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+The Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb
+Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten
+
+Author: Johann Gottlieb Fichte
+
+Editor: Moritz Weinhold
+
+Release Date: July 28, 2009 [EBook #29530]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
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+ ]
+
+
+
+
+ Achtundvierzig Briefe
+ von
+ Johann Gottlieb Fichte
+ und
+ seinen Verwandten.
+
+
+ Herausgegeben
+ von
+ Moritz Weinhold.
+
+
+
+ (Besonderer Abdruck aus den Grenzboten.)
+
+ Mit dem Brustbilde und der Handschrift von Fichte's Frau.
+
+
+
+ Leipzig,
+ Fr. Wilh. Grunow.
+ 1862.
+
+
+
+
+ Herrn
+ Prof. Dr. Immanuel Hermann Fichte
+ in Tübingen
+
+ dem würdigen Sohne würdiger Eltern.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Ist seit der Fichte-Feier auch schon mehr als ein Monat verflossen,
+so ist doch nicht zu befürchten, daß damit auch schon die Theilnahme
+der Gemüther für diesen großen Mann verschwunden sei. Hat doch die
+Allgemeinheit, Gehobenheit und Innigkeit der Gedächtnißfeste gezeigt,
+daß dieser Mann, wie aus dem Schooße des Volkes herausgewachsen, so auch
+ihm an das Herz gewachsen ist; so daß man vertrauen darf, das deutsche
+Volk werde ihn so lange in treuem und dankbarem Andenken halten, bis
+Das, was tüchtig und ewig an ihm war, wiederum auch ganz in Fleisch und
+Blut des Volkes hineingewachsen ist, damit sein Sinn und Geist Blüthen
+und Früchte treibe aus dem Marke und Safte des Volkes zum Segen des
+Volkes. Es ist die Eigenthümlichkeit wahrhaft großer Männer, daß sie auf
+der einen Seite Söhne ihrer Zeit sind, auf der andern aber ihrer Zeit
+vorauseilen und als Vorbilder erscheinen oft noch lange nach ihrem Tode.
+In dem Sinne hat auch der »Cultus des Genius« sein Recht, wenn er dazu
+dient, das Eigenartige, Neue, was in einer ausgezeichneten Persönlichkeit
+zuerst Gestalt gewonnen hat, zum Gemeingute Aller zu machen.
+
+Darum glaube ich, es werde eine nochmalige Hinweisung auf Fichte, wenn
+schon »nach dem Feste«, doch nicht überhaupt zu spät kommen, zumal da
+dieselbe nicht zu den zahlreichen Reden und Meinungsäußerungen über ihn
+bloß noch eine hinzufügen, sondern etwas in der That Neues und echt
+Fichte'sches bringen will, nämlich eine Reihe von Briefen: zweiunddreißig
+von Fichte selbst, elf von seiner Frau, drei von seinem Bruder Gottlob,
+einen von seinem Bruder Gotthelf und einen von seiner Mutter. Dieselben
+beziehen sich, als Briefe von Verwandten an einander, zunächst
+auf Familienangelegenheiten, so jedoch, daß darin auch Fichte's
+Lebensschicksale und geistige Bestrebungen in mannigfache Erwähnung
+kommen, ja daß sogar einige Ergänzungen zu dem davon bereits Bekannten
+geboten werden. Indeß würde mich dies noch nicht zur Veröffentlichung
+derselben bewogen haben, wenn ich ihnen nicht noch einen anderen Werth
+beilegen zu dürfen glaubte. Sie scheinen mir nämlich einen keineswegs
+verächtlichen Beitrag zu Fichte's Charakterschilderung zu liefern,
+indem sie manche Züge und Linien enthalten, welche dem großartigen
+monumentalen Bilde, das wir Alle von seinem Wesen in uns tragen, in
+feiner Nüancirung das Mienenspiel größerer Portraitähnlichkeit leihen,
+ohne ihm seine erhabene Idealität zu rauben.
+
+Warum ich aber diese Reliquien nicht schon zu Fichte's Gedächtnißfeier
+veröffentlicht, darüber bin ich die Erklärung schuldig: sie liegt ganz
+einfach in den Umständen. Es war kaum zwei Wochen vor dem 19. Mai,
+als mir, bei Gelegenheit der Erwähnung Fichte's, von einer meiner
+Schülerinnen mitgetheilt wurde, ihre Mutter, die Enkelin von einem
+Bruder Johann Gottlieb Fichte's, besitze Briefe von ihm. Ich erbat mir
+die Mittheilung derselben -- es waren zwei Briefe von J. G. Fichte und
+einer von seiner Gattin (Nr. 7, 36, 38 der vollständigen Reihe) -- und
+veröffentlichte dieselben in einem Aufsatze »Zur Erinnerung an Johann
+Gottlieb Fichte« im »Dresdner Journal« 1862 Nr. 108-111. Darin gab ich
+als Einleitung eine kurze Hinweisung auf Fichte's philosophisches
+System, welches in seinem theoretischen Theile eine wesentlich
+geschichtliche und insofern allerdings auch unvergängliche Bedeutung in
+Anspruch nehmen dürfe; sodann aber hob ich den noch größeren und
+dauernderen Werth der praktischen Seite seiner Philosophie hervor,
+welche recht eigentlich ein Erzeugniß und ein Spiegel seines Charakters
+ist, wie er auch selbst in seinem eigenen Leben mit seiner, wesentlich
+ethischen, Lehre durchweg übereinstimmte. »So steht Fichte vor uns da
+-- ein ganzer, ein deutscher, ein großer Mann, ein hohes Vorbild der
+Energie im Denken und im Handeln auch für unsere Zeit. Nur aus einem
+solchen Charakter läßt sich auch jener, wenngleich einseitige und darum
+falsche, dennoch aber großartige und erhabene theoretische Grundgedanke
+erklären.« An die durch die erwähnten Briefe veranlaßten Hindeutungen
+auf Fichte's häusliche Verhältnisse und die gemüthliche Seite seines
+Wesens fügte ich endlich einige Notizen über eine Wirksamkeit Fichte's,
+an die man bei Erwähnung seines Namens gewöhnlich gar nicht denkt, die
+aber doch zur Vervollständigung seines Charakterbildes der Erinnerung
+wohl werth ist: seine Beziehung zur Poesie. Zu dem in Fichte's Biographie
+(»Fichte's Leben und literarischer Briefwechsel. Von seinem Sohne
+Immanuel Hermann Fichte.« 2. Aufl. Leipzig 1862. 2 Bde.) darüber
+Gesagten gab ich als einen kleinen Nachtrag einige Citate, besonders aus
+den Lebensbeschreibungen Adelbert von Chamisso's und Friedrich de la
+Motte Fouqué's, zum Beweise, wie bedeutenden Einfluß Fichte namentlich
+auf die Dichter des Nordsternbundes in Berlin gehabt; ich schloß mit
+den Worten: »Wir sehen, daß Fichte selbst in Kreisen, welche dem
+eigentlichen Gebiete seiner Thätigkeit ferner standen, hohe Geltung
+und Anerkennung genoß und sich in jeder Beziehung als ein bedeutender,
+unvergeßlicher Mann erweist; denn wer den Besten seiner Zeit genug
+gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.«
+
+Das Interesse, welches für die Sache rege geworden war, bewirkte
+weitere Nachforschungen, und das Ergebniß derselben war die Auffindung
+einer ganzen fast vergessenen Sammlung von Briefen, welche mir
+bereitwillig zur Veröffentlichung überlassen wurden, die denn, nach
+Vollendung der nöthigen Vorarbeiten und mit ausdrücklicher Genehmigung
+des Herrn Professor Dr. Fichte in Tübingen, zunächst in den »Grenzboten«
+Nr. 29-32 erfolgte, woraus nunmehr die vorliegende Separat-Ausgabe
+hervorgegangen ist.
+
+Ich habe den Abdruck nach einer diplomatisch genauen Copie der
+Originale machen lassen, weil ich zu Aenderungen der darin, allerdings
+nicht immer ganz consequent, beobachteten Orthographie und Interpunction
+nach unsern Grundsätzen mich nicht berechtigt und es auch nicht für
+nöthig hielt, die vorkommenden kleinen Unfertigkeiten und Ungenauigkeiten
+eigenmächtig und, wie's geschehen müßte, bisweilen auch willkürlich zu
+verbessern. Es mag Manchen interessiren zu sehen, wie Fichte schrieb,
+wenn er flüchtig schrieb; unserer Vorstellung von seiner Geistesgröße
+wird dadurch Nichts entzogen, daß wir sehen, wie auch Fichte, wie wir
+Alle, in eilig geschriebenen vertraulichen Briefen zuweilen einen
+falschen Buchstaben machte oder einen Punkt vergaß. Ich erwähne nur
+noch, daß Fichte z. B. die geschärften Laute »tz« und »ck«, die er im
+Ganzen scheint vermeiden zu wollen, doch bisweilen gebraucht, wie er
+auch bald »weißst«, bald »weist« u. dgl. schreibt. Zu den Briefen von
+Johanna Maria Fichte bemerke ich, daß darin der letzte Buchstabe des
+Alphabets nach geschärften wie nach gedehnten Silben durchweg eine
+solche Form hat, als ob »t« und »z« zu einem Buchstaben zusammengezogen
+seien, sodaß nur die Wahl blieb, überall »z« oder überall »tz« zu
+setzen: ich habe das Erstere gewählt. Außerdem hat in Johanna's Briefen
+das »s« immer die französische Form, ebenso die Buchstaben »a, g, u, v,
+w«, die auch als große Anfangsbuchstaben sich oft nur wenig von den
+kleinen unterscheiden; hierzu vergleiche man die halb französische
+Unterschrift des 16. Briefes und den gallicistischen Gebrauch der
+Negation nach dem Comparativ im 12. Briefe. --
+
+Diesem Büchlein füge ich als künstlerische Zugabe bei das Bildniß von
+Fichte's trefflicher Gattin in wohlgelungenem Kupferstiche nach einer
+Zeichnung auf Pergament, welche sich im Besitze derselben Familie
+befindet, der die Briefe gehören. Ein zweites Exemplar davon, mit
+geringen Abweichungen, besitzt Herr Professor Fichte in Tübingen, und
+danach ist der ziemlich rohe Holzschnitt im »Illustrirten Panorama.
+Berlin, Brigl. Band III. Lief. 1.« gefertigt. Das daselbst daneben
+gestellte Bild Fichte's aus seinen jüngeren Jahren ist nur eine Fiction
+des Zeichners; allerdings hat es zu jener Zeichnung in Sachsen ein
+Pendant gegeben, jedenfalls aus Fichte's Jenaer Epoche, aber dieses ist
+bedauerlicher Weise längst abhanden gekommen und nicht mehr zu erlangen.
+Leider ist nicht mehr aufzuklären, ob unser Medaillon-Bild eins von den
+zwei oder drei (die Unterscheidung ist nicht ganz deutlich), sonst
+unbekannten Portraits ist, welche Fichte in den Briefen an seine Braut
+erwähnt, eben so wenig ist der Zeichner bekannt. Die Aehnlichkeit aber
+ist von Herrn Professor Fichte, dem Sohne, ausdrücklich anerkannt,
+welcher versichert, daß »ihre Gesichtszüge auch in späteren Jahren noch,
+besonders was den physiognomischen Ausdruck anbetrifft, ganz damit
+übereinstimmten.« Und in der That entspricht dieser Ausdruck auch ganz
+der Vorstellung, die wir nach ihren Briefen uns machen, welche wirklich,
+wie Gotthelf Fichte sagt, eine schöne Seele verrathen: aus ihrem
+Gesichte spricht Zartheit und Innigkeit, ruhig milde Sanftmuth, gepaart
+mit einem leisen Anfluge von weiblich naivem Humor. Bemerkenswerth ist,
+wie Johanna's Handschrift, die ursprünglich etwas gerundeter und
+zierlicher war, einige Jahre nach ihrer Vermählung einen freieren und
+kräftigeren Zug annimmt; diesen letzteren, als der fertigen Individualität
+entsprechend, habe ich geglaubt für das Facsimile wählen zu müssen,
+welches nach dem 38. Briefe gebildet ist. -- Johanna Fichte war keine
+Bettina und keine Rahel, aber sie war eine treue, sinnige, gläubige
+deutsche Frau, die auch nahe daran war, in ihrem Wirken als Pflegerin
+der Kämpfer für Deutschlands Freiheit ihr Leben dem Vaterlande zu
+opfern, während der Allwaltende ihr darin ihren Gatten zum
+Stellvertreter setzte. --
+
+Der Zweck dieses Schriftchens ist, Fichte zu zeigen, wie er war,
+vorzüglich in den Beziehungen zu seiner Familie: bei der Offenheit
+seines Herzens verbindet sich dem reinsten Wohlwollen auch hier die bei
+ihm überall durchschlagende Ehrlichkeit und Entschiedenheit des Willens.
+
+Es ist die Art edler Charaktere, daß sie uns um so mehr anziehen, je
+näher wir ihnen treten. Schon in meiner Studienzeit in Leipzig hatte
+ich, veranlaßt durch eine mir übertragene Bearbeitung der Fichte'schen
+Philosophie in Herrn Professor Dr. Weiße's philosophischer Gesellschaft,
+Fichte's Geist in seiner Stärke und Größe bewundern müssen; je mehr ich
+ihn kennen lernte, desto mehr lernte ich ihn auch lieben. Ich hoffe,
+auch Andere werden diese Erfahrung an sich machen. Eine glückliche
+Fügung verstattet mir, gegenwärtigen kleinen Beitrag zur Verherrlichung
+seines Andenkens zu liefern und so ihm meinen Dank abzutragen für Das,
+was er mir geworden durch seine Lehre und sein Leben.
+
+Dresden, Michael 1862.
+
+ ~Julius Moritz Weinhold~,
+ _Cand. theol._, Lehrer bei dem königlichen Cadettencorps
+ und an der Wieland'schen Töchterschule &c.
+
+ Der erste Brief ist aus Schulpforta geschrieben, ein halbes Jahr nach
+ der am 4. Oct. 1774 erfolgten Aufnahme des damals kaum zwölf und ein
+ halbes Jahr alten Knaben. Zu der Schilderung, die wir in seiner
+ Lebensbeschreibung (I, 10-17) von seinem Aufenthalte auf dieser
+ Fürstenschule erhalten, fügt dieser Brief ein Genrebildchen, welches
+ uns bereits in dem jungen Schüler einerseits den ehrlichen, strengen
+ Charakter andeutet, andererseits eine zartfühlende Gewandtheit zeigt,
+ mit der er das Anerbieten seines Vaters von sich weist, ihm eine
+ Sorte seiner Waaren zu liefern, die Gottlieb unter seinen Mitschülern
+ vertreiben sollte. An dem Briefe ist auch eine für das sehr jugendliche
+ Alter des Schreibers auffallend ausgeschriebene Hand zu bemerken.
+
+
+
+
+1.
+
+
+ Herzliebster Vater
+
+Euren Brief habe ich erst heute, als den 1 Aprill erhalten. Ich habe
+bisher mit Schmerzen gewartet, und fast vor Freuden wurde ich außer mir
+als ich hörte es sey ein Brief an mich da, denn ich glaubte gewiß daß
+etwas darinn seyn würde. In etlichen Tagen ist der _Examen_ aus welcher
+14 Tage währet, und wo wir verschiedene Sachen ausarbeiten müßen,
+die nach Dreßden geschickt werden. Wir bekommen auch übermorgen die
+_Censuren_, da wir entweder wegen unseres Fleißes gelobt oder wegen
+unserer Faulheit gescholten werden. Dieses wird nun alles nach Dreßden
+in die Regierung berichtet. Da ich nun gewiß weiß daß ich ein sehr gutes
+ja fast das beste Lob bekommen werde, so kostet mich doch auch dieses
+entsetzlich Geld. Denn es ist hier die fatale Gewohnheit daß wer eine
+gute _Censur_ bekommt den 6. Obersten in seiner Claße und 5. Obersten
+am Tische jeden ein ganz Stück Kuchen kauffen muß welches 1 Gr. 3 Pf.
+kostet also zusammen 13 Gr. 9 Pf. Ob ich nun gleich dieses _Examen_
+5 Gr. 6 Pf. verdient habe, so bleibt doch noch 8 Gr. 3 Pf. welche mir
+auch schon mein Ober-Geselle ein sehr hübscher Mensch, geborgt hat. Doch
+was ich übrigens verdiene langt kaum zu den vielen Waßer Krügen welche
+man hier kaufen muß, denn die Untersten müssen Wasser holen, und mausen
+sich einander die Krüge dazu ganz entsetzlich welches ich aber nicht
+thun kann, denn es ist und bleibt gestohlen. Doch bey allen diesen
+kümmerlichen Dingen danke ich doch noch Gott daß ich keine Schulden als
+die vorhinerzählten 8 Gr. 3 Pf. habe. Daß es Euch mein lieber Vater sehr
+schwer fallen werde, glaube ich wohl, doch sollte ich denn nicht noch
+so ein gutes Andenken bei meinen Freunden haben. Mein unschickliches
+Verhalten wegen des Briefes an Herrn Boden, glaube ich durch beygelegten
+Brief gut zu machen. An zwey Personen aber kann man auf einmal einen
+Brief nicht schreiben. Doch noch eins, was schreibt ihr mir denn von 6.
+Geschwistern, ich habe gerechnet und gerechnet, bringe ihrer aber nur 5.
+heraus. Ihr schreibt mir von Strumpfbändern, ich weiß aber wohl nicht,
+ob es gut gethan seyn würde, denn leider fragt man hier nicht so
+viel nach dergleichen Sachen als nach Geld, ich würde auch noch dazu
+entsetzlich ausgehöhnt werden, wollt ihr mir aber so gut seyn und mir
+ein paar schicken, so wird es mir sehr angenehm seyn, nicht allein weil
+ich sie sehr nothwendig brauche, sondern weil es mir auch ein sehr
+angenehmes Andenken an Euch verschaffen würde. Ich habe weil ich hier
+bin eine beständige Gesundheit gehabt. Grüßt meine liebe Mutter mein
+Geschwister und besonders Gottloben und sagt ihn er solle mir doch
+schreiben. Ich würde ihm auch schreiben, wenn es jetzo im _Examen_ die
+Zeit litte. Lebet wohl.
+
+_P. S._ Warum denn aber zur Oster Meße ihr könnt mir eure Brieffe immer
+auf der Post un_francirt_ schicken, denn das bezahl der Hr. _Rector_
+
+Pforte d. 1 Aprill 1775
+
+ Johann Gottlieb Fichte
+
+ Wer der im Briefe erwähnte Herr Boden sei, dafür finde ich keinen
+ Anhalt. Der erwähnte Obergesell war der spätere Generalsuperintendent
+ in Riga Karl Gottlob Sonntag, dessen Aufsicht er übergeben wurde, weil
+ er die Behandlung seines ersten Obergesellen nicht länger ertragen
+ mochte (I, 12. 14. f.). Die Zahl der Geschwister, über deren Vermehrung
+ Fichte sich wundert, betrug überhaupt sieben, wie mir mündlich
+ mitgetheilt worden; es waren sechs Brüder und eine Schwester.
+
+
+
+
+2.
+
+
+ Wolfishein d. 13. Mai. 1787.
+
+ Bester Vater,
+
+Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen Monats, im Einschlage
+an Herr Burschen schon erhalten hat. Ich habe darinnen von meinen
+Befinden, und von meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt
+habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich zu besorgen
+bitte.
+
+Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von =Lerchenbäumen= ist. Im
+Gespräch sagte ich das einmal meinem Herrn Principal, und er wünschte
+dergleichen Saamen zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen zu
+verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem Jäger (wenn er
+nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn in seinem, und auch in meinen
+Namen sehr bitten, und ihm sagen, daß mir eine große sehr große
+Gefälligkeit damit geschähe, und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten
+bereit sey --) =Ein Loth Lerchen Saamen= zu verschaffen, gegen =baare
+Bezahlung=, die ich Ihn vor der Hand auszulegen bitte, die ich aber
+gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken werde: sich aber zugleich
+bei eben dem Jäger =genau= und =sorgfältig= zu erkundigen, =wenn=?
+(ob im Frühlinge, oder Herbst) und =wie=? (ob dichte, oder dünne)
+der Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders =was vor Boden=, ob
+=leimigten=, oder =schwarzen schweren=, oder =sandigten= erfordert:
+und mir =so bald als möglich= mit der Post den Saamen, nebst dieser
+Nachricht, genau und deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er
+kostet.
+
+Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große Gefälligkeit.
+Suche Er also ja mir sowohl den Saamen, als die dazu gehörigen Nachrichten
+zu verschaffen. Sollte, wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht
+weggeben wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen, es
+bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn Pfarrer Wagner,
+nebst vielen Empfehlungen von mir, die Sache zu übernehmen, der ihn
+vielleicht eher erhalten wird. Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige
+Antwort aus. Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche,
+beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße alles mein
+Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten Achtung
+
+ Ihr
+ Gehorsamer Sohn
+ _Fichte_.
+
+Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter, und Herrn Bruder. Ich
+bitte auf jeden Fall um baldige Antwort.
+
+ Dieser zweite Brief mit der Aufschrift:
+
+ Herrn
+ Herrn _=Fichte=_
+ in
+ =Rammenau=.,
+
+ ist aus Wolfishein, wo Fichte Hauslehrer gewesen sein muß. Ein
+ »Wolfshain« oder »Wolfshayn«, welches wohl hier gemeint ist, liegt
+ 2¾ Stunden östlich von Leipzig; das dortige Rittergut kaufte um die
+ Mitte des vorigen Jahrhunderts Buchdrucker Breitkopf. Außerdem giebt
+ es ein »Wolffshain« in der Niederlausitz, 5 St. östlich von Spremberg.
+ Ueber diese Zeit seines Lebens berichtet sein Sohn nur (I, 27): »Von
+ seinen äußern wechselnden Verhältnissen um diese Zeit wissen wir nur
+ Einzelnes und Abgerissenes.« Der in dem Briefe erwähnte Herr Bursche
+ wohnte nach anderen Briefen in Pulsnitz und war Seifensieder; der
+ Pfarrer Wagner war der um Fichte hoch verdiente Pastor zu Rammenau.
+ Hier ist nämlich ein doppelter Irrthum der Biographie zu berichtigen.
+ Dieselbe (I, 7 f.) nennt diesen Mann =Diendorf=. -- Es gab aber in
+ Rammenau nur einen Pfarrer _M._ Johann Gottfried =Dinndorf= -- so habe
+ ich selbst den Namen in dem Kirchenbuche gelesen -- und dieser starb,
+ nachdem er ziemlich 53 Jahre sein Amt verwaltet, am 19. März 1764,
+ also kaum zwei Jahre nach Fichte's Geburt. Auf ihn folgte zunächst
+ _M._ Karl Christoph Nestler, und auf diesen am 5. August 1770 Adam
+ Gottlob Wagner. Derselbe war, wie mir Herr Pastor Werner in Rammenau
+ mündlich mittheilte, vorher Erzieher auf dem herrschaftlichen Schlosse
+ gewesen und daher mit den Ortsverhältnissen und den Dorfbewohnern wohl
+ bekannt; und so empfahl er später den etwa zehnjährigen Fichte dem
+ Herrn von Miltitz, der gewünscht hatte, eine von Wagners Predigten zu
+ hören. Aber selbst hiervon abgesehen, und ein noch geringeres Alter
+ angenommen -- wie der Biograph sagt: »der Knabe mochte bereits acht
+ oder neun Jahre alt geworden sein« --, kann immer nur an Wagner
+ gedacht werden. Auch war derselbe, wie ich selbst von andern
+ Seiten in der Lausitz gehört habe, als Prediger berühmt. -- Jene
+ Namensverwechslung kann, wie Herr Pastor Werner vermuthet, vielleicht
+ dadurch entstanden sein, daß Fichte wohl zuweilen seiner Familie von
+ dem alten wackern, zu seiner Zeit noch nicht vergessenen, Dinndorf
+ erzählt haben mag, der während seiner langen Amtsführung gar Vieles
+ erlebt hatte, z. B. den siebenjährigen Krieg, einen Neubau der Kirche
+ u. s. w., und der ein unermüdlich fleißiger Prediger war, denn er
+ soll während seines Lebens beinahe 8000 Mal gepredigt haben. -- Der
+ damalige Gutsherr von Rammenau wird in der Biographie (I, 7) Graf von
+ Hoffmannsegg genannt. Genau genommen aber hieß er damals nur Johann
+ Albericus von Hoffmann und war Geheimer Cabinets-Assistenzrath; denn
+ erst 1779 wurde er unter dem Namen Hoffmannsegg (er soll einen mit
+ einer Egge verbundenen Pflug erfunden haben) in den Reichsgrafenstand
+ erhoben. -- Uebrigens ist bemerkenswerth, wie in Fichte's Briefen mit
+ der Zeit die Anreden wechseln: im ersten Briefe nennt Fichte seinen
+ Vater, »Ihr«, in diesem »Er«, in allen ferneren aber nach unserer
+ Weise »Sie«.
+
+ Im Sommer 1788 ging Fichte nach Zürich, wo er anderthalb Jahre
+ Erzieher im Hause eines angesehenen Gasthofbesitzers, Namens Ott, war
+ (I, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab
+ und traf in der ersten Hälfte des Mai in Leipzig ein, wo er den
+ folgenden Brief an seine Eltern schrieb, welchem auf der Rückseite
+ desselben Blattes einer an seinen Bruder Gotthelf angefügt ist.
+
+
+
+
+3a.
+
+
+ Leipzig. d. 20. Jun. 90.
+
+ Liebste Eltern,
+
+Ich bin seit 6. Wochen, und drüber, in Leipzig. Wenn ich es Ihnen nicht
+eher meldete, so kam es blos daher, weil ich keine Gelegenheit; und wenn
+Gelegenheit, keine Zeit hatte.
+
+Ich bin 7. Wochen auf der Reise gewesen: bin sehr gesund und angenehm
+gereißt: habe viel schönes gesehen und viel große Männer kennen gelernt.
+Jetzt habe ich keine =bestimmten= Aussichten: Hofnungen und Versprechungen
+genug, aber noch nichts sicher. Sobald sich welche finden werden; sobald
+ich meinen Aufenthalt verändern werde, werde ich nicht ermangeln, es
+Ihnen zu melden. Lieber wäre es mir fast, wenn ich etwa ein Jahr in
+Leipzig bleiben könnte. Könnte ich dies möglich machen, so würde ich die
+vortheilhaftesten Anträge ausschlagen.
+
+Mein Plan ist noch der ehemalige. Nur will ich nicht mehr zu Kindern;
+sonst könnte ich längst eine Stelle haben. Ich will reisen, oder an
+einen Hof. -- Sollte dies etwa Jemand nicht begreifen können: so --
+wundert mich das nicht. Wenn ich es nur begreife.
+
+Ich bin mit höchster Ehre von Zürich abgegangen. Weise ist mehr als je,
+mein Freund. Der Hr. von Miltitz ist gut auf mich zu sprechen. Ich
+wechsele Briefe von Zürich bis Coppenhagen -- und mit großen Personen.
+
+Ich gehe einen Weg es entweder sehr hoch zu bringen, oder ganz zu
+verlieren, sagt ein hiesiger Professor, der mein Freund ist. -- Er hat
+recht; aber ich hoffe das erstere; und würde das letztere ertragen.
+
+Den gewöhnlichen Weg schleichen -- mich auf eine Dorfpfarre setzen, kann
+ich einmal nicht, und Gott, der mir diesen Sinn gab, weiß, daß ich es
+nicht kann.
+
+Ich bitte Sie, mich in Ihrem gütigen Andenken zu behalten, und zu
+glauben, daß ich unverändert bin
+
+ Ihr
+ gehorsamer Sohn
+ Gottlieb.
+
+_P. S._ Es thut mir leid, daß ich diesen Brief nicht frankiren kann. Ich
+schike ihn durch Einschluß bis Dreßden, gebe ihn also nicht hier auf die
+Post. -- Aber über 1 Gr. 3 Pf. darf er nicht kosten, denn er kömmt von
+Dreßden.
+
+
+
+
+3b.
+
+
+ =Meinem Bruder Gotthelf.=
+
+ Lieber Bruder,
+
+Daß ich wieder in meinem Vaterlande bin, wirst du nun wißen. -- Ich bin
+gesund, -- gesünder, als ich vielleicht je war; das thut das Reisen --
+muthig, voll Lust und Hofnung. Aussichten, wie ich sie wünsche, habe ich
+genug, aber ich erwarte sie mit Geduld, und Ergebung. Was mir am meisten
+fehlt, sind Freunde. Mit gewöhnlichen Studenten mag ich keinen Umgang
+haben; meine alten Freunde sind alle weg: ich wünsche also oft Dich zu
+mir, um so ein Gespräch zu führen, wie wir es im Jahr 88 oft hatten. Mit
+den wenigsten Menschen komme ich im vertrauten Umgange zu rechte. In Dir
+hatte mir die Natur einen Freund gegeben, wie ich ihn bedarf. Warum
+musten so verschiedene Lebensarten, und solche Entfernungen uns trennen?
+
+Erseze, was dem mündlichen Umgange fehlt, durch Briefe. Schreib mir oft,
+und so viel Du willst und kannst. Ich werde Deine Briefe gern lesen, und
+beantworten. -- Da Du aber nicht postmäßig schreiben kannst, und da ich
+wünsche, daß Du mir große Briefe schriebest, so gieb sie den Fuhrleuten.
+Ich wohne auf der =Fleischer Gaße, in Weinholds Hause, 1. Treppe hoch,
+vorn heraus=.
+
+Ich muß mich jezt mit Bücherschreiben ernähren; wenn ich leben will. Das
+ist mir denn nun keine angenehme Arbeit. Will ich was gutes, nüzliches,
+schönes schreiben, wie ich wohl möchte, und könnte, so erfordert es viel
+Zeit, und -- der Buchhändler will nichts nüzliches. Schreibe ich, wie
+der Buchhändler es gern hat, leichte Waare, Mode Zeug, so macht mir das
+weder Ehre, noch Vergnügen.
+
+Zur Zeit ist noch nichts erschienen, aber auf die Michaelis-Meße wird
+einiges von mir die Preße verlassen.
+
+Sehen möchte ich Dich, und die übrigen aus dem Hause, die mich lieben,
+wohl gern einmal. Aber -- ich hänge in Ansehung des Reisens von meinem
+Beutel ab, und der verträgt jetzt keine Reise. Auf Michaelis =vielleicht=
+komme ich -- nicht nach Rammenau; dahin in meinem Leben schwerlich
+wieder -- sondern in eure Nähe, wo mich sehen können, die mich sehen
+wollen.
+
+Leb recht wohl. Ich bin Dein
+
+ Dich herzlich liebender Bruder
+ Gottlieb.
+
+ »Weise« ist ohne Zweifel der Kreissteuerrath Weiße, sein treuer
+ Beschützer, der ihm auch die Stelle in der Schweiz verschafft hatte.
+ Der Freiherr von Miltitz war der Edelmann, der so väterlich für
+ Fichte's Ausbildung sorgte. Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst
+ mit nach seinem Schlosse =Siebeneichen= bei Meißen an der Elbe,
+ welches in der Biographie (I, 9) auch ganz richtig beschrieben ist,
+ obwohl daselbst »Oberau« genannt ist, was aber östlich abseits der
+ Elbe liegt. Herr Pastor Carl Gottfried Beer in Niederau schreibt mir
+ darüber: »Auf Park und Schloß zu Oberau paßt die Beschreibung gar
+ nicht. -- Oberau und Niederau gehörten früher mit zu dem manchmal so
+ genannten Miltitzer Ländchen, und die letzten Besitzer dieses Namens
+ haben auch in Oberau gewohnt.« Sodann wurde Fichte dem Prediger in
+ Niederau anvertraut, bei dem er seine schönsten Jugendjahre verlebte.
+ Der Biograph sagt: »Leider wissen wir den Namen des trefflichen Mannes
+ nicht, wol aber erinnern wir uns, daß Fichte noch in seinen spätern
+ Jahren mit Rührung und herzlichem Danke des frommen Predigerpaars
+ gedachte.« Herr Pfarrer Beer, den ich um Auskunft ersuchte, macht mir
+ die dankenswerthe Mittheilung: »Der Pfarrer hieß Gotthold Leberecht
+ Krebel, starb 1795, nachdem er 31 Jahr, von 1764 an, Pastor der
+ Gemeinde zu Niederau gewesen. -- In meinem Garten stehen zwei Linden
+ und hinter demselben dicht an der Mauer noch zwei. Von diesen sagte
+ mir mein alter ehrwürdiger Schulmeister, den ich 1823 bei Antritt
+ meines Amts in Niederau fand: Diese Linden hat ein Knabe gepflanzt,
+ der bei dem seligen Krebel in Kost und Lehre gewesen ist; der Knabe
+ hat Fichte geheißen. So erzählte mein alter Hase, der übrigens weiter
+ nichts von Fichte und dessen Schicksalen gehört oder gelesen hatte.«
+ Nach »Sachsens Kirchen-Galerie« 1. Band (Dresden, Schmidt 1837),
+ S. 125 -- wo übrigens, wie ich nachträglich finde, auch schon Pastor
+ Krebel als derjenige genannt ist, bei dem Fichte einen Theil seiner
+ Knabenjahre verlebte -- war dieser Johann Georg Haase, geb. 1764 in
+ Würschnitz bei Radeberg, seit 1787 Lehrer in Niederau: also erst
+ nachdem Fichte längst weg war, wie auch die Perfect-Form der
+ Zeitwörter in seinem angeführten Berichte bestätigt. In Bezug endlich
+ auf den Freiherrn von Miltitz, dessen Name in der Biographie auch
+ nicht genauer bezeichnet ist, bemerkt Herr Pastor Beer: »Im Jahre 1774
+ hat der _P._ Krebel aufgezeichnet: Am 5. März verstarb zu Pisa Herr
+ Ernst Haubold von Miltitz &c. und ist zu Livorno christlich beerdigt
+ worden. Ein Vierteljahr darauf starb des gedachten Herrn von M.
+ einzige Tochter im fünften Lebensjahre, und ist auf dem Kirchhofe zu
+ Oberau beerdigt worden. -- Der genannte Herr von M. war nur 34½ Jahr
+ alt geworden; zur Pflege seiner Gesundheit nach Italien gegangen,
+ hatte er daselbst einer langwierigen Krankheit unterliegen müssen.
+ Dieser ist wahrscheinlich der Gönner, der sich um Fichte so verdient
+ gemacht hat.« -- Nach dem Kirchenbuche zu Rammenau war ein Pathe des
+ 1766 in der katholischen Hofkirche zu Dresden getauften Johann
+ Centurius von Hoffmannesegg: »der hochwohlgeborene Herr Ernst Haubold
+ von Miltitz, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr zu Oberau, Niederau,
+ Siebeneichen und Bazdorf, Churfürstl. Sächß. Obrist-Lieutenant und
+ Amts-Hauptmann des Meißnischen Creyßes«. Dieser kann aber wohl kaum
+ ein und derselbe mit dem obigen sein, sondern vielleicht der
+ gleichnamige Vater desselben. -- Wie sehr ihm Freunde fehlten, spricht
+ Fichte auch in einem Briefe nach der Schweiz vom 8. Juni aus (I, 71);
+ in demselben Briefe (I, 74) macht er den Buchhändlern ähnliche
+ Vorwürfe wie hier. Das Werk, was er zum Drucke vorbereitete, war eine
+ Schrift über Kants Kritik der Urtheilskraft, die aber nie gedruckt
+ ward (I, 96 f. 99 f. 105 f. 108 f. 111 ff.), deren Ausarbeitung seinen
+ durch das Studium der Kant'schen Philosophie bewirkten Uebergang von
+ Spinoza'schem Determinismus zur Anerkennung persönlicher Freiheit
+ bezeichnet.
+
+ Gotthelf ist sein Liebling unter seinen Brüdern, neben dem nur noch
+ Gottlob öfters erwähnt wird; seiner -- nächst seinem stets am höchsten
+ verehrten Vater -- gedenkt er auch in dem Tagebuche über seine Reise
+ nach Warschau besonders herzlich (I, 119); ihn macht er schon hier
+ sanft auf einen Fehler aufmerksam; ihn sucht er, wie wir später sehen
+ werden, ganz zu sich heran zu bilden. An ihn ist auch der folgende
+ Brief gerichtet, in welchem er mit größter Offenheit über die -- an
+ sich wohl ganz erklärlichen, ja von einem beschränkten Standpunkte aus
+ sogar natürlichen -- Erwartungen und Zumuthungen von Seiten seiner
+ Familie (an denen namentlich seine Mutter wesentlichen Antheil hatte;
+ vgl. unten den 12. Brief) seinem Herzen Luft macht, welches hier,
+ erfreulicher Weise nur vorübergehend, einen ziemlich hohen Grad von
+ bitterer Gereiztheit zeigt, da er wie Faust »in seinem dunkeln Drange
+ sich seines rechten Weges wohl bewußt« war. Diesem Bruder hatte er
+ auch, wie der Anfang dieses Briefes anzudeuten scheint, seine
+ Vertheidigung gegen jene Anforderungen aufgetragen, welche freilich
+ nicht gelang.
+
+
+
+
+4.
+
+
+ Leipzig, d. 3. Jenner. 1791.
+
+Erst gestern, mein lieber Bruder, habe ich Deinen Brief erhalten, und
+heute antworte ich Dir, weil morgen Posttag ist. Schon fing ich an zu
+glauben, mein lezter Brief sei zu hart gewesen; er reute mich, und ich
+war im Begrif in einem gelindern Tone mich zu beklagen.
+
+Dank Dir, Bruder, daß Du Deine Aufträge so richtig ausgerichtet hast,
+daß er mich eben nicht mehr reuen darf. -- Doch reut er mich auch noch.
+Ich habe Worte verlohren.
+
+Ich fragte nicht etwan an, =ob= man meine Maasregeln billigte? Es
+scheint, man hat meinen Brief falsch verstanden. Das weiß ich allemal
+schon vorher, daß nie etwas wird gebilligt werden, was ich thue; und
+dies ist nun eben auch mein geringster Kummer. Aber wie wäre auch das zu
+billigen, daß ich schon wieder nicht in meinem =Dienste= geblieben bin;
+daß ich wieder keinen =Herrn= habe? Die Leute haben in ihrer Art ganz
+Recht. -- Ich fragte nur, ob man mir etwan =deswegen= nicht schriebe,
+=weil= man meine Maasregeln nicht billigte? Daß es mich verdroß, daß
+man that, als ob ich gar nicht mehr in der Welt war, läugne ich nicht.
+Daß Du selbst, Bruder, so in ganzem Ernste die Nachlässigkeit im
+Briefschreiben auf mich zurükschieben; daß Du das ohne Erröthen
+niederschreiben; daß Du Deine Feder dazu leihen konntest, wundert mich
+doch. »=Ich würde nicht geschrieben haben, wenn man mich nicht aufgesucht
+hätte=« -- Ei! wer ist denn so klug, daß er weiß, was ich gethan haben
+=würde=? Ich kann im Gegentheil versichern, daß ich darum keinen Tag
+eher, und keinen später geschrieben hatte. Ich schrieb, sobald ich
+=konnte= (im eigentlichen Sinne des Wortes =konnte=) Hätte ich eher
+gekonnt, so hätte ich es eher gethan: hätte ich auch dann noch nicht
+gekonnt, so hätte es auch dann bleiben müßen. Wer hat denn aber seitdem
+auf 3. bis 4. Briefe aus der Schweiz -- auf den, den ich sogleich nach
+meiner Ankunft in Leipzig schrieb, nicht geantwortet? mir nicht einmal
+einen Empfangsschein zugeschikt? Wüste ich nicht sicher, daß sie richtig
+abgegeben wären, so müste ich fest glauben, sie seien untergeschlagen.
+
+Denen es so sehr leid thut, daß ich nicht mehr in der Schweiz bin, will
+ich den Gefallen auch thun. =Ich reise Anfangs Aprills wieder in die
+Schweiz zurük, um nie wieder nach Sachsen zu kommen.= -- Was will man
+denn wohl mit diesem Bedauern? mit diesem Verheimlichen? Du hättest mich
+Dir sehr verbindlich gemacht, wenn Du mir die Ursachen davon geschrieben
+hättest. Nimmt man vielleicht die Maske, als ob es einem um meine
+Wohlfahrt sei? O, wer kann denn über meine Wohlfahrt aus seinem engen
+Gesichtspuncte so dreist urtheilen? Wer weiß denn die Gründe meines
+Abgehens in der Schweiz? wer weiß denn das, was mich bewogen hat, wieder
+nach Leipzig zu gehn? wer weiß denn, wie es mir in Leipzig geht? Man muß
+scharfsinniger sein, als ich bis jetzt gewust habe. -- Oder ist es ihnen
+nur darum zu thun, mich recht weit von sich zu wißen? O! ich mag weit
+oder nahe sein, so sind sie immer sehr sicher, daß ich mich ihnen nicht
+nahe. Laß sie glauben, ich bin gar tod; das ist noch weiter als die
+Schweiz. -- Oder ist ihnen nur das zuwider, daß sie nicht mit mir,
+nach ihrer Art, Staat machen können? Mögen sie doch immer sagen,
+ich sei irgendwo ein Dorf Pfarrer. Ich werde nicht kommen, und ihnen
+widersprechen. -- Beßer konnte man nicht sagen, daß man sich meiner
+schäme. Aber laß sie es immer sagen. Ich will mich ihrer nicht schämen.
+
+Daß man mein Glück wünscht, würde mich noch mehr freuen, wenn man mir
+zugleich, -- mir, der ich schon längst mündig bin, der ich wohl etwas
+von der Welt kennen sollte, der ich wenigstens eben so viel weiß, als
+sie -- erlauben wollte, es nach meiner Art zu suchen.
+
+Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so pünctlich aus, als Du
+Dich derjenigen an mich erledigt zu haben scheinst. Jezt blos an Dich.
+
+Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger gezielt, als
+auf Dich. Du bist jung und =Dir= war eine solche Nachläßigkeit im
+Briefschreiben eher zu verzeihen. Daß ein Brief an mich entworfen
+gewesen ist, glaube ich. Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in
+Dreßden sei, war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm zu
+glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter die Augen zu
+gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht ermangelt haben, meinen
+Aufenthalt zu wißen zu thun. Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß,
+wenn ich meinen Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es
+eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft in Leipzig
+meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen, wie ich
+nicht glauben will, so gründen sich doch alle diese Muthmaaßungen auf
+eine sehr verkehrte Meinung von meinem Character, und diese freut micht
+nicht. In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich habe nicht
+geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand zu versteken.
+
+Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere ich Dich mit
+eben der Offenheit, mit der ich Dir es frei heraussagen würde, wenn Du
+bei mir verloren hättest. Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige
+gute Seele fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte,
+wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben! und dann
+erhalte mir Deine Freundschaft auch in der Entfernung; ob es gleich
+nicht scheint, daß wir einander in diesem Leben wiedersehen werden.
+
+In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten, wie jezt. So
+oft Du mir schreibst, erhältst Du den nächsten Posttag Antwort. Schreibst
+Du mir nicht, so hast Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu
+rechnen. Worum Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher,
+und gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber sage ich
+nichts. So hast Du z. B. jezt auf keine Nachricht über meine Lage,
+Pläne, Aussichten zu rechnen, weil Du mich nicht darum gefragt hast.
+Verändert sich mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, =wenn
+du es verlangst=. So wollte ich Dir z. B. wohl rathen, wenn Dir oder
+irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder Verbindung mit mir
+gelegen ist, mir noch vor Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich
+aus Sachsen, ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin.
+
+Mein guter Vater -- Du weißt es, wie sehr ich ihn immer geliebt habe --
+dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben so leidenvoll war, nicht einst den
+Rest seiner Tage versüßen, und seinen vortreflichen Umgang genießen
+soll: Du dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen
+Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas zu
+verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung; Dich seh' ich
+vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten Vater höchst
+wahrscheinlich nur in beßern Welten, in denen seine Thränen abtroknen
+und sein Leiden enden wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen
+theuern Vater herzlich, und sage ihm, aber =allein=, wie ich gegen ihn
+denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders handeln könne.
+
+Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum Theil aus Deinem
+Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung ist. Aber, erlaube einem
+ältern Dich herzlich liebenden Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit
+immer bescheiden ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein
+ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal; wenn du =auf obige
+Bedingungen= den Briefwechßel fortsezen willst. -- Grüße meine Eltern
+und Geschwister herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder.
+
+ J. G. Fichte.
+
+Meine Adreße ist bis Ende Merzes =Leipzig, auf der Schloßgaße neben dem
+Petrino in Brauns Hause 3. Treppen=.
+
+ Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum
+ interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten
+ Beziehungen auch Fichte's Studium der Philosophie und seine
+ Herzensverhältnisse bespricht.
+
+ Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben (so
+ scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt.
+ Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe vom
+ 1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77), »seit ein
+ paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen sehr guten
+ Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer durch den Mangel
+ eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt in unstetem
+ Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung bereits
+ beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet und in diesem
+ deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr. und noch am 1. März an
+ seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98 f.), das beweist der Schluß
+ dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal bei einem so auf
+ sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß, keiner
+ Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung,
+ daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere Seele an
+ sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher Ruhe sich
+ vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei zu beachten,
+ daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier Jahre älteren
+ Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich steigernde und
+ mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung (I, 39 ff.).
+ Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung der
+ erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe an seine Braut
+ vom 1. März 1791 (I, 99 f.) allerdings etwas dunkel beschriebene
+ Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein.
+
+
+
+
+5.
+
+
+ Leipzig d. 5. Merz. 1791.
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten (denn entweder Du
+datirst Deine Briefe falsch, oder giebst sie erst spät auf die Post).
+Jezt habe ich die erste freie Stunde, und sogleich seze ich mich her,
+Dir zu antworten, und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum Abgange
+der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute mein Brief ab. Endlich
+habe ich einen Brief von Dir gelesen, wie ich sie von Dir zu lesen
+wünsche...... [Lücke] .. Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst,
+und ich fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben, den die
+Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so wunderbar ähnlich
+schuf. Ich werde Dich immer lieben; nichts hat mein Herz gegen Dich
+erkältet, denn die letztern Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines
+Herzens, sondern auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels an Welt-
+und Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn =ich= solche Fehler nicht
+verzeihen könnte?
+
+Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr im Februar
+vorigen Jahres aus Zürich geschrieben war, und worinn ich meinen
+Entschluß wieder nach Sachsen zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht,
+daß Fritsche aus seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen
+zurükbehalten hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu
+haben =geschienen=; aber es nicht =gehabt=. Aber da niemand allwißend
+ist, so bitte ich, =aber nur in diesem Falle=, um Verzeihung. -- Ich
+werde inzwischen die Sache mit den Briefen untersuchen. Ich verlies
+Zürich, weil es mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in
+dem Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von Anfange
+an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte mit starrköpfigten
+Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen, und sie gewaltiger Weise
+gezwungen hatte, mich zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon
+angekündigt; welchen zu widerrufen =ich= zu stolz, und =sie= zu
+furchtsam waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge
+anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens bin ich mit großer
+Ehre von ihnen weggegangen: man hat mich dringend empfohlen; und noch
+jezt stehe ich mit dem Hause im Briefwechsel.
+
+Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und Plänen von Zürich:
+nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern um in Leipzig den Erfolg meiner
+großen Pläne abzuwarten. Ich hatte ... [Lücke] .... und war daselbst
+höher ... [Lücke] ... Auf meiner Reise lernte ich große Personen kennen,
+die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe genug, um mir viel
+zuzutrauen. Ich war von Zürich aus dringend an den _Premier Ministre_ in
+Dänemark, Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u. s. w. empfohlen.
+Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister Stelle in Coppenhagen.
+-- Zu gleicher Zeit schrieb mir eine vornehme Dame aus Weimar: sie
+arbeite, und habe Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. -- Im kurzen
+scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung nahe.
+Aus Verdruß warf ich mich in die =Kantische= Philosophie (vielleicht ist
+Dir der Name einmal in einem der Bücher, die Du liesest, vorgekommen)
+die eben so herzerhebend, als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine
+Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs
+Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt
+habe. Von einem Tage zum andern verlegen um Brod war ich dennoch damals
+vielleicht einer der glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der
+Erden. -- Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar
+warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet
+habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte
+Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke.
