? Diese Augen voll Qual?
+
+Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben
+gegangen? --
+
+»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen
+Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest
+du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu
+besuchen.«
+
+»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt' ich
+nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe
+nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?«
+
+»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen.
+-- Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei --«
+
+»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf,
+ihr Schicksal,« lachte Wynfried.
+
+Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte
+sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater.
+
+So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich
+hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den
+dänischen Inseln hinübersegeln werde.
+
+Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem
+Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet:
+Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas
+allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das
+Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefürchtet,
+etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um
+sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.
+
+Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...
+
+Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen
+einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte
+aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem
+Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es
+gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind.
+Ein Billett, das aus der Hand fällt -- der Fahrplan, der aussagt, daß um
+diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein.
+-- Was für törichte Mißtrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried
+Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. --
+Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn.
+
+Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch
+nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.
+
+»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat
+nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja -- Marning.«
+
+Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen --
+war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort
+verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen -- ein Offizier ist
+kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.
+
+Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.
+
+An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher
+Begegnungen voll Heuchelei hängen.
+
+Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um
+Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte
+sie heute am späteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum
+Abendbrot --«
+
+»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan
+hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört -- ich fürchte, es gibt
+noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz
+gut, daß ich Marning allein habe. -- Möchte viel mit ihm reden reden --
+Wichtiges.«
+
+»Du?!« fragte sie. »Du -- mit ihm?«
+
+Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hände um
+ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: »Es ist doch schwer.
+-- Das muß ich lernen --«
+
+Gleichgültig von ihm sprechen. --
+
+»Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns
+zu kommen!«
+
+Sie fuhr in die Höhe -- stand leichenblaß da -- ein Laut brach von ihren
+Lippen -- fast ein leiser Schrei.
+
+Das kam zu jäh -- darauf hatte sich ihr Herz nicht rüsten, sich nicht
+vorweg mit Haltung umpanzern können.
+
+Und der alte Mann sah sie an -- in einem tiefen Erstaunen, das in eine
+langsam heraufdämmernde Angst überging.
+
+Was war das? ...
+
+Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend -- ja
+befehlend: »Das wirst du nicht tun!«
+
+Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.
+
+Und was flammte denn in ihren Augen?
+
+Der Alte fühlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher
+Ruhe zu fragen: »Und warum nicht?«
+
+Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen
+und sagen: »Weil ich ihn liebe -- weil ich es nicht ertragen könnte, ihn
+immer, immer sehen zu müssen ...«
+
+Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her.
+
+Plötzlich dachte sie: »Meine Mutter hat das gleiche getragen!«
+
+Wie ein Segen kam der Gedanke über sie.
+
+Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fühlte: mit der Schwere der Prüfung
+mußte und würde ihre Tapferkeit wachsen.
+
+Sie begriff, nun hieß es: lügen!
+
+Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, würde
+schon eine zu schwere Last für das Gemüt des alten Mannes werden --
+nein, die konnte und sollte er nicht tragen.
+
+Sie auf ihn wälzen, hieße: ihre Tat des Dankes auslöschen -- --
+
+Woher eine Lüge nehmen?
+
+Lügen müssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte
+Wahrheiten.
+
+»Wenn ich sagte: Wynfried wird eifersüchtig werden, daß man einen
+solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?«
+
+Vielleicht war es nicht einmal eine Lüge. Klara kannte ja ihren Gatten
+gar nicht. Sie kannte einen schönen, immer verbindlichen,
+liebenswürdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen
+Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in
+zärtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebärdet hatte. An dem
+urteilsfähige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmännische
+Begabung festgestellt hatten.
+
+Von dem, was an Möglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wußte
+sie nichts. --
+
+So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fühlte doch: dies
+große, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr
+eingefallen war.
+
+»Weil Wynfried eifersüchtig werden könnte, wenn du einen anderen
+heranziehst, der sich möglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten
+kann.«
+
+»Keine Sorge,« sprach der Geheimrat, »ich habe Wynfried von meinem
+Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und
+Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh über jeden Mitarbeiter,
+der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so
+eingearbeitet hätte, daß man ihn an eine leitende Stelle setzen kann,
+wäre niemand zufriedener als Wynfried. Ich muß es einmal aussprechen:
+sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese
+umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
+Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Tätigkeit fast noch über
+den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwürdiges Verständnis,
+ja eine Begabung für all dies erkannt. Denke doch auch, welche
+Aussichten für ihn, der so arm ist ...«
+
+Sie fühlte, daß die großen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten --
+fühlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand.
+
+»Nun -- dann!« sagte sie. Und sie dachte: »Wie dürfte ich ihm zerstören,
+was ihn in freiere, größere Verhältnisse bringen kann?«
+
+Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!
+
+»Wir werden stark bleiben,« dachte sie. Und es war wie ein Schwur!
+
+Aber die forschenden Augen mußten ja getäuscht werden.
+
+»Wie du immerfort voraussorgst, Vater,« sagte sie. »Manchmal denk' ich,
+du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst späteren
+Generationen als große Bäume Schatten geben können. Wenn wir alle mal
+nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein
+Großvater begonnen.«
+
+»Ich weiß nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
+Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken
+umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Möglichkeit
+fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spüren und
+zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
+Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die
+Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die
+Gebläsemaschinen unnötig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heiße
+Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, daß wir
+dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
+Vielleicht glückt es schon bald, daß wir reinen Sauerstoff verwenden
+können. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, daß die
+Leistungsfähigkeit der Hochöfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich
+gesteigert würde. Und der abfallende Stickstoff ließe sich dann wieder
+zu Salpetersäure und Kalkstickstoff für landwirtschaftliche Zwecke
+verwerten.«
+
+Er seufzte.
+
+»Sieh mein Kind,« schloß er melancholisch, »wenn ich an all diese
+Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mußt davon. --
+Man möchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu
+Selbstverständlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die
+vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt
+das Geheimnis des Erfolgs von Büchern, die uns die Zukunft vormalen. Man
+scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwürdig schwer, sich
+vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es muß doch wohl so
+ein Stück Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.«
+
+Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich
+so erschrak ...
+
+Er aber dachte: Noch schwerer wäre es, fort zu müssen, wenn
+Zerstörungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an
+mein Haus herankommen? ...
+
+Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit
+einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer
+Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert.
+
+Klara hörte mit ruhigem Gesicht und sprach: »Also kein Gast zum Abend.
+-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, daß ich nur einen kurzen Besuch auf
+Lammen machen würde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
+leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau
+Doktor Lamprecht an, was für ein Unfall denn das ist, den Herr von
+Likowski hatte ...«
+
+Der Himmel verdüsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben
+da oben verhieß nichts Gutes. Der besorgte alte Herr ließ durch Leupold
+noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
+dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.
+
+Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute
+nicht. -- Eine zufällige Begegnung war möglich, ein Ruf des alten Herrn
+konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so große Frage an ihn
+herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem
+Einfluß werden. --
+
+Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschütten. Und als
+der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des
+Gabrielshorns hörte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut
+ertönen ließ, da wußte er: Klara fuhr davon!
+
+Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll
+ausgestoßenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren
+Augen flammte.
+
+Und er fragte sich kaum noch -- er _fühlte_: sie flieht vor diesem
+Mann!
+
+Sein Ausdruck wurde gramvoll. --
+
+Und Klara fuhr im Regen. Er sprühte herein und sprengte Tropfen auf ihr
+hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie hätte die schwüle Luft in
+geschlossener Karosserie nicht ertragen.
+
+Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat für
+die Nerven.
+
+Über die Hochbrücke glitt mit dumpfen Schüttern das Auto. Blitzschnell
+huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete
+das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf
+rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkähnen
+hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstürzte.
+
+Die Landschaft flog vorüber. Und diese Flucht der Dinge nötigte der
+Seele Ruhe auf. --
+
+Klaras Auto bog von der Landstraße ab und in die noch junge Allee
+hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von
+Lammen führte.
+
+Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, öffnete es sich nicht.
+Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara saß und wartete, ihr
+Chauffeur ließ die Hupe wiederholt rufen.
+
+Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in
+gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto saß, kam er
+herausgerannt.
+
+Frau Baronin würden gewiß sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag
+abgereist.
+
+Klara sagte: »Abgereist?«
+
+Das klang fragend und erstaunt -- während sie nur dachte: nun komme ich
+zu früh zurück.
+
+Der Diener meinte, nähere Auskunft geben zu müssen. Förmlich
+vertröstend setzte er hinzu: »Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich
+habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.«
+
+»Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.«
+
+Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke
+Ehepaar würde sich vielleicht wundern. -- Gleichgültig. -- Und so
+brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit
+dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich. -- --
+
+In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr
+seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefühl des
+väterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm
+hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhängigen anbieten
+will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstört.
+Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von
+nervöser Ungeduld durchzittert fragte er sich: »Wird Marning ebenso
+erschrecken wie Klara?«
+
+Und wenn das geschah, dann mußte er die Gründe erfahren -- er mußte!
+
+Das Herrische in ihm verband sich mit der heißen Liebe zu seiner
+Tochter.
+
+Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde. --
+
+Mit der Pünktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der
+Freiherr von Marning gemeldet.
+
+»Wie farblos und wie ernst er aussieht,« dachte er.
+
+Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wußte
+schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach
+lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein müsse, in einem Augenblick so
+jämmerlich als Opfer eines schikanösen Unfalls festgebunden zu liegen,
+wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte.
+
+Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm
+den heftigsten Charakter an und strich schräg und dicht hernieder. Und
+er sagte, daß es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter
+auszufahren.
+
+Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes.
+
+Stephan dachte: ich habe es gewußt!
+
+Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, daß er in wichtiger Sache
+hergerufen sei.
+
+Der alte Herr legte seine Hände auf die breiten Armlehnen und richtete
+seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer
+vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
+Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.
+
+Auch Stephan wurde von dem Gefühl bedrückt, daß jetzt ein Reiferer und
+Größerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach
+Befund und Gefallen zu verfahren.
+
+Und daß diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen würden ...
+
+»Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß ich
+herzlich Teil an Ihnen nehme.«
+
+Stephan verneigte sich im Sitzen.
+
+»Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,« sprach er. »Schon bei den
+gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fühlte ich mich
+durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gütige
+Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.«
+
+»Wollen Sie mir gestatten, als väterlicher Freund allerlei Fragen an Sie
+zu richten?«
+
+»Wem sollte ich lieber dies Recht einräumen? Ich werde mit Wahrheiten
+antworten.«
+
+»Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?«
+
+»Vollkommen, Herr Geheimrat.«
+
+»Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thürauf und ich, glauben beobachtet zu
+haben, daß Sie auch für eine Tätigkeit, wie die unsere ist, ein
+Verständnis haben, aus dem man auf Berufung schließen kann. Denn ein
+gewisser Grad von Verständnis und Interesse läßt mit Sicherheit auf
+Begabung schließen -- nicht nur von den Künsten, sondern auch von
+wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was
+meinen Sie?«
+
+»Gewiß, Herr Geheimrat,« sprach Stephan offen, »ich fühle mich auf das
+stärkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar großen Dingen
+hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie
+sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um
+die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und
+all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen
+mich unablässig zum Nachdenken an. Man fühlt immerfort: alles ist
+lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all
+dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!«
+
+»Sie hätten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur
+Industrie überzugehen?«
+
+»Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfängt, über den
+Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt hätte, in diese Welt des Feuers
+und Eisens hineinzusehen, so würde ich vielleicht meine Eltern gebeten
+haben: laßt mich Hüttenchemie studieren.«
+
+Er setzte mit einem Lächeln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: »Aber
+ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe
+gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken über Berufswahl, weil ich nie
+was anderes gewußt habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern hätten
+mich auch gar nicht studieren lassen können.«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Jetzt würde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe!
+Wenn es denn endlich losgeht, möchte ich nicht zu Hause bleiben.«
+
+»Beides läßt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr
+überzutreten, sondern könnten, wenn Sie alljährlich eine längere Übung
+machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege
+angehörig bleiben.«
+
+»Das weiß ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich weiß auch, daß die großen
+Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljährlich so lange
+beurlauben. Und ich könnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
+Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch
+zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.«
+
+Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter?
+Denn er spürte, daß Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um
+»Severin Lohmann«.
+
+»Nun,« sprach er, »die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht
+gleich mit der nötigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der
+Hochschule in Charlottenburg Hüttenchemie studieren -- sich dann noch
+ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wäre schon Vorbildung, die Sie
+natürlich nicht sofort für eine direktoriale Stellung reif machte, aber
+doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefühl, Ihrem Ehrgeiz, Sie
+von vornherein in die obere Laufbahn brächte.«
+
+»Herr Geheimrat,« sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, »ich
+habe mich durch ähnliche Erwägungen schon manchesmal in Versuchung
+gefühlt. Ich muß aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu
+beschreiten. Es wäre bei meiner überaus bescheidenen Vermögenslage ein
+Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich für das Studium und
+eine kurze Volontärzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das
+Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate
+ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp
+oder anderen Häusern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen
+Gedanken geben darf, daß ich auf Ihre Empfehlung würde rechnen können --
+eine Sicherheit wäre mir damit nicht gegeben. -- Und so muß ich
+verzichten.«
+
+Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: »Wie
+viel Zulage haben Sie?«
+
+Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: »Sechzig
+Mark, Herr Geheimrat.«
+
+»Schulden?«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang
+an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwölf Prozent bekommen.«
+
+Rührung zog durch das Gemüt des Alten und machte es weich. Und ein
+Hochgefühl wallte in ihm auf.
+
+Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. --
+Großer Gott: zwei Mark für jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche
+schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu
+ertragen, ist ihr Stolz.
+
+Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!
+
+Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede
+fordert.
+
+Und es ist Gefahr, daß das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt
+nicht mehr richtig sieht.
+
+Weil die Zeit nicht von ihr fordert, daß das Schwert erhoben werde.
+
+Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.
+
+Der junge Offizier fühlte die Güte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er
+ahnte, daß dies Schweigen erfüllt war von Achtung und Verstehen. -- Und
+er wurde weich -- sehr weich. -- Er hätte am liebsten in kindlicher
+Verehrung die Hand des Alten geküßt.
+
+Nun aber fuhr der aus seiner Rührung und seinen Gedanken auf.
+
+Der Augenblick war da. Die Frage mußte getan werden.
+
+»Ich bin wie alle alten Leute,« sprach er mit einem mühsamen Lächeln,
+»ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar hätte ich gleich sagen
+sollen: wollen Sie nach den nötigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann'
+eintreten?«
+
+Stephan sprang auf. Er erblaßte so sehr, daß dem alten Mann, der ihn mit
+fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen
+begann.
+
+»Hier?« sprach er sofort -- ließ keine, gar keine Pause aufkommen,
+»hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein.
+Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich muß ablehnen.«
+
+Bei den letzten Worten spürte man es: er hatte sich gefaßt. Und er
+setzte sogleich hinzu: »Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich
+um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon
+heute zu tun. Ich danke gehorsamst --«
+
+Das mächtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es müde. Unter den
+starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die
+Stürme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen.
+
+»Können Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben
+wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es
+nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein
+-- Mensch ist ... der gelitten hat --«
+
+Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft --
+erschütterte Stephan.
+
+Und doch sprach er leise und fest: »Nein!«
+
+Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!«
+
+Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn
+schon vor Minuten hatte hinreißen wollen -- er neigte sich tief und
+küßte die Hand des alten Herrn.
+
+Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein Übermaß von Empfindungen
+stürmte durch ihn hin. -- Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir,
+daß ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwöre er: zwischen dieser
+edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe
+er: versteh doch, daß ich gehen muß.
+
+Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung.
+
+Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand.
+
+Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen!
+Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im
+Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne.
+
+Dann grüßte er militärisch und ging.
+
+Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen
+bleiben. -- --
+
+Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn
+nicht mehr offenbaren können als dies eine.
+
+Nun hatte er keine Zweifel mehr.
+
+Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen.
+
+»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis.
+
+Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?
+
+Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden
+aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen?
+
+Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld,
+die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal«
+nennt?
+
+Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so
+geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!
+
+Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein!
+
+Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter
+gewinnen.
+
+Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn
+Neigung habe.
+
+Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung
+darbringen zu können.
+
+Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen,
+indem er ihre Tochter in sein Haus zwang.
+
+Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie
+war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens.
+
+Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre
+Mutter gewesen.
+
+Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der
+Tochter ...
+
+Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal
+spielen?
+
+Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei!
+
+Aber das war ja ganz unmöglich!
+
+Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann.
+
+Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn
+war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes --
+ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig.
+
+Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht
+seinen entsagungsvollen Weg ging.
+
+Ja -- dieser wäre Klaras würdiger gewesen ...
+
+Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten!
+
+Wie er selbst einst gelitten ...
+
+Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten
+verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen
+Geheimnissen -- diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über
+jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie
+wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß
+Klara sich in heimlichem Gram verzehre.
+
+Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum
+hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst
+und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich
+tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen,
+die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts.
+
+Was sollte er tun?
+
+Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen
+Weibes.
+
+Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite
+fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich
+hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen
+Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,
+daß er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte
+dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden
+Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen.
+
+Ihm war, als höre er ihn sagen: »meine famose, großartige Frau!«
+
+Das klang immer so flach, so äußerlich -- es hatte ihn schon oft
+verletzt.
+
+In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von
+Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung.
+
+Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen
+gelebt hatte.
+
+Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören?
+
+Unmöglich.
+
+Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses!
+Sein Enkel -- sein Stolz und Glück!
+
+Unmöglich!
+
+Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft
+zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich. --
+
+Wie sollte sich das alles lösen?
+
+Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt.
+
+Zum erstenmal fühlte er sich müde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn
+-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.
+
+Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier
+eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. --
+
+Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher
+Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück
+nüchtern wegwaschen.
+
+
+
+
+10
+
+
+Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs
+hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der
+ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache
+keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch
+nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn
+zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung
+nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine
+Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.
+
+Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!
+
+Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut.
+
+Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge
+würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer
+Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen,
+dazu war er nicht der Mann.
+
+Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten's in den
+Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten -- deren Nerven seien
+eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich.
+
+Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war
+nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können.
+
+Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man
+es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. -- Es
+schien kein Zweifel mehr.
+
+Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las
+ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er
+spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht
+durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit
+erglühten -- das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige
+nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit
+Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu
+sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
+sein Gespräch, seine Frage.
+
+Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen
+zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt
+Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders
+von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die
+einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung
+erleben, wenn's überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster
+Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir
+überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören?
+
+Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von
+gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott
+allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und
+gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem
+nicht morgen die Pferde weggeholt würden?
+
+Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar
+mitmußte -- stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande -- bloß
+erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfähiger.
+
+Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der
+Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit
+seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
+der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der
+sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in
+Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich
+einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe:
+ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
+Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein
+Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch
+nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes
+zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und
+Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange
+Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht.
+
+Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem
+Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand -- und erzählte,
+daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
+nach Sensen.
+
+Und die Kameraden kamen.
+
+Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es
+Blick und Händedruck ...
+
+Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem
+14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets
+unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so
+rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen
+sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die
+Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben
+frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also:
+wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!«
+
+Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß' mich tot, wenn's losgeht
+und ich bin ein Krüppel!«
+
+Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure
+Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach
+erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft
+gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue
+Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom
+Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
+keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.
+
+Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter
+würde!
+
+Als sei damit dann viel geklärt.
+
+Aber es wurde kein Schönwetter.
+
+Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre
+ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.
+
+»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.
+
+Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten
+Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst
+unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß
+man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.
+
+Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« -- womit ein für allemal
+die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam.
+
+Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit
+erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem
+eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt.
+
+Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon
+einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche
+nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo
+bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte
+er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie
+noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht
+schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe -- aber natürlich
+nur »beinahe« -- erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie
+keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend
+sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen
+mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ
+sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat
+wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde
+einmal an seinem Lager zu spüren.
+
+Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie
+wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel.
+Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen
+Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben,
+ihre Pflegemutter wiederzusehen ...
+
+Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.
+
+Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit
+ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und
+von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
+in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache
+Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und
+Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten
+Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes -- das war
+kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.
+
+Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große
+Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff
+fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.
+
+»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein
+Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp
+umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der
+Mühe wert, sich schön zu machen -- wie angenehm für unser Männerauge,
+daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen
+was vorzublühen!
+
+Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war
+Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden
+sehen, es tat ihr zu weh!
+
+Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar
+nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand
+streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten
+Glanz einer Träne.
+
+Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.
+
+Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit
+ihnen.
+
+»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner
+geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr
+vorteilhaft so. -- Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen
+bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde
+verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn
+Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen
+Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu
+müssen.«
+
+»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.«
+
+Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde.
+Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von
+Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab
+überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten:
+»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu
+unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen.
+
+»Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen.
+Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.«
+
+»O -- es geht ihr gut, höre ich.«
+
+»Hören Sie? So was sieht man doch.«
+
+»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über
+ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir
+uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und
+stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie
+mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen
+zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen,
+die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen
+... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein
+paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer -- ich kann
+nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat
+mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das
+Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
+hatte.«
+
+»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.
+
+Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es
+tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«
+
+Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor
+dem Hause an.
+
+»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«
+
+Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern
+Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude
+wie umglänzt.
+
+Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl:
+dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie
+ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand
+und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte
+dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu
+treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da
+habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie
+aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse
+wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ...
+
+»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.«
+
+Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in
+Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige
+Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein
+Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse
+Frauen entzückt.
+
+Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches
+an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen --
+als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und
+vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn
+tief.
+
+Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als
+sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut
+beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin -- blieb er finster
+zurück.
+
+Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein. --
+
+Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!
+
+Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit,
+»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht
+ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt
+einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht:
+deine Frau macht dich zum Gespött. -- Zusehen ist schicklicher.
+
+»Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!«
+schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.
+
+Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik
+des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders
+hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein
+eigenes Auto wegschickte -- »als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,«
+hatte sie das Betragen gefunden.
+
+»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz
+amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.
+
+Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte
+sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht
+zurückhalten läßt.
+
+»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie --
+aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.«
+
+»Sie wissen, Lamprächtige -- hab' keine Spur von Neugier ...«
+
+»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß
+-- daß Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie
+auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem
+eigenen Auto sagen die Leute.«
+
+»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen
+Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski.
+
+Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge
+kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch
+Klaras Leben an -- kränkte sie schwer.
+
+Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt.
+Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte
+Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen --
+es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß
+-- morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt -- sein
+linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm
+zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der
+Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal
+steifer oder nachschleifender würde es werden.
+
+Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in
+England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in
+nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich
+-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder
+unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in
+allen Nerven zuckte.
+
+»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu.
+
+»O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- daß
+die junge Frau von drüben nicht kommt. -- Und da wären so allerhand
+Gründe ... möcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man
+mit dem Gespräch sich wagen kann ...«
+
+Stephan saß schweigend und blaß.
+
+»Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache,
+einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.«
+
+Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes -- wie ist
+mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?«
+
+»Nein, lange nicht.«
+
+»Aber jetzt gondeln Sie mal 'rüber und bestellen ihr ...«
+
+»Gewiß, gern -- gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen
+doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr
+jetzt nicht einlädt, komm' ich nicht hinüber.«
+
+Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen --
+lag grübelnd, mit bösem Gesicht da.
+
+Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch
+von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr 'rüberfährt?«
+
+Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht
+zart genug behandeln kann. --
+
+Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht
+-- man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt' sein, daß
+da drüben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht ...«
+
+Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst
+natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß
+eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen
+wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch
+mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er
+vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. --
+
+Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das
+rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten
+teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski
+die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien
+führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und
+Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am
+Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.
+
+Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte,
+der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning
+vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt
+Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach
+sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann
+kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes
+geworden sind.«
+
+Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine
+Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am
+Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich
+die junge Frau.
+
+Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs
+getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle,
+von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie
+sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen
+hatte ...
+
+Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz
+betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War
+man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die
+bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?
+
+Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch -- irgend etwas Rührendes
+darin ...
+
+Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch
+nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er
+in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor,
+wenn man ihn auch nicht erfährt!
+
+Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der
+seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln,
+als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und
+Severin dem Kleinen.
+
+Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken
+sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr
+Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise
+aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine
+Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger
+und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach
+Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit
+Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie
+freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was
+aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!
+
+»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und
+streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein
+bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie
+gegeben -- Wie eben Großväter sind ...«
+
+»Und junge Mütter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen
+Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch
+wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch
+auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als
+mein Charakter.«
+
+Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!
+
+Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch riß es ihn
+zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die
+Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei
+an?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig.
+Wär's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je
+feindselig sein kann, dächt' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit
+ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow,
+auf Lammen vor --«
+
+»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie
+beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt
+viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.«
+
+Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei
+einem Menschen, der seiner sicher ist.
+
+Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war
+eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er
+früher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen!
+Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind
+sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehörte einer großen Aufgabe
+allein! Eine Familie gründen -- nein! Aber ihre Heiligkeit schützen --
+ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät,
+schieße ich ihn über den Haufen.
+
+So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren
+Gedanken nichts ahnte.
+
+Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über
+ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der
+durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr
+Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl«
+angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch.
+Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am
+Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab.
+Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so 'n ähnliches Wetter war an
+jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal
+daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue
+Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e--n--t--zückend stand; und keiner
+von uns hatte 'ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit
+Wynfried Severin verloben würden --«
+
+»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«
+
+»Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen!
+Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal
+partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie
+führen muß. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der
+gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns
+trifft -- schön wär's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von
+Freundeshand den letzten Druck zu spüren. -- Aber wie Gott will ...«
+
+Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem
+treuen Mann. Er küßte sie -- immer wieder.
+
+»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend.
+
+»Weiß selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen
+sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht
+braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein
+Abschied? Wir sehen uns wieder?«
+
+Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene
+Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns
+nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto
+schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«
+
+Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß
+alles Persönliche zurücktrat.
+
+Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich
+vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die große Frage brannte in
+aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus
+Berlin gehört, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der
+anderen.
+
+Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der
+alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er
+ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den
+guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem
+Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.
+
+Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick
+entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und
+dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei,
+hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht
+habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für
+das Größte.
+
+Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er
+liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde
+wie Erlösung und Krönung sein. --
+
+Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein
+Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein,
+auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich
+Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder
+einmal! --
+
+Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder
+einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die
+Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe.
+
+Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon
+in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.
+
+Friede --
+
+Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er
+erwartet hatte.
+
+Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster
+gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem
+Freunde zu.
+
+»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in
+der Scheide behalten -- vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock
+noch tragen -- wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns
+gefordert -- die, die wir schon so lange üben. -- Arbeiten wir weiter!
+Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht
+mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch
+kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz
+und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber
+denken wollen wir immer daran -- denken!«
+
+Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen.
+
+ * * * * *
+
+Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers
+und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die
+Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie
+nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.
+
+Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem
+Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel
+und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei
+faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage
+nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in
+Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat
+dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich
+gesegelt worden ist.
+
+Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schöner
+Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn
+gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen
+Liebesfrühling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war,
+arbeitete er froh, forsch, geschickt.
+
+Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht.
+
+Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne
+Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer
+verwöhnten Frau ausgesucht.
+
+Alles sah geregelt, unauffällig aus.
+
+Weshalb sich sorgen?
+
+Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst,
+jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem
+Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten.
+
+Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie
+verklärt.
+
+Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so
+gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.
+
+War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann
+unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter
+zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll
+Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost --
+es war die Zukunft.
+
+Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen
+hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können.
+
+Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau
+ihr Herz überwand.
+
+Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht
+zurückgezogen hatte.
+
+Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.
+
+Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen
+Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein
+Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem
+Magneten drüben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die
+im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen,
+weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich
+machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und
+Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen -- er wußte
+doch: sie meinte es redlich.
+
+Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie
+beantworten.
+
+Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm
+anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er
+schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor --
+er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl
+gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke
+sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden,
+werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern
+beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner
+Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte
+wieder vorstellen zu dürfen.
+
+Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt
+befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie
+bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des
+Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.
+Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in
+diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar
+nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde
+verzeihen.
+
+Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn
+heran.
+
+»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich
+muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber -- offen, Lamprächtige! Ich kann
+ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie
+antworten.«
+
+»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu
+antworten?«
+
+Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen
+geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich.
+
+Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor
+seinen Augen.
+
+»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater
+sind Ihnen erinnerlich?«
+
+»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm
+sofort ein Riesengewicht an.
+
+»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig
+hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? --
+das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau
+weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen
+Klara zur Pflegetochter gab.«
+
+Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch
+hinein -- halb vorweg aus Rührung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und
+dann: eben das Gewissen ...
+
+»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten,
+furchtbaren Fall gehalten?«
+
+»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in
+verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache
+mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.«
+
+Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber
+sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?«
+
+»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit
+getan. -- Wo Sie doch hofften -- daß Klara Ihren Sohn -- daß Ihr Sohn
+durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern
+getan ...«
+
+Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.
+
+»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er
+heftig.
+
+»Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so
+leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der
+Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und
+Ihr Leben Verdacht geschöpft -- was sollte ich da machen?« sagte sie
+beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst
+zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären
+der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir
+gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein
+Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!«
+
+»Ich -- ich!« sprach er vor sich hin. -- »Aber sie! Ihre Jugend -- ihr
+Leben -- ihr Glück. -- Zu viel der Opfer ...«
+
+Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen
+Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage -- es
+belud nur sein Herz noch schwerer.
+
+Weinerlich sagte die Alte: »Das hab' ich ja auch nicht gedacht, daß
+Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu
+werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch
+für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich
+doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- muß sie anbeten --
+ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den
+Männern heutzutage Sitte --«
+
+»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder
+einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ...
+
+»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur -- die
+Leute -- es heißt -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin
+Hegemeister zusammen.«
+
+Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen
+galt ...
+
+Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle
+Sorgen und alles Geschwätz müßig seien.
+
+Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das
+Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September
+stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf
+einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.
+
+Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen,
+unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er
+doch Fühlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles ...
+
+Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen
+Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried
+nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere
+Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer
+Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen
+Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? --
+
+Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der
+Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine
+Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören -- er sah es:
+Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner
+Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten
+zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ...
+
+Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in
+ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein
+keusches Mannesempfinden war verletzt.
+
+Auch Klara erbebte.
+
+Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie
+erwacht.
+
+Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heiße
+Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. -- Sie mußte erst weiter
+sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, über das Grab in ihrem
+Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die
+Anfänge von Sieg sehen. -- Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich
+in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurück -- ohne
+zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.
+
+So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst
+hinein.
+
+Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor
+den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das
+Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt
+verschluckt.
+
+Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein
+Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige
+Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als
+Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war
+erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.
+
+»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei
+der gnädigen Frau.«
+
+»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr
+vorbei.
+
+Agathe wurde noch heißer rot.
+
+»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie
+gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß
+Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.
+
+Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der
+Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar
+abgewiesen?
+
+Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. -- Gewiß -- Klara
+wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine
+Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut -- und alles war ja gut!
+Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?
+
+Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder!
+
+Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige
+Frau läßt bitten.«
+
+Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie
+zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der
+Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen
+Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war,
+dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak
+sie so, daß ihre Knie unsicher wurden.
+
+Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen.
+
+»Endlich einmal wieder -- Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih,
+daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte
+Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein
+Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie
+lächelte glücklich. »Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns --
+vier Monate einander immer zu verfehlen!«
+
+»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe.
+
+Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem
+unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken,
+fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre
+Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung.
+
+»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie.
+
+Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig:
+»Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried
+ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den
+Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er
+depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Köln.«
+
+Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie
+war von dort gestern abend zurückgekommen.
+
+»Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und
+sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der
+Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme.
+
+Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des
+Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe
+war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten
+hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder
+zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen.
+Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt
+hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie
+Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln
+zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen:
+alles ist geordnet.
+
+Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was
+sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände?
+
+Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden,
+daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine
+Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben!
+Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der
+verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten
+niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun
+kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren
+Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil.
+
+Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie
+aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der
+ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß
+er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.«
+
+Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art --
+einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem
+Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann -- auf
+ein Wort.«
+
+Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben außer
+Hörweite stehen. -- Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze
+Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr förmlich
+voreinander.
+
+Wynfried kehrte zu ihr zurück -- leichenblaß und stumm, und wehrte
+allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, daß sie am nächsten Morgen
+abreise.
+
+Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut
+wird alles in das rechte Geleise bringen. --
+
+»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten
+ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?«
+
+»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt.
+
+»Dir? Schlecht?«
+
+Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe
+eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und
+beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte
+ihr, wenn sie litt.
+
+»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn
+man entsagen und immer wieder entsagen soll ...«
+
+Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem
+Liebesjammer?
+
+Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie
+selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu
+peinlich gequält.
+
+Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf
+sich die andere plötzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing
+schluchzend an, zu weinen.
+
+»Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch ...«
+
+»Nein,« stammelte Agathe, »nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich
+kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein
+Glück geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glück -- alles ...«
+
+Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr
+geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es
+einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte?
+
+Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie
+schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück
+zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.«
+
+»Doch: Gib ihn frei -- laß ihn mir -- ich liebe ihn über alles in der
+Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.«
+
+»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden
+Wort.
+
+»Von Wynfried -- von Wynfried!«
+
+Das kam jammernd heraus -- als umschlösse der Name allein alles Unglück
+ihrer Gegenwart.
+
+»Von -- von ...?«
+
+»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.«
+
+»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie
+glücklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht
+merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach --
+du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es
+dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.«
+
+Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in
+rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer
+liebenswürdig, höflich -- rücksichtsvoll -- ohne Ansprüche an ihre
+Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlösend gewesen. -- Aber nun.
+-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein
+Verliebter?
+
+O Schmach!
+
+Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter --
+wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene
+eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv --
+manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara,
+ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe,
+sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei
+eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe
+verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein
+schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als daß
+ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu
+anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich
+sterbe sonst ...«
+
+Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen.
+
+Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder
+Doppeltätigkeit, alles gehört.
+
+»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.«
+
+Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich,
+und alles war doch anders.
+
+»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie.
+
+Wie diese Tränen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Würde von
+den Worten.
+
+»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart.
+
+»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe.
+
+Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Tränen versiegten --
+eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die
+blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. -- Wie
+von Unergründlichkeit umwittert. -- Was würde ihr nächstes Wort sein?
+
+Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb?
+
+»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie.
+
+Und endlich fragte Klara -- kurz und klar: »Schickt dich Wynfried?«
+
+Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl
+sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil --
+weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte.
+
+Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem
+Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als
+Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
+gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten.
+
+Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so
+nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.«
+
+Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese,
+daß er anfängt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich
+deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis
+brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
+siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper.
+
+»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine
+Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man
+erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.«
+
+Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die
+Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen.
+
+»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo
+ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.«
+
+Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt.
+
+»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie.
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe
+mich nicht verkauft.«
+
+»Klara ...«
+
+»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir
+taten.«
+
+»Klara!« Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd.
+
+»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten.
+Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen
+Sohn.«
+
+Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen
+hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte
+doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben
+gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr
+Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie
+verließ.
+
+Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.
+
+In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht.
+
+»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht
+dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine
+weitere Ehe denkst.«
+
+Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach
+sie: Ȇber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen.
+-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.«
+
+»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh
+aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?«
+
+»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese
+Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er
+frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe.
+Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.«
+
+Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen
+Lauten.
+
+Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um
+Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und
+Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus.
+
+Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach
+gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig.
+
+Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der
+höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von
+jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben
+können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst
+verzeihen. --
+
+»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.«
+
+Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung,
+mit Schluchzen und Betteln gegen sie an.
+
+»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu
+spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...«
+
+»Geh. Laß mich allein.«
+
+Das war kaum hörbar -- aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten,
+Klagen und des Geschluchzes der anderen.
+
+Und sie ging.
+
+Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott -- man
+sieht, wie verweint ich bin ...«
+
+Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ...
+
+Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.
+
+Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein
+Diener war.
+
+Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt
+fror die Gerwald unter der Pelzdecke.
+
+Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tür schloß sich.
+
+»Geliebte Gerwald -- Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln
+fahren.«
+
+»Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut
+werden ...«
+
+
+
+
+11
+
+
+Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung
+wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre
+Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her
+und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht.
+
+Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe
+bedenken.
+
+Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört.
+
+Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte
+kaum an sie.
+
+Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind.
+
+Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er
+nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe
+festhielt -- o, die hatte er mit Füßen getreten -- sondern -- sondern --
+weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ...
+
+Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren
+Gedanken.
+
+Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet.
+
+Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.
+
+Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine
+Beleidigung.
+
+Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit
+beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.
+
+Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe -- gerade unsere -- mußte durch
+Treue geadelt werden.«
+
+Und nun, wo sie entadelt war -- mußte sie aufrecht erhalten werden?
+Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten,
+gegen den Vater, gegen ihr Kind?
+
+Nein. Sie mußte verzeihen.
+
+Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?
+
+Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen,
+leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur
+sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele
+der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not ...
+
+Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden
+Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen
+geben können!«
+
+Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals
+stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr,
+und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu
+helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dämmerte
+noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres
+Gefühlslebens.
+
+Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene
+geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten.
+
+Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht.
+
+Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.
+
+Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen --
+töchterliche -- mütterliche.
+
+Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu
+durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn
+sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und
+der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so
+stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr
+Vater geworden war.
+
+Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen!
+
+Wie würde er leiden!
+
+Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr
+Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran
+hindern.
+
+Das würde den alten Mann töten!
+
+Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der
+Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig
+schlug. --
+
+Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät,
+nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. -- Diese
+winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle
+Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an
+der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude --
+Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden.
+
+Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen?
+
+»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.«
+
+Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal
+dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken
+verfolgt?«
+
+Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das
+äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb
+unverletzt.
+
+Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?
+
+Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden
+Pflichten und Gefühlen?
+
+Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr.
+
+Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von
+dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel
+zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
+alles Maß für die Zeit abhanden gekommen.
+
+Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete.
+
+Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen,
+damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ...
+
+Mechanisch ging sie ins Eßzimmer -- vergaß, sich umzukleiden -- vergaß
+den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit. --
+
+Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren
+die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein.
+Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von
+stumpfgeschliffenem Kristall.
+
+Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand,
+saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.
+
+Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von
+einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und
+sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor
+Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit
+den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde.
+
+Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes.
+
+Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde?
+
+»Bist du krank?«
+
+»Ich? -- Nein.«
+
+Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. --
+Ja, schon fünf Zähnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war
+in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit
+vernünftigen Plänen. -- Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und
+sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so
+gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie
+mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. --
+
+»Nachrichten von Wynfried?«
+
+»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie.
+
+»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen
+Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr
+Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie
+Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des
+Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind,
+und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach
+meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst
+in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.«
+
+Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte.
+
+Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und
+daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien -- und
+ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam
+aus der Brust herauf.
+
+Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen
+hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem
+Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte
+Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles
+abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein
+niedergesaust.
+
+Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die
+Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der
+die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte.
+Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward --
+sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
+vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte.
+
+Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens,
+wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. --
+Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wußte
+nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es
+zuerst gehört.
+
+Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett?
+
+Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch?
+
+Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen:
+»Gottlob!«
+
+Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie -- es schien das der
+Wirtschafterin -- und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester
+gewiß gleich da sein werde.
+
+Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in
+leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die
+Kissen. --
+
+Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer
+aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den
+flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers
+mußten sie Nachricht erfragen.
+
+Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich
+gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor
+Sylvester ist schon unterwegs.«
+
+»Komm her!« befahl der Geheimrat.
+
+Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn
+beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn
+gekommen.
+
+»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein
+Leben ist für dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor --
+sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich --«
+
+»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause
+geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.«
+
+»Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.«
+
+»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit
+zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.«
+
+»Die Baronin --«
+
+»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu
+halten -- daß niemand horcht --«
+
+»Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose
+Male hier gewesen -- was wär' da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in
+seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen
+Wochen schon zugetragen hatte.
+
+»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben
+befohlen, daß ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon,
+daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der
+hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum
+Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt
+ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel
+abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg muß man immer mal
+aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben,
+wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll
+ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
+auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern -- ich auch -- ja ... Und
+dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir
+Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«
+
+Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon
+lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in
+den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
+zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit
+heimlichem Zittern gefaßt war.
+
+Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.
+
+Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf --
+langsam hob er seinen Oberkörper -- richtete sein Haupt empor. In jener
+furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er
+da.
+
+Das Licht füllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf
+dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg.
+
+Ein schweres Schweigen herrschte. --
+
+Leupold wagte nicht, sich zu rühren, um nicht die Gedanken seines Herrn
+zu stören.
+
+Was mochten es für Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten
+Stirn. Und eine mächtige Bewegung arbeitete in den großen Zügen.
+
+Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinfälliger Greis einen Stoß
+empfangen, der ihn umwerfen mußte -- das sah vielmehr so aus, als sei
+alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem
+gewaltigen Körper in straffer Energie.
+
+Nun sah er, wie die Hände, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen
+-- da trug der Geheimrat ein Büchlein. Er nahm es -- er schrieb ein paar
+Zeilen auf -- riß das Blatt ab ...
+
+»Nimm,« sagte er. -- Nein, wirklich, nicht einmal seine Hände zitterten.
+
+Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Köln. An
+den Sohn des Hauses. Und sie lautete: »Ich erwarte dich unter allen
+Umständen morgen früh hier. Dein Vater.«
+
+Dann ging der Tag seinen Gang. -- --
+
+Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich
+in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver
+aufgedrängt -- sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. --
+Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging.
+
+Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. -- Kam das
+vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht.
+
+Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen.
+
+Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken können.
+
+Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit.
+
+Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um
+des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie
+wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen -- damit
+er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen.
+
+Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ -- ob
+es ins Dunkel mündete, ins Helle führte -- das mußte die Zukunft lehren.
+
+Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr
+... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre
+Ohnmacht gestürzt haben!
+
+Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit
+hinauf.«
+
+Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme
+übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen
+können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen
+und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man
+das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen
+glänzten tief.
+
+Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das
+flaumige Köpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glück die
+Nähe des kleinen Geschöpfes genießend.
+
+So schritt sie hinauf.
+
+Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr
+öffneten.
+
+Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig
+dunklen Raum.
+
+In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte
+Herr -- im unerleuchteten Zimmer.
+
+Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im
+linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen
+ihre Wange drückend -- und um sie der Schimmer von Glanz ...
+
+»Madonna ...« dachte er.
+
+»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.«
+
+Und ihre Stimme klang wie immer.
+
+»Du hättest liegen bleiben sollen.«
+
+»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast
+du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: 'Der Frauen Zustand ist
+beklagenswert' -- Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.«
+
+»Heldin!« dachte er.
+
+Er wußte noch nicht: sollte er mit ihr sprechen -- mit ihr schweigen. --
+
+Aber nun mußten erst die großen Greisenhände die winzigen Fäustchen
+nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtröckchen
+gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer
+schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein
+Kinderstubenreich.
+
+»Schlafe mein Kerlchen. Stör deine Mutter nicht. Sie ist für dich und
+mich alles -- sie darf uns nicht krank werden. -- Schlaf fest.«
+
+»Dei -- dei -- dei,« klöhnte das Kind, als wolle es sehr Vernünftiges
+versprechen.
+
+Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten
+Türen, durch die der Lichtstrom hereingekommen war.
+
+»Du sitzest im Dunkeln?« fragte Klara.
+
+Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des
+Vaters hin -- da wo so recht eigentlich ihr Platz war.
+
+»Ich habe mich mit 'Severin Lohmann' unterhalten,« sprach der Alte, »es
+hatte mir viel zu sagen ...«
+
+Durch die schwarzblanke Glasfüllung der Fenster sah man hinaus in den
+Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem
+nächtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der
+Kokerei und den Hochöfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und
+gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von bläulichen
+elektrischen Lichtern war das düster-große Bild überfleckt, und all
+diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so
+merkwürdig an Weihnachten. -- Die plumpen Burgen der Hochöfen waren halb
+angestrahlt, halb lösten sich ihre Formen in Dunkelheit auf.
+
+Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultönen alle
+Geräusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwärts, dem
+Meere zu.
+
+Drunten der Fluß war an seinem kohlschwarzblanken Gleißen nur zu
+erkennen, wo vom Werk her Licht über ihn hinspielte. Außerhalb der
+verständlichen und übersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein
+grünes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich
+gegen Strom und Wind flußauf quälte.
+
+Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls. --
+
+Bald fühlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar. --
+
+So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch
+hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem
+Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
+mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit
+denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der
+Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen
+wurden bescheiden und still.
+
+Leise sprach der Alte -- für sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel
+sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu
+Tausenden, die ihn nicht hörten:
+
+»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen,
+Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten
+entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich
+mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man
+sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich
+forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie
+sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu
+ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und
+ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern
+fließt mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewiß,
+noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes
+fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine
+_Energie_ -- alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab' ich
+hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in
+meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr
+mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist
+diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe?
+Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander -- das fordert die
+Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das
+Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein
+Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist
+wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so,
+wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber --
+muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger --
+mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein großes,
+starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...«
+
+Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der
+sich vor sich selbst fürchtet.
+
+Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht
+bereit, den Sohn preiszugeben.
+
+Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die
+einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. --
+Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen
+konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor
+dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.
+
+»Du und dein Kind -- ihr wißt es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter
+wußte es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatürlicher
+Vater bin: -- mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt' ich
+lassen -- meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von
+heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns
+zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies
+heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.«
+
+Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als
+sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen
+abgerungen habe ...
+
+»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.«
+
+Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer --
+und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank. --
+
+Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht
+hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll
+vor dem schwarzen Himmel jagte. --
+
+Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark
+genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr.
+
+Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst
+eintreffen.
+
+Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war,
+verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein.
+
+Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß
+von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor
+vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die
+Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne.
+Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der
+Firma. --
+
+Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch
+dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen
+sei.
+
+Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln.
+
+Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie
+tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es
+nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
+ein Sommervergnügen -- vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn,
+halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal!
+
+Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für
+Klara gehabt.
+
+Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt. --
+
+Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei.
+
+Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort
+an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den
+eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann
+junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern
+nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man
+wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe.
+
+»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr.
+
+Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle
+Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte
+auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem
+Vorwand zur Nachfrage verbot sich.
+
+Solche Stunden ertragen sich hart.
+
+Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand
+zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen.
+
+Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten
+Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen.
+
+Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe
+zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu
+verlieben.
+
+Ah -- dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen!
+
+Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der
+Vater, durfte die Ehe nicht sprengen.
+
+»Hätte ich sie nie zusammengebracht!«
+
+Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem
+Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern.
+
+Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn
+nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben
+können ...
+
+Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten
+war -- alle Stimmen der Natur schwiegen.
+
+Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese über seinen Tod hinaus vor
+jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein
+Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein
+wohlhabender Mann.
+
+Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen
+war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine
+Nervosität bis zur Unerträglichkeit.
+
+Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ...
+
+Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle
+gewiesen.
+
+Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl.
+
+Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das
+Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen,
+in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig.
+Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten.
+
+Leupold kam.
+
+»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich,
+etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten
+gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
+er, ich solle doch fragen.«
+
+Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für
+immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt --
+
+Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh
+getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und
+gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete
+-- denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen.
+
+»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht --«
+
+»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.«
+
+Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden.
+Kam auf das Anerbieten zurück -- wollte doch zur Industrie übergehen --
+kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten.
+
+Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben,
+sich zusammennehmen.
+
+»Also ja ...«
+
+Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß,
+sehr ernst.
+
+»Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht
+wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im
+Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie müssen schon Nachsicht mit
+mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine
+Gesinnung kennen Sie -- die ist unverändert ...«
+
+»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener
+Angelegenheit.«
+
+Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten
+scharf aufmerken.
+
+»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.«
+
+»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.«
+
+»Ernstes. Ja.«
+
+»Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten
+und Brüchigen dürfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin
+kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht
+gleich, weil's mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an
+eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter
+Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär's.«
+
+»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu
+bringen.«
+
+»Wa -- was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja
+unmöglich --«
+
+Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten -- die des
+Todes.
+
+»Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurück sein
+-- er wäre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mußte er
+sich beim Oberst melden.«
+
+»Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht übel, lieber
+Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.«
+
+»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt.
+-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit
+Ihrem Herrn Sohn.«
+
+Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit
+offenem Munde.
+
+Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
+
+Er war furchtbar anzusehen.
+
+Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!«
+
+So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend.
+
+»Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben --«
+
+Da sank das schwere Haupt zurück. -- Die Augen schlossen sich -- und ein
+wunderbares Lächeln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die
+Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine
+Träne und rann über die bleiche Wange.
+
+Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.
+
+Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein.
+
+Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt
+gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? -- Rauschte
+das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:
+Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. --
+
+»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte.
+
+Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten
+Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden.
+
+Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im
+Zusammenhang hören.«
+
+»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich
+Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. --
+Ich befürchte da kein Mißverstehen.«
+
+Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn
+däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch
+Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.
+
+»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und
+schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!«
+
+Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt
+hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den
+nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb
+gefaltet -- so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief
+auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um
+Wort ...
+
+
+ »Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts
+ Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und
+ lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn
+ er kann! Wenn er nicht kann, muß ich's ertragen. Mein Bewußtsein
+ ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes
+ und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch
+ nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß.
+
+ »Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen
+ Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus
+ betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein
+ rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja
+ in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem
+ plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was
+ sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr
+ Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das
+ beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im
+ Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste
+ Gebot gekommen ...
+
+ »Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in
+ mich 'reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das
+ Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf
+ meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund
+ und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat
+ toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will.
+ -- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein
+ schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht.
+
+ »Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal?
+
+ »Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all
+ seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen
+ ist.
+
+ »Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner
+ Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein
+ Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn
+ der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen
+ Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und -- das Geld!
+ Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung.
+ Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. -- Und
+ wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo
+ zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen
+ Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer?
+
+ »Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- röter --
+ am rötesten.
+
+ »Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen
+ Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir
+ gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da
+ bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er
+ sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben
+ wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang.
+ Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte
+ sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache
+ nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde
+ mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt.
+ -- Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der
+ Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten --
+ einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in
+ der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau
+ standen wir einander gegenüber. -- So 'n rechter schwerer
+ Rheinnebel war's. -- Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht
+ weit vom Fluß -- seltsam war's mir: man hörte durch den Nebel
+ den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so 'n
+ Heulruf ihm das Leben gerettet hat!
+
+ »Es war mein Vorsatz: den lösch' ich aus. -- Der verdirbt sonst
+ noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken
+ kann, das ganze Dasein. -- Ich haßte ihn. Kräftig.
+
+ »Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in
+ diesen gräßlichen Sekunden -- ein, zwei sind's bloß -- da heult
+ von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- plötzlich seh
+ ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott
+ verzeih' mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht
+ schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt
+ unheimlich.«
+
+Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises
+zitterten ...
+
+Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz außer Likowskis
+Linie ...
+
+Aber weiter ...
+
+ »Vielleicht hätt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn
+ ... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns --
+ manchmal dacht' ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und
+ Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was
+ 'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte
+ Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als
+ er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die
+ Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er
+ zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen.
+ Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat
+ Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift.
+
+ »Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht:
+ voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine
+ Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis.
+
+ »So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte
+ ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man
+ was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter,
+ als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen!
+
+ »Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen
+ des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz
+ einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter
+ Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt,
+ fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht
+ haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen,
+ und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik
+ geschickt werden.
+
+ »Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und
+ dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie
+ schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und
+ nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es
+ offiziös. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von
+ meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen
+ sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,
+ nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu
+ seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach
+ die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten
+ sich dazu meiner bescheidenen Person.
+
+ »Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehört
+ er zu!' -- macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der
+ alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn
+ benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht
+ eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. --
+ Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe
+ was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt
+ des Vaters führt -- gehen Sie sofort zu ihm.
+
+ »Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt.
+ Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an
+ den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad --
+ mein Freund -- das sagt alles.
+
+ »Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes.
+ Sie wird leiden -- jetzt -- zunächst in jedem Fall! Aber sie
+ wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben --
+ darauf hoffe ich!
+
+ »Und nun: Gott befohlen!
+
+ Ihr Likowski.«
+
+
+Wie langsam der Greis gelesen hatte -- ganz gewiß, er mußte jeden Satz
+wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben.
+
+Und nun faltete er mit zögernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein
+wenig mußte er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den
+Tisch legen zu können, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.
+
+Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.
+
+Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, großen Blicken des Alten -- sie
+kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf.
+
+Aber dennoch -- auf seinen Zügen lag der Ausdruck einer wunderbaren
+Gefaßtheit.
+
+Welche Erschütterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten -- er
+stand darüber, stand auf Herrscherhöhen. -- Von wo aus die Wirrnisse des
+Lebens weithin übersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege
+kommen und wohin sie gehen.
+
+Ein leises, schmerzliches Lächeln voll Vatergüte ging um seinen Mund.
+
+»Sie wollten mir und allem, was zu mir gehört, für immer entfliehen,«
+sprach er, »und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst
+weiß, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.«
+
+»Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.«
+
+Er war verwirrt -- sein Herz klopfte. Er wünschte sich auf der Stelle
+verabschieden zu dürfen.
+
+»Lieber Marning -- Sie sehen -- der Sohn ist mir verloren -- vielleicht
+nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft -- mag vielleicht eine ferne
+Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine
+legen. Was kann ich davon wissen, was darüber sagen? Nichts! -- Ich will
+mein Alter nicht mit Unversöhnlichkeit beflecken. -- Es liegt an ihm --«
+
+Er mußte innehalten. -- So lebendig stand plötzlich das Bild der
+genußsüchtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter
+gewesen ... Er seufzte schwer ...
+
+»Möchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit
+Reue gepflastert sein.«
+
+Dann fuhr er lebhafter fort. »Meine Tochter -- mein Enkel -- mein Werk
+-- das gehört zusammen -- zu mir -- bis übers Grab hinaus: zu mir! Und
+davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Würde seiner Frau und
+die Würde meines Werkes verraten. -- Vielem und Vielen sollte er zum
+Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der
+spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden -- auf immer!«
+
+Nun sah er den jungen Mann voll und groß an -- bezwingend -- --
+
+»Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu
+wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer
+und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag
+wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und
+mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir
+schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es
+ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie
+vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als
+Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn
+für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie
+meinem Werke dienen?«
+
+»Ja!«
+
+Laut und feierlich klang das durch den Raum.
+
+Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie
+damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und
+küßte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf
+ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte.
+
+Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder.
+
+Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke
+angelobt. Und nicht nur seinem Werke.
+
+»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...«
+
+Stephan trat erschrocken zurück.
+
+»Nicht in meiner Gegenwart.«
+
+»Doch!« -- Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser
+kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde.
+
+»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch
+habe.«
+
+»Herr Geheimrat ...« bat Marning.
+
+Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.
+
+»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich
+brauche Sie -- -- sonst -- sonst -- es könnte mir die Fassung
+zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengeführt -- ich! Bin ich nicht
+ein Schuldiger vor ihr?«
+
+»Nein,« rief Stephan, »nein -- nichts von Schuld ...«
+
+Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen
+Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette
+gleich.
+
+Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten.
+
+Sie blieb stehen -- ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen.
+
+Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des
+Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen
+qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe
+hing ...
+
+»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm -- sieh, hier ist
+unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...«
+
+Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Von -- meinem -- Sohn ...«
+
+Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch
+einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte.
+
+Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
+schweigend und unbeweglich dastand.
+
+»Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Später erfährst
+du das Genaue. -- Er liegt in Köln -- krank ...«
+
+Sie wich ein wenig zurück -- im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich
+dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _muß_. -- Ich
+wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun muß ich es beweisen ...
+
+»Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm
+beistehen --«
+
+»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun
+wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe --
+sie wird gelöst werden.«
+
+»Vater!« schrie sie auf.
+
+Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht.
+
+Und die Männer schwiegen.
+
+Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine
+ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. --
+Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
+erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! --
+
+Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer
+zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe
+errichtet ward ...
+
+Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam
+zurück.
+
+Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte.
+
+Nun verlor sie Vater und Heimat -- --
+
+Sie hob ihr Gesicht aus den Händen. Sie sah den alten Mann an -- sie sah
+wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam.
+
+Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging -- sein einziger Sohn --
+trotz allem.
+
+»Nun muß ich dich verlassen!«
+
+»Klara!«
+
+»Aber das Kind -- es gehört mir. -- Du wirst nicht den Versuch machen,
+es mir zu nehmen. Nein -- das nicht -- das weiß ich.«
+
+Sie war außer sich.
+
+Er streckte seinen Arm nach ihr.
+
+»Nein -- besinn dich doch. -- Gehören wir nicht zusammen? -- Das Werk,
+das Kind -- du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von
+ihm! Und hier steht einer -- ich hab' sein Wort: er will in die Arbeit
+hineinwachsen und dem Werke dienen und -- meines Enkels Freund sein --«
+
+Er brach ab.
+
+»Vater!«
+
+Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weiße
+Gesicht zwischen seine Hände.
+
+»Meine Tochter!« sprach er leise und bedeutungsschwer.
+
+Oft hatte er sie so genannt -- aber sie fühlte, was dieser Name, in
+diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an großen und
+heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glück, das nach still und
+stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.
+
+Sie hob den Blick -- sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer
+Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand.
+
+Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mußte.
+
+Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der
+Vatergüte des großen alten Mannes immer wert zu sein -- nach seinem
+Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfüllen, im täglich
+erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.
+
+
+
+
+ Druck der
+ Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+ in Stuttgart
+
+
+
+
+Anzeigen des
+Cotta'schen Verlages
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Ein königlicher Kaufmann
+
+_Hanseatischer Roman_
+
+16. und 17. Auflage
+
+In Leinen gebunden 5 Mark
+
+
+=Aus den Besprechungen:=
+
+Daß der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen
+schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch.
+Es enthält treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur.
+Neben feinsinnigen Bemerkungen über die modernen Menschen und das
+heutige Geschäftsleben der alten Freien und Hansestadt Lübeck gelangen
+in anheimelnden Rückgedanken auch die früheren Zustände zur plastischen
+Darstellung. Die große Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den
+Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelöst
+werden.
+
+ =Bohemia, Prag=
+
+
+Was übrigens die stärkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das
+ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lübeck. Die stolze Hansastadt
+mit ihren Kirchen und Patrizierhäusern taucht vor uns auf; die
+Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie
+sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine
+und doch wieder in ihrer Art große Welt mit sicherem Stift, nicht ohne
+Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen über
+den übertriebenen Lokalpatriotismus. Sie übersieht nicht »die
+spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede
+Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein«.
+Natürlich entrollt sich auch vor uns ein Stück hanseatischen
+Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen
+Gründungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das
+alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von
+einer Romandichterin erwartet werden darf.
+
+ =Deutsche Tageszeitung, Berlin=
+
+
+
+Ida Boy-Ed:
+
+Im Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und
+Berlin erschienen:
+
+ Gebunden
+
+Die säende Hand. Roman. 5. Auflage M. 4.50
+
+Um Helena. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer
+Roman. 16. u. 17. Auflage M. 5.--
+
+Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage M. 4.50
+
+Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman
+6. u. 7. Auflage M. 4.50
+
+Die große Stimme. Novellen. 3. Auflage M. 3.--
+
+Stille Helden. Roman M. 5.--
+
+
+In Otto Meißners Verlag in Hamburg erschienen:
+
+Ein Tropfen Geheftet M. 2.50
+
+Getrübtes Glück. Zwei Novellen Gebunden M. 4.--
+
+
+
+
+ Gebunden
+_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und
+ andere Geschichten M. 4.--
+ --"-- Das verlorene Wort. Roman " 4.--
+
+_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. Zwei
+ Erzählungen " 3.50
+ --"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ruth. Erzählung. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus fremder Seele. Eine Spätherbstgeschichte. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. " 3.50
+
+_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman " 4.--
+ --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl. " 5.--
+
+_Auerbach, Berthold_, Barfüßele. 44.-46. Aufl. " 2.50
+ --"-- Auf der Höhe. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bände " 4.20
+ --"-- Spinoza. Ein Denkerleben " 1.70
+ --"-- Waldfried. Eine vaterländische Familiengeschichte " 2.10
+
+_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. 17. Tsd. " 3.--
+ --"-- Es war einmal. Märchen. 15. u. 16. Tsd. " 3.80
+ --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd. " 6.20
+ --"-- Neue Märchen. 9. Tsd. " 4.--
+ --"-- Sommermärchen. 40. u. 41. Tsd. " 4.20
+
+_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl. " 3.50
+
+_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Ungläubigen " 5.--
+
+_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Stille Helden. Roman " 5.--
+ --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u.
+ 17. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman " 5.--
+
+_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und östliche Geschichten " 4.50
+ --"-- Flugbeute. Neue Erzählungen. 1. und 2. Aufl. " 4.20
+ --"-- Die Schüler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bände. 2. Aufl. " 9.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte.
+ Miniatur-Ausgabe. Mit Porträt. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Bozena. Erzählung. 9.-11. Aufl. " 4.--
+ --"-- Erzählungen. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Margarete. 7. Aufl. " 3.--
+
+_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# -- Ein Wunder
+ des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten " 3.--
+
+_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl. " 6.--
+
+_El-Correï_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman " 5.--
+
+_Engel, Eduard_, Paraskenvúla und andere Novellen " 4.50
+
+_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. " 4.--
+ --"-- Grete Minde. 8. Aufl. " 3.50
+ --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. " 4.--
+ --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl. " 5.--
+ --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl. " 4.--
+
+_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. Erzählung. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bände. 7. Aufl. " 7.50
+ --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Moschko von Parma. Erzählung. 5. Aufl. " 3.50
+ --"-- Neue Novellen. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. " 3.--
+ --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählung. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. 6. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bände. 3. Aufl. " 8.--
+ --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzählung. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman " 5.--
+
+_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer
+ Schweizerroman. 5. Aufl. " 6.--
+
+_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl. " 3.--
+
+_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman " 4.50
+
+_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl. " 10.--
+
+_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch " 4.--
+
+_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile
+ Ausgabe. 11.-15. Tausend " 3.--
+
+_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
+ Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman " 4.50
+
+_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der König der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl. " 4.50
+ --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl. " 4.50
+ --"-- Da träumen sie von Lieb' und Glück! Drei Schweizer
+ Novellen. 24. u. 25. Aufl. " 4.50
+ --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl. " 4.50
+ --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl. " 4.50
+
+_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman " 3.--
+
+_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl. " 4.50
+ --"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. 31.-33. Aufl. " 4.--
+ --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das große Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl. " 6.--
+ --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählung. 10.-12. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl. " 2.50
+ --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl. " 5.--
+ --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 3.50
+
+_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl. " 2.40
+ --"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben
+ -- Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Über allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bände. 29. u. 30. Aufl. " 6.80
+ --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Märchen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Martha's Briefe an Maria. 2. Aufl. " 2.--
+ --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 10.--
+ --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet.
+ 2.-4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl. " 3.40
+ --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl. " 4.50
+ --"-- Neue Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bände. 14. u. 15. Aufl. " 6.80
+ --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Rätsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl. " 6.--
+ --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl. " 3.40
+ --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Crone Stäudlin. Roman. 5. u 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u.
+ 6. Aufl. " 3.40
+ --"-- Moralische Unmöglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Aus den Vorbergen. Novellen " 6.--
+ --"-- Vroni und andere Novellen " 4.50
+ --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Xaverl und andere Novellen " 4.50
+
+_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. " 2.50
+ --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u.
+ 5. Aufl. " 5.--
+
+_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman " 4.--
+
+_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels.
+ 2. Aufl. " 6.--
+
+_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen und Mären. 3. Aufl. " 3.50
+ --"-- Ostseemärchen. 3. Aufl. " 4.--
+
+_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte.
+ 6. Aufl. " 3.50
+
+_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren.
+ Roman. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kügelgen_
+
+_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl. " 3.50
+
+_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände.
+ 75.-80. Aufl. "11.40
+ --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl. " 3.80
+ --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. 84.-88. Aufl. " 7.60
+ --"-- Züricher Novellen. 78.-82. Aufl. " 3.80
+ --"-- Das Sinngedicht. Novellen -- Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80
+ --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+ --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung.
+ Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl. " 3.--
+
+_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte
+ Übersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl. " 5.--
+
+_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman " 4.--
+ --"-- Das Erbe der Väter. Ein Lebensbericht " 4.50
+
+_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
+ Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl. " 2.40
+
+_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn.
+ Roman. 2. u. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung " 3.--
+ --"-- Italienische Erzählungen. 2. Aufl. " 4.50
+ --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen. " 3.--
+ --"-- Genesung -- Sein Todfeind -- Gedankenschuld. Erzählungen " 5.--
+ --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Phantasien und Märchen " 3.--
+ --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen
+ Renaissance. 7. Aufl. " 6.50
+
+_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman " 4.50
+
+_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau.
+ Erzählungen und Geschichten. 2. Aufl. " 3.--
+ --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die große Stille. Roman. 4. Aufl. " 5.50
+
+_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände.
+ 5. u. 6. Aufl. " 7.50
+ --"-- Arme Mädchen. Roman. 11. Aufl. " 5.--
+ --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl. " 5.--
+
+_Mauthner, Fritz_, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln
+ und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von »_Lügenohr_« " 4.--
+
+_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl. " 4.--
+
+_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman " 4.--
+
+_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman.
+ 2.-5. Aufl. " 4.50
+
+_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzählungen " 4.--
+ --"-- Aphrodite und andere Novellen " 4.--
+ --"-- Vom heißen Stein. Roman " 4.--
+
+_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack.
+ Erzählungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+ --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ " 4.--
+
+_Olfers, Marie v._, Neue Novellen " 4.50
+ --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen " 4.--
+
+_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl. " 6.--
+
+_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl. " 5.--
+ --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Lebensrätsel. Novellen. 4. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. " 7.--
+ --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl. " 5.--
+ --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl. " 5.--
+
+_Rittberg, Gräfin Charlotte_, Der Weg zur Höhe. Roman " 4.--
+
+_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman " 5.--
+
+_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft.
+ Roman. 2 Bände " 5.--
+
+_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamt-Ausgabe.
+ 10. Aufl. (51.-55. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (4. u. 5. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
+ (3. Tausend) " 5.--
+ --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe " 5.--
+ --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg. " 5.--
+ --"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe " 5.--
+ --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
+ 3 Bände. 9. Tsd. je M. 4.--
+ --"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. " " 4.--
+ --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse
+ herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd. " 4.--
+
+_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl. " 5.--
+
+_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl. " 4.--
+
+_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen " 4.--
+
+_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman " 3.50
+ --"-- Stille Wasser. Roman " 4.--
+
+_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer
+ Studentin. 13. u. 14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl. " 3.50
+ --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl. " 4.50
+ --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl. " 5.50
+ --"-- Für Dich. Roman. 21.-25. Aufl. " 5.--
+ --"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl. " 5.--
+ --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl. " 5.--
+ --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die thörichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 4.50
+ --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl. " 5.--
+ --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl. " 6.--
+ --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl. " 4.--
+ --"-- Du bist die Ruh'. Roman. 9. u. 10. Aufl. " 4.50
+ --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen
+ Armee. 36.-40. Aufl. " 5.50
+ --"-- Die zwölfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der weiße Tod. Roman. 19.-23. Aufl. " 4.--
+ --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl. " 4.50
+ --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl. " 5.--
+
+_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl. " 6.--
+ --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl. " 4.50
+ --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 31.-33. Aufl. " 3.--
+ --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl. " 6.--
+ --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl. " 4.--
+ --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis " 4.50
+ --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl. " 3.--
+
+_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten " 5.--
+
+_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen und andere
+ Humoresken. 4. u. 5. Aufl. " 3.--
+
+_Uxkull, Gräfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman " 5.--
+
+_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman " 4.--
+
+_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen " 3.50
+
+_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman " 5.50
+
+_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman. 5. u. 6. Aufl. " 5.50
+ --"-- Römische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl. " 4.50
+ --"-- Erdenschönheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben 2. u. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Der Polyp und andere römische Erzählungen. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. 3. Aufl. " 6.--
+
+_Watzdorf-Bachoff, E. v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer
+ Freundschaft. 2. Aufl. " 4.50
+
+_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. 3. Aufl. " 5.50
+ --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. " 4.50
+ --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl. " 4.--
+ --"-- Dämonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl. " 4.--
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+ --"-- Erika -- Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. " 4.50
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+
+_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl. " 5.--
+
+_Wohlbrück, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl. " 6.--
+
+_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl. " 3.50
+ --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. " 5.--
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+ --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzählungen. 2. Aufl. " 4.--
+ --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. " 5.--
+ --"-- Überschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl. " 3.50
+
+Für geheftete Exemplare beträgt der Preis 1 Mark weniger
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende
+Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1914. The table below lists all corrections applied
+to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
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+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+
+p. 019: [added quote] nicht in lässige Hände gelegt werden werden --«
+p. 080: [normalized] der Duc d'alben -> d'Alben
+p. 203: Mahagoniegefährten -> Mahagonigefährten
+p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski
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+p. 360: Kopf vorüber auf die Tischplatte geschlagen -> vornüber
+p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
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+***** This file should be named 29738-8.txt or 29738-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/9/7/3/29738/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+particular state visit https://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Stille Helden
+
+Author: Ida Boy-Ed
+
+Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
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+
+</pre>
+
+
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>Stille Helden</p> -->
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+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p> -->
+
+<h1>Stille Helden</h1>
+
+<p class="subtitle">Roman</p>
+
+<p class="writtenby">von</p>
+
+<p class="author">Ida Boy-Ed</p>
+
+
+<p class="publishedin">1914</p>
+
+<p class="publisher">J.&nbsp;G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung Nachfolger<br />
+Stuttgart und Berlin</p>
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span></p> -->
+
+<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das &Uuml;bersetzungsrecht, vorbehalten<br />
+<span class="smaller">Copyright 1914 by J.&nbsp;G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart</span></p>
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_1" id="Kapitel_1"></a>1</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>ine Fr&uuml;hlingsnacht endete, und das neue Tagewerk
+begann. Droben im sehr ger&auml;umigen Erker lie&szlig; sich der
+alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag jetzt die N&auml;chte
+oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis zwischen
+den Spalten der Vorh&auml;nge ein grauer Schein bemerkbar
+wurde. Diesen grauen Schein der Morgend&auml;mmerung
+nannte er schon &raquo;Tag&laquo;, und damit gestand er sich das
+Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn sein treuer
+Leupold konnte den m&auml;chtigen K&ouml;rper nicht mehr allein
+regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden
+m&uuml;ssen. Und so zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger
+Selbstbeherrschung, noch ein neues Gesicht in seiner N&auml;he
+zu ertragen.</p>
+
+<p>St&ouml;hnend und durch das vergebliche Bem&uuml;hen, selbstt&auml;tig
+sich zu bewegen, seinen Helfern die Handhabungen
+noch erschwerend, kam er in die rechte Lage. Nun sa&szlig;
+er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder bezogenen
+Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt arbeitende
+Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene
+Schr&auml;g- und Steilstellungen bringen lie&szlig;. Auch eine
+breite Tischplatte kam von der Erkerwand ger&auml;uschlos
+nahe und zog sich wieder dahin zur&uuml;ck, je nachdem ein
+kaum bemerkbarer Knopf an der &auml;u&szlig;eren rechten Armlehne
+ber&uuml;hrt wurde. Auf &auml;hnliche Weise konnten von der
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>gegen&uuml;berliegenden Wand ein B&uuml;cherregal und eine
+Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese Beweglichkeit
+all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem
+Leben treuer, aufmerksamer und stumm wartender Tiere.
+Sie machte den seit einigen Monaten halbseitig Gel&auml;hmten
+unabh&auml;ngiger von seiner Bedienung und gew&auml;hrte ihm,
+was seit langen Jahren sein h&ouml;chstes Bed&uuml;rfnis gewesen
+war: Stunden ungest&ouml;rter Einsamkeit. In ihr konnte
+sein Kopf am raschesten und gesammeltsten arbeiten.
+Jetzt in dieser fr&uuml;hen Stunde mu&szlig;te der bewegliche Tisch
+das erste Fr&uuml;hst&uuml;ck tragen. Mit nie erl&ouml;schendem Zorn
+a&szlig; der alte Herr diesen Haferbrei und den H&uuml;hnerfl&uuml;gel
+oder was die &auml;rztliche Verordnung ihm sonst noch an
+leichter Kost gestattete.</p>
+
+<p>&raquo;Das hast du nicht gedacht, Leupold, da&szlig; du mich
+mal p&auml;ppeln m&uuml;&szlig;test wie &#8217;ne W&ouml;chnerin,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ja nur vor&uuml;bergehend, Herr Geheimrat,&laquo;
+tr&ouml;stete Leupold und schob noch handlicher Teller und
+L&ouml;ffel zurecht.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er w&uuml;&szlig;te, wie er seinen Ton gegen mich
+ver&auml;ndert hat!&laquo; dachte der Geheimrat erbittert. &raquo;Na ja
+&ndash; wie denn nicht! Fr&uuml;her war ich sein Herr, jetzt ist er
+im Grunde der meine.&laquo;</p>
+
+<p>Aber in Leupolds etwas br&auml;unlichem Gesicht und in
+seinen klugen dunkeln Augen war wirklich nichts von
+&Uuml;berhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem freundlich-gleichm&auml;&szlig;igen
+Ausdruck, den er sich in mehr als f&uuml;nfundzwanzig
+Jahren angew&ouml;hnt hatte, schnitt er das wei&szlig;e
+Fleisch von dem Brustknochen des jungen Huhnes herab.
+Wenn man einem m&auml;chtigen, &uuml;berm&auml;&szlig;ig besch&auml;ftigten
+gro&szlig;en Herrn dient, dem das Blut rascher durch die Adern
+l&auml;uft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man
+Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>ersch&uuml;ttert gesehen &ndash; an jenem Abend, als unten im
+Speisesaal ein festlicher Tisch f&uuml;r ein Herrendiner schon
+fertiggedeckt stand und die G&auml;ste jeden Augenblick eintreffen
+konnten. Da, gerade als Leupold den Frack
+bereithielt, als der Herr schon den Arm ausstreckte, um
+hineinzufahren, da wurde der Riese j&auml;h blaurot im Gesicht
+&ndash; stie&szlig; einen rauhen Laut aus &ndash; taumelte und fiel. ...
+In der Dienerschaftsstube fl&uuml;sterte man davon, Leupold
+habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn
+hierauf anzureden.</p>
+
+<p>Jetzt war alles auf dem Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch so zurechtgestellt
+und vorbereitet, da&szlig; der Halbgel&auml;hmte ohne weitere Hilfe
+sein Mahl verzehren konnte, und Leupold zog sich zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree
+durch das gro&szlig;e Zimmer der Ausgangst&uuml;r zu schritt,
+sah sein Herr ihm nach. Eine Aufwallung von R&uuml;hrung
+stieg in ihm empor.</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz&#8217; ich ihn
+aus dem Bett! Was ist das f&uuml;r ein brutaler Unsinn.
+Mi&szlig;brauch der Herrengewalt? ... Und er muckt nicht mal
+auf ... Anh&auml;nglichkeit oder Sklavensinn!?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Aber sein Herz sagte ihm: Anh&auml;nglichkeit! Denn
+auch er dachte manchmal an jenen Augenblick, wo er von
+den dunkeln Grenzen noch einmal zur&uuml;ckerwacht war
+zum Leben &ndash; auch eine Art von Wiedergeburt &ndash;&nbsp;&ndash; wie
+ihm das Bewu&szlig;tsein kam &ndash; wie er die Lider &ouml;ffnete &ndash;
+da sah er in ein treues, angstvolles Auge, in dem Freude
+aufleuchtete, als er zu sprechen begann.</p>
+
+<p>Nur das Auge des Dieners &ndash; eines ergebenen Menschen
+&ndash; nicht das Auge seines Sohnes!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ah &ndash; dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ...
+&raquo;Na, er wird ja mal mit meinem Testament nicht unzufrieden
+sein!&laquo; dachte er noch in bezug auf Leupold.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein
+so m&auml;chtiger K&ouml;rper mu&szlig; Bewegung haben, wenn sein
+Haushalt in Ordnung bleiben soll&nbsp;...</p>
+
+<p>Bewegung! Er wu&szlig;te wohl: die kam ihm nie wieder.
+Jeder Tag, diese n&auml;chste Minute, noch ehe er den Haferbrei
+bezwungen, konnte ihn die unsichtbare Faust zum
+zweiten Male treffen. Und ein gro&szlig;es, furchtbares und
+dennoch seltsam feierliches Vorgef&uuml;hl sagte ihm: dann
+traf sie so gut, da&szlig; es das Ende ward&nbsp;...</p>
+
+<p>In solcher Lage schlie&szlig;t man ab! Aber wie kann
+man, wenn der einzige Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen,
+gegen Lebensfreude gleichg&uuml;ltig &ndash; ein Mensch, der
+am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da schlie&szlig;e
+mal einer ab! Zu einem letzten Willen geh&ouml;ren zwei.
+Einer, der ihn ausspricht, und einer, der ihn ausf&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Er sah hinaus. Es war immer noch sehr fr&uuml;h. Aber
+was war Tag, was Nacht f&uuml;r das H&uuml;ttenwerk! Da brauste
+die Arbeit und legte sich niemals schlafen. Die Hoch&ouml;fen
+erloschen nie. F&uuml;r ihre schwelende Glut gab es keine
+Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das
+Symbol der ewigen Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen
+am Herde der Mutter Erde brodelt.</p>
+
+<p>Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des
+Herrn das St&uuml;ck Welt hin, dar&uuml;ber er der Gebieter war.</p>
+
+<p>Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Flu&szlig; durchschnitten,
+der im ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen
+Ostsee zustrebte, hatte die kr&auml;ftigen und ruhevollen Farben
+einer Landschaft, darin sonst allein der Bauer sein Reich
+findet. Ferne W&auml;lder umgrenzten sie.</p>
+
+<p>Aber mitten in diesen gr&uuml;nen Gel&auml;nden und auf stillen,
+abget&ouml;nten Weiten hatte sich das Feuer eine gewaltige
+und beherrschte St&auml;tte gesucht und Erze und Kohlen ihre
+d&uuml;steren Farben hineingetragen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah
+er die drei Hoch&ouml;fen gleich drohenden, gedrungenen Burgen
+ragen. Steil hinan zu ihnen zog sich das Eisengest&auml;nge
+der Schr&auml;gaufz&uuml;ge, an denen die kleinen Wagen emporkletterten,
+die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen
+unaufh&ouml;rlich die &Ouml;fen beschickten, das hei&szlig;t in ihren
+Rachen das Material sch&uuml;tteten. Und schwarz, in den
+Formen von Riesenzylindern, hielten neben ihnen in
+Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer Wache,
+in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als
+Gebl&auml;se diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen,
+schlanken S&auml;ulen erhoben sich frei und leicht, scheinbar
+ganz ohne Zusammenhang mit den verschiedenen langgestreckten
+D&auml;chern und den aufget&uuml;rmten Bauten, in
+denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koks&ouml;fen
+vermuten konnte. Ein Gasometer, rund und klobig,
+in der Gestalt an das Grabmal der C&auml;cilia Metella fern
+drunten in der Sonnenglut der Appischen Stra&szlig;e erinnernd,
+stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen
+und Ausladebr&uuml;cken durchschnitten die Luft. Sie
+waren wie K&ouml;rper, die nur ein Skelett haben und gar
+keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe bewegten
+sich die F&ouml;rderwagen, emsig und doch gelassen, die von den
+Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem
+Prasseln an den rechten Lagerpl&auml;tzen aussch&uuml;tteten.
+All diese Dinge ragten gleich Gipfeln hoch aus dem
+Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, bl&auml;ulich, oft von
+steigendem wei&szlig;en oder schwarzgrauen Gew&ouml;lk durchzogen,
+umh&uuml;llte all diese phantastischen Formen, die
+bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie andere waren,
+als die Natur sie schafft.</p>
+
+<p>Das Gel&auml;nde selbst, auf dem die Betriebe der Eisenh&uuml;tte
+&raquo;Severin Lohmann&laquo; angesiedelt worden waren,
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>verbarg sich vom Erker aus dem Blick. Eine gro&szlig;e g&auml;rtnerische
+Anlage lag dem Hause gegen&uuml;ber, von ihm durch
+die vorbeiziehende Landstra&szlig;e geschieden. Diese Anlage
+nahm links, wo sie breit war, den Palisadenzaun des
+Werkes als Grenze; sie zog sich zum Flu&szlig; hinab, wurde
+nach rechts schm&auml;ler und schm&auml;ler und verlor sich im
+Uferstreifen, der flu&szlig;auf endlich an einer Hochbr&uuml;cke
+endete, auf welche die dem Flu&szlig; sich immer mehr n&auml;hernde
+Landstra&szlig;e dort traf.</p>
+
+<p>Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch
+emporgewachsen waren und dichte Kronen bekommen
+hatten; diese Rasen und Geb&uuml;schpartien; diese Blumenrabatten,
+die doch bei &ouml;stlichem Winde immer grauschwarz
+best&auml;ubt wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die
+Anlagen dem Hause gerade gegen&uuml;ber schnitt und zum
+Flu&szlig;ufer hinabf&uuml;hrte, wo fr&uuml;her an einer Br&uuml;cke eine
+Lustjacht lag, jetzt aber eine F&auml;hre ihren Platz hatte &ndash;
+das alles war die &raquo;Anlage der gn&auml;digen Frau&laquo;.</p>
+
+<p>Die gn&auml;dige Frau sah einst nicht gern auf die Welt
+der Kohlen, Erze und Schlacken&nbsp;...</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben am andern Ufer erhob sich &uuml;ber wei&szlig;sandigem,
+schroff abfallendem Abhang eine kleine Stadt. Rote
+D&auml;cher dr&auml;ngten sich um den Kirchturm, dessen spitzes
+Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel stand.
+Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze
+flimmerten lustig und neu im Morgenglanze. Aber
+auch dr&uuml;ben kam zwischen den D&auml;chern heraus Rauch.
+Aus merkw&uuml;rdigen breiten, kurzhalsigen kleinen Essen
+blies er hinauf, stetig quellend. Man r&auml;ucherte Fische
+in Schlutup, und einst lebte das ganze St&auml;dtchen von
+Ackerbau und Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der
+Arbeitsl&auml;rm &uuml;ber den Flu&szlig; hin&uuml;ber in die Stra&szlig;en hinein
+&ndash; auch das Geld, das &raquo;Severin Lohmann&laquo; in Bewegung
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,
+st&auml;rkeres Leben pulsierte.</p>
+
+<p>Der alte Herr sah gern hin&uuml;ber &ndash; es tat ihm wohl,
+zu sehen, wie das da wuchs &ndash; wie sich mehr und mehr
+Industrien ansiedelten, die durch sein Werk und dessen
+Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.</p>
+
+<p>Und im Grunde genommen durfte er sich wie der
+ungekr&ouml;nte K&ouml;nig auch des andern Ufers f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Unten auf dem Flu&szlig;, unterhalb der hoch &uuml;ber ihnen
+sich in die Luft hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebr&uuml;cken,
+ankerten ein paar Dampfer. Aus den Tiefen
+ihres Bauches herauf tauchten die F&ouml;rderwagen wieder
+empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter
+Grazie leer hinabgelassen hatten &ndash; Dampfer aus
+Schweden &ndash; aus Griechenland &ndash; Spanien. Erhebend
+und qu&auml;lend zugleich war das, den Blick auf seine Welt
+zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; er hier in seinem palastartigen Haus, das
+durch ein kunstvolles, hohes Schmiedeisengitter von der
+Landstra&szlig;e geschieden war und, inmitten von Vorg&auml;rten
+und anschlie&szlig;endem Park, wie ein f&uuml;rstlicher Ruhesitz
+anzusehen war.</p>
+
+<p>Er dankte f&uuml;r Ruhe&nbsp;...</p>
+
+<p>Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er
+nun schon seit Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose
+Monologe &uuml;ber die Gr&ouml;&szlig;e, die im Entsagenk&ouml;nnen
+liegt ... Er forderte von sich Haltung. Da&szlig; er sie andern
+Menschen gegen&uuml;ber aufzubringen vermochte, gew&auml;hrte
+ihm eine kleine Genugtuung. Aber allein mit der Qual,
+knirschte er mit den Z&auml;hnen gegen sie.</p>
+
+<p>Alles w&auml;re wahrscheinlich w&uuml;rdevoll und gefa&szlig;t zu
+ertragen, ohne dieses Elend mit Wynfried&nbsp;...</p>
+
+<p>Er dachte pl&ouml;tzlich: &raquo;Ich verstehe die Prometheussage
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>&ndash; ja, wei&szlig; Gott, ich wei&szlig;, was das ist ... wie&#8217;s gemeint
+ist mit dem Adler, der kommt, dem Gefesselten die Leber
+auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille ist stark,
+aber die Kraft, die man nicht bet&auml;tigen kann, fri&szlig;t an
+einem&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nun merkte er auf &ndash; ein heller, schneidender, von
+dumpfen Untert&ouml;nen getragener Klang schien heranzukommen.
+Das ri&szlig; ihn aus seinen Gedanken. Ja richtig
+&ndash; was f&uuml;r ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied
+lag, das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln
+schlugen.</p>
+
+<p>Das war das halbe Bataillon Infanterie, das dr&uuml;ben
+im St&auml;dtchen lag. Im Schritt und Tritt marschierte es
+heran durch die Morgenfrische; voran mit seinem Adjutanten
+der Major im Stabe, der den beiden Kompanien
+zur F&uuml;hrung beigegeben war &ndash; der eine auf einem
+hellen Fuchs, der andere auf einem Rappen. Die Soldaten
+sangen das Lied mit, das ihnen vorgepfiffen und
+getrommelt ward. &Uuml;ber die Hochbr&uuml;cke waren sie gekommen
+und zogen zu einer Gefechts&uuml;bung aus &ndash; vielleicht
+um am Meeresstrand anderthalb Stunden ostw&auml;rts die
+Landung eines markierten Feindes zu verhindern.</p>
+
+<p>Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk
+&uuml;berschnitt die marschierenden Gestalten.</p>
+
+<p>Die Offiziere gr&uuml;&szlig;ten fast alle hinauf. Sie waren in
+diesem Hause oft gastlich aufgenommen worden. Jeden
+Gru&szlig; beantwortete mit freundlichem Nicken das wei&szlig;haarige,
+bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts
+von Krankheit und Alter war in ihnen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den
+gr&uuml;&szlig;enden Herren.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, lieber Sch&ouml;nstedten &ndash; bin schon auf &ndash; kein
+Schlaf des Nachts &ndash; Was, Likowski? Einen neuen Gaul?
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Den Rappen nat&uuml;rlich mit Vorteil verkauft &ndash; famos
+zugeritten, wie er war&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant
+Hornmarck &ndash; Herrgott wie klein und zart und jung, und
+sollte Kerls kommandieren und imponieren, die vielleicht
+schon mehr vom Leben wu&szlig;ten als er &ndash; und der da,
+der schlanke mit der stolzen Haltung, das mu&szlig;te der
+Oberleutnant Stephan Freiherr von Marning sein.
+Vor ein paar Tagen hatte Leupold seine Karte hereingebracht.</p>
+
+<p>Der Sohn alter Freunde, was man so &raquo;Freunde&laquo;
+nennt. Angenehme Bekannte, mit denen er manchen
+Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast
+gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan
+hatte ihm immer gut gefallen, in seine besondere Unterhaltung
+hatte er ihn oft gezogen, er, der alternde Gro&szlig;industrielle
+den jungen Leutnant, die scheinbar keine Interessen
+zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wu&szlig;te,
+mit welcher schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden
+vornehm behauptete, denn dieser Zweig der Marnings
+war fast arm. Und wenn er so die schlichte, ernste Haltung
+des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter
+war, dachte er an seinen Sohn&nbsp;...</p>
+
+<p>Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgr&uuml;&szlig;enden
+Freiherrn von Marning: &raquo;Wie gern, lieber
+Marning, antwortete ich sofort auf Ihren Besuch mit
+einer Einladung, bei mir zu essen &ndash; bin ja kein menschenfeindlicher
+Querkopf &ndash; aber da sitz&#8217; ich nun &ndash; vorbei ist&#8217;s
+mit dem Gastlichsein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und es tat ihm seltsam dringlich leid, da&szlig; er dem
+jungen Marning keine Freundlichkeit erweisen konnte.</p>
+
+<p>Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar
+Minuten nachsehen &ndash; da zog sie hin, Mann wie Offizier,
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>um in z&auml;her, t&auml;glich neu aufgenommener Arbeit, mit
+einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen, die unerh&ouml;rt
+opfervolle M&uuml;he des Kriegshandwerks im Frieden zu
+&uuml;ben &ndash; dazu geh&ouml;rt Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm
+und Heldenrausch, sondern nur an Pflicht denkt.</p>
+
+<p>Auch stille Helden &ndash; wie die Tausend und Tausend,
+die arbeiten und sich bezwingen, und deren Namen und
+deren Kampf niemals jemand nennt und preist.</p>
+
+<p>Ja, die gibt&#8217;s auf allen Gebieten.</p>
+
+<p>So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege
+jetzt auf den einen Menschen zuf&uuml;hrten, so war er
+schon wieder bei seinem Sohn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte Wynfried doch vielleicht Offizier werden
+lassen sollen! Der Junge hatte es einmal gew&uuml;nscht.&laquo;</p>
+
+<p>Aber er hatte so oft mit seinen W&uuml;nschen gewechselt;
+sie waren immer nur lau gewesen.</p>
+
+<p>Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum k&uuml;nftigen
+Mitbesitzer und sp&auml;teren alleinigen Herrn von &raquo;Severin
+Lohmann&laquo; zu bestimmen, war das Selbstverst&auml;ndliche.
+Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den ganzen
+Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch
+freilich ohne jemals Aufsehen durch Flei&szlig; oder Leistungen
+zu erregen &ndash; was sicher nicht von einem Mangel an
+Begabung, sondern von dem &Uuml;berflu&szlig; an Beziehungen
+zum weiblichen Geschlecht herkam&nbsp;...</p>
+
+<p>Hier &uuml;bermannte den alten Herrn wieder der Zorn,
+und er unterbrach sich, um den dienstwilligen Tisch fast
+gegen die Wand fliegen zu lassen.</p>
+
+<p>Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere
+von Tischplatte mit all den Sch&uuml;sseln und Speisen vor sich.</p>
+
+<p>Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung
+&ndash; durchschlug die Luft, als wolle er jemanden treffen&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Grabe h&auml;tte er sie wieder holen m&ouml;gen, um sie ha&szlig;voll
+zu fragen: Was hast du aus unserm Sohn gemacht?
+Einen Schw&auml;chling! Einen, der am Weibe scheiterte,
+weil du ihn weibisch erzogst&nbsp;...</p>
+
+<p>Er sah ihr k&uuml;hles, ablehnendes L&auml;cheln &ndash; er sah ihr
+sch&ouml;nes Gesicht, auf dem nichts geschrieben stand als
+Wohlgefallen an sich selbst.</p>
+
+<p>In einem seiner st&uuml;rmischen Entschl&uuml;sse klingelte er
+pl&ouml;tzlich. Alsbald erschien eine schlichte blaue Livree in
+der T&uuml;r. Aber es war nicht Leupold, sondern der neu
+engagierte blonde Georg, dessen saubere Gewaschenheit
+den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch
+&auml;rgerlich reizte.</p>
+
+<p>&raquo;Leupold!&laquo; sagte er befehlshaberisch.</p>
+
+<p>&raquo;Leupold ist nach Schlutup hin&uuml;ber, um die von Herrn
+Geheimrat gestern abend angeordneten Besorgungen
+zu machen,&laquo; sagte Georg in milit&auml;rischer Haltung, als habe
+er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.</p>
+
+<p>&raquo;Ist mein Sohn schon aufgestanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der junge gn&auml;dige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen
+zum Bad gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte gn&auml;dige Herr gab nur einen Laut von sich,
+der f&uuml;r Georgs Ohr etwas Ungeformtes behielt. Da&szlig;
+aber beinahe Verachtung darin klang, sp&uuml;rte der junge
+Mensch wohl, und er dachte aufs&auml;ssig: &raquo;Na, wir k&ouml;nnen
+doch nicht alle immer Glock f&uuml;nf aufstehen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er war es ja zum Gl&uuml;ck von seiner Milit&auml;r- und Burschenzeit
+her gew&ouml;hnt. Aber wenn er der junge Herr gewesen
+w&auml;re, w&uuml;rde er auch bis zehne schlafen. Und viel frohe
+Stunden schien der junge Herr seit seiner Ankunft gestern
+morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben.
+Das ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, da&szlig;
+zwischen Vater und Sohn &raquo;was los&laquo; sei &ndash; was, wu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber der w&uuml;rde
+es auch nicht verraten&nbsp;...</p>
+
+<p>Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mu&szlig;te
+er sich von neuem in Geduld fassen. Er hatte doch ein
+Gef&uuml;hl daf&uuml;r, da&szlig; er seinen Sohn nicht wie einen Schuljungen
+aus dem Bett holen lassen k&ouml;nne&nbsp;...</p>
+
+<p>Geduld &ndash; wenn eine so gro&szlig;e, so schwere Frage zu
+beantworten ist &ndash; die bitterste, die das Leben bisher an
+ihn gestellt hatte&nbsp;...</p>
+
+<p>Was sollte mit seinem Sohn werden?</p>
+
+<p>&Auml;u&szlig;erlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher
+bestimmt gewesen, nun geschehen. Wynfried hatte alle
+Stadien der Vorschulung f&uuml;r die auf ihn wartende Stellung
+durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen;
+auf befreundeten H&uuml;ttenwerken hatte er als Volont&auml;r
+in die Betriebe hineingesehen; er war ein Jahr auf einer
+Bank gewesen und ein Jahr im Auslande. Nirgends
+hatte er Anla&szlig; zu Klage oder Lob gegeben. Ob er &uuml;berhaupt
+gearbeitet hatte, war unklar.</p>
+
+<p>Das prickelte und gr&auml;mte den Vater! So eine glatte
+Null &ndash; sein Sohn! Lieber mit H&auml;rten, Ecken und Kanten
+sich herumsto&szlig;en! Die Neutralen hatte der Alte immer
+geha&szlig;t.</p>
+
+<p>Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unauff&auml;lligen
+Bahn des eben Zureichenden gewichen war, das
+war gerade das verh&auml;ngnisvollste von allen&nbsp;...</p>
+
+<p>Ein Weib hatte ihn zerbrochen &ndash; er hatte sich zerbrechen
+lassen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schw&auml;chlich
+genommen hatte.</p>
+
+<p>Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen.
+Er, ein Mann, f&uuml;r dessen Pflichtenf&uuml;lle der Tag immer
+um viele Stunden zu kurz war. Erziehung &ndash; das galt
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die
+S&ouml;hne geb&auml;ren, sollen sie auch erziehen k&ouml;nnen. Das
+war sein Anspruch gewesen.</p>
+
+<p>Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten,
+da&szlig; nichts ihre Gem&uuml;tsruhe, ihr Luxusdasein und ihre
+Sch&ouml;nheit st&ouml;rte. Erzieherpflichten k&ouml;nnen unbequem
+sein.</p>
+
+<p>Auch geh&ouml;rt Liebe dazu &ndash; und seine Frau hatte wohl,
+au&szlig;er zu sich selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal
+zu Wynfried, obschon es so aussah, als verg&ouml;ttere sie den
+Sohn. Solche m&uuml;tterliche Affenliebe ist blo&szlig; eine etwas
+verwickeltere Form von Selbstsucht &ndash; das wu&szlig;te der alte
+Herr l&auml;ngst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen
+gehabt hatte &ndash; fr&uuml;her, denn jetzt kam ihn, gegen seinen
+Willen, oft genug das Philosophieren an&nbsp;...</p>
+
+<p>Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern
+bei einer vorl&auml;ufigen Aussprache gegeben hatte: &raquo;Ja,
+Vater, du bist eben einer von den M&auml;nnern, die nur denken
+und arbeiten. Du wei&szlig;t nicht, was das ist: Lieben und
+Leiden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gef&auml;rbt hatte,
+wie rauh sein Ton, wie schroff sein Ausdruck gewesen
+war &ndash; das wu&szlig;te er selbst nicht.</p>
+
+<p>Grollend und in so schwerer D&uuml;sterheit, da&szlig; sein Sohn
+verstummte, sprach er: &raquo;Was wei&szlig;t denn du von mir!&laquo;</p>
+
+<p>Ja, was hatte sein Weib von ihm gewu&szlig;t! Was wu&szlig;te
+sein Sohn von ihm! Einsam! Einsam!</p>
+
+<p>Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm
+Gl&uuml;ck und Frieden bedeutete, die hatte er nicht festhalten
+d&uuml;rfen&nbsp;...</p>
+
+<p>Lieben und Leiden?</p>
+
+<p>Als ob es das Teil der M&uuml;&szlig;igen, Schwachen, Z&auml;rtlichen,
+Durchschnittlichen sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>Wehe, wenn es die gro&szlig;en Arbeiter packt und die
+Ehernen, die sich nicht zerbrechen lassen d&uuml;rfen, wenn sie
+vor sich selbst voll W&uuml;rde bleiben wollen&nbsp;...</p>
+
+<p>Helden m&uuml;ssen sie sein &ndash; aber in der Stille &ndash; denn
+es ziemt ihnen nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut
+auszurufen.</p>
+
+<p>Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder
+Bitterkeit; der Gram ihrer N&auml;chte bleibt ihr Geheimnis.</p>
+
+<p>Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam
+seine Seele in weichere Stimmungen hin&uuml;ber. Er sah
+das Weib, das er geliebt hatte, mit einer starken Deutlichkeit
+vor sich, die ihn begl&uuml;ckte und ersch&uuml;tterte. F&uuml;r die,
+die gro&szlig; lieben, ganz und mit der hei&szlig;en Kraft der Hoffnungslosigkeit,
+gibt es keine Entfernungen und keine
+Gr&auml;ber. Nie Besessenes bleibt unverloren und ewig
+nah ... So war Klara nie f&uuml;r ihn gestorben und nie
+von seinem Gem&uuml;t entfernt.</p>
+
+<p>Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit
+immer vertieft, richteten sich mit innigem Blick auf
+ihn, ihre m&auml;dchenhafte Gestalt, mittelgro&szlig; und schlank,
+dr&uuml;ckte in der ganzen Haltung so viel Ergebenheit und
+Keuschheit aus &ndash; es war, als wehe der Hauch von
+Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen
+sanften Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar
+Feste gewesen, was ihm, dem st&uuml;rmisch Leidenden
+half &ndash; und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal von
+einem L&auml;cheln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem
+T&ouml;chterchen sprach, dann war es r&uuml;hrend sch&ouml;n, zum Weinen
+sch&ouml;n ... Er sah ihr braunes, fast glanzloses lockeres Haar,
+er sah ihre edlen H&auml;nde, deren Ausdruck so merkw&uuml;rdig
+wechselnd war &ndash; beredte H&auml;nde.</p>
+
+<p>Solch ein Weib h&auml;tte seinem Sohn begegnen m&uuml;ssen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>Eine, die den Mann zu H&ouml;hen emporf&uuml;hrt, die er allein
+niemals erreichen kann.</p>
+
+<p>Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur
+Weiber begegnet, oder er hatte das Talent, jedes Weib
+herabzuziehen &ndash; solche M&auml;nner gibt es. Es gibt aber
+auch Frauen, sonst ganz unsch&auml;dlich, scheinbar fast gut,
+wenn sie in Ungest&ouml;rtheit bleiben; die ziehen den Mann
+herab, wenn sie nur mit ihm in Ber&uuml;hrung kommen &ndash;
+Frauen, die man isolieren sollte; wie Bakterien unsch&auml;dlich
+bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen &uuml;berf&uuml;hrt werden.
+Wunderlich &ndash; wer k&ouml;nnte je ergr&uuml;nden, von was f&uuml;r Bedingungen
+die sch&auml;dlichen oder segensreichen Wirkungen
+abh&auml;ngen.</p>
+
+<p>Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenn&#8217; meinen Sohn nicht,&laquo; das gestand er sich
+ein, &raquo;wei&szlig; blo&szlig; seine undeutlichen, &auml;u&szlig;eren Abgeschliffenheiten
+&ndash; die &auml;u&szlig;eren Daten seiner Liebesgeschichten.
+Was sonst in ihm steckt? Viel? &ndash; Nichts? &ndash; Ich wei&szlig;
+es nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen
+Mann, blo&szlig; weil er mein Sohn ist, mein Leben vermachen?
+Er soll sich auf meinen Thron setzen? Und vielleicht
+alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in vierzig
+Jahren zur Bl&uuml;te gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht
+doch nicht allein um mich und meinen Herrn Filius, es
+geht ja um das Wohl von Tausenden. Alles, was von
+mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat, will
+weiter existieren &ndash; volkswirtschaftliche Werte und die
+Zukunft Vieler d&uuml;rfen nicht in l&auml;ssige H&auml;nde gelegt
+werden werden&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein Niedergang von &raquo;Severin Lohmann&laquo; w&uuml;rde einen
+Niedergang der Gegend bedeuten. Lebten denn nicht
+dr&uuml;ben in Schlutup die Gewerbetreibenden, die Handwerker,
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>die Ladeninhaber zum gro&szlig;en Teil von der
+Beamten- und Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann:
+Kr&auml;fte werden mal abgenutzt, Beamte m&uuml;ssen gehen,
+um neuen Pers&ouml;nlichkeiten Platz zu machen. Hatte Wynfried
+die Gabe, rechte M&auml;nner zu w&auml;hlen? Eine der
+gr&ouml;&szlig;ten Begabungen f&uuml;r die Beherrscher so gro&szlig;er Unternehmungen,
+ja einer jeglichen; nicht der kleinste Kr&auml;mer
+kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unf&auml;hig und treulos
+ist. Und was f&uuml;r M&auml;nner brauchte dieses Werk! Mit
+Genugtuung dachte der Geheimrat an seine kl&uuml;gste gesch&auml;ftliche
+Tat: an den Mut, den er besa&szlig;, indem er seinen
+Generaldirektor Th&uuml;rauf mit einem Ministergehalt engagierte,
+weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben
+war ... Und mit Th&uuml;rauf kam eine noch gr&ouml;&szlig;ere Bl&uuml;te.
+&ndash; Ja, solche M&auml;nner mu&szlig; man erkennen, erf&uuml;hlen
+k&ouml;nnen, das ist die Begabung.</p>
+
+<p>&raquo;Th&uuml;rauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als
+Direktor einer Aktiengesellschaft bliebe er,&laquo; das sagte
+sich der Geheimrat. &raquo;Einen andern Chef als mich ertr&uuml;ge
+er nicht. Er f&uuml;hlt, da&szlig; ich ihn einsch&auml;tze bis in seine subtilsten
+F&auml;higkeiten hinein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Severin Lohmann&laquo; sollte nicht in der dritten Generation
+Privateigentum bleiben? Das tat weh nur zu
+denken&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Immer leidenschaftlicher &uuml;berdachte er sein Lebenswerk,
+seinen Besitz, all die zahlreichen Existenzen, die
+daran hingen und mit dem Hinwelken der Gesch&auml;ftsbl&uuml;te
+auch zum Absterben bestimmt w&auml;ren&nbsp;...</p>
+
+<p>Und aus diesem Gr&uuml;beln rang sich ein geradezu
+d&auml;monischer Wille empor, noch zu leben! Er konnte, er
+durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht wu&szlig;te: Wer
+und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk,
+meinem Reichtum?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Ein beinahe abergl&auml;ubischer Gedanke fiel wie ein Blitz
+in seine gl&uuml;hende Unruhe.</p>
+
+<p>&raquo;Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er
+ja zerbrochen worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten
+Mann machen, denn er mu&szlig; doch auch schlie&szlig;lich einen
+Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.&laquo;</p>
+
+<p>Aber wo die Rechte finden?</p>
+
+<p>Hier waren keine. Die fr&ouml;hliche Mimi, seines
+ersten Chemikers Einzige &ndash; ach, die war ja g&auml;nzlich eine
+angenehmere h&ouml;here Tochter und nichts mehr. Und die
+drei seines Generaldirektors Th&uuml;rauf? Trefflich erzogene
+nette M&auml;dchen, mal passend f&uuml;r sparsame, strebsame
+Beamte. Oder der rothaarige Backfisch des Gro&szlig;industriellen
+Stuhr, der vor drei Jahren dr&uuml;ben in Schlutup eine
+gro&szlig;e Sensenfabrik gegr&uuml;ndet hatte? Vielleicht die Witwe
+des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schlo&szlig; Lammen
+sa&szlig; und von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate
+&uuml;bers Meer hinaus, ob nicht ein zweiter Gatte dahergefahren
+k&auml;me? Alle nicht f&uuml;r Wynfried passend.</p>
+
+<p>Keine &ndash; weit und breit. Und der Vater hatte doch das
+starke Gef&uuml;hl, er m&uuml;sse f&uuml;r den Sohn w&auml;hlen. Da&szlig; Wynfried
+kein Urteil &uuml;ber weiblichen Wert oder Unwert besa&szlig;,
+war ja erwiesen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Keine? Er f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich, da&szlig; er sich all diese Figuren
+vor sein Auge gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen,
+die seines Sohnes guter Engel werden konnte &ndash;
+denn sie war die eine, von der er vorher wu&szlig;te: ihr entlockte
+Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie w&uuml;rde nur
+einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.</p>
+
+<p>Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich
+sich mit der Rechten &uuml;ber die Stirn, als k&ouml;nne er Hitze und
+R&ouml;te wegwischen. Er sollte sich doch nicht aufregen ...
+und ganz pl&ouml;tzlich war er von einer &auml;ngstlichen Folgsamkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>erf&uuml;llt &ndash; hatte den nicht gerade klar zum Bewu&szlig;tsein
+kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen &auml;rztlichen
+Anordnungen fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn
+er wollte leben &ndash; leben!</p>
+
+<p>Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde
+mu&szlig;te sie sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt
+auf &ndash; die Sandsteintreppe zwischen den Anlagen
+kam sie herauf, denn sie wohnte dr&uuml;ben bei der alten Witwe
+des fr&uuml;heren H&uuml;ttenarztes. Und die Doktorin Lamprecht
+liebte das M&auml;dchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen
+und Nachmittag, in Wind und Wetter, an lachenden Sommertagen
+und wenn Schnee durch die Luft trieb, kam sie
+&uuml;ber die F&auml;hre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins Schulhaus
+f&uuml;hrte. Das lag weiter hinauf an der Landstra&szlig;e.
+Man mu&szlig;te an der ganzen Front des Werkes vorbei und
+noch ein paar Minuten weiter, dann kam man an das fr&ouml;hlich
+aussehende wei&szlig;e Haus mit gr&uuml;nen L&auml;den und rotem
+Dach, das der Geheimrat f&uuml;r den Schulunterricht all der
+Kinder von Severinshof gebaut hatte.</p>
+
+<p>Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis n&ouml;rdlich
+des Werkes hin. Das Schulhaus an der Landstra&szlig;e war
+ihr Abschlu&szlig;. Auf das Schulhaus folgte dann mit ihrem
+gro&szlig;en Garten die stattliche Villa des Generaldirektors
+Th&uuml;rauf und die Doppelh&auml;user f&uuml;r all die meist verheirateten
+Herren Chemiker, Ingenieure und kaufm&auml;nnischen
+Abteilungsvorst&auml;nde des Werkes. In Severinshof
+hatte der Geheimrat den Stamm der Arbeiter in freundlichen
+H&auml;uschen mit G&auml;rten angesiedelt, die sich dem Werk
+auf immer verbunden f&uuml;hlten und von ihm Pension f&uuml;r
+ihre Feierabendruhe erwarteten.</p>
+
+<p>Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder
+dreien &ndash; dem Geheimrat kam es vor, als m&uuml;sse es schon
+immer so gewesen sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer
+hatte vertauschen d&uuml;rfen, war es seine Unterhaltung,
+aufzupassen, ob sie p&uuml;nktlich zwischen den Hainbuchenw&auml;nden
+auftauche, die die Sandsteintreppe bis zum
+Flu&szlig; hinab begleiteten, und ihr Gru&szlig; war ihm sein bi&szlig;chen
+Poesie. &ndash; Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch
+Sonntags nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee,
+eine sch&ouml;ne reiche Stunde lang.</p>
+
+<p>Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Million&auml;r,
+der starke Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie meine Tochter werden wollte!&laquo; Der Gedanke
+an diese M&ouml;glichkeit ersch&uuml;tterte ihn beseligend.</p>
+
+<p>Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar
+in den Stunden, wo er sich mit sich selbst besch&auml;ftigen konnte,
+immer bei ihm war. &ndash; Ihr Segen w&auml;re &uuml;ber den Kindern&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber w&uuml;rden sie wollen? Dieser Sohn, der zu m&uuml;de
+und freudlos erschien, um noch einen Entschlu&szlig; zu fassen?
+Dies M&auml;dchen, das mit einer so entschlossenen Gefa&szlig;theit,
+verschlossen ohne K&auml;lte, zufrieden, wunschlos in bescheidenen
+Verh&auml;ltnissen dahinlebte, obgleich ihre fr&uuml;he Kindheit von
+Luxus umgeben gewesen war?</p>
+
+<p>Reue erfa&szlig;te ihn. Er h&auml;tte das Kind, als es verwaist
+und mittellos dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen
+sollen, dann h&auml;tte Wynfried die Heranwachsende oft gesehen,
+vielleicht w&uuml;rdigen und lieben gelernt, und alles
+w&auml;re von selbst einer gl&uuml;cklichen Wendung entgegengewachsen,
+was man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken
+versuchen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Da&szlig; er das
+auch nur einen Augenblick vergessen konnte. Seine Frau,
+die das M&auml;dchen mi&szlig;bildet oder mi&szlig;handelt h&auml;tte, auf
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>diese feine Weise, wie sie zu mi&szlig;handeln verstand, durch
+Hochmut und K&auml;lte, die so versteckt waren, da&szlig; sie sich
+immer ableugnen lie&szlig;en, und doch so sp&uuml;rbar, da&szlig; man
+sich darunter bog wie unter Peitschenhieben.</p>
+
+<p>Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mu&szlig;te sie
+kommen.</p>
+
+<p>Die Anlegebr&uuml;cken h&uuml;ben und dr&uuml;ben konnte er nicht
+von seinem Platz aus sehen; auch jene Stelle des Flusses,
+&uuml;ber die der F&auml;hrmann seinen Kahn ruderte, verbarg ihm
+ein Baumwipfel.</p>
+
+<p>Jetzt erschien ihr Haupt. &ndash; Der K&ouml;rper wuchs auf der
+Treppe, nun stand sie auf der obersten Stufe und hob das
+Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte er von seinem hohen
+Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit den
+Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm
+schien ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht;
+ihre Kleidung war so sorgsam &ndash; am schlanken Halse gl&auml;nzte
+der wei&szlig;e Kragen, auf dem lockeren Haar sa&szlig; ein einfacher
+gef&auml;lliger Hut. &ndash; Unter dem Arm trug sie B&uuml;cher. Was
+f&uuml;r eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie sch&ouml;n
+sie sich bewegte. Diese feinen klugen Z&uuml;ge, den etwas herben
+Mund, die tiefen grauen Augen &ndash; er kannte sie seit vielen,
+vielen Jahren.</p>
+
+<p>&raquo;Klara!&laquo; sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte
+eigentlich doch eine andere Klara. Die, die l&auml;ngst von den
+Entt&auml;uschungen ihres Lebens ausruhte, in jener Ruhe, die
+nichts mehr von sich wei&szlig;, nicht einmal die Wohltat f&uuml;hlt,
+da&szlig; alle Not zu Ende ist&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt
+und nie besessen hatte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das w&uuml;&szlig;te! Lachen
+w&uuml;rde sie, lachen dar&uuml;ber, da&szlig; Severin Lohmann das Andenken
+an eine entsagungsvolle Liebe heilig hielt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>Er aber f&uuml;hlte tief: auch der Rauheste, auch der Gr&ouml;&szlig;te,
+auch der Arbeitsriese &ndash; er verliert alle F&auml;den zum Verst&auml;ndnis
+der Menschen, verliert sich selber in Unbarmherzigkeit
+und K&auml;lte, wird zur Maschine, wenn er nicht tief
+in sich ein leises kleines Feuer lebendig h&auml;lt; und das Verlangen
+zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe,
+das ihm wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm
+sein Weib nicht s&auml;ttigen k&ouml;nnen. &ndash; Als er acht Tage mit
+ihr verheiratet gewesen war, wu&szlig;te er schon, da&szlig; eine
+sch&ouml;ne Larve ihn get&auml;uscht hatte.</p>
+
+<p>In den schweren und bitteren Erw&auml;gungen der heutigen
+Morgenstunde war das alles wieder zu starkem Leben erwacht,
+das Leiden und die Entsagung von einst&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara gr&uuml;&szlig;te herauf &ndash; und seltsam: anstatt wieder
+zu gr&uuml;&szlig;en, streckte er nur die Rechte gegen das Fenster.
+Wie eine verlangende Geste war das: komm!</p>
+
+<p>Und sie l&auml;chelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein
+unbefangenes fr&ouml;hliches M&auml;dchen tut, das in gesunder
+Freudigkeit an seine Pflicht geht.</p>
+
+<p>Ja sie &ndash; sie! Sie war die Gesundheit, sie war die
+Kraft. Sie war die Jugend, sie war die Sch&ouml;nheit. Die
+Liebe, das Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>In der St&auml;rke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit,
+Wunsch und Wille sich untrennbar rasch verm&auml;hlen
+zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht des Verantwortlichen,
+der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all diesen
+gro&szlig;z&uuml;gigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam
+ihm gar nicht die Erw&auml;gung, ob er auch Schicksal spielen
+wollte, vielleicht zum Unheil anderer Menschen.</p>
+
+<p>Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie
+ist zur Retterin meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin
+meines Lebenswerkes. &ndash; In ihr kommt ihre Mutter zur&uuml;ck
+und will durch sie erf&uuml;llen, was uns versagt bleiben mu&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden
+war, setzte er die Klingel in Bewegung, mit
+einem so heftigen Druck, da&szlig; das schrille Gel&auml;ute dr&uuml;ben
+im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem atemlos
+herbeilaufenden Georg ward der Befehl: &raquo;Ich lasse den
+jungen Herrn bitten, sich zu mir zu bem&uuml;hen. Um neun
+Uhr kommt aber Sylvester und maltr&auml;tiert mich &ndash; also
+bitte noch vorher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sofort!&laquo; sagte Georg ver&auml;ngstigt. Denn er sollte
+eine Bitte &uuml;berbringen und hatte doch einen Befehl geh&ouml;rt,
+hinter dem sich das Donnergrollen f&uuml;rchterlichen Unwetters
+barg, falls der Befehl nicht augenblicklich befolgt
+werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen?
+Der auf jede Bestellung nur ein l&auml;ssiges, zweifelhaftes
+&raquo;So&ndash;o?&laquo; als Antwort hatte.</p>
+
+<p>Aber es mu&szlig;te ihm doch gelungen sein, das Dringliche
+und Bedrohliche des Auftrages f&uuml;hlbar zu machen. Denn
+einige Minuten sp&auml;ter trat Wynfried Severin Lohmann
+bei seinem Vater ein.</p>
+
+<p>Der Sohn war von stattlicher H&ouml;he, wenn er auch den
+Riesenwuchs des Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten
+Sch&auml;del bedeckte h&uuml;sches welliges Blondhaar. Vielleicht
+hatten es zarte Frauenfinger so oft gestreichelt, da&szlig; davon
+eine Lichtung auf der Scheitelh&ouml;he entstanden war. Das
+Gesicht erschien bei aller Regelm&auml;&szlig;igkeit der Z&uuml;ge unauff&auml;llig
+&ndash; sagte wenig. Die blauen Augen, die unter sch&ouml;n
+geschwungenen Brauen standen, blickten leer in die Welt &ndash;
+ob aus M&uuml;digkeit oder Gleichg&uuml;ltigkeit, wer konnte das
+sagen.</p>
+
+<p>Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, &ndash;
+eine Familien&auml;hnlichkeit konnte dem sch&auml;rfer Zuschauenden
+doch nicht entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe
+etwas abgestumpfte Nase, das gleiche Wangenprofil, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht hineinsah, konnte
+darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken, leidvoller
+Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten
+Mundwinkel ein wenig verzerrte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er war im Morgenanzug &ndash; das gesteppte lila Seidenjackett,
+das wei&szlig; und lila gestreifte Seidenhemd kleideten
+ihn sehr gut, gaben seiner Erscheinung aber doch einen
+verz&auml;rtelten Charakter.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Vater &ndash; verzeih, da&szlig; ich so komme &ndash;
+aber es schien eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag nicht gefragt sein, hab&#8217; mich auch alle die Monate,
+seit dem Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen,&laquo; sprach er
+m&uuml;rrisch.</p>
+
+<p>Ja, das wurmte immer wieder, da&szlig; der Sohn nicht
+kam &ndash; mit Extraz&uuml;gen h&auml;tte er hereilen m&uuml;ssen. Aber
+da gerade fing er ja an zu zittern, da&szlig; seine Geliebte ihn
+verlassen k&ouml;nne, und das war wichtiger gewesen, das
+hatte ihn in Paris, oder wo er grad&#8217; gewesen war, mit
+eisernen Zangen festgehalten.</p>
+
+<p>Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken &ndash;
+neu anfangen.</p>
+
+<p>Der alte Herr sah ihn an. Wie h&ouml;flich die Frage gewesen
+war: &raquo;hast du gut geschlafen?&laquo; Als werde sie an
+einen Fremden gerichtet, ohne da&szlig; einen die Antwort im
+mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch den kostbaren
+Morgenanzug des Sohnes.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;re,&laquo; sagte er offen, &raquo;ich bin kein kleinlicher Mensch.
+Wenn du Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend
+keine, denk&#8217; ich: na ja, du bist der Sohn eines Million&auml;rs,
+und ich war der eines hart k&auml;mpfenden Anf&auml;ngers. Und
+wenn du dich morgens fast wie&#8217;n Frauenzimmer in seidene
+Fr&uuml;hst&uuml;cksroben h&uuml;llst, wozu ich nie Zeit und Geschmack
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>gehabt habe, denk&#8217; ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten.
+Aber so mal ganz unbefangen: die Schulden
+sto&szlig;en mir weniger vor&#8217;n Kopf als dieses lila seidene
+Morgenraffinement. Da&szlig; es ohne Schulden und Lehrgeld
+nicht abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefa&szlig;t.
+Aber da&szlig; mein Sohn sich mal so von mir weg entwickeln
+w&uuml;rde, da&szlig; er weibisch tut, das ist mir was Fremdartiges.
+Nun &ndash; Randglosse. &Uuml;berh&ouml;r sie, wenn du willst.
+Und nu setz dich mal da&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der
+auf der Grenze zwischen Erker und Zimmer, gegen die
+Mauerecke geschoben, f&uuml;r die Besucher des Geheimrats
+dastand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will gewi&szlig; niemals etwas &uuml;berh&ouml;ren von dem,
+was du mir zu sagen w&uuml;nschest,&laquo; sprach der Sohn
+h&ouml;flich.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz.
+Aber seine Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichg&uuml;ltig,
+wie sie noch gestern gewesen war. Dieses furchtbar
+grollende, schwere: &raquo;Was wei&szlig;t <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?&laquo;, das
+ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn
+die ganze Nacht besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen,
+weil wir planlos, ziellos drauflos redeten &ndash; wie man so
+bei der ersten Gelegenheit zur Entladung tut &ndash; aber nie
+tun sollte. Wir wollen heute k&uuml;rzer, aber praktischer sein,&laquo;
+begann der Vater.</p>
+
+<p>Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des
+weiten Stuhls, hatte die Finger wagrecht ineinandergeschoben.
+Dabei kam ein goldenes Kettenarmband zu Gesicht,
+das sich um das linke Handgelenk schlang.</p>
+
+<p>&raquo;&Auml;hnliches habe ich auch gedacht,&laquo; antwortete der Sohn.
+&raquo;Und meine Schulden betreffend, so wollte ich dir erkl&auml;ren,
+<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>da&szlig; ich bereit bin, sie mit meinem m&uuml;tterlichen Erbteil zu
+bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt
+diesem Vorschlag den Faden der Weiterentwicklung ab.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins
+verdienen k&ouml;nnen. Die Zinsen deines Muttererbes reichen
+zwar nicht halb f&uuml;r deine Bed&uuml;rfnisse &ndash; falls du diese nicht
+sehr einschr&auml;nken willst. &ndash; Aber es ist ja nun mal dein einziges
+Einkommen, das dich von mir unabh&auml;ngig machen
+k&ouml;nnte,&laquo; schlo&szlig; er langsam mit Bedeutung.</p>
+
+<p>War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene
+Sinn so: mein Sohn soll sich nicht als mein Sklave
+f&uuml;hlen? Kaum erhoben sich diese Fragen in Wynfried, als
+er auch schon den Vater weitersprechen h&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;Dieser bescheidenen Unabh&auml;ngigkeit will ich dich nicht
+berauben. Ich werde unserm Anwalt in Hamburg
+schreiben &ndash; Koppen ist diskret und ein zuverl&auml;ssiger Mann.
+Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine Liste
+deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles m&uuml;ndlich
+mit ihm durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt
+werden. Und Koppen soll mir Details ersparen ... du
+verstehst&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried err&ouml;tete. Er f&uuml;hlte es. Und es war ihm
+dem&uuml;tigend. Die Gro&szlig;mut des Vaters r&uuml;hrte ihn weniger,
+als da&szlig; sie ihn besch&auml;mte. Zugleich erleichterte es ihn, da&szlig;
+sein Vater sich das genaue Studium der Schulden und ihrer
+Art ersparen wollte &ndash; nicht die Rechnungen von Juwelieren,
+Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten
+einsehen, nicht die Forderungen dunkler Geldm&auml;nner selbst
+pr&uuml;fen mochte.</p>
+
+<p>Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei
+g&uuml;tige Geduld sein eigentlichster Wesenszug&nbsp;...</p>
+
+<p>Wynfried hatte ein unklares Gef&uuml;hl, als sei diese
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>vornehme Milde ein Vorspiel, das ihn gef&uuml;gig machen
+solle&nbsp;...</p>
+
+<p>Ach, gef&uuml;gig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.</p>
+
+<p>Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von
+Freundschaft, von allem &ndash; allem. Ihm war es ganz
+gleichg&uuml;ltig, was man von ihm fordern w&uuml;rde &ndash; er war
+bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er
+lie&szlig; sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm
+war vielleicht noch eine ferne leise Dankbarkeit, da&szlig; jemand
+ihn schieben wolle. Aber Neugier, wohin er geschoben werden
+solle, empfand er kaum.</p>
+
+<p>Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal
+scherzend &ndash; er wu&szlig;te jetzt, zur&uuml;ckhorchend in seine Jugend,
+da&szlig; in ihrem Ton Ha&szlig; mitgeschwungen &ndash; sie sagte scherzend:
+&raquo;Er fabriziert phosphorfreies Roheisen &ndash; davon ist
+seinem Wesen was angeflogen.&laquo; Und seltsam h&ouml;rte er
+zugleich wieder dies d&uuml;stere: &raquo;Was wei&szlig;t <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?&laquo;
+Es schien, als wolle ihn dies Wort verfolgen.</p>
+
+<p>Er sah seinen Vater an und begegnete einem gro&szlig;en,
+durchdringenden Blick, der unter den buschigen Brauen
+her aus diesen gewaltigen Augen kam &ndash; als Kind hatte
+er sich vor den Augen gef&uuml;rchtet&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihm war, als s&auml;&szlig;e er armselig, nackend da. Ein Nichts
+vor diesem &Uuml;berragenden.</p>
+
+<p>Ein nerv&ouml;ses Fr&ouml;steln lief ihm &uuml;ber die Haut. War das
+wieder die Furcht wie in Kindertagen? Nein, ein neues,
+unerkl&auml;rliches Gef&uuml;hl &ndash; wie ein leise aufzuckendes Elend &ndash;
+dar&uuml;ber, da&szlig; er ein Nichts sei &ndash; sich j&auml;h als solches f&uuml;hlte &ndash;
+zum erstenmal.</p>
+
+<p>Er bi&szlig; sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen
+stand zwischen Vater und Sohn.</p>
+
+<p>Endlich besann sich Wynfried, da&szlig; er etwas sagen m&uuml;sse.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>&raquo;Ich danke dir f&uuml;r deine Gro&szlig;mut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du dir Pl&auml;ne f&uuml;r dein n&auml;chstes Leben gemacht?&laquo;
+fragte der Geheimrat.</p>
+
+<p>Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht.
+Vielleicht eine Reise um die Welt. Oder einen gr&ouml;&szlig;eren
+Jagdausflug nach S&uuml;damerika. Oder ein stumpfes Vegetieren
+in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen
+K&uuml;ste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest
+an das einzige denken, was einem Mannesleben rechten
+Inhalt gibt: an Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe doch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen
+Dingen mehr ausgef&uuml;llt gewesen als von gr&uuml;ndlicher
+Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder bezahlte
+Leistungen von dir gefordert wurden, d&uuml;rfte dir selbst das
+Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du wei&szlig;t und kannst.
+Eine gro&szlig;e Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen
+warten auf dich. Noch bin ich da, und
+mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu behaupten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen,
+welch ein wunderbarer Ausdruck &uuml;ber dieses Antlitz flog
+&ndash; es schien nicht mehr das eines gew&ouml;hnlichen Sterblichen
+&ndash; monumentale Gr&ouml;&szlig;e war darin &ndash; Kraft von
+&uuml;bermenschlicher Art. Und ihm war, als k&ouml;nne sein
+Vater selbst dem Tode trotzen, wenn er wolle&nbsp;...</p>
+
+<p>Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort:
+&raquo;Aber du bist doch einmal mein Nachfolger &ndash; du mu&szlig;t
+dich darauf vorbereiten &ndash; dich einarbeiten. Ich werde
+es schon verstehen, dir, trotz deiner vorausgesetzten Unzul&auml;nglichkeit,
+bei den Abteilungsvorst&auml;nden die rechte
+Stellung zu machen, da&szlig; du in keine schiefe Lage kommst.
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>Freilich, wie du dich zu Th&uuml;rauf stellst, das wird deine
+Sache sein, und ist die allerwichtigste f&uuml;r dich. Dieser
+Mann ist mein bedeutendster Mitarbeiter &ndash; gesch&auml;ftlich
+mein anderes Ich &ndash; trotz der v&ouml;llig verschiedenen Individualit&auml;t.
+Ich verdanke ihm viel &ndash; er mir auch &ndash;
+Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das
+nicht mehr auseinander zu sondernde Bindemittel. Du
+wirst noch viele Jahre nichts sein ohne ihn &ndash; du hast
+schon aus allem herausgeh&ouml;rt: es ist mein Wunsch, da&szlig;
+du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist
+du einverstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es versuchen,&laquo; sprach Wynfried tonlos.</p>
+
+<p>Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach,
+diese erschreckende Bl&auml;sse, die sein Gesicht entf&auml;rbte, lie&szlig;
+in dem Vater eine Furcht aufblitzen&nbsp;...</p>
+
+<p>Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener
+Frau fertig war? Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas
+wie Gefangenschaft bedeutete, die ihn von ihr absperrte?</p>
+
+<p>&raquo;Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt,
+wie ich dich &ndash; gestehst du mir das zu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Fr&uuml;her
+dacht&#8217; ich, wenn ich so von ewig wechselnden Liebschaften
+h&ouml;rte: wenn er doch mal <em class="gesperrt">eine</em> f&auml;nde, die ihm das Sichverzetteln
+abgew&ouml;hnt. Na &ndash; der Wunsch wurde mir
+erf&uuml;llt. Wie das so manchmal mit W&uuml;nschen geht &ndash;
+man bekreuzigt sich, da&szlig; man sie gehabt hat ... Donnerwetter!
+Die eine hat dich ein Verm&ouml;gen, Nerven, ein
+paar sch&ouml;ne Jugendjahre gekostet &ndash; und mich &ndash; mich
+hat sie auch was gekostet. Glaub nur &ndash; es war ein
+harter Augenblick, als man mir dein Telegramm gab &ndash;
+&#8250;Unabk&ouml;mmlich &ndash; hoffe auf deine rasche Genesung&#8249;&ndash;
+Unabk&ouml;mmlich! &ndash; Wenn der Tod an des Vaters Lager
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>steht! Und warum unabk&ouml;mmlich? Weil du rasend warst
+aus Eifersucht und Angst, eine &ndash; <em class="gesperrt">Dirne</em> zu verlieren&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Die Faust ballte sich &ndash; die Worte waren schwer von
+Schmerz.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih &ndash; ich war von Sinnen,&laquo; sagte der Sohn
+mit schwacher Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Und endlich mu&szlig;test du <em class="gesperrt">doch</em> begreifen! Grad
+sa&szlig;est du auch so fest in Schulden, da&szlig; nichts mehr blieb
+als die Flucht zu mir. Da verlie&szlig; dich die edle Dame &ndash;
+weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand,
+der ihr standesamtlich &#8217;ne Neunzackige aufsetzen wollte.
+Aber nu sage mal, Wynfried &ndash; so Mann den Mann
+gefragt: bist du kuriert von der Leidenschaft? Liebst du
+das Weib noch? Ha&szlig;t du sie? Was dasselbe w&auml;re. Wie
+ist es mit deinem Herzen bestellt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herz?&laquo; sagte Wynfried, und der ver&auml;chtliche Zug erschien
+in seinem Mundwinkel. &raquo;Das wird einem totgeschlagen
+durch solche Erfahrungen. Ich verachte diese
+Frau und alle Frauen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, nun,&laquo; meinte der Geheimrat, und ein L&auml;cheln,
+tiefsinnig und fast z&auml;rtlich, spielte &uuml;ber sein Gesicht, &raquo;es
+gibt noch edle Frauen. Und ein Herz ist gottlob wie die
+Natur: es bl&uuml;ht wieder auf&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.</p>
+
+<p>Er versp&uuml;rte Weichheiten. Sie waren ihm etwas
+nie Geahntes bei seinem Vater. Woher kamen sie? Waren
+sie fr&uuml;her nur tiefer verborgen gewesen? Oder hatte die
+Br&uuml;chigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen
+Tod ihn ver&auml;ndert?</p>
+
+<p>&raquo;Und kurz und gut,&laquo; sprach der Alte aus seinem m&auml;chtigen
+Sessel heraus, wo er sich so oft als Prometheus
+f&uuml;hlte, &raquo;kurz und gut: ich denke, du heiratest. Ein liebes
+edles Weib wird deinem Dasein h&ouml;heren Inhalt geben.
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Ohne Familie h&auml;lt es sich hier auch wohl schwer aus. &ndash;
+Die scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. &ndash;
+Nur durch eine Frau kann dein Gem&uuml;t wieder ins Gleichgewicht
+kommen. Du bist nun mal aufs Weib gestellt. &ndash;
+Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut abnimmst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurz und gut&laquo; hatte der Vater gesagt. Als schlie&szlig;e
+sein Vorschlag lange Verhandlungen &uuml;ber die Werte des
+Familienlebens ab. Und doch fiel das seinem Sohn sozusagen
+auf den Kopf.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte. So &uuml;berrascht war er. Aber das L&auml;cheln
+losch gleich hin. Er begriff auf der Stelle, da&szlig; es seines
+Vaters fester Wille war.</p>
+
+<p>Das elende Gef&uuml;hl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam
+ihm wieder. Zugleich das dunkle noch andr&auml;ngende, rasch
+aber klarer werdende Erkennen, da&szlig; vielleicht in diesem
+entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens Gehorsam
+das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen
+des Vaters zu erringen &ndash; das Verlangen danach wallte
+in ihm auf &ndash; zum erstenmal, seit er denken konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber deshalb heiratet man doch nicht!&laquo; dachte er.
+Er dachte es ohne heftige Abwehr. Nur in einer matten
+Regung des Eigenwillens. Er f&uuml;hlte sich zu zerbrochen
+zum Kampf.</p>
+
+<p>Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der
+Sklave eines Weibes gewesen. Sie hatte ihn verraten
+und verlassen. Der Rest war Widerwillen gegen Welt
+und Weib.</p>
+
+<p>&raquo;Nun!&laquo; mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld.
+Irgend etwas wollte er doch auf seinen Vorschlag h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Und du hast dir gewi&szlig; auch schon ausgedacht: welche,&laquo;
+sagte Wynfried ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Ah &ndash; ob! Du wirst dir M&uuml;he geben m&uuml;ssen, angenommen
+zu werden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war
+wund. Sein Vater, in der Naivit&auml;t, die geniale Menschen
+haben k&ouml;nnen, wenn es sich um ihre heimlichen Poesien
+und Herzensw&uuml;nsche handelt, schien nicht zu ahnen, da&szlig;
+er vielleicht unzart vorgehe&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist es denn?&laquo; fragte er gleichg&uuml;ltig, h&ouml;flich &ndash;
+nur um den Vater nicht zu reizen.</p>
+
+<p>&raquo;Klara Hildebrandt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Tochter von deinem fr&uuml;heren Generaldirektor &ndash;
+der sich erscho&szlig; &ndash; wegen verfehlter und verbotener Spekulationen
+&ndash; du hast dich des Kindes angenommen &ndash;
+die&nbsp;&ndash;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &ndash; die.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und
+seiner ganz kleinen Tochter ankam. &ndash; Es gibt so Dinge
+&ndash; man beh&auml;lt sie, obschon sie eigentlich nebens&auml;chlich sind
+und nichts mit einem selbst zu tun haben &ndash; aber zeitlich
+mit irgendwas verkn&uuml;pft sind, was damals einem wichtig
+war. &ndash; Ja, ich wei&szlig; noch &ndash; Mama bestimmte die Bepflanzung
+der Anlage, deren Erdarbeiten gerade fertig
+geworden waren &ndash; ich hatte so viel Kummer davon gehabt,
+weil ich gern mitgegraben und gekarrt h&auml;tte und
+nicht durfte. &ndash; Da kamen Hildebrandts und mu&szlig;ten aussteigen,
+weil der Weg versperrt war &ndash; und Mama sagte
+gleich, da&szlig; sie sie nicht leiden m&ouml;ge. &ndash; Die Frau war
+sehr sch&ouml;n &ndash; ich begriff damals nicht und auch in den folgenden
+Jahren nicht, weshalb sie mir immer so sch&ouml;n und
+so ganz anders vorkam. &ndash; Jetzt wei&szlig; ich: sie hatte wohl
+einen seltenen Zauber reiner Weiblichkeit &ndash; wenn ich
+mich recht erinnere&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, du erinnerst dich recht,&laquo; sprach der alte Mann
+langsam, &raquo;in ihr waren Sch&ouml;nheiten ... ein Wunder war
+sie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Und sein Gesicht bekam einen Schein, als l&auml;ge Andacht
+darauf.</p>
+
+<p>Sein Sohn sah ihn an &ndash; ihre Blicke begegneten sich,
+ruhten lange ineinander. Und wieder war dem Sohn,
+als h&ouml;re er den Vater sagen: &raquo;Was wei&szlig;t <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>!&laquo;</p>
+
+<p>Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Gro&szlig;mut
+alles vertuschte, was dem ungetreuen Beamten noch im
+Grabe den Schein der Ehre h&auml;tte nehmen k&ouml;nnen ...
+Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach
+hinstarb &ndash; wie er f&uuml;r das Kind gesorgt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der
+Reinheit f&uuml;r sich und eine Tote, hoch und frei sein Haupt
+erhob&nbsp;...</p>
+
+<p>Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden,
+hinter denen unantastbare Heiligt&uuml;mer verschlossen
+gehalten w&uuml;rden&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht
+mehr gesehen,&laquo; sprach er langsam.</p>
+
+<p>Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. &ndash; Obgleich
+Wynfried wu&szlig;te, der junge Doktor Sylvester werde jeden
+Augenblick erwartet, um die Behandlung mit Massage und
+Elektrizit&auml;t zu beginnen, die t&auml;glich zweimal vorgenommen
+wurde, f&uuml;hlte er doch, da&szlig; diese Verabschiedung aus einer
+seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er sp&uuml;rte
+auch einen festen Druck der Hand &ndash; war das Vers&ouml;hnung?
+eine stumme &Uuml;berredung? ein neues B&uuml;ndnis zwischen
+zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,
+sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?</p>
+
+<p>Kannten sie sich denn jetzt?</p>
+
+<p>Und es war dem Sohne, als d&uuml;rfe er das Wort des
+Vaters auch f&uuml;r sich in Anspruch nehmen und gegen ihn
+kehren und auch fragen: &raquo;Was wei&szlig;t <em class="gesperrt">du</em> von <em class="gesperrt">mir</em>?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>Da durchschauerte es ihn: was wei&szlig; ich denn selbst
+von mir? Und das elende Gef&uuml;hl der Lebensleere, der
+Nichtigkeit kam abermals &uuml;ber ihn.</p>
+
+<p>Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein
+Bett.</p>
+
+<p>Er starrte ins Unbestimmte.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Kugel durch den Kopf &ndash; das w&auml;re das richtigste&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm
+war, als s&auml;he er seines Vaters Angesicht. &ndash; Er hatte eine
+Vision. &ndash; Sein Vater stand an seiner Leiche, aber der
+alte Mann weinte nicht &ndash; Verachtung war in seinen
+Z&uuml;gen, die furchtbar schienen.</p>
+
+<p>Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum
+Leben zur&uuml;ck &ndash; das f&uuml;hlte er.</p>
+
+<p>Aber wie leben? Unter welchen M&ouml;glichkeiten?</p>
+
+<p>Ah &ndash; gleichviel unter welchen &ndash; wenn sie ihm nur
+Inhalt f&uuml;r sein Dasein vort&auml;uschten.</p>
+
+<p>Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was
+sein Vater verachten w&uuml;rde.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_2" id="Kapitel_2"></a>2</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">N</span>un war es Sonntag. Aber Leupold f&uuml;hlte, da&szlig; sein
+Herr sich nicht in der beruhigten Stimmung befand, wie
+sonst, wenn Fr&auml;ulein Hildebrandt erwartet wurde.</p>
+
+<p>Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den
+Teetisch. Sonst pa&szlig;te der Geheimrat sogar auf, ob auch
+sch&ouml;ne Blumen aus den Treibh&auml;usern heraufgeholt worden
+waren, denn die Blumen durfte Fr&auml;ulein Hildebrandt
+nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller
+mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremet&ouml;rtchen
+vorhanden seien, die Fr&auml;ulein Hildebrandt gern
+zu essen scheine. Leupold machte sich manchmal Gedanken
+&uuml;ber das starke Interesse seines Herrn an Klara Hildebrandt.
+Er wu&szlig;te: die Hildebrandts hatten damals schon
+ihre zweij&auml;hrige Tochter mitgebracht &ndash; wenn also b&ouml;swillige
+Menschen davon munkelten, Klara solle die nat&uuml;rliche
+Tochter des Geheimrats sein, so war das nur b&ouml;swilliger
+Klatsch. Anderseits, wenn er so v&ouml;llig von ihr
+umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg
+zu seiner Frau gemacht? Vor einem Jahr noch war
+der Geheimrat eine wunderbare, stattliche, f&uuml;rstliche Erscheinung,
+und es w&auml;re doch nicht das erste Mal gewesen,
+da&szlig; ein f&uuml;nfundsechzigj&auml;hriger Million&auml;r sich das Vergn&uuml;gen
+machte, eine zweiundzwanzigj&auml;hrige junge Dame
+zu heiraten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Leupold beschlo&szlig; aber solche Betrachtungen immer mit
+dem bestimmten Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war
+nat&uuml;rlich mit solcher Klugheit sehr zufrieden, denn er sah,
+ohne sich dessen bewu&szlig;t zu sein, seinen Herrn einfach als
+sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat w&auml;re er in
+den Hintergrund gedr&auml;ngt worden. Er war seinem Herrn
+unentbehrlich, und das wollte er bleiben. Diese Empfindung
+war sein eigentlicher Lebensinhalt.</p>
+
+<p>Heute nun k&uuml;mmerte der Geheimrat sich um nichts,
+sah kaum die Rosen an, die Leupold vorwies, und wehrte
+unwillig ab, als der Kuchenteller zur Begutachtung gezeigt
+wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Was er wohl hat,&laquo; dachte der Diener. Das Leben
+seines Herrn lag so durchsichtig vor ihm hingebreitet, da&szlig;
+er sich trotz aller ihm wirklich eigenen Diskretion nicht
+enthalten konnte, sogleich zu begr&uuml;beln, was er gelegentlich
+an einer Stimmung nicht verstehen konnte.</p>
+
+<p>Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien
+besonders r&auml;tselhaft.</p>
+
+<p>Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken,
+da&szlig; sie ihm wie zyklopische Bl&ouml;cke im Gem&uuml;t lagen. Seine
+Intelligenz, seine Lebenserfahrung, sein starkes Gef&uuml;hl
+versuchten sich an diesen schweren Dingen. Aber ihnen war
+nicht beizukommen.</p>
+
+<p>Zum erstenmal geschah es ihm, da&szlig; er einfach keine
+Antwort wu&szlig;te auf die Frage: Wie fang&#8217; ich das an?</p>
+
+<p>Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach
+Hamburg gereist und hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen
+alle diese tr&uuml;ben Finanzangelegenheiten durchgesprochen.
+Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen
+alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit gepr&uuml;ft haben
+w&uuml;rde, einen Scheck mit einer wahrscheinlich sehr gro&szlig;en
+Zahl auszuschreiben. Heute mittag war er schon wieder
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>zur&uuml;ckgekommen. Der Vater mochte keinen Zeugen beim
+Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer
+Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mu&szlig;te. So a&szlig; jeder
+f&uuml;r sich. Wynfried unten im Speisesaal voll sch&ouml;n stilisiertem
+Prunk. Der Geheimrat in seinem Sessel, der seine
+Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der Begr&uuml;&szlig;ung
+erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines
+Sohnes noch nicht ein bi&szlig;chen heller und freundlicher.
+Die gleiche vornehme Apathie, die so emp&ouml;rend auf den
+kraftvollen Riesen wirkte, der sich noch wie ein Kolo&szlig; an
+Willen vorkam, trotz der halbseitigen L&auml;hmung, gegen
+diesen gleichg&uuml;ltigen jungen Mann&nbsp;...</p>
+
+<p>Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung
+&raquo;bitten&laquo; hie&szlig;, in der Tat aber einfach immer wie ein
+Kommando klang, da&szlig; Wynfried doch um f&uuml;nf Uhr zum
+Tee heraufkommen m&ouml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Dann kann ich dich ihr vorstellen.&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried wu&szlig;te von selbst, da&szlig; damit Klara Hildebrandt
+gemeint sei. Er verbeugte sich nur gehorsam zustimmend.
+Seine Gedanken verschwieg er. Sie lauteten
+ungef&auml;hr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem
+ersten besten M&auml;dchen verheiratet, blo&szlig; damit er in Ordnung
+kommt. &raquo;Sie&laquo; &ndash; seine Genossen der letzten tollen
+Lebemannsjahre, all diese jungen M&auml;nner, die in ihren
+V&auml;tern vor allem nur die Geldquellen sahen &ndash; und andere
+&raquo;Freunde&laquo;, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit
+schmarotzten. Und all die &raquo;Freundinnen&laquo;, die ihn zu tr&ouml;sten
+und anzupumpen suchten und ihn bet&auml;uben halfen &ndash; &ndash;
+Ja, all diese w&uuml;rden sich totlachen und es sich zuschreien:
+Wi&szlig;t ihr, Winni hat man zum Standesamt geschleppt ...
+Aber es war egal, was diese spotteten &ndash; alles war egal&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; der Geheimrat da, wuchtig und gro&szlig;, in der
+Umrahmung der gelbgrauen Lederlehne, und versuchte
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>vergebens die Frage vom Fleck zu w&auml;lzen: Wie fang&#8217; ich
+das an?</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte, da&szlig; er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein
+konnte und da&szlig; dieser p&uuml;nktlich gegen f&uuml;nf Uhr eintreten
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten
+auf seinen Plan und Wunsch? Sollte er hoffen,
+da&szlig; Wynfried, von ihr bezaubert, mit neu erwachendem
+m&auml;nnlichen Mut darauf ausgehen w&uuml;rde, sich das M&auml;dchen
+zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, da&szlig; er mit zu
+offenem Wort das feine herbe Kind kopfscheu machen
+w&uuml;rde, wie ein scheues Wild von einem ungewohnten Laut
+vergr&auml;mt wird? &ndash; War es kl&uuml;ger, zu schweigen oder zu
+reden? den Dingen ihren Lauf lassen?</p>
+
+<p>Aber wer verb&uuml;rgte ihm denn, da&szlig; ihm Zeit blieb,
+den Lauf der Dinge abzuwarten? Wu&szlig;te er so gewi&szlig;,
+da&szlig; sein Wille zum Leben siegreicher war als der Dunkle,
+der neben ihm lauerte?</p>
+
+<p>Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen
+Unlust wohl der Mann, dem ein M&auml;dchenherz schnell zufliegen
+konnte?</p>
+
+<p>Ganz tief in seinem Unterbewu&szlig;tsein war ja das Gef&uuml;hl:
+Sie wird es meinetwegen tun&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber dem Gef&uuml;hl verbot er die Deutlichkeit. &ndash; Es
+sollte doch f&uuml;r sie kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben,
+Reichtum, Achtung, Zuneigung finden, und damit
+das Gl&uuml;ck&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wie fang&#8217; ich es an?&laquo;</p>
+
+<p>Er fand keine Antwort.</p>
+
+<p>Und so beschlo&szlig; er, der sonst die Dinge mit klaren Vors&auml;tzen
+und starken H&auml;nden lenkte, sich zun&auml;chst von ihnen
+lenken zu lassen. Er wollte abwarten, wie weit Gespr&auml;ch
+und Stimmung und jenes unw&auml;gbare Gef&uuml;hl f&uuml;r die Gunst
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben w&uuml;rden zu
+gehen.</p>
+
+<p>Er kam durch diesen Entschlu&szlig; ein wenig innerlich zur
+Ruhe. Wunderbar wohl und frisch war ihm zumut, so
+da&szlig; es ihm selbst erstaunlich schien &ndash; bei seinem Zustand!</p>
+
+<p>Der Sonntagsfrieden drau&szlig;en und drinnen hatte f&uuml;r
+ihn etwas Pastorales. Fr&uuml;her war er nie dazu gekommen,
+ihn &uuml;berhaupt zu bemerken.</p>
+
+<p>Sonnt&auml;glich war ihm zumut, obschon drau&szlig;en von
+pastoralem Frieden keine Rede sein konnte. D&uuml;steres
+Gew&ouml;lk flockte sich wie jeden Tag durch den bl&auml;ulichen
+Dunst, der die Schornsteine und die d&uuml;steren Burgen der
+Hoch&ouml;fen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,
+umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen
+dem Gerippe der Schr&auml;gaufz&uuml;ge zur H&ouml;he der &Ouml;fen hinan,
+und die dumpfe Musik von tausend fallenden, zischenden
+und sto&szlig;enden Ger&auml;uschen summte durch die Luft.</p>
+
+<p>Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen
+Wechsels der Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei
+hatte, gab sich der Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf
+der Landstra&szlig;e gingen saubere und geputzte Menschen
+vorbei. Manche blieben stehen, um mit der F&auml;hre nach
+Schlutup hin&uuml;berzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen
+gab.</p>
+
+<p>Die Sonne schien. &Uuml;ber dem weiten Land lag Helle,
+und der Flu&szlig; glitzerte. Er war belebt von Booten, und
+wei&szlig;e Segel wurden vom Winde tr&auml;ge gebl&auml;ht. Am Himmel
+zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und schoben
+sich &uuml;ber die Felder, goldgr&uuml;ne Wiesen f&uuml;r eine Weile
+dunkel fleckend.</p>
+
+<p>Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum
+des ersten Stockwerkes. Das breite Fenster und
+der gro&szlig;e Erker sahen gegen Osten, auf die Anlagen, das
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>St&auml;dtchen und den Flu&szlig; und die Landschaft, die dr&uuml;ben
+hinter dem St&auml;dtchen sich weit und breit dehnte. Vom
+Erker hatte man auch den Blick auf das Werk.</p>
+
+<p>Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den
+Raum zu gew&ouml;hnen. Qu&auml;lende Erinnerungen hingen
+daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau gewesen.
+Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, da&szlig; man
+es wohl oder &uuml;bel hatte als Tagesaufenthalt einrichten
+m&uuml;ssen, seit seine L&auml;hmung ihn hinderte, die Treppen
+hinabzukommen. Aber er freute sich doch auf die n&auml;chste
+Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der f&uuml;r seinen
+Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen
+Stuhl hinab in das Erdgescho&szlig; und zugleich in den Park
+bef&ouml;rdern sollte. Diese Aussicht erschien ihm wie das Ende
+einer Gefangenschaft, und bald vielleicht, bald konnte er
+sich hin&uuml;berfahren lassen aufs Werk &ndash; und bald vielleicht
+auch kam in sein Haus das Gl&uuml;ck, und es begann zu bl&uuml;hen
+&ndash; wirklich zu bl&uuml;hen&nbsp;...</p>
+
+<p>O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand
+wieder jenen wunderbar trotzigen Willen zum Leben.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her hatte er nie an den Tod gedacht und das
+Leben als etwas Selbstverst&auml;ndliches hingenommen. Nun
+war in ihm ein f&ouml;rmlich k&uuml;nstlerisches Verst&auml;ndnis erwacht
+f&uuml;r das Wunder, das man Leben nennt. Und er wu&szlig;te,
+wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So
+war es seine Vaterpflicht, &uuml;ber diesen Sohn zu verf&uuml;gen,
+wie man eben Spieler entm&uuml;ndigen mu&szlig;. Denn sie sind
+die Sch&auml;dlinge, in deren H&auml;nden alles zerrinnt. Wohlstand,
+Ehre, Frieden, Gl&uuml;ck. Ganz einerlei, womit sie
+spielen &ndash; welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, B&ouml;rse,
+Weiber, Pferde &ndash; im letzten Grunde ist es immer Spiel
+mit dem H&ouml;chsten, was man hat: dem Leben selbst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>So gr&uuml;belte dieser Starke, der stark war, weil er sein
+ganzes Dasein hindurch ein Arbeitender gewesen.</p>
+
+<p>Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit v&auml;terlicher
+Z&auml;rtlichkeit sein Herz geh&auml;ngt hatte.</p>
+
+<p>Leupold meldete Fr&auml;ulein Hildebrandt an, und schon
+erschien sie in der T&uuml;r und eilte mit raschen Schritten auf den
+Stuhl zu, aus dem sich ihr weit eine Rechte entgegenstreckte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sie ihrer Mutter gleicht,&laquo; dachte er, jedesmal neu
+von der &Auml;hnlichkeit ergriffen.</p>
+
+<p>Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungew&ouml;hnlich,
+jede M&ouml;glichkeit zu vergleichen fehlte ihm. &ndash; Er
+besa&szlig; kein Bild von der l&auml;ngst Dahingeschiedenen. Seine
+Erinnerung, seine Phantasie waren vielleicht die unzuverl&auml;ssigsten
+Maler. Wer wollte entscheiden.</p>
+
+<p>Klara selbst war stolz und gl&uuml;cklich, wenn man ihr
+sagte, sie gleiche der Mutter. Denn verwaiste T&ouml;chter
+kennen kein sch&ouml;neres Ideal als die Gestalt einer ihnen
+fr&uuml;h geraubten Mutter.</p>
+
+<p>Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgro&szlig;e Gestalt, das
+braune, reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen
+und in den feinen Z&uuml;gen den etwas herben Mund. Ihre
+dunklen Brauen zeigten eine auffallend gerade Linie; dies
+vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der klassischen
+Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes
+Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen
+schien. Weil es Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche
+dunkle Kleid abgelegt, und sie trug zu einer
+wei&szlig;en Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke waren
+unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr
+mochte nicht haben, da&szlig; sie wie ein Besuch dasa&szlig;, der gleich
+wieder fort mu&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Also, liebe Klara, ich mu&szlig; Ihnen ganz etwas Neues
+erz&auml;hlen: mein Sohn ist wieder da!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>&raquo;Das hat mir Frau Doktor schon erz&auml;hlt,&laquo; sagte Klara,
+&raquo;der junge Herr Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren,
+kurz vor Tisch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tt&#8217; ich mir denken k&ouml;nnen. Ihre alte Lamprecht
+ist der reinste Spion, und wenn wir sie auch die Lampr&auml;chtige
+getauft haben &ndash; &#8217;ne kleine alte Klatschbase bleibt
+sie doch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Gott, so ein beschr&auml;nktes Altfrauenleben,&laquo; sagte
+Klara und zuckte entschuldigend die Achseln ... &raquo;Sie
+meint es doch r&uuml;hrend mit mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee
+in die Tassen und sprach unbefangen weiter: &raquo;Sch&ouml;n f&uuml;r
+Sie, da&szlig; Sie nun den Herrn Sohn hier haben. &ndash; Er
+war so lange nicht zu Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten
+Dinge, die ihn so lange fernhielten. &ndash; Liebe Klara &ndash; in
+der Welt drau&szlig;en haben sie meinen Einzigen t&uuml;chtig zerzaust.
+Er bedarf der Ruhe. &ndash; Er mu&szlig; sich besinnen,
+daran denken, da&szlig; er noch mein Sohn ist. Er mu&szlig; so
+gewisserma&szlig;en von vorn anfangen. Wo k&ouml;nnte er&#8217;s besser
+als hier. Arbeit und Familie &ndash; das ist die Gesundheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; dachte Klara, &raquo;wie ist dieser Sohn zu beneiden,
+mit diesem Vater zusammen ein Familienleben zu f&uuml;hren;
+zu solchen Aufgaben berufen zu sein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte: &raquo;Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs,
+und fast ohne Tradition &ndash; ich denke es mir herrlich, einem
+so festgegr&uuml;ndeten Haus anzugeh&ouml;ren. &ndash; So ein Haus
+bekommt Geschichte. &ndash; Wie Sie die Gr&uuml;ndung Ihres
+Vaters weiterf&uuml;hrten, so w&auml;chst nun Ihr Sohn in all dies
+hinein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig; &ndash; wenn sein pers&ouml;nliches Geschick die gl&uuml;ckliche
+Wendung nimmt, die ich erhoffe &ndash; dann gewi&szlig;!
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>Er m&uuml;&szlig;te ja auch zu sehr aus der Art geschlagen sein,
+wenn er nicht Liebe zum Werk bek&auml;me &ndash; wo so das Herzblut
+und der Angstschwei&szlig; von Vater und Gro&szlig;vater
+daranh&auml;ngt. &ndash; Ein wenig m&uuml;&szlig;t&#8217; ihm doch der Mut des
+Gro&szlig;vaters und die Z&auml;higkeit des Vaters imponieren. &ndash;
+Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie!
+Welche K&uuml;hnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie &ndash;
+denn wissen Sie, liebes Kind, man denkt immer: die ist
+ein G&ouml;ttergeschenk des K&uuml;nstlers &ndash; seins allein! Kein
+Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er mu&szlig; das, was
+sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine gro&szlig;e
+M&ouml;glichkeit, das mu&szlig; er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie.
+Kein Politiker, kein Industrieller, kein gro&szlig;er Handelsherr
+ohne Phantasie. H&auml;tte Bismarck keine Phantasie
+gehabt, w&auml;ren wir kein einiges Deutschland geworden!
+Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur,
+besa&szlig; einen ganzen Posten davon &ndash; mehr als Geld &ndash;
+das wei&szlig; Gott. Aber er besa&szlig; die Wunderkraft der Menschen,
+die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er diese
+fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so z&auml;hen
+Stolz gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern
+noch &uuml;ber, denke ich oft. Und er erkannte: Industrie, gro&szlig;e
+Industrie mu&szlig; sein &ndash; sie allein kann dem alten Stadtstaat
+wieder Bl&uuml;te bringen &ndash; und dies Landgebiet, das
+sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. &ndash;
+Da&szlig; man hier ein H&uuml;ttenwerk anlegen k&ouml;nne, das schien
+fast unglaublich. Die Menschen, die was davon verstanden,
+die sagten: eines mu&szlig; doch von Natur aus da sein: Erz
+oder Kohle &ndash; aber beides heranschaffen &ndash; das macht ja
+die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete
+vor: wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch
+gro&szlig;e Kosten verursache, daf&uuml;r habe man den billigen
+Wasserweg f&uuml;r das fertige Produkt und die Zufuhr von
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>fremden Erzen, die sich schlie&szlig;lich die Binnenlandwerke
+auch auf weiten Transportwegen heranbringen lassen
+m&uuml;ssen. Mit was f&uuml;r Engelszungen mu&szlig; er geredet haben!
+Wer widerwillige Scheckb&uuml;cher zum Aufbl&auml;ttern bringt &ndash;
+na, der mu&szlig; schon was Suggestives an sich haben.&laquo;</p>
+
+<p>Klara h&ouml;rte and&auml;chtig zu. Sie hatte ein uners&auml;ttliches
+Interesse an allem, was sein Werk und sein Leben und
+sein Haus betraf.</p>
+
+<p>&raquo;Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing
+&ndash; er selbst verstand auch nichts von H&uuml;ttenchemie &ndash;
+kann sein, da&szlig; er nicht von vorn an die rechten Leute
+neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen &ndash; ein
+Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs
+neben sich. Ja: toll! Was f&uuml;r Jahre!
+Und die Ehrenhaftigkeit meines Vaters, an dem die verzweifelte
+Angst zehrte, fremdes Geld k&ouml;nne durch ihn
+verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit
+aufgerieben. &ndash; Als Junge von vierzehn mu&szlig;te ich schon
+hinaus &ndash; lernen &ndash; lernen. &ndash; Wenn man so im Sorgendunkel
+aufw&auml;chst, sieht man scharf ins Helle hinaus. &ndash; Und
+ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich bi&szlig; die Z&auml;hne
+zusammen und schwor mir: ich mach&#8217;s! Als der Vater
+starb, war ich ein J&uuml;ngling von zwanzig und beim Grafen
+St&uuml;rkgen in Schlesien in Stellung &ndash; zwanzig Jahre,
+und sollte ein verschuldetes Werk &uuml;bernehmen, das teilweise
+falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit
+krankte &ndash; gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein
+gro&szlig;e Dimensionen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, der Graf St&uuml;rkgen hatte ja wohl Vertrauen zu
+mir. Er gab mir seinen Direktor mit &ndash; einen Mann von
+kolossalem Wissen und K&ouml;nnen. &ndash; Der sah sich alles an,
+pr&uuml;fte alles durch. Und St&uuml;rkgen wagte es, auf den Bericht
+hin, mich zu st&uuml;tzen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter!
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Die ersten sieben forderten was ... Dann sah
+man: es kommt! Im zehnten hatt&#8217; ich den Sieg! Und
+vor f&uuml;nfzehn Jahren gewann ich mir Th&uuml;rauf als Mitarbeiter.
+Er ist der eigentliche Sch&ouml;pfer all unserer Nebenproduktionen,
+die unsere Ertr&auml;ge fast verdoppelten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er verlor sich in Nachdenken.</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen wagte kaum, sich zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>Sie sp&uuml;rte wohl, dieser R&uuml;ckblick war nicht leicht. Aller
+Stolz kann den Sieger nicht vergessen machen, was der
+Kampf ihn gekostet.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt,&laquo;
+sprach er dann weiter, &raquo;ich hatte gerade die F&auml;uste, die
+hier zum Anpacken n&ouml;tig waren. Eins war bitter ...
+Mein Vater h&auml;tte noch erleben m&uuml;ssen, was aus &#8250;Severin
+Lohmann&#8249; zu werden begann. Er war keiner von den
+verblendeten V&auml;tern, die den S&ouml;hnen nichts zutrauen.
+Er schickte mich ja gerade so fr&uuml;h hinaus, weil er mich als
+Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch immer dankbar,
+da&szlig; er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht
+nach einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen
+Gott taufte, was ihm vielleicht nicht ganz fern
+gelegen h&auml;tte. Na, nun sind Werk und Mann eins &ndash;
+auch dem Namen nach &ndash; und da&szlig; mein Junge den sentimentalen
+Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen
+mu&szlig;, das war eines von den &Auml;rgernissen, in deren Erfindung
+meine Frau gro&szlig; gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wei&szlig; ich doch aus Ihrem eigenen Munde die
+ungef&auml;hre Geschichte von Severin Lohmann,&laquo; sagte Klara.
+&raquo;Aber wenn ich so bedenke, wie &uuml;ber alles Ma&szlig; anderer
+Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer
+r&auml;tselhafter, da&szlig;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; was, liebes Kind?&laquo;</p>
+
+<p>Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an.
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>Bat um eine offene Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden
+Blicke.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel
+G&uuml;te f&uuml;r mich hatten und haben. Dar&uuml;ber habe ich oft
+nachgedacht. Zahllose dr&auml;ngen sich an Sie mit Bitten
+um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg
+und hinterlie&szlig; Witwe und Waisen. Ich wei&szlig; es,
+da&szlig; Sie alle mit Geld gest&uuml;tzt haben, solange es Ihnen
+n&ouml;tig schien. Keiner Waise haben Sie sich angenommen
+wie meiner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf,
+mich das zu fragen?&laquo; antwortete er ausweichend und sehr
+beunruhigt.</p>
+
+<p>Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren
+H&auml;nden, die Linke, lag auf der Lehne seines Stuhles.
+Er schaute unwillk&uuml;rlich auf diese Hand, die so sehr den
+edlen beredten H&auml;nden der geliebten Toten glich.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&uuml;her,&laquo; sagte sie, &raquo;wenn mich ab und zu die Doktorin
+Lamprecht zu Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis,
+zu Neujahr, zu Ihrem Geburtstag, da war ich ein
+etwas furchtsames Kind &ndash; es ist so nat&uuml;rlich, sich vor
+Ihnen zu f&uuml;rchten,&laquo; schaltete sie ein, &ndash; &raquo;ich w&auml;re bereit
+gewesen, mich f&uuml;r Sie totschlagen zu lassen. Aber so
+geradewegs dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann
+kam ich ja zwei Jahre nach Hamburg in Pension und machte
+mein Examen. Und nachher war ich wohl couragierter
+und f&uuml;hlte, wie g&uuml;tig Sie mich ansahen und wie milde
+Sie sprachen. &ndash; Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht
+&uuml;ber mich &ndash; aber Ihre Stimme ist ganz anders, wenn
+Sie zu mir sprechen, als zu andern Leuten.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sie tief an &ndash; und mit einem so r&auml;tselhaften
+Ausdruck, da&szlig; es sie etwas befangen machte.</p>
+
+<p>Weniger zutraulich, z&ouml;gernder fuhr sie fort: &raquo;Aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>auch dann hatte ich keine Gelegenheit, recht mit Ihnen
+zu sprechen. Wie w&auml;re mir das zugekommen, Ihre Zeit
+mehr als f&uuml;r Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum
+da&szlig; ich Ihnen zu danken wagte, da&szlig; Sie mir meinen Wunsch
+erf&uuml;llten und mich hier an der Schule anstellten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache
+heraus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen,
+was freilich alles nicht angenommen wurde &ndash; aber ich
+darf doch jeden Sonntag kommen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer
+die Zeit verbringen, die ges&uuml;nder im Freien verbracht
+w&uuml;rde,&laquo; unterbrach er sie ablenkend. Sie aber blieb
+bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier
+heimisch zu f&uuml;hlen. &ndash; Ihre G&uuml;te erlaubte mir das, und
+nun traue ich mich auch, zu sprechen. Bitte Herr Geheimrat,
+ich hab&#8217; manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen mein
+Vater sehr wichtige Dienste geleistet?&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er
+nicht vorbereitet gewesen. &ndash; Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit,
+Sch&auml;digung und Selbstmord zu verzeihen gehabt!
+&ndash; Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte manchmal
+gedacht, die Doktorin Lamprecht w&uuml;rde den Befehl,
+zu schweigen, nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst
+etwas an triebhafter Geschw&auml;tzigkeit litt &ndash; aber so sind
+Frauen: schwatzen und klatschen &ndash; und k&ouml;nnen dennoch
+manchmal v&ouml;llig schweigen &ndash; wo sie lieben und schonen
+wollen&nbsp;...</p>
+
+<p>Welche Lage! Mu&szlig;te die Tochter nicht doch einmal
+die Wahrheit &uuml;ber ihren Vater erfahren? L&uuml;ge oder auch
+nur Unwissenheit l&auml;&szlig;t sich nicht f&uuml;r immer aufrechterhalten.
+Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg
+<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>doch immer schritthaltend mit, und pl&ouml;tzlich gibt eine
+b&ouml;swillige Hand oder ein Zufall ihr einen Ansto&szlig;, und sie
+f&auml;llt dem Ahnungslosen vor die F&uuml;&szlig;e.</p>
+
+<p>Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde
+zu sagen: Dein Vater war ein S&uuml;nder, an allem, was er
+besa&szlig;, an Weib, Kind und Amt&nbsp;...</p>
+
+<p>Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nicht, da&szlig; er sich trotz allen Kraftgef&uuml;hls
+doch recht ver&auml;ndert hatte seit seinem Schlaganfall und
+da&szlig; er nicht mehr in so eiserner Selbstbeherrschung seine
+Nerven zu bezwingen vermochte wie fr&uuml;her. Seine Stirn
+war ganz rot, seine H&auml;nde zitterten bemerkbar&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit
+unwiderstehlicher Innigkeit um die Wahrheit baten.</p>
+
+<p>Und er antwortete, w&auml;hrend er diesen Blicken auswich:
+&raquo;Ihr Vater? O nein! Wichtige und treue Dienste?
+O nein!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschl&auml;ge lang.
+Seine R&ouml;te, &ndash; die heisere Stimme, wie Menschen sie
+haben, die an ihren Worten w&uuml;rgen. &ndash; Das sehr starke
+Zittern seiner ungel&auml;hmten Hand, und vor allem sein
+abgleitender Blick. &ndash; Dies Auge wich ihr aus? &ndash; Dies
+gebieterische Herrenauge, das sonst andere bezwang &ndash;
+was bedeutete das?</p>
+
+<p>Ihr Frauengef&uuml;hl wollte nun erst recht nicht von dem
+Wunsch ablassen, zu wissen.</p>
+
+<p>&raquo;Wegen meiner Mutter?&laquo; fragte sie langsam.</p>
+
+<p>Da blitzten die m&auml;chtigen Augen sie wieder hell an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sprach er, &raquo;Ihre Mutter &ndash; ich habe &ndash; sie war
+&ndash;&nbsp;&ndash; Liebes Kind! Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und meine Mutter?&laquo; fragte Klara weiter. Ihre
+Farbe hatte sich ver&auml;ndert, ihr war, als wolle irgend
+eine dunkle Angst &uuml;ber sie kommen &ndash; da&szlig; sie mit ihren
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Fragen an Tragik r&uuml;hrte, die besser ungeweckt und verschleiert
+bliebe.</p>
+
+<p>Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren
+Einfachheit und Gefa&szlig;theit, die das junge M&auml;dchen
+ergriff: &raquo;Ihre Mutter und ich, wir wu&szlig;ten es rasch &ndash;
+wir waren f&uuml;reinander bestimmt gewesen &ndash; sie mein
+Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir
+durften es uns kaum gestehen, die Hoffnungslosigkeit
+war vom ersten Augenblick an mit uns. Meine Frau
+h&auml;tte mich niemals freigegeben &ndash; nie &ndash; aus kleinlicher
+Schadenfreude nicht. &ndash; Unsere Lage war bitter &ndash; sie
+war gef&auml;hrlich &ndash; aber in unserem Schicksal hatten wir
+einen wunderbaren Schutz&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara sah ihn wartend an. Da schlo&szlig; er langsam:
+&raquo;Die <em class="gesperrt">W&uuml;rde</em> deiner Mutter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang
+sie &ndash; und sie k&uuml;&szlig;te seine Hand. Er entzog sie ihr und legte
+sie auf ihren Scheitel. Unter ihrem schweren Druck richtete
+sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und ihm zu. Sie sah
+ihn mit grenzenloser Verehrung an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte, du w&auml;rest meine Tochter, oder du w&uuml;rdest
+es!&laquo; sprach er.</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte mit Tr&auml;nen in den Augen.</p>
+
+<p>Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.</p>
+
+<p>&raquo;Es war immer schon, als w&auml;r&#8217; ich&#8217;s, wie ein Vater
+haben Sie an mir gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei
+ich Ihnen noch n&auml;her gekommen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Gem&uuml;t war ihr nun &uuml;bervoll. Viel h&auml;tte sie wissen
+m&ouml;gen &ndash; von ihrer Mutter &ndash; vom Herzeleid dieser beiden
+ihr heiligen Menschen &ndash; von der Frau, die zwischen dem
+Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr
+eigener, leiblicher Vater mu&szlig;te ja dazwischen gestanden
+haben &ndash; was war es mit ihm? Weshalb erw&auml;hnte der
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>alte Herr nur seine Frau, nicht aber den Gatten ihrer
+Mutter?</p>
+
+<p>Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zur&uuml;ck, in welchem
+der Geheimrat gesagt: &raquo;Ihr Vater wichtige, treue Dienste?
+O nein!&laquo;</p>
+
+<p>Dies &raquo;O nein!&laquo; barg eine Ablehnung, so schroff, so
+wegwerfend, wie sie der Sprecher selbst mit Vorsatz
+gewi&szlig; nicht hatte verraten wollen.</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich fiel es ihr noch schwer auf, da&szlig; er, der in
+so starken Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors
+Th&uuml;rauf r&uuml;hmte, &uuml;ber die ihres Vaters schweigend
+hinwegging.</p>
+
+<p>Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; wissen,&laquo; dachte sie entschlossen. Denn sie
+war ein m&uuml;ndiger Mensch und brauchte in allen Dingen
+ihres Innenlebens immer Klarheit.</p>
+
+<p>Aber sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie den alten Herrn nicht weiter
+fragen d&uuml;rfe &ndash; wenigstens nicht in diesem Augenblick.
+Seine hei&szlig;e R&ouml;te vorhin, das Zittern seiner Hand &ndash; das
+hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch nicht aufregen.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte, da&szlig; die T&uuml;r ge&ouml;ffnet wurde. Gottlob,
+Leupold oder sonst irgend jemand kam, und das half
+sofort, die Stimmung und das Gespr&auml;ch in das Allt&auml;gliche
+hin&uuml;berzubringen &ndash; wie es eben f&uuml;r den noch Schonungsbed&uuml;rftigen
+am besten war.</p>
+
+<p>Sie wandte sich um und wu&szlig;te auf der Stelle: der da
+herankam, das war Wynfried &ndash; der Sohn. Viele Jahre
+hatte sie ihn nicht gesehen und kaum je wirklich mit ihm
+gesprochen.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pfleget&ouml;chterchen
+vorstellen &ndash; Fr&auml;ulein Klara Hildebrandt.&laquo;</p>
+
+<p>Klara reichte ihm freundlich die Hand.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>&raquo;Wie freue ich mich f&uuml;r Ihren Vater, da&szlig; Sie hier
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, ob ich Anspruch
+auf gemeinsame Kindheitserinnerungen erheben darf,&laquo;
+sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nein &ndash; garnicht. Solche wollen wir nur nicht
+konstruieren. Sie waren nicht nur durch die sechs oder
+acht Jahre, die Sie mehr haben, von mir getrennt. Sie
+waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer
+oder Ihrer Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &ndash; ich durfte mich nie austoben. Mama war
+so &auml;ngstlich mit mir &ndash; ich wei&szlig; noch: Damals erschien
+es mir als das Herrlichste von der Welt, nur einmal eine
+kolossale Pr&uuml;gelei haben zu d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der sieht freilich aus, als h&auml;tte er viel Kummer
+gehabt,&laquo; dachte sie mitleidig, w&auml;hrend er sprach. Welche
+Sorge f&uuml;r den Vater &ndash; den einzigen Sohn so seltsam
+f&ouml;rmlich, so unjung, als w&auml;re er eigentlich lieber nicht
+hier, zu sehen. Drau&szlig;en in der Welt h&auml;tten sie ihn &raquo;zerzaust&laquo;,
+hatte sein Vater vorhin gesagt. Ruhe m&uuml;sse er
+haben, sich besinnen. Und ihre nat&uuml;rliche M&auml;dchenneugier
+fragte sich: Ungl&uuml;ckliche Liebe? Das machte ihn ihr
+doch gleich interessant.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Ihnen dankbar, da&szlig; Sie meinen Vater
+besuchen und erheitern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Dankenm&uuml;ssen ist ganz auf meiner Seite. Alles,
+was ich bin, bin ich durch Ihres Vaters G&uuml;te. Aber ich
+komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist mein Stolz und mein
+Gl&uuml;ck, da&szlig; ich kommen darf.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und
+er nickte ihr zu.</p>
+
+<p>Wynfried hatte ein unbehagliches Gef&uuml;hl &ndash; als sei er
+hier zwei Verb&uuml;ndeten ausgeliefert. Wu&szlig;te dies M&auml;dchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>um seines Vaters W&uuml;nsche? Unm&ouml;glich! Dann konnte
+sie nicht so unbefangen sein.</p>
+
+<p>Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie
+ihm gab, machten es ihm schwer, weiter mit ihr zu
+sprechen. Er sah wohl, da&szlig; sie sehr sch&ouml;n war und
+denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre
+Mutter ihn besa&szlig;. Das dr&uuml;ckte sich so erkennbar in jeder
+leisen Bewegung, im Klang der sanften Stimme aus.</p>
+
+<p>Diese Art von Sch&ouml;nheit, deren eigenster Reiz die Verbindung
+von strengen Linien mit weicher Anmut war,
+hatte ihn nie zu fesseln vermocht.</p>
+
+<p>Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven
+auf Frauen eingestellt &ndash; die alte Gewohnheit, auf jede
+einzugehen, ihr angenehm sein zu wollen, wurde unbewu&szlig;t
+wach in ihm. Dazu kam das neugierige Wissen, da&szlig;
+dies die Frau sei, die sein Vater f&uuml;r ihn bestimmt hatte &ndash;
+und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen
+zu zeigen.</p>
+
+<p>Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegen&uuml;ber
+an den Tisch, der neben dem Krankheitsthron stand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe, Leupold hat f&uuml;r drei aufgedeckt. Es ist also
+vorgesehen, da&szlig; Sie mir auch g&uuml;tigst eine Tasse Tee
+g&ouml;nnen sollen.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Klara ihn bediente, meinte sie: &raquo;Wenn Ihr
+Vater jetzt auch Sie hat &ndash; &uuml;berfl&uuml;ssig komme ich mir doch
+nicht vor. M&auml;nner, die die ganze Woche von der Arbeit
+zusammen sprechen, w&uuml;rden es auch noch Sonntagnachmittags
+tun, wenn da nicht jemand w&auml;re, der sehr
+wenig davon versteht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, Sie wissen, da&szlig; ich hier bleiben werde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Fr&auml;ulein
+Hildebrandt erz&auml;hlt,&laquo; warf der Geheimrat ein.</p>
+
+<p>Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara,
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>als wolle er sagen, da&szlig; er sich keine willkommenere Mitwisserin
+seiner Angelegenheiten denken k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie haben die Geduld und den Mut, gn&auml;diges
+Fr&auml;ulein, die Kinder der Arbeiterschaft zu unterrichten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, irgend etwas mu&szlig;te ich doch tun, um meine
+Kr&auml;fte zu brauchen und mein Brot zu verdienen,&laquo; sprach
+sie ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Aber gab es nicht reizvollere Besch&auml;ftigungen, die
+Ihnen mehr Freude gebracht h&auml;tten? Etwa der Posten
+einer Gesellschaftsdame in einem gro&szlig;en Hause, wo viele
+Menschen verkehren, wo man reist, Kunst genie&szlig;t, tanzt &ndash;
+Vater mit seinen Beziehungen h&auml;tte Ihnen doch leicht
+dergleichen verschaffen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort
+&ndash; diese ganze Szene unterhielt ihn &uuml;berhaupt
+auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann der
+ersten Eindr&uuml;cke, der raschen Entschl&uuml;sse. Er f&uuml;hlte, oder
+vielmehr er bildete sich ein: man wird schon heute sehen,
+ob es geht mit den beiden!</p>
+
+<p>Klara sch&uuml;ttelte nur leise den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit
+reichen meine Erinnerungen nat&uuml;rlich nicht zur&uuml;ck. So
+ist es mir, als sei ich hier geboren. Hier bin ich aufgewachsen
+&ndash; inmitten des Werks habe ich meine ersten Eindr&uuml;cke
+gehabt &ndash; sp&auml;ter hab&#8217; ich an seinen Grenzen gelebt, immer
+in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand
+und Inhalt hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war,
+verdanke ich Ihrem Vater, ihm meine Ausbildung und
+da&szlig; ich nun auf eigenen F&uuml;&szlig;en stehe und selbstverdientes
+Brot essen kann. Nie hab&#8217; ich etwas anderes im Gef&uuml;hl
+gehabt, vor mir gesehen als dies eine, da&szlig; auch ich f&uuml;r
+&#8250;Severin Lohmann&#8249; t&auml;tig sein m&uuml;sse. Wie sollt&#8217; ich&#8217;s? Als
+Buchhalterin? Stenographin? So im Bureau sitzen?
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>Ach nein, das w&auml;re nicht mein Fall gewesen &ndash; dabei
+w&auml;re ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen.
+Ich mag erziehen &ndash; auf andere ein wenig wirken k&ouml;nnen,
+Entwicklung zu sehen macht doch Freude. So dr&auml;ngte
+es sich auf, da&szlig; ich Lehrerin werden mu&szlig;te. Ich k&ouml;nnte
+in der Stadt an der h&ouml;heren T&ouml;chterschule unterrichten.
+Aber da h&auml;tte ich keinen Teil gehabt an &#8250;Severin Lohmann&#8249;.
+Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte,
+kommt&#8217;s mir vor, als ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig
+und sehr von fern f&uuml;r Ihren Vater und in seinem Sinn
+arbeite. Konnte es wohl anders sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein,&laquo; sprach
+der Geheimrat. &raquo;Sie sind mit mir, mit uns, mit dem
+Werk f&uuml;r immer verbunden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te sich M&uuml;he geben, nicht mehr zu sagen.</p>
+
+<p>Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten
+nach ... Er f&uuml;hlte so beklemmend, da&szlig; er, der Sohn
+und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier ferner
+und fremder war als dieses M&auml;dchen, das mit allem
+unl&ouml;slich verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung,
+da&szlig; seines Vaters Wunsch noch in anderen Dingen wurzelte
+als in dem Verlangen, des Sohnes Leben in Ordnung
+zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht
+einst geliebten Frau zu versorgen&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara blieb heute l&auml;nger als sonst. Sie war gewohnt,
+zu warten, bis der alte Herr durch irgend ein Wort ihr das
+Gef&uuml;hl gab, sie d&uuml;rfe gehen. Heute, wenn das m&uuml;hsam
+sich hinschleppende Gespr&auml;ch ganz verstummen wollte,
+suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.</p>
+
+<p>Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, da&szlig;
+seine Fragen sie n&ouml;tigten, viel von sich zu sprechen. Von
+ihren Jugendjahren bei der sehr z&auml;rtlichen, unentschlossenen,
+umst&auml;ndlichen und zum Erziehen eigentlich gar nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch
+eine treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge
+und autoritativ sei, erz&auml;hlte sie mit einem leisen Humor.
+Von ihren durch ihren Beruf geregelten Tagen mu&szlig;te sie
+berichten, und von den bescheidenen kleinen Zerstreuungen.
+Man h&ouml;rte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel
+und Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, sa&szlig; sie still
+dabei mit einer Handarbeit und hatte ihre Gedanken
+f&uuml;r sich. Es gab mal ein paar Vortr&auml;ge im Winter, einen
+Kasinoball und ein Sommerfest, die man mitmachte,
+denn der Geheimrat hatte selbst f&uuml;r die Doktorin Lamprecht
+und ihre Pension&auml;rin die Mitgliedschaft bei der von ihm
+unterst&uuml;tzten Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte f&uuml;r
+die Damen den Beitrag. Und Klara sagte, es gebe da
+immer einige, die sie f&uuml;hlen lie&szlig;en, da&szlig; sie als Volksschullehrerin
+nicht recht unter die Honoratioren geh&ouml;re &ndash; und
+man sp&uuml;rte, da&szlig; ihr derlei nicht verletzend, sondern
+nur ein lustiges Pr&ouml;bchen von Dummheit war.</p>
+
+<p>Wynfried sah so in ein M&auml;dchenleben hinein, das ihn
+wie eine Legende anmutete. Das gab es? In solchen
+Beschr&auml;nkungen konnte ein weibliches Wesen es aushalten?
+Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das f&uuml;hlte er
+durchaus.</p>
+
+<p>Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit
+in der Begrenzung machte ihn betroffen.</p>
+
+<p>Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich
+wohltuend und beruhigend?</p>
+
+<p>Sein Herz war in schw&uuml;len Feuern verbrannt &ndash; vielleicht
+f&uuml;r immer. Seine Phantasie war ermattet, im
+atemlosen Rausch immer neuer Vergn&uuml;gungen an immer
+wechselnden Schaupl&auml;tzen.</p>
+
+<p>Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine
+ersten J&uuml;nglings- und Mannesjahre vertan, und diesem
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>Idyll. Ihm war, als sehe er vor seinem geistigen Auge
+dicht neben einem glitzernden Durcheinander von Seidenglanz,
+funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten
+Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden
+Federn ein stilles, gr&uuml;nes St&uuml;ckchen Wald&nbsp;...</p>
+
+<p>Und das M&auml;dchen b&auml;umte sich nicht einmal auf? Emp&ouml;rte
+sich nicht, da&szlig; Sch&ouml;nheit und Jugend in Gefahr
+war, unbemerkt zu verbl&uuml;hen, da&szlig; die M&ouml;glichkeit vorlag,
+ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? &ndash;
+Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Mi&szlig;laune
+sie immer gewesen war w&auml;hrend der wenigen
+Monate im Jahr, die sie neben der Arbeitsst&auml;tte ihres
+Gatten verbringen mu&szlig;te &ndash; wie sie floh, sobald sie konnte.
+Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein
+Opfer&nbsp;...</p>
+
+<p>Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige
+Stimmung war ihr wirklicher Seelenzustand!
+So unglaubhaft es ihm schien, er f&uuml;hlte sich dennoch
+gezwungen, zu glauben.</p>
+
+<p>Er wurde nach und nach sehr schweigsam.</p>
+
+<p>Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie
+nicht unbescheiden lange? Warum gab der Geheimrat
+nicht wie sonst ein Zeichen? Und die Doktorin Lamprecht,
+die es nicht kannte, da&szlig; ihr Sch&uuml;tzling nicht mit uhrenm&auml;&szlig;iger
+P&uuml;nktlichkeit heimkam&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie stand auf.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht &auml;ngstigt sich
+sonst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wynfried bringt Sie nach Haus,&laquo; bestimmte der
+alte Herr.</p>
+
+<p>&raquo;O nein &ndash; danke sehr &ndash; nein&nbsp;&ndash;,&laquo; lehnte Klara ab.</p>
+
+<p>Er verneigte sich h&ouml;flich, sich widerspruchslos in die
+Ablehnung ergebend&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>&raquo;Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch,&laquo; sagte
+der alte Herr, ihre Hand in seiner Rechten haltend.
+&raquo;Sie wissen, ich mag keinen Tischgenossen an meiner
+Krankentafel &ndash; Wynfried mu&szlig; unten allein essen &ndash;
+kommen Sie doch diese n&auml;chsten Tage &ndash; bis er etwas
+eingelebt ist &ndash; etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm.
+Ihr Weg f&uuml;hrt Sie ja doch vorbei, Leupold soll eins von
+den Fremdenzimmern f&uuml;r Sie als Tagesquartier einrichten.
+Nachmittags bekomm&#8217; ich dann auch mein St&uuml;ndchen,
+als w&auml;re alle Tage Sonntag.&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried fand diesen Vorschlag &raquo;faustdick&laquo;. Er meinte,
+sie <em class="gesperrt">m&uuml;sse</em> merken, was sein Vater w&uuml;nsche ... Er
+stellte auch fest, so gebieterisch sich auch noch die alte Wucht
+und Gr&ouml;&szlig;e seines Vaters aufzurecken vermochte, so
+ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch
+schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft
+kindliche Z&uuml;ge zuweilen bemerkbar?</p>
+
+<p>Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich
+in ihm regen. Aber er war ja eigentlich sicher, da&szlig; sie
+beseligt zugreifen w&uuml;rde. Und er konnte dann bei diesen
+Diners zu zweien (an was f&uuml;r andere Diners zu zweien
+war er gew&ouml;hnt, fast ironisch huschte es durch sein Ged&auml;chtnis)
+weitere Betrachtungen dar&uuml;ber anstellen, welche
+Figur er k&uuml;nftig abgeben werde, als Gatte dieser offenbar
+beinahe vollkommenen jungen Dame, die der Aufgabe,
+ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs
+wegen so gewachsen sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Um seine Lippen zuckte es. Er <em class="gesperrt">wollte</em> spotten.</p>
+
+<p>Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit &ndash; so
+&uuml;berfl&uuml;ssig erschien er sich neben diesem M&auml;dchen und seinem
+Vater.</p>
+
+<p>Klara war wohl etwas erstaunt &uuml;ber diese Einladung,
+doch vor allen Dingen verlegen, weil sich eine derartige
+<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>Einrichtung, auch nur eine Woche lang, nicht mit ihren
+Pflichten vereinbaren lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn Ferien w&auml;ren! So kann ich es aber nur
+am Mittwoch,&laquo; sagte sie kurzweg.</p>
+
+<p>Der Vater sah hierbei zum Sohn hin&uuml;ber. Fast ein
+wenig triumphierend. Hatte er nicht prophezeit: du wirst
+dich dazu halten m&uuml;ssen, angenommen zu werden.</p>
+
+<p>Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch
+abzur&auml;umen. Und Leupold konnte sich wieder Gedanken
+machen, denn zwischen Vater und Sohn herrschte vollkommenes
+Schweigen. Sonst wurden keine Gespr&auml;che
+wegen dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die
+Geheimr&auml;tin hatte fr&uuml;her ihrer scharfen Rede Z&uuml;gel
+angelegt, w&auml;hrend er die Sch&uuml;sseln anbot. Und ungeachtet
+seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der Geheimrat
+bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen,
+da&szlig; sie dann stumm sich hinter zusammengekniffenen
+Lippen zur&uuml;ckhielten.</p>
+
+<p>Somit stand es f&uuml;r Leupold fest: wenn in seiner
+Gegenwart geschwiegen wurde, gab es Dinge von h&ouml;chster
+&Auml;rgerlichkeit oder geheimnisvollster Wichtigkeit.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Geheimrat wartete nur, bis die T&uuml;r sich hinter
+ihm geschlossen hatte, um zu fragen: &raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was &ndash; nun? Forderst du von mir, da&szlig; ich, nach
+dem Zusammensein von einer Stunde, mich schon bereit
+erkl&auml;re, das M&auml;dchen zu heiraten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte der Vater, &raquo;da sei Gott vor. Aber den
+Eindruck m&ouml;chte ich wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohltuend &ndash; ganz und gar &ndash; ja. Aber ich mu&szlig; sie
+doch erst ein wenig n&auml;her kennen lernen &ndash; mu&szlig; mich
+erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so etwas wagen kann,
+darf. Junge M&auml;dchen tr&auml;umen von einer gro&szlig;en Liebe &ndash;
+wie sollt&#8217; ich die vorl&uuml;gen und vorheucheln k&ouml;nnen! Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>werde mich nicht in sie verlieben. &ndash; Ich? &ndash; Nach allem:
+nein! Und sie? Glaub mir, ich habe keinen Eindruck auf
+sie gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man lernt sich in der Ehe lieben,&laquo; sagte sein Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Oder hassen,&laquo; setzte der Sohn hinzu, und er dachte
+an seine Mutter, die seinen Vater geha&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Heiraten, das ist ein Entschlu&szlig; von gro&szlig;er Tragweite,&laquo;
+sprach er weiter.</p>
+
+<p>Es schien dem Alten trotz der seinen W&uuml;nschen g&uuml;nstigen
+ersten Worte, als h&ouml;re er nur Lauheit, Energielosigkeit,
+Ablehnung.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt
+und Richtung geben. Was solltest du sonst anfangen mit
+deinem Leben?&laquo; fragte er schweren Tones &ndash; der grollte
+gleichwie aufkochender Zorn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, Vater,&laquo; sagte der Sohn zerqu&auml;lt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara aber schritt mit eiligen F&uuml;&szlig;en &uuml;ber die Stra&szlig;e
+dahin, auf die Treppe zu, um hinunter zur F&auml;hre zu
+kommen. Aber sie konnte nicht ohne Aufenthalt vorw&auml;rts
+kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die Kinder
+dr&auml;ngten sich an sie und wollten &raquo;Fr&auml;ulein&laquo; durchaus
+die Anemonen schenken, deren Stengel in den kleinen
+F&auml;usten schon warm geworden waren. Und die Mutter
+erz&auml;hlte schmeichlerisch, da&szlig; die Kinder immer nur von
+Fr&auml;ulein und Fr&auml;ulein schw&auml;rmten, und wollte wissen,
+ob Artur und Lieschen auch artig seien.</p>
+
+<p>Sie hielt freundlich stand.</p>
+
+<p>Und doch brannte in ihr eine gro&szlig;e Ungeduld. Sie
+dachte nicht mehr an Wynfried, der doch nun eine neue
+Gestalt im hiesigen Leben war. Sie dachte nur an den
+einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit
+ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder
+<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>Hand von ihrem Vater sagte: &raquo;Treue, wichtige Dienste &ndash;
+o nein!&laquo;</p>
+
+<p>An der F&auml;hrbr&uuml;cke unten an der Treppe mu&szlig;te sie
+noch warten, der Kahn kam erst vom anderen Ufer heran.
+Vier, f&uuml;nf junge M&auml;nner sa&szlig;en auf der umlaufenden Bank.
+Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder
+ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf
+die Filzr&auml;nder der H&uuml;te herab. Aber die jungen M&auml;nner
+hatten sich doch den Fr&uuml;hling anheften wollen, wie ein
+Zeichen. Der F&auml;hrmann stand aufrecht im Kahn und trieb
+mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit
+oberhalb des Anlegesteges auf die Uferb&ouml;schung zu, der
+sachtflie&szlig;ende schmale Strom dr&uuml;ckte aber so sehr gegen
+den Kahn, da&szlig; die endliche Landung genau an der Stufe
+der Br&uuml;cke erfolgte. Die M&auml;nner stiegen aus, und Klara
+stieg ein. Und wieder hin&uuml;ber ging die Fahrt auf den
+hellen Hang zu, dessen wei&szlig;sandige Wand von dem
+roten St&auml;dtchen &uuml;berkr&ouml;nt war. Dies Hin und Her von
+Ufer zu Ufer war sonst immer f&uuml;r Klara voll Reiz. Das
+dunkle tiefe Wasser gl&auml;nzte, der Ruderschlag rauschte
+leise ... es war so viel Ruhe darin und ein wenig von
+der Romantik alter Zeiten.</p>
+
+<p>Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt,
+um die Stimmung zu genie&szlig;en. Ganz verworrene und
+pl&ouml;tzlich be&auml;ngstigend werdende Erinnerungen tauchten
+auf &ndash; sahen nun, da sie vor dem Auge einer Gereiften
+erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst
+dem Kind dargestellt hatten. &ndash; Die Zehnj&auml;hrige hatte
+nur an einem Morgen voll unaussprechlicher &Auml;ngste erfahren,
+da&szlig; ihr Vater &uuml;ber Nacht einem Herzschlag erlegen
+sei. Das Grauen vor der N&auml;he des Todes, der
+stumme Jammer der Mutter &ndash; ein seltsames Hasten
+und eine scheue Angst im Haus &ndash; dazwischen dann die
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Gestalt des Geheimrats &ndash; d&uuml;ster und beherrschend. &ndash;
+Und da&szlig; niemand, niemand den Toten hatte sehen d&uuml;rfen.
+&ndash; Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen &ndash;
+die Schrauben knirschten so &ndash; man h&ouml;rte sie. &ndash; Die
+Mutter bebte nebenan und pre&szlig;te ihre Tochter heftig
+an sich. &ndash; Damals dachte Klara, das sei immer so, wenn
+ein Mensch sterbe &ndash; all diese Einzelheiten. &ndash; Heute
+mit einem Male wu&szlig;te sie: da war etwas zu verstecken
+gewesen&nbsp;...</p>
+
+<p>Es gibt j&auml;he Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie,
+es ist, als griffe eine Hand nach einem und risse eine Binde
+von unseren Augen.</p>
+
+<p>Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen,
+vom angstvollen Wahn sich sogleich heilen zu lassen
+oder auch dem Traurigsten ins Gesicht zu sehen &ndash; so kam
+sie in der kleinen Wohnung an&nbsp;...</p>
+
+<p>Das H&auml;uschen der alten Frau Lamprecht lag am
+Kirchplatz. Es hatte &uuml;ber dem Erdgescho&szlig; nur ein Stockwerk,
+und vom Ziegeldach sah noch ein Giebelfenster
+hin&uuml;ber nach den Linden, die die Backsteinmauer der
+Kirche umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann
+von Likowski vermietet. Seine beiden Pferde hatte
+er im Stalle auf dem Hofe, wo einst das Doktorw&auml;gelchen
+stand, wenn es durch die Tor&ouml;ffnung neben dem Hause
+hereingefahren.</p>
+
+<p>Vier &uuml;berraschend ger&auml;umige Zimmer gaben den Frauen
+Behaglichkeit genug. Die K&uuml;che lag hinter der Treppe
+mit den Fenstern nach dem Durchgang zum Stall. Seit
+Klara nach bestandenem Examen zur&uuml;ckgekommen und
+alsbald angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer
+f&uuml;r sich. Damit war sie von ihrer Pflegmutter als selbst&auml;ndiger
+Mensch anerkannt worden.</p>
+
+<p>Es hatte der alten Dame viele Erw&auml;gungen und umst&auml;ndliche
+<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>Besprechungen gekostet, bis ihre Sachen auf
+den Boden gebracht wurden und daf&uuml;r Klaras Einrichtung,
+die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt
+werden konnte.</p>
+
+<p>Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie
+wu&szlig;te es, da&szlig; sie den Besitz nur dem Geheimrat verdankte.
+Ganz vollst&auml;ndig war alles beisammen geblieben, so wie
+es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen: der Sekret&auml;r,
+der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa
+und St&uuml;hle von dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen
+Stoffen von dickem Seidendamast; die B&uuml;cher, die
+Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt zwischen kleinen
+Alabasters&auml;ulen, die auf ihren Kapit&auml;len einen Steg von
+Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu
+t&auml;nzeln schien &ndash; der Sch&ouml;pfer dieser Uhr hatte sicher
+den anmutigen Gedanken gehabt, da&szlig; demjenigen, f&uuml;r
+den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt
+geigen m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen
+ihre Mutter das heitere kleine Bilderwerk oberhalb
+der Zeiger betrachtet haben m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Denn sie ahnte immer, da&szlig; ihre Mutter nicht gl&uuml;cklich
+gewesen sei.</p>
+
+<p>Heute war aus der Ahnung eine Gewi&szlig;heit geworden.</p>
+
+<p>Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Stra&szlig;enaussicht
+h&auml;tte die alte Frau keinem Menschen geopfert,
+und sie sagte, Klara w&auml;re es ja doch einerlei, ob sie auf den
+Hof oder auf den Kirchplatz hinauss&auml;he. Jetzt lauerte
+die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der
+graue Kopf bog sich alle paar Sekunden sehr schr&auml;g nah
+an das Glas hin, um die Stelle zu ersp&auml;hen, wo die
+Stra&szlig;e in den Platz einm&uuml;ndete und wo Klara zuerst
+sichtbar werden mu&szlig;te. Kaum erschien sie in Blickweite,
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>so deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, da&szlig; sie
+mit Unruhe erwartet wurde, und das erste Wort, das sie
+h&ouml;rte, war das erwartete: &raquo;Wo bleibst du, ich &auml;ngstigte
+mich.&laquo;</p>
+
+<p>Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte
+ihn auf den N&auml;htisch vor sich, was immer eine Art von
+Zur&uuml;stung auf ein ausf&uuml;hrliches Gespr&auml;ch bei ihr bedeutete.</p>
+
+<p>&raquo;Es kam mir so vor, als w&uuml;nsche der Geheimrat, mich
+l&auml;nger dazubehalten. Ich wu&szlig;te nicht recht, was ich
+sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er?&laquo;
+fragte sie in brennender Neugier.</p>
+
+<p>Denn in dem St&auml;dtchen liefen allerlei Ger&uuml;chte
+herum &ndash; auf sachten, aber sehr emsigen F&uuml;&szlig;en, von Haus
+zu Haus. Und sie hatten ihren stillen b&ouml;sen Gang begonnen
+damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters erschien&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Doch. Fl&uuml;chtig. Er war sehr h&ouml;flich,&laquo; sagte Klara.
+Sie wu&szlig;te l&auml;ngst, da&szlig; Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber der
+alten Frau geboten sei. Sie kannte es schon, welchen
+Genu&szlig; und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,
+bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten &uuml;ber die
+Vorg&auml;nge im Hause des Geheimrats unterrichtet war.</p>
+
+<p>Aber Neugier sp&uuml;rt nicht so leicht das Ausweichen
+eines anderen. Und die Fragen klangen auch noch minutenlang
+durch das Zimmer. Wie sah er aus? Sehr verlebt?
+Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?
+Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob
+er gern hier sei?</p>
+
+<p>Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als
+sie sagte, das Verh&auml;ltnis zwischen Vater und Sohn sei
+ihr ganz nat&uuml;rlich und herzlich vorgekommen, war die
+Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als ganz
+<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>&raquo;wahr und wahrhaftig&laquo; weiterzuerz&auml;hlen. Ihr unruhiges
+kleines Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz
+anderen Wichtigkeiten.</p>
+
+<p>&raquo;Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues
+Fr&uuml;hjahrskost&uuml;m an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann
+das gut macht, all den Luxus. &ndash; Und denke dir, wei&szlig;t du,
+wen ich gesehen habe? Den neuen Oberleutnant, den
+Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm,
+sag&#8217; ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen
+in den Stall. Als ich sie treppab kommen h&ouml;rte, lief ich
+in dein Zimmer und pa&szlig;te hinter den Gardinen auf.
+Er ist noch oben, gleich geht er &ndash; horch &ndash; wir wollen achtgeben,
+du sollst sehen: eine sch&ouml;ne M&auml;nnererscheinung&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und sie r&uuml;ckte schon ein wenig, um sich besser hinter den
+Mullfalten der Vorh&auml;nge zu verbergen.</p>
+
+<p>Klara f&uuml;hlte sich ja manchmal gequ&auml;lt von dem eifrigen
+Teilnehmen an den Gleichg&uuml;ltigkeiten rundum.</p>
+
+<p>Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu
+freundlichem Eingehen, wenn auch mit noch so fl&uuml;chtigem
+Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt, sich davon ermattet
+zu f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Was geht mich der Freiherr von Marning an?&laquo;
+sagte sie.</p>
+
+<p>Und pl&ouml;tzlich brach es aus ihr heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte dich &ndash; la&szlig; die fremden Leute &ndash; komm &ndash;
+ich mu&szlig; mit dir sprechen, dich etwas fragen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie
+vom Fenster fort.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir
+lebe, hast du es mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lampr&auml;chtige,
+w&uuml;rdest du mich bel&uuml;gen, wenn ich dich etwas
+fragte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Kind!&laquo; Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>da&szlig; Klara so starke T&ouml;ne anschlug. &ndash; Sie war doch
+fast nie z&auml;rtlich, und nie aufgeregt. Und brauchte nun gar
+die scherzhafte Benennung, die der Geheimrat aufgebracht
+hatte, in so leidenschaftlicher Weise.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollt&#8217; ich dich wohl bel&uuml;gen wollen! Was ist
+denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sage mir, was war mein Vater f&uuml;r ein Mann? Und
+an was starb er in so fr&uuml;hen Jahren?&laquo;</p>
+
+<p>Wie strenge Klara aussah &ndash; die geraden Brauen
+schoben sich n&auml;her zusammen, ihre Augen brannten.</p>
+
+<p>Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gef&uuml;rchtet,
+da&szlig; das arme Kind irgendwann einmal den alten
+Geschichten nachfrage!</p>
+
+<p>Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine
+gute Alte hatte wohl eine dumpfe Erkenntnis davon, da&szlig;
+sie dem M&auml;dchen nicht gewachsen war. In Klara war
+irgend etwas Starkes. Man sp&uuml;rte es selten. Aber dann
+war man ganz klein davor&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich mu&szlig; schweigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah&nbsp;&ndash;&laquo; Klara beugte sich n&auml;her zu ihr, f&ouml;rmlich Angst
+bekam die alte Frau. &ndash; So drang schon diese Bewegung
+auf sie ein&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ah &ndash; also es ist etwas zu verschweigen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen,&laquo; klagte
+sie. &raquo;W&auml;re das nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein
+Versprechen br&auml;che, das <em class="gesperrt">dem</em> Manne gegeben worden
+war?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll es nie erfahren, nie, da&szlig; du mir die Wahrheit
+sagtest. Wenn du sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor,
+oder zum Standesamt, von Mann zu Mann, bis ich den
+finde, der wei&szlig;&nbsp;...&laquo; drohte Klara. Sie war nun v&ouml;llig
+au&szlig;er sich.</p>
+
+<p>Also es gab Schmachvolles zu verbergen!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>&raquo;Niemand wei&szlig; etwas Genaues,&laquo; sprach die Alte &auml;ngstlich.
+&raquo;Man fl&uuml;sterte wohl damals ... Aber der Geheimrat
+&ndash; du kennst ihn ja. &ndash; Er <em class="gesperrt">wollte</em> alles versteckt
+lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was
+es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles
+zu vertuschen.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu
+nennen, wurde f&uuml;r Klara zur Folter.</p>
+
+<p>&raquo;Sag doch endlich, was denn &ndash; was denn&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe
+l&auml;&szlig;t, und wenn du mir versprichst, mich nie zu verraten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verspreche es,&laquo; sagte Klara hart und fest.</p>
+
+<p>Und da Schw&auml;tzer immer fest auf die Verschwiegenheit
+anderer Leute bauen, nahm sie dies Versprechen f&uuml;r
+einen Schwur.</p>
+
+<p>Ganz ersch&ouml;pft war sie, und dennoch im tiefsten Innern
+vielleicht wie erl&ouml;st, da&szlig; ihr endlich die Last des Schweigens
+abgezwungen wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte sie, &raquo;dein Vater wollte wohl eins, zwei,
+drei reich werden. Gro&szlig;es Gehalt, Tantieme. &ndash; Das
+schaffte nicht genug, &ndash; woher ihm diese Gier nach Geld
+kam, wei&szlig; ich nicht. Es hie&szlig;, er fahre oft nach Berlin, und
+habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er
+seiner Frau wohl nicht. &ndash; Und er spekulierte. &ndash; Obwohl
+sein Kontrakt es ihm verbot, machte er private Gesch&auml;fte,
+waghalsige Sachen mit Tendenz sogar gegen des Geheimrats
+Unternehmungen &ndash; oder unter Benutzung von ihm
+bekannten Chancen, die &#8250;Severin Lohmann&#8249; h&auml;tten zugute
+kommen m&uuml;ssen. &ndash; Und so derlei. &ndash; Und dann kam ein
+Tag, wo alles zusammenbrach. So was hat immer kurze
+Beine und l&auml;uft nicht lange. Eines Morgens wurde mein
+Lamprecht, der ja Arzt bei &#8250;Severin Lohmann&#8249; und allen
+Beamten war, aus dem Bett geholt, und es hie&szlig;, den
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Generaldirektor Hildebrandt hat der Schlag ger&uuml;hrt. &ndash;
+Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart bewiesen.
+&ndash; Sie lie&szlig; keinen von den Dienstboten in das
+Zimmer, und mein Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod
+hat b&ouml;se Gr&uuml;nde. Er ging sofort zum Geheimrat. &ndash; Und
+der nahm alles in seine Hand &ndash; die Hand kennen wir &ndash;
+stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt
+und auf Befehl vom Geheimrat mu&szlig;te mein
+Lamprecht dabei sein, wie der Deckel geschlossen wurde &ndash;
+damit die M&auml;nner nicht das Taschentuch l&uuml;fteten, das dem
+Toten &uuml;ber die zerschossene Stirn gelegt worden war.&laquo;</p>
+
+<p>Klara stand regungslos.</p>
+
+<p>Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun flo&szlig;
+die Rede und trug weiter, und die alte Frau legte sich keine
+Hemmung an.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Lamprecht sagte mir, da&szlig; wir unverbr&uuml;chlich
+schweigen m&uuml;&szlig;ten, der Geheimrat habe es ihm befohlen &ndash;
+sp&auml;ter befahl er selbst es auch noch mir, als du zu mir
+kamst. &ndash; Solchem Befehl zu widerhandeln, h&auml;tte meinem
+Mann die Stellung und mir sp&auml;ter vielleicht das bi&szlig;chen
+Pension gekostet &ndash; und dich h&auml;tte er mir nicht gelassen. &ndash;
+Das Finanzielle nahm der Geheimrat alles in die Hand.
+Es mu&szlig; ihn ziemlich was gekostet haben. Und deine Mutter
+bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er f&uuml;r dich
+sorgte, wei&szlig;t du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte
+immer: das sei alles wegen deiner Mutter &ndash; die h&auml;tte er
+wie &#8217;ne Heilige verehrt. Gerade so gro&szlig;e M&auml;nner haben
+ja manchmal irgend einen geheimen Idealismus &ndash; und
+in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er hat zu
+meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau w&auml;r&#8217; ich &#8217;n
+rauher Autokrat geworden. &ndash; Ja Kind &ndash; nun wei&szlig;t du
+es! Aber &ndash; o Gott, wenn du mich an ihn verr&auml;tst!&laquo;
+jammerte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>&raquo;Ich habe versprochen, zu schweigen,&laquo; sprach Klara,
+&raquo;nimm das f&uuml;r einen Schwur.&laquo;</p>
+
+<p>Die alte Frau h&ouml;rte die tonlosen Worte &ndash; aber zugleich
+blitzte durch ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse
+am Nebenmenschen.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte n&auml;mlich Schritte treppab kommen und sich
+durch den Flur der Haust&uuml;r n&auml;hern.</p>
+
+<p>Mechanisch &ndash; es trieb sie &ndash; war sie, husch, wieder am
+Fenster.</p>
+
+<p>&raquo;Der Freiherr von Marning!&laquo; fl&uuml;sterte sie wichtig.</p>
+
+<p>Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie
+noch minutenlang&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht drau&szlig;en den Hof
+mit dem zu hoch aufgeschossenen Lindenbaum und seiner
+sperrigen Krone, darin der Abendschein Goldglanz entz&uuml;ndet
+hatte, w&auml;hrend unten der schwarze Stamm und
+die rotbraun gestrichene Stallt&uuml;r, die seine Linie &uuml;berschnitt,
+in melancholischem Schatten lagen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie sah ein m&auml;chtiges graues Haupt und blitzende
+Herrenaugen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher &ndash; ihre
+Augen blieben an der Uhr h&auml;ngen &ndash; die gelbbronzene
+kleine Pendelscheibe, eine starke Handbreit unter der gr&ouml;&szlig;eren
+gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und her und her und
+hin zwischen den Alabasters&auml;ulen, und der kleine Amor von
+wei&szlig;em schimmernden Stein fiedelte sein fr&ouml;hliches stummes
+Liebeslied&nbsp;...</p>
+
+<p>Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.</p>
+
+<p>Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen
+und zerschlagen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie legte die H&auml;nde vors Gesicht und weinte &ndash; weinte.</p>
+
+<p>Was hatte er alles getan &ndash; f&uuml;r sie und ihre Mutter!</p>
+
+<p>Wie ihm jemals genug danken!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>&raquo;Wenn ich doch sterben k&ouml;nnte, um ihm damit Gesundheit
+zu erkaufen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber sie wu&szlig;te wohl, auf solchen Austausch l&auml;&szlig;t sich
+das Schicksal nicht ein.</p>
+
+<p>Wie ihm jemals genug danken?</p>
+
+<p>Ein Leben reichte dazu nicht aus. &ndash; Mit welch hei&szlig;er
+Freude w&uuml;rde sie es f&uuml;r ihn hingeben.</p>
+
+<p>Ihr ganzes Wesen war wie durchgl&uuml;ht von der Begierde,
+sich f&uuml;r ihn opfern zu d&uuml;rfen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_3" id="Kapitel_3"></a>3</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>s sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen
+Reorganisationsverm&ouml;gen sprachen die &Auml;rzte,
+als sie wieder einmal von Kiel, Hamburg und L&uuml;beck zur
+Beratung und Kontrolle sich bei dem alten Herrn zusammenfanden.
+Niemand schrieb die Fortschritte, die in
+den letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein
+der t&auml;glichen Behandlung des Doktors Sylvester zu, der
+mit Massage und Elektrizit&auml;t morgens und abends die
+L&auml;hmung der linken K&ouml;rperseite zu bek&auml;mpfen suchte.</p>
+
+<p>Vielmehr waren alle &uuml;berzeugt, da&szlig; die Wiederkehr
+des Sohnes und die Vers&ouml;hnung mit ihm den Willen zum
+Leben in dem alten Herrn neu geweckt habe. Da&szlig; zwischen
+Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein
+<em class="gesperrt">konnte</em>, hatte man f&uuml;hlen m&uuml;ssen, als der Sohn nicht
+an das Krankenbett des Vaters kam.</p>
+
+<p>&raquo;Man sieht es wieder,&laquo; sagte Professor R&ouml;&szlig;ler, &raquo;je
+intelligenter, nerv&ouml;ser und leidenschaftlicher ein Kranker
+ist, desto weniger h&auml;ngt, unter gewissen Umst&auml;nden, seine
+Genesung von der Wissenschaft, desto mehr aber von den
+Dingen ab, &uuml;ber die wir keine Gewalt haben.&laquo;</p>
+
+<p>Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, da&szlig;
+sich vielleicht noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken
+K&ouml;rperh&auml;lfte allm&auml;hlich werde erzielen lassen; und mit der
+Gewi&szlig;heit, da&szlig; Schlaf, Appetit und Stimmung des Patienten
+<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>sich auffallend gebessert hatten. Leupold, dessen
+Ausk&uuml;nfte den &Auml;rzten immer die ma&szlig;gebendsten waren,
+konnte sagen, da&szlig; der Geheimrat die Dienerschaft nicht
+mehr in ungew&ouml;hnlicher Fr&uuml;he herausklingle, sondern,
+auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben liege. Und
+das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig &ndash; das
+war gewi&szlig; ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen
+Lebensumst&auml;nde, die mit der Uhr zusammenh&auml;ngen, in
+seinem Verh&auml;ltnis zu den Dingen der h&auml;uslichen Umwelt
+war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld.
+Geduld kannte er nur in den gro&szlig;en Aufgaben der Arbeit.
+Wie bes&auml;nftigt mu&szlig;ten also sein Gem&uuml;t, wie angenehm
+seine Gedanken sein, wenn er still wachend liegen mochte.</p>
+
+<p>&raquo;Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat!&laquo;
+dachte der Geheimrat sp&ouml;ttisch hinter ihnen her.</p>
+
+<p>In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein
+Leben und sein Werk br&auml;chen zusammen. Nun bl&uuml;hten
+neue Hoffnungen vor ihm auf.</p>
+
+<p>Wie einfach.</p>
+
+<p>Aber die ganz gro&szlig;en Wendungen im Dasein haben ja
+immer etwas wunderbar Einfaches.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am Tage nach der Abreise der &Auml;rzte troff der Regen
+herab, kalt und trostlos. &Uuml;ber dem Hochofenwerk ballte
+sich das Dunstgew&ouml;lk, und zerdr&uuml;ckte Rauchschlangen
+schlichen sich, niedergepre&szlig;t von Wind und Regen, seitw&auml;rts
+weg. Dr&uuml;ben vor der kleinen Stadt um den aufrechten
+Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien
+nieder, so da&szlig; es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe
+vor dem Bilde. Das fernere Gel&auml;nde verschwamm
+im Grau. Auf dem Flu&szlig; zog ein Dampfer vorbei; seine
+hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von
+all der N&auml;sse. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter
+Lappen hinten am Heck. Er lie&szlig; aus seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton entweichen,
+als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den weitausreichenden
+Skelettarmen der eisernen Entladebr&uuml;cken
+ankerten. Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die
+Luft schnitt, war der h&ouml;fliche Gru&szlig; des Schweden an seine
+Kameraden.</p>
+
+<p>Das ganze Bild zeigte D&uuml;sterheit. Aber das konnte
+die Stimmung des alten Herrn nicht in Unmut aufl&ouml;sen.
+Dazu war sie zu fest von frohem Glauben getragen.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte
+er sich gut auf eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen.
+Dann lag das Papier glatt und fest vor ihm, und er konnte
+es beschreiben. Denn so weit vermochte er die Linke noch
+nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen niederzuhalten.</p>
+
+<p>Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und
+begl&uuml;ckendsten Brief seines ganzen Lebens.</p>
+
+<p>An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:</p>
+
+<div class="blockquote">
+<p class="letterhead">&raquo;Mein teures Kind!</p>
+
+<p>Es ist mir seit Ihrer fr&uuml;hen Jugend eine liebe Angewohnheit
+gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun k&ouml;nnte
+wohl aus der Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie
+die Frage bejahen, die mein Sohn heute nachmittag an
+Sie richten wird. Er hat mir die Erlaubnis gegeben, Sie,
+meine liebe Klara, darauf vorzubereiten, da&szlig; er zu Ihnen
+kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist, brauchen Sie
+nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also
+darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.</p>
+
+<p>Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch
+etwas zu sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie
+vorzubereiten, der Grund, weshalb ich schreibe.</p>
+
+<p>Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: da&szlig; Dankbarkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Sie nicht bestimmen darf, sich f&uuml;r Wynfried zu entscheiden!
+Ganz gewi&szlig; erraten Sie mit Ihrem Herzen, da&szlig; es f&uuml;r
+mich eine gro&szlig;e Freude sein w&uuml;rde, Sie als Tochter umarmen
+zu k&ouml;nnen. Und Sie rufen sich vielleicht ins Ged&auml;chtnis
+in dieser Stunde, da&szlig; ich es war, der die bitterste
+Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter ablenken
+durfte&nbsp;...</p>
+
+<p>Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter
+geliebt! Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine
+nennen. Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen
+wird, bleibt ihr nur eine Art von Linderung und Erl&ouml;sung:
+f&uuml;r den geliebten Menschen und das, was ihm teuer ist,
+ein wenig sorgen zu d&uuml;rfen. Das war das bescheidene
+stille Gl&uuml;ck, das ich mir g&ouml;nnen konnte.</p>
+
+<p>Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann
+verstehen Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!</p>
+
+<p>Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, l&ouml;scht es alle
+anderen Worte aus.</p>
+
+<p>Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh
+war und voll Ha&szlig;. Und dem es vielleicht niemand zutraut,
+da&szlig; er immer tief in seinem Gem&uuml;t einen gro&szlig;en
+Schmerz, einen sehr gl&uuml;cklichen Schmerz mit sich herumtrug.</p>
+
+<p>Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden
+&ndash; nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben</p>
+
+<p class="sigline1">Ihr v&auml;terlicher Freund</p>
+<p class="signature">Severin Lohmann.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p>Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem
+gl&uuml;cklichen Schmerz in die Feder kam, feuchtete sich sein
+Auge.</p>
+
+<p>Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr
+unser k&ouml;stlicher Besitz als unser Gl&uuml;ck?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Seine Zuversicht war gro&szlig;. Er bezweifelte im Grunde
+nicht, da&szlig; Klara seinen Sohn mit Freuden annehmen
+werde. Sie war seit jenem Sonntag so ver&auml;ndert! In
+ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit &ndash; sie war wie von
+z&auml;rtlicher Ergebenheit gef&auml;rbt und umschmeichelte den
+H&ouml;rer wie Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art
+von Demut und Hingebung &ndash; ihre Hand schien noch pflegsamer,
+leiser geworden, und der gemessene Ernst, der ihr
+schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich
+einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich
+verriet.</p>
+
+<p>Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen
+gelernt hatte.</p>
+
+<p>Und obschon der alte Herr sich ganz gewi&szlig; nicht f&uuml;r einen
+Frauenkenner hielt, glaubte er doch so viel von einem M&auml;dchenherzen
+vermuten zu d&uuml;rfen, da&szlig; es in aufwallendem
+Gef&uuml;hl dem Vater sich n&auml;here, &ndash; weil es dem Sohn aus
+holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche Gl&uuml;ckseligkeit
+dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit
+darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden
+sich finden w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne
+leicht!</p>
+
+<p>Er hatte keine Achtung vor ihm haben k&ouml;nnen. Und
+das zu verbergen, war seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit
+und Offenheit sehr schwer gewesen, obschon er begriff,
+da&szlig; seine Verachtung den Sohn vollends zerst&ouml;ren mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Nun f&uuml;hlte er: wenn dieses M&auml;dchen ihn lieben konnte
+oder im Begriff war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch
+Werte in seinem Sohn.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichm&auml;&szlig;iger.</p>
+
+<p>Und als Wynfried ihm gestern erkl&auml;rt hatte, da&szlig; er bereit
+sei, um Klara zu werben, hielt er lange stumm die Hand
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>des Sohnes in der seinen. Wynfried sagte, da&szlig; der Wunsch
+des Vaters und die Leere und Zwecklosigkeit seines Lebens
+ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein M&auml;dchen zu erwarten
+pflege und die es verlangen k&ouml;nne, die k&ouml;nne er
+nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber sprecht euch nur unter vier Augen aus,&laquo;
+hatte der Vater geantwortet. &raquo;Wenn nur einer liebt, ist
+es genug. Denn das weckt auch nach und nach die Liebe
+des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das r&uuml;hrendste
+ver&auml;ndert, seit du hier bist.&laquo;</p>
+
+<p>Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, da&szlig;
+die Frauen ihn liebten. Aber er hatte keine, auch nicht die
+leiseste Regung von Eitelkeit dabei, er stand so unber&uuml;hrbar
+fern von diesen Dingen &ndash; sein Herz war tot.</p>
+
+<p>Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben.
+Leupold sollte ihn in das Schulhaus tragen, genau um
+zw&ouml;lf Uhr sollte er ihn, nach der letzten Unterrichtsstunde,
+&uuml;berreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim &ndash; konnte
+in Ruhe nachdenken &ndash; sich vielleicht, wenn sie wollte, mit
+der Pflegemutter aussprechen &ndash; war gefa&szlig;t und klar in
+ihrem Entschlu&szlig;, wenn Wynfried um drei hin&uuml;berf&uuml;hre.
+Wohldurchdacht war alles.</p>
+
+<p>Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch
+nicht acht Schl&auml;ge herklingen lassen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verlie&szlig;
+erst gerade ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.</p>
+
+<p>Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war&#8217;s
+ja drau&szlig;en viel ertr&auml;glicher, als es von drinnen schien.
+Heute zeigte es sich umgekehrt. Die sch&ouml;nen Fr&uuml;hlingstage
+hatten die Haut schon an W&auml;rme und Sonne gew&ouml;hnt.
+Nun schlug der unnat&uuml;rlich kalte Regen ihr ins Gesicht.
+Der Schirm n&uuml;tzte wenig. Aber Klara war wettersicher
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>angezogen. Auf dem braunen Haar sa&szlig; eine Art Sportm&uuml;tze
+von pastellblauer Wolle. Und ihre Gestalt war ganz
+und gar in einen dunklen Regenpaletot eingekn&ouml;pft.</p>
+
+<p>Wie tr&uuml;bselig die Linden um die roten Kirchenmauern
+standen; aller Fr&uuml;hlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgesp&uuml;lt.