+
+Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen ich in Zürich sehr
+genau bekannt war, war das, eines Mannes von ohngefähr 70. Jahren, der
+mit dem besten Herzen viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und
+Menschenkenntniß vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten
+Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend zurükversezt. Er
+liebte mich, als ein Vater; und verehrte mich höher, als es meine
+Verdienste, oder seine Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte
+eine einzige Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch
+nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters, und die von
+Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen ihres Vaters anzusehen. War
+es ein Wunder, daß, =ganz ohne mein Zuthun=, der Liebling des Vaters
+auch der der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig
+genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken, die noch dazu mir eben
+nicht verholen wurden? Mein Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon
+längst daraus vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu
+begehren. -- Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander unbestimmte
+Versprechungen gemacht, und einen beständigen Briefwechsel verabredet
+hatten. Dieser Briefwechsel wurde von Ihrer Seite immer dringender, und
+zärtlicher. Endlich -- und das fiel in jene Periode meiner Philosophie,
+meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit gegen
+allen Glanz der Welt -- schrieb sie mir, ich solle, da meine Aussichten
+scheiterten, zu ihr nach Zürich kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre
+Arme stünden mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung
+keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie mich in der Mitte des
+Aprills, und will sich sogleich bei meiner Ankunft mit mir verheirathen.
+Ihr Vater hat mich in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist
+die edelste, treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist
+dabei sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen
+geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen, und ich hätte die
+Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren abzuwarten, bis ich entweder
+als Schriftsteller, oder in einem öffentlichen Amte, welches ich durch
+die Empfehlung einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel
+von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas haben, wohl
+erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten könnte. -- Ich bin
+seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen Antrag zu ergreifen; und
+noch da ich meinen leztern Brief schrieb, war ich der Meynung, und
+schrieb daher, daß ich zu Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von
+einer andern Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen
+Durst in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer
+nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer eine gewagte
+Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu haben; und endlich fühle
+ich zu viel Kraft und Trieb in mir, um mir durch eine Verheirathung
+gleichsam die Flügel abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem
+ich nie wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen,
+mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu verleben. -- Ich bin also
+seit einiger Zeit sehr unentschloßen, ob ich gehen werde.
+
+Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen werde. Ich habe
+mehreren Männern hier in Leipzig, die sich für mich intereßiren, gesagt:
+daß ich ihnen für ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige
+Aussichten habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil
+meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich mich der
+Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr beschwerlich werden
+würde; weil ich ihr die in meiner Seele vorgegangene Veränderung nicht
+plözlich sagen, sondern sie allmählich darauf vorbereiten will. -- Muß
+ich aber Leipzig verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden.
+Davon unten ein mehreres.
+
+ Der Schluß des Schreibens fehlt.
+
+ Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt
+ die Aufschrift:
+
+ Dem
+ Herrn _Fichte_
+ Krämer
+ in
+ _Rammenau_
+ _p. Bischofswerda_.
+
+ d. Einschluß bis Querfurt.
+
+ und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach
+ Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich
+ Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war.
+
+
+
+
+6.
+
+
+ Theuerste Eltern;
+
+Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg aus geschrieben,
+ich ersehe aber aus der erst vor zwei Tagen eingelaufenen Antwort meines
+Correspondenten in Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses
+Jahres können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr geändert,
+und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach Sachsen schreibe, um
+Sie davon zu benachrichtigen. Ich habe nemlich meinen Ekel gegen das
+Hofmeister Leben noch einmal überwunden, und lebe seit October vorigen
+Jahrs =in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen= hart an der Ost See,
+6. Meilen westwärts Danzig als Führer des Sohns des Königl. Preußischen
+Obrist Grafen von Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht
+gereut, und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in einem Hause,
+das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer Gräfinn durch eine
+wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt, und geliebt; habe Aussichten,
+wenn ich je daran denken sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer
+haben kann; und beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten.
+Macht Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten Sie hierdurch
+die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe als ..... [ist
+abgerissen] .....
+
+Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich meiner
+freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon benachrichtigen, so
+geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße =Krockow, bei Neustadt in
+West-Preußen= etwa in Frankfurt an der Oder auf die Post -- aber
+postmäßig gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. -- Ich werde
+nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig Kosten als möglich,
+Nachricht von mir zu geben.
+
+Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre ich meines
+brüderlichen freundschaftlichen Andenkens. Dies einzige thut mir leid,
+daß ich keine Aussicht habe, eines von Ihnen so bald wieder zu sehen.
+Ich werde meine vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf
+eine geraume Zeit beschließen. -- Auch den Herrn Pastor Wagner bitte ich
+freundschaftlich von mir zu grüßen. Es ist jezt meine angelegenste
+Sorge, und vielleicht begünstigt sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen
+Umstände auf so eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden
+([Zusatz am Rande:] die sich in manchen Ländern der Erde höher belaufen,
+als man glauben sollte) bezahlen, und dann die heilige Pflicht meiner
+geliebten Eltern Schiksal wenigstens in etwas zu versüßen, beobachten
+kann.
+
+Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der kindlichen Liebe
+Dankbarkeit und Ergebenheit .... [abgerissen]
+
+ Der folgende Brief mit der Aufschrift: »Meinen theuersten Eltern«,
+ also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem
+ Hause seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur
+ Frau hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna
+ Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte,
+ kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38 ff. 148; vgl. Fichte's
+ eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre
+ Briefe an Charlotte von Schiller II, 402 ff.). Er hoffte schon im
+ April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden;
+ aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen
+ Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen
+ vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die
+ Vermuthung aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der
+ Schweiz wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz
+ unwahrscheinlich, da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in
+ Leipzig war und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden
+ abreiste (I, 118).
+
+
+
+
+7.
+
+
+ Theuerste Eltern,
+
+Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund in Zürich
+angekommen, und habe meine Geliebte, ihren Vater, ihre Familie voll
+Liebe, Freundschaft und Achtung für mich getroffen. Ein Umstand hat
+unsre wirkliche Verbindung aufgehalten, und hält sie leider! noch auf.
+Der Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie vielleicht um
+eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe bitten, die Sie mir mündlich
+schon gegeben haben.
+
+Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen, und wünscht nichts
+inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen könne, Ihnen den Abend
+des Lebens zu versüßen -- Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine
+vortrefliche Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine
+ausgebreitete und große Verbindung mit allem was in Teutschland
+angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme -- ich, der ich
+schon auf meinen Reisen nicht unwichtige Freundschaften geschlossen
+habe.
+
+Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister, die ich
+bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern.
+
+Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die Post ab.
+
+ Zürich, im Waaghause
+ d. 26. Jun. 1793.
+
+ Ihr
+ gehorsamer Sohn
+ J. Gottlieb Fichte.
+
+ Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten der
+ damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung
+ eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem 16.
+ Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der Bitte
+ um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe
+ zu seiner Trauung (II, 418).
+
+ Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor nach
+ Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und schon am 23.
+ seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26. Morgens von 6-7
+ Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr ihn nun auch dieses
+ neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch Zeit, an seinen schon
+ oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und mit einer Art von
+ väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger Ausbildung zu
+ zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe von Briefen gerichtet,
+ welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend sind durch die
+ psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit, womit der
+ ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines Wesens,
+ seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel zur
+ Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel
+ aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen
+ und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu
+ sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von
+ trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine
+ Nüchternheit, womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein
+ ankündigt, daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den
+ obwaltenden Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet
+ sich dasselbe nicht angegeben) u. s. w. nicht mehr als eben nur ein
+ Versuch sein könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche
+ Entschiedenheit, womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig
+ Abzulegende wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, -- eine
+ Entschiedenheit, die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen
+ der Erziehung um so weniger gern gesehen wird, mit je größerer
+ Ueberzeugungstreue und Festigkeit sie auftritt, -- eine Entschiedenheit,
+ deren Berechtigung auch damals dem Bruder, gegen den sie geltend
+ gemacht wurde, nicht immer so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja
+ selbst der Gattin Fichte's, deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit
+ beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14).
+ So anziehend aber diese echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist
+ des Mannes Strenge, der als Erzieher auch gegen den Bruder von den
+ ernsten Anforderungen nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Meinem Bruder Gotthelf.
+
+ Jena, d. 24. Jun. 1794.
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung vorgelegt,
+manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte angesehen. -- Dahin
+gehören die =gelehrten Sprachen=. In Erlernung derselben hat ein schon
+gebildeter Kopf allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt
+besser die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat auch
+=Nachtheile=. Das mechanische Lernen bloßer Schalle, wie die Wörter
+sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil hat er, an dessen
+Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die =Verhärtung der Sprachorgane= zur
+Hervorbringung der richtigen Töne, besonders in der Französischen
+Sprache; wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da Dein
+mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und noch dazu das
+höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische ist. Ich selbst, der ich doch
+von meiner ersten Kindheit an aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt,
+selbst meine teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein
+Geburtsland nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können. Französisch gut
+sprechen habe ich nie lernen können; eben um dieser Muttersprache
+Willen; und Du wirst nie auch soweit kommen, um einem Franzosen Dich
+verständlich zu machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln
+will: (nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das =Ohr= wird
+verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) -- Ferner ist ein
+Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt, das einem Gelehrten,
+der zur höhern Klasse gehören, und nicht unter den gemeinen gelehrten
+Handwerkern verbleiben will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger
+wird. Denn der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere
+Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die Sache wieder
+weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem Punkte fehlt, den macht man
+lächerlich, eben darum, weil man die Uebermacht des Gelehrten unwillig
+mit ansieht; und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst Dir
+das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer Deiner Sphäre
+liegt. -- Ein solches feines Betragen nun lernt in spätern Jahren sich
+nie; denn die Eindrüke der ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir
+sieht man die meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein
+sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in Schulpforta, unter
+meist besser erzognen Kindern, mein frühes Tanzenlernen u. s. w. Und
+dennoch hatte ich noch nach meinem Abgange von der Universität einige
+bäurische Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele
+Hofmeisterieren, in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders
+die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben. Und weiß ich
+denn, ob sie ganz vertilgt sind? --) Das also ist der Hauptpunkt, über
+den wir nie kommen werden; und das -- gesteh ich -- thut mir weh, weil
+ich die Wichtigkeit davon einsehe, die Du nicht siehst.
+
+Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. Gesezt, es geht nicht,
+so kann es nicht schaden, daß Du wenigstens mit einigen Seiten der
+höhern Stände bekannt werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir
+in mancher Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage an:
+=ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust=, um, wie es seyn muß, ohne
+Beklemmung in Deinen jetzigen Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle
+mir, =bei gehöriger Seelen Größe=, einen solchen Zustand, als sehr
+angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten der höhern Stände
+aus Erfahrung, und ist in dem seinigen desto zufriedener.
+
+Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß ich Dich spreche, kaum
+in irgend etwas näher von Deinem Zustande werde belehrt werden, als ich
+es schon jezt bin, so freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen;
+theils erwarte ich von Dir einige Winke, =wohin= ich Dich zuerst thun
+müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und Deine Sitten zu bilden
+([Zusatz am Rande:] ehe dieses geschehen ist, kann ich Dich auch nicht
+einmal bei mir haben, weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten,
+auf mich selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen,
+ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen faßt. Dies kann ein paar
+Jahre dauren. Und Du brauchst vor der Hand weniger einen Lehrer, als
+eine =Erzieherin=. Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das
+weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß das in einer
+=Stadt=, und zwar in einer schon etwas großen Stadt geschehen, und da
+kenne ich denn weder =Stadt=, noch =Haus=, in die ich Dich thun könnte.
+Hier in der Nähe wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals =Weimar=
+der Ort. =Tanzen= lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn Du dann so
+gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft erscheinen könntest,
+so nähme ich Dich in mein Haus: und =dann= wollten wir wohl sehen. --
+Aber ob es dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.
+
+Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir dieses verursachen
+könnte, das muß ich Dir beantworten. -- Du irrst, wenn Du glaubst, daß
+er gering seyn werde; weil Du die Sache nur =einseitig=; nur von der
+Seite des =Lernens= ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt,
+=wie viel= zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff hast. Aber es
+ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es ist von ganzer =sittlicher
+Bildung= die Rede; und diese kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man
+schon so lange her =verbildet= ist. Du wirst aus dem, was ich oben über
+diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen Schluß machen
+können. Aber das thut nichts zur Sache. Was ich mir vornehme, das
+=muß= seyn; und dazu =muß= das Geld =mir= werden; das wißt ihr ja aus
+vielfältiger Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über
+diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich auch eine
+starke =Ausgabe= haben; denn das geht hier zu Jena stets mit einander,
+und ist nicht zu trennen. -- Aber arbeiten muß ich schon jezt, und werde
+ich müßen, wie noch nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.
+
+Vom =wiedergeben= an mich, wovon Du auch redest, kann nie die Frage
+seyn: und ich will Dir im Fall der Möglichkeit sogleich jetzo feierlich
+eine Anweisung geben. Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas
+gethan, gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter zu
+verschaffen -- besonders unserm guten Vater, der in seinem mühevollen
+Leben ein frohes Alter gar wohl verdient hätte. An diesen gieb zurük,
+wenn Dir Dein Plan gelingt; ich will unsern Eltern in Dir noch einen
+Sohn geben, der für sie thue, was =ich= vor der Hand nicht thun kann.
+
+Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern komm gerade zu
+mir: auf der =Bachgaße=, in der Spachmeisterin [so steht, ziemlich
+deutlich, geschrieben; es soll wohl Sprachmeisterin heißen] Dyrr Hause
+wohne ich. Ich weiß nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können,
+da ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar Profeßoren den
+Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur zwei Stuben inne habe. Aber
+wir werden ja sehen! -- Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer
+zu Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. nicht .....
+[dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese zwar immer; aber ich muß voraus
+arbeiten wenn =ich= kann. -- Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf
+dem Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest,
+in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu meine Ursachen.
+Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles finden. Wenn Du aber als
+mein Bruder erscheinst, so verlangen die Häuser, mit denen ich näher
+bekannt bin, und es sind deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt
+mache: und das könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. --
+
+ Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt
+ angefügt gewesen.
+
+ In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt wird,
+ mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem Schwiegervater
+ erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) ihm nach Jena
+ nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, mit der er
+ ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, daß, wie die
+ späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch nicht kannte,
+ obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen ist.
+
+ Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des
+ Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte
+ auf seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht
+ blos Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der
+ Studirenden einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen
+ Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm
+ versteht sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines
+ ungebildeten Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.
+
+
+
+
+9.
+
+
+ =Meinem Bruder Gotthelf.=
+
+ Jena, d. 4. August. 94.
+
+Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon lange geschrieben, wenn
+ich Zeit gehabt hätte. Aber Du kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu
+einem Briefe die nöthige Zeit nicht habe.
+
+Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du Kostgänger bei dem
+ConRektor auf der Stadtschule zu Meisen, Herr _M._ Thieme, der in allen
+Stüken für Dich sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens,
+und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache, und in
+der Geschichte. -- _M._ Kenzelmann wird immer Dein Freund seyn, und Dir
+rathen. -- Richte Dich also ein, daß Du mit Anfange des Septembers in
+Meisen bist. Was an den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. --
+Für Kleider, -- wobei Dir ohne Zweifel _M._ Kenzelmann mit seinem Rathe
+an die Hand gehen wird; meinen Wunsch weißt Du; ja nicht =kostbar=, und
+=theuer=, aber =modisch= -- und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C. R.
+Thieme rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen Gelde
+([Zusatz am Rand:] auch bezahlst Du davon den Tanzmeister, den Dir Hrr.
+Thieme zuweisen wird.). Ich denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft,
+denke ich, halten wir es so. -- Du bist verreis't, -- wer weiß es denn,
+wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer auf dem Handel gewesen;
+die andern Brüder sind auch auswärts, -- wer weiß denn, wo Du bist? Nur
+hättest Du dann immer =schweigen= müßen. Habt ihr nicht =schweigen
+können=, so ist die Sache freilich übel; und in diesem Falle bitte ich
+Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich meine Maasregeln zu nehmen
+wiße.
+
+Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache schon selbst
+abzumachen wißen ([Zusatz am Rande:] bis dahin giebst Du Dein
+=Schuzgeld=, wie vorher). =Gelingt es nicht=, so kannst Du ohne
+Nachtheil, und Nachrede in Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt
+es nicht, sagte ich -- denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster
+Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen; ich muß
+demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen. Du hältst den Sieg
+schon für errungen: aber er ist es noch gar nicht. Wir wollen es erst
+versuchen; und ich habe nie Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich
+vernünftig bin, nicht mehr versprechen, als =daß ich den Versuch machen=
+will
+
+1.) Wenn Du nicht wenigstens =hinlängliche Feinheit= der Sitten Dir
+erwirbst, so kann, und will, und werde ich nichts für Dich thun; aus
+Gründen, die ich Dir mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du
+das wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du kannst
+höchstens .... [behaupten?], daß Du es =willst=, Du weißt aber noch
+nicht, ob Du es =können= wirst; und ich eben so wenig.
+
+2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur Verfeinerung Deiner
+Sitten, als zur Erwerbung gründlicher Kenntniße im Wege, über den ich
+endlich, nachdem ich mündlich Dir schon Winke genug gegeben, und ich an
+Deinem Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig
+mit Dir reden muß. -- Du traust Dir viel zu viel zu; hast eine viel zu
+hohe Meinung von Dir: =und Du wirst daher diejenigen Männer=, denen ich
+Dich jezt übergeben muß, =nicht achten=; -- =deswegen ihnen nicht
+folgen=, weil Du Dich für klüger hältst; und =so wirst Du natürlich
+weder Deine Sitten bilden, noch etwas lernen=. Ich weiß sehr wohl,
+lieber Bruder, daß Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als
+auf mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und glaubst Du, daß
+ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam, was ich Dir sagen
+will, und -- richte Dich darnach.
+
+Du hast Kopf, d. h. =Fähigkeit= etwas zu lernen, aber darum =weißt Du
+noch nichts=: und, -- glaube es mir, -- der Schüler der untersten Klaße
+weiß weit mehr als Du. Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn
+Du das vergißest, so ist es Dir eine Schande. -- Du hast die, mit
+welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht studiert.
+-- Einige Studierte, z. B. den Herrn Pfarrer, seinen Bruder, u. s. f.
+glaubst Du auch übersehen zu haben; aber da kann ich Dir aus dem Traume
+helfen. 1.) Du glaubtest z. B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer
+mit ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter, als sie;
+theils weil ich z. B. es auch nicht glaube. Aber das ist sehr zweierlei;
+Du hast keine Einsicht =in die Gründe=, die ich habe, es nicht zu glauben;
+noch Einsicht =in die Gründe=, die der =Pfarrer hat, es zu glauben=.
+2.) Du verstehst keinen Gelehrten, noch kannst Du ihn verstehen, weil es
+Dir an den nöthigen Vorerkenntnißen fehlt. Was Du also nicht verstehst,
+hältst Du, wenn es nicht Jemand sagt, der bei Dir in Autorität steht,
+für dummes Zeug: das mag es denn auch wohl seyn: aber Du wenigstens
+kannst es nicht dafür erklären, denn Du verstehst es nicht. -- Um Dir
+ein recht auffallendes Beispiel darüber anzuführen. Kenzelmann hat etwas
+über den Ausdruck =Denkfreiheit= auf dem Titel einer gewißen Schrift
+gesagt: ich weiß nicht, was es ist, denn =begreiflicher Weise= (hier
+siehst Du wieder Deine Unwißenheit -- Du hältst es für möglich, daß er
+mir darüber geschrieben haben könne, weil Du mit den Sitten der feinern
+Welt unbekannt bist; aber nach ihnen ist es =unmöglich=, daß er mir
+darüber geschrieben haben könne, =weil ich mich nicht als Verfaßer
+genannt habe=.) hat er mir nicht darüber geschrieben; aber ich errathe
+es sogleich, weil ein Studierter den andern auf einen Wink versteht. Da
+glaubst Du nun, ihm aus dem Traume helfen zu können; und verstehst
+nicht, was er tadelt. Es betrift den Ausdruck =Denkfreiheit=. Das
+=Denken= ist doch wohl etwas innerliches, unsichtbares. Wie kann mir
+denn jemand die Freiheit nehmen, in =meinem Herzen= zu denken, was ich
+will? und wer hat denn jemals =diese= Freiheit unterdrücken =wollen=,
+oder =können=? Das ohngefähr hat K. sagen wollen. Es sollte demnach
+heißen, =Freiheit seine Gedanken mündlich oder schriftlich oder durch
+den Druck mitzutheilen=. -- Nun hat er zwar nicht ganz Recht: denn in
+der Schrift selbst ist der Ausdruck Denkfreiheit so erklärt worden; und
+es ist nicht nöthig viel Worte zu machen, wo man mit einem einzigen
+auslangt. -- Aber was Du sagst, paßt gar nicht auf seine Frage, und Du
+hast ihn daher gar nicht verstanden.
+
+So lange Du nun nicht bescheiden wirst, und erkennst, daß Du schlechthin
+nichts weißt, aber etwas lernen sollst: und daß jeder Gelehrte Dich
+lehren könne, so ist Dir nicht zu helfen. Beurtheilen, ob etwas nöthig
+sey zu lernen oder nicht kannst Du gleichfalls nicht; denn Du weißt
+nicht, wozu das unscheinbare, und geringfügige in der Zukunft dienen
+könne, da Du die Wißenschaft nicht übersiehst. -- Denke, daß Du, als Du
+die Buchstaben kennen lerntest, hättest sagen wollen: wozu das, zu
+lernen was A. und B. ist, u. s. f. so könntest Du heute noch nicht
+lesen. -- Dergleichen Dinge werden Dir gar viele vorkommen, die zuletzt
+doch so nöthig sind, als das A. B. C. ob sie gleich unscheinbar
+aussehen.
+
+Ferner habe ich bemerkt, daß Du die Wißenschaft für viel zu leicht
+hältst, und daß Du glaubst, daß das alles auf den ersten Anlauf gelernt
+sey. Das ist nun der Fall gar nicht; und wenn Du Dich nicht mit Geduld
+ausrüstest, so kann nichts werden.
+
+Also =lege ab die große Meinung von Dir, und folge Deinen Führern auf
+der Bahn der Wißenschaften= ~blindlings~. Zu seiner Zeit wollen wir
+zusammen =selbst prüfen=, jezt bist Du dazu noch gar nicht reif.
+
+Ich habe diejenigen, welche die Aufsicht über Dich führen, gebeten, mir
+=freimüthig= zu melden, wie es mit Dir geht. Ich habe ihnen ferner Winke
+über diesen Deinen Fehler gegeben. Ich werde also sehr bestimmt
+erfahren, wie Du Dich hältst. Von Dir selbst erwarte ich, daß Du mir
+alle 8. Tage =unfrankirt= schreibst, sobald Du in Meisen seyn wirst, und
+mir meldest, =was= Du studirst, wie es Dir von Statten geht, Deine
+Gesinnungen, Gedanken, Zweifel dabei u. s. f. Dabei sey -- darum
+beschwöre ich Dich um Deines eigenen Besten Willen, -- offen und
+freimüthig gegen mich. Wenn Du dann auch etwas ungeschicktes schreibst
+und ich es Dir widerlege, -- was ist denn das weiter? Das bleibt unter
+uns. Es ist beßer, daß ich Dir es verweise, denn daß es bei Dir bleibe.
+Ich will nie ein anderes Verhältniß zu Dir haben, als das eines ältern,
+weisern Freundes.
+
+Ich bestimme Dir, -- wenn alles gut geht -- ein Jahr in Meisen. Könntest
+Du in einem halben Jahre leisten, was zu leisten ist; so ersparst Du mir
+freilich keine kleine Summe. -- Doch ist eigentlich hiervon nicht die
+Rede. Werde nur, was Du werden sollst.
+
+Das von der Probst-Stelle zu W. ist nicht klug ausgesonnen. Ich bin
+zuförderst kein =Theolog=. Ich kann Profeßor der Philosophie mit Ehren
+seyn: wäre es nicht thörigt von mir, wenn ich etwas nehmen wollte, dem
+ich nur nothdürftig vorstehen könnte. -- Dann glaubt man denn, daß ich
+mich in Wittenberg verbessern würde? Man hat doch drollige Begriffe,
+scheint es, von einem Jenaischen Profeßor. -- So auch dem, was die Fr.
+v. Kleist, der ich übrigens für ihr Andenken sehr verbunden bin, gesagt
+hat. -- »Ich würde nicht lange in Jena seyn, sondern bald weiter gerufen
+werden.« Ich möchte wohl wißen, wer mir etwas anbieten könnte, wodurch
+ich mich verbeßerte. Wer in Jena arbeiten will, der kann es so hoch
+bringen, als auf irgend einer teutschen Universität. Arbeitlosere
+Stellen giebt es freilich; aber ich habe noch nicht Zeit, mich zur Ruhe
+zu sezen. -- Doch wünschte ich wohl, daß ich gerufen würde; um es
+ausschlagen zu können. =Das unter uns= wie sich versteht. -- Ueberhaupt
+sey in Meisen vorsichtig in deinen Aeußerungen über mich. Du weißt
+nichts; damit ist es zu Ende.
+
+Grüße herzlich meine Eltern, und Geschwister.
+
+ Der Deinige
+ F.
+
+ Daß die »Probst-Stelle zu Wittenberg« für Fichte geeignet sein könnte,
+ war wohl nur ein Gedanke der Seinigen; von einem wirklichen Anerbieten
+ ist nichts bekannt. -- Zu dem Namen v. Kleist vgl. den 45. Brief.
+
+
+
+
+10.
+
+
+ Jena, d. 13. Fbr. 94.
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Dein Lehrer hatte mir schon vor einigen Wochen Deinethalben
+geschrieben. Ich bin so überhäuft mit Arbeiten gewesen, daß ich ihm
+nicht eher, als bis jetzt antworten konnte; ich hoffe aber, daß dadurch
+für Dich kein Nachtheil entstanden seyn soll.
+
+Die Methode, die der Herr Konrektor mit dem Decliniren, und Conjugiren
+einschlägt ist die einzige für Dich zweckmäßige. Mag es immer
+Kopfbrechens kosten. Decliniren, und Konjugiren ist das wenigste: die
+Uebung der angestrengten Aufmerksamkeit, des geschwinden Besinnens
+u. s. w. -- diese ist wichtig.
+
+Dich an Arbeiten gewöhnen, ist gleichfalls eine Hauptsache. Fahre so
+fort, wie Du mir schreibst, daß Du handelst. Ich wünschte auch zu wißen,
+was Du in Geschichte, und Geographie gelernt hast.
+
+Ich sehe, daß Du noch immer so sehr unorthographisch schreibst. Suche
+Dich darüber zu belehren; und gib acht auf Dich, bei jeder Zeile die Du
+schreibst; sonst wirst Du Zeitlebens nicht orthographisch schreiben
+lernen; und das =paßirt gar nicht=. -- Ferner schreibst Du doch auch
+gar zu schlecht. Ich wünschte, daß Du Deine Hand übtest. Berufe darin
+Dich nicht etwa auf mich. Es ist etwas anderes eine flüchtige aber
+=ausgeschriebene= Hand zu schreiben. Die Deinige ist nicht ausgearbeitet.
+Ich sehe ein, daß Dir das etwas schwer werden wird, weil Deine Hände
+durch Handarbeit steif geworden sind; aber Du mußt nur desto =mehr=
+schreiben.
+
+Des P. Wagners Vortrag habe ich selbst einmal genoßen. Er ist allerdings
+sehr faßlich. Aber sey darum dennoch versichert, daß der jezige
+Unterricht dennoch der zwekmäßigste für Dich ist, eben darum, weil er
+Dir die Sache schwer macht. Es ist nicht um die Sache; es ist um die
+Kraftübung. Leb recht wohl, und schreibe mir bald wieder.
+
+ Fichte.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn _Fichte_
+ in
+ _Meissen_.
+
+
+
+
+11.
+
+
+ _Jena_ d. 25. _Nov._ 1794.
+
+ Theurer Bruder!
+
+Mein theurer Mann, welcher Sie herzlich grüßt, hat mir aufgetragen
+Ihnen zu schreiben; dies Geschäft hab ich gern übernommen, nicht daß ich
+gerne Briefe schreibe, (denn seitdem ich nicht mehr an meinem Fichte zu
+schreiben habe, ist mir das Schreiben höchst unangenehm.) sondern weil
+=Sie= der Bruder meines Lieben Mannes sind; und weil ich glaube daß Sie
+auch ein Edler, rechtschaffener Mann sind; da habe ich sie nun schon
+recht lieb, ohne Sie eigentlich zu kennen; auch freue ich mich auf die
+Zeit, wo Sie zu uns kommen, und bey uns wohnen, recht innig; da ist mein
+guter rechtschaffener Vatter, seine Kinder, und Sie unser Bruder; da
+werden wir oft, so stille, geräuschlose Freuden, welche dem Herzen
+wohlthun, in unserm Hause mit einander genießen; wie wir lezten Sonnabend
+eine hatten; es war nämlich meines guten Vatters 75. Geburtstag. Der
+Himmel war uns so günstig, daß wir spazieren fuhren, in der lieben Natur
+herum schwärmten; und am Abend, unter herzlichen vertraulichen Gesprächen
+bey einander saßen, wo uns denn innig wohl war; auch ist mein theurer
+Fichte, so ganz zu diesen herzlichen Vertraulichkeiten gemacht; daß man
+sich in Ihn verlieben muß; nun stellen Sie Sich vor, wie's mir armen
+Geschöpfe dann geht? da ich Ihn schon sonst herzlich Liebe; meine Liebe
+geht dann in Anbetung über.
+
+Ich merke nun wohl, daß ich Ihnen beständig von meinem Lieben Mann
+vorgeschwazt habe; Sie lieben ihn ja auch, drum kann Ihnen das nicht
+unangenehm seyn; und ich wünsche Ihnen theurer Bruder, zu seiner Zeit,
+auch eine weibliche Seele, die Sie so =einzig= liebt; und wenn Sie
+wollen, so wollen wir Diese zu seiner Zeit, ja zu seiner Zeit, vergeßen
+Sie dieses nicht, gemeinschaftlich suchen. Nun will, und muß ich Ihnen
+Behüte Gott sagen; denn ich habe mehrere Briefe zu schreiben, Dieser muß
+mich für die unangenehmen welche ich noch zu schreiben habe schadlos
+halten; Leben Sie wohl! mein guter Vatter grüßt Sie herzlich; das
+gleiche thut Ihre Schwester
+
+ Johanna _Fichte_.
+
+Wir haben Ihren 2. Brief auch erhalten. Mein Mann wird Ihnen nächstens
+schreiben.
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn Fichte_:
+ in
+ _Meissen_.
+ bei Herrn ConRektor =Thieme=.
+ frey
+
+ (Nur »_Herrn Fichte_:« und »frey« von Johanna's Hand, das Andere von
+ J. G. F.)
+
+ Der folgende Brief, die Perle unter denen von Johanna's Hand ist mit
+ der Offenheit, mit der hier ein weibliches Gemüth über sich selbst
+ spricht, und mit dem leichten Anklang von Humor, so wie mit der
+ überströmenden Fülle kindlich einfachen Sinnes und reinster Liebe,
+ ein köstliches Cabinetsstück, ein wahres Meisterwerk.
+
+
+
+
+12.
+
+
+ _Jena d. 27. Decemb: 1794._
+
+ Lieber theurer Bruder!
+
+Ich habe eine Menge Briefe vor mir, die ich beantworten soll, und Ihrer
+sey der erste, den ich beantworte, weil Sie mir die liebste Persohn
+sind. Hören Sie Lieber, ich bin gar nicht Ihrer Meinung, daß ein schön
+geschriebenner Brief, eine schöne Seele verathe; (nicht, daß nicht
+beydes neben einander bestehen könne,) aber die Erfahrung hat mir schon
+zur Genüge gelehrt, daß es oft nicht bei einander ist; und wenn ich
+Ihnen allso, welches ich nicht weiß, einen schönen Brief geschrieben
+habe, Sie daraus gar nicht so gütig schließen müßen, daß ich eine schöne
+Seele habe; überhaupt sehe ich aus Ihr. Lieben Brief, daß Sie mich viel
+beßer glauben als ich nicht bin; und das sezt mich in große Verlegenheit,
+wenn Sie mit solch guter Meinung zu uns kommen, und dann durch die
+Erfahrung belehrt sehen, daß ich das bey weitem nicht bin, was Sie
+glaubten, daß ich sein würde, und auch sein könnte, so muß ich in Ihren
+Augen gewaltig verliehren; und das würde mir dann weh thun; auch müßen
+Sie nicht glauben eine schöne Schwester bekommen zu haben; denn ich weiß
+wohl, die Lieben Männer sehn auch das gern, drum laßen Sie Sich nun
+erzehlen wie ich aussehe: vors erste bin ich klein, und war im 16. Jahre
+sehr fett, da ich seit der Zeit nun um ein merkliches gemagert bin, so
+hat die einmahl zu stark ausgedehnte Haut, viele Runzeln bekommen, dazu
+gab mir die Natur ein wiedrig langes Kinn; und was nun das ärgste von
+allem ist, so hab ich wegen heftigen Zahnschmerzen, (welches fast alle
+Leute in der Schweiz haben,) mir meine obern Zähne ausziehen laßen; nun
+überlaße ich Ihrer eignen Einbildungskraft, mich so comisch
+darzustellen, als ich wirklich bin.
+
+Nachdem, was Sie mein Lieber, was mein Mann, mir von unsern Vatter
+gesagt hat, fühl ich viele Achtung für Ihn, und ich bitte Sie, ihn
+herzlich in meinem Namen zu grüßen; ich hätte schon an Ihn geschrieben,
+hielte mich nicht der Gedanke, der guten Mutter davon ab, denn ich muß
+Ihnen gestehen, daß, nachdem, was ich von ihr gehört, ich Sie wirklich
+fürchte; Wir wollen Sie [soll natürlich heißen: sie] Lieber Bruder, als
+gute Kinder ehren, und nicht vergeßen was sie während ihrem mühsamen
+Leben, an ihren Kindern gethan hat; auch kennen wir ihre Erziehung
+nicht, wißen nicht, wie das alles so kam; und vielleicht nach ihrer Lage
+kommen mußte.
+
+Ja Lieber, es wird einst auch ein gutes Geschöpf für Sie dasein, daß
+Sie aufrichtig Lieben wird; und ich will es denn zu seiner Zeit mit
+Ihnen suchen; ich biete mich darum zu Ihrer _Rath_geberin, über diesen
+wichtigen Schritt, an, weil wir Weiber tiefer in die Seele unsers
+Geschlechts hineinbliken, als oft die klügsten Männer nicht thun; und
+denn, weil ich Sie gerne glüklich sehn möchte ..... [diese Punkte stehen
+im Originale] Sie sind mein Lieber Bruder, und wollen, und werden gewis
+ein brafer Mann werden, und darum lieb ich Sie sehr.
+
+Sagen Sie mir nichts guter Lieber, von unsern gegenseitigen
+Verhältnißen, von Wohlthaten, wie Sie es nennen wir wollen wie gute
+Kinder sein, welche mit einander theilen, und durch dieses theilen,
+ihrem eignen Herzen eine Wohlthat erzeigen.
+
+Mein theurer Vatter, welcher, ich darf es sagen, an Güte des Herzens uns
+alle übertrift, grüßt Sie von ganzer Seele, und freut sich recht darauf
+Sie kennen zu lernen; Er wird Sie, wie seinen Sohn lieben. Er hat ein
+Herz daß lieben kann, und dem nicht wohl ist, wenns nicht lieben kann.
+
+Wenn Sie ein Freund der Natur sind so werden Sie auch an mir eine
+Freundin der Natur finden, denn kann ich orndlich schwärmen, aber doch
+nicht mehr in dem Grade, wie ichs konnte; dieses Gefühl hat sich ein
+wenig bey mir verlohren, und es ärgert mich sehr.
+
+Leben Sie wohl Lieber theurer Bruder! Schreiben Sie bald, und vergeßen
+Sie nicht, wie Sie aufrichtig Liebt Ihre Schwester
+
+ _Johanna Fichte_
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn Fichte_:
+ abzugeben beym _Herrn_ Conrector _Thieme_
+ in _=Meisen=_
+
+ =Frey=:
+
+ Einerseits zur Bestätigung, anderseits zur Erklärung und Milderung
+ des Urtheils über die Mutter vergleiche man, was oben zum 4. Briefe
+ bemerkt wurde, so wie die folgenden Briefe Nr. 19. 21. 42. 45. 47.
+ Nach reiflicher Ueberlegung habe ich geglaubt, auch diese Stellen
+ nicht zurückhalten zu müssen, weder aus übertrieben vorsichtiger und
+ zaghafter Pietät gegen Fichte, noch selbst gegen seine Mutter, die
+ trotz der vielleicht scharfen und grellen Beleuchtung, welche auf sie
+ fallen mag, doch nicht in einem schlechten Lichte erscheint. Für das
+ Verständniß von Fichte's eigenem Wesen aber scheint mir die Kenntniß
+ seiner Stellung in seiner Familie und der Beziehungen zu seinen
+ Angehörigen nicht unwichtig, weil die rücksichtslose Entschiedenheit
+ und die zuweilen bis an Schroffheit grenzende Strenge seines
+ Charakters, das oft stolz sich Abschließende und kalt Zurückweisende
+ seines Wesens gegen heterogene, anders geartete Persönlichkeiten, zum
+ Theil wohl -- ich sage nicht ihre Entschuldigung, deren scheint mir es
+ nicht zu bedürfen, wohl aber ihren Erklärungsgrund mit in dem
+ Gegensatze haben kann, in dem er schon frühzeitig zu einem Theile
+ seiner Umgebung sich befand. Nicht minder als die positiven müssen
+ auch die negativen Einflüsse bei dem Entwicklungsgange eines
+ Charakters in Anschlag gebracht werden.
+
+ Dürfen wir aus den spärlichen Andeutungen ein bescheidenes Urtheil
+ wagen, so war Fichte's Mutter wohl, zum Unterschiede -- vielleicht
+ auch zu einer nothwendigen Ergänzung -- von ihrem weichherzigen und
+ wohl bis an's Unpraktische gutmüthigen Gatten, eine wesentlich
+ energische, positive, thatkräftig auftretende Frau von etwas zusammen
+ geraffter, gedrungener, kantiger Natur, die ihre gut gemeinten,
+ verständigen Ansichten in eigensinniger, rechthaberischer Weise
+ geltend machte, vielleicht um so heftiger und, daß ich so sage,
+ verbissener, je weniger sie alle Mal sogleich einen Erfolg davon sah:
+ so daß sie schließlich eine von jenen Frauen wurde, als deren
+ hervorstechendste Seite die Zanksucht sich zeigt, während sie doch im
+ innersten Grunde ihres Wesens wohlmeinend und herzensgut sind. Etwas
+ davon, obwohl in vollkommen gereinigter und idealisirter Weise, war
+ auch in ihrem großen Sohne, der auch leiblich ihr Abbild war. Herr
+ Professor I. H. Fichte schreibt mir, daß ihm seine Großmutter noch aus
+ seiner »eignen Kinderzeit als stattliche, untersetzte Frau von mäßiger
+ Größe, bei auffallender Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres
+ Sohnes, Johann Gottl. Fichte, gar wohl in der Erinnerung« lebe. Daß
+ gerade zwei solche harte, feste Charaktere, innerlich und ursprünglich
+ verwandt, doch leicht dazu kommen konnten, sich gegenseitig abzustoßen,
+ liegt auf der Hand und ist psychologisch vollständig erklärbar,
+ namentlich wenn, wie hier, der Vater, passiv sich verhaltend, den Sohn
+ nachsichtig gewähren ließ, wo die praktische, resolute Mutter meinte,
+ den Sohn nach einer langen, mühsamen Vorbereitung zur Erfassung
+ einer geordneten, den nöthigen Lebensunterhalt sicher eintragenden
+ Berufsthätigkeit drängen zu müssen. Ihr Verhältniß zu den übrigen
+ Kindern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich
+ erkennbar, und jedenfalls überhaupt minder klar durchgebildet gewesen.
+
+ Wir haben hier ganze, volle, markige Menschen vor uns, die in einen,
+ wir können wohl sagen echt tragischen, Conflict kommen, weil sie nicht
+ blos jeder nach seiner Meinung, sondern auch jeder in seiner Weise
+ Recht haben, so aber, daß nach allgemeineren, freieren Gesichtspunkten
+ wiederum jedem auch ein gewisses, mehr oder minder großes Unrecht
+ anhaftet, weil er seinen eigenen, individuellen Standpunkt zum
+ absoluten, allein berechtigten machen und dem des Andern nicht auch
+ eine theilweise Berechtigung zugestehen will. Tragisch ist dieser
+ Conflict, weil er der Idee nach, welche die Harmonie und den Frieden
+ fordert, nicht bestehen sollte, und weil er, wie die Dinge nun einmal
+ liegen, doch eben unvermeidlich ist, und weil schließlich auf der
+ einen oder der andern Seite eine Niederlage erfolgen muß, welche, in
+ ihrer Gesammtwirkung das genaue Maß der Schuld überschreitend, das
+ Mitleid und den Antheil des Herzens rege macht und einige wehmüthige
+ Klänge selbst in den Siegesjubel auf der andern Seite mischt. Es
+ braucht wohl kaum ausdrücklich hinzugefügt zu werden, daß jene
+ Differenz im vorliegenden Falle nicht wirklich zu einer äußerlichen
+ Katastrophe kam (war doch Fichte, dem geistig doch der Sieg bleiben
+ mußte, wie er ihm auch von der Geschichte zugesprochen ist, für seine
+ Mutter bis an das Ende ihres und seines Lebens in treuer Sorge
+ thätig): es ist dieses nur eine innerliche Auseinandersetzung gewesen.
+
+ Wem das Ganze als eine ungehörige Abschweifung in das ästhetische
+ Gebiet erscheint, der möge Nachsicht üben. Ich glaubte nicht anders
+ jenen beiden wackern Menschen gerecht werden zu können, wenn ich
+ einmal wagte, von ihnen zu reden; und was mich dazu bestimmte, habe
+ ich oben ausgesprochen. -- Indessen will ich auch nicht unterlassen
+ hinzuzufügen, daß mir Herr Pastor Werner in Rammenau sagte, im Dorfe
+ gelte Fichte's Mutter mehr für eine stille Frau, von der man nicht
+ Viel wisse, wogegen sein Vater als »der alte Bandmacher« noch vielfach
+ genannt werde. Dies ist allerdings keine Bestätigung der psychologischen
+ Hypothese, wie ich sie auf Grund des vorliegenden Materials aufgestellt
+ habe; es ist aber auch -- scheint mir -- keine unbedingte Widerlegung,
+ sondern läßt sich, zumal wenn man den verwischenden Einfluß der Zeit
+ in Anschlag bringt, sehr wohl damit vereinigen. --
+
+ Es gereicht mir zu hoher Befriedigung, daß die hier dargelegte
+ Ansicht nachträglich noch von competentester Seite her authentische
+ Bestätigung findet. Herr Prof. Fichte in Tübingen schreibt mir am
+ 7. Juli d. J. über diese ihm mitgetheilte Stelle: .... »Damit komme
+ ich auf meine Großmutter und auf dasjenige, was Sie mit gewiß sehr
+ richtiger psychologischer Conjecturalkritik über dieselbe schreiben.
+ Was ich selbst über sie und über ihr Verhältniß zu Mann und Kindern
+ aus eigener Erinnerung und aus den Mittheilungen meiner seligen Mutter
+ weiß, ist folgendes. Sie war noch im Alter (im Jahre 1805 und 1811
+ besuchte mein Vater mit uns seine Eltern und so schwebt mir das Bild
+ der Großmutter noch in lebhafter Erinnerung vor) eine gerade, stämmig
+ untersetzte Frau, mittlerer Größe, mit Gesichtszügen, die ganz
+ auffallend denen ihres Erstgebornen glichen. Sie galt in der Familie
+ wegen ihres Verstandes und der Energie ihres Willens als die
+ eigentliche Herrscherinn, und ohne Zweifel hat mein Vater =ihr= das
+ Feste, Unerschütterliche seines Charakters als Erbstück zu danken.
+ Deshalb wurde sie aber auch gefürchtet in der Familie, und meiner
+ Mutter Aeußerung, sowie die meines Vaters erklären sich daraus
+ vollständig. Sie war dabei eine Frau von strenger Religiosität, und
+ mein Vater, der wenigstens in den spätern Jahren, wie ich es selbst
+ erlebt habe, seine Mutter mit kindlicher Ehrfurcht als ein ihm
+ ehrwürdiges Wesen behandelte, hat gegen meine Mutter ausdrücklich
+ erwähnt, wie viel er den ersten religiösen Eindrücken verdanke, welche
+ die Mutter ihm eingeflößt. Doch war das Verhältniß zwischen Mutter und
+ Sohn in seinen Studienjahren allerdings, wie ich aus vielen einzelnen
+ Andeutungen in übriggebliebenen Tagebuchresten und Briefconcepten
+ schließen konnte, ein getrübtes. Der Grund lag aber gerade in ihrer
+ Vorliebe für diesen ältesten Sohn, den sie sich nicht anders denken
+ konnte, denn als Prediger, und in dessen ganz abweichender und
+ excentrischer Laufbahn sie nur die bedenklichste Abweichung vom Pfade
+ des Frommen und Guten erblicken konnte; kurz, sie verstanden einander
+ nicht, es kam zu heftigen Scenen, weshalb er einige Jahre hindurch
+ sogar den Besuch zu Hause gemieden zu haben scheint, und so
+ erklärt sich mir z. B., daß er bei seiner allerdings abenteuerlich
+ erscheinenden Wanderung nach Warschau (Bd. I. S. 119 Aufl. II.) in
+ Bischofswerda blieb und brieflich seinen Vater und seine Brüder zu
+ sich beschied. Späterhin hat sich dies Verhältniß, wie ich selbst
+ gesehen habe, völlig wieder hergestellt..... Aber leider waren auch in
+ der Familie innere Mißhelligkeiten, unter denen der Großvater sehr
+ viel litt« .....
+
+ Die beiden folgenden Briefe tragen kein Datum, scheinen aber im März
+ 1795 geschrieben zu sein, sie zeigen, wie Gotthelf's Reise nach Jena,
+ worauf die gutmüthige und weichere Johanna schon im November 1794
+ hindeutet und worauf sie ihn immer wieder vertröstet, nach Fichte's
+ klarer und kälterer Einsicht seinen Zwecken gemäß noch weit
+ hinausgeschoben werden mußte.
+
+
+
+
+13.
+
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Es ist mir nicht möglich gewesen, Dir eher auf Deinen letzten Brief zu
+antworten. Ich habe Dir schon mehrmals gesagt, daß selbst ein kleines
+Briefchen nicht allemal so gar leicht von mir geschrieben werden kann,
+weil oft selbst die wenigen dazu erforderlichen Minuten mir fehlen.
+
+Was du mir über Deine Lage schreibst, kann ich zum Theil wohl glauben.
+Ich habe manches der Art vorhergesehen, weil ich unsere Schulleute gar
+wohl kenne, und nicht erwarten konnte, daß Dein Lehrer von der =beinah'
+allgemeinen Regel= eine Ausnahme machen würde. -- Erkenne aus diesem
+Ausdruke, daß der Sache nicht wohl zu helfen war, wenn der Zwek erreicht
+werden sollte.
+
+Das Hauptübel, mein lieber Bruder, liegt in dem Misverhältnisse Deines
+=Alters= zu Deiner =Lage=; ich habe das alles vorhergesehen, und
+größtentheils es Dir vorhergesagt. Du mustest diesen Uebeln Dich
+freiwillig unterwerfen. -- Dazu kommt Deine bis jetzt gewohnte Lebens
+Art. Es ist kein geringes aus dem beständigen Leben in einer Familie,
+aus fortdauernder Gesellschaft, sich in die Einsamkeit eines
+Studierzimmers, und ohne Welt- und Menschenkenntniß, ein Jüngling an
+Jahren, und ein Kind an Einsicht sich unter fremde Leute eines ganz
+andern Standes wagen. -- Die unangenehmste Nachricht in Deinem Briefe
+war mir dein Hang zur Hypochondrie. Ich weiß aber besser, daß es nicht
+dies, sondern Sehnsucht nach Deiner vorigen Art zu seyn, Sehnsucht nach
+Hause, u. s. f. ist. Darin wirst Du mir widersprechen; aber Du kannst
+das nicht beurtheilen; es ist Sehnsucht, die nicht zum Bewußtseyn kommt.