+Die Blechrinnen, die am langen Dachsaum
+des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren so
+&uuml;bervoll, da&szlig; allerw&auml;rts Tropfenf&auml;lle ihre Linien begleiteten;
+ihre Abfl&uuml;sse, die grauen Drachenk&ouml;pfe aus
+Zink, spieen einen dicken Strahl von Wasser hinab. Es
+rauschte und pl&auml;tscherte &uuml;berall. &ndash; Keine fr&ouml;hliche Morgenfr&uuml;he.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara bemerkte, da&szlig; der Hauptmann von Likowski mit
+einem Kameraden vor ihr herging &ndash; die Herren schienen
+ebenfalls den Weg zur F&auml;hre hinab zu nehmen. Sie
+hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre
+M&uuml;tzen waren wie best&auml;ubt von Regentropfen.</p>
+
+<p>Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch
+mit ihr unter einem Dach. Und die engen Verh&auml;ltnisse
+sowie die &uuml;bereifrige Dienstwilligkeit der alten Doktorin
+Lamprecht f&uuml;r ihren Mieter brachten es mit sich, da&szlig; Likowski
+oft im Erdgescho&szlig; vorsprach.</p>
+
+<p>Es hie&szlig;, er sei ganz wohlhabend. Aber er f&uuml;hrte das
+einfache, regelm&auml;&szlig;ige Dasein des preu&szlig;ischen Offiziers,
+der sich f&uuml;r seine scharfe Arbeit frisch zu halten hat.</p>
+
+<p>Er war ziemlich gro&szlig;, etwas steif von Haltung, und in
+seinem r&ouml;tlichen Gesicht stand der wei&szlig;blonde Schnurrbart
+aufgeb&uuml;rstet &uuml;ber einem Mund mit vorstrebenden Lippen
+und entschlossenem Ausdruck. Auch seine hellblauen Augen
+blickten unternehmend. Haltung und Miene eines k&uuml;nftigen
+Division&auml;rs &ndash; zum mindesten! Doch neckten ihn
+die Kameraden mehr wohlwollend als sp&ouml;ttisch mit seinem
+Feldherrnwesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>Richtig &ndash; die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging&#8217;s
+die Fahrstra&szlig;e hinab. Sie war so steil, da&szlig; es dem Abw&auml;rtsschreitenden
+immer schien, als schubse ihn etwas vorw&auml;rts.
+Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe der
+Pferde w&auml;ren ohne den Halt, den ihnen die kr&auml;ftigen Kopfsteine
+gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen
+oft ausgeglitten. Die Stra&szlig;e m&uuml;ndete an der Anlegebr&uuml;cke,
+die dem Ufer des Eisenh&uuml;ttenwerkes schr&auml;g
+gegen&uuml;ber in den Flu&szlig; hineingebaut war. Sie bezeichnete
+auch gewisserma&szlig;en einen Abschnitt in der Linie seines
+Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut
+wiesenreichen Binnenlandes seine Begleitung; dann zog
+er an der uralten Hansestadt vorbei und spiegelte deren
+rote Giebel und zahlreichen hohen Kircht&uuml;rme wider.
+Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten
+und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne
+sein idyllisches Wesen merklich ver&auml;ndern zu k&ouml;nnen. Aber
+in dieser Gegend h&auml;ufte die Industrie ihre grauen und
+toten Farben auf das Gr&uuml;n der Ufer. Und unmittelbar
+hinter dem Punkt, wo das St&auml;dtchen auf ragendem Ufer
+lag, weitete er sich zu einer gerundeten Bucht, die, &ouml;stlich
+von gr&ouml;&szlig;eren Waldungen begrenzt, schon durch den Geruch
+ihres Wassers die N&auml;he des Meeres ahnen lie&szlig;. Es war
+Salzatem darin. Im Volksmunde hie&szlig; der Flu&szlig; auch von
+da ab, wie ihn schon die alten Geschichtsb&uuml;cher nannten: die
+Salzentrave.</p>
+
+<p>Und die Navigationszeichen, die schweren B&uuml;ndel der
+m&auml;chtigen eingerammten St&auml;mme, der Duc d&#8217;Alben, wie
+auch die ziegelroten Markierungsstangen, die den Schiffen
+den Fahrweg durch das Wasser der Bucht zeigten, gab ihr
+einen gro&szlig;artigen, an die freie, weite See erinnernden
+Charakter.</p>
+
+<p>Scharf wehte der Wind &uuml;ber die vom Regen bestrichene
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>und gegen den Strom aufgew&uuml;hlte Wasserfl&auml;che daher.
+Klara f&uuml;hlte ihn im Gesicht, als strichen ihr kalte, nasse
+H&auml;nde &uuml;ber die Haut.</p>
+
+<p>Vom Punkt aus, wo die Fahrstra&szlig;e auf die Anlegebr&uuml;cke
+stie&szlig;, mu&szlig;te man noch ein Streckchen am Fu&szlig; des
+Abhangs, dicht am Wasser, uferaufw&auml;rts gehen, um an die
+kleine F&auml;hrstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter
+Pfahl mit einer Glocke und einer wei&szlig;en Inschrifttafel.
+Und hier mu&szlig;te nun Klara auf den Hauptmann von Likowski
+und seinen Kameraden treffen.</p>
+
+<p>Sie warteten; gerade kam der F&auml;hrmann heran und
+hielt mit starken F&auml;usten sich und damit den Kahn an der
+Eisenkette fest, die auf dem Br&uuml;ckchen aus einem Ringe
+heraus lief. Er stand ein wenig geb&uuml;ckt, sein S&uuml;dwester
+war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand
+gl&auml;nzte na&szlig;.</p>
+
+<p>Der Hauptmann stieg zuerst ein &ndash; es bedurfte dazu
+nur des einen Schrittes hinab auf den flachen Boden des
+Kahnes. Er wollte Klara aufmerksam die Hand reichen.
+Aber sie, mit B&uuml;chern und Schirm beladen, tat schon selbst&auml;ndig
+diesen einen t&uuml;chtigen Schritt hinab. Ihr folgte
+der andere Offizier.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Fr&auml;ulein Hildebrandt.&laquo;</p>
+
+<p>Klara nickte &ndash; sie schlo&szlig; gerade ihren Schirm.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem aufgespannten Schirm &ndash; im Winde &ndash; das
+ist mehr Hindernis als Schutz,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus!&laquo;
+sprach er wohlwollend.</p>
+
+<p>&raquo;Man mu&szlig;! Ich wei&szlig; auch l&auml;ngst, da&szlig; das sehr gesund
+ist. Sie k&ouml;nnen sich f&uuml;r Ihren Dienst ja auch nicht nur
+Sch&ouml;nwetter aussuchen,&laquo; meinte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte&nbsp;&ndash;&laquo; sagte jetzt der Kamerad.</p>
+
+<p>Und Herr von Likowski stellte vor: &raquo;Freiherr von Marning
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>&ndash; Fr&auml;ulein Hildebrandt&nbsp;...&laquo;, und er setzte auch gleich
+erl&auml;uternd hinzu: &raquo;Das gn&auml;dige Fr&auml;ulein ist die Pflegetochter
+meiner f&uuml;rsorglichen Hauseigent&uuml;merin.&laquo;</p>
+
+<p>Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden,
+die unter den Entladebr&uuml;cken dr&uuml;ben ankerten,
+seinen klagenden Sirenengru&szlig; zu. Und der F&auml;hrmann
+wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei
+zu lassen, denn die F&auml;hrstelle lag ja noch im schmalen
+Flu&szlig;lauf.</p>
+
+<p>Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit
+an. Und sie war sogleich eingenommen von diesem
+bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als sei es ihr kein
+neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines dunkelhaarigen.
+Die Z&uuml;ge hatten festen m&auml;nnlichen Schnitt.
+Die braunen Augen fielen besonders auf. Eine seltsam
+eindringliche Leuchtkraft war in ihnen; aber es waren doch
+keine Schw&auml;rmeraugen. Vielmehr hatte man sogleich das
+Gef&uuml;hl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze
+Erscheinung gefiel ihr &ndash; sie wirkte auch f&ouml;rmlich kriegerisch,
+in dem feldmarschm&auml;&szlig;igen, betropften Anzug, an dessen
+hohen Stiefeln schon die Spuren schlammiger Wege
+klebten.</p>
+
+<p>So stand er vor ihr.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und das ganze, weite, vom Wetter umd&uuml;sterte Bild
+um ihn her war wie ein Rahmen &ndash; voll Bedeutung.</p>
+
+<p>Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der
+F&auml;hrmann, geb&uuml;ckt, mit angespannten Muskeln, gewaltsam
+die eiserne Kette umklammert hielt. Strom und Wind
+zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe
+der Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten
+Geschwindigkeit.</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da
+und dort gl&uuml;hte feuriger Schein zwischen seinen Bauten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle
+Wolken jagten in der H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;diges Fr&auml;ulein haben keine Furcht, bei solchem
+Wetter sich &uuml;bersetzen zu lassen?&laquo; fragte der Freiherr von
+Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Ich fahre oft bei viel gr&ouml;&szlig;erem Unwetter. Dr&uuml;ben
+habe ich ein Amt. Ich bin Lehrerin. Unterrichte an der
+Schule von Severinshof. Wenn ich da wohnen wollte,
+m&uuml;&szlig;te ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit meinem
+zehnten Jahr lebe. Das t&auml;te ihr zu weh,&laquo; sagte Klara
+einfach.</p>
+
+<p>Nun stie&szlig; der Kahn ab, und Likowski und Marning
+hielten sich lachend aneinander fest &ndash; denn beinahe h&auml;tten
+sie im ersten Ansto&szlig; das Gleichgewicht verloren.</p>
+
+<p>Klara sa&szlig; schon auf der umlaufenden Bank, und die
+Herren folgten ihrem Beispiel.</p>
+
+<p>Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgew&uuml;hlten
+Wasser wellten hoch.</p>
+
+<p>Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so
+sicher und ungezwungen ihm gegen&uuml;ber hielt, als wiege
+man nicht im peitschenden Regen &uuml;ber einen Flu&szlig;, sondern
+s&auml;&szlig;e irgendwo voll Behagen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist viel gefordert von einer jungen Dame,&laquo;
+sprach er.</p>
+
+<p>Likowski hatte ein unklares Gef&uuml;hl, als m&uuml;sse er das
+junge M&auml;dchen in Marnings Augen gewisserma&szlig;en gesellschaftlich
+noch heben. Er erz&auml;hlte: &raquo;Fr&auml;ulein Hildebrandt
+ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin Lamprecht,
+sondern auch die des Geheimrats.&laquo;</p>
+
+<p>Und Marning merkte auch unwillk&uuml;rlich auf. Was
+mit dem Geheimrat zusammenhing, seine Gunst besa&szlig;,
+war allen Menschen der Gegend gleich interessanter.</p>
+
+<p>F&uuml;r Klaras Feingef&uuml;hl hatte diese Erkl&auml;rung aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>irgend etwas Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch
+eigentlich zu Likowski nicht Passendes. Ganz abwehrend
+klang ihr Ton, als sie sofort eilig hinzuf&uuml;gte: &raquo;Ich schulde
+Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr g&uuml;tig. Pflegetochter
+&ndash; das ist zu viel gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade
+an. &raquo;Der Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von
+Ihnen erz&auml;hlt. Sie waren einigemal bei Verwandten
+von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist das viel, da&szlig; ein solcher Mann sich an den
+bescheidenen Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten:
+er ist sehr g&uuml;tig &ndash; er war es zu mir und w&uuml;rdigte
+mich manchen Gespr&auml;ches, das mir so lehrreich war. Nun
+ist das Jagen wohl f&uuml;r immer vorbei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh,&laquo; sagte Klara gl&auml;ubig, und ihre Augen bekamen
+feuchten Glanz, &raquo;ich hoffe, da&szlig; er noch einmal ganz der
+fr&uuml;here wird &ndash; die linke Hand kann er schon wieder bewegen.
+Und das Bewu&szlig;tsein war ja damals sofort
+wieder klar &ndash; das ist das gro&szlig;e Gl&uuml;ck&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pu&ndash;r&ndash;r&ndash;r,&laquo; machte Likowski mit den Lippen, um
+N&auml;sse- und K&auml;lteschauer auszudr&uuml;cken. &raquo;Angelangt &ndash;
+na, nu hopp!&laquo;</p>
+
+<p>Und mit einem Schritt stand er auf der Br&uuml;cke unterhalb
+der Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf
+mit einer strammen Gleichm&auml;&szlig;igkeit des Schrittes. Hinter
+ihm folgten Klara und der Oberleutnant.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich Sie bitten &ndash; Fr&auml;ulein Hildebrandt? &ndash; nicht
+wahr? &ndash; Herrn Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten
+Gr&uuml;&szlig;e und W&uuml;nsche auszurichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern. Er hat einmal ausdr&uuml;cklich gesagt, wie es ihm
+leid sei, Sie noch nicht gesehen zu haben. Aber G&auml;ste
+kann er noch nicht empfangen &ndash; darf noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>Weg hatten, Klara noch auf der Landstra&szlig;e an den Anlagen
+vorbei. Sie sah zum Erker hinauf, der in der Mitte
+des ersten Stockwerks aus der Front des Herrenhauses hervorsprang.
+Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige
+Haupt aus den Lehnen des m&auml;chtigen Stuhles heraus &ndash;
+so, als sei es vorw&auml;rts &uuml;ber ein Buch oder eine Schrift geneigt.
+Da&szlig; er nicht aufpa&szlig;te, um sie zu begr&uuml;&szlig;en, war ein
+selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.</p>
+
+<p>Da mu&szlig;te er schon mit etwas sehr Wichtigem besch&auml;ftigt
+sein.</p>
+
+<p>Likowski erz&auml;hlte: seine Kerle unter der v&auml;terlichen
+F&uuml;hrung von &raquo;Baby&laquo; Hornmarck seien schon &uuml;ber die Hochbr&uuml;cke
+marschiert, um sich im Grabenausheben und Schanzenaufwerfen
+zu &uuml;ben. Er habe den Bauern Vietig bewogen,
+seine Brachkoppel dazu herzugeben.</p>
+
+<p>Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten
+Palisadenzaun des Werkes hin &ndash; nun kamen sie an den
+stattlichen Verwaltungsgeb&auml;uden vorbei, die mit ihren
+Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das m&auml;chtige
+Tor, &uuml;ber dem auf breitem grauen Blechschild in
+schwarzen Lettern zu lesen stand: Eisenh&uuml;tte Severin
+Lohmann.</p>
+
+<p>Gerade stand der Portier vor seinem H&auml;uschen, das sich
+drinnen an den Torpfosten dr&auml;ngte, und sah einen ausfahrenden
+Wagen untersuchend durch. Die schweren
+vl&auml;mischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus,
+und ihre N&uuml;stern dampften.</p>
+
+<p>Diesem Tore gegen&uuml;ber m&uuml;ndete ein Landweg, von
+Knicken eingefa&szlig;t, in die Stra&szlig;e, die an Severinshof vorbei
+und weiter hinaus ging.</p>
+
+<p>Und hier mu&szlig;ten die Herren sich verabschieden. Likowski
+konnte es nicht, ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen
+Betrachtungen anzustellen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>&raquo;Wissen Sie, Fr&auml;ulein Hildebrandt &ndash; im Grunde &ndash;
+nee wirklich &ndash; tun wir ja ziemlich was &Auml;hnliches. N&auml;mlich:
+vorbereiten! Sie schuften, um aus den rotznasigen
+Bengels unterrichtete, manierliche J&uuml;nglinge zu machen.
+Wir schuften, damit diese J&uuml;nglinge fixe Kerls werden,
+die nich mit der Wimper zucken, wenn&#8217;s endlich ans Dreinschlagen
+geht. Na, und danken tut uns das keiner &ndash; Ihnen
+nich &ndash; uns nich &ndash; is auch egal! In der stillen Schufterei
+is doch was drinn &ndash; das erhebt. &ndash; Na, also: empfehl&#8217; mich
+gehorsamst&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er verbeugte sich und legte die Finger an den M&uuml;tzenrand.
+Und so tat auch Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Klara, &raquo;wenn man es so nehmen will&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie neigte, ein wenig l&auml;chelnd, ihr Gesicht &ndash; das war
+ein abschiednehmender Gru&szlig; voll Anmut und doch voll
+Zur&uuml;ckhaltung.</p>
+
+<p>Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg
+hinein. Das dicht verschrankte Gezweig und Gerank der
+Knicke, das Laub der Hainbuchen und der Schlehdorne, die
+kletternden Jel&auml;ngerjelieberstengel, die gr&uuml;nen Zweige der
+wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren
+der R&auml;der flo&szlig; gelbes Wasser.</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r eine Stellung nimmt dies Fr&auml;ulein Hildebrandt
+ein?&laquo; fragte Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder &#8217;ne
+schiefe &ndash; man wei&szlig; nie recht. Wohin geh&ouml;rtse nu eigentlich?
+Und haben tutse nischt. &ndash; Kann einen dauern. &#8217;n M&auml;chen
+<em class="antiqua">I&nbsp;a!</em> Viele sagen: nat&uuml;rliche Tochter vom alten Lohmann.
+Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei
+an die zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten
+und der Geheimrat ihre Mutter &uuml;berhaupt erst
+kennen lernte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie die Tochter vom Geheimrat w&auml;re, w&uuml;rde
+<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>er sie legitimieren und sie nicht so hart f&uuml;r ihr Brot arbeiten
+lassen,&laquo; meinte der Freiherr.</p>
+
+<p>&raquo;Das erstere allemal &ndash; der ist nicht der Mann, was zu
+verstecken. Das zweite sagen Sie nich &ndash; vielleicht erst
+recht. Na &ndash; aber Fr&auml;ulein Hildebrandt w&uuml;rd&#8217; mich sch&ouml;n
+&#8217;runterputzen, wenn sie w&uuml;&szlig;te, ich bedauerte sie. Wissen
+Sie, Marning &ndash; wenn ich mir das Heiraten nich abgeschworen
+h&auml;tte: <em class="gesperrt">die</em> k&ouml;nnt&#8217; einen wankend machen.
+Mein Verm&ouml;gen langt ja. Und n&#8217; Dispens kriegte man
+woll durch den Geheimrat &ndash; der hat Beziehungen &ndash; Verbindungen
+bis ganz oben ruff ... Nee&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ehefeindlich?&laquo; fragte der Kamerad l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie:
+<em class="gesperrt">mal</em> mu&szlig; es ja doch endlich losgehen &ndash; wir lassen uns
+ja rein auf der Nase &#8217;rum spielen, das <em class="gesperrt">kann</em> ja nich dauern.
+Na, und denn will ich kein weinendes Weib und keine
+schreienden Kinder zur&uuml;cklassen, und mein Herz soll keinen
+Zwiespalt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Gott &ndash; das is ja nu ganz was anderes, untern
+bi&szlig;chen m&uuml;hseligen Umst&auml;nden dem Broterwerb nachgehen
+als &#8217;n geliebten Mann in &#8217;n Krieg ziehen lassen. In
+der Liebe ver&auml;ndern sich die Weiber v&ouml;llig.&laquo;</p>
+
+<p>Marning dachte an das sch&ouml;ne, etwas strenge Gesicht
+unter den braunen Haaren, auf denen die pastellblaue
+Wollm&uuml;tze sa&szlig;. Er war sich nicht klar, woher der Ausdruck
+von Strenge kam. Pl&ouml;tzlich begriff er: diese seltsam
+geraden Brauen &ndash; die gaben diesen Zug.</p>
+
+<p>Likowski sagte jetzt: &raquo;H&ouml;ren Sie mal &ndash; Sie m&uuml;ssen
+aber Besuche machen. Wenn Sie sehr gesellig veranlagt
+sind, k&ouml;nnen Sie &#8217;rauf nach L&uuml;beck fahren. Da is viel
+los &ndash; gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. &ndash; Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>komm&#8217; nich oft hin &ndash; unterhalt&#8217; blo&szlig; kameradschaftliche
+F&uuml;hlung mit dem Regiment da &ndash; fahr&#8217; kaum mal ins
+Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann man nich zum
+Studieren kommen. Sie wissen ja: ich besch&auml;ftige mich
+immerlos mit Strategie, auch der &auml;lteren, hab&#8217; mir grade
+Willisen und Jomini angeschafft &ndash; man lernt ja immer
+noch zu. Das kommt einem doch zustatten, wenn&#8217;s los
+geht. Und das tut es doch mal &ndash; mu&szlig; es mal!&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Marning. &raquo;Ich bin nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig
+gesellig. Nur grade, was sein mu&szlig;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na &ndash; freilich. Ganz abschlie&szlig;en kann man sich nich.
+Verkehr ist Pflicht. Man lernt auch hie und da. Blo&szlig;
+nich Kommi&szlig; werden! Mit Scheuklappen. Nee. Also
+denn hier &#8217;rum. Allzuviel is es nich. Um &Uuml;berblick zu
+geben: da is der Gro&szlig;industrielle Stuhr &ndash; der mit der
+Sensenfabrik &ndash; entz&uuml;ckende Krabbe von Tochter &ndash; n&auml;chstes
+Jahr geht sie aus. Denn die paar Honoratioren &ndash; dr&uuml;ben
+der Generaldirektor Th&uuml;rauf &ndash; wohnt dicht bei der Kolonie
+Severinshof &ndash; kluger Mann, feine, h&uuml;bsche Frau &ndash; drei
+prosaische T&ouml;chter &ndash; semmelblond &ndash; gute Diners und
+gem&uuml;tlich. Ein paar G&uuml;ter. Vor allem Schlo&szlig; Lammen!
+Gott, &uuml;ber die verwitwete Baronin Hegemeister reden sich
+die Leute ja auch die Zunge wund und fuselig: soll &#8217;n
+dolles M&auml;dchen gewesen sein &ndash; die Eltern, reiche Parven&uuml;s,
+hatten alle Ursache, sich&#8217;s zwei Millionen kosten zu lassen,
+damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete
+Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran
+gesto&szlig;en haben, da&szlig; das M&auml;chen schon &#8217;n Hufeisen verloren
+hatte. &ndash; Wer wei&szlig;, ob&#8217;s wahr is. Kein Mensch
+kann&#8217;s jetzt anders sagen: einwandsfrei h&auml;lt sie sich, die
+sch&ouml;ne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch
+der Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau &ndash; und die
+Geheimr&auml;tin sei &#8217;ne scharfe Dame gewesen, sagen alle &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>als ich herkam war sie schon dot. &ndash; Na, vielleicht m&ouml;cht&#8217;
+die sch&ouml;ne Agathe wieder heiraten, was ja an sich kein
+s&uuml;ndhafter Wunsch ist. Und auch kein unerf&uuml;llbarer. Vorausgesetzt,
+da&szlig; sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt &ouml;ffnete sich rechts im Erdwall, der die &uuml;berregnete,
+dicht ineinanderverflochtene Mauer der frischgr&uuml;nen Geb&uuml;sche
+trug, eine breite Einfahrt. Ihr primitives, niedriges
+Tor aus Latten war nach der Koppel zu zur&uuml;ckgeschlagen.</p>
+
+<p>&raquo;Da w&auml;ren wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie
+unser &#8250;Baby&#8249; die Leute angestellt hat &ndash; fixer kleiner Kerl,
+der Hornmarck &ndash; hat &#8217;n Schneid &ndash; na, ein Trost &ndash; man
+erlebt immer noch famosen Nachwuchs. &ndash; Wir werden
+uns mal den Helden von Siebenzig ebenb&uuml;rtig zeigen. &ndash;
+Haben Sie gelesen, Marning &ndash; die letzten Depeschen &ndash;
+h&ouml;llisch brenzlich! Passen Sie auf &ndash; in diesem Sommer
+erleben wir&#8217;s&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen
+Schulhaus und seinen gro&szlig;en Zimmern, die durch
+beste Einrichtungen gel&uuml;ftet und durch sehr gro&szlig;e Fenster
+erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen, obgleich
+der Regen eiligst an den Scheiben drau&szlig;en niederrann,
+als sei es sein Gesch&auml;ft, sie gr&uuml;ndlich abzusp&uuml;len.</p>
+
+<p>Die Kinderschar, Knaben und M&auml;dchen, sa&szlig;en in Reihen,
+und lauter aufmerksame Gesichter waren der jungen
+Lehrerin zugewandt, die neben einem gro&szlig;en farbigen
+Bild an der Wand stand. Das war eine topographische
+Karte, und Klara lehrte die Kinder die n&auml;chste Umgebung
+kennen und wu&szlig;te durch allerlei historische R&uuml;ckblicke, knapp
+und einfach vorgetragen, diese eingezeichneten W&auml;lder,
+Felder und D&ouml;rfer zu beleben. Jedes einzelne Gewese
+war auf der Karte eingetragen. Und Klaras Augen sahen,
+wie infolge einer inneren N&ouml;tigung, immer wieder auf
+die Koppel des Bauern Vietig. Da &uuml;bte jetzt die Kompanie
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>des Hauptmanns von Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen
+&ndash; und der Oberleutnant Freiherr von Marning war auch dabei.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fiel es Klara ein: Stephan hei&szlig;t er! Der
+Geheimrat nannte einmal den Namen.</p>
+
+<p>Und ganz unwillig &uuml;ber diese St&ouml;rung ihrer Gedanken
+wehrte sie das von sich: dieser Mann geht mich ja gar
+nichts an.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sah sehr sch&ouml;n aus &ndash; m&auml;nnlich und vornehm, und
+Augen von seltener Ausdruckskraft hatte er auch.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber wirklich &ndash; er ging sie nichts an. &ndash; Wie t&ouml;richt,
+da&szlig; sie diese Augen so deutlich vor sich sah. &ndash; Und sie
+sammelte sich fest und klar auf ihren Vortrag und all die
+Fragen der aufmerksamen Kinder und &uuml;berwand dieses
+unbegreifliche Zur&uuml;ckdenken an eine im Grunde so gleichg&uuml;ltige
+Begegnung.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr &ndash; noch
+drei &ndash; sie schwanden schnell dahin. Und als Klara, hinter
+dem R&uuml;cken der letzten sich hinausdr&auml;ngenden Kinder, nach
+ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im Flur, neben der
+T&uuml;r nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte einen
+Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf
+den Mantel &uuml;ber den Arm und &ouml;ffnete sofort den Brief.</p>
+
+<p>Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas
+Wichtigeres geben! Vielleicht bat er sie, im Herrenhause
+zu essen &ndash; es war heute Mittwoch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und sie las&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks
+lehnen &ndash; bet&auml;ubt &ndash; fassungslos&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun kamen ihre m&auml;nnlichen Kollegen &ndash; Herr Magers
+wollte, ehe er zu seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk
+ging, ihr noch sagen, da&szlig; der kleine Rohrdantz wieder
+gelogen habe und da&szlig; sie doch einmal zu der Mutter des
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Jungen gehen m&ouml;ge &ndash; aus Frauenmund Warnungen zu
+h&ouml;ren, k&auml;me die Mutter sicher leichter an. &ndash; Und Herr
+Kehl strich sich durch seine blonden Haare und wartete,
+bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war, und sah Klara
+&uuml;ber den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und z&auml;rtlich
+an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es
+schon heraus: &raquo;Herr Kehl ist in Fr&auml;ulein Hildebrandt verschossen.&laquo;
+Nun bat er, verlegen &uuml;ber diese seine Nebent&auml;tigkeit,
+von der er doch einen wunderbaren Umschwung
+seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer
+schon dreimal von ihm umgearbeiteten Novelle geben d&uuml;rfe,
+ihr Urteil sei ihm ihm&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen,&laquo; sagte Klara, &raquo;morgen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und sie zerrte sich ihren Mantel um, dr&uuml;ckte sich die
+M&uuml;tze auf den Kopf und lief hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein Hildebrandt &ndash; Ihr Schirm!&laquo;</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte nicht &ndash; sie f&uuml;hlte ihren K&ouml;rper nicht &ndash;
+nicht Regen &ndash; nicht Sturm &ndash; Sie lief &ndash; und lief&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie dachte nicht, da&szlig; Vater oder Sohn sie von den
+Fenstern des Herrenhauses vielleicht sehen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Fort, nur fort &ndash; in die Einsamkeit. Nachdenken &uuml;ber
+das Ungeheure, das an sie herantrat.</p>
+
+<p>Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.</p>
+
+<p>Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht
+liebte.</p>
+
+<p>Was Reichtum &ndash; was Rang! &raquo;Ich liebe ihn nicht!&laquo;
+schrie alles in ihr.</p>
+
+<p>Treppab, auf den Flu&szlig; zu ging es, wie auf der Flucht.
+Unten war kein F&auml;hrmann &ndash; dr&uuml;ben sa&szlig; er, unterm Schirm
+hockend und das dampfende Essen aus dem Henkeltopf
+l&ouml;ffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht. Ganz
+gnomenhaft sah das aus &ndash; wie ein Bild aus einem
+M&auml;rchenbuch.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>Und der Wind brauste&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara kam ja zehn Minuten fr&uuml;her als sonst &ndash; sie
+l&auml;utete heftig, als sei Gefahr, an der Glocke. Blechern
+und doch schrill klang das dringliche Gebimmel hin&uuml;ber
+ans andere Ufer, sich vom Chor des gleichm&auml;&szlig;ig rumorenden
+L&auml;rms, der vom Hochofenwerk her scholl, als &auml;ngstliche
+Solostimme abhebend.</p>
+
+<p>Es hie&szlig; warten. Und wie sie dastand, heftig atmend
+vom Lauf, von der unerh&ouml;rten Erregung, ebbte ihr Blut
+langsam zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Sie wurde bleich, sehr bleich.</p>
+
+<p>Sie begriff, da&szlig; sie sich fassen, da&szlig; sie nachdenken
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Er liebt mich nicht!&laquo; Das wu&szlig;te sie durch ihr Frauengef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr
+Herz, von keinerlei Erfahrung und Entt&auml;uschung beschwert.
+Und dennoch wu&szlig;te sie! Aus jenem Gef&uuml;hl heraus, das
+keines Wissens bedarf, um die tiefste Weisheit zu erkennen.</p>
+
+<p>&raquo;Er liebt mich nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?</p>
+
+<p>&raquo;Sein Vater hat es gew&uuml;nscht!&laquo;</p>
+
+<p>Dies stand ihr &uuml;ber jedem Zweifel.</p>
+
+<p>Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.</p>
+
+<p>Ihr war, als frage eine z&uuml;rnende Stimme sie: &raquo;Von
+opferfreudiger Begeisterung standest du wie in Flammen
+&ndash; dein Leben wolltest du hingeben, um ihm zu danken. &ndash;
+Und nun dein Leben wirklich gefordert wird, erschrickst du?&laquo;</p>
+
+<p>Klara starrte wie hypnotisiert auf den F&auml;hrkahn, der
+vom jenseitigen Ufer her herangewiegt kam, von starkem
+Ruderschlag getrieben.</p>
+
+<p>Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: &raquo;Dankbarkeit
+darf Sie nicht bestimmen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>Gewi&szlig; nicht &ndash; nicht f&uuml;r das, was er allein an ihr
+getan. Denn sie f&uuml;hlte, da&szlig; dies eine heilige Wahrheit
+sei: da&szlig; es noch ein leises Gl&uuml;ck bedeutete, f&uuml;r die Tochter
+der Geliebten sorgen zu k&ouml;nnen. Und sie begriff ahnungsvoll
+die Tiefe jener anderen Stelle: &raquo;Wo das Wort Liebe
+ausgesprochen wird, l&ouml;scht es alle anderen Worte aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was er an mir getan hat, war ihm Freude &ndash; das
+verstehe ich wohl &ndash; es mu&szlig; ihm immer gewesen sein,
+als s&auml;he meine Mutter ihn z&auml;rtlich an dabei &ndash;&nbsp;&ndash; Aber
+das andere!&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters &ndash; die
+gro&szlig;en Summen, die er dem Werk entzogen &ndash; dieser
+schmachvolle Tod. &ndash; Und der grandiose Edelmut, der
+verzieh und alles verbergen half &ndash; damit &uuml;ber ihrer
+Mutter Leben nicht noch der Schimpf komme.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Er darf nie wissen, da&szlig; ich wei&szlig;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte:
+auch ohne das! Mein Wissen mu&szlig; ich ihm verbergen &ndash;
+immer &ndash; wie er mir seine Gro&szlig;taten verbarg. Es gibt
+eben Dinge, die so au&szlig;erhalb des Lebens stehen, so hoch,
+da&szlig; es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sprach da wieder eine Stimme in ihr, &raquo;man
+dankt nicht mit Worten &ndash; aber mit der Tat!&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein,&laquo; sagte der F&auml;hrmann, als sie dann einsteigen
+konnte, &raquo;Sie haben Ihre M&uuml;tze verloren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; antwortete sie mechanisch.</p>
+
+<p>Stumm und als sei ihr ganzer K&ouml;rper schwer von Blei
+und alles in ihr gekettet und unbeweglich, sa&szlig; sie und
+wollte denken.</p>
+
+<p>Ein qualvoller Druck legte sich &uuml;ber ihr Gem&uuml;t. Eine
+dumpfe Empfindung: das Schicksal hatte so viele g&uuml;tige
+Gaben f&uuml;r sie gehabt &ndash; das Schicksal schenkt nicht, ohne
+eines Tages die Gegengabe zu fordern.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>Sie sagte sich: &raquo;Ich mu&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>Mit m&uuml;hsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich
+durch die regennassen Stra&szlig;en und kam nach Haus.</p>
+
+<p>Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen,
+unersch&ouml;pflichen Gespr&auml;chen und voll Ausrufen: wie sah
+Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne M&uuml;tze! Und leichenbla&szlig;!
+Klara hatte Ausreden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. &raquo;Na gottlob!&laquo;
+sagte die alte Frau, von rasch emporgekommenen Sorgen
+ebenso flink befreit, und n&ouml;tigte Klara noch mehr warme
+Suppe auf.</p>
+
+<p>Sie verstand sich pl&ouml;tzlich selbst nicht &ndash; diese wahnwitzige
+Aufregung ... wie konnte sie das so umwerfen&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihr wurde wohler; das Gef&uuml;hl der Ohnmacht schwand.
+Sie konnte klar nachdenken und sich sogar beherrscht die
+Maske der Alltagsstimmung vornehmen, bis sie allein in
+ihrem Zimmer war.</p>
+
+<p>Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar
+war zerzaust. Sie ordnete es.</p>
+
+<p>Und sie dachte nun endlich auch an den Mann &ndash; stellte
+ihn f&ouml;rmlich vor sich hin.</p>
+
+<p>Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch
+kein Tyrann, trotz seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried
+seinem Wunsch ein kr&auml;ftiges &raquo;Nein&laquo; entgegengesetzt
+h&auml;tte, w&uuml;rde dieser Wunsch verstummt sein.</p>
+
+<p>Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, da&szlig; Wynfried
+zu matt zu einem starken Nein sein mochte.</p>
+
+<p>Vielleicht dachte er, wie sein Vater: da&szlig; eine Heirat
+nun f&uuml;r ihn Trost, Neuland, Lebenszweck bedeute.</p>
+
+<p>Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt
+dergleichen ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara
+auf, da&szlig; er sie immer voll Bedeutung dabei angesehen.
+Sie war so arglos gewesen. &ndash; Wie hatte sie eine so
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>schwindelerregende Schicksalswendung f&uuml;r sich erahnen
+k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: &raquo;Ist er mir
+unangenehm?&laquo;</p>
+
+<p>Nein! Gewi&szlig; nicht. Nichts an seiner Erscheinung
+konnte &auml;sthetisch absto&szlig;en. Sein Vater hatte manchmal
+grimmig gesagt: die Weiber sind zu toll hinter ihm hergewesen.
+Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
+gewesen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem
+er jahrelang in rasender Leidenschaft angehangen, hatte
+ihn verraten.</p>
+
+<p>Mehr wu&szlig;te Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten
+Augenblick an mitleidig &ndash; machte ihn ihr ein wenig interessant,
+wie es f&uuml;r jede Frau der Mann ist, von dem sie
+wei&szlig;: er hat geliebt und gelitten.</p>
+
+<p>Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und
+allm&auml;hlich wieder Freudigkeit bringen. &ndash; Sie konnte das
+Ihre tun, in ihm die Liebe zum Werk, das Verst&auml;ndnis
+f&uuml;r seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken &ndash; Sie sah
+wohl: noch war das alles tot in ihm.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Welche Aufgabe!</p>
+
+<p>Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie
+sollte ihm den Sohn zu <em class="gesperrt">seinem</em> Sohn machen helfen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am Fenster sa&szlig; sie, drau&szlig;en rann der Regen auf den
+Hof und sch&uuml;ttete Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum
+mit dem schmalbr&uuml;stigen Wipfel. Ihre H&auml;nde hatte sie
+ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum Bilde
+ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben,
+denn ein gro&szlig;er K&uuml;nstler hatte es damals gemalt, als
+Geld im Hause Hildebrandt keine Rolle spielte. Die
+ganze Pers&ouml;nlichkeit der Toten sprach aus diesem Bilde.
+Hell stand die Gestalt vor einem tiefgr&uuml;nen Hintergrunde.
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>Die edlen Z&uuml;ge zeigten den Ausdruck eines wehm&uuml;tig
+l&auml;chelnden Ernstes.</p>
+
+<p>Und Klara &ndash; sich an diese Z&uuml;ge mit f&ouml;rmlicher Inbrunst
+des Blickes h&auml;ngend, f&uuml;hlte wieder: &raquo;Ich mu&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>War es denn wirklich ein solches Opfer?</p>
+
+<p>Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalit&auml;t
+anderer M&auml;dchen ausgedacht, wie &raquo;Er&laquo; aussehen
+m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Und sich in Phantastereien nie verschworen, da&szlig; sie
+unter keinen Umst&auml;nden einen anderen n&auml;hme als den,
+der einem Idealbilde gleiche. &ndash; Ihre Lage brachte es
+nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war ganz
+arm. Sie lernte kaum M&auml;nner kennen, die ihr &uuml;berhaupt
+auch nur fl&uuml;chtig die Idee erwecken konnten: der pa&szlig;te
+f&uuml;r mich. Weder ein Hauptmann von Likowski einerseits,
+noch ein Herr Kehl anderseits regten dergleichen bei ihr
+an &ndash; was bei allen obwaltenden Umst&auml;nden ja auch auf
+der Hand lag&nbsp;...</p>
+
+<p>Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen,
+der sie auf einen solchen Platz stellte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Was w&uuml;rde sie f&uuml;r einen Wirkungskreis bekommen!</p>
+
+<p>Das gro&szlig;e Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art
+eingew&ouml;hnten wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof
+&ndash; denn da gab es noch viel zu tun &ndash; gerade
+f&uuml;r eine Frau. In viele Familien lie&szlig; sich noch mehr
+Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen m&ouml;glich
+machten. Und diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern,
+war auch eine sch&ouml;ne Aufgabe. In der sozialen
+F&uuml;rsorge kann eine Frau mit begabterem Blick das N&ouml;tige
+und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden,
+als es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da k&ouml;nnte
+man schaffen, sich r&uuml;hren, n&uuml;tzlich sein. &ndash; Und als Herrin!
+Mit gro&szlig;en Mitteln, und durch Einflu&szlig; auf den alten Herrn.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug,
+diese Aufgaben zu &uuml;bernehmen? Sie wu&szlig;te aus
+Erz&auml;hlungen, da&szlig; Wynfrieds Mutter gar keine Teilnahme
+gehabt und gar nicht anerkannte, da&szlig; sie Pflichten habe.</p>
+
+<p>Aber sie &ndash; oh, sie w&uuml;rde mit hei&szlig;em Willen nach
+Pflichten suchen.</p>
+
+<p>Ihr Herz klopfte rascher &ndash; eine stolze Vorfreude wallte
+in ihr auf.</p>
+
+<p>Und dann vor allem: den gro&szlig;artigen alten Mann
+pflegen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem
+Andenken ihrer heiligen Mutter leben &ndash; viel von dem
+erf&uuml;llen, was deren Liebe nie gedurft&nbsp;...</p>
+
+<p>War das nicht herrlicher Inhalt f&uuml;r ein Leben?</p>
+
+<p>Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe.
+Erst die Heirat ist der rechte Pr&uuml;fstein f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er
+erst mein Mann ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr
+&ndash; verschwamm in Tr&auml;umereien. Es war, als mache
+ihr Seelenleben eine Pause &ndash; h&uuml;lle sich in Dunkel&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie fuhr zusammen &ndash; erwachte. Und wu&szlig;te mit
+wunderbarer Klarheit: &raquo;Ich werde ihn niemals lieben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Freundlich, herzlich, mit allen Vors&auml;tzen, ihn zu verstehen
+&ndash; ja, so konnte sie ihn wohl lieb haben.</p>
+
+<p>Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.</p>
+
+<p>Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das f&uuml;r
+eine segensvolle, friedliche Ehe nottat.</p>
+
+<p>Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen
+zu n&uuml;tzlicher Gemeinsamkeit auch ein Gl&uuml;ck erwachsen?</p>
+
+<p>Klara wu&szlig;te, was das war: heiraten.</p>
+
+<p>Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte
+in einer Ehe, die sie mit Bewu&szlig;tsein schlo&szlig;, nichts verweigern&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>Und weiter wu&szlig;te sie: gerade in dieser Ehe mu&szlig;te
+unter allen Gel&ouml;bnissen das zur Treue am h&ouml;chsten stehen!</p>
+
+<p>Wie oft st&uuml;rzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes
+Liebesfeuer und k&ouml;nnen sich nachher voreinander
+entschuldigen: wir ahnten nicht, da&szlig; es so rasch
+vergl&uuml;hen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Hier war kein Wahn, keine Flamme.</p>
+
+<p>Hier warteten nur sittliche Pflichten.</p>
+
+<p>Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von
+Entschlossenheit.</p>
+
+<p>Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.</p>
+
+<p>Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte,
+hatte sie in hei&szlig;er Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen.
+Sie war bereit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die alte Vossen ri&szlig; die T&uuml;r auf, und ihre breite Gestalt
+mit der blauen Aufwaschsch&uuml;rze vor der Leibesf&uuml;lle
+blieb in der breiten Spalte. Ihr kupfriges Gesicht hatte
+einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.</p>
+
+<p>&raquo;Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is
+er gekommen&nbsp;...&laquo; sagte sie verdutzt.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte,&laquo; sagte Klara.</p>
+
+<p>Wynfried kam auf sie zu und k&uuml;&szlig;te ihr die Hand.</p>
+
+<p>Er wurde rot &ndash; es schien, als &uuml;bernehme ihn pl&ouml;tzlich
+eine Verlegenheit ohnegleichen. Mit einer laschen Gef&uuml;gigkeit
+war er hergekommen. Alle Gespr&auml;che und die
+Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt &uuml;berst&uuml;rzte ihn
+die Wirklichkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Vater hat Ihnen geschrieben?&laquo; begann er.</p>
+
+<p>Klara f&uuml;hlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich.
+Unbewu&szlig;t etwas M&uuml;tterliches.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Ich war sehr, sehr &uuml;berrascht. Aber es war
+richtig und herzlich von Ihrem Vater, da&szlig; er mich vorbereitete.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>Sie schob an dem Tisch &ndash; als wolle sie das Sofa
+freimachen. &ndash; Tat, als sei dies ein allt&auml;glicher Besuch &ndash;
+war fast unbefangen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Und auf welche Antwort darf ich gefa&szlig;t sein?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren
+so klar &ndash; so voll G&uuml;te.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mir nichts zu sagen?&laquo; fragte sie leise.</p>
+
+<p>Er setzte sich aus Nervosit&auml;t &ndash; unwillk&uuml;rlich &ndash; legte
+den Hut auf den Tisch &ndash; strich sich mit den Fingerspitzen
+&uuml;ber die Stirn &ndash; wie sein Vater pflegte, wenn der sich
+fassen wollte ... Klara dachte es. Und diese kleine Bewegung
+war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer
+ruhte ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Z&uuml;gen. Er
+begegnete diesem Blick.</p>
+
+<p>Er begriff: ja &ndash; er mu&szlig;te viel sagen &ndash; das hatte
+sie zu verlangen. Bitten. Z&auml;rtlichkeiten, sch&ouml;ne Worte. &ndash;
+Er konnte nicht. Alles in ihm wehrte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserkl&auml;rung &ndash;
+es ist das, was der Augenblick mit sich bringen sollte. &ndash;
+Ich &ndash;&nbsp;&ndash; liebes Fr&auml;ulein &ndash; Klara &ndash; ich habe ... Schweres
+liegt hinter mir &ndash; was soll ich sagen &ndash; wie Ihnen begr&uuml;nden
+... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden &ndash;
+ja, das tue ich aus vollster Sympathie, ich habe&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er brach ab. Bitterkeit kam pl&ouml;tzlich in ihm hoch &ndash;
+vielleicht Zorn gegen seinen Vater, der es verstanden hatte,
+ihn herzuzwingen &ndash; in langsamer &Uuml;berredung, in leidenschaftlichen
+W&uuml;nschen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; sprach Klara ihn unterbrechend. &raquo;Ich wei&szlig;
+ein wenig von Ihnen &ndash; Ihr Vater sagte es mir: Sie
+haben eine harte Erfahrung gemacht &ndash;&nbsp;&ndash; Nein. Ich
+erwarte keine Liebeserkl&auml;rung. Sie haben gelitten und
+leiden vielleicht noch.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>Er &ouml;ffnete die Lippen &ndash; wie vor &Uuml;berraschung. Er
+tat einen tiefen Atemzug&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;So darf ich wahr sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als
+die Wahrheit?&laquo; fragte Klara entgegen.</p>
+
+<p>Es war so viel W&uuml;rde in ihrer Art, da&szlig; es ihm wohltat &ndash;
+o wie wohl!</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher
+Leere ist, weil mein Vater glaubt, da&szlig; ich durch
+eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein neues Dasein
+finden w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Er dachte: &raquo;Nun sagt sie Nein!&laquo;</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nicht: war das Erleichterung oder tat sich
+die Leere nur noch trostloser auf?</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie selbst?&laquo; fragte Klara weiter. &raquo;Haben Sie
+selbst das Vertrauen, da&szlig; ich Ihnen helfen k&ouml;nne?&laquo;</p>
+
+<p>Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er
+noch keinen Blick in keinem Auge gesehen hatte. Das
+zwang ihn &raquo;Ja&laquo; zu sagen.</p>
+
+<p>Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben
+&ndash; er stand vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo; Und er glaubte an sein Ja.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen. Das ist viel. &ndash; Wie alles liegt,
+mu&szlig; es mir &ndash;&nbsp;&ndash; genug sein,&laquo; sagte sie langsam.</p>
+
+<p>&raquo;Sie willigen ein &ndash; liebe Klara?&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm etwas scheu ihre Rechte.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;e Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem
+Vater nun wirklich Tochter sein. Sie f&uuml;hlen wohl: er ist
+mir der teuerste, der wichtigste Mensch auf der Welt.&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?</p>
+
+<p>Aber ein unbestimmtes Gef&uuml;hl verschlo&szlig; ihm den
+Mund.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus
+Dankbarkeit so bereit war? &ndash; Ob sie ihn, wie sein
+Vater meinte, liebe? &ndash; Nicht fragen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie hatte von ihm keine L&uuml;ge verlangt &ndash; welche Erleichterung!
+Daf&uuml;r war er ihr dankbar. Was er ihr
+brachte, wu&szlig;te sie, ahnte sie. &ndash; Was sie ihm brachte,
+wollte er lieber nicht wissen.</p>
+
+<p>Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte!
+Gestern noch war es ihm gleichg&uuml;ltig oder gar l&auml;stig gewesen,
+das zu h&ouml;ren. Heute war der Gedanke, da&szlig; sie
+ihn liebe und er das nicht erwidern k&ouml;nne, beunruhigend,
+besch&auml;mend &ndash; Nein, nicht fragen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine H&auml;nde. Er
+dachte: ich mu&szlig; sie doch k&uuml;ssen. Er wu&szlig;te: diese Lippen
+waren unber&uuml;hrt. Das blitzte so durch ihn hin; eine
+fl&uuml;chtige Aufwallung von etwas Reizvollem &uuml;berkam ihn.
+Er k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>Klara nahm den kurzen Ku&szlig; mit verst&auml;ndiger Freundlichkeit
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen,
+uns zu verstehen,&laquo; sagte sie warm.</p>
+
+<p>Sie sprachen noch &uuml;ber allerlei &auml;u&szlig;ere Fragen, und
+Wynfried nannte sie Du. Alles war pl&ouml;tzlich ganz einfach
+und so selbstverst&auml;ndlich. &ndash; Es tat ihm sehr wohl, ganz
+ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten auszukommen.</p>
+
+<p>Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der
+wartete voll Ungeduld.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Klara, &raquo;wie werde ich so davonfahren!
+Zw&ouml;lf Jahre hat die alte Frau treu und eifrig versucht,
+m&uuml;tterlich f&uuml;r mich zu sein! Sie hat ein Recht darauf,
+da&szlig; ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage &ndash;
+ich m&ouml;chte noch allein mit ihr sprechen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>Das gefiel ihm. Er f&uuml;hlte: sie hat Herzenstakt. Von
+ihrer sanften, ernsten und doch so unbegreiflich sichern
+Art wirkte etwas auf ihn her&uuml;ber, das ihn beruhigte und
+zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit zwang.</p>
+
+<p>Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere,
+die er seit vielen Monaten gehabt hatte.</p>
+
+<p>Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas
+trieb ihn, ihr besondere W&auml;rme zu zeigen &ndash; aus Dankbarkeit,
+weil sie eben <em class="gesperrt">keine</em> besondere W&auml;rme zu beanspruchen
+schien; deshalb nahm er ihre Hand zwischen
+seine beiden H&auml;nde.</p>
+
+<p>Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein
+linkes Handgelenk geschmiedet war&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara sah sie &ndash; zuf&auml;llig war sie ihr noch nicht aufgefallen
+&ndash; sie sah unwillk&uuml;rlich genau hin.</p>
+
+<p>Da zog er hastig die Hand zur&uuml;ck &ndash; es war ihm unangenehm,
+da&szlig; ihr sein Armband so offenbar auffiel.</p>
+
+<p>&raquo;Also in einer Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>Klara stand und sah noch auf die T&uuml;r, die sich hinter
+ihm geschlossen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Es wird &ndash; es soll gut gehen!&laquo; sagte sie sich fest.</p>
+
+<p>Nun also zur alten Frau &ndash; ihrer &Uuml;berraschung, R&uuml;hrung,
+Neugier, aber auch ihren verzeihlichen kleinen Naivit&auml;ten
+und ahnungslosen Plumpheiten standhalten&nbsp;...</p>
+
+<p>Die T&uuml;r von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern
+war durch einen gro&szlig;en Schrank verstellt, um der
+f&uuml;r die Schulpflichten Arbeitenden mehr Ungest&ouml;rtheit zu
+sichern. Klara mu&szlig;te also &uuml;ber den Flur.</p>
+
+<p>Da stie&szlig; sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der
+ri&szlig; die M&uuml;tze ab und sagte dienstbeflissen: &raquo;Dies soll ich
+hier abgeben &ndash; es ist wohl recht?&laquo;</p>
+
+<p>Ein wei&szlig;es Paketchen, mit der Aufschrift: &raquo;Fr&auml;ulein
+Klara Hildebrandt, hier.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer.
+Ein unerkl&auml;rliches Gef&uuml;hl beriet sie &ndash; n&ouml;tigte sie, in ihre
+Ungest&ouml;rtheit zur&uuml;ckzukehren.</p>
+
+<p>Sie &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>Ihre pastellblaue, geh&auml;kelte Wollm&uuml;tze&nbsp;...</p>
+
+<p>Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein
+Strich, der ihn mit der Schrift auf der R&uuml;ckseite der Karte
+verbinden sollte:</p>
+
+<p>&raquo;Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im
+Infanterieregiment Gro&szlig;herzog Paul, erlaubt sich, das
+Beifolgende, von ihm Gefundene, der Eigent&uuml;merin
+mit respektvollem Gru&szlig; zur&uuml;ckzustellen.&laquo;</p>
+
+<p>Klara nahm die M&uuml;tze, die Visitenkarte &ndash; wickelte
+beides mit raschen, unsicheren H&auml;nden wieder fest, fest in
+das Papier &ndash; ri&szlig; die Schublade ihrer Kommode auf
+und stopfte eiligst das wei&szlig;e B&uuml;ndelchen tief hinein&nbsp;...</p>
+
+<p>Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief
+sie nach vorn, fiel der alten Frau um den Hals und sagte:
+&raquo;Oh &ndash; h&ouml;re&nbsp;...&laquo;</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_4" id="Kapitel_4"></a>4</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>ie Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende
+August und bevor die Offiziere ins Man&ouml;ver und nach
+ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein kleines Fest.
+Es sollte l&auml;ndlich sein und auf den Genu&szlig; der sch&ouml;nen
+Natur gestellt.</p>
+
+<p>Sch&ouml;ne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln
+genossen. Den ewig langen Sommer hindurch. Aber die
+Umst&auml;nde ergaben es eben, da&szlig; man aus der Langenweile
+eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit
+machte.</p>
+
+<p>Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski
+und der Oberleutnant von Marning schon zum Fr&uuml;hst&uuml;ck
+gekommen, um ihr beizustehen und die Einteilung der
+Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
+Was sie alles sehr wohl allein h&auml;tte bestimmen k&ouml;nnen.
+Aber sie sei zu faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski.
+Und dieser hatte unterwegs, als sie im Kr&uuml;mperwagen
+nach Lammen fuhren, gesagt: &raquo;Blo&szlig; Vorwand,
+uns l&auml;nger und allein zu haben &ndash; das zielt auf Sie,
+Marning &ndash; man m&uuml;&szlig;te ja Idiot sein, wenn man&#8217;s
+nicht merkte &ndash; da k&ouml;nnense nu Ihr Gl&uuml;ck machen,
+wennse wolln.&laquo; Worauf Marning nur ein schwaches
+L&auml;cheln hatte, sozusagen ein Gef&auml;lligkeitsl&auml;cheln, um
+dem Sprechenden zu zeigen: ich habe zugeh&ouml;rt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>Jetzt sa&szlig;en sie zu viert um den Tisch, von dem die
+orangefarben und wei&szlig; gestreifte Markise den Mittagssonnenschein
+abhielt. Von der Terrasse sah man in die
+&raquo;sch&ouml;ne Natur&laquo; hinaus, an deren Herrlichkeit die arme
+Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine
+Wandeldekoration und stand ein f&uuml;r allemal fest. H&ouml;chstens,
+da&szlig; die Beleuchtung verschieden war &ndash; oft sogar
+zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer wu&szlig;te,
+ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, &ndash; denn
+das Gew&ouml;lk, das da so hartn&auml;ckig tief am nord&ouml;stlichen
+Himmel stand?&nbsp;...</p>
+
+<p>Das Schl&ouml;&szlig;chen Lammen hatten Hegemeisters sich
+bald nach ihrer Heirat erbaut; gerade hier, auf der kleinen
+Klitsche, die als letzter &Uuml;berrest gro&szlig;en Familienbesitzes
+verblieben war. Es gew&auml;hrte dem Baron eine Art Genugtuung,
+an dieser selben Stelle nun als gro&szlig;er Herr zu
+leben, wo er vordem sich vor Gl&auml;ubigern versteckt gehabt.
+Und er war zu sehr Realist, um den weiten Rundblick auf
+die Gegend, die einst zum gro&szlig;en Teil Hegemeisterscher
+Boden gewesen war, wehm&uuml;tig zu finden.</p>
+
+<p>Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines
+Gutshaus gestanden, auf einem der h&ouml;chsten Uferpunkte
+am Wyk, das wei&szlig;e Schlo&szlig;. Von seinen Fenstern sah
+man hinaus &uuml;ber das Wyk, dessen salzige Fluten nur durch
+eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
+geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel
+zwischen den Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete
+sie sich erheblich, um Sportpl&auml;tzen und einer kleinen,
+umgr&uuml;nten Siedlung Raum zu gew&auml;hren. &Uuml;ber sie hinweg
+ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
+erh&ouml;hten mecklenburgischen Waldufer, die dr&uuml;ben die Bucht
+eine Strecke eins&auml;umten, bis dahin, wo Meer und Himmel
+ungest&ouml;rt aufeinanderzusto&szlig;en schienen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>Man konnte vielleicht glauben, der Flu&szlig; habe sich
+schon in den weiten Wassern des gro&szlig;en Wyk verloren;
+aber die Spitze der Halbinsel dr&auml;ngte seinen Lauf noch
+einmal zusammen, ehe er, an Travem&uuml;nde vorbei, sich
+dann ins Meer ergo&szlig;.</p>
+
+<p>Travem&uuml;nde lag da wie ein holl&auml;ndisches Bild. Entz&uuml;ckend
+fein und lieblich an den Uferrand hingebaut und
+vom malerischen alten Kirchturm bevatert. Man sah,
+fern und klein, die gestutzten Linden, die mit Biedermeierw&uuml;rde
+vor den H&auml;userfronten steif einherstanden; man sah
+die wei&szlig;en, schmalen Leiber der Segeljachten im Flu&szlig;
+ankern und &uuml;ber den roten und schwarzen Navigationszeichen
+die silberhellen M&ouml;wen flattern. Blau war das
+Wasser, blau der Himmel &ndash; nur dies bedrohliche eine
+Gew&ouml;lk da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.</p>
+
+<p>Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften
+Leinwand, auf der Terrasse, die solchen Blick in die gro&szlig;artige,
+farbenpr&auml;chtige und linienk&uuml;hne Ferne freilie&szlig;.
+Und die N&auml;he gab ein Gef&uuml;hl von &Uuml;ppigkeit und Sommerh&ouml;he.</p>
+
+<p>Die Terrasse hatte kein Gel&auml;nder. In kurzen Zwischenr&auml;umen
+standen an ihrem Rande wei&szlig;e, viereckige K&uuml;bel
+mit gelb bemalten Fa&szlig;b&auml;ndern, darin dunkle ausl&auml;ndische
+Kugelgew&auml;chse gr&uuml;nten. Vor ihr breitete sich ein Blumengarten,
+in dem alles duftete und bunt sich aneinander
+dr&auml;ngte, was nur im Hochsommer bl&uuml;hen mag. Doch
+herrschten die Rosen vor, und Hochst&auml;mme edler Sorten
+zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein Rosenfreund
+war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Z&uuml;chtung
+verschiedener Arten als G&auml;rtnerdilettant zu versuchen,
+seine Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien &ndash;
+die machen immer M&uuml;he und oft &Auml;rger, sagte sie.</p>
+
+<p>Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz.
+<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Sie klagte oft dar&uuml;ber, da&szlig; sie ihn als Last empfinde.
+Aber was sollte sie machen. Es war nun einmal viel von
+ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu verkaufen,
+hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
+zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten
+noch die Eltern &ndash; und die Eltern fanden durchaus, da&szlig;
+Agathe Lammen zu behalten habe, teils um Verlust zu
+vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten schien.</p>
+
+<p>Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erz&auml;hlte,
+hatte er den Eindruck gehabt, da&szlig; die sch&ouml;ne Frau
+ein wenig in Schock vor ihren Eltern und nicht in sehr
+inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.</p>
+
+<p>Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr
+geneigt, die Schuld an einem etwaigen Mi&szlig;verh&auml;ltnisse
+den Eltern zuzuschreiben.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr?&laquo; sagte Likowski einmal, &raquo;g&auml;nzlich blonde,
+mollige, f&uuml;gsame Weiblichkeit &ndash; so eine von den hei&szlig;en
+Tr&auml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>Stephan Marning war sehr &uuml;berrascht gewesen, als
+er die Baronin Agathe kennen lernte. Er hatte sich nach
+den Andeutungen ein temperamentvolles, rot- oder
+schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante
+oder gar D&auml;monische vorgestellt. Und er fand eine behagliche
+Blondine, die nur ein wenig mit dem zu stillen
+Lauf ihrer Tage unzufrieden schien, vielleicht aus dem
+gesunden Instinkt heraus, da&szlig; ihr Gefahr drohe, zu &uuml;ppig
+und schl&auml;frig dabei zu werden.</p>
+
+<p>Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen.
+Die Neckereien Likowskis hielt er f&uuml;r grundlos,
+nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu h&auml;nseln, entsprungen.
+Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun
+einmal Art der Frau.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das Fr&uuml;hst&uuml;ck war beendet, der Kaffee und die Zigaretten
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>wurden am Tische genommen, denn nun fing
+ja das an, was Agathe die &raquo;Arbeit&laquo; nannte. Sie lie&szlig;
+abr&auml;umen &ndash; man war von zwei Bedienten umsorgt
+worden, die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern
+gl&auml;nzten. Vor ihr lagen nun wei&szlig;e K&auml;rtchen; ihre wunderh&uuml;bschen,
+weichen H&auml;nde spielten damit, und die Brillanten
+an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr wohlgewachsene
+Gestalt der noch jungen Frau war in ein h&ouml;chst
+kunstreiches wei&szlig;es Kleid gepre&szlig;t. Es hatte vorn einen
+sehr tiefen Ausschnitt; die feinen, d&uuml;nnen T&uuml;llfalten,
+die ihn straff umgaben, trafen unter einer vorgesteckten
+Rose zusammen, h&ouml;chstens eine Hand breit oberhalb
+des G&uuml;rtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
+bedeckte, war mit keinerlei verh&uuml;llendem Gewebe
+unterlegt. So zeigte Agathe mit reichlicher Unbefangenheit,
+da&szlig; sie eine prachtvolle wei&szlig;e Haut und untadelige Formen
+habe. Merkw&uuml;rdigerweise wirkte diese Enth&uuml;llung bei
+ihr wie etwas Selbstverst&auml;ndliches. Die Farben ihres
+Gesichts waren auffallend &ndash; rein der Teint, rosig die
+Wangen, fast wie bei einem Wachskopf. Sie war stolz
+auf diese Sch&ouml;nheit. Die Z&uuml;ge, so weich sie schienen, so
+unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften, wirkten
+aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die
+Augen konnten den erfahrenen Beobachter wohl besch&auml;ftigen.
+Sehr hellblau, gro&szlig; und schwimmend waren die
+Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als goldig in
+der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete
+F&uuml;lle.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfa&szlig;.
+Agathe schob es der Dame hin, die ihr gegen&uuml;ber sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Liebstes Fr&auml;ulein,&laquo; sagte sie bittend, &raquo;Sie schreiben
+die Namen auf die Karten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sehr gern.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>Fr&auml;ulein von Gerwald tat alles &raquo;sehr gern&laquo;. War
+ja &uuml;berhaupt froh, wenn sie einmal in Anspruch genommen
+wurde.</p>
+
+<p>Ihre &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn
+Jahre war sie von Stellung zu Stellung gesto&szlig;en worden,
+hatte oft genug keine gehabt. Alle Damen wollten immer
+so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen nicht
+leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich
+nicht aneignen konnte.</p>
+
+<p>Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie
+nur, um Klagen, Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut
+vor ihr zu bedenken. Und als Schatten, den sie auf Reisen
+und bei der Geselligkeit im Hause neben sich haben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und wie gut man hier a&szlig; und trank! Wie sorglos das
+Geld unterwegs und daheim ausgegeben wurde! Das tat
+wohl &ndash; an allem durfte man teilnehmen. Die Baronin
+schien es nicht &uuml;bers Herz bringen zu k&ouml;nnen, einen Menschen
+zu dem&uuml;tigen. Fr&auml;ulein von Gerwald schw&auml;rmte
+f&uuml;r ihre Herrin, sprach ihr immer nach dem Munde und war
+schon in den ersten Tagen entschlossen gewesen, sich hier
+zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gef&auml;llig
+verschlie&szlig;en m&uuml;ssen ... Nun war sie schon zwei Jahre
+hier, aber es hatte sich niemals die Gelegenheit zum
+Blind- und Taubtun gezeigt. Was der sehr befestigten
+und nie best&uuml;rmten Moral des h&auml;&szlig;lichen alten M&auml;dchens
+doch eine wohltuende Beruhigung war.</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht
+von beflissener Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden
+Namen zu schreiben, der bei Feststellung der Tischordnung
+genannt werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Mich mu&szlig; nat&uuml;rlich Lohmann f&uuml;hren &ndash; er ist zum
+erstenmal hier,&laquo; sagte die Baronin Agathe. Sie lag bequem
+in dem Rohrsessel, dessen naturfarbenes Geflecht mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und sie fragte:
+&raquo;Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski?
+Sie wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und
+an die fr&uuml;here Pflegemutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr ver&auml;ndert?&laquo; fragte Agathe weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ih wo. Keine Spur. Einfach und nat&uuml;rlich, wie sonst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber gl&uuml;ckstrahlend?&laquo;</p>
+
+<p>Likowski erwog &ndash; pr&uuml;fte nach &ndash; machte eine Kopfbewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ckstrahlend? Das ist nu so &#8217;n Wort. Nee. Klara
+Hildebrandt hat man nie angemerkt, ob ihr strahlend
+oder bek&uuml;mmert zumute war. Immer beherrscht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird schon gl&uuml;cklich sein, wie sollte sie nicht!&laquo;
+sagte Fr&auml;ulein von Gerwald. &raquo;Eine Volksschullehrerin,
+die einen Million&auml;r bekommt! Es ist beinahe phantastisch!&laquo;
+Und sie seufzte.</p>
+
+<p>&raquo;Gott,&laquo; sprach Agathe, &raquo;sie hat sich verkauft! Es gibt
+ja viele Ehen, die &#8217;n Handel sind &ndash; so &#8217;rum oder so &#8217;rum.&laquo;
+Und sie seufzte auch.</p>
+
+<p>Alle wu&szlig;ten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.</p>
+
+<p>&raquo;Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen
+sich,&laquo; f&uuml;gte sie ganz elegisch hinzu.</p>
+
+<p>Stephan Marning dachte: &raquo;Ja ... verkauft &ndash; sie
+hat sich verkauft&nbsp;...&laquo; Und er hatte ein Gef&uuml;hl von Ablehnung,
+fast von Erbitterung.</p>
+
+<p>Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; behauptete er, &raquo;was auch die Leute klatschen
+&ndash; der Vater soll ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung
+k&auml;me &ndash; h&auml;tt&#8217;s zur Bedingung gemacht f&uuml;r Bezahlung
+der Schulden &ndash; soll Klara Hildebrandt eine Million
+geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt &ndash; Klara
+soll ihn hassen &ndash; der Wynfried soll ein ganz verbrauchter,
+<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>verseuchter Mensch sein. &ndash; Ist ja alles Quatsch. Immer
+wird drauf losgered&#8217;t, ohne da&szlig; eine Seele genau die
+Motive kennt. Ich bind&#8217; doch auch nich aller Welt auf die
+Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob
+der Geheimrat so &#8217;n Schuft w&auml;re und ein M&auml;chen an
+einen verseuchten Mann verkuppelte! Als ob die Klara
+Hildebrandt &#8217;n M&auml;chen w&auml;re, das sich so schlankweg
+kaufen l&auml;&szlig;t! Nee, so &#8217;n simpler, ekelhafter Handel is das
+nu nich gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht.
+Vom Geld ist bei der ganzen Verloberei nich ein Ton
+gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und sie sagt, vor der
+Klara m&uuml;sse man den Hut abnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben da ja neulich gegessen,&laquo; fragte Agathe,
+&raquo;was f&uuml;r &#8217;n Eindruck machte das Paar denn? Und die
+ganze Sache?&laquo;</p>
+
+<p>Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag
+zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen
+Verwandten vielj&auml;hrige, nahe Beziehungen hat; sie
+empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war mehrere
+Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung
+und die rasche Heirat &ndash; das war auch keine Zeit,
+in der man G&auml;ste bittet. Kaum aber war das Ehepaar
+von der Hochzeitsreise zur&uuml;ck, da lud der Geheimrat mich
+am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
+das junge Paar zusammen einen Hausstand f&uuml;hren,
+war das Essen gemeinschaftlich.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann
+in einem k&uuml;hleren Ton fort: &raquo;Die &uuml;berragende Pers&ouml;nlichkeit
+des Geheimrats nahm so v&ouml;llig all mein Interesse
+in Anspruch, da&szlig; ich mit den jungen Herrschaften mich
+nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein
+Urteil abgeben zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>&raquo;Ich hab&#8217; immer das Gef&uuml;hl, da&szlig; Sie zu schroff &uuml;ber
+dieses Paar denken,&laquo; meinte Likowski.</p>
+
+<p>&raquo;Es geht mich so wenig an, da&szlig; ich gar nichts dar&uuml;ber
+denke,&laquo; sagte er kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, da&szlig; er den
+Gebrauch der linken Hand wieder erlangt hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber
+sein Geist, seine Stimmung ist von einer Frische&nbsp;...&laquo;
+erz&auml;hlte Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Die Freude! Das Gl&uuml;ck! Er soll seine Schwiegertochter
+verg&ouml;ttern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Likowski, Sie haben immer &#8217;n Faible f&uuml;r das
+M&auml;dchen gehabt,&laquo; neckte Agathe.</p>
+
+<p>&raquo;Meine teuerste Freundin,&laquo; sprach er voll Haltung,
+&raquo;so &#8217;n rauher Kriegsmann ich auch bin: f&uuml;r Frauenw&uuml;rde
+und Tugend hab&#8217; ich das Gef&uuml;hl nich verloren. Und
+wenn&#8217;s, wie ich <em class="gesperrt">dringlich</em> hoffe, demn&auml;chst endlich
+losgeht, sag&#8217; ich nich nur: mit Gott f&uuml;r K&ouml;nig und Vaterland,
+sondern auch: und zum Schutz der deutschen Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh!&laquo; rief Fr&auml;ulein von Gerwald, &raquo;wie herrlich
+empfunden!&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann,&laquo;
+sagte Agathe laut vor sich hin tr&auml;umend. &raquo;Vor sechs Jahren
+hab&#8217; ich ihn mal erlebt &ndash; sein Vater gab das erste gro&szlig;e
+Diner nach dem Trauerjahr f&uuml;r die Frau &ndash; Wynfried
+war gerade zum Besuch &ndash; ich hatte ihn neben mir bei
+Tisch &ndash; Gott, wir waren beide noch so jung &ndash; die
+J&uuml;ngsten in der ganzen Gesellschaft &ndash; wir verstanden
+uns himmlisch. &ndash; Er war sch&ouml;n wie &#8217;n junger Gott damals
+&ndash; hoch, schlank, blond &ndash; und so viel Verst&auml;ndnis f&uuml;r die
+Frau &ndash; ach, es war ein Abend&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schw&uuml;les
+mit &ndash; etwas Sehnsuchtsvolles. &ndash; In ihre Augen kam
+<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>ein feuchter Glanz &ndash; sie verlor sich in tr&auml;umerische
+Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung
+nicht weiter,&laquo; erlaubte Marning sich zu sagen.</p>
+
+<p>Agathe stand auf, reckte sich l&auml;ssig &ndash; die ganze &uuml;ppige
+Gestalt schien sich in wohligem Behagen zu dehnen ...
+Freilich trat dabei auch hervor, da&szlig; der Oberk&ouml;rper eigentlich
+ein wenig zu gro&szlig; sei&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; sagte sie, &raquo;wir &uuml;berlassen es Fr&auml;ulein
+von Gerwald. Sie machen das &ndash; nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sehr gerne!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halten Sie nur fest: Herr Lohmann f&uuml;hrt mich &ndash;
+alles andere ist weiter keine Etikettenfrage, alle G&auml;ste
+kennen sich und passen zueinander.&laquo;</p>
+
+<p>Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem
+Ged&auml;chtnis v&ouml;llig entglitten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich ziehe mich zur&uuml;ck, meine Herren, um frisch zu
+sein zu dem Zauberfest. Tun Sie desgleichen &ndash; Sie
+wissen ja &ndash; das gr&uuml;ne Fremdenzimmer ... Um f&uuml;nf
+Uhr Tee, allm&auml;hliche Anfahrt der G&auml;ste &ndash; Begeisterung
+&uuml;ber die sch&ouml;ne Aussicht &ndash; Promenaden &ndash; Gruppenbildungen.
+Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt.
+&ndash; &#8250;Nur f&uuml;r Natur&#8249;&nbsp;...&laquo; schlo&szlig; sie, falsch
+singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.</p>
+
+<p>Likowski suchte das gr&uuml;ne Fremdenzimmer auf, denn
+er wu&szlig;te: da stand auch ein Kistchen mit den schweren
+Importen, die die sch&ouml;ne Hausfrau in ihrer Gegenwart
+nicht geraucht haben mochte.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften
+grauen Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich
+unterf&uuml;ttertem Spitzeneinsatz sie eine Bernsteinbrosche
+trug, zog sich mit ihrem Material in einen kleinen Raum
+neben dem E&szlig;saal zur&uuml;ck. Durch die offene T&uuml;r sah sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei
+M&auml;dchen, in hellen, knisternden Kattunkleidern, mit
+T&uuml;llm&uuml;tzchen auf dem Kopf, die Tafel deckten. Und dann
+wieder paarte sie mit emsiger Feder M&auml;nnlein und
+Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau,
+geborenen Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan
+von Marning. Das kam ihr sehr angebracht vor. Vielleicht
+waren Likowski und Marning ja die einzigen Herren,
+die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mu&szlig;te
+f&uuml;r die arme kleine Person, der Fr&auml;ulein von Gerwald
+vorweg rasendes Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche
+Ungewandtheit zutraute, doch eine Erleichterung
+sein, sich auf einen Bekannten st&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Und
+Likowski &ndash; den teilte sie sich selbst zu. &ndash; Welch ein Mann!
+Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden
+M&auml;nnern ... Wie er mit blitzenden Augen von Frauenw&uuml;rde
+und Tugend sprach!&nbsp;... &raquo;Tugend&laquo; &ndash; das war
+f&uuml;r Fr&auml;ulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste
+mit einem Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich
+sagen, da&szlig; sie eine &Uuml;berf&uuml;lle von Tugend besa&szlig; ... Und
+Likowski wu&szlig;te das zu sch&auml;tzen! Er war auch in finanzieller
+Hinsicht nicht gebunden. &ndash; Ach, man konnte nicht
+wissen. &ndash; Sie wollte ihm bei Tisch noch innig f&uuml;r seine
+ritterlichen Worte danken&nbsp;...</p>
+
+<p>Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im
+Fremdenzimmer von Likowski einr&auml;uchern lassen. Er
+ging in den Garten. Der war stilisiert und ganz auf Blumenzucht
+und dekorative Wirkungen angelegt. B&auml;nke und
+Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet.
+An diesen Garten, der eine Fl&auml;che auf der Uferh&ouml;he vor
+dem Schlo&szlig; einnahm, grenzte eine schr&auml;g zum Wasser
+hinuntersteigende Baumpflanzung &ndash; eine Art W&auml;ldchen,
+von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>war ein ger&auml;umiges Bootshaus in das Wasser des Wyks
+hineingebaut. Da lagen ein Motorboot und ein gro&szlig;es
+Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum und
+h&auml;ngten Lampions an Dr&auml;hte, die kunstreich vom Heck
+zum Bug und rund um die Schiffsr&auml;nder gespannt
+waren.</p>
+
+<p>Braungoldener Schatten lag unter dem niederen
+Dach, das Wasser im Bootshaus hatte den dunklen Schimmer
+von Rauchtopas. Man sah durch den Bau wie durch
+einen Tunnel. Seine &Ouml;ffnung nach dem Wyk zu war voll
+Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.</p>
+
+<p>Er schaute eine Weile zu, wie die M&auml;nner in den
+schaukelnden Booten faltige Formen auseinanderbogen,
+da&szlig; sie zu bunten Ballons wurden.</p>
+
+<p>Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft
+hat oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs
+Wochen nach ihrer Hochzeit war er mit ihr und ihrem
+Manne, dem Hauptmann von Strenglin, zusammengetroffen.
+Und man hatte wohl gesp&uuml;rt, da&szlig; die beiden,
+die in Armut und Treue lange aufeinander gewartet,
+kaum ihr seliges Liebesgl&uuml;ck vor den Augen anderer
+recht zu verstecken wu&szlig;ten&nbsp;...</p>
+
+<p>Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen
+Gl&uuml;ck hatte er neulich nichts gesp&uuml;rt, als er mit dem
+Ehepaar zusammen am Tische des alten Herrn sa&szlig;&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger
+K&auml;lte, gelangweilter H&ouml;flichkeit&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge
+Frau gewesen. &ndash; Er auch, der junge Ehemann auch.</p>
+
+<p>Nach krassem Ungl&uuml;ck sah das nicht aus. Und der
+alte Herr sprach davon, wie seine letzten Jahre nun gesegnet
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>seien, und nahm z&auml;rtlich die Hand der Schwiegertochter&nbsp;...</p>
+
+<p>Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte
+sie &ndash; wenn sie den alten Herrn bediente&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Was geht das alles mich an?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig
+imposante Anpflanzung.</p>
+
+<p>&raquo;Ein junges St&uuml;ckchen Wald &ndash; halbw&uuml;chsiges Baumgedr&auml;nge
+hat keine Sch&ouml;nheit,&laquo; dachte er. &raquo;Merkw&uuml;rdig ...
+wie bei manchen Menschen und manchen Schicksalen: sie
+brauchen Reife, um ihre Sch&ouml;nheit zu offenbaren.&laquo;</p>
+
+<p>Oben gl&uuml;hte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen
+W&auml;nden von wei&szlig;en, quadratisch geordneten Holzst&auml;ben
+hin. Sie waren anmutig berankt und durchflochten von
+allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
+Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten
+Seitengrenze des Gartens in einem Rundell.</p>
+
+<p>Dies war umgeben von dicht &uuml;bersponnenen Gitterw&auml;nden;
+der noch bl&uuml;hende rote <em class="antiqua">Crimson rambler</em> bedeckte
+sie ganz. Vor ihnen, in gef&auml;lligen Abst&auml;nden voneinander,
+bildeten schneewei&szlig;e B&auml;nke einen Kreis. In der Mitte
+trug ein Beet eine gedr&auml;ngte F&uuml;lle von niederen Rosenb&uuml;schen;
+in allen Farben bl&uuml;hten sie jetzt zum zweitenmal.</p>
+
+<p>Stephan setzte sich. Er f&uuml;hlte sich von einer unbegreiflichen
+Traurigkeit &uuml;bernommen. Er dachte: &raquo;Was tue
+ich hier eigentlich?&laquo; Und sagte sich dann: &raquo;Nun, man
+mu&szlig; gesellig sein &ndash; das Leben, der Stand bringen das
+so mit sich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und woher und warum so niedergeschlagen &ndash; fast
+mutlos und &uuml;berdr&uuml;ssig?</p>
+
+<p>Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale
+Zulage hatte ihn nie bedr&uuml;ckt. Es war sein Stolz, mit
+ihr sich einzurichten &ndash; wie das, gottlob, der Stolz von
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Tausenden von Offizieren war. Unter Entbehrungen,
+in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn einmal
+die ernste, gro&szlig;e Stunde k&auml;me&nbsp;...</p>
+
+<p>Hei&szlig; war die Luft, sie bebte in Wellen &uuml;ber den Rosen,
+man sah sie zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft
+hinein, die Hitze nahm ihm die Keuschheit, mischte ihm
+etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.</p>
+
+<p>Man wurde schl&auml;frig davon &ndash; und doch so seltsam
+erregt&nbsp;...</p>
+
+<p>Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust
+voll von W&uuml;nschen &ndash; und er h&auml;tte dennoch keinen beim
+Namen nennen k&ouml;nnen. Eine unklare Begierde kam
+&uuml;ber ihn, nach irgend einem Gl&uuml;ck &ndash; einem gro&szlig;en, seligen
+Gl&uuml;ck&nbsp;...</p>
+
+<p>Die &Uuml;ppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz
+und feierlich-froher Stille &uuml;bernahm ihn ganz. Wie
+Arme beim Anblick reicher Lebensf&uuml;hrung sich in ihrer
+Zufriedenheit ersch&uuml;ttert f&uuml;hlen, so w&uuml;hlte das Prangen
+dieser Hochsommerschw&uuml;le in seiner Seele Sehnsucht auf.</p>
+
+<p>Er erschrak und fuhr aus seinem Hintr&auml;umen auf &ndash;
+irgend ein Laut hatte das Gespinst zerrissen. Er horchte:
+fern der Heulton eines Dampfers, der vielleicht flu&szlig;auf
+fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gest&ouml;rt. &ndash; Nun wu&szlig;te
+er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen
+kann auch der kleinste Frauenfu&szlig; nicht unh&ouml;rbar
+gehen.</p>
+
+<p>Und da war auch schon die Herrin dieses durchgl&uuml;hten,
+durchdufteten und weltfernen Gartens.</p>
+
+<p>Er wollte aufspringen &ndash; war sehr &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich setze mich zu Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Will ich auch &ndash; aber erst eine Stunde nach Tisch &ndash;
+ich m&ouml;chte nicht dick werden &ndash; lieber kastei&#8217; ich mich.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>&raquo;Was Frauen nicht alles f&uuml;r ihre Sch&ouml;nheit opfern
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na &ndash; sie ist immerhin keine ganz nebens&auml;chliche Angelegenheit.
+Obgleich es ja gerade f&uuml;r mich ganz egal
+ist, ob ich h&uuml;bsch oder h&auml;&szlig;lich aussehe,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Sehr dicht sa&szlig; sie neben ihm, seitw&auml;rts und ihm zugewendet.
+Sie hatte den Ellbogen auf die R&uuml;cklehne der
+Bank gest&uuml;tzt, und der runde, wei&szlig;e Arm zeigte sich in
+seiner ganzen Sch&ouml;nheit.</p>
+
+<p>&raquo;Warum gerade f&uuml;r Sie?&laquo; fragte er erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bek&uuml;mmertheit,
+&raquo;wer sieht mich denn wirklich an? Mit Freude
+oder Interesse, meine ich. Denken Sie denn, da&szlig; es von
+Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt: Frau
+Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski
+mal schw&ouml;rt, ich h&auml;tte meinen <em class="antiqua">beau jour</em>. Oder wenn sonst
+einer der Herren mir &#8217;n Kompliment sagt &ndash; halb versteckt,
+damit ihre Frauen nicht eifers&uuml;chtig werden. &ndash; Ja,
+man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson
+in der Welt ist&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche
+Erg&uuml;sse nicht &ndash; aber doch, sie hatte im Grunde Recht.
+Ihr Leben war, trotz allen Reichtums und aller Vergn&uuml;gungen,
+eigentlich einsam &ndash; vielleicht gar innerlich
+arm.</p>
+
+<p>Wie schwer, darauf zu antworten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe immer gedacht, das Bewu&szlig;tsein ihrer Sch&ouml;nheit
+begl&uuml;cke eine Frau &ndash; denn Sch&ouml;nheit ist immer
+Ausnahme, Auszeichnung,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie braucht Anerkennung &ndash; Verst&auml;ndnis &ndash; ich
+sage nicht: Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung
+der Gesellschaft nicht. Ein Wort, ein Blick der
+Bewunderung von einem geliebten Menschen ... ach,
+<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>daf&uuml;r gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. &ndash;
+Und das hab&#8217; ich nicht &ndash; hatt&#8217; ich nie&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos &ndash;
+wurde alles mit einer Art von Kindlichkeit oder Nat&uuml;rlichkeit
+vorgebracht.</p>
+
+<p>Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch
+unm&ouml;glich, um sie zu tr&ouml;sten, ihre Ohren mit Schmeicheleien
+f&uuml;llen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein,&laquo; sprach er.</p>
+
+<p>&raquo;Es war ihm angenehm, da&szlig; man mich nicht h&auml;&szlig;lich
+fand. Das war alles. Sie wissen es doch &ndash; warum soll
+ich ein Hehl daraus machen: man hatte mich in die Ehe
+mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern f&uuml;hlten
+sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen.
+Papa mit seiner rasenden Arbeit &ndash; &auml;hnlich wie der Geheimrat,
+aber in Textilindustrie &ndash; und Mama mit ihren
+zahllosen Vorstandspflichten &ndash; Mama ist eine Vereinsdame
+&ndash; Mama hatte auch eine Schw&auml;che f&uuml;r Adel &ndash;
+ein Baron sollte es sein&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten G&auml;ste, Sie
+wollen froh sein &ndash; lassen Sie die schweren Lebensumst&auml;nde
+heute unbesprochen &ndash; es erregt Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie, sehen Sie,&laquo; sagte sie mit klagendem Ton.
+&raquo;Niemand hat Interesse f&uuml;r mich &ndash; nicht einmal meine
+Freunde &ndash; ich dachte, Sie w&auml;ren mein Freund geworden.
+Wenn ich einmal von mir sprechen will, ermahnt man
+mich gleich, zu schweigen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und
+ungerecht, sie niemals zur rechten Aussprache kommen zu
+lassen.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig, wie viel diese volle, weiche, sch&ouml;ne Frau
+von einem unverantwortlichen Kind hatte &ndash; zum Schutz,
+zum Bevormunden herausforderte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>&raquo;Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben
+erz&auml;hlen, als Sie mir nur immer anvertrauen m&ouml;gen &ndash;
+ich erbitte es als besondere Gunst,&laquo; sagte er sehr herzlich.</p>
+
+<p>Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den
+Klatsch &uuml;ber ihre M&auml;dchenjahre &ndash; wer wu&szlig;te etwas
+Sicheres? Sicher war dagegen, da&szlig; er selbst viele Z&uuml;ge
+der Gutherzigkeit, der freundlichsten Gef&auml;lligkeit an ihr
+hatte beobachten k&ouml;nnen ... Und was pries die Gerwald
+immer? Ihre Dame sei gar nicht imstande, ihr eine
+Dem&uuml;tigung zuzuf&uuml;gen. Welche Seltenheit &ndash; eine Frau,
+die eine gebildete Untergebene immer zu schonen versteht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Man kann so rasch denken. &ndash; Das alles war ihm
+gegenw&auml;rtig, w&auml;hrend er sprach, und f&auml;rbte seinen Ton
+noch viel herzlicher, als er wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und sie h&ouml;rte noch mehr hinein&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja &ndash; ja,&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;ja &ndash; ein anderes Mal
+&ndash; aber bald &ndash; nicht wahr? Bald?&laquo;</p>
+
+<p>Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die
+ihre zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Eine angenehme, tr&auml;umerische Befangenheit machte
+ihn still.</p>
+
+<p>Wie diese Frau hineinpa&szlig;te in die prangende Hochsommerf&uuml;lle
+und Glut &ndash; als verk&ouml;rpere sich die hei&szlig;e
+Stunde in ihren wei&szlig;en, vollen Gliedern.</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte immer st&auml;rker eine Versuchung in sich aufsteigen
+&ndash; sie dr&auml;ngte ihn zu diesem roten Mund. Der
+war ein wenig verzerrt vor Begehrlichkeit. Und ihre
+schwimmenden Augen hatten weichen Glanz &ndash; schlossen
+sich halb &ndash; zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl
+von Hingegebenheit ... von gl&uuml;hendem Verlangen ...
+da&szlig; sein Herz zu klopfen begann&nbsp;...</p>
+
+<p>Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er f&uuml;hlte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>wenn er jetzt der Versuchung erlag, entschied es &uuml;ber
+sein Leben. Ein Ku&szlig; auf diese lechzenden Lippen, und
+er war gebunden&nbsp;...</p>
+
+<p>Er ri&szlig; sich zusammen &ndash; mannhaft und &uuml;berlegen. &ndash;
+Nicht in Abwehr. Aber in Besonnenheit.</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene,
+wunderlich zutreffende Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Ann&auml;herung
+und den vorsichtigen R&uuml;ckzug eines Mannes
+blitzte in ihr auf ... Dieser Handku&szlig; &ndash; das war eine
+Abschlagszahlung &ndash; ein Vertr&ouml;sten &ndash; keine Zur&uuml;ckweisung.
+&ndash; Aber doch: es war qu&auml;lend, in diesem Augenblick,
+wo sie ihr Leben darum gegeben h&auml;tte, sich satt zu
+k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Sie stand auf &ndash; reckte sich wieder. &ndash; Das war immer
+wie ein Schauspiel und ein unbewu&szlig;tes Sichdarbieten &ndash;
+lachte ein wenig gezwungen, und doch war z&auml;rtliches
+Gurren in der Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Ja &ndash; an einem ruhigen Tage &ndash; dann kommen Sie
+&ndash; Sie allein &ndash; und ich erz&auml;hle Ihnen mein Leben. &ndash;
+Und jetzt will ich wirklich ruhen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging, und zwischen den Gitterw&auml;nden, wo gr&uuml;nes
+Gerank all die zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie
+sich noch einmal um, winkte mit ihrer wei&szlig;en Hand, an
+der die Brillanten blitzten&nbsp;...</p>
+
+<p>Er blieb ein wenig bet&auml;ubt zur&uuml;ck. Kein Zweifel mehr:
+sie war in ihn verliebt, und er konnte sie haben. &ndash; Da
+war also ein Gl&uuml;ck! Er hatte sich doch schweren Herzens
+vorhin nach einem Gl&uuml;ck gesehnt. Eine Frau von &uuml;ppiger
+Sch&ouml;nheit. &ndash; &raquo;Sie hat so irgend etwas an sich, als m&uuml;&szlig;te
+sie in einen Harem passen,&laquo; dachte er. &ndash; Eine Frau mit
+gro&szlig;em Verm&ouml;gen und Erbaussichten auf noch viel mehr.
+Eine Frau von gutherzigem Wesen. &raquo;Sie weinte neulich
+beinahe, weil ein Landstra&szlig;enk&ouml;ter ihren Foxterrier gebissen
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>hatte &ndash;&nbsp;&ndash; sie ist au&szlig;erstande, sich etwas Sch&ouml;nes
+zu kaufen, ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken,
+damit der das Zusehen nicht sauer wird.&laquo;</p>
+
+<p>Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
+Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?</p>
+
+<p>Es war sozusagen das gro&szlig;e Los.</p>
+
+<p>Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen,
+den runden Arm, die wei&szlig;e Haut ... Sein Blut wallte
+auf ... Und wenn sie jetzt noch hier gewesen w&auml;re ...
+Aber nein! Besonnen bleiben! Sie pr&uuml;fen &ndash; nichts
+&uuml;berst&uuml;rzen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der
+Terrasse, im Salon, der sich mit zwei T&uuml;ren auf die Terrasse
+zu &ouml;ffnete, in der Diele, die wiederum an den Salon stie&szlig;,
+so da&szlig; der ganze mittlere Teil des Erdgeschosses f&uuml;r gesellige
+Zwecke sich wie ein einziger sehr gro&szlig;er Raum benutzen
+lie&szlig;. Likowski stellte fest, da&szlig; eine derartige Beweglichkeit
+und der Hang, alle paar Minuten den Platz
+zu wechseln, ihm etwas Neues an der allergn&auml;digsten
+Hausfrau sei. Ferner stellte er fest, da&szlig; sie eine andere
+Toilette trug, die er &raquo;unerlaubt&laquo; sch&ouml;n nannte, weil die
+armen M&auml;nner schwach wie Adam bei solchem Anblick
+werden mu&szlig;ten. Und bei sich dachte er: sie hat jawoll
+<em class="gesperrt">noch</em> weniger an als vorher ... Aber dies zarte Lila,
+dieser hauchd&uuml;nne Chiffon kleideten sie k&ouml;stlich.</p>
+
+<p>Agathe lachte etwas nerv&ouml;s und meinte, das Erwarten
+der G&auml;ste, die viel zu sp&auml;t k&auml;men, spanne ab.</p>
+
+<p>Und ihr Blick &ndash; den Likowski sah und h&ouml;chst vielsagend
+fand &ndash; glitt hin&uuml;ber zu Stephan Marning. Und &ndash; wahrhaftig:
+erwiderte der Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen
+sah er nicht aus &ndash; das konnte man bei sch&auml;rferem
+Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif? Hatte
+sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski,
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>gab seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, da&szlig;
+Marning nicht den Abschied n&auml;hme, um in Wohlleben zu
+versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr. Marning
+zog des K&ouml;nigs Rock um kein Weib, kein Gold und keine
+Vorteile aus! Er wu&szlig;te, was jetzt mehr als je die Pflicht
+des deutschen Soldaten war: das Schwert blank halten. &ndash;
+Die Stunde kam bald doch mal, wo ... Ja, der Stephan
+Marning &ndash; ein ganzer Kerl &ndash; man konnte ihn heiraten
+lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er
+dachte: kein kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes
+Pl&auml;sier, der Erl&ouml;ser Agathens zu sein&nbsp;...</p>
+
+<p>Und dann kamen die G&auml;ste in rascher Reihenfolge.
+Etwa f&uuml;nfundzwanzig an der Zahl. Da war der Gro&szlig;industrielle
+Herr Detlev Stuhr mit seiner bemerkenswerten
+Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der Gesellschaft
+erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
+f&uuml;r voll rechne. Fr&auml;ulein Edith war von der bezauberndsten
+H&auml;&szlig;lichkeit, sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken
+N&auml;schen und hellbraunen Augen, aus denen allerlei lustige
+und z&uuml;ndende Farben spr&uuml;hten. Ihr Kopf sa&szlig; fein auf
+sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
+ebensogut in J&uuml;nglingskleidung denken wie in diesem
+blassen Blau d&uuml;nner Stoffe. Und das zu rote Haar war
+mit einer so malerischen Berechnung geordnet, da&szlig; eine
+Schauspielerin h&auml;tte davon lernen k&ouml;nnen. Likowski verkehrte
+im Ton v&auml;terlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene
+Vater, ein hastiger Mann mit scharfklugen Z&uuml;gen, kokettierte
+damit, da&szlig; er zu schwach sei gegen&uuml;ber der Tochter, und
+klagte &uuml;ber sie in Wendungen, die im Grunde lauter Lob
+und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.</p>
+
+<p>Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und
+Frau von Pankow. Er setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel
+auf der Terrasse, mit auseinandergestellten Knien,
+<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>wie M&auml;nner mit erheblichen B&auml;uchen tun, sprach den
+Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
+einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Th&uuml;rauf,
+die Finger um ein Glas Gie&szlig;h&uuml;bler geklammert, in k&uuml;hler
+Ruhe zuh&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r&#8217; ja Selbstmord ... &#8217;ne Verfassung?! Seit 1755
+haben wir uns famos bei der bisherigen befunden ...
+bin meinem Gro&szlig;herzog loyal ergeben &ndash; das versteht
+sich &ndash; aber &#8217;ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
+nich zu &ndash; nie! Mecklenburg w&auml;re ja nich mehr Mecklenburg
+&ndash; nein.&laquo;</p>
+
+<p>Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute
+wuchtig aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen
+Ansicht erst die rechte F&auml;rbung. &ndash; Sein rundes Gesicht
+war rot von der Hitze der &uuml;berstandenen Fahrt. Aber
+sein bi&szlig;chen blondes Scheitelhaar befand sich in gl&auml;nzender
+Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein wei&szlig;es
+H&auml;rchen.</p>
+
+<p>Frau von Pankow, auch kaum mittelgro&szlig; und ebenso
+rundlich, sprach etwas leutselig mit Fr&auml;ulein von Gerwald,
+der sie sich immerhin n&auml;her als mancher anderen Anwesenden
+f&uuml;hlte, weil die Gerwalds eben doch sehr alter Adel
+waren.</p>
+
+<p>Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in
+Stoffen, wie sie f&uuml;r K&ouml;rperf&uuml;lle gar nicht ungeeigneter
+sein konnten. Seinen Spitzbauch umgl&auml;nzte eine wei&szlig;e
+Weste. Und ihren Busen, ihre H&uuml;ften umprallte hellgrauer
+Atlas.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen,&laquo; sagte
+Fr&auml;ulein Edith zum jungen Leutnant Hornmarck. Und sie
+lachten.</p>
+
+<p>Likowski warf einen Blick hin&uuml;ber. Sein kleiner Hornmarck,
+an dem er wie ein alter Bruder herumerzog, ging
+<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe um &ndash; alle Woche
+zweimal spielte man Tennis zusammen &ndash; es kamen
+Freundinnen aus L&uuml;beck &ndash; Referendare &ndash; allerhand
+halbw&uuml;chsiges Volk, das sich aber nat&uuml;rlich f&uuml;r voll und
+lebensreif hielt. &ndash; Und Hornmarck hatte sich verliebt. &ndash;
+Na, das war ja selbstverst&auml;ndlich. &ndash; Aber es hie&szlig; aufpassen:
+t&uuml;chtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen
+von zu fr&uuml;hen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte
+das: mit zwanzig denkt man intensiver ans Heiraten als
+um die drei&szlig;ig herum. &ndash; Und denn diese Edith! Zu
+am&uuml;sant! Am&uuml;sante Frauen sind was Zweischneidiges&nbsp;...</p>
+
+<p>Die blonden, ruhigen T&ouml;chter des Generaldirektors
+Th&uuml;rauf sprachen vern&uuml;nftig mit zwei Offizieren und dem
+Freiherrn von Brelow, der als Administrator eines der
+gro&szlig;en mecklenburgischen Ritterg&uuml;ter verwaltete, die sich
+mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen W&auml;ldern
+an der K&uuml;ste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung;
+ein etwas stiller, stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen
+Zug im Gesicht, den Sorge hineingeschrieben.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie,&laquo; sagte Herr von Pankow vertraulich,
+&raquo;das w&auml;r&#8217; der Mann f&uuml;r Ihre &Auml;lteste. Er ist t&uuml;chtig und
+hat Charakter. Ich wollt&#8217;s ihm g&ouml;nnen, da&szlig; er wieder auf
+eigene Scholle zu sitzen k&auml;me und sich wenigstens das kleine,
+eigentliche Stammgut der Brelows zur&uuml;ckkaufen k&ouml;nnte &ndash;
+sein Vater war &#8217;ne Jeuratte &ndash; der Sohn is nich belastet
+&ndash; r&uuml;hrt keine Karte an &ndash; nee, kann ich beschw&ouml;ren &ndash;
+tut er nich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das d&uuml;rfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn f&uuml;r
+mich sein, Herr von Pankow. Ich habe drei T&ouml;chter &ndash;
+drei!&laquo; sagte der Generaldirektor l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>Pankow stie&szlig; mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch
+in die Luft, auf sein Gegen&uuml;ber zu.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit f&uuml;nfzehn
+<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>Jahren Generaldirektor mit &#8217;n Ministergehalt und Tantieme
+auf Severin Lohmann! Wenn das nicht flutscht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Herren Agrarier denken immer, da&szlig; wir Gro&szlig;industriellen
+uns nur so auf Golds&auml;cken herumw&auml;lzen.&laquo;</p>
+
+<p>In einer anderen Gruppe sprach die h&uuml;bsche, dunkelhaarige
+Frau Th&uuml;rauf mit der Baronin Bratt und dem
+Oberleutnant von Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dar&uuml;ber wundern sich immer alle Menschen, wie
+sehr meine T&ouml;chter meinem Mann &auml;hneln. Von mir keinen
+Zug.&laquo;</p>
+
+<p>Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie
+Neuankommende begr&uuml;&szlig;t hatte, als z&ouml;ge es sie magnetisch
+dahin, wo Stephan Marning stand. Und sie ahnte nicht,
+da&szlig; die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
+ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht &ndash; vom Betrachten
+und Bewachen der Flamme wird der Blick blind
+f&uuml;r alles ringsum.</p>
+
+<p>&raquo;Lohmanns kommen aber sehr sp&auml;t,&laquo; sagte sie. &raquo;Und
+ich bin so gespannt! Als sie bei mir Besuch machen wollten,
+war ich in Berlin &ndash; Papas Geburtstag. &ndash; Und als ich
+bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; sagte die alte Baronin, deren Gesicht
+von Wind und Wetter braun war wie das eines Mannes,
+&raquo;das junge Paar macht sich nicht viel daraus, zu verkehren.
+Der Geheimrat hielt ja immer drauf &ndash; er sah ja auch
+in der Geselligkeit so &#8217;ne Art volkswirtschaftliche Pflicht &ndash;
+fand es auch menschlich freundlich, mit den G&uuml;tern weit
+hinaus Beziehungen zu unterhalten. &ndash; Neulich, als ich
+mal zu ihm fuhr &ndash; ich verdanke ihm ja manches &ndash; als
+ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
+mu&szlig;te. &ndash; Na, das geh&ouml;rt nicht hierher. &ndash; Neulich hielt
+er mir einen kleinen Vortrag &uuml;ber diese Sachen. Auf
+seinen Wunsch haben die Kinder dann Besuch gemacht &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>bei mir waren sie mal nachmittags, zur Kaffeezeit. Ich
+hatte auch Vorurteile &ndash; wer hat sie nicht! &ndash; die Heirat
+war so &uuml;berraschend. F&uuml;r den jungen Lohmann war es
+wohl das Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die
+junge Frau hat mir gut gefallen. Mir ist auch des Geheimrats
+Urteil ma&szlig;gebend. Und er stellt sie hoch.&laquo;</p>
+
+<p>Da fiel ihr ein, da&szlig; es taktvoller sei, mit der Gattin
+des Generaldirektors von Severin Lohmann nicht &uuml;ber
+die Schwiegertochter des alten Herrn zu sprechen. Aber
+gerade sagte noch Frau Th&uuml;rauf: &raquo;Wissen Sie, Baronin,
+es war recht eigen &ndash; gerade f&uuml;r mich! Das kann man
+sich wohl denken. Ich hatte manchmal mit Fr&auml;ulein Hildebrandt
+zu tun gehabt &ndash; solange keine Frau im Herrenhaus
+war, k&uuml;mmerte ich mich, ohne Mandat sozusagen,
+manchmal um Severinshof &ndash; in solcher Arbeiterkolonie
+kann man immer mal helfend einspringen &ndash; auch im
+Schulhause sprach ich wohl vor &ndash; und da Fr&auml;ulein Hildebrandt
+doch die Tochter des Vorg&auml;ngers meines Mannes
+war, tat mir&#8217;s immer extra leid, da&szlig; ihr Leben so anders
+lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch
+ohne das viel Sympathie f&uuml;r sie, die ich sie merken
+lie&szlig;. So was f&uuml;hlt sich gegenseitig. Und mit einem Male
+ist sie die Schwiegertochter unseres Chefs ... Aber welch
+ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu danken
+f&uuml;r die Sympathie, die ich ihr fr&uuml;her gezeigt, und die
+Hoffnung auszusprechen, da&szlig; das eine gute Vorbedeutung
+gewesen sein m&ouml;ge f&uuml;r unser weiteres Verstehen. &ndash; Es
+ber&uuml;hrte angenehm. Keine Spur von Auftrumpfen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie alle diese Frau loben!&laquo; dachte Stephan. Es
+reizte ihn. Warum die Nachsicht? Immer wieder sollte
+man es hart und laut sagen: &raquo;Sie hat sich doch verkauft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da sind sie,&laquo; sagte die Baronin Bratt unwillk&uuml;rlich
+halblaut, obgleich das Ehepaar Lohmann fern in der Diele
+<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>erschien, w&auml;hrend sie selbst in der T&uuml;r zwischen Salon und
+Terrasse stand.</p>
+
+<p>Agathe eilte ihnen entgegen. &Uuml;ber die ganze Gesellschaft
+legte sich pl&ouml;tzlich Schweigen; aber da jeder einzelne
+das sofort sp&uuml;rte und als taktlos empfand, dauerte es keine
+zweite Sekunde, bis die Stimmen mit erh&ouml;hter Lebhaftigkeit
+sich erhoben.</p>
+
+<p>Das Wiedersehen entt&auml;uschte Agathe. Damals war
+der junge Wynfried sch&ouml;n wie ein Apoll gewesen &ndash; eine
+Erscheinung, wie man sie unter der m&auml;nnlichen Jugend
+der englischen Aristokratie zuweilen trifft. &ndash; Er war
+gealtert &ndash; der J&uuml;nglingszauber war davon &ndash; stattlich sah
+er zwar aus; aber gar nicht mehr auffallend &ndash; so auf
+der Stelle bezaubernd.</p>
+
+<p>Agathe fand auch die junge Frau nicht sch&ouml;n. Ihr
+Sch&ouml;nheitsideal waren nat&uuml;rlich blonde, &uuml;ppige Frauen
+mit herrlichem Teint. Und diese Klara Lohmann schien
+ihr zu schlank, die Z&uuml;ge zu streng, die Farben zu matt.
+H&ouml;chstens konnte man gelten lassen, da&szlig; die Augen gro&szlig;
+und ernst waren und sogleich fesselten.</p>
+
+<p>Nun konnte Fr&auml;ulein von Gerwald erkennen, da&szlig; ihre
+Voraussetzungen unzutreffend gewesen waren. Die junge
+Frau Lohmann nahm die Vorstellungen mit einer schlichten
+Freundlichkeit, g&auml;nzlich unbefangen entgegen; die ihr schon
+Bekannten &ndash; und es waren schlie&szlig;lich die meisten &ndash;
+bekamen ein besonders helles L&auml;cheln. Auch der junge
+Ehemann zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.</p>
+
+<p>Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse.
+Der Freiherr Stephan von Marning wechselte mit dem
+Ehemann einen fl&uuml;chtigen H&auml;ndedruck und verneigte sich
+fremd vor der jungen Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie,&laquo; sagte die rothaarige Edith zu ihrem
+Ritter, dem Leutnant Hornmarck, &raquo;dies Ehepaar interessiert
+<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>mich fabelhaft. Sie machen so &#8217;n g&auml;nzlich unverheirateten
+Eindruck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den n&auml;her erl&auml;utert zu bekommen, w&auml;re interessant,&laquo;
+meinte der kleine Leutnant.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, wer da so &#8217;reingucken k&ouml;nnte!&laquo; sagte Edith mit
+einer wahrhaft gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen
+Ehe.</p>
+
+<p>Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt tr&ouml;delte
+im Garten umher und war gen&uuml;gsam des Beisammenseins
+froh, das ja durch mancherlei kleine Schwingungen,
+verborgene W&uuml;nsche und Elektrizit&auml;ten vielerlei Reize
+hatte.</p>
+
+<p>Agathe vers&auml;umte oft ihre Hausfrauenpflichten und
+tr&ouml;stete sich damit, da&szlig; Fr&auml;ulein von Gerwald beflissen
+um die &auml;lteren Damen besorgt sei. &ndash; Es zog sie &ndash; es
+trieb sie &ndash; sie mu&szlig;te, <em class="gesperrt">mu&szlig;te</em> immer wieder Stephans
+N&auml;he haben. Sie beobachtete zweimal, da&szlig; Edith Stuhr,
+dies M&auml;dchen, dem man einfach alles zutrauen konnte,
+mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach. Ihr Fraueninstinkt
+wu&szlig;te: diese eben dem Backfischtum entronnenen
+M&auml;dchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen &ndash;
+halten eine Achtundzwanzigj&auml;hrige schon f&uuml;r alt. Eifersucht
+qu&auml;lte sie&nbsp;...</p>
+
+<p>Es war Ende August, und die D&auml;mmerung f&uuml;llte schon
+fr&uuml;h den schw&uuml;lduftenden Garten. Seine hohe Lage
+gab den Blick frei nicht nur auf die weite Ferne und Wyk
+und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren Himmelsraum,
+dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine
+feine Farblosigkeit zu verwandeln.</p>
+
+<p>Da kam Fr&auml;ulein von Gerwald eiligst herangerauscht,
+suchte ihre Herrin und gab die empfangene Meldung
+weiter, da&szlig; man zu Tisch gehen k&ouml;nne. Und da erst fiel
+es Agathe ein, da&szlig; man die junge Frau Lohmann gar nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>im Garten gesehen habe. &raquo;Sitzt bei der Baronin Bratt,
+Hauptmann von Likowski und Frau von Pankow.&laquo; Das
+erinnerte an so viel W&uuml;rde. &ndash; Mein Gott, ja, sie war
+nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
+&ndash; &raquo;Was haben Sie ihr f&uuml;r einen Tischherrn gegeben?&laquo;
+fragte Agathe, als sie mit ihrer Gesellschaftsdame
+auf die Terrasse zuging.</p>
+
+<p>&raquo;Den Freiherrn von Marning.&laquo;</p>
+
+<p>Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungef&auml;hrlicher
+konnte der geliebte Mann ja nicht untergebracht sein.
+&ndash; Aber doch: Frau Klara Lohmann w&uuml;rde sicher erwarten,
+da&szlig; Herr von Pankow sie f&uuml;hre. Entschieden &ndash; so war es
+nicht ganz taktvoll ... Eine &Auml;nderung aber im letzten
+Augenblick unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Es zeigte sich auch weiterhin, da&szlig; Fr&auml;ulein von Gerwald
+keine gl&uuml;ckliche Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit
+wollte f&ouml;rdern, wo sie zwei auf dem Wege zueinander
+witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant Hornmarck,
+und dar&uuml;ber waren Ediths Vater und Likowski &auml;rgerlich;
+sie setzte Brelow neben die &auml;lteste Th&uuml;rauf, und
+das beunruhigte den Generaldirektor und seine Frau und
+raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder lie&szlig; sie die Baronin
+Bratt von Herrn von Pankow f&uuml;hren, der daf&uuml;r bekannt
+war, da&szlig; er gern was H&uuml;bsches, Junges zur Seite
+hatte und obendrein als Grenznachbar des Brattschen
+Gutes in vielerlei kleinen &Auml;rgernissen mit der ihm zu
+autoritativen Baronin lebte.</p>
+
+<p>Aber Agathe merkte nichts davon, da&szlig; ein Teil ihrer
+G&auml;ste nicht sehr munter schien. Sie war ganz und gar besch&auml;ftigt.
+Mit gl&uuml;cklichem Gef&uuml;hl beobachtete sie, da&szlig;
+Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und h&ouml;flich
+unterhielt &ndash; nat&uuml;rlich mochte er sie nicht leiden &ndash;
+daneben vers&auml;umte sie nicht, in Wynfried Lohmann die
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Erinnerungen an jenen sch&ouml;nen Abend von damals wachzurufen.</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gewi&szlig; sehr unbescheiden gewesen! Was man
+so als junger Dachs alles wagt! Und nach sechs Jahren
+darf ich es wohl gestehen: ich war an jenem Abend rasend
+in Sie verliebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, wie entz&uuml;ckend, das noch nachtr&auml;glich zu h&ouml;ren.