+
+Du irrst Dich gänzlich, wenn Du glaubst, daß Du schon jezt mit Nutzen
+nach Jena kommen könntest; und das ist ein Beweiß, daß Dir noch bis jezt
+über diejenigen Dinge, die ich Dir gleich anfangs sagte, und schrieb,
+noch kein Licht aufgegangen ist; daß nemlich zu einem Gelehrten
+=positive= Kenntniße gehören. Mein Umgang kann Dir hierin nicht viel
+nützen. Denn =theils= habe ich des Tages gar sehr wenig Zeit übrig,
+=theils= verstehst Du mich nur halb; =theils= kommen die Dinge, die Dir
+jetzt zu lernen nöthig sind, in meinen Gesprächen nicht vor: ich habe
+nicht Zeit Dich darin zu unterrichten, und bin auch selbst kein großer
+Held darin. Endlich aber verhindert es besonders meine jezige Lage ganz
+und gar Dich, ehe Deine Sitten mehr Feinheit haben, in mein Haus zu
+nehmen. Ich habe meine sehr triftigen Gründe, zu wollen, daß nichts was
+mir angehört, auf irgend eine Art dem Tadel des Publicums ausgesezt
+sey. -- Du kannst für Deine Sitten höchstens Schüchternheit, und das
+Complimentirbuch der kleinstädtischen Welt angenommen haben: das ist für
+den Anfang nicht übel. Aber darauf muß eine anständige Freimüthigkeit,
+und eine gewisse Leichtigkeit gesezt werden, und diese kannst Du in
+Deiner gegenwärtigen Lage nicht annehmen, und ich weiß gar wohl warum.
+-- Ferner weiß ich sehr sicher, daß Du die schöne Rammenauische Sprache
+noch immer nicht abgelegt hast, und daß diese erst weg wäre, wünsche ich
+gar sehr.
+
+Dies sind meine Gedanken wegen Deines Anherkommens. Dies ist vor der
+Hand unmöglich, und bleibt unmöglich, bis ich Dich selbst geprüft habe,
+und Dich dazu fähig finde. Deinen Wunsch aber von Meissen wegzuseyn,
+überhaupt misbillige ich nicht: wenn ich nur wüste, wo ich Dich hinthun
+sollte. Es sind mir zwei Gedanken eingefallen; =entweder= als Externus
+nach Schul-Pforte. Hierbei würdest Du den Vortheil haben, mit jungen
+Leuten Deines gleichen bekannt zu werden, welches ein großer Vortheil
+für das ganze Leben ist; aber leider -- würde Dir dabei Deine Unwissenheit
+in demjenigen, wovon dort alles Ansehen abhängt, im Wege stehen, und es
+würde eine sehr große Klugheit von Deiner Seite erfordern, Dich zu
+behaupten, theils wäre auch dort für die Bildung feiner Sitten nicht
+viel besser gesorgt, als in Meissen. Jedoch, Du wärst mir in der Nähe,
+und ich könnte vielleicht durch meinen Einfluß und Namen bei den
+umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande:] Dieser ganze
+Plan stößt sich besonders daran, ob Du auch genug gelernt haben magst,
+um in Pforte recipirt zu werden.) =Oder=, es ist mir eingefallen Dich
+zum Pastor =Bischoff= zu thun, der seine schlechte Stelle mit einer sehr
+guten, auch nicht allzu weit von hier, vertauscht hat. Ich werde in
+einigen Wochen selbst zu ihm reisen, und die Lage selbst vollkommen
+prüfen, ehe ich ihm einen Gedanken davon äußere. =In der Mitte künftigen
+Monats sollst Du etwas bestimmtes von mir erfahren.=
+
+Wie stehts mit dem Tanzen? Ferner, wie steht es mit Deiner Kleidung,
+Deinen Büchern, Deiner Börse? -- Schreib mir das recht ausführlich,
+damit ich meine Maasregeln darnach nehmen könne. Deinen Lehrer grüße von
+mir, und sage ihm: ich bedauere, daß ich ihm Dein Viertel-Jahr-Geld
+nicht habe schiken können. Es sey mir nicht möglich gewesen, und ich
+müste ihn bitten zu warten, bis Monat May, wo ich es ihm richtig, und
+mit Dank übersenden werde.
+
+Bruder Christian hat von Finsterwalde aus an mich geschrieben und mir
+seine Verheirathung gemeldet. Wenn Du ihm etwa schreibst, so versichre
+ihn meines herzlichen Antheils. Ich werde ihm schreiben, sobald ich Zeit
+haben werde. Eben so an Bruder Gottlob, und meine Eltern.
+
+ Dein treuer Bruder
+ Fichte.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Lieber theurer Bruder! Ich kann meines Mannes Brief nicht vortgehn
+laßen ohne Ihnen auch ein paar Zeihlen zu schreiben, ohne Ihnen zu sagen
+daß mein theurer Vatter Sie innig liebt, und herzlich grüßt, daß Er und
+ich aufrichtig wünschen daß Sie bald bei uns sein mögen; faßen Sie Muth
+Theurer, die Zeit daß Sie bei uns Leben, wird ja auch nicht mehr so
+lange dauern, und denn werden Sie Sich das überstanden zu [hier steht,
+durchstrichen, »haben«] freuen haben.
+
+Daß wir Ihnen so wenig schreiben, ist gewis nicht mangel Liebe, sondern
+mangel an Zeit, das ist im ganzen ein wirwarvolles Leben hier, daß wenig
+wahren Genuß schaft, und viel Zeit raubt; Sie werd einmahl selber sehn;
+ich wünsche nur daß Sie bald kommen, und kann nicht so ganz einsehn
+warum mein Mann es so aufschiebt, die Lebensart ist hier nicht gar fein,
+so daß gewis ein jeder sich bald hineinfindt; ich wünschte nur auch Sie
+einmahl zu sehn Lieber Bruder! Warum können, und sollen Sie uns denn nie
+besuchen? Sie und ich, wir wollten, unsern Fichte denn schon bekehren,
+ich glaube immer Er nimt die Sache viel zu strenge. Leben Sie wohl!
+Guter theurer Bruder, von ganzem Herzen
+
+ Ihre Fichtin.
+
+ In dem nächsten Briefe klingt in bemerkenswerther Weise aus Johanna's
+ durch und durch christlichem Gemüthe eine ergebungsvolle Stimmung
+ heraus, das Gefühl, daß wir auf Erden schon Bürger des Himmels seien,
+ in welchem erst unsere wahre und ewige Heimath sei. So schreibt auch
+ später, gegen Ende des Jahres 1806, Fichte aus Königsberg an seine
+ Gattin: »Ich habe meine Entschiedenheit für das Leben, die in meinem
+ Innern nie zweideutig war, nun auch äußerlich realisirt. Du bist der
+ Erde ohnedies abgestorben, wie das Weib mag, der Mann nie darf noch
+ soll. Du wirst mit dem bescheidenen Platze, den ich mir behalten habe
+ in der letztern, vergnügt sein« (I, 371). Als äußerliche Veranlassung
+ zur Offenbarung dieser Denkart in diesem Briefe müssen wohl die bis
+ zu gewaltsamen Angriffen gehenden Anfeindungen und Beleidigungen
+ betrachtet werden, mit denen Fichte von den Ordensverbindungen
+ der Studenten verfolgt wurde, die er als die Quellen vielfacher
+ Unsittlichkeit erkannt und darum veranlassen wollte sich aufzulösen.
+
+
+
+
+15.
+
+
+ _Jena d. 8. Aprill 1795._
+
+ Theurer Bruder!
+
+Schon lange wollt ich Ihnen schreiben, schon lange einliegendes schiken;
+und immer, und immer gabs Hindernisse: Sie sind eine gar zu gute Seele,
+da Ihnen mein Geschreibsel angenehm sein kann; freuen thut's mich
+freylich; da ich mich nun ganz treuherzig hinsezen kann, wenn ich Ihnen
+schreibe; da ich denken darf, der gute Bruder versteht Dich schon, wie
+du es meinst, daß ichs gut mit Ihnen meine, das weiß ich, das sagt mir
+mein Herz, daß Sies aber auch gleich so einsehen, das macht Ihnen Ehre.
+
+Mein Lieber Mann, wird in ein paar Tagen, zu _Pastor_ Bischoff reisen,
+um wie er =hoft=, sich zu erholen, und um zu arbeiten; damit er künftig
+Sommer nicht so stark arbeiten müsse; ich bleibe bey meinem Vatter,
+welcher sich nicht ganz wohl befindt, und der Haushaltung, welche man
+nicht gut allein laßen kann; auch muß verschiedenes im Hause ausgebeßert,
+und verändert werden; so siehts nun bey uns aus Lieber Bruder; was man
+im ganzen in _Jena_ für eine Art zu leben führt, werden Sie einst selber
+sehn; es ist wie überhaubt in der Welt, häußliches Glück, können wir uns
+nur selber schaffen, Stöhrungen von außen, muß man sich nicht laßen zu
+Herzen gehn; dies ist auch hier höchst nothwendig; so geht ein Jahr,
+nach dem andern hin, bis wir am Ziehle unsrer Laufbahn hienieden sind;
+wohl uns, wenn wir viel Gutes, und nicht Böses thaten.
+
+Ich freue mich, daß Sie so Muthvoll, Ihre Zeit, (ich hoffe, und wünsche
+daß sie nicht mehr lange daure) ausharren; wir wollen uns nachher mit
+Ihnen drüber freun.
+
+Mein guter Vatter, und Mann grüßen Sie herzlich, Leben Sie wohl, und
+errinnern Sie Sich dann und wann Ihrer Schwester
+
+ _Johanna Fichte._
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn Fichte_:
+ in
+ _Meissen_.
+ bei dem Herrn Con Rektor _Thieme_.
+
+ =Inliegend ein Friedrichd'Or=
+
+ (Nur: »_Herrn Fichte_« von Johanna's Hand.)
+
+ Die erwähnten Mißhelligkeiten bewogen Fichte, Jena auf einige Zeit zu
+ verlassen und den Sommer in Osmannstädt zuzubringen (I, 260); darauf
+ beziehen sich die folgenden Briefe, von denen der erste der Zeitangabe
+ ermangelt.
+
+
+
+
+16.
+
+
+ Theurer Bruder!
+
+Wir werden wahrscheinlich diesen Sommer auf dem Lande Leben, und Sie
+werden denn zu uns kommen, worauf ich mich herzlich freue; ich werde
+Ihnen so bald möglich das bestimmtere drüber schreiben. Leben Sie wohl!
+In Eyl Ihre Schwester
+
+ _Jo. Fichte nee Rahn_
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn =Fichte=_:
+ Bey dem _H: Conrector Thieme_
+ in
+ _Meissen_.
+
+ Einliegend einen _Friedrichs'dor_:
+
+
+
+
+
+17.
+
+
+ Jena, d. 27. April. 1795.
+
+Da ich durch eine Veranlaßung, worüber mündlich, diesen Sommer frei
+bekomme, und ihn auf dem Lande zubringen werde, habe ich mich
+entschlossen, Dich zu mir zu nehmen. Komm daher, sobald Du willst,
+und kannst. Wenn Du über Leipzig, und Naumburg reisest, so brauchst Du
+gar nicht nach Jena, sondern hast von Naumburg aus über =Auerstedt= zu
+reisen, und da nach dem Dorfe =Oßmannstedt= zu fragen, welches zwischen
+=Auerstedt= und =Weimar= an der Straße, wie man mir sagt, liegt. In
+Oßmannstedt auf dem Schloße trifst Du mich. Ich habe daßelbe, welches
+sehr schön ist, und in einer angenehmen Gegend liegt, für diesen Sommer
+gemiethet. Da ich Dich bald zu sprechen hoffe, so halte ich nicht für
+nöthig, Dir noch irgend etwas zu schreiben, wozu ich ohnedies jezt nicht
+Zeit hätte.
+
+Ich bin jezt selbst mit meiner Caße etwas dürftig eingerichtet. Ich
+hoffe daher, daß die inliegenden 2. Dukaten hinlänglich seyn werden, um
+Dir das nöthige zu Deinem Abgange von _Meisen_ zu verschaffen, und um
+damit die Reise anher zu machen.
+
+Lebe wohl. Es wird sich sehr freuen Dich zu sehen
+
+ Dein
+ Dich liebender Bruder
+ F.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn _Fichte_:
+ in
+ _Meissen_
+
+ Hierin 2. Ducaten
+
+ Auf einer leeren Seite des 17. Briefes befindet sich ein Herzenserguß
+ Gotthelf's, der in merkwürdiger Art beweist, wie Fichte seinen Bruder
+ von Anfang an nur allzu richtig beurtheilt hatte, als er in seine
+ ausreichende Entwicklungsfähigkeit einigen Zweifel setzte -- ein
+ Mißtrauen, dessen Richtigkeit sich bestätigt hatte, als der Professor
+ den Schüler persönlich prüfte. (In welchem Monat Gotthelf nach
+ Osmannstädt kam, ist nicht angegeben.)
+
+
+
+
+18.
+
+
+Das Glück ist sehr veränderlich. Als ich diesen Brief von meinem Bruder
+erhielt, so schätze ich mich für außerordentlich glüklich und dachte,
+von nun an sey mein Glük so fest gegründet, daß es gar nicht mehr wanken
+könnte. Und siehe! -- nie wankte es mehr als eben da, denn dieses war
+der Anfang, zu meiner jetzigen mißlichen Lage: wäre ich nicht so zeitig
+aus Meißen weg gekommen, so hätte wohl etwas mit mir werden können. Ich
+hätte alsdann doch die Lateinische Sprache so ziemlich gelernt gehabt,
+hätte auch einen Anfang in der Französischen, und vielleicht auch in
+der Griechischen gemacht gehabt, wäre zu einer weit gelegenern Zeit zu
+meinem Bruder gekommen, als ich so zu ihm kam, er hätte vielleicht, wenn
+er vom Anfang an eine bessere Meinung für mich gefaßt gehabt hätte, mich
+nicht so kalt behandelt, und ich wäre also auch nicht genöthigt gewesen,
+mich gegen ihn zurükzuhalten, und also hätte die Sache vielleicht ganz
+anders gehen können, als sie leider jetzt geht. Indessen ist es nun
+einmal nicht anders, und ich wenigstens kann die Sache nicht ändern, ich
+habe auch die Teufeleien nicht vorher sehen können. Gute Nacht.
+
+ Fichte.
+
+ Was Gotthelf hier noch zu seiner Entschuldigung anführt, hat um so
+ weniger Grund, als er ja, wie aus den vorigen Briefen vielfach
+ ersichtlich ist, selbst die Zeit nicht hatte erwarten können, wo er
+ Meißen verlassen und nach Jena kommen durfte. Der trotz des bittern
+ Ernstes fast komische Schluß aber bekundet doch den Humor und die
+ ausreichende »Seelenstärke« (vgl. oben den 8. Brief), womit er die
+ Enttäuschung zu ertragen und sich in einen andern Wirkungskreis zu
+ finden vermochte. Dasselbe bezeugt der folgende Brief, der anderseits
+ einen Beweis liefert, mit welchem Geschicke J. Gottlieb Fichte auch
+ praktische Dinge zu behandeln wußte und mit welcher Energie er einige
+ bei seinem Aufenthaltswechsel eingetretene Mißverhältnisse ordnete.
+
+
+
+
+19.
+
+
+ Jena, d. 14. November. 95.
+
+Deine Gesinnung, mein lieber Bruder, die in Deinem Briefe sich zeigt,
+freut mich, und ich wünsche Dir von Herzen Glük dazu. Auch ist es mir
+sehr angenehm, daß diejenigen, die Dich umgeben, gleichfals in die Lage
+sich geschikt haben.
+
+An sich -- ich gestehe es Dir aufrichtig -- sehe ich auch dabei kein
+Unglük, wenn Du Soldat würdest; es versteht sich auf einige Zeit. Wenn
+Du Dich appliciertest, könntest Du eine Unter Offizier, eine Fourier
+Stelle, u. s. w. erhalten: (nur wäre dabei zu wünschen, und nöthig, daß
+Du eine beßere festere Hand schriebest.) Auch dieser Stand giebt eine
+eigne Bildung, eine eigne Bearbeitung, eine Gefügigkeit in die Welt, die
+Dir besonders, so wie ich Dich kenne, sehr nüzlich seyn würde. Da aber
+allerdings dadurch Dein anderweitiger Plan aufgehalten würde, und was
+die Hauptsache dabei ist, da Du eine Abneigung gegen diesen Stand hast,
+so billige ich auch die Weise, wie Du Dich davon befreien willst.
+Ich würde Deinen Brief noch eher beantwortet haben, wenn nicht die
+Ueberlegung, ob ich Dir mit Vernunft =jetzo= die begehrten 30. Rthr
+schiken könnte, mich einige Zeit aufgehalten. Meine Lage ist die: Ich
+habe zwar eine gute Einnahme gehabt; aber durch Vergeßlichkeiten war
+eine solche Unordnung in meinem Hause eingerißen, daß ich an ~100 rthlr.~
+Schulden habe bezahlen müßen, =auf die ich nicht gerechnet, und von
+denen ich kein Wörtlein= gewußt; überhaupt, daß ich seit 14. Tagen
+über 200 rthr. Schulden bezahlt habe. Bedenke selbst welche Unordnung
+besonders der erste Umstand in einer Haushaltung verursacht, in der ich
+schlechterdings, es koste was es wolle, von nun an strenge Ordnung haben
+will. So unbedeutend nun 30. rthr. an sich mir seyn mögen, so sehe ich
+doch nicht mit Sicherheit vorher, daß ich sie, bis ich wieder Geld
+bekomme
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte den Brief so weit geschrieben, als mir eine unerwartete
+Schuld einging, die jenes _deficit_ ersezt und mich in den Stand
+sezt, Deinem Begehren selbst zu willfahren. Ich mag den Brief nicht
+umschreiben; und so mag denn der Anfang stehen bleiben, um Dir einen
+Beweiß zu geben, daß Du nicht etwa unbedachter Weise auf mich rechnest.
+Ich wollte Dir rathen, die 30. thr. in Deiner Gegend, auf mein Wort
+zu borgen; allenfalls auch auf einen Wechsel von mir, zahlbar zur
+Jubilate-Messe. Ich kann es jezt baar schicken; und so ist es besser.
+
+Aber so erneure ich denn auch meine Versicherung, daß auf mich gar nicht
+zu rechnen ist. Habe ich etwas übrig, so kann ich es dann wohl zum
+Vortheil der Meinigen anwenden; aber mein eignes Hauswesen in Unordnung
+bringen, oder mich in Schulden steken, das thue ich jezt, und in
+Ewigkeit nicht. --
+
+Ich hoffe, daß der Hauskauf schon gemacht ist. Mit der Werbung wird es
+nun wohl auch nicht mehr so große Noth haben, weil Sachsen Friede
+geschlossen hat.
+
+Ein Wink, den Du mir über die Lage der Unsrigen giebst, betrübt mich:
+ärgert, und empört mich. Ich kann diese zanksüchtigen Menschen recht
+herzlich haßen. Es bleibt dabei, daß ich künftigen Herbst meinen Vater
+zu sehen hoffe, sehr darauf mich freue den lieben, guten, würdigen zu
+sehen: aber ich werde nie über eine Schwelle treten, innerhalb welcher
+es solche Menschen giebt.
+
+ Der Deinige
+ Fichte.
+
+N. Sch. Ich denke Dir dieses Geld keineswegs zu =schenken=; sondern ich
+denke es Dir nur zu borgen: und es mag auf dem Hause, unter uns, stehen
+bleiben.
+
+Beantworte mir doch nach genauer Erkundigung folgende Fragen: Sind bei
+Euch auf gute Art, und wohlfeil liegende Gründe zu erkaufen: z. B.
+Bauergüter, die von Hofdiensten frei gemacht werden könnten; oder
+beträchtliche Stüke von den herrschaftl. Gründen: Wir möchten es, um
+gewißer Ursachen Willen, gern wißen.
+
+Meine Frau grüßt Dich herzlich; und dankt für Deinen Brief.
+
+ Aufschrift:
+
+ An Herrn
+ _Samuel Gotthelf Fichte_
+ in
+ _Rammenau b. Bischofswerda_
+ über _Leipzig_ u. _Dresden_.
+
+ Inliegend 5 Stück _Carolin_.
+
+ Die beigegebenen rührenden Zeilen Johanna's nehmen Bezug auf den am
+ 29. Sept. erfolgten Tod des Vaters Hartmann Rahn.
+
+
+
+
+20.
+
+
+Ich kann doch den Brief meines Lieben Mannes nicht abgehen lassen, ohne
+Ihnen auch zu schreiben. Ich freue mich herzlich, daß Sie so glüklich
+angekommen sind, daß Sie alle Lieben so wohl fanden; und Ihr lieber
+Brief an mich, voll wahrer Lebensweisheit ist; Sie haben den wirklichen
+Punkt gefunden, um in der Welt glüklich zu seyn, halten Sie ihn ja fest,
+denn ohne diesen einzigen wahren Gesichtspunct, können wir nie glüklich
+sein.
+
+Ich bin ziemlich wohl; aber der Verlust meines theuren, redlichen, mir
+unvergeßlichen Vatters, macht mich sehr betrübt; ich fühl auch besonders
+izt, seinen ganzen _Werth_, den ganzen Umfang seines edlen Herzens; wie
+grenzenlos Er mich liebte, was Er für ein herrlicher Mann war; wie oft
+sagte Er zu mir; ach wüßt ich nur was zu erfinden, um dem guten Fichte,
+ein glükliches Schiksahl, zu machen; auch hatte er mancherley Pläne,
+ihrenthalben entworfen, aber der Tod rafte ihn weg. Er wird nicht wieder
+zu uns kommen, zu ihm aber kommen wir. Das ist auch der einzige Gedanke,
+welcher mich einigermasen tröstet; und die freudige Ueberzeugung, daß
+ihm izt unaussprechlich wohl ist; Daß er nun schon so manches weiß, was
+wir nur hoffend glauben; daß seine Seele, erlößt von der gebrechlichen
+irdischen Hülle, nun ganz andre Vortschritte macht; was mag das für eine
+Freude gewesen sein, als er meine theure Edle Mutter wieder fand, die
+hatte auch ein Herz, wie man nur sehr wenige findt; auch nahm sein
+Verlangen nach ihr, mit dem Tode sehr zu, es war gleichsam, eine
+Vorempfindung, daß Er sie nun bald sehen werde. Ach theurer, Lieber
+Bruder laßen Sie uns Edel und groß sein, und im Guten, immer stärkere
+Vortschritte machen, damit wir auch zu diesen Edlen kommen. Gott sey mit
+Ihnen! Es liebt Sie von ganzem Herzen,
+
+ Ihre Schwester
+ Johanna Fichte
+ g. _Rahn_
+
+Tausend herzliche Grüße, an die lieben Eltern, und Geschwister, mögen
+Sie Alle recht glüklich und braf sein.
+
+ Es folgen nun der Zeit nach eine Reihe von Briefen vom 8. Juni 1797
+ bis zum 9. December 1798 an den Bruder Gotthelf, die hauptsächlich auf
+ Geldverhältnisse und Geschäftssachen sich beziehen, da Gotthelf und
+ Gottlob ein Haus gekauft hatten und darin die Bandweberei betrieben,
+ wozu Johann Gottlieb Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte,
+ wofür er sich einen Gewinnantheil ausbedungen hatte. Namentlich wollte
+ er, daß davon seinem unermüdet thätigen Vater Etwas zu Gute kommen
+ sollte. Von anderen seiner Verwandten scheint Fichte mitunter in nicht
+ ganz zarter und bescheidener Weise in Anspruch genommen worden zu
+ sein, so daß er ihnen zuweilen etwas derbe Zurück- und Zurechtweisungen
+ ertheilt.
+
+ Beachtenswerth ist vorzüglich, wie eingehend Fichte sich nach den
+ Specialitäten des Geschäfts erkundigt, die wandelbaren Werthe der
+ verschiedenen Geldsorten in Anschlag bringt u. s. w., und wie er, der
+ Philosoph, seinen Brüdern, den Geschäftsmännern, vielfach Rathschläge
+ giebt. Man wird dabei an das Wort erinnert, daß der Philosoph auch
+ der beste Schuster sein würde, sofern er nämlich prüft und entdeckt,
+ worauf es ankommt, und also jede Sache, die er in Angriff nimmt, mit
+ Verständniß und mit Erkenntniß des Zweckes behandelt.
+
+ Ich theile aus diesen Briefen nur mit, was als irgendwie
+ charakteristisch von wirklich allgemeinerem Interesse sein kann,
+ indem ich das rein Geschäftsmäßige und Kaufmännische übergehe und
+ durch Punkte andeute.
+
+
+
+
+21.
+
+
+ Jena, d. 8. Jun. 97.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Ich trug Bedenken, Dir das Geld geradezu durch die Post zu übersenden,
+weil ich das ungeheure Porto fürchtete, und wollte deswegen sehen, ob
+es etwa durch Wechselbriefe zu übermachen wäre. Ich erfahre so eben auf
+meine Nachfrage auf der hiesigen sächß. Post, daß
+
+ 50. Carolins, oder 300 rthr. Sächsisch,
+
+als soviel ich hierdurch übersende, nicht mehr als 30. bis 32. Gr.
+Porto machen, und dies halte ich denn doch für Kleinigkeit, und trage
+kein Bedenken, auch diese Unkosten zu verursachen.
+
+Ich erwarte mit umlaufender Post den Empfangsschein, weil ich nicht
+weiß, wie viel der kleinen Nebenpost, durch die das Geld zu erhalten
+ist, zuzutrauen werde.
+
+Ich erwarte die Auszahlung von 4. pro Cent, welche ich selbst an meine
+Frau, deren Schwester dieses Geld gehört, =aus meinem Beutel bezahle --
+abgeredeter Maassen an meinen Vater, als eine kleine Pension= -- ~ganz
+allein zu seiner eigenen Erleichterung bei seinem Alter~; =besonders,
+daß er nicht mehr so schwere Lasten trage=.
+
+Du, und Bruder Gottlob steht mir für dieses Geld; und ich =erwarte
+darüber des nächstens eine Verschreibung eures Vermögens; insoweit es
+dafür nöthig ist=. Der Schein wird ausgestellt nicht auf 300. thlr.
+sächsisch, weil dieser Werth wandelbar ist, sondern auf 50. Stük neue
+französische _Louisd'or_. -- Der Schein wird auf =jährige Aufkündigung=
+gemacht.
+
+Ihr verwendet dieses Geld so, daß es so viel möglich auch meinen übrigen
+Brüdern mit zu Nutz komme: -- es versteht sich, daß dies, da ihr beide
+allein mir dafür steht, nach eurer eignen Einsicht geschieht. -- ... ...
+
+So viel über dieses Geschäft. Was den übrigen Inhalt Deines Briefs
+anbetrift, so wäre darüber viel zu sagen. Was darin unsere Mutter
+anbetrift, hat mich gerührt; und ich beklage die gute Frau. Gott, der
+ein anderes Gericht führt, als wir, wird ihr vergeben. Was Du von den
+übrigen Gliedern unserer Familie, den Vater, und Dich ausgenommen,
+sagst, hat mich befremdet. Diese drolligen Geschöpfe haben also
+geglaubt, daß ich, nach ihrem ehemaligen niederträchtigen Betragen gegen
+mich, noch Pflichten gegen sie hätte, über deren Beobachtung =sie=
+Richter wären, und nach denselben mich beurtheilen dürften? Daß ich
+jetzt durch meinen Besuch diese Pflichten gegen sie erfüllt habe, und
+daß nunmehr erst sie =ihre= Niederträchtigkeit =mir= verzeihen könnten?
+und Du, mein besserer, und wie ich glaubte, vernünftigerer Bruder,
+trägst kein Bedenken, mir dies zu schreiben, als ob Du halb, und halb
+derselben Meinung zugethan wärest?
+
+Grüsse mir herzlich den Vater, und lebe wohl.
+
+ Dein treuer Bruder
+ J. G. Fichte.
+
+... ... ...
+
+Indem ich den Brief schliessen will, fällt mir ein, daß es doch sichrer
+ist, ihn anderwärts hin, als nach Rammenau, zu addressiren; und ich
+schike ihn daher durch Einschlag an Bursche zu Pulßnitz.
+
+ Das Specielle, was Fichte's Mutter betrifft, ist nirgends genau
+ bezeichnet und kann deshalb nicht aufgeklärt werden. Nach einer Stelle
+ am Schlusse des Briefes muß Fichte einige seiner Verwandten besucht
+ haben; die folgenden Briefe aber lehren, daß er in Rammenau nicht
+ gewesen ist.
+
+ Der nächste Brief ist nach dem bezeichneten Alter seines Sohnes, der
+ am 18. Juli geboren wurde, vielleicht an demselben 11. October 1797
+ geschrieben, wie der an des Kindes Pathen Johann Erich von Berger
+ gerichtete (II, 479), oder doch an einem der nächsten Tage.
+
+
+
+
+22.
+
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Ich habe bis jezt so viel Arbeit gehabt, daß ich nicht habe schreiben
+können. Deiner Bitte um Geld konnte ich nicht willfahren, weil ich das
+verlangte nicht entbehren konnte. Ich habe das Haus, das ich in Jena
+bewohnte, und welches Du kennst, gekauft. Das kostet mehr, als das
+Deinige. Nun ist das zwar nicht von meinem, sondern von meiner Frau
+Gelde geschehen: aber theils habe ich Vorschüsse machen müssen: theils
+lasse ich auch fortgesezt darin bauen, und dies geht von meinem Gelde.
+Da kannst Du nun berechnen, ob viel baares Geld bei mir seyn mag.
+Ferner, habe ich diesen Sommer Kindtaufe gehabt. Ja: es ist mir ein
+herrlicher, gesunder, starker Knabe gebohren, der jezt in die 13. Woche
+geht. Sage das unsern guten Eltern, die ich dadurch zu GroßEltern
+gemacht habe.
+
+Ueber eine Reise nach Hause habe ich hin und her gedacht: aber es ist
+nicht möglich gewesen. =Zeit= ist mir das edelste Gut, und ich konnte
+ihrer für diesmal nicht so viel verlieren, als dazu gehört hätte. =Gewiß
+versprochen= habe ich es nicht. -- Ich hoffe, es künftige Ostern möglich
+zu machen. Vertröste den guten, trefflichen Vater. Gewiß werde ich ihn
+sehen, und mehrmals, hoffe ich, sehen. Meine Frau will sich's nicht
+ausreden lassen, mich, mit ihrem Kinde, zu begleiten. Ich gestehe, daß
+ich dies in mancher Rüksicht nicht gern sehe; und auch das hat mich
+bisher abgehalten.
+
+Ferner ist solch eine Reise unter hundert, und mehr Thalern nicht
+gemacht und auch diese habe ich nicht so geradezu zu verlieren. Die
+glückliche Zeit ist vorbei, da ich meinen Stab nahm, und zu Fusse ging,
+durch die weite Welt. Jezt bin ich allenthalben gefesselt.
+
+ Lebe recht wohl.
+ Dein treuer Bruder
+ F.
+
+
+
+
+23.
+
+
+ Jena, d. 2. Jänner 1798.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Meine Frau hat es sich nicht wollen nehmen lassen, an unsern guten Vater
+zu schreiben. Es ist beiliegender Brief, den ich durch Dich überschike.
+
+Es wundert uns nicht wenig, daß wir die Papiere über das übersendete
+Geld, die nach wenigen Wochen folgen sollten, nicht erhalten haben.
+
+Br. Christian hat mir abermals geschrieben. Sein Brief traf zu einer
+Zeit ein, da ich ihm nicht antworten konnte, weil ich keine Zeit hatte.
+Auch jetzt habe ich sehr wenig Zeit: ich bitte also =Dich=, ihn zu
+benachrichtigen, =daß es gänzlich ausser meiner Macht liege, ihm in
+seinem Begehren zu willfahren, und daß er eine völlig unrichtige
+Vorstellung von meiner Lage zu haben scheine=.
+
+Wie geht es euch allen, und wie geht es besonders Dir, und Bruder
+Gottlob bei eurem Unternehmen geht; ob ihr Hofnung habt, etwas vor euch
+zu bringen? -- ob ihr auch dem Vater das accordirte gebt, und ob es ihm
+in der That zu einiger Erleichterung dient? Besonders auf das letzte
+wünsche ich eine bestimmte Antwort.
+
+ Lebe recht wohl.
+ Dein treuer Bruder
+ F.
+
+
+
+
+24.
+
+
+ Jena, d. 21. August. 98.
+
+Mehrere Gründe haben mich verhindert, Deinen Brief früher zu beantworten.
+Ich hoffe, daß es jezt mit euerm Unternehmen besser geht. Daß Ihr den
+Vater mit hineingezogen, ist mir nicht ganz recht. Er hat nun gesorgt,
+und gearbeitet genug, und meine Absicht war nicht, daß die kleine Pension,
+die ich ihm zu geben vermochte, als ein Theil des Handelscapitals
+betrachtet würde, sondern daß er sie in guter Musse genösse.
+
+Nehmt euch ja in Acht, daß das Kapital nicht schwindet. Es gehört, wie
+ich mehrmals gesagt, nicht mein; auch nicht einmal meiner Frau, sondern
+einer armen unverheiratheten Schwester derselben. Ich würde es ersetzen
+müssen, und, wenn ich auch nicht sonst Ursache hätte, bedächtig mit dem
+meinigen umzugehen, schon dadurch in die Unmöglichkeit versezt werden,
+euch weiter zu unterstützen.
+
+Aber ich habe Ursache, die Zeiten des Wohlstandes behutsam zu nutzen.
+Meine Besoldung ist so gering, daß ich durch sie kaum Holz und Licht
+bestreiten kann. Ich muß von meiner Arbeit leben; und daß diese mir
+etwas eintrage, hängt von dem Flor dieser Universität ab. Dieser aber
+könnte in ein paar Jahren ganz sinken, denn schon jezt hat der Kaiser
+von Rußland alle seine hier studirenden Unterthanen, deren Anzahl sich
+bis in die 80. belief, zurükberufen, und es ist zu fürchten, daß andere
+Regierungen diesem Beispiele folgen.
+
+Wenn einer von euch etwas vom Landbaue verstünde, so würde ich ihn zu
+mir nehmen und mir Ländereien ankaufen. So könnte ich es etwa mit der
+Zeit zum Besitze eines Rittergutes bringen. Aber auch dies kann ich
+vor der Hand nicht, weil ich nicht weiß, ob ich noch lange in diesen
+Gegenden bleiben werde. Ich habe nemlich Vocationen, die annehmbar sind,
+wenn Jena in Verfall kommt; bei denen ich mich aber verschlimmere, wenn
+die Lage bleibt, wie sie jezt ist. Kurz, mein ganzer Zustand ist
+schwankend.
+
+... ... ...
+
+Die herzlichsten Grüße von mir und meiner Frau an Eltern und Geschwister.
+
+ Dein
+ treuer Bruder
+ J. Gottlieb Fichte
+
+ Die hier erwähnten Vocationen beziehen sich ohne Zweifel auf die
+ beabsichtigte neue Organisation der Universität zu Mainz, bei der man
+ Fichte in's Auge gefaßt hatte (I, 299 ff.).
+
+
+
+
+25.
+
+
+ Jena, d. 16ten 7br. 98.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Deine Briefe habe ich erhalten. Wenn du, wie ich hoffe, diesen Brief zu
+rechter Zeit erhältst, d. i. wenigstens den 20sten dieses (Donnerstags)
+so sey den 21sten (Freytag) bei guter Zeit in Dresden, und frage mir im
+Gasthofe zum (goldnen glaube ich) =Engel= nach. Der Wirth heißt Eichhof.
+Bin ich etwa nicht da, so werde ich doch dort meine Addresse lassen. --
+Richte Dich so ein, daß Du die Nacht von Hause abwesend seyn kannst, und
+sey gut angezogen, denn wir wollen den andern Tag wohin reisen.
+
+Uebrigens sey ohne Sorge, und laß Dich ja auf nichts ein, ehe ich Dich
+gesprochen habe.
+
+Meine Frau grüßt Dich, und die Eltern, so wie ich gleichfals
+
+ Der Deinige
+ F.
+
+ Was das Ziel und der Zweck der hier verabredeten Reise war, ist
+ unbekannt.
+
+
+
+
+26.
+
+
+ Jena, d. 15. 8br 98.
+
+... ... ...
+
+Ich habe Deinen Brief erst diesen Augenblik erhalten und antworte
+sogleich indem ich nur noch ½. Stunde bis zu Abgang der Post habe. Daß
+Du den Donnerstag oder Freitag das Geld haben werdest, ist so ziemlich
+unmöglich, denn jezt ist Montag Abends.
+
+Ich habe theils bis jezt mit meinen Laubthalern noch keinen
+vortheilhaften Wechsel machen können; theils wollte ich noch alles
+_piano_ gehen lassen, bis wir Kunden haben. Ich habe darüber an einen
+Kaufmann, dem ich zugleich die Mustercharte eingeschikt, geschrieben.
+Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe sehr
+traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, und den Credit auf die Wage
+zu setzen, schike ich sogleich Geld. Solltest Du mehr brauchen, so
+schreibe mir.
+
+Grüsse mir Eltern und Geschwister herzlich.
+
+Die Post geht ab, und ich habe keinen Augenblik mehr Zeit. Ich werde Dir
+aber nächstens weitläufiger schreiben.
+
+ Dein treuer Bruder
+ F.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn Samuel Gotthelf Fichte
+ zu _Rammenau_
+ _p. Bischofswerda_, über
+ _Dresden_.
+
+ frei
+
+ ... ...
+
+ Die folgenden Briefe vornehmlich zeigen uns den idealistischen
+ Philosophen auch als praktischen Geschäftsmann.
+
+
+
+
+27.
+
+
+ Jena, d. 26. 8br. 98.
+
+ Lieber Bruder!
+
+Ich möchte, daß Du noch vor der Frankfurter Messe einen Brief von mir
+hättest, damit Du allenthalben Deine Maasregeln darnach nehmen könntest,
+drum schreibe ich Dir jezt.
+
+Das nothwendigste zuerst. Die Mustercharte habe ich an einen gewissen
+Kaufmann in Eisenach geschikt. Er hat mir geantwortet, daß ich mich
+nicht besser hätte addressiren können, als an ihn, daß er in einiger
+Zeit nach Jena kommen und mit mir mündlich weiter aus der Sache sprechen
+werde; daß die Waare zwar gut gearbeitet -- dies bezieht sich wohl
+besonders auf die Schurichschen Wollen Proben, die noch jedermann,
+der sie bei mir gesehen, äusserst wohlgefallen haben, -- daß =sie aber
+viel zu theuer sey=. Ueber den lezten Punct erwarte ich seine weitere
+Erklärung, und Deine Antwort, ob sie, im Falle einer grossen Lieferung,
+wohlfeiler abgelassen werden könne.
+
+Ich habe an unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag
+gegeben, sich in den Bandbuden umzusehen, Preiß, und Güte der Waaren zu
+erkundigen, und zu erforschen, woher die Kleinhändler ihre Waaren
+beziehen. Da hat nun meine Frau 3 Stükel (das Stük hält 16. Ellen und
+das Band 24. Faden.) schmales weisses Band (doch nicht so schmal als
+unsere Pfennigschnür) für 8. Gr. gekauft, und erfahren, daß hier herum
+alles aus =Erfurt= gezogen wird, wo sich bis 15. grosse Bandfabriken
+befinden sollen, deren Unternehmer viele hunderttausend im Vermögen
+hätten (sagen nemlich die =Kleinhändler=). So habe ich selbst auf der
+Leipziger Messe eine mächtige, und sehr gut gefüllte Erfurter Bude (sie
+steht mitten auf dem Markte) gesehen. -- Es ist mir selbst warscheinlich,
+daß die Erfurter das Garn wohlfeiler haben, als es in unserer Gegend
+ist, indem in dem Erfurter Gebiet viel gesponnen wird, aber sonst keine
+Leinweberei ist, und die Lebensmittel gar wohlfeil sind. Auf diese
+Vergleichung bezieht sich vielleicht des Eisenacher Kaufmanns Ausspruch.
+Ich werde über alles dieses mich näher erkundigen. Alle diese Umstände
+nun rathen uns vor der Hand gar sehr das _piano_ gehen an; denn was
+hilft es eine Menge Waare zu verfertigen, wenn man nicht den Preis
+halten kann, und sie verschleudern kann.
+
+Kurz -- über alles dies werde ich sehr genaue Erkundigungen einziehen;
+ebenso, wie über den muthmaaßlichen Erfolg des Beziehens der Leipziger
+Messe. Sehen wir nicht die Möglichkeit, etwas dort zu machen, vorher
+ein, so rathe ich nicht dazu: denn die Unkosten einer solchen Messe
+mögen, nach den Klagen aller Kaufleute, und nach der unverhältnißmässigen
+Theurung aller Waaren in Leipzig gegen andere Meßorte, (z. B. Naumburg,
+unsern Jahrmarkt) wozu die Krämer geradezu dies als Grund anführen, sehr
+gros seyn. Eine Bude zwar ist, an einem sehr vortheilhaften Platze,
+besprochen. Das Standgeld beträgt die Messe über nur 12 Gr. aber eine
+Bude müste angekauft werden.
+
+... ...
+
+Wechselbriefe kann ich nicht schiklich bekommen. =Dresden= ist viel zu
+wenig Handelsort.
+
+Auf Leipzig kann ich sehr leicht assigniren. Jezt zu andern Punkten.
+
+... ... ...
+
+Grüße Eltern, und Geschwister, und lebe recht wohl.
+
+ Dein treuer Bruder
+ F.
+
+d. 3. 9br.
+
+Dieser Brief ist, um meiner vielen Geschäfte willen, liegen geblieben.
+Ich hoffe aber, daß du ihn noch vor der Messe erhältst. ... ...
+
+
+
+
+28.
+
+
+ Jena, d. 18. 9br. 98.
+
+ Lieber Bruder,
+
+So eben kehre ich meine Chatoulle bis auf den Boden, in welche ich
+alles Gold und sächsische Geld, das ich seit meiner Rükkehr eingenommen,
+geworfen, und noch überdieß wechseln lassen, und finde nicht mehr, als
+das auf beiliegenden Zettel bemerkte, ... ...
+
+... ... ...
+
+Ueberhaupt, -- plagt mich das Geldschiken bloß um der nicht
+beizutreibenden Geldsorten willen; aber, sobald etwas nothwendig
+gebraucht wird, oder wo ein Vortheil zu machen ist, so schreibe ja
+sogleich. Ich kann Dir vieles, was ich versprochen hatte, heute nicht
+schreiben, weil ich in Arbeiten vergraben bin. Ich werde bei der ersten
+Gelegenheit, da ich ein wenig freie Luft habe, schreiben.
+
+Melde mir ausführlich, wie Deine Messe abgelaufen. Die Aussicht für den
+Handel ist überhaupt höchst betrübt, durch das schändliche Verfahren der
+Engländer, und die Dummheit der Deutschen. Ich habe wieder etwas
+aufgetrieben, das unserer Bandfabrik vielleicht Kunden verschaft.
+
+Ferner habe ich vor einigen Tagen eine Sammlung von physikalischen
+Experimenten in die Hände bekommen, die ich dir bei Gelegenheit zusenden
+werde. Es ist da manches über Färberei, wovon ich nicht weiß, ob es Dir
+nützen kann; aber es ist da ein Rezept zu schnellen =Bleichen=, das
+einige Anlage, und etwas Menschenverstand erfordert, und Dir gewiß
+nüzlich seyn könnte. Ich werde es selbst noch besser durchdenken, und
+dann mit meinen Bemerkungen es Dir schiken; kaufe daher nur nicht so
+viel weisses Garn, sondern rohes.
+
+Ich habe noch mancherlei sehr =sichere= Gedanken zur Verbesserung der
+Bandfabriken, von denen ich nur zweifle, ob ich sie Dir schriftlich
+vortragen kann. Hierüber ein andermal.
+
+Die alte Uhr ist, glaub ich des Postgeldes nicht werth. Sonst konnte
+ich sie durch Schütteln, und Rütteln zum Gehen bringen; da ich sie das
+leztemal sah, half auch dieses Mittel nicht mehr. Beruhige den guten
+Vater. Eine Uhr soll er sicher von mir bekommen; ob es grade die aus dem
+alten Eisen seyn wird, kann ich nicht versprechen. Lebe wohl, und grüsse
+Eltern, und Geschwister. Dein treuer Bruder
+
+ J. G. F.
+
+Du schreibst in Deinem lezten Briefe, daß Du 90 Thlr. in Frankfurt
+zu bezahlen habest. Und da möchte denn meine Frau, der dies auffiel,
+wissen, wofür? -- und =ich= möchte es auch wissen.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn Samuel Gotthelf Fichte
+ zu
+ _Rammenau_
+ über =Dreßden=, und =Bischofswerda=
+
+ ... ...
+
+
+
+
+
+29.
+
+
+ Jena, d. 4. Xbr. 98.
+
+Der Kaufmann, dessen ich neuerlich erwähnte, Hr. _Streiber_, ist hier
+gewesen. Es hat sich ergeben, daß derselbe =selbst eine Wollenbandfabrik=
+hat. Sein Tadel der zu großen Theure bezog sich auf die wollenen Bänder.
+Er könne sie weit wohlfeiler liefern. Er versende sie, -- und habe
+ehemals auch leinene aus =Elberfeld= -- nach der Schweiz, Italien,
+Spanien. Er wolle, wenn wir die =Preise halten= könnten (woran er
+zweifle,) uns welche abnehmen.
+
+Vorläufig soll ich =beiliegende Proben= überschiken: und Du sollst die
+beiden bemeldeten Fragen beantworten. Thue dies nur -- aber nicht mit
+Deiner gewöhnlichen =schlechten= Schreiberei, denn das flös't keinen
+Respekt für den grossen Fabrikanten ein -- auf dem beiliegenden Zettel
+selbst. Die Proben sollen zurükgesandt werden. Du mußt Dir sonach
+die Muster =merken=. Ist der Preis acceptabel, so will er auf diese
+Sorten Bestellung machen. -- Nun sehe ich freilich, daß beide Proben
+viertrittig sind, und in der _B._ auch wollenes Garn ist. Du wirst sie
+also schwerlich machen können. Aber doch möchte ich nicht, daß wir
+gleich die erste Bestellung abweisen müßten. Es ist um der Zukunft
+willen. Stühle mit mehreren Tritten wirst Du ohnedies anlegen müssen,
+wenn ich Dir Kunden verschaffen soll. -- Antworte hierauf sobald Du
+kannst. Es ist mir hierbei folgendes eingefallen.
+
+1.). Streibers Bänder, von denen ich Dir nächstens eine Mustercharte,
+und Preistabelle zuschiken werde (da wirst Du zugleich sehen, =wie eine
+Mustercharte aussehen= muß, und dergl. mußt Du Dir zulegen) sind weit
+dünner, und ich glaube im ganzen viel schlechter, als =Schurigs=, aber
+sie nehmen sich viel besser aus; sie sind sehr schön gefärbt, und wohl
+zugerichtet. Ob sie viel wohlfeiler sind, wirst Du sehen; ich vermuthe;
+denn Streiber sagt mir, daß sie auf Mühlen verfertigt werden, die zum
+Theil bis 30. Gänge haben. Vielleicht nun könntest Du dergleichen in
+Deiner Gegend, und zu Frankfurt häufig absetzen, etwas darauf verdienen,
+sie creditirt bekommen, und mit leinenen Bändern Deiner Fabrik bezahlen.
+Dies wäre, scheint es mir, ein profitabler Handel. Sobald ich Dir die
+Mustercharte zugeschikt haben werde, nimm darüber Deinen Entschluß.
+
+2.). Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, einem Griechischen Kaufmanne
+zu Chemniz einen Dienst zu erweisen, den er mir hoch anrechnet. Ich
+werde ihm dafür auftragen, uns Kunden für Bänder zu verschaffen. Halt
+daher eine Mustercharte in Bereitschaft.
+
+3.). Kann ich durch Streibern genau erfahren, wie =unsre= Preise sich
+zu den Preisen anderer Bandmacher, z. B. der Westphälischen, Erfurter,
+u. s. f. verhalten, und wo etwa ein Vortheil zu machen ist. Er hat
+nach Proben, Preisen, Garnpreisen geschrieben. Er glaubt, daß die
+=Braunschweiger= Garne wohlfeiler seyen, als die, deren Du Dich
+bedienst. Wäre dies beträglich, so könnten wir ja dergl. kommen lassen,
+indem der Transport doch so gar viel nicht ausmachen kann. Berechne
+daher, wie hoch Dir, in der Regel =100 Ellen Dresd.= (so müssen wir
+rechnen, denn Weise, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt
+keinen gemeingültigen Maasstab) =weises Garn=, und =rohes Garn= kommen;
+ferner, wie viel ein Geselle die Woche, wenn er fleisig ist, verdienen
+kann, (auch dies müssen wir so berechnen) und melde mir dies; damit ich
+einen Ueberschlag machen, und sehen kann, wo etwas zu ersparen ist.
+
+Soviel für jetzo.
+
+Grüsse Eltern, und Geschwister, und lebe wohl. Dein treuer Bruder
+
+ F.
+
+ Mit dieser sorgfältigsten Pünktlichkeit behandelte er die
+ Geschäftsdetails selbst noch zu einer Zeit, wo ganz andere
+ Angelegenheiten seine Thätigkeit in Anspruch nahmen -- nämlich der
+ bekannte Atheismus-Streit, den er im folgenden Briefe mit prächtigem
+ Humor bespricht.
+
+
+
+
+30.
+
+
+ Jena d. 9. Xbr., 98.
+
+In diesem Augenblike nur das höchstnöthige. Ich werde sehen, ob ich zu
+diesem Briefe zurük kommen kann.
+
+... ... ...
+
+2.). =Meine= Einnahmen, die ich der Compagnie bestimme, sind ziemlich
+unsicher. Sie hängen davon ab, ob ich künftigen Sommer ein oder mehrere
+Bücher schreibe; ob ich durch Reisen viel verthue, und dergl.: Doch
+-- ein halbes oder ganzes Hundert kann ich im Fall der Noth immer
+herbeischaffen.
+
+... ...
+
+Darnach nimm nur Deine Maasregeln. Denn in diesen Detail hineinzugehen,
+vermag ich nicht, weil ich dies nicht genug verstehe.
+
+3.). Wegen des =Standes= einer Bude, (keine Bude selbst, diese müßte
+besonders angeschaft werden) ist mir etwas über die Topographie von
+Leipzig entfallen, darüber ich aber warscheinlich allhier selbst
+Auskunft erhalten kann.
+
+ d. 5. Jänner. 99.
+
+So lange ist dieser Brief liegen geblieben, weil mir unsre guten
+Landsleute, die Chursächsischen, Beschäftigung vollauf gegeben. Ich habe
+seitdem über den Plaz der Bude mich erkundiget. Er ist gelegen.
+
+Von Hrr. Streiber habe ich beiliegende Westphälinger (Elberfeldische)
+Leinenband Proben, und Preistabelle erhalten; die ich Dir zur Einsicht
+und Berechnung, ob wir Preis halten können, mittheilen soll. Die
+Preistabelle lautet zu deutsch: _N. 12_ (bezieht sich auf die
+beiliegende Mustercharte) das Duzend Stükel von 19. Pariser Ellen 5.
+_Livres_ (Ein Livre ist 6 Gr. sächs. wenn der Laubthaler 1 Thlr.
+12 Gr. sächs. steht,) daß also von der geringsten Sorte 19 Ellen 60 Pf.
+kämen. Die zweite Ziffer z. B. _N. 14_. -- 5 _Livres_, 10 -- bedeutet
+_sous_, und der _Livre_ hat 20 _sous_. und nun kannst Du selbst
+berechnen. Ich sehe klar ein, daß =unsre= Bänder viel wohlfeiler sind.
+Nur arbeiten wir blos =glatte=, und wie diese =modellirten= gemacht
+sind, sehe ich gar nicht ein, und glaube, daß wir sie nicht machen
+können. Jedoch dürfte mir es etwa auch da gehen, wie mit den Herrnhuter
+Bändern, wo ich meinen Bandverstand garstig blamirt habe.
+
+Zum Hauskauf wollte ich jetzo, ob mir gleich der Gedanke mit dem Beigute
+nicht mißfällt, nicht rathen; wenn Du nicht etwa sonst woher ein starkes
+Capital auftreiben kannst. Es wird immer möglicher, daß sich mein
+Aufenthaltsort verändert, und daß ich dann selbst Geld bedürfte.
+
+Meinen Vorschlag eines Tauschhandels hat Streiber mit Freuden
+aufgenommen, aber noch nicht =seine= Mustercharte eingeschikt.
+
+Proben eines Handelsbuches, einen Contract, und dergl. soviel mir auch
+natürl. selbst daran liegt, kann ich gegenwärtig nicht einschiken. Ich
+habe wohl andere Dinge zu denken. Dies muß warten auf ruhigere Zeiten.
+
+Sollte nicht auch in der Lausitz der Ruf erschollen seyn, daß die
+Chursächs. Regierung mich für einen Atheisten erklärt habe, und daß ich
+wenigstens zu Asche verbrannt, und dann des Landes verwiesen werden
+würde? Ich sage das nur deswegen, damit, wenn bei Euch das Gerücht
+erschallt, ihr, und besonders unsere guten Eltern nicht erschreken. Es
+wird so schlimm nicht werden. In vier Tagen oder 8. erhaltet ihr eine
+vorläufige Vertheidigungsschrift an das Publicum. Nun hat zwar der
+Churfürst, nicht zufrieden, mich in =seinem= Lande verschrieen, und
+meine Schriften confiscirt zu haben, mich auch noch bei =meinem= Herzoge
+verklagt, und ich muß nun auch da mich vertheidigen. Aber ich denke,
+es soll mir auch hier nicht schwerer fallen, als dort. -- Dies zur
+Nachricht, wenn man bei Euch schon etwas weiß. Weiß man aber nichts, so
+seyd ihr nicht die ersten, die es ausbreiten; denn Geräusch, und Lärm
+ist nie gut.
+
+Lebe recht wohl.
+
+ F.
+
+N. Sch. Wegen der Appretur habe ich bei unserm Professor der Künste
+erkundigt. Das was jene Fabricanten haben, wird allerdings =Leim= seyn,
+und zwar, wie er in den Läden heißt: =Fischleim=. Er wird aus den
+feinsten Schafknochen gekocht, und ist theuer; kann aber sehr vermischt,
+und sparsam gebraucht werden. Der Professor redete von =Selbstkochen=;
+welches mir aber keineswegs einleuchtet.
+
+Deine leztern Briefe gefallen mir. Sie sind gründlich, klar und gesezt.
+
+ Der nächste Brief ist ohne Datum. An wen der darin eingeschlossene
+ Brief gerichtet war, ist nicht bekannt.
+
+
+
+
+31.
+
+
+Meine Arbeiten haben mich absolut verhindert, eher zu schreiben, und
+auch noch jezt muß ich kurz seyn.
+
+1.). Meiner Frauen Geld aus der Schweiz ist =nicht= beizutreiben, indem
+der Schuldner die Waaren, für die er schuldig ist, noch nicht verkauft
+haben will, mit Schaden verkauft haben will, und dergl.
+
+2.). Was wir gegenwärtig aufbringen konnten, hast Du; =ob= und =wenn=
+ich wieder etwas auftreiben werde, da es mir ziemlich schlimm geht, ich
+meine meisten Schriften größtentheils an die Verleger verschenkt habe,
+und selbst das, was man mir schuldig ist, nicht beitreiben kann -- da
+ferner unserer Universität wohl schlimmere Zeiten bevorstehen möchten,
+-- weiß ich nicht. Du mußt daher alle =Erweiterungspläne= aufgeben, und
+blos zu behaupten suchen, was Du hast.
+
+3.). Es folgen die Proben, und Preistabelle der Streiberischen Bänder.
+Die Preise, welche schon jetzt niedriger seyen, als die eurigen, würden
+nächstens noch herunter gehen, schreibt Streiber.
+
+4.). Beiliegender Bindfaden ist ein Pariser =Stab=, der auf der Probe
+und Preistabelle der Elberfelder Bänder gemeint ist. Es heißt im
+Originale _aune_ (sprich _Ohne_) _de Paris_. -- und ich habe den Fehler
+gemacht, indem _aune_ sonst eine Elle heißt.
+
+5.). Streiber hat schon vor länger als 8. Wochen beiliegende Bestellung
+gemacht: -- um einen =Anfang zu machen=, um zu sehen wie die Waare im
+Stüke ausfällt, schreibt er. -- Ich habe dies lächerlich gefunden, um
+eines Duzend Willen anzuscheeren: und daher die Bestellung Dir nicht
+eher geschikt, und ihm nicht geantwortet. Thue jezt, was Du willst. Die
+Fracht (von 1. Duzend Stükel!) will er tragen. Ich halte Streibern für
+einen Narren
+
+Lebe wohl, und grüsse herzlich Eltern, und Geschwister.
+
+Den beigeschloßenen Brief gieb =sogleich= auf die Post. Der arme Teufel,
+der mich dauert, dem ich aber nicht helfen kann, erwartet Antwort.
+
+ Dein treuer Bruder
+ J. G. Fichte.
+
+ In Folge der erwähnten Anklage ging Fichte Anfang Juli 1799 nach
+ Berlin und kehrte erst zu Ende des Jahres zurück, um mit seiner
+ Familie ganz dahin überzusiedeln (I, 309 f. II, 277. 284). Unterdeß
+ war sein vertrautester Bruder Gotthelf gestorben, weshalb der nächste
+ Brief an denjenigen unter seinen Brüdern gerichtet ist, der ihm nach
+ jenem der liebste war, nämlich Gottlob.
+
+
+
+
+32.
+
+
+ Jena, d. 20. Februar. 1800.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Was Du mir in Deinem leztern Briefe über die Aufführung unsers
+verstorbenen Bruders meldest, will ich vor der Hand auf sich beruhen
+lassen.
+
+Daß, in Absicht der Hanthirung, und meiner Forderungen, alles von allen
+Seiten verworren genug ist, ersehe ich gar deutlich: was aber meine
+Anwesenheit in Rammenau dabei fruchten könne, nicht. Auch ist, Deinem
+letztern zu Folge, =unsre= Zusammenkunft bei Deiner Frankfurter Reise
+von Schwierigkeiten begleitet, welche die Vortheile, die ich mir davon
+verspreche, wohl niederwiegen möchten. Ich gebe also diese Zusammenkunft
+auf, indem ich einen andern Versuch mache, ins klare zu kommen.
+
+Dieser Brief trift Dich ohne Zweifel noch vor Deiner Abreise nach
+Frankfurt; mich aber trift keiner von Dir mehr in Jena; indem ein
+blosser Zufall mich noch diesen Monat hier zurükgehalten, und verhindert
+hat, nach =Berlin= zu gehen, wohin ich längstens binnen 14. Tagen mit
+meiner Familie auf immer abgehen werde.
+
+ Dein getreuer Bruder
+ J. G. Fichte.
+
+ Aufschrift:
+
+ An Joh. Gottlob Fichte
+ zu
+ =Elster=.
+
+ Fichte wurde sodann zum Professor in Erlangen ernannt, wo er aber nur
+ im Sommer 1805 lehrte, weil 1806 die kriegerischen Ereignisse ihn
+ anderwärtshin führten, während gleich von vorn herein bestimmt worden
+ war, daß er im Wintersemester in Berlin Vorträge halten durfte. Von da
+ aus ist der folgende Brief seiner Frau geschrieben, in welchem sie in
+ diesen gefahrvollen Zeiten auf zartfühlende Weise sich für ihre und
+ ihres Kindes Zukunft besorgt zeigt. Das erwähnte Unwohlsein Fichte's
+ war eine heftige Kolik (II, 405).
+
+
+
+
+33.
+
+
+ _Berlin d: 26: Jenner 1806:_
+
+Theure Eltern, ich bitte Sie um eine Gefälligkeit daß Sie nämlich die
+Güte hätten mir bey dem _Prediger_ meines Lieben Mannes Taufschein
+auszuwirken, denn da ich in die hiesige Witwen_Caa_ße legen will, so
+brauch ich ihn dazu unumgänglich ich laße mir zu dem Ende hin Geld aus
+der Schweiz kommen, welches ich noch da stehn habe; mein Mann weiß
+nichts davon daß ich in die Witwen_Caa_ße lege, denn es scheint mir sehr
+unherzlich mit meinem guten lieben Mann davon zu reden, wovon man nach
+seinem Hinsterben leben solle, und darum rede ich nicht darüber, sondern
+danke Gott daß mir noch etwas Geld geblieben ist, damit ich es selbst
+bestreiten kann; auf der andern Seite halt ichs für meine Pflicht zu
+thun, denn die Menschen sind sterblich, und auch ich bin sterblich, was
+sollte denn aus unserm armen Kinde werden? sterbe aber auch ich, so
+bekommt unser Kind, bis in sein 25. Jahr, die Hälfte von dem, was ich
+als Witwe bekommen hätte.
+
+Ich bitte Sie mir den Taufschein gleich anfangs des künftigen _Monat_hs
+zu schiken, denn sonst muß ich wieder ein halbesjahr warten, und den
+Brief an mich zu _addressie_ren, weil ich Ihnen die Gründe warum mein
+Lieber Mann nichts davon weiß, schon gesagt habe.
+
+Wenn Sie lieber Vater keine Zeit, noch Lust haben mir zu schreiben, so
+schieben Sie's doch ja nicht auf mir den Taufschein zu schiken, sondern
+schiken ihn mir nur ohne Brief.
+
+Ich habe Ihnen vor etlichen _Mona_then geschrieben, haben Sie meinen
+Brief erhalten?
+
+Mein Lieber Mann grüßt Sie alle herzlich; er ist izt Gottlob wieder
+wohl, war es aber vor einiger Zeit nicht; bei dieser naßen ungesunden
+Witterung sind hier viele Menschen krank, und sterben auch eine Menge.
+
+Unser _Hermann_, der Gottlob gesund ist, empfiehlt sich seinen Lieben
+Groß Eltern.
+
+Leben Sie wohl, Gott sey mit Ihnen, ich grüße alle welche sich meiner
+errinnern freundlich, und bin von _Her_zen Ihre
+
+ _Fichte. g: Rahn._
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn Fichte_ dem Vater
+ zu
+ _=Rammenau=_
+ Bey _Dresden_.
+
+ _=frey=_
+
+ Im October 1806 wich Fichte mit dem Geheimrath Hufeland, wie
+ sämmtliche Behörden und alle Männer von Ansehen, vor den siegreichen
+ Feinden aus Berlin und ging nach Königsberg, wo ihm provisorisch eine
+ Professur zugewiesen wurde; während seine Gattin zur Hütung des Hauses
+ zurückblieb, dann aber nachfolgen sollte, als sein Aufenthalt in
+ Königsberg dauernd werden zu wollen schien. So schmerzlich aber war
+ ihr die Trennung von ihrem geliebten Manne, daß sie trotz ihrer
+ starken und duldungswilligen Seele darüber im November in eine
+ ernstliche Krankheit verfiel (I, 374 f.).
+
+
+
+
+34.
+
+
+ _Berlin_ d. 13: _Feb_: 1807.
+
+Theure Eltern, so eben erhalte ich den Brief aus _Elstra_, ich eile
+sogleich Ihnen Nachricht von uns zu geben, und _addressiere_ den Brief
+an Sie, damit Sie geschwinder Nachricht erhalten; mein Lieber Mann ist
+vor Ankunft der Franzosen hier, nach Königsberg, mit einem Freunde
+verreist, und hat dort eine _Pro_feßur bis zur Wiederherstellung der
+Ruhe erhalten, und lißt _Co_llegien; die lezte Nachricht von ihm ist,
+daß er Gottlob gesund ist; ich erhalte leider sehr wenige Briefe von
+ihm, und kann nur selten schreiben, weil die dorthin gehend. _Po_sten
+nicht gehn: Sie stellen Sich meine Lage vor; ich wollte gleich
+mitreisen, wurde aber aus manchen Ursachen zurükgelaßen, mit unserm
+Kinde; nun wünscht mein Mann sehnlichst daß ich nachkomme, es hat aber
+bis izt noch nicht sein können, weil ich keinen _Pas_ bekommen konnte,
+weil die Straßen nicht sicher sind, und andres mehr auch weil die Reise
+viel kostet.
+
+Dieses Zurükbleiben ist die Ursache, daß ich tödlich krank gewesen bin,
+nun mich aber Gottlob wieder erhole: ich stand viel Angst aus, durch die
+Zeitumstände, grämte mich, hat viel Sorgen, und Verdruß, so daß ich troz
+alles Quämpfen darnieder geworfen wurde; mein Schmerz war um so viel
+größer, da ich unser Kind unter Fremde zurüklassen mußte, wenn ich
+gestorben wäre. Gott hat mir wieder geholfen, und wird auch weiters
+helfen, deßen tröste ich mich. Ich werde zu meinem Mann reisen, so bald
+es nur immer möglich ist und Ihnen vor meiner Abreise noch gewis
+schreiben.
+
+Der Gnädige Gott sey mit Ihnen und schüze Sie vor jeder Gefahr, dieses
+wünscht von ganzem Herzen, Ihre Sie herzlichliebende
+
+ Johanna Fichte.
+
+Ich _franciere_ diesen Brief nicht, damit er sicher gehe, und grüße Alle
+alle von ganzem Herzen.
+
+ Aufschrift:
+
+ _=Herr Fichte der Vater=_
+ zu
+ _=Rammenau=_
+ nahe =bey= _=Dresden=_.
+
+ Ende August 1807 kehrte aber Fichte selbst nach Berlin zurück, wo er
+ alsbald, im September, von Beyme aufgefordert wurde, sein Nachdenken
+ auf die zweckmäßigste Ausführung des Plans zu richten, in der
+ Hauptstadt eine Universität zu gründen, -- ein Auftrag, der ihn
+ bekanntlich zu jenem originellen Organisations-Vorschlag einer
+ »Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs« veranlaßte,
+ der leider unausgeführt blieb. Fichte aber hielt im Winter 1807-8
+ seine Reden an die Deutschen, die er sogleich auch durch den Druck
+ veröffentlichte. Sie sind die Schrift, von welcher er in einem
+ ferneren Briefe spricht.
+
+
+
+
+35.
+
+
+ Berlin, d. 10. Mäy. 08.
+
+ Lieber Vater,
+
+Schon vorigen Winter, sogleich nach dem Eintreffen Ihres Briefes an
+meine Frau, hatte ich Ihnen geantwortet. In Hofnung, daß bis dahin in
+unsrer gemeinschaftlichen Lage einige vortheilhafte Veränderungen
+vorgehen würden, hat meine Frau bis jezt diesen Brief nicht abgehen
+laßen.
+
+Das einzige vortheilhafte, was seitdem vorgefallen, ist die ziemliche
+Wiederherstellung meines =Herrmann=. Es war derselbe damals durch einen
+Fall auf das Knie an dem Einen Beine ganz gelähmt, und hat, bei übrigens
+vortreflicher Gesundheit, 10. Wochen im Bette liegen müßen. Jezt geht er
+wieder; nur noch nicht auf Steinpflaster; es wird, was die Hauptsache
+ist, keine Folge übrig bleiben. Ich befinde mich dermalen mit ihm, und
+meiner Frau, die nach einem sehr harten Krankenlager im Jahre 6. den
+ganzen vorigen Winter gekränkelt, und vor einer Woche wieder recht
+ernsthaft krank gewesen, auf ein paar Wochen auf einem Gesundbrunnen bei
+Berlin, um sie alle wiederherzustellen, und mit frischen Kräften in den
+beginnenden Sommer einzutreten.
+
+Ich für meine Person bin immer gesund, und kräftig gewesen. Man
+organisirt an einer allhier zu Berlin zu errichtenden Universität; mir
+sind die bedeutendsten Aufträge in dieser Rüksicht ertheilt worden.
+
+Ich hatte erst den Vorsatz diesen Sommer in =Dresden= mit Frau und Kind
+zuzubringen; hatte auch schon an =Fritsche= über die zu treffenden
+Vorkehrungen geschrieben; auch von meiner Behörde den Urlaub dazu
+eingeholt. Ich sehe aber, daß es für wichtige Zweke beßer ist, wenn ich
+hier bleibe, und Kollegia lese, und ich bin entschloßen, dem allgemeinen
+Besten dieses freiwillige Opfer zu bringen.
+
+Auch hatte ich, nachdem jener Plan schon aufgegeben war, den Vorsatz
+in dieser ersten Hälfte des Mäy für meine Person allein (eine Reise
+mit Frau und Kind ist unter den jetzigen Umständen, da die ehemals
+begütertsten leiden, für mich zu kostspielig) Sie zu besuchen. Die
+Krankheit meiner Frau, die unter solchen Umständen nicht ohne eine
+nachtheilige Gemüthsbewegung mich von sich laßen würde, hat auch diesen
+Plan vereitelt; wie die gegenwärtige Kurzeit vorbei seyn wird, werde ich
+durch meine Vorlesungen an Berlin gefeßelt seyn. Ich hoffe jedoch im
+=Herbste= Ferien zu finden und vielleicht erlaubt es sodann der
+öffentliche Wohlstand Frau und Kind mit zu bringen.
+
+Ich gebe soeben Ordre an meinen Verleger, daß Ihnen meine neueste
+Schrift von Leipzig aus überschikt werde. Ich habe diesmal nicht über so
+viele Exemplare zu befehlen, daß ich auch an den Herrn Pastor Wagner,
+den ich herzlichst zu grüßen bitte, eins beilegen könnte. Sie leihen es
+ihm vielleicht zum Durchlesen.
+
+Unser aller herzlichste Grüße an Mutter, und Geschwister.
+
+ [Von Johanna Fichte:]
+
+Ich grüße Sie theure Eltern von ganzer Seele und empfehle mich Ihrem
+Andenken.
+
+Gott schenkt mir izt wieder Gesundheit, worüber ich mich freue, da es
+bey unserm Guten theuren Fichte sein kann. Leben Sie wohl, Ihre
+
+ Johanna F.
+
+ Von ihrer und ihres Sohnes Krankheit schreibt auch Johanna Fichte in
+ einem Briefe an Charlotte von Schiller (II, 408 vgl. 470). -- Die
+ beabsichtigte Reise in die Heimath unterblieb; denn Fichte selbst
+ erkrankte, wie der Biograph sagt, »im Frühling des Jahres 1808« (I,
+ 426) oder, wie Fichte's Gattin schreibt, »seit Mitte Juli« (II, 408)
+ oder, wie er selbst im nächstfolgenden Schreiben sagt, »im August«. Es
+ war eben eine langsame, wohl allmählich sich entwickelnde Krankheit,
+ die in rheumatischen Lähmungen nebst schmerzhaften Augenentzündungen
+ bestand und deren Nachwirkungen selbst der wiederholte Gebrauch des
+ Teplitzer Bades nicht gänzlich hob.
+
+
+
+
+36.
+
+
+ Berlin, d. 10. März, 1809.
+
+Ich bin, mein theurer Vater, nicht ohne Sorge über Ihrer aller Befinden,
+auch ob Sie meinen lezten Brief vom Mäy vorigen Jahres nebst dem
+überschikten Buche erhalten hätten, gewesen, bis Ihr leztes Schreiben
+vom 6ten Februar, das aber bei mir sehr spät eingelaufen, und
+vermuthlich in Pulßnitz über 6. Wochen gelegen, mich darüber beruhigt
+hat.
+
+Ich trug den Vorsatz den Sommer vorigen Jahres einen Abstecher nach
+Dreßden zu machen, und hierbei auch Sie nebst den meinigen zu besuchen.
+Besonders eine Krankheit, die den August v. J. anhob, und von der ich
+erst jezt mich zu erholen suche, bei der ich niemals in Lebensgefahr
+gewesen, übrigens aber hart mitgenommen worden, hat mich daran verhindert.
+Dermalen erwarten wir hier die Rükkehr unsers guten Königs, und der
+Regierung. Ich werde diesen Sommer kaum meine gewohnte Thätigkeit wieder
+anfangen können. Vielleicht schiken mich die Aerzte zur Wiederherstellung
+meiner Gesundheit in Bäder, und auf Reisen; und so hoffe ich denn diesen
+Sommer den Besuch bei Ihnen nachzuholen, den ich den vorigen versäumt
+habe.
+
+Frau und Kind befinden sich wohl. Die erstere denkt Ihrer alle Tage,
+nicht ohne Sorgen, besonders wegen des befürchteten nahen Ausbruchs
+eines neuen Kriegs, der zunächst die dortige Gegend treffen könnte.
+Ich hoffe aber fest, daß die Oesterreicher durch musterhaftes Betragen
+sich der großen Angelegenheit, für die sie kämpfen, würdig machen, und
+dadurch die von jedem Kriege unabtrennlichen Uebel sehr mildern werden.
+
+Näher gehen mir die Uebel, die Sie schon erlitten haben, und die Folgen
+davon. Obwohl der König für mich, und andere außer Dienst gekommene
+Gelehrte alles thut, was die eigne beschränkte Lage des Staats
+verstattet, so bin ich dennoch durch eine dreivierteljährige Krankheit,
+in der ich nichts habe arbeiten (es wird darum zu Ostern nichts von mir
+erscheinen) noch verdienen können, dagegen ungewöhnlich hohe Ausgaben
+gehabt, in Umstände gekommen, daß ich dermalen baares Geld nicht
+entbehren kann. Aber Bruder =Gottlob= hat seit dem Jahre 1805. keinen
+Termin abgetragen; auch hat er seitdem kein Lebenszeichen von sich
+gegeben, und keine Anfrage an mich ergehen lassen; ob ich etwa die
+Fortsetzung der Zahlungen verlangte. Wie es mit Abtragung der bedungenen
+Zinsen an Sie von jeher gehalten worden, ist mir gleichfalls nicht
+unbekannt. Ich hoffe daher nicht, daß es ihn übereilen heißt, wenn ich
+von ihm fordere, daß er so schleunig als möglich einen Termin von
+50. Rthlr. an Sie auszahle.
+
+Die meinigen grüßen herzlichst. Ihr Sohn
+
+ _Fichte_.
+
+ Auf die Hoffnung, die sich Fichte von den Oesterreichern machte, nimmt
+ Adelbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la
+ Motte Fouqué gerichteten Briefe Bezug mit den Worten: »Der alte Fichte
+ ist wieder hier. Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr
+ herrlich erschienen sind, und er will die hohe Meinung theilen, die
+ sie von ihrem Kaiser haben.«
+
+ Die treue Fürsorge für seinen alten Vater, der allzu bereitwillig
+ seinen Kindern zu überlassen pflegte, was ihm persönlich zugedacht
+ war, wird bestätigt durch den beigeschlossenen Brief an den Bruder,
+ der von früher her pecuniäre Verpflichtungen hatte.
+
+
+
+
+37.
+
+
+ Berlin, d. 10. März 1809.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Ich hoffe, Du wirst es selbst billig finden, wenn ich Dich auffordere,
+so schleunig, als es Dir irgend möglich ist, an unsern Vater einen der
+seit 1805. ausgesezten Termine von 50. Rthlr. auszuzahlen. Ich ersehe
+aus deßen Schreiben, wie das auch ohnedies zu erwarten war, daß derselbe
+durch den französischen Krieg und die Kriegssteuer in seiner Nahrung
+sehr zurükgesezt worden; so daß ich selbst aus meinem Beutel einen
+Vorschuß machen würde, wenn ich nicht durch dreivierteljährige Krankheit
+und Verdienstlosigkeit selber in eine enge Lage gekommen wäre. --
+Uebrigens gebe ich Dir es auf Deine eigne Ehrliebe, und Gewißen, daß von
+der nur zu großen Gutwilligkeit unsers Vaters gegen seine Kinder hier
+kein Gebrauch gemacht, sondern ihm die Summe =wirklich und in der That
+baar= ausgezahlt werde.
+
+Die Pappiere meiner Berechnung mit Dir sind, nebst andern Manuskripten,
+in Erlangen liegen geblieben, von woher ich sie nicht so schnell haben
+kann. Ich lade Dich darum ein, so schnell, als möglich mir Deine
+Berechnung mit mir einzusenden, damit ich Dir über alles abgezahlte eine
+Generalquittung geben könne. Meinen herzlichsten Gruß an die Deinigen
+von mir und den meinigen.
+
+ Dein treuer Bruder
+ _Fichte_.
+
+ Aufschrift:
+
+ Meinem Bruder
+ Johann Gottlob Fichte
+ zu
+ _Elstra_.
+
+ d. Einschluß.
+
+ Aus dem folgenden Briefe seiner Gattin, der in wenigen Zügen ein
+ reizendes Familienbild entwirft, erfahren wir, daß Fichte schon im
+ Sommer 1809 mit einigem Erfolg das Bad besucht hatte.
+
+
+
+
+38.
+
+
+ Berlin d: 18: Demb 1809
+
+Theure SchwiegerEltern wir grüßen Sie herzlich, und wünschen zu wißen
+wie Sie Sich befinden, und wie's Ihnen geht; mein Mann ist Gottlob
+gesund, nur ist seine Linkehand, noch so wie Sie sie im Sommer sahn, und
+das Rechtebein schmerzt auch dann und wann, er wird künftigen Sommer
+wieder nach _Töplitz_ gehn müßen, um völlig _curiert_ zu werden; da
+werden wir das Vergnügen haben Sie zu besuchen. Sein Geist ist heiter,
+so daß er wieder arbeiten kann, und izt Vorlesungen hält, die auch wohl
+gedruckt werden werden.
+
+Unser _Hermann_ ist Gottlob auch gesund, lernt braf, und grüßt seine
+lieben GroßEltern herzlich; er hat 4: _Th_ von seinem Taschengeld dieses
+Jahr erspahrt, um sie seinen GroßEltern schiken zu können, damit Sie
+sich eine kleine Weinachtsfreude machen, und auch ein gläschen guten
+Wein zu Ihrer Erquikung trinken, thun Sie das doch ja mit der guten
+Grosmutter, die wir herzlich grüßen, und gedenken Sie dabei unser.
+
+Gott schenke Ihnen einen gesunden frohen Winter, und laße freudig in's
+NeueJahr eintreten: das wünscht von ganzem Herzen Ihre Sie aufrichtig
+liebende
+
+ Johanna Fichte
+ g: _Rahn_
+
+ Zum zweiten Male ging Fichte im Jahre 1810 nach Teplitz und auf der
+ Rückreise besuchte er seinen Geburtsort.
+
+
+
+
+39.
+
+
+ Dresden, d. 7. Jun. 1810.
+
+ Mein lieber Vater,
+
+Gestern Abend sind wir hier zu Dresden angekommen, um übermorgen nach
+Teplitz, zur völligen Wiederherstellung meiner Gesundheit reisen. Ich
+bin jezt doch noch zu angegriffen, um die Reise nach Rammenau machen zu
+können; ich werde aber bei meiner Rükkehr aus den Böhmischen Bädern,
+etwa im =August=, ganz gewiß meine lieben Eltern besuchen
+
+Ich bin =im ganzen= sehr gesund, nur ist der Gebrauch des einen Beins
+noch schwierig. Meine Frau, und mein Herrmann sind gleichfalls wohl. Wir
+bitten Sie herzlich, das beiliegende als ein kleines Feyertagsgeschenk
+anzunehmen.
+
+Meine Frau, und mein Sohn grüßen herzlich.
+
+ Ihr Sie liebender Sohn
+ Gottlieb Fichte.
+
+
+
+
+40.
+
+
+ Teplitz, d. 7. August, 1810.
+
+ Mein theurer Vater,
+
+Ich werde, wenn alles nach meiner Berechnung geht, künftigen Montag
+d. 13. Abends mit den meinigen, Sie besuchen; auch d. 14ten noch
+größtentheils bei Ihnen zuzubringen. Das Nachtlager jedoch werde ich,
+um Ihnen nicht unangenehme Weitläuftigkeiten, und Zurüstungen zu
+verursachen, zu Bischofswerda im Gasthofe nehmen
+
+Ich hoffe Sie alle in der besten Gesundheit anzutreffen, und dann
+mündlich das mehrere. Jezt nimmt meine Frau, die lieber schreibt, denn
+ich, die Feder.
+
+ [Der nächste Satz von Johanna:]
+
+Ich grüße Sie alle von ganzem Herzen, und hoffe Sie bald zu umarmen,
+Leben Sie wohl, auf ein glükliches Wiedersehn
+
+ _Fichte_.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn Christian _=Fichte=_
+ zu
+ _=Rammenau=_
+ _p. Bischofswerda_.
+
+ Noch in demselben Jahre erlitt sein Vater einen Unfall, wobei
+ namentlich auch Johanna sich zärtlich besorgt zeigt. Die im nächsten
+ Briefe und später erwähnte Hannchen war Fichte's Nichte, die er zu
+ sich genommen.
+
+
+
+
+41.
+
+
+ Berlin, d. 1. Dezember. 1810.
+
+ Lieber Vater,
+
+Die Nachricht von Ihrem Falle hat mich schmerzlich betrübt, so wie uns
+Alle. Ich hoffe aber, daß dies, bei Ihrer übrigen Gesundheit von keinen
+weitern übeln Folgen seyn soll. Um mich desto fester zu versichern, daß
+Sie sich an Pflege und Heilmittel nichts abgehen laßen, sende ich
+sogleich jezt das Quartal auf Weyhnachten. Bei uns steht alles beim
+Alten. Daher übergebe ich meiner Frau die Feder, die schon noch Worte
+finden wird.
+
+ [Von Johanna:]
+
+Ich übernehme die Feder gerne, um Ihnen zu sagen, daß wir sie inständig
+bitten, sich ja zu schonen, und zu pflegen; die gute Großmutter, die
+ich auch herzlich grüße, versteht ja das so schön, und thut gewis alles
+mögliche um Sie wieder herzustellen. Ich danke Gott daß mein Mann in der
+Lage ist, Ihnen diese Kleinigkeit schiken zu können; und hoffe auch von
+der Güte Gottes, daß er Sie erhalte, und daß wir Sie künftigen Sommer
+fröhlich wiedersehn.
+
+Wir sind Gottlob alle gesund, auch Hannchen ist gesund, dann und wann
+hat sie ein wenig Kopfweh, dann schik ich sie in's Beth, wenn sie genug
+geschlafen hat, so steht sie wieder gesund auf. Wir grüßen Sie alle von
+ganzem Herzen, und wünschen bald frohe Nachricht von Ihnen.
+
+Leben Sie wohl! Ihre treue Johanna Fichte g: _Rahn_
+
+ Weit bedenklicher aber erkrankte der alte Vater in der Mitte des
+ Jahres 1812, ohne sich wieder zu erholen. Rührend und erbaulich ist
+ wiederum die christlich ergebene Gesinnung in Johanna's Briefen an den
+ Sterbenden.
+
+
+
+
+42.
+
+
+ Berlin d: 17: July 1812.
+
+Sie stellen sich leicht vor Theurer Guter Greis, mit welcher innigen
+Wehmuth, wir die Nachricht von Ihrem schweren Krankenlager vernommen
+haben; Gott stärke Sie, Gott stehe Ihnen bey; und wenn es sein gnädiger
+Wille ist, so erhalte er Sie uns noch lange; ist es sein Wille nicht, so
+laße er Sie in Ruh, und Frieden hinüber gehn, ins beßere Vaterland, wo
+wir Gott näher kommen, und ihn würdiger anbethen, und preisen können,
+und wo wir uns alle wiederfinden werden; ich freue mich mit inniger
+Wonne der seligen Zeit, wo auch wir hinnüber gehn werden, um einer
+nähern, innigern Anschauung, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden.
+
+Was die irdischen Angelegenheiten betrift, so wird mein Mann es nicht
+erlauben, daß der guten Großmutter, das Geringste genommen werde;
+sondern Sie soll bis am Ende ihres Lebens im Besitz alles deßen bleiben,
+was Sie hinterlaßen; und weil mein Mann durch den verstorbenen Bruder
+das Haus gekauft hat, so kämm es ja ihm zu, und er hat ein Recht darüber
+zu sprechen; auch werden wir der guten Großmutter, wie bis izt, ein
+bestimmtes an Geld schiken, so daß sie ruhig leben kann; und Sie Guter
+Großvater sich auch darüber keine Sorge machen, der gütige Gott wird
+auch sie nicht verlaßen, und wir wollen als rechtschaffne Kinder =gewis=
+immer für sie sorgen.
+
+_Hermann_ und Handchen grüßen Sie auch von ganzem Herzen; sie wollen für
+Sie bethen; und ist es Gottes Wille, so werden Sie sie auch noch auf
+dieser Welt sehn, sie wachsen beyde, sind stark, gesund, und gute
+Kinder. Ich hoffe daß Sie die 20: _Th._ welche im Anfange dieses Monats
+geschikt wurden nun erhalten haben. Mein Mann hoff ich schreibt auch
+noch: drum sag ich Ihnen von ganzem Herzen lebe wohl; wo nicht in dieser
+Welt, so sehn wir uns in der andern wieder. Der gnädige Gott sey mit
+Ihnen: das ist der innigste Wunsch
+
+ Ihrer Johanna Fichte
+
+ [Von J. G. Fichte:]
+
+Ich hoffe, mein theurer Vater, daß Sie Sich noch wieder erholen, und
+noch bei uns bleiben werden, und ich Sie noch sehen werde. Ich kann mich
+mit dem Gedanken Ihres möglichen Verlustes nicht vertraut machen.
+
+Was meine Frau in dem vorstehenden schreibt, ist auf die Voraussetzung
+gegründet, daß, im Falle des Abgangs des Vaters mit Tode, die Geschwister
+sollten theilen wollen. Ich hoffe, dies fällt keinem Menschen ein. Ich
+denke wohl, es versteht sich von selbst, daß, da alles von der Mutter
+herkommt, sie alles, was da ist, fortgenießt, bis an das, Gott gebe noch
+recht lang entfernte, Ende ihres Lebens. Außer dem hätte wohl auch ich
+in diesem Falle ein Wort mit zu sprechen.
+
+Ich ersuche darum durch dieses die Mutter dringend, nichts von der
+Verlassenschaft wegbringen zu lassen; ich mache Bruder =Gottlob=,
+der mir schreibt, er werde ohne meine Einwilligung nichts thun ganz
+besonders darüber verantwortlich. Ich will überhaupt aus brüderlicher
+Liebe und Achtung hoffen, daß diese Vorstellungen ganz überflüßig sind,
+indem es gar niemanden eingefallen anders zu handeln.
+
+ _Fichte_
+
+Falls doch Gott über Sie beschließen sollte, theurer Vater, diese Zeilen
+aber Sie noch bei Leben antreffen, so nehme ich hierdurch mit der Liebe
+und Verehrung, die ich immer für Sie getragen habe, Abschied, bis zum
+Wiedersehen in einer beßern Welt.
+
+ _F._
+
+ [Ein beigelegtes Blatt:]
+
+Wir wußten nicht aus den vorigen Briefen, daß auch die gute Großmutter
+krank ist, sondern erfahren's erst izt, durch Ihren letzten Brief, guter
+Großvater; Sie können Sich unsern Schmerz vorstellen, Sie nun beyde
+leidend zu wißen; wir hoffen doch daß Sie jemand bey Sich haben, der Sie
+wartet und pflegt; wie gerne wollten wir es thun, wenn wir bey Ihnen
+währen: der gütige Gott steh Ihnen bey, und das wird er thun, das ist
+mein, und unser aller, einziger Trost; meines Mannes Beruf Vorlesungen
+zu halten, meiner zur Wirthschaft, und Einquartierung, zu sehn, und zu
+dierigen [dirigiren]; _Hermanns_ seiner Vorlesungen zu hören, Handchen
+ihre Hausgeschäfte zu thun, dieses alles bindet uns bis im Herbst am
+Hause; vom 15: August hören die Vorlesungen auf, dann soll mein Mann 4:
+Wochen im Hause Baaden, so spricht der Doctor, so geht noch eine lange
+Zeit hin, vielleicht erholen Sie Sich mit Gottes Hilfe wieder, wie wir
+sehnlichst wünschen.
+
+Es ist Ihnen vielleicht eine Herzensangelegenheit Handchen, etwas zu
+vermachen; so haben Sie nur die Güte es uns zu schreiben, oder
+schriftlich Ihren Willen dem Prediger zu übergeben; ich sage dieses
+nur, damit doch gewis Ihre Herzenswünsche erfüllt werden. Dieses
+blätchen leg ich noch bey, nadem der Brief schon geschrieben war, eh wir
+Ihren letzten erhielten. Der Gnädige Gütige Gott sey mit Ihnen; in einer
+beßern Welt finden wir uns wieder wo alle Sorge, und Müh ein Ende hat.
+
+ [Von Johanna's Hand:]
+
+Hier schiken wir Ihnen noch 10: _Th:_ damit Sie Sich ja pflegen können.
+
+ Aufschrift von Johanna F.:
+
+ _Herrn Christian =Fichte=_
+ in
+ _Rammenau_ bey _Bischoffswerda_.
+
+ Nebst ein Päkchen mit
+ 10: _Th:_ =Sächsisch=
+
+
+
+
+
+43.
+
+
+ _Berlin_ d: 10: August 1812
+
+Wollte Gott, theurer, innigst geliebter Grosvater, wir könnten etwas
+zur Erleichterung Ihrer vielen Leiden beytragen; ach laßen Sie uns doch
+schreiben wie es Ihnen geht; die weite Entfernung von Ihnen, ist uns izt
+besonders drükkend, da wir so gerne zu Ihnen eilten, und wenns möglich
+wäre Ihnen hälfen; die Hülfe steht allein bey Gott, mög er sich doch
+erbarmen und Ihnen helfen; das ist unser innigstes Gebeth. Mein Mann
+grüßt Sie auch von ganzem Herzen, er ist Gott sey Dank gesund, so wie
+auch _Hermann_ und Hannchen; alle verlangen auf glükliche Nachricht von
+Ihnen.
+
+Diesen Brief überbringt Ihnen _Herr_ Eysener, den ich bitten werde uns
+zu schreiben, wie es Ihnen geht.
+
+Gottes Güte ist groß, vielleicht hilft er Ihnen bald, und denn sehn wir
+uns in diesem Leben noch wieder, wo nicht, in einer beßern Welt, wo kein
+Leiden, kein Schmerz mehr trennt, wo wir Gott inniger anbethen können.
+
+Leben Sie wohl, theurer geliebter Greis; Gottes Gnade sey mit Ihnen.
+
+ Von ganzen Herzen
+ Ihre Johanna Fichte:
+ g: _Rahn_
+
+ Aufschrift:
+
+ _Herrn =Fichte=_
+ =durch Güte=.
+
+ Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737 gebornen,
+ also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's, dessen
+ Schluß fehlt. --
+
+
+
+
+44.
+
+
+ Elstra, d. 14. _Sept._ 12.
+
+ Lieber Bruder
+
+Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden, er beschloß
+sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr. Seine Krankheit war sehr hart,
+die Angst und Schmertz Gefühle verfolgten ihn bis an die letzte Minute
+des Todtes, er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche
+der Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch 4 Tage vor
+seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie Auswurf, daß er ein
+LungenGeschwüre gehabt hatte, welche den sehr schweren und kurtzen Athem
+(von welchen ich Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer
+diesen würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner und der
+Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten, daß wir zu seiner
+Erquikung und Erleichterung alle nur mögliche Mühe angewendet und keine
+Kosten gesparet haben, wir haben _D._ Bentsche in Bischofswerda, den in
+unserer Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit zu Zeit
+selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner übrigen Patienten am
+vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit 6 Wochen, anfänglich die
+mehresten Nächte, späterhin die mehresten Tage und Nächte und seit
+8 Tagen alle Tage und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo
+nur Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen welches man
+umsonst von fremden Leuten verlangen würde (das heißt bey uns zu Lande)
+selbst übernommen.
+
+Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage und Nächte
+treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen, tragen, heben bey seinen
+sehr starken Durchfall ihn zu jeder Minute Reinlichkeit verschaffen
+helfen, die Aufgesprungenen geschwollenen Glieder geschmiert und
+Umschläge gemacht, dem Waßer welches durch den geschwollenen Weg von
+selbst nicht mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu
+seiner Linderung übernommen.
+
+Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht aus keiner neben
+Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß einen Kinde Deiner Art mit
+dieser Ausführlichkeit gedienet seyn muß.
+
+Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein erblaßter Körper zur
+Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte mit Predigt und Paredation,
+zum Leichentext habe ich gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein
+Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint
+mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr zu paßen alle
+sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre damit volle Arbeit zu
+geben.
+
+Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen, ihn fleißig
+besuchet und mit Trostgründen aus der Religion welche vernünftig und den
+Kenntnißen des Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese
+Veränderung am meisten verlohren hat, ist = die gute alte Mutter, sie
+hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im Alter verlohren, das
+tröstet und richtet sie noch etwas auf, daß Du und Deine liebe Frau ihr
+kräftigen Beystand versprochen habet, was meine Lage und Kräffte thun
+können, werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht.
+
+Nur ist heute mein Kopf zu sehr voll, und kan vor heute nicht die
+vernünftigsten und tauglichsten Pläne, was mit den Hauße werden soll,
+und wie die Ernährung der Mutter am zwekmäßigsten bestimmt werden kann,
+in Vorschlag bringen. Die bisherige Einrichtung kan nicht fortgesezt
+werden, die Mutter würde, ohne daß sie Ruhe und Glük genießen könte,
+dabey sehr viel zusetzen. Kosten vor Holtz und Licht, allerhand Abgaben,
+Zechen und Dienste, Einquartirung und dergl. sind Dinge welche jährlich
+eine sehr große Summe erfordern, und welche die Mutter mit ihren
+KramLaden, zu welchen sie ohnedies ihr Alter und schweres Gehör von
+Zeit zu Zeit immer unfähiger macht nicht erwerben kan. Ich spüre das
+C......... glaubet, oder wenn ich mich in sein Selbst denken will,
+träumet Besitzer zu werden, den KramLaden zu übernehmen, und freilich
+auf solche Art der Mutter die gleich erzählten Beschwerden abnehmen
+will, mit den grösten Leidwesen sehe ich aber, das C......... einen
+siechen Körper und einen schwachen Geist besizt, und auch die Frau
+unthätig und ungeschikt ist, er besizt ein kleines Vermögen, und wir
+wollen doch seine Pläne, da er doch unser Bruder ist anhören, doch
+versteht sich, das wir zu seinen (weil er sich selbst nicht kennt oder
+kennen will) oder unsern Schaden nicht übereilt zu Werke gehen können,
+Doch können wir diese Veränderung auch nicht gantz in die Länge hinaus
+verschieben. Ich werde Dir mit Hr. Eißnern wieder schreiben und Deinen
+Herrmann und Hannen etliche Stük alte Silber Müntzen welche der seel.
+Vater ihnen als ein Andenken zu schiken befohlen hat einsiegeln.
+
+ Der hier erwähnte Pfarrer war _M._ Christian Gottlieb Köthe. --
+
+ Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgen und sie
+ vor etwaigen Benachtheiligungen zu schützen; und er erfüllte im
+ Sinne eines treuen Sohnes diese Pflicht mit seiner gewohnten
+ Nachdrücklichkeit. Vergl. oben die Auseinandersetzung zum 12. Briefe.
+
+
+
+
+45.
+
+
+ Berlin, d. 19. 8br. 12.
+
+ Lieber Bruder,
+
+Weit entfernt, daß Dein so eben erhaltener Brief v. 6. Oktober mich
+befremden sollte, hebt er vielmehr einen Anstoß, den ich an Deinem
+frühern genommen, wo Du die Schwierigkeiten für die Mutter, die
+Wirthschaft zu behaupten, aus einander setzest, und dafür hältst, dieser
+C......... könne doch etwa Vorschläge machen, auf die zu hören sey. Es
+ist mir sehr lieb, daß ich mit der Beantwortung dieses Punctes gewartet,
+bis Dein heutiger Brief zeigt, daß Du über dieses Subjekt -- es ist mir
+schon früher vorgekommen, als ob Du ihn ungerechter Weise in Schutz
+nähmest -- ganz so denkst, wie ich seit der Zeit von ihm gedacht habe,
+da ich schon an ihm als kleinen Knaben Proben einer unbegreiflichen
+Bosheit gefunden habe.