+Ja &ndash; jetzt sind Sie nicht mehr so ganz flammender Schw&auml;rmer.
+&ndash; Ein w&uuml;rdiger Mann. &ndash; Schrecklich ernsthaft verheiratet. &ndash;
+Teilhaber an Severin Lohmann. &ndash; Und
+machen es wie Ihr Vater und arbeiten von fr&uuml;h bis sp&auml;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur
+gab ihm zu seinen Geistesgaben auch noch die H&uuml;nenkraft &ndash;
+sie ist ja noch fast ungebrochen. &ndash; Wenn die linksseitige
+L&auml;hmung nicht w&auml;re. &ndash; Aber ich versuche mich einzuarbeiten. &ndash;
+Das gro&szlig;e Interesse, das meine Frau hat, ist
+dabei nicht unwichtig. &ndash; Teilhaber werde ich offiziell am
+1. September.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden,&laquo;
+sagte Agathe in pl&ouml;tzlichem Entschlu&szlig;. Der von ihr
+geliebte Mann verkehrte doch bei den Lohmanns. &ndash; Grund
+genug zum Wunsch, aus der f&ouml;rmlichen Beziehung eine
+n&auml;here werden zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Es w&uuml;rde mich freuen, wenn Ihnen das gel&auml;nge,
+Baronin. Meine Frau hat eine sehr ernste Jugend gehabt.
+So ist sie ein verschlossener Mensch geworden. Ein
+wenig Fr&ouml;hlichkeit k&ouml;nnte unserem Hause nicht schaden.&laquo;</p>
+
+<p>Der arme Mann darbt gewi&szlig; an allen Ecken und Enden,
+dachte Agathe.</p>
+
+<p>Und er dachte, da&szlig; es immerhin unterhaltend sein
+k&ouml;nnte, dieses wundervolle Weib &ouml;fter zu sehen. Zuweilen
+ging es ja wie ein Erwachen durch ihn hin &ndash; ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte aufwallen, da&szlig;
+ihm das Dasein wieder genie&szlig;enswerter werden m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Und diese Frau, wenn man sich zuf&auml;llig einmal n&auml;her
+zu ihr neigen mu&szlig;te, hatte einen Duft an sich &ndash; einen ganz
+bestimmten Duft, s&uuml;&szlig; und zart, den Wynfried kannte.
+Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch st&ouml;rte Erinnerungen
+aus dem Schlaf auf.</p>
+
+<p>Er fragte endlich leise: &raquo;Was haben Sie f&uuml;r ein Parf&uuml;m
+&ndash; verzeihen Sie die Frage, Baronin &ndash; aber Sie
+wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein Duft!&laquo;</p>
+
+<p>Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als
+Bezugsquelle. &ndash; Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein
+Nachhall aus verrauschten Tagen ... Der bittere Zug kam
+in seinen Mundwinkel. &ndash; Er sah zu seiner Frau hin&uuml;ber.
+Zuf&auml;llig trafen sich ihre Blicke.</p>
+
+<p>Da l&auml;chelte er freundlich&nbsp;...</p>
+
+<p>Das war sein redlicher, g&uuml;tiger Kamerad, an dessen
+Hand er wieder emporkam ... Und im Trotz gegen diesen
+Duft nickte er ihr zu.</p>
+
+<p>Klara dachte, da&szlig; das Tafeln niemals ein Ende n&auml;hme.</p>
+
+<p>Wie f&ouml;rmlich der Freiherr von Marning neben ihr sa&szlig;.
+Nein, mehr noch: gezwungen, konnte sie denken. &ndash; Und
+sie wu&szlig;te nicht, was f&uuml;r Gespr&auml;che sie versuchen sollte &ndash;
+jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste f&uuml;hlte sie sich befangen
+&ndash; und es war geradezu l&auml;cherlich, wie ihr eine
+ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie
+sich doch nicht zu entschlie&szlig;en vermochte, davon zu sprechen.
+Sie war nie dazu gekommen, ihm f&uuml;r die arme kleine pastellblaue
+Wollm&uuml;tze zu danken, die er damals gefunden und
+ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie
+ihm einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach.
+Bei dieser Begegnung gratulierte er ihr mit so viel Zur&uuml;ckhaltung,
+da&szlig; es ihr weh tat.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe
+sich an einen reichen Mann verkauft.</p>
+
+<p>Das verschlo&szlig; ihr den Mund.</p>
+
+<p>Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, f&uuml;hlte
+sie sich au&szlig;erstande, von der kleinen blauen M&uuml;tze zu sprechen
+&ndash; als sei das wunder was gewesen, ein Erlebnis,
+daran man nicht r&uuml;hren d&uuml;rfe ... Und nun rang sie mit
+dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Einmal fragte sie: &raquo;Wo standen Sie fr&uuml;her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In K&ouml;ln, gn&auml;dige Frau. Zuletzt war ich in Berlin &ndash;
+zur Turnanstalt kommandiert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es
+Ihnen nicht schwer auf dem Lande, in der kleinen Stadt?
+Das Leben ist so anders.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie
+die Severin Lohmann die Gegend beherrscht, ist weder
+Kleinstadt noch Landstille. Man hat immer das Gef&uuml;hl,
+als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken
+umspr&uuml;ht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie freut es mich, da&szlig; Sie es so empfinden,&laquo; sagte
+Klara lebhaft. &raquo;Mir ist oft, als s&auml;he ich die ganze wunderbare
+Arbeit der Natur, die uns sonst geheimnisvoll verborgen
+bleibt, sich in einem geschlossenen, durchsichtigen
+Proze&szlig; vor unseren Augen abspielen. In so einem H&uuml;ttenwerk
+mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft
+unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat
+ihr ihre Misch- und Kochk&uuml;nste abgelauscht und wiederholt
+sie oben im Licht, auf sicherere und positivere Art.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau haben Verst&auml;ndnis und Interesse f&uuml;r
+das Lebenswerk Ihres Herrn Schwiegervaters.&laquo;</p>
+
+<p>Das war nun wieder eine abschlie&szlig;ende Bemerkung. Aber
+Klara fragte: &raquo;Haben Sie das H&uuml;ttenwerk schon besucht?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>&raquo;Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu
+bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen es Ihnen zeigen &ndash; Wynfried und ich &ndash;
+oder mein Mann allein,&laquo; setzte sie rasch hinzu. &raquo;Wenn er
+mich nicht dabei haben mag&nbsp;...&laquo; dachte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,&laquo; sagte er unbestimmt.</p>
+
+<p>Sie suchte nach einem anderen Thema.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition
+Offizier geworden?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Aus Wunsch und Tradition, gn&auml;dige Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,&laquo; sagte sie, &raquo;der
+lange Friede &ndash; und das mehr und mehr entschwindende
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Gr&ouml;&szlig;e Ihres Berufs&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sie &uuml;berrascht an. Ihre Blicke trafen sich.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz gewi&szlig;, gn&auml;dige Frau. Man hat manchmal zu
+tun, Bitterkeit von sich abzuwehren, da&szlig; sie einem den
+frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist schmal &ndash; die Zulage
+klein &ndash; Offizier sein, hei&szlig;t von tausend F&auml;llen neunhundertmal:
+mit stiller W&uuml;rde entsagen k&ouml;nnen und auf
+alle sorglos reichlichen Lebensformen verzichten. Man
+hat sich dem Vaterlande gelobt und ist mit dem guten Bewu&szlig;tsein
+zufrieden, das volle Hingabe immer gibt. Aber
+wenn man denn so sp&uuml;rt, da&szlig; diese Hingabe von breiten
+Volksschichten gar nicht verstanden und gew&uuml;rdigt wird &ndash;
+das tut weh. Es ist auch kein erhebendes Gef&uuml;hl, wenn
+man todm&uuml;de vom Dienst kommt und dann als Erfrischung
+ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was Uniform
+tr&auml;gt, als Troddel dargestellt wird. Na&szlig; bis auf die Haut
+ist man vielleicht, tat in Wind und K&auml;lte seit Morgengrauen
+Dienst &ndash; vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei
+kriegswissenschaftlicher Arbeit. Und dann liest man, noch
+nicht mal blo&szlig; in sozialdemokratischen Bl&auml;ttern, Urteile,
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>Schilderungen &uuml;ber uns, deren B&ouml;swilligkeit oder Unverst&auml;ndnis
+einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich
+einmal zeigen zu k&ouml;nnen, wozu wir da sind, was wir gearbeitet
+haben &ndash; ja, die wird schon fast Ungeduld. Wenn
+auch nicht alle so viel davon sprechen wie Likowski. Und
+doch &ndash; w&auml;hrend man so ungeduldig ist, mu&szlig; man zugleich
+aus tiefstem Herzen w&uuml;nschen, da&szlig; dem Volke das Grauen
+eines Krieges erspart bleibt. &ndash; Ja, er ist nicht ganz einfach,
+unser Beruf ... Konflikte ... keine leichten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geh&ouml;rt stilles Heldentum dazu,&laquo; sprach Klara. &raquo;In
+dieser Zeit, wo gewisse Schichten das Wort &#8250;Vaterland&#8249;
+nicht h&ouml;ren k&ouml;nnen, ohne von Hurrapatriotismus und Sentimentalit&auml;t
+zu h&ouml;hnen.&laquo; Und nach einer kleinen Pause
+sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen
+Worten am st&auml;rksten gewesen war: &raquo;Und man ist mit dem
+guten Bewu&szlig;tsein zufrieden, das volle Hingabe immer gibt.&laquo;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte, da&szlig; sie diesen Ausspruch auch f&uuml;r sich annahm
+&ndash; so deutlich f&uuml;hlte er es, als habe sie es ihm
+erkl&auml;rt.</p>
+
+<p>Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gef&uuml;hl der
+Vorsicht, das ihn zwang, sich fern und feindlich von ihr zu
+halten, war ihm entglitten. Er dachte: &raquo;Wir verstehen
+einander &ndash; sie und ich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Aber sie hatte sich ja doch verkauft &ndash; und das war
+gegen seine Einsch&auml;tzung von Frauenw&uuml;rde. Er sagte es
+sich noch einmal nachdr&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle
+Hochsommernacht so m&auml;chtig da, da&szlig; alle Leute sich von
+etwas r&auml;tselvoll Gro&szlig;em wie geb&auml;ndigt f&uuml;hlten und alle
+einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der hinschwindende
+Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene
+Sichel ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als
+<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>sonst noch &ndash; zu kleinen P&uuml;nktchen geworden, in unerme&szlig;barer
+H&ouml;he, kaum erkennbar. Und die eine Seite des Himmels
+rabenschwarz. Dr&uuml;ben unten blinkerten die Lichter
+von Travem&uuml;nde. Da&szlig; der Leuchtturm, dessen Lampen
+man von hier nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet
+man aus dem gespenstigen Schein, der nach regelm&auml;&szlig;igen
+Pausen &uuml;ber die grenzenlose Dunkelheit hinhuschte, von
+der man wu&szlig;te: sie ist das Meer&nbsp;...</p>
+
+<p>Stephan Marning schrak aus vertr&auml;umtem Hinsinnen
+auf. Ohne da&szlig; er darauf achtgegeben, hatte Agathe sich
+ihm gen&auml;hert. Sie fl&uuml;sterte, als sei schon geheimes Einverst&auml;ndnis
+zwischen ihnen: &raquo;Richten Sie es so ein, da&szlig;
+wir zusammen ins Ruderboot kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der hei&szlig;e Ton der dringlichen Mahnung ber&uuml;hrte ihn,
+als wolle eine Frauenhand ihn streicheln, die er um keine
+Liebkosung gebeten hatte ... Er nahm sich zusammen. &ndash;
+Sie nicht verletzen &ndash; klug sein. &ndash; Heute nachmittag, in durchdufteter
+Sonnenglut h&auml;tte er doch beinah die roten Lippen
+gek&uuml;&szlig;t ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es unauff&auml;llig geschehen kann&nbsp;...&laquo; fl&uuml;sterte
+er zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt
+in den geschm&uuml;ckten Booten auf dem n&auml;chtlichen Wasser
+des Wyk zu machen. Nur ein paar &auml;ltere Herren und die
+Baronin Bratt blieben zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Es wetterleuchtet!&laquo; schrie Fr&auml;ulein Edith.</p>
+
+<p>&raquo;Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,&laquo;
+sagte jemand.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein von Gerwald hatte auch gesehen, da&szlig; es sehr
+starkes Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg.
+Sie wollte ihrer Herrin nicht das Programm verderben.
+Und w&uuml;rgte lieber die j&auml;h aufsteigende, schlotternde Angst
+hinunter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Dieser Menschentrupp, von einer teils k&uuml;nstlichen, teils
+echten Lustigkeit wie besessen, hatte f&uuml;r Stephan etwas
+merkw&uuml;rdig T&ouml;richtes.</p>
+
+<p>Im unsicheren Licht, das die an den abw&auml;rtsf&uuml;hrenden
+Wegen aufgeh&auml;ngten bunten Laternen hergaben, sah er
+dicht vor sich Frau Klara Lohmann. Zuweilen konnte er
+ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen Haaransatz
+erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in
+diesem D&auml;mmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet
+war ... Sonderbar. Sie hatte doch reich werden wollen&nbsp;...</p>
+
+<p>Unten am Bootshaus war ein Gedr&auml;nge und Gel&auml;chter.</p>
+
+<p>Edith tat, als sei sie best&auml;ndig in Gefahr, ins Wasser
+zu fallen, und war recht laut. Sie wollte auch durchaus
+selbst ein Ruder haben, und deshalb stieg sie in das Ruderboot,
+wo die blonde Hausfrau, ein wenig schwer atmend,
+schon sa&szlig; und sich von Wynfried Lohmann einen Schal
+umlegen lie&szlig;. Das Boot f&uuml;llte sich so rasch, da&szlig; es Stephan
+keine M&uuml;he kostete, sich auszuschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Frau Agathe rief: &raquo;Aber Herr von Marning sollte doch
+mit hier herein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und andere Stimmen riefen dagegen: &raquo;Kein Platz
+mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Gott, es wetterleuchtet wirklich!&laquo; sagte ein Fr&auml;ulein
+Th&uuml;rauf.</p>
+
+<p>&raquo;Das kommt nich!&laquo; beruhigte der Bootsmann.</p>
+
+<p>Stephan sa&szlig; dann im Motorboot, vorn auf der kleinen
+Querbank, neben der jungen Frau Lohmann. Und die
+Maschine fing an, eilig und mit kleinen, dunklen T&ouml;nen zu
+puckern. Man h&ouml;rte ein paar aufgest&ouml;rte wilde Enten mit
+rauschendem Fl&uuml;gelschlag davonstieben.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Wie schade,&laquo; sagte Klara.</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; wir die Sommernacht entweihen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>Er hatte dasselbe gef&uuml;hlt.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Th&uuml;rauf II und III waren musikalisch, hatten
+h&uuml;bsche Stimmen und fingen an zu singen. Es klang sentimental.
+In den Gesang hinein schrie wieder jemand: &raquo;Es
+wetterleuchtet aber fix.&laquo;</p>
+
+<p>Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die
+Laternen an Bord h&auml;tte man vielleicht den metallischen
+Blauglanz der Hochsommernacht erkannt. Die roten,
+durchleuchteten Papierkugeln t&ouml;teten den Zauber.</p>
+
+<p>&raquo;Zu solchen gewaltsamen Vergn&uuml;gungen mu&szlig; man
+bei frischer Laune sein,&laquo; dachte Stephan und konnte selbst
+nicht begreifen, weshalb ihm dies alles so &uuml;berfl&uuml;ssig und
+geschmacklos schien.</p>
+
+<p>Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, da&szlig; das Wetterleuchten
+immer rascher tr&uuml;brot die Gew&ouml;lkwand am nord&ouml;stlichen
+Himmel zerri&szlig;. Es schien aber niemand im Boot
+ein Gef&uuml;hl f&uuml;r die wilde Sch&ouml;nheit der zuckenden Scheine
+zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder
+weiterfahren solle. Aber die behielten noch die Vormacht
+beim Entscheid, die auftrumpften: &raquo;Das Ruderboot denkt
+nicht an umkehren &ndash; seht! Es schie&szlig;t flott weiter hinaus. &ndash;
+Und da ist doch die Baronin selbst an Bord &ndash; und sie ist
+doch so &auml;ngstlich ... Und Likowski ist dabei &ndash; blo&szlig; keine
+unn&uuml;tze Angst, meine Herrschaften.&laquo;</p>
+
+<p>Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als
+plauderten liebliche Stimmen unbek&uuml;mmert vor sich hin.
+Laue Luft wehte den Fahrenden entgegen, wie das Boot
+so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte. Einige Minuten
+lang schwiegen die Insassen.</p>
+
+<p>Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf
+auch am n&ouml;rdlichen Himmel ein Blitz. &ndash; Niemand hatte
+gemerkt, da&szlig; rundherum Wolken heraufgezogen waren. &ndash;
+Eine Frauenstimme stie&szlig; einen gellenden Schrei aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.</p>
+
+<p>Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel
+nieder, Donner sch&uuml;tterte durch die Luft, das Wasser g&auml;rte
+in Unruhe. Aber man h&auml;tte dieses gro&szlig;e Schauspiel ohne
+Angst ansehen k&ouml;nnen, denn der Mann an der Maschine
+lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning
+hin, ruhevoll das Steuer uferw&auml;rts. In acht, in zehn
+Minuten konnte man wieder sicher unter das Dach des
+Bootshauses eingeglitten sein. H&ouml;chstens konnte etwa
+bald einsetzender Regen f&uuml;r die Damen unangenehm
+werden.</p>
+
+<p>Aber die Frauen wurden von jenem unerkl&auml;rlichen
+weiblichen Bed&uuml;rfnis gefa&szlig;t, sich in Gefahr und Angst
+hineinzusteigern. Die instinktive Begier nach Schrecknissen
+und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen packte
+sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer
+schreien, weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte
+Bedrohlichkeiten f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Die Offiziere baten &ndash; beschworen &ndash; wurden streng. &ndash;
+Umsonst. Das leiseste Schaukeln lie&szlig; die Sinnlosen von
+der einen Seite des Bootes sich auf die andere hin&uuml;berst&uuml;rzen.
+Es schwankte so sehr, da&szlig; es zweimal in Gefahr
+geriet, umzuschlagen.</p>
+
+<p>Und diese wahnwitzige, &uuml;berfl&uuml;ssige Angst war so ansteckend
+wie alle nerv&ouml;sen Anf&auml;lle, die aus Zeugen oft genug
+Miterleidende machen. Selbst die vern&uuml;nftigen beiden
+Fr&auml;ulein Th&uuml;rauf weinten &ndash; und die eine schrie: &raquo;Wir
+wollen an Land schwimmen.&laquo; Sie mu&szlig;te gehalten werden,
+um sich nicht ins Wasser zu st&uuml;rzen.</p>
+
+<p>Stephan sa&szlig; neben der jungen Frau. &ndash; Er fa&szlig;te beruhigend
+nach ihrer Hand. &ndash; Klara sa&szlig; ganz still. Sie
+schien sehr bleich zu sein. Mit gro&szlig;en Augen sah sie dem
+angstzuckenden Gebaren zu &ndash; es h&ouml;rte ja auf, l&auml;cherlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>zu sein, weil es eine ernste Gefahr f&uuml;r das Boot und alle
+Insassen war.</p>
+
+<p>Ein n&auml;chster Augenblick &ndash; ein Ungef&auml;hr konnte das
+Ungl&uuml;ck herbeif&uuml;hren &ndash; es brauchte nur ein Blitz greller
+und n&auml;her herabzufahren. Der Donner brauchte nur
+rascher heranzukrachen, und die Frauen w&uuml;rden v&ouml;llig den
+Verstand verlieren.</p>
+
+<p>Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht,
+von der Besessenheit des Grauens erfa&szlig;t worden. Aber
+sie sah deutlich: diese Tollen beschworen herauf, was ohne
+Tollheit gar nicht vorhanden gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefa&szlig;t
+... Da f&uuml;hlte sie, da&szlig; eine starke Hand tr&ouml;stend die
+ihre umfa&szlig;te. Sie wu&szlig;te pl&ouml;tzlich: es kann ja nichts geschehen.</p>
+
+<p>Er sah ihre Selbstbeherrschung &ndash; wie liebte er gefa&szlig;te
+Haltung, geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser
+jungen Frau inmitten all der sinnlos sich Geb&auml;rdenden
+war eine Wohltat. Und er dachte: &raquo;Ich habe ihr Unrecht
+getan!&laquo; Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er
+heute ein wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen k&ouml;nnen
+&ndash; die war keiner niedrigen Handlung f&auml;hig.</p>
+
+<p>Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft
+suchen &ndash; warum nicht trachten, sie n&auml;her kennen zu
+lernen?</p>
+
+<p>Ein Schrei zerri&szlig; seine Gedanken ... ganz nahe war
+ein Blitz niedergefahren. &ndash; Polternd schien die Luft auseinander
+zu fallen &ndash; als ob ihre R&auml;ume zerbarsten, klang es.</p>
+
+<p>Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hin&uuml;berwarfen,
+das Boot steuerbord so stark auf die Kante, da&szlig;
+nur das Gegengewicht, das mit Geistesgegenwart von den
+Offizieren gegeben wurde, es noch einmal rettete. Und
+im n&auml;chsten Augenblick sch&uuml;ttete es j&auml;h vom Himmel nieder
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>&ndash; als k&auml;me ein Tropenregen herab, so gewaltig und gro&szlig;
+prallten die Tropfen auf und in solchen Mengen, als
+habe einer neben dem anderen keinen Platz.</p>
+
+<p>Und dieser grandiose Regen go&szlig; die alberne Angst aus.</p>
+
+<p>Die f&uuml;rchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in
+Wasserfluten, die Begierde auf Rettung durch starke
+M&auml;nnerarme, die Schwelgerei weiblicher Schutzbed&uuml;rftigkeit
+in Gefahr &ndash; alles erlosch. Und nur noch der eine Gedanke
+hatte Leben, st&auml;rkstes Leben: &raquo;O Gott, mein
+Kleid!&laquo;</p>
+
+<p>Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen.
+Die Spitzen und T&uuml;lle der Kleider nur noch anklebende
+Lappen.</p>
+
+<p>Stephan begann seinen &Uuml;berrock aufzukn&ouml;pfen, und
+die junge Frau erriet auf der Stelle, da&szlig; er ihn ausziehen
+und ihr umlegen wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.&laquo;</p>
+
+<p>Auch das Ruderboot kam rasch heran &ndash; an seinem
+Borde schien kein Kampf der Furcht sich abgespielt zu
+haben.</p>
+
+<p>Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen
+war ein Gedr&auml;nge halb komischer, halb tragischer Art. Man
+lachte, weinte, trumpfte auf, sch&auml;mte sich.</p>
+
+<p>Die sch&ouml;ne Hausfrau ertrug es mit Humor, da&szlig; ihr bla&szlig;lila
+Chiffonkleid nur noch ein unzul&auml;nglicher Badeanzug
+war, und sie fing schon gleich an, ihr blondes Haar auseinander
+zu l&ouml;sen &ndash; alle konnten so seine F&uuml;lle sehen &ndash; das
+machte ihr Spa&szlig;.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am Ufer warteten die zur&uuml;ckgebliebenen V&auml;ter und
+Gatten neben den Blausilbernen, die ihren Glanz in
+Gummim&auml;ntel geh&uuml;llt hatten. So viel Regenschirme es
+im Schlo&szlig; Lammen nur gab, waren zur Stelle.</p>
+
+<p>Aber was halfen nun noch Schirme.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>&raquo;Wir sind wie gebadete Katzen,&laquo; schrie Fr&auml;ulein Edith,
+vor Vergn&uuml;gen au&szlig;er sich.</p>
+
+<p>Stephan sah, da&szlig; Wynfried Lohmann sich in herzlicher
+Besorgnis seiner Frau zuwendete.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht,&laquo; dachte er, &raquo;vielleicht ist das Unwahrscheinliche
+wahr, und sie lieben sich.&laquo;</p>
+
+<p>So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe
+hatte wohl Recht, als sie nachher noch sagte: &raquo;Diese gr&auml;&szlig;lich
+sch&ouml;ne Natur. &ndash; Verla&szlig; ist nie darauf.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_5" id="Kapitel_5"></a>5</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">K</span>lara dachte &uuml;ber die vergangenen Monate nach.</p>
+
+<p>Der Tag lud sie f&ouml;rmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag,
+und ihr dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses
+ein und hatte ein Fenster nach dem H&uuml;ttenwerk,
+eines nach den Anlagen und dem Flu&szlig; zu. Aber auch von
+diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren gewohnten
+Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schr&auml;gen Blick
+hin&uuml;ber auf die rauchende, flammende und rumorende
+Welt der Arbeit.</p>
+
+<p>Die sch&ouml;nen Sachen von Klaras Mutter m&ouml;blierten das
+Zimmer. Sie waren v&ouml;llig unbesch&auml;digt erhalten gewesen,
+und man hatte nur ihrem Mahagoniglanz nachgeholfen.
+Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen Seidendamast
+stand an der Hauptwand. Dar&uuml;ber hing das Bild der
+Mutter. Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr
+glich, leuchtete fein und hell vor dem gr&uuml;nen Hintergrund
+im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem halbhohen
+Teeschrank an der Wand gegen&uuml;ber ging zwischen den
+kleinen Alabasters&auml;ulen die gelbbronzene Pendelscheibe
+hin und her; oberhalb des Zifferblattes, auf der alabasternen
+Br&uuml;cke, schritt der kleine, fiedelnde Amor. Nichts
+war hier neu als der Teppich, der zu der Einrichtung
+passend beschafft worden war, die Spitzenvorh&auml;nge an den
+<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge
+Frau nicht durch h&auml;usliche Pflichten oder durch ihren
+Schwiegervater in Anspruch genommen war, sa&szlig; sie am
+liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte &uuml;ber den Flu&szlig;,
+das wellige Gel&auml;nde, die kleine Stadt, die freundlich und
+rotbunt mit all den vielen Fischr&auml;uchereien dr&uuml;ben sich
+um den Kirchturm dr&auml;ngte. Sie sah auch die Schornsteine
+und die Spitzen der wunderlich phantastischen Bauten des
+H&uuml;ttenwerks. An den Hoch&ouml;fen, die sich nach oben zu
+in gebrochenen Linien verj&uuml;ngten, konnte sie all die sie
+umgebenden Rohrw&uuml;lste und umlaufenden Galerien erkennen.
+Sie verfolgte, wie an den Schr&auml;gaufz&uuml;gen die
+kleinen Erzwagen hochklommen, und wu&szlig;te, da&szlig; die dann
+oben ihren Inhalt in die Beschickungs&ouml;ffnungen hineinsch&uuml;tteten.</p>
+
+<p>Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den
+Rauch schon vom Rande weg und zerjagte ihn ostw&auml;rts in
+der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam manchmal die
+Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der
+hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das
+Wasser des Flusses und der Bucht, zu der er sich gleich
+hinterm hohen Ufer des St&auml;dtchens erweiterte, wechselte
+die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald glei&szlig;te es
+in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus,
+wie tr&uuml;bes Zinn. Und die M&ouml;wen flogen, mit wei&szlig;em
+Fl&uuml;gelschlag im Schatten, mit silbrigem Blitzen in der
+Sonne.</p>
+
+<p>Im Vordergrund, an den B&uuml;schen und B&auml;umen der
+Anlagen hing hie und da noch rostfarbenes Laub. Von
+den meisten &Auml;sten und Zweigen aber hatten Nebel, Regen
+und Sturm es l&auml;ngst fortgerissen.</p>
+
+<p>Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter,
+das die Landstra&szlig;e von der Besitzung schied, arbeitete der
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>G&auml;rtner, um die Rosen niederzulegen und allerlei niedrige
+Zierstr&auml;ucher, die den Vorgarten schm&uuml;ckten, f&uuml;r den Winter
+mit Tannendecken zu sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien
+niedergedr&uuml;ckt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit
+dachte sie &uuml;ber den Weg nach, den ihr Leben in den
+letzten Monaten zur&uuml;ckgelegt.</p>
+
+<p>Auf das allermerkw&uuml;rdigste war dabei die gro&szlig;e Ver&auml;nderung
+in allen &auml;u&szlig;erlichen Daseinsbedingungen kaum
+ein Gegenstand ihrer Betrachtungen. Eigentlich hatte sie
+sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem
+reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch
+Erinnerungen genug wach waren an die &Uuml;ppigkeit, die
+ihre erste Jugend umgab; vielleicht auch, weil sie in diesem
+Raum eine ganz gewohnte Umgebung behalten hatte;
+und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom Reichtum
+zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tr&auml;nen ihrer Mutter
+entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes
+an sich erfuhren, tragen als Gewinn all des Jammers
+Unabh&auml;ngigkeit davon. Klara wunderte sich selbst oft,
+wie unabh&auml;ngig sie von dem Bewu&szlig;tsein der Millionen
+dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz n&uuml;chtern und einfach,
+wenn etwa ihre Pflegemutter wie trunken und
+staunend von dem Reichtum sprach: es ist ja gar nicht
+meiner! &ndash; Sie war keinen Augenblick berauscht von dem
+Wissen, da&szlig; ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher
+f&uuml;hlte sie sich in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen
+die eine bestimmte Erkenntnis, da&szlig; es von ihr nicht geschmackvoll
+sein w&uuml;rde, Aufwand f&uuml;r ihre Person zu verlangen
+oder zu treiben.</p>
+
+<p>&raquo;Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,&laquo; sagte sie,
+wenn die alte Doktorin Lamprecht immer wieder ihre
+einfache Kleidung besprach und meinte: &raquo;An deiner Stelle
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>w&uuml;rde ich&nbsp;...&laquo; Ja, was nicht alles? Sich mit Schmuck
+beh&auml;ngen? Und von Samt und Gold starren?</p>
+
+<p>Klara wu&szlig;te, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu
+bleiben, war ihr einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.</p>
+
+<p>Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengro&szlig;e
+Dankesschuld abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; sie an diesem Novembermorgen, der f&uuml;r sie
+wie ein Auftakt zu einem festlichen Tage war, und dachte
+nach, wie weit sie denn eigentlich gekommen sei und ob
+alles schwer oder leicht gewesen.</p>
+
+<p>Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie begl&uuml;ckend!
+Von jenem ersten Augenblick an, wo sie als Braut seines
+Sohnes neben seinem Sessel niederkniete und die Hand
+k&uuml;&szlig;te, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters und die
+Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten&nbsp;...</p>
+
+<p>Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das
+junge M&auml;dchen konnten nicht von dem sprechen, was sie
+zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten: rette meinen
+Sohn! Sie konnte nicht schw&ouml;ren: mein Leben f&uuml;r ihn &ndash;
+damit er dir recht leben kann!</p>
+
+<p>Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das
+wunderbarste, und wie sie sich damals mit langen, tiefen
+Blicken alles gesagt, so war es bis auf den heutigen Tag
+geblieben: ein L&auml;cheln, ein andeutendes Wort, ein rascher
+Blick &ndash; und sie wu&szlig;ten voneinander, was sie dachten.
+In gro&szlig;en Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und
+der alte Herr sagte manchmal: &raquo;Kind, ich mu&szlig; mir&#8217;s immer
+mit Gewalt vergegenw&auml;rtigen, da&szlig; du nicht von meinem
+Blute bist.&laquo; Und er sprach auch von dem Geheimnis
+seelischer &Uuml;bertragungen. &raquo;Deine Mutter hat mich
+geliebt und hat mich verstanden. &ndash; Das hat hin&uuml;bergewirkt
+auf dein Wesen &ndash; vielleicht ohne da&szlig; sie es
+wu&szlig;te, hat sie aus dir mein Kind geformt.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>Klara f&uuml;hlte auch, wie der t&auml;gliche Umgang mit ihm
+sie reich machte und wie viel Interesse er in ihr weckte, wie
+er ihr Wissen erweiterte. Ihr geistiges Leben, so dachte sie
+oft, begann in der Zeit, als sie den Kranken jeden Sonntag
+hatte besuchen d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung
+das Gef&uuml;hl: ich habe recht getan.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr,
+wie kein Arzt es f&uuml;r m&ouml;glich gehalten; seine Stimmung
+war so gleichm&auml;&szlig;ig und milde, wie man es noch nie an
+ihm beobachtet hatte.</p>
+
+<p>Und der Generaldirektor Th&uuml;rauf, der ihm mit bewundernder
+Treue ergeben war, sagte der jungen Frau:
+&raquo;So kommt der gro&szlig;e Arbeiter, der nie f&uuml;r sein privates
+Leben viel W&auml;rme gehabt hat, doch noch zu einem
+sch&ouml;nen Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen
+behangen.</p>
+
+<p>Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?</p>
+
+<p>Da war&#8217;s nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde
+noch nicht immer einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet
+Klara bald, hatte von vornherein die Annahme: Die
+junge Frau regiert den alten Herrn, also hei&szlig;t es bei
+ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte
+es demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten
+auf die F&uuml;hrung eines so gro&szlig;en Hausstandes vorbereitet
+war, mu&szlig;te sie all ihre rasche Intelligenz zusammennehmen,
+um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute
+alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen
+kleinen Rahmen ihres wirtschaftlichen Lebens heraus,
+auch keinen Rat geben. Aber sie entdeckte in sich &uuml;berraschenderweise
+die Begabung f&uuml;r diese Dinge, die vielleicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr
+Mut, und sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein.
+Als ihr Schwiegervater einmal schalt, da&szlig; sie zu viel
+umherlaufe und sich mit der Organisation der Rechnungsablage,
+mit der Kontrolle der W&auml;schevorr&auml;te und
+der Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage,
+sagte sie: &raquo;Ach, Vater &ndash; das meinst du gar nicht wirklich.
+Es sind doch Werte! Wenn es auch vielleicht f&uuml;r deine
+Eink&uuml;nfte gleichg&uuml;ltig ist, ob ein paar Tausend im Jahr
+mehr verbraucht werden &ndash; f&uuml;r deine Leute ist es nicht
+gleichg&uuml;ltig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten
+in gro&szlig;en H&auml;usern allzu flott wirtschaften d&uuml;rfen, k&ouml;nnen
+sie nachher keine guten Haushalter werden in ihrer eigenen,
+oft so sorgenvollen kleinen Selbst&auml;ndigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem
+Sinne.</p>
+
+<p>Er lebte seit vielen Jahren als gro&szlig;er Herr. Seine
+unerh&ouml;rte Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten,
+wenn viele und rasche Bedienung, jede Erleichterung
+des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm die
+Mechanik des Alltagslebens unsp&uuml;rbar machten. Au&szlig;er
+dieser Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umst&auml;nde
+und den Ablauf der Nebendinge gest&ouml;rt zu sehen, bestimmte
+ihn noch ein anderer Grund zu reicher Lebensf&uuml;hrung.
+&raquo;Wer in bedeutendem Ma&szlig;e Geld verdient,&laquo; sagte er zu
+Klara, &raquo;soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung
+ist mir verha&szlig;t. Sie ist von Grund aus unsittlich.
+Und du tust recht, nicht nur zur Erziehung der Leute,
+sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu f&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung
+k&uuml;mmerte er sich nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht,
+da&szlig; sie bei m&ouml;glichster Einfachheit blieb, und sie l&auml;chelte
+oft ger&uuml;hrt in sich hinein, wenn sie sp&uuml;rte, wie er sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>bewunderte. &ndash; Sie dachte dann immer: es ist ja eigentlich
+meine Mutter, der er huldigt.</p>
+
+<p>Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die
+hatte einen Namen und hie&szlig; Leupold. Ein Diener, der sich
+in f&uuml;nfundzwanzig Jahren so in die Art seines Herrn
+eingelebt hat, da&szlig; er sie immer versteht und sich ihr immer
+anpa&szlig;t, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile
+gesucht, der in schweren N&auml;chten treu gewacht und an
+m&uuml;hselig-langen Tagen Essen und Trinken verga&szlig;, um
+nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu vers&auml;umen &ndash;
+ein solcher Mann verdient alle R&uuml;cksichten und alle Hochachtung.
+Mit der stattlichen Entlohnung und der sch&ouml;nen
+Ziffer im Testament war es nicht getan.</p>
+
+<p>Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr
+wohl gewollt. Das wu&szlig;te Klara noch. Er hatte sogar einen
+ganz leisen Protektor- oder G&ouml;nnerton gehabt, wenn sie
+kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bi&szlig;chen
+Zerstreuung. &ndash; Von den Betrachtungen, die er fr&uuml;her
+still bei sich angestellt &uuml;ber seines Herrn Vorliebe f&uuml;r
+Fr&auml;ulein Hildebrandt, wu&szlig;te Klara nat&uuml;rlich nichts.</p>
+
+<p>Sie sp&uuml;rte aber, da&szlig; er die Schwiegertochter seines
+Herrn nicht mit Wohlwollen, sondern durchaus mit
+Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte sie mit feinem Sp&uuml;rsinn
+f&uuml;r die Gem&uuml;tsvorg&auml;nge in Halbgebildeten, vielleicht
+fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn
+nicht standesgem&auml;&szlig;. Und ganz gewi&szlig; dachte er, die Pflege
+der Schwiegertochter sei dem alten Herrn angenehmer
+als die Handreichungen des Dieners. Sie las ihm f&ouml;rmlich
+die bitteren Gedanken von der Stirn: &raquo;So lange hab&#8217;
+doch ich&#8217;s am besten verstanden&nbsp;...&laquo; Nun mu&szlig;te sie
+ihm gewisserma&szlig;en den Hof machen, rief ihn oft zur
+Hilfe, wenn es gar nicht n&ouml;tig gewesen w&auml;re und wenn
+der Geheimrat auch sagte: &raquo;Wozu erst Leupold rufen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden:
+sich nichts vergeben durch zu gro&szlig;e und verkehrte R&uuml;cksichtnahme
+und dennoch immer dem Manne zeigen, da&szlig;
+auch sie dankbar seine Verdienste sch&auml;tze.</p>
+
+<p>Wie st&ouml;rend. Nur ein Nebenumstand &ndash; nicht mehr.
+Aber doch. &ndash; Mit den gro&szlig;en Sachen, die man deutlich
+sieht und fest fassen kann, wird man immer bald fertig.
+Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:
+es ist ja nicht der M&uuml;he wert, dar&uuml;ber so viel nachzudenken
+&ndash; das sind die rechten St&ouml;renfriede.</p>
+
+<p>Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof lie&szlig; sich
+auch nicht rasch in die klare Form und zu der segensreichen
+Ausdehnung bringen, wie sie sich gedacht gehabt.</p>
+
+<p>So manche Mutter, mit der sie fr&uuml;her aus eigenem
+herzlichen Antrieb oder auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten,
+des Herrn Magers, &uuml;ber die Fehler ihrer Kinder
+gesprochen oder &uuml;ber die W&uuml;nschbarkeit besserer Pflege
+f&uuml;r die schw&auml;chliche Gesundheit der Kleinen, kam nun
+vertraulich mit dr&auml;ngenden und unerf&uuml;llbaren Anspr&uuml;chen.
+Es schien gerade, als h&auml;tten M&uuml;tter und Kinder von der
+Schicksalswendung der Lehrerin f&uuml;r sich auch goldene
+Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara fr&uuml;her
+in besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob
+nun Forderungen.</p>
+
+<p>Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater
+besprechen und von ihm tr&ouml;stend vernehmen, da&szlig; die
+Ungleichheit und die Bed&uuml;rftigkeit doch nie aus der Welt
+zu schaffen sei, und wenn alle Milliard&auml;re und Million&auml;re
+ihr Gold zur Verteilung br&auml;chten.</p>
+
+<p>Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten
+Tisch speist, fand Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch,
+wie das Bitten und Betteln gerade dem Mildherzigen
+seine sorglose Lage verg&auml;llt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>Noch ehe ihr &uuml;berhaupt auch nur einmal das Gef&uuml;hl
+gekommen war, sie sei selbst eine reiche Frau geworden,
+fing sie schon an, die Lasten und Verantwortungen des
+Reichtums zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine
+Episode hatte es gegeben. Ihr fr&uuml;herer Kollege, dessen
+gl&uuml;hende Verehrung f&uuml;r sie den vergn&uuml;gten Spott der
+Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr
+Kehl seine seelische Abh&auml;ngigkeit von Fr&auml;ulein Hildebrandt
+nicht zu verbergen vermochte, der kam und brachte ihr
+seine zum achten Male umgearbeitete Novelle. In zitternder
+Scheuheit stand er vor ihr, und ihre unver&auml;nderte
+freundliche G&uuml;te ergriff ihn und steigerte sichtlich seine
+Begeisterung. Er erbat von Klara Pr&uuml;fung seiner Novelle
+und die Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe
+auf ihre Kosten und vor allen Dingen ihr Urteil. Klara
+dachte sich wohl, da&szlig; er von ihr ging mit dem Gef&uuml;hl:
+nun durch ihre m&auml;chtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm
+und Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine m&auml;chtige
+Hand und genau ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern
+oder gro&szlig;en Redaktionen wie Herr Kehl selbst. Und
+obendrein war die Novelle von &uuml;berw&auml;ltigender Komik
+und spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er
+fabelhafte Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb,
+da&szlig; er vielleicht besser tue, die Welt, die er kenne, zu
+schildern, und andeutete, da&szlig; sie seine Arbeit nicht f&uuml;r
+druckreif halte, f&uuml;rchtete sie schon, da&szlig; sie sich einen Feind
+mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, gr&uuml;&szlig;te er
+kaum und mit geh&auml;ssigem Blick. Und von Herrn Magers
+h&ouml;rte sie dann, da&szlig; man den Kehl entlassen m&uuml;sse. Er
+spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden davon,
+da&szlig; Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers&#8217;
+kluges T&ouml;chterlein hatte gesagt: &raquo;Papa, es klingt, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>wenn er Fr&auml;ulein Hildebrandt meint.&laquo; &ndash; F&uuml;r die Kinder
+war sie noch immer &raquo;Fr&auml;ulein Hildebrandt&laquo;.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Auch vielleicht kaum der M&uuml;he wert, &uuml;ber die Episode
+Kehl nachzudenken! Und doch, wie war es wunderlich,
+da&szlig; das eigene Leben in keine Bewegung kommen kann,
+ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch
+anderer Leben in Bewegung zu setzen.</p>
+
+<p>Ihr Schwiegervater &uuml;berwies ihr bald eine bestimmte
+Summe, die ihr in monatlichen Raten ausbezahlt wurde.
+Damit sollte sie dann nach eigener Erkenntnis helfen,
+wo es ihr gerecht schien. Es w&uuml;rde nicht ohne schmerzende
+Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem
+Gebiet hei&szlig;e es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit
+ihr die vorhandenen Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein
+Krankenhaus und die Schule die haupts&auml;chlichsten waren.
+Das besch&auml;ftigte sie auf erhebende Art. Sie wollte trachten,
+sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.</p>
+
+<p>Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.</p>
+
+<p>Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten
+und machten f&uuml;hlbar, da&szlig; man mit sich und anderen
+vorw&auml;rts kam.</p>
+
+<p>Die wichtigste aller Fragen aber war nat&uuml;rlich diese:
+Wie weit war sie mit ihrem Mann gekommen?</p>
+
+<p>Beinahe h&auml;tte sie sich rasch geantwortet: sehr weit &ndash;
+&uuml;berraschend weit!</p>
+
+<p>Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mu&szlig;te sie sich
+sagen: ich wei&szlig; es nicht!</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein ganz anders geartetes Menschentum ist
+doch im Manne, dachte sie.</p>
+
+<p>Davon nat&uuml;rlich hatte sie vorher nichts wissen k&ouml;nnen.
+Und sie gr&uuml;belte dem R&auml;tsel &raquo;Mann&laquo; nach.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te nun schon, da&szlig; Mann und Weib zwei
+verschiedene Welten in sich tragen und da&szlig; nur die Liebe
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>die gro&szlig;e Kluft &uuml;berbr&uuml;cken kann, die zwischen beiden
+sich dehnt. &Uuml;berbr&uuml;cken &ndash; nie ganz ausf&uuml;llen&nbsp;...</p>
+
+<p>Welches Wunder: einsam steht der eine h&uuml;ben, die
+andere dr&uuml;ben!</p>
+
+<p>Und jeder und jede denkt &uuml;ber den anderen Teil wie
+&uuml;ber etwas nie ganz Ergr&uuml;ndliches nach.</p>
+
+<p>Das hatte ganz gewi&szlig; irgend einen geheimnisvollen
+Zweck und Grund &ndash; war keine Laune der Natur.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen
+Eifer war sie in die Ehe gekommen, in der Hoffnung: in
+ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie wollte, sie mu&szlig;te
+ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die klugen
+Augen des Vaters doch durchschauten, da&szlig; sie ein Opfer
+gebracht hatte &ndash; ein Dankopfer ... Und auch aus einem
+eigenen, kr&auml;ftigen Lebensgef&uuml;hl heraus: sie w&uuml;nschte
+sich das Gl&uuml;ck! Wer w&uuml;nscht es sich nicht?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe &ndash; jene, die
+sie ersehnte &ndash; immer noch nicht erwacht. Sie meinte
+es mit keinem Menschen auf der Welt besser als mit
+Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr
+heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten,
+zu fesseln, zu beeinflussen, anzuregen.</p>
+
+<p>Es w&uuml;rde sie ersch&ouml;pft haben, ihre Nerven h&auml;tten
+&uuml;berreizt davon werden k&ouml;nnen, wenn nicht der Erfolg
+gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zur&uuml;ck &ndash; er
+begann Reiz an der Arbeit, Interesse f&uuml;r das Werk zu
+gewinnen. Er wurde ein anderer&nbsp;...</p>
+
+<p>War es nicht genug Gl&uuml;ck, das zu sehen?</p>
+
+<p>Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von
+Ehen, wo diese ruhige Freundlichkeit des Gem&uuml;tes
+und die gro&szlig;e Pflicht zur Arbeit als voller Inhalt
+gen&uuml;gte?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>Da&szlig; es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte
+man gewi&szlig; nicht sagen&nbsp;...</p>
+
+<p>Allm&auml;hlich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit
+hinzu &ndash; all die tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja
+wie Ringe und bilden zuletzt eine Kette von nicht mehr
+&uuml;bersehbaren Gliedern &ndash; und die umschlingt dann zwei
+Menschen und macht ihr Schicksal zu einem&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht &ndash;
+es war nur eine l&auml;cherliche Kleinlichkeit gewesen. &ndash;
+Und doch: wie hob es sie gleich.</p>
+
+<p>Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein
+linkes Handgelenk &ndash; ob da wohl wieder das fatale Armband
+zum Vorschein k&auml;me, das ihr gestern so unangenehm
+aufgefallen war &ndash; sie merkte: es war fort!</p>
+
+<p>Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme
+Frau gewesen, um deretwillen er so viel Jugendjahre
+vergeudet. &ndash; Es tat Klara wohl, da&szlig; er es nicht mehr
+trug.</p>
+
+<p>Wenn man keine hei&szlig;e Liebe zueinander hat, f&uuml;hlte
+sie oft, mu&szlig; immer wachsame R&uuml;cksicht die Zartheiten
+der Liebe ersetzen.</p>
+
+<p>Mit sich selbst und ihrem ganzen Verh&auml;ltnis zu ihrem
+Manne war sie v&ouml;llig im klaren: wenn sie auch keine
+Leidenschaft f&uuml;r ihn empfand, wenn auch niemals ihre
+W&auml;rme f&uuml;r ihn, &uuml;ber die herzliche schwesterliche Teilnahme
+hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte &ndash;
+so mu&szlig;te dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres
+Lebens sein und bleiben. Sie wollte, sie durfte niemals
+einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend etwas zu
+verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern
+war, durfte ihr nie beikommen. Sie mu&szlig;te und wollte
+ihr Dasein daran setzen, damit das seine ihm n&uuml;tzlich und
+hell werde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht
+&uuml;bernommen worden, und sehr klar.</p>
+
+<p>Ganz unklar aber war ihr noch sein Verh&auml;ltnis zu
+ihr. Da fingen lauter R&auml;tsel an.</p>
+
+<p>Das erste und gr&ouml;&szlig;te war dies gewesen: ein Mann
+konnte, ohne von gl&uuml;hender, ausschlie&szlig;licher, heiliger
+Liebe f&uuml;r eine Frau erf&uuml;llt zu sein, dennoch in gewissen
+Stunden und Stimmungen von einem Rausch hingerissen
+werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Geb&auml;rden,
+ihre Mienen, ihre bedr&auml;ngende Hingebung annahm.
+Und vermochte in solchem Rausch, was nur Liebe
+k&ouml;nnen sollte&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gr&uuml;nde der
+Verschiedenheit zwischen Mann und Weib.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te so wenig vom Wesen des Mannes, da&szlig; sie
+keinen Begriff davon hatte, wie der erste und alleinige
+Besitz eines sch&ouml;nen jungen Weibes auch f&uuml;r einen nicht
+Liebenden voll Reiz sein kann.</p>
+
+<p>Sie w&uuml;rde sich nicht im mindesten gewundert haben,
+wenn Wynfried als ihr anspruchsloser Freund neben ihr
+dahingelebt h&auml;tte, ohne jemals ihre Schlafzimmert&uuml;r zu
+&ouml;ffnen.</p>
+
+<p>Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der
+Ehe, das Anrecht des Mannes an ihren k&ouml;rperlichen Besitz
+mit einer tapferen Selbstverst&auml;ndlichkeit, die ihr geadelt
+wurde durch den Gedanken an alles, was sie in diese Ehe
+hineingezwungen.</p>
+
+<p>Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was
+ihr ein peinliches R&auml;tsel gewesen war, als tiefe Weisheit
+der Natur anzustaunen.</p>
+
+<p>Klara wu&szlig;te: sie w&uuml;rde im Fr&uuml;hling Mutter werden.</p>
+
+<p>Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch
+noch die gro&szlig;e Liebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>In den Wundern der Mutterschaft mu&szlig;te sie ihr erbl&uuml;hen,
+f&uuml;r den Vater ihres Kindes.</p>
+
+<p>Sie bem&uuml;hte sich, wie sie hier sa&szlig; und voll Andacht
+an die Zukunft dachte und an all das Gl&uuml;ck, das dann
+vielleicht &uuml;ber sie k&auml;me, immer dringlicher, sich ihres Mannes
+angenehme Eigenschaften zu vergegenw&auml;rtigen.</p>
+
+<p>Er war ritterlich. Das erleichterte alles.</p>
+
+<p>Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon,
+da&szlig; ihre Gespr&auml;che nicht so eigentlich seine Interessen
+trafen.</p>
+
+<p>Von seinem fr&uuml;heren Leben erz&auml;hlte er sehr wenig.
+H&ouml;chstens einmal, wenn Klara davon sprach, wie herrlich
+es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre Hochzeitsreise gemacht
+hatten, und wie sch&ouml;n es werden w&uuml;rde, wenn sie
+nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater
+sagte: er bestehe darauf, da&szlig; die Kinder jedes Jahr eine
+gro&szlig;e Reise machen sollten. Dann beschrieb Wynfried
+Paris oder London oder die Pl&auml;tze, wo er Wintersport
+getrieben, und den Nil, auf dem er mit &raquo;Freunden&laquo;
+eine mehrw&ouml;chentliche Reise in einer Dahabije gemacht
+habe. Aber von den &raquo;Freunden&laquo; sprach er nicht genauer.
+Und wenn Klara einmal fragte, so lehnte er mit einem
+L&auml;cheln ab und sagte: in sein jetziges Leben pa&szlig;ten die
+nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel,
+der in ihr dies etwas kindliche und etwas t&ouml;richte
+r&uuml;hrende Mitleid ausl&ouml;ste, das unerfahrene Frauen haben
+k&ouml;nnen, wenn sie sich denken: ein Mann leidet, weil ein
+Weib ihn verriet.</p>
+
+<p>Ein herdenm&auml;&szlig;iges Gemeinsamkeitsgef&uuml;hl regte sich
+dann ziemlich stark, wenn auch unbewu&szlig;t in ihr: der Hang
+des Weibes, zu tr&ouml;sten und das gut zu machen, was eine
+Geschlechtsgenossin verbrach.</p>
+
+<p>Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem
+<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>bedeutenden Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie
+war nicht gen&auml;hrt durch Wissen vom wirklichen Kampf
+zwischen Mann und Weib. Und von den Dunkelheiten
+auf diesem Gebiet wu&szlig;te sie gar nichts.</p>
+
+<p>So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben
+zu h&uuml;llen wu&szlig;te, nur interessant, und es war, als sehe
+man unter ihnen undeutlich Gluten schimmern und wilde
+Szenen von Zorn und Klage.</p>
+
+<p>Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie
+und Romantik.</p>
+
+<p>Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung
+in der Hauptsache. &ndash; Die &raquo;Hauptsache&laquo; war f&uuml;r Klara
+ja nicht ihre Ehe und seine Stellung zu ihr selbst, sondern
+seine Beziehung zum Werk.</p>
+
+<p>Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem
+Generaldirektor Th&uuml;rauf zum erstenmal &uuml;ber k&uuml;nftige
+T&auml;tigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas furchtsamen
+Respekt vor Th&uuml;rauf, und sie war recht unruhig gewesen,
+wie diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem
+schlanken, noch merkw&uuml;rdig jugendlich wirkenden Mann
+mit den immer beherrschten Z&uuml;gen und den klaren, scharf
+blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was f&uuml;r
+einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm,
+sein Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er
+kenne. &ndash; Nun, kaltes Blut und fester Blick war wohl f&uuml;r
+seine Aufgaben n&ouml;tig. Was geh&ouml;rte dazu, solchem Mann
+zu sagen: &raquo;Ich werde fortan mit dir arbeiten &ndash; als
+k&uuml;nftiger Besitzer &ndash; als Teilhaber.&laquo; Aber Wynfried
+hatte den Geschmack, das nicht zu sagen.</p>
+
+<p>Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand
+entgegen und sagte, mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: &raquo;Ich
+bitte Sie, mir zu helfen. Es wird viel kosten, bis ich mich
+eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre Offenheit,
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>Ihre Warnungen kann ich&#8217;s nie! Und vor allen Dingen:
+stehen Sie mir bei, da&szlig; ich mir keine Bl&ouml;&szlig;en gebe &ndash; vor
+den Abteilungsvorst&auml;nden. Sie wissen wohl, das kann
+man auf zweierlei Art &ndash; nicht nur durch Hineinsprechen,
+was man denn vielleicht nicht recht zu begr&uuml;nden versteht
+&ndash; auch durch Zur&uuml;ckhaltung kann man&#8217;s, die schon von
+fern nach Unsicherheit aussieht.&laquo;</p>
+
+<p>Soweit Klara sich schon traute, M&auml;nner wie den Generaldirektor
+zu beurteilen, schien ihr, da&szlig; ihm das wohlgefallen
+habe.</p>
+
+<p>Jedenfalls war das Verh&auml;ltnis das beste, und da die
+ersten Monate doch die schwersten waren, durfte man
+hoffen, es bleibe gut.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.</p>
+
+<p>Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts
+ihn zur Regelm&auml;&szlig;igkeit gezwungen. Er hatte auch nicht
+die gesunde Schulung der Milit&auml;rzeit durchgemacht. Um
+irgend einer Kleinigkeit willen war er davon freigekommen,
+als Einj&auml;hriger zu dienen. Das Wort &raquo;Pflicht&laquo;
+klang nur ganz von fern an seine Ohren &ndash; wie es so
+viele Worte tun, die doch Unentrinnbarkeiten benennen,
+aber mit denen man sich erst in unbestimmter Zukunft
+n&auml;her zu befassen hat.</p>
+
+<p>Es gab Tage, wo er es einfach nicht &uuml;ber sich gewann,
+ins B&uuml;ro zu gehen, sich auf dem H&uuml;ttenwerk auch nur zu
+zeigen.</p>
+
+<p>Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden
+und antreibenden Frau fallen wollte, waren
+ihr solche Tage schwer. Dann br&uuml;tete er vor sich hin.
+Zuweilen ritt er stundenlang und kam ersch&ouml;pft heim.
+Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.</p>
+
+<p>Ihr gutes Gl&uuml;ck hatte Klara geleitet, da&szlig; sie ihre Sorge
+<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>dann verbarg und mit keiner Frage, keiner Bemerkung
+zeigte, wie bek&uuml;mmerlich oder wie auffallend sie sein
+Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien nichts
+Besonderes zu bemerken.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih,&laquo; sagte er das eine und andere Mal dann
+von selbst, &raquo;ich bin heute unleidlich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung
+kam meist ein Anfall von Eifer &ndash; von erh&ouml;hter Liebensw&uuml;rdigkeit.</p>
+
+<p>Dann erz&auml;hlte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau
+zu gefallen, von den Ereignissen dr&uuml;ben auf dem Werk:
+er hatte den ganzen Morgen in der Einkaufsabteilung
+gearbeitet. Gerade traf der Dampfer &raquo;Severin&laquo; wieder
+aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung
+Roteisenstein geholt &ndash; was f&uuml;r &#8217;n humorvoller, frischer
+Mann der Kap&#8217;t&auml;n Fehrs. &ndash; Oder: ein neuer Dampfer
+sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,
+und sobald die L&uuml;becker Schiffswerft ihn von Stapel
+laufen lassen konnte, mu&szlig;te Klara ihn taufen &ndash; &raquo;Klara
+Lohmann&laquo; sollte er hei&szlig;en und nicht anders. Ein andermal:
+er hatte an der Beratung teilgenommen, zu welcher
+sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und
+der Ingenieur Dr&ouml;scher um den Stuhl des alten Herrn
+versammelt gehabt. Es handelte sich darum, da&szlig; aus der
+Schlacke die Kalkteile herausgeschieden werden sollten,
+um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und
+er, Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn
+er habe doch als Volont&auml;r auf dem H&uuml;ttenwerk H&auml;phestos
+im Rheinland gearbeitet, wo man bekanntlich den Kalkgehalt
+der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz ehrlich,
+da&szlig; er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen
+m&uuml;ssen, da&szlig; er w&auml;hrend seiner Zeit auf H&auml;phestos nicht
+das allergeringste Interesse f&uuml;r diese Dinge gehabt habe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>Da war Klara ganz erschreckt gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagte Vater?&laquo; fragte sie rasch. &raquo;Es war ihm
+sicher peinlich, da&szlig; du solche Antwort geben mu&szlig;test.
+Was hast du denn getan damals auf H&auml;phestos?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vater schwieg,&laquo; antwortete er nur.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du auf H&auml;phestos nicht nach und nach in allen
+Abteilungen besch&auml;ftigt worden?&laquo; fragte sie und sah ihn
+in lebhaftem Interesse an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich &ndash; nein &ndash; ich mu&szlig;te damals oft in Paris sein &ndash;
+ein &ndash; Freund dort bedurfte meiner.&laquo;</p>
+
+<p>Dann, in pl&ouml;tzlichem Entschlu&szlig;, als sichere er ihren
+fragenden Blicken etwas zu, sprach er: &raquo;Alles l&auml;&szlig;t sich
+nachholen &ndash; Klara &ndash; du sollst noch Respekt vor mir
+bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Und nach diesem Gespr&auml;ch schien er eine Aufwallung
+von frischer Lebensfreude zu haben &ndash; war so liebevoll
+mit seiner Frau. Klara wurde von einem Gef&uuml;hl der
+Beklommenheit ganz verwirrt &ndash; ja &ndash; so sah es aus, als
+fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als
+sei sie ihm sein Halt, sein Stolz. Da sp&uuml;rte sie noch
+etwas ganz anderes als jenen Rausch, den sie nicht verstand
+und der ein Wunder war und ein R&auml;tsel und vielleicht
+sehr abscheulich oder vielleicht ein gro&szlig;er Naturzweck&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ob sie wohl je dahin kommen w&uuml;rde, das wechselnde
+Wesen ihres Mannes zu verstehen? Und die tiefsten Gr&uuml;nde
+seiner Unausgeglichenheit aufzusp&uuml;ren?</p>
+
+<p>Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er
+es aufnahm, da&szlig; ihre Zweisamkeit sich im Fr&uuml;hling zur
+Familie erweitern w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Schon Vater werden? &ndash; Wie alt kommt man sich
+vor. &ndash; Ja, das ist dann wieder eine neue Lebensepoche
+&ndash; man wird immer mehr Philister&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>Sie sah ihn an &ndash; starr &ndash; staunend &ndash; vor peinlicher
+&Uuml;berraschung stumm. Doch ehe es dazu kam, da&szlig; diese
+ihre &Uuml;berraschung sich in Schmerz aufl&ouml;sen konnte, erfa&szlig;te
+Wynfried schon ihre beiden H&auml;nde. K&uuml;&szlig;te ihr die Rechte
+&ndash; k&uuml;&szlig;te ihr die Linke und sagte: &raquo;Welche erhebende Aussicht&nbsp;...&laquo;
+Und lie&szlig; sie allein &ndash; als treibe ihn Verlegenheit
+fort.</p>
+
+<p>Von da an kamen immer h&auml;ufiger die Augenblicke,
+wo Klara sich fragen mu&szlig;te: liebt er mich doch? Es machte
+sie gl&uuml;cklich und &auml;ngstlich zugleich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde
+ihn auch lieben &ndash; einmal &ndash; dann ... ja dann&nbsp;...</p>
+
+<p>Es wurde sehr stark an die T&uuml;r geklopft. Das machte
+ihrem Nachsinnen ein Ende. Sie wu&szlig;te, wer kam und
+wer so klopfen lie&szlig;. Sonst war ihr erster Weg jeden Morgen
+hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern
+gesagt: &raquo;Du sollst dir deinen Gl&uuml;ckwunsch von mir nicht
+holen. Ich bring&#8217; ihn dir. So viel H&ouml;flichkeit steckt doch
+noch in mir altem br&uuml;chigen Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm &auml;rgerlich
+war, nur einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.</p>
+
+<p>Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gef&auml;hrt
+kleidete gewisserma&szlig;en den alten Herrn nicht so gut
+&ndash; im m&auml;chtigen Ledersessel thronte er. Hier sah man so
+deutlich, da&szlig; ein Gel&auml;hmter darin sa&szlig;. Vielleicht hatte
+er selbst ein dunkles Gef&uuml;hl davon, denn er konnte sich
+mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte
+er t&auml;glich neue &Auml;rgernisse an seiner Konstruktion
+und bestritt, da&szlig; sie von der m&ouml;glichsten Vollkommenheit
+sei.</p>
+
+<p>Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war
+sehr in Anspruch genommen von dem Geschenk, das er
+<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>brachte. Leupold nahm es dem blonden Georg ab, der
+in milit&auml;rischer Haltung dem Zuge folgte und einen Damenpelz
+&uuml;ber dem Arm trug. Eine f&ouml;rmliche Prozession, und
+die junge Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich
+zur&uuml;ckgezogen hatte, hob der alte Herr ihr den Pelz entgegen,
+den man ihm auf die Knie gebreitet. Eine M&uuml;tze
+war auch dabei.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und
+will man galant sein. Hab&#8217; seit vielen, vielen Jahren
+weder Ursache noch Gelegenheit gehabt, f&uuml;r junge Damen
+was einzukaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O wie sch&ouml;n. &ndash; Prachtvoll, Vater &ndash; wie danke ich
+dir&nbsp;&ndash;&laquo; Und sie dachte: &raquo;Was soll ich nur damit?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hab&#8217; Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von
+Damentoiletten mehr als vorderhand vom Eisengu&szlig;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wynfried?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm &ndash; er
+begriff: das war eine &uuml;berfl&uuml;ssige Bemerkung gewesen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Na &ndash; das kam mir vielleicht auch nur so vor &ndash; er
+war sehr erpicht darauf, da&szlig; ich dir was Stati&ouml;ses schenke
+&ndash; Klara ist zu uninteressant angezogen ... sagte er.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo; fragte sie wieder dazwischen; &raquo;kann man denn
+&#8250;interessante&#8249; Kleider haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer
+gerade recht gekleidet,&laquo; sagte er mit Nachdruck. &raquo;Aber f&uuml;r
+Wynfrieds Geschmack mu&szlig; es Nerz und Hermelin sein &ndash;
+sieh dir das mal an &ndash; Leupold, la&szlig; mich da &ndash; hol mich
+in einer Stunde wieder &ndash; du wei&szlig;t, der Kommerzienrat
+Kreyser hat sich angemeldet. &ndash; Na, mein Kind, was
+staunst du denn den Pelz an&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch
+gern in solchem Dings sehen mag&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die
+pastellblaue Wollm&uuml;tze.</p>
+
+<p>Der bittende Ton des alten Herrn r&uuml;hrte sie. Mit
+Vorsicht breitete sie den Pelz auf den graublauen Sofa
+hin und sprach: &raquo;Wir m&uuml;ssen ihm schon den Gefallen tun
+&ndash; denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir
+nach und nach zu bestehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt
+vor dir, der ihn aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal
+verlangen. Das Gleichma&szlig; fehlt noch &ndash; noch die
+Ausdauer &ndash; aber es kommt! &ndash; Alle Begabungen sind
+da &ndash; Th&uuml;rauf ist oft ganz gl&uuml;cklich. &ndash; Du kannst dir woll
+denken, da&szlig; Th&uuml;rauf und ich unter vier Augen keine sch&ouml;nen
+Redensarten &uuml;ber wichtige Dinge machen, sondern klipp
+und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara &ndash; das bist allein
+du! Meine Hoffnungen erf&uuml;llen sich. Ich kann kein
+Dankeswort sagen ... Du wei&szlig;t von selbst, was ich
+f&uuml;hle&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm.
+Stimmen aus vergangenen, schweren und doch erhebend
+sch&ouml;nen Zeiten f&uuml;llten ihn. Von der Wand sah das lieblich-ernste
+Angesicht der heiligen Toten&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht &ndash; mit all
+dem Segen, der du uns bist &ndash; nein, auch diesen Tempel
+des Ged&auml;chtnisses&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit
+die kleine gelbe Pendelscheibe zwischen den Alabasters&auml;ulen
+hin und her und her und hin ging &ndash; er sah den
+fiedelnden Amor an&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Klara,&laquo; sagte er, &raquo;wir machen ja nicht viel Worte
+zusammen, du und ich verstehen uns so. Aber heut ist
+so &#8217;n Tag &ndash; dein erster Geburtstag als Frau Klara Lohmann
+&ndash; da mu&szlig; ich dir doch mal aussprechen, wie gl&uuml;cklich
+<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>es mich macht, da&szlig; du den Namen tr&auml;gst, den ich deiner
+Mutter nicht geben durfte. Und wie es mich mit der
+tiefsten Ruhe erf&uuml;llt, da&szlig; du meinem Einzigen hilfst, ein
+werkt&auml;tiger Mann zu werden. Was er sonst ist oder
+wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine
+Liebe lohnt &ndash; das macht zwischen euch zweien aus. Aber,
+gottlob &ndash; mir scheint, du bist gl&uuml;cklich! Anders zerfr&auml;&szlig;&#8217;
+es mir auch das Herz. &ndash; Ich kann in Frieden weggehen
+&ndash; du wei&szlig;t, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,
+nochmal mit der Sense ausholt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara b&uuml;ckte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn
+mit Leidenschaft.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so &ndash; o nein, Vater &ndash; du bleibst noch Jahrzehnte
+bei uns&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte resigniert &ndash; aber doch in jener Resignation,
+die Starke sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht
+vorstellen k&ouml;nnen, wie ihr Werk ohne sie sich ausnehmen
+wird.</p>
+
+<p>&raquo;Um was ich dich damals bat, als du seine Braut
+geworden warst: hilf ihm ein Mann der Arbeit zu werden,
+denn seine Mutter hat ihn zu einem Luxusmenschen erzogen,
+und er kam nachher in &uuml;ble H&auml;nde. &ndash; Ja, das hast
+du erf&uuml;llt. &ndash; Er wird einmal mein Werk als ein Berufener
+weiterf&uuml;hren. Das sehe ich schon. &ndash; Wie herrlich,
+diese Beruhigung. &ndash; Heut kommt Kreyser &ndash; ein
+alter Freund. &ndash; Wei&szlig;t du, was er will? Mit mir die
+Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft
+beraten. &ndash; Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen,
+da&szlig; wir die Dinge da in die Hand bekommen. &ndash;
+Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit vielen Jahren
+Abnehmer unseres Roheisens. &ndash; Kreyser hat kein Interesse
+mehr an seinem Werk. &ndash; Hatte einst auch gedacht:
+er arbeitet f&uuml;r S&ouml;hne. Und nun? Einer im Duell gefallen
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>&ndash; &uuml;ble Sache &ndash; man spricht besser nicht davon.
+Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo Tuberkeln
+geholt &ndash; fristet sich im S&uuml;den hin und soll nach
+Australien, was ja als das Heilkr&auml;ftigste gilt. &ndash; Fr&uuml;her
+sagte Kreyser woll mal: Na, Sie haben ja auch Not mit
+dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not mehr &ndash;
+wachsende Zuversicht. &ndash; H&ouml;re, Klara, es ist dir doch angenehm?
+Ich mu&szlig; ihn bitten, da&szlig; er zu Tisch bleibt. &ndash;
+Ihr habt so wie so G&auml;ste?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren
+von dr&uuml;ben zum Fr&uuml;hst&uuml;ck eingeladen &ndash; Likowski und
+seinen Oberleutnant,&laquo; sagte Klara zerstreut.</p>
+
+<p>&raquo;Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink &#8217;ne
+Busenfreundin geworden? Da&szlig; Wynfried gerade Likowski
+und Marning so heranzieht, freut mich. Beide haben
+meine starke Sympathie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach &ndash; Agathe? &ndash; Sie kommt sehr oft &ndash; sie ist so
+wenig mit ihrem Leben zufrieden &ndash; ich glaube, sie hat
+sich nur an mich geh&auml;ngt, um irgend etwas Neues zu
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken?
+Anderswo!&laquo;</p>
+
+<p>Klara l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist unheimlich, wie du mich kennst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo also waren sie? Ich nehme an, da&szlig; du keine
+Heimlichkeiten vor mir hast,&laquo; sagte er scherzhaft.</p>
+
+<p>&raquo;Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu
+lassen &ndash; bis heute&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie kniete neben ihm nieder &ndash; wie das oft geschah &ndash;
+dem Gel&auml;hmten schien sie dann am n&auml;chsten, konnte am
+besten zu ihm emporsehen &ndash; oben in seinem Zimmer
+hatte sie ihr niedriges St&uuml;hlchen neben seinem Thron.</p>
+
+<p>Sie faltete ihre H&auml;nde um seine Rechte. Die schlanken,
+<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>wei&szlig;en Finger pre&szlig;ten f&ouml;rmlich diese gro&szlig;e M&auml;nnerhand&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Vater,&laquo; sagte sie leise, &raquo;ich glaube, dein Haus wird
+weiterbl&uuml;hen. Und du mu&szlig;t durchaus leben, damit du
+siehst, da&szlig; ich dein Enkelkind in deinem Sinne erziehe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klara?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sprach sie, &raquo;im April.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute
+voll in das gro&szlig;e Auge&nbsp;...</p>
+
+<p>Darin blitzte ein Strahl hei&szlig;er Freude auf ... Und
+gleich wurden sie von feuchtem Glanz verschleiert ...
+Klara sah zum erstenmal eine Tr&auml;ne in diesen gebieterischen
+Augen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche
+Andacht zwischen ihnen, die keiner Worte bedurfte. Vergangenes
+und Zuk&uuml;nftiges zog durch die Gedanken des
+alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau
+wurde ihm beides zur Gegenwart. Daf&uuml;r dankte sein
+Herz ihr inbr&uuml;nstig. Und er begriff es vollends, da&szlig; die
+Liebe zu ihr das Gl&uuml;ck seines Alters war.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Um halb eins fanden sich die G&auml;ste zum festlichen
+Fr&uuml;hst&uuml;ck ein. Die Baronin Hegemeister kam ohne ihren
+Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin, da feiere ihre alte
+Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei Treppen
+hoch ihren F&uuml;nfundsiebenzigsten &ndash; ach, in so mageren
+Lebensumst&auml;nden &ndash; Gerwaldchen habe mit einer Tr&auml;ne
+davon gesprochen, und so was k&ouml;nne man doch nicht mitansehen.
+&ndash; Und da habe sie ihr das Reisegeld geschenkt und
+sonst noch dies und das mitgegeben, so da&szlig; die alte Dame
+ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Das erz&auml;hlte Agathe versch&auml;mt, weil sie halb und halb
+dachte, ihre Gutm&uuml;tigkeit werde ausgenutzt, und sie doch
+nun einmal nicht anders konnte. Nein sagen konnte sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf Bitten, die
+man mehr erriet, als geradezu h&ouml;rte. Und diese widerstandsunf&auml;hige
+Gutherzigkeit, so schuldbewu&szlig;t gebeichtet,
+war sehr liebensw&uuml;rdig.</p>
+
+<p>Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen
+furchtbaren Husten. Und Likowski berichtete, da&szlig; die alte
+Dame vor &Auml;rger ganz krank sei, weil sie hier heute fehlen
+m&uuml;sse, denn offenbar habe sie in irgend welchen ganz unlogischen
+Gedanken die Ansicht, sie geh&ouml;re verdienstvoll
+hierher.</p>
+
+<p>Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser
+mit und machte ihn bekannt. Da dieser Name einen hallenden
+Klang hatte f&uuml;r alle, die ungef&auml;hr von den &raquo;Kapit&auml;nen
+der Industrie&laquo; etwas wu&szlig;ten, nahm man die Vorstellung
+mit einem gro&szlig;en Respekt auf. Das bartlose, gro&szlig;e,
+fleischige Gesicht des st&auml;mmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit,
+die nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier &uuml;ber
+der schweren Stimmung lag, die ihn eigentlich beherrschte.
+Er sa&szlig; neben der jungen Hausfrau, deren n&auml;chste Pflicht
+es nun war, sich diesem sehr wichtigen Gesch&auml;ftsfreund des
+Werkes und pers&ouml;nlichen Freund ihres Schwiegervaters
+zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten
+Herrn, der in seinem Fahrstuhl stets, als an dem f&uuml;r ihn
+bequemsten Platz, zu H&auml;upten des Tisches pr&auml;sidierte.</p>
+
+<p>Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen
+Teil des kleinen Kreises geschieden. Denn ihr Gegen&uuml;ber,
+der Hauptmann von Likowski, gab sich immer v&auml;terlich
+und war heute in erbittertem und gespanntem Zustand.
+Er politisierte mit den beiden alten Herren und
+verschwor sich: &raquo;Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu
+schweigen, bereit zu sein und dreinzuschlagen, wenn&#8217;s befohlen
+wird. Aber man hat ja noch seinen gesunden
+Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>lassen uns ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf
+&uuml;bern&auml;chstes Jahr ... Sie sollen mal sehen &ndash; das ist
+das Schicksalsjahr. &ndash; Dann geht&#8217;s los! &ndash; Nun, wir sind
+fertig! &ndash; Es <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> mal kommen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara mu&szlig;te sich M&uuml;he geben, zuzuh&ouml;ren. &ndash; In ihr
+war eine stille und doch eine so starke Freude gewesen,
+als wenn diese kleine Feier ihres Geburtstags ein Erlebnis
+werden w&uuml;rde. &ndash; So war ihr manchmal zumut,
+wenn G&auml;ste kommen sollten. &ndash; Dieselben G&auml;ste &ndash; aber
+immer kam eine Art von Trauer oder Schwere &uuml;ber sie,
+gleich einer grenzenlosen Entt&auml;uschung.</p>
+
+<p>Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara
+sah, wie leicht und lebhaft sich ihr Mann in den neckischen
+Ton fand. Agathe konnte auf eine so durchsichtige und
+naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines faustdicken
+Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen
+Vergn&uuml;gungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht
+im mindesten &uuml;bel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte.
+Klara glaubte auch zu beobachten, da&szlig; Stephan von Marning
+wenig sprach. &ndash; Sie wu&szlig;te l&auml;ngst: Agathe hoffte auf
+ihn. Man h&auml;tte blind sein m&uuml;ssen, das nicht zu erkennen.
+Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen&nbsp;...?</p>
+
+<p>Denn dies war das Merkw&uuml;rdige an dem Fall, den
+alle Menschen dieses geselligen Kreises beobachteten: niemand
+sagte: &raquo;Welches Gl&uuml;ck f&uuml;r den unbemittelten jungen
+Offizier,&laquo; sondern jeder fragte: &raquo;Ob er sie wohl nimmt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; dachte Klara, &raquo;nein &ndash; das ist nicht die Frau,
+die ich ihm w&uuml;nsche&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese
+beiden als Paar vorstellte.</p>
+
+<p>Wynfried hatte einmal gesagt: ein sch&ouml;nes Paar &ndash;
+er gro&szlig;, schlank, dunkel &ndash; sie so blond, &uuml;ppig, ganz weiche
+Weiblichkeit und so entz&uuml;ckend gepflegt&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn
+Wynfried nicht, da&szlig; das doch einfach unm&ouml;glich war&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen;
+seither hatte sich der Betrieb um einen Hochofen
+vermehrt, auch war die Fabrikation von Ammoniak und
+Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und
+Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang
+machen zu d&uuml;rfen. Marning h&ouml;rte es und erbat die Erlaubnis,
+sich anzuschlie&szlig;en. Sogleich sagte Agathe, da&szlig;
+sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk sehen
+zu d&uuml;rfen, sie habe es nur nicht sagen m&ouml;gen. Also gleich
+nach dem Kaffee und der Zigarre. &ndash; Zum Genu&szlig;
+dieser lie&szlig;en die beiden Damen die Herren eine halbe
+Stunde allein.</p>
+
+<p>Agathe war sehr damit besch&auml;ftigt, ob ihr Haar auch
+noch ordentlich sitze und wie Klara die dunkelgr&uuml;ne Toilette
+finde. Der Seidenstoff sei ihr ein wenig, ein Sp&uuml;rchen
+zu gl&auml;nzend ausgefallen; f&uuml;r sie seien stumpfe Stoffe
+kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und pr&uuml;fte ihr
+Bild und war beinahe ger&uuml;hrt &uuml;ber all die Sch&ouml;nheit, der
+der eine immer noch widerstand&nbsp;...</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf,
+und sie warf sich Klara an den Hals &ndash; mit beiden runden
+Armen umschlang sie sie und pre&szlig;te sie heftig an sich.</p>
+
+<p>&raquo;Klara,&laquo; sagte sie, &raquo;liebste, beste Klara &ndash; schenken Sie
+mir das Du &ndash; la&szlig; uns Freundinnen sein &ndash; Du? nicht
+wahr. Du?!&laquo;</p>
+
+<p>Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur,
+sich so schnell an einen Menschen nahe anzuschlie&szlig;en. Und
+wenn ihr Agathe auch nicht unsympathisch war &ndash; wie
+konnte dies gutherzige Naturkind es irgend einem Menschen
+sein? &ndash; so schien ihr doch, als gebe die Gew&auml;hrung des
+&raquo;Du&laquo; einem anderen Wesen ein &uuml;berraschendes, ja geradezu
+<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>unbequemes Anrecht auf ihre N&auml;he. Und ihr war, als
+m&ouml;ge sie lieber allein bleiben.</p>
+
+<p>Eine Ablehnung schien unm&ouml;glich. Agathe erwartete
+eine solche auch keinen Augenblick, k&uuml;&szlig;te Klara heftig ab
+und sagte: &raquo;Ich mu&szlig; dir gleich was anvertrauen! Ich
+<em class="gesperrt">mu&szlig;</em>. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich liebe ihn!
+Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja &ndash; ich mag
+nicht mehr leben &ndash; ich will nicht mehr leben, wenn er
+mich nicht liebt.&laquo;</p>
+
+<p>Sie begann zu weinen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihn?&laquo; fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu
+tun, als wisse sie nicht&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Gott &ndash; du fragst?! Wen denn als Stephan Marning
+&ndash; kann man anders? &ndash; Und ich warte und warte
+&ndash; im Sommer schien es &ndash; ich hoffte &ndash; damals im
+August. &ndash; Dann kam gleich das Man&ouml;ver &ndash; dann hatte er
+vier Wochen Urlaub und war bei seinen Verwandten &ndash;
+damals dachte ich: er will erst seine Sippe fragen, fand&#8217;s
+nat&uuml;rlich &ndash; aber die haben ihm ganz, ganz gewi&szlig; nicht
+abgeraten &ndash; ich wei&szlig; es durch die Gerwald, die da Beziehungen
+hat &ndash; sein Onkel w&uuml;nscht ja blo&szlig;, da&szlig; er reich
+heiratet. &ndash; Dann kam er wieder &ndash; ist seitdem noch nie
+allein auf Lammen gewesen &ndash; bringt immer Likowski
+mit &ndash; ach nein &ndash; umgekehrt: l&auml;&szlig;t sich von ihm mitnehmen
+&ndash; als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ...
+Klara &ndash; ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> die Wahrheit wissen!&nbsp;... Zeige mir
+gleich deine Freundschaft. &ndash; Weihe unser B&uuml;ndnis ein,
+durch eine Tat &ndash; sprich mit ihm &ndash; klopfe auf den Busch
+&ndash; nein, frage geradezu &ndash; sage ihm, da&szlig; ich Selbstmord
+begehe, wenn er nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Schluchzen nahm ihr die F&auml;higkeit, auch nur noch
+ein Wort herauszubringen. Klara schob sie f&ouml;rmlich bis
+zur Chaiselongue, die quer am Fu&szlig;ende von ihrem Bett
+<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>stand. Da sank die vor Ungl&uuml;ck zum Tode Bereite schwer
+auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind &ndash;
+vor Liebesverlangen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht leben ohne ihn,&laquo; jammerte sie.</p>
+
+<p>Und dann wieder: &raquo;Wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, warum?
+Bin ich nicht ganz h&uuml;bsch &ndash; ich hab&#8217; Geld &ndash; ich lieb&#8217;
+ihn &ndash; so hat noch nie ein Weib geliebt &ndash; so liebt ihn
+keine wieder &ndash; nein &ndash; ich will sterben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara sah den Ri&szlig;, der zwischen dem Gef&uuml;hl dieser
+Frau und ihrem Gebaren mitten hindurchging, sehr wohl.
+Dennoch ergriff sie alles auf das heftigste.</p>
+
+<p>Sie schritt auf und ab. Sie war sehr bla&szlig;. Diese
+Szene war ihr ganz und gar zuwider, obgleich ein starkes
+Mitleid ihr Herz klopfen machte&nbsp;...</p>
+
+<p>Das war Liebe! Die gro&szlig;e Liebe, die lieber sterben
+als entsagen will&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es mu&szlig;te berauschend, vernichtend, herrlich sein, das
+f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien &ndash;
+o Gott &ndash; nein &ndash; das k&ouml;nnte ich nicht,&laquo; dachte sie.</p>
+
+<p>Ihr schien, als n&auml;hmen so laute Klagen einer Leidenschaft
+W&uuml;rde und Gr&ouml;&szlig;e.</p>
+
+<p>Und es wurde von ihr verlangt, da&szlig; sie &ndash; sie! &ndash;
+unkeusch zum Manne &ndash; zu <em class="gesperrt">diesem</em> Manne, als Vermittlerin
+davon sprechen sollte? Unm&ouml;glicher Gedanke&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sprach sie, &raquo;das kann ich nicht. Das tue ich
+nicht. In diese heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch
+sich einmischen? Mit Worten an Geheimnisse r&uuml;hren, die
+zu zart sind, als da&szlig; man sie laut ausgesprochen haben
+m&ouml;chte &ndash; nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber
+ich denke: was h&uuml;lfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf
+es der Vermittlung nicht, und er wird schon eines Tags
+sprechen; &ndash; wenn er dich nicht liebt, ist es eine Dem&uuml;tigung
+<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>f&uuml;r dich, da&szlig; ich sprach &ndash;&nbsp;&ndash; O nein! &ndash; Du mu&szlig;t
+die Haltung finden, gefa&szlig;t abzuwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast gut von Haltung reden,&laquo; sagte Agathe und
+dr&uuml;ckte sich ihr geballtes Taschentuch gegen die Augen,
+behauchte es und tupfte wieder, &raquo;wenn man einen solchen
+Mann hat &ndash; der sich so auf Frauen versteht &ndash; ja &ndash;
+du kannst lachen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint
+auszusehen, besiegte ihn f&uuml;r den Augenblick.</p>
+
+<p>&raquo;Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, da&szlig;
+er sich immer den Freiherrn von Marning einl&auml;dt, wenn
+du kommst. Und du wirst gewi&szlig; oft kommen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch etwas!&laquo; seufzte Agathe, und ihr weiches
+Herz, das der Freude so bed&uuml;rftig war, hoffte aufs neue.</p>
+
+<p>Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun
+die Tr&auml;nenspuren auf der zarten Haut und lie&szlig;en sich mit
+allem Tupfen doch nicht so rasch verjagen. Aber es kam
+wie eine Eingebung &uuml;ber die blonde Frau. Mochte er
+es nur sehen, da&szlig; sie in Tr&auml;nen und Gram verging&nbsp;...</p>
+
+<p>Nun hatte sie gro&szlig;e Eile, wieder zu den Herren zu
+kommen, die gewi&szlig; schon im Salon seien.</p>
+
+<p>Sie trat ein. &ndash; Sie f&uuml;hlte auf der Stelle: alle Herren
+sahen sie an und sahen, da&szlig; sie geweint hatte.</p>
+
+<p>Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und
+bettelten zu dem Geliebten hin&uuml;ber, und in ihrem Gesicht
+stand beinah lesbar der Ausdruck: &raquo;Ja &ndash; sieh mich nur
+an! Um dich leide ich! Um dich &ndash; Grausamer&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und Klara sah es wohl: &uuml;ber das Angesicht des Mannes
+flog ein leiser, vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck
+von Pein &ndash; ihr kam auch vor, als werde seine Haltung
+noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das tat&nbsp;...</p>
+
+<p>Man wollte nun hin&uuml;ber zu dem Werk gehen. Es
+<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>gab ein Durcheinander. Da war Leupold, der seinen Herrn
+wieder nach oben transportieren wollte. Und es hie&szlig;,
+Klara m&uuml;sse den neuen Pelz tragen &ndash; der Spender solle
+sie noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in
+ihrer pl&ouml;tzlichen, erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.</p>
+
+<p>Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. &ndash; Wie
+schwer ihr das kostbare St&uuml;ck auf den Schultern lag &ndash;
+als fiele eine Last auf sie. Und da war auch die M&uuml;tze:
+er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich geschickten
+Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. &ndash;
+Und es schien, da&szlig; Wynfried von ihrem Aussehen entz&uuml;ckt
+sei &ndash; er l&auml;chelte zufrieden &ndash; nein, mehr: z&auml;rtlich!</p>
+
+<p>Und Klara wurde rot. Sie wu&szlig;te nicht warum &ndash;
+sie h&auml;tte es nicht zu sagen vermocht, keinem Menschen
+und nicht sich selbst.</p>
+
+<p>Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen
+Haar das breite Barett von Nerzpelz, daran ein B&uuml;schel
+von Hermelinschw&auml;nzen schwarz und wei&szlig; kokett &uuml;ber dem
+linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem sch&ouml;nen Gesicht
+mit den geraden, strengen Brauen &uuml;ber den sprechenden
+Augen gab das einen merkw&uuml;rdigen Glanz von Pracht
+und W&uuml;rde. Sie schien nicht etwa in eine elegante Modedame
+verwandelt, sondern sogleich in eine F&uuml;rstin.</p>
+
+<p>Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und
+die pastellblaue Wollm&uuml;tze&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter pr&uuml;fend an.
+Er l&auml;chelte wohlgef&auml;llig. Aber er sagte doch: &raquo;Sch&ouml;n!
+Sehr prachtvoll! Wynfrieds Geschmack. Aber &ndash; Klara
+&ndash; wei&szlig;t du noch &ndash; deine pastellblaue Wollm&uuml;tze? Damit
+mocht&#8217; ich dich auch gern leiden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans &ndash;
+und entwich ihm wieder&nbsp;...</p>
+
+<p>Ja, die arme kleine Wollm&uuml;tze ... Und Klara hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>eine Erinnerung &ndash; sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie
+eilig und heimlich ein wei&szlig;es Paketchen tief in das Schubfach
+ihrer Kommode hineinstopfte&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Aber wir wollen doch gehen,&laquo; sagte sie matt. Sie
+f&uuml;hlte sich pl&ouml;tzlich so freudlos und w&uuml;nschte, neben dem
+alten Mann bleiben zu k&ouml;nnen &ndash; da war ja ihr Platz &ndash;
+der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt f&uuml;r sie
+gab&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ja, vorw&auml;rts!&laquo; ermahnte Likowski. &raquo;Mir ist es eine
+Erhebung &ndash; immer, wenn ich da mal &#8217;rumgehen darf ...
+Der Gott, der Eisen wachsen lie&szlig; &ndash; der wollte keine
+Knechte ... Eisen verf&uuml;hrt mich mehr als die k&ouml;stlichen
+Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute
+die Augen verblenden m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre nicht!&laquo; lachte Agathe.</p>
+
+<p>Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied,
+der noch Sorge trug, da&szlig; an Th&uuml;rauf telephoniert
+werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf legen,
+Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.</p>
+
+<p>Man schritt in munteren Gespr&auml;chen die Stra&szlig;e entlang,
+und schon kam ihnen auch der Generaldirektor entgegen.
+Von dieser Begegnung an waren die beiden Herren
+f&uuml;r die &uuml;brige Gesellschaft verloren. Sie vertieften sich
+in fachm&auml;nnische Gespr&auml;che und gingen weit voran.</p>
+
+<p>Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn
+von Marning, den sie mit einer Frage gleich an ihre
+Seite zu n&ouml;tigen gewu&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden nicht f&uuml;r ernsthaft genommen,&laquo; sagte
+Agathe. &raquo;Und ich brenne doch vor Lernbegier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erkl&auml;re Ihnen das alles auf popul&auml;re Art,&laquo; versprach
+Wynfried. &raquo;Seien Sie sicher, all die chemischen
+Formeln und Zahlen, in denen die zwei reden, h&auml;tten Sie
+doch nicht verstanden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>&raquo;Es will absolut nicht in meinen Kopf, da&szlig; Sie was
+von solchen schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hallo! Das ist aber stark&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja &ndash; gottlob &ndash; ich hab&#8217; immer das Gef&uuml;hl ...
+wie soll ich das sagen &ndash; na &ndash; als g&auml;ben Sie ein Gastspiel,
+wenn Sie arbeiten ... Doch noch mal ein Mann,
+der Sinn und Zeit f&uuml;r uns armen Frauen h&auml;tte! ...
+Denk&#8217; ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei,
+und Sie sklaven sich ab&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie es mir &ndash; ich entdecke da ganz neue
+Gen&uuml;sse. Man ist manchmal geradezu gepackt &ndash; sehr
+&auml;hnlich wie beim Sport. Und man hat ein frisches Gef&uuml;hl
+dabei &ndash; kommt sich als fixer Kerl vor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so &ndash; Sie wissen doch, wie&#8217;s hei&szlig;t: Ich sp&uuml;rte das
+kleine, dumme Vergn&uuml;gen, was abzumachen, was fertig
+zu kriegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut&nbsp;&ndash;&laquo; gab
+Wynfried eifrig zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ohne dies Pl&auml;sier am Bew&auml;ltigen gesch&auml;he vieles
+nicht,&laquo; sagte Stephan Marning, und er dachte: &raquo;Das hei&szlig;t
+doch aus der Arbeit nur ein Spiel der Kr&auml;fte machen,
+ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.&laquo;</p>
+
+<p>Er fragte sich &ndash; nicht zum erstenmal &ndash; was f&uuml;r eine
+Art von Mann denn wohl Lohmann der Sohn sei&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem
+alten Freunde, hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge
+Frau h&ouml;rte zu. Sie hatte immer eine leise Verwunderung,
+wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah. Wie
+anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang
+seiner Stimme schien heller. Und seine Rede schien so
+leicht, so nur obenhin &ndash; er lie&szlig; sich necken und neckte
+wieder. &ndash; Vielleicht nahm er Agathe nicht ernst. &ndash; Das
+war die einzige Erkl&auml;rung, die sie sich zu geben wu&szlig;te&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>Es kam ihr m&uuml;hsam vor, da&szlig; sie jetzt mit Menschen
+zusammen sein m&uuml;sse. Eine grenzenlose Traurigkeit dr&uuml;ckte
+sie nieder. Sie mu&szlig;te sich zusammennehmen, um nicht
+zu weinen &ndash; sie &ndash; die nicht weinerlich veranlagt war.</p>
+
+<p>Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer &ndash; und dennoch
+ging von ihrem Schweigen etwas aus, das den warmherzigen,
+treugesinnten Mann an ihrer Seite ahnen lie&szlig;,
+mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.</p>
+
+<p>&raquo;Sie f&uuml;hlen sich von all den Geburtstagsfreuden ersch&ouml;pft,
+gn&auml;dige Frau?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>Klara fuhr auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Nein&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und sie wu&szlig;te, da&szlig; sie sich aufzuraffen hatte.</p>
+
+<p>Da waren sie nun am Tor, &uuml;ber dem mit gro&szlig;en schwarzen
+Buchstaben auf grauem Schilde stand: Eisenh&uuml;tte
+Severin Lohmann.</p>
+
+<p>Und mit R&auml;dern und Fu&szlig;stapfen waren von drinnen
+her Kohlenspuren gekommen. Der sandige Grund der
+Erde war schon viele Schritte vor dem Tor gestr&ouml;mt von
+dunklen T&ouml;nen. Das wirkte, als flie&szlig;e die D&uuml;sterheit des
+Bodens einem entgegen. Einem schw&auml;rzlichen Estrich
+glich er drinnen, in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen
+und den Niederschlag des Rauches fest eingetreten hatten.
+Und der Dunst von Teer und Gasen durchbeizte dichter und
+sp&uuml;rbarer die Luft, als man das Tor nun passierte.</p>
+
+<p>&raquo;Aufgepa&szlig;t!&laquo; mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte
+&uuml;ber einen Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning,
+so da&szlig; er sie halten mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin <em class="gesperrt">wirklich</em> gestolpert,&laquo; sagte sie &ndash; so wie
+sie als Kind vielleicht gesagt hatte: &raquo;ich habe wirklich nicht
+gelogen,&laquo; wenn man sie bezweifelte.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te doch, entwaffnet, l&auml;cheln.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Sie gingen an allerlei kleinen Geb&auml;uden vorbei, bogen
+um ein retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer
+zu schwitzen schien &ndash; Likowski sagte wenigstens, es komme
+ihm so vor. &ndash; Und dann standen sie vor einer Riesenwand,
+die sich aus hundertundf&uuml;nfzig hart aneinandergepre&szlig;ten
+&Ouml;fen zusammensetzte. Hoch &uuml;ber ihr zogen sich schwarze,
+gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab &ndash;
+m&auml;chtige Verbindungen waren diese, in denen stumm
+und selbstt&auml;tig und rastlos die gepulverten und gewaschenen
+Kohlen heranglitten, in die &Ouml;fen hineinsanken, um da in
+rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und Wege
+waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den
+Gluten kommend, seinen fl&uuml;chtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen
+Werkst&auml;tten hin, wo ihm in wunderbaren
+Destillationen, K&uuml;hlungen und Prozessen seine Bestandteile
+an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.</p>
+
+<p>Vor dieser Wand von &Ouml;fen streckte sich eine erh&ouml;hte
+eiserne Plattform hin. Auf sie hinaus schob sich gerade
+jetzt der Inhalt eines. Eine der schmalen T&uuml;ren &ouml;ffnete
+sich. In h&ouml;llischer Majest&auml;t bewegte sich ruhevoll ein fast
+wei&szlig;gl&uuml;hendes St&uuml;ck Mauer heraus. Und eine Gespensterhand
+dr&auml;ngte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,
+schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt.
+M&auml;nner, mit Schl&auml;uchen bewehrt, warteten
+und sahen der sich langsam vorw&auml;rtsbewegenden Glutmauer
+entgegen. Nun stand sie. Und das an eine Hand
+erinnernde Eisenst&uuml;ck, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen
+in die Tiefe des Ofens zur&uuml;ck, der seine T&uuml;r wieder
+schlo&szlig;. Zugleich zischten aus den Schl&auml;uchen Wasserstrahlen
+und begossen das Unget&uuml;m von Form gewordenem
+Feuer. Wei&szlig;er Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,
+dann ein schwarzes Gew&ouml;lk. Was gl&uuml;hende Mauer gewesen,
+lief dunkel an, ward schwarz und fiel nach zwei Minuten
+<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>als Koks prasselnd auseinander, durchstochen und
+gesto&szlig;en von den langen Eisenst&auml;ben der verr&auml;ucherten
+Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken,
+da&szlig; dieser Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und
+da&szlig; von diesen hundertundf&uuml;nfzig schmalen T&uuml;ren bald
+die eine, bald die andere sich &ouml;ffne, um solche aufrechte
+Glutmauer in grandioser Sicherheit zu entlassen.</p>
+
+<p>Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu
+den &Ouml;fen zu bringen.</p>
+
+<p>Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese
+offenen, kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichm&auml;&szlig;igen,
+l&auml;nglichen St&uuml;cken, gleich gro&szlig;en Holzscheiten
+&ndash; nur da&szlig; sie grau waren und rauh ihre Oberfl&auml;che.
+Das seien &raquo;G&auml;nze&laquo;, sagte Wynfried, das hei&szlig;t: das Roheisen
+in der Form, wie das Werk es haupts&auml;chlich produzierte.</p>
+
+<p>Agathe hustete und &auml;ngstigte sich und hatte gedacht,
+alles k&ouml;nne auf sie herabfallen. Aber sie verriet nichts
+von ihrer Angst. Denn sie sah, da&szlig; der geliebte Mann
+dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte
+sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. &ndash;
+&raquo;Wenn ich liebe, kann ich alles!&laquo; dachte sie.</p>
+
+<p>Wynfried erkl&auml;rte. Er f&uuml;hrte die Gesellschaft zu dem
+trichterf&ouml;rmigen Bassin, in das die kleinen Wagen der
+Drahtseilbahn, von den Ladebr&uuml;cken kommend, die gepulverte
+Kohle hineinsch&uuml;tteten, w&auml;hrend an der Wand
+dieses Bassins in stumpfer Unaufh&ouml;rlichkeit ein Becherwerk
+das Kohlenpulver aufsch&ouml;pfte und in die Rohre go&szlig;, die
+man oberhalb der &Ouml;fen gesehen.</p>
+
+<p>Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten
+die F&ouml;rderwagen einer nach dem anderen anmutig heran,
+kippten und warfen mit Gepolter grauen, schimmernden
+Magnetstein auf einen H&uuml;gel dieses Erzes. Nebeneinander
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben
+schon verrieten, da&szlig; sie verschieden an Gehalt waren. &ndash;
+Und es schien, als trage jedes den Charakter seiner Heimat,
+als sei sein Gewand kein Zufall. Sprach nicht der silbergraue
+Magneteisenstein von den stillen Himmeln und beschatteten
+Bergseen Schwedens? In starken satten Farben
+gl&uuml;hte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der W&auml;rme
+spanischen Bodens. Und aus den Tiefen lothringischer
+Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie wunderbar
+sprechend &ndash; wei&szlig;lich, durstig-trocken lag der Kalkstein geh&auml;uft,
+und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands
+vor, von wo er kam, und sah unwillk&uuml;rlich die wei&szlig;&uuml;berpuderten
+Zypressen an den d&uuml;rren Rainen trauern.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&Uuml;ber den K&ouml;pfen der Schauenden zogen sich die dunklen
+Eisenlinien der verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen
+hin. Wasser tropfte herab &ndash; irgend woher kam
+roter Feuerschein. Dort dr&uuml;ben stand, gleich einer d&uuml;nnen
+S&auml;ule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine
+Flammens&auml;ule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte
+sie zu Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in
+st&auml;ndig wechselndem Spiel. Ihr Geleucht im schon leise
+verblassenden Tageslicht war unruhig. Es wurde manchmal
+ganz von der Luft zerfetzt, und Fl&auml;mmchen schwebten
+sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich
+wieder von der gro&szlig;en Flamme herangerissen.</p>
+
+<p>&raquo;Oh!&laquo; sagte Agathe bewundernd, &raquo;wie in der Walk&uuml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Klara begann allm&auml;hlich zuzuh&ouml;ren, was ihr Mann
+sagte &ndash; wie er es sagte. Und sie wurde teilnehmender.
+Sie vermochte wohl zu beurteilen, da&szlig; er klar und sicher
+vortrug. &ndash; Da&szlig; Stephan Marning und Likowski voll
+Sammlung zuh&ouml;rten und Fragen aufwarfen, war ihr eine
+lobende Kritik. Das tat ihr wohl &ndash; es kam ihr vor, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>weiche diese schwere Traurigkeit, dies l&auml;hmende Gef&uuml;hl von
+Leere allm&auml;hlich von ihr. Woher war es gekommen? Sie
+verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, be&auml;ngstigte
+Empfindung davon, da&szlig; es etwas Furchtbares, Bedrohliches
+sei.</p>
+
+<p>Vom Wasser her kamen Windst&ouml;&szlig;e, die Wolken jagten
+am Himmel; fern im bl&auml;ulichen feinen Dunst des beginnenden
+Nebels stand am Horizont etwas Unbegreifliches. Eine
+lilarote Masse, die zu zerflie&szlig;en schien, von blaugrauen
+Streifen quer &uuml;berschnitten &ndash; kein Ball mehr &ndash; kein Rund
+&ndash; nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer
+tiefer sank. Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.</p>
+
+<p>&Uuml;berall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf.
+Denn hier gab es keine D&auml;mmerung und keine Zwischenspiele.
+Hier gab es nur Tag. Den Tag der Sonne und
+den Tag der elektrischen Lichter &ndash; und immer den der
+Arbeit.</p>
+
+<p>Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau
+schien, im Kampf des nat&uuml;rlichen Lichtes mit dem k&uuml;nstlichen.</p>
+
+<p>Nun hie&szlig; es: in eines der Maschinenh&auml;user! Denn,
+nicht wahr? Baronin Agathe mu&szlig;te begreifen: all die
+zauberhafte selbstt&auml;tige Bewegung der F&ouml;rderungen, die
+in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies
+Aufsaugen von Gas aus den &Ouml;fen in die Rohre und das
+Hin&uuml;berleiten des Gases in die Eisent&uuml;rme, die &raquo;Winderhitzer&laquo;
+hie&szlig;en und eigentlich nur &uuml;bermenschlich gro&szlig;e
+Blaseb&auml;lge seien; all das Wasser, das in Unmengen aus
+der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles &ndash; jeder Betrieb
+hier mu&szlig;te von Maschinen getrieben werden.</p>
+
+<p>Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes,
+wichtiges Gesicht.</p>
+
+<p>Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten
+<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>Gesch&ouml;pfe aus Metall bebten und zitterten, klopften
+und schwangen.</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist es aber sauber!&laquo; rief Agathe begl&uuml;ckt aus. Der
+Belag des Estrichs von braungebrannten Ton war wie
+Porzellan so glatt und rein. Und Agathe litt, wenn sie
+nur auf einen unsauberen Boden treten mu&szlig;te. Sie war
+so peinlich&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Wynfried, &raquo;ein Maschinenhaus ist immer
+wie ein Asyl der Sauberkeit mitten im Betriebe. &ndash; Maschinen
+sind wie sch&ouml;ne Frauen &ndash; sie wollen geputzt und &ndash;
+geschmiert werden, mit dem &Ouml;l der Schmeichelei&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.</p>
+
+<p>Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete
+Formen, die ihre untere H&auml;lfte in der Tiefe verbargen;
+gleich gerundeten dunklen Tierr&uuml;cken, &uuml;ber die hellere Hautstreifen
+liefen, waren sie. Riesenr&auml;der, aufrecht, halb &uuml;ber,
+halb unter dem Boden, drehten sich rasend; immer wieder
+verschwanden Speichen und tauchten auf.</p>
+
+<p>Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun,
+die das emsige Ger&auml;usch ihrer Stricknadeln mit endlos hinflie&szlig;endem
+Geschw&auml;tz begleiten.</p>
+
+<p>Andere klappten mit Eisenz&auml;hnen, wie Riesen im
+M&auml;rchen, die f&uuml;r ihre leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.</p>
+
+<p>Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden
+Bewegung zusah, bekam man zuletzt das unheimliche Gef&uuml;hl,
+zwischen lauter Lebewesen zu sein, die aus einer
+anderen Welt stammten, nur eine andere K&ouml;rperlichkeit
+hatten als die Menschen dieser Erde &ndash; aber ein pulsierendes
+Dasein wie sie&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?&laquo; fragte
+Stephan.</p>
+
+<p>&raquo;Keinen Schimmer!&laquo; sagte Wynfried achselzuckend.
+Und er wu&szlig;te nur, da&szlig; die und jene Maschine aus der und
+<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>der Fabrik aus M&uuml;hlheim-Ruhr stamme und da&szlig; die zwei
+da dr&uuml;ben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen gekommen.
+&ndash; Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die
+anderen, die sie vervollkommnet h&auml;tten, arbeiteten ja f&uuml;r
+das Werk, in dem sie engagiert waren &ndash; ihre Namen
+wu&szlig;te man nicht.</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; sagte Likowski, &raquo;ist es tragisch? Ist es gro&szlig;? Ungerecht?
+Wundervoll? Was w&auml;re Deutschland, was die
+Kultur ohne all die stillen Helden der Arbeit, der t&auml;glichen,
+selbstlosen Hingabe an uns&auml;gliche M&uuml;hen. &ndash; Und kein
+Ruhm &ndash; kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere
+auch nicht &ndash; wir arbeiten und schuften ohne zul&auml;nglichen
+Lohn, ohne Anerkennung, noch umfeindet &ndash; damit das
+hier gesch&uuml;tzt ist &ndash; damit solche Dinge bl&uuml;hen &ndash; uns gro&szlig;
+machen. &ndash; Ich hab&#8217; so&#8217;n Gef&uuml;hl: wir stehen ja Schulter
+an Schulter mit all diesem hier&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte seinem lieben Kameraden und Freund die
+Hand. &ndash; Stephan gab stark, gleichsam tr&ouml;stend, den Druck
+zur&uuml;ck. Er wu&szlig;te ja, wie der Hauptmann sich qu&auml;lte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und er dachte: &raquo;Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum
+&ndash; nicht nur das der Arbeit &ndash; auch das des Gef&uuml;hls &ndash;
+schweigend sich bezwingen &ndash; ja &ndash; wer das mu&szlig;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.</p>
+
+<p>Agathe fing an zu klagen: es werde ein bi&szlig;chen m&uuml;hsam.
+Sie hatte doch nur ganz d&uuml;nne Schuhe an mit so
+hohen Hacken &ndash; es ging sich schlecht damit.</p>
+
+<p>&raquo;Nur noch zu den Hoch&ouml;fen,&laquo; sagte Klara, &raquo;das ist doch
+die Hauptsache.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die
+aus dem breiten Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen
+und deren mit gemischten Erzen und Kalk gef&uuml;llte
+Schachtr&auml;ume mit einem Panzer von Steinen und Eisen
+umgeben waren. Dieser hochget&uuml;rmte, nach oben zu sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>verj&uuml;ngende Umbau gab den ragenden Hoch&ouml;fen den
+burgenartigen Charakter. Galerien liefen um diesen
+Panzer, in dem man fest vernietete T&uuml;ren bemerkte. Und
+um den ganzen untern K&ouml;rper des Ofens rannen mit
+Rauschen und Pl&auml;tschern unaufh&ouml;rlich k&uuml;hlende Wasser.</p>
+
+<p>Hinten an den Ofen stie&szlig; die Gie&szlig;halle; man mu&szlig;te
+eine primitive Treppe emporsteigen. Agathe als Vorletzte,
+hinter ihr Wynfried.</p>
+
+<p>Agathe f&uuml;hlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah
+war man dem Unget&uuml;m, in dem eine H&ouml;llenhitze von zweitausend
+Grad Celsius w&uuml;tete! Sie konnte sich nichts bei
+dieser Zahl denken &ndash; das ging nat&uuml;rlich &uuml;ber menschliche
+Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die
+halb interessant, halb schauerlich war.</p>
+
+<p>&raquo;Kann das bersten?&laquo; fragte sie zu Wynfried zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Doch &ndash; es kommt vor &ndash; trotz des besten Materials,
+das f&uuml;r den Umbau verwendet wird. &ndash; Wenn es Verstopfungen
+im Nachsacken der Beschickung gibt. &ndash; Gase
+sich entwickeln&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Gott!&laquo; sagte Agathe, raffte ihre R&ouml;cke noch h&ouml;her
+und enger zusammen und blieb stehen. Der Mann hinter
+ihr sah die seidenen Str&uuml;mpfe und die koketten Schuhe.
+Er fa&szlig;te Agathe recht kr&auml;ftig um die Taille, von hinten
+her, und schob sie so vorw&auml;rts, Stufe um Stufe. Und als
+sie oben angekommen waren, wandte sie sich etwas zu
+ihm, und sie lachten sich mit den Augen an, wie zwei tun,
+die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen einer Dreistigkeit
+nicht schwer nehmen.</p>
+
+<p>Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Th&uuml;rauf,
+und Agathe hatte das Bed&uuml;rfnis, dem Generaldirektor sozusagen
+ein Kompliment &uuml;ber das Werk zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist es malerisch!&laquo; schw&auml;rmte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Eine andere Art malerische Sch&ouml;nheit als ein See im
+<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>Mondschein zwischen Waldbergen,&laquo; sprach Stephan von
+Marning. &raquo;Wie viel mehr sagt <em class="gesperrt">diese</em> uns heutigen
+Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist die Romantik der Industrie,&laquo; best&auml;tigte der
+Generaldirektor.</p>
+
+<p>Aber er war auch umsichtig bedacht, die G&auml;ste an
+sicheren Platz zu stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen.