+
+Weiß denn der thörigte nicht, daß, wenn alles andere wegfällt, ich
+1.) das Kaufgeld, womit der seel. Gotthelf das Haus vom Vater erkauft,
+hergegeben, und daß mir dasselbe, nachdem durch des Bruders Tod der
+Vater wieder Eigenthümer geworden, nie zurückgezahlt worden, 2.) daß,
+als die Schwägerin sich zu Rammenau aufhielt, von meinem in der
+Gotthelfischen Verlassenschaft befindlichen Gelde in dem Hause gebauet
+worden, worüber ich noch eigenhändige Rechnung des Vaters besitze
+3.) daß mehreres unter den Mobilien mein ist 4.) daß ich in den lezten
+2 Jahren den Eltern über 200 Rthr. geschikt, welche ich, sobald man mich
+reizt, als ein =Darlehn= betrachten werde. Begreift er nicht, daß alle
+diese Summen aus der Verlassenschaft erst an mich zurükgezahlt werden
+müssen, ehe eine Erbschaft da ist: und kann er nicht berechnen, was in
+diesem Falle übrig bleiben werde? -- Verstehe mich wohl Bruder. Es fällt
+mir nicht ein, diese Umstände gegen meine übrigen Geschwister geltend zu
+machen, wenn sie sich ordentlich und vernünftig betragen, und durch
+Unvernunft meinen Unwillen nicht reizen. Es ist wohl klar, daß ich mit
+einem Häuschen in Rammenau nichts anzufangen weiß, und daß alle die
+Gegenstände, die etwa in dieser Erbschaft vorkommen könnten, mir nicht
+des Holens werth sind. Aber das will ich, daß man die Mutter bis an ihr
+Ende ruhig genießen laße, was entweder das ihrige ist, oder das meinige.
+Nach ihrem, Gott gebe noch lang entfernten Tode, wird sich schon alles
+finden.
+
+Um der Sache kurz und gut ein Ende zu machen, geht zugleich mit diesem
+Briefe an Dich ein Schreiben an den Herrn Rittmeister =von Kleist=, in
+welchem ich ihm die Sache vorlege, und ihn um Schutz für meine Mutter,
+und um Bezähmung des schlechten Burschen bitte.
+
+Die Mutter wird sich meiner oben erwähnten Ansprüche wohl erinnern. Ich
+berufe in diesem Schreiben an Kleist mich um der Kürze willen auf ihr
+Zeugniß, ohnerachtet ich alle diese Umstände auch durch schriftliche
+Documente erweisen kann. Ich bitte sie, daß sie befragt dieses Zeugniß,
+das zu ihrem eignen Besten dient, ablege.
+
+ * * * * *
+
+Es ist mir noch ein andrer Gedanke gekommen, wie für die Mutter am
+besten gesorgt werden könnte. Es muß aber erst in dieser Sache Ordnung
+seyn, ehe ich darüber eine Aeußerung machen kann. Ich ersuche Dich
+darum, mir nach Endigung der Sache wieder zu schreiben.
+
+... ... ...
+
+ * * * * *
+
+So viel über diese unangenehmen Dinge. Jezt zu etwas das Herz näher
+angehenden. Schreibe mir doch, so viel Du kannst, von den lezten Stunden
+unsres verehrten treflichen Vaters; auch von dem Leichenbegängnisse, von
+der Predigt, deren sehr gut gewählten Text Du mir überschriebest.
+
+Lebe recht wohl. Die meinigen grüßen (die =meinigen=, sage ich; und dazu
+zähle ich auch recht sehr Hannchen, als ein Vermächtniß des herrlichen
+Vaters.)
+
+Grüße herzlich die Deinigen von uns.
+
+ Dein treuer Bruder
+ J. G. Fichte.
+
+ Aufschrift:
+
+ Herrn _Gottlob Fichte_,
+ Bürger
+ zu
+ _Elstra_.
+
+ d. Einschluß.
+
+ In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister von Kleist, (vgl.
+ den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die Sache hängt so
+ zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann Albericus Sohn
+ Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg verkaufte das Gut an
+ seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. sächs. Kreisdirector in
+ Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. Rittmeister und Ritter des
+ Malteser- oder St. Johannisorden, welcher es von 1795 an bis zu seinem
+ am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. Sodann fiel es wieder an den
+ früheren Besitzer Johann Centurius v. H. zurück, dessen Sohn Conradin
+ Centurius Graf von Hoffmannsegg der jetzige Besitzer ist.
+
+ Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln sich auch
+ in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter brachte.
+
+
+
+
+46.
+
+
+ Elstra, d. 30. Octbr. 1813.
+
+ Mein lieber Bruder,
+
+Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den Deinigen ihr
+Befinden zu wißen thun leider aber gehen die Posten noch nicht dahin;
+ich bediene mich der Gelegenheit diesen Brief mit einen Bekanten welcher
+nach Frankfurth zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in
+Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben meinen Brief,
+vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter den Empfang von 20 Rthr. von
+den Studenten Ritschel bescheinigte) zu übersenden.
+
+Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer durch wieder viel
+gelitten so wohl an ihrer Gesundheit als an ihren Vermögen, sie hatt
+viel Einquartirung gehabt und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet
+worden.
+
+Den 14 _Sept._ befürchteten die Rammenauer ihren Untergang durch
+Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch zu gehen veranlaßte, wo sie
+bey kalter und naßer Witterung bis zum 17. aushalten muste, doch wurde
+ihr noch nicht gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in
+einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit über war alle
+Communication unterbrochen, den 21., da die Franzosen Rammenau räumten,
+und unsere gantze Gegend von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor
+sie aufzusuchen, und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen konnte
+daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt würde als in
+Elstra, (den sie hatte sogar im Busche und auch in diesem Hauße keine
+Lebensmittel vorm Plündern erhalten können) so that ich ihr den
+Vorschlag sie zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder
+Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des Schubkarrens.
+Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung, entbehrung ihrer gewohnten
+Lebensmittel zerrüttet, ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde,
+doch hatt sich ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden,
+sie ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan fast gar
+nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine Poteille Wein ist in
+unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu haben, alle Vorräthe sind ruinirt
+und verwüstet, keine Zufuhre ist nicht möglich.
+
+Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu Hauße gefahren,
+denn es ist etwas ruhiger geworden, die Salvegarden halten die
+herumstreifeten Kosaken im Zaume. Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük
+nicht so total runirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind
+eingeschlagen,) viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar gemacht
+geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie weg gebrannt sind, ganz
+runirt, da giebt es Bauern, besonders an der Straße von Bautzen nach
+Dresden, die kein Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar
+nichts, alle kranke Körper haben, z. B. vom 16. bis 28 May, sind bloß
+im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche gelegt wurden, das
+Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich continuirt
+
+Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau Deinen lieben Herrmann
+und Hannen von Hertzen grüßen und wünschet daß diese Krieges Uebel von
+Euch entfernt bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den
+Meinigen hertzlich.
+
+Lebe gesund mit den Deinigen. Ich bin
+
+ Dein treuer Bruder.
+ J. G. F.
+
+ Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit
+ sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.
+
+
+
+
+47.
+
+
+ d. 2. _Decbr._ 1813.
+
+ Innig geliebte Tochter,
+
+Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20 _Nov._ mit inl. zwey
+Stük _Louisdor_ richtig erhalten, ich danke Ihnen von Hertzen; nicht mit
+Gleichgültigkeit, sondern mit inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu
+Gott erkenne ich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine
+gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure, daß Sie mich
+nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern, da ich den Druk
+der Zeit, und die vielen Aufopferungen kenne, und den sichern Schluß
+machen kan, daß auch mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich
+zurük gesezt ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir,
+manches entbehren werden.
+
+Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden
+Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie ihren lieben Sohn bey sich
+haben, freuet und tröstet mich.
+
+Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert, meine Kräffte
+nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit etlichen Wochen viel
+schwächer geworden, auch finden sich von Zeit zu Zeit, immer mehr
+unangenehme körperliche Empfindungen, ich liege nicht beständig ich
+mache mir Bewegung, ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich
+zubereite, bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut in
+wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben, indem mein Körper
+darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders bey kalter Jahreszeit.)
+Nur bedaure ich, wenn ich nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben
+soll, daß mein Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts
+genießen, mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen
+kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine schwachen
+Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es Dank) vermindert, ich
+habe just heute, einen Rußen, zum Glük einen gesitteten, zur
+Einquartirung.
+
+Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffen hat ist mir immer
+sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen, und habe zu Gott um Ihre
+Erhaltung geseufzet. Ich freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß
+er größeres Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat.
+
+Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer Tochter Nachricht
+mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen zu ihrem Troste folgendes:
+
+1) Ihre Wohnung stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz
+fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben mahl genommen und
+wiedergenommen) so brach doch kein Feuer aus.
+
+2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten vor Militair
+baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey gieng es drum nicht so
+genau ab, es ward ihnen noch manches genommen und die Umzäunung des
+Gartens ward im Biviak verbrandt.
+
+3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden, er hat in
+Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden, ist alsdenn eine Zeit bey
+seinen Aeltern gewesen, und ist jetzo wieder in Dresden.
+
+4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor wenigen Tagen war die
+gantze Familie noch gesund.
+
+5) Dore bey ihren Aeltern.
+
+Gott nehme Sie alle in seinen Schuz, vielleicht erlebe ich noch die
+Freude daß Sie mich vor meinem Ende künftiges Früjahr noch einmal
+besuchen
+
+Ihre treue liebende Mutter
+
+ Maria Dorothea verwittwete Fichte
+
+ Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden der
+ greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten Tode
+ des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an die hinterlassene
+ Wittwe.
+
+
+
+
+48.
+
+
+ Elstra, d. 11 _Febr._ 1814.
+
+ Theuerste Frau Schwägerin
+
+Ich kan Ihnen das, was ich und die Meinigen über den Todt meines lieben
+Bruders, (der nicht blos ein Großer, sondern auch ein Nachahmungswürdiger
+guter Mann war,) empfinde, mit Worten nicht schildern, und Niemand wird
+wohl die unheilbaren Wunden, welche Ihnen die Vorsehung geschlagen hat,
+mehr fühlen als ich, doch der Trostspruch eines Hiobs im Unglük kan mich
+und Sie aufrichten und erhalten. Gott wird Ihnen beistehen; Ihr Verlust
+ist zwar auf dieser Welt nicht zu ersetzen, doch wird Sie und Ihren Sohn
+die gerechte Preusische Regierung, welche unsern Verewigten Freund
+schäzte, nicht verlaßen.
+
+Ihren gerechten Anspruch, welchen Sie an der Maße der Verlaßenschaft
+unserer seel. Eltern machen, und welcher sich laut Ihres werthen
+Schreibens vom 1 _Febr._ auf Einhundert Thaler beläuft wird Ihnen von
+meinem Geschwister nicht erschwert oder verkürzet werden.
+
+Gerichtskosten wird die Herrschaft viel machen, sie hat vorjetzo alles
+im Beschlag genommen, und wird uns die Freiheit nicht wieder geben, daß
+wir vor uns verkaufen und unter einander theilen können; dieses Recht
+kam der Herrschaft zu, und sie hat dieses vor ganz nothwendig glauben
+mußen, weil wir Geschwister in aller Welt zerstreut sind, und über
+dieses wird sie Ansprüche an zwei Brüdern machen, welche Kraft ihrer
+Lehr Briefe und Kundschaften ihr Unterkommen finden konnten, ohne sich
+von der Erbunterthänigkeit los zu kaufen; und wenn die Herrschaft alle
+nur möglich zu machende Kosten abgezogen hat so macht sie noch 5 _pr.
+C._ Abzug von der Maße. Häuser zu verkaufen ist jezt ein sehr ungünstiger
+Zeitpunkt, und das Haus auf beßere Zeiten aufzubehalten ist nicht rathsam,
+die gar nicht zu berechneten Kriegsunkosten, und die Reparaturen, welche
+der Krieg verursacht hat, (die Gartenzäumung ist gantz verbrannt worden,
+und eine bedeutente Haußrepratur giebt es auch) würden, uns in diesen
+Falle einen beträchtlichen Theil von den daraus gelößten Gelde rauben.
+
+In Rücksicht Ihrer Anforderung glaube ich bestimmt daß dieses das beste
+Mittel wäre, wenn Sie Ihre Forderung von der Obrigkeit unter welcher sie
+stehen authorisiren liesen, und an den H. v. Kleist, als Erb-Lehn- und
+Gerichts-Herr auf Rammenau übersendeten, nur wünschte ich wenn Sie mir
+eine Abschrift davon übersendeten, ich werde mir es zur heiligsten
+Pflicht machen diese Ansprüche zu unterstützen und sollte, wie ich nicht
+glauben will, der H. v. Kleist auch _pr. C._ von den Ihrigen abziehen,
+so würde ich wenn ich es nicht hintertreiben könnte, solches auf die
+Maße wenden.
+
+Ich empfehle Sie mit Ihren lieben Sohne den Schutze Gottes und bethe
+daß Gott ferneres Unglük in Gnaden von Ihnen abwenden möge und Sie
+gesund und bei dem Leben erhalten, damit Sie vorjetzo eine Stütze Ihres
+lieben Sohne seyn mögen, welcher in etlichen Jahren zuverläßig Ihre
+Stütze werden wird.
+
+Meine Frau und Tochter welche äuserst betrübt über Ihr Unglük sind,
+laßen Sie von Hertzen grüßen.
+
+ Ihr getreuer Freund
+ J. Gottl. F.
+
+ So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem Anfange
+ seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen
+ Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu
+ lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater,
+ von seiner wackeren Mutter -- den Vollendeten; wir scheiden auch von
+ Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes
+ leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils
+ ähnlichen, theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch
+ von dem Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von
+ seiner edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der
+ Liebe zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist
+ und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben.
+
+
+
+
+ Druck von C. E. Elbert in Leipzig.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Wolfishein d. 13. Mai. 787.
+ Wolfishein d. 13. Mai. 1787.
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+ (1, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab
+ (I, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab
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+ Fichte's Ausbildung sorgte Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst
+ Fichte's Ausbildung sorgte. Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst
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+ eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff, und ihre
+ eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre
+
+ beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief N. 14).
+ beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14).
+
+ Kiudern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich
+ Kindern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich
+
+ umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande]: Dieser ganze
+ umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande:] Dieser ganze
+
+ wozu Gottlob Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte,
+ wozu Johann Gottlieb Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte,
+
+ geschrieben, wie der au des Kindes Pathen Johann Erich von Berger
+ geschrieben, wie der an des Kindes Pathen Johann Erich von Berger
+
+ Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe dsehr
+ Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe sehr
+
+ traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, un den Credit auf die Wage
+ traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, und den Credit auf die Wage
+
+ Ich habe au unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag
+ Ich habe an unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag
+
+ rechnen, denn Weife, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt
+ rechnen, denn Weise, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt
+
+ Adalbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la
+ Adelbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la
+
+ ist wieder hier Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr
+ ist wieder hier. Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr
+
+ nähern, innigern Anschauuug, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden.
+ nähern, innigern Anschauung, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden.
+
+ Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgeu und sie
+ Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgen und sie
+
+ In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister vou Kleist, (vgl.
+ In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister von Kleist, (vgl.
+
+ 1) Ihre Wohnuug stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz
+ 1) Ihre Wohnung stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz
+
+ ]
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+End of the Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann
+Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE ***
+
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+Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, by Moritz Weinhold</title>
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+Title: Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten
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+Release Date: July 28, 2009 [EBook #29530]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE ***
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+Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
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+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
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+</div>
+
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+<div class="figcenter" style="width: 408px; margin: 8em auto;">
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+
+<h1>Achtundvierzig Briefe<br/>
+<small style="font-size: 0.75em;">von</small><br/>
+<big style="font-size: 1.25em;">Johann Gottlieb Fichte</big><br/>
+<small style="font-size: 0.75em;">und</small><br/>
+seinen Verwandten.</h1>
+
+<p class="center gesperrt" style="line-height: 1.6em;">Herausgegeben<br/>
+<small>von</small><br/>
+<big style="font-size: 1.3em;">Moritz Weinhold.</big></p>
+
+<hr style="color: black; background-color: black; border: none; height: 1px; width: 4em; margin: 2em auto;"/>
+
+<p class="center" style="margin-bottom: 2em;"><small>(Besonderer Abdruck aus den Grenzboten.)</small></p>
+
+<p class="center"><b>Mit dem Brustbilde und der Handschrift von Fichte's Frau.</b></p>
+
+<hr style="color: black; background-color: black; border: none; height: 1px; width: 8em; margin: 2em auto;"/>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.6em;"><b>Leipzig,</b><br/>
+Fr.&nbsp;Wilh. Grunow.<br/>
+1862.</p>
+
+
+
+
+<p class="center" style="margin: 10em auto; line-height: 2em; page-break-before: always;">Herrn<br/><br/>
+<big style="font-size: 1.5em;"><b>Prof. Dr. Immanuel Hermann Fichte</b></big><br/>
+in Tübingen<br/><br/>
+
+<span class="gesperrt">dem würdigen Sohne würdiger Eltern</span>.</p>
+
+
+
+<div class="new-h2" style="page-break-before: always;">&nbsp;</div>
+<div><span class="pagenum"><a name="Page_V">V</a></span></div>
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Ist seit der Fichte-Feier auch schon mehr als
+ein Monat verflossen, so ist doch nicht zu befürchten,
+daß damit auch schon die Theilnahme der Gemüther
+für diesen großen Mann verschwunden sei. Hat
+doch die Allgemeinheit, Gehobenheit und Innigkeit
+der Gedächtnißfeste gezeigt, daß dieser Mann, wie
+aus dem Schooße des Volkes herausgewachsen, so
+auch ihm an das Herz gewachsen ist; so daß man
+vertrauen darf, das deutsche Volk werde ihn so lange
+in treuem und dankbarem Andenken halten, bis
+Das, was tüchtig und ewig an ihm war, wiederum
+auch ganz in Fleisch und Blut des Volkes hineingewachsen
+ist, damit sein Sinn und Geist Blüthen
+und Früchte treibe aus dem Marke und Safte des
+<span class="pagenum"><a name="Page_VI">VI</a></span>Volkes zum Segen des Volkes. Es ist die Eigenthümlichkeit
+wahrhaft großer Männer, daß sie auf
+der einen Seite Söhne ihrer Zeit sind, auf der andern
+aber ihrer Zeit vorauseilen und als Vorbilder
+erscheinen oft noch lange nach ihrem Tode.
+In dem Sinne hat auch der »Cultus des Genius«
+sein Recht, wenn er dazu dient, das Eigenartige,
+Neue, was in einer ausgezeichneten Persönlichkeit
+zuerst Gestalt gewonnen hat, zum Gemeingute Aller
+zu machen.</p>
+
+<p>Darum glaube ich, es werde eine nochmalige
+Hinweisung auf Fichte, wenn schon »nach dem Feste«,
+doch nicht überhaupt zu spät kommen, zumal da dieselbe
+nicht zu den zahlreichen Reden und Meinungsäußerungen
+über ihn bloß noch eine hinzufügen,
+sondern etwas in der That Neues und echt Fichte'sches
+bringen will, nämlich eine Reihe von Briefen:
+zweiunddreißig von Fichte selbst, elf von seiner Frau,
+drei von seinem Bruder Gottlob, einen von seinem
+Bruder Gotthelf und einen von seiner Mutter. Dieselben
+beziehen sich, als Briefe von Verwandten an
+einander, zunächst auf Familienangelegenheiten, so
+jedoch, daß darin auch Fichte's Lebensschicksale und
+geistige Bestrebungen in mannigfache Erwähnung
+kommen, ja daß sogar einige Ergänzungen zu dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_VII">VII</a></span>davon bereits Bekannten geboten werden. Indeß
+würde mich dies noch nicht zur Veröffentlichung derselben
+bewogen haben, wenn ich ihnen nicht noch
+einen anderen Werth beilegen zu dürfen glaubte.
+Sie scheinen mir nämlich einen keineswegs verächtlichen
+Beitrag zu Fichte's Charakterschilderung zu
+liefern, indem sie manche Züge und Linien enthalten,
+welche dem großartigen monumentalen Bilde, das
+wir Alle von seinem Wesen in uns tragen, in feiner
+Nüancirung das Mienenspiel größerer Portraitähnlichkeit
+leihen, ohne ihm seine erhabene Idealität zu
+rauben.</p>
+
+<p>Warum ich aber diese Reliquien nicht schon
+zu Fichte's Gedächtnißfeier veröffentlicht, darüber bin
+ich die Erklärung schuldig: sie liegt ganz einfach in
+den Umständen. Es war kaum zwei Wochen vor
+dem 19. Mai, als mir, bei Gelegenheit der Erwähnung
+Fichte's, von einer meiner Schülerinnen mitgetheilt
+wurde, ihre Mutter, die Enkelin von einem
+Bruder Johann Gottlieb Fichte's, besitze Briefe
+von ihm. Ich erbat mir die Mittheilung derselben
+&ndash; es waren zwei Briefe von J.&nbsp;G. Fichte und
+einer von seiner Gattin (Nr.&nbsp;7, 36, 38 der vollständigen
+Reihe) &ndash; und veröffentlichte dieselben in
+einem Aufsatze »Zur Erinnerung an Johann Gottlieb
+<span class="pagenum"><a name="Page_VIII">VIII</a></span>Fichte« im »Dresdner Journal« 1862 Nr.&nbsp;108&ndash;111.
+Darin gab ich als Einleitung eine kurze Hinweisung
+auf Fichte's philosophisches System, welches
+in seinem theoretischen Theile eine wesentlich geschichtliche
+und insofern allerdings auch unvergängliche
+Bedeutung in Anspruch nehmen dürfe; sodann
+aber hob ich den noch größeren und dauernderen
+Werth der praktischen Seite seiner Philosophie hervor,
+welche recht eigentlich ein Erzeugniß und ein
+Spiegel seines Charakters ist, wie er auch selbst in
+seinem eigenen Leben mit seiner, wesentlich ethischen,
+Lehre durchweg übereinstimmte. »So steht Fichte
+vor uns da &ndash; ein ganzer, ein deutscher, ein großer
+Mann, ein hohes Vorbild der Energie im Denken
+und im Handeln auch für unsere Zeit. Nur aus
+einem solchen Charakter läßt sich auch jener, wenngleich
+einseitige und darum falsche, dennoch aber
+großartige und erhabene theoretische Grundgedanke
+erklären.« An die durch die erwähnten Briefe veranlaßten
+Hindeutungen auf Fichte's häusliche Verhältnisse
+und die gemüthliche Seite seines Wesens
+fügte ich endlich einige Notizen über eine Wirksamkeit
+Fichte's, an die man bei Erwähnung seines
+Namens gewöhnlich gar nicht denkt, die aber doch
+zur Vervollständigung seines Charakterbildes der Erinnerung
+<span class="pagenum"><a name="Page_IX">IX</a></span>wohl werth ist: seine Beziehung zur Poesie.
+Zu dem in Fichte's Biographie (»Fichte's Leben
+und literarischer Briefwechsel. Von seinem Sohne
+Immanuel Hermann Fichte.« 2.&nbsp;Aufl. Leipzig 1862.
+2&nbsp;Bde.) darüber Gesagten gab ich als einen kleinen
+Nachtrag einige Citate, besonders aus den Lebensbeschreibungen
+Adelbert von Chamisso's und Friedrich
+de la Motte Fouqué's, zum Beweise, wie bedeutenden
+Einfluß Fichte namentlich auf die Dichter
+des Nordsternbundes in Berlin gehabt; ich schloß
+mit den Worten: »Wir sehen, daß Fichte selbst in
+Kreisen, welche dem eigentlichen Gebiete seiner Thätigkeit
+ferner standen, hohe Geltung und Anerkennung
+genoß und sich in jeder Beziehung als ein bedeutender,
+unvergeßlicher Mann erweist; denn wer den
+Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für
+alle Zeiten.«</p>
+
+<p>Das Interesse, welches für die Sache rege geworden
+war, bewirkte weitere Nachforschungen, und
+das Ergebniß derselben war die Auffindung einer
+ganzen fast vergessenen Sammlung von Briefen,
+welche mir bereitwillig zur Veröffentlichung überlassen
+wurden, die denn, nach Vollendung der nöthigen
+Vorarbeiten und mit ausdrücklicher Genehmigung des
+Herrn Professor Dr. Fichte in Tübingen, zunächst in
+<span class="pagenum"><a name="Page_X">X</a></span>den »Grenzboten« Nr.&nbsp;29&ndash;32 erfolgte, woraus
+nunmehr die vorliegende Separat-Ausgabe hervorgegangen
+ist.</p>
+
+<p>Ich habe den Abdruck nach einer diplomatisch
+genauen Copie der Originale machen lassen, weil
+ich zu Aenderungen der darin, allerdings nicht immer
+ganz consequent, beobachteten Orthographie und
+Interpunction nach unsern Grundsätzen mich nicht
+berechtigt und es auch nicht für nöthig hielt, die
+vorkommenden kleinen Unfertigkeiten und Ungenauigkeiten
+eigenmächtig und, wie's geschehen müßte, bisweilen
+auch willkürlich zu verbessern. Es mag Manchen
+interessiren zu sehen, wie Fichte schrieb, wenn
+er flüchtig schrieb; unserer Vorstellung von seiner
+Geistesgröße wird dadurch Nichts entzogen, daß wir
+sehen, wie auch Fichte, wie wir Alle, in eilig geschriebenen
+vertraulichen Briefen zuweilen einen falschen
+Buchstaben machte oder einen Punkt vergaß.
+Ich erwähne nur noch, daß Fichte z.&nbsp;B. die geschärften
+Laute »tz« und »ck«, die er im Ganzen
+scheint vermeiden zu wollen, doch bisweilen gebraucht,
+wie er auch bald »weißst«, bald »weist« u.&nbsp;dgl.
+schreibt. Zu den Briefen von Johanna Maria
+Fichte bemerke ich, daß darin der letzte Buchstabe
+des Alphabets nach geschärften wie nach gedehnten
+<span class="pagenum"><a name="Page_XI">XI</a></span>Silben durchweg eine solche Form hat, als ob »t«
+und »z« zu einem Buchstaben zusammengezogen seien,
+sodaß nur die Wahl blieb, überall »z« oder überall
+»tz« zu setzen: ich habe das Erstere gewählt. Außerdem
+hat in Johanna's Briefen das »s« immer die
+französische Form, ebenso die Buchstaben »a, g,
+u, v, w«, die auch als große Anfangsbuchstaben
+sich oft nur wenig von den kleinen unterscheiden;
+hierzu vergleiche man die halb französische Unterschrift
+des 16. Briefes und den gallicistischen Gebrauch
+der Negation nach dem Comparativ im
+12. Briefe.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Diesem Büchlein füge ich als künstlerische Zugabe
+bei das Bildniß von Fichte's trefflicher Gattin
+in wohlgelungenem Kupferstiche nach einer Zeichnung
+auf Pergament, welche sich im Besitze derselben Familie
+befindet, der die Briefe gehören. Ein zweites
+Exemplar davon, mit geringen Abweichungen, besitzt
+Herr Professor Fichte in Tübingen, und danach ist
+der ziemlich rohe Holzschnitt im »Illustrirten Panorama.
+Berlin, Brigl. Band&nbsp;III. Lief.&nbsp;1.«
+gefertigt. Das daselbst daneben gestellte Bild Fichte's
+aus seinen jüngeren Jahren ist nur eine Fiction
+des Zeichners; allerdings hat es zu jener Zeichnung
+in Sachsen ein Pendant gegeben, jedenfalls aus
+<span class="pagenum"><a name="Page_XII">XII</a></span>Fichte's Jenaer Epoche, aber dieses ist bedauerlicher
+Weise längst abhanden gekommen und nicht mehr
+zu erlangen. Leider ist nicht mehr aufzuklären, ob
+unser Medaillon-Bild eins von den zwei oder drei
+(die Unterscheidung ist nicht ganz deutlich), sonst
+unbekannten Portraits ist, welche Fichte in den
+Briefen an seine Braut erwähnt, eben so wenig
+ist der Zeichner bekannt. Die Aehnlichkeit aber ist
+von Herrn Professor Fichte, dem Sohne, ausdrücklich
+anerkannt, welcher versichert, daß »ihre Gesichtszüge
+auch in späteren Jahren noch, besonders was
+den physiognomischen Ausdruck anbetrifft, ganz damit
+übereinstimmten.« Und in der That entspricht
+dieser Ausdruck auch ganz der Vorstellung, die wir
+nach ihren Briefen uns machen, welche wirklich, wie
+Gotthelf Fichte sagt, eine schöne Seele verrathen:
+aus ihrem Gesichte spricht Zartheit und Innigkeit,
+ruhig milde Sanftmuth, gepaart mit einem leisen
+Anfluge von weiblich naivem Humor. Bemerkenswerth
+ist, wie Johanna's Handschrift, die ursprünglich
+etwas gerundeter und zierlicher war, einige
+Jahre nach ihrer Vermählung einen freieren und
+kräftigeren Zug annimmt; diesen letzteren, als der
+fertigen Individualität entsprechend, habe ich geglaubt
+für das Facsimile wählen zu müssen, welches
+<span class="pagenum"><a name="Page_XIII">XIII</a></span>nach dem 38. Briefe gebildet ist. &ndash; Johanna
+Fichte war keine Bettina und keine Rahel, aber
+sie war eine treue, sinnige, gläubige deutsche Frau,
+die auch nahe daran war, in ihrem Wirken als
+Pflegerin der Kämpfer für Deutschlands Freiheit
+ihr Leben dem Vaterlande zu opfern, während der
+Allwaltende ihr darin ihren Gatten zum Stellvertreter
+setzte.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Zweck dieses Schriftchens ist, Fichte zu
+zeigen, wie er war, vorzüglich in den Beziehungen
+zu seiner Familie: bei der Offenheit seines Herzens
+verbindet sich dem reinsten Wohlwollen auch hier
+die bei ihm überall durchschlagende Ehrlichkeit und
+Entschiedenheit des Willens.</p>
+
+<p>Es ist die Art edler Charaktere, daß sie uns
+um so mehr anziehen, je näher wir ihnen treten.
+Schon in meiner Studienzeit in Leipzig hatte ich,
+veranlaßt durch eine mir übertragene Bearbeitung
+der Fichte'schen Philosophie in Herrn Professor
+Dr. Weiße's philosophischer Gesellschaft, Fichte's
+Geist in seiner Stärke und Größe bewundern
+müssen; je mehr ich ihn kennen lernte, desto mehr
+lernte ich ihn auch lieben. Ich hoffe, auch Andere
+werden diese Erfahrung an sich machen. Eine glückliche
+<span class="pagenum"><a name="Page_XIV">XIV</a></span>Fügung verstattet mir, gegenwärtigen kleinen
+Beitrag zur Verherrlichung seines Andenkens zu
+liefern und so ihm meinen Dank abzutragen für
+Das, was er mir geworden durch seine Lehre und
+sein Leben.</p>
+
+<p>Dresden, Michael 1862.</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 22em;">
+<b>Julius Moritz Weinhold</b>,<br />
+<small><span class="antiqua">Cand. theol.</span>, Lehrer bei dem königlichen Cadettencorps
+und an der Wieland'schen Töchterschule&nbsp;&amp;c.</small></p>
+
+<div class="weinhold">
+<span class="pagenum"><a name="Page_1">1</a></span>
+<p>Der erste Brief ist aus Schulpforta geschrieben, ein halbes Jahr
+nach der am 4. Oct. 1774 erfolgten Aufnahme des damals kaum
+zwölf und ein halbes Jahr alten Knaben. Zu der Schilderung, die
+wir in seiner Lebensbeschreibung (I, 10&ndash;17) von seinem Aufenthalte
+auf dieser Fürstenschule erhalten, fügt dieser Brief ein Genrebildchen,
+welches uns bereits in dem jungen Schüler einerseits den ehrlichen,
+strengen Charakter andeutet, andererseits eine zartfühlende Gewandtheit
+zeigt, mit der er das Anerbieten seines Vaters von sich weist, ihm eine
+Sorte seiner Waaren zu liefern, die Gottlieb unter seinen Mitschülern
+vertreiben sollte. An dem Briefe ist auch eine für das sehr jugendliche
+Alter des Schreibers auffallend ausgeschriebene Hand zu bemerken.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">1.</h2>
+
+
+<p class="float-left">Herzliebster Vater</p>
+
+<p>Euren Brief habe ich erst heute, als den 1 Aprill erhalten.
+Ich habe bisher mit Schmerzen gewartet, und fast
+vor Freuden wurde ich außer mir als ich hörte es sey ein
+Brief an mich da, denn ich glaubte gewiß daß etwas darinn
+seyn würde. In etlichen Tagen ist der <span class="antiqua">Examen</span> aus welcher
+14 Tage währet, und wo wir verschiedene Sachen ausarbeiten
+müßen, die nach Dreßden geschickt werden. Wir
+bekommen auch übermorgen die <span class="antiqua">Censuren</span>, da wir entweder
+wegen unseres Fleißes gelobt oder wegen unserer Faulheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_2">2</a></span>gescholten werden. Dieses wird nun alles nach Dreßden in
+die Regierung berichtet. Da ich nun gewiß weiß daß ich
+ein sehr gutes ja fast das beste Lob bekommen werde, so
+kostet mich doch auch dieses entsetzlich Geld. Denn es ist
+hier die fatale Gewohnheit daß wer eine gute <span class="antiqua">Censur</span> bekommt
+den 6. Obersten in seiner Claße und 5. Obersten am
+Tische jeden ein ganz Stück Kuchen kauffen muß welches
+1&nbsp;Gr. 3&nbsp;Pf. kostet also zusammen 13&nbsp;Gr. 9&nbsp;Pf. Ob ich
+nun gleich dieses <span class="antiqua">Examen</span> 5&nbsp;Gr. 6&nbsp;Pf. verdient habe, so
+bleibt doch noch 8&nbsp;Gr. 3&nbsp;Pf. welche mir auch schon mein
+Ober-Geselle ein sehr hübscher Mensch, geborgt hat. Doch
+was ich übrigens verdiene langt kaum zu den vielen Waßer
+Krügen welche man hier kaufen muß, denn die Untersten
+müssen Wasser holen, und mausen sich einander die Krüge
+dazu ganz entsetzlich welches ich aber nicht thun kann, denn
+es ist und bleibt gestohlen. Doch bey allen diesen kümmerlichen
+Dingen danke ich doch noch Gott daß ich keine Schulden
+als die vorhinerzählten 8&nbsp;Gr. 3&nbsp;Pf. habe. Daß es
+Euch mein lieber Vater sehr schwer fallen werde, glaube ich
+wohl, doch sollte ich denn nicht noch so ein gutes Andenken
+bei meinen Freunden haben. Mein unschickliches Verhalten
+wegen des Briefes an Herrn Boden, glaube ich durch
+beygelegten Brief gut zu machen. An zwey Personen aber
+kann man auf einmal einen Brief nicht schreiben. Doch
+noch eins, was schreibt ihr mir denn von 6. Geschwistern,
+ich habe gerechnet und gerechnet, bringe ihrer aber nur 5.
+heraus. Ihr schreibt mir von Strumpfbändern, ich weiß
+aber wohl nicht, ob es gut gethan seyn würde, denn leider
+fragt man hier nicht so viel nach dergleichen Sachen als
+<span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span>nach Geld, ich würde auch noch dazu entsetzlich ausgehöhnt
+werden, wollt ihr mir aber so gut seyn und mir ein paar schicken,
+so wird es mir sehr angenehm seyn, nicht allein weil ich sie
+sehr nothwendig brauche, sondern weil es mir auch ein sehr
+angenehmes Andenken an Euch verschaffen würde. Ich habe
+weil ich hier bin eine beständige Gesundheit gehabt. Grüßt
+meine liebe Mutter mein Geschwister und besonders Gottloben
+und sagt ihn er solle mir doch schreiben. Ich würde
+ihm auch schreiben, wenn es jetzo im <span class="antiqua">Examen</span> die Zeit litte.
+Lebet wohl.</p>
+
+<p><span class="antiqua">P. S.</span> Warum denn aber zur Oster Meße ihr könnt
+mir eure Brieffe immer auf der Post un<span class="antiqua">francirt</span> schicken,
+denn das bezahl der Hr. <span class="antiqua">Rector</span></p>
+
+<p>Pforte d. 1 Aprill 1775</p>
+
+<p class="right">Johann Gottlieb Fichte</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Wer der im Briefe erwähnte Herr Boden sei, dafür finde ich
+keinen Anhalt. Der erwähnte Obergesell war der spätere Generalsuperintendent
+in Riga Karl Gottlob Sonntag, dessen Aufsicht er übergeben
+wurde, weil er die Behandlung seines ersten Obergesellen nicht
+länger ertragen mochte (I, 12. 14.&nbsp;f.). Die Zahl der Geschwister,
+über deren Vermehrung Fichte sich wundert, betrug überhaupt sieben,
+wie mir mündlich mitgetheilt worden; es waren sechs Brüder und eine
+Schwester.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">2.</h2>
+
+
+<p class="right">
+Wolfishein d. 13. Mai. <ins title="787">1787</ins>.</p>
+
+<p class="float-left">Bester Vater,</p>
+
+<p>Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen
+Monats, im Einschlage an Herr Burschen schon erhalten
+<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>hat. Ich habe darinnen von meinen Befinden, und von
+meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt
+habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich
+zu besorgen bitte.</p>
+
+<p>Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von
+<em class="gesperrt">Lerchenbäumen</em> ist. Im Gespräch sagte ich das einmal
+meinem Herrn Principal, und er wünschte dergleichen Saamen
+zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen
+zu verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem
+Jäger (wenn er nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn
+in seinem, und auch in meinen Namen sehr bitten, und ihm
+sagen, daß mir eine große sehr große Gefälligkeit damit geschähe,
+und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten bereit
+sey &ndash;) <em class="gesperrt">Ein Loth Lerchen Saamen</em> zu verschaffen, gegen
+<em class="gesperrt">baare Bezahlung</em>, die ich Ihn vor der Hand auszulegen
+bitte, die ich aber gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken
+werde: sich aber zugleich bei eben dem Jäger <em class="gesperrt">genau</em>
+und <em class="gesperrt">sorgfältig</em> zu erkundigen, <em class="gesperrt">wenn</em>? (ob im Frühlinge,
+oder Herbst) und <em class="gesperrt">wie</em>? (ob dichte, oder dünne) der
+Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders <em class="gesperrt">was vor
+Boden</em>, ob <em class="gesperrt">leimigten</em>, oder <em class="gesperrt">schwarzen schweren</em>, oder
+<em class="gesperrt">sandigten</em> erfordert: und mir <em class="gesperrt">so bald als möglich</em> mit
+der Post den Saamen, nebst dieser Nachricht, genau und
+deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er kostet.</p>
+
+<p>Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große
+Gefälligkeit. Suche Er also ja mir sowohl den Saamen,
+als die dazu gehörigen Nachrichten zu verschaffen. Sollte,
+wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht weggeben
+wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>es bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn
+Pfarrer Wagner, nebst vielen Empfehlungen von mir, die
+Sache zu übernehmen, der ihn vielleicht eher erhalten wird.
+Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige Antwort aus.
+Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche,
+beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße
+alles mein Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten
+Achtung</p>
+
+<p class="float-right" style="width: 13.5em;">Ihr<br />
+<span style="margin-left: 5em;">Gehorsamer Sohn</span><br />
+<span style="margin-left: 7.5em;" class="antiqua">Fichte</span>.</p>
+
+<p>Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter,
+und Herrn Bruder. Ich bitte auf jeden Fall um baldige
+Antwort.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Dieser zweite Brief mit der Aufschrift:</p>
+
+<p class="center aufschrift">Herrn<br />
+Herrn <span class="antiqua gesperrt">Fichte</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 19em;" class="gesperrt">Rammenau</span>.,</p>
+
+<p class="no-indent">ist aus Wolfishein, wo Fichte Hauslehrer gewesen sein muß. Ein
+»Wolfshain« oder »Wolfshayn«, welches wohl hier gemeint ist, liegt
+2¾&nbsp;Stunden östlich von Leipzig; das dortige Rittergut kaufte um die
+Mitte des vorigen Jahrhunderts Buchdrucker Breitkopf. Außerdem giebt
+es ein »Wolffshain« in der Niederlausitz, 5&nbsp;St. östlich von Spremberg.
+Ueber diese Zeit seines Lebens berichtet sein Sohn nur (I, 27):
+»Von seinen äußern wechselnden Verhältnissen um diese Zeit wissen wir
+nur Einzelnes und Abgerissenes.« Der in dem Briefe erwähnte Herr
+Bursche wohnte nach anderen Briefen in Pulsnitz und war Seifensieder;
+der Pfarrer Wagner war der um Fichte hoch verdiente Pastor zu
+Rammenau. Hier ist nämlich ein doppelter Irrthum der Biographie
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>zu berichtigen. Dieselbe (I, 7&nbsp;f.) nennt diesen Mann <span class="gesperrt">Diendorf</span>. &ndash;
+Es gab aber in Rammenau nur einen Pfarrer <span class="antiqua">M.</span> Johann Gottfried
+<span class="gesperrt">Dinndorf</span> &ndash; so habe ich selbst den Namen in dem Kirchenbuche gelesen
+&ndash; und dieser starb, nachdem er ziemlich 53 Jahre sein Amt verwaltet,
+am 19. März 1764, also kaum zwei Jahre nach Fichte's Geburt.
+Auf ihn folgte zunächst <span class="antiqua">M.</span> Karl Christoph Nestler, und auf
+diesen am 5. August 1770 Adam Gottlob Wagner. Derselbe war,
+wie mir Herr Pastor Werner in Rammenau mündlich mittheilte, vorher
+Erzieher auf dem herrschaftlichen Schlosse gewesen und daher mit den
+Ortsverhältnissen und den Dorfbewohnern wohl bekannt; und so empfahl
+er später den etwa zehnjährigen Fichte dem Herrn von Miltitz, der gewünscht
+hatte, eine von Wagners Predigten zu hören. Aber selbst
+hiervon abgesehen, und ein noch geringeres Alter angenommen &ndash; wie
+der Biograph sagt: »der Knabe mochte bereits acht oder neun Jahre
+alt geworden sein« &ndash;, kann immer nur an Wagner gedacht werden.
+Auch war derselbe, wie ich selbst von andern Seiten in der Lausitz
+gehört habe, als Prediger berühmt. &ndash; Jene Namensverwechslung
+kann, wie Herr Pastor Werner vermuthet, vielleicht dadurch entstanden
+sein, daß Fichte wohl zuweilen seiner Familie von dem alten wackern,
+zu seiner Zeit noch nicht vergessenen, Dinndorf erzählt haben mag, der
+während seiner langen Amtsführung gar Vieles erlebt hatte, z.&nbsp;B. den
+siebenjährigen Krieg, einen Neubau der Kirche u.&nbsp;s.&nbsp;w., und der ein
+unermüdlich fleißiger Prediger war, denn er soll während seines Lebens
+beinahe 8000&nbsp;Mal gepredigt haben. &ndash; Der damalige Gutsherr von
+Rammenau wird in der Biographie (I, 7) Graf von Hoffmannsegg
+genannt. Genau genommen aber hieß er damals nur Johann Albericus
+von Hoffmann und war Geheimer Cabinets-Assistenzrath; denn
+erst 1779 wurde er unter dem Namen Hoffmannsegg (er soll einen
+mit einer Egge verbundenen Pflug erfunden haben) in den Reichsgrafenstand
+erhoben. &ndash; Uebrigens ist bemerkenswerth, wie in Fichte's
+Briefen mit der Zeit die Anreden wechseln: im ersten Briefe nennt
+Fichte seinen Vater, »Ihr«, in diesem »Er«, in allen ferneren aber
+nach unserer Weise »Sie«.</p>
+
+<p>Im Sommer 1788 ging Fichte nach Zürich, wo er anderthalb
+Jahre Erzieher im Hause eines angesehenen Gasthofbesitzers, Namens
+Ott, war (<ins title="1">I</ins>, 32&nbsp;f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>dort wieder ab und traf in der ersten Hälfte des Mai in Leipzig ein,
+wo er den folgenden Brief an seine Eltern schrieb, welchem auf der
+Rückseite desselben Blattes einer an seinen Bruder Gotthelf angefügt ist.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">3a.</h2>
+
+
+<p class="right">Leipzig. d. 20. Jun. 90.</p>
+
+<p class="float-left">Liebste Eltern,</p>
+
+<p>Ich bin seit 6. Wochen, und drüber, in Leipzig. Wenn
+ich es Ihnen nicht eher meldete, so kam es blos daher, weil
+ich keine Gelegenheit; und wenn Gelegenheit, keine Zeit
+hatte.</p>
+
+<p>Ich bin 7. Wochen auf der Reise gewesen: bin sehr
+gesund und angenehm gereißt: habe viel schönes gesehen und
+viel große Männer kennen gelernt. Jetzt habe ich keine <em class="gesperrt">bestimmten</em>
+Aussichten: Hofnungen und Versprechungen genug,
+aber noch nichts sicher. Sobald sich welche finden
+werden; sobald ich meinen Aufenthalt verändern werde,
+werde ich nicht ermangeln, es Ihnen zu melden. Lieber
+wäre es mir fast, wenn ich etwa ein Jahr in Leipzig bleiben
+könnte. Könnte ich dies möglich machen, so würde ich die
+vortheilhaftesten Anträge ausschlagen.</p>
+
+<p>Mein Plan ist noch der ehemalige. Nur will ich nicht
+mehr zu Kindern; sonst könnte ich längst eine Stelle haben.
+Ich will reisen, oder an einen Hof. &ndash; Sollte dies etwa
+Jemand nicht begreifen können: so &ndash; wundert mich das
+nicht. Wenn ich es nur begreife.</p>
+
+<p>Ich bin mit höchster Ehre von Zürich abgegangen.
+Weise ist mehr als je, mein Freund. Der Hr. von&nbsp;Miltitz
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>ist gut auf mich zu sprechen. Ich wechsele Briefe von Zürich
+bis Coppenhagen &ndash; und mit großen Personen.</p>
+
+<p>Ich gehe einen Weg es entweder sehr hoch zu bringen,
+oder ganz zu verlieren, sagt ein hiesiger Professor, der mein
+Freund ist. &ndash; Er hat recht; aber ich hoffe das erstere; und
+würde das letztere ertragen.</p>
+
+<p>Den gewöhnlichen Weg schleichen &ndash; mich auf eine
+Dorfpfarre setzen, kann ich einmal nicht, und Gott, der mir
+diesen Sinn gab, weiß, daß ich es nicht kann.</p>
+
+<p>Ich bitte Sie, mich in Ihrem gütigen Andenken zu
+behalten, und zu glauben, daß ich unverändert bin</p>
+
+<p class="right">
+<span style="margin-right: 10em;">Ihr</span><br />
+gehorsamer Sohn<br />
+<span style="margin-right: 2em;">Gottlieb.</span></p>
+
+<p><span class="antiqua">P. S.</span> Es thut mir leid, daß ich diesen Brief nicht
+frankiren kann. Ich schike ihn durch Einschluß bis Dreßden,
+gebe ihn also nicht hier auf die Post. &ndash; Aber über
+1&nbsp;Gr. 3&nbsp;Pf. darf er nicht kosten, denn er kömmt von
+Dreßden.</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">3b.</h2>
+
+
+<p class="center gesperrt">Meinem Bruder Gotthelf.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Daß ich wieder in meinem Vaterlande bin, wirst du
+nun wißen. &ndash; Ich bin gesund, &ndash; gesünder, als ich vielleicht
+je war; das thut das Reisen &ndash; muthig, voll Lust und
+Hofnung. Aussichten, wie ich sie wünsche, habe ich genug,
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>aber ich erwarte sie mit Geduld, und Ergebung. Was mir
+am meisten fehlt, sind Freunde. Mit gewöhnlichen Studenten
+mag ich keinen Umgang haben; meine alten Freunde
+sind alle weg: ich wünsche also oft Dich zu mir, um so ein
+Gespräch zu führen, wie wir es im Jahr 88 oft hatten.
+Mit den wenigsten Menschen komme ich im vertrauten Umgange
+zu rechte. In Dir hatte mir die Natur einen Freund
+gegeben, wie ich ihn bedarf. Warum musten so verschiedene
+Lebensarten, und solche Entfernungen uns trennen?</p>
+
+<p>Erseze, was dem mündlichen Umgange fehlt, durch
+Briefe. Schreib mir oft, und so viel Du willst und kannst.
+Ich werde Deine Briefe gern lesen, und beantworten. &ndash;
+Da Du aber nicht postmäßig schreiben kannst, und da ich
+wünsche, daß Du mir große Briefe schriebest, so gieb sie
+den Fuhrleuten. Ich wohne auf der <span class="gesperrt">Fleischer Gaße,
+in Weinholds Hause, 1. Treppe hoch, vorn heraus</span>.</p>
+
+<p>Ich muß mich jezt mit Bücherschreiben ernähren; wenn
+ich leben will. Das ist mir denn nun keine angenehme
+Arbeit. Will ich was gutes, nüzliches, schönes schreiben,
+wie ich wohl möchte, und könnte, so erfordert es viel Zeit,
+und &ndash; der Buchhändler will nichts nüzliches. Schreibe ich,
+wie der Buchhändler es gern hat, leichte Waare, Mode Zeug,
+so macht mir das weder Ehre, noch Vergnügen.</p>
+
+<p>Zur Zeit ist noch nichts erschienen, aber auf die Michaelis-Meße
+wird einiges von mir die Preße verlassen.</p>
+
+<p>Sehen möchte ich Dich, und die übrigen aus dem
+Hause, die mich lieben, wohl gern einmal. Aber &ndash; ich hänge
+in Ansehung des Reisens von meinem Beutel ab, und der
+verträgt jetzt keine Reise. Auf Michaelis <em class="gesperrt">vielleicht</em> komme
+<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span>ich &ndash; nicht nach Rammenau; dahin in meinem Leben schwerlich
+wieder &ndash; sondern in eure Nähe, wo mich sehen können,
+die mich sehen wollen.</p>
+
+<p>Leb recht wohl. Ich bin Dein</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 14em;">Dich herzlich liebender Bruder<br />
+Gottlieb.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>»Weise« ist ohne Zweifel der Kreissteuerrath Weiße, sein treuer
+Beschützer, der ihm auch die Stelle in der Schweiz verschafft hatte.
+Der Freiherr von Miltitz war der Edelmann, der so väterlich für
+Fichte's Ausbildung <ins title="sorgte">sorgte.</ins> Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst
+mit nach seinem Schlosse <span class="gesperrt">Siebeneichen</span> bei Meißen an der Elbe,
+welches in der Biographie (I, 9) auch ganz richtig beschrieben ist, obwohl
+daselbst »Oberau« genannt ist, was aber östlich abseits der Elbe
+liegt. Herr Pastor Carl Gottfried Beer in Niederau schreibt mir darüber:
+»Auf Park und Schloß zu Oberau paßt die Beschreibung gar
+nicht. &ndash; Oberau und Niederau gehörten früher mit zu dem manchmal
+so genannten Miltitzer Ländchen, und die letzten Besitzer dieses Namens
+haben auch in Oberau gewohnt.« Sodann wurde Fichte dem Prediger
+in Niederau anvertraut, bei dem er seine schönsten Jugendjahre
+verlebte. Der Biograph sagt: »Leider wissen wir den Namen des
+trefflichen Mannes nicht, wol aber erinnern wir uns, daß Fichte noch
+in seinen spätern Jahren mit Rührung und herzlichem Danke des frommen
+Predigerpaars gedachte.« Herr Pfarrer Beer, den ich um Auskunft
+ersuchte, macht mir die dankenswerthe Mittheilung: »Der Pfarrer
+hieß Gotthold Leberecht Krebel, starb 1795, nachdem er 31 Jahr, von
+1764 an, Pastor der Gemeinde zu Niederau gewesen. &ndash; In meinem
+Garten stehen zwei Linden und hinter demselben dicht an der Mauer
+noch zwei. Von diesen sagte mir mein alter ehrwürdiger Schulmeister,
+den ich 1823 bei Antritt meines Amts in Niederau fand: Diese Linden
+hat ein Knabe gepflanzt, der bei dem seligen Krebel in Kost und
+Lehre gewesen ist; der Knabe hat Fichte geheißen. So erzählte mein
+alter Hase, der übrigens weiter nichts von Fichte und dessen Schicksalen
+gehört oder gelesen hatte.« Nach »Sachsens Kirchen-Galerie« 1.&nbsp;Band
+(Dresden, Schmidt 1837), S.&nbsp;125 &ndash; wo übrigens, wie ich nachträglich
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>finde, auch schon Pastor Krebel als derjenige genannt ist, bei dem
+Fichte einen Theil seiner Knabenjahre verlebte &ndash; war dieser Johann
+Georg Haase, geb. 1764 in Würschnitz bei Radeberg, seit 1787 Lehrer
+in Niederau: also erst nachdem Fichte längst weg war, wie auch die
+Perfect-Form der Zeitwörter in seinem angeführten Berichte bestätigt.
+In Bezug endlich auf den Freiherrn von Miltitz, dessen Name in der
+Biographie auch nicht genauer bezeichnet ist, bemerkt Herr Pastor Beer:
+»Im Jahre 1774 hat der <span class="antiqua">P.</span> Krebel aufgezeichnet: Am 5. März verstarb
+zu Pisa Herr Ernst Haubold von Miltitz &amp;c. und ist zu Livorno
+christlich beerdigt worden. Ein Vierteljahr darauf starb des gedachten
+Herrn von&nbsp;M. einzige Tochter im fünften Lebensjahre, und ist auf
+dem Kirchhofe zu Oberau beerdigt worden. &ndash; Der genannte Herr
+von&nbsp;M. war nur 34½ Jahr alt geworden; zur Pflege seiner Gesundheit
+nach Italien gegangen, hatte er daselbst einer langwierigen Krankheit
+unterliegen müssen. Dieser ist wahrscheinlich der Gönner, der sich
+um Fichte so verdient gemacht hat.« &ndash; Nach dem Kirchenbuche zu
+Rammenau war ein Pathe des 1766 in der katholischen Hofkirche zu
+Dresden getauften Johann Centurius von Hoffmannesegg: »der hochwohlgeborene
+Herr Ernst Haubold von Miltitz, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr
+zu Oberau, Niederau, Siebeneichen und Bazdorf, Churfürstl.
+Sächß. Obrist-Lieutenant und Amts-Hauptmann des Meißnischen
+Creyßes«. Dieser kann aber wohl kaum ein und derselbe mit dem
+obigen sein, sondern vielleicht der gleichnamige Vater desselben. &ndash; Wie
+sehr ihm Freunde fehlten, spricht Fichte auch in einem Briefe nach der
+Schweiz vom 8. Juni aus (I, 71); in demselben Briefe (I, 74) macht
+er den Buchhändlern ähnliche Vorwürfe wie hier. Das Werk, was
+er zum Drucke vorbereitete, war eine Schrift über Kants Kritik der
+Urtheilskraft, die aber nie gedruckt ward (I, 96&nbsp;f. 99&nbsp;f. 105&nbsp;f. 108&nbsp;f.
+111&nbsp;ff.), deren Ausarbeitung seinen durch das Studium der Kant'schen
+Philosophie bewirkten Uebergang von Spinoza'schem Determinismus
+zur Anerkennung persönlicher Freiheit bezeichnet.</p>
+
+<p>Gotthelf ist sein Liebling unter seinen Brüdern, neben dem nur
+noch Gottlob öfters erwähnt wird; seiner &ndash; nächst seinem stets am
+höchsten verehrten Vater &ndash; gedenkt er auch in dem Tagebuche über
+seine Reise nach Warschau besonders herzlich (I, 119); ihn macht er
+schon hier sanft auf einen Fehler aufmerksam; ihn sucht er, wie wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>später sehen werden, ganz zu sich heran zu bilden. An ihn ist auch
+der folgende Brief gerichtet, in welchem er mit größter Offenheit über
+die &ndash; an sich wohl ganz erklärlichen, ja von einem beschränkten Standpunkte
+aus sogar natürlichen &ndash; Erwartungen und Zumuthungen von
+Seiten seiner Familie (an denen namentlich seine Mutter wesentlichen
+Antheil hatte; vgl. unten den 12. Brief) seinem Herzen Luft macht,
+welches hier, erfreulicher Weise nur vorübergehend, einen ziemlich hohen
+Grad von bitterer Gereiztheit zeigt, da er wie Faust »in seinem dunkeln
+Drange sich seines rechten Weges wohl bewußt« war. Diesem Bruder
+hatte er auch, wie der Anfang dieses Briefes anzudeuten scheint, seine
+Vertheidigung gegen jene Anforderungen aufgetragen, welche freilich
+nicht gelang.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">4.</h2>
+
+
+<p class="right">Leipzig, d. 3. Jenner. 1791.</p>
+
+<p>Erst gestern, mein lieber Bruder, habe ich Deinen
+Brief erhalten, und heute antworte ich Dir, weil morgen
+Posttag ist. Schon fing ich an zu glauben, mein lezter
+Brief sei zu hart gewesen; er reute mich, und ich war im
+Begrif in einem gelindern Tone mich zu beklagen.</p>
+
+<p>Dank Dir, Bruder, daß Du Deine Aufträge so richtig
+ausgerichtet hast, daß er mich eben nicht mehr reuen darf.
+&ndash; Doch reut er mich auch noch. Ich habe Worte verlohren.</p>
+
+<p>Ich fragte nicht etwan an, <em class="gesperrt">ob</em> man meine Maasregeln
+billigte? Es scheint, man hat meinen Brief falsch verstanden.
+Das weiß ich allemal schon vorher, daß nie etwas
+wird gebilligt werden, was ich thue; und dies ist nun eben
+auch mein geringster Kummer. Aber wie wäre auch das zu
+billigen, daß ich schon wieder nicht in meinem <em class="gesperrt">Dienste</em>
+geblieben bin; daß ich wieder keinen <em class="gesperrt">Herrn</em> habe? Die
+Leute haben in ihrer Art ganz Recht. &ndash; Ich fragte nur,
+<span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span>ob man mir etwan <em class="gesperrt">deswegen</em> nicht schriebe, <em class="gesperrt">weil</em> man
+meine Maasregeln nicht billigte? Daß es mich verdroß,
+daß man that, als ob ich gar nicht mehr in der Welt war,
+läugne ich nicht. Daß Du selbst, Bruder, so in ganzem
+Ernste die Nachlässigkeit im Briefschreiben auf mich zurükschieben;
+daß Du das ohne Erröthen niederschreiben; daß
+Du Deine Feder dazu leihen konntest, wundert mich doch.
+»<em class="gesperrt">Ich würde nicht geschrieben haben, wenn man
+mich nicht aufgesucht hätte</em>« &ndash; Ei! wer ist denn so
+klug, daß er weiß, was ich gethan haben <em class="gesperrt">würde</em>? Ich kann
+im Gegentheil versichern, daß ich darum keinen Tag eher,
+und keinen später geschrieben hatte. Ich schrieb, sobald ich
+<em class="gesperrt">konnte</em> (im eigentlichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">konnte</em>) Hätte
+ich eher gekonnt, so hätte ich es eher gethan: hätte ich auch
+dann noch nicht gekonnt, so hätte es auch dann bleiben
+müßen. Wer hat denn aber seitdem auf 3. bis 4. Briefe
+aus der Schweiz &ndash; auf den, den ich sogleich nach meiner
+Ankunft in Leipzig schrieb, nicht geantwortet? mir nicht einmal
+einen Empfangsschein zugeschikt? Wüste ich nicht sicher,
+daß sie richtig abgegeben wären, so müste ich fest glauben,
+sie seien untergeschlagen.</p>
+
+<p>Denen es so sehr leid thut, daß ich nicht mehr in der
+Schweiz bin, will ich den Gefallen auch thun. <em class="gesperrt">Ich reise
+Anfangs Aprills wieder in die Schweiz zurük,
+um nie wieder nach Sachsen zu kommen.</em> &ndash; Was
+will man denn wohl mit diesem Bedauern? mit diesem Verheimlichen?
+Du hättest mich Dir sehr verbindlich gemacht,
+wenn Du mir die Ursachen davon geschrieben hättest. Nimmt
+man vielleicht die Maske, als ob es einem um meine Wohlfahrt
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>sei? O, wer kann denn über meine Wohlfahrt aus
+seinem engen Gesichtspuncte so dreist urtheilen? Wer weiß
+denn die Gründe meines Abgehens in der Schweiz? wer
+weiß denn das, was mich bewogen hat, wieder nach Leipzig
+zu gehn? wer weiß denn, wie es mir in Leipzig geht? Man
+muß scharfsinniger sein, als ich bis jetzt gewust habe. &ndash;
+Oder ist es ihnen nur darum zu thun, mich recht weit von
+sich zu wißen? O! ich mag weit oder nahe sein, so sind
+sie immer sehr sicher, daß ich mich ihnen nicht nahe. Laß
+sie glauben, ich bin gar tod; das ist noch weiter als die
+Schweiz. &ndash; Oder ist ihnen nur das zuwider, daß sie nicht
+mit mir, nach ihrer Art, Staat machen können? Mögen
+sie doch immer sagen, ich sei irgendwo ein Dorf Pfarrer.
+Ich werde nicht kommen, und ihnen widersprechen. &ndash; Beßer
+konnte man nicht sagen, daß man sich meiner schäme. Aber
+laß sie es immer sagen. Ich will mich ihrer nicht schämen.</p>
+
+<p>Daß man mein Glück wünscht, würde mich noch mehr
+freuen, wenn man mir zugleich, &ndash; mir, der ich schon längst
+mündig bin, der ich wohl etwas von der Welt kennen sollte,
+der ich wenigstens eben so viel weiß, als sie &ndash; erlauben
+wollte, es nach meiner Art zu suchen.</p>
+
+<p>Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so
+pünctlich aus, als Du Dich derjenigen an mich erledigt zu
+haben scheinst. Jezt blos an Dich.</p>
+
+<p>Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger
+gezielt, als auf Dich. Du bist jung und <em class="gesperrt">Dir</em> war
+eine solche Nachläßigkeit im Briefschreiben eher zu verzeihen.
+Daß ein Brief an mich entworfen gewesen ist, glaube ich.
+Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in Dreßden sei,
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm
+zu glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter
+die Augen zu gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht
+ermangelt haben, meinen Aufenthalt zu wißen zu thun.
+Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß, wenn ich meinen
+Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es
+eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft
+in Leipzig meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen,
+wie ich nicht glauben will, so gründen sich
+doch alle diese Muthmaaßungen auf eine sehr verkehrte Meinung
+von meinem Character, und diese freut micht nicht.
+In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich
+habe nicht geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand
+zu versteken.</p>
+
+<p>Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere
+ich Dich mit eben der Offenheit, mit der ich Dir es
+frei heraussagen würde, wenn Du bei mir verloren hättest.
+Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige gute Seele
+fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte,
+wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben!
+und dann erhalte mir Deine Freundschaft auch in der
+Entfernung; ob es gleich nicht scheint, daß wir einander in
+diesem Leben wiedersehen werden.</p>
+
+<p>In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten,
+wie jezt. So oft Du mir schreibst, erhältst Du den
+nächsten Posttag Antwort. Schreibst Du mir nicht, so hast
+Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu rechnen. Worum
+Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher, und
+gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>sage ich nichts. So hast Du z.&nbsp;B. jezt auf keine
+Nachricht über meine Lage, Pläne, Aussichten zu rechnen,
+weil Du mich nicht darum gefragt hast. Verändert sich
+mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, <em class="gesperrt">wenn
+du es verlangst</em>. So wollte ich Dir z.&nbsp;B. wohl rathen,
+wenn Dir oder irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder
+Verbindung mit mir gelegen ist, mir noch vor
+Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich aus Sachsen,
+ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin.</p>
+
+<p>Mein guter Vater &ndash; Du weißt es, wie sehr ich ihn
+immer geliebt habe &ndash; dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben
+so leidenvoll war, nicht einst den Rest seiner Tage versüßen,
+und seinen vortreflichen Umgang genießen soll: Du
+dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen
+Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas
+zu verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung;
+Dich seh' ich vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten
+Vater höchst wahrscheinlich nur in beßern Welten,
+in denen seine Thränen abtroknen und sein Leiden enden
+wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen theuern
+Vater herzlich, und sage ihm, aber <em class="gesperrt">allein</em>, wie ich gegen
+ihn denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders
+handeln könne.</p>
+
+<p>Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum
+Theil aus Deinem Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung
+ist. Aber, erlaube einem ältern Dich herzlich liebenden
+Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit immer bescheiden
+ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein
+ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal;
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>wenn du <em class="gesperrt">auf obige Bedingungen</em> den Briefwechßel
+fortsezen willst. &ndash; Grüße meine Eltern und Geschwister
+herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder.</p>
+
+<p class="right">J.&nbsp;G. Fichte.</p>
+
+<p>Meine Adreße ist bis Ende Merzes <span class="gesperrt">Leipzig, auf
+der Schloßgaße neben dem Petrino in Brauns
+Hause 3. Treppen</span>.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum
+interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten Beziehungen
+auch Fichte's Studium der Philosophie und seine Herzensverhältnisse
+bespricht.</p>
+
+<p>Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben
+(so scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt.
+Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe
+vom 1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77),
+»seit ein paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen
+sehr guten Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer
+durch den Mangel eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt
+in unstetem Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung
+bereits beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet
+und in diesem deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr.
+und noch am 1. März an seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98&nbsp;f.),
+das beweist der Schluß dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal
+bei einem so auf sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß,
+keiner Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung,
+daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere
+Seele an sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher
+Ruhe sich vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei
+zu beachten, daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier
+Jahre älteren Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich
+steigernde und mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung
+(I, 39&nbsp;ff.). Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung
+der erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>an seine Braut vom 1. März 1791 (I, 99&nbsp;f.) allerdings etwas dunkel
+beschriebene Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">5.</h2>
+
+
+<p class="right">Leipzig d. 5. Merz. 1791.</p>
+
+<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten
+(denn entweder Du datirst Deine Briefe falsch, oder
+giebst sie erst spät auf die Post). Jezt habe ich die erste
+freie Stunde, und sogleich seze ich mich her, Dir zu antworten,
+und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum
+Abgange der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute
+mein Brief ab. Endlich habe ich einen Brief von Dir gelesen,
+wie ich sie von Dir zu lesen wünsche...... <small>[Lücke]</small> ..
+Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst, und ich
+fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben,
+den die Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so
+wunderbar ähnlich schuf. Ich werde Dich immer lieben;
+nichts hat mein Herz gegen Dich erkältet, denn die letztern
+Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines Herzens, sondern
+auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels
+an Welt- und Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn
+<em class="gesperrt">ich</em> solche Fehler nicht verzeihen könnte?</p>
+
+<p>Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr
+im Februar vorigen Jahres aus Zürich geschrieben
+war, und worinn ich meinen Entschluß wieder nach Sachsen
+zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht, daß Fritsche aus
+seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen zurükbehalten
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu
+haben <em class="gesperrt">geschienen</em>; aber es nicht <em class="gesperrt">gehabt</em>. Aber da niemand
+allwißend ist, so bitte ich, <em class="gesperrt">aber nur in diesem
+Falle</em>, um Verzeihung. &ndash; Ich werde inzwischen die Sache
+mit den Briefen untersuchen. Ich verlies Zürich, weil es
+mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in dem
+Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von
+Anfange an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte
+mit starrköpfigten Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen,
+und sie gewaltiger Weise gezwungen hatte, mich
+zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon angekündigt;
+welchen zu widerrufen <em class="gesperrt">ich</em> zu stolz, und <em class="gesperrt">sie</em> zu furchtsam
+waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge
+anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens
+bin ich mit großer Ehre von ihnen weggegangen: man hat
+mich dringend empfohlen; und noch jezt stehe ich mit dem
+Hause im Briefwechsel.</p>
+
+<p>Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und
+Plänen von Zürich: nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern
+um in Leipzig den Erfolg meiner großen Pläne abzuwarten.
+Ich hatte ... <small>[Lücke]</small> .... und war daselbst höher
+... <small>[Lücke]</small> ... Auf meiner Reise lernte ich große Personen
+kennen, die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe
+genug, um mir viel zuzutrauen. Ich war von
+Zürich aus dringend an den <span class="antiqua">Premier Ministre</span> in Dänemark,
+Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u.&nbsp;s.&nbsp;w.
+empfohlen. Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister
+Stelle in Coppenhagen. &ndash; Zu gleicher Zeit schrieb mir
+eine vornehme Dame aus Weimar: sie arbeite, und habe
+<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. &ndash; Im kurzen
+scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung
+nahe. Aus Verdruß warf ich mich in die <span class="gesperrt">Kantische</span>
+Philosophie (vielleicht ist Dir der Name einmal in einem
+der Bücher, die Du liesest, vorgekommen) die eben so herzerhebend,
+als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine Beschäftigung,
+die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs
+Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage,
+die ich je verlebt habe. Von einem Tage zum andern verlegen
+um Brod war ich dennoch damals vielleicht einer der
+glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der Erden. &ndash;
+Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar
+warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet
+habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte
+Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke.</p>
+
+<p>Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen
+ich in Zürich sehr genau bekannt war, war das, eines Mannes
+von ohngefähr 70. Jahren, der mit dem besten Herzen
+viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und Menschenkenntniß
+vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten
+Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend
+zurükversezt. Er liebte mich, als ein Vater; und
+verehrte mich höher, als es meine Verdienste, oder seine
+Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte eine einzige
+Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch
+nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters,
+und die von Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen
+ihres Vaters anzusehen. War es ein Wunder, daß, <em class="gesperrt">ganz
+ohne mein Zuthun</em>, der Liebling des Vaters auch der
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig
+genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken,
+die noch dazu mir eben nicht verholen wurden? Mein
+Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon längst daraus
+vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu
+begehren. &ndash; Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander
+unbestimmte Versprechungen gemacht, und einen beständigen
+Briefwechsel verabredet hatten. Dieser Briefwechsel
+wurde von Ihrer Seite immer dringender, und zärtlicher.
+Endlich &ndash; und das fiel in jene Periode meiner Philosophie,
+meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit
+gegen allen Glanz der Welt &ndash; schrieb sie mir, ich
+solle, da meine Aussichten scheiterten, zu ihr nach Zürich
+kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre Arme stünden
+mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung
+keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie
+mich in der Mitte des Aprills, und will sich sogleich bei
+meiner Ankunft mit mir verheirathen. Ihr Vater hat mich
+in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist die edelste,
+treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist dabei
+sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen
+geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen,
+und ich hätte die Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren
+abzuwarten, bis ich entweder als Schriftsteller, oder
+in einem öffentlichen Amte, welches ich durch die Empfehlung
+einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel
+von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas
+haben, wohl erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten
+könnte. &ndash; Ich bin seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>Antrag zu ergreifen; und noch da ich meinen leztern Brief
+schrieb, war ich der Meynung, und schrieb daher, daß ich zu
+Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von einer andern
+Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen Durst
+in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer
+nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer
+eine gewagte Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu
+haben; und endlich fühle ich zu viel Kraft und Trieb in
+mir, um mir durch eine Verheirathung gleichsam die Flügel
+abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem ich nie
+wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen,
+mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu
+verleben. &ndash; Ich bin also seit einiger Zeit sehr unentschloßen,
+ob ich gehen werde.</p>
+
+<p>Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen
+werde. Ich habe mehreren Männern hier in Leipzig,
+die sich für mich intereßiren, gesagt: daß ich ihnen für
+ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige Aussichten
+habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil
+meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich
+mich der Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr
+beschwerlich werden würde; weil ich ihr die in meiner Seele
+vorgegangene Veränderung nicht plözlich sagen, sondern sie
+allmählich darauf vorbereiten will. &ndash; Muß ich aber Leipzig
+verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden. Davon
+unten ein mehreres.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Der Schluß des Schreibens fehlt.</p>
+
+<p>Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt
+die Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>
+Dem<br />
+Herrn <span class="antiqua">Fichte</span><br />
+Krämer<br />
+<span style="margin-left: 9em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;" class="antiqua">Rammenau</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;" class="antiqua">p. Bischofswerda</span>.</p>
+
+<p>d. Einschluß bis Querfurt.</p>
+</div>
+
+<p class="no-indent">und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach
+Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich
+Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">6.</h2>
+
+
+<p class="center">Theuerste Eltern;</p>
+
+<p>Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg
+aus geschrieben, ich ersehe aber aus der erst vor zwei
+Tagen eingelaufenen Antwort meines Correspondenten in
+Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses Jahres
+können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr
+geändert, und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach
+Sachsen schreibe, um Sie davon zu benachrichtigen. Ich
+habe nemlich meinen Ekel gegen das Hofmeister Leben noch
+einmal überwunden, und lebe seit October vorigen Jahrs
+<span class="gesperrt">in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen</span> hart
+an der Ost See, 6. Meilen westwärts Danzig als Führer
+des Sohns des Königl. Preußischen Obrist Grafen von
+Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht gereut,
+und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in
+einem Hause, das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer
+Gräfinn durch eine wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>und geliebt; habe Aussichten, wenn ich je daran denken
+sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer haben kann; und
+beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten. Macht
+Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten
+Sie hierdurch die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe
+als ..... <small>[ist abgerissen]</small> .....</p>
+
+<p>Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich
+meiner freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon
+benachrichtigen, so geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße
+<span class="gesperrt">Krockow, bei Neustadt in West-Preußen</span> etwa in
+Frankfurt an der Oder auf die Post &ndash; aber postmäßig
+gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. &ndash; Ich werde
+nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig
+Kosten als möglich, Nachricht von mir zu geben.</p>
+
+<p>Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre
+ich meines brüderlichen freundschaftlichen Andenkens.
+Dies einzige thut mir leid, daß ich keine Aussicht habe, eines
+von Ihnen so bald wieder zu sehen. Ich werde meine
+vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf
+eine geraume Zeit beschließen. &ndash; Auch den Herrn Pastor
+Wagner bitte ich freundschaftlich von mir zu grüßen. Es
+ist jezt meine angelegenste Sorge, und vielleicht begünstigt
+sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen Umstände auf so
+eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden (<small>[Zusatz
+am Rande:]</small> die sich in manchen Ländern der Erde höher
+belaufen, als man glauben sollte) bezahlen, und dann die
+heilige Pflicht meiner geliebten Eltern Schiksal wenigstens
+in etwas zu versüßen, beobachten kann.</p>
+
+<p>Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>kindlichen Liebe Dankbarkeit und Ergebenheit .... <small>[abgerissen]</small></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Der folgende Brief mit der Aufschrift: »<big>Meinen theuersten Eltern</big>«,
+also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem Hause
+seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur Frau
+hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna
+Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte,
+kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38&nbsp;ff. 148; vgl. Fichte's
+eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503&nbsp;<ins title="ff">ff.</ins>, und
+ihre Briefe an Charlotte von Schiller II, 402&nbsp;ff.). Er hoffte schon
+im April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden;
+aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen
+Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen
+vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die Vermuthung
+aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der Schweiz
+wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz unwahrscheinlich,
+da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in Leipzig war
+und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden abreiste
+(I, 118).</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">7.</h2>
+
+
+<p class="float-left">Theuerste Eltern,</p>
+
+<p>Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund
+in Zürich angekommen, und habe meine Geliebte, ihren
+Vater, ihre Familie voll Liebe, Freundschaft und Achtung
+für mich getroffen. Ein Umstand hat unsre wirkliche Verbindung
+aufgehalten, und hält sie leider! noch auf. Der
+Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie
+vielleicht um eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe
+bitten, die Sie mir mündlich schon gegeben haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>
+Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen,
+und wünscht nichts inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen
+könne, Ihnen den Abend des Lebens zu versüßen &ndash;
+Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine vortrefliche
+Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine ausgebreitete
+und große Verbindung mit allem was in Teutschland
+angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme
+&ndash; ich, der ich schon auf meinen Reisen nicht unwichtige
+Freundschaften geschlossen habe.</p>
+
+<p>Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister,
+die ich bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern.</p>
+
+<p>Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die
+Post ab.</p>
+
+<p class="float-left center" style="width: 10.5em;">Zürich, im Waaghause<br />
+d. 26. Jun. 1793.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 8em;">Ihr</span><br />
+<span style="margin-right: 1em;">gehorsamer Sohn</span><br />
+J.&nbsp;Gottlieb Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten
+der damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung
+eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem
+16. Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der
+Bitte um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe
+zu seiner Trauung (II, 418).</p>
+
+<p>Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor
+nach Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und
+schon am 23. seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26.
+Morgens von 6&ndash;7 Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr
+ihn nun auch dieses neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch
+Zeit, an seinen schon oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und
+mit einer Art von väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>Ausbildung zu zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe
+von Briefen gerichtet, welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend
+sind durch die psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit,
+womit der ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines
+Wesens, seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel
+zur Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel
+aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen
+und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu
+sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von
+trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine Nüchternheit,
+womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein ankündigt,
+daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den obwaltenden
+Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet sich dasselbe
+nicht angegeben) u.&nbsp;s.&nbsp;w. nicht mehr als eben nur ein Versuch sein
+könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche Entschiedenheit,
+womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig Abzulegende
+wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, &ndash; eine Entschiedenheit,
+die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen der Erziehung um so
+weniger gern gesehen wird, mit je größerer Ueberzeugungstreue und
+Festigkeit sie auftritt, &ndash; eine Entschiedenheit, deren Berechtigung auch
+damals dem Bruder, gegen den sie geltend gemacht wurde, nicht immer
+so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja selbst der Gattin Fichte's,
+deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit beifüge, zuweilen zu hart
+erschien (vgl. besonders den Brief <ins title="N.">Nr.</ins>&nbsp;14). So anziehend aber diese
+echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist des Mannes Strenge, der
+als Erzieher auch gegen den Bruder von den ernsten Anforderungen
+nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">8.</h2>
+
+
+<p>Meinem Bruder Gotthelf.</p>
+
+<p class="right">Jena, d. 24. Jun. 1794.</p>
+
+<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung
+vorgelegt, manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte
+<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>angesehen. &ndash; Dahin gehören die <em class="gesperrt">gelehrten Sprachen</em>.
+In Erlernung derselben hat ein schon gebildeter Kopf
+allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt besser
+die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat
+auch <em class="gesperrt">Nachtheile</em>. Das mechanische Lernen bloßer Schalle,
+wie die Wörter sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil
+hat er, an dessen Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die
+<em class="gesperrt">Verhärtung der Sprachorgane</em> zur Hervorbringung
+der richtigen Töne, besonders in der Französischen Sprache;
+wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da
+Dein mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und
+noch dazu das höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische
+ist. Ich selbst, der ich doch von meiner ersten Kindheit an
+aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt, selbst meine
+teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein Geburtsland
+nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können.
+Französisch gut sprechen habe ich nie lernen können; eben
+um dieser Muttersprache Willen; und Du wirst nie auch
+soweit kommen, um einem Franzosen Dich verständlich zu
+machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln will:
+(nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das <em class="gesperrt">Ohr</em> wird
+verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) &ndash; Ferner
+ist ein Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt,
+das einem Gelehrten, der zur höhern Klasse gehören, und
+nicht unter den gemeinen gelehrten Handwerkern verbleiben
+will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger wird. Denn
+der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere
+Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die
+Sache wieder weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Punkte fehlt, den macht man lächerlich, eben darum, weil
+man die Uebermacht des Gelehrten unwillig mit ansieht;
+und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst
+Dir das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer
+Deiner Sphäre liegt. &ndash; Ein solches feines Betragen nun
+lernt in spätern Jahren sich nie; denn die Eindrüke der
+ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir sieht man die
+meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein
+sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in
+Schulpforta, unter meist besser erzognen Kindern, mein
+frühes Tanzenlernen u.&nbsp;s.&nbsp;w. Und dennoch hatte ich noch
+nach meinem Abgange von der Universität einige bäurische
+Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele Hofmeisterieren,
+in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders
+die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben.
+Und weiß ich denn, ob sie ganz vertilgt sind?&nbsp;&ndash;) Das
+also ist der Hauptpunkt, über den wir nie kommen werden;
+und das &ndash; gesteh ich &ndash; thut mir weh, weil ich die Wichtigkeit
+davon einsehe, die Du nicht siehst.</p>
+
+<p>Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden.
+Gesezt, es geht nicht, so kann es nicht schaden, daß Du
+wenigstens mit einigen Seiten der höhern Stände bekannt
+werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir in mancher
+Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage
+an: <em class="gesperrt">ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust</em>,
+um, wie es seyn muß, ohne Beklemmung in Deinen jetzigen
+Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle mir, <em class="gesperrt">bei
+gehöriger Seelen Größe</em>, einen solchen Zustand, als
+sehr angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>der höhern Stände aus Erfahrung, und ist in dem seinigen
+desto zufriedener.</p>
+
+<p>Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß
+ich Dich spreche, kaum in irgend etwas näher von Deinem
+Zustande werde belehrt werden, als ich es schon jezt bin, so
+freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen; theils erwarte
+ich von Dir einige Winke, <em class="gesperrt">wohin</em> ich Dich zuerst
+thun müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und
+Deine Sitten zu bilden (<small>[Zusatz am Rande:]</small> ehe dieses geschehen
+ist, kann ich Dich auch nicht einmal bei mir haben,
+weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten, auf mich
+selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen,
+ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen
+faßt. Dies kann ein paar Jahre dauren. Und Du brauchst
+vor der Hand weniger einen Lehrer, als eine <em class="gesperrt">Erzieherin</em>.
+Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das
+weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß
+das in einer <em class="gesperrt">Stadt</em>, und zwar in einer schon etwas großen
+Stadt geschehen, und da kenne ich denn weder <em class="gesperrt">Stadt</em>, noch
+<em class="gesperrt">Haus</em>, in die ich Dich thun könnte. Hier in der Nähe
+wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals <span class="gesperrt">Weimar</span> der
+Ort. <em class="gesperrt">Tanzen</em> lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn
+Du dann so gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft
+erscheinen könntest, so nähme ich Dich in mein
+Haus: und <em class="gesperrt">dann</em> wollten wir wohl sehen. &ndash; Aber ob es
+dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.</p>
+
+<p>Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir
+dieses verursachen könnte, das muß ich Dir beantworten. &ndash;
+Du irrst, wenn Du glaubst, daß er gering seyn werde;
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>weil Du die Sache nur <em class="gesperrt">einseitig</em>; nur von der Seite des
+<em class="gesperrt">Lernens</em> ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt,
+<em class="gesperrt">wie viel</em> zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff
+hast. Aber es ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es
+ist von ganzer <em class="gesperrt">sittlicher Bildung</em> die Rede; und diese
+kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man schon so
+lange her <em class="gesperrt">verbildet</em> ist. Du wirst aus dem, was ich oben
+über diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen
+Schluß machen können. Aber das thut nichts zur Sache.
+Was ich mir vornehme, das <em class="gesperrt">muß</em> seyn; und dazu <em class="gesperrt">muß</em>
+das Geld <em class="gesperrt">mir</em> werden; das wißt ihr ja aus vielfältiger
+Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über
+diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich
+auch eine starke <em class="gesperrt">Ausgabe</em> haben; denn das geht hier zu
+Jena stets mit einander, und ist nicht zu trennen. &ndash; Aber
+arbeiten muß ich schon jezt, und werde ich müßen, wie noch
+nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.</p>
+
+<p>Vom <em class="gesperrt">wiedergeben</em> an mich, wovon Du auch redest,
+kann nie die Frage seyn: und ich will Dir im Fall der
+Möglichkeit sogleich jetzo feierlich eine Anweisung geben.
+Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas gethan,
+gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter
+zu verschaffen &ndash; besonders unserm guten Vater, der in
+seinem mühevollen Leben ein frohes Alter gar wohl verdient
+hätte. An diesen gieb zurük, wenn Dir Dein Plan gelingt;
+ich will unsern Eltern in Dir noch einen Sohn geben, der
+für sie thue, was <em class="gesperrt">ich</em> vor der Hand nicht thun kann.</p>
+
+<p>Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern
+komm gerade zu mir: auf der <span class="gesperrt">Bachgaße</span>, in der
+<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>Spachmeisterin <small>[so steht, ziemlich deutlich, geschrieben; es soll wohl</small>
+Sprachmeisterin <small>heißen]</small> Dyrr Hause wohne ich. Ich weiß
+nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können, da
+ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar
+Profeßoren den Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur
+zwei Stuben inne habe. Aber wir werden ja sehen! &ndash;
+Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer zu
+Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul.
+nicht ..... [dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese
+zwar immer; aber ich muß voraus arbeiten wenn <em class="gesperrt">ich</em>
+kann. &ndash; Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf dem
+Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest,
+in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu
+meine Ursachen. Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles
+finden. Wenn Du aber als mein Bruder erscheinst, so verlangen
+die Häuser, mit denen ich näher bekannt bin, und es sind
+deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt mache: und das
+könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt angefügt
+gewesen.</p>
+
+<p>In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt
+wird, mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem
+Schwiegervater erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli)
+ihm nach Jena nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt,
+mit der er ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch,
+daß, wie die späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch
+nicht kannte, obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen
+ist.</p>
+
+<p>Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des
+Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte auf
+seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht blos
+<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der Studirenden
+einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen
+Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm versteht
+sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines ungebildeten
+Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">9.</h2>
+
+
+<p class="float-left gesperrt">Meinem Bruder Gotthelf.</p>
+
+<p class="right">Jena, d. 4. August. 94.</p>
+
+<p>Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon
+lange geschrieben, wenn ich Zeit gehabt hätte. Aber Du
+kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu einem Briefe die
+nöthige Zeit nicht habe.</p>
+
+<p>Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du
+Kostgänger bei dem ConRektor auf der Stadtschule zu
+Meisen, Herr <span class="antiqua">M.</span> Thieme, der in allen Stüken für Dich
+sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens,
+und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache,
+und in der Geschichte. &ndash; <span class="antiqua">M.</span> Kenzelmann wird immer Dein
+Freund seyn, und Dir rathen. &ndash; Richte Dich also ein, daß
+Du mit Anfange des Septembers in Meisen bist. Was an
+den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. &ndash; Für
+Kleider, &ndash; wobei Dir ohne Zweifel <span class="antiqua">M.</span> Kenzelmann mit
+seinem Rathe an die Hand gehen wird; meinen Wunsch
+weißt Du; ja nicht <em class="gesperrt">kostbar</em>, und <em class="gesperrt">theuer</em>, aber <em class="gesperrt">modisch</em>
+&ndash; und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C.&nbsp;R. Thieme
+rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen
+Gelde (<small>[Zusatz am Rand:]</small> auch bezahlst Du davon den
+Tanzmeister, den Dir Hrr. Thieme zuweisen wird.). Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft, denke ich,
+halten wir es so. &ndash; Du bist verreis't, &ndash; wer weiß es
+denn, wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer
+auf dem Handel gewesen; die andern Brüder sind auch
+auswärts, &ndash; wer weiß denn, wo Du bist? Nur hättest
+Du dann immer <em class="gesperrt">schweigen</em> müßen. Habt ihr nicht <em class="gesperrt">schweigen
+können</em>, so ist die Sache freilich übel; und in diesem
+Falle bitte ich Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich
+meine Maasregeln zu nehmen wiße.</p>
+
+<p>Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache
+schon selbst abzumachen wißen (<small>[Zusatz am Rande:]</small> bis dahin
+giebst Du Dein <em class="gesperrt">Schuzgeld</em>, wie vorher). <em class="gesperrt">Gelingt
+es nicht</em>, so kannst Du ohne Nachtheil, und Nachrede in
+Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt es nicht, sagte
+ich &ndash; denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster
+Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen;
+ich muß demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen.
+Du hältst den Sieg schon für errungen: aber er ist es noch
+gar nicht. Wir wollen es erst versuchen; und ich habe nie
+Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich vernünftig
+bin, nicht mehr versprechen, als <em class="gesperrt">daß ich den Versuch
+machen</em> will</p>
+
+<p>1.) Wenn Du nicht wenigstens <em class="gesperrt">hinlängliche Feinheit</em>
+der Sitten Dir erwirbst, so kann, und will, und
+werde ich nichts für Dich thun; aus Gründen, die ich Dir
+mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du das
+wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du
+kannst höchstens .... [behaupten?], daß Du es <em class="gesperrt">willst</em>,
+<span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span>Du weißt aber noch nicht, ob Du es <em class="gesperrt">können</em> wirst; und
+ich eben so wenig.</p>
+
+<p>2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur
+Verfeinerung Deiner Sitten, als zur Erwerbung gründlicher
+Kenntniße im Wege, über den ich endlich, nachdem ich mündlich
+Dir schon Winke genug gegeben, und ich an Deinem
+Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig
+mit Dir reden muß. &ndash; Du traust Dir viel zu viel zu;
+hast eine viel zu hohe Meinung von Dir: <em class="gesperrt">und Du wirst
+daher diejenigen Männer</em>, denen ich Dich jezt übergeben
+muß, <em class="gesperrt">nicht achten</em>; &ndash; <em class="gesperrt">deswegen ihnen nicht
+folgen</em>, weil Du Dich für klüger hältst; und <em class="gesperrt">so wirst
+Du natürlich weder Deine Sitten bilden, noch
+etwas lernen</em>. Ich weiß sehr wohl, lieber Bruder, daß
+Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als auf
+mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und
+glaubst Du, daß ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam,
+was ich Dir sagen will, und &ndash; richte Dich
+darnach.</p>
+
+<p>Du hast Kopf, d.&nbsp;h. <em class="gesperrt">Fähigkeit</em> etwas zu lernen, aber
+darum <em class="gesperrt">weißt Du noch nichts</em>: und, &ndash; glaube es mir, &ndash;
+der Schüler der untersten Klaße weiß weit mehr als Du.
+Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn Du das
+vergißest, so ist es Dir eine Schande. &ndash; Du hast die, mit
+welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht
+studiert. &ndash; Einige Studierte, z.&nbsp;B. den Herrn Pfarrer,
+seinen Bruder, u.&nbsp;s.&nbsp;f. glaubst Du auch übersehen zu haben;
+aber da kann ich Dir aus dem Traume helfen. 1.) Du
+glaubtest z.&nbsp;B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter,
+als sie; theils weil ich z.&nbsp;B. es auch nicht glaube. Aber
+das ist sehr zweierlei; Du hast keine Einsicht <em class="gesperrt">in die
+Gründe</em>, die ich habe, es nicht zu glauben; noch Einsicht
+<em class="gesperrt">in die Gründe</em>, die der <em class="gesperrt">Pfarrer hat, es zu glauben</em>.
+2.) Du verstehst keinen Gelehrten, noch kannst Du ihn verstehen,
+weil es Dir an den nöthigen Vorerkenntnißen fehlt.
+Was Du also nicht verstehst, hältst Du, wenn es nicht
+Jemand sagt, der bei Dir in Autorität steht, für dummes
+Zeug: das mag es denn auch wohl seyn: aber Du wenigstens
+kannst es nicht dafür erklären, denn Du verstehst es
+nicht. &ndash; Um Dir ein recht auffallendes Beispiel darüber
+anzuführen. Kenzelmann hat etwas über den Ausdruck
+<em class="gesperrt">Denkfreiheit</em> auf dem Titel einer gewißen Schrift gesagt:
+ich weiß nicht, was es ist, denn <em class="gesperrt">begreiflicher Weise</em> (hier
+siehst Du wieder Deine Unwißenheit &ndash; Du hältst es
+für möglich, daß er mir darüber geschrieben haben könne,
+weil Du mit den Sitten der feinern Welt unbekannt bist;
+aber nach ihnen ist es <em class="gesperrt">unmöglich</em>, daß er mir darüber
+geschrieben haben könne, <em class="gesperrt">weil ich mich nicht als Verfaßer
+genannt habe</em>.) hat er mir nicht darüber geschrieben;
+aber ich errathe es sogleich, weil ein Studierter
+den andern auf einen Wink versteht. Da glaubst Du nun,
+ihm aus dem Traume helfen zu können; und verstehst nicht,
+was er tadelt. Es betrift den Ausdruck <em class="gesperrt">Denkfreiheit</em>.
+Das <em class="gesperrt">Denken</em> ist doch wohl etwas innerliches, unsichtbares.
+Wie kann mir denn jemand die Freiheit nehmen, in <em class="gesperrt">meinem
+Herzen</em> zu denken, was ich will? und wer hat denn
+jemals <em class="gesperrt">diese</em> Freiheit unterdrücken <em class="gesperrt">wollen</em>, oder <em class="gesperrt">können</em>?
+<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>Das ohngefähr hat K. sagen wollen. Es sollte demnach
+heißen, <em class="gesperrt">Freiheit seine Gedanken mündlich oder
+schriftlich oder durch den Druck mitzutheilen</em>. &ndash;
+Nun hat er zwar nicht ganz Recht: denn in der Schrift
+selbst ist der Ausdruck Denkfreiheit so erklärt worden; und
+es ist nicht nöthig viel Worte zu machen, wo man mit
+einem einzigen auslangt. &ndash; Aber was Du sagst, paßt gar
+nicht auf seine Frage, und Du hast ihn daher gar nicht
+verstanden.</p>
+
+<p>So lange Du nun nicht bescheiden wirst, und erkennst,
+daß Du schlechthin nichts weißt, aber etwas lernen sollst:
+und daß jeder Gelehrte Dich lehren könne, so ist Dir nicht
+zu helfen. Beurtheilen, ob etwas nöthig sey zu lernen oder
+nicht kannst Du gleichfalls nicht; denn Du weißt nicht,
+wozu das unscheinbare, und geringfügige in der Zukunft
+dienen könne, da Du die Wißenschaft nicht übersiehst. &ndash;
+Denke, daß Du, als Du die Buchstaben kennen lerntest,
+hättest sagen wollen: wozu das, zu lernen was A. und B.
+ist, u.&nbsp;s.&nbsp;f. so könntest Du heute noch nicht lesen. &ndash; Dergleichen
+Dinge werden Dir gar viele vorkommen, die zuletzt
+doch so nöthig sind, als das A.&nbsp;B.&nbsp;C. ob sie gleich unscheinbar
+aussehen.</p>
+
+<p>Ferner habe ich bemerkt, daß Du die Wißenschaft für
+viel zu leicht hältst, und daß Du glaubst, daß das alles
+auf den ersten Anlauf gelernt sey. Das ist nun der Fall
+gar nicht; und wenn Du Dich nicht mit Geduld ausrüstest,
+so kann nichts werden.</p>
+
+<p>Also <em class="gesperrt">lege ab die große Meinung von Dir,
+und folge Deinen Führern auf der Bahn der
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>Wißenschaften</em> <b>blindlings</b>. Zu seiner Zeit wollen wir
+zusammen <em class="gesperrt">selbst prüfen</em>, jezt bist Du dazu noch gar
+nicht reif.</p>
+
+<p>Ich habe diejenigen, welche die Aufsicht über Dich führen,
+gebeten, mir <em class="gesperrt">freimüthig</em> zu melden, wie es mit Dir geht.
+Ich habe ihnen ferner Winke über diesen Deinen Fehler
+gegeben. Ich werde also sehr bestimmt erfahren, wie Du
+Dich hältst. Von Dir selbst erwarte ich, daß Du mir alle
+8. Tage <em class="gesperrt">unfrankirt</em> schreibst, sobald Du in Meisen seyn
+wirst, und mir meldest, <em class="gesperrt">was</em> Du studirst, wie es Dir von
+Statten geht, Deine Gesinnungen, Gedanken, Zweifel dabei
+u.&nbsp;s.&nbsp;f. Dabei sey &ndash; darum beschwöre ich Dich um
+Deines eigenen Besten Willen, &ndash; offen und freimüthig
+gegen mich. Wenn Du dann auch etwas ungeschicktes
+schreibst und ich es Dir widerlege, &ndash; was ist denn das
+weiter? Das bleibt unter uns. Es ist beßer, daß ich Dir
+es verweise, denn daß es bei Dir bleibe. Ich will nie ein
+anderes Verhältniß zu Dir haben, als das eines ältern,
+weisern Freundes.</p>
+
+<p>Ich bestimme Dir, &ndash; wenn alles gut geht &ndash; ein
+Jahr in Meisen. Könntest Du in einem halben Jahre
+leisten, was zu leisten ist; so ersparst Du mir freilich keine
+kleine Summe. &ndash; Doch ist eigentlich hiervon nicht die Rede.
+Werde nur, was Du werden sollst.</p>
+
+<p>Das von der Probst-Stelle zu W. ist nicht klug ausgesonnen.