+Er verwies sie auf einen balkonartigen Ausbau
+neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen trefflichen
+&Uuml;berblick hatten auf die schr&auml;ge Ebene der Gie&szlig;halle,
+die eigentlich ein Schuppen ohne W&auml;nde war, deren
+Dach auf Pfeilern ruhte. Diese Ebene war mit Sand bedeckt,
+und in ihn hinein hatten die Arbeiter lauter kurze
+Rinnen getieft &ndash; die Formen f&uuml;r den Gu&szlig; der &raquo;G&auml;nze&laquo;.
+In un&uuml;bersehbarer Zahl und Regelm&auml;&szlig;igkeit zogen sie
+sich hin, in ihrer Mitte von einem Laufgraben durchfurcht,
+den entlang das flie&szlig;ende Eisen str&ouml;men sollte, um sich
+dann in all diese Rinnen zu verteilen.</p>
+
+<p>&Uuml;berall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen
+waren zurechtgelegt &ndash; wachsam hie&szlig; es den feurigen Flu&szlig;
+lenken und f&ouml;rdern, falls er sich irgendwo sollte stauen
+wollen.</p>
+
+<p>Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten
+&ndash; als seien sie die sieben Schwaben, die gemeinsam
+ihren Riesenspie&szlig; wagerecht durch die Lande schleppten
+&ndash; eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie zum
+Sto&szlig; gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene
+Gie&szlig;loch vor. Hallende T&ouml;ne zitterten &uuml;ber
+das Rauschen der Wasser hin &ndash; wieder und wieder stie&szlig;en
+die M&auml;nner mit den von nassen T&uuml;chern umwickelten
+H&auml;nden den Eisenstab gegen den Verschlu&szlig; &ndash; berannten
+die Festung des Feuers. &ndash; Und da krachte es &ndash; Funken
+schossen hervor &ndash; Garben von Spr&uuml;hp&uuml;nktchen &ndash; und
+<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>wei&szlig;golden, von leichten Tr&uuml;bungen da und dort &uuml;berhaucht,
+flo&szlig; das gl&uuml;hende Eisen.</p>
+
+<p>D&uuml;stere Glut warf einen r&ouml;tlichen Schein in den Raum
+der Gie&szlig;halle, wo die sich b&uuml;ckenden und von Sandwall
+zu Sandwall hin&uuml;bertretenden Gestalten der Arbeiter zu
+schwarzen Silhouetten wurden. Und in der schiefen
+Ebene f&uuml;llte sich langsam Rinne um Rinne mit dem
+flie&szlig;enden Eisen &ndash; das sah aus, als h&auml;tten sich lauter
+Goldstreifen hingelegt &ndash; eine Reihe von kurzen, blanken
+Linien auf dunklem Grunde.</p>
+
+<p>Und vom Vorherde, unten am Ofen, flo&szlig; auch schon
+die Schlacke ab &ndash; ein Brunnenstrahl von Feuer. In
+kurzem Bogen scho&szlig; er hernieder in das mit Wasser halbgef&uuml;llte
+Wagengef&auml;&szlig;, das die Masse nachher zur Schlackenhalde
+rollen sollte.</p>
+
+<p>Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll
+Hitze war sie. &ndash; Rauch w&ouml;lkte. &ndash; Die schwarzen Gestalten
+hantierten in Hast. &ndash; Drau&szlig;en, zwischen dem Gest&auml;nge
+und Gedr&auml;nge umqualmter Eisenlinien, sah man den
+blauen Abendhimmel.</p>
+
+<p>Welch ein St&uuml;ck Leben! Welche Welt voll Gr&ouml;&szlig;e und
+ersch&uuml;tternder Sch&ouml;nheit!</p>
+
+<p>Die junge Frau f&uuml;hlte sich erhoben und befreit.</p>
+
+<p>Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und
+wunderlich qu&auml;lender Unruhe? Was die unbedeutenden
+R&auml;tselfragen in einem einzelnen, kleinen Menschenleben?
+Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur bezwingen!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.</p>
+
+<p>Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen
+unl&ouml;slich verbunden &ndash; als sei in dieser Welt der gewaltigen,
+machtvollen Arbeit ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>&ndash; es w&uuml;rde, es sollte auch einst die Welt ihres Kindes
+werden&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihre Seele ward wieder froh&nbsp;...</p>
+
+<p>Und irgend eine Empfindung n&ouml;tigte sie, die dunklen
+Augen zu suchen, denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt
+ausgewichen war.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung.
+Denn wieder begegneten sich ihre Blicke.</p>
+
+<p>Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, da&szlig; ihre
+Seelen in der gleichen Andacht erhoben seien.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_6" id="Kapitel_6"></a>6</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>as war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr
+hatte sie in seinem Sessel verbracht. Keine Bitten des
+treuen Leupold vermochten etwas. In dem greisen Riesen
+kochte die einstige Ungeduld. Er w&uuml;nschte ein Gott zu
+sein, um der Natur befehlen zu k&ouml;nnen. Seine wartende
+Aufregung setzte sich in Zorn um &ndash; nicht gegen irgend
+einen Menschen &ndash; nein, in diesen unbestimmten Zorn
+&uuml;ber menschliche Ohnmacht. Und er mu&szlig;te sich doch
+fassen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sein Sohn war verreist. Ungl&uuml;cklicherweise! In
+diesen furchtbaren Stunden h&auml;tte er neben seiner Frau
+sein sollen. Das Schicksal gefiel sich wahrlich darin, Wynfried
+immer fern zu halten, wenn mit gro&szlig;en Mahnungen
+Tod oder Leben an dies Haus klopften&nbsp;...</p>
+
+<p>Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen,
+hielten ihn unw&uuml;rdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung
+beraubt hatten.</p>
+
+<p>Jetzt war es ein ernster, anst&auml;ndiger Grund, der ihn
+fortzwang.</p>
+
+<p>Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv
+in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten,
+war auf den siebzehnten April anberaumt worden. Der
+Generaldirektor Th&uuml;rauf h&auml;tte die Vertretung des Geheimrats
+&uuml;bernehmen k&ouml;nnen &ndash; wie so oft, seit dieser an
+<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>seinen Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war
+seit Monaten bestimmt gewesen, da&szlig; bei dieser wichtigen
+Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds Verm&ouml;gen anging,
+der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin
+Lohmann drau&szlig;en zwischen anderen Magnaten der Kohle
+und Kapit&auml;nen der Industrie f&uuml;r das Haus eintreten solle.</p>
+
+<p>Der Geheimrat wu&szlig;te ja auch: sein Sohn hatte sich
+erst Ansehen zu verschaffen &ndash; noch besa&szlig; er es kaum. Er
+mu&szlig;te Vertrauen zu sich erwecken &ndash; wie sollte man es ihm
+schon schenken! Denn die Welt hatte wahrscheinlich mehr
+von dem fr&uuml;heren Lebej&uuml;ngling gewu&szlig;t als der Vater
+selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist
+schwerer, als wenn man unbekannt und unbeschrien in
+einen Kreis tritt. Aber der Geheimrat wu&szlig;te auch: die
+blo&szlig;e Tatsache, da&szlig; er zu dieser Sitzung nicht Th&uuml;rauf,
+sondern seinen Sohn entsandte, lie&szlig; die Herren aufmerken,
+erweckte die wohlwollendsten Gedanken.</p>
+
+<p>Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst
+sollte die Sitzung Anfang M&auml;rz stattfinden, ward verschoben
+und dann zu einem Termin anberaumt, der einen
+Konflikt heraufbeschwor.</p>
+
+<p>Es schien dem Geheimrat unm&ouml;glich, da&szlig; der junge
+Ehemann jetzt seine Frau verlasse. Andererseits schien es
+eine Unm&ouml;glichkeit, pl&ouml;tzlich anstatt Wynfrieds den Generaldirektor
+zu entsenden. Man w&uuml;rde denken, er habe
+im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen
+geschenkt.</p>
+
+<p>Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage.
+Die Geschichte interessierte ihn immerhin ein wenig.
+Au&szlig;erdem: jedesmal wenn er hinaus konnte &ndash; wenn er
+nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto sa&szlig; &ndash; nach
+Berlin &ndash; nach Hamburg &ndash; dann wachte etwas in ihm
+auf ... Als wenn er wieder j&uuml;nger werde ... Als wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>ihm irgend was tr&ouml;stend sage: na, die Welt wartet ja noch
+auf dich.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht.
+Denn seine Frau, diese gro&szlig;artige, famose Frau hatte
+doch am Ende Anspr&uuml;che zu erheben&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, da&szlig;
+sie bat, Wynfried m&ouml;ge unbek&uuml;mmert reisen. Niemand
+konnte wissen, ob das erwartete Ereignis denn auch gerade
+in den Tagen seiner Abwesenheit eintr&auml;te. Und wie,
+wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben
+h&auml;tte!&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat
+treu. Es hing so viel daran, da&szlig; Wynfried sich erprobte,
+in der Welt der gro&szlig;en Herren der Industrie sich Zutrauen
+erwarb.</p>
+
+<p>Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach K&ouml;ln zur
+Vorbesprechung und Sitzung brachte, war vielleicht eben
+aus dem Bremer Bahnhof hinausgeglitten und raste auf
+die Heide zu, als Klara nach dem Arzt schicken mu&szlig;te. Sie
+verbot eine R&uuml;ckberufung und da&szlig; man Wynfried depeschiere.</p>
+
+<p>Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen:
+es war ihr lieb, ihn fern zu wissen. &ndash; Sie mu&szlig;te sich ganz
+m&uuml;hsam immer wieder klar machen, wie wichtig doch das
+Ereignis auch f&uuml;r ihn sei. &ndash; Er hatte so wenig Teil daran
+genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...
+R&uuml;cksichtsvoll war er immer &ndash; und manchmal so z&auml;rtlich,
+als seien sie wirklich miteinander in der gro&szlig;en Liebe verbunden,
+auf die Klara noch immer wartete.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch
+nicht erlebt. Die Doktorin Lamprecht, die nicht vom
+Platze wich und einigemal von der zornigen Ungeduld
+des alten Herrn angefahren wurde &ndash; die wu&szlig;te noch: als
+<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige
+Lamprecht chloroformieren m&uuml;ssen, denn die gn&auml;dige Frau
+lehnte es ab, auch nur den leisesten Schmerz zu ertragen,
+wenn die Wissenschaft ihr den ersparen k&ouml;nne. So war
+die damals im Schlaf zur Mutterw&uuml;rde gelangt.</p>
+
+<p>Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte.
+Es waren heilige Leiden. Sie mu&szlig;ten tapfer durchlitten
+werden. Und am siebzehnten April erhob sich aus feinstem
+Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit. Hyazinthenduft
+atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte
+Herr hatte die Fenster seines Erkers &ouml;ffnen lassen und belebte
+sich an dem zarten Fr&uuml;hlingszauber der Luft. Dr&uuml;ben
+&uuml;berm weiten Gel&auml;nde lag die Poesie der Fr&uuml;he.</p>
+
+<p>Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der
+Rauch, wie ein Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.</p>
+
+<p>Feierliche W&uuml;rde war in diesem jungen Tag.</p>
+
+<p>Da kam Leupold wieder einmal herein &ndash; bleich, verwacht
+auch er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das? &ndash; Was willst du mit mir&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die gn&auml;dige Frau lassen bitten&nbsp;...&laquo; Und er hatte
+ein seltsam verstocktes Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Tochter? ... Meine Tochter?&laquo; murmelte der
+alte Herr verst&ouml;rt ... irgend ein unbestimmter Schreck
+wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl an die zwanzigmal
+zugeschworen hatte: es steht sehr gut &ndash; keine Sorge &ndash;
+nein gar keine.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er zitterte&nbsp;...</p>
+
+<p>Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war
+Zorn. Solche Aufregungen waren nicht f&uuml;r seinen Herrn
+&ndash; und N&auml;chte durchwachen, wenn man streng und vorsichtig
+nach Regeln zu leben hat, um &uuml;berhaupt zu leben ...
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>Alles verkehrt &ndash; dieser ganze Zustand jetzt, mit einer
+zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem
+war alles im Gleichma&szlig; hergegangen&nbsp;...</p>
+
+<p>Unter solchen Gedanken half er der m&auml;chtigen Gestalt
+in den Fahrstuhl und schob ihn rasch zum Lift.</p>
+
+<p>Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold
+gewu&szlig;t h&auml;tte, warum Klara nach ihm rief, w&uuml;rde er es
+gesagt haben&nbsp;...</p>
+
+<p>Unten ri&szlig; schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten
+Blondhaar und gewaschenem Gesicht die T&uuml;r
+des Lift auf.</p>
+
+<p>Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer
+... Das K&uuml;chenpersonal, die Stubenm&auml;dchen &ndash; fast
+als bildeten sie eine Gasse ... Und im gro&szlig;en Zimmer,
+wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst von der Wand
+herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,
+klein, grau, geb&uuml;ckt und selig l&auml;chelnd; und mit verdienstvollem
+Gesicht der dunkelblonde Doktor Sylvester mit
+dem Kneifer vor den hellen Augen und dem Schmi&szlig; vom
+Mundwinkel bis zur Wangenh&auml;lfte, der ihm einen Ausdruck
+gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch
+zwei unbekannte Weibswesen.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig;en ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm
+wurde immer beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r zum Schlafzimmer tat sich auf.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Da lag, im feinen, hellen Licht der Fr&uuml;he, bleich ein
+Haupt auf wei&szlig;en Kissen ... Und da lag ein B&uuml;ndel,
+auch wei&szlig;, und aus ihm sah ein dunkles Fellchen hervor,
+ein ganz kleines St&uuml;ck nur&nbsp;...</p>
+
+<p>Leupold schob ihn an das Bett.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten
+dunkle Augen in hei&szlig;em Glanz h&ouml;chsten Gl&uuml;cks ... und
+die geraden, strengen Brauen waren ein wenig zusammenger&uuml;ckt
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>&ndash; als seien die Nerven nach dem Krampf der
+Schmerzen noch nicht ganz gel&ouml;st&nbsp;...</p>
+
+<p>Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig
+das B&uuml;ndel &ndash; und nun sah man: das Fellchen war
+dunkles Haar.</p>
+
+<p>&raquo;Der kleine Severin Lohmann,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit&nbsp;...</p>
+
+<p>Er schluchzte auf. &ndash; Dem alten Mann, der stark geblieben
+war in jedem Kampf und in jeder Not, zerbrach
+die Fassung.</p>
+
+<p>Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des B&uuml;ndels
+war ihm der wunderbarste Anblick, den das Leben
+ihm geg&ouml;nnt&nbsp;...</p>
+
+<p>Die gro&szlig;e M&auml;nnerhand streckte sich aus &ndash; tastete scheu
+nach diesem K&ouml;pfchen, von dem man so wenig sah. Und
+zog sich erschreckt zur&uuml;ck, als habe sie Heiligstes ber&uuml;hrt &ndash;
+so &uuml;berfein und unfa&szlig;lich zart war das, was seine Fingerspitzen
+versp&uuml;rten.</p>
+
+<p>Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu
+sich heran &ndash; er mu&szlig;te sich m&uuml;hsam vorneigen, um sie mit
+seinen Lippen zu erreichen ... Und er k&uuml;&szlig;te sie &ndash; immer
+wieder &ndash; von Dankgef&uuml;hl &uuml;bermannt &ndash; wortlos.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und
+in gepl&auml;tteter Kleider- und Sch&uuml;rzensauberkeit knitternden
+Weibswesen hereinkam und Leupold kurzerhand den Fahrstuhl
+r&uuml;ckw&auml;rts und zum Zimmer hinauszog&nbsp;...</p>
+
+<p>Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus
+schlafen, denn nun lag ihm erst recht am Leben. Aber die
+Aufregung lie&szlig; ihn nicht dazu kommen. Und Doktor Sylvester
+tr&ouml;stete Leupold: es schade nicht. Man wisse ja,
+wie Freude f&uuml;r den alten Herrn bek&ouml;mmlich sei.</p>
+
+<p>An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der
+Inschrift &raquo;Eisenh&uuml;tte Severin Lohmann&laquo;, wehten Flaggen;
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>von den H&auml;usern der Beamten und der Villa des Generaldirektors
+wallten die rot und wei&szlig;en und die schwarz-wei&szlig;-roten
+Tuchstreifen, im frischen Wind zu sch&ouml;nen Wellenbewegungen
+immer wieder neu entfaltet.</p>
+
+<p>Auf die Depesche nach K&ouml;ln hin kamen drei Antworten.
+Wynfried sagte durch den Draht seiner Frau: &raquo;Freudig
+bewegt sende tausend Gr&uuml;&szlig;e und W&uuml;nsche, am zwanzigsten
+bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.&laquo;</p>
+
+<p>Und seinem Vater: &raquo;Mit dir stolz und froh. Bitte
+t&auml;glich zwei- oder dreimal um Telegramm &uuml;ber Befinden.
+Wynfried.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gottlob,&laquo; dachte der Geheimrat, von einer begl&uuml;ckenden
+Ruhe ganz erf&uuml;llt, &raquo;nun liegt die Zukunft klar und
+sicher da.&laquo;</p>
+
+<p>Das dritte Telegramm machte ihm Spa&szlig;. Mehr noch:
+er schmunzelte, und ein Ausdruck freudigen Stolzes ging
+&uuml;ber sein Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Es lebe der vierte Severin Lohmann. M&ouml;ge er des
+Gro&szlig;vaters w&uuml;rdiger Enkel werden. Mutter und Kind
+w&uuml;nschen wir alles Gute. Dem hochverehrten Gro&szlig;vater
+bringen wir Gl&uuml;ckw&uuml;nsche und Gru&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet,
+mit dem Kreysers an der Spitze. Und jeder hatte Klang,
+der &uuml;ber die Ozeane hallte. Gro&szlig;f&uuml;rsten der Industrie
+und des Handels &ndash; sie nahmen freudig teil am Dasein
+des winzigen kleinen Kerlchens im wei&szlig;en B&uuml;ndel. Sie
+waren stolz, da&szlig; eine der Dynastien in ihren Reihen weiterbl&uuml;hen
+sollte&nbsp;...</p>
+
+<p>Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge
+erst lesen konnte, sollte er selbst die Depesche sehen &ndash; sie
+sollte ihm einst sagen: Du bist in gro&szlig;e Verantwortungen
+hinein geboren. Viele Augen sehen darauf, ob du ein
+t&uuml;chtiger Mann wirst&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude
+haben heute.</p>
+
+<p>Er bat den Generaldirektor Th&uuml;rauf, als der mit
+seiner Frau zum Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel
+stand, da&szlig; die sofortige Verteilung einer gro&szlig;en
+Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt werde. &Uuml;ber
+eine sehr erhebliche Stiftung n&uuml;tzlicher Art f&uuml;r die Kinder
+der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter
+sich beraten und ihr die Freude g&ouml;nnen, am Tauftage
+des Kindes der Arbeiterschaft davon Mitteilung zu machen.
+Die wunderh&uuml;bsche dunkel&auml;ugige Frau Th&uuml;rauf bat er,
+den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung
+veranstalten zu lassen, und sie, die immer von der anmutigsten
+Gef&auml;lligkeit war, versprach, mit ihren drei T&ouml;chtern
+selbst Schokolade und Kuchen in befriedigenden Mengen
+anzubieten.</p>
+
+<p>Likowski und Marning kamen, als die von den dr&uuml;ben
+garnisonierenden Herren dem Hause n&auml;chst Befreundeten,
+und der Geheimrat nahm ihren Besuch an. Er hatte ja
+ein uners&auml;ttliches Bed&uuml;rfnis, Klara zu preisen, seine
+eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war
+verwandelt. Er war nicht mehr der gro&szlig;e Beherrscher,
+der den Kopf voll von Sorgen hat. Nur ein ganz einfach
+gl&uuml;cklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der W&uuml;rde
+einer jungen Frau, voll seligen Gl&uuml;ckes, einen Enkel zu
+haben.</p>
+
+<p>Als die beiden Herren fortgingen, sagte drau&szlig;en
+Stephan Marning: &raquo;Ja, dies Kind hat sich eine bevorzugte
+Statt ausgesucht &ndash; solche Mutter &ndash; und solche
+Zukunft!&laquo;</p>
+
+<p>Likowski verbreitete sich &uuml;ber Frau Klara Lohmann.
+Marning solle sich gef&auml;lligst erinnern, was er, der Hauptmann,
+schon f&uuml;r ein Urteil &uuml;ber Fr&auml;ulein Klara Hildebrandt
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>gehabt habe! Die Frage bleibe f&uuml;r ihn nur: Hatte
+der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?</p>
+
+<p>Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem
+Kameraden diese junge Frau und ihre Ehe zu besprechen.
+Er sagte nur: &raquo;O &ndash; man hat doch stets den Eindruck
+eines angenehmen Verh&auml;ltnisses&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Angenehm &ndash; angenehm!&laquo; schalt Likowski. &raquo;Den
+Kuckuck auch &ndash; soll er wohl gar unangenehm sein? Ich
+wei&szlig; nich &ndash; ich trau&#8217; ihm nich &ndash; nee &ndash; wo das mal
+drinn steckt &ndash; so &#8217;ne M&auml;nner sind gerade wie die G&auml;ule
+fr&uuml;her von der Kavallerie, als die noch Signale blasen
+lie&szlig; &ndash; wenn ein ausrangierter noch nach Jahr und Tag
+wieder das Signal &#8250;Marsch&#8249; h&ouml;rte, brannte er durch ...
+Warten wir&#8217;s ab&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Likowski &ndash; Sie sind ein Pessimist &ndash; in allen
+Dingen&nbsp;&ndash;&laquo; sprach er.</p>
+
+<p>&raquo;Kunstst&uuml;ck &ndash; erlebt man was anderes als Entt&auml;uschungen? ...
+Die sind mein t&auml;gliches Brot ... Haben
+Sie die Morgenbl&auml;tter schon gelesen? Hab&#8217; ich nich gleich
+gesagt &ndash; damals im Februar &ndash; dieser auffallende Besuch
+von Haldane &ndash; und dann die Pressekampagne hinterher
+&ndash; passen Sie auf, wir werden wieder eingeseift &ndash; na
+&ndash; uns, grad&#8217; uns kommt&#8217;s ja zu, zu schweigen &ndash; warten &ndash;
+aufrecht bleiben&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke,&laquo; sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls
+des Freundes Gedanken zu der jungen Frau und
+ihrer Ehe zur&uuml;ckkehren zu lassen, &raquo;wir haben noch Zeit &ndash;
+lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen &ndash;
+ich habe mir von Th&uuml;rauf vor einiger Zeit die Erlaubnis
+erwirkt, nach Belieben hinein zu d&uuml;rfen, und bin oft da
+&ndash; es regt mich uners&auml;ttlich an&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fabelhaft &ndash; Ihr Interesse! ... Th&uuml;rauf und der
+alte Herr sagen schon: der kommt noch zu uns her&uuml;ber ...
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>Marning, das tun Sie mir nich an &ndash; nee &ndash; da&szlig; Sie um
+schn&ouml;den Mammon unseren Rock ausziehen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum? Nie!&laquo; sprach Marning ernst. &raquo;Aber denken
+Sie denn, da&szlig; all die Herren, die bei Krupp und sonst
+da und dort in die Industrie oder die Schiffahrtsgesellschaften
+eintraten, das immer um des Mammons willen
+taten? Haben Sie damals, als wir &ndash; wissen Sie noch, es war
+am Geburtstag der jungen Frau &ndash; als wir zuerst auf dem
+Werk waren &ndash; mir eine neue Welt &ndash; ja, da haben Sie
+selbst gesagt: wir stehen doch Schulter an Schulter ...
+Sie k&ouml;nnen ruhig sein, Likowski, mich wird schon kein
+Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom
+Regiment weglocken. Ich bin ein g&auml;nzlich unbekannter
+armer Oberleutnant ohne gro&szlig;m&auml;chtige Beziehungen.
+Aber das ist wahr: w&auml;r&#8217; ich nicht Offizier, m&ouml;cht&#8217; ich
+auf solchem Werk mitarbeiten &ndash; sei&#8217;s gegen noch so
+bescheidenen Lohn&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gottlob,&laquo; sagte Likowski zufrieden, &raquo;da&szlig; Krupp und
+Konsorten keinen Schimmer von Ihrer Nebenliebe
+haben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von
+k&ouml;rperlicher Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung
+hervorgerufen, sehr wohlt&auml;tig war. Fr&uuml;h schon
+wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat nicht
+zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster
+Lage nehmen wolle.</p>
+
+<p>Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten
+im Hause herrschte, durch Balken und Decken bis oben
+hinauf und bes&auml;nftige alle Nerven.</p>
+
+<p>Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter
+im Herrenhaus. Leupold, der seit dem Schlaganfall des
+Geheimrats vor f&uuml;nfviertel Jahren neben dessen Schlafzimmer
+seine Stube hatte, zog gerade seinen dunkelblauen
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal
+schrillte.</p>
+
+<p>Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter
+Zeit immer Schreck. Heute aber begann ihm
+das Herz vollends rasend zu klopfen.</p>
+
+<p>Denn eben hatte er mit einem abergl&auml;ubischen Gedanken
+an die bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte
+sich in ihr ereignen! Man hatte es manchmal erfahren,
+da&szlig; Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause einkehrten
+... Und die uns&auml;glichen Aufregungen, die der
+alte Herr durchlitten&nbsp;...</p>
+
+<p>Mit einem Schritt war Leupold an der T&uuml;r und
+&ouml;ffnete.</p>
+
+<p>Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ...
+seine Hand tastete nach dem kleinen Knebel neben der
+T&uuml;r &ndash; das Licht an der gro&szlig;en Lampe, die gr&uuml;n umhangen
+vom Plafond herabkam, blitzte auf.</p>
+
+<p>Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer
+fast sitzend, so viel Kissen st&uuml;tzten ihm den Kopf. Nur die
+Augen sahen in heller Wachsamkeit gro&szlig; und blitzend ihm
+entgegen.</p>
+
+<p>Er neigte sich ein wenig herab &ndash; doch noch in Besorgnis,
+wollte fragen&nbsp;...</p>
+
+<p>Da packte die gro&szlig;e Hand ihn um das Gelenk seiner
+Rechten. Und der alte Herr sprach: &raquo;Leupold &ndash; du
+wei&szlig;t es seit damals &ndash; ich mu&szlig; immer ger&uuml;stet sein. &ndash;
+Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das kleine
+Kind &ndash; das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann
+hat ... Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit
+findest &ndash; &uuml;berhaupt noch dienen magst &ndash; verla&szlig;
+sie nicht! Das mu&szlig;t du einsehen: Deine Treue f&uuml;r
+mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der
+jungen Frau und meinem Enkel gibst&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>&raquo;Hat die gn&auml;dige Frau &uuml;ber mich geklagt?&laquo; fragte
+Leupold mit blassen Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Nie!&laquo; sagte der Geheimrat stark. &raquo;Aber ich hab&#8217; so
+allerlei &#8217;rausgef&uuml;hlt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Leupold stand besch&auml;mt, da&szlig; sein Herr ihn durchschaut
+habe. Und er sah wieder die junge Mutter auf
+dem wei&szlig;en Kissen und das B&uuml;ndelchen in ihrem Arm.
+Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und
+so schnell er sich auch heute morgen zur&uuml;ckgezogen hatte
+&ndash; den von Gl&uuml;ck bebenden Ton vernahm er doch noch,
+mit welchem die junge Mutter sprach: &raquo;Der kleine Severin
+Lohmann.&laquo; &ndash; Da war doch auch &uuml;ber sein etwas vertrocknetes
+Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen
+&ndash; fast wie R&uuml;hrung.</p>
+
+<p>Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit
+und Ergriffenheit: &raquo;Die gn&auml;dige Frau und der
+kleine gn&auml;dige Herr sollen sich auf mich verlassen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben
+befallen gewesen. &ndash; Man hat es zuweilen erfahren,
+da&szlig; Leben und Tod ein Haus am gleichen Tage
+suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit
+und der Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. &ndash;
+Er mu&szlig;te der geliebten Tochter und dem Kinde noch einen
+Treuen werben.</p>
+
+<p>Nun aber l&ouml;ste sich alles in einem frohen Auflachen.</p>
+
+<p>&raquo;Der kleine gn&auml;dige Herr! Schafskopf &ndash; wir sind
+keine F&uuml;rsten. Denkst so ungef&auml;hr: Seine Hoheit der Erbprinz
+haben geruht, seine Windeln voll zu &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; na ...
+Wie ich meine Tochter taxier&#8217;, lehrt sie den Jungen feste
+erst mal gehorchen &ndash; auch dir! ... Der kleine &#8250;gn&auml;dige
+Herr&#8249;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte einen gro&szlig;en Spa&szlig; und sah im Geist das
+dunkle St&uuml;ck Fell in den Kissen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>So trennten sich Herr und Diener mit einem gl&uuml;cklichen,
+humorvollen L&auml;cheln.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am zwanzigsten kam Wynfried von K&ouml;ln zur&uuml;ck. Einige
+Minuten nach sechs Uhr abends traf der Zug in L&uuml;beck
+ein; das Auto war am Bahnhof; um sieben raste es auf
+das H&uuml;ttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.</p>
+
+<p>Klara h&ouml;rte den Ruf der Hupe &ndash; hohl und dunkel.</p>
+
+<p>Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von
+Neugier &ndash; in Angst &ndash; in Entt&auml;uschung. &ndash; Niemals h&auml;tte
+sie genau sagen k&ouml;nnen, in was f&uuml;r Empfindungen. Bald
+sprach die eine stark und bald die andere.</p>
+
+<p>Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung
+ihres seelischen Daseins erwartet.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber gar nichts im menschlichen Leben werden so viel
+&uuml;berspannte, hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie &uuml;ber
+das Wunder der Mutterschaft,&laquo; dachte Klara. &raquo;Das tun
+wohl M&auml;nner, die sich nur konstruieren k&ouml;nnen, was wir
+innerlich erleben &ndash; und Frauen tun es, die selber niemals
+ein Kind hatten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen.
+Nur eine verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen
+Gesch&ouml;pfchen war in ihrem Herzen und erweiterte
+es gleichsam &ndash; als sei ihm ein St&uuml;ck hinzugewachsen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sonst hatte sich nichts ver&auml;ndert&nbsp;...</p>
+
+<p>Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben,
+da&szlig; das Kind in ihr eine hei&szlig;e Dankbarkeit f&uuml;r den Vater,
+eine neue, nun wirklich leidenschaftliche Neigung zu dem
+Vater mitbringen werde &ndash; wie ein Geschenk aus den
+dunklen Untergr&uuml;nden des Daseins.</p>
+
+<p>Nichts davon ... Alles war wie bisher. &ndash; Eine kleine
+Neugier war hinzugekommen, was Wynfried sage, wie
+er sich in die neue W&uuml;rde schicken k&ouml;nne &ndash; die ihm vielleicht
+&ndash; Klara ahnte es &ndash; nicht so ganz zusagte&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>Aber wenn sie ihn nur erst s&auml;he! An dieser Schwelle
+eines neuen Lebensabschnittes voller Pflichten mu&szlig;ten
+sie sich von Auge zu Auge verstehen &ndash; ein Blick war mehr
+als alles Begr&uuml;beln&nbsp;...</p>
+
+<p>Nun schrie die Hupe zweimal auf&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara wurde erregt. Das sah die W&auml;rterin und mahnte
+mit der bevormundenden Familiarit&auml;t solcher Frauen
+in solcher Lage. &raquo;Sie wissen so viel mehr als die jungen
+M&uuml;tter, die ihre Sch&uuml;lerinnen werden, und das neue
+kleine Leben ist ihnen anbefohlen &ndash; da werden sie naiv
+&uuml;berheblich,&laquo; dachte Klara oft.</p>
+
+<p>Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn
+hingab, sie pflege Klara mit, und sich nur wichtig in
+allen R&auml;umen des Hauses zeigte, kam herein. Wynfried
+meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen
+... Die gute Alte trug das in einem neckischen,
+z&auml;rtlichen Ton vor, der Klara wehtat, als sei er voll
+verborgener Taktlosigkeiten. &ndash; Klara sah an ihr: greise
+Menschen haben, wohl aus Bed&uuml;rfnis zum Frieden,
+so leicht rosige Phantasien und ein so kurzes Ged&auml;chtnis ...
+Und die alte Frau tat l&auml;ngst sch&auml;ker- und sch&auml;ferhaft,
+wenn sie von Klaras Ehe sprach &ndash; deren Grund sie doch
+kannte&nbsp;...</p>
+
+<p>Die geraden Brauen &uuml;ber den dunklen Augen r&uuml;ckten
+n&auml;her zusammen &ndash; Klara sah nerv&ouml;s aus &ndash; als schmerze
+sie etwas&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte meinen Mann sofort sehen,&laquo; sprach sie
+etwas kurz.</p>
+
+<p>Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die
+Vorh&auml;nge hatte man zur&uuml;ckgezogen, da die Sonne schon
+zu tief im Westen stand und ihre Strahlen diese Fenster
+nicht mehr erreichten. Es war hell.</p>
+
+<p>Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau,
+<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>da&szlig; der Mann mehr unsicher, mehr verlegen war als
+ger&uuml;hrt und erhoben&nbsp;...</p>
+
+<p>Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu &ndash; neigte
+sich herab und k&uuml;&szlig;te Klara&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie sah ihn an &ndash; tief &ndash; tief. &ndash; Er l&auml;chelte dem Blick
+zu, der ihm doch fast unbehaglich war&nbsp;...</p>
+
+<p>Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus
+dem Ereignis ergeben konnte. Und er k&uuml;&szlig;te Klara zwischendurch
+wohl viermal die Hand und streichelte leise ihre
+Wangen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller
+R&uuml;cksicht &ndash; wie sie es immer gewesen war, und nicht
+anders&nbsp;...</p>
+
+<p>Nein &ndash; nicht anders&nbsp;...</p>
+
+<p>Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du ihn nicht sehen?&laquo;</p>
+
+<p>Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen,
+nahm mit vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen
+Seidenstoff und die Spitzen&uuml;berh&auml;nge auseinander, atmete
+einen Dunst von neuem Flanell und lauer W&auml;rme ein,
+der ihm gr&auml;&szlig;lich war, sah ein St&uuml;ckchen Sch&auml;del mit
+dunklem Haar, schlo&szlig; die Falten wieder zusammen und
+sprach: &raquo;Entz&uuml;ckend &ndash; hoffentlich sieht er dir &auml;hnlich &ndash;
+ja &ndash; so&#8217;n Baby &ndash; das ist nun mehr was f&uuml;r Frauen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und dann: &raquo;Aber ich darf nur f&uuml;nf Minuten hier
+bleiben &ndash; die Lampr&auml;chtige hat es so befohlen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er k&uuml;&szlig;te ihr die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin rasend stolz, da&szlig; es ein Junge ist &ndash; und
+Vater ist ja wohl au&szlig;er sich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Klara, &raquo;Vater freut sich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ganz einfach sprach sie das &ndash; jedes gro&szlig;e Wort, jede
+Aufwallung und Ersch&uuml;tterung blieb aus.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es war sehr allt&auml;glich&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>Und die junge Frau war wieder allein. Sie schlo&szlig; die
+Augen und drehte den Kopf zur Seite &ndash; sie heuchelte
+Schlummer, um nachzudenken.</p>
+
+<p>Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.</p>
+
+<p>Wenn auf Monate abergl&auml;ubischen Hoffens f&uuml;nf
+n&uuml;chtern-nette Minuten kommen&nbsp;...</p>
+
+<p>Das macht das Herz still&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Alles war dasselbe geblieben&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara wu&szlig;te nun, da&szlig; sie ihre Tat der Dankbarkeit
+unter Verzicht auf jedes wahre Herzensgl&uuml;ck durchf&uuml;hren
+mu&szlig;te&nbsp;...</p>
+
+<p>Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein,
+und nach einigen Wochen war man es schon gewohnt,
+da&szlig; eine neue Hauptperson vorhanden war, die meist
+schlief und zuweilen &uuml;beraus kr&auml;ftig schrie. Auch eine
+pomp&ouml;se Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in
+schwarzem Mieder mit buntem Brusttuch und wei&szlig;en
+Hemd&auml;rmeln, mit rotbuntem Rande um den schwarzen
+Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus wei&szlig;e T&uuml;llteile
+sich k&uuml;nstlich gesichtsw&auml;rts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner
+vermehrt.</p>
+
+<p>Denn Wynfried bestand sogleich darauf, da&szlig; man ein
+solches Wesen suche. Er erkl&auml;rte dem Doktor Sylvester
+und seiner Frau, da&szlig; es ihm einfach gegen sein &auml;sthetisches
+Gef&uuml;hl gehe, wenn Klara den Jungen selbst n&auml;hren wolle.
+Er k&uuml;mmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte
+war er fest. Doktor Sylvester stritt energisch f&uuml;r das
+Nat&uuml;rliche. Aber &uuml;ber Klara kam auf der Stelle eine
+ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie konnte nicht
+k&auml;mpfen.</p>
+
+<p>Sie hatte nur ein dumpfes Gef&uuml;hl von einer un&uuml;berbr&uuml;ckbaren
+Verschiedenheit in gro&szlig;en Dingen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>&Uuml;ber Wynfrieds W&uuml;nsche durfte man nicht hinweggehen
+&ndash; sie nicht, deren Aufgabe es war, einen <em class="gesperrt">Mann</em>
+aus ihm zu machen &ndash; und sie sp&uuml;rte: hier war es ihm
+ein Bed&uuml;rfnis, sich als Gebieter zu f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Er k&uuml;mmerte sich sowieso wenig um das Kind. &Auml;rgerlichkeiten
+sollten in ihm nicht aufkommen.</p>
+
+<p>Bald bemerkte Klara, da&szlig; ihr Mann entweder die
+Ver&auml;nderung im Familienleben als einen Abschnitt ansah,
+der ihm mehr Freiheit zur&uuml;ckgebe, oder da&szlig; er die letzten
+Nervosit&auml;ten absch&uuml;ttelte, die ihm noch angehaftet.</p>
+
+<p>Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere
+Stimmung von der erfreulichsten Ausgeglichenheit.</p>
+
+<p>Unfern der Anlegebr&uuml;cke, zu der die von Hainbuchenhecken
+geleitete Sandsteintreppe hinabf&uuml;hrte, ankerten
+nun ein Motorboot und eine seegehende Schonerjacht.
+Hart an der Br&uuml;cke schaukelte an seiner eisernen Kette
+das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschl&auml;gen
+zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.</p>
+
+<p>Das Motorboot war viel gr&ouml;&szlig;er und eleganter als das
+der Baronin Agathe Hegemeister. Es hatte in der Mitte
+eine Salonkaj&uuml;te, aus deren rotgrauen Samtsofas man
+leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Komb&uuml;se und ein
+kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Gr&ouml;&szlig;ere Ausfl&uuml;ge,
+mit &Uuml;bernachten an Bord, lie&szlig;en sich n&ouml;tigenfalls im
+Motorboot ausf&uuml;hren. Es hie&szlig; dem Kinde zu Ehren
+&raquo;Severin&laquo;, w&auml;hrend die Jacht den Namen &raquo;Klara&laquo; trug.</p>
+
+<p>Die war schneewei&szlig; und wirkte neben dem von
+Benzin getriebenen Mahagonigef&auml;hrten s&uuml;dlich-kokett.
+Ihr Deck, von schmalen Pitschpinebohlen, strahlte von
+Gl&auml;tte und Sauberkeit. Sie besa&szlig; im Raum eine Hauptkaj&uuml;te,
+eine Damenkaj&uuml;te, wo drei Damen es nicht allzu
+eng haben w&uuml;rden, Komb&uuml;se und gro&szlig;e Mannschaftskojen,
+war also zu gr&ouml;&szlig;eren K&uuml;stenreisen durchaus eingerichtet
+<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>und seet&uuml;chtig, auch in den Sunden und Belten
+der holsteinischen und d&auml;nischen Gew&auml;sser zu kreuzen.</p>
+
+<p>Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu wei&szlig;en
+Hosen und krebsrote Zipfelm&uuml;tzen. In dieser munteren
+Tracht sah man sie wie Spring- und Kletterwesen an den
+Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln flink
+hantieren. Sie wurden von einem &raquo;Schiffer&laquo; kommandiert,
+der einen marineblauen Jackenanzug mit Goldkn&ouml;pfen
+trug und um seine Schirmm&uuml;tze ein goldenes Band hatte.</p>
+
+<p>Da&szlig; Wynfried pl&ouml;tzlich auf diesen Sport verfallen
+war, sagte dem Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu.
+Er sah es: nach einem Jahr des gesunden Lebens neben
+einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer regelm&auml;&szlig;iger
+werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz
+einfach das zur&uuml;ckgekommen, was er in tollen Jahren
+verloren gehabt hatte: die gesunde Jugendkraft.</p>
+
+<p>Und wenn sie sich im Sport bet&auml;tigen wollte, konnte
+ihr hier, in der N&auml;he von Travem&uuml;nde und dem ber&uuml;hmten
+Segelwasser der L&uuml;becker Bucht, keiner verlockender
+scheinen als dieser.</p>
+
+<p>Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich
+zu erholen.</p>
+
+<p>Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht
+und zu sehr: einst gegen jetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Au&szlig;erdem:
+alles liegt anders jetzt. Der Mann von heute wird
+ja durch seine Arbeitsstunden so gepeitscht, da&szlig; er Ausgleich
+f&uuml;r seine Nerven haben mu&szlig;, wenn er sich nicht zu
+fr&uuml;h verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner
+Generation &ndash; ihr seid so nach und nach in das Hetzen
+hineingewachsen. Heut f&auml;ngt&#8217;s ja schon f&uuml;r die Kinder
+mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, da&szlig; Wynfried
+die Erholung im Sport sucht.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>&raquo;Ja &ndash; gottlob,&laquo; dachte der Geheimrat. &raquo;Wenn er alle
+Augenblick nach Berlin oder Hamburg f&uuml;hre, um sich zu
+erholen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sicherlich, das h&auml;tte sein Vaterherz ge&auml;ngstigt &ndash;
+obgleich &ndash; Nein! Nein &ndash; solche Frau &ndash; und einen Sohn
+in der Wiege &ndash; da war wohl keine Gefahr mehr.</p>
+
+<p>Klara fuhr fort: &raquo;Du hast mir einmal erz&auml;hlt, da&szlig; seine
+Mutter sehr vergn&uuml;gungss&uuml;chtig gewesen sei, und es
+hier nie lange aushielt. Sieh &ndash; es rumort doch gewi&szlig;
+auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will
+durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen
+wir nicht dankbar sein, da&szlig; er sie in der Natur sucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nimm ihn nur in Schutz,&laquo; sagte der alte Herr weich.
+Lieberes konnte er gar nicht h&ouml;ren.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Taufe wurde mit einem gro&szlig;en Mittagessen
+gefeiert, zu dem von allen Seiten her, aus dem Mecklenburgischen
+und L&uuml;beckischen, die Freunde des Hauses
+gefahren kamen.</p>
+
+<p>Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder
+vor. Sie war solange fortgewesen. Nun kam wie eine
+Erl&ouml;sung diese Tauffestlichkeit. Agathe hatte ihren Eltern
+klar machen k&ouml;nnen, da&szlig; sie dabei nicht fehlen d&uuml;rfe,
+ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kr&auml;nken.
+Und Agathe war beinahe schon umgekommen in dem
+Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck, da&szlig; die Eltern
+der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter
+jeden Fr&uuml;hling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie
+w&uuml;nschten, der Welt ein inniges Verh&auml;ltnis mit ihr vorzuf&uuml;hren.
+Agathe konnte mit ihrer treuen Gerwald so
+oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort
+nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei
+dennoch immer eine versteckte Gefangenschaft, klagte sie der
+Freundin vor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>Ganz abgesehen von der best&auml;ndigen Sehnsucht nach
+dem Einen, Bewu&szlig;ten, wegen dessen K&auml;lte sie noch vor
+Gram sterbe. Klara werde es nicht glauben: keinmal,
+kein einziges Mal habe er geschrieben &ndash; sie habe keine
+Hoffnung mehr.</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir
+gl&auml;nzend bekommen,&laquo; meinte Klara.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin eine von den ungl&uuml;cklichen Konstitutionen,
+denen man ihren geheimen Jammer nie glaubt,&laquo; sagte
+Agathe bek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den
+Undankbaren mit K&auml;lte zu strafen.</p>
+
+<p>Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert,
+da&szlig; ihre &raquo;intimste Freundin&laquo; nicht einmal nach dem Kind
+gefragt habe &ndash; nicht einmal verlangt, es zu sehen &ndash;
+merkw&uuml;rdig!</p>
+
+<p>Aber Klara nahm es nicht &uuml;bel. Ebenso gut h&auml;tte man
+einer Rose Vorwurf daraus machen k&ouml;nnen, da&szlig; sie nur
+Sch&ouml;nheit und Duft habe und sonst zu gar nichts n&ouml;tig sei.</p>
+
+<p>Am anderen Tag freilich &ndash; es mochte diese Unterlassungss&uuml;nde
+Agathen selbst schwer auf die Seele gefallen
+sein &ndash; fand sie den T&auml;ufling s&uuml;&szlig; und reizend und kokettierte
+auf das unschuldigste und st&auml;rkste &uuml;ber das festliche
+Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem
+Vater, ihm zuschw&ouml;rend, da&szlig; Severin der Vierte ihm
+fabelhaft &auml;hnlich sehe.</p>
+
+<p>Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas
+j&uuml;nger und h&uuml;bscher glaube er denn doch auszusehen als
+sein acht Wochen alter Sohn, und mehr Haar habe er denn
+doch auch noch.</p>
+
+<p>Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein
+kahler, unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gro&szlig;er Kindersch&auml;del ist nie
+sch&ouml;n.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas
+peinlich ber&uuml;hrt, ja beleidigt: &raquo;Sehen sie denn nicht die
+Augen &ndash; nicht diese Wundertiefen darin?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Niemand blieb bei der Taufhandlung unger&uuml;hrt, als
+Klara selbst ihr kleines Kind auf die Knie des Gro&szlig;vaters
+legte, der es mit scheuen H&auml;nden festhielt.</p>
+
+<p>Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was
+der geb&auml;ndigte alte Riese wohl in diesem Augenblick
+empfinden m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die
+pastorale Stimme des einen, der hier zu sprechen hatte.</p>
+
+<p>Die Sonne schien herein, &uuml;ber eine ganze Wand von
+Gr&uuml;n und Blumen kamen die goldenen Strahlen und
+umgl&auml;nzten den Pastor und den Alten im Fahrstuhl mit
+dem kleinen Kind auf dem Scho&szlig;, von dem feine Stoff-
+und Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.</p>
+
+<p>Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen
+Frauenkopfes fiel noch der leuchtende Schein.</p>
+
+<p>Stephan Marning stand irgendwo in den gedr&auml;ngten
+Reihen der Taufg&auml;ste. Er hatte aber den Blick frei auf diese
+umstrahlte Gruppe vor dem improvisierten Altar.</p>
+
+<p>Sein Herz klopfte &ndash; er wurde selbst davon &uuml;berrascht,
+so j&auml;h begann dies schnelle Schlagen.</p>
+
+<p>Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie
+sah&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Warum hatte sie ihn geheiratet?&laquo; fragte er sich zum
+unendlichsten Mal.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te: Der Geheimrat hatte sie unterst&uuml;tzt nach
+dem Tode ihrer Eltern. F&uuml;r einen so reichen Mann
+gegen die Waise eines einstigen Beamten eine brave,
+aber keine so gro&szlig;e Tat, da&szlig; die Empf&auml;ngerin der Wohltat
+sich daf&uuml;r hinopferte&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein Blick lie&szlig; nicht von diesem braunen Haar, nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>von diesem edlen Gesicht mit den dunklen Augen, &uuml;ber
+denen die geraden Brauen etwas zusammenger&uuml;ckt waren
+wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.</p>
+
+<p>Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der
+jungen Frau. Sie hob, als rufe sie wer, ein wenig das
+Haupt, sah auf &ndash; und sah in das gro&szlig;e, sprechende Auge
+des Mannes.</p>
+
+<p>Sie erbla&szlig;ten beide.</p>
+
+<p>Klara senkte die Lider &ndash; ein leises Schwanken schien
+durch ihre Gestalt zu gehen.</p>
+
+<p>Ihn &uuml;berfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich
+kein Entsetzen, kein Sturm fassungsloser Aufregung.</p>
+
+<p>Nichts war deutliches Denken oder eingestandene
+Erkenntnis.</p>
+
+<p>Endlich kl&auml;rte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem
+Gef&uuml;hl: &raquo;Ich mu&szlig; fort&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ja, fort &ndash; sich versetzen lassen &ndash; an die russische oder
+franz&ouml;sische Grenze &ndash; wo man fern von allen Erinnerungen,
+aller Kultur ist, wo man nichts hat als das wachsame
+und lauernde Warten auf den Krieg&nbsp;...</p>
+
+<p>Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der
+Hausherr in einer Art von sp&ouml;ttischer Gelegenheitsmacherei
+an seine linke Seite gesetzt hatte. Und Agathe bl&uuml;hte in
+ihrer &uuml;ppigen Sch&ouml;nheit lockender als je. Aber sie mu&szlig;te
+einsehen, da&szlig; ihre Liebe verschwendet sei. Heute l&ouml;sten
+sich auch die letzten Illusionen in einen tr&uuml;ben Nebel
+auf &ndash; und der hie&szlig;: Entsagung.</p>
+
+<p>Ihr ganzes Gem&uuml;t war voll von Tr&auml;nen, die sich hier
+nur nicht laut herausschluchzen lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll R&uuml;hrung
+&uuml;ber sich und ihre weiche Natur: &raquo;Hassen kann ich ihn
+nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nein &ndash; das lag ihr nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Und ihr war gewisserma&szlig;en so zumut, als k&ouml;nne sie
+ihn, abschiednehmend, segnen. Wobei vielleicht im Unterbewu&szlig;tsein
+doch noch ein unsterbliches F&uuml;nkchen Hoffnung
+glomm, da&szlig; ihre dem&uuml;tige Weiblichkeit ihn dennoch bezaubern
+werde.</p>
+
+<p>Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause
+schon mehr Park genannt werden konnte mit seinen weiten
+Rasenfl&auml;chen und seinen gro&szlig;en Baum- und Geb&uuml;schgruppen.</p>
+
+<p>Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle,
+kurze N&auml;chte schlossen. Von d&auml;mmerigem Fr&uuml;hlingsabendzauber
+konnte man deshalb nicht sprechen, und zur Sentimentalit&auml;t
+lud das blaue Licht nicht ein. Zwischen den
+Wipfeln und &uuml;ber den B&uuml;schen sah man die Schornsteine
+und die Burgen der Hoch&ouml;fen her&uuml;berragen, und vor dem
+Abendhimmel stand der Dunst, der die Welt des Feuers
+und des Eisens immer &uuml;berschwebte. Gl&uuml;hender Schein
+gl&auml;nzte geheimnisvoll auf.</p>
+
+<p>Vom Flu&szlig; herauf schrie die Sirene eines Dampfers,
+man sah auch eine Schlange von Rauch in der Luft
+liegen, die langsam weiter und meerw&auml;rts gezogen wurde.</p>
+
+<p>Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl
+und schien ihr beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht
+von einem Erdbeben zerst&ouml;rt, und du selbst stehst fest noch
+mitten darin.</p>
+
+<p>Nur nicht wieder diesen gro&szlig;en, sprechenden Blick sehen.
+Nie wieder &ndash; darin war etwas gewesen &ndash; was? Gro&szlig;er
+Gott &ndash; was denn?</p>
+
+<p>Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?</p>
+
+<p>Und als sie einmal sah, da&szlig; ihr Mann mit Agathe,
+Likowski, Marning und der rothaarigen, nicht mehr so
+v&ouml;llig entz&uuml;ckend h&auml;&szlig;lichen Edith Stuhr zusammenstand,
+ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu. Wynfried
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung
+auf die Travem&uuml;nder Woche. Denn wenn auch die &raquo;Klara&laquo;
+sich mit den Jachten ihrer Klasse, des Kaisers &raquo;Meteor&laquo;
+und der Kruppschen &raquo;Germania&laquo;, noch nicht in einen
+Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft
+und Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch
+bemerkt werden und als neue Erscheinung einen sehr guten
+Eindruck machen. In allen Sportzeitungen war es schon
+in freundlichen Notizen begr&uuml;&szlig;t worden, da&szlig; Herr Wynfried
+Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute
+Jacht erworben habe.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Edith, deren H&auml;&szlig;lichkeit sch&auml;rfere Linien bekommen
+hatte, tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem
+bereit &ndash; wollte eine Art freiwilliger Schiffsjunge werden,
+und weder Sturm noch Gefahr sollten sie erschrecken.
+Papa w&uuml;rde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa
+beik&auml;me, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die
+H&auml;nde: Ja, ja! Das konnte sehr lustig werden.</p>
+
+<p>&raquo;Was? Die gr&auml;&szlig;liche Natur! Das langweilige Meer!
+Pl&ouml;tzliche Geschmacks&auml;nderung?&laquo; spottete Likowski.</p>
+
+<p>&raquo;Ach &ndash; Sie! So &#8217;n rauher Kriegsmann versteht nichts
+von den Wandlungen einer Frauenseele.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, es freut mich immerhin. Natur &ndash; das ist doch
+wenigstens kein schlechter Geschmack!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sagt er mir! Als h&auml;tte ich je solchen!&laquo; rief Agathe
+emp&ouml;rt.</p>
+
+<p>Likowski lehnte f&uuml;r seine Person ab, an den Fahrten
+teilzunehmen, und sagte auch gleich &ndash; weil er wu&szlig;te, er
+half damit dem Kameraden &ndash; da&szlig; es Marning wohl ebenso
+ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so, da&szlig; es
+noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein
+Vetter, der Kapit&auml;nleutnant, war der gleichen Ansicht.
+Vor dem Herbst! Denn im Sp&auml;therbst lassen sich die
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Engl&auml;nder auf nichts mehr ein. Wir sind ihnen mit unseren
+Torpedobooten &uuml;berlegen, und deren erfolgreichstes Feld
+ist: dunkle Herbstn&auml;chte. Das wissen sie da &uuml;berm Kanal.
+Nein, in solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter
+Erwartung bebten, da hatte er keinen Sinn
+f&uuml;r Sport.</p>
+
+<p>&raquo;Ach Unsinn, es geht nie los,&laquo; sagte Edith, zog h&ouml;chst
+vertraulich Wynfried am Arm etwas beiseite und fl&uuml;sterte:
+&raquo;Laden Sie nicht Hornmarck ein, lieber Lohmann. Nein
+&ndash; nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen Sie sein sein &ndash;
+aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, da&szlig;
+er anh&auml;lt ... Das w&auml;r&#8217; zu peinlich &ndash; wo man sich hier
+doch immer gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja
+woll nich begreifen: Das war doch blo&szlig; so &#8217;n Backfischstadium.&laquo;</p>
+
+<p>Alle h&ouml;rten es.</p>
+
+<p>&raquo;Nee,&laquo; sprach Likowski. &raquo;Keine Bange nich, Fr&auml;ulein
+Edith. Hornmarck hat mir noch gestern gesagt, er heirat&#8217;
+blo&szlig;, wenn er &#8217;ne sehr gediegene, weibliche, sch&ouml;ne Frau
+kriegt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na,&laquo; lachte Edith, &raquo;also grad&#8217; so &#8217;n M&auml;dchen, wie
+ich bin.&laquo;</p>
+
+<p>Und alle lachten mit.</p>
+
+<p>Klara hatte ein Gef&uuml;hl: wie tut das wohl, all diese
+Banalit&auml;ten &ndash; es schien so zu beweisen, da&szlig; nichts aus
+den Fugen sei. Und sie sagte, da&szlig; sie gelegentlich auch
+mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie durch ihr
+Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte
+dem Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein
+fremder Ton.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte: das gro&szlig;e, sprechende Auge sah an ihr vorbei.
+Und sie h&auml;tte nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.</p>
+
+<p>Welche qualvolle Unerkl&auml;rlichkeit &ndash; was stand denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>zwischen ihr und ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gem&uuml;tes
+mit ihrem Schwiegervater von diesem Mann &ndash;
+gerade ihn vor allen preisend und gl&uuml;cklich dem Lobe
+horchend, das der alte Herr f&uuml;r ihn hatte?</p>
+
+<p>Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte
+in ihrer Brust diese nerv&ouml;se Angst? Der Entschlu&szlig; wallte
+in ihr auf: ihn nicht mehr sehen&nbsp;...</p>
+
+<p>Und ihr war, als m&uuml;sse sie schon jetzt auf der Stelle
+fliehen.</p>
+
+<p>Sie sprach etwas undeutlich davon, da&szlig; es die Zeit
+sei, wo sie dem Schwiegervater Gute Nacht sagen m&uuml;sse ...
+er zog sich ja immer fr&uuml;h zur&uuml;ck ... Sie lief, als peitsche
+sie wer. Und kam atemlos im Hause an und fuhr hinauf.</p>
+
+<p>Der alte Herr war still. Nicht m&uuml;de &ndash; aber als sei
+er satt vom Tage. Er mochte gern noch einsam bedenken,
+wie reich er nun geworden.</p>
+
+<p>Da kam die junge Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Kind,&laquo; schalt er, &raquo;so au&szlig;er Atem ... Und so elend
+siehst du aus &ndash; was ist denn das? Ich dachte schon immer
+bei Tische: was hat denn Klara?&laquo;</p>
+
+<p>Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und
+ihren Arm um seine Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Es war wohl ein bi&szlig;chen viel,&laquo; sagte sie leise, &raquo;ich
+h&auml;tt&#8217; die Feier lieber im kleinen Kreis gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch, aber das ist Wynfried. Man mu&szlig; ihm zu
+Willen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O ja &ndash; immer &ndash; immer,&laquo; sprach Klara.</p>
+
+<p>Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt,
+stand sie &ndash; lange &ndash; lange.</p>
+
+<p>Wie tat das wohl &ndash; gab solchen Frieden.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>An diesem Abend verlobte sich das &auml;lteste Fr&auml;ulein
+Th&uuml;rauf doch noch mit Herrn von Brelow. Er bat den
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>Generaldirektor und seine Gattin um ein Gespr&auml;ch. Und
+auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche &uuml;berhangenen
+Sitzplatz, im n&uuml;chternen Schatten, wurde die
+Angelegenheit verhandelt. Der Freier in seiner sch&ouml;nen,
+aristokratischen Erscheinung, mit den schon angegrauten
+Schl&auml;fen und dem sorgenvollen Ausdruck, sprach: &raquo;Ihre
+Luise, meine gn&auml;dige Frau, und ich, wir haben uns lieb.
+Ich wei&szlig;, da&szlig; Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat.
+Sie sprachen es so oft aus, Herr Generaldirektor, und
+auch Luise hat es mir so ausdr&uuml;cklich best&auml;tigt, da&szlig; wir
+von vorneherein wissen: wir m&uuml;ssen mit dem bescheidenen
+Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre
+Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen
+Art mir gesagt hat, sie k&ouml;nne ohne Luxus
+leben und bewerte eine herzlich-friedliche Ehe h&ouml;her als
+Glanz, so hoffe ich, da&szlig; Sie, Herr Generaldirektor, und
+Sie, gn&auml;dige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht vorenthalten
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>Die wunderh&uuml;bsche Frau dr&uuml;ckte sogleich ger&uuml;hrt mit
+der Linken ihr Spitzent&uuml;chlein gegen die Augen, w&auml;hrend
+sie mit ausdrucksvoller Geste ihre Rechte Herrn von Brelow
+entgegenstreckte, die er verehrungsvoll k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Der Generaldirektor besah seine H&auml;nde, schien zwei
+Sekunden nachzudenken, schlug pl&ouml;tzlich die k&uuml;hlen Augen
+auf und hatte ein leises, ironisches L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich als Vater ein wenig pr&auml;zisere Angaben &uuml;ber
+dies bescheidene Los erbitten?&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Brelow err&ouml;tete. Er war aus stolzem Hause.
+Sein Vater hatte es herabgewirtschaftet. Dies war kein
+kleiner Augenblick f&uuml;r ihn. Als Mann von Herz und Ritterlichkeit
+h&auml;tte er lieber erkl&auml;rt: &raquo;Ich biete Ihrer Tochter
+eine gro&szlig;e Stellung.&laquo;</p>
+
+<p>Und er mu&szlig;te sagen: &raquo;Der junge Graf Prank ist erst
+<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>dreiundzwanzig Jahre alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer
+Idiot. Das wissen Sie. Ich darf hinzusetzen:
+Vorm&uuml;nder und Agnaten sind mit meiner Administration
+so zufrieden, da&szlig; ich meine Stellung als lebensl&auml;nglich
+ansehen darf. Sie wissen auch, da&szlig; Schlo&szlig; Prankenhorst
+verschlossen dasteht und da&szlig; ich das Kavalierhaus als Wohnung
+habe. Es ist ger&auml;umig und w&uuml;rde, v&ouml;llig eingerichtet,
+meiner Familie eine durchaus standesgem&auml;&szlig;e H&auml;uslichkeit
+bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde.
+Ferner alle Ertr&auml;gnisse des sehr gro&szlig;en Gem&uuml;segartens
+und f&uuml;r die Hauswirtschaft ein nat&uuml;rlich abgegrenztes
+Quantum von allem, was der Stall, die Meierei
+und die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu
+an barem Gehalt habe, ist freilich so bescheiden, da&szlig; ich
+die Ziffer vor einem Mann, wie Sie es sind, nicht aussprechen
+mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir w&uuml;rden
+uns durchaus damit einrichten &ndash; sie will gern sparen.&laquo;</p>
+
+<p>Das ironische L&auml;cheln auf dem klugen Gesicht des Zuh&ouml;rers
+war noch deutlicher geworden. Aber es war nicht
+von jener Art Ironie, die verletzt &ndash; Frau Th&uuml;rauf kannte
+dies L&auml;cheln. Und es weckte auf ihrem Gesicht den Reflex
+strahlender Vorfreude.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind Idealist, Herr von Brelow,&laquo; begann er.
+&raquo;Aber glauben Sie nicht, da&szlig; wir M&auml;nner der Gro&szlig;industrie
+und der Naturwissenschaft daf&uuml;r kein Verst&auml;ndnis h&auml;tten
+&ndash; wir brauchen selbst einen starken Posten Idealismus &ndash;
+ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin!
+An Ihrer Stelle w&uuml;rde ich doch eine gro&szlig;e Mitgift, eine
+wohlhabende Heirat gesucht haben. Nat&uuml;rlich, ich bin
+kein armer Mann &ndash; aber Luise hat zu viel Herz, und
+Sie, taxier&#8217; ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine Erbschaft
+zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und l&auml;nger
+ausbleiben kann.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>&raquo;Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,&laquo;
+antwortete Brelow kurz, ja schroff.</p>
+
+<p>&raquo;Also denn ja &ndash; und von ganzem Herzen. Und
+ich sehe: meine Frau brauche ich nicht zu fragen, ob sie
+auch einverstanden ist!&laquo;</p>
+
+<p>Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Geb&uuml;sch, das
+den Weg zu diesem tristen Winkel geleitete, die Gestalt
+seiner &Auml;ltesten herankommen. Brelow erhob sich auf der
+Stelle auch.</p>
+
+<p>&raquo;Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow
+&ndash; halten Sie mich nicht f&uuml;r &#8217;n Schauspieler oder
+Poseur. Meine Frau und ich waren eins darin: die
+Kinder bescheiden erziehen! &ndash; Zu gro&szlig;e Gewohnheiten
+haben noch keinem Menschen das Leben erleichtert &ndash;
+und die Gefahr lag zu nah: da&szlig; mal Mitgiftj&auml;ger sich
+&#8217;ranmachen k&ouml;nnten. Meine M&auml;dels taugen was! Das
+darf ich sagen! Sie sollen aus <em class="gesperrt">Liebe</em> geheiratet werden
+&ndash; nicht als Eisenprinzessinnen auf &#8217;n Heiratsmarkt
+kommen. &ndash; Na &ndash; und ich seh&#8217; ja nun &ndash; Sie und Luise
+&ndash; Sie wollen zufrieden sein mit den Fr&uuml;chten des Feldes ...
+Sch&ouml;n, sehr sch&ouml;n! &ndash; Aber ich m&ouml;chte denn doch, da&szlig; es
+die Fr&uuml;chte der <em class="gesperrt">eigenen</em> Felder meines Schwiegersohnes
+w&auml;ren. Ich denke, wir lassen mal durch &#8217;n geschickten
+Mittelsmann anklopfen, ob der Herr Kommerzienrat
+Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich reden
+l&auml;&szlig;t&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters
+Hals, und Brelow stand bleich vor freudigem Schreck.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, bitte,&laquo; wehrte der Generaldirektor l&auml;chelnd ab,
+&raquo;es ist keine Mitgift! &ndash; Ich bin und bleibe ein Mann
+von Wort &ndash; schon allein, um dem dicken Pankow nicht
+den Triumph zu g&ouml;nnen &ndash; durchaus: keine Mitgift! &ndash;
+Blo&szlig; Hochzeitsgeschenk.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von
+der neuen Lage innerlich sehr gl&uuml;cklich bedr&auml;ngt, jedoch
+&auml;u&szlig;erlich verlegen die Gl&uuml;ckw&uuml;nsche der Gesellschaft empfing,
+hatte Herr von Pankow doch sein Pl&auml;sier.</p>
+
+<p>Er stie&szlig; mit dem Zeigefinger mehrere L&ouml;cher in die
+Luft, in der Richtung auf des Generaldirektors Weste zu,
+und lachte: &raquo;Was diese Eisenbarone kokett sind! &ndash; Ich
+wollte unserem Freunde Th&uuml;rauf schon &#8217;n Platz im Pankower
+M&auml;nnerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat
+es sich doch so zusammengel&auml;ppert, da&szlig; Fr&auml;ulein Luise
+&#8217;n kleines Rittergut zur Hochzeit kriegt. H&ouml;ren Se mal,
+Th&uuml;rauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir
+Ihren Posten.&laquo;</p>
+
+<p>Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: &raquo;Brelow
+hat&#8217;s nat&uuml;rlich gewu&szlig;t, da&szlig; es Schwindel war mit dem
+Gerede von: keine Mitgift und so&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara umarmte die vor Gl&uuml;ck ganz unsichere Braut.
+Und dachte immerfort: &raquo;Sie lieben sich &ndash; sie lieben
+sich!&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und es schien ihr ein Wunder, da&szlig; zwei aus Liebe
+sich zusammenfinden durften.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Von nun an sah man jeden Nachmittag die wei&szlig;e Jacht
+mit den gelbbleichen Seidensegeln und der flinken Mannschaft
+in den krebsroten Sweatern die Trave hinabkreuzen,
+durchs Wyk, an Travem&uuml;nde vorbei, hinaus in die freie
+Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen.
+Bei Flaute schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn
+weit hinaus.</p>
+
+<p>Der Geheimrat sah es mit Staunen, da&szlig; der Juniorchef
+Wynfried Severin Lohmann jeden Nachmittag die
+Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, da&szlig; sein Sohn in
+der frischen Seeluft, dem k&ouml;stlichen Sport, geradezu in
+erneuter Mannessch&ouml;nheit aufbl&uuml;hte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>Er sprach mit Th&uuml;rauf. Und der Generaldirektor
+gestand, da&szlig; Wynfried mit einer genialen Leichtigkeit
+und Raschheit arbeite, die denn doch das v&auml;terliche
+Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der
+Hand &ndash; als sch&uuml;ttle er es nur so aus dem &Auml;rmel. Bei
+Beratungen traf er rasch den Kern der Dinge, auf die
+es ankam.</p>
+
+<p>Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch
+&ndash; ihm schien, als halte Th&uuml;rauf irgend etwas zur&uuml;ck &ndash;
+das war sonst nicht seine Art.</p>
+
+<p>Er sprach auch mit Wynfried selbst.</p>
+
+<p>Der lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die
+Art des Arbeitens ist was Individuelles. Wei&szlig;t du, mir
+hat immer der gro&szlig;e Gelehrte imponiert &ndash; Robert Koch
+soll&#8217;s gewesen sein &ndash; der sich sein Leben so einteilte:
+acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden
+Vergn&uuml;gen. Kann man seine vierundzwanzig Stunden
+kl&uuml;ger einteilen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht,&laquo; gab der Geheimrat zu; und mahnte
+sich in Gedanken: &raquo;Gerecht bleiben!&laquo;</p>
+
+<p>Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche
+gewesen war, brauchte seines Sohnes Dasein nicht ein
+ebenso brutales, unaufh&ouml;rliches Ringen mit der Arbeit zu
+sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde Frau
+&ndash; ein Gl&uuml;ck in der Ehe &ndash; das hatte er doch?</p>
+
+<p>Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck
+in den strengen Z&uuml;gen dieser jungen Frau so r&auml;tselhaft.</p>
+
+<p>Was am Tauftage ihm zuerst so b&auml;nglich aufgefallen,
+dieser Zug von Abspannung, der fast nach verborgenem
+Leid aussah, der schien so tief eingezeichnet, da&szlig; er nie
+mehr wich.</p>
+
+<p>So sieht das Gl&uuml;ck nicht aus&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>Er nahm sich zusammen, h&ouml;rte zu, was sein Sohn in
+fr&ouml;hlich flottem Ton weitersprach.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann wohl sagen, es macht Spa&szlig;, wenn man da
+so auf dem Werk sich abhetzt &ndash; rasche Entschl&uuml;sse fassen
+mu&szlig; &ndash; das prickelt &ndash;&nbsp;&ndash; Spannung und Wagnis ist dabei
+&ndash; grad&#8217; wie beim Segeln &ndash; man sieht die B&ouml;e
+kommen &ndash; es hei&szlig;t Umlegen &ndash; ja, da kommt es auf
+die Sekunde an &ndash; Geistesgegenwart ist alles. In den
+Fingerspitzen mu&szlig; man&#8217;s haben, wann das Tau locker zu
+geben ist &ndash; und hart an der Gefahr des Kenterns vorbei
+&ndash; dann hat man so recht ein Gef&uuml;hl von Lebensf&uuml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich wu&szlig;te der Geheimrat, was Th&uuml;rauf in seinen
+&Auml;u&szlig;erungen nicht mit vorgebracht hatte.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Sportgef&uuml;hl</em>, mit dem Wynfried der Arbeit
+gegen&uuml;berstand!&nbsp;... Sie war ihm keine heilige Sache.
+War nebens&auml;chlich.</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; sagte er, vorsichtig die Worte suchend, &raquo;es ist
+doch wohl ein Unterschied. Arbeit ist kein Sport.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine doch beinah &ndash; wenigstens f&uuml;r uns, die
+wir&#8217;s eigentlich nicht n&ouml;tig haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eines Sports kann man &uuml;berdr&uuml;ssig werden. Der
+gro&szlig;en Aufgabe nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Angst, Vater,&laquo; sagte er leichthin; &raquo;ich hoffe
+doch, sie bleibt mir immer interessant. Nur &ndash; ich will
+daneben noch was vom Leben haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der letzte, dir das zu mi&szlig;g&ouml;nnen,&laquo; versicherte
+der Vater.</p>
+
+<p>Wynfried streichelte Klara das Haar.</p>
+
+<p>Und in einem j&auml;hen Gef&uuml;hl fand der alte Herr: auch
+nebens&auml;chlich&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine
+famose, gro&szlig;artige Frau in mir geweckt.&laquo;</p>
+
+<p>Klara l&auml;chelte freundlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen
+Nachhall. Hatte er es nicht schon oft und oft geh&ouml;rt?
+Immer dies R&uuml;hmen der &raquo;famosen, gro&szlig;artigen&laquo; Frau?
+Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an
+Worten?</p>
+
+<p>Fort &ndash; fort &ndash; Gespenster &ndash; Gr&uuml;beleien &ndash; fort&nbsp;...</p>
+
+<p>Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit
+dem Kinde zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Na, du kleines Kerlchen,&laquo; sagte Wynfried und sah,
+auch aus Gef&auml;lligkeit gegen Klara, das Kind an. Es
+entwickelte sich so kr&auml;ftig, es war so wundervoll gepflegt,
+da&szlig; man sich daran freuen mu&szlig;te. Und es gew&auml;hrte
+Wynfried auch Genugtuung, da&szlig; alle Menschen, die es
+sahen, es bewunderten.</p>
+
+<p>Der alte Mann fuhr beinahe zusammen &ndash; da war
+wieder ein Nachhall &ndash; aber er kam von weit her &ndash; aus
+Zeitfernen.</p>
+
+<p>War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall
+seiner Frau gewesen? Sagte sie nicht geradeso &raquo;na,
+du kleines Kerlchen&laquo;, wenn die W&auml;rterin ihr einmal den
+kleinen Wynfried zeigte?</p>
+
+<p>O, dieser Tonfall &ndash; durch den alles zur oberfl&auml;chlichsten
+Nichtigkeit zu werden schien &ndash; in dem kein
+Klang von tiefem Gef&uuml;hl mitschwang.</p>
+
+<p>In seinem Gem&uuml;t g&auml;rten die neu erwachenden Sorgen
+so schwer, da&szlig; er sie nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen
+konnte. &raquo;Sein Kind&laquo; &ndash; das war ja die junge
+Frau.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es war gegen Abend, und er sa&szlig; schon wieder oben
+in seinem m&auml;chtigen Stuhl, als er sagte: &raquo;Ich mu&szlig; dich
+fragen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara kniete sogleich neben ihm hin &ndash; denn das war
+ja die Stellung, in der sie ihm am besten in die Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>und zu ihm empor sehen konnte. Er legte seine schwere
+Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du Kummer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Vater.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ver&auml;ndert.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erbla&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollte ich es sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du &uuml;ber Wynfried zu klagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und
+r&uuml;cksichtsvoll.&laquo;</p>
+
+<p>Er wollte weiter fragen: bist du gl&uuml;cklich? Er wagte
+es nicht.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte
+auch gesehen, wie sie erbla&szlig;te.</p>
+
+<p>Und was unbestimmt in seinem Gem&uuml;t g&auml;rte, verdichtete
+sich zu dem Angstgef&uuml;hl, da&szlig; seinem Hause Unheil
+nahe&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Klara,&laquo; sagte er, &raquo;hab Geduld mit ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das brauch&#8217; ich ja gar nicht. Ich habe ja &uuml;ber nichts
+zu klagen,&laquo; sprach sie matt.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn ... je&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Da raffte sie sich auf.</p>
+
+<p>&raquo;Vater!&laquo; sprach sie fest. &raquo;Was ich vor Gott geschworen
+habe, halt&#8217; ich! Sonst w&auml;r&#8217; ich nicht wert, dein Kind zu
+sein.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_7" id="Kapitel_7"></a>7</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">K</span>lara stand mit Wynfried auf der Br&uuml;cke, und sie sahen
+dem F&auml;hrboot entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fr&auml;ulein
+Edith heranbrachte. Schlank, im engen schneewei&szlig;en
+Sportkost&uuml;m, einen langen hellblauen Mantel &uuml;berm Arm,
+stand sie und winkte schon von weitem.</p>
+
+<p>Es war ein herrlicher Tag. Alles gl&auml;nzte fr&ouml;hlich: der
+wolkenlose Himmel, die besonnte Welt der Felder und
+Wiesen, die leuchtendrote kleine Stadt dr&uuml;ben auf der
+sandigen H&ouml;he, der sich im Winde schuppende Flu&szlig;. Und die
+schwarzen Bauten, die d&uuml;steren Eisengerippe des H&uuml;ttenwerks
+standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus
+den ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und
+eilig &ndash; das wirkte beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein
+ablehnt und ausdr&uuml;cklich betonen will, da&szlig;
+die wichtige und finstere Arbeit der Kohle und des Feuers
+sich nicht an so etwas Ver&auml;nderliches wie das sch&ouml;ne Wetter
+kehre.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden.
+Im Wyk wollte man die Baronin Hegemeister mit ihrem
+Schatten, dem Fr&auml;ulein von Gerwald, aufnehmen und
+dann in der L&uuml;becker Bucht den von Kiel kommenden Jachten
+entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende,
+sie schlo&szlig; wie immer mit einer Wettfahrt nach Travem&uuml;nde,
+wo dann noch unter Gegenwart und Teilnahme des Kaisers
+<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>die beiden rauschenden und glanzvollen Tage mit Wettsegeln,
+Fr&uuml;hst&uuml;cken, Diners und T&auml;nzen abgehalten
+wurden.</p>
+
+<p>Nun war Edith angekommen und sprang aus dem
+F&auml;hrboot. Klara erschrak beinah. Was hatte das M&auml;dchen
+denn nur mit sich gemacht? Die dicken, brandroten Haare
+in zwei Z&ouml;pfen als Schnecken &uuml;ber die Ohren gelegt!
+Und das Gesicht mit der kecken Nase, dem gro&szlig;en Mund
+und den bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen
+wirkte dazwischen noch h&auml;&szlig;licher.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin w&uuml;tend,&laquo; sagte sie gleich, &raquo;ich kann nur bis
+Travem&uuml;nde mit! Da mu&szlig; ich meine Tante Aline erwarten.
+Sie kommt mit dem Abendzug von Hannover
+und will drei Tage in Travem&uuml;nde bleiben. Ich mu&szlig;
+ihr Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline k&auml;mpfen G&ouml;tter
+selbst vergebens. Sogar Papa hat aufgetrumpft: da&szlig; du
+dich nicht unterstehst &ndash;&nbsp;&ndash; na &ndash; und so weiter. Wie
+V&auml;ter auftrumpfen, die man sonst um &#8217;n Finger wickelt.
+Er hat ja ihr Verm&ouml;gen im Gesch&auml;ft, und ich soll es mal
+erben &ndash; ich bitt&#8217; um stilles Beileid&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,&laquo; sagte
+Klara, &raquo;ich kann ihn auch nicht begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind leidend,&laquo; sprach Edith, mehr feststellend als
+fragend.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Frau? Leidend?&laquo; fragte aber Wynfried erstaunt.
+&raquo;Keine Spur. Der Kleine hat, glaub&#8217; ich, einmal
+gehustet &ndash; da bringt niemand und nichts meine Frau
+von ihm weg.&laquo;</p>
+
+<p>Edith lachte.</p>
+
+<p>&raquo;O Gott ja &ndash; diese fanatischen jungen M&uuml;tter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer
+Liebe zu ihrem Kinde neckte. War&#8217;s nicht, als w&uuml;rde man
+sie necken, weil sie atme?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>&raquo;Fanatisch &ndash; das ist das Wort,&laquo; stimmte Wynfried
+wohlgelaunt zu. &raquo;Als ich neulich mit meiner Frau acht
+Tage in Berlin war, merkte ich bald: sie kam beinah um
+vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um
+ihn &ndash; als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein
+Heer von Aufsehern da sei.&laquo;</p>
+
+<p>Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die
+schweren Tage in Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so
+viel, als sie es irgend einrichten konnte, in ihres Mannes
+Gesellschaft zu sein &ndash; mit ganzer Inbrunst t&auml;glich von
+neuem zu versuchen, sich an ihn heranzuf&uuml;hlen &ndash; ihm
+Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend f&uuml;r Abend
+ging sie mit in die Theater. Wynfried w&auml;hlte immer
+das, wo man sich am meisten Augenweide und Lustigkeit
+versprechen konnte. Und diese Tage im rauschenden,
+rollenden L&auml;rm und der benzindurchhauchten Staubluft
+&ndash; dem nie abrei&szlig;enden Hintereinander der Gef&auml;hrte &ndash;
+wie waren sie m&uuml;hsam gewesen. Gewi&szlig;, auch durch das
+qu&auml;lende Heimweh nach ihrem Kinde. &ndash; Das Kind war
+doch der Zweck ihres Daseins &ndash; dies Kind gab in einem
+besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht.
+Aber sie sp&uuml;rte wohl, sie w&uuml;rde ihre Sehnsucht bezwungen
+haben &ndash; sie war ja nicht nur Mutter und mit der Mutterschaft
+nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie hatte auch
+die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes
+Geist und Art kam kein Ton zu ihr her&uuml;ber, der sie belebt
+und besch&auml;ftigt h&auml;tte &ndash; sie h&ouml;rte auch kaum ein Wort,
+das ihre Gedanken auf neue Wege geleitet h&auml;tte. Und
+dann &ndash; diese Unruhe in ihr, dies unbestimmte und doch
+furchtbare Gef&uuml;hl, wie von etwas Vernichtendem bedroht
+zu sein &ndash; das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde
+sein konnte.</p>
+
+<p>Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt
+<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>nicht zu ihr &ndash; deshalb sp&uuml;rte sie nichts von der Wucht
+der Eindr&uuml;cke.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nun fix!&laquo; mahnte Wynfried.</p>
+
+<p>Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah
+ihr dreist ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen aber wirklich noch immer &#8217;n bi&szlig;chen matt
+aus &ndash; ich fand es schon damals auf der Taufe. &ndash; Da
+sollten Sie grad&#8217; mitsegeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich tue es oft,&laquo; sagte Klara, &raquo;nur heute ... Der
+Kleine ist wirklich etwas unruhig, und dann ist Vater fast
+noch besorgter als ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schad&#8217;,&laquo; meinte Wynfried, &raquo;es ist so gro&szlig;artiges
+Wetter. Likowski und Marning haben auch abgesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was &ndash; die auch?&laquo; rief Edith. F&uuml;r sie konnten es,
+bei solcher Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann
+war sie doch einer ununterbrochenen, pl&auml;nkelnden Unterhaltung
+sicherer.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte,
+da&szlig; Sie, Baronin Agathe und meine Frau mitsegeln
+w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Marning! &ndash; Ich glaub&#8217;, der retiriert vor Baronin
+Agathe,&laquo; meinte das rothaarige M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist sie unzart&nbsp;...&laquo; dachte Klara.</p>
+
+<p>&raquo;Na &ndash; nu los. Und &auml;ngstige dich nicht &ndash; wenn
+gegen Abend Flaute kommt &ndash; es kann sp&auml;t werden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er und Edith sa&szlig;en im Beiboot, und er trieb es mit
+ein paar sicheren Ruderschl&auml;gen bordseit der &raquo;Klara&laquo;. Die
+hatte schon ihr Fallreep mit den drei Stufen herabgelassen,
+und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck der Jacht,
+wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den
+wei&szlig;en Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn
+milit&auml;risch salutierten.</p>
+
+<p>Das Motorboot stie&szlig; einen grellen Pfiff aus, und seine
+<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>Maschine begann zu sto&szlig;en und zu klopfen. Der leichte,
+braune Mahagonileib glitt stromab. Die Trossen strafften
+sich, und wie ein gro&szlig;er Sohn der kleinen Mutter, so
+folgte die wei&szlig;e Jacht der F&uuml;hrung. Gro&szlig;segel und Schunersegel
+waren noch gerefft.</p>
+
+<p>Wynfried und Edith standen am Gro&szlig;mast und winkten
+Gr&uuml;&szlig;e hin&uuml;ber, bis Klara langsam wieder treppan und
+zum Hause emporstieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Frau hat sich aber wirklich ver&auml;ndert,&laquo; sagte
+Edith.</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich nicht finden. H&ouml;chstens vielleicht, da&szlig; sie
+oft erm&uuml;det aussieht &ndash; sowie der Junge nachts sich r&uuml;hrt,
+steht sie ja auf &ndash; die Amme sei nicht verl&auml;&szlig;lich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Gott &ndash; und der Schlummer Ihrer N&auml;chte!&laquo; sagte
+Edith mit komischem Pathos.</p>
+
+<p>&raquo;Hab&#8217; mich einstweilen aus diesem Bereich zur&uuml;ckgezogen
+und mein altes Quartier oben genommen &ndash; bin
+sehr stolz auf meinen Sohn &ndash; auf sein n&auml;chtliches Geschrei
+leg&#8217; ich aber keinen Wert.&laquo;</p>
+
+<p>Sie machten es sich nun gem&uuml;tlich. Hinter dem Eingang
+zur Kaj&uuml;te, der in &uuml;blicher Weise schr&auml;g &uuml;berdacht
+war, hatte das Deck eine bassinartige, ovale kleine Vertiefung,
+in die man &uuml;ber zwei Stufen hineintrat. Ein
+breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt.
+Sie waren von Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze
+Menge lose liegender, rotseidener gearbeitet, die man sich in
+den R&uuml;cken stopfen konnte oder unter den Kopf legen. Hier
+blieb man auch von der Mannschaft, solange glatte Fahrt
+war, ungesehen und ungeh&ouml;rt, und nur bei irgend welchen
+Segelman&ouml;vern tauchten die wei&szlig;roten Matrosen auf.</p>
+
+<p>Wynfried und das rothaarige M&auml;dchen sa&szlig;en in tr&auml;ger
+Stellung einander gegen&uuml;ber. Er hatte die H&auml;nde zwischen
+den Knien gefaltet und schaute aufmerksam in Ediths
+<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in ihren dreisten
+Augen. Und was ihren gro&szlig;en Mund betraf, dessen sch&ouml;n
+geschwungene, volle Lippen sich &uuml;ber sehr blendenden
+Z&auml;hnen leise &ouml;ffneten, so dachte Wynfried: &raquo;Derart
+l&uuml;stern, da&szlig; es einen Mann irritieren k&ouml;nnte&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was sehen Sie mich so an?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ach &ndash; ich denk&#8217; so: Sie haben ja viel zu fr&uuml;h geheiratet&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja &ndash; wenn man so von n&auml;chtlichem Kindergeschrei
+h&ouml;rt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Frau ist eine famose, gro&szlig;artige Frau. Jeder
+Mann hat Ursache, mich zu beneiden,&laquo; bemerkte er etwas
+ablehnend.</p>
+
+<p>&raquo;Will nichts gegen sie sagen &ndash; nicht von fern &ndash; ich
+verehre Ihre Frau kolossal,&laquo; versicherte Edith sofort. Sie
+hatte irgend eine unbestimmte Empfindung gehabt, da&szlig;
+man &uuml;ber seine Ehe so mit ihm sprechen k&ouml;nne &ndash; aber sie
+sp&uuml;rte: das schien doch nicht geraten&nbsp;...</p>
+
+<p>Seit einiger Zeit fand sie, da&szlig; Wynfried Lohmann der
+sch&ouml;nste Mann sei, den sie je gesehen. Ziemlich gro&szlig;,
+wundervoll gewachsen &ndash; die Augen blau und manchmal
+so r&auml;tselvoll im Ausdruck. &ndash; Die Z&uuml;ge vornehm &ndash; und
+das lockere Sporthemd lie&szlig; zuweilen, wenn er seine Jacke
+abwarf und selbst zugriff, wei&szlig;e Arme und einen herrlichen
+Nacken sehen.</p>
+
+<p>Und Edith hatte Stunden, wo sie w&uuml;tend war &ndash; ja,
+dieser Mann w&auml;re in jeder Hinsicht f&uuml;r sie gewesen. &ndash; Geld,
+Stellung &ndash; und seine Sch&ouml;nheit lud noch dazu ein, sich
+rasend in ihn zu verlieben ... Und was <em class="gesperrt">der</em> Mann wohl
+von Frauen alles wu&szlig;te und verstand! Hunderttausende
+sollte ihn ihr Studium gekostet haben. &ndash; Ach ja, er war
+weit und breit der einzige interessante Mann ... Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>gerade dieser hatte sich mit einer so langweiligen Person
+verheiraten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir
+auch von jedermann ausgebeten haben,&laquo; sagte Wynfried
+w&uuml;rdevoll.</p>
+
+<p>Aber es war eben ein bi&szlig;chen mehr W&uuml;rde, als der
+Augenblick gerade erfordert h&auml;tte. Und mit ihrer Intelligenz
+und ihrem sechsten Sinn, der &uuml;berraschend scharf war,
+f&uuml;hlte sie das gleich.</p>
+
+<p>Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber sie sprach sehr vern&uuml;nftig-n&uuml;chterne Dinge.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, da&szlig; Th&uuml;rauf Teilhaber wird?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater
+das gewollt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden.
+Denken Sie mal: wie w&auml;re ich gebunden gewesen, wenn
+Vater mal davonginge, denn von seinem Krankheitsthron
+aus spricht er ja v&ouml;llig geistesfrisch noch immer das gewichtigste
+Wort. Und wenn vielleicht Th&uuml;rauf uns verlassen
+h&auml;tte, um anderswo als Kompagnon einzutreten. &ndash; Nun
+bin ich nach Wunsch freier Mann &ndash; denn Th&uuml;rauf hat ja
+blo&szlig; eine Leidenschaft: arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa sagt: Th&uuml;rauf kann lachen. Und die Bedingungen
+seien fabelhaft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind durchaus normal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa sagt, es w&uuml;rden Th&uuml;rauf nur vier Prozent abgerechnet
+f&uuml;r all das Lohmannsche Kapital. &ndash; Es w&auml;ren
+acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater ins Werk gesteckt
+hat. &ndash; Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes stehe
+sich Th&uuml;rauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend
+Mark Eink&uuml;nfte. O Gott &ndash; und wenn man bedenkt,
+da&szlig; Ihrem Vater auch noch die Kreyser-Werke zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>zwei Drittel geh&ouml;ren ... Ja, Papa sagt, wenn&#8217;s mit den
+Unternehmungen erst &uuml;ber einen gewissen Umfang hinaus
+ist, arbeiten sie sozusagen von selbst weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie genau Ihr Papa Bescheid wei&szlig;,&laquo; sagte Wynfried
+mokant; &raquo;und wie Sie das alles behalten haben! So viel
+Zahlen im Munde eines so jungen M&auml;dchens.&laquo;</p>
+
+<p>Edith zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an
+von Farben sprechen h&ouml;ren, oder wie mit Kunstreiterkindern,
+die alles von Pferden verstehen. So &#8217;n Industrieprinze&szlig;chen
+wie ich w&auml;chst von selbst ins Verst&auml;ndnis
+f&uuml;r Geld und Gesch&auml;fte hinein. &ndash; Papa wundert sich aber
+doch. Wo alle Welt wei&szlig;, da&szlig; Ihr Vater den rasenden
+Stolz auf sein Werk hat und diese gro&szlig;e Liebe! &ndash; &#8250;Severin
+Lohmann&#8249; sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man immer
+gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll es auch. Wenn Th&uuml;rauf S&ouml;hne h&auml;tte, w&uuml;rde
+Vater es nicht getan haben. &ndash; Es steht auch ausdr&uuml;cklich
+im Kontrakt, da&szlig; die Teilhaberschaft nicht auf Th&uuml;raufsche
+Schwiegers&ouml;hne oder Enkel &uuml;bertragbar sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg
+Edith. Er hatte gemeint: der Geheimrat traue seinem
+Sohn doch wohl noch nicht ganz ... und wolle dem Werk
+den bedeutenden Mitarbeiter sichern. &ndash; Und bis der z&auml;he
+Th&uuml;rauf mal alt und arbeitsunf&auml;hig werde, sei Wynfried
+auch ein alternder und ganz eingearbeiteter Mann.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Th&uuml;rauf
+erobert, macht er ja &#8217;n blendendes Gesch&auml;ft,&laquo; sagte Edith
+voll Verachtung. &raquo;Seit Luisens Verlobung mit Brelow
+wei&szlig; man doch, was die Th&uuml;raufs mitkriegen. Seitdem
+ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens h&auml;uslichen
+Tugenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; fragte Wynfried ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>&raquo;Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag fr&uuml;h
+unseren Ritt machten &ndash; Sie wissen ja, Papa ist in jedem
+Sinne Sonntagsreiter, und ich genier&#8217; mich immer, wenn
+uns sachverst&auml;ndige Herren begegnen &ndash; na, wen treffen
+wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten
+Th&uuml;raufs, nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei
+J&uuml;ngelingen. Die R&auml;der lehnten an dem berasten Erdwall,
+etwas weiterhin sa&szlig; man und lie&szlig; die Beine h&auml;ngen
+und a&szlig; im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die
+waren mit Wurst belegt &ndash; das w&auml;re so in der Situation
+gewesen. &ndash; Und was tat Hornmarck? Er band Vergi&szlig;meinnicht
+zusammen. Ich schw&ouml;re Ihnen: Vergi&szlig;meinnicht!&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie, was ich tat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin gespannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich lenkte mein Pferd &#8217;ran &ndash; ich salutierte Hornmarck
+mit meinem Reitstock und improvisierte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Leutnant sa&szlig; an dem Rain,<br /></span>
+<span class="i0">Er sammelte Vergi&szlig;nichtmein<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;gte sie zum Kranze;<br /></span>
+<span class="i0">Wie r&uuml;hrend war das Ganze.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und denn los und davon. &ndash; Sie wissen, ich kann reiten!
+Papa, als Karikatur eines Sportsman, &auml;ngstlich hinterher.&laquo;</p>
+
+<p>Sie freute sich noch &uuml;ber ihr tolles Davonstieben.</p>
+
+<p>&raquo;Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in
+Ihren Diensten ernannt?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Mu&szlig;
+fortan auch w&auml;hlerisch sein. Vorigen Sommer galt man
+noch nicht f&uuml;r voll. Das ist nun anders. Als Papas Einzige
+wei&szlig; ich, da&szlig; ich ihm nur einen Schwiegersohn <em class="antiqua">I a</em>
+bringen darf. &ndash; Er macht Anspr&uuml;che! Wo seine Fabrik
+<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>sich in so enormem Aufschwung befindet&nbsp;...&laquo; sprach sie in
+l&auml;ssiger Prahlerei.</p>
+
+<p>Wynfried wu&szlig;te, da&szlig; das Gegenteil der Fall sei. Und
+wahrscheinlich wu&szlig;te sie selbst es auch.</p>
+
+<p>Sie r&auml;kelte ihren schlanken K&ouml;rper auf all den Kissen
+ganz zur&uuml;ck und faltete ihre H&auml;nde &uuml;ber ihrem Hinterkopf,
+wo von der wei&szlig;en Linie des Scheitels die roten Haare
+straff nach vorn zu den Z&ouml;pfen hingenommen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; meinte sie im gem&uuml;tlichen Ton &ndash; aber um ihren
+gro&szlig;en Mund ging ein besonderes L&auml;cheln. &raquo;Der eine,
+der mich vielleicht h&auml;tte reizen k&ouml;nnen &ndash; der ist ja <em class="antiqua">hors
+de concours</em>&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und ihre Augen spr&uuml;hten Funken &ndash; zu ihm hin&uuml;ber. &ndash; Da&szlig;
+sie ihn meinte, war zu f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Er sah sie an, l&auml;chelnd &ndash; vielsagend &ndash; sie konnte nach
+Belieben alle Huldigungen daraus lesen, die ihr Bed&uuml;rfnis
+waren.</p>
+
+<p>Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem
+l&uuml;sternen M&auml;dchen, das mit all seiner H&auml;&szlig;lichkeit h&ouml;chst
+lockend war, einen ausf&uuml;hrlichen Ku&szlig; auf den animalischen
+Mund zu pressen. &ndash; Aber das ging nat&uuml;rlich nicht an&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie machte ihm aber Spa&szlig; &ndash; in ihrem Gemisch von
+praktischem Verstand und keckster Herausforderung.</p>
+
+<p>Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er
+mochte mit pikanten Worten umworben werden; es unterhielt
+ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um ihn bem&uuml;hte.
+Das war ihm ein Bed&uuml;rfnis geworden, von seinen Anf&auml;ngen
+her, wo er als sch&ouml;ner, reicher J&uuml;ngling in allzufr&ouml;hliche
+Kreise geraten war.</p>
+
+<p>Von Klara durfte er nat&uuml;rlich solch Umwerben und
+irgend ein kokettes Spiel im Wechsel von Lockungen und
+Versagen nicht erwarten.</p>
+
+<p>In der Ehe war &uuml;berhaupt alles anders. &raquo;Ehe&laquo; &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>die hatte so wenig mit dem &uuml;brigen Mannesempfinden zu
+tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.</p>
+
+<p>Eine Sache g&auml;nzlich f&uuml;r sich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und nach all dem bek&ouml;mmlichen Gleichma&szlig; seines letzten
+Lebensjahres f&uuml;hlte er immer &ouml;fter so etwas wie eine leise
+Sehnsucht nach st&auml;rkerer Bewegung in sich aufsteigen&nbsp;...</p>
+
+<p>Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schw&uuml;l.
+Zum Gl&uuml;ck zerri&szlig; der Pfiff des Motorboots sie.</p>
+
+<p>Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus
+der durch die roten und schwarzen Duc d&#8217;Alben bezeichneten
+Fahrstra&szlig;e ein wenig in das Wyk hinein und lie&szlig; unaufh&ouml;rlich
+gelle Pfiffe in die Sommerluft hineinsausen. Sie
+sollten der Herrin des wei&szlig;en Schl&ouml;&szlig;chens, das aus dem
+Gr&uuml;n des hohen Ufers lachend herausschaute, melden:
+Die &raquo;Klara&laquo; ist zur Stelle und erwartet ihre G&auml;ste.</p>
+
+<p>&raquo;Ach &ndash; wie p&uuml;nktlich!&laquo; rief Edith, &raquo;sehen Sie &ndash; die
+Baronin mu&szlig; schon im Bootshaus gewartet haben.&laquo;</p>
+
+<p>Vom Ufer unterhalb Schlo&szlig; Lammen l&ouml;ste sich ein
+Ruderboot. Mit starken Schl&auml;gen trieb es der als Theatermatrose
+gekleidete Knecht in rascher Fahrt heran.</p>
+
+<p>Edith, die genau wu&szlig;te, da&szlig; sie das Feuerwerk ihrer
+kecken Blicke und Reden nur unter vier Augen gegen eine
+M&auml;nnerbrust abbrennen konnte, fand f&uuml;r ihr Bed&uuml;rfnis,
+sich geistig zu bet&auml;tigen, nun ein unverf&auml;ngliches Ziel.</p>
+
+<p>Sie fand &uuml;ppige Frauen gr&auml;&szlig;lich und nannte alle, die
+&uuml;ber eine gewisse Schm&auml;chtigkeit hinaus rundere Linien
+zeigten, sofort &raquo;dick&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. &ndash; Agathe
+Hegemeister im Futteral eines Sportkleides &ndash; sie hat keine
+Ahnung von ihrer F&uuml;lle. Keine Spur von Selbstkritik.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da bin ich nun anderer Ansicht,&laquo; sagte Wynfried
+eifrig. &raquo;Baronin Agathe ist von allen Damen unseres
+Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten angezogen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Und ihre leise F&uuml;lle ist wundervoll &ndash; noch nicht mal
+Rubens&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sprach Edith geringsch&auml;tzig, &raquo;M&auml;nner haben eben
+einen total anderen Geschmack als wir&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Agathe schwang im herannahenden Boot einen wei&szlig;en
+Chiffonschleier.</p>
+
+<p>Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein wei&szlig;es Leinenkleid
+an. Und was war denn das? Schwarze Kn&ouml;pfe an
+der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu ihrem verzehrenden
+Neid, da&szlig; es veilchenblaue, rundgeschliffene Amethyste
+waren, in Gold gefa&szlig;t, die als Kn&ouml;pfe dienten. Und einen
+Matrosenhut &ndash; wie Edith gehofft hatte &ndash; trug sie auch
+nicht; der h&auml;tte auf der F&uuml;lle des sch&ouml;ngeordneten Blondhaares
+nur l&auml;cherlich wirken k&ouml;nnen, sondern einen sehr
+feinen florentiner Strohhut von &auml;u&szlig;erst kleidsamer Form,
+um den ein wei&szlig;er Chiffonschleier geschlungen und links
+unterm Ohr in eine gro&szlig;e Schleife gebunden war.</p>
+
+<p>Wynfried dachte: entz&uuml;ckend. &ndash; Wie ein M&auml;dchen.
+Und so weiblich weich in jedem Blick, jeder Bewegung.</p>
+
+<p>Nun waren die Damen an Bord. Fr&auml;ulein von Gerwald
+in Dunkelblau mit einem steifen, blanken, schwarzen
+Matrosenhut, den Edith wie eine Rarit&auml;t unbefangen genau
+anstarrte.</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; sagte Agathe, &raquo;meine liebe, s&uuml;&szlig;e Klara f&auml;hrt
+nicht mit? Aber das verleidet mir ja den ganzen Tag!
+Und ich wei&szlig; nicht &ndash; pa&szlig;t sich denn das &uuml;berhaupt? &ndash; Ich
+allein mit dem Gatten einer anderen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin &ndash;
+und Klara l&auml;&szlig;t Sie vielmals gr&uuml;&szlig;en. Zweitens haben Sie
+Ihre Ehrendame, unser allverehrtes Fr&auml;ulein von Gerwald
+neben sich. Und drittens ist es wenig schmeichelhaft
+f&uuml;r mich, da&szlig; Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet
+ist,&laquo; sagte Wynfried.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>Agathe sah ihre Gerwald an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Lohmann hat Recht,&laquo; sprach sie in einem um
+Zustimmung bittenden Ton.</p>
+
+<p>&raquo;Aber v&ouml;llig!&laquo; versicherte Fr&auml;ulein von Gerwald mit
+Nachdruck.</p>
+
+<p>Bis Travem&uuml;nde war es ja nicht mehr weit. Es kam
+auch kein gem&uuml;tlicher Ton auf. Zwischen der blonden
+Frau und dem rothaarigen M&auml;dchen herrschte eine versteckte
+Gereiztheit. Sie wu&szlig;ten selbst nicht, warum. Denn
+jede dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht
+mit mir konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute,
+hatte so viel Vergn&uuml;gen daran, da&szlig; es ihm eigentlich leid
+tat, als Edith in Travem&uuml;nde von Bord ging.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, da&szlig;
+Agathe Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als
+Wynfried und das abscheuliche M&auml;dchen h&auml;tten zu Beginn
+der Fahrt eine ganz besonders sch&ouml;ne Stunde voll intimer
+Gespr&auml;che gehabt. Und das war Agathe doch ein leiser,
+schmerzlicher Stich.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen
+Mantel angezogen hatte, stand noch eine Weile auf der
+hohen Br&uuml;cke, an deren Fu&szlig; sie abgesetzt worden war und
+zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie winkte nicht
+und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas
+gro&szlig;artig wirkte es ... Wynfried l&uuml;ftete noch einmal seine
+wei&szlig;e M&uuml;tze zu ihr hin.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, dies M&auml;dchen!&laquo; sagte Agathe, &raquo;so mager und
+so h&auml;&szlig;lich. So eingebildet und dreist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Spur von Weiblichkeit,&laquo; erlaubte sich Fr&auml;ulein
+von Gerwald hinzuzuf&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;Naseweis ist sie schon,&laquo; gab Wynfried zu, &raquo;aber so
+intelligent und temperamentvoll, da&szlig; ihre H&auml;&szlig;lichkeit zur
+Sch&ouml;nheit wird.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>&raquo;Ja,&laquo; meinte Agathe etwas gekr&auml;nkt, &raquo;M&auml;nner haben
+eben einen ganz anderen Geschmack als wir.&laquo;</p>
+
+<p>Nun hie&szlig; es erst einmal Tee trinken.</p>
+
+<p>Unten in der Salonkaj&uuml;te war alles vorbereitet. Auf
+den Tisch hatte der Komb&uuml;senmaat schon den Teekessel
+gestellt, von dem die elektrische Schnur zum Steckkontakt
+ging. Die Jacht f&uuml;hrte in einem Akkumulator elektrische
+Kr&auml;fte f&uuml;r die Beleuchtung und die Komb&uuml;se.</p>
+
+<p>Sehr hausfraulich go&szlig; Fr&auml;ulein von Gerwald den Tee
+auf, und Agathe fand mit R&uuml;hrung die Kuchen vor, die
+sie liebte. &ndash; Daf&uuml;r hatte Klara gesorgt? Wie liebevoll
+dachte Klara immer nur an andere.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Wynfried, &raquo;sie ist eine famose, gro&szlig;artige
+Frau &ndash; zu gut f&uuml;r mich.&laquo;</p>
+
+<p>Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles ver&auml;ndert.
+Fern schon scho&szlig; das Motorboot zur&uuml;ck in den Hafen von
+Travem&uuml;nde, wo es warten sollte, bis die &raquo;Klara&laquo; wieder
+hereink&auml;me. Und sie selbst brauste nun in stolzer Fahrt
+&uuml;ber die Wogen dahin.</p>
+
+<p>Gro&szlig;segel und Schunersegel waren voll entfaltet, der
+Wind bl&auml;hte sie prall auf. Er kam von Nordost, und so
+hie&szlig; es, um auf die H&ouml;he von Fehmarn zu kommen, in
+langen Schl&auml;gen kreuzen. Die &raquo;Klara&laquo; sauste scheinbar
+geradeswegs auf die gr&uuml;nblaue, h&uuml;gelige Waldk&uuml;ste des
+mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar
+klaren Wasser glitt das Spiegelbild der wei&szlig;en Jacht
+als Schatten mit.</p>
+
+<p>Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden
+Prangens.</p>
+
+<p>Das Meer hatte all seine zornigen, m&uuml;rrischen oder
+schl&auml;frigen Stimmungen von sich abgesch&uuml;ttelt und wogte
+in einer kraftvollen, fr&ouml;hlichen Bewegung, sog das Blau
+des Himmels in sich ein und atmete k&ouml;stliche Salzluft aus.
+<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die runden,
+tr&uuml;ben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend
+einher.</p>
+
+<p>Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfl&auml;che
+dem Vergn&uuml;gen zum Tummelplatz. Segelboote aller Art
+kreuzten. Stolz und gro&szlig; lag da die wei&szlig;e &raquo;Hohenzollern&laquo;,
+und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte des
+Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majest&auml;t befand
+sich auf dem &raquo;Meteor&laquo;, der, mit von Kiel hersegelnd, an der
+Wettfahrt teilnahm. Grau und schlank und dennoch von
+einer gewissen kriegerischen Strenge umwittert, ankerte
+der &raquo;Sleipner&laquo; in der N&auml;he des Kaiserschiffes. Leise spielte
+sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft.
+Eben erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.</p>
+
+<p>Eine Pina&szlig;, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck
+wehte, zerschnitt in eiligem Lauf die Wogen, da&szlig; sie ihr
+wei&szlig;sch&auml;umend am Bug emporstiegen; und ihr Kielwasser
+quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag die Spur
+auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.</p>
+
+<p>Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die
+&raquo;Hohenzollern&laquo; und den &raquo;Sleipner&laquo; im weiten Bogen;
+man h&ouml;rte die metallischen Kl&auml;nge einer patriotischen Musik
+von dort herschwirren.</p>
+
+<p>Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward
+aber dann: Fehmarnw&auml;rts &ndash; entgegen den aufkommenden
+Jachten.</p>
+
+<p>Und die Sonne umglutete, vom Winde gek&uuml;hlt, all
+diese frohe Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren,
+ungef&auml;hrlichen Estrich zu machen schien, auf dem man, anstatt
+mit F&uuml;&szlig;en, mit Schiffen dahingleiten konnte.</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; sagte Agathe wirklich begeistert, &raquo;wie sch&ouml;n, wie
+sch&ouml;n!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, da&szlig;
+ihre geliebte Klara diese Stunden nicht miterlebe.</p>
+
+<p>Das Wasser schwoll immer gegen den Bug &ndash; es war
+kein leises Gluckern und Raunen &ndash; es war ein seidiges,
+gro&szlig;es Rauschen. Wie bes&auml;nftigte es die Gedanken &ndash; es
+war ein Versinken &ndash; in eine himmlische Art von Dummheit
+&ndash; als sei man nur noch ein tr&auml;ges St&uuml;ck Menschentum
+und brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort
+von der Sonne bescheinen zu lassen und dem endlosen
+Gerausche zuzuh&ouml;ren. Das leise Knarren der Masten war
+manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel
+bluffte.</p>
+
+<p>Zuweilen ging eine kurze Unruhe &uuml;ber Deck. Die
+flinken Kerls in den roten Sweatern sprangen &ndash; der
+&raquo;Schiffer&laquo; am Steuer rief Kommandoworte &ndash; die gelblich
+wei&szlig;en Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am
+Gro&szlig;mast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind
+hinein und bl&auml;hte sie auf. &ndash; Und nach dem Man&ouml;ver des
+Umlegens schwebte dann immer wieder der Traum von
+Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der
+Sonne umspann, &uuml;ber der Jacht. So zog sie, umwogt
+und die Flut rasch durchschneidend, von h&uuml;ben nach dr&uuml;ben.
+Die Bucht weitete sich, und im Ma&szlig;e, da&szlig; man mehr dem
+offenen Meer sich n&auml;herte, kreuzte man in k&uuml;rzeren Schl&auml;gen.</p>
+
+<p>Die Stunden flogen, und ihr Fl&uuml;gelschlag war so sanft,
+so unh&ouml;rbar, da&szlig; niemand sich des Entgleitens der Zeit recht
+bewu&szlig;t ward.</p>
+
+<p>Sie mochten kaum sprechen.</p>
+
+<p>Agathe empfand die Gr&ouml;&szlig;e und Weite des Bildes und
+die F&uuml;lle von Lebensbet&auml;tigung in all dem Treiben. Daraus
+erwuchs ihr eine unbestimmte und schmerzliche Sehnsucht.
+Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder fl&uuml;sterte
+zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne
+<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>erhitzte ihr niemals k&uuml;hles Blut noch mehr ... Sie kam
+sich wie von allem Gl&uuml;ck verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert
+vor. Ihr treues Fr&auml;ulein von Gerwald, das
+ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern aus v&ouml;llig
+gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach
+und ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und
+innig zu ihr hin&uuml;ber. Die Gerwald sa&szlig; neben Wynfried.</p>
+
+<p>Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm
+gegen&uuml;ber war ihm ein h&ouml;chst zusagender Anblick. Und
+immer, wenn er mit ihr zusammen war, weckte ihr feines,
+sehr liebkosendes Parf&uuml;m allerlei in ihm auf.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Segel, Segel!&laquo; schrie Fr&auml;ulein von Gerwald.</p>
+
+<p>Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen
+Himmel und Meer sah man wei&szlig;e Striche, die gar keinem
+Schiffsk&ouml;rper anzugeh&ouml;ren schienen.</p>
+
+<p>&raquo;&#8250;Meteor&#8249; und &#8250;Germania&#8249;,&laquo; sagte Wynfried.</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Wind konnte man denken, da&szlig; sie schlank herauf
+k&auml;men &ndash; stick Nordost. &ndash; Zur&uuml;ck werden wir auch in
+gerader Fahrt auf Travem&uuml;nde zuhalten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O &ndash; schon zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst wenn Sie wollen. &ndash; F&uuml;r ein kleines Souper ist
+gesorgt. &ndash; Klara hat alles an Bord schaffen lassen. &ndash;
+Hummer &ndash; kaltes Gefl&uuml;gel &ndash; sonst noch dies und das. &ndash;
+Ich lasse nur in Notf&auml;llen vom Komb&uuml;senmaat kochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herrlich!&laquo; sagte Fr&auml;ulein von Gerwald. Und Agathe
+bat: &raquo;Ja weit hinaus &ndash; bis ganz nach Fehmarn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist&#8217;s recht.&laquo;</p>
+
+<p>Die wei&szlig;en Striche am Horizont wurden deutlicher und
+erwiesen sich bald als Segel &ndash; rasch, vom g&uuml;nstigen Winde
+getrieben kamen die gro&szlig;en Jachten herauf. Sie hatten
+alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen Takelage lagen sie
+stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran &ndash; k&uuml;hn
+und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>Das war herrlich zu sehen. &ndash; Und die &raquo;Klara&laquo; tippte
+ihre Flaggen, um die Kaiserliche Jacht zu gr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm
+von Riesenschwimmv&ouml;geln schien sich aufgemacht zu haben
+und zog daher, durchschnitt spielend die blauen Fluten.
+Helle Lichter setzte die Sonne auf wei&szlig;e Schiffsk&ouml;rper und
+Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand
+eine M&uuml;tze &ndash; der &raquo;Klara&laquo; und ihrem Herrn zum Gru&szlig;,
+und Wynfried und die Damen gr&uuml;&szlig;ten wieder.</p>
+
+<p>M&ouml;wen kreisten &uuml;ber diesem zerstreuten Geschwader
+von Rennjachten &ndash; kreischende Laute gellten herab, und
+der Fl&uuml;gelschlag blitzte vor dem blauen Hintergrund des
+Himmels.</p>
+
+<p>F&uuml;lle des Lebens. &ndash; F&uuml;lle der Freude.</p>
+
+<p>Und Agathe seufzte schwer.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte Wynfried.</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; sprach die blonde Frau klagend, &raquo;all diese Sch&ouml;nheit
+tut mir im Herzen weh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich die Gr&uuml;nde einer so paradoxen Wirkung erfahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe.
+Ich kann an gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann
+neben mir habe. Denn meine Eltern wollen durchaus
+nicht, da&szlig; ich selbst&auml;ndig in solchen Sachen heraustrete.
+Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines verstorbenen
+Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause
+haben? Ja. Aber dar&uuml;ber hinaus nichts. Und wenn Sie
+sich nicht meiner angenommen h&auml;tten, s&auml;he ich wieder nichts
+mehr von den Travem&uuml;nder Tagen als alle Zuschauer, die
+da am Strande herumlungern. &ndash; Nicht mal mit meinem
+Motorboot h&auml;tt&#8217; ich mich herauswagen k&ouml;nnen &ndash; dazu ist
+es zu klein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Eltern sind merkw&uuml;rdig streng.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>&raquo;Ja.&laquo; Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam
+rot. Sie schien sich ganz in peinliche Gedanken zu verlieren.
+Pl&ouml;tzlich f&uuml;gte sie hinzu: &raquo;Und ich mu&szlig; wohl artig
+sein. &ndash; Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es nicht
+in Lammen steckt &ndash; und das ergibt dann wie von selbst
+eine Kontrolle. &ndash; Und dann &ndash; Sie wissen, es gibt so
+Eltern, vor denen man immer im Schock ist&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Das wu&szlig;te Wynfried noch. Fr&uuml;her &ndash; da war er
+seinem Vater auch lieber in scheuer Ferne aus dem Weg
+gegangen.</p>
+
+<p>Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten
+Zeit nach seiner Heimkehr &ndash; und wie nur die Scham
+und die Angst vor seines Vaters Kritik ihn vom Selbstmord
+abgehalten hatte.</p>
+
+<p>Wie weit und unbegreiflich lag das zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Frei war sein Gem&uuml;t dem Vater gegen&uuml;ber und sein
+Umgang mit ihm erst von dem Tage an geworden, wo er
+ihm Klara als Tochter brachte.</p>
+
+<p>Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter
+mehr als den eigenen Sohn. Wynfried f&uuml;hlte es genau.</p>
+
+<p>Aber er war nicht eifers&uuml;chtig &ndash; gar nicht. Es freute
+ihn im Grunde. Undeutlich lag die Empfindung in ihm,
+als lenke das seinen Vater von ihm selbst mehr ab &ndash; als
+w&uuml;rde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes, die
+v&ouml;lligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein
+auf ihn, den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten &ndash; w&uuml;rde
+eine best&auml;ndige Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ...
+Nein, nein &ndash; alles war vortrefflich, wie es war. &ndash; Diese
+ganze h&auml;usliche Welt mit Vater, Frau und Kind gab solch
+ein Gef&uuml;hl von Sicherheit und war im Grunde immer wie
+ein Zeugnis &ndash; es vernichtete die Vergangenheit. &ndash; An
+die dachte Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll
+Kritik. Er bildete sich ein, da&szlig; er heute das alles kl&uuml;ger
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>anfangen und jedes Weib und jede Lage mehr beherrschen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend
+fort: &raquo;Davon, wie schwer es ist, als junge Frau so einsam
+dahinzuleben, davon macht sich niemand einen Begriff.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollten wieder heiraten,&laquo; riet Wynfried.</p>
+
+<p>&raquo;Noch einmal verkauft werden!&laquo; rief sie voll Bitterkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Liebste Baronin &ndash; eine Frau wie Sie &ndash; so sch&ouml;n &ndash;
+verzeihen Sie, aber diese Ihre Worte geben mir die Pflicht,
+deutlich zu sprechen &ndash; so wundervoll sch&ouml;n &ndash; so ganz hingebende
+Weiblichkeit &ndash; so voller Herzensg&uuml;te &ndash; die mu&szlig;
+und wird Liebe finden &ndash; keinen &#8250;K&auml;ufer&#8249; &ndash; nein, einen
+leidenschaftlich liebenden Gatten.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb
+beseligt, halb bek&uuml;mmert an.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie so sprechen. &ndash; Und doch &ndash; glauben Sie
+mir &ndash; es scheint, mir ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie dr&uuml;ckte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte
+nicht viel anders als ein Backfisch, der in unruhiger &Uuml;berf&uuml;lle
+unklar dr&auml;ngender Empfindungen mehr ausspricht,
+als geschmackvoll ist.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Weiber!&laquo; dachte Wynfried sehr angeregt. Die
+Siebzehnj&auml;hrige vorhin hatte ihn von Gesch&auml;ften und
+Zahlen und mit Bosheiten unterhalten, und diese reife
+Frau sprach wie ein sentimentales M&auml;del.</p>
+
+<p>Aber ein so bek&uuml;mmertes und verschmachtendes Frauenherz
+ganz ohne Trost zu lassen, w&auml;re v&ouml;llig gegen Wynfrieds
+Art gewesen.</p>
+
+<p>Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen
+hatte. Er dachte sich wohl, da&szlig; dies noch die allerletzten
+Tr&auml;nen seien, die dem unerbittlichen Stephan nachflossen.
+Und er hatte l&auml;ngst herausgef&uuml;hlt, da&szlig; bei Agathe in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>abschwindende Liebe sich schon eine neue Verliebtheit
+mischte &ndash; wie der Mond noch, immer mehr verblassend,
+am Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend
+erhebt.</p>
+
+<p>Er hielt tr&ouml;stend und innig ihre Hand zwischen seinen
+beiden.</p>
+
+<p>Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr,
+da&szlig; sie ganz gewi&szlig; die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.</p>
+
+<p>Es schien ja eigentlich kein Grund zum Err&ouml;ten vorzuliegen.
+&ndash; Aber Agathe err&ouml;tete doch &ndash; und ihr Atem
+fing an, rascher zu gehen.</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; rief Fr&auml;ulein von Gerwald, &raquo;Fehmarn!&laquo;</p>
+
+<p>Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei
+Stufen empor auf Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser
+Blick zwischen den beiden ... Gottlob, da&szlig; da gerade
+Fehmarn war&nbsp;...</p>
+
+<p>Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache
+Insel, mit ihrem hellen Sandstrand, ihren goldgelben,
+reifenden &Auml;hrenfeldern und dem kleinen St&auml;dtchen Burg
+mit seinen dunklen D&auml;chern unter und zwischen der
+Ehrw&uuml;rde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel.
+So liebensw&uuml;rdig pastoral tauchte der Kirchturm
+aus dem Geh&auml;ufe der Ortschaft auf.</p>
+
+<p>Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch
+so fern, da&szlig; jede etwa st&ouml;rende Kleinigkeit der Uferszenen
+verschwand. Ein Bild wie von kluger und sehr
+feiner Kunst hingemalt.</p>
+
+<p>Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten
+Glanz der Sonne, die hinter der K&uuml;ste zur Linken unterging.
+Voraus &ouml;ffnete sich der schmale Fehmarnsund.</p>
+
+<p>Das alles war sehr sch&ouml;n, und Fr&auml;ulein von Gerwald,
+die am Kaj&uuml;teneingang lehnte und hinaussah, dachte
+immerfort, von schwersten Zweifeln geplagt, ob es nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf aufmerksam zu machen,
+oder ob sie kl&uuml;ger handle, sie ungest&ouml;rt mit Herrn Lohmann
+zu lassen. Und au&szlig;erdem: war es nicht Zeit, zu Abend
+zu essen? &ndash; unten warteten Hummer! &ndash; Und war es
+nicht Zeit, umzukehren? Wann kam man nach Haus?
+Gro&szlig;er Gott &ndash; es konnte sehr sp&auml;t werden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und
+den reizvollen Anblick der korngelben Insel im Rahmen
+blauer Wogen zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,&laquo;
+sagte sie halblaut, &raquo;daf&uuml;r bin ich Ihnen so dankbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nschte nur, ich s&auml;he eine M&ouml;glichkeit, Ihnen
+Ihr oft so schweres Gem&uuml;t zu erhellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich
+um mich besorgt sind?&laquo; fragte Agathe bedenklich.
+Sie hatte doch Klara wirklich lieb &ndash; teils aus ihrem allgemeinen
+Bed&uuml;rfnis zum Lieben, teils weil sie sie neidlos
+bewunderte &ndash; neidlos, aus dem unbewu&szlig;ten Gef&uuml;hl
+heraus, da&szlig; Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte Sie!&laquo; sprach Wynfried sehr lebhaft. &raquo;Klara
+und einem Menschen etwas nicht g&ouml;nnen: das gibt es
+gar nicht. Und noch dazu Ihnen &ndash; ihrer Freundin&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie ist so selbstlos und g&uuml;tig,&laquo; seufzte Agathe.</p>
+
+<p>&raquo;Eine famose, gro&szlig;artige Frau! Ich wei&szlig; nicht &ndash;
+Sie sind doch Freundinnen &ndash; hat sie sich je &uuml;ber unsere
+Ehe ausgesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie. Klara spricht nie von sich &ndash; sie ist so verschlossen.
+Ich bewundere es.&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried neigte sich noch n&auml;her her&uuml;ber und sprach,
+beinahe fl&uuml;sternd: &raquo;Sehen Sie, liebste Freundin &ndash; im
+tiefsten Vertrauen! Man mu&szlig; meine Ehe mit Klara
+anders beurteilen &ndash; wie wohl sonst Ehen. Wir haben
+uns gewisserma&szlig;en meinem Vater zu Gefallen verheiratet.
+<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>Wissen Sie &ndash; als ich heimkam &ndash; Gott, es sind schon
+dreizehn Monat seitdem, wie ist es m&ouml;glich! Da hatte ich
+so viel Schweres durchgemacht &ndash; eine Frau hatte mich
+verraten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Agathe pre&szlig;te seine Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?&laquo;</p>
+
+<p>Und er h&ouml;rte wohl, da&szlig; sie es unfa&szlig;lich f&auml;nde, ihn
+zu lassen, wenn man von ihm geliebt sei&nbsp;...</p>
+
+<p>Er erwiderte dankbar den H&auml;ndedruck.</p>
+
+<p>&raquo;Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, da&szlig; ich
+mich nicht viel wehrte, als Vater in einer raschen Heirat
+mit Klara f&uuml;r mich die einzige moralische Rettung sah.
+&ndash; Heut freilich &ndash; heut gel&auml;nge es Vater freilich nicht so
+leicht, mich einzufangen!&laquo; Er lachte leise auf &ndash; als spreche
+er von sehr drolligen, wenn auch h&ouml;chst liebensw&uuml;rdigen
+Geschichten. &raquo;Ja &ndash; und Klara &ndash; ich dachte erst, sie sei
+in mich verliebt &ndash; man neigt als etwas verw&ouml;hnter Mann
+zu arroganten Einbildungen. &ndash; Aber nein &ndash; Klara hat
+eigentlich nur so &#8217;ne schwesterliche Hingebung f&uuml;r mich. &ndash;
+Geheiratet hat sie mich wegen Vater &ndash; etwas aus Dankbarkeit
+und besonders, weil sie ihn verg&ouml;ttert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O,&laquo; sagte Agathe, &raquo;das ist ja aber eigentlich tragisch
+&ndash; oder ... nein ... Ich wollte sagen &ndash; es h&auml;tte tragisch
+werden k&ouml;nnen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Spur,&laquo; versicherte er mit Nachdruck. &raquo;Gerade
+diese sch&ouml;ne, ruhige Ehe voll Freundschaft gef&auml;llt uns
+beiden sehr gut &ndash; glauben Sie bitte nicht, da&szlig; ich es
+bereue. &ndash; Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie das
+angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich
+habe sozusagen meine Jugend wiedergefunden ... Und
+dann: wie mein alter Herr nun gl&uuml;cklich ist! Er tr&auml;gt sein
+Schicksal, gel&auml;hmt im Stuhl zu sitzen, in Frieden. &ndash; Wie
+h&auml;tt&#8217; er sich sonst daran verzehrt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>&raquo;Das ist ja alles sehr sch&ouml;n,&laquo; sagte Agathe mit einem
+Male auf unbestimmte Art ern&uuml;chtert.</p>
+
+<p>Aber dies flaue Gef&uuml;hl wich rasch einer st&uuml;rmischen
+Aufwallung. Denn Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem
+Ausdruck an.</p>
+
+<p>&raquo;Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht
+blind f&uuml;r den holdesten, weiblichsten Zauber bin&nbsp;...&laquo;
+sprach er leise und langsam.</p>
+
+<p>Inzwischen hatten die K&auml;mpfe in Fr&auml;ulein von
+Gerwalds Brust zu einer Entscheidung gedr&auml;ngt. Ihre
+Phantasie sah immer das leckere, von roter, steinharter
+Schale umpanzerte Hummerfleisch &ndash; und diese Zwangsvorstellung
+entschied.</p>
+
+<p>Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend
+auf der schr&auml;gen Ebene des Decks der gerade sehr
+nach Backbord &uuml;berliegenden Jacht.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schon Abend!&laquo; sagte sie in dem erstauntesten
+Ton von der Welt, als falle ihr diese allt&auml;glich wiederkehrende
+Tatsache zum ersten Male in ihrem Leben auf.</p>
+
+<p>Agathe erwachte&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;O &ndash; wann kommen wir heim?&nbsp;...&laquo; rief sie ge&auml;ngstigt.</p>
+
+<p>&raquo;Wann wir wollen!&laquo; beruhigte Wynfried; &raquo;ich habe
+zu Haus darauf vorbereitet, da&szlig; es sp&auml;t in der Nacht
+werden kann&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebste Baronin, Sie m&uuml;&szlig;ten aber jetzt etwas genie&szlig;en,&laquo;
+ermahnte die Gerwald.</p>
+
+<p>Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit
+dem Schiffer. Der Wind flaute ab, blieb aber Nordnordost
+und verhie&szlig; glatte, wenngleich langsame R&uuml;ckfahrt.</p>
+
+<p>Dann a&szlig; man in einer unbegreiflich &uuml;berm&uuml;tigen
+Stimmung. Roter, sch&auml;umender Roman&eacute; f&uuml;llte die
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>Glasbecher. Das rosig verh&uuml;llte Licht gab eine Traumbeleuchtung.
+Aus vier Birnen kam es, die an den get&auml;felten
+W&auml;nden, zwischen den Wandschr&auml;nkchen, angebracht
+waren. Die Hummersch&uuml;ssel stand auf Eis, und alle
+drei Tischgenossen griffen t&uuml;chtig zu.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem
+prickelnden Burgunder gegen das von Wynfried. &ndash;
+Sogleich rief Agathe: &raquo;Wir wollen auf Klaras Wohl
+trinken!&laquo;</p>
+
+<p>Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Gesellschafterin f&uuml;hlte sich wieder einmal ganz
+begl&uuml;ckt &ndash; seit drei Jahren hatte all das Elend der Dem&uuml;tigungen
+und des ewigen Wechselns von H&auml;uslichkeit
+zu H&auml;uslichkeit ein Ende. &ndash; R&uuml;hrung erfa&szlig;te sie, wenn sie
+bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
+Stunde war sie wie berauscht &ndash; nicht gerade vom leise
+und fein sch&auml;umenden Burgunder &ndash; nein, vielmehr noch
+von der Schw&auml;rmerei ihrer Herrin und von der Mannessch&ouml;nheit
+Wynfrieds.</p>
+
+<p>Agathe war vor Gl&uuml;ckseligkeit wie benommen. &ndash;
+Ach, es lohnte sich ja doch noch, zu leben! &ndash; Und war es
+nicht, als ob Wynfried ein ganz anderes Wesen bekommen
+h&auml;tte &ndash; gleichsam als habe eine Zauberhand &uuml;ber sein
+Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fr&ouml;hlich unternehmenden,
+spr&uuml;henden Ausdruck gegeben?</p>
+
+<p>Ja &ndash; Wynfried f&uuml;hlte sich wirklich wie verwandelt &ndash;
+nicht verwandelt &ndash; vielmehr wie ein Erwachender &ndash; wie
+ein Zur&uuml;ckgekehrter, der lange verbannt war &ndash; so dergleichen
+&ndash; er wu&szlig;te selbst nicht, wie ihn das ankam. &ndash;
+Jedenfalls war es eine Gehobenheit. &ndash; Er war ganz
+durchrieselt von jenen k&ouml;stlichen, gespannten Empfindungen,
+die Mann wie Weib in den Anf&auml;ngen der Liebe &uuml;berraschen.
+&ndash; Ach, was gab es denn Lebensvolleres als dies Vorahnen
+<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>m&ouml;glicher Wonnen, dies sich Einanderentgegendr&auml;ngen
+mit Blick und L&auml;cheln und sinnschweren Worten.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Abend war gekommen; er hatte sanfte T&ouml;ne &uuml;ber
+Himmel, Land und Meer gelegt &ndash; dunkelveilchenfarbene,
+ins Grau hin&uuml;berspielende.</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer
+Stimme, sie wolle es recht mit Andacht genie&szlig;en, und
+suchte sich vorn am Bug ein Pl&auml;tzchen, da wo der Kl&uuml;verbaum
+&uuml;ber Bord hinausragte wie ein Spie&szlig; ... Dort
+hockte sie nieder und fand Lehne und Halt.</p>
+
+<p>Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des
+vertieften Sitzplatzes. Dicht nebeneinander &ndash; er nahm
+ihre Hand und k&uuml;&szlig;te sie und legte sie ihr in den Scho&szlig;
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Solche Stunden,&laquo; sagte Agathe, &raquo;entsch&auml;digen f&uuml;r
+alles, was man gelitten hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?&laquo;
+sprach Wynfried. &raquo;Da&szlig; Ihre Ehe kein Vergn&uuml;gen
+war, kann ich mir denken. Bitte, erz&auml;hlen Sie nichts
+davon &ndash; mir ist, als w&uuml;rde ich zu zornig werden. &ndash;
+Es gibt nur eins: vergessen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie redeten sehr leise miteinander.</p>
+
+<p>&raquo;Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort
+vom Ewig-Gestrigen. Es ist wahr! Wenn immer wieder
+zu einem zur&uuml;ckkommt und sich immer neu straft, was
+man einmal verbrach&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verbrach?! Sie &ndash; Agathe. &ndash; Nein, Sie k&ouml;nnen
+keine Schuld auf sich geladen haben. &ndash; Sie, die Sie
+nicht imstande sind, einer Fliege weh zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &ndash; keine Schuld. &ndash; Und doch &ndash; aus Unkenntnis
+&ndash; aus Neugier &ndash; aus einer schrecklichen Sehnsucht nach
+&ndash; ach, ich wei&szlig; selbst nicht, wonach &ndash; nach Liebe, oder
+<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>nach Gl&uuml;ck &ndash; oder nach Geheimnis &ndash; ja, aus Unkenntnis
+kann man fehlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung
+anzunehmen. Erfahrene Herzen urteilen
+anders.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen,
+sie verzeihen mir nie, woran doch auch sie die Schuld
+trugen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie mir nicht vertrauen &ndash; liebe Agathe. &ndash;
+Ich &ndash; verstehe alles&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den
+Arm um ihre Taille.</p>
+
+<p>Und sie neigte den blonden Kopf n&auml;her zu ihm &ndash;
+stockend &ndash; in immer wachsender Leidenschaftlichkeit sprach
+sie von ihrer Jugend.</p>
+
+<p>Immer dunkler ward die Sommernacht &ndash; die Flut
+gl&auml;nzte in der N&auml;he schwarzblank und war in der Ferne
+ein Abgrund von Finsternis. Aus den Wogen kam eine
+gleichm&auml;&szlig;ige, an- und abschwellende Musik herauf &ndash; von
+der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenb&uuml;ndel
+hinaus und backbord ein gr&uuml;nes &ndash; die glitten als magischer
+Schein mit der Fahrt und schwebten &uuml;ber der Tiefe.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,&laquo;
+erz&auml;hlte Agathe. &raquo;Und immer von zwei Gouvernanten
+bewacht &ndash; ich sollte Franz&ouml;sisch und Englisch wie Deutsch
+k&ouml;nnen. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch hinaus.
+&ndash; Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen
+H&auml;nden, hat gro&szlig;e Verbindungen &ndash; das war so &#8217;ne
+Art Vorarbeit, begriff ich sp&auml;ter &ndash; das sollte mir dann
+den Eintritt in die allererste Gesellschaft sichern. Und
+mal &#8217;ne ganz, ganz gro&szlig;e Partie! Hochadel oder allererste
+Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben
+f&uuml;r sein Geld, und Mama f&uuml;r all ihre Schufterei in den
+<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>Vereinen. Und deshalb wurde an mir herumerzogen &ndash;
+und gar keine lustige Kindheit hatt&#8217; ich &ndash; und keine
+Freundin durft&#8217; ich haben &ndash; damit nicht einmal unerw&uuml;nschter
+Anhang da sei. &ndash; Mama sagte manchmal:
+bis man seine gesellschaftliche Position ganz fest begr&uuml;ndet
+hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben &ndash; man mu&szlig; erst
+sehen, wohin man gelangen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine kluge Dame Ihre Mama&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen
+war mir blo&szlig; erbitternd. Ich wollte lustig sein,
+eine Freundin zum Liebhaben wollte ich &ndash; und da waren
+nur die steifen Gouvernanten &ndash; und sie und ich, wir
+ha&szlig;ten uns.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Armes Kind!&laquo; sagte Wynfried leise, obschon er nur
+fl&uuml;chtig zuh&ouml;rte, sondern nachpr&uuml;fend Agathens Parf&uuml;m
+aufatmete und dachte: ja, es ist <em class="gesperrt">das</em> Parf&uuml;m.</p>
+
+<p>&raquo;So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer
+da drau&szlig;en, zwischen den Fabriken &ndash; das Haus war
+prachtvoll &ndash; aber doch in Berlin selbst h&auml;tte ich vielleicht
+mehr Freiheit gehabt &ndash; mehr Zerstreuung. Ich sah oft
+die Herren aus dem Bureau &ndash; sie begegneten mir und
+gr&uuml;&szlig;ten &ndash; wenn ich mit meinem Nero spielte &ndash; ja,
+ich hatte eigentlich blo&szlig; meinen Bernhardiner zum Vergn&uuml;gen.
+Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich Nero
+in die Spree hinausschwimmen lie&szlig; zum Baden &ndash; dann
+mu&szlig;te ich hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren
+alle wohnten. Und da&nbsp;...&laquo; sie stockte.</p>
+
+<p>Wynfried fragte: &raquo;Und da?&laquo; und legte seinen Arm
+fester um die zitternde Frau&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Und da war einer &ndash; mit so blanken braunen Augen
+und einem schwarzen Schnurrb&auml;rtchen &ndash; so italienisch &ndash;
+bildete ich mir damals ein &ndash; Papa sagte sp&auml;ter: wie ein
+Friseurgehilfe ... Ich wei&szlig; nicht, wie es kam &ndash; wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen
+Nero schlecht bekam, dann ging ich immer &ouml;fter, um ihn
+zu baden, und immer um die Zeit, wo &#8250;er&#8249; an seinem
+Parterrefenster stand. &ndash; Und ich war mit einem Male
+gl&uuml;cklich und hatte fortw&auml;hrend an etwas Sch&ouml;nes zu
+denken. Und dann &ndash; einen Tag &ndash; es war im Juni &ndash;
+da warf er ein Briefchen heraus, als ich vorbeikam, und
+drin stand, da&szlig; er mich wahnsinnig liebe und sterben
+werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen k&ouml;nne, und
+wo es wohl sein k&ouml;nne &ndash; und ich solle morgen, wenn ich
+mit dem Hunde vorbei komme, eine Antwort bringen &ndash;
+einen Zettel in sein Zimmer werfen, er wolle aus Vorsicht
+nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so fing es an.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe weinte ein wenig. Sie sch&auml;mte sich noch immer
+wieder. Und erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-s&uuml;&szlig;en
+&Auml;ngste und Wonnen von damals.</p>
+
+<p>&raquo;Wir trafen uns &ndash; hinter Z&auml;unen &ndash; zwischen den
+Winkeln von Schuppen und Lagerh&auml;usern &ndash; da war keine
+Poesie &ndash; kein Wald &ndash; kein Mondschein &ndash; keine Nachtigall
+&ndash; alles hatte gleich so was furchtbar Verzweifeltes.
+&ndash; Und er schwor, sich zu erschie&szlig;en, wenn ich nicht die
+Seine werde.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe trocknete ihre Tr&auml;nen. St&auml;rker als Scham
+und Gram ward das hei&szlig;e Erinnern.</p>
+
+<p>&raquo;Dann verreisten die Eltern &ndash; ich blieb bei den Gouvernanten
+zu Haus &ndash; jede von ihnen hatte vierzehn Tage
+Urlaub, so da&szlig; vier Wochen lang nur eine Tyrannin mich
+bewachte. &ndash; Und Mi&szlig; Brown war sehr leidend &ndash; benutzte
+diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz
+fr&uuml;h schlafen zu gehen &ndash; es war ein so schw&uuml;ler August.
+Ich starb vor Sehnsucht &ndash; litt &ndash; o &ndash; dachte zu verbrennen
+&ndash; und da geschah es. &ndash; Ich wu&szlig;te ja nicht, was
+ich tat &ndash; ich war nur selig &ndash; selig&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>Sie erschauerte. &ndash; Sie fl&uuml;sterte weiter. &ndash; Und es
+war, als ob ihre raunende Stimme und das schmeichelnde
+Rauschen des Meeres T&ouml;ne seien, die aus dem gleichen
+Urgrunde allen Lebens heraufk&auml;men.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; es nie begriffen &ndash; nie &ndash; da&szlig; das schlecht
+von mir gewesen sein sollte &ndash; so unmenschlich gl&uuml;ckselig
+in Liebe zu sein&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwiegen beide lange. &ndash; Und Agathens Kopf
+ruhte sich an seiner Schulter von vergangenen Leiden
+aus ... Endlich sprach sie weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Die Eltern kamen zur&uuml;ck. Irgend jemand glaubte
+sich verpflichtet, mit ihnen zu sprechen &ndash; denn die ganze
+Fabrik hatte es gewi&szlig; schon lange gemerkt &ndash; wie h&auml;tt&#8217;
+ich daran denken k&ouml;nnen? &ndash; Und dann gab es einen
+Zustand &ndash; o Gott &ndash; ein Massenm&ouml;rder kann nicht h&auml;rter
+bestraft werden. &ndash; Hinrichtung ist ja milde dagegen. &ndash;
+Und Mi&szlig; Brown flog hinaus &ndash; und &#8250;er&#8249; schrieb k&uuml;hn
+und stark an Papa, da&szlig; ich seine Braut sei und da&szlig; er mich
+heiraten wolle &ndash; und Papa und Mama schrien, darauf
+habe er nur spekuliert &ndash; Und ich sagte, seine Armut sei
+mir recht und ich wolle mit ihm hinausziehen und
+betteln. &ndash; Daf&uuml;r hatte Papa nur ein schreckliches
+Gel&auml;chter. &ndash; Wiedergesehen hab&#8217; ich ihn nie &ndash; nicht
+einmal Abschied nehmen durfte ich. &ndash; Und Papa schickte
+ihn mit viel Geld nach Amerika &ndash; da ist er verdorben
+und gestorben &ndash; das hat Papa erst nach vier, f&uuml;nf
+Jahren geh&ouml;rt. &ndash; Damals gleich, als all diese Wut
+auf mich bei Papa und Mama war, wollte ich sterben.
+&ndash; Es ist schwer, zu sterben &ndash; man wei&szlig; nicht, wie man
+es machen soll&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie seufzte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich war noch ganz gebrochen &ndash; dann kamen die
+Eltern und sagten, ich m&uuml;sse den Baron Hegemeister
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>heiraten, es sei f&uuml;r mich das beste &ndash; das einzigste. Sie
+taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich &ndash;
+weil ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. &ndash; Und
+ich dachte: vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war
+ja gewi&szlig; ein besseres Leben als das, was ich zu Haus
+gehabt h&auml;tte. &ndash; Obgleich ... Bis auf den heutigen Tag
+z&uuml;rnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als
+sei alles in Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus,
+und die gute Gerwald sagt die Wahrheit und erz&auml;hlt,
+wie trist ich eigentlich lebe.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Und um dieser jungen, t&ouml;richten, hei&szlig;en Liebe willen,
+soll mein ganzes Leben verpfuscht sein? O, ich wei&szlig;
+wohl &ndash; b&ouml;se Menschen fl&uuml;stern noch immer allerlei &ndash;
+und vielleicht hat einer, f&uuml;r den ich ein bi&szlig;chen schw&auml;rmte,
+gedacht, als Offizier k&ouml;nne er das nicht. &ndash; Aber von
+wie vielen Frauen wird gefl&uuml;stert ... Und weil ich aus
+lauter Einsamkeit und Unkenntnis und Sehnsucht einen
+Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt habe &ndash; soll ich
+nie mehr &ndash; nie &ndash; nie mehr die Gl&uuml;ckseligkeit erfahren &ndash;
+geliebt zu sein&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Da neigte sich das Gesicht des Mannes &uuml;ber das ihre.</p>
+
+<p>Er fl&uuml;sterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der
+Verhei&szlig;ung&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mit einer bezwingenden Selbstverst&auml;ndlichkeit suchten
+seine Lippen die ihren zu einem verzehrenden Ku&szlig;&nbsp;...</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Und am Kl&uuml;verbaum hockte das alte M&auml;dchen und starrte
+in die Nacht hinaus.</p>
+
+<p>Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes W&uuml;nschen und
+Entsagen glomm, wie Feuerreste unter Aschenhaufen,
+wenn er aufgest&ouml;bert wird, noch einmal auf. &ndash; Und sie
+f&uuml;hlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel
+<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde
+da, beide Augen zuzumachen.</p>
+
+<p>Und aus der Sommernacht wehte so viel heran &ndash; fast
+wie Qual des Neides &ndash; R&uuml;hrung, die der gutherzigsten
+aller Frauen ein wenig Gl&uuml;ck g&ouml;nnte &ndash; Sorge vor schrecklichen
+K&auml;mpfen.</p>
+
+<p>Es war aber sch&ouml;n, hier zu sitzen und zu wachen, und
+sie kam sich fast wie Brang&auml;ne vor.</p>
+
+<p>M&auml;rchenhaft &ndash; wie so das Schiff durch die schwarzen
+Wasser dahinglitt &ndash; und im ewig gleichen Ton und
+Rhythmus besangen die Wogen leise den Zauber der Fahrt;
+dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majest&auml;t der
+Himmel.</p>
+
+<p>Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der &#8250;Hohenzollern&#8249;
+auf, und aus ihren vielen, vielen Augen gl&auml;nzte
+gelbes Licht. &ndash; Und dr&uuml;ben Travem&uuml;nde-Strand &ndash; eine
+Reihe von Lichtperlen nur. &ndash; Und das Blinkfeuer des
+Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.</p>
+
+<p>Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo
+Fr&auml;ulein von Gerwald sa&szlig;, und schreckte sie auf.</p>
+
+<p>Der Mann hielt in seinen hocherhobenen H&auml;nden je
+eine Laterne. &ndash; Er schwenkte sie und wiederholte gewisse
+Bewegungen in mehrfacher Folge. &ndash; Er semaphorte
+der Lootsenstation zu, da&szlig; die &raquo;Klara&laquo; in den Hafen wolle,
+und die Station solle es dem Motorboot weitergeben,
+das im Hafen wartete&nbsp;...</p>
+
+<p>Gro&szlig;e Unruhe entstand an Bord.</p>
+
+<p>Die rotwei&szlig;en Matrosen man&ouml;verierten, das Schunersegel
+rauschte herab, sank in sich zusammen und ward von
+raschen, vielen H&auml;nden zu einer Faltenrolle zusammengebunden.
+Das Gro&szlig;segel schl&auml;nkerte gel&ouml;st.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male
+der Herr der Jacht da und gab Befehle.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Fr&auml;ulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie
+wie verzaubert auf dem Sitzplatz &ndash; in seligem L&auml;cheln
+sinnend.</p>
+
+<p>Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach
+kein Wort. &ndash; Aber die Treue wu&szlig;te &ndash; dies verband sie
+beide auf immer.</p>
+
+<p>Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen.
+Und dort wollte Wynfried mit den Damen auf das Motorboot
+&uuml;bersiedeln. Die &raquo;Klara&laquo; sollte &uuml;ber Nacht in Travem&uuml;nde
+bleiben. Mit dem flinken &raquo;Severin&laquo; dachte Wynfried
+erst die Damen an die Lammener Br&uuml;cke zu bringen
+und dann nach Haus zu fahren. Es w&uuml;rde wohl lange
+nach Mitternacht werden&nbsp;...</p>
+
+<p>In Travem&uuml;nde am Ufer waren in dieser Festzeit
+noch Menschen &ndash; und zwei Schiffer riefen allerlei von der
+hohen Br&uuml;cke herab&nbsp;...</p>
+
+<p>Was denn? Ja &ndash; ganz gewi&szlig;. &ndash; Der Schlepper
+&#8250;Primus&#8249; hatte die Nachricht mitgebracht &ndash; gerade als er
+die Trave abw&auml;rts dampfte und schon eine gute Strecke
+an &raquo;Severin Lohmann&laquo; vorbei gewesen war, hatte er einen
+furchtbaren Knall von dorther geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Wie von einer Explosion&nbsp;...</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_8" id="Kapitel_8"></a>8</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>ie junge Frau hatte den Besuch ihrer fr&uuml;heren
+Pflegemutter gehabt. In allem war die Doktorin Lamprecht
+ein eifriger Mensch, in Rede wie in Tat. Und so hielt
+sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit darauf,
+Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara
+hatte gesagt: komm doch an sch&ouml;nen Sommertagen, so
+oft du willst, nachmittags her&uuml;ber. Das war der alten
+raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie setzte sich
+selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den
+G&auml;ngen nach dem Herrenhaus von &raquo;Severin Lohmann&laquo;
+fest. Das hatte Klara nat&uuml;rlich bald gemerkt, und wenn
+sie einmal an einem dieser Wochentage verhindert war,
+telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich
+darauf gefa&szlig;t gewesen, da&szlig; man ihr abwinke. &ndash; Die
+jungen Eheleute wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern
+entgegenfahren. &ndash; Likowski, der immer einen Augenblick
+vorsprach, erz&auml;hlte von der erhaltenen Einladung, der er
+nicht folgen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Als dann aber kein Abwinken erfolgte, st&uuml;rzte sich
+die alte Frau mit ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen.
+War das Kind krank? Oder der Geheimrat? Dar&uuml;ber
+nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den Wurf
+kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend.
+Zum Gl&uuml;ck erwies sich alles als &uuml;berfl&uuml;ssige Gedanken-
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>und Zungengymnastik, denn sie fand Mutter und Kind
+in der v&ouml;lligsten Gesundheit vor, und der Geheimrat
+war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekret&auml;r.
+Das Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig
+mit der Verdauung gest&ouml;rt gewesen &ndash; nun lag es prachtvoll
+anzusehen im offenen Wagen, und die Amme in
+der malerischen Tracht sa&szlig; dabei und wehrte den Fliegen.
+Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken.
+Der Platz unter den alten Ulmen war angenehm, man
+hatte von da einen sehr malerischen Blick auf die Hoch&ouml;fen,
+die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen Himmel,
+von gr&uuml;nen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die
+Doktorin Lamprecht erz&auml;hlte mit unerm&uuml;dlich dahinrinnenden
+Worten von allem Kleinkram ihres engen
+Lebens.</p>
+
+<p>Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte
+hinab zur F&auml;hre, wo es noch einen wortreichen Abschied
+gab, bis S&ouml;rensen, der F&auml;hrmann, ungeduldig fragte:
+&raquo;W&ouml;lt wi nu foahren, oder w&ouml;lt wie nich foahren?&laquo;</p>
+
+<p>Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken
+zur&uuml;ckging, f&uuml;hlte sie sich von einer unbegreiflichen
+Zuversicht und Heiterkeit erhoben. Woher ihr die kam &ndash;
+sie wu&szlig;te es nicht. Das Grundlose ihrer wechselnden
+Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht
+und jammervollen Zerdr&uuml;cktheit, als l&auml;ge alle Qual
+der Welt auf ihr &ndash; sie vermochte es nicht zu erkl&auml;ren.
+Alles, was sie konnte, war, eine &auml;u&szlig;erlich immer beherrschte
+Haltung zeigen.</p>
+
+<p>Jetzt d&auml;uchte ihr, sie sei gl&uuml;cklich, da&szlig; das bi&szlig;chen
+Unruhe des Kindes nicht die Vorbotin von ernstlichen
+St&ouml;rungen gewesen sei. Sie machte sich Vorw&uuml;rfe, ihren
+Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja all
+seine Interessen und Freuden teilen &ndash; das war ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>ernster Vorsatz. Aber dieser freie, friedlich ungezwungene
+Nachmittag war so sch&ouml;n &ndash; fast, als sei es weniger &ndash;
+m&uuml;hsam.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als sie sich dem Platze unter den Ulmen n&auml;herte, sah
+sie, da&szlig; die Amme fortgegangen war und da&szlig; anstatt ihrer
+Leupold Wache hielt. In seiner einfachen dunkelblauen
+Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen hinab.</p>
+
+<p>Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn &uuml;berrumpeln,
+und das gelang ihr auch. Er fuhr auf und wurde rot.</p>
+
+<p>&raquo;Kathrin bat mich &ndash; ich sollte mal ein paar Minuten
+aufpassen. &ndash; Ich kam her, weil Herr Geheimrat bitten
+lassen, wenn es der gn&auml;digen Frau recht sei, m&ouml;chte das
+Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.&laquo;</p>
+
+<p>Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig
+zugedeckt, die nackten &Auml;rmchen frei &ndash; er fing nun schon
+an, mit der einen Hand nach der anderen zu greifen, ohne
+da&szlig; es ihm gelang &ndash; in diesem allerersten zweckvollen
+Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus,
+da&szlig; selbst ein unverst&auml;ndiger Beobachter wie der alternde
+Junggesell Leupold erkennen mu&szlig;te, es sei ein k&ouml;stliches
+Exemplar von einem Kinde.</p>
+
+<p>Klara sah ihn an &ndash; irgend etwas in ihrem Blick forderte
+ihn auf, zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; sagte er verlegen, &raquo;der Kleine wird mal
+ganz und gar Herrn Geheimrat &auml;hnlich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot:
+&raquo;Es ist das sch&ouml;nste Kind, das ich je gesehen habe&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und ging rasch davon. Klara l&auml;chelte. Sie f&uuml;hlte: der
+eifers&uuml;chtige Mann hatte ihr nun endlich verziehen, da&szlig;
+sie die Schwiegertochter und bevorzugte Pflegerin seines
+Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte ihn entwaffnet,
+und er war vielleicht von &auml;hnlichem Stolz auf
+den Stammhalter erf&uuml;llt wie der Gro&szlig;vater selbst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>Ja, so kleine H&auml;ndchen k&ouml;nnen viel.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht,&laquo; dachte Klara, von einer pl&ouml;tzlich aufwallenden
+Hoffnung ganz erregt, &raquo;vielleicht doch noch einmal
+die Herzen seiner Eltern recht zusammenf&uuml;gen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>O Stunde des Gl&uuml;cks, wenn das gesch&auml;he! &ndash; Und
+warum nicht? Es gibt doch Gef&uuml;hlswunder, Wandlungen
+&ndash; man las so viel Sch&ouml;nes davon. Und was die Poesie
+verherrlicht, mu&szlig; sie doch im Leben gefunden haben.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und sa&szlig; in
+seinem Fahrstuhl am Tische. Trotz des wundervollen
+Sommerabends blieben die Fenster geschlossen. Das
+Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug
+ihr Tod im Licht war Klara immer widerw&auml;rtig. Der
+Geheimrat teilte ihren Ekel davor.</p>
+
+<p>&raquo;Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag
+gehabt,&laquo; schalt Klara.</p>
+
+<p>&raquo;Die Arbeit dr&auml;ngte. Ich hatte es mir in den Kopf
+gesetzt, die Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister
+zustellen lassen will, noch heute zu beenden.
+Morgen gibt es St&ouml;rungen die Menge. Direktor Malzan
+von der Frankfurter Heizkessel- und R&ouml;hrenfabrik hat sich
+angesagt &ndash; eine Verbindung, die Wynfried ankn&uuml;pfte.
+Die Fabrik will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen.
+Au&szlig;erdem ist M&uuml;hlmann aus Harburg zu erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach der alte Herr, der immer denselben Spa&szlig; macht,
+indem er bedauert, da&szlig; er mir von den niedlichen
+Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine Pr&ouml;bchen zu F&uuml;&szlig;en
+legen k&ouml;nne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du solltest aber mal wirklich die M&uuml;hlmann-Werke
+mit Wynfried zusammen ansehen; wenn ihr mal in Hamburg
+seid, ist&#8217;s ja nur ein Katzensprung. Anker f&uuml;r Ozeandampfer
+und Krane und Ketten von kolossalischen Gr&ouml;&szlig;en
+und Gewichten. &ndash; Ja, also Malzan und M&uuml;hlmann wohl
+<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>sicher. Vielleicht noch zwei Gesch&auml;ftsfreunde aus Ru&szlig;land.
+Und m&ouml;glicherweise der junge Marks. Die Reederei
+Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse, billig
+einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef
+selbst kommt, mu&szlig; er zu Tisch gebeten werden. Aber du
+wei&szlig;t: alles ist unsicher.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche
+Tischg&auml;ste: die, auf welche man sich vorbereitet hatte,
+kamen zu ganz anderen Tageszeiten und konnten nicht
+zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man niemanden,
+und eine Stunde vor Tisch hie&szlig; es pl&ouml;tzlich, es
+w&uuml;rden G&auml;ste kommen. Oder man dachte an einen oder
+zwei Herren, und es wurden ihrer sechs.</p>
+
+<p>Aber die K&uuml;che war darauf eingerichtet, und Frau
+Fl&uuml;ggen, die Herrenk&ouml;chin, war eine Verbindung von
+rascher Entschlossenheit und Ruhe, die Klara heimlich bewunderte.</p>
+
+<p>&raquo;Und da Th&uuml;rauf verreist ist,&laquo; fuhr der alte Herr
+fort, &raquo;mag ich gern selbst alle sprechen und sehen. &ndash;
+Auf dem Werk macht Wynfried ja sowieso allein die Honneurs,
+wenn Th&uuml;rauf fort ist.&laquo;</p>
+
+<p>Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten
+Ragout aus Kalbsmilchern und Zunge vor, das f&uuml;r ihn
+besonders bereitet war.</p>
+
+<p>&raquo;Du sprachst von einer Denkschrift?&laquo; fragte sie.</p>
+
+<p>Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein
+wollte. So lebendig hatte auch einst ihre Mutter an
+allem teilgenommen, was ihn besch&auml;ftigte. Seit die Tochter
+der Geliebten seine Tochter geworden war, verschwammen
+beider Gestalten f&uuml;r ihn auf das merkw&uuml;rdigste in eins.
+Er konnte seine Empfindungen f&uuml;r die heilige Tote und
+diese ihn t&auml;glich mit Liebe umsorgende junge Frau nicht
+mehr auseinanderhalten. Und ihm war auch, als erkenne
+<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das ihn zum
+Entsagen gezwungen. Da&szlig; die Vergangenheit rein geblieben
+war, adelte ihm heute die z&auml;rtlichen Vatergef&uuml;hle.
+Klara war ihm teurer, als eine Tochter aus eigenem Blute
+h&auml;tte sein k&ouml;nnen &ndash; jene verborgensten, geheimnisvollsten
+Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller Erkl&auml;rbarkeit
+liegen.</p>
+
+<p>Wie geno&szlig; der alte Herr nach Tagen voll angestrengter
+Arbeit und in seinem br&uuml;chigen Zustand diese Stunden &ndash;
+auch ihm war&#8217;s im tiefsten Herzen uneingestanden recht,
+wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der Vater,
+und sie, die junge Frau, waren sonst immer bem&uuml;ht, da&szlig;
+Wynfried sich nur behaglich f&uuml;hle&nbsp;...</p>
+
+<p>Er sprach zu der eifrig H&ouml;renden.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies
+Erwachen eines blinden Nationalismus &uuml;berall &ndash; der so
+oft Forderungen erhebt, die dem eigentlichen volkswirtschaftlichen
+Interesse des Vaterlandes zuwiderlaufen. &ndash;
+In allen L&auml;ndern das gleiche. Nun gibt es in Schweden
+gro&szlig;e Gruppen von Politikern, die es als eine Sch&auml;digung
+der wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden
+fortfahre, seine Eisenerze auszuf&uuml;hren. Und es w&auml;re beinahe
+Selbstmord, wenn diese Ausfuhr je verboten werden
+sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer gro&szlig;. &ndash; Und
+Schweden ist so klein &ndash; es hat auch keine Kohlen &ndash; keine
+Arbeitskr&auml;fte &ndash; selbst wenn es all seine Erze selbst verh&uuml;tten
+wollte und k&ouml;nnte, fehlte wieder die Feinindustrie,
+die den H&uuml;ttenwerken das Rohmaterial abzunehmen imstande
+w&auml;re &ndash; und sie k&ouml;nnte auch niemals in einem
+Ma&szlig;e entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte
+Roheisen zu verarbeiten. &ndash; Deutschland ist der n&auml;chste,
+der gegebenste Abnehmer &ndash; es tr&auml;gt f&uuml;r das Erz, das
+es empf&auml;ngt, ein Riesenkapital &uuml;ber die Ostsee nach dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>befreundeten Land. In Deutschland ist der Eisenverbrauch
+pro Kopf in den letzten drei&szlig;ig Jahren um etwa neunzig
+Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddrei&szlig;ig &ndash;
+stell dir das mal vor&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nein, das konnte Klara sich nat&uuml;rlich nicht auf deutliche
+Art vorstellen, wie ein Mensch hundertdrei&szlig;ig Kilogramm
+Eisen verbrauchen soll. Sie l&auml;chelte gl&uuml;cklich, war
+voll Freude, da&szlig; der Vater immer in dem starken Bed&uuml;rfnis,
+sich zu bet&auml;tigen, geistig so frisch wie nur je sich
+zeigte, und sie scherzte ein wenig &ndash; denn das mochte er
+haben. Und sie sagte, da&szlig; diese Statistiken auch unfreiwilligen
+Humor bes&auml;&szlig;en; und Gro&szlig;vater solle es sich doch
+seinerseits einmal vorstellen, wie Severin der Kleine
+hundertdrei&szlig;ig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mu&szlig;te
+lachen. Und sie lenkte durch wi&szlig;begierige Fragen ihn
+wieder auf seinen Vortrag zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>So sa&szlig;en sie in Frieden, und Klara sprach endlich,
+etwa um elf Uhr, davon, ob man nicht ans Zubettgehen
+denken m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du sagst &#8250;man&#8249;, meinst du mich,&laquo; scherzte der
+Geheimrat.</p>
+
+<p>&raquo;Eingestandenerma&szlig;en! Ich m&ouml;chte noch aufbleiben &ndash;
+auf Wynfried warten &ndash; aber nur bis Mitternacht &ndash; sp&auml;ter
+k&ouml;nnt&#8217;s ihm eher bedr&uuml;ckend als erfreuend sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klug!&laquo; lobte er. &raquo;Und Wynfried hat es ja heute
+wirklich nicht in der Hand &ndash; wenn zum Beispiel Flaute
+eingetreten sein sollte&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara klingelte zweimal. Das hie&szlig;, da&szlig; Leupold kommen
+solle, um seinen Herrn hinaufzuschaffen, und da&szlig;
+Georg oben zur Stelle zu sein habe, um beim Zubettgehen
+zu helfen.</p>
+
+<p>Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus &ndash; der Lift
+m&uuml;ndete in der N&auml;he des E&szlig;zimmers auf die Diele.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glast&uuml;r, durch
+die man in den Hauseingang kam, war geschlossen. Aber
+die breite T&uuml;r, die von der Diele aus auf eine Plattform
+mit Sitzgelegenheiten f&uuml;hrte, stand weit ge&ouml;ffnet, und die
+W&auml;rme des Sommerabends kam herein.</p>
+
+<p>Der alte Herr atmete sie ein &ndash; sie tat ihm wohl.</p>
+
+<p>&raquo;Ein paar Minuten,&laquo; sagte er, und Leupold fuhr seinen
+Herrn gehorsam auf die Plattform hinaus. Klara setzte
+sich auf den n&auml;chsten Stuhl, st&uuml;tzte den Ellbogen auf seine
+Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze Dickicht
+des Parkes.</p>
+
+<p>Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie
+f&uuml;hlte: solange dieser gro&szlig;e Mann lebte, war sie, als
+seine Tochter, reich. Wie mu&szlig;te er immer und immer
+an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein
+&uuml;berragender Verstand sich mit G&uuml;te und Gerechtigkeit
+gleich einer Gloriole umgab. Sie ahnte auch, da&szlig; er nicht
+nur aus Neigung zu dem Gespr&auml;chsstoff, sondern sehr
+zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und seinen tausendf&auml;ltigen
+Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich
+so aus: er wolle, da&szlig; sie ihrem Gatten immer mit Verst&auml;ndnis
+entgegenkommen und sein Interesse, falls es erlahme,
+neu befl&uuml;geln k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk.
+An das Rumoren des Betriebes waren ihrer
+aller Ohren so gew&ouml;hnt, da&szlig; sie es nicht mehr h&ouml;rten.
+Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzustr&ouml;men, und
+Friede und ein sanftes Dunkel f&uuml;llte die Luft, als webe
+und schwebe in ihr der Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles
+zwang zum Schweigen. Und diesem beruhigenden Schweigen
+nachzuh&auml;ngen, war sch&ouml;n.</p>
+
+<p>So lie&szlig;en sie die Minuten rinnen. &ndash; Da geschah etwas
+Furchtbares &ndash; grauenvoll Bedrohliches &ndash; sie zuckten zusammen &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>ein dunkler, runder Ton hatte die Luft zerrissen.
+&ndash; Die Gewalt der Ersch&uuml;tterung war so gro&szlig;,
+da&szlig; ein Zittern durch die Nacht ging.</p>
+
+<p>Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der
+jungen Frau, und sie konnte nicht einmal schreien&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott!&laquo; stie&szlig; der alte Mann heraus. &ndash; Und
+er sa&szlig; und war gefangen&nbsp;...</p>
+
+<p>Eine Explosion &ndash; irgend etwas war geschehen. &ndash;
+Ungew&ouml;hnliches &ndash; vielleicht Furchtbares.</p>
+
+<p>Sie horchten unwillk&uuml;rlich dem dunklen, knallenden
+Ton nach &ndash; ein, zwei Sekunden &ndash; unter der Wucht
+des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag &ndash; in der L&auml;hmung
+des Schreckens.</p>
+
+<p>&raquo;Durchbruch?&laquo; sagte der alte Mann. &ndash; Als Frage klang
+das in die jetzt wieder stumm gewordene, dunkle Nacht
+hinein.</p>
+
+<p>Und seine H&auml;nde auf den Lehnen seines Stuhles
+zitterten.</p>
+
+<p>Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke:
+Leupold sollte hin&uuml;berlaufen und fragen. &ndash; Aber er hatte
+keine Zeit, das zu Worten zu formen.</p>
+
+<p>Denn die junge Frau rannte fort &ndash; es trieb sie &ndash;
+rief sie.</p>
+
+<p>&raquo;Klara!&laquo; aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr.
+Ihre wei&szlig;e Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.</p>
+
+<p>Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile,
+mit langen, federnden Schritten.</p>
+
+<p>Sie sah vor sich das Werk &ndash; war nicht alles wie
+sonst? ... Die vielen kleinen Sonnen all der elektrischen
+Lichter standen als heller Kern in ihrer runden Strahlenglorie.
+Malerisch beschienen w&auml;lzte sich der Rauch von der
+Kokerei her langsam in schr&auml;ger Lage &uuml;ber und durch all
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>das Eisengest&auml;nge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen,
+ehe er sich in die dunkle Luft hinauf verlor und von der
+Nacht aufgesogen ward. Als hellbeleuchtete S&auml;ulen erhoben
+sich unbesch&auml;digt die Schornsteine. Die weit hinausragenden
+eisernen Linien der Ausladebr&uuml;cken waren klar
+zu erkennen. Das ungeheure Gesch&ouml;pf mechanischen
+Lebens, der Selbstgreifer, senkte sich von der ersten Br&uuml;cke
+hinab in den Bauch eines Dampfers, um ihm Riesenh&auml;nde
+voll gepulverter Kohle zu entrei&szlig;en und oben in
+die Wagen zu entleeren.</p>
+
+<p>Klara umfa&szlig;te im Laufen dies ganze, ihr so vertraute
+Bild von Lichtern und Feuerscheinen und &uuml;berhelltem
+Gew&ouml;lk, senkrecht und wagerecht von schwarzen Linien
+und Geb&auml;udesilhouetten durchschnitten. Wie ein M&auml;rchen
+aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer,
+stand dies Wunder menschlicher Kraft vor dem
+schwarzen Himmel, inmitten der dunklen Landschaft.</p>
+
+<p>Ein Blick &ndash; in solcher Angst &ndash; erfa&szlig;t in Sekundenschnelle
+viel &ndash; die n&auml;chste Sekunde &auml;nderte das Bild.</p>
+
+<p>War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sich&uuml;berschneiden
+der Linien zerst&ouml;rt? Wo war der leiterartige
+Schr&auml;gaufzug, dieser feine, durchsichtige Bau von Eisenst&auml;ben,
+zwischen denen sonst die F&ouml;rderwagen gleich kleinen
+Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch
+der Hoch&ouml;fen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen?
+Starrten da nicht zerbrochene Rippen in die Luft? Aber
+noch ehe der Blick dies sicher erkennen konnte, geschah
+etwas Neues. &ndash; Dampf quoll auf, wei&szlig;er, dickgeballter
+Dampf kochte in die H&ouml;he und verh&uuml;llte alles.</p>
+
+<p>Schon war die junge Frau am Tor &ndash; von Severinshof
+str&ouml;mten Menschen heran. &ndash; Die M&auml;nner der abgel&ouml;sten
+Belegschaft, die der Knall aus ihrer Ruhe ri&szlig; &ndash; ver&auml;ngstete
+Frauen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>Der Torw&auml;chter gebot diesen Frauen ein Halt. &ndash; Aber
+wie durfte er es der Tochter und Gattin der Herren zurufen?</p>
+
+<p>Klara st&uuml;rzte vorw&auml;rts &ndash; sie die einzige Frau unter
+den Scharen von M&auml;nnern.</p>
+
+<p>Nun sah sie &ndash; da am ersten Hochofen sah sie es &ndash; in
+kurzen Sekunden, wenn der wei&szlig;e Dampf zischend h&ouml;her
+trieb. &ndash; Ergo&szlig; sich ein Lavastrom aus dem Bauche des
+Hochofens? Wo kam diese wei&szlig;gl&uuml;hende, feurige Masse
+her, die alles Wasser, das gleich einem gl&auml;sernen, rinnenden
+Mantel die Burg der schmelzenden Erze umgab, zum
+Verdampfen brachte?</p>
+
+<p>Das fl&uuml;ssige Eisen und die kochende Schlacke hatten
+ihren Panzer durchfressen.</p>
+
+<p>Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdr&auml;ngen
+wollten, machten sie allen Gasen freie Bahn.</p>
+
+<p>Mit einem Donnerknall war die gl&uuml;hende Luft entwichen,
+indem sie Steine und Eisen zerbrach &ndash; und die
+Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr nach.</p>
+
+<p>Es war ein ungeheuerliches Bild &ndash; wie dies Ged&auml;rm
+von flie&szlig;endem Feuer nun fast ruhevoll herausquoll und
+sich &uuml;ber den Unterbau, den Herd ergo&szlig;.</p>
+
+<p>Und eine unerh&ouml;rte Aufregung zuckte durch die Menge.</p>
+
+<p>Vor dem H&ouml;llenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen,
+vor dem wei&szlig;kochenden Dampf wich alles weit
+zur&uuml;ck. &ndash; Und doch hie&szlig; es eingreifen &ndash; gr&ouml;&szlig;erem Ungl&uuml;ck
+vorbeugen &ndash; von all den maschinellen Betrieben
+des Werkes St&ouml;rungen abhalten &ndash; die vorbeiziehenden
+Bahnen und Rohre vor der Schmelzglut sch&uuml;tzen &ndash; die
+flie&szlig;ende Lava aufhalten. Von der Gie&szlig;halle her mu&szlig;te
+das Stichloch eingesto&szlig;en werden, um den Abflu&szlig; auf die
+sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.</p>
+
+<p>Tapfere M&auml;nner, H&auml;nde und Arme mit nassen Lappen
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>umwunden, von Schl&auml;uchen mit Wasser begossen, drangen
+mit der Sto&szlig;stange vor &ndash; berannten das Stichloch &ndash;
+damit sein Tonverschlu&szlig; zerbreche.</p>
+
+<p>Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, n&auml;herte
+sich Klara. &ndash; Sie stand, leichenbla&szlig;, zitternd, erdr&uuml;ckt
+von der Majest&auml;t der Elemente, die sich der Menschenhand
+entwinden wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau,&laquo; bat der Ingenieur h&ouml;flich, und es
+hie&szlig;: &raquo;Gehen Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle fort &ndash; Th&uuml;rauf &ndash; mein Mann&nbsp;&ndash;&laquo; stammelte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was zu tun ist, geschieht,&laquo; sagte er ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &ndash; ich bleibe&nbsp;...&laquo; Sie stand ja sicher.</p>
+
+<p>Dampf und Glut umh&uuml;llten das Bild und entschleierten
+es in j&auml;hem Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.</p>
+
+<p>Die hellen T&ouml;ne der Eisenstange, die die M&auml;nner gegen
+das Stichloch trieben, klangen durch die Wirrnis.</p>
+
+<p>Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.</p>
+
+<p>Im gleichen Augenblick, da das Durchsto&szlig;en des Stichloches
+gelang, sackte von oben im Geh&auml;use des Ofens die
+ganze Beschickungss&auml;ule, diese schon halb durchschmolzene
+Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein nach, hinab
+in den entstandenen Hohlraum, und pre&szlig;te so auf die herausquellenden
+Massen, da&szlig; sich aus dem Stichloch ein
+Katarakt, ein Springquell von flie&szlig;endem Eisen ergo&szlig;
+und auf den Unterk&ouml;rper des Vordermannes traf.</p>
+
+<p>Das wahnsinnige Aufheulen lie&szlig; jeden erbeben, und
+da war wohl keiner, dem nicht ein Fr&ouml;steln &uuml;ber die Haut
+lief und ein Gef&uuml;hl von &Uuml;belkeit emporstieg.</p>
+
+<p>Auch die junge Frau schrie auf &ndash; sie dr&auml;ngte sich
+durch die M&auml;nner &ndash; sie lief und lief und merkte kaum,
+da&szlig; ein paar Atemlose mit ihr fast Schritt hielten. Zwischen
+starren Eisentr&auml;gern und Mauern vorbei ging der Weg &ndash;
+durch Qualm und gasige D&uuml;nste &ndash; und da war das kleine
+<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Rettungshaus. &ndash; Da war die Tragbahre &ndash; in Glasschr&auml;nken
+alles, was einem Verungl&uuml;ckten wohltun kann.</p>
+
+<p>Und da war auch schon Doktor Sylvester, der f&uuml;r alle
+F&auml;lle herbeigeeilt kam, als er &uuml;ber den Knall erschrak.</p>
+
+<p>Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre,
+die mitten auf dem braunblanken Tonestrich des kleinen
+Raumes stand, der Mann &ndash; gefallen auf dem Felde der
+Arbeit &ndash; ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich dahin
+stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.</p>
+
+<p>Sein Jammern erf&uuml;llte die Luft und machte der jungen
+Frau den Herzschlag fliegen.</p>
+
+<p>Sie weinte und wu&szlig;te nicht einmal, da&szlig; ihr die Tr&auml;nen
+aus den Augen liefen und da&szlig; sie sich zuweilen mechanisch
+mit dem Handr&uuml;cken abwischte, um klarer zu sehen.</p>
+
+<p>Mit raschen, gehorsamen H&auml;nden folgte sie den Anweisungen
+Sylvesters &ndash; ihr Frauengef&uuml;hl, die sanfte
+Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute Dienerinnen.
+Und Sylvester, mit dem Schmi&szlig; &uuml;ber die Wange bis zum
+Mundwinkel hinein, sah ver&auml;chtlicher und grollender aus
+als je &ndash; seine Stirn war gefaltet &ndash; seine Finger zart,
+wie die eines schonenden Weibes.</p>
+
+<p>Und sie schnitten dem Verungl&uuml;ckten die Kleider vom
+Leibe, und von dem nackten beru&szlig;ten K&ouml;rper stieg der
+furchtbare Geruch verbrannten Fleisches auf.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Dann kniete Klara neben der Bahre &ndash; und als der
+Arzt begann, mit lindernden Mitteln, antiseptischen Watten
+und schleierd&uuml;nnen Bandagen die Beine und Schenkel zu
+behandeln, umfa&szlig;ten die beiden feinen Frauenh&auml;nde
+manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen
+Arbeiterf&auml;uste.</p>
+
+<p>Das heisere, br&uuml;llende Schreien des Mannes wurde
+matter &ndash; er mochte die Wohltat des Verbandes sp&uuml;ren
+&ndash; und vielleicht kam die Schw&auml;che &ndash; jene Grenze der
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>&auml;u&szlig;ersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste
+Milderung erl&ouml;send empfinden.</p>
+
+<p>Sein Blick &ndash; sein furchtbarer Blick voll Zorn und
+Wildheit &ndash; in dem noch die ungebrochene Wut der
+Schmerzen loderte, traf den Blick der jungen Frau.</p>
+
+<p>Und es war, als spr&auml;chen sie zusammen.</p>
+
+<p>Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll
+himmlischer Kraft.</p>
+
+<p>Und diese junge, wei&szlig;e Stirn war von einem ungeheuren
+Schmerz gefurcht.</p>
+
+<p>Tief neigte sie sich zu ihm herab &ndash; als wolle sie ihre
+Seele der seinen nahe bringen.</p>
+
+<p>Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.</p>
+
+<p>Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten
+fassen &ndash; in dem &Uuml;berma&szlig; der durcheinanderflutenden
+Gef&uuml;hle tauchten, gleich Bruchst&uuml;cken, einzelne, deutlichere
+Empfindungen auf&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich leide mit dir &ndash; sieh &ndash; ich hab&#8217; mich niemals
+&uuml;ber dich erhoben &ndash; hab&#8217; nie hochgemut den Reichtum
+genossen &ndash; ich bin ein einfacher Mensch wie du &ndash; deine
+Schwester &ndash; verzeih mir &ndash; verzeih Gott &ndash; verzeih dem
+Leben &ndash; verzeih, da&szlig; du leidest &ndash; du sollst keine Sorgen
+haben &ndash; sei tapfer &ndash; bleib mutig&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>So stammelte ihr Denken. &ndash; Und sie hob mit aller
+Kraft ihre gefalteten H&auml;nde zum Arzt empor &ndash; ohne
+Worte flehte, fragte sie: er wird leben?</p>
+
+<p>Und Sylvester verstand diese stumme, gl&uuml;hende Frage.</p>
+
+<p>Er sprach fest: &raquo;Ich hoffe.&laquo;</p>
+
+<p>Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log &ndash; sondern
+weil die Inbrunst in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden
+auf diesem Angesicht seine m&auml;nnliche Fassung fast
+zerbrach.</p>
+
+<p>Und wieder neigte Klara sich &uuml;ber dieses d&uuml;stere, halbzerst&ouml;rte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>&auml;chzende Gesch&ouml;pf. Mit leisen, liebevollsten
+H&auml;nden streichelte sie seine Schl&auml;fen &ndash; strich ihm das
+nasse Haar aus der Stirn.</p>
+
+<p>Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander &ndash; in
+schrecklicher Klage und in innigem Trost.</p>
+
+<p>Da b&uuml;ckte sich die junge Frau noch tiefer und k&uuml;&szlig;te
+die beru&szlig;te, von wilden Schmerzen verzerrte Stirn.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt,
+sa&szlig;en der Hauptmann von Likowski und sein Oberleutnant
+und Freund, der Freiherr von Marning, noch sp&auml;t
+zusammen. Die Fenster waren ge&ouml;ffnet, und der schwebende
+Rauch aus des Hauptmanns Zigarren zog um die
+Lampe und dann in feinen Streifen hinaus ins Dunkel
+der Nacht.</p>
+
+<p>Marning hatte das schlichte Abendbrot des &auml;lteren
+Kameraden geteilt. Dann sa&szlig;en sie und nahmen eine
+strategische Aufgabe durch, die Likowski sich ausgedacht
+hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit stritten
+sie hin und her. Aber nun war es f&uuml;r heute genug. Morgen
+fr&uuml;h vier Uhr begann eine gro&szlig;e Marsch&uuml;bung. &ndash; Also:
+gute Nacht&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, da&szlig; ich heute abend bei Ihnen
+sein konnte,&laquo; sagte Marning, w&auml;hrend er seinen S&auml;bel
+umschnallte.</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, und ich dank&#8217; Ihnen, da&szlig; Sie sich bei mir
+einluden. Sagen Sie mal, Marning, was ist das, da&szlig;
+wir uns um Vorw&auml;nde bem&uuml;hen, Herrn Wynfried Severins
+Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit Zurhilfenahme
+von Verschleierungen und Vorspiegelungen.
+Er mu&szlig; meinen, nach der Art unserer Absage, da&szlig;
+bei mir &#8217;n gro&szlig;er Kommispekko f&uuml;r Unbeweibte stattfindet.
+Und wir haben blo&szlig; friedlich zu zweien fachgesimpelt
+<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>&ndash; leider Gottes tun wir ja immer nur was
+Friedliches.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; auch nicht, was es ist,&laquo; sprach Marning.</p>
+
+<p>&raquo;Schade! Ist ja &uuml;brigens nicht auf unserer H&ouml;he!
+Nach Vorgef&uuml;hlen gehen! Denn was anderes als dies
+unbestimmte &#8250;Wir m&ouml;gen ihn nu mal nich&#8249; k&ouml;nnen wir
+doch nich vorbringen. Er ist ein liebensw&uuml;rdiger Wirt.
+Er soll sich zum fixen Gesch&auml;ftsmann entwickeln. Wir
+sehen ihn nur in ritterlicher Art mit Vater und Frau
+verkehren. Da&szlig; er acht Jahre lang &#8217;n Lebej&uuml;ngling war
+&ndash; nu &ndash; &uuml;ber so was w&auml;chst ja Gras &ndash; &ndash; Und dennoch:
+nee &ndash; ich kann nu mal kein Herz zu ihm fassen &ndash; ich
+trau&#8217; ihm nich &ndash; &ndash; Er ist mir auch zu sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>Marning h&auml;tte kaum etwas antworten m&ouml;gen und
+k&ouml;nnen. &ndash; Und ihm wurde auch jede Antwort abgeschnitten.
+&ndash; Ein Knall &ndash; dunkel und gro&szlig; &ndash; von dem Nachklang
+krachender Ger&auml;usche begleitet, zerri&szlig; die Nachtluft in
+St&uuml;cke.</p>
+
+<p>Sie sahen sich an &ndash; erschreckt nachhorchend &ndash; ein
+paar Augenblicke.</p>
+
+<p>Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen
+Fabrik? In welcher anderen der vielen industriellen
+Anlagen h&uuml;ben und dr&uuml;ben am Flu&szlig;? Oder gar auf
+&raquo;Severin Lohmann&laquo;?</p>
+
+<p>Likowski ri&szlig; die T&uuml;r zu seinem nach hinten hinaus
+gelegenen Schlafzimmer auf und st&uuml;rzte ans Fenster.
+Von dort, &uuml;ber das Stalldach hinweg, konnte er das
+Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt,
+von beschienenem Gew&ouml;lk umzogen, als
+helldunkles Bild wunderbar vor dem schwarzen Nachthimmel?</p>
+
+<p>Nein, nicht wie immer &ndash; da stiegen wei&szlig;e Wolken
+&ndash; kochte Dampf auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>&raquo;Ein Ungl&uuml;ck. Rasch, Marning &ndash; den zweiten Zug
+alarmieren &ndash; der dritte soll sich bereit halten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Ruf: &raquo;Vollert &ndash; Vollert!&laquo; donnerte durch das
+Haus. Der Bursche polterte aber schon gerade die Holztreppe
+von seiner Dachkammer herab.</p>
+
+<p>Sie griffen nach ihren M&uuml;tzen und liefen.</p>
+
+<p>Unten streckte sich ein altes, graues Frauenk&ouml;pfchen
+aus der T&uuml;rspalte, und man sah eine wei&szlig;bekleidete
+Schulter.</p>
+
+<p>Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und er&ouml;rternden
+Gespr&auml;chen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht,&laquo; sagte Marning im Laufen, &raquo;da&szlig;
+sie uns dr&uuml;ben brauchen. &ndash; Die abgel&ouml;ste Belegschaft
+tritt ja ein &ndash; wenn wirklich was los ist &ndash; aber immerzu&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun &ndash; anbieten m&uuml;ssen wir&#8217;s&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom
+Schreibtisch aufgeschreckt hatte, wo er seine Gef&uuml;hlszweifel
+in Verse go&szlig; und sich mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen
+Strophen auseinandersetzte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie &ndash; Hornmarck &ndash; den zweiten Zug alarmieren &ndash;
+der dritte soll sich bereit halten. &ndash; Laufschritt zur F&auml;hre
+&ndash; dr&uuml;ben ebenso nach &#8250;Severin Lohmann&#8249; &ndash; immer zwei
+Gruppen auf einmal &uuml;bersetzen lassen. &ndash; Die beiden
+Mann der letzten Rotte h&uuml;ben und dr&uuml;ben postieren &ndash;
+zum Nachrichtendienst. &ndash;&nbsp;&ndash; Wir laufen voraus&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Likowski und Marning eilten die schr&auml;ge Stra&szlig;e hinab,
+die zur F&auml;hre f&uuml;hrte. Das Leben, das schon schlafen
+gegangen war, erwachte wieder. Einzelne M&auml;nner erschienen
+in den T&uuml;ren. Aber sie sagten, es sei wohl nichts
+Besonderes. Da war auch der F&auml;hrmann, in Pantoffeln
+und nur in Hosen und dem blauen Hemd.</p>
+
+<p>Aber da half ihm nun nichts: Likowski h&auml;tte ihn mitgeschleppt,
+w&auml;re er selbst noch k&uuml;mmerlicher bekleidet gewesen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>Und S&ouml;rensens m&uuml;rrischer Einwand: &raquo;Herrjes &ndash;
+in B&uuml;xen?&laquo; half ihm nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wat &ndash; B&uuml;xen! Is ja Sommertid &ndash; man to &ndash;
+man to!&laquo;</p>
+
+<p>Sie standen voll Ungeduld im gro&szlig;en, schweren Kahn,
+w&auml;hrend die eiserne Kette klirrte. Nun warf S&ouml;rensen
+sie hinein, da&szlig; es krachte, und fuhr los.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Flu&szlig;, der von schwarzblanker Tinte schien,
+schaukelten sie. Der dunkle Himmel der Sommernacht
+spannte sich in unerme&szlig;licher Weite. Alle Ferne war in
+Finsternis versunken. Aber die N&auml;he zeigte ihr Bild in
+gro&szlig;en Z&uuml;gen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks
+spiegelte sich in der Flut; vor dem m&auml;chtigen Hintergrund
+quoll wei&szlig;er Dampf in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>Sie schwiegen.</p>
+
+<p>Nun waren sie dr&uuml;ben. Sie hatten schon w&auml;hrend der
+&Uuml;berfahrt gesehen: weder die &raquo;Klara&laquo; noch das Motorboot
+lagen an ihren Bojen. Also das junge Paar war
+von der Segelpartie noch nicht zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Gottlob!&laquo; dachte Stephan. &ndash; So brauchte er der
+Einen nicht zu begegnen, die er mied, wenn er es ohne
+Aufsehen konnte.</p>
+
+<p>Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In
+den Hainbuchenhecken, die die Treppe begleiteten, raschelte
+ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun das Herrenhaus.
+Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei &ndash; im
+Laufschritt. &ndash; Aber wie denn? Vor dem Gitter, das
+Park und Vorgarten von der Stra&szlig;e schied, stand der
+Fahrstuhl. Der alte Herr sa&szlig; darin &ndash; neben ihm stand
+Leupold Wache.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Geheimrat!&laquo; rief Likowski perplex.</p>
+
+<p>Das m&auml;chtige Haupt mit den blitzenden Augen
+wandte sich um und ihm zu. Er hatte in die Richtung
+<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>gestarrt, wo der Palisadenzaun um &raquo;Severin Lohmann&laquo;
+begann.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte er vor Zorn fast heiser, &raquo;angebunden. &ndash;
+Und dieser Kerl weigert sich, mich hinzufahren! &ndash; Mich
+zu verlassen! Mir meine Tochter zu holen &ndash; und das
+Schaf &ndash; der Georg, der findet sie nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Leupold nahm den &raquo;Kerl&laquo; nicht &uuml;bel. Er sagte nur
+kurz: &raquo;Wie kann und darf ich Herrn Geheimrat verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Tochter?&laquo; fragte Likowski. &raquo;Nicht mitgesegelt?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist dr&uuml;ben &ndash; Georg l&auml;uft her und hin und kann
+sie nicht finden&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist los? &ndash; Der zweite Zug meiner Kompanie
+kann bald zur Hilfe hier sein. &ndash; Soldaten k&ouml;nnen Sie
+haben, so viel da sind&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh &ndash; unn&ouml;tig!&laquo; wehrte der Geheimrat ab. &raquo;Ihre
+Soldaten k&ouml;nnen uns nichts nutzen &ndash; danke &ndash; danke &ndash;
+was los ist? Durchbruch! Ein Mann verungl&uuml;ckt. &ndash; Und
+Schaden &ndash; schwerer Schaden &ndash; Produktionsminderung
+auf zwei, drei Wochen &ndash; ich wei&szlig; noch nichts Genaues.&laquo;</p>
+
+<p>Er sah den atemlosen Georg heranrasen &ndash; zum
+drittenmal.</p>
+
+<p>&raquo;Welche sagen, die gn&auml;dige Frau sei bei dem Verungl&uuml;ckten
+&ndash; da darf ich nicht &#8217;rein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Marning,&laquo; flehte der alte Herr, &raquo;holen Sie mir meine
+Tochter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Stephan salutierte gehorsam. &ndash; Er konnte nichts sagen.
+Er ging.</p>
+
+<p>Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkr&auml;ftig
+hatte er Retter und Helfer aufgeboten, und nun waren
+sie nicht einmal gew&uuml;nscht.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck r&uuml;ckt sonst
+mit den Leuten an &ndash; vielleicht halt&#8217; ich sie noch auf&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden
+<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>Marning nach, w&auml;hrend der Hauptmann, diensteifrig
+und strahlend von Georg, seinem fr&uuml;heren Burschen, gefolgt,
+ins Haus ging.</p>
+
+<p>Stephan kam an das gro&szlig;e Eingangstor, dar&uuml;ber auf
+breitem Blechband in schwarzen Buchstaben der wuchtige
+Name stand.</p>
+
+<p>Er kannte hier alles genau &ndash; oft und oft war er hier
+umhergegangen &ndash; allein &ndash; mit dem Generaldirektor &ndash;
+mit einem der Ingenieure oder der Chemiker. Sein Interesse
+war uners&auml;ttlich, sein Verst&auml;ndnis ein so rasches,
+als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf vorbereitet,
+diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht
+immer ist, wenn Menschen von ihren &uuml;berkommenen
+Bahnen aus pl&ouml;tzlich den Blick gewinnen auf ein Gebiet,
+dahin sie sich berufen gef&uuml;hlt haben w&uuml;rden, wenn sie es
+gekannt h&auml;tten.</p>
+
+<p>Heute aber war das Bild doch ver&auml;ndert. Nicht all
+der zischende Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur H&ouml;he
+&ndash; viel von diesem wei&szlig;en Gew&ouml;lk schlich sich um die
+Eisentr&auml;ger, unter den Bahnen und Rohren, zwischen den
+Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom besch&auml;digten
+Ofen her, gl&auml;nzte unheimlich &uuml;ber das Gel&auml;nde hin.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die
+junge Frau dem Verungl&uuml;ckten beistand, mu&szlig;te sie dort sein.</p>
+
+<p>Vor der T&uuml;r traf er vier M&auml;nner. Sie warteten in
+bedr&uuml;cktem Schweigen, mit finsteren Mienen. Das Mitleid
+fra&szlig; an ihnen und das Bewu&szlig;tsein von der Bedrohlichkeit
+ihrer Arbeit.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sollen ihn &#8217;r&uuml;ber bringen,&laquo; sagten sie.</p>
+
+<p>In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine
+Krankenhaus mit den vollkommenen Einrichtungen.</p>
+
+<p>Stephan zauderte &ndash; durfte er eintreten? Er f&uuml;hlte:
+ja! Nicht nur, weil die Bitte des alten Herrn ihn trieb.
+<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>Er war Offizier. Es lag ihm im Blute, sich nach einem
+Gefallenen liebevoll umzutun.</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete die T&uuml;r.</p>
+
+<p>Und er und die finster wartenden M&auml;nner sahen es
+alle: &ndash; Da drinnen kniete eine junge Frau und k&uuml;&szlig;te die
+beru&szlig;te, schmerzverzerrte Stirn des Verungl&uuml;ckten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte Doktor Sylvester, &raquo;nu fa&szlig;t an &ndash; aber
+leise, &ndash; leise &ndash; schwebt sozusagen &ndash; geht auf Eiern. &ndash;
+Schwester Ludmilla hat schon telephoniert &ndash; alles bereit
+dr&uuml;ben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Verungl&uuml;ckte schlo&szlig; die Augen, sein Wimmern
+zitterte zwischen zusammengebissenen Z&auml;hnen hervor&nbsp;...</p>
+
+<p>Und wie die vier schwer tragenden M&auml;nner mit ihrer
+d&uuml;steren Last davonschritten, stand Klara und lehnte ihre
+Stirn gegen die zusammengepre&szlig;ten H&auml;nde an der hellen
+Wand.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre
+folgte, den Arm Stephans.</p>
+
+<p>Er raunte: &raquo;Ich will Ihnen mal was sagen &ndash; es gibt
+noch edle Frauen! &ndash; Und den Mann mach&#8217; ich gesund &ndash;
+wenn Gott uns nich ganz verl&auml;&szlig;t &ndash; dem Tode aus &#8217;m
+Rachen rei&szlig;&#8217; ich ihn. &ndash; Ja&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Stephan trat &uuml;ber die Schwelle. Gefa&szlig;t und erhoben.</p>
+
+<p>&raquo;Edle Frau,&laquo; dachte er &ndash; &raquo;edle Frau&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte ein Ger&auml;usch &ndash; sie hatte gedacht, sie sei nun
+allein. &ndash; Sie brauchte ein paar Minuten der Sammlung.
+Der Schreck, das Entsetzen &ndash; das Geheul des armen Menschen
+&ndash; und der bet&auml;ubende Geruch &ndash; Jodoform &ndash; verbranntes
+Fleisch &ndash; furchtbar! &ndash; Sie war wie benommen.
+&ndash; Von der N&auml;he des Mannes hatte sie keine Ahnung. &ndash;
+Nun schreckte ein Schritt sie auf, der hinter ihr anhielt.
+Sie l&ouml;ste sich von der Wand, an der sie Halt gesucht. Sie
+wandte sich um, in einer m&uuml;den Bewegung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>Und erschrak &ndash; und ergl&uuml;hte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie starrten einander an. &ndash; Auch er von ihrem Schreck
+ergriffen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie fa&szlig;ten sich ... Mit all ihrer Kraft.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau,&laquo; sprach er sehr f&ouml;rmlich, &raquo;Ihr Herr
+Schwiegervater beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte sie mit kaum h&ouml;rbarer Stimme &ndash; wie
+eine Zerstreute war sie, die nicht recht bei ihren Worten
+ist; &raquo;danke &ndash; ja &ndash; Vater&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war in gro&szlig;er Angst um Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O &ndash; keine Ursache &ndash; gar keine&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging auf die T&uuml;r zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich
+abermals auf und schritt hinaus. &ndash; Er folgte ihr. &ndash; Drau&szlig;en
+waren ein paar Leute &ndash; sie wichen ehrerbietig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und wie sie so dahinging, mit unsicheren F&uuml;&szlig;en,
+schwankend, im beschmutzten wei&szlig;en Kleid, an dem kein
+Schmuck, kein Zierat auffiel &ndash; das Haar zerzaust &ndash; das
+Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen Linien durchzeichnet
+&ndash; da h&auml;tte man sie wohl eher f&uuml;r das Weib des
+Verungl&uuml;ckten halten k&ouml;nnen als f&uuml;r die Herrin dieses
+Werkes.</p>
+
+<p>Und die von den Arbeitern, die sie sahen, f&uuml;hlten es:
+der Schlag, der einen von den Ihren hingestreckt, der hatte
+auch diese junge Frau mitbetroffen.</p>
+
+<p>Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf Ihnen meinen Arm geben,&laquo; sprach er. &raquo;Sie
+k&ouml;nnen ja kaum&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Minute&nbsp;...&laquo; fl&uuml;sterte Klara.</p>
+
+<p>Nein, so nicht vor den Vater treten &ndash; er w&uuml;rde sich
+entsetzen. &ndash; Fassung &ndash; Haltung&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Eine Minute,&laquo; sagte sie noch einmal.</p>
+
+<p>Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den
+Knickweg hinein, der auf die Stra&szlig;e m&uuml;ndete.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>Da, zwischen den ragenden W&auml;nden der hohen B&uuml;sche,
+die ineinander verflochten, vom Gerank des Caprifoliums
+durchwirkt, auf den Erdw&auml;llen sich hinzogen &ndash; da war
+Ruhe. &ndash; Die Sommernacht wohnte hier &ndash; und die
+schwarzblaue H&ouml;he droben &uuml;ber allem Irdischen tr&ouml;stete. &ndash;
+Vom Werk her kam ein blasser Schein. &ndash; Sie konnten einander
+deutlich erkennen &ndash; jeden Zug der Angesichter.</p>
+
+<p>Sie strich sich &uuml;ber die Augen &ndash; mit schwerer Hand.</p>
+
+<p>Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an &ndash;
+lange.</p>
+
+<p>Und langsam kam das Entsetzen &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>&raquo;Nein&nbsp;...&laquo; stammelte das junge Weib &ndash; &raquo;nein ...
+nein!&laquo;</p>
+
+<p>Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus&nbsp;...</p>
+
+<p>Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem
+Gl&uuml;ck, gleich rasender Verzweiflung aufging. &ndash;
+Nicht wissen, nicht h&ouml;ren, was die seine bet&auml;ubte&nbsp;...</p>
+
+<p>Stark daran vor&uuml;ber!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Frage,&laquo; sprach er leise &ndash; kaum seiner Stimme
+m&auml;chtig &ndash; &raquo;eine Frage! &ndash; Ich gehe von hier &ndash; sobald ich
+kann &ndash; aber eine Wahrheit mu&szlig; ich h&ouml;ren! &ndash; Sagen Sie
+es mir &ndash; geben Sie mir dies Wissen mit ... Warum
+haben Sie ihn geheiratet&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und sie f&uuml;hlte: er war der einzige Mensch auf der Welt,
+der diese Frage an sie stellen durfte &ndash; er der einzige, dem
+sie Antwort geben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Sie fa&szlig;te sich.</p>
+
+<p>&raquo;Aus Dankbarkeit!&laquo; sprach sie klar. &raquo;Nicht weil der
+reiche Mann mir zehn Jahre lang Unterhalt und Bildung
+gab. &ndash; Nein. &ndash; Er hat mehr an uns getan. &ndash; Er hat
+meine Mutter geliebt &ndash; und vor ihrer W&uuml;rde seine Leidenschaft
+bezwungen &ndash; mein Vater hat sein Vertrauen verraten
+&ndash; ihn um Hunderttausende gesch&auml;digt &ndash; sich erschossen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>&ndash; Und er hat den Schimpf vom Grabe meines
+Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter ferngehalten
+... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte &ndash; und &uuml;ber sein bleiches Gesicht ging eine
+tiefe Bewegung.</p>
+
+<p>&raquo;Edle Frau!&laquo; sagten seine Gedanken wieder, &raquo;edle
+Frau&nbsp;&ndash;&laquo; ein halbbewu&szlig;tes Echo der Worte, die ein anderer
+gesprochen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun konnte er gehen &ndash; hinaus in ein einsames Mannesleben
+voll Entsagungen.</p>
+
+<p>Aber er nahm ein reines Bild mit.</p>
+
+<p>Dennoch &ndash; er war ein Mensch &ndash; ein junger Mann &ndash;
+und die starke Liebe, die sein Herz ersch&uuml;tterte, rang um
+ein wenig Hoffnung&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ehen lassen sich l&ouml;sen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit.
+Sie vermengten sich zu einem dumpfen Get&ouml;n &ndash; ged&auml;mpft,
+zuweilen fast sanft.</p>
+
+<p>Die junge Frau horchte &ndash; hob ein wenig ihr Haupt &ndash;
+als wolle sie mit allen Sinnen diesen Klang aufnehmen.
+War es nicht, als sei es eigentlich die Stimme des alten
+Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
+ihr raunend zu: &raquo;Verla&szlig; uns nicht mit deinem Herzen!
+Nicht mich, der dies Werk schuf, nicht deinen Sohn,
+der es einmal lenken soll&laquo;&nbsp;&ndash;? Zitterte in den brausenden
+D&auml;mpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
+Klang in all dem Krachen und Sto&szlig;en und Rasseln, das
+vereint und gemildert her&uuml;berkam, nicht ein stolzer
+Rhythmus? Umschmeichelte es sie nicht wie ein tr&ouml;stliches
+Lied?</p>
+
+<p>Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden
+Stimmen: ich h&ouml;re &ndash; ich h&ouml;re&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: &raquo;Ehen
+lassen sich l&ouml;sen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die meine nicht und nie!&laquo; sprach Klara. &ndash; Und ihre
+Fassung wollte zerbrechen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te, was ich tat. &ndash; Liebe vielleicht kann enden.
+&ndash; Aber Pflicht nie &ndash; wenn sie allein der Inhalt einer Ehe
+war und ist &ndash; und &ndash; immer sein wird. &ndash; Und ich will
+eher sterben, als da&szlig; ich meinen Vater verlie&szlig;e und mein
+Kind&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er begriff, es hie&szlig;: Lebewohl!</p>
+
+<p>Er nahm die Hand und hielt sie lange.</p>
+
+<p>So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.</p>
+
+<p>Und sie gaben einander durch diesen festen H&auml;ndedruck
+den Mut und die W&uuml;rde, in Reinheit zu entsagen.</p>
+
+<p>Dann l&ouml;ste sie ihre Hand aus der seinen &ndash; schonend &ndash;
+leise.</p>
+
+<p>Und er ging.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Einige Minuten sp&auml;ter schritt Klara mit m&uuml;den F&uuml;&szlig;en
+langsam die Stra&szlig;e dahin, zur&uuml;ck nach dem Hause.</p>
+
+<p>Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war
+erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Da schickt der Herr den Jochen hin,&laquo; zitierte er. &raquo;Wo
+ist der Marning, der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der
+Sie und Marning holen soll. Der alte Herr is was nerv&ouml;s
+&ndash; o jeh. &ndash; Na und Sie, Frau Klara&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher
+auf den F&uuml;&szlig;en und gleiche einer Nachtwandlerin.</p>
+
+<p>In seiner v&auml;terlichen Art legte er einfach ihren Arm
+in den seinen ... Sie konnte nur schweigen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt &ndash; ich
+hab&#8217; einfach selbst den Stuhl geschoben. &ndash; Na, wenn er
+Sie nur erst mit heilen Gliedma&szlig;en wiedersieht&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>Ja, da war er dann auch ruhig &ndash; er streichelte Klaras
+Hand und sah sie an und fand ihr Gesicht bla&szlig; und scharf.
+&ndash; Aber er schalt nicht. &ndash; Er dachte sich wohl, was ihr Gem&uuml;t
+ersch&uuml;ttert hatte. &ndash; Auch ihm, dem Manne, erbebte
+das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der
+Riesenfaust des Eisens und des Feuers.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Kind!&laquo; sagte er nur z&auml;rtlich, &raquo;mein Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann fragte er noch: &raquo;Wird er leben bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sylvester hofft es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es ein Verheirateter von Severinshof?&laquo;</p>
+
+<p>Klara wu&szlig;te es nicht.</p>
+
+<p>Da mischte sich Leupold ein, der mit den H&auml;nden am
+Griff des Fahrstuhls bereit stand, um seinen Herrn in den
+Lift zu schieben.</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Georg hat geh&ouml;rt, er hei&szlig;t Judereit und sei
+ein wilder Kerl&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chte er gerettet werden,&laquo; sprach der alte Herr leise
+vor sich hin.</p>
+
+<p>Aber nun wollte er zur Ruhe. &ndash; Was? Gerade schlug
+die Uhr auf der Diele. &ndash; Einen Schlag? Dunkel und vollt&ouml;nig?
+Halb eins! Wo blieb nur Wynfried?</p>
+
+<p>Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er m&uuml;sse
+doch zun&auml;chst noch seinen verlorengegangenen Oberleutnant
+aufgabeln. Und wettete, da&szlig; der, wieder vom
+Werk hypnotisiert, sich nicht trennen k&ouml;nne.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.</p>
+
+<p>Und ganz merkw&uuml;rdig ging es ihr kurz durch die Gedanken
+&ndash; wie ein Erstaunen: ich bin ja nie allein. &ndash; Ihr
+Eigenleben war wie erdr&uuml;ckt und verdr&auml;ngt von dem
+Leben um sie herum&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht, Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Sie neigte sich zu ihm und k&uuml;&szlig;te seine Stirn, wie jeden
+Abend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr
+Haar zu l&ouml;sen, als es klopfte &ndash; sie erschrak. &ndash; Warum?
+Ihr Mann mu&szlig;te doch endlich heimkommen.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?&laquo;</p>
+
+<p>Und er trat ein.</p>
+
+<p>&raquo;Agathe l&auml;&szlig;t dich vielmals gr&uuml;&szlig;en. Es hat ihr sehr
+leid getan, da&szlig; du nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich.
+Nur zuletzt starke Flaute. So wurde es sp&auml;t,&laquo;
+sprach er.</p>
+
+<p>&raquo;Wie gut, da&szlig; ich hier blieb. Wei&szlig;t du denn nicht&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>Sie besch&auml;ftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die
+auf ihrer Kommode stand.</p>
+
+<p>&raquo;Fatal. Ja. Wir h&ouml;rten schon in Travem&uuml;nde von
+einem Malheur. &ndash; Durchbruch &ndash; na ja &ndash; ziemlich aufregende
+Geschichte. &ndash; Und in diesem Moment Produktionsverminderung,
+wo wir gerade mit Direktor Malzan
+morgen Lieferungen abzuschlie&szlig;en hofften&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Wie merkw&uuml;rdig &ndash; das Leben mit all seinem tausendf&auml;ltigen
+Inhalt ging weiter &ndash; wie jeden Tag. &ndash; War es
+denn nicht ein neues und von Grund aus ersch&uuml;ttertes geworden,
+seit jenem letzten Blick und H&auml;ndedruck?</p>
+
+<p>Wynfried war unruhig &ndash; anders als sonst. Sie
+begann es zu sp&uuml;ren. Seine Worte liefen so &ndash; als
+fl&ouml;hen sie am liebsten schnell an dem Schrecken der
+Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben
+durch den Dienst auf dem Werk gef&auml;hrdet. &ndash;
+Aber wie sonderbar &ndash; er wu&szlig;te es doch wohl nicht &ndash;
+er sprach so unn&ouml;tig lang und breit von dem Schaden,
+den sie hatten &ndash; erwog Zahlen &ndash; ging auf und ab
+in seinem wei&szlig;seidenen Sportkost&uuml;m, daran nichts farbig
+war als der schwarz-wei&szlig;-rote Schlips des Kaiserlichen
+Jachtklubs.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Mann sehr schwer verungl&uuml;ckt,&laquo; sagte sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>und schlo&szlig; den Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht
+hatte, &raquo;das wei&szlig;t du wohl noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, doch,&laquo; sprach er, &raquo;aber es ist zum Gl&uuml;ck keiner
+vom alten Stamm &ndash; blo&szlig; Judereit &ndash; ein Wasserpolack &ndash;
+kenn&#8217; den Kerl zuf&auml;llig &ndash; war neulich dabei, als er von
+Th&uuml;rauf in Person verdonnert wurde &ndash; war in wahnsinniger
+Verliebtheit zu dreist gegen ein M&auml;del von Severinshof
+geworden. &ndash; Der Vater hatte sich beschwert. &ndash;
+Der Judereit wollt&#8217; sie zum Weib &ndash; sie will aber nicht. &ndash;
+Ja, die Leute haben auch ihre Romane.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So leidet er tausendfach,&laquo; sprach sie.</p>
+
+<p>&raquo;Na nu &ndash; so schroff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih. Ich bin zum Umfallen m&uuml;de. &ndash; Und es
+war so aufregend&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also denn gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>Und er k&uuml;&szlig;te ihr die Hand &ndash; sehr ritterlich &ndash; mit All&uuml;ren,
+als sei hier ein Salon, in dem sich eine feierliche
+Gesellschaft dr&auml;nge.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken
+konnte, war es ihr wie eine Begl&uuml;ckung.</p>
+
+<p>Allein &ndash; feierliches Dunkel &ndash; k&uuml;hles Leinen um die
+ersch&ouml;pften Glieder.</p>
+
+<p>Das tat wohl.</p>
+
+<p>Und denken k&ouml;nnen &ndash; denken!&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber ihre Gedanken zerrannen. &ndash; In eherner Gewi&szlig;heit
+stand ihr Schicksal vor ihr.</p>
+
+<p>Aber sie f&uuml;hlte: es war nicht klein!</p>
+
+<p>Ihr Dasein hingebend, hatte sie gro&szlig;e Dankesschuld
+abtragen d&uuml;rfen: Der herrliche Mann, nun ihr Vater,
+war begl&uuml;ckt &ndash; durch sie, durch seinen Enkel.</p>
+
+<p>Dies Bewu&szlig;tsein gab Halt und Frieden.</p>
+
+<p>Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja
+nicht aus Liebe geschlossen. &ndash; Sein Inhalt hie&szlig;: sittliche
+<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>Pflichten, Wahrhaftigkeit &ndash; Treue &ndash; dieser Inhalt war
+<em class="gesperrt">unumst&ouml;&szlig;lich</em>! &ndash; Die Gr&uuml;nde, um derenwillen sie
+sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.</p>
+
+<p>Sie dachte an den anderen Mann.</p>
+
+<p>Nun wu&szlig;te sie es. &ndash; Sie hatte ihn immer geliebt. &ndash;
+Von jenem ersten Tage an, da sie im Regen und Sturm
+zusammen &uuml;bers Wasser fuhren.</p>
+
+<p>All diese dumpfe Bedr&auml;ngnis ihres Herzens, all diese
+geheime Angst &ndash; es war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.</p>
+
+<p>Einen Augenblick w&uuml;nschte sie: h&auml;tte ich nie begriffen&nbsp;&ndash;!</p>
+
+<p>Aber nein &ndash; nein &ndash; lieber leiden und k&auml;mpfen, als
+auf dies Wissen verzichten.</p>
+
+<p>Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.</p>
+
+<p>Nur seine Augen hatten gesprochen.</p>
+
+<p>Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! &ndash;
+Sie f&uuml;hlte es in beseligender Ersch&uuml;tterung.</p>
+
+<p>Ihr Herz war erhoben in Dank und Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie deutlich erlebte ihr Ged&auml;chtnis noch einmal das
+erste Begegnen.</p>
+
+<p>Da fiel ihr etwas ein. &ndash; Sie drehte das Licht auf. &ndash;
+Sie glitt aus ihrem Bette. &ndash; Hinten, tief im Schubfach
+ihrer Kommode gab es ein wei&szlig;es Paketchen &ndash; es umschlo&szlig;
+eine blaue M&uuml;tze und eine beschriebene Karte. &ndash;
+Klara wu&szlig;te nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
+aufgehoben hatte. &ndash; Und weil sie es wu&szlig;te, durfte sie sie
+nicht behalten.</p>
+
+<p>Sie holte sie hervor &ndash; sie ging an den Kamin und
+kn&uuml;llte Papier und die Wollh&auml;kelei zusammen und warf
+sie auf den Rost &ndash; ganz hinten an die R&uuml;ckwand des Feuerloches.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Da war auch noch die Karte &ndash; sein Name &ndash; wenige,
+f&ouml;rmliche Zeilen von seiner Hand.</p>
+
+<p>Klara sah lange diesen teuren Namen an &ndash; las ihn &ndash;
+als enthielten diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens,
+ihres Lebens und &ndash; ihrer Liebe.</p>
+
+<p>Sie hob das K&auml;rtchen &ndash; zauderte ein wenig &ndash; und
+leise, leise hauchte sie einen Ku&szlig; auf die Schrift.</p>
+
+<p>Und zerri&szlig; das kleine Blatt&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein
+kurzes Feuer auf.</p>
+
+<p>&raquo;Lebewohl!&laquo; dachte sie, &raquo;lebewohl!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr
+Kissen hinein. &ndash; Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht
+gelebt hatte; um einen ihr Verlorenen, der ihr nie geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Aber dennoch war sie zugleich erf&uuml;llt von einem tr&ouml;stlichen
+Wissen.</p>
+
+<p>Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet,
+kann ein Gl&uuml;ck sein.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_9" id="Kapitel_9"></a>9</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur
+F&uuml;hrung beigegeben war, hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten
+zu ungew&ouml;hnlicher Zeit kurzen Urlaub
+erbitten m&uuml;ssen, und nun stand dem Hauptmann von
+Likowski als dem Rang&auml;ltesten die Herrschaft zu &uuml;ber dies
+Bruchst&uuml;ckchen der gewaltigen Armee.</p>
+
+<p>Es war Montag, und von Travem&uuml;nde aus hatten die
+Jachten ihre Wettfahrt nach Warnem&uuml;nde angetreten.
+Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das rauschende
+Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum
+sich in Travem&uuml;nde gedr&auml;ngt, schien verhallt. Auch Likowski
+hatte mit einem Kreis von Bekannten teilgenommen;
+nach einem am Strande und bei der Kurmusik verbummelten
+Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausf&uuml;hrlich
+soupiert und getrunken worden. L&uuml;becker Rotwein.
+Famos! Aber zwei Sorten Sekt &ndash; deutschen und franz&ouml;sischen.
+Vom &Uuml;bel! Denn das konnte Likowski merkw&uuml;rdigerweise
+nie vertragen. Seine Magennerven wollten:
+entweder, oder!</p>
+
+<p>Erst auf dem Marsch zur Felddienst&uuml;bung wurde ihm
+wieder lichtvoller unterm Sch&auml;del.</p>
+
+<p>Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang
+gezogen. Aber das kam noch wieder. &raquo;Datt kann nich
+&ouml;ber Water,&laquo; sagte der F&auml;hrmann S&ouml;rensen. Nach Westen
+<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>nicht &uuml;ber die Nordsee und nach Osten nicht &uuml;ber die Ostsee.
+S&ouml;rensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergew&ouml;lk
+pendelnd &uuml;ber Holstein zwischen zwei Meeren so
+lange hin und her, bis es sich irgendwie zur H&ouml;he verkr&uuml;melte.
+Jedenfalls: K&uuml;hlung war nicht eingetreten.</p>
+
+<p>Schwer troffen Busch und Gr&auml;ser von Perlen in kristallenem
+Glanz. Auf der Landstra&szlig;e war jede flache
+Furche ein Kan&auml;lchen, jede kleine Vertiefung eine Lache
+geworden. Von kr&auml;uterigen und moosigen D&uuml;nsten war
+die feuchte Luft ges&auml;ttigt, und im gebadeten Wald schien
+sie unbeweglich zu stehen. Am blauen Himmel trieben da
+und dort tr&auml;ge und tr&auml;chtig dicke Wolken einher &ndash; wei&szlig;
+und grau.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Helm ab!&laquo; wurde kommandiert, als die Soldaten
+unter den Wipfeln der Hohenmeiler Tannen hinstapften.
+Sie sangen. Munter klang das Marschlied. &ndash; Nun lag
+die Felddienst&uuml;bung schon hinter ihnen. Ehe die erm&uuml;dende
+Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, w&uuml;rde man
+unter Dach und Fach sein.</p>
+
+<p>Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen
+vorne. Neben ihm der Oberleutnant, der heute auf dem
+Heimweg auch beritten war. Denn Likowski wollte seinen
+zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten. Es
+war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine
+Eigenschaft durchaus unkleidsam f&uuml;r einen Kompaniechef.
+Bei den sonstigen vorz&uuml;glichen Qualit&auml;ten des Pferdes
+wollte nun Likowski einmal sehen, wie er wirke, ob es gehe,
+ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Leutnant Hornmarck marschierte, den S&auml;bel in der mit
+braunen Glac&eacute;handschuhen bekleideten Hand, neben der
+Kompanie. Mechanisch &ndash; denn nun, da die &Uuml;bung vorbei
+war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf das dringlichste
+zur&uuml;ck. Und diese entnervende Gewitterluft im verregneten
+<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>Wald machte es ihm zur Gewi&szlig;heit, da&szlig; er an
+seiner Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen
+erringen werde! Aber das Drama w&uuml;rde durch h&ouml;here
+Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg! Diesmal
+sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland
+f&uuml;rchtete es. &ndash; Er hoffte dann wenigstens das eine,
+da&szlig; beide M&auml;dchen zusammen um ihn weinen und sich im
+Andenken an seinen Heldentod vers&ouml;hnen w&uuml;rden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden,
+&raquo;selbst der Geheimrat sagt, es w&auml;re f&uuml;r die Industrie und
+den Handel zwar furchtbar &ndash; aber der ewige Druck w&auml;r&#8217;
+auch sch&auml;digend. &ndash; Und dann besser endlich mal die Entscheidung.
+Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt
+und das Volk will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben.
+Ich sag&#8217; nur: Siegen! Merken Sie wohl, wie mit einem
+Male das Volk sich wieder n&auml;her an uns &#8217;ran f&uuml;hlt? Wie
+es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man
+sp&uuml;rt&#8217;s an dem Landvolk hier herum. &ndash; Gestern in der
+Menge war&#8217;s zu merken. &ndash; Auf den Dampfern sind die
+Leute wie toll gewesen. &ndash; &#8250;Deutschland, Deutschland &uuml;ber
+alles&#8249; haben sie gesungen, als die Schiffe um die &#8250;Hohenzollern&#8249;
+kreisten. &ndash; Ein Jubel zum Kaiser empor! Er soll
+ganz ersch&uuml;ttert und bla&szlig; gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wohl kein Zweifel mehr,&laquo; gab Marning zu.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; wir es nun endlich erleben!&laquo; sagte der Hauptmann
+bewegt. &raquo;Seit ich denken kann, hab&#8217; ich davon getr&auml;umt.
+&ndash; Meine Mutter hat mir&#8217;s, ihrem J&uuml;ngsten, eingeimpft:
+&#8250;Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen
+w&uuml;rdig&#8249;. &ndash; Mein Vater hatte das Eiserne erster &ndash; starb
+an den Folgen seiner Verwundung &ndash; hat aber doch noch
+nach dem Kriege, trotz Schmerzen und Beschwerden, zehn
+Jahr weiter dienen k&ouml;nnen. &ndash; Dann ging&#8217;s nicht mehr,
+und er siechte langsam hin. &ndash; Meine Mutter hat ihren
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>Vater und drei &auml;ltere Br&uuml;der verloren Siebzig &ndash; sie
+war &#8217;ne ganz junge Frau &ndash; ihr erster Junge war unterwegs.
+&ndash; Ja, wir wissen&#8217;s &ndash; das kostet unser Blut! Nun,
+wir sind Soldaten!&laquo;</p>
+
+<p>Und ein ruhiger Stolz versch&ouml;nte sein Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher
+mich dienstlich bei Ihnen melde mit dem Wunsch, da&szlig; ich
+um meine Versetzung einkommen will?&laquo; sprach Stephan
+langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch
+diese Frage begr&uuml;belt.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te es wie jedermann es wu&szlig;te und las: eine
+ungeheure Spannung lag &uuml;ber Europa, und die V&ouml;lker
+standen Gewehr bei Fu&szlig;. In einem solchen Augenblick
+werden Versetzungen nicht nachgesucht &ndash; nicht leicht bewilligt.
+&ndash; Aber es mu&szlig;te sein&nbsp;...</p>
+
+<p>Likowski war starr.</p>
+
+<p>&raquo;Wa&ndash;as&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten,&laquo;
+sprach Marning. Er war sehr entf&auml;rbt &ndash; graubla&szlig; flog
+ein Schein &uuml;ber sein br&auml;unliches, verbranntes Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ich versteh&#8217; immer: &#8250;Versetzung!&#8249;&laquo; sprach der Hauptmann,
+bl&ouml;d tuend.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, Likowski &ndash; verzeihen Sie mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch! Kam&#8217;rad! Marning! Freund! Nee &ndash; das
+is doch Unsinn. &ndash; Verset&nbsp;&ndash; &ndash; &ndash; Aber nee. &ndash; Wieso
+denn, warum denn? In dieser Zeit noch obenein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie.
+&ndash; Dies gesammelte Leben in Dienst und Natur und
+das gewaltige Werk und den bedeutenden alten Mann da
+dr&uuml;ben. &ndash; Verzeihen Sie mir. &ndash; Es mu&szlig; sein. Ich will
+einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und w&uuml;rde
+dann, wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird,
+nicht erst hierher zur&uuml;ckkommen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>Seine Stimme klang ged&auml;mpft. Sie war von einer
+solchen Festigkeit durchgeistigt, da&szlig; der Hauptmann wohl
+sp&uuml;rte: es war Ernst. Aber so rasch wollte er sich nicht ergeben.
+Er hatte seinen Oberleutnant noch &uuml;ber das
+Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie mal, Marning,&laquo; begann er, &raquo;alles Pers&ouml;nliche
+mu&szlig; doch in solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie:
+jeden Tag kann der Befehl zur Mobilmachung kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; es vor dem September was
+wird. &ndash; Sie meinten es doch neulich auch, in der Marine
+hei&szlig;e es: im Herbst l&auml;ge es g&uuml;nstiger f&uuml;r uns. Aber wenn
+auch &ndash; es ist doch f&uuml;r einen Soldaten gleich, wo und wann
+ihn der Ruf trifft &ndash; er hat zu folgen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Hauptmann sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Diese Dringlichkeit, wegzukommen &ndash; nicht mal die
+Versetzung abwarten &ndash; gleich auf und davon in Urlaub. &ndash;
+Was war denn los? &ndash; Aber er fragte nicht. Er sprach
+nur: &raquo;Nee h&ouml;rn Sie mal &ndash; das kann ich nich so gleich
+fassen. &ndash; Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes
+Regiment &ndash; in das Sie als junges K&uuml;ken eingetreten
+sind. &ndash; Nee Marning&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das l&auml;&szlig;t sich vielleicht vermeiden. Ich m&ouml;chte nur
+die Garnison wechseln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb
+Jahren &ndash; knapp! &ndash; wann war&#8217;s doch? Mai vor&#8217;m Jahr.