+Ich bin zuförderst kein <em class="gesperrt">Theolog</em>. Ich kann
+Profeßor der Philosophie mit Ehren seyn: wäre es nicht
+thörigt von mir, wenn ich etwas nehmen wollte, dem ich
+nur nothdürftig vorstehen könnte. &ndash; Dann glaubt man
+<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>denn, daß ich mich in Wittenberg verbessern würde? Man
+hat doch drollige Begriffe, scheint es, von einem Jenaischen
+Profeßor. &ndash; So auch dem, was die Fr. v.&nbsp;Kleist, der ich
+übrigens für ihr Andenken sehr verbunden bin, gesagt hat.
+&ndash; »Ich würde nicht lange in Jena seyn, sondern bald
+weiter gerufen werden.« Ich möchte wohl wißen, wer mir
+etwas anbieten könnte, wodurch ich mich verbeßerte. Wer
+in Jena arbeiten will, der kann es so hoch bringen, als auf
+irgend einer teutschen Universität. Arbeitlosere Stellen giebt
+es freilich; aber ich habe noch nicht Zeit, mich zur Ruhe
+zu sezen. &ndash; Doch wünschte ich wohl, daß ich gerufen
+würde; um es ausschlagen zu können. <em class="gesperrt">Das unter uns</em>
+wie sich versteht. &ndash; Ueberhaupt sey in Meisen vorsichtig in
+deinen Aeußerungen über mich. Du weißt nichts; damit
+ist es zu Ende.</p>
+
+<p>Grüße herzlich meine Eltern, und Geschwister.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 5em;">Der Deinige</span><br />
+F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Daß die »Probst-Stelle zu Wittenberg« für Fichte geeignet sein
+könnte, war wohl nur ein Gedanke der Seinigen; von einem wirklichen
+Anerbieten ist nichts bekannt. &ndash; Zu dem Namen v. Kleist vgl.
+den 45. Brief.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">10.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 13. Fbr. 94.</p>
+
+<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Dein Lehrer hatte mir schon vor einigen Wochen Deinethalben
+geschrieben. Ich bin so überhäuft mit Arbeiten
+gewesen, daß ich ihm nicht eher, als bis jetzt antworten
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>konnte; ich hoffe aber, daß dadurch für Dich kein Nachtheil
+entstanden seyn soll.</p>
+
+<p>Die Methode, die der Herr Konrektor mit dem Decliniren,
+und Conjugiren einschlägt ist die einzige für Dich
+zweckmäßige. Mag es immer Kopfbrechens kosten. Decliniren,
+und Konjugiren ist das wenigste: die Uebung der angestrengten
+Aufmerksamkeit, des geschwinden Besinnens u.&nbsp;s.&nbsp;w.
+&ndash; diese ist wichtig.</p>
+
+<p>Dich an Arbeiten gewöhnen, ist gleichfalls eine Hauptsache.
+Fahre so fort, wie Du mir schreibst, daß Du
+handelst. Ich wünschte auch zu wißen, was Du in Geschichte,
+und Geographie gelernt hast.</p>
+
+<p>Ich sehe, daß Du noch immer so sehr unorthographisch
+schreibst. Suche Dich darüber zu belehren; und gib acht
+auf Dich, bei jeder Zeile die Du schreibst; sonst wirst Du
+Zeitlebens nicht orthographisch schreiben lernen; und das
+<em class="gesperrt">paßirt gar nicht</em>. &ndash; Ferner schreibst Du doch auch gar
+zu schlecht. Ich wünschte, daß Du Deine Hand übtest.
+Berufe darin Dich nicht etwa auf mich. Es ist etwas
+anderes eine flüchtige aber <em class="gesperrt">ausgeschriebene</em> Hand zu
+schreiben. Die Deinige ist nicht ausgearbeitet. Ich sehe
+ein, daß Dir das etwas schwer werden wird, weil Deine
+Hände durch Handarbeit steif geworden sind; aber Du mußt
+nur desto <em class="gesperrt">mehr</em> schreiben.</p>
+
+<p>Des P. Wagners Vortrag habe ich selbst einmal genoßen.
+Er ist allerdings sehr faßlich. Aber sey darum
+dennoch versichert, daß der jezige Unterricht dennoch der
+zwekmäßigste für Dich ist, eben darum, weil er Dir die
+Sache schwer macht. Es ist nicht um die Sache; es ist
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>um die Kraftübung. Leb recht wohl, und schreibe mir
+bald wieder.</p>
+
+<p class="right">Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<p class="aufschrift center">Herrn <span class="antiqua" style="margin-right: 8em;">Fichte</span><br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">11.</h2>
+
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Jena</span> d. 25. <span class="antiqua">Nov.</span> 1794.</p>
+
+<p class="float-left">Theurer Bruder!</p>
+
+<p>Mein theurer Mann, welcher Sie herzlich grüßt, hat
+mir aufgetragen Ihnen zu schreiben; dies Geschäft hab ich
+gern übernommen, nicht daß ich gerne Briefe schreibe, (denn
+seitdem ich nicht mehr an meinem Fichte zu schreiben habe,
+ist mir das Schreiben höchst unangenehm.) sondern weil
+<em class="gesperrt">Sie</em> der Bruder meines Lieben Mannes sind; und weil ich
+glaube daß Sie auch ein Edler, rechtschaffener Mann sind;
+da habe ich sie nun schon recht lieb, ohne Sie eigentlich zu
+kennen; auch freue ich mich auf die Zeit, wo Sie zu uns
+kommen, und bey uns wohnen, recht innig; da ist mein guter
+rechtschaffener Vatter, seine Kinder, und Sie unser Bruder;
+da werden wir oft, so stille, geräuschlose Freuden, welche
+dem Herzen wohlthun, in unserm Hause mit einander genießen;
+wie wir lezten Sonnabend eine hatten; es war
+nämlich meines guten Vatters 75. Geburtstag. Der Himmel
+war uns so günstig, daß wir spazieren fuhren, in der lieben
+Natur herum schwärmten; und am Abend, unter herzlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>vertraulichen Gesprächen bey einander saßen, wo uns denn
+innig wohl war; auch ist mein theurer Fichte, so ganz zu
+diesen herzlichen Vertraulichkeiten gemacht; daß man sich in
+Ihn verlieben muß; nun stellen Sie Sich vor, wie's mir
+armen Geschöpfe dann geht? da ich Ihn schon sonst herzlich
+Liebe; meine Liebe geht dann in Anbetung über.</p>
+
+<p>Ich merke nun wohl, daß ich Ihnen beständig von meinem
+Lieben Mann vorgeschwazt habe; Sie lieben ihn ja auch,
+drum kann Ihnen das nicht unangenehm seyn; und ich
+wünsche Ihnen theurer Bruder, zu seiner Zeit, auch eine
+weibliche Seele, die Sie so <em class="gesperrt">einzig</em> liebt; und wenn Sie
+wollen, so wollen wir Diese zu seiner Zeit, ja zu seiner
+Zeit, vergeßen Sie dieses nicht, gemeinschaftlich suchen. Nun
+will, und muß ich Ihnen Behüte Gott sagen; denn ich habe
+mehrere Briefe zu schreiben, Dieser muß mich für die unangenehmen
+welche ich noch zu schreiben habe schadlos halten;
+Leben Sie wohl! mein guter Vatter grüßt Sie herzlich; das
+gleiche thut Ihre Schwester</p>
+
+<p class="right">Johanna <span class="antiqua">Fichte</span>.</p>
+
+<p>Wir haben Ihren 2. Brief auch erhalten. Mein Mann
+wird Ihnen nächstens schreiben.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 9em;">Herrn Fichte:</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p>
+
+<p class="no-indent">bei Herrn ConRektor <span class="gesperrt">Thieme</span>.</p>
+
+<p>frey</p>
+</div>
+
+<p>(Nur »<span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:« und »frey« von Johanna's Hand, das
+Andere von J.&nbsp;G.&nbsp;F.)</p>
+
+<p>Der folgende Brief, die Perle unter denen von Johanna's Hand
+<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>ist mit der Offenheit, mit der hier ein weibliches Gemüth über sich
+selbst spricht, und mit dem leichten Anklang von Humor, so wie mit
+der überströmenden Fülle kindlich einfachen Sinnes und reinster Liebe,
+ein köstliches Cabinetsstück, ein wahres Meisterwerk.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">12.</h2>
+
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Jena d. 27. Decemb: 1794.</span></p>
+
+<p class="float-left">Lieber theurer Bruder!</p>
+
+<p>Ich habe eine Menge Briefe vor mir, die ich beantworten
+soll, und Ihrer sey der erste, den ich beantworte,
+weil Sie mir die liebste Persohn sind. Hören Sie Lieber,
+ich bin gar nicht Ihrer Meinung, daß ein schön geschriebenner
+Brief, eine schöne Seele verathe; (nicht, daß nicht beydes
+neben einander bestehen könne,) aber die Erfahrung hat mir
+schon zur Genüge gelehrt, daß es oft nicht bei einander ist;
+und wenn ich Ihnen allso, welches ich nicht weiß, einen schönen
+Brief geschrieben habe, Sie daraus gar nicht so gütig
+schließen müßen, daß ich eine schöne Seele habe; überhaupt
+sehe ich aus Ihr. Lieben Brief, daß Sie mich viel beßer
+glauben als ich nicht bin; und das sezt mich in große Verlegenheit,
+wenn Sie mit solch guter Meinung zu uns kommen,
+und dann durch die Erfahrung belehrt sehen, daß ich das
+bey weitem nicht bin, was Sie glaubten, daß ich sein würde,
+und auch sein könnte, so muß ich in Ihren Augen gewaltig
+verliehren; und das würde mir dann weh thun; auch müßen
+Sie nicht glauben eine schöne Schwester bekommen zu haben;
+denn ich weiß wohl, die Lieben Männer sehn auch das gern,
+drum laßen Sie Sich nun erzehlen wie ich aussehe: vors
+erste bin ich klein, und war im 16. Jahre sehr fett, da ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>seit der Zeit nun um ein merkliches gemagert bin, so hat
+die einmahl zu stark ausgedehnte Haut, viele Runzeln bekommen,
+dazu gab mir die Natur ein wiedrig langes Kinn;
+und was nun das ärgste von allem ist, so hab ich wegen
+heftigen Zahnschmerzen, (welches fast alle Leute in der
+Schweiz haben,) mir meine obern Zähne ausziehen laßen;
+nun überlaße ich Ihrer eignen Einbildungskraft, mich so
+comisch darzustellen, als ich wirklich bin.</p>
+
+<p>Nachdem, was Sie mein Lieber, was mein Mann, mir
+von unsern Vatter gesagt hat, fühl ich viele Achtung für
+Ihn, und ich bitte Sie, ihn herzlich in meinem Namen zu
+grüßen; ich hätte schon an Ihn geschrieben, hielte mich nicht
+der Gedanke, der guten Mutter davon ab, denn ich muß
+Ihnen gestehen, daß, nachdem, was ich von ihr gehört, ich
+Sie wirklich fürchte; Wir wollen Sie <small>[soll natürlich heißen: sie]</small>
+Lieber Bruder, als gute Kinder ehren, und nicht vergeßen
+was sie während ihrem mühsamen Leben, an ihren
+Kindern gethan hat; auch kennen wir ihre Erziehung nicht,
+wißen nicht, wie das alles so kam; und vielleicht nach ihrer
+Lage kommen mußte.</p>
+
+<p>Ja Lieber, es wird einst auch ein gutes Geschöpf für
+Sie dasein, daß Sie aufrichtig Lieben wird; und ich will
+es denn zu seiner Zeit mit Ihnen suchen; ich biete mich
+darum zu Ihrer <span class="antiqua">Rath</span>geberin, über diesen wichtigen Schritt,
+an, weil wir Weiber tiefer in die Seele unsers Geschlechts
+hineinbliken, als oft die klügsten Männer nicht thun; und
+denn, weil ich Sie gerne glüklich sehn möchte .....
+<small>[diese Punkte stehen im Originale]</small> Sie sind mein Lieber Bruder,
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>und wollen, und werden gewis ein brafer Mann werden,
+und darum lieb ich Sie sehr.</p>
+
+<p>Sagen Sie mir nichts guter Lieber, von unsern gegenseitigen
+Verhältnißen, von Wohlthaten, wie Sie es nennen
+wir wollen wie gute Kinder sein, welche mit einander theilen,
+und durch dieses theilen, ihrem eignen Herzen eine Wohlthat
+erzeigen.</p>
+
+<p>Mein theurer Vatter, welcher, ich darf es sagen, an
+Güte des Herzens uns alle übertrift, grüßt Sie von ganzer
+Seele, und freut sich recht darauf Sie kennen zu lernen;
+Er wird Sie, wie seinen Sohn lieben. Er hat ein Herz
+daß lieben kann, und dem nicht wohl ist, wenns nicht lieben
+kann.</p>
+
+<p>Wenn Sie ein Freund der Natur sind so werden Sie
+auch an mir eine Freundin der Natur finden, denn kann ich
+orndlich schwärmen, aber doch nicht mehr in dem Grade,
+wie ichs konnte; dieses Gefühl hat sich ein wenig bey mir
+verlohren, und es ärgert mich sehr.</p>
+
+<p>Leben Sie wohl Lieber theurer Bruder! Schreiben Sie
+bald, und vergeßen Sie nicht, wie Sie aufrichtig Liebt Ihre
+Schwester</p>
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Johanna Fichte</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:<br />
+abzugeben beym <span class="antiqua">Herrn</span> Conrector <span class="antiqua">Thieme</span><br />
+<span style="margin-left: 19em;">in</span> <span class="antiqua gesperrt">Meisen</span></p>
+
+<p><span class="gesperrt">Frey</span>:</p>
+</div>
+
+<p>Einerseits zur Bestätigung, anderseits zur Erklärung und Milderung
+des Urtheils über die Mutter vergleiche man, was oben zum 4. Briefe
+bemerkt wurde, so wie die folgenden Briefe Nr.&nbsp;19. 21. 42. 45. 47.
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>Nach reiflicher Ueberlegung habe ich geglaubt, auch diese Stellen nicht
+zurückhalten zu müssen, weder aus übertrieben vorsichtiger und zaghafter
+Pietät gegen Fichte, noch selbst gegen seine Mutter, die trotz
+der vielleicht scharfen und grellen Beleuchtung, welche auf sie fallen
+mag, doch nicht in einem schlechten Lichte erscheint. Für das Verständniß
+von Fichte's eigenem Wesen aber scheint mir die Kenntniß
+seiner Stellung in seiner Familie und der Beziehungen zu seinen Angehörigen
+nicht unwichtig, weil die rücksichtslose Entschiedenheit und
+die zuweilen bis an Schroffheit grenzende Strenge seines Charakters,
+das oft stolz sich Abschließende und kalt Zurückweisende seines Wesens
+gegen heterogene, anders geartete Persönlichkeiten, zum Theil wohl &ndash;
+ich sage nicht ihre Entschuldigung, deren scheint mir es nicht zu bedürfen,
+wohl aber ihren Erklärungsgrund mit in dem Gegensatze
+haben kann, in dem er schon frühzeitig zu einem Theile seiner Umgebung
+sich befand. Nicht minder als die positiven müssen auch die
+negativen Einflüsse bei dem Entwicklungsgange eines Charakters in
+Anschlag gebracht werden.</p>
+
+<p>Dürfen wir aus den spärlichen Andeutungen ein bescheidenes
+Urtheil wagen, so war Fichte's Mutter wohl, zum Unterschiede &ndash;
+vielleicht auch zu einer nothwendigen Ergänzung &ndash; von ihrem weichherzigen
+und wohl bis an's Unpraktische gutmüthigen Gatten, eine
+wesentlich energische, positive, thatkräftig auftretende Frau von etwas
+zusammen geraffter, gedrungener, kantiger Natur, die ihre gut gemeinten,
+verständigen Ansichten in eigensinniger, rechthaberischer Weise geltend
+machte, vielleicht um so heftiger und, daß ich so sage, verbissener, je
+weniger sie alle Mal sogleich einen Erfolg davon sah: so daß sie
+schließlich eine von jenen Frauen wurde, als deren hervorstechendste
+Seite die Zanksucht sich zeigt, während sie doch im innersten Grunde
+ihres Wesens wohlmeinend und herzensgut sind. Etwas davon, obwohl
+in vollkommen gereinigter und idealisirter Weise, war auch in ihrem
+großen Sohne, der auch leiblich ihr Abbild war. Herr Professor
+I.&nbsp;H. Fichte schreibt mir, daß ihm seine Großmutter noch aus seiner
+»eignen Kinderzeit als stattliche, untersetzte Frau von mäßiger Größe,
+bei auffallender Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres Sohnes,
+Johann Gottl. Fichte, gar wohl in der Erinnerung« lebe. Daß gerade
+zwei solche harte, feste Charaktere, innerlich und ursprünglich verwandt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>doch leicht dazu kommen konnten, sich gegenseitig abzustoßen,
+liegt auf der Hand und ist psychologisch vollständig erklärbar, namentlich
+wenn, wie hier, der Vater, passiv sich verhaltend, den Sohn nachsichtig
+gewähren ließ, wo die praktische, resolute Mutter meinte, den
+Sohn nach einer langen, mühsamen Vorbereitung zur Erfassung einer
+geordneten, den nöthigen Lebensunterhalt sicher eintragenden Berufsthätigkeit
+drängen zu müssen. Ihr Verhältniß zu den übrigen <ins title="Kiudern">Kindern</ins>
+ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich erkennbar,
+und jedenfalls überhaupt minder klar durchgebildet gewesen.</p>
+
+<p>Wir haben hier ganze, volle, markige Menschen vor uns, die in
+einen, wir können wohl sagen echt tragischen, Conflict kommen, weil
+sie nicht blos jeder nach seiner Meinung, sondern auch jeder in seiner
+Weise Recht haben, so aber, daß nach allgemeineren, freieren Gesichtspunkten
+wiederum jedem auch ein gewisses, mehr oder minder großes
+Unrecht anhaftet, weil er seinen eigenen, individuellen Standpunkt
+zum absoluten, allein berechtigten machen und dem des Andern nicht
+auch eine theilweise Berechtigung zugestehen will. Tragisch ist dieser
+Conflict, weil er der Idee nach, welche die Harmonie und den Frieden
+fordert, nicht bestehen sollte, und weil er, wie die Dinge nun einmal
+liegen, doch eben unvermeidlich ist, und weil schließlich auf der einen
+oder der andern Seite eine Niederlage erfolgen muß, welche, in ihrer
+Gesammtwirkung das genaue Maß der Schuld überschreitend, das
+Mitleid und den Antheil des Herzens rege macht und einige wehmüthige
+Klänge selbst in den Siegesjubel auf der andern Seite mischt.
+Es braucht wohl kaum ausdrücklich hinzugefügt zu werden, daß jene
+Differenz im vorliegenden Falle nicht wirklich zu einer äußerlichen
+Katastrophe kam (war doch Fichte, dem geistig doch der Sieg bleiben
+mußte, wie er ihm auch von der Geschichte zugesprochen ist, für seine
+Mutter bis an das Ende ihres und seines Lebens in treuer Sorge
+thätig): es ist dieses nur eine innerliche Auseinandersetzung gewesen.</p>
+
+<p>Wem das Ganze als eine ungehörige Abschweifung in das ästhetische
+Gebiet erscheint, der möge Nachsicht üben. Ich glaubte nicht
+anders jenen beiden wackern Menschen gerecht werden zu können, wenn
+ich einmal wagte, von ihnen zu reden; und was mich dazu bestimmte,
+habe ich oben ausgesprochen. &ndash; Indessen will ich auch nicht unterlassen
+hinzuzufügen, daß mir Herr Pastor Werner in Rammenau sagte, im
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>Dorfe gelte Fichte's Mutter mehr für eine stille Frau, von der man
+nicht Viel wisse, wogegen sein Vater als »der alte Bandmacher« noch
+vielfach genannt werde. Dies ist allerdings keine Bestätigung der
+psychologischen Hypothese, wie ich sie auf Grund des vorliegenden
+Materials aufgestellt habe; es ist aber auch &ndash; scheint mir &ndash; keine
+unbedingte Widerlegung, sondern läßt sich, zumal wenn man den
+verwischenden Einfluß der Zeit in Anschlag bringt, sehr wohl damit
+vereinigen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es gereicht mir zu hoher Befriedigung, daß die hier dargelegte
+Ansicht nachträglich noch von competentester Seite her authentische Bestätigung
+findet. Herr Prof. Fichte in Tübingen schreibt mir am
+7. Juli d.&nbsp;J. über diese ihm mitgetheilte Stelle: .... »Damit
+komme ich auf meine Großmutter und auf dasjenige, was Sie mit
+gewiß sehr richtiger psychologischer Conjecturalkritik über dieselbe schreiben.
+Was ich selbst über sie und über ihr Verhältniß zu Mann und
+Kindern aus eigener Erinnerung und aus den Mittheilungen meiner
+seligen Mutter weiß, ist folgendes. Sie war noch im Alter (im
+Jahre 1805 und 1811 besuchte mein Vater mit uns seine Eltern und
+so schwebt mir das Bild der Großmutter noch in lebhafter Erinnerung
+vor) eine gerade, stämmig untersetzte Frau, mittlerer Größe, mit Gesichtszügen,
+die ganz auffallend denen ihres Erstgebornen glichen. Sie
+galt in der Familie wegen ihres Verstandes und der Energie ihres
+Willens als die eigentliche Herrscherinn, und ohne Zweifel hat mein
+Vater <em class="gesperrt">ihr</em> das Feste, Unerschütterliche seines Charakters als Erbstück
+zu danken. Deshalb wurde sie aber auch gefürchtet in der Familie,
+und meiner Mutter Aeußerung, sowie die meines Vaters erklären sich
+daraus vollständig. Sie war dabei eine Frau von strenger Religiosität,
+und mein Vater, der wenigstens in den spätern Jahren, wie ich
+es selbst erlebt habe, seine Mutter mit kindlicher Ehrfurcht als ein ihm
+ehrwürdiges Wesen behandelte, hat gegen meine Mutter ausdrücklich
+erwähnt, wie viel er den ersten religiösen Eindrücken verdanke, welche
+die Mutter ihm eingeflößt. Doch war das Verhältniß zwischen Mutter
+und Sohn in seinen Studienjahren allerdings, wie ich aus vielen
+einzelnen Andeutungen in übriggebliebenen Tagebuchresten und Briefconcepten
+schließen konnte, ein getrübtes. Der Grund lag aber gerade
+in ihrer Vorliebe für diesen ältesten Sohn, den sie sich nicht anders
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>denken konnte, denn als Prediger, und in dessen ganz abweichender und
+excentrischer Laufbahn sie nur die bedenklichste Abweichung vom Pfade
+des Frommen und Guten erblicken konnte; kurz, sie verstanden einander
+nicht, es kam zu heftigen Scenen, weshalb er einige Jahre hindurch
+sogar den Besuch zu Hause gemieden zu haben scheint, und so erklärt
+sich mir z.&nbsp;B., daß er bei seiner allerdings abenteuerlich erscheinenden
+Wanderung nach Warschau (Bd.&nbsp;I. S.&nbsp;119 Aufl.&nbsp;II.) in Bischofswerda
+blieb und brieflich seinen Vater und seine Brüder zu sich beschied.
+Späterhin hat sich dies Verhältniß, wie ich selbst gesehen habe, völlig
+wieder hergestellt..... Aber leider waren auch in der Familie innere
+Mißhelligkeiten, unter denen der Großvater sehr viel litt« .....</p>
+
+<p>Die beiden folgenden Briefe tragen kein Datum, scheinen aber im
+März 1795 geschrieben zu sein, sie zeigen, wie Gotthelf's Reise nach
+Jena, worauf die gutmüthige und weichere Johanna schon im November
+1794 hindeutet und worauf sie ihn immer wieder vertröstet,
+nach Fichte's klarer und kälterer Einsicht seinen Zwecken gemäß noch
+weit hinausgeschoben werden mußte.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">13.</h2>
+
+
+<p class="center">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Es ist mir nicht möglich gewesen, Dir eher auf Deinen
+letzten Brief zu antworten. Ich habe Dir schon mehrmals
+gesagt, daß selbst ein kleines Briefchen nicht allemal so gar
+leicht von mir geschrieben werden kann, weil oft selbst die
+wenigen dazu erforderlichen Minuten mir fehlen.</p>
+
+<p>Was du mir über Deine Lage schreibst, kann ich zum
+Theil wohl glauben. Ich habe manches der Art vorhergesehen,
+weil ich unsere Schulleute gar wohl kenne, und
+nicht erwarten konnte, daß Dein Lehrer von der <em class="gesperrt">beinah'
+allgemeinen Regel</em> eine Ausnahme machen würde. &ndash;
+Erkenne aus diesem Ausdruke, daß der Sache nicht wohl
+zu helfen war, wenn der Zwek erreicht werden sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>
+Das Hauptübel, mein lieber Bruder, liegt in dem
+Misverhältnisse Deines <em class="gesperrt">Alters</em> zu Deiner <em class="gesperrt">Lage</em>; ich habe
+das alles vorhergesehen, und größtentheils es Dir vorhergesagt.
+Du mustest diesen Uebeln Dich freiwillig unterwerfen.
+&ndash; Dazu kommt Deine bis jetzt gewohnte Lebens
+Art. Es ist kein geringes aus dem beständigen Leben in
+einer Familie, aus fortdauernder Gesellschaft, sich in die
+Einsamkeit eines Studierzimmers, und ohne Welt- und
+Menschenkenntniß, ein Jüngling an Jahren, und ein Kind
+an Einsicht sich unter fremde Leute eines ganz andern Standes
+wagen. &ndash; Die unangenehmste Nachricht in Deinem
+Briefe war mir dein Hang zur Hypochondrie. Ich weiß
+aber besser, daß es nicht dies, sondern Sehnsucht nach Deiner
+vorigen Art zu seyn, Sehnsucht nach Hause, u.&nbsp;s.&nbsp;f. ist.
+Darin wirst Du mir widersprechen; aber Du kannst das
+nicht beurtheilen; es ist Sehnsucht, die nicht zum Bewußtseyn
+kommt.</p>
+
+<p>Du irrst Dich gänzlich, wenn Du glaubst, daß Du
+schon jezt mit Nutzen nach Jena kommen könntest; und das
+ist ein Beweiß, daß Dir noch bis jezt über diejenigen Dinge,
+die ich Dir gleich anfangs sagte, und schrieb, noch kein Licht
+aufgegangen ist; daß nemlich zu einem Gelehrten <em class="gesperrt">positive</em>
+Kenntniße gehören. Mein Umgang kann Dir hierin nicht
+viel nützen. Denn <em class="gesperrt">theils</em> habe ich des Tages gar sehr
+wenig Zeit übrig, <em class="gesperrt">theils</em> verstehst Du mich nur halb;
+<em class="gesperrt">theils</em> kommen die Dinge, die Dir jetzt zu lernen nöthig
+sind, in meinen Gesprächen nicht vor: ich habe nicht Zeit
+Dich darin zu unterrichten, und bin auch selbst kein großer
+Held darin. Endlich aber verhindert es besonders meine
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>jezige Lage ganz und gar Dich, ehe Deine Sitten mehr
+Feinheit haben, in mein Haus zu nehmen. Ich habe meine
+sehr triftigen Gründe, zu wollen, daß nichts was mir angehört,
+auf irgend eine Art dem Tadel des Publicums ausgesezt
+sey. &ndash; Du kannst für Deine Sitten höchstens Schüchternheit,
+und das Complimentirbuch der kleinstädtischen Welt
+angenommen haben: das ist für den Anfang nicht übel.
+Aber darauf muß eine anständige Freimüthigkeit, und eine
+gewisse Leichtigkeit gesezt werden, und diese kannst Du in
+Deiner gegenwärtigen Lage nicht annehmen, und ich weiß
+gar wohl warum. &ndash; Ferner weiß ich sehr sicher, daß Du
+die schöne Rammenauische Sprache noch immer nicht abgelegt
+hast, und daß diese erst weg wäre, wünsche ich gar sehr.</p>
+
+<p>Dies sind meine Gedanken wegen Deines Anherkommens.
+Dies ist vor der Hand unmöglich, und bleibt unmöglich, bis
+ich Dich selbst geprüft habe, und Dich dazu fähig finde.
+Deinen Wunsch aber von Meissen wegzuseyn, überhaupt misbillige
+ich nicht: wenn ich nur wüste, wo ich Dich hinthun
+sollte. Es sind mir zwei Gedanken eingefallen; <em class="gesperrt">entweder</em>
+als Externus nach Schul-Pforte. Hierbei würdest Du den
+Vortheil haben, mit jungen Leuten Deines gleichen bekannt
+zu werden, welches ein großer Vortheil für das ganze Leben
+ist; aber leider &ndash; würde Dir dabei Deine Unwissenheit in
+demjenigen, wovon dort alles Ansehen abhängt, im Wege
+stehen, und es würde eine sehr große Klugheit von Deiner
+Seite erfordern, Dich zu behaupten, theils wäre auch dort
+für die Bildung feiner Sitten nicht viel besser gesorgt, als
+in Meissen. Jedoch, Du wärst mir in der Nähe, und ich
+könnte vielleicht durch meinen Einfluß und Namen bei den
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>umliegenden Familien etwas vermögen. (<small>[Zusatz am <ins title="Rande]:">Rande:]</ins></small>
+Dieser ganze Plan stößt sich besonders daran, ob Du auch
+genug gelernt haben magst, um in Pforte recipirt zu werden.)
+<em class="gesperrt">Oder</em>, es ist mir eingefallen Dich zum Pastor <span class="gesperrt">Bischoff</span>
+zu thun, der seine schlechte Stelle mit einer sehr guten, auch
+nicht allzu weit von hier, vertauscht hat. Ich werde in
+einigen Wochen selbst zu ihm reisen, und die Lage selbst vollkommen
+prüfen, ehe ich ihm einen Gedanken davon äußere.
+<em class="gesperrt">In der Mitte künftigen Monats sollst Du etwas
+bestimmtes von mir erfahren.</em></p>
+
+<p>Wie stehts mit dem Tanzen? Ferner, wie steht es mit
+Deiner Kleidung, Deinen Büchern, Deiner Börse? &ndash;
+Schreib mir das recht ausführlich, damit ich meine Maasregeln
+darnach nehmen könne. Deinen Lehrer grüße von
+mir, und sage ihm: ich bedauere, daß ich ihm Dein Viertel-Jahr-Geld
+nicht habe schiken können. Es sey mir nicht
+möglich gewesen, und ich müste ihn bitten zu warten, bis
+Monat May, wo ich es ihm richtig, und mit Dank übersenden
+werde.</p>
+
+<p>Bruder Christian hat von Finsterwalde aus an mich
+geschrieben und mir seine Verheirathung gemeldet. Wenn
+Du ihm etwa schreibst, so versichre ihn meines herzlichen
+Antheils. Ich werde ihm schreiben, sobald ich Zeit haben
+werde. Eben so an Bruder Gottlob, und meine Eltern.</p>
+
+<p class="float-left no-margin-bottom">Dein treuer Bruder</p>
+<p class="right no-margin-top">Fichte.</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">14.</h2>
+
+
+<p>Lieber theurer Bruder! Ich kann meines Mannes Brief
+nicht vortgehn laßen ohne Ihnen auch ein paar Zeihlen zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>schreiben, ohne Ihnen zu sagen daß mein theurer Vatter
+Sie innig liebt, und herzlich grüßt, daß Er und ich aufrichtig
+wünschen daß Sie bald bei uns sein mögen; faßen
+Sie Muth Theurer, die Zeit daß Sie bei uns Leben, wird
+ja auch nicht mehr so lange dauern, und denn werden Sie
+Sich das überstanden zu <small>[hier steht, durchstrichen,</small> »haben«]
+freuen haben.</p>
+
+<p>Daß wir Ihnen so wenig schreiben, ist gewis nicht
+mangel Liebe, sondern mangel an Zeit, das ist im ganzen
+ein wirwarvolles Leben hier, daß wenig wahren Genuß
+schaft, und viel Zeit raubt; Sie werd einmahl selber sehn;
+ich wünsche nur daß Sie bald kommen, und kann nicht so
+ganz einsehn warum mein Mann es so aufschiebt, die Lebensart
+ist hier nicht gar fein, so daß gewis ein jeder sich bald
+hineinfindt; ich wünschte nur auch Sie einmahl zu sehn
+Lieber Bruder! Warum können, und sollen Sie uns denn
+nie besuchen? Sie und ich, wir wollten, unsern Fichte denn
+schon bekehren, ich glaube immer Er nimt die Sache viel
+zu strenge. Leben Sie wohl! Guter theurer Bruder, von
+ganzem Herzen</p>
+
+<p class="right">Ihre Fichtin.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>In dem nächsten Briefe klingt in bemerkenswerther Weise aus
+Johanna's durch und durch christlichem Gemüthe eine ergebungsvolle
+Stimmung heraus, das Gefühl, daß wir auf Erden schon Bürger des
+Himmels seien, in welchem erst unsere wahre und ewige Heimath sei.
+So schreibt auch später, gegen Ende des Jahres 1806, Fichte aus
+Königsberg an seine Gattin: »Ich habe meine Entschiedenheit für das
+Leben, die in meinem Innern nie zweideutig war, nun auch äußerlich
+realisirt. Du bist der Erde ohnedies abgestorben, wie das Weib
+mag, der Mann nie darf noch soll. Du wirst mit dem bescheidenen
+Platze, den ich mir behalten habe in der letztern, vergnügt sein« (I, 371).
+<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>Als äußerliche Veranlassung zur Offenbarung dieser Denkart in diesem
+Briefe müssen wohl die bis zu gewaltsamen Angriffen gehenden Anfeindungen
+und Beleidigungen betrachtet werden, mit denen Fichte von
+den Ordensverbindungen der Studenten verfolgt wurde, die er als die
+Quellen vielfacher Unsittlichkeit erkannt und darum veranlassen wollte
+sich aufzulösen.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">15.</h2>
+
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Jena d. 8. Aprill 1795.</span></p>
+
+<p class="float-left">Theurer Bruder!</p>
+
+<p>Schon lange wollt ich Ihnen schreiben, schon lange einliegendes
+schiken; und immer, und immer gabs Hindernisse:
+Sie sind eine gar zu gute Seele, da Ihnen mein Geschreibsel
+angenehm sein kann; freuen thut's mich freylich; da ich mich
+nun ganz treuherzig hinsezen kann, wenn ich Ihnen schreibe;
+da ich denken darf, der gute Bruder versteht Dich schon,
+wie du es meinst, daß ichs gut mit Ihnen meine, das weiß
+ich, das sagt mir mein Herz, daß Sies aber auch gleich so
+einsehen, das macht Ihnen Ehre.</p>
+
+<p>Mein Lieber Mann, wird in ein paar Tagen, zu <span class="antiqua">Pastor</span>
+Bischoff reisen, um wie er <em class="gesperrt">hoft</em>, sich zu erholen, und um zu
+arbeiten; damit er künftig Sommer nicht so stark arbeiten
+müsse; ich bleibe bey meinem Vatter, welcher sich nicht ganz
+wohl befindt, und der Haushaltung, welche man nicht gut
+allein laßen kann; auch muß verschiedenes im Hause ausgebeßert,
+und verändert werden; so siehts nun bey uns aus
+Lieber Bruder; was man im ganzen in <span class="antiqua">Jena</span> für eine Art
+zu leben führt, werden Sie einst selber sehn; es ist wie
+überhaubt in der Welt, häußliches Glück, können wir uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span>nur selber schaffen, Stöhrungen von außen, muß man sich
+nicht laßen zu Herzen gehn; dies ist auch hier höchst nothwendig;
+so geht ein Jahr, nach dem andern hin, bis wir
+am Ziehle unsrer Laufbahn hienieden sind; wohl uns, wenn
+wir viel Gutes, und nicht Böses thaten.</p>
+
+<p>Ich freue mich, daß Sie so Muthvoll, Ihre Zeit, (ich
+hoffe, und wünsche daß sie nicht mehr lange daure) ausharren;
+wir wollen uns nachher mit Ihnen drüber freun.</p>
+
+<p>Mein guter Vatter, und Mann grüßen Sie herzlich,
+Leben Sie wohl, und errinnern Sie Sich dann und wann
+Ihrer Schwester</p>
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Johanna Fichte.</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:<br/>
+<span style="margin-left: 4em;">bei dem Herrn Con Rektor</span> <span class="antiqua">Thieme</span>.
+<span style="margin-left: 4em;">in</span><br/>
+<span style="margin-left: 27em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p>
+
+<p class="gesperrt">Inliegend ein Friedrichd'Or</p>
+</div>
+
+<p>(Nur: »<big><span class="antiqua">Herrn Fichte</span></big>« von Johanna's Hand.)</p>
+
+<p>Die erwähnten Mißhelligkeiten bewogen Fichte, Jena auf einige
+Zeit zu verlassen und den Sommer in Osmannstädt zuzubringen
+(I, 260); darauf beziehen sich die folgenden Briefe, von denen der
+erste der Zeitangabe ermangelt.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">16.</h2>
+
+
+<p class="float-left">Theurer Bruder!</p>
+
+<p>Wir werden wahrscheinlich diesen Sommer auf dem
+Lande Leben, und Sie werden denn zu uns kommen, worauf
+ich mich herzlich freue; ich werde Ihnen so bald möglich das
+<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>bestimmtere drüber schreiben. Leben Sie wohl! In Eyl
+Ihre Schwester</p>
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Jo. Fichte nee Rahn</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 12em;">Herrn <span class="gesperrt">Fichte</span>:</span><br />
+Bey dem <span class="antiqua" style="margin-right: 9em;">H: Conrector Thieme</span><br />
+<span style="margin-left: 7em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 14em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p>
+
+<p class="no-indent">Einliegend einen <span class="antiqua">Friedrichs'dor</span>:</p>
+</div>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">17.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 27. April. 1795.</p>
+
+<p>Da ich durch eine Veranlaßung, worüber mündlich,
+diesen Sommer frei bekomme, und ihn auf dem Lande zubringen
+werde, habe ich mich entschlossen, Dich zu mir zu
+nehmen. Komm daher, sobald Du willst, und kannst. Wenn
+Du über Leipzig, und Naumburg reisest, so brauchst Du
+gar nicht nach Jena, sondern hast von Naumburg aus über
+<span class="gesperrt">Auerstedt</span> zu reisen, und da nach dem Dorfe <span class="gesperrt">Oßmannstedt</span>
+zu fragen, welches zwischen <span class="gesperrt">Auerstedt</span> und <span class="gesperrt">Weimar</span>
+an der Straße, wie man mir sagt, liegt. In Oßmannstedt
+auf dem Schloße trifst Du mich. Ich habe daßelbe, welches
+sehr schön ist, und in einer angenehmen Gegend liegt, für
+diesen Sommer gemiethet. Da ich Dich bald zu sprechen
+hoffe, so halte ich nicht für nöthig, Dir noch irgend etwas
+zu schreiben, wozu ich ohnedies jezt nicht Zeit hätte.</p>
+
+<p>Ich bin jezt selbst mit meiner Caße etwas dürftig eingerichtet.
+Ich hoffe daher, daß die inliegenden 2. Dukaten
+<span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span>hinlänglich seyn werden, um Dir das nöthige zu Deinem
+Abgange von <span class="antiqua">Meisen</span> zu verschaffen, und um damit die
+Reise anher zu machen.</p>
+
+<p>Lebe wohl. Es wird sich sehr freuen Dich zu sehen</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 11em;">Dein</span><br />
+Dich liebender Bruder<br />
+<span style="margin-right: 4.5em;">F.</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center">Herrn <span class="antiqua" style="margin-right: 8em;">Fichte:</span><br />
+<span style="margin-left: 2em;">in</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span></p>
+
+<p>Hierin 2. Ducaten</p>
+</div>
+
+<p>Auf einer leeren Seite des 17. Briefes befindet sich ein Herzenserguß
+Gotthelf's, der in merkwürdiger Art beweist, wie Fichte seinen
+Bruder von Anfang an nur allzu richtig beurtheilt hatte, als er in
+seine ausreichende Entwicklungsfähigkeit einigen Zweifel setzte &ndash; ein
+Mißtrauen, dessen Richtigkeit sich bestätigt hatte, als der Professor den
+Schüler persönlich prüfte. (In welchem Monat Gotthelf nach Osmannstädt
+kam, ist nicht angegeben.)</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">18.</h2>
+
+
+<p>Das Glück ist sehr veränderlich. Als ich diesen Brief
+von meinem Bruder erhielt, so schätze ich mich für außerordentlich
+glüklich und dachte, von nun an sey mein Glük
+so fest gegründet, daß es gar nicht mehr wanken könnte.
+Und siehe! &ndash; nie wankte es mehr als eben da, denn dieses
+war der Anfang, zu meiner jetzigen mißlichen Lage: wäre
+ich nicht so zeitig aus Meißen weg gekommen, so hätte wohl
+etwas mit mir werden können. Ich hätte alsdann doch die
+Lateinische Sprache so ziemlich gelernt gehabt, hätte auch
+einen Anfang in der Französischen, und vielleicht auch in der
+<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>Griechischen gemacht gehabt, wäre zu einer weit gelegenern
+Zeit zu meinem Bruder gekommen, als ich so zu ihm kam,
+er hätte vielleicht, wenn er vom Anfang an eine bessere
+Meinung für mich gefaßt gehabt hätte, mich nicht so kalt
+behandelt, und ich wäre also auch nicht genöthigt gewesen,
+mich gegen ihn zurükzuhalten, und also hätte die Sache
+vielleicht ganz anders gehen können, als sie leider jetzt geht.
+Indessen ist es nun einmal nicht anders, und ich wenigstens
+kann die Sache nicht ändern, ich habe auch die Teufeleien
+nicht vorher sehen können. Gute Nacht.</p>
+
+<p class="right">Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Was Gotthelf hier noch zu seiner Entschuldigung anführt, hat
+um so weniger Grund, als er ja, wie aus den vorigen Briefen vielfach
+ersichtlich ist, selbst die Zeit nicht hatte erwarten können, wo er
+Meißen verlassen und nach Jena kommen durfte. Der trotz des bittern
+Ernstes fast komische Schluß aber bekundet doch den Humor und
+die ausreichende »Seelenstärke« (vgl. oben den 8. Brief), womit er
+die Enttäuschung zu ertragen und sich in einen andern Wirkungskreis
+zu finden vermochte. Dasselbe bezeugt der folgende Brief, der anderseits
+einen Beweis liefert, mit welchem Geschicke J.&nbsp;Gottlieb Fichte
+auch praktische Dinge zu behandeln wußte und mit welcher Energie er
+einige bei seinem Aufenthaltswechsel eingetretene Mißverhältnisse ordnete.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">19.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 14. November. 95.</p>
+
+<p>Deine Gesinnung, mein lieber Bruder, die in Deinem
+Briefe sich zeigt, freut mich, und ich wünsche Dir von
+Herzen Glük dazu. Auch ist es mir sehr angenehm, daß
+diejenigen, die Dich umgeben, gleichfals in die Lage sich geschikt
+haben.</p>
+
+<p>An sich &ndash; ich gestehe es Dir aufrichtig &ndash; sehe ich auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>dabei kein Unglük, wenn Du Soldat würdest; es versteht
+sich auf einige Zeit. Wenn Du Dich appliciertest, könntest
+Du eine Unter Offizier, eine Fourier Stelle, u.&nbsp;s.&nbsp;w. erhalten:
+(nur wäre dabei zu wünschen, und nöthig, daß Du
+eine beßere festere Hand schriebest.) Auch dieser Stand giebt
+eine eigne Bildung, eine eigne Bearbeitung, eine Gefügigkeit
+in die Welt, die Dir besonders, so wie ich Dich kenne, sehr
+nüzlich seyn würde. Da aber allerdings dadurch Dein
+anderweitiger Plan aufgehalten würde, und was die Hauptsache
+dabei ist, da Du eine Abneigung gegen diesen Stand
+hast, so billige ich auch die Weise, wie Du Dich davon befreien
+willst. Ich würde Deinen Brief noch eher beantwortet
+haben, wenn nicht die Ueberlegung, ob ich Dir mit
+Vernunft <em class="gesperrt">jetzo</em> die begehrten 30.&nbsp;Rthr schiken könnte, mich
+einige Zeit aufgehalten. Meine Lage ist die: Ich habe zwar
+eine gute Einnahme gehabt; aber durch Vergeßlichkeiten war
+eine solche Unordnung in meinem Hause eingerißen, daß ich
+an <b>100&nbsp;rthlr.</b> Schulden habe bezahlen müßen, <em class="gesperrt">auf die ich
+nicht gerechnet, und von denen ich kein Wörtlein</em>
+gewußt; überhaupt, daß ich seit 14. Tagen über 200&nbsp;rthr.
+Schulden bezahlt habe. Bedenke selbst welche Unordnung
+besonders der erste Umstand in einer Haushaltung verursacht,
+in der ich schlechterdings, es koste was es wolle, von
+nun an strenge Ordnung haben will. So unbedeutend nun
+30.&nbsp;rthr. an sich mir seyn mögen, so sehe ich doch nicht mit
+Sicherheit vorher, daß ich sie, bis ich wieder Geld bekomme</p>
+
+<p class="center" style="letter-spacing: 1.5em; margin-right: -1.5em;">* * *</p>
+
+<p>Ich hatte den Brief so weit geschrieben, als mir eine
+unerwartete Schuld einging, die jenes <span class="antiqua">deficit</span> ersezt und mich
+<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>in den Stand sezt, Deinem Begehren selbst zu willfahren.
+Ich mag den Brief nicht umschreiben; und so mag denn
+der Anfang stehen bleiben, um Dir einen Beweiß zu geben,
+daß Du nicht etwa unbedachter Weise auf mich rechnest.