+&ndash; Und nu wieder weg! Auch ohne die gespannte Lage
+und die Aussicht, da&szlig; es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier
+mit uns wird sich ja doch bald alles &auml;ndern. Die Einheit
+der Bataillone soll ja nicht mehr zerrissen sein &ndash; wir sind
+noch von den wenigen, die auf zwei Garnisonen verteilt
+stehen. Da h&auml;ngen wichtige &Auml;nderungen in der Luft. Entweder
+kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns
+oder wir werden dorthin verlegt&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>&raquo;Es mu&szlig; sein!&laquo; sprach Marning mit schwerem Ernst.</p>
+
+<p>Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte
+nach. Es war zu nat&uuml;rlich, da&szlig; er seine Gedanken nach
+irgend welchen begreiflichen Gr&uuml;nden umherjagen lie&szlig;.
+Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er wohl:
+flieht er vor den z&auml;rtlichen, werbenden Blicken der molligen
+Baronin? Nein, vor so &#8217;ner gurrenden Taube l&auml;uft doch
+ein Mann nicht weg! Auch f&uuml;rs Abwinken findet ein zartf&uuml;hlender
+Mann noch ritterliche Formen. Ganz abgesehen
+noch davon, da&szlig; Agathe, wie er manchmal gemerkt hatte,
+in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin
+kokettierte &ndash; offener, als es einem verheirateten Mann
+gegen&uuml;ber schicklich schien.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te sich also sagen: wenn Stephan Marning
+einen solchen Entschlu&szlig; gefa&szlig;t hatte und die Gr&uuml;nde dazu
+verschwieg, so lag Ernstes vor.</p>
+
+<p>Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den
+hiesigen Menschen und Verh&auml;ltnissen zu tun hatten.</p>
+
+<p>Also &ndash; wenn Marning schwieg, so hie&szlig; es f&uuml;r den
+Kameraden: diskrete Haltung! Achtung vor seinem Entschlu&szlig;,
+der vielleicht ein schwerer war; keine zudringlichen
+Fragen.</p>
+
+<p>&raquo;Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von
+anderswoher ruft: Sie sagen: es <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> sein &ndash; da darf
+ich nur noch schweigen,&laquo; sprach er bek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Ihre Pferde schritten mit nickenden K&ouml;pfen ruhevoll.
+Munter klang hinter ihnen der Marschgesang der Soldaten.
+Der durchfeuchtete Wald stand regungslos in der schw&uuml;len
+Luft.</p>
+
+<p>Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an
+seiner Seite war ihm teuer geworden. Er wu&szlig;te ja: der
+litt. Heldenblut kochte ungest&uuml;m in seinen Pulsen. Und
+er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter, ein unerm&uuml;dlicher
+<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>Erzieher! &ndash; Sollte er ihm nicht ein andeutendes
+Wort sagen &ndash; da&szlig; er sich in der Lage befinde, Tapferkeit
+durch Flucht zu beweisen &ndash; ja, es gibt auch solche Lagen &ndash;
+und auch sie fordern stillen Heldenmut. &ndash; Stephan f&uuml;hlte:
+es war unm&ouml;glich! Jede, die fernste Andeutung mu&szlig;te
+Likowski die Wahrheit erraten lassen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Unm&ouml;glich.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl
+Aussicht sei, da&szlig; das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch
+genehmige.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun zogen die Kompanien auf der Landstra&szlig;e dahin,
+die als durchn&auml;&szlig;tes Band zwischen begrasten Rainen und
+regelm&auml;&szlig;ig angepflanzten B&auml;umen dalag.</p>
+
+<p>Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen
+auf. Und mit einem Male stockte das munter-gelassene
+Marschieren der langen Schlange von Soldaten. &ndash; Vorn
+das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
+verschlungen? Was war geschehen?</p>
+
+<p>Die Landstra&szlig;e schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben
+beworfen &ndash; so stark glei&szlig;ten die stechenden
+Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen und gef&uuml;llten
+Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen
+hatte unter ihrer blinkenden Fl&auml;che ein vertracktes, tiefes
+Loch verborgen gehalten. Da trat der Gaul hinein &ndash; es
+war ein ganz ungeahntes Niederbrechen, ein Sturz wie
+ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es ri&szlig; den
+Reiter mit. &Uuml;ber den Kopf des Pferdes weg wurde er
+geschleudert. Im Husch des Geschehens hatte er noch
+seine F&uuml;&szlig;e aus den Steigb&uuml;geln l&ouml;sen wollen &ndash; nur dem
+Linken war&#8217;s gelungen.</p>
+
+<p>Nun lag er in einer ganz verbogenen, ungl&uuml;ckseligen
+Verschiebung der Gliedma&szlig;en da.</p>
+
+<p>Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschl&auml;gen
+<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>geschehen. &ndash; Schon st&uuml;rzte alles herzu. &ndash; Stephan schwang
+sich vom Pferde &ndash; kniete neben dem Hauptmann &ndash; wollte
+ihm aufhelfen. &ndash; Hornmarck griff zu &ndash; von der zweiten
+Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere &ndash; kr&auml;ftige
+F&auml;uste brachten das Pferd in die H&ouml;he &ndash; es war unbesch&auml;digt.</p>
+
+<p>Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war
+wei&szlig;, seine Lippen blau, und als er sich r&uuml;hren wollte,
+seinen K&ouml;rper den helfenden H&auml;nden entgegenbietend,
+da brach kalter Schwei&szlig; aus seinen Poren, und in einer
+kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zur&uuml;ck. &ndash; Die
+singenden T&ouml;ne in seinen Ohren verstummten aber
+rasch wieder &ndash; er wu&szlig;te, wo er war &ndash; was mit ihm
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Gebrochen!&laquo; st&ouml;hnte er. &raquo;Verflucht &ndash; sch&auml;ndlich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und er bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen.</p>
+
+<p>Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte
+einen Bruch des Unterschenkels davongetragen.</p>
+
+<p>Mit zornigem Mut lie&szlig; er das gleich feststellen. &ndash;
+Seine Lebensgeister waren alsbald in vollster Energie
+wach. Er &uuml;bersah seine Lage.</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt,&laquo; sagte er, &raquo;gerade jetzt!&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme,
+da&szlig; es die Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch
+eben &uuml;ber seinen eigenen Heldentod vorweg ger&uuml;hrt
+gewesen war und schon zwei weinende M&auml;dchen im Geist
+untr&ouml;stlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: &raquo;Ach,
+es geht schlie&szlig;lich doch nicht los!&laquo; Wof&uuml;r er vom Hauptmann
+einen flammenden Blick des Zornes erhielt.</p>
+
+<p>&raquo;Vorsichtig, Kinder!&laquo; mahnte er dann. &raquo;Fa&szlig;t mich
+klug an &ndash; ich mein&#8217;: egal, wie weh es tut &ndash; ich mein&#8217;:
+vorsichtig &ndash; da&szlig; die Sache nicht schlimmer wird&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Und dann richtete er sich an Marning.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>&raquo;Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein &ndash;
+Und wenn&#8217;s ein simpler ist &ndash; was? Der heilt schnell?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In vier Wochen,&laquo; sagte Hornmarck in nicht umzubringender
+Naseweisheit, geradezu m&uuml;tterlich.</p>
+
+<p>Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte
+auf dem zweiten Pferde Likowskis davon. Die Kompanien
+setzten ihren Marsch fort. Aber sie sangen nicht mehr.
+Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der Landstra&szlig;e:
+der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock
+als Kissen unterm Haupt &ndash; Stephan als Wache und Pfleger
+&ndash; ein paar Soldaten, davon der eine in Hemd&auml;rmeln.
+Und die Soldaten schw&auml;rmten aus, um von der Waldgrenze
+gro&szlig;e Zweige zu holen, mit denen sie &uuml;ber dem
+Gest&uuml;rzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten.
+Denn die Sonne brannte durch die feuchte Schw&uuml;le, und
+es war gerade, als ob die schweren Wolken am Himmel
+vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu bedecken.</p>
+
+<p>&raquo;Hier lieg&#8217; ich nun, als die Karikatur eines Helden.
+Die ganze Szene Karikatur &ndash; sieht &#8217;n bi&szlig;chen nach
+Schlachtfeldgrenze aus &ndash; ist blo&szlig; &#8217;ne Albernheit!&laquo;</p>
+
+<p>Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken
+Schulterknochen gebrochen, und er wu&szlig;te: es tut verflucht
+weh! Auch ein Mann kann da wohl die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;en.
+Aber er sah wohl, nach der allerersten kurzen
+Anwandlung, die ihn &uuml;berrascht hatte wie ein &Uuml;berfall
+aus dem Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der
+Hohn gr&ouml;&szlig;er als aller Schmerz.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie,&laquo; fuhr er aufgeregt fort, &raquo;wenn&#8217;s nun
+losgeht und ich lieg&#8217; da &ndash; ich schie&szlig;&#8217; mir &ndash; bei Gott &ndash;
+ich schie&szlig;&#8217; mir &#8217;ne Kugel durch &#8217;n Kopf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald
+zur Mobilmachung kommt &ndash; dann folgen Sie uns in
+einigen Wochen nach&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>&raquo;In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich
+wieder zu Pferde sitzen. &ndash; Und wenn ihr mich &#8217;raufheben
+und anschnallen m&uuml;&szlig;t. &ndash; Die besten Chirurgen her.
+&ndash; Sylvester von dr&uuml;ben und unser Kommi&szlig;&auml;skulap &ndash;
+das ist mir nich genug &ndash; in L&uuml;beck soll&#8217;s ja &#8217;n gro&szlig;en
+Professor geben &ndash; her mit ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit
+Befehl gegeben, nach L&uuml;beck zu telephonieren,&laquo;
+sagte Stephan, &raquo;beruhigen Sie sich doch bitte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vern&uuml;nftiger!
+Aber wenn ich nicht in vierzehn Tagen wieder zu Pferde
+sitzen kann, erkl&auml;r&#8217; ich alle &Auml;rzte f&uuml;r Charlatans.&laquo;</p>
+
+<p>Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen
+werden sollte, setzte sich in Aufregung um. Es hie&szlig; beschwichtigen.</p>
+
+<p>&raquo;Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher,
+Sie k&ouml;nnen in vierzehn Tagen reiten &ndash; wenn vielleicht
+auch noch nicht allein aufsitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning
+&ndash; Ihre Versetzung ... Ihr Urlaub ... Sie m&uuml;ssen nun
+doch die Kompanie f&uuml;hren &ndash; bis ich selbst wieder so weit
+bin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es versteht sich von selbst,&laquo; sprach Stephan mit fester
+Stimme, &raquo;da&szlig; ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder
+dienstf&auml;hig sind.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Gesicht war verschlossen &ndash; sein Blick in die
+Ferne gerichtet &ndash; ernst und fest.</p>
+
+<p>&raquo;Der hat was Schweres &ndash; was Gro&szlig;es,&laquo; dachte
+Likowski, &raquo;und macht es still mit sich ab.&laquo;</p>
+
+<p>Wie schwer wohl! &ndash; Wenn&#8217;s nicht mal einer treuen
+Kameradenseele anvertraut werden durfte&nbsp;...</p>
+
+<p>Da er eine unwillk&uuml;rliche Bewegung gemacht hatte,
+zerri&szlig; ein aufzuckender Schmerz seine Gedanken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>&raquo;Donnerwetter!&laquo; fluchte er. &raquo;Wo bleibt denn die
+Bande?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist einfach unm&ouml;glich, da&szlig; schon Hilfe hier sein
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich w&auml;lze mich im Dreck der Landstra&szlig;e&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den
+belaubten Zweigen, die sie herbeigeschleppt hatten,
+einen Baldachin zu bauen. Die Landstra&szlig;e war nur
+obenauf feucht &ndash; ihr festgestampfter Bau nicht erweicht,
+und man konnte unm&ouml;glich diese schwankenden, schief
+abgebrochenen &Auml;ste in den Boden stecken.</p>
+
+<p>Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen
+ab- und K&uuml;hlung zuzuwedeln.</p>
+
+<p>&raquo;Nee &ndash; nee, Kinder &ndash; das nu nich &ndash; hier is nich
+Finale erster Akt Lohengrin &ndash; setzt euch da hin &ndash; man
+immer mitten &#8217;rin ins patschnasse Gras &ndash; vielleicht sind
+eure Sitzb&ouml;den wasserdicht. &ndash; So &ndash; nu &ndash; Donnerwetter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen
+Rande des Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich
+auf den Meilenstein, der gerade dicht neben der Ungl&uuml;cksstelle
+stand. So warteten sie.</p>
+
+<p>Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann,
+still zu warten.</p>
+
+<p>Er ri&szlig; sich mit der Rechten das Taschentuch herab,
+das Stephan ihm &uuml;ber Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz
+vor Sonne und Fliegen.</p>
+
+<p>Wenn es <em class="gesperrt">doch</em> nicht in vierzehn Tagen heilte! Und
+wenn noch in dieser Woche &ndash; in der n&auml;chsten vielleicht
+&ndash; die Mobilmachung beg&auml;nne! Das machte ihn toll.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Auf eins bin ich gespannt: wird es eine M&auml;nnerschlacht
+oder eine Maschinenschlacht werden?&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; meinte Stephan, &raquo;da&szlig; man gro&szlig;e
+&Uuml;berraschungen erleben wird, und da&szlig; im letzten Grunde
+<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>jeder Krieg eine M&auml;nnerschlacht sein mu&szlig; und wird. &ndash;
+Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten &ndash; Mut,
+Tapferkeit, Besonnenheit. Der <em class="antiqua">Furor teutonicus</em> &ndash; ja
+mein Gott &ndash; ist ein Krieg denkbar, ohne da&szlig; all das
+aufflammt? Wir stehen vor R&auml;tseln &ndash; ich will selbst
+zugeben: vor scheinbar unl&ouml;slichen. Und dennoch: im
+letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern
+auf den Mann ankommen &ndash; auf Disziplin und Opfermut
+und wahnwitzige Tapferkeit. &ndash; Und es wird nicht daran
+fehlen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott segne Sie, Kamerad, f&uuml;r diese Ansicht! &ndash; Es
+sind auch meine Gedanken. &ndash; Die geben den z&auml;hen Mut
+zur Arbeit&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hauptmann!&laquo; schrie einer von den Vieren am
+Grabenrand. Und die anderen drei schrien aufspringend
+dazu: &raquo;Sie kommen!&laquo;</p>
+
+<p>In der Perspektive der Chaussee raste was heran &ndash;
+Der Lazarettwagen &ndash; der &raquo;Kommi&szlig;&auml;skulap&laquo; auf Likowskis
+Stichelrappen.</p>
+
+<p>&raquo;Na gottlob!&laquo; sagte der Hauptmann. Und eigentlich
+erschien ihm dieser Augenblick schon als Beginn der
+Heilung.</p>
+
+<p>In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an.
+Die provisorische Einschienung, der R&uuml;cktransport &ndash;
+das kostete M&uuml;he und Zeit. Likowski bestand darauf, in
+seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da war die alte
+Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
+und lief unn&uuml;tz herum und brachte doch Herzlichkeit und
+F&uuml;rsorge mit sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart
+gew&ouml;hnt und kannte ihr ergebenes Altfrauengem&uuml;t.</p>
+
+<p>Und dann kam der Professor aus L&uuml;beck und nannte
+den Bruch bildsch&ouml;n und geradezu ideal, und Likowski
+l&auml;chelte blo&szlig; &ndash; wenn auch recht grimmig &ndash; zu den
+<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich
+schroff. Endlich lag er dann geradezu h&uuml;bsch anzusehen
+da &ndash; gro&szlig;artig eingeschient &ndash; getragen von dem Glauben,
+da&szlig; seine Knochen flink und glatt wieder zusammenwachsen
+w&uuml;rden &ndash; frisch, als sei &uuml;berhaupt gar nichts
+passiert.</p>
+
+<p>Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Nu mal aus Ihrem M&auml;chenherzen keine M&ouml;rdergrube
+gemacht, Lampr&auml;chtige! Na &ndash; was? So ganz tief
+inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu haben.
+So als Ihr kleines Kind! Aber das sag&#8217; ich Ihnen gleich:
+es wird &#8217;ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall &ndash;
+Sie wissen in was f&uuml;r einem! &ndash; ganz einfach die Treppen
+&#8217;runter und weg &ndash; so wie ich da bin! Das Wasserglas
+h&auml;lt wie Eisen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Alte l&auml;chelte selig verlegen &ndash; und wehrte den
+sch&auml;ndlichen Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten
+und Worten ab.</p>
+
+<p>Stephan sah: er konnte nun gehen. &ndash; Er kam erst
+gegen zwei Uhr zu seinem Essen. Seit dem Morgengrauen
+hatte er nichts genossen. &ndash; Aber darauf mu&szlig;
+ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nerv&ouml;s &uuml;berhungert?
+Das gab&#8217;s doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht
+aus solcher Empfindung heraus, den Teller bald von sich &ndash;
+er sa&szlig; und starrte auf das Tischtuch nieder.</p>
+
+<p>Ja, nun wurde alles anders&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein Gem&uuml;t war schwer.</p>
+
+<p>Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer
+hei&szlig;geliebten Frau schuldig war.</p>
+
+<p>Und sie w&uuml;rde es h&ouml;ren! Sie w&uuml;rde sofort den Grund
+begreifen und da&szlig; seine Pflicht ihn hier noch hielt. &ndash;
+Aber er wu&szlig;te von selbst: sie hatte das Vertrauen, da&szlig;
+er es doch verstehen werde, sie zu meiden!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>Sie kannten sich ganz genau &ndash; ohne Worte. &ndash; Ihre
+Seelen sprachen zueinander &ndash; ein geheimnisvolles
+Begreifen war zwischen ihnen &ndash; &uuml;bertrug sich von einem
+zum anderen.</p>
+
+<p>Sie waren f&uuml;reinander bestimmt gewesen.</p>
+
+<p>Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!</p>
+
+<p>Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.</p>
+
+<p>Und die Frau ehren, die er liebte!</p>
+
+<p>Sie stand so hoch, da&szlig; nicht einmal eine Versuchung
+sie beunruhigen durfte.</p>
+
+<p>Fort aus ihren Wegen!</p>
+
+<p>Er betete sie an in seinen schmerzlichen, hei&szlig;en Gedanken,
+weil sie ihn fortgewiesen.</p>
+
+<p>Ihr &auml;ngstliches, verzweifeltes &raquo;Nein &ndash; nein&laquo;, womit
+sie seinen Blicken abwehrte, hallte immer in ihm nach.</p>
+
+<p>Wunderliches Erleben, das aus einem &raquo;Nein&laquo; mehr
+Segen und Begl&uuml;ckung strahlen lie&szlig; als aus jedem hingebenden
+Wort&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unl&ouml;slich. Zwei lange
+N&auml;chte voll Qual und Not gr&uuml;belte er dar&uuml;ber nach.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te ihr Recht geben.</p>
+
+<p>Keine &Uuml;bereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die
+Ehe hineingelockt.</p>
+
+<p>Mit klarem Bewu&szlig;tsein suchte sie in ihrer Ehe kein
+z&auml;rtliches Gl&uuml;ck &ndash; sie gab ihr als Ersatz einen w&uuml;rdigen
+Inhalt, in sittlichem Pflichtgef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Gerade diese Ehe, so geschlossen, mu&szlig;te unzerbrechlich
+sein.</p>
+
+<p>Und nichts durfte der teuren Frau die Erf&uuml;llung ihrer
+Pflicht erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf
+und keine Beunruhigung bringen. Er konnte sie ihr
+am gr&ouml;&szlig;ten dadurch beweisen, da&szlig; er still beiseite ging
+und fern und einsam litt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>Fort aus ihren Wegen&nbsp;...</p>
+
+<p>Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. &ndash; Er
+merkte unterwegs: es tropfte &ndash; jene gro&szlig;en, schweren
+Tropfen begannen herabzuspielen, die einen prasselnden
+Gewitterregen einzuleiten pflegen. &ndash; Und da fuhr auch
+ein Blitz nieder. &ndash; Der j&auml;he Schein strich ihm f&ouml;rmlich
+&uuml;ber die Augen. Ein Schlag polterte nach, und dann
+st&uuml;rzte der dicke Regen hinterdrein, da&szlig; die Luft wie von
+Kristallperlen durchs&auml;t war. Und nach f&uuml;nf Minuten war
+auch das vorbei. &ndash; Wie ein ganz merkw&uuml;rdiges, kurzes
+Aufpochen all der droben auf der Lauer liegenden Gewalten
+war das gewesen&nbsp;...</p>
+
+<p>In Stephans Zimmer br&uuml;tete stumpfe Hitze. Vo&szlig;
+hatte die Fenster geschlossen gehalten. Luft! &ndash; Fenster
+aufgesto&szlig;en! &ndash; Die Litewka her. &ndash; Eine halbe Stunde
+Ruhe. &ndash; Um vier wieder Dienst.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Vo&szlig; meldete: da liege ein Brief.</p>
+
+<p>Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den
+B&uuml;chern und Papieren auf dem Schreibtisch. Seine
+Gedanken waren nicht, wie die jener Menschen, die gro&szlig;e
+Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang gerichtet,
+wenn er heimkam.</p>
+
+<p>Vo&szlig; sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns fr&uuml;herer
+Bursche, habe ihn gebracht.</p>
+
+<p>Stephan sah schon &ndash; das waren die Schriftz&uuml;ge des
+Geheimrats.</p>
+
+<p>Sofort &uuml;berfiel ihn Unruhe. Die blo&szlig;e Ankunft
+eines Briefes von dr&uuml;ben bewies ja, da&szlig; die F&auml;den sich
+schwer zerrei&szlig;en lie&szlig;en &ndash; ja, da&szlig; sie gar nicht zerrissen
+werden konnten, ohne da&szlig; Aufsehen entstehe.</p>
+
+<p>Er besah die Aufschrift. Schon in diesen gro&szlig;en,
+steilen Buchstaben sp&uuml;rte man die Herrscherhand, die
+sie hingesetzt:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>&raquo;Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im
+Infanterieregiment Gro&szlig;herzog Paul.&laquo;</p>
+
+<p>Und als er las, wuchs seine Unruhe.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Marning! Ich m&ouml;chte mit Ihnen sprechen.
+F&uuml;r Sie vielleicht Wichtiges. Besuchen Sie mich heute
+gegen Abend. Wenn Sie zum Essen bleiben k&ouml;nnen, freut
+es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn miteinschlie&szlig;t.
+Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
+darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.&laquo;</p>
+
+<p>Es war ihm sogleich klar, da&szlig; er dieser geforderten
+Unterredung nicht aus dem Wege gehen k&ouml;nne. Und ebenso
+gewi&szlig; wu&szlig;te er, da&szlig; es ihm unm&ouml;glich sein werde,
+mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis traulich
+zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in
+Blick und Wort, steif, fremd tun &ndash; vor den durchdringenden
+Augen dieses Mannes! Das holde, sanfte Gl&uuml;ck genie&szlig;en,
+die geliebte Frau in ihrer t&ouml;chterlichen F&uuml;rsorge um den
+Vater zu sehen. &ndash; Ihr Wesen war heiterer, offener,
+bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand &ndash;
+wenn all ihr Dasein nur dem hilfsbed&uuml;rftigen alten Mann
+zu dienen schien. &ndash; Und sie! W&uuml;rde sie das ertragen, ihm
+noch an ihrem Tische zu begegnen? &ndash; Nein!</p>
+
+<p>Er ging hastig auf und ab und dachte nach. &ndash; Sein
+Dienst &ndash; der verungl&uuml;ckte Kamerad &ndash; dieser Ruf nach
+dr&uuml;ben&nbsp;...</p>
+
+<p>Vo&szlig; wartete und stand in seinem wei&szlig;grauen Leinenanzug
+stramm.</p>
+
+<p>Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon
+die fabelhaftesten Bestellungen und Ausk&uuml;nfte in die
+Welt hinausgesprochen.</p>
+
+<p>Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah,
+verhedderten sich seine Gedanken schon vorweg, und er
+ahnte Tr&uuml;bes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht &ndash; er hatte
+diesen vertieften Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren
+scheint, w&auml;hrend er sie gar nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich wu&szlig;te er, wie er alles einrichten konnte. Mit
+rascher Hand lie&szlig; er den Bleistift &uuml;ber einen Zettel gleiten,
+und um jedem Irrtum vorzubeugen, mu&szlig;te Vo&szlig; den
+Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner nasalen, breiten,
+nieders&auml;chsischen Aussprache. Es ber&uuml;hrte Stephan eigen,
+da&szlig; unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang,
+was f&uuml;r ihn voll geheimer Aufregungen war.</p>
+
+<p>&raquo;Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant
+von Marning lasse vielmals danken. Er werde
+sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum Abendessen
+k&ouml;nne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann
+ein Unfall zugesto&szlig;en und der Oberleutnant wolle den
+Abend bei ihm verbringen.&laquo;</p>
+
+<p>Vo&szlig; machte kehrt und marschierte zur T&uuml;r, als
+schwenke er in Reih und Glied im Zuge ab.</p>
+
+<p>Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken.
+Aber er war doch voll Ruhe.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te es: sie w&uuml;rde es verstehen, ihn nicht zu
+treffen, wenn er ihr Haus betrat.</p>
+
+<p>Jede Begegnung w&auml;re qu&auml;lender Schmerz und eine
+Verh&ouml;hnung des Abschieds, den sie in schweigendem Verstehen
+voneinander genommen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will
+der alte Herr mit mir? Wichtiges? Die Unsicherheit regte
+ihn doch auf.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich
+erfuhr, da&szlig; auch der beste Reiter st&uuml;rzen kann, besuchte
+Klara ihren Schwiegervater. Er sa&szlig; bei offenen Fenstern
+im Erker, und um seinen m&auml;chtigen Ledersessel herum
+<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>waren die mechanischen Tische mit Schriftst&uuml;cken bedeckt.
+Gerade ging Lebus, der Sekret&auml;r, mit den Stenogrammen,
+um sie auszuarbeiten. Ehe er noch die T&uuml;r erreichte, rief
+ihm der Geheimrat nach: &raquo;Und Georg soll sofort meinen
+Brief hin&uuml;bertragen. &ndash; Ach &ndash; Klara! Mein Kind &ndash;
+Ich hab&#8217; schon gewartet, wo du bleibst!&laquo;</p>
+
+<p>Sie k&uuml;&szlig;te ihm die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Vater &ndash; ich wagte nicht, zu st&ouml;ren.
+Du wei&szlig;t, jetzt geht der Verungl&uuml;ckte sogar dir vor. Als
+ich von Severinshof zur&uuml;ckkam, hattest du schon den
+Generaldirektor bei dir. Ich h&ouml;rte eure Stimmen, als
+ich eintreten wollte. Und dann wei&szlig; ich ja &ndash; halb elf
+kommt Lebus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Th&uuml;rauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf.
+Hatte den Nachtzug von Rotterdam nach Hamburg
+benutzt, wo ja gleich Anschlu&szlig; ist. Kannst dir denken,
+wie bek&uuml;mmert und &auml;rgerlich er war! Durchbruch! Produktionsst&ouml;rung!
+Ein Mann verungl&uuml;ckt! Wie geht es
+ihm denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die
+Nacht war gut. Und ich bin bei dem M&auml;dchen gewesen,
+das der Mann liebt. Ich habe mit ihr gesprochen. Sie
+war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und ihm
+verzeihen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Geheimrat l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Du bringst sie noch zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein,&laquo; sagte Klara, &raquo;nein &ndash; wie sollte ich das
+wagen. &ndash; Wenn sie ihn nicht liebt&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie
+f&uuml;hlte selbst: sie hatte es zu leidenschaftlich gesagt.</p>
+
+<p>Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich &uuml;ber
+beide. Klara wollte diese Befangenheit zerst&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke,&laquo; sagte sie, &raquo;man wollte Th&uuml;rauf nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>von dem Vorfall depeschieren? Es h&auml;tte ja auch keinen
+Zweck gehabt. Aber er kam sofort zu dir herauf? Das
+sieht doch aus, als wu&szlig;te er schon? ... Ach &ndash; vom
+Chauffeur&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht der Chauffeur. &ndash; Denk dir &ndash; von Wynfried!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Wynfried?&laquo; wiederholte sie in gro&szlig;em Erstaunen,
+&raquo;der ist doch heute fr&uuml;h mit der &#8250;Klara&#8249; nach Warnem&uuml;nde
+gesegelt &ndash; begleitet als Outsider die Wettfahrt &ndash; wollte
+doch an Bord &uuml;bernachten?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls
+auf dem Werk, in einer so fr&ouml;hlichen Stimmung
+gezeigt, wie weder sein Vater noch seine Frau ihn je
+gesehen. Am sp&auml;teren Nachmittag war er mit dem Motorboot
+nach Travem&uuml;nde gefahren, wo ja zurzeit auch die
+&raquo;Klara&laquo; lag. Er wollte den Bierabend des Jachtklubs
+mitmachen, der unter dem Vorsitz des Kaisers stattfand.
+Vater und Frau fanden es selbstverst&auml;ndlich. Am Sonntag
+vormittag, so war der Plan, sollte die &raquo;Klara&laquo; dann die
+Wettfahrt in der L&uuml;becker Bucht begleiten, sp&auml;ter dachte
+Wynfried am Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am
+Montag fr&uuml;h mit nach Warnem&uuml;nde zu kreuzen. Es
+erschien als das bequemste, von Sonnabend an Wohnung
+an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den
+Vergn&uuml;gungen des Sonntags nicht teilnehmen wollte.
+Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu entschlossen gewesen;
+er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid zeigen
+lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen
+sollte. Ihr Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.</p>
+
+<p>Aber nun konnte sie nicht. &ndash; Alles in ihr wehrte sich
+gegen Fest und L&auml;rm und Frohsinn. &ndash; W&uuml;rden nicht
+die Augen des Verungl&uuml;ckten ihr immer zusehen? Diese
+Augen voll Qual?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>Und die Ersch&uuml;tterungen, die durch ihr geheimstes
+Seelenleben gegangen?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeih,&laquo; bat sie, &raquo;da&szlig; ich dich nicht begleite. Wenn
+du den armen Judereit in seinem ersten grauenvollen
+Schmerz gesehen h&auml;ttest, m&ouml;chtest du auch nicht. Und
+ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu besuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist sentimental,&laquo; antwortete Wynfried scherzend,
+&raquo;das h&auml;tt&#8217; ich nicht vermutet. &ndash; Aber wie wird es nun?
+Ich hatte deine Freundin Agathe nebst Duenna eingeladen,
+uns Sonntag vormittag zu begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben
+nicht st&ouml;ren lassen. &ndash; Und Fr&auml;ulein von Gerwald ist doch
+dabei&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. &ndash; Das ist
+ihre Mission, ihr Beruf, ihr Schicksal,&laquo; lachte Wynfried.</p>
+
+<p>Wie dankbar war Klara, da&szlig; er keine Verstimmung
+zeigte. Und sie r&uuml;hmte sein liebensw&uuml;rdiges Wesen vor
+seinem Vater.</p>
+
+<p>So nahm er f&uuml;r mehrere Tage Abschied und stellte es
+als wahrscheinlich hin, da&szlig; er von Warnem&uuml;nde aus noch
+nach R&uuml;gen oder vielleicht nach den d&auml;nischen Inseln
+hin&uuml;bersegeln werde.</p>
+
+<p>Und nun hatte der Generaldirektor ihn in L&uuml;beck getroffen,
+auf dem Bahnsteig der Hamburger Z&uuml;ge. Der
+Vater erz&auml;hlte, was Th&uuml;rauf berichtet: Wynfried habe
+vorgezogen, im Hotel zu &uuml;bernachten, und nach einer
+etwas allzu sp&auml;ten Sitzung mit Klubfreunden dann die
+Zeit verschlafen. Das Gewitter sei dazugekommen &ndash;
+er habe den schweren Seegang gef&uuml;rchtet, etwas verkatert
+wie er sei, und die &raquo;Klara&laquo; allein lossegeln lassen,
+um sie nun in Warnem&uuml;nde wieder zu treffen, wohin
+er mit der Bahn fahre.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>Klara l&auml;chelte und meinte: das wirke nicht sehr sportm&auml;&szlig;ig&nbsp;...</p>
+
+<p>Der Geheimrat l&auml;chelte nicht. Er hatte in Th&uuml;raufs
+k&uuml;hlen, klugen Augen einen besonderen Ausdruck gesehen.
+Eine ferne, leise Unruhe wollte aufsteigen: war es vielleicht
+dem Generaldirektor aus irgend einem Grunde zweifelhaft,
+da&szlig; Wynfried auch wirklich nach Warnem&uuml;nde
+fuhr? Es gibt so l&auml;cherlich kleine Umst&auml;nde und Zuf&auml;lle, die
+verr&auml;terisch sind. Ein Billett, das aus der Hand f&auml;llt &ndash;
+der Fahrplan, der aussagt, da&szlig; um diese Zeit gar kein
+Zug nach dem angegebenen Ziel f&auml;hrt ... Aber nein. &ndash;
+Was f&uuml;r t&ouml;richte Mi&szlig;trauensgedanken. &ndash; Wozu brauchte
+Wynfried Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen,
+wann und wohin er wollte. &ndash; Keine Tyrannei, keine
+Fragen bel&auml;stigten ihn.</p>
+
+<p>Und er bat in seinen besch&auml;mten Gedanken dem Sohn
+ab, da&szlig; er immer noch nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,&laquo;
+sagte der Geheimrat nun. Und auf Klaras fragenden
+Blick f&uuml;gte er hinzu: &raquo;Ja &ndash; Marning.&laquo;</p>
+
+<p>Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet
+sein m&uuml;ssen &ndash; war es auch, denn sie wu&szlig;te ja, da&szlig; er seinen
+Posten nicht sofort verlassen k&ouml;nne. Da waren Formalit&auml;ten
+zu erf&uuml;llen &ndash; ein Offizier ist kein freier Mann.
+Sie wu&szlig;te auch sofort, wie sie ihm ausweichen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal
+zu sehen.</p>
+
+<p>An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel
+allt&auml;glicher Begegnungen voll Heuchelei h&auml;ngen.</p>
+
+<p>Sie sprach, ein wenig stockend: &raquo;Und ich wollte dich
+gerade um Entschuldigung bitten &ndash; ich war so lange nicht
+bei Agathe &ndash; ich wollte sie heute am sp&auml;teren Nachmittag
+besuchen &ndash; wenn sie mich dann zum Abendbrot&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>&raquo;Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen
+kleinen eigenen Plan hast! Wenn dich die Gewitterluft
+nicht st&ouml;rt &ndash; ich f&uuml;rchte, es gibt noch was &ndash; wie sticht
+die Sonne! &ndash; Im Grunde ist es vielleicht ganz gut, da&szlig;
+ich Marning allein habe. &ndash; M&ouml;chte viel mit ihm reden reden &ndash;
+Wichtiges.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du?!&laquo; fragte sie. &raquo;Du &ndash; mit ihm?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl
+da &ndash; die H&auml;nde um ihr Knie gefaltet, vorgebeugt &ndash; und
+dachte immer: &raquo;Es ist doch schwer. &ndash; Das mu&szlig; ich lernen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Gleichg&uuml;ltig von ihm sprechen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern,
+ganz zu uns zu kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhr in die H&ouml;he &ndash; stand leichenbla&szlig; da &ndash; ein
+Laut brach von ihren Lippen &ndash; fast ein leiser Schrei.</p>
+
+<p>Das kam zu j&auml;h &ndash; darauf hatte sich ihr Herz nicht
+r&uuml;sten, sich nicht vorweg mit Haltung umpanzern k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und der alte Mann sah sie an &ndash; in einem tiefen
+Erstaunen, das in eine langsam heraufd&auml;mmernde Angst
+&uuml;berging.</p>
+
+<p>Was war das?&nbsp;...</p>
+
+<p>Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem
+und befehlend &ndash; ja befehlend: &raquo;Das wirst du nicht tun!&laquo;</p>
+
+<p>Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.</p>
+
+<p>Und was flammte denn in ihren Augen?</p>
+
+<p>Der Alte f&uuml;hlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte
+doch mit leidlicher Ruhe zu fragen: &raquo;Und warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht
+in seine Arme werfen und sagen: &raquo;Weil ich ihn liebe &ndash;
+weil ich es nicht ertragen k&ouml;nnte, ihn immer, immer sehen
+zu m&uuml;ssen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin
+und her.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>Pl&ouml;tzlich dachte sie: &raquo;Meine Mutter hat das gleiche
+getragen!&laquo;</p>
+
+<p>Wie ein Segen kam der Gedanke &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie f&uuml;hlte: mit der
+Schwere der Pr&uuml;fung mu&szlig;te und w&uuml;rde ihre Tapferkeit
+wachsen.</p>
+
+<p>Sie begriff, nun hie&szlig; es: l&uuml;gen!</p>
+
+<p>Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit
+nur zu ahnen, w&uuml;rde schon eine zu schwere Last f&uuml;r das
+Gem&uuml;t des alten Mannes werden &ndash; nein, die konnte und
+sollte er nicht tragen.</p>
+
+<p>Sie auf ihn w&auml;lzen, hie&szlig;e: ihre Tat des Dankes ausl&ouml;schen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Woher eine L&uuml;ge nehmen?</p>
+
+<p>L&uuml;gen m&uuml;ssen glaubhaft sein &ndash; sonst sind sie noch
+schlimmer als harte Wahrheiten.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich sagte: Wynfried wird eifers&uuml;chtig werden,
+da&szlig; man einen solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden
+will?&laquo;</p>
+
+<p>Vielleicht war es nicht einmal eine L&uuml;ge. Klara kannte
+ja ihren Gatten gar nicht. Sie kannte einen sch&ouml;nen, immer
+verbindlichen, liebensw&uuml;rdig-freundlichen Mann von angenehmsten
+Formen und vornehmen Lebensgewohnheiten,
+der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in z&auml;rtlichen Aufwallungen
+sich als Liebender geb&auml;rdet hatte. An dem
+urteilsf&auml;hige Beobachter eine starke und raschbewegliche
+kaufm&auml;nnische Begabung festgestellt hatten.</p>
+
+<p>Von dem, was an M&ouml;glichkeiten im Grunde seines
+Wesens schlummerte, wu&szlig;te sie nichts.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So blitzschnell das alles durch sie hinging &ndash; sie f&uuml;hlte
+doch: dies gro&szlig;e, forschende Auge ruhte wartend auf ihr.
+Und sie sagte, was ihr eingefallen war.</p>
+
+<p>&raquo;Weil Wynfried eifers&uuml;chtig werden k&ouml;nnte, wenn du
+<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>einen anderen heranziehst, der sich m&ouml;glicherweise zu einem
+Rivalen heraufarbeiten kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Sorge,&laquo; sprach der Geheimrat, &raquo;ich habe Wynfried
+von meinem Einfall gesagt &ndash; er ist mir nicht von
+gestern auf heut gekommen. &ndash; Und Wynfried ist sehr einverstanden.
+Der ist froh &uuml;ber jeden Mitarbeiter, der ihn
+entlastet. &ndash; Und wenn Marning nach ein paar Jahren
+sich so eingearbeitet h&auml;tte, da&szlig; man ihn an eine leitende
+Stelle setzen kann, w&auml;re niemand zufriedener als Wynfried.
+Ich mu&szlig; es einmal aussprechen: sein Interesse am
+Werk ist das des Sportmannes. &ndash; Es ist nicht diese umspannende,
+ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
+Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer T&auml;tigkeit
+fast noch &uuml;ber den Gewinn stellt ... In Marning habe ich
+ein merkw&uuml;rdiges Verst&auml;ndnis, ja eine Begabung f&uuml;r all
+dies erkannt. Denke doch auch, welche Aussichten f&uuml;r ihn,
+der so arm ist&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte, da&szlig; die gro&szlig;en Augen eine besondere Wachsamkeit
+behielten &ndash; f&uuml;hlte sich belauert. Und nahm sich
+noch fester in die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Nun &ndash; dann!&laquo; sagte sie. Und sie dachte: &raquo;Wie d&uuml;rfte
+ich ihm zerst&ouml;ren, was ihn in freiere, gr&ouml;&szlig;ere Verh&auml;ltnisse
+bringen kann?&laquo;</p>
+
+<p>Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden stark bleiben,&laquo; dachte sie. Und es war
+wie ein Schwur!</p>
+
+<p>Aber die forschenden Augen mu&szlig;ten ja get&auml;uscht werden.</p>
+
+<p>&raquo;Wie du immerfort voraussorgst, Vater,&laquo; sagte sie.
+&raquo;Manchmal denk&#8217; ich, du bist wie ein Forstmann, der die
+Setzlinge pflanzt, die erst sp&auml;teren Generationen als gro&szlig;e
+B&auml;ume Schatten geben k&ouml;nnen. Wenn wir alle mal nicht
+mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat
+mein Gro&szlig;vater begonnen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
+Kurzsichtigkeit &ndash; vielleicht sind wir bei unserer
+Arbeit von Schranken umgeben, die wir nicht einmal ahnen,
+weil uns noch die M&ouml;glichkeit fehlt, sie zu erkennen. Dein
+Sohn vielleicht wird sie sp&uuml;ren und zersprengen. Wer
+will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
+Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht
+wirft die Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer
+um und macht die Gebl&auml;semaschinen unn&ouml;tig, mit denen
+wir den Koks im Hochofen die hei&szlig;e Luft zublasen,
+damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, da&szlig; wir
+dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
+Vielleicht gl&uuml;ckt es schon bald, da&szlig; wir reinen
+Sauerstoff verwenden k&ouml;nnen. Versuche sind schon im
+Gange. Sie haben ergeben, da&szlig; die Leistungsf&auml;higkeit der
+Hoch&ouml;fen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich gesteigert
+w&uuml;rde. Und der abfallende Stickstoff lie&szlig;e sich
+dann wieder zu Salpeters&auml;ure und Kalkstickstoff f&uuml;r landwirtschaftliche
+Zwecke verwerten.&laquo;</p>
+
+<p>Er seufzte.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh mein Kind,&laquo; schlo&szlig; er melancholisch, &raquo;wenn ich
+an all diese Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich
+zu sagen: du mu&szlig;t davon. &ndash; Man m&ouml;chte wissen, wie es
+weiter wird, welche Wunder noch zu Selbstverst&auml;ndlichkeiten
+werden. In dieser Begierde, zu wissen, die vielleicht
+jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie
+hat, liegt das Geheimnis des Erfolgs von B&uuml;chern, die
+uns die Zukunft vormalen. Man scheint beim Lesen in
+ihr mitzuleben. Merkw&uuml;rdig schwer, sich vorzustellen:
+ich bin einmal nicht mehr dabei. &ndash; Es mu&szlig; doch wohl so
+ein St&uuml;ck Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.&laquo;</p>
+
+<p>Nun dachte Klara: er ist abgelenkt &ndash; er sucht nicht mehr,
+weshalb ich so erschrak&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>Er aber dachte: Noch schwerer w&auml;re es, fort zu m&uuml;ssen,
+wenn Zerst&ouml;rungen drohen. &ndash; Weshalb entsetzte sie sich
+so? Was will da an mein Haus herankommen?&nbsp;...</p>
+
+<p>Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen
+mit einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen
+war, kam Leupold mit einer Bestellung. Marnings Bursche
+hatte diesmal genau telephoniert.</p>
+
+<p>Klara h&ouml;rte mit ruhigem Gesicht und sprach: &raquo;Also
+kein Gast zum Abend. &ndash; Sagen Sie meinem Schwiegervater,
+da&szlig; ich nur einen kurzen Besuch auf Lammen machen
+w&uuml;rde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
+leistete. &ndash; Ach &ndash; ja &ndash; und: fragen Sie doch nachher einmal
+bei Frau Doktor Lamprecht an, was f&uuml;r ein Unfall
+denn das ist, den Herr von Likowski hatte&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Himmel verd&uuml;sterte sich und ward hell &ndash; dies
+launische Wetterleben da oben verhie&szlig; nichts Gutes. Der
+besorgte alte Herr lie&szlig; durch Leupold noch besonders darauf
+aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
+dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.</p>
+
+<p>Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat
+&ndash; gerade heute nicht. &ndash; Eine zuf&auml;llige Begegnung
+war m&ouml;glich, ein Ruf des alten Herrn konnte sie herbeizwingen.
+Und heute, wo eine so gro&szlig;e Frage an ihn herankam,
+sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu
+einem Einflu&szlig; werden.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzusch&uuml;tten.
+Und als der alte Herr trotzdem unter seinem
+Fenster den hellen Warnruf des Gabrielshorns h&ouml;rte,
+hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut ert&ouml;nen
+lie&szlig;, da wu&szlig;te er: Klara fuhr davon!</p>
+
+<p>Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den
+angstvoll ausgesto&szlig;enen Befehl &ndash; sah wieder ihren Schreck
+und das, was aus ihren Augen flammte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>Und er fragte sich kaum noch &ndash; er <em class="gesperrt">f&uuml;hlte</em>: sie flieht
+vor diesem Mann!</p>
+
+<p>Sein Ausdruck wurde gramvoll.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und Klara fuhr im Regen. Er spr&uuml;hte herein und
+sprengte Tropfen auf ihr hellgraues Kleid. Sie beachtete
+es nicht. Sie h&auml;tte die schw&uuml;le Luft in geschlossener Karosserie
+nicht ertragen.</p>
+
+<p>Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens
+als Wohltat f&uuml;r die Nerven.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Hochbr&uuml;cke glitt mit dumpfen Sch&uuml;ttern das
+Auto. Blitzschnell huschte das Bild des Flusses am Auge
+vorbei, und eine Sekunde haftete das blaugraue Band, auf
+dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf rauchte: ein
+Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastk&auml;hnen
+hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf
+herniederst&uuml;rzte.</p>
+
+<p>Die Landschaft flog vor&uuml;ber. Und diese Flucht der
+Dinge n&ouml;tigte der Seele Ruhe auf.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klaras Auto bog von der Landstra&szlig;e ab und in die noch
+junge Allee hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen
+bis an das Portal von Lammen f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, &ouml;ffnete
+es sich nicht. Niemand eilte dienstbeflissen herzu.
+Klara sa&szlig; und wartete, ihr Chauffeur lie&szlig; die Hupe wiederholt
+rufen.</p>
+
+<p>Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen
+in gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer
+im Auto sa&szlig;, kam er herausgerannt.</p>
+
+<p>Frau Baronin w&uuml;rden gewi&szlig; sehr bedauern. Die
+Damen seien heute vormittag abgereist.</p>
+
+<p>Klara sagte: &raquo;Abgereist?&laquo;</p>
+
+<p>Das klang fragend und erstaunt &ndash; w&auml;hrend sie nur
+dachte: nun komme ich zu fr&uuml;h zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>Der Diener meinte, n&auml;here Auskunft geben zu m&uuml;ssen.
+F&ouml;rmlich vertr&ouml;stend setzte er hinzu: &raquo;Wahrscheinlich nur
+auf einige Tage. Ich habe nicht genau verstanden, ob nach
+Hamburg oder nach Hannover.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow.
+Das dicke Ehepaar w&uuml;rde sich vielleicht wundern. &ndash; Gleichg&uuml;ltig.
+&ndash; Und so brauste denn das Auto weiter ins Land
+hinaus, vom Regen begossen, mit dem kleinen Schweif von
+Rauch hinter sich.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen
+der alte Herr seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden
+Gef&uuml;hl des v&auml;terlichen Freundes, der einem
+ihm sympathischen und von ihm hochgeachteten jungen
+Mann eine Lebenswendung zum Unabh&auml;ngigen anbieten
+will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie
+war zerst&ouml;rt. Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle
+getreten. Voller Spannung, von nerv&ouml;ser Ungeduld durchzittert
+fragte er sich: &raquo;Wird Marning ebenso erschrecken
+wie Klara?&laquo;</p>
+
+<p>Und wenn das geschah, dann mu&szlig;te er die Gr&uuml;nde erfahren
+&ndash; er mu&szlig;te!</p>
+
+<p>Das Herrische in ihm verband sich mit der hei&szlig;en Liebe
+zu seiner Tochter.</p>
+
+<p>Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mit der P&uuml;nktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte,
+wurde ihm der Freiherr von Marning gemeldet.</p>
+
+<p>&raquo;Wie farblos und wie ernst er aussieht,&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der
+Geheimrat wu&szlig;te schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel
+gebrochen. Und er sprach lebhaft davon, wie dem
+Manne zumute sein m&uuml;sse, in einem Augenblick so j&auml;mmerlich
+als Opfer eines schikan&ouml;sen Unfalls festgebunden
+<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>zu liegen, wo die Kriegsstimmung durch Deutschland
+fieberte.</p>
+
+<p>Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster,
+denn der Regen nahm den heftigsten Charakter an und strich
+schr&auml;g und dicht hernieder. Und er sagte, da&szlig; es seiner
+Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter auszufahren.</p>
+
+<p>Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des
+jungen Mannes.</p>
+
+<p>Stephan dachte: ich habe es gewu&szlig;t!</p>
+
+<p>Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, da&szlig; er
+in wichtiger Sache hergerufen sei.</p>
+
+<p>Der alte Herr legte seine H&auml;nde auf die breiten Armlehnen
+und richtete seinen Kopf gerade auf. Wenn er in
+dieser Herrscherhaltung zu den tiefer vor ihm Sitzenden
+herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
+Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.</p>
+
+<p>Auch Stephan wurde von dem Gef&uuml;hl bedr&uuml;ckt, da&szlig;
+jetzt ein Reiferer und Gr&ouml;&szlig;erer ihn gleichsam in die Hand
+nehmen wolle &ndash; um mit ihm nach Befund und Gefallen
+zu verfahren.</p>
+
+<p>Und da&szlig; diese Augen bis auf den Grund seines Herzens
+sehen w&uuml;rden&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen
+sein, da&szlig; ich herzlich Teil an Ihnen nehme.&laquo;</p>
+
+<p>Stephan verneigte sich im Sitzen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat,&laquo; sprach
+er. &raquo;Schon bei den gelegentlichen Begegnungen im Hause
+meiner Verwandten f&uuml;hlte ich mich durch die Aufmerksamkeit
+geehrt, die Sie mir schenkten. Und die g&uuml;tige Aufnahme,
+die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz
+und Dank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie mir gestatten, als v&auml;terlicher Freund
+allerlei Fragen an Sie zu richten?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>&raquo;Wem sollte ich lieber dies Recht einr&auml;umen? Ich werde
+mit Wahrheiten antworten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vollkommen, Herr Geheimrat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir, mein Mitarbeiter und Freund Th&uuml;rauf und ich,
+glauben beobachtet zu haben, da&szlig; Sie auch f&uuml;r eine T&auml;tigkeit,
+wie die unsere ist, ein Verst&auml;ndnis haben, aus dem
+man auf Berufung schlie&szlig;en kann. Denn ein gewisser
+Grad von Verst&auml;ndnis und Interesse l&auml;&szlig;t mit Sicherheit
+auf Begabung schlie&szlig;en &ndash; nicht nur von den K&uuml;nsten,
+sondern auch von wissenschaftlichen und praktischen Berufen
+darf man das behaupten. Was meinen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, Herr Geheimrat,&laquo; sprach Stephan offen, &raquo;ich
+f&uuml;hle mich auf das st&auml;rkste, ja leidenschaftlich zu all den
+wunderbar gro&szlig;en Dingen hingezogen, wie ich sie auf
+&#8250;Severin Lohmann&#8249; kennen lernen durfte. Wie sich da
+Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen,
+um die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen,
+das ist herrlich. Und all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten
+eines solchen Werkes regen mich unabl&auml;ssig zum
+Nachdenken an. Man f&uuml;hlt immerfort: alles ist lebendige
+Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe
+all dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu
+erhalten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie h&auml;tten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme
+von der Armee zur Industrie &uuml;berzugehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo
+man anf&auml;ngt, &uuml;ber den Beruf nachzudenken, Gelegenheit
+gehabt h&auml;tte, in diese Welt des Feuers und Eisens hineinzusehen,
+so w&uuml;rde ich vielleicht meine Eltern gebeten haben:
+la&szlig;t mich H&uuml;ttenchemie studieren.&laquo;</p>
+
+<p>Er setzte mit einem L&auml;cheln voll Ergebenheit und Verzicht
+hinzu: &raquo;Aber ich bin im Kadettenhaus auferzogen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>weil es das Billigste war; ich habe gar keine Gelegenheit
+gehabt, nachzudenken &uuml;ber Berufswahl, weil ich nie was
+anderes gewu&szlig;t habe, als: Offizier werden. Und meine
+Eltern h&auml;tten mich auch gar nicht studieren lassen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt w&uuml;rde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen,
+den ich liebe! Wenn es denn endlich losgeht, m&ouml;chte ich
+nicht zu Hause bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beides l&auml;&szlig;t sich verbinden. Sie brauchten keineswegs
+zur Landwehr &uuml;berzutreten, sondern k&ouml;nnten, wenn Sie
+allj&auml;hrlich eine l&auml;ngere &Uuml;bung machen, als Reserveoffizier
+Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege angeh&ouml;rig
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich wei&szlig;
+auch, da&szlig; die gro&szlig;en Unternehmer schwerlich ihre unteren
+Angestellten allj&auml;hrlich so lange beurlauben. Und ich
+k&ouml;nnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
+Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin &ndash; wenn
+ich mir&#8217;s auch zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie
+gehe ich weiter? Denn er sp&uuml;rte, da&szlig; Marning gar nicht
+daran dachte, es handle sich um &raquo;Severin Lohmann&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; sprach er, &raquo;die Unternehmer denken verschieden.
+Und warum nicht gleich mit der n&ouml;tigen Vorbildung hineinkommen?
+Ein Jahr auf der Hochschule in Charlottenburg
+H&uuml;ttenchemie studieren &ndash; sich dann noch ein halbes Jahr
+praktisch umtun &ndash; das w&auml;re schon Vorbildung, die Sie
+nat&uuml;rlich nicht sofort f&uuml;r eine direktoriale Stellung reif
+machte, aber doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgef&uuml;hl,
+Ihrem Ehrgeiz, Sie von vornherein in die obere
+Laufbahn br&auml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Geheimrat,&laquo; sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem
+Ton, &raquo;ich habe mich durch &auml;hnliche Erw&auml;gungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>schon manchesmal in Versuchung gef&uuml;hlt. Ich mu&szlig; aber
+darauf verzichten, den verlockenden Weg zu beschreiten.
+Es w&auml;re bei meiner &uuml;beraus bescheidenen Verm&ouml;genslage
+ein Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich
+f&uuml;r das Studium und eine kurze Volont&auml;rzeit von meinem
+sehr kleinen Erbteil das Erforderliche opfere, und ich finde
+nachher keine Stellung, so gerate ich in eine schwere Lage.
+Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp oder anderen
+H&auml;usern. Und wenn mir auch diese Unterredung
+den mutvollen Gedanken geben darf, da&szlig; ich auf Ihre
+Empfehlung w&uuml;rde rechnen k&ouml;nnen &ndash; eine Sicherheit
+w&auml;re mir damit nicht gegeben. &ndash; Und so mu&szlig; ich verzichten.&laquo;</p>
+
+<p>Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade
+in die Augen: &raquo;Wie viel Zulage haben Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete
+Stephan: &raquo;Sechzig Mark, Herr Geheimrat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schulden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden.
+Ich habe von Anfang an beim Offiziersverein immer bar
+bezahlt und zw&ouml;lf Prozent bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>R&uuml;hrung zog durch das Gem&uuml;t des Alten und machte es
+weich. Und ein Hochgef&uuml;hl wallte in ihm auf.</p>
+
+<p>Ja, so gibt es Tausende &ndash; Tausende. &ndash; Mit einer
+knappen Zulage. &ndash; Gro&szlig;er Gott: zwei Mark f&uuml;r jeden
+Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche schlagen sie sich
+durch. Entbehrung ist ihr Los. &ndash; Aber sie zu ertragen,
+ist ihr Stolz.</p>
+
+<p>Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!</p>
+
+<p>Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das
+der Friede fordert.</p>
+
+<p>Und es ist Gefahr, da&szlig; das Volk diese reine, straffe,
+aufrechte Gestalt nicht mehr richtig sieht.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>Weil die Zeit nicht von ihr fordert, da&szlig; das Schwert
+erhoben werde.</p>
+
+<p>Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.</p>
+
+<p>Der junge Offizier f&uuml;hlte die G&uuml;te des Blickes, der
+auf ihm ruhte &ndash; er ahnte, da&szlig; dies Schweigen erf&uuml;llt
+war von Achtung und Verstehen. &ndash; Und er wurde weich
+&ndash; sehr weich. &ndash; Er h&auml;tte am liebsten in kindlicher Verehrung
+die Hand des Alten gek&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Nun aber fuhr der aus seiner R&uuml;hrung und seinen Gedanken
+auf.</p>
+
+<p>Der Augenblick war da. Die Frage mu&szlig;te getan
+werden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin wie alle alten Leute,&laquo; sprach er mit einem
+m&uuml;hsamen L&auml;cheln, &raquo;ich mache lange Vorreden. Ganz
+klipp und klar h&auml;tte ich gleich sagen sollen: wollen Sie nach
+den n&ouml;tigen Vorbereitungen bei &#8250;Severin Lohmann&#8249; eintreten?&laquo;</p>
+
+<p>Stephan sprang auf. Er erbla&szlig;te so sehr, da&szlig; dem
+alten Mann, der ihn mit fast gieriger Wachsamkeit beobachtet
+hatte, das Herz rasend zu klopfen begann.</p>
+
+<p>&raquo;Hier?&laquo; sprach er sofort &ndash; lie&szlig; keine, gar keine Pause
+aufkommen, &raquo;hier? &ndash; auf &#8250;Severin Lohmann&#8249; sein? Hier?
+Jeden Tag &ndash; immer? &ndash; Nein. Nein! Ich &ndash; ich &ndash; danke
+gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich mu&szlig; ablehnen.&laquo;</p>
+
+<p>Bei den letzten Worten sp&uuml;rte man es: er hatte sich gefa&szlig;t.
+Und er setzte sogleich hinzu: &raquo;Sowie Likowski wieder
+Dienst tun kann, komme ich um Versetzung ein. &ndash; Nur sein
+Unfall hat mich verhindert, es schon heute zu tun. Ich
+danke gehorsamst&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Das m&auml;chtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es
+m&uuml;de. Unter den starken, grauen Brauen her kamen die
+tiefen Blicke und schienen in die St&uuml;rme und Leiden des
+jungen Menschen hineinsehen zu wollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>&raquo;K&ouml;nnen Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht
+bei uns bleiben wollen, weder als Mitarbeiter noch in
+Ihrer Garnison? Wollen Sie es nicht einem alten Mann
+sagen, der Sie liebhat und der &ndash; der auch &ndash; ein &ndash; Mensch
+ist ... der gelitten hat&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Diese zitternde Stimme &ndash; zum erstenmal klang sie
+ihm greisenhaft &ndash; ersch&uuml;tterte Stephan.</p>
+
+<p>Und doch sprach er leise und fest: &raquo;Nein!&laquo;</p>
+
+<p>Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende
+&raquo;Nein!&laquo;</p>
+
+<p>Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. &ndash; Er
+tat, wozu es ihn schon vor Minuten hatte hinrei&szlig;en wollen
+&ndash; er neigte sich tief und k&uuml;&szlig;te die Hand des alten Herrn.</p>
+
+<p>Fast wollte seine Fassung zerbrechen &ndash; ein &Uuml;berma&szlig;
+von Empfindungen st&uuml;rmte durch ihn hin. &ndash; Als b&auml;te er
+mit diesem Handku&szlig;: verzeih mir, da&szlig; ich deines Sohnes
+Frau liebe. &ndash; Als schw&ouml;re er: zwischen dieser edlen Frau
+und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. &ndash; Als flehe
+er: versteh doch, da&szlig; ich gehen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Dann richtete er sich auf &ndash; stand voll Haltung.</p>
+
+<p>Er griff nach seiner M&uuml;tze und hielt sie in der Hand.</p>
+
+<p>Noch ein paar Herzschl&auml;ge lang sahen sie einander fest
+in die Augen! H&ouml;her hob Stephan den Kopf, und sein
+Blick schien zu leuchten, im Bewu&szlig;tsein, da&szlig; er ihn so frei
+erheben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dann gr&uuml;&szlig;te er milit&auml;risch und ging.</p>
+
+<p>Als m&uuml;sse dieses leise &raquo;Nein&laquo; das letzte Wort zwischen
+ihnen bleiben.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und wenn tausend gesprochen worden w&auml;ren, sie h&auml;tten
+dem alten Herrn nicht mehr offenbaren k&ouml;nnen als dies
+eine.</p>
+
+<p>Nun hatte er keine Zweifel mehr.</p>
+
+<p>Ersch&ouml;pft legte er sich zur&uuml;ck und schlo&szlig; die Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>&raquo;Wie sich alles wiederholt!&laquo; dachte der Greis.</p>
+
+<p>Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?</p>
+
+<p>Warum mu&szlig;te es diesen beiden herrlichen jungen Menschen
+dieselben Leiden aufb&uuml;rden, die er und eine heilige
+Tote einst getragen?</p>
+
+<p>Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte
+Macht schuld, die man so unbestimmt und sich
+selbst entlastend gern &raquo;das Schicksal&laquo; nennt?</p>
+
+<p>Waren es nicht vielmehr seine eigenen H&auml;nde gewesen,
+die alles so geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!</p>
+
+<p>Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich
+das ein!</p>
+
+<p>Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste
+Tochter gewinnen.</p>
+
+<p>Er t&auml;uschte sich nur zu rasch und freudig vor, da&szlig; sie
+f&uuml;r seinen Sohn Neigung habe.</p>
+
+<p>Er geno&szlig; es als Gl&uuml;ck, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche
+Stellung darbringen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Er glaubte der Geliebten noch &uuml;ber das Grab hinaus
+Treue zu beweisen, indem er ihre Tochter in sein Haus
+zwang.</p>
+
+<p>Und nun wu&szlig;te er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt
+haben &ndash; denn sie war nicht ver&auml;nderlichen und leicht
+entflammten Herzens.</p>
+
+<p>Er erkannte l&auml;ngst: von &auml;u&szlig;erem Glanz war sie so unabh&auml;ngig,
+wie es ihre Mutter gewesen.</p>
+
+<p>Und er f&uuml;hlte, da&szlig; die teure Tote weinen w&uuml;rde &uuml;ber
+das Geschick der Tochter&nbsp;...</p>
+
+<p>Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn?
+Noch einmal Schicksal spielen?</p>
+
+<p>Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst &ndash;
+sei frei!</p>
+
+<p>Aber das war ja ganz unm&ouml;glich!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>Er dachte an seinen Sohn &ndash; an den anderen Mann.</p>
+
+<p>Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wu&szlig;te
+klar: sein Sohn war von der Art seiner Mutter. Begabt,
+sch&ouml;n, beweglichen Verstandes &ndash; ohne Tiefe des Herzens
+und ohne Zuverl&auml;ssigkeit. Genu&szlig;freudig.</p>
+
+<p>Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still
+und aufrecht seinen entsagungsvollen Weg ging.</p>
+
+<p>Ja &ndash; dieser w&auml;re Klaras w&uuml;rdiger gewesen&nbsp;...</p>
+
+<p>Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie
+litten!</p>
+
+<p>Wie er selbst einst gelitten&nbsp;...</p>
+
+<p>Seine hei&szlig;e Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe
+zu einer Toten verwoben war, da&szlig; sein Herz oft erzitterte,
+wie in Furcht vor seltsamen Geheimnissen &ndash; diese hei&szlig;e,
+selbsts&uuml;chtige und dennoch zugleich &uuml;ber jedes Mannesgef&uuml;hl
+hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe &ndash;
+sie wallte st&uuml;rmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnm&auml;chtig
+zuzusehen, da&szlig; Klara sich in heimlichem Gram
+verzehre.</p>
+
+<p>Aber tat sie denn das? Was wu&szlig;te er von ihr? Von
+ihrem Herzen? Warum hatte sie seinen Sohn denn geheiratet?
+Er hatte es ihr doch damals ernst und stark geschrieben:
+nicht das geringste, was ich sorglich f&uuml;r dich tat,
+darf dich bestimmen? Und von all den schweren, h&auml;&szlig;lichen
+Dingen, die den Tod ihres Vaters umspielten, wu&szlig;te sie
+doch nichts.</p>
+
+<p>Was sollte er tun?</p>
+
+<p>Ganz gewi&szlig; war sein Sohn nicht der ebenb&uuml;rtige Gatte
+dieses jungen Weibes.</p>
+
+<p>Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die
+von der Seite fortrei&szlig;en, die seine Helferin, sein edelster
+Besitz war? Wahrscheinlich hatte er keine volle Erkenntnis
+von dem Adel und der W&uuml;rde seiner jungen Frau. Dennoch
+<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>aber &ndash; das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,
+da&szlig; er daran glaubte &ndash; dennoch stand sie ihm hoch, und
+er f&uuml;hlte dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn
+aus dem elenden Lebens&uuml;berdru&szlig; herausgerettet, dem er
+verfallen gewesen.</p>
+
+<p>Ihm war, als h&ouml;re er ihn sagen: &raquo;meine famose, gro&szlig;artige
+Frau!&laquo;</p>
+
+<p>Das klang immer so flach, so &auml;u&szlig;erlich &ndash; es hatte ihn
+schon oft verletzt.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zur&uuml;ckkam,
+f&uuml;hlte er: von Wynfried war es ehrlich gemeint und eine
+starke Anerkennung.</p>
+
+<p>Und dieses Gef&uuml;hl war vielleicht das beste, was je in
+des Sohnes Herzen gelebt hatte.</p>
+
+<p>Und der eigene Vater sollte ihm das zerst&ouml;ren?</p>
+
+<p>Unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind?
+Die Zukunft des Hauses! Sein Enkel &ndash; sein Stolz und
+Gl&uuml;ck!</p>
+
+<p>Unm&ouml;glich!</p>
+
+<p>Das junge Weib &ndash; das Kind &ndash; das Werk &ndash; alles
+<em class="gesperrt">eine</em> Zukunft zusammengeschmiedet. &ndash; Unzertrennlich.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wie sollte sich das alles l&ouml;sen?</p>
+
+<p>Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Zum erstenmal f&uuml;hlte er sich m&uuml;de &ndash; sein herrischer
+Wille &ndash; sein Zorn &ndash; sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.</p>
+
+<p>Ein leises Ahnen beschlich ihn, da&szlig; auch f&uuml;r die st&auml;rkste
+Lebensgier eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu m&uuml;hselig
+werden k&ouml;nnen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und drau&szlig;en surrte der Regen, emsig gie&szlig;end, in unerm&uuml;dlicher
+Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft
+und alles Ungl&uuml;ck n&uuml;chtern wegwaschen.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_10" id="Kapitel_10"></a>10</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">M</span>it der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten
+Schenkelbruchs hatte der Professor seinen Patienten nur
+b&auml;ndigen wollen. Aber als der ungeduldige Likowski nach
+vierzehn Tagen einsah, da&szlig; die Sache keineswegs so einfach
+sei, da&szlig; die Heilung noch Wochen in Anspruch nehmen werde,
+verfiel er in einen schlimmen Gem&uuml;tszustand. Da man ihn
+zuerst wohlmeinend get&auml;uscht hatte, glaubte er nun auch der
+Versicherung nicht, da&szlig; alles wieder v&ouml;llig gut werden
+w&uuml;rde und seine Dienstf&auml;higkeit gewi&szlig; nicht in Gefahr sei.</p>
+
+<p>Er sah sich schon lahmend und au&szlig;er Dienst!</p>
+
+<p>Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram
+mehr &ndash; es war Wut.</p>
+
+<p>Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und
+Leiden in einem Feldzuge w&uuml;rde er wahrscheinlich kaum
+gesp&uuml;rt haben, im Hochgef&uuml;hl kriegerischer Pflichterf&uuml;llung.
+Aber hier so still liegen und sich gefa&szlig;t erweisen, dazu war
+er nicht der Mann.</p>
+
+<p>Er erkl&auml;rte das f&uuml;r Frauenzimmersache. Weiber, die
+h&auml;tten&#8217;s in den Nerven, da&szlig; sie z&auml;h und ergeben dulden
+k&ouml;nnten &ndash; deren Nerven seien eben dehnbarer eingerichtet.
+M&auml;nnernerven rissen gleich.</p>
+
+<p>Und die Welt, die n&auml;chste um ihn, wie die gro&szlig;e, weite
+drau&szlig;en, war nicht in Zust&auml;nden, die ihn h&auml;tten angenehm
+zerstreuen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>Das Wort &raquo;Krieg&laquo; zitterte durch Deutschland. Jetzt
+endlich glaubte man es ganz gewi&szlig;. Der Herbst w&uuml;rde die
+V&ouml;lker gegeneinander werfen. &ndash; Es schien kein Zweifel
+mehr.</p>
+
+<p>Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu
+sprechen. Aber er las ja Zeitungen &ndash; immer mehr &ndash; Zeitungen
+aller Parteien. &ndash; Und er sp&uuml;rte, wie der Glaube
+an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht durch die
+Druckzeilen bebte. Wie die einen in hei&szlig;er Opferfreudigkeit
+ergl&uuml;hten &ndash; das sah er mit gl&uuml;ckseligem Stolz. Wie
+die anderen feige nur an ihr bi&szlig;chen gest&ouml;rtes Wohlleben
+dachten, erkannte er mit Z&auml;hneknirschen. Es war ihm
+doch das brennendste Bed&uuml;rfnis, davon zu sprechen. Und
+wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
+sein Gespr&auml;ch, seine Frage.</p>
+
+<p>Th&uuml;rauf kam. Er mu&szlig;te best&auml;tigen, da&szlig; das Ausland
+sich mit Bestellungen zur&uuml;ckhielt, da&szlig; wiederum einige
+Industrien des Inlandes &uuml;berhetzt Rohmaterial brauchten.
+Die gesch&auml;ftliche Lage war tr&uuml;be und besonders von der
+Ungewi&szlig;heit gesch&auml;digt. In industriellen Kreisen sagten
+die einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn
+und neuen Aufschwung erleben, wenn&#8217;s &uuml;berstanden ist!
+Die anderen: Alles ist nun in sch&ouml;nster Bl&uuml;te, die Kinderjahre
+unserer Industrie sind &uuml;berwunden, wir &uuml;berfl&uuml;geln
+die anderen V&ouml;lker; und nun soll ein Krieg alles zerst&ouml;ren?</p>
+
+<p>Herr von Pankow kam, und seine joviale Beh&auml;bigkeit
+erschien umflort von gedr&uuml;ckten Stimmungen. Was aus
+der Ernte werden sollte, wu&szlig;te Gott allein bei diesem
+ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und gute
+Hereinkommen der Ernte so dringlich n&ouml;tig! Wu&szlig;te man
+denn, ob einem nicht morgen die Pferde weggeholt w&uuml;rden?</p>
+
+<p>Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger
+als blauer Husar mitmu&szlig;te &ndash; stand in Wandsbek, Regiment
+<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>K&ouml;nigin der Niederlande &ndash; blo&szlig; erst die Ernte &#8217;rein
+&ndash; dann war man hinterher auch leistungsf&auml;higer.</p>
+
+<p>Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in
+dem der Schmi&szlig; von der Wange her endete, zog sich ganz
+besonders schief. Er sagte, da&szlig; er seit seinen Quartanertagen
+darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
+der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten
+geschrieben, der sich gerade aus der Praxis zur&uuml;ckgezogen
+habe, aber bereit sei, ihn in Severinshof als H&uuml;ttenarzt zu
+ersetzen. Womit der Geheimrat sich einverstanden erkl&auml;rte.
+Und er erz&auml;hlte, da&szlig; der Geheimrat gesagt habe: ein Krieg
+sei f&uuml;r Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
+Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn
+da&szlig; ein Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein
+in der Geschichte noch nicht dagewesener Fall. Aber die
+ethischen Eigenschaften unseres Volkes zeigten Erschlaffung,
+und nur in einem Kriege k&ouml;nnten sie ihre Kraft und Gewalt
+wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art:
+lange Zeitspannen der Sorglosigkeit und des
+Friedens vertrage sie nicht.</p>
+
+<p>Und Edith Stuhr kam und sa&szlig; frech und neugierig und
+vergn&uuml;gt an seinem Bett &ndash; was die alte Doktorin Lamprecht
+unerh&ouml;rt fand &ndash; und erz&auml;hlte, da&szlig; ihr Papa jammere:
+wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
+nach Sensen.</p>
+
+<p>Und die Kameraden kamen.</p>
+
+<p>Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von
+dem einen, so sagte es Blick und H&auml;ndedruck&nbsp;...</p>
+
+<p>Sein Vetter, der Kapit&auml;nleutnant schrieb: &raquo;Wenn es
+wird, mu&szlig; es vor dem 14. September sein, denn nach dem
+Flottenman&ouml;ver entlassen wir stets unsere Reserven. &ndash;
+Marinereserven, einmal entlassen, k&ouml;nnen nicht so rasch
+wie das Landheer zur Waffe zur&uuml;ckberufen werden. Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>zerstreuen sich, infolge ihres gr&ouml;&szlig;tenteils seem&auml;nnischen
+Berufes, bald &uuml;ber die Ozeane. Die brauchen oft Wochen,
+bis sie zur&uuml;ckkommen k&ouml;nnen. Mit eben frisch Eingestellten
+kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also: wenn
+unsere Reserven zur&uuml;ckbehalten werden, hei&szlig;t das: Krieg
+in Sicht!&laquo;</p>
+
+<p>Und der Hauptmann schwor wieder: &raquo;Ich schie&szlig;&#8217; mich
+tot, wenn&#8217;s losgeht und ich bin ein Kr&uuml;ppel!&laquo;</p>
+
+<p>Und das Allermerkw&uuml;rdigste war, da&szlig; diese ganze
+Spannung, dies ungeheure Warten auf das gewaltige
+Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach erhielt,
+dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus
+der Luft gewaschen wurde. Die Natur &uuml;berhitzte die Nerven
+gewi&szlig; nicht. Der graue Tageshimmel sch&uuml;ttete vom Morgen
+bis zum Abend, die schwarze Nacht vom Abend bis zur
+Fr&uuml;he Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
+keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen
+herab.</p>
+
+<p>Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn blo&szlig;
+endlich mal Sch&ouml;nwetter w&uuml;rde!</p>
+
+<p>Als sei damit dann viel gekl&auml;rt.</p>
+
+<p>Aber es wurde kein Sch&ouml;nwetter.</p>
+
+<p>Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling,
+und ihre ermahnenden Reden flossen ohne Unterla&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Grad wie der Regen,&laquo; sagte Likowski einmal.</p>
+
+<p>Aber sie steckte oft ihr graues K&ouml;pfchen mit dem
+spiegelglatten Flachskopf des Burschen zusammen, und
+sie kam mit Vollert, in h&ouml;chst unmilit&auml;rischer Verwischung
+aller Subordinationsgrenzen, &uuml;berein, da&szlig; man Herrn
+Hauptmann jetzt nie etwas &uuml;belnehmen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Sehr beleidigt war Likowski, da&szlig; von &raquo;dr&uuml;ben&laquo; &ndash;
+womit ein f&uuml;r allemal die Bewohner des Herrenhauses
+gemeint waren &ndash; niemand kam.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[325]</a></span>Der Geheimrat nat&uuml;rlich konnte nicht. Er schickte seinen
+Leupold mit erlesenen Fr&uuml;chten und k&ouml;stlichen Bissen.
+Und hatte auch in einem eigenh&auml;ndigen Brief sein Mitgef&uuml;hl
+ausgedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Die Doktorin erinnerte daran, da&szlig; doch Herr Wynfried
+Severin schon einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr
+Pflegling schien diese Besuche nicht zu rechnen. Er mochte
+nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo bliebe denn
+Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht.
+Hatte er das um sie verdient? War er nicht ihr guter
+Freund gewesen, als sie noch Klara Hildebrandt und eine
+arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht schon damals geachtet
+und verehrt, so da&szlig; er beinahe &ndash; aber nat&uuml;rlich nur
+&raquo;beinahe&laquo; &ndash; erwogen h&auml;tte ... Und wu&szlig;te sie denn
+nicht, da&szlig; sie keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn?
+Man erz&auml;hlte, wie r&uuml;hrend sie sich des verbrannten Judereit
+annehme; Sylvester sprach sozusagen mit Andacht
+davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen,
+lie&szlig; sie ungetr&ouml;stet daliegen? Als ob es nicht auch f&uuml;r
+ihn eine Wohltat w&auml;re, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen
+und ihre sanfte Frauenw&uuml;rde einmal an seinem Lager
+zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig
+erwidern. Sie wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch
+f&uuml;r ihre Person etwas &uuml;bel. Denn nun, da sie nicht mehr
+nach dr&uuml;ben zu ihren regelm&auml;&szlig;igen Teebesuchen fahren
+konnte, mu&szlig;te doch Klara einmal das Verlangen haben,
+ihre Pflegemutter wiederzusehen&nbsp;...</p>
+
+<p>Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.</p>
+
+<p>Der Besuch machte ihm anfangs Spa&szlig;. Die Baronin
+fuhr, nat&uuml;rlich mit ihrer Gerwald, im Auto vor. Das
+Ger&auml;usch des Regens war in der Luft, und von der Traufe,
+neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
+<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[326]</a></span>in gleichm&auml;&szlig;iger Eile hinab auf das Stra&szlig;enpflaster.
+Das einfache Zimmer, voll Karten an den W&auml;nden und
+voll Zeitungshaufen und Schriftst&uuml;cken auf dem Tisch,
+mit dem etwas schr&auml;g vorn&uuml;bergebeugten Spiegel &uuml;ber
+dem Waschtisch, gegen&uuml;ber dem Fu&szlig;ende des Bettes &ndash;
+das war kein Schauplatz f&uuml;r die Eleganz, die hereinkam.</p>
+
+<p>Agathe hatte drau&szlig;en ihren Regenmantel abgenommen
+und in Vollerts gro&szlig;e H&auml;nde gelegt, die aber erst einmal
+den seidigen, gleitenden Gummistoff fallen lie&szlig;en, was
+die Damen in Heiterkeit versetzte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommt der Glanz in meine H&uuml;tte!&laquo; sagte Likowski
+und hatte sein Wohlgefallen an dem hellblauen,
+die &uuml;ppige blonde Frau knapp umspannenden Schneiderkleid.
+Er dachte: selbst f&uuml;r mich ist es ihr der M&uuml;he wert,
+sich sch&ouml;n zu machen &ndash; wie angenehm f&uuml;r unser M&auml;nnerauge,
+da&szlig; es Frauen gibt, die das unschuldige Bed&uuml;rfnis
+haben, uns sozusagen was vorzubl&uuml;hen!</p>
+
+<p>Obgleich er ein fr&ouml;hliches Gesicht in diesem Augenblick
+zeigte, war Agathe doch tief ger&uuml;hrt. Sie konnte
+nun einmal keinen Menschen leiden sehen, es tat ihr zu
+weh!</p>
+
+<p>Ihre ganze Herzensg&uuml;te wallte auf, und Likowski sah
+wohl, da&szlig; es gar nichts Echteres geben konnte als dies
+Mitleid, mit dem Agathe seine Hand streichelte. In ihren
+blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten Glanz
+einer Tr&auml;ne.</p>
+
+<p>Sie konnte es kaum sagen, <em class="gesperrt">wie</em> sie ihn beklage.</p>
+
+<p>Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt
+sich in guter Laune mit ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie
+sind noch sch&ouml;ner geworden. Und ein wenig schlanker &ndash;
+ganz wenig &ndash; aber gerade sehr vorteilhaft so. &ndash; Ja und
+auch Fr&auml;ulein von Gerwald strahlt? Den Damen bekommt
+<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[327]</a></span>der Sommer mit all dem Regen besser als mir &ndash; im
+Grunde verdank&#8217; ich dem verfluchten Regen mein Malheur.
+Verehrte Freundin, wenn Sie morgen lesen: der
+Krieg ist erkl&auml;rt, so kaufen sie gleich einen Trauerkranz
+f&uuml;r einen, der es nicht &uuml;berleben wird, zu Haus bleiben
+zu m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; sagte Agathe, &raquo;Wynfried meint, es wird nichts
+draus.&laquo;</p>
+
+<p>Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski
+stutzte nur eine Sekunde. Agathe war eng befreundet
+mit Klara; warum sollte ihr der Name von Klaras Gatten
+nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen?
+Es gab &uuml;berhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus
+Gewohnheit sagten: &raquo;der Geheimrat&laquo; und &raquo;Wynfried
+Severin&laquo;, um Vater und Sohn bequem zu unterscheiden,
+und den Namen Lohmann weglie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht&#8217;s denn Ihrer Freundin? Sie l&auml;&szlig;t sich bei
+mir nicht sehen. Sagen Sie ihr, da&szlig; es mich kr&auml;nkt und
+schmerzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O &ndash; es geht ihr gut, h&ouml;re ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ren Sie? So was sieht man doch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja denken Sie,&laquo; sagte Agathe, und ein leichtes Rot
+breitete sich &uuml;ber ihr Gesicht, &raquo;das ist schon einfach komisch!
+Seit Wochen verfehlen wir uns, mit t&ouml;dlicher Sicherheit.
+Dreimal bin ich bei Klara gewesen und stets vergebens.
+Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war
+sie mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag
+sie mit Kopfschmerzen zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich
+auch verfehlt. Die kleinen Essen, die der Geheimrat
+sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen ...
+er soll sich angegriffen f&uuml;hlen. Mal war ich eingeladen,
+als ein paar Gro&szlig;industrielle da waren. Schweden und
+Finnl&auml;nder &ndash; ich kann nicht Schwedisch, und englisch zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[328]</a></span>sprechen, ist mir verha&szlig;t. Man hat mich in meiner Jugend
+zu viel damit ge&auml;rgert. Neulich lud ich das Ehepaar ein &ndash;
+sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
+hatte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das nennt man Pech!&laquo; gab Likowski zu.</p>
+
+<p>Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fr&auml;ulein
+von Gerwald: &raquo;Es tut Frau Baronin wirklich sehr leid.&laquo;</p>
+
+<p>Gerade h&ouml;rte man auf der Stra&szlig;e ein dumpfes
+Dr&ouml;hnen, und das hielt vor dem Hause an.</p>
+
+<p>&raquo;Mehr Besuch!&laquo; sagte Agathe, &raquo;gewi&szlig; Stuhr.&laquo;</p>
+
+<p>Aber es war nicht Ediths nerv&ouml;ser und sorgenvoller
+Vater, sondern Wynfried Severin kam herein. Sch&ouml;n,
+heiter, ein Mann von Lebensfreude wie umgl&auml;nzt.</p>
+
+<p>Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann
+das peinliche Gef&uuml;hl: dies Zusammentreffen sei vielleicht
+kein Zufall. Agathe war unruhig wie ein Backfisch
+und kicherte und strahlte. Und Wynfried k&uuml;&szlig;te ihr die
+Hand und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich
+bekommen sei, und erz&auml;hlte dem Hauptmann, da&szlig; er das
+Gl&uuml;ck gehabt habe, die Damen in Hamburg zu treffen,
+gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen.
+Da habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu
+d&uuml;rfen. Und als sie aufbrachen, stie&szlig;en sie in der T&uuml;r
+auf Stuhr. &ndash; Aber Likowski wisse wohl schon davon,
+Stuhr habe es sicher erz&auml;hlt&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sprach der Hauptmann kurz, &raquo;Stuhr ist kein
+Klatschweib.&laquo;</p>
+
+<p>Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und
+er erkannte wohl, da&szlig; in Agathens schwimmenden Blicken
+der Glanz war, den die gierige Verliebtheit entz&uuml;ndet.
+Und er h&ouml;rte wohl, da&szlig; in des Mannes Stimme ein Ton
+herrischer Vertrautheit mitschwang &ndash; dieser Paschaton,
+der gewisse Frauen entz&uuml;ckt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[329]</a></span>Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen,
+die etwas Festliches an sich hatten und doch voll unbegreiflicher
+Unruhe zu sein schienen &ndash; als k&ouml;nnten sie
+vor Heiterkeit mit keinem Gespr&auml;ch zu Ende kommen
+und vor Nervosit&auml;t nicht zwei Minuten still sitzen &ndash; sie
+verstimmten ihn tief.</p>
+
+<p>Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas
+Zerstreuung bedeutet. Als sie nun zu dritt gingen &ndash; nicht
+ohne da&szlig; Wynfried den Hauptmann laut beneidete um
+das Mitleid dieser holden G&ouml;nnerin &ndash; blieb er finster
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Das hatte ihm nicht gefallen &ndash; nein &ndash; nein.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es m&uuml;&szlig;te sich jemand finden, der Klara sagte: pa&szlig; auf!</p>
+
+<p>Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der
+Gewohnheit, &raquo;konventionell&laquo; und &raquo;formell&laquo; sich zu betragen,
+mischt man sich nicht ein. Sagt einer Mutter nicht:
+Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt einer Frau
+nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne
+nicht: deine Frau macht dich zum Gesp&ouml;tt. &ndash; Zusehen
+ist schicklicher.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ich werde dieser jemand sein &ndash; sobald ich
+Gelegenheit habe!&laquo; schlo&szlig; er mit festem Vorsatz seine
+Betrachtungen.</p>
+
+<p>Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre
+ausf&uuml;hrliche Kritik des ger&auml;uschvollen Besuches vom
+Herzen heruntersprechen, und besonders hatte es ihr
+mi&szlig;fallen, da&szlig; Wynfried mit den Damen davonfuhr
+und sein eigenes Auto wegschickte &ndash; &raquo;als wenn&#8217;s zum
+Jahrmarkt gegangen sei,&laquo; hatte sie das Betragen gefunden.</p>
+
+<p>&raquo;Gottlob, da&szlig; es noch Menschen gibt, die sich der
+Zeit zum Trotz am&uuml;sieren k&ouml;nnen,&laquo; sagte Likowski abweisend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[330]</a></span>Aber diesmal lie&szlig; sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen.
+Sie mu&szlig;te sprechen. Das war bei ihr auch
+eine Funktion, die sich nicht zur&uuml;ckhalten l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Liebster, bester Herr von Likowski,&laquo; raunte sie, &raquo;ich
+klatsche nie &ndash; aber was jetzt die Leute sagen, geht mir
+doch zu nahe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen, Lampr&auml;chtige &ndash; hab&#8217; keine Spur von
+Neugier&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ...
+Man spricht davon, da&szlig; &ndash; da&szlig; Wynfried und die Hegemeister
+&ndash; wenn er verreist &ndash; verreist sie auch. &ndash; Und
+er ist manchmal allein auf Lammen &ndash; aber nicht mit
+seinem eigenen Auto sagen die Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie den Leuten wieder, da&szlig; sie ihre Nase in
+ihre eigenen Angelegenheiten stecken sollen,&laquo; befahl
+Likowski.</p>
+
+<p>Und die Alte dachte bek&uuml;mmert, da&szlig; ein Hagestolz
+doch f&uuml;r gewisse Dinge kein Gef&uuml;hl &uuml;brig habe. Diese
+Teilnahmslosigkeit &ndash; denn es ging doch Klaras Leben
+an &ndash; kr&auml;nkte sie schwer.</p>
+
+<p>Gegen Abend sa&szlig; Marning am Bette des Freundes.
+Er fand ihn sehr erregt. Sollte man es nicht sein? grollte
+der Hauptmann. Morgen wurde der letzte Verband abgenommen.
+Die Massage und die Gehversuche w&uuml;rden
+beginnen &ndash; es war vom Professor das Wort &raquo;Wiesbaden&laquo;
+ausgesprochen. Und ganz gewi&szlig; &ndash; morgen w&uuml;rde
+es offenbar werden, davon war er &uuml;berzeugt &ndash; sein
+linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. &ndash;
+Marning schwor ihm zum unendlichsten Male zu, da&szlig; es
+nur zwei Zentimeter seien, und da&szlig; der Professor gesagt
+habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal steifer
+oder nachschleifender w&uuml;rde es werden.</p>
+
+<p>Aber das war es nicht allein &ndash; andere Dinge hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[331]</a></span>Likowski gelesen: in England waren die Menschen wie
+verr&uuml;ckt: glaubten einen Zeppelin in n&auml;chtlicher Dunkelheit
+&uuml;ber London gesehen zu haben. Und in Frankreich &ndash;
+diese Empfindlichkeit, dieser anma&szlig;ende Ton ... Und
+die Wunder unserer Disziplin! Als ob es nicht den M&auml;nnern
+an der Grenzwacht in allen Nerven zuckte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben noch mehr!&laquo; sagte ihm Marning auf den
+Kopf zu.</p>
+
+<p>&raquo;O ja &ndash; ich merk&#8217;, Sie kennen mich &ndash; ja schmerzen
+tut&#8217;s mich &ndash; da&szlig; die junge Frau von dr&uuml;ben nicht kommt.
+&ndash; Und da w&auml;ren so allerhand Gr&uuml;nde ... m&ouml;cht&#8217; mal
+mit ihr eins schwatzen &ndash; mal sehen, wie weit man mit
+dem Gespr&auml;ch sich wagen kann&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Stephan sa&szlig; schweigend und bla&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Und kurz und gut &ndash; sagen Sie&#8217;s ihr nur geradezu
+&ndash; es sei keine Sache, einen alten Freund in tr&uuml;ben Tagen
+zu vernachl&auml;ssigen.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter:
+&raquo;Herrjes &ndash; wie ist mir denn? Sie sind ja wohl lange
+nicht mehr dr&uuml;ben gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, lange nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt gondeln Sie mal &#8217;r&uuml;ber und bestellen
+ihr&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gern &ndash; gelegentlich,&laquo; sagte Stephan ausweichend.
+&raquo;Sie wissen doch: wir m&ouml;gen den jungen
+Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr jetzt nicht
+einl&auml;dt, komm&#8217; ich nicht hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>Zu seiner Erleichterung lie&szlig; der Hauptmann das
+Gespr&auml;ch v&ouml;llig fallen &ndash; lag gr&uuml;belnd, mit b&ouml;sem Gesicht
+da.</p>
+
+<p>Er dachte: &raquo;Wenn man doch die Wahrheit erfahren
+k&ouml;nnte! Ob Marning auch von dem Klatsch geh&ouml;rt hat?
+Deshalb nicht mehr &#8217;r&uuml;berf&auml;hrt?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[332]</a></span>Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den
+Sachen, die man nicht zart genug behandeln kann.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte. &raquo;Ich mu&szlig; bald wieder auf dem Posten
+sein! In jeder Hinsicht &ndash; man ist doch kein &Uuml;berz&auml;hliger!
+Gottlob nicht. Und k&ouml;nnt&#8217; sein, da&szlig; da dr&uuml;ben die junge
+Frau auch mal &#8217;n Freund braucht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Vom n&auml;chsten Tage an schien er aber nur noch an sich
+zu denken. Erst nat&uuml;rlich wetterte er &uuml;ber die Ma&szlig;en
+herum, da&szlig; sein Bein nicht blo&szlig; eine Handbreit, nein
+da&szlig; es um die H&auml;lfte verk&uuml;rzt sei und die Knochen wie
+von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er&#8217;s
+gleich noch mal brechen. Aber mit viel Ger&auml;usch und
+ungemeiner Energie kam er vorw&auml;rts. Er fing an, zu
+hoffen, zu glauben.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte,
+hatte das rechtzeitige Abernten der Felder unm&ouml;glich
+gemacht. Die Man&ouml;ver mu&szlig;ten teilweise verschoben
+und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski
+die Kameraden um sich. Der Major im Stabe,
+der die beiden Kompanien f&uuml;hrte, lie&szlig; zum Ersatz ganz
+besonders gro&szlig;e Marsch- und Felddienst&uuml;bungen unternehmen,
+deren Anlage und Verlauf Likowski dann am
+Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.</p>
+
+<p>Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter
+zeigte, der erst herausheilen mu&szlig;te. Aber dann
+konnte Likowski doch Marning vorrechnen: &raquo;Wenn Krieg
+kommt, kann ich&#8217;s wagen, mitzureiten. Bleibt Frieden,
+gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine
+hier nach sieben, acht Wochen als J&uuml;ngling und Schnell&auml;ufer
+wieder. Und dann kommen Sie um Ihre Versetzung
+ein &ndash; wenn Sie nicht anderen Sinnes geworden sind.&laquo;</p>
+
+<p>Und an einem Tage, als der &ouml;de Regen durch st&uuml;rmisches
+Unwetter eine Abwechslung erfuhr und anstatt
+<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[333]</a></span>der zinnfarbenen Gleichm&auml;&szlig;igkeit am Himmel wildes
+Gew&ouml;lk schwarz und schwer sich dahinw&auml;lzte, kam endlich
+die junge Frau.</p>
+
+<p>Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck
+bei Th&uuml;raufs getroffen und zuf&auml;llig erfahren, da&szlig;
+heute eine &Uuml;bung stattfinden solle, von der die Kompanien
+erst gegen Abend zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. So war sie sicher,
+dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied
+genommen hatte&nbsp;...</p>
+
+<p>Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen.
+Er war ganz betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt!
+War sie noch gewachsen? War man so des
+Anblicks von holder Sch&ouml;nheit entw&ouml;hnt, da&szlig; einem die
+bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?</p>
+
+<p>Welch ein L&auml;cheln voll G&uuml;te ... Und dennoch &ndash; irgend
+etwas R&uuml;hrendes darin&nbsp;...</p>
+
+<p>Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens
+davon, da&szlig; sie noch nicht hier gewesen sei &ndash; ging schweigend
+daran vorbei. Und da wu&szlig;te er in zartem Verstehen:
+sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung
+davor, wenn man ihn auch nicht erf&auml;hrt!</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre
+Hand lange in der seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung
+und z&auml;rtlich zu streicheln, als sei er ein guter
+alter Papa. Er fragte nach Severin dem Gro&szlig;en und
+Severin dem Kleinen.</p>
+
+<p>Und Klara sagte, da&szlig; ihr Vater oft so still und in
+Nachdenken versunken sei; es schien, als ermatte seine
+Frische. Da sei es ihr lieb, da&szlig; ihr Mann die eigentlich
+f&uuml;r den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise aufgegeben
+habe. Er hatte gleich von Warnem&uuml;nde aus
+Anfang Juli seine Jacht nach der Elbm&uuml;ndung gehen
+lassen, wo er die Segelei gro&szlig;artiger und interessanter
+<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[334]</a></span>finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach
+Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport
+habe ihn mit Haut und Haar. Das sei mehr Erholung
+als eine Reise, sagte er. Und sie freue sich dessen f&uuml;r ihn.
+Nun k&ouml;nne sie ihren Vater recht pflegen. Was aber Severin
+den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verkl&auml;rt!</p>
+
+<p>&raquo;Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und
+strampelt! Und streckt die dicken H&auml;ndchen nach seinem
+Gro&szlig;vater aus! Ja, der ist ein bi&szlig;chen vernarrt und einseitig
+und sagt: Solchen Jungen hat&#8217;s noch nie gegeben &ndash;
+Wie eben Gro&szlig;v&auml;ter sind&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und junge M&uuml;tter auch! Ich hab&#8217; mich bisher als
+Barbar betragen gegen Severin den Kleinen. Babys
+sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch wird &ndash;
+na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm
+auch noch auf lange hinaus meine blanken Kn&ouml;pfe anziehender
+erscheinen sollten als mein Charakter.&laquo;</p>
+
+<p>Klara lachte. Wie wirkte sie gl&uuml;cklich in diesem Augenblick!</p>
+
+<p>Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. &ndash;
+Und doch ri&szlig; es ihn zu m&auml;chtig in die N&auml;he dieser Sorge.
+Pl&ouml;tzlich fragte er: &raquo;Na, und die Baronin? H&auml;ngt sie Ihnen
+immer noch mit solcher Backfischschw&auml;rmerei an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte Klara unbefangen, &raquo;sie verfehlt
+mich best&auml;ndig. W&auml;r&#8217;s nicht die gutherzige Agathe,
+die wohl gegen keinen Menschen je feindselig sein kann,
+d&auml;cht&#8217; ich: Absicht. Wynfried hat mehr Gl&uuml;ck mit ihr &ndash;
+traf sie mal in Hamburg &ndash; fuhr mal, auf dem Wege nach
+Pankow, auf Lammen vor&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so
+verschieden,&laquo; setzte sie besch&ouml;nigend hinzu. &raquo;Vormittags
+bin ich ganz gebunden, habe &uuml;berhaupt viele Pflichten:
+Vater &ndash; das Kind. &ndash; Agathe hat keine.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[335]</a></span>Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend
+voll Ruhe &ndash; wie bei einem Menschen, der seiner sicher ist.</p>
+
+<p>Likowski, im Gem&uuml;t infolge der letzten Wochen ein
+wenig m&uuml;rbe, war eigentlich ganz weich &ndash; so etwas wie
+Reue wollte ihn ankommen, da&szlig; er fr&uuml;her nicht doch ...
+Aber Unsinn &ndash; weg mit solchen Anwandlungen! Selbst
+eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib
+noch Kind sollten Anspruch an sein Leben haben &ndash; das
+geh&ouml;rte einer gro&szlig;en Aufgabe allein! Eine Familie gr&uuml;nden
+&ndash; nein! Aber ihre Heiligkeit sch&uuml;tzen &ndash; ja! Und er
+schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich
+verr&auml;t, schie&szlig;e ich ihn &uuml;ber den Haufen.</p>
+
+<p>So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, da&szlig; sie
+von diesen schweren Gedanken nichts ahnte.</p>
+
+<p>Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort &raquo;Wissen
+Sie noch?&laquo; stand &uuml;ber ihren Gespr&auml;chen. Da lebte Vollerts
+Vorg&auml;nger wieder auf, Mau, der durchaus nicht begreifen
+konnte, da&szlig; es nicht hei&szlig;e &raquo;djewoll, Herr Hauptmann&laquo;,
+und erst nach strengen Vermahnungen sich sein &raquo;to Bafehl&laquo;
+angew&ouml;hnte. Und die gute alte Lampr&auml;chtige nahmen sie
+ein wenig durch. Und es war so wunderbar sonnig im
+Zimmer, als schleppten drau&szlig;en am Himmel nicht schwarze,
+zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab. Und
+Likowski sagte: &raquo;Wissen Sie noch: so &#8217;n &auml;hnliches Wetter
+war an jenem Morgen, als wir uns an der F&auml;hre trafen.
+Ich denke noch manchmal daran: ich stellte Ihnen Marning
+vor; Sie hatten Ihre pastellblaue Wollm&uuml;tze auf, die
+Ihnen entz&uuml;ckend, e&ndash;n&ndash;t&ndash;z&uuml;ckend stand; und keiner
+von uns hatte &#8217;ne blasse Ahnung, da&szlig; Sie sich noch selbigen
+Tags mit Wynfried Severin verloben w&uuml;rden&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo; sprach Klara leise, &raquo;ich wei&szlig; es noch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was mir Marning geworden ist! &ndash; Und vor allem
+in den letzten Wochen! Das ist ein Mensch! Eins a!
+<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[336]</a></span>Und er wird mir fehlen &ndash; will sich nu mal partout versetzen
+lassen &ndash; ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie f&uuml;hren
+mu&szlig;. Na, aber eh&#8217; es so weit kommt, ziehn wir doch
+unter der gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und
+wenn&#8217;s den einen von uns trifft &ndash; sch&ouml;n w&auml;r&#8217;s, den letzten
+Blick in Freundesauge zu tun, von Freundeshand den
+letzten Druck zu sp&uuml;ren. &ndash; Aber wie Gott will&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara stand auf. Bleich und still. Sie lie&szlig; noch einmal
+ihre Hand dem treuen Mann. Er k&uuml;&szlig;te sie &ndash; immer wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Likowski!&laquo; sagte sie mit einem m&uuml;hsamen
+L&auml;cheln scheltend.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; selbst nicht &ndash; mir ist so wunderlich &ndash; grad
+als sollt&#8217; ich Ihnen sagen: wenn Sie mal jemand brauchen
+&ndash; soweit mein Kaiser mich nicht braucht &ndash; allzeit Ihr
+treuer Freund. &ndash; Aber nicht wahr, dies ist kein Abschied?
+Wir sehen uns wieder?&laquo;</p>
+
+<p>Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die
+kaum verborgene Erregung des Mannes auf sie hin&uuml;ber,
+sprach sie: &raquo;Warum sollten wir uns nicht wiedersehen?
+Sie sind nun bald so weit, da&szlig; wir Ihnen das Auto
+schicken k&ouml;nnen. Vater freut sich schon auf Sie.&laquo;</p>
+
+<p>Und dann nahmen die Tage einen so gespannten,
+nerv&ouml;sen Charakter an, da&szlig; alles Pers&ouml;nliche zur&uuml;cktrat.</p>
+
+<p>Jetzt, jetzt war es so weit. &ndash; Der September war
+da &ndash; ein Tag schlich vorbei &ndash; wieder einer &ndash; eine Woche.
+&ndash; Und die gro&szlig;e Frage brannte in aller Herzen: Krieg?
+Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus
+Berlin geh&ouml;rt, der andere das. &ndash; Jede Nachricht widersprach
+der anderen.</p>
+
+<p>Likowski fieberte vor Aufregung und &uuml;bte Bewegungen
+und schrie nach der alten Frau, damit sie best&auml;tigte:
+es sei schon fabelhaft viel besser. Er ordnete all seine
+Sachen und machte sein Testament. In R&uuml;cksicht auf den
+<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[337]</a></span>guten Verm&ouml;gensstand seiner Verwandten vermachte er
+seinem Freunde, dem Oberleutnant Stephan Freiherrn
+von Marning, f&uuml;nfundzwanzigtausend Mark.</p>
+
+<p>Stephan war ruhig. Ernsten, gefa&szlig;ten Blickes sah er
+dem Geschick entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er
+hatte Humboldt gelesen, und dessen Ausspruch, da&szlig; der
+Krieg zur Erziehung der V&ouml;lker notwendig sei, hatte ihn
+tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, da&szlig; Humboldt
+recht habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben
+hingeben zu d&uuml;rfen f&uuml;r das Gr&ouml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen &ndash; auch
+ohne die eine, die er liebte. Aber wenn er es f&uuml;r das
+Vaterland einsetzen durfte, das w&uuml;rde wie Erl&ouml;sung und
+Kr&ouml;nung sein.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und dann, dann d&auml;mmerte die Entscheidung herauf.
+Sie fuhr nicht wie ein Blitz hernieder, und die Lage wurde
+nicht j&auml;h deutlich erhellt. Nein, auf die flammenden
+Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich Ern&uuml;chterung,
+die Gewi&szlig;heit: die Lage <em class="gesperrt">entspannte sich</em> &ndash; wieder
+einmal!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten,
+da&szlig; sie wieder einen klaren Himmel &uuml;ber sich sahen. Aber
+Millionen f&uuml;hlten, da&szlig; die Muttererde mit den Nebeln
+g&auml;rende Keime eingesogen habe.</p>
+
+<p>Likowskis Vetter, der Kapit&auml;nleutnant, schrieb, was
+auch zugleich schon in den Zeitungen stand: die Reserven
+seien entlassen.</p>
+
+<p>Friede&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen
+anderen, als er erwartet hatte.</p>
+
+<p>Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann
+am Fenster gestanden und in die sinkenden Tropfen
+gestarrt. Nun wandte er sich dem Freunde zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[338]</a></span>&raquo;Marning,&laquo; sprach er, &raquo;es scheint unser Los: wir sollen
+das Schwert in der Scheide behalten &ndash; vielleicht &uuml;berhaupt
+so lange, wie wir den Rock noch tragen &ndash; wer wei&szlig;
+es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns gefordert
+&ndash; die, die wir schon so lange &uuml;ben. &ndash; Arbeiten
+wir weiter! Still. Z&auml;h. Bei&szlig;en wir die Z&auml;hne zusammen,
+wenn man uns schm&auml;ht, nicht mehr sieht, was wir tun
+&ndash; wozu wir da sind. &ndash; <em class="gesperrt">Ein Tag wird dennoch
+kommen, wo man erkennt: wir taten unsere
+Pflicht!</em> Tun wir sie &ndash; stolz und schweigend. &ndash; Ich will
+nie mehr davon sprechen &ndash; nie mehr. &ndash; Aber denken
+wollen wir immer daran &ndash; denken!&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner umarmten sich in hei&szlig;en, stummen
+Gel&ouml;bnissen.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die
+Stimmung des Hochsommers und Herbstes nicht leichter
+gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die Wassermengen
+herab oder tr&ouml;pfelten in leisem Fall auf die Erde,
+die sie nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag
+das Land.</p>
+
+<p>Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber da&szlig; Wynfried
+gerade in diesem Sommer, der nicht nur Arbeit,
+Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel und Frohsinn
+zerst&ouml;rte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei
+fa&szlig;te, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er f&uuml;r
+zwei, drei Tage nach Hamburg. Und als es Herbst ward,
+lie&szlig; er dort auch die Jacht in Winterquartier legen und
+die Mannschaft abheuern. &ndash; Der Geheimrat dachte unruhig:
+so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich
+gesegelt worden ist.</p>
+
+<p>Sein Sohn h&auml;tte ihm gefallen sollen. &ndash; Er sah es
+selbst: ein sch&ouml;ner Mann, voll lachender Lebensfreude.
+<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[339]</a></span>Eine merkw&uuml;rdige Bl&uuml;te war &uuml;ber ihn gekommen. Derlei
+beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen
+Liebesfr&uuml;hling erleben &ndash; seltsam. Und wenn Wynfried
+zu Haus war, arbeitete er froh, forsch, geschickt.</p>
+
+<p>Trotz allem &ndash; sein Sohn gefiel ihm nicht.</p>
+
+<p>Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine
+sch&ouml;ne Aufmerksamkeit mit &ndash; in feinster Wahl zum Luxusgebrauch
+einer verw&ouml;hnten Frau ausgesucht.</p>
+
+<p>Alles sah geregelt, unauff&auml;llig aus.</p>
+
+<p>Weshalb sich sorgen?</p>
+
+<p>Er beobachtete Klara. &ndash; Und er sagte es sich jeden Tag:
+jetzt erst, jetzt sah sie ihrer Mutter v&ouml;llig &auml;hnlich. Und er
+verstand in diesem Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem
+der Toten.</p>
+
+<p>Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen
+Schmerz wie verkl&auml;rt.</p>
+
+<p>Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der
+hier fr&uuml;her doch so gern gesehen worden war ... Und sie
+verstanden sich in diesem Schweigen.</p>
+
+<p>War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen
+alten Mann unabl&auml;ssig zeigen wollte: &auml;ngstige dich nicht
+um mich! Sie suchte heiter zu scheinen, und wenn sie ihr
+Kind herbeitrug, war es dem Greis voll Bedeutung. Sie
+hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost
+&ndash; es war die Zukunft.</p>
+
+<p>Dennoch &ndash; die Wochen, die Monde lasteten. Kampf
+und gro&szlig;e Stimmungen h&auml;tten den alten Mann zu frischem
+Lebenswillen wieder aufrufen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese
+junge, geliebte Frau ihr Herz &uuml;berwand.</p>
+
+<p>Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und
+beherrscht zur&uuml;ckgezogen hatte.</p>
+
+<p>Aber das ohnm&auml;chtige Zusehen lie&szlig; ihn leiden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[340]</a></span>Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal
+vor seinen Krankheitsthron h&auml;tte fordern d&uuml;rfen. Das
+wollte er nicht, um kein Aufsehen dadurch zu machen. Aber
+diese alte Frau war ja wie von einem Magneten dr&uuml;ben
+festgehalten &ndash; war eine von den putzigen Weibern, die
+im Untergrund ihres Herzens Tod und Ungl&uuml;cksf&auml;lle als
+Fest genie&szlig;en, weil es Abwechslungen sind, die ihnen
+Zunge und Glieder beweglich machen. Plagte sicherlich
+den Hauptmann mit &Uuml;berma&szlig; von Aufopferung und
+Geschw&auml;tzigkeit. Aber der nat&uuml;rlich war waffenlos dagegen
+&ndash; er wu&szlig;te doch: sie meinte es redlich.</p>
+
+<p>Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur
+die Alte konnte sie beantworten.</p>
+
+<p>Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie
+der Geheimrat ihm anbieten lie&szlig;, mit dem Auto zum Besuch
+her&uuml;berholen zu lassen. Er schrieb herzliche Abschiedsworte.
+Zu grotesk komme er sich jetzt vor &ndash; er m&ouml;ge
+niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl
+gefesselten hochverehrten Freund und G&ouml;nner was vorhumpeln.
+Er denke sich nun in Wiesbaden wieder einen
+festen, geraden Gang heranzubaden, werde danach seinen
+Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern beschlie&szlig;en,
+davon etliche in Frankfurt, K&ouml;ln und Hannover
+an seiner Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der
+zweiten Novemberh&auml;lfte wieder vorstellen zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem
+Pflegeramt befreiten Alten erwarten. Am n&auml;chsten Tag
+war sie da. Vorerst entlud sie bei Klara in sich &uuml;berst&uuml;rzendem
+Durcheinander ihre Bewunderung des Kindes und
+den Bericht &uuml;ber Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.
+Dann lie&szlig; sie sich etwas &auml;ngstlich oben beim Geheimrat
+anmelden, denn in diesem Augenblick kam ihr die
+Reue, da&szlig; sie sich so viele Wochen gar nicht nach ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[341]</a></span>umgesehen. Aber er war ja so gro&szlig;m&uuml;tig, er w&uuml;rde verzeihen.</p>
+
+<p>Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen
+an ihn heran.</p>
+
+<p>&raquo;Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und
+h&ouml;ren Sie zu. Ich mu&szlig; Sie was fragen,&laquo; sprach er. &raquo;Aber
+&ndash; offen, Lampr&auml;chtige! Ich kann ausweichende Vielrederei
+nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie antworten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen,
+Ihnen ausweichend zu antworten?&laquo;</p>
+
+<p>Und da geschw&auml;tzige Frauen stets ein wenig von
+schlechtem Gewissen geplagt sind, ward ihr sogleich b&auml;nglich.</p>
+
+<p>Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer
+etwas in Furcht vor seinen Augen.</p>
+
+<p>&raquo;All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode
+von Klaras Vater sind Ihnen erinnerlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollten sie nicht!&laquo; sprach sie zitternd, und das b&ouml;se
+Gewissen nahm sofort ein Riesengewicht an.</p>
+
+<p>&raquo;Die Umst&auml;nde brachten es mit sich, da&szlig; Sie alles erfuhren.
+Freiwillig h&auml;tte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen
+gezogen. Denn &ndash; nicht wahr? &ndash; das Schweigen
+ist nicht so recht Ihre Sache. Aber da&szlig; ich sonst genau wei&szlig;,
+was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem
+ich Ihnen Klara zur Pflegetochter gab.&laquo;</p>
+
+<p>Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bi&szlig;chen in
+ihr Taschentuch hinein &ndash; halb vorweg aus R&uuml;hrung &ndash;
+unbestimmt und ahnungsvoll. Und dann: eben das Gewissen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben Ihr Gel&ouml;bnis, zu schweigen, in diesem einen
+ernsten, furchtbaren Fall gehalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unverbr&uuml;chlich!&laquo; sagte sie und hob ihr Oberk&ouml;rperchen
+in verdienstvoller Haltung, &raquo;es gibt keinen Menschen, der
+in dieser Sache mir vorwerfen kann, ich h&auml;tte geschwatzt.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[342]</a></span>Er besann sich. Fragte dann weiter: &raquo;K&ouml;nnen Sie
+mir etwas dar&uuml;ber sagen, weshalb Klara sofort einwilligte,
+Wynfrieds Frau zu werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch
+aus Dankbarkeit getan. &ndash; Wo Sie doch hofften &ndash; da&szlig;
+Klara Ihren Sohn &ndash; da&szlig; Ihr Sohn durch Klara ... Nach
+all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern getan&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.</p>
+
+<p>&raquo;Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbr&uuml;chliches
+Schweigen!&laquo; rief er heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meinte &ndash; gegen alle anderen Menschen &ndash; aber
+als Klara so leidenschaftlich auf mich eindrang &ndash; es war
+ja wohl zwei Wochen vor der Verlobung &ndash; Klara hatte
+aus Ihren eigenen Erz&auml;hlungen &uuml;ber Ihr Werk und Ihr
+Leben Verdacht gesch&ouml;pft &ndash; was sollte ich da machen?&laquo;
+sagte sie beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung
+ein Verdienst zuzuerkennen, setzte sie hinzu: &raquo;Ich
+denke, Herr Geheimrat, Sie w&auml;ren der letzte, mir einen
+Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir gesagt:
+Lampr&auml;chtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich
+erst ein Mensch. &ndash; Und nun gar Severin der Kleine &ndash;
+Ihr Enkel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich &ndash; ich!&laquo; sprach er vor sich hin. &ndash; &raquo;Aber sie! Ihre
+Jugend &ndash; ihr Leben &ndash; ihr Gl&uuml;ck. &ndash; Zu viel der Opfer&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wu&szlig;te
+er, warum Klara seinen Sohn geheiratet hatte. Es
+&auml;nderte nichts, gar nichts an der Lage &ndash; es belud nur sein
+Herz noch schwerer.</p>
+
+<p>Weinerlich sagte die Alte: &raquo;Das hab&#8217; ich ja auch nicht
+gedacht, da&szlig; Klara selbst vielleicht zu kurz dabei k&auml;me! Ich
+dachte: so reich zu werden! Das war doch sch&ouml;n. Und
+solchen Vater zu bekommen! Das war doch f&uuml;r die Verwaiste
+herrlich. Und ich dachte: in Klara <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> man sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[343]</a></span>doch verlieben &ndash; ihr Mann kann gar nicht anders &ndash; mu&szlig;
+sie anbeten &ndash; ja, da&szlig; er doch nach anderen Frauen guckt &ndash;
+aber das ist wohl bei den M&auml;nnern heutzutage Sitte&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?!&laquo; rief der Geheimrat. Und seine Augen spr&uuml;hten.
+Man konnte wieder einmal nur vor ihm zittern.
+Sie duckte sich f&ouml;rmlich&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,&laquo; brachte sie
+heraus, &raquo;nur &ndash; die Leute &ndash; es hei&szlig;t &ndash; er sei sehr viel &ndash;
+sehr &ndash; mit der Baronin Hegemeister zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige
+Auflachen galt&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber die n&auml;chste Zeit schien nun gerade beweisen zu
+wollen, da&szlig; alle Sorgen und alles Geschw&auml;tz m&uuml;&szlig;ig seien.</p>
+
+<p>Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien
+erkl&auml;rlich. Das Absegeln der verschiedenen Jachtklubs
+hatte schon gegen Ende September stattgefunden. Wynfried
+hatte seine &raquo;Klara&laquo; erst drei Wochen sp&auml;ter auf einer
+Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.</p>
+
+<p>Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg
+in Seglerkreisen, unter Mitgliedern des Norddeutschen
+Regattavereins gebildet, wolle er doch F&uuml;hlung behalten,
+sagte er. &ndash; Wie klar alles&nbsp;...</p>
+
+<p>T&auml;uschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine
+uneingestandenen Hoffnungen, da&szlig; dennoch alles gut
+enden m&ouml;ge, etwas vor? Schien Wynfried nicht aus seiner
+freundlichen Liebensw&uuml;rdigkeit heraus in neue, andere
+Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal
+in besonderer Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau,
+wenn sie in ihrer anmutsvollen Ruhe, schlank und vornehm
+dahinschritt?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine T&auml;uschung.
+Er war der Zeuge ... wie sollte die Gegenwart
+eines Vaters, der seine Schwiegertochter anbetet, den
+<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[344]</a></span>jungen Gatten st&ouml;ren &ndash; er sah es: Wynfried befestigte
+selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner Frau geschenkt,
+am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke
+suchten z&auml;rtlich, werbend ihre Augen. Klara ergl&uuml;hte&nbsp;...</p>
+
+<p>Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und
+Vornehmste, was in ihm war. Anstatt sich zu freuen,
+klopfte sein Herz ihm hastig &ndash; sein keusches Mannesempfinden
+war verletzt.</p>
+
+<p>Auch Klara erbebte.</p>
+
+<p>Seit ihre Seele wu&szlig;te, was lieben, leiden und entsagen
+ist, war sie erwacht.</p>
+
+<p>Sie wollte ihre Pflicht tun &ndash; auch als Gattin. Aber
+es war eine hei&szlig;e Sehnsucht in ihr, ihr m&ouml;ge Zeit verg&ouml;nnt
+sein. &ndash; Sie mu&szlig;te erst weiter sein, weniger wund
+vielleicht. &ndash; Ihr Wille, &uuml;ber das Grab in ihrem Herzen
+hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mu&szlig;te
+erst die Anf&auml;nge von Sieg sehen. &ndash; Sie sp&uuml;rte: er begann,
+sich leidenschaftlich in sie zu verlieben. &ndash; Und in zitternder
+Angst bebte sie zur&uuml;ck &ndash; ohne zu ahnen, da&szlig; seine keimende
+Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.</p>
+
+<p>So, in schw&uuml;len Unklarheiten, liefen die Wochen in
+einen d&uuml;stern Herbst hinein.</p>
+
+<p>Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich
+dickem wei&szlig;em Filz vor den Fenstern standen und jeden
+Ausblick wehrten. Sie hatten das Hochofenwerk und
+drunten den Flu&szlig; und dr&uuml;ben die rote kleine Stadt verschluckt.</p>
+
+<p>Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe
+stieg aus. Ein Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach au&szlig;en
+gekehrt war, machte ihre &uuml;ppige Gestalt allzu umfangreich.
+Die Nerzm&uuml;tze auf ihrem blonden Haar trug als Schmuck
+&uuml;ber der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war
+erhitzt. Zuf&auml;llig war es Leupold, der ihr die T&uuml;r &ouml;ffnete.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[345]</a></span>&raquo;Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und
+melden Sie mich doch bei der gn&auml;digen Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Lohmann ist verreist,&laquo; sagte der alte Diener kalt
+und sah an ihr vorbei.</p>
+
+<p>Agathe wurde noch hei&szlig;er rot.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche der gn&auml;digen Frau gemeldet zu werden,&laquo;
+wiederholte sie. Sie gab sich eine hochm&uuml;tige Haltung.
+Denn sie f&uuml;hlte auf der Stelle, da&szlig; Leupold sie mit Absicht
+falsch hatte verstehen wollen.</p>
+
+<p>Und dann stand sie peinliche Minuten. Lie&szlig; Klara sie
+warten? Fand der Diener die Frau des Hauses nicht
+gleich? Wurde sie vielleicht gar abgewiesen?</p>
+
+<p>Alle Schrecknisse ihrer Lage st&uuml;rzten &uuml;ber sie her. &ndash;
+Gewi&szlig; &ndash; Klara wu&szlig;te schon alles und wollte sie nicht
+sprechen. &ndash; Aber eine Unterredung mit Klara, ein Anruf
+ihrer Gro&szlig;mut &ndash; und alles war ja gut! Was sollte werden,
+wenn es zu dieser Unterredung nicht k&auml;me?</p>
+
+<p>Ach &ndash; gottlob! Da war Leupold wieder!</p>
+
+<p>Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete
+er: &raquo;Die gn&auml;dige Frau l&auml;&szlig;t bitten.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen.
+Nun wartete sie zwischen den M&ouml;beln, die von
+Klaras Mutter stammten, und das Bild der Toten sah auf
+sie herab. Fein und hell hob es sich von dem gr&uuml;nen Hintergrund
+ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte.
+Dies war, dies mu&szlig;te Absicht sein! Und als endlich sich
+die T&uuml;r &ouml;ffnete, erschrak sie so, da&szlig; ihre Knie unsicher
+wurden.</p>
+
+<p>Klara kam eilig herein &ndash; mit einem freundlichen Gesicht
+&ndash; unbefangen.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich einmal wieder &ndash; Agathe!&laquo; sagte sie beinahe
+fr&ouml;hlich. &raquo;Verzeih, da&szlig; ich dich warten lie&szlig;. Doktor Sylvester
+war da. Denke dir: der f&uuml;nfte Zahn ist bei unserem
+<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[346]</a></span>Jungen durch! Sein Gro&szlig;vater tut, als w&auml;re es ein
+Wunder, ein pers&ouml;nlichstes Verdienst von Severin dem
+Kleinen.&laquo; Sie l&auml;chelte gl&uuml;cklich. &raquo;Aber nun sage &ndash; es
+war ja unglaublich mit uns &ndash; vier Monate einander immer
+zu verfehlen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hat auch M&uuml;he genug gekostet,&laquo; dachte Agathe.</p>
+
+<p>Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Besch&auml;mung
+und in dem unklaren Wunsch, durch jede Geste
+schon bittend, bezwingend zu wirken, fiel sie der jungen
+Frau um den Hals und k&uuml;&szlig;te rechts und links ihre Wangen
+und war ganz aufgel&ouml;st vor Erregung.</p>
+
+<p>&raquo;Liebste, einzige Klara!&laquo; stammelte sie.</p>
+
+<p>Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude.
+Aber sie bat g&uuml;tig: &raquo;Lege doch ab &ndash; bleib zu Tisch &ndash; Vater
+und ich sind allein. Wynfried ist seit einigen Tagen fort.
+Er war zu einer Konferenz auf den Kreyser-Werken und
+ist dann nicht zur&uuml;ckgekehrt, wie wir dachten. Er depeschierte,
+er bleibe noch etwas aus &ndash; sein Telegramm kam
+aus K&ouml;ln.&laquo;</p>
+
+<p>Niemand wu&szlig;te genauer als Agathe, da&szlig; Wynfried
+sich in K&ouml;ln befand. Sie war von dort gestern abend
+zur&uuml;ckgekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &ndash; nein &ndash; ich kann nicht hier bleiben,&laquo; sprach
+sie abwehrend. Und sie brachte allerlei heraus von Handwerkern
+auf Lammen, von der Modistin, die aus Berlin
+mit Anproben k&auml;me.</p>
+
+<p>Dann sa&szlig;en sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in
+der N&auml;he des Fensters. Der bleiche Nebel drau&szlig;en hing
+vor den Scheiben. Und Agathe war pl&ouml;tzlich stumm. Ihr
+Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten hilflos die
+Gedanken, um die sch&ouml;ne, innige Rede wieder zusammenzubringen,
+die sie sich in zwei schlaflosen N&auml;chten ausgesonnen.
+Eine Rede, durch die sie sich selbst immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[347]</a></span>wieder zu Tr&auml;nen ger&uuml;hrt hatte, die auch Klara das Herz
+erweichen mu&szlig;te! Mit deren Erfolg sie Wynfried &uuml;berraschen
+wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach K&ouml;ln zur&uuml;ckzufahren.
+Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen
+&ndash; ihm sagen: alles ist geordnet.</p>
+
+<p>Nun aber war die Rede fort. V&ouml;llig verweht im Sturm
+der Angst ... Was sollte werden, wenn sie die rechten
+Worte nicht f&auml;nde?</p>
+
+<p>Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gef&uuml;hl
+nicht los werden, da&szlig; aus dieser ungl&uuml;ckseligen Begegnung
+mit Likowski sich irgend eine Katastrophe entwickle. Ein
+gr&ouml;&szlig;eres Pech konnte es auch gar nicht geben! Sie sa&szlig;
+mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der verborgensten
+Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und
+sie hatten niemals eine Uniform dort gesehen, au&szlig;er der
+der Bonner Husaren. Und nun kam eine kleine Gesellschaft,
+zwei h&ouml;here Artillerieoffiziere mit ihren Damen &ndash; und
+mit ihnen Likowski, in Zivil.</p>
+
+<p>Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber
+Wynfried schalt sie aus &ndash; ach, er war nicht mehr der
+strahlende, anbetende Freund der ersten Zeit. Er sagte:
+&raquo;Likowski ist Kavalier, als solcher wei&szlig; er, da&szlig; er uns nicht
+zu sehen und zu erkennen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Likowski kam dennoch heran &ndash; auf eine so fremde,
+ferne Art &ndash; einen Schritt vom Tisch blieb er und gr&uuml;&szlig;te
+kalt. Und sprach in einem Ton, der nicht aus Agathens
+Ohren wollte: &raquo;Bitte, Herr Lohmann &ndash; auf ein Wort.&laquo;</p>
+
+<p>Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. &ndash;
+Sie blieben au&szlig;er H&ouml;rweite stehen. &ndash; Steif und h&ouml;flich
+sah es aus, wie sie ein paar kurze Worte zusammen
+sprachen. &ndash; Dann verneigten sie sich sehr f&ouml;rmlich voreinander.</p>
+
+<p>Wynfried kehrte zu ihr zur&uuml;ck &ndash; leichenbla&szlig; und stumm,
+<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[348]</a></span>und wehrte allen Fragen ab. Und bat &ndash; nein &ndash; befahl,
+da&szlig; sie am n&auml;chsten Morgen abreise.</p>
+
+<p>Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke:
+Klaras Gro&szlig;mut wird alles in das rechte Geleise
+bringen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte Klara. &raquo;Wie ist es dir denn in diesen
+letzten Monaten ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald
+auf Reisen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht ist es mir ergangen,&laquo; sagte Agathe gedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>&raquo;Dir? Schlecht?&laquo;</p>
+
+<p>Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen
+war f&uuml;r Agathe eine Kr&auml;nkung. Ihr Dasein
+kam ihr in diesem Augenblick sehr m&uuml;hselig und beladen
+vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch
+glaubte ihr, wenn sie litt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin sehr ungl&uuml;cklich,&laquo; sprach sie mit weinerlicher
+Stimme. &raquo;Wenn man entsagen und immer wieder entsagen
+soll&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, t&ouml;richte Frau
+wieder mit ihrem Liebesjammer?</p>
+
+<p>Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen h&ouml;ren,
+um einen, den sie selbst in heiliger Entsagung liebte. Das
+h&auml;tte ihre wunde Seele zu peinlich gequ&auml;lt.</p>
+
+<p>Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch
+ehe sie es fand, warf sich die andere pl&ouml;tzlich gegen sie &ndash;
+umklammerte ihren Hals und fing schluchzend an, zu
+weinen.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott &ndash; Agathe &ndash; fasse dich doch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; stammelte Agathe, &raquo;nein &ndash; ich habe alle Fassung
+verloren &ndash; ich kann nicht mehr &ndash; ich kam &ndash; weil
+du &ndash; du allein bist es, die mir mein Gl&uuml;ck geben kann. &ndash;
+Leben &ndash; Ehre &ndash; Gl&uuml;ck &ndash; alles&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Was hie&szlig; das? Gab es denn, au&szlig;er dem Vater, der
+<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[349]</a></span>ahnungsvoll ihr geheimstes Leid zu erraten schien und es
+and&auml;chtig beschwieg, gab es einen Menschen, der von ihrer
+Herzensqual wu&szlig;te?</p>
+
+<p>Und wie sonderbar dr&uuml;ckend war ihr die K&ouml;rperlast der
+Weinenden. Sie schob sie von sich und sprach mit blassen
+Lippen: &raquo;Ich habe kein Gl&uuml;ck zu vergeben, und ich kann
+dir nicht helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch: Gib ihn frei &ndash; la&szlig; ihn mir &ndash; ich liebe ihn &uuml;ber
+alles in der Welt &ndash; ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten
+soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem sprichst du?&laquo; fragte Klara. Und zitterte vor
+dem kommenden Wort.</p>
+
+<p>&raquo;Von Wynfried &ndash; von Wynfried!&laquo;</p>
+
+<p>Das kam jammernd heraus &ndash; als umschl&ouml;sse der Name
+allein alles Ungl&uuml;ck ihrer Gegenwart.</p>
+
+<p>&raquo;Von &ndash; von&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich tr&auml;ume,&laquo; dachte Klara, &raquo;das ist ja Unsinn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du es denn nicht gesp&uuml;rt? Du <em class="gesperrt">mu&szlig;t</em> doch gemerkt
+haben, wie gl&uuml;cklich und froh er war. &ndash; Aber das
+ist es &ndash; so was kannst du nicht merken &ndash; du bist ja nur seine
+gute Freundin &ndash; du bist kalt &ndash; ach &ndash; du wei&szlig;t nicht, wie
+es ist, wahnsinnig zu lieben. &ndash; Deshalb kann es dich auch
+nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>Verstummt, gel&auml;hmt sa&szlig; die junge Frau. Die vergangenen
+Monate zogen in rasendem Fluge an ihr vorbei.
+Sie sah ihren Gatten &ndash; immer liebensw&uuml;rdig, h&ouml;flich &ndash;
+r&uuml;cksichtsvoll &ndash; ohne Anspr&uuml;che an ihre Hingabe. &ndash; Wie
+war es friedlich &ndash; wie erl&ouml;send gewesen. &ndash; Aber nun. &ndash;
+Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich
+&ndash; wie ein Verliebter?</p>
+
+<p>O Schmach!</p>
+
+<p>Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen
+immer weiter &ndash; wurde ruhiger &ndash; nahm endlich den Ton
+<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[350]</a></span>des Rechtes an. Mit der Miene eines kleinen M&auml;dchens,
+das seine ersten Liebessorgen hat &ndash; naiv &ndash; manchmal fast
+treuherzig. Und sie schlo&szlig;: &raquo;Siehst du, geliebte Klara,
+ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht
+aus Liebe, sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet.
+Und Wynfried sagt, er sei eben damals so herunter und so
+willenlos gewesen, da&szlig; er sich habe verheiraten lassen.
+Deshalb brauche ich dir gegen&uuml;ber auch kein schlechtes Gewissen
+zu haben. Ich hab&#8217; dich auch viel zu lieb, als da&szlig;
+ich dir etwas h&auml;tte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein
+zu anst&auml;ndiger Mensch. La&szlig; ihn frei, damit ich sein Weib
+werden kann. Ich sterbe sonst&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und sie dr&uuml;ckte ihr Taschentuch gegen die Augen.</p>
+
+<p>Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht &ndash; gedacht &ndash; und
+doch, in fiebernder Doppelt&auml;tigkeit, alles geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen
+sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Agathe h&ouml;rte wohl den Hohn. Aber sie f&uuml;hlte jetzt zu
+leidenschaftlich, und alles war doch anders.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt wei&szlig; ich erst, was wahre Liebe ist!&laquo; schluchzte sie.</p>
+
+<p>Wie diese Tr&auml;nen Klara schrecklich waren &ndash; sie wuschen
+alle W&uuml;rde von den Worten.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst entsagen m&uuml;ssen,&laquo; sprach sie hart.</p>
+
+<p>&raquo;Dazu ist es zu sp&auml;t,&laquo; sagte Agathe.</p>
+
+<p>Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! &ndash; Ihre
+Tr&auml;nen versiegten &ndash; eine Art von Trotz kam ihr &ndash; sie
+wartete und sah die Frau an &ndash; die bla&szlig;, in aufrechter
+Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasa&szlig;. &ndash; Wie von
+Unergr&uuml;ndlichkeit umwittert. &ndash; Was w&uuml;rde ihr n&auml;chstes
+Wort sein?</p>
+
+<p>Welche Drohung lag darin, da&szlig; es so lange ausblieb?</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe auch mein Recht!&laquo; dachte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[351]</a></span>Und endlich fragte Klara &ndash; kurz und klar: &raquo;Schickt
+dich Wynfried?&laquo;</p>
+
+<p>Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenm&auml;chtig hier!
+Ein dumpfes Gef&uuml;hl sagte ihr, da&szlig; Wynfried diesen Schritt
+mi&szlig;billigt haben w&uuml;rde, weil &ndash; weil &ndash; er vielleicht gar
+nicht frei sein wollte.</p>
+
+<p>Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung
+mit dem Hauptmann gab es nur noch eins: sich
+&ouml;ffentlich zueinander bekennen. Als Held und Heldin
+einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
+gewinnen &ndash; sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau
+des Geliebten.</p>
+
+<p>Aber etwas kleinlaut sagte sie: &raquo;Nein. Ich kam, weil &ndash;
+weil &ndash; es so nicht weitergehen kann &ndash; ich habe solche
+Angst.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog:
+vielleicht f&uuml;hlt diese, da&szlig; er anf&auml;ngt, sich von ihr zu wenden
+&ndash; mir zu. Und sie will sich deshalb zwischen ihn und
+mich werfen ... Und vor ihrem Ged&auml;chtnis brannten seine
+begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
+siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch
+ihren K&ouml;rper.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t nicht, was Liebe ist,&laquo; fuhr Agathe fort.
+&raquo;Du bist eine Verstandesnatur. Gegen die gro&szlig;e, wahre
+Liebe ist man eben machtlos. Man erliegt. Sie ist gewaltiger
+als Gesetz und Pflicht.&laquo;</p>
+
+<p>Klara schlo&szlig; die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht,
+da gerade die Gr&ouml;&szlig;e ihrer Liebe zweien Herzen die
+Kraft gegeben, sich zu bezwingen.</p>
+
+<p>&raquo;Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann
+zu verzichten &ndash; wo ihr euch nicht aus Liebe geheiratet
+habt.&laquo;</p>
+
+<p>Nun hatte die junge Frau sich ganz gefa&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[352]</a></span>&raquo;Gerade deswegen ist unsere Ehe unl&ouml;slich,&laquo; sprach sie.</p>
+
+<p>&raquo;Klara&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie war kein Handel, der r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden
+kann, denn ich habe mich nicht verkauft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klara&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht.
+Wir wu&szlig;ten, was wir taten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klara!&laquo; Nun schrie es die andere Frau &ndash; flehend,
+jammernd.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben uns die H&auml;nde gereicht zur Erf&uuml;llung sittlicher
+Pflichten. Diese bestehen fort. Sie haben sich noch
+vermehrt. Wir haben einen Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stand auf. Und der anderen war, als m&uuml;sse sie sich
+zu ihren F&uuml;&szlig;en hinwinden &ndash; irgend etwas schrecklich
+Dem&uuml;tiges tun. Aber sie k&auml;mpfte doch um ihr Recht!
+Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben gesp&uuml;rt,
+da&szlig; der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt!
+Nein, ihr Leben war wirklich vernichtet &ndash; ihre Zukunft
+verdorben, wenn er sie verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.</p>
+
+<p>In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe
+geh&auml;ssiges Licht.</p>
+
+<p>&raquo;Oh,&laquo; sagte sie, &raquo;wie unweiblich! Du willst einen
+Mann halten, der nicht dir, sondern mir geh&ouml;rt! Ich m&ouml;chte
+wohl wissen, wie du dir deine weitere Ehe denkst.&laquo;</p>
+
+<p>Ein herbes L&auml;cheln ging um Klaras Mund. Und in
+stolzer Abwehr sprach sie: &raquo;&Uuml;ber die Zukunft meiner Ehe
+habe ich mit dir nichts zu sprechen. &ndash; Und mir scheint &ndash;
+auch sonst nichts mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du weisest mich fort?&laquo; fragte Agathe und k&auml;mpfte wieder
+mit j&auml;h aufsteigenden Tr&auml;nen, &raquo;du willst mich beschimpfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein. Aber du mu&szlig;t begreifen: nur mit meinem
+<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[353]</a></span>Mann habe ich &uuml;ber diese Sache zu reden. Und erst wenn
+ich von ihm selbst geh&ouml;rt habe, da&szlig; er frei zu sein w&uuml;nscht,
+werde ich mich fragen m&uuml;ssen, was ich zu tun habe. Ich,
+von mir aus, mu&szlig; unsere Ehe f&uuml;r unl&ouml;slich erkl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte
+wieder mit kindischen Lauten.</p>
+
+<p>Sie &auml;ngstigte sich ja gerade davor, da&szlig; es dem Manne
+gar nicht um Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah
+eine gro&szlig;e Vergebungs- und Vers&ouml;hnungsszene zwischen
+den Gatten voraus.</p>
+
+<p>Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte
+ihn sich so einfach gedacht. Klara war doch so edel, so
+selbstlos, so gro&szlig;m&uuml;tig.</p>
+
+<p>Agathe hatte in der Unversch&auml;mtheit kleiner Seelen
+all die Gro&szlig;mut der h&ouml;heren Natur zu ihren eigenen
+Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von jenen, die
+einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kr&auml;nken, berauben
+k&ouml;nnen, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so
+gro&szlig;herzig, du wirst verzeihen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Weine nicht,&laquo; sagte die junge Frau, &raquo;geh und la&szlig; mich
+allein.&laquo;</p>
+
+<p>Noch einmal st&uuml;rmte Agathe mit ihrem K&ouml;rpergewicht
+in heftiger Umarmung, mit Schluchzen und Betteln gegen
+sie an.</p>
+
+<p>&raquo;Er darf, er kann mich nicht verlassen,&laquo; schrie sie fast,
+&raquo;es ist zu sp&auml;t ... Die Folgen ... Ich f&uuml;hle&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geh. La&szlig; mich allein.&laquo;</p>
+
+<p>Das war kaum h&ouml;rbar &ndash; aber es drang doch durch all
+den L&auml;rm der Bitten, Klagen und des Geschluchzes der
+anderen.</p>
+
+<p>Und sie ging.</p>
+
+<p>Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie
+hin: &raquo;Gott &ndash; man sieht, wie verweint ich bin&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[354]</a></span>Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und
+Wangen herum&nbsp;...</p>
+
+<p>Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.</p>
+
+<p>Und sie hatte ein elendes Gef&uuml;hl vor diesem Manne,
+der doch blo&szlig; ein Diener war.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r des Autos wurde ge&ouml;ffnet. Drinnen tief in
+eine Ecke gedr&uuml;ckt fror die Gerwald unter der Pelzdecke.</p>
+
+<p>Agathe sank schwer auf ihren Sitz &ndash; die T&uuml;r schlo&szlig;
+sich.</p>
+
+<p>&raquo;Geliebte Gerwald &ndash; Sie m&uuml;ssen mit dem Nachtzug
+mit mir nach K&ouml;ln fahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, bitte, liebe Baronin &ndash; nicht weinen &ndash; es wird
+ja alles gut werden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[355]</a></span></p>
+<h2><a name="Kapitel_11" id="Kapitel_11"></a>11</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>ie junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die
+gro&szlig;e Aufregung wirkte zun&auml;chst auf sie wie ein berauschender
+Trank, der durch ihre Adern schwoll und ihre Nerven
+anspannte. Sie ging rastlos hin und her und her und hin &ndash;
+mit fieberisch erhitztem Gesicht.</p>
+
+<p>Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr
+geworden war, in Ruhe bedenken.</p>
+
+<p>Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen
+war aufgest&ouml;rt.</p>
+
+<p>Sie hatte gar keinen Ha&szlig; oder nur Zorn auf die andere
+Frau &ndash; dachte kaum an sie.</p>
+
+<p>Sie dachte an ihre Ehe &ndash; an den Vater &ndash; an das Kind.</p>
+
+<p>W&uuml;rde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte:
+nein, das w&uuml;rde er nicht tun. Aber nicht etwa, weil er
+an der Sittlichkeit ihrer Ehe festhielt &ndash; o, die hatte er
+mit F&uuml;&szlig;en getreten &ndash; sondern &ndash; sondern &ndash; weil er begann,
+sich in seine Frau zu verlieben&nbsp;...</p>
+
+<p>Es war ihr, als m&uuml;sse sie wahnsinnig werden bei diesem
+furchtbaren Gedanken.</p>
+
+<p>Vor einem Jahr hatte sie gl&auml;ubig auf das Wunder der
+Liebe gewartet.</p>
+
+<p>Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erbl&uuml;ht.</p>
+
+<p>Aber <em class="gesperrt">diese</em> Art Liebe, die sie jetzt ahnte &ndash; die war
+ihr wie eine Beleidigung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[356]</a></span>Sie konnte lange gar nichts denken &ndash; ging hin und her,
+mit beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.</p>
+
+<p>Dann kam die Erkenntnis: &raquo;Unsere Ehe &ndash; gerade
+unsere &ndash; mu&szlig;te durch Treue geadelt werden.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun, wo sie entadelt war &ndash; mu&szlig;te sie aufrecht
+erhalten werden? Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer
+Pflicht gegen den Gatten, gegen den Vater, gegen ihr
+Kind?</p>
+
+<p>Nein. Sie mu&szlig;te verzeihen.</p>
+
+<p>Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?</p>
+
+<p>Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu
+dem feinen, leidvollen Gesicht empor. &ndash; Das schwieg. &ndash;
+Wie Tote schweigen, die nur sprechen, wenn wir selbst
+ihnen Worte leihen. &ndash; Und die entsetzte Seele der jungen
+Frau hatte keine &ndash; erbebte in stummer Not&nbsp;...</p>
+
+<p>Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem
+staunenden Gedanken: &raquo;Aber ich habe ihn doch damals
+heiraten und mich ihm zu eigen geben k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie
+getragen! Damals stand der Mann als ein von geheimnisvollen
+Leiden Zerschlagener vor ihr, und alle unbewu&szlig;te
+M&uuml;tterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu helfen.
+Damals wu&szlig;te ihre Seele nicht, was Liebe ist &ndash; die d&auml;mmerte
+noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im
+Untergrunde ihres Gef&uuml;hlslebens.</p>
+
+<p>Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte l&auml;ngst,
+da&szlig; jene geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient
+hatten.</p>
+
+<p>Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden
+Liebe erwacht.</p>
+
+<p>Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.</p>
+
+<p>Und neue, noch viel st&auml;rkere Empfindungen waren
+emporgewachsen &ndash; t&ouml;chterliche &ndash; m&uuml;tterliche.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[357]</a></span>Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken
+den Nebel zu durchbohren. Die wei&szlig;e Mauer der filzigen
+Luft verbarg das Werk. Wenn sie es doch h&auml;tte sehen
+k&ouml;nnen! Der Anblick der rauchenden Schlote und der
+mystischen Glutscheine w&uuml;rde ihr wohlgetan haben. Sie
+sprachen so stark vom Lebenswerk des alten Mannes,
+des gro&szlig;en Arbeiters, der ihr Vater geworden war.</p>
+
+<p>Ihre Ehe l&ouml;sen hie&szlig;: ihn verlassen!</p>
+
+<p>Wie w&uuml;rde er leiden!</p>
+
+<p>Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen
+ging, so war es ihr Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch,
+kein Gesetz konnte sie daran hindern.</p>
+
+<p>Das w&uuml;rde den alten Mann t&ouml;ten!</p>
+
+<p>Seit er den Enkel besa&szlig;, wu&szlig;te er, f&uuml;r wen er gearbeitet,
+f&uuml;r wen der Pulsschlag des gewaltigen Werkes
+da dr&uuml;ben so stark und lebendig schlug.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sein Enkel bedeutete ihm die Erf&uuml;llung aller Lebenshoffnungen
+... Sp&auml;t, nach vielen und herben Entt&auml;uschungen
+war sie ihm geworden. &ndash; Diese winzigen
+Kinderh&auml;nde hatten die Wunderkraft, alles Schwere,
+alle Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen.
+Endlich &ndash; an der Schwelle des Grabes fast &ndash; gab das
+kleine Kind ihm noch Freude &ndash; Freude, mit der ganzen
+Macht seiner ungew&ouml;hnlichen Natur empfunden.</p>
+
+<p>Und dieses Gl&uuml;ck sollte sie ihm fortnehmen?</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; dachte Klara, &raquo;das kann ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Stimme schien sie zu fragen: &raquo;Aber kannst du
+dich denn noch einmal dem Manne zu eigen geben, der
+dich jetzt mit so werbenden Blicken verfolgt?&laquo;</p>
+
+<p>Wie gro&szlig; die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht
+hatte &ndash; das &auml;u&szlig;erste war ihr erspart geblieben:
+ihre weibliche W&uuml;rde blieb unverletzt.</p>
+
+<p>Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[358]</a></span>Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander
+bek&auml;mpfenden Pflichten und Gef&uuml;hlen?</p>
+
+<p>Undurchdringlich wie der wei&szlig;e Nebel stand die Zukunft
+vor ihr.</p>
+
+<p>Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr
+gequ&auml;lt wurde von dem kindischen Jammer der blonden
+Frau. In diesem wunderlichen Wechsel zwischen entsetzt
+hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
+alles Ma&szlig; f&uuml;r die Zeit abhanden gekommen.</p>
+
+<p>Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit
+meldete.</p>
+
+<p>Es hie&szlig; wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten
+Vater sitzen, damit ihm die Stunde der Mahlzeit
+eine freundliche sei&nbsp;...</p>
+
+<p>Mechanisch ging sie ins E&szlig;zimmer &ndash; verga&szlig;, sich umzukleiden
+&ndash; verga&szlig; den Blick in den Spiegel. &ndash; Ging
+im Zwange der Gewohnheit.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es schien, als habe der Tag sein j&auml;hes Ende gefunden.
+Im E&szlig;zimmer waren die Vorh&auml;nge geschlossen, und das
+fahle Nebellicht kam nicht herein. Festlich gl&auml;nzten die
+elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von stumpfgeschliffenem
+Kristall.</p>
+
+<p>Zu H&auml;upten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen
+Raum stand, sa&szlig; schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.</p>
+
+<p>Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende
+Haupt schien wie von einer hellen Stimmung umstrahlt.
+Eben hatte er seinen Enkel besucht und sich geschmeichelt
+gef&uuml;hlt, da&szlig; dieser kleine Herr des Hauses vor Vergn&uuml;gen
+mit den Patschh&auml;ndchen schlug, wie ein unfl&uuml;gges V&ouml;gelchen
+mit den noch k&uuml;mmerlichen Fl&uuml;geln, als der Gro&szlig;vater
+hereingefahren wurde.</p>
+
+<p>Aber ganz pl&ouml;tzlich &auml;nderte sich der Ausdruck seines
+Blickes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[359]</a></span>Klara im Morgenanzug? Mit dunkelgl&uuml;hendem Gesicht?
+Wie eine Fiebernde?</p>
+
+<p>&raquo;Bist du krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &ndash; Nein.&laquo;</p>
+
+<p>Sie setzte sich. Man a&szlig;. Sie versuchte auch, zu essen,
+zu sprechen. &ndash; Ja, schon f&uuml;nf Z&auml;hnchen. &ndash; Ja, Judereit
+war nun genesen. &ndash; Ja, er war in den langen Leidensmonaten
+ein einsichtsvoller Mensch geworden mit vern&uuml;nftigen
+Pl&auml;nen. &ndash; Ja, Th&uuml;raufs Finchen wollte nach
+M&uuml;nchen und sich der Malerei widmen. Ja &ndash; zu allem &ndash;
+und alles war so gleichg&uuml;ltig. Und sie f&uuml;hlte immer, wie
+die gro&szlig;en, blitzenden Augen sie mit wachsamer Sorge
+zu durchbohren schienen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Nachrichten von Wynfried?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, seit dem Telegramm keine,&laquo; antwortete sie.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie
+er gern zu seinen Bekannten nach K&ouml;ln f&auml;hrt. Ich denke
+manchmal, die Kreyser-Werke und ihr Betrieb interessieren
+ihn mehr als &#8250;Severin Lohmann&#8249;, und wenn er freie Wahl
+h&auml;tte, siedelte er dahin &uuml;ber. Der muntere Zug im Leben
+des Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob,
+da&szlig; du da bist, Kind, und da&szlig; wir Severin den Kleinen
+haben. Sonst h&auml;tte ich Angst, nach meinem Tode wendete
+mein Sohn dieser St&auml;tte den R&uuml;cken. Aber du wurzelst
+in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.&laquo;</p>
+
+<p>Das war mehr, als Klara in dieser Stunde h&ouml;ren
+konnte.</p>
+
+<p>Und sie wu&szlig;te nicht, da&szlig; die Glut auf ihren Wangen
+langsam hinlosch und da&szlig; ihr Gesicht elend, leichenbla&szlig;,
+zusammengefallen erschien &ndash; und ihre Stimme leise, wie
+verhallt, als hole sie jedes laute Wort m&uuml;hsam aus der
+Brust herauf.</p>
+
+<p>Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In
+<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[360]</a></span>ihren Ohren sangen hohe Geigent&ouml;ne in langen Bogenstrichen.
+Sie horchte mit versteinertem Gesicht. Sie
+dachte: ich bin schwindelig &ndash; hatte eine letzte Willensregung:
+nicht fallen &ndash; nicht fallen. &ndash; Dann war alles
+abgeschnitten &ndash; als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr
+Bewu&szlig;tsein niedergesaust.</p>
+
+<p>Nichts, gar nichts wu&szlig;te sie davon, da&szlig; ihr Kopf vorn&uuml;ber
+auf die Tischplatte geschlagen w&auml;re, h&auml;tte nicht Leupold
+sie aufgefangen, der die letzten Sekunden, atemlos vor
+Schreck, sie schon beobachtet hatte. Sie h&ouml;rte nicht, da&szlig;
+nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward &ndash; sah nicht,
+da&szlig; der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
+vergehend, in seinem Stuhl die geballten F&auml;uste auf die
+Lehnen stemmte.</p>
+
+<p>Als das feine Singen und Klingen, dies d&uuml;nne Vorspiel
+des Erwachens, wieder in ihrem Ohr begann, d&auml;mmerte
+eine Art Verwunderung in ihr. &ndash; Sie horchte dem
+wieder nach. &ndash; Wie lange das andauerte. &ndash; Sie wu&szlig;te
+nicht, da&szlig; viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen,
+seit sie es zuerst geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf
+ihrem Bett?</p>
+
+<p>Wie kam sie dahin? Sie sa&szlig; doch bei Tisch?</p>
+
+<p>Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich h&ouml;rte sie
+eine Stimme sagen: &raquo;Gottlob!&laquo;</p>
+
+<p>Und ein weibliches Haupt neigte sich &uuml;ber sie &ndash; es
+schien das der Wirtschafterin &ndash; und man versicherte
+tr&ouml;stend, da&szlig; Doktor Sylvester gewi&szlig; gleich da sein werde.</p>
+
+<p>Da kam ihr Bewu&szlig;tsein klar zur&uuml;ck, und zugleich brach
+sie in leidenschaftliches Weinen aus und dr&uuml;ckte ihr Gesicht
+tief in die Kissen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der alte Mann, der wuchtig und geb&auml;ndigt, vor
+Sorge und Schmerz au&szlig;er aller Fassung in seinem Stuhl
+<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[361]</a></span>wartete, jagte bald den Leupold, bald den flinken jungen
+Georg hin und her. An dem T&uuml;rspalt des Schlafzimmers
+mu&szlig;ten sie Nachricht erfragen.</p>
+
+<p>Und endlich kam Leupold und sagte: &raquo;Die gn&auml;dige
+Frau ist wieder zu sich gekommen, aber dann sogleich in
+ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor Sylvester ist
+schon unterwegs.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm her!&laquo; befahl der Geheimrat.</p>
+
+<p>Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk,
+er sch&uuml;ttelte ihn beinahe. Etwas von seinem alten
+brausenden Zorn war wieder &uuml;ber ihn gekommen.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;r du,&laquo; sagte er rauh, &raquo;ein Vierteljahrhundert bist
+du hier, und mein Leben ist f&uuml;r dich von Glas &ndash; sprich &ndash;
+was geht in meinem Hause vor &ndash; sprich &ndash; als Mensch &ndash;
+nicht als Diener &ndash; sprich&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Geheimrat,&laquo; sprach der Mann bla&szlig; und verstockt,
+&raquo;hier im Hause geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat
+doch selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mensch &ndash; keine Wortklauberei. &ndash; Sag, was du
+denkst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, da&szlig; die Ohnmacht und die Tr&auml;nen der
+gn&auml;digen Frau wohl damit zusammenh&auml;ngen, da&szlig; die
+Baronin Hegemeister heute hier war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Baronin&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war zuf&auml;llig auf der Diele. Und dann blieb ich
+da &ndash; um Wache zu halten &ndash; da&szlig; niemand horcht&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum? Die Baronin &ndash; das ist eine Freundin
+des Hauses &ndash; ist zahllose Male hier gewesen &ndash; was w&auml;r&#8217;
+da zu horchen?&laquo; fragte er lauernd. Denn in seinem
+Ged&auml;chtnis war immer wach, was die alte Lamprecht
+ihm vor vielen Wochen schon zugetragen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und &ndash;
+Herr Geheimrat haben befohlen, da&szlig; ich sprechen soll &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[362]</a></span>und die ganze Gegend klatscht davon, da&szlig; sie und unser
+junger Herr ... Und ein Matrose von der &#8250;Klara&#8249;, der
+hier auf Severinshof sich &#8217;ne Braut angeschafft hat,
+war neulich da zum Besuch und erz&auml;hlte, da&szlig; der junge
+Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt ist ... Und da
+dacht&#8217; ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel abzubitten.
+Und ich wollte nicht &ndash; dem Georg mu&szlig; man immer
+mal aufpassen, da&szlig; er nicht horcht. Und ich selbst mu&szlig;te
+mir M&uuml;he geben, wegzuh&ouml;ren. Die Baronin weinte und
+jammerte manchmal laut. &ndash; Was soll ich noch mehr
+sagen&nbsp;...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
+auch, wie wir die gn&auml;dige Frau alle verg&ouml;ttern &ndash; ich
+auch &ndash; ja ... Und dann der Kleine! &ndash; Nein, so was
+durfte nicht kommen. &ndash; Verzeihen mir Herr Geheimrat
+&ndash; aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Es s&auml;ttigte ihn wohl, sprechen zu d&uuml;rfen. Denn der
+Groll fra&szlig; ihm schon lange das Herz ab. Aber er &auml;ngstigte
+sich auch schwer. Sein Herr war in den letzten Monaten
+weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
+zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren
+t&auml;glich mit heimlichem Zittern gefa&szlig;t war.</p>
+
+<p>Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor
+Erstaunen.</p>
+
+<p>Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen.
+Er atmete tief auf &ndash; langsam hob er seinen Oberk&ouml;rper &ndash;
+richtete sein Haupt empor. In jener furchterweckenden
+Herrscherhaltung, der verk&ouml;rperte Wille selbst, sa&szlig; er da.</p>
+
+<p>Das Licht f&uuml;llte den Raum &ndash; die unterbrochene
+Mahlzeit stand kalt auf dem Tisch, der in Unordnung war.
+Das blitzende Auge sah &uuml;ber alles weg.</p>
+
+<p>Ein schweres Schweigen herrschte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Leupold wagte nicht, sich zu r&uuml;hren, um nicht die
+Gedanken seines Herrn zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[363]</a></span>Was mochten es f&uuml;r Gedanken sein? Zornesfalten
+standen auf der breiten Stirn. Und eine m&auml;chtige Bewegung
+arbeitete in den gro&szlig;en Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinf&auml;lliger Greis
+einen Sto&szlig; empfangen, der ihn umwerfen mu&szlig;te &ndash;
+das sah vielmehr so aus, als sei alle Kraft von neuem
+erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem gewaltigen
+K&ouml;rper in straffer Energie.</p>
+
+<p>Nun sah er, wie die H&auml;nde, ohne zu zittern, nach der
+Brusttasche griffen &ndash; da trug der Geheimrat ein B&uuml;chlein.
+Er nahm es &ndash; er schrieb ein paar Zeilen auf &ndash;
+ri&szlig; das Blatt ab&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Nimm,&laquo; sagte er. &ndash; Nein, wirklich, nicht einmal
+seine H&auml;nde zitterten.</p>
+
+<p>Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche
+Depesche. Nach K&ouml;ln. An den Sohn des Hauses. Und sie
+lautete: &raquo;Ich erwarte dich unter allen Umst&auml;nden morgen
+fr&uuml;h hier. Dein Vater.&laquo;</p>
+
+<p>Dann ging der Tag seinen Gang.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen
+Tr&auml;nen allm&auml;hlich in einen Zustand der Ersch&ouml;pfung hin&uuml;ber.
+Sylvester hatte ihr ein Pulver aufgedr&auml;ngt &ndash; sie nahm es
+aus Gef&auml;lligkeit gegen den besorgten Arzt. &ndash; Es mochte
+helfen, da&szlig; die Ersch&ouml;pfung in einen ruhigen Schlaf &uuml;berging.</p>
+
+<p>Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie h&ouml;rte sausende
+T&ouml;ne. &ndash; Kam das vom Werk her? Nein &ndash; Sturm!
+Der Nebel war weggepeitscht.</p>
+
+<p>Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung
+war nun vollkommen.</p>
+
+<p>Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht &ndash; nicht
+denken k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und dennoch war in ihr eine eherne Gewi&szlig;heit und
+Festigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[364]</a></span>Sie wu&szlig;te: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn
+anzufangen, und um des Vaters wie des Kindes willen
+ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie wollte mit
+ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur k&auml;mpfen &ndash;
+damit er begreife: er m&uuml;sse sich zun&auml;chst ihre Achtung
+erringen.</p>
+
+<p>Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich
+&uuml;bersehen lie&szlig; &ndash; ob es ins Dunkel m&uuml;ndete, ins Helle
+f&uuml;hrte &ndash; das mu&szlig;te die Zukunft lehren.</p>
+
+<p>Dieser gegenw&auml;rtige Augenblick forderte eine leichtere
+Pflicht von ihr ... Sie mu&szlig;te den Vater beruhigen!
+In welche Aufregung mochte ihn ihre Ohnmacht gest&uuml;rzt
+haben!</p>
+
+<p>Sie kleidete sich an &ndash; rasch &ndash; und dachte: &raquo;Ich nehme
+den Kleinen mit hinauf.&laquo;</p>
+
+<p>Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen
+lag er, seine Stimme &uuml;bend, mit jenen unbegreiflichen
+Lauten, die noch keine Worte formen k&ouml;nnen und doch
+zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen
+und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen
+Schleifen sah man das runde Gesichtchen und die prallen
+Arme. Und die gro&szlig;en Augen gl&auml;nzten tief.</p>
+
+<p>Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor
+und legte das flaumige K&ouml;pfchen gegen ihre Wange &ndash;
+in leidenschaftlichem Gl&uuml;ck die N&auml;he des kleinen Gesch&ouml;pfes
+genie&szlig;end.</p>
+
+<p>So schritt sie hinauf.</p>
+
+<p>Sie merkte kaum, da&szlig; ehrf&uuml;rchtige und eilige H&auml;nde
+alle T&uuml;ren vor ihr &ouml;ffneten.</p>
+
+<p>Sie gelangte hinauf &ndash; mit ihr kam ein Lichtstrom
+in einen v&ouml;llig dunklen Raum.</p>
+
+<p>In seinem Sessel zwischen den unverh&uuml;llten Erkerfenstern
+sa&szlig; der alte Herr &ndash; im unerleuchteten Zimmer.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[365]</a></span>Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom
+heranschritt, im linken Arm hoch das Kind tragend, mit
+der Rechten das kleine Haupt gegen ihre Wange dr&uuml;ckend
+&ndash; und um sie der Schimmer von Glanz&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Madonna&nbsp;...&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen Gro&szlig;vater Gute Nacht sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Und ihre Stimme klang wie immer.</p>
+
+<p>&raquo;Du h&auml;ttest liegen bleiben sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein,&laquo; sagte sie leichthin, &raquo;es geht mir wieder
+gut. Hoffentlich hast du dich nicht erschreckt. Du wei&szlig;t
+ja: &#8250;Der Frauen Zustand ist beklagenswert&#8249; &ndash; Wir sind
+ein j&auml;mmerliches Geschlecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heldin!&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te noch nicht: sollte er mit ihr sprechen &ndash; mit
+ihr schweigen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber nun mu&szlig;ten erst die gro&szlig;en Greisenh&auml;nde die
+winzigen F&auml;ustchen nehmen, denn der kleine Regent
+sollte bald in sein Nachtr&ouml;ckchen gesteckt werden. Und
+da erschien auch schon die Amme in ihrer schwarzbunten
+Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein Kinderstubenreich.</p>
+
+<p>&raquo;Schlafe mein Kerlchen. St&ouml;r deine Mutter nicht.
+Sie ist f&uuml;r dich und mich alles &ndash; sie darf uns nicht krank
+werden. &ndash; Schlaf fest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dei &ndash; dei &ndash; dei,&laquo; kl&ouml;hnte das Kind, als wolle es
+sehr Vern&uuml;nftiges versprechen.</p>
+
+<p>Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen
+sich die breiten T&uuml;ren, durch die der Lichtstrom hereingekommen
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Du sitzest im Dunkeln?&laquo; fragte Klara.</p>
+
+<p>Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den
+thronartigen Sitz des Vaters hin &ndash; da wo so recht eigentlich
+ihr Platz war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[366]</a></span>&raquo;Ich habe mich mit &#8250;Severin Lohmann&#8249; unterhalten,&laquo;
+sprach der Alte, &raquo;es hatte mir viel zu sagen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Durch die schwarzblanke Glasf&uuml;llung der Fenster sah
+man hinaus in den Novemberabend, aus dem der Sturm
+allen Nebel geblasen. Und vor dem n&auml;chtigen Hintergrund
+erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der Kokerei
+und den Hoch&ouml;fen und der frei brennenden Gasflamme
+her roter und gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel
+umleuchtete. Von bl&auml;ulichen elektrischen Lichtern war
+das d&uuml;ster-gro&szlig;e Bild &uuml;berfleckt, und all diese Lichtkerne
+mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so merkw&uuml;rdig
+an Weihnachten. &ndash; Die plumpen Burgen der
+Hoch&ouml;fen waren halb angestrahlt, halb l&ouml;sten sich ihre
+Formen in Dunkelheit auf.</p>
+
+<p>Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen
+Heult&ouml;nen alle Ger&auml;usche vom Werk fort und trug sie
+auf seinen Fittichen ostw&auml;rts, dem Meere zu.</p>
+
+<p>Drunten der Flu&szlig; war an seinem kohlschwarzblanken
+Glei&szlig;en nur zu erkennen, wo vom Werk her Licht &uuml;ber
+ihn hinspielte. Au&szlig;erhalb der verst&auml;ndlichen und &uuml;bersehbaren
+Wirklichkeit krochen ein rotes und ein gr&uuml;nes Licht
+in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers,
+der sich gegen Strom und Wind flu&szlig;auf qu&auml;lte.</p>
+
+<p>Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des
+Stuhls.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Bald f&uuml;hlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem
+Haar.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So sa&szlig;en sie und sahen zu dem vom r&ouml;tlichen Schein
+angehauchten Rauch hin&uuml;ber, der sich in der schwarzen
+H&ouml;he verlor. Sie sahen von diesem St&uuml;ck Welt des
+Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
+mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle
+tausend F&auml;den, mit denen es an die Gegenwart, an alle
+<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[367]</a></span>gro&szlig;en Fragen und Forderungen der Zeit gebunden war.
+Sie sahen sich als Diener dieser Zeit &ndash; ihre Herzen wurden
+bescheiden und still.</p>
+
+<p>Leise sprach der Alte &ndash; f&uuml;r sich hin &ndash; zu ihr, die
+mit seinem Enkel sein Werk bewachen und fortsetzen sollte
+&ndash; vielleicht hinaus zu Tausenden, die ihn nicht h&ouml;rten:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit l&auml;&szlig;t nicht nur
+neue Formen, Sch&ouml;nheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche
+Notwendigkeiten entstehen, w&auml;lzt nicht nur
+Technik und Bed&uuml;rfnisse um. Fast f&uuml;rchte ich mich, es
+auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um!
+Man sagt, da&szlig; alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten
+auf ihrer sich forterbenden Scholle sitzen, diese mit hei&szlig;er
+Inbrunst lieben. Wie sollten sie nicht! Und dennoch mu&szlig;
+die Liebe, die M&auml;nner wie ich zu ihren Werken haben,
+noch von einer anderen Art sein. Tiefer und ausschlie&szlig;licher.
+Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes
+Adern flie&szlig;t mein <em class="gesperrt">Blut</em> &ndash; nicht nur <em class="gesperrt">mein</em> Blut &ndash; vielleicht,
+nein gewi&szlig;, noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar.
+In den Adern meines Werkes flie&szlig;t nicht nur mein Blut;
+meine <em class="gesperrt">Kraft</em> &ndash; meinen <em class="gesperrt">Geist</em> &ndash; meine <em class="gesperrt">Energie</em> &ndash; alles,
+was ich bin, k&ouml;rperlich und seelisch, hab&#8217; ich hin&uuml;bergepflanzt
+in dies Werk. Geheimste Str&ouml;me gingen von mir fort in
+meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk
+nicht noch mehr mein Kind, in viel unzerst&ouml;rbarerem
+Sinne, als mein Sohn es ist? Ist diese Wahrheit erschreckend?
+Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Gr&ouml;&szlig;e? Voll
+drohender Mahnungen? Werte abw&auml;gen gegeneinander &ndash;
+das fordert die Zeit. Vielen, vielen lie&szlig; sie das Idyll
+des Familienlebens und das Auskosten seiner kleinen und
+gro&szlig;en K&auml;mpfe. Aber f&uuml;r die, denen ein Platz ward in
+der Front der Schaffenden, hei&szlig;t es sich fragen: Was ist
+wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[368]</a></span>stehe &ndash; und so, wie mein Sohn ist &ndash; trotz allem, was
+ihm geopfert ward, ein Halber &ndash; mu&szlig; ich mich besonders
+fragen: Was ist Tausenden wertvoller, n&ouml;tiger &ndash; mein
+Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer &ndash;
+mein gro&szlig;es, starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser
+Sohn?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden.
+Er sprach wie einer, der sich vor sich selbst f&uuml;rchtet.</p>
+
+<p>Und die junge Frau f&uuml;hlte: er wu&szlig;te vielleicht alles.
+Er war vielleicht bereit, den Sohn preiszugeben.</p>
+
+<p>Aber das war doch unm&ouml;glich. Wie sollte, wie konnte
+das geschehen? Die einfache Tatsache der festgef&uuml;gten
+Lebensverh&auml;ltnisse verbot es. &ndash; Vielleicht eine zornige
+Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen konnte?
+Aber so seltsam gefa&szlig;t, so wunderbar vorsichtig, furchtsam
+vor dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.</p>
+
+<p>&raquo;Du und dein Kind &ndash; ihr wi&szlig;t es &ndash; ich habe ein Herz!
+Deine Mutter wu&szlig;te es! &ndash; Und dennoch &ndash; dennoch &ndash;
+wenn ich denn ein unnat&uuml;rlicher Vater bin: &ndash; mein Werk
+steht mir n&auml;her als mein Sohn. Ihn k&ouml;nnt&#8217; ich lassen &ndash;
+meinem Werk geh&ouml;rt mein letzter Gedanke. Wir Menschen
+von heute, wir arbeiten so furchtbar, da&szlig; Blut und Schwei&szlig;
+uns zusammenschmiedet mit unserer Arbeit &ndash; und wenn
+unsere Kinder dies heilige B&uuml;ndnis nicht verstehen, seien
+sie davon geschieden.&laquo;</p>
+
+<p>Klara fror. &ndash; Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. &ndash;
+Und ihr war, als sei es kein Zufall, da&szlig; seine Faust sein
+Leben lang dem Erz das Eisen abgerungen habe&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Vater,&laquo; sprach sie leise. &raquo;Wir m&uuml;ssen doch Geduld
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Da dr&uuml;ckte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt
+und lag da schwer &ndash; und dennoch wie Segen &ndash; Trost &ndash;
+Dank.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[369]</a></span>Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still
+durch die Nacht hin&uuml;ber auf den bestrahlten, quellenden
+und zerrei&szlig;enden Rauch, der toll vor dem schwarzen Himmel
+jagte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und der alte Mann wartete auf eine Antwort.
+Die Depesche war doch stark genug gewesen. Aber an
+diesem Abend kam keine Antwort mehr.</p>
+
+<p>Nun, wozu auch Antwort? Am n&auml;chsten Morgen w&uuml;rde
+sein Sohn selbst eintreffen.</p>
+
+<p>Aber die Stunde, f&uuml;r die seine Ankunft bestimmt zu
+berechnen war, verstrich, und er trat nicht bei seinem
+Vater ein.</p>
+
+<p>Der Geheimrat lie&szlig; Th&uuml;rauf her&uuml;berbitten. Der tauchte
+aus seinem &Uuml;berma&szlig; von Arbeit auf und hatte zwei
+Minuten f&uuml;r den alten Herrn. Wynfried? Vor vier
+Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm
+&uuml;ber die Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt,
+das der Geheimrat ja kenne. Seither erhielt Th&uuml;rauf
+pers&ouml;nlich keine Nachricht vom Juniorchef der Firma.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken &uuml;berst&uuml;rzten
+sich. Auch dieser, da&szlig; Wynfried gar mit der
+blonden Baronin auf und davon gegangen sei.</p>
+
+<p>Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich
+ganz unbefangen, wie tausend moderne Ehegatten denken:
+auf die Treue des <em class="gesperrt">Mannes</em> kommt es nicht weiter an.
+Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
+ein Sommervergn&uuml;gen &ndash; vielleicht hatte es gehei&szlig;en:
+halb zog sie ihn, halb sank er hin. &ndash; Ach &ndash; klein &ndash; klein
+&ndash; banal!</p>
+
+<p>Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der
+letzten Zeit f&uuml;r Klara gehabt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[370]</a></span>Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und
+er litt.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren
+Schweigens sei.</p>
+
+<p>Der Geheimrat lie&szlig; ein dringliches Telegramm mit
+dringlicher R&uuml;ckantwort an das Hotel in K&ouml;ln abgehen.
+Da hatte er binnen einer Stunde in den eiligen Blaustiftbuchstaben
+der Depesche die Nachricht, da&szlig; Herr
+Lohmann junior im Hotel bisher nicht angekommen sei,
+da&szlig; dort aber seit gestern nachmittag eine <em class="antiqua">D</em>-Depesche
+f&uuml;r ihn lagere, aus deren Vorhandensein man wohl auf
+seine baldige Ankunft schlie&szlig;en d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>&raquo;Meine eigene Depesche,&laquo; dachte der alte Herr.</p>
+
+<p>Nun war er au&szlig;erstande, noch etwas zu tun. Er konnte
+nicht an alle K&ouml;lner Hotels depeschieren. Wer wu&szlig;te, ob
+er &uuml;berhaupt da war? Man h&auml;tte auf Lammen anfragen
+k&ouml;nnen. Das verbot sich. Das blo&szlig;e Suchen nach einem
+Vorwand zur Nachfrage verbot sich.</p>
+
+<p>Solche Stunden ertragen sich hart.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; da wie ein z&uuml;rnender Gott, der seine Blitze
+in der Hand zur&uuml;ckhalten mu&szlig;, die ihn nun selbst brennen.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te, gerade wie die junge Frau, da&szlig; sich die
+festgef&uuml;gten Lebensverh&auml;ltnisse nicht zerrei&szlig;en lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Er ahnte gleich ihr, da&szlig; Wynfried sich dagegen wehren
+w&uuml;rde, seine Ehe zu l&ouml;sen, denn er war offenbar im
+Begriff, sich in seine Frau zu verlieben.</p>
+
+<p>Ah &ndash; d&uuml;rfte er doch die holde Frau gegen <em class="gesperrt">diese</em>
+Liebe sch&uuml;tzen!</p>
+
+<p>Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld
+haben wollte &ndash; er, der Vater, durfte die Ehe nicht
+sprengen.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tte ich sie nie zusammengebracht!&laquo;</p>
+
+<p>Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann
+<span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[371]</a></span>zum Manne, mit dem Schwert scharfer Worte gegen den
+Sohn wettern.</p>
+
+<p>Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles
+Vertrauen verloren. Wenn nicht einmal die reine W&uuml;rde
+der jungen Frau ihm Halt hatte geben k&ouml;nnen&nbsp;...</p>
+
+<p>Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm
+sein Sohn entglitten war &ndash; alle Stimmen der Natur
+schwiegen.</p>
+
+<p>Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk &ndash; diese &uuml;ber
+seinen Tod hinaus vor jeder Gef&auml;hrdung zu sch&uuml;tzen, war
+sein Hauptgedanke. Er wollte sein Testament &auml;ndern.
+Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein wohlhabender
+Mann.</p>
+
+<p>Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere
+Gr&uuml;beleien angewiesen war und sich nicht in Wort und Tat
+entladen konnte, stieg seine Nervosit&auml;t bis zur Unertr&auml;glichkeit.</p>
+
+<p>Wenn nur irgend, irgend etwas gesch&auml;he, diese Spannung
+zu l&ouml;sen&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber beinahe h&auml;tte er das, was sie l&ouml;sen konnte, von
+seiner Schwelle gewiesen.</p>
+
+<p>Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen
+Mittagsmahl.</p>
+
+<p>Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein
+raste Sturm. Das Land lag braunschwarz, mit den rostroten
+Farbenflecken der Hainbuchen, in deren Gezweig
+das welke Laub fror. Der Flu&szlig; schuppte sich unruhig.
+Kahl und freudlos schien die Erde &auml;ngstlich auf den Winter
+zu warten.</p>
+
+<p>Leupold kam.</p>
+
+<p>&raquo;Ich soll den Freiherrn von Marning melden,&laquo; sagte
+er. Und f&uuml;gte gleich, etwaigen Vorw&uuml;rfen abzuwehren,
+hinzu: &raquo;Ich habe aber keine Aussichten gemacht &ndash; habe
+<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[372]</a></span>gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
+er, ich solle doch fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an.
+Marning? Er, der f&uuml;r immer aus diesem Hause gegangen
+war? Noch einmal wieder? Und jetzt&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nein, nein &ndash; gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen!
+Es h&auml;tte zu weh getan. Es w&uuml;rde ihn vielleicht hinrei&szlig;en,
+zu diesem zu sprechen. Und gerade diesem
+mu&szlig;te verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause
+lastete &ndash; denn es w&auml;re auch f&uuml;r ihn schwer, schwer,
+davon zu wissen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sprach er vor sich hin, &raquo;ich kann nicht&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.&laquo;</p>
+
+<p>Wichtig? F&uuml;r ihn? F&uuml;r wen? Vielleicht war er
+anderen Sinnes geworden. Kam auf das Anerbieten
+zur&uuml;ck &ndash; wollte doch zur Industrie &uuml;bergehen &ndash; kam,
+um Hilfe f&uuml;r den Weg dahin zu erbitten.</p>
+
+<p>Das entschied. Seine Zuneigung f&uuml;r Marning wallte
+auf. Es hie&szlig; eben, sich zusammennehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Also ja&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning
+vor ihm, sehr bla&szlig;, sehr ernst.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Marning. &ndash; Es freut mich, Sie zu sehen. &ndash;
+Wenn Sie&#8217;s nicht w&auml;ren ... Ich bin ein verstimmter,
+ungeduldiger alter Kerl &ndash; hab&#8217; im Moment zu viel
+bunte Gedanken im Kopf. &ndash; Sie m&uuml;ssen schon Nachsicht
+mit mir haben. Und mir ein bi&szlig;chen knapp sagen, was Sie
+w&uuml;nschen. Meine Gesinnung kennen Sie &ndash; die ist unver&auml;ndert&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Geheimrat,&laquo; begann Stephan. &raquo;Ich komme nicht
+in eigener Angelegenheit.&laquo;</p>
+
+<p>Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen
+Mannes lie&szlig; den Alten scharf aufmerken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[373]</a></span>&raquo;Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten
+ein gef&uuml;rchtetes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Bote &Uuml;bles brachte! Und das tun Sie
+demnach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ernstes. Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie&#8217;s nur schlankweg. Man bildet sich immer
+ein, vor uns Alten und Br&uuml;chigen d&uuml;rfe man das Wort
+&#8250;Tod&#8249; nicht laut aussprechen. Ich bin kein Feigling. Wenn
+Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht gleich,
+weil&#8217;s mich doch auch mal treffen mu&szlig;. Bin seit zwei
+Jahren an eine gewisse Nachbarschaft gew&ouml;hnt. Ist Ihr
+Onkel, mein verehrter Freund, gestorben? Ein schmerzlicher
+Verlust w&auml;r&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski
+Nachrichten zu bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wa &ndash; was&nbsp;...? Unser prachtvoller Hauptmann?
+Aber das ist ja unm&ouml;glich&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Wie sonderbar seine Gedanken die eine F&auml;hrte verfolgten
+&ndash; die des Todes.</p>
+
+<p>&raquo;Likowski befindet sich wohl &ndash; er wird in zwei, drei
+Tagen zur&uuml;ck sein &ndash; er w&auml;re schon heute eingetroffen &ndash;
+aber er hat ... auch mu&szlig;te er sich beim Oberst melden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun also &ndash; was ist mit ihm los. &ndash; Nehmen Sie&#8217;s
+mir nicht &uuml;bel, lieber Marning &ndash; aber Sie verstehen sich
+drauf, einen ungeduldig zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie,&laquo; sprach der j&uuml;ngere Mann halblaut,
+&raquo;ich bin ungeschickt. &ndash; Mein Amt ist schwer. &ndash; Likowski
+hat ein Duell gehabt &ndash; mit &ndash; mit Ihrem Herrn Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Mann fuhr auf &ndash; blieb erstarrt &ndash; sah den
+andern an &ndash; mit offenem Munde.</p>
+
+<p>Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.</p>
+
+<p>Er war furchtbar anzusehen.</p>
+
+<p>Und endlich, endlich sprach er laut und fest. &raquo;Er ist tot!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[374]</a></span>So sprach das Schicksal selber &ndash; ehern &ndash; ergeben &ndash;
+furchtgebietend.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &ndash; nein. &ndash; Er lebt &ndash; er kann &ndash; er wird weiterleben&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Da sank das schwere Haupt zur&uuml;ck. &ndash; Die Augen
+schlossen sich &ndash; und ein wunderbares L&auml;cheln &ndash; geheimnisvoll
+&ndash; unbegreiflich, irrte um die Lippen. &ndash; Und
+unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam
+eine Tr&auml;ne und rann &uuml;ber die bleiche Wange.</p>
+
+<p>Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.</p>
+
+<p>Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wu&szlig;te
+Gott allein.</p>
+
+<p>Sprach dennoch die unergr&uuml;ndliche Stimme der Natur,
+die verstummt gewesen war? ... Reckte sich das ganz
+einfache Gef&uuml;hl empor? &ndash; Rauschte das Blut &ndash; das
+Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:
+Gottlob nicht tot? ... Tiefste R&auml;tsel.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Was wissen wir von uns selbst!&laquo; f&uuml;hlte der Alte.</p>
+
+<p>Stephan stand Minuten und sah in den matten,
+sturmgepeitschten Sonnenschein hinaus und wagte nicht,
+sich umzuwenden.</p>
+
+<p>Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: &raquo;Nun lassen
+Sie mich alles im Zusammenhang h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit,
+wenn ich Ihnen Likowskis Brief gebe &ndash; wie er
+nun mal ist. &ndash; Ganz Likowski. &ndash; Ich bef&uuml;rchte da kein
+Mi&szlig;verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>Es w&auml;re ihm ja unm&ouml;glich gewesen, alles mit lauten
+Worten zu sagen. Ihn d&auml;uchte, als m&uuml;sse jedes einzelne
+zum Posaunenton werden und durch Mauern und Estrich
+hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.</p>
+
+<p>&raquo;Mi&szlig;verst&auml;ndnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski
+sagt und tut und schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[375]</a></span>Stephan legte den Brief &ndash; diesen Brief, dessen Inhalt
+ihn fast bet&auml;ubt hatte &ndash; nun in die Hand des alten Herrn.
+Er setzte sich auf den n&auml;chsten Stuhl, den S&auml;bel zwischen
+den Knien, die H&auml;nde auf dem Korb gefaltet &ndash; so wartete
+er, und sein Ged&auml;chtnis, das den langen Brief auswendig
+wu&szlig;te, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort
+um Wort&nbsp;...</p>
+
+<div class="blockquote">
+<p>&raquo;Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da b&uuml;rde
+ich Ihnen nichts Gutes auf. Aber es mu&szlig; sein! Der alte
+Herr, den wir verehren und lieben, der mu&szlig; wissen, was
+los ist. Er soll mir verzeihen, wenn er kann! Wenn er nicht
+kann, mu&szlig; ich&#8217;s ertragen. Mein Bewu&szlig;tsein ist: ich habe
+getan, was sein mu&szlig;te. Mein Mandat? Das des Mannes
+und Offiziers, der kein edles Weib kr&auml;nken lassen darf.
+Auch nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon wei&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Zu Ihnen hab&#8217; ich nie davon gesprochen &ndash; auch
+die anderen Kameraden nicht zu mir &ndash; das war zu
+delikat, wo es ein Haus betraf, das uns so oft Gastlichkeit
+bot. Wenn man auch ein rauher Krieger ist, man hat
+doch sein Zartgef&uuml;hl. Aber es war ja in allen Blicken,
+zwischen den Worten war es, in jedem pl&ouml;tzlichen Verstummen
+war es, da&szlig; auch wir genau wu&szlig;ten, was s&auml;mtliche
+Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. N&auml;mlich, da&szlig;
+Herr Wynfried Severin und die mollige Baronin sich
+zusammen auf das beste unterhielten und offenbar nicht
+gerade zusammen im Katechismus lasen. Sonst w&auml;ren
+sie doch wohl mal bis ans sechste Gebot gekommen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab&#8217; was an
+stiller Wut in mich &#8217;reingefressen. Wo die junge Frau f&uuml;r
+mich so ungef&auml;hr das Anbetungsw&uuml;rdigste von edler Weiblichkeit
+ist, was mir auf meinem Junggesellenpfad begegnete.
+Und wo ich ihr alter Freund und Hausgenosse
+<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[376]</a></span>gewesen bin. Und wo ich wei&szlig;, da&szlig; der Geheimrat toben
+w&uuml;rde, wenn er w&uuml;&szlig;te, da&szlig; man ihr ein Haar kr&uuml;mmen
+will. &ndash; Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag&#8217;s
+ihm in sein sch&ouml;nes, nobles Gesicht, da&szlig; es f&uuml;r mich sehr
+h&auml;&szlig;lich aussieht.</p>
+
+<p>&raquo;Blo&szlig; die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne
+Skandal?</p>
+
+<p>&raquo;Aber so was f&auml;llt ja dann vom Himmel, wenn man
+gerade mit all seinen Gedanken mal weit davon weg und
+in behaglicheren Regionen ist.</p>
+
+<p>&raquo;Geh&#8217; mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit
+einem seiner Regimentskameraden, gleichfalls beweibten
+Zustandes, in ein Restaurant. So &#8217;n ganz pickfeines, wo es
+schon was kostet, wenn der Kellner sich verbeugt. Sonst
+nicht meine Wahl &ndash; das wissen Sie wohl. Aber Madame
+Adolf hat die Schw&auml;che und &ndash; das Geld! Leider. Geld
+ohne Geschmack &ndash; das ist eine schlimme Mischung. Da
+h&auml;tte sich Adolf vorsehen m&uuml;ssen. Na, dies nebstbei. &ndash;
+Und wer sitzt da in diesem Lok&auml;lchen, an zart bestrahltem
+Tisch, wo zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem
+rosigseidenen Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock
+gl&auml;nzt? Wer?</p>
+
+<p>&raquo;Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde
+rot &ndash; r&ouml;ter &ndash; am r&ouml;testen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich war ganz ruhig. Ich ging &#8217;ran &ndash; so mit &#8217;ner
+gewissen Vorsicht &ndash; Distanz wahrend &ndash; damit nicht
+etwa die Baronin mir gleich die Patschhand freundschaftlich
+hinstreckte. &ndash; Und da bat ich ihn denn, mich anzuh&ouml;ren.
+Drei Worte gen&uuml;gten ja. Da&szlig; er sie nicht einstecken konnte,
+wenn er &#8217;n Mann von Ehre bleiben wollte, war klar.
+Und dann lief die Geschichte ihren Gang. Ehrengericht
+damit befassen war unm&ouml;glich. Die Losung mu&szlig;te sein:
+sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache
+<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[377]</a></span>nachtr&auml;glich pr&uuml;fen. Und hier gleich in Parenthese: ich
+melde mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung
+bin ich gefa&szlig;t. &ndash; Zum Gl&uuml;ck hatte Wynfried Severin
+ein paar Freunde da in der Gegend &ndash; Herren, die schlagenden
+Verbindungen angeh&ouml;rten &ndash; einer war aus
+&#8217;m ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in der
+Regie des Duells. &ndash; Und kurz und gut &ndash; heut im Nebelgrau
+standen wir einander gegen&uuml;ber. &ndash; So &#8217;n rechter
+schwerer Rheinnebel war&#8217;s. &ndash; Das Gel&auml;nde, zwischen
+Schonungen, nicht weit vom Flu&szlig; &ndash; seltsam war&#8217;s mir:
+man h&ouml;rte durch den Nebel den Heulton der Dampfer.
+Wenn ich Ihnen sage, Marning, da&szlig; so &#8217;n Heulruf ihm
+das Leben gerettet hat!</p>
+
+<p>&raquo;Es war mein Vorsatz: den l&ouml;sch&#8217; ich aus. &ndash; Der
+verdirbt sonst noch dieser k&ouml;stlichen Frau, an die man blo&szlig;
+mit Andacht denken kann, das ganze Dasein. &ndash; Ich ha&szlig;te
+ihn. Kr&auml;ftig.</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll ich Ihnen beichten? &ndash; Wie ich so ziele
+&ndash; in diesen gr&auml;&szlig;lichen Sekunden &ndash; ein, zwei sind&#8217;s blo&szlig;
+&ndash; da heult von fern und leise ein Dampfer &ndash; wie bei uns
+&ndash; pl&ouml;tzlich seh ich unseren Flu&szlig; vor mir, das Werk, den
+alten Herrn. Gott verzeih&#8217; mir: es war verr&uuml;ckt. Total.
+Beinahe mag ich es nicht schreiben: mir war&#8217;s, als riefe
+der alte Herr. Es war direkt unheimlich.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p>Stephan sah, da&szlig; die beschriebenen Bl&auml;tter in der
+Hand des Greises zitterten&nbsp;...</p>
+
+<p>Ja, das war diese Stelle &ndash; seltsam &ndash; und so ganz
+au&szlig;er Likowskis Linie&nbsp;...</p>
+
+<p>Aber weiter&nbsp;...</p>
+
+<div class="blockquote">
+<p>&raquo;Vielleicht h&auml;tt&#8217;s ihn doch schwer geschlagen &ndash; wenn
+sein Sohn ... es ist immerhin der einzige! Obschon &ndash;
+unter uns &ndash; manchmal dacht&#8217; ich: hei&szlig; ist die Liebe nicht.
+Und Enkel und Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer
+<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[378]</a></span>kann in so was &#8217;reingucken? Na und kurz und gut: ich
+nahm nicht dies flotte Herz zum Ziel. Aber treffen wollt&#8217;
+ich, und ich traf. Besser als er, der den ersten Schu&szlig;
+hatte und damit blo&szlig; ein Loch in die Luft machte. Nicht
+vors&auml;tzlich. Ih nee &ndash; ich merkte, wie er zielte. Aber
+nat&uuml;rlich: schlechter Sch&uuml;tze, nicht eingeschossen. Meine
+Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen,
+hat Sehnen und viele Blutgef&auml;&szlig;e zerrissen und die Lunge
+gestreift.</p>
+
+<p>&raquo;Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf
+die Nachricht: voraussichtlich l&auml;ngeres Krankenlager, aber
+durchaus keine Lebensgefahr &ndash; wahrscheinlich auch
+l&auml;ngeres Schonungsbed&uuml;rfnis.</p>
+
+<p>&raquo;So weit w&auml;re ja nun alles ganz gut und sch&ouml;n gewesen
+und h&auml;tte ganz sachte vertuscht werden k&ouml;nnen. Dem alten
+Herrn konnte man was von einem Automalheur erz&auml;hlen.
+Was ist heutzutage leichter, als sich auf der Stra&szlig;e die
+Knochen zu zerbrechen!</p>
+
+<p>&raquo;Aber nun kommt&#8217;s hochdramatisch. Ohne sich um
+Wunsch und Willen des vorerst Bewu&szlig;tlosen zu k&uuml;mmern,
+l&auml;&szlig;t ihn unser Paukarzt ganz einfach in eine Privatklinik
+schaffen, die ein ihm befreundeter Chirurg h&auml;lt. Na,
+das war vern&uuml;nftig. Als Lohmann zu sich kommt, f&auml;llt
+ihm ja wohl bei kleinem ein, da&szlig; die Baronin Nachricht
+haben mu&szlig;. Er l&auml;&szlig;t telephonieren, die Damen m&ouml;chten
+abreisen, und seine Sachen sollten vom Hotel in die
+Meinhardtsche Klinik geschickt werden.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte
+gerochen &ndash; und dann das Wort &#8250;Klinik&#8249;. Kurz: nach einer
+halben Stunde sa&szlig; sie schon am Bett. Und erkl&auml;rte jedermann:
+da ist mein Platz! Und nimmt mit der Gerwald
+mehrere R&auml;ume in der Klinik und macht es offizi&ouml;s. &ndash;
+Straf&#8217; mich Gott, wenn ich in diesem Falle von meiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[379]</a></span>sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen
+sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,
+nicht b&ouml;se &uuml;ber das Duell! Denn nun kann er gar
+nicht anders. Zu seiner Frau kann er nicht zur&uuml;ck. Sitzen
+lassen kann er hiernach die Baronin nicht. Und so strafen
+ihn die G&ouml;tter und bedienten sich dazu meiner bescheidenen
+Person.</p>
+
+<p>&raquo;Dieses Auftrumpfen Agathens: &#8250;Mein ist der Mann,
+und mir geh&ouml;rt er zu!&#8249; &ndash; macht es unm&ouml;glich, den Fall
+zu vertuschen. Ehe der alte Herr gar in den Zeitungen
+davon liest &ndash; ehe der Sohn ihn benachrichtigen kann &ndash;
+denn von wegen Agathe kann er nun nicht eine glaubhafte
+Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. &ndash; Die
+Lage ist nicht einfach f&uuml;r ihn. Donnerwetter! Na also,
+ehe was geschieht, das den Schlag zu roh und plump
+gegen das Gem&uuml;t des Vaters f&uuml;hrt &ndash; gehen Sie sofort
+zu ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er&#8217;s
+mir gesagt. Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage
+an Sie als an den vortrefflichen Th&uuml;rauf zu wenden.
+Sie sind mein Kamerad &ndash; mein Freund &ndash; das sagt
+alles.</p>
+
+<p>&raquo;Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet&#8217; ich meiner
+Feder jedes. Sie wird leiden &ndash; jetzt &ndash; zun&auml;chst in jedem
+Fall! Aber sie wird mir doch noch mal im Leben freundlich
+die Hand geben &ndash; darauf hoffe ich!</p>
+
+<p>&raquo;Und nun: Gott befohlen!</p>
+
+<p class="signature">Ihr Likowski.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p>Wie langsam der Greis gelesen hatte &ndash; ganz gewi&szlig;,
+er mu&szlig;te jeden Satz wiederholt in sich aufgenommen und
+lange bedacht haben.</p>
+
+<p>Und nun faltete er mit z&ouml;gernden Bewegungen die
+<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[380]</a></span>Bogen zusammen. Ein wenig mu&szlig;te er sich vorneigen
+und den Arm ausstrecken, um sie auf den Tisch legen zu
+k&ouml;nnen, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.</p>
+
+<p>Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.</p>
+
+<p>Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, gro&szlig;en Blicken
+des Alten &ndash; sie kamen wie aus einem Abgrund von
+Gram herauf.</p>
+
+<p>Aber dennoch &ndash; auf seinen Z&uuml;gen lag der Ausdruck
+einer wunderbaren Gefa&szlig;theit.</p>
+
+<p>Welche Ersch&uuml;tterungen auch durch ihn hingewandelt
+sein mochten &ndash; er stand dar&uuml;ber, stand auf Herrscherh&ouml;hen.
+&ndash; Von wo aus die Wirrnisse des Lebens weithin
+&uuml;bersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege
+kommen und wohin sie gehen.</p>
+
+<p>Ein leises, schmerzliches L&auml;cheln voll Vaterg&uuml;te ging
+um seinen Mund.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollten mir und allem, was zu mir geh&ouml;rt, f&uuml;r
+immer entfliehen,&laquo; sprach er, &raquo;und nun spielt unser Freund,
+noch viel mehr als er selbst wei&szlig;, Schicksal und schickt
+gerade Sie zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.&laquo;</p>
+
+<p>Er war verwirrt &ndash; sein Herz klopfte. Er w&uuml;nschte
+sich auf der Stelle verabschieden zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Marning &ndash; Sie sehen &ndash; der Sohn ist mir
+verloren &ndash; vielleicht nicht ganz als Sohn. Mag die
+Zukunft &ndash; mag vielleicht eine ferne Stunde, die meines
+Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine legen.
+Was kann ich davon wissen, was dar&uuml;ber sagen? Nichts!
+&ndash; Ich will mein Alter nicht mit Unvers&ouml;hnlichkeit beflecken.
+&ndash; Es liegt an ihm&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te innehalten. &ndash; So lebendig stand pl&ouml;tzlich
+das Bild der genu&szlig;s&uuml;chtigen, selbstischen Frau vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[381]</a></span>ihm, die seines Sohnes Mutter gewesen ... Er seufzte
+schwer&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;chte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm
+nicht zu hart mit Reue gepflastert sein.&laquo;</p>
+
+<p>Dann fuhr er lebhafter fort. &raquo;Meine Tochter &ndash; mein
+Enkel &ndash; mein Werk &ndash; das geh&ouml;rt zusammen &ndash; zu mir &ndash;
+bis &uuml;bers Grab hinaus: zu mir! Und davon hat mein
+Sohn sich geschieden. Er hat die W&uuml;rde seiner Frau
+und die W&uuml;rde meines Werkes verraten. &ndash; Vielem und
+Vielen sollte er zum Herrn gesetzt sein. Das kann nur
+einer, der strebt. Nicht einer, der spielt. Er bleibt von
+meinem Werk geschieden &ndash; auf immer!&laquo;</p>
+
+<p>Nun sah er den jungen Mann voll und gro&szlig; an &ndash;
+bezwingend&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich tat einmal eine Frage an Sie. &ndash; Heute ist der
+Augenblick, sie zu wiederholen. &ndash; In dieser Stunde braucht
+mein Werk noch keinen Helfer und Leiter. Ein vorbildlicher
+Mann steht an der Spitze. Aber der Tag wird
+kommen, wo auch er j&uuml;ngere Schultern als Mittr&auml;ger
+braucht. Und mein Enkel. &ndash; Noch bin ich da! O &ndash; ich
+hoffe, dem Dunklen, der mir schon mal so nahe war,
+noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch &ndash; es ist
+Menschenlos. &ndash; Mein Enkel und meine Tochter &ndash;
+einmal brauchen sie vielleicht einen klugen, besonnenen
+Mann von Ehre und Herz als &ndash; als Freund. &ndash; Und so,
+Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn
+f&uuml;r mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen
+&ndash; wollen Sie meinem Werke dienen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo;</p>
+
+<p>Laut und feierlich klang das durch den Raum.</p>
+
+<p>Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff
+sie und tat wie damals, als er f&uuml;r immer zu scheiden
+glaubte: er neigte sich tief und k&uuml;&szlig;te voll Ehrfurcht
+<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[382]</a></span>diese Hand &ndash; die Hand, die sein Schicksal auf ungeahnte,
+nie mehr erhoffte H&ouml;hen des Gl&uuml;ckes f&uuml;hren wollte.</p>
+
+<p>Den Greis &uuml;bermannte R&uuml;hrung. Er zwang das nieder.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te, mit diesem &raquo;Ja&laquo; hatte ein ganzer Mann sich
+seinem Werke angelobt. Und nicht nur seinem Werke.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Klara,&laquo; sagte er, &raquo;sie mu&szlig; wissen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Stephan trat erschrocken zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht in meiner Gegenwart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch!&laquo; &ndash; Er hatte schon das Zeichen f&uuml;r Leupold
+gegeben, und dieser kam so rasch, da&szlig; kein Wort mehr
+gewechselt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon,
+da&szlig; ich Besuch habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Geheimrat&nbsp;...&laquo; bat Marning.</p>
+
+<p>Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich
+Ihnen sage &ndash; ich brauche Sie &ndash;&nbsp;&ndash; sonst &ndash; sonst &ndash; es
+k&ouml;nnte mir die Fassung zerbrechen. &ndash; Ich hab&#8217; diese zwei
+zusammengef&uuml;hrt &ndash; ich! Bin ich nicht ein Schuldiger
+vor ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; rief Stephan, &raquo;nein &ndash; nichts von Schuld&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster,
+hinter dem m&auml;chtigen Stuhl, in dem der Alte sa&szlig;. Im
+Schatten, einer schwarzen Silhouette gleich.</p>
+
+<p>Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, da&szlig; sie die Schwelle
+&uuml;berschritten.</p>
+
+<p>Sie blieb stehen &ndash; ihr Fu&szlig; wollte sie nicht weitertragen.</p>
+
+<p>Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen l&auml;cherlichen
+Notwendigkeiten des Alltags, die sich in das Gro&szlig;e mengen?
+Gerade jetzt? In diesen qualvollen Tagen der Unklarheit,
+wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe hing&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Mein Kind,&laquo; sprach der alte Mann ihr entgegen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[383]</a></span>&raquo;komm &ndash; sieh, hier ist unser Freund. Er hat ernste Nachrichten
+gebracht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: &raquo;Von &ndash;
+meinem &ndash; Sohn&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nun war sie vor ihm und sah ihn an &ndash; nur ihn &ndash; als
+sei nicht noch einer hier, der ihren Blick und Gru&szlig; erwarten
+durfte.</p>
+
+<p>Und doch sah, f&uuml;hlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
+schweigend und unbeweglich dastand.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind &ndash; Wynfried &ndash; er hat &ndash; ein Unfall ...
+Sp&auml;ter erf&auml;hrst du das Genaue. &ndash; Er liegt in K&ouml;ln &ndash;
+krank&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie wich ein wenig zur&uuml;ck &ndash; im Schreck. Und wu&szlig;te
+sofort: dann mu&szlig; ich dahin &ndash; ihm helfen &ndash; er ist meines
+Kindes Vater &ndash; ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em>. &ndash; Ich wollte ja Geduld
+haben &ndash; wollte vergeben &ndash; nun mu&szlig; ich es beweisen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Dann will ich zu ihm &ndash; gleich &ndash; ja gleich. &ndash; Ihn
+pflegen &ndash; ihm beistehen&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine
+andere Frau, der nun wohl seine Zukunft geh&ouml;ren mu&szlig;, sitzt
+an seinem Bett. Und deine Ehe &ndash; sie wird gel&ouml;st werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vater!&laquo; schrie sie auf.</p>
+
+<p>Sie legte beide H&auml;nde vor ihr Gesicht.</p>
+
+<p>Und die M&auml;nner schwiegen.</p>
+
+<p>Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, da&szlig;
+in ihrer Seele eine ungeheure Bitterkeit aufwallte und
+alles, alles andere &uuml;berflutete. &ndash; Die Bitterkeit der
+edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
+erkennt: meine W&uuml;rde hat er, dem ich alles gab, nicht
+geachtet!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Niemand sieht ohne Ersch&uuml;tterung den Bau seines
+Lebens in Tr&uuml;mmer zerfallen &ndash; auch wenn dieser Bau
+nicht im Glanze seliger Liebe errichtet ward&nbsp;...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[384]</a></span>Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen
+ebbte langsam zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und ein gro&szlig;es, schmerzliches Entsetzen erwachte.</p>
+
+<p>Nun verlor sie Vater und Heimat&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie hob ihr Gesicht aus den H&auml;nden. Sie sah den
+alten Mann an &ndash; sie sah wohl, welch eine Welt von Liebe
+ihr aus seinen Blicken entgegenkam.</p>
+
+<p>Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging &ndash;
+sein einziger Sohn &ndash; trotz allem.</p>
+
+<p>&raquo;Nun mu&szlig; ich dich verlassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klara!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das Kind &ndash; es geh&ouml;rt mir. &ndash; Du wirst nicht
+den Versuch machen, es mir zu nehmen. Nein &ndash; das nicht
+&ndash; das wei&szlig; ich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie war au&szlig;er sich.</p>
+
+<p>Er streckte seinen Arm nach ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &ndash; besinn dich doch. &ndash; Geh&ouml;ren wir nicht
+zusammen? &ndash; Das Werk, das Kind &ndash; du und ich? Er
+hat sich von uns geschieden, nicht wir von ihm! Und hier
+steht einer &ndash; ich hab&#8217; sein Wort: er will in die Arbeit
+hineinwachsen und dem Werke dienen und &ndash; meines
+Enkels Freund sein&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Er brach ab.</p>
+
+<p>&raquo;Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das
+schmale, wei&szlig;e Gesicht zwischen seine H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Tochter!&laquo; sprach er leise und bedeutungsschwer.</p>
+
+<p>Oft hatte er sie so genannt &ndash; aber sie f&uuml;hlte, was
+dieser Name, in diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf
+sie legte an gro&szlig;en und heiligen Pflichten; was er
+ihr versprach an Gl&uuml;ck, das nach still und stark ertragenem
+Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[385]</a></span>Sie hob den Blick &ndash; sie wagte es, den Mann anzusehen,
+der als stummer Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters
+stand.</p>
+
+<p>Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch
+verschweigen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre
+Seelen einander, der Vaterg&uuml;te des gro&szlig;en alten Mannes
+immer wert zu sein &ndash; nach seinem Vorbilde zu wirken
+und rastlos ihre Pflicht zu erf&uuml;llen, im t&auml;glich erneuten,
+stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.</p>
+
+
+
+<p class="printer"><span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[386]</a></span>
+Druck der<br />
+Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br />
+in Stuttgart
+</p>
+
+
+
+<div class="advertisements">
+
+<p class="anzeigen"><span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[387]</a></span>
+Anzeigen des<br />
+Cotta&#8217;schen Verlages</p>
+
+
+<p class="author"><span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[388]</a></span>Ida Boy-Ed:</p>
+
+<p class="title">Ein k&ouml;niglicher Kaufmann</p>
+
+<p class="subtitle"><em class="gesperrt">Hanseatischer Roman</em></p>
+
+<p class="center">16. und 17. Auflage</p>
+
+<p class="center">In Leinen gebunden 5 Mark</p>
+
+
+<p class="besprechungen"><b>Aus den Besprechungen:</b></p>
+
+<p>Da&szlig; der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat,
+das bezeugen schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch
+wirklich ein gutes Buch. Es enth&auml;lt treffliche poetische Schilderungen
+der Landschaft, der Natur. Neben feinsinnigen Bemerkungen
+&uuml;ber die modernen Menschen und das heutige Gesch&auml;ftsleben
+der alten Freien und Hansestadt L&uuml;beck gelangen
+in anheimelnden R&uuml;ckgedanken auch die fr&uuml;heren Zust&auml;nde zur
+plastischen Darstellung. Die gro&szlig;e Erfindungsgabe der Verfasserin
+gestaltet den Roman reich an verschlungenen Situationen,
+die meisterhaft gel&ouml;st werden.</p>
+
+<p class="reviewer"><b>Bohemia, Prag</b></p>
+
+
+<p>Was &uuml;brigens die st&auml;rkste Anziehungskraft der Geschichte
+ausmacht, das ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen L&uuml;beck.
+Die stolze Hansastadt mit ihren Kirchen und Patrizierh&auml;usern
+taucht vor uns auf; die Verfasserin schildert das Innere eines
+solchen, und ebensogut kennt sie sich im republikanischen Verfassungsleben
+aus. Sie zeichnet diese kleine und doch wieder in
+ihrer Art gro&szlig;e Welt mit sicherem Stift, nicht ohne Anerkennung
+und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen &uuml;ber den
+&uuml;bertriebenen Lokalpatriotismus. Sie &uuml;bersieht nicht &raquo;die spezifische
+Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede Familie
+sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein&laquo;. Nat&uuml;rlich
+entrollt sich auch vor uns ein St&uuml;ck hanseatischen Kaufmannslebens;
+wir werden Zeugen von allerhand industriellen Gr&uuml;ndungen,
+nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen.
+Das alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur
+immer von einer Romandichterin erwartet werden darf.</p>
+
+<p class="reviewer"><b>Deutsche Tageszeitung, Berlin</b></p>
+
+
+<p class="author"><span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[389]</a></span>Ida Boy-Ed:</p>
+
+
+<p class="center">Im Verlag der J.&nbsp;G. Cotta&#8217;schen Buchhandlung Nachfolger
+in Stuttgart und Berlin erschienen:</p>
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+<div class="center">
+<table class="werke1" summary="werke">
+<tr><td></td><td class="preis"><span class="smaller">Gebunden</span></td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Die s&auml;ende Hand.</span> Roman. 5. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;4.50</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Um Helena.</span> Roman. 3. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;4.50</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Ein k&ouml;niglicher Kaufmann.</span> Hanseatischer
+Roman. 16. u. 17. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Die Lampe der Psyche.</span> Roman. 3. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;4.50</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Nur wer die Sehnsucht kennt ...</span> Roman
+6. u. 7. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;4.50</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Die gro&szlig;e Stimme.</span> Novellen. 3. Auflage</td><td class="preis">M.&nbsp;3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Stille Helden.</span> Roman</td><td class="preis">M.&nbsp;5.&#8212;</td></tr>
+</table></div>
+
+
+<p class="center">In Otto Mei&szlig;ners Verlag in Hamburg erschienen:</p>
+
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+<div class="center">
+<table class="werke1" summary="werke">
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Ein Tropfen</span></td><td class="preis2">Geheftet M.&nbsp;2.50</td></tr>
+<tr><td class="werk"><span class="larger">Getr&uuml;btes Gl&uuml;ck.</span> Zwei Novellen</td><td class="preis2">Gebunden M.&nbsp;4.&#8212;</td></tr>
+</table></div>
+
+
+<div class="center">
+<table class="katalog" summary="katalog">
+<tr><td></td><td>Gebunden</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[390]</a></span><em class="gesperrt">Althof, Paul</em> (Alice Gurschner), Die wunderbare Br&uuml;cke und andere Geschichten</td><td class="preis">M. 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das verlorene Wort. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Andreas-Salom&eacute;, Lou</em>, Fenitschka &ndash; Eine Ausschweifung. Zwei Erz&auml;hlungen</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ma. Ein Portr&auml;t. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ruth. Erz&auml;hlung. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Aus fremder Seele. Eine Sp&auml;therbstgeschichte. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Im Zwischenland. F&uuml;nf Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Anzengruber, Ludwig</em>, Letzte Dorfg&auml;nge. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Wolken und Sunn&#8217;schein. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Arminius, W.</em>, Der Weg zur Erkenntnis. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Auerbach, Berthold</em>, Barf&uuml;&szlig;ele. 44.-46. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Auf der H&ouml;he. Roman. 2 B&auml;nde</td><td class="preis">" 4.20</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 B&auml;nde</td><td class="preis">" 4.20</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Spinoza. Ein Denkerleben</td><td class="preis">" 1.70</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Waldfried. Eine vaterl&auml;ndische Familiengeschichte</td><td class="preis">" 2.10</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Baumbach, Rudolf</em>, Erz&auml;hlungen und M&auml;rchen. 17. Tsd.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Es war einmal. M&auml;rchen. 15. u. 16. Tsd.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Aus der Jugendzeit. 10. Tsd.</td><td class="preis">" 6.20</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Neue M&auml;rchen. 9. Tsd.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Sommerm&auml;rchen. 40. u. 41. Tsd.</td><td class="preis">" 4.20</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Bertsch, Hugo</em>, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Birt, Th.</em>, Menedem. Die Geschichte eines Ungl&auml;ubigen</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">B&ouml;hlau, Helene</em>, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Boy-Ed, Ida</em>, Die s&auml;ende Hand. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Stille Helden. Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Um Helena. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein k&ouml;niglicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u. 17. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die gro&szlig;e Stimme. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">B&uuml;low, Frieda v.</em>, Kara. Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Burckhard, Max</em>, Simon Thums. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Busse, Carl</em>, Federspiel. Westliche und &ouml;stliche Geschichten</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Flugbeute. Neue Erz&auml;hlungen. 1. und 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.20</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Sch&uuml;ler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Im polnischen Wind. Ostm&auml;rkische Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Dove, A.</em>, Caracosa. Historischer Roman. 2. B&auml;nde. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 9.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Ebner-Eschenbach, Marie v.</em>, Die erste Beichte. Miniatur-Ausgabe. Mit Portr&auml;t. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 2.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Bo&#382;ena. Erz&auml;hlung. 9.-11. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Erz&auml;hlungen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[391]</a></span>&ndash;"&ndash; Margarete. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Ebner-Eschenbach, Moriz v.</em>, <em class="antiqua">Hypnosis perennis</em> &ndash; Ein Wunder des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Eckstein, Ernst</em>, Nero. Roman. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">El-Corre&iuml;</em>, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Enderling, Paul</em>, Zwischen Tat und Traum. Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Engel, Eduard</em>, Paraskenv&uacute;la und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Fontane, Theodor</em>, Ellernklipp. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Grete Minde. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Quitt. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Franzos, K. E.</em>, Der Gott des alten Doktors. Erz&auml;hlung. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 B&auml;nde. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 7.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Moschko von Parma. Erz&auml;hlung. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Neue Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Pr&auml;sident. Erz&auml;hlung. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Reise nach dem Schicksal. Erz&auml;hlung. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Judith Trachtenberg. Erz&auml;hlung. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Wahrheitsucher. Roman. 2 B&auml;nde. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 8.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erz&auml;hlung. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Frei, Leonore</em>, Das leuchtende Reich. Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Frey, Adolf</em>, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer Schweizerroman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Fulda, L.</em>, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Gleichen-Ru&szlig;wurm, A. v.</em>, Vergeltung. Roman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Grimm, Herman</em>, Un&uuml;berwindliche M&auml;chte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl.</td><td class="preis">"10.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Grisebach, Ed.</em>, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Harbou, Thea v.</em>, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile Ausgabe. 11.-15. Tausend</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Haushofer, Max</em>, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Heer, J. C.</em>, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der K&ouml;nig der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Da tr&auml;umen sie von Lieb&#8217; und Gl&uuml;ck! Drei Schweizer Novellen. 24. u. 25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Heilborn, Ernst</em>, Kleefeld. Roman</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Herzog, Rudolf</em>, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[392]</a></span>&ndash;"&ndash; Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Es gibt ein Gl&uuml;ck ... Novellen. 31.-33. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das gro&szlig;e Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der alten Sehnsucht Lied. Erz&auml;hlung. 10.-12. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Heyse, Paul</em>, L&#8217;Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 2.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; L&#8217;Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben
+&ndash; Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Geburt der Venus. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; &Uuml;ber allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Kinder der Welt. Roman. 2 B&auml;nde. 29. u. 30. Aufl.</td><td class="preis">" 6.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Neue M&auml;rchen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Martha&#8217;s Briefe an Maria. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 2.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Melusine und andere Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ninon und andere Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Novellen. Auswahl f&uuml;rs Haus. 3 B&auml;nde. 14. u. 15. Aufl.</td><td class="preis">"10.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Meraner Novellen. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Neue Novellen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Im Paradiese. Roman. 2 B&auml;nde. 14. u. 15. Aufl.</td><td class="preis">" 6.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das R&auml;tsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Crone St&auml;udlin. Roman. 5. u 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Moralische Unm&ouml;glichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Aus den Vorbergen. Novellen</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vroni und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Xaverl und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[393]</a></span><em class="gesperrt">Hillern, W. v.</em>, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; &#8217;s Reis am Weg. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 2.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Hirschfeld, Georg</em>, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">H&ouml;cker, Paul Oskar</em>, V&auml;terchen. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Hofer, Klara</em>, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Hoffmann, Hans</em>, Bozener M&auml;rchen und M&auml;ren. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ostseem&auml;rchen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Hopfen, Hans</em>, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Huch, Ricarda</em>, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem J&uuml;ngeren. Roman. 13. u. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe <em class="gesperrt">K&uuml;gelgen</em></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Junghans, Sophie</em>, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Kaiser, Isabelle</em>, Seine Majest&auml;t! Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Keller, Gottfried</em>, Der gr&uuml;ne Heinrich. Roman. 3 B&auml;nde. 75.-80. Aufl.</td><td class="preis">"11.40</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Leute von Seldwyla. 2 B&auml;nde. 84.-88. Aufl.</td><td class="preis">" 7.60</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Z&uuml;richer Novellen. 78.-82. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Sinngedicht. Novellen &ndash; Sieben Legenden. 61.-65. Aufl.</td><td class="preis">" 3.80</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erz&auml;hlung. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Knudsen, J.</em>, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte &Uuml;bersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Krauel, Wilhelm</em>, Von der andern Art. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Erbe der V&auml;ter. Ein Lebensbericht</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">K&uuml;gelgen, Wilhelm v.</em>, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl.</td><td class="preis">" 2.40</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Kurz, Hermann</em> (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Kurz, Isolde</em>, Unsere Carlotta. Erz&auml;hlung</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Italienische Erz&auml;hlungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Frutti di Mare. Zwei Erz&auml;hlungen.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Genesung &ndash; Sein Todfeind &ndash; Gedankenschuld. Erz&auml;hlungen</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Phantasien und M&auml;rchen</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen Renaissance. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 6.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Langmann, Philipp</em>, Leben und Musik. Roman</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Lilienfein, Heinrich</em>, Von den Frauen und einer Frau. Erz&auml;hlungen und Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[394]</a></span>&ndash;"&ndash; Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die gro&szlig;e Stille. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Lindau, Paul</em>, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 B&auml;nde. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 7.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Arme M&auml;dchen. Roman. 11. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Mauthner, Fritz</em>, Aus dem M&auml;rchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von &raquo;<em class="gesperrt">L&uuml;genohr</em>&laquo;</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Meyer-F&ouml;rster, Wilh.</em>, Eldena. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Meyerhof-Hildeck, Leonie</em>, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; T&ouml;chter der Zeit. M&uuml;nchner Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Moersberger, Felicitas Rose</em>, Pastor Verden. Ein Heideroman. 2.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Muellenbach, E.</em> (E. Lenbach), Abseits. Erz&auml;hlungen</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Aphrodite und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vom hei&szlig;en Stein. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Niessen-Deiters, Leonore</em>, Leute mit und ohne Frack. Erz&auml;hlungen u. Skizzen. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Im Liebesfalle. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Mitmenschen. Buchschmuck von <em class="gesperrt">Hans Deiters</em></td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Olfers, Marie v.</em>, Neue Novellen</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Vernunftheirat und andere Novellen</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Prel, Karl du</em>, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Riehl, W. H.</em>, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Lebensr&auml;tsel. Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 7.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Neues Novellenbuch. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Rittberg, Gr&auml;fin Charlotte</em>, Der Weg zur H&ouml;he. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Rommel-Hohrath, Clara</em>, Im Banne Roms. Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Roquette, Otto</em>, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 B&auml;nde</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Seidel, Heinrich</em>, Leberecht H&uuml;hnchen. Gesamt-Ausgabe. 10. Aufl. (51.-55. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.)</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl. (3. Tausend)</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Phantasiest&uuml;cke. Gesamtausgabe</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[395]</a></span>&ndash;"&ndash; Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 B&auml;nde. 9. Tsd.</td><td class="preis">je M. 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Winterm&auml;rchen. 2 B&auml;nde. 4. Tsd.</td><td class="preis">" " 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse herausgegeben von <em class="gesperrt">H.W. Seidel</em>. 2. Tsd.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Seidel, H. Wolfgang</em>, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Skowronnek, R.</em>, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Speidel, Felix</em>, Hindurch mit Freuden. Novellen</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Stegemann, Hermann</em>, Der Gebieter. Roman</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Stille Wasser. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Stratz, Rudolph</em>, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. 13. u. 14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; F&uuml;r Dich. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ich harr&#8217; des Gl&uuml;cks. Novellen. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die th&ouml;richte Jungfrau. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Du bist die Ruh&#8217;. Roman. 9. u. 10. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen Armee. 36.-40. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die zw&ouml;lfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der wei&szlig;e Tod. Roman. 19.-23. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Sudermann, Hermann</em>, Es war. Roman. 51.-55. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Jolanthes Hochzeit. Erz&auml;hlung. 31.-33. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Telmann, Konrad</em>, Trinacria. Sizilische Geschichten</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Trojan, Johannes</em>, Das Wustrower K&ouml;nigsschie&szlig;en und andere Humoresken. 4. u. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 3.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Uxkull, Gr&auml;fin Lucy</em>, Rote Nelken. Ein sozialer Roman</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Vockeradt, Emma</em>, Wanderer im Dunkeln. Roman</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Vogt, Martha</em>, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Vollert, Konrad</em>, Sonja. Roman</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td><span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[396]</a></span><em class="gesperrt">Vo&szlig;, Richard</em>, Alpentrag&ouml;die. Roman. 5. u. 6. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; R&ouml;mische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Erdensch&ouml;nheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Du mein Italien! Aus meinem r&ouml;mischen Leben 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Polyp und andere r&ouml;mische Erz&auml;hlungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Richards Junge (Der Sch&ouml;nheitssucher). Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Watzdorf-Bachoff, E. v.</em>, Maria und Yvonne. Geschichte einer Freundschaft. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Wilbrandt, Adolf</em>, Adams S&ouml;hne. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 5.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Meister Amor. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; D&auml;monen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Erika &ndash; Das Kind. Erz&auml;hlungen. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Fesseln. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Franz. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die gl&uuml;ckliche Frau. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Irma. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Novellen</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Familie Roland. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Der S&auml;nger. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Sommerf&auml;den. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Villa Maria. Roman. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Gro&szlig;e Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Wildenbruch, E. v.</em>, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Wohlbr&uuml;ck, Olga</em>, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl.</td><td class="preis">" 6.&#8212;</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Worms, C.</em>, Aus roter D&auml;mmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Erdkinder. Roman. 4. Aufl.</td><td class="preis">" 4.50</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Die Stillen im Lande. Drei Erz&auml;hlungen. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 4.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; Thoms friert. Roman. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 5.&#8212;</td></tr>
+<tr><td>&ndash;"&ndash; &Uuml;berschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl.</td><td class="preis">" 3.50</td></tr>
+</table></div>
+
+<p class="center">F&uuml;r geheftete Exemplare betr&auml;gt der Preis 1 Mark weniger</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende
+Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext
+vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1914. The table below lists all corrections applied
+to the original text.</p>
+
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_19">S. 19</a>: [added quote] nicht in l&auml;ssige H&auml;nde gelegt werden werden&nbsp;&ndash;&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_80">S. 80</a>: [normalized] der Duc d&#8217;alben &rarr; d'Alben</li>
+<li><a href="#Page_203">S. 203</a>: Mahagoniegef&auml;hrten &rarr; Mahagonigef&auml;hrten</li>
+<li><a href="#Page_254">S. 254</a>: Likowsky, der immer einen Augenblick &rarr; Likowski</li>
+<li><a href="#Page_255">S. 255</a>: [normalized] bis S&ouml;rnsen, der F&auml;hrmann &rarr; S&ouml;rensen</li>
+<li><a href="#Page_360">S. 360</a>: Kopf vor&uuml;ber auf die Tischplatte geschlagen &rarr; vorn&uuml;ber</li>
+<li><a href="#Page_368">S. 368</a>: dem Erz das Eisen ab erungen &rarr; abgerungen</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***
+
+***** This file should be named 29738-h.htm or 29738-h.zip *****
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+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
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+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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