+Ich wollte Dir rathen, die 30. thr. in Deiner Gegend, auf
+mein Wort zu borgen; allenfalls auch auf einen Wechsel
+von mir, zahlbar zur Jubilate-Messe. Ich kann es jezt
+baar schicken; und so ist es besser.</p>
+
+<p>Aber so erneure ich denn auch meine Versicherung, daß
+auf mich gar nicht zu rechnen ist. Habe ich etwas übrig,
+so kann ich es dann wohl zum Vortheil der Meinigen anwenden;
+aber mein eignes Hauswesen in Unordnung bringen,
+oder mich in Schulden steken, das thue ich jezt, und in
+Ewigkeit nicht.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich hoffe, daß der Hauskauf schon gemacht ist. Mit
+der Werbung wird es nun wohl auch nicht mehr so große
+Noth haben, weil Sachsen Friede geschlossen hat.</p>
+
+<p>Ein Wink, den Du mir über die Lage der Unsrigen
+giebst, betrübt mich: ärgert, und empört mich. Ich kann
+diese zanksüchtigen Menschen recht herzlich haßen. Es bleibt
+dabei, daß ich künftigen Herbst meinen Vater zu sehen hoffe,
+sehr darauf mich freue den lieben, guten, würdigen zu sehen:
+aber ich werde nie über eine Schwelle treten, innerhalb
+welcher es solche Menschen giebt.</p>
+
+<p class="center no-margin-bottom">Der Deinige</p>
+
+<p class="right no-margin-top">Fichte.</p>
+
+<p>N.&nbsp;Sch. Ich denke Dir dieses Geld keineswegs zu
+<em class="gesperrt">schenken</em>; sondern ich denke es Dir nur zu borgen: und
+es mag auf dem Hause, unter uns, stehen bleiben.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span>
+Beantworte mir doch nach genauer Erkundigung folgende
+Fragen: Sind bei Euch auf gute Art, und wohlfeil
+liegende Gründe zu erkaufen: z.&nbsp;B. Bauergüter, die von
+Hofdiensten frei gemacht werden könnten; oder beträchtliche
+Stüke von den herrschaftl. Gründen: Wir möchten es, um
+gewißer Ursachen Willen, gern wißen.</p>
+
+<p>Meine Frau grüßt Dich herzlich; und dankt für Deinen
+Brief.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span style="margin-right: 10em;">An Herrn</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-right: 10em;">Samuel Gotthelf Fichte</span><br />
+in<br />
+<span style="margin-left: 4em;" class="antiqua">Rammenau b. Bischofswerda</span><br />
+<span style="margin-left: 9em;">über</span> <span class="antiqua">Leipzig</span> u. <span class="antiqua">Dresden</span>.</p>
+
+<p class="no-indent">Inliegend 5 Stück <span class="antiqua">Carolin</span>.</p>
+</div>
+
+<p>Die beigegebenen rührenden Zeilen Johanna's nehmen Bezug auf
+den am 29. Sept. erfolgten Tod des Vaters Hartmann Rahn.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">20.</h2>
+
+
+<p>Ich kann doch den Brief meines Lieben Mannes nicht
+abgehen lassen, ohne Ihnen auch zu schreiben. Ich freue
+mich herzlich, daß Sie so glüklich angekommen sind, daß Sie
+alle Lieben so wohl fanden; und Ihr lieber Brief an mich,
+voll wahrer Lebensweisheit ist; Sie haben den wirklichen
+Punkt gefunden, um in der Welt glüklich zu seyn, halten
+Sie ihn ja fest, denn ohne diesen einzigen wahren Gesichtspunct,
+können wir nie glüklich sein.</p>
+
+<p>Ich bin ziemlich wohl; aber der Verlust meines theuren,
+redlichen, mir unvergeßlichen Vatters, macht mich sehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>betrübt; ich fühl auch besonders izt, seinen ganzen <span class="antiqua">Werth</span>,
+den ganzen Umfang seines edlen Herzens; wie grenzenlos
+Er mich liebte, was Er für ein herrlicher Mann war; wie
+oft sagte Er zu mir; ach wüßt ich nur was zu erfinden,
+um dem guten Fichte, ein glükliches Schiksahl, zu machen;
+auch hatte er mancherley Pläne, ihrenthalben entworfen,
+aber der Tod rafte ihn weg. Er wird nicht wieder zu uns
+kommen, zu ihm aber kommen wir. Das ist auch der einzige
+Gedanke, welcher mich einigermasen tröstet; und die freudige
+Ueberzeugung, daß ihm izt unaussprechlich wohl ist;
+Daß er nun schon so manches weiß, was wir nur hoffend
+glauben; daß seine Seele, erlößt von der gebrechlichen irdischen
+Hülle, nun ganz andre Vortschritte macht; was mag
+das für eine Freude gewesen sein, als er meine theure Edle
+Mutter wieder fand, die hatte auch ein Herz, wie man nur
+sehr wenige findt; auch nahm sein Verlangen nach ihr, mit
+dem Tode sehr zu, es war gleichsam, eine Vorempfindung,
+daß Er sie nun bald sehen werde. Ach theurer, Lieber
+Bruder laßen Sie uns Edel und groß sein, und im Guten,
+immer stärkere Vortschritte machen, damit wir auch zu diesen
+Edlen kommen. Gott sey mit Ihnen! Es liebt Sie von
+ganzem Herzen,</p>
+
+<p class="center no-margin-bottom">Ihre Schwester</p>
+
+<p class="float-right center no-margin-top" style="width: 8em;">Johanna Fichte<br />
+g. <span class="antiqua">Rahn</span></p>
+
+<p>Tausend herzliche Grüße, an die lieben Eltern, und
+Geschwister, mögen Sie Alle recht glüklich und braf sein.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Es folgen nun der Zeit nach eine Reihe von Briefen vom 8.
+Juni 1797 bis zum 9. December 1798 an den Bruder Gotthelf, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span>hauptsächlich auf Geldverhältnisse und Geschäftssachen sich beziehen, da
+Gotthelf und Gottlob ein Haus gekauft hatten und darin die Bandweberei
+betrieben, wozu <ins title="Gottlob">Johann Gottlieb</ins> Fichte ihnen verschiedene Geldsummen
+schickte, wofür er sich einen Gewinnantheil ausbedungen hatte. Namentlich
+wollte er, daß davon seinem unermüdet thätigen Vater Etwas
+zu Gute kommen sollte. Von anderen seiner Verwandten scheint Fichte
+mitunter in nicht ganz zarter und bescheidener Weise in Anspruch genommen
+worden zu sein, so daß er ihnen zuweilen etwas derbe
+Zurück- und Zurechtweisungen ertheilt.</p>
+
+<p>Beachtenswerth ist vorzüglich, wie eingehend Fichte sich nach den
+Specialitäten des Geschäfts erkundigt, die wandelbaren Werthe der
+verschiedenen Geldsorten in Anschlag bringt u.&nbsp;s.&nbsp;w., und wie er, der
+Philosoph, seinen Brüdern, den Geschäftsmännern, vielfach Rathschläge
+giebt. Man wird dabei an das Wort erinnert, daß der Philosoph
+auch der beste Schuster sein würde, sofern er nämlich prüft und entdeckt,
+worauf es ankommt, und also jede Sache, die er in Angriff nimmt,
+mit Verständniß und mit Erkenntniß des Zweckes behandelt.</p>
+
+<p>Ich theile aus diesen Briefen nur mit, was als irgendwie charakteristisch
+von wirklich allgemeinerem Interesse sein kann, indem ich
+das rein Geschäftsmäßige und Kaufmännische übergehe und durch
+Punkte andeute.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">21.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 8. Jun. 97.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Ich trug Bedenken, Dir das Geld geradezu durch die
+Post zu übersenden, weil ich das ungeheure Porto fürchtete,
+und wollte deswegen sehen, ob es etwa durch Wechselbriefe
+zu übermachen wäre. Ich erfahre so eben auf meine Nachfrage
+auf der hiesigen sächß. Post, daß</p>
+
+<p>50. Carolins, oder 300&nbsp;rthr. Sächsisch,</p>
+
+<p class="no-indent">als soviel ich hierdurch übersende, nicht mehr als 30. bis
+32.&nbsp;Gr. Porto machen, und dies halte ich denn doch für
+<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>Kleinigkeit, und trage kein Bedenken, auch diese Unkosten zu
+verursachen.</p>
+
+<p>Ich erwarte mit umlaufender Post den Empfangsschein,
+weil ich nicht weiß, wie viel der kleinen Nebenpost, durch
+die das Geld zu erhalten ist, zuzutrauen werde.</p>
+
+<p>Ich erwarte die Auszahlung von 4. pro Cent, welche
+ich selbst an meine Frau, deren Schwester dieses Geld gehört,
+<em class="gesperrt">aus meinem Beutel bezahle &ndash; abgeredeter
+Maassen an meinen Vater, als eine kleine Pension</em>
+&ndash; <b>ganz allein zu seiner eigenen Erleichterung
+bei seinem Alter</b>; <em class="gesperrt">besonders, daß er nicht mehr so
+schwere Lasten trage</em>.</p>
+
+<p>Du, und Bruder Gottlob steht mir für dieses Geld;
+und ich <em class="gesperrt">erwarte darüber des nächstens eine Verschreibung
+eures Vermögens; insoweit es dafür
+nöthig ist</em>. Der Schein wird ausgestellt nicht auf 300. thlr.
+sächsisch, weil dieser Werth wandelbar ist, sondern auf
+50. Stük neue französische <span class="antiqua">Louisd'or</span>. &ndash; Der Schein wird
+auf <em class="gesperrt">jährige Aufkündigung</em> gemacht.</p>
+
+<p>Ihr verwendet dieses Geld so, daß es so viel möglich
+auch meinen übrigen Brüdern mit zu Nutz komme: &ndash; es
+versteht sich, daß dies, da ihr beide allein mir dafür steht,
+nach eurer eignen Einsicht geschieht.&nbsp;&ndash;&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>So viel über dieses Geschäft. Was den übrigen Inhalt
+Deines Briefs anbetrift, so wäre darüber viel zu sagen.
+Was darin unsere Mutter anbetrift, hat mich gerührt; und
+ich beklage die gute Frau. Gott, der ein anderes Gericht
+führt, als wir, wird ihr vergeben. Was Du von den
+<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>übrigen Gliedern unserer Familie, den Vater, und Dich
+ausgenommen, sagst, hat mich befremdet. Diese drolligen Geschöpfe
+haben also geglaubt, daß ich, nach ihrem ehemaligen
+niederträchtigen Betragen gegen mich, noch Pflichten gegen
+sie hätte, über deren Beobachtung <em class="gesperrt">sie</em> Richter wären, und
+nach denselben mich beurtheilen dürften? Daß ich jetzt durch
+meinen Besuch diese Pflichten gegen sie erfüllt habe, und
+daß nunmehr erst sie <em class="gesperrt">ihre</em> Niederträchtigkeit <em class="gesperrt">mir</em> verzeihen
+könnten? und Du, mein besserer, und wie ich glaubte, vernünftigerer
+Bruder, trägst kein Bedenken, mir dies zu
+schreiben, als ob Du halb, und halb derselben Meinung zugethan
+wärest?</p>
+
+<p>Grüsse mir herzlich den Vater, und lebe wohl.</p>
+
+<p class="float-left no-margin-bottom">Dein treuer Bruder</p>
+
+<p class="right no-margin-top">J.&nbsp;G. Fichte.</p>
+
+<p>...&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>Indem ich den Brief schliessen will, fällt mir ein, daß
+es doch sichrer ist, ihn anderwärts hin, als nach Rammenau,
+zu addressiren; und ich schike ihn daher durch Einschlag an
+Bursche zu Pulßnitz.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Das Specielle, was Fichte's Mutter betrifft, ist nirgends genau
+bezeichnet und kann deshalb nicht aufgeklärt werden. Nach einer Stelle
+am Schlusse des Briefes muß Fichte einige seiner Verwandten besucht
+haben; die folgenden Briefe aber lehren, daß er in Rammenau nicht
+gewesen ist.</p>
+
+<p>Der nächste Brief ist nach dem bezeichneten Alter seines Sohnes,
+der am 18. Juli geboren wurde, vielleicht an demselben 11. October
+1797 geschrieben, wie der <ins title="au">an</ins> des Kindes Pathen Johann Erich von
+Berger gerichtete (II, 479), oder doch an einem der nächsten Tage.</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="new-h2">&nbsp;</div>
+<div><span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span></div>
+<h2>22.</h2>
+
+
+<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Ich habe bis jezt so viel Arbeit gehabt, daß ich nicht
+habe schreiben können. Deiner Bitte um Geld konnte ich
+nicht willfahren, weil ich das verlangte nicht entbehren
+konnte. Ich habe das Haus, das ich in Jena bewohnte,
+und welches Du kennst, gekauft. Das kostet mehr, als das
+Deinige. Nun ist das zwar nicht von meinem, sondern von
+meiner Frau Gelde geschehen: aber theils habe ich Vorschüsse
+machen müssen: theils lasse ich auch fortgesezt darin
+bauen, und dies geht von meinem Gelde. Da kannst Du
+nun berechnen, ob viel baares Geld bei mir seyn mag.
+Ferner, habe ich diesen Sommer Kindtaufe gehabt. Ja: es
+ist mir ein herrlicher, gesunder, starker Knabe gebohren, der
+jezt in die 13. Woche geht. Sage das unsern guten Eltern,
+die ich dadurch zu GroßEltern gemacht habe.</p>
+
+<p>Ueber eine Reise nach Hause habe ich hin und her gedacht:
+aber es ist nicht möglich gewesen. <em class="gesperrt">Zeit</em> ist mir das
+edelste Gut, und ich konnte ihrer für diesmal nicht so viel
+verlieren, als dazu gehört hätte. <em class="gesperrt">Gewiß versprochen</em>
+habe ich es nicht. &ndash; Ich hoffe, es künftige Ostern möglich
+zu machen. Vertröste den guten, trefflichen Vater. Gewiß
+werde ich ihn sehen, und mehrmals, hoffe ich, sehen. Meine
+Frau will sich's nicht ausreden lassen, mich, mit ihrem
+Kinde, zu begleiten. Ich gestehe, daß ich dies in mancher
+Rüksicht nicht gern sehe; und auch das hat mich bisher abgehalten.</p>
+
+<p>Ferner ist solch eine Reise unter hundert, und mehr
+Thalern nicht gemacht und auch diese habe ich nicht so geradezu
+<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>zu verlieren. Die glückliche Zeit ist vorbei, da ich
+meinen Stab nahm, und zu Fusse ging, durch die weite
+Welt. Jezt bin ich allenthalben gefesselt.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Lebe recht wohl.</p>
+
+<p class="right no-margin-top"><span style="margin-right: 2em;">Dein treuer Bruder</span><br />
+F.</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">23.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 2. Jänner 1798.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Meine Frau hat es sich nicht wollen nehmen lassen,
+an unsern guten Vater zu schreiben. Es ist beiliegender
+Brief, den ich durch Dich überschike.</p>
+
+<p>Es wundert uns nicht wenig, daß wir die Papiere
+über das übersendete Geld, die nach wenigen Wochen folgen
+sollten, nicht erhalten haben.</p>
+
+<p>Br. Christian hat mir abermals geschrieben. Sein
+Brief traf zu einer Zeit ein, da ich ihm nicht antworten
+konnte, weil ich keine Zeit hatte. Auch jetzt habe ich sehr
+wenig Zeit: ich bitte also <em class="gesperrt">Dich</em>, ihn zu benachrichtigen, <em class="gesperrt">daß
+es gänzlich ausser meiner Macht liege, ihm in
+seinem Begehren zu willfahren, und daß er eine
+völlig unrichtige Vorstellung von meiner Lage
+zu haben scheine</em>.</p>
+
+<p>Wie geht es euch allen, und wie geht es besonders Dir,
+und Bruder Gottlob bei eurem Unternehmen geht; ob ihr
+Hofnung habt, etwas vor euch zu bringen? &ndash; ob ihr auch
+dem Vater das accordirte gebt, und ob es ihm in der That
+<span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span>zu einiger Erleichterung dient? Besonders auf das letzte
+wünsche ich eine bestimmte Antwort.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Lebe recht wohl.</p>
+
+<p class="right no-margin-top"><span style="margin-right: 2em;">Dein treuer Bruder</span><br />
+F.</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">24.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 21. August. 98.</p>
+
+<p>Mehrere Gründe haben mich verhindert, Deinen Brief
+früher zu beantworten. Ich hoffe, daß es jezt mit euerm
+Unternehmen besser geht. Daß Ihr den Vater mit hineingezogen,
+ist mir nicht ganz recht. Er hat nun gesorgt, und
+gearbeitet genug, und meine Absicht war nicht, daß die kleine
+Pension, die ich ihm zu geben vermochte, als ein Theil des
+Handelscapitals betrachtet würde, sondern daß er sie in guter
+Musse genösse.</p>
+
+<p>Nehmt euch ja in Acht, daß das Kapital nicht schwindet.
+Es gehört, wie ich mehrmals gesagt, nicht mein; auch nicht
+einmal meiner Frau, sondern einer armen unverheiratheten
+Schwester derselben. Ich würde es ersetzen müssen, und,
+wenn ich auch nicht sonst Ursache hätte, bedächtig mit dem
+meinigen umzugehen, schon dadurch in die Unmöglichkeit versezt
+werden, euch weiter zu unterstützen.</p>
+
+<p>Aber ich habe Ursache, die Zeiten des Wohlstandes behutsam
+zu nutzen. Meine Besoldung ist so gering, daß ich
+durch sie kaum Holz und Licht bestreiten kann. Ich muß
+von meiner Arbeit leben; und daß diese mir etwas eintrage,
+hängt von dem Flor dieser Universität ab. Dieser aber
+könnte in ein paar Jahren ganz sinken, denn schon jezt hat
+<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>der Kaiser von Rußland alle seine hier studirenden Unterthanen,
+deren Anzahl sich bis in die 80. belief, zurükberufen,
+und es ist zu fürchten, daß andere Regierungen diesem Beispiele
+folgen.</p>
+
+<p>Wenn einer von euch etwas vom Landbaue verstünde,
+so würde ich ihn zu mir nehmen und mir Ländereien ankaufen.
+So könnte ich es etwa mit der Zeit zum Besitze
+eines Rittergutes bringen. Aber auch dies kann ich vor der
+Hand nicht, weil ich nicht weiß, ob ich noch lange in diesen
+Gegenden bleiben werde. Ich habe nemlich Vocationen, die
+annehmbar sind, wenn Jena in Verfall kommt; bei denen
+ich mich aber verschlimmere, wenn die Lage bleibt, wie sie
+jezt ist. Kurz, mein ganzer Zustand ist schwankend.</p>
+
+<p>... ... ...</p>
+
+<p>Die herzlichsten Grüße von mir und meiner Frau an
+Eltern und Geschwister.</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 11em;"><span style="margin-right: 8em;">Dein</span><br />
+<span style="margin-left: 2.5em;">treuer Bruder</span><br />
+<span style="margin-left: 2.5em;">J.&nbsp;Gottlieb Fichte</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Die hier erwähnten Vocationen beziehen sich ohne Zweifel auf die
+beabsichtigte neue Organisation der Universität zu Mainz, bei der man
+Fichte in's Auge gefaßt hatte (I, 299&nbsp;ff.).</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">25.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 16ten 7br. 98.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Deine Briefe habe ich erhalten. Wenn du, wie ich
+hoffe, diesen Brief zu rechter Zeit erhältst, d.&nbsp;i. wenigstens
+den 20sten dieses (Donnerstags) so sey den 21sten (Freytag)
+bei guter Zeit in Dresden, und frage mir im Gasthofe zum
+<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>(goldnen glaube ich) <span class="gesperrt">Engel</span> nach. Der Wirth heißt
+Eichhof. Bin ich etwa nicht da, so werde ich doch dort meine
+Addresse lassen. &ndash; Richte Dich so ein, daß Du die Nacht
+von Hause abwesend seyn kannst, und sey gut angezogen,
+denn wir wollen den andern Tag wohin reisen.</p>
+
+<p>Uebrigens sey ohne Sorge, und laß Dich ja auf nichts
+ein, ehe ich Dich gesprochen habe.</p>
+
+<p>Meine Frau grüßt Dich, und die Eltern, so wie ich
+gleichfals</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 6em;">Der Deinige<br />
+F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Was das Ziel und der Zweck der hier verabredeten Reise war,
+ist unbekannt.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">26.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 15. 8br 98.</p>
+
+<p>... ... ...</p>
+
+<p>Ich habe Deinen Brief erst diesen Augenblik erhalten
+und antworte sogleich indem ich nur noch ½. Stunde bis
+zu Abgang der Post habe. Daß Du den Donnerstag oder
+Freitag das Geld haben werdest, ist so ziemlich unmöglich,
+denn jezt ist Montag Abends.</p>
+
+<p>Ich habe theils bis jezt mit meinen Laubthalern noch
+keinen vortheilhaften Wechsel machen können; theils
+wollte ich noch alles <span class="antiqua">piano</span> gehen lassen, bis wir Kunden
+haben. Ich habe darüber an einen Kaufmann, dem ich
+zugleich die Mustercharte eingeschikt, geschrieben. Die
+Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe
+<ins title="dsehr">sehr</ins> traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, <ins title="un">und</ins>
+<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>den Credit auf die Wage zu setzen, schike ich sogleich Geld.
+Solltest Du mehr brauchen, so schreibe mir.</p>
+
+<p>Grüsse mir Eltern und Geschwister herzlich.</p>
+
+<p>Die Post geht ab, und ich habe keinen Augenblik
+mehr Zeit. Ich werde Dir aber nächstens weitläufiger
+schreiben.</p>
+
+<p class="right">Dein treuer Bruder<br />
+F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span style="margin-right: 12em;">Herrn Samuel Gotthelf Fichte</span><br/>
+<span style="margin-left: 3em;">zu</span> <span class="antiqua" style="margin-left: 4em; margin-right: 2.5em;">Rammenau</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 6em;">p. Bischofswerda</span>, über<br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 6em;">Dresden</span>.</p>
+
+<p>frei</p>
+
+<p>...&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<p>Die folgenden Briefe vornehmlich zeigen uns den idealistischen
+Philosophen auch als praktischen Geschäftsmann.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">27.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 26. 8br. 98.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder!</p>
+
+<p>Ich möchte, daß Du noch vor der Frankfurter Messe
+einen Brief von mir hättest, damit Du allenthalben Deine
+Maasregeln darnach nehmen könntest, drum schreibe ich
+Dir jezt.</p>
+
+<p>Das nothwendigste zuerst. Die Mustercharte habe ich
+an einen gewissen Kaufmann in Eisenach geschikt. Er hat
+mir geantwortet, daß ich mich nicht besser hätte addressiren
+können, als an ihn, daß er in einiger Zeit nach Jena
+kommen und mit mir mündlich weiter aus der Sache sprechen
+werde; daß die Waare zwar gut gearbeitet &ndash; dies
+bezieht sich wohl besonders auf die Schurichschen Wollen
+<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>Proben, die noch jedermann, der sie bei mir gesehen, äusserst
+wohlgefallen haben, &ndash; daß <em class="gesperrt">sie aber viel zu theuer
+sey</em>. Ueber den lezten Punct erwarte ich seine weitere
+Erklärung, und Deine Antwort, ob sie, im Falle einer
+grossen Lieferung, wohlfeiler abgelassen werden könne.</p>
+
+<p>Ich habe <ins title="au">an</ins> unserm soeben gewesenen Jahrmarkte
+meiner Frau den Auftrag gegeben, sich in den Bandbuden
+umzusehen, Preiß, und Güte der Waaren zu erkundigen,
+und zu erforschen, woher die Kleinhändler ihre Waaren
+beziehen. Da hat nun meine Frau 3 Stükel (das Stük
+hält 16. Ellen und das Band 24. Faden.) schmales weisses
+Band (doch nicht so schmal als unsere Pfennigschnür) für
+8.&nbsp;Gr. gekauft, und erfahren, daß hier herum alles aus
+<span class="gesperrt">Erfurt</span> gezogen wird, wo sich bis 15. grosse Bandfabriken
+befinden sollen, deren Unternehmer viele hunderttausend im
+Vermögen hätten (sagen nemlich die <em class="gesperrt">Kleinhändler</em>). So
+habe ich selbst auf der Leipziger Messe eine mächtige, und
+sehr gut gefüllte Erfurter Bude (sie steht mitten auf dem
+Markte) gesehen. &ndash; Es ist mir selbst warscheinlich, daß
+die Erfurter das Garn wohlfeiler haben, als es in unserer
+Gegend ist, indem in dem Erfurter Gebiet viel gesponnen
+wird, aber sonst keine Leinweberei ist, und die Lebensmittel
+gar wohlfeil sind. Auf diese Vergleichung bezieht sich
+vielleicht des Eisenacher Kaufmanns Ausspruch. Ich werde
+über alles dieses mich näher erkundigen. Alle diese Umstände
+nun rathen uns vor der Hand gar sehr das <span class="antiqua">piano</span>
+gehen an; denn was hilft es eine Menge Waare zu verfertigen,
+wenn man nicht den Preis halten kann, und sie
+verschleudern kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span>
+Kurz &ndash; über alles dies werde ich sehr genaue Erkundigungen
+einziehen; ebenso, wie über den muthmaaßlichen
+Erfolg des Beziehens der Leipziger Messe. Sehen wir
+nicht die Möglichkeit, etwas dort zu machen, vorher ein,
+so rathe ich nicht dazu: denn die Unkosten einer solchen
+Messe mögen, nach den Klagen aller Kaufleute, und nach
+der unverhältnißmässigen Theurung aller Waaren in Leipzig
+gegen andere Meßorte, (z.&nbsp;B. Naumburg, unsern Jahrmarkt)
+wozu die Krämer geradezu dies als Grund anführen, sehr
+gros seyn. Eine Bude zwar ist, an einem sehr vortheilhaften
+Platze, besprochen. Das Standgeld beträgt die Messe
+über nur 12&nbsp;Gr. aber eine Bude müste angekauft werden.</p>
+
+<p>...&nbsp;...</p>
+
+<p>Wechselbriefe kann ich nicht schiklich bekommen. <span class="gesperrt">Dresden</span>
+ist viel zu wenig Handelsort.</p>
+
+<p>Auf Leipzig kann ich sehr leicht assigniren. Jezt zu
+andern Punkten.</p>
+
+<p>...&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>Grüße Eltern, und Geschwister, und lebe recht wohl.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 1em;">Dein treuer Bruder</span><br />
+F.</p>
+
+<p>d. 3. 9br.</p>
+
+<p>Dieser Brief ist, um meiner vielen Geschäfte willen,
+liegen geblieben. Ich hoffe aber, daß du ihn noch vor der
+Messe erhältst.&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">28.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 18. 9br. 98.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>So eben kehre ich meine Chatoulle bis auf den Boden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>in welche ich alles Gold und sächsische Geld, das ich seit
+meiner Rükkehr eingenommen, geworfen, und noch überdieß
+wechseln lassen, und finde nicht mehr, als das auf beiliegenden
+Zettel bemerkte,&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>...&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>Ueberhaupt, &ndash; plagt mich das Geldschiken bloß um
+der nicht beizutreibenden Geldsorten willen; aber, sobald
+etwas nothwendig gebraucht wird, oder wo ein Vortheil zu
+machen ist, so schreibe ja sogleich. Ich kann Dir vieles,
+was ich versprochen hatte, heute nicht schreiben, weil ich in
+Arbeiten vergraben bin. Ich werde bei der ersten Gelegenheit,
+da ich ein wenig freie Luft habe, schreiben.</p>
+
+<p>Melde mir ausführlich, wie Deine Messe abgelaufen.
+Die Aussicht für den Handel ist überhaupt höchst betrübt,
+durch das schändliche Verfahren der Engländer, und die
+Dummheit der Deutschen. Ich habe wieder etwas aufgetrieben,
+das unserer Bandfabrik vielleicht Kunden verschaft.</p>
+
+<p>Ferner habe ich vor einigen Tagen eine Sammlung
+von physikalischen Experimenten in die Hände bekommen,
+die ich dir bei Gelegenheit zusenden werde. Es ist da manches
+über Färberei, wovon ich nicht weiß, ob es Dir nützen
+kann; aber es ist da ein Rezept zu schnellen <em class="gesperrt">Bleichen</em>,
+das einige Anlage, und etwas Menschenverstand erfordert,
+und Dir gewiß nüzlich seyn könnte. Ich werde es selbst
+noch besser durchdenken, und dann mit meinen Bemerkungen
+es Dir schiken; kaufe daher nur nicht so viel weisses Garn,
+sondern rohes.</p>
+
+<p>Ich habe noch mancherlei sehr <em class="gesperrt">sichere</em> Gedanken zur
+<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>Verbesserung der Bandfabriken, von denen ich nur zweifle,
+ob ich sie Dir schriftlich vortragen kann. Hierüber ein
+andermal.</p>
+
+<p>Die alte Uhr ist, glaub ich des Postgeldes nicht werth.
+Sonst konnte ich sie durch Schütteln, und Rütteln zum Gehen
+bringen; da ich sie das leztemal sah, half auch dieses
+Mittel nicht mehr. Beruhige den guten Vater. Eine Uhr soll
+er sicher von mir bekommen; ob es grade die aus dem
+alten Eisen seyn wird, kann ich nicht versprechen. Lebe wohl,
+und grüsse Eltern, und Geschwister. Dein treuer Bruder</p>
+
+<p class="right">J.&nbsp;G.&nbsp;F.</p>
+
+<p>Du schreibst in Deinem lezten Briefe, daß Du 90&nbsp;Thlr.
+in Frankfurt zu bezahlen habest. Und da möchte denn
+meine Frau, der dies auffiel, wissen, wofür? &ndash; und <em class="gesperrt">ich</em>
+möchte es auch wissen.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span style="margin-right: 9em;">Herrn Samuel Gotthelf Fichte</span><br/>
+<span style="margin-right: 9em;">zu</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 9em;">Rammenau</span><br />
+<span style="margin-left: 6em;">über</span> <span class="gesperrt">Dreßden</span>, und <span class="gesperrt">Bischofswerda</span></p>
+
+<p>...&nbsp;...</p>
+</div>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">29.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 4. <span class="antiqua">X</span>br. 98.</p>
+
+<p>Der Kaufmann, dessen ich neuerlich erwähnte, Hr.
+<span class="antiqua">Streiber</span>, ist hier gewesen. Es hat sich ergeben, daß derselbe
+<em class="gesperrt">selbst eine Wollenbandfabrik</em> hat. Sein Tadel der
+zu großen Theure bezog sich auf die wollenen Bänder. Er
+könne sie weit wohlfeiler liefern. Er versende sie, &ndash; und
+<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>habe ehemals auch leinene aus <span class="gesperrt">Elberfeld</span> &ndash; nach der
+Schweiz, Italien, Spanien. Er wolle, wenn wir die <em class="gesperrt">Preise
+halten</em> könnten (woran er zweifle,) uns welche abnehmen.</p>
+
+<p>Vorläufig soll ich <em class="gesperrt">beiliegende Proben</em> überschiken:
+und Du sollst die beiden bemeldeten Fragen beantworten.
+Thue dies nur &ndash; aber nicht mit Deiner gewöhnlichen
+<em class="gesperrt">schlechten</em> Schreiberei, denn das flös't keinen Respekt für
+den grossen Fabrikanten ein &ndash; auf dem beiliegenden Zettel
+selbst. Die Proben sollen zurükgesandt werden. Du mußt
+Dir sonach die Muster <em class="gesperrt">merken</em>. Ist der Preis acceptabel,
+so will er auf diese Sorten Bestellung machen. &ndash; Nun
+sehe ich freilich, daß beide Proben viertrittig sind, und in
+der <span class="antiqua">B.</span> auch wollenes Garn ist. Du wirst sie also schwerlich
+machen können. Aber doch möchte ich nicht, daß wir
+gleich die erste Bestellung abweisen müßten. Es ist um der
+Zukunft willen. Stühle mit mehreren Tritten wirst Du
+ohnedies anlegen müssen, wenn ich Dir Kunden verschaffen
+soll. &ndash; Antworte hierauf sobald Du kannst. Es ist mir
+hierbei folgendes eingefallen.</p>
+
+<p>1.). Streibers Bänder, von denen ich Dir nächstens
+eine Mustercharte, und Preistabelle zuschiken werde (da wirst
+Du zugleich sehen, <em class="gesperrt">wie eine Mustercharte aussehen</em>
+muß, und dergl. mußt Du Dir zulegen) sind weit dünner,
+und ich glaube im ganzen viel schlechter, als <span class="gesperrt">Schurigs</span>,
+aber sie nehmen sich viel besser aus; sie sind sehr schön gefärbt,
+und wohl zugerichtet. Ob sie viel wohlfeiler sind,
+wirst Du sehen; ich vermuthe; denn Streiber sagt mir,
+daß sie auf Mühlen verfertigt werden, die zum Theil bis
+30. Gänge haben. Vielleicht nun könntest Du dergleichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>in Deiner Gegend, und zu Frankfurt häufig absetzen, etwas
+darauf verdienen, sie creditirt bekommen, und mit leinenen
+Bändern Deiner Fabrik bezahlen. Dies wäre, scheint es
+mir, ein profitabler Handel. Sobald ich Dir die Mustercharte
+zugeschikt haben werde, nimm darüber Deinen Entschluß.</p>
+
+<p>2.). Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, einem Griechischen
+Kaufmanne zu Chemniz einen Dienst zu erweisen,
+den er mir hoch anrechnet. Ich werde ihm dafür auftragen,
+uns Kunden für Bänder zu verschaffen. Halt daher eine
+Mustercharte in Bereitschaft.</p>
+
+<p>3.). Kann ich durch Streibern genau erfahren, wie
+<em class="gesperrt">unsre</em> Preise sich zu den Preisen anderer Bandmacher,
+z.&nbsp;B. der Westphälischen, Erfurter, u.&nbsp;s.&nbsp;f. verhalten, und
+wo etwa ein Vortheil zu machen ist. Er hat nach Proben, Preisen,
+Garnpreisen geschrieben. Er glaubt, daß die <span class="gesperrt">Braunschweiger</span>
+Garne wohlfeiler seyen, als die, deren Du Dich
+bedienst. Wäre dies beträglich, so könnten wir ja dergl.
+kommen lassen, indem der Transport doch so gar viel nicht
+ausmachen kann. Berechne daher, wie hoch Dir, in der
+Regel <span class="gesperrt">100 Ellen Dresd.</span> (so müssen wir rechnen, denn
+<ins title="Weife">Weise</ins>, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt keinen
+gemeingültigen Maasstab) <em class="gesperrt">weises Garn</em>, und <em class="gesperrt">rohes
+Garn</em> kommen; ferner, wie viel ein Geselle die Woche,
+wenn er fleisig ist, verdienen kann, (auch dies müssen wir
+so berechnen) und melde mir dies; damit ich einen Ueberschlag
+machen, und sehen kann, wo etwas zu ersparen ist.</p>
+
+<p>Soviel für jetzo.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Grüsse Eltern, und Geschwister, und lebe wohl. Dein
+treuer Bruder</p>
+
+<p class="right no-margin-top">F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span>
+<p>Mit dieser sorgfältigsten Pünktlichkeit behandelte er die Geschäftsdetails
+selbst noch zu einer Zeit, wo ganz andere Angelegenheiten seine
+Thätigkeit in Anspruch nahmen &ndash; nämlich der bekannte Atheismus-Streit,
+den er im folgenden Briefe mit prächtigem Humor bespricht.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">30.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena d. 9. <span class="antiqua">X</span>br., 98.</p>
+
+<p>In diesem Augenblike nur das höchstnöthige. Ich werde
+sehen, ob ich zu diesem Briefe zurük kommen kann.</p>
+
+<p>...&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<p>2.). <em class="gesperrt">Meine</em> Einnahmen, die ich der Compagnie bestimme,
+sind ziemlich unsicher. Sie hängen davon ab, ob
+ich künftigen Sommer ein oder mehrere Bücher schreibe; ob
+ich durch Reisen viel verthue, und dergl.: Doch &ndash; ein
+halbes oder ganzes Hundert kann ich im Fall der Noth
+immer herbeischaffen.</p>
+
+<p class="no-indent">...&nbsp;...</p>
+
+<p>Darnach nimm nur Deine Maasregeln. Denn in
+diesen Detail hineinzugehen, vermag ich nicht, weil ich dies
+nicht genug verstehe.</p>
+
+<p>3.). Wegen des <em class="gesperrt">Standes</em> einer Bude, (keine Bude
+selbst, diese müßte besonders angeschaft werden) ist mir etwas
+über die Topographie von Leipzig entfallen, darüber ich aber
+warscheinlich allhier selbst Auskunft erhalten kann.</p>
+
+<p class="right">d. 5. Jänner. 99.</p>
+
+<p>So lange ist dieser Brief liegen geblieben, weil mir
+unsre guten Landsleute, die Chursächsischen, Beschäftigung
+vollauf gegeben. Ich habe seitdem über den Plaz der Bude
+mich erkundiget. Er ist gelegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span>
+Von Hrr. Streiber habe ich beiliegende Westphälinger
+(Elberfeldische) Leinenband Proben, und Preistabelle erhalten;
+die ich Dir zur Einsicht und Berechnung, ob wir
+Preis halten können, mittheilen soll. Die Preistabelle lautet
+zu deutsch: <span class="antiqua">N.&nbsp;12</span> (bezieht sich auf die beiliegende Mustercharte)
+das Duzend Stükel von 19. Pariser Ellen 5. <span class="antiqua">Livres</span>
+(Ein Livre ist 6&nbsp;Gr.&nbsp;sächs. wenn der Laubthaler 1&nbsp;Thlr.
+12&nbsp;Gr.&nbsp;sächs. steht,) daß also von der geringsten Sorte
+19 Ellen 60&nbsp;Pf. kämen. Die zweite Ziffer z.&nbsp;B. <span class="antiqua">N.&nbsp;14</span>. &ndash;
+5 <span class="antiqua">Livres</span>, 10 &ndash; bedeutet <span class="antiqua">sous</span>, und der <span class="antiqua">Livre</span> hat 20 <span class="antiqua">sous</span>.
+und nun kannst Du selbst berechnen. Ich sehe klar ein, daß
+<em class="gesperrt">unsre</em> Bänder viel wohlfeiler sind. Nur arbeiten wir blos
+<em class="gesperrt">glatte</em>, und wie diese <em class="gesperrt">modellirten</em> gemacht sind, sehe
+ich gar nicht ein, und glaube, daß wir sie nicht machen können.
+Jedoch dürfte mir es etwa auch da gehen, wie mit
+den Herrnhuter Bändern, wo ich meinen Bandverstand
+garstig blamirt habe.</p>
+
+<p>Zum Hauskauf wollte ich jetzo, ob mir gleich der Gedanke
+mit dem Beigute nicht mißfällt, nicht rathen; wenn
+Du nicht etwa sonst woher ein starkes Capital auftreiben
+kannst. Es wird immer möglicher, daß sich mein Aufenthaltsort
+verändert, und daß ich dann selbst Geld bedürfte.</p>
+
+<p>Meinen Vorschlag eines Tauschhandels hat Streiber
+mit Freuden aufgenommen, aber noch nicht <em class="gesperrt">seine</em> Mustercharte
+eingeschikt.</p>
+
+<p>Proben eines Handelsbuches, einen Contract, und dergl.
+soviel mir auch natürl. selbst daran liegt, kann ich gegenwärtig
+nicht einschiken. Ich habe wohl andere Dinge zu
+denken. Dies muß warten auf ruhigere Zeiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span>
+Sollte nicht auch in der Lausitz der Ruf erschollen seyn,
+daß die Chursächs. Regierung mich für einen Atheisten erklärt
+habe, und daß ich wenigstens zu Asche verbrannt, und
+dann des Landes verwiesen werden würde? Ich sage das
+nur deswegen, damit, wenn bei Euch das Gerücht erschallt,
+ihr, und besonders unsere guten Eltern nicht erschreken. Es
+wird so schlimm nicht werden. In vier Tagen oder 8. erhaltet
+ihr eine vorläufige Vertheidigungsschrift an das Publicum.
+Nun hat zwar der Churfürst, nicht zufrieden, mich
+in <em class="gesperrt">seinem</em> Lande verschrieen, und meine Schriften confiscirt
+zu haben, mich auch noch bei <em class="gesperrt">meinem</em> Herzoge verklagt,
+und ich muß nun auch da mich vertheidigen. Aber
+ich denke, es soll mir auch hier nicht schwerer fallen, als
+dort. &ndash; Dies zur Nachricht, wenn man bei Euch schon
+etwas weiß. Weiß man aber nichts, so seyd ihr nicht die
+ersten, die es ausbreiten; denn Geräusch, und Lärm ist
+nie gut.</p>
+
+<p>Lebe recht wohl.</p>
+
+<p class="right">F.</p>
+
+<p>N.&nbsp;Sch. Wegen der Appretur habe ich bei unserm
+Professor der Künste erkundigt. Das was jene Fabricanten
+haben, wird allerdings <em class="gesperrt">Leim</em> seyn, und zwar, wie er in
+den Läden heißt: <em class="gesperrt">Fischleim</em>. Er wird aus den feinsten
+Schafknochen gekocht, und ist theuer; kann aber sehr vermischt,
+und sparsam gebraucht werden. Der Professor redete
+von <em class="gesperrt">Selbstkochen</em>; welches mir aber keineswegs einleuchtet.</p>
+
+<p>Deine leztern Briefe gefallen mir. Sie sind gründlich,
+klar und gesezt.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span>
+<p>Der nächste Brief ist ohne Datum. An wen der darin eingeschlossene
+Brief gerichtet war, ist nicht bekannt.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">31.</h2>
+
+
+<p>Meine Arbeiten haben mich absolut verhindert, eher zu
+schreiben, und auch noch jezt muß ich kurz seyn.</p>
+
+<p>1.). Meiner Frauen Geld aus der Schweiz ist <em class="gesperrt">nicht</em>
+beizutreiben, indem der Schuldner die Waaren, für die er
+schuldig ist, noch nicht verkauft haben will, mit Schaden verkauft
+haben will, und dergl.</p>
+
+<p>2.). Was wir gegenwärtig aufbringen konnten, hast
+Du; <em class="gesperrt">ob</em> und <em class="gesperrt">wenn</em> ich wieder etwas auftreiben werde, da
+es mir ziemlich schlimm geht, ich meine meisten Schriften
+größtentheils an die Verleger verschenkt habe, und selbst das,
+was man mir schuldig ist, nicht beitreiben kann &ndash; da ferner
+unserer Universität wohl schlimmere Zeiten bevorstehen möchten,
+&ndash; weiß ich nicht. Du mußt daher alle <em class="gesperrt">Erweiterungspläne</em>
+aufgeben, und blos zu behaupten suchen, was
+Du hast.</p>
+
+<p>3.). Es folgen die Proben, und Preistabelle der Streiberischen
+Bänder. Die Preise, welche schon jetzt niedriger
+seyen, als die eurigen, würden nächstens noch herunter gehen,
+schreibt Streiber.</p>
+
+<p>4.). Beiliegender Bindfaden ist ein Pariser <em class="gesperrt">Stab</em>, der
+auf der Probe und Preistabelle der Elberfelder Bänder gemeint
+ist. Es heißt im Originale <span class="antiqua">aune</span> (sprich <span class="antiqua">Ohne</span>) <span class="antiqua">de
+Paris</span>. &ndash; und ich habe den Fehler gemacht, indem <span class="antiqua">aune</span>
+sonst eine Elle heißt.</p>
+
+<p>5.). Streiber hat schon vor länger als 8. Wochen beiliegende
+<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>Bestellung gemacht: &ndash; um einen <em class="gesperrt">Anfang zu
+machen</em>, um zu sehen wie die Waare im Stüke ausfällt,
+schreibt er. &ndash; Ich habe dies lächerlich gefunden, um eines
+Duzend Willen anzuscheeren: und daher die Bestellung Dir
+nicht eher geschikt, und ihm nicht geantwortet. Thue jezt,
+was Du willst. Die Fracht (von 1. Duzend Stükel!) will
+er tragen. Ich halte Streibern für einen Narren</p>
+
+<p>Lebe wohl, und grüsse herzlich Eltern, und Geschwister.</p>
+
+<p>Den beigeschloßenen Brief gieb <em class="gesperrt">sogleich</em> auf die Post.
+Der arme Teufel, der mich dauert, dem ich aber nicht helfen
+kann, erwartet Antwort.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Dein treuer Bruder</span><br/>
+J.&nbsp;G. Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>In Folge der erwähnten Anklage ging Fichte Anfang Juli 1799
+nach Berlin und kehrte erst zu Ende des Jahres zurück, um mit seiner
+Familie ganz dahin überzusiedeln (I, 309&nbsp;f. II, 277. 284). Unterdeß
+war sein vertrautester Bruder Gotthelf gestorben, weshalb der nächste
+Brief an denjenigen unter seinen Brüdern gerichtet ist, der ihm nach
+jenem der liebste war, nämlich Gottlob.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">32.</h2>
+
+
+<p class="right">Jena, d. 20. Februar. 1800.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Was Du mir in Deinem leztern Briefe über die Aufführung
+unsers verstorbenen Bruders meldest, will ich vor
+der Hand auf sich beruhen lassen.</p>
+
+<p>Daß, in Absicht der Hanthirung, und meiner Forderungen,
+alles von allen Seiten verworren genug ist, ersehe
+ich gar deutlich: was aber meine Anwesenheit in Rammenau
+<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>dabei fruchten könne, nicht. Auch ist, Deinem letztern zu
+Folge, <em class="gesperrt">unsre</em> Zusammenkunft bei Deiner Frankfurter Reise
+von Schwierigkeiten begleitet, welche die Vortheile, die ich
+mir davon verspreche, wohl niederwiegen möchten. Ich gebe
+also diese Zusammenkunft auf, indem ich einen andern Versuch
+mache, ins klare zu kommen.</p>
+
+<p>Dieser Brief trift Dich ohne Zweifel noch vor Deiner
+Abreise nach Frankfurt; mich aber trift keiner von Dir mehr
+in Jena; indem ein blosser Zufall mich noch diesen Monat
+hier zurükgehalten, und verhindert hat, nach <span class="gesperrt">Berlin</span> zu
+gehen, wohin ich längstens binnen 14. Tagen mit meiner
+Familie auf immer abgehen werde.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Dein getreuer Bruder</span><br/>
+J.&nbsp;G. Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<p class="center aufschrift"><span style="margin-right: 10em;">An Joh. Gottlob Fichte</span><br />
+<span style="margin-left: 3em;">zu</span><br />
+<span class="gesperrt" style="margin-left: 10em;">Elster</span>.</p>
+
+<p>Fichte wurde sodann zum Professor in Erlangen ernannt, wo er
+aber nur im Sommer 1805 lehrte, weil 1806 die kriegerischen Ereignisse
+ihn anderwärtshin führten, während gleich von vorn herein bestimmt
+worden war, daß er im Wintersemester in Berlin Vorträge
+halten durfte. Von da aus ist der folgende Brief seiner Frau geschrieben,
+in welchem sie in diesen gefahrvollen Zeiten auf zartfühlende
+Weise sich für ihre und ihres Kindes Zukunft besorgt zeigt. Das erwähnte
+Unwohlsein Fichte's war eine heftige Kolik (II, 405).</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">33.</h2>
+
+
+<p class="right antiqua">Berlin d: 26: Jenner 1806:</p>
+
+<p>Theure Eltern, ich bitte Sie um eine Gefälligkeit daß
+Sie nämlich die Güte hätten mir bey dem <span class="antiqua">Prediger</span> meines
+<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>Lieben Mannes Taufschein auszuwirken, denn da ich in die
+hiesige Witwen<span class="antiqua">Caa</span>ße legen will, so brauch ich ihn dazu unumgänglich
+ich laße mir zu dem Ende hin Geld aus der
+Schweiz kommen, welches ich noch da stehn habe; mein
+Mann weiß nichts davon daß ich in die Witwen<span class="antiqua">Caa</span>ße lege,
+denn es scheint mir sehr unherzlich mit meinem guten lieben
+Mann davon zu reden, wovon man nach seinem Hinsterben
+leben solle, und darum rede ich nicht darüber, sondern danke
+Gott daß mir noch etwas Geld geblieben ist, damit ich es
+selbst bestreiten kann; auf der andern Seite halt ichs für
+meine Pflicht zu thun, denn die Menschen sind sterblich, und
+auch ich bin sterblich, was sollte denn aus unserm armen
+Kinde werden? sterbe aber auch ich, so bekommt unser Kind,
+bis in sein 25. Jahr, die Hälfte von dem, was ich als
+Witwe bekommen hätte.</p>
+
+<p>Ich bitte Sie mir den Taufschein gleich anfangs des
+künftigen <span class="antiqua">Monat</span>hs zu schiken, denn sonst muß ich wieder
+ein halbesjahr warten, und den Brief an mich zu <span class="antiqua">addressie</span>ren,
+weil ich Ihnen die Gründe warum mein Lieber
+Mann nichts davon weiß, schon gesagt habe.</p>
+
+<p>Wenn Sie lieber Vater keine Zeit, noch Lust haben
+mir zu schreiben, so schieben Sie's doch ja nicht auf mir den
+Taufschein zu schiken, sondern schiken ihn mir nur ohne Brief.</p>
+
+<p>Ich habe Ihnen vor etlichen <span class="antiqua">Mona</span>then geschrieben,
+haben Sie meinen Brief erhalten?</p>
+
+<p>Mein Lieber Mann grüßt Sie alle herzlich; er ist izt
+Gottlob wieder wohl, war es aber vor einiger Zeit nicht;
+bei dieser naßen ungesunden Witterung sind hier viele Menschen
+krank, und sterben auch eine Menge.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span>
+Unser <span class="antiqua">Hermann</span>, der Gottlob gesund ist, empfiehlt sich
+seinen Lieben Groß Eltern.</p>
+
+<p>Leben Sie wohl, Gott sey mit Ihnen, ich grüße alle
+welche sich meiner errinnern freundlich, und bin von <span class="antiqua">Her</span>zen Ihre</p>
+
+<p class="right antiqua">Fichte. g: Rahn.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span> <span style="margin-right: 10em;">dem Vater</span><br />
+<span style="margin-left: 4em;">zu</span><br />
+<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 13em;">Rammenau</span><br />
+<span style="margin-left: 15em;">Bey</span> <span class="antiqua">Dresden</span>.</p>
+
+<p class="antiqua gesperrt">frey</p>
+</div>
+
+<p>Im October 1806 wich Fichte mit dem Geheimrath Hufeland,
+wie sämmtliche Behörden und alle Männer von Ansehen, vor den siegreichen
+Feinden aus Berlin und ging nach Königsberg, wo ihm provisorisch
+eine Professur zugewiesen wurde; während seine Gattin zur
+Hütung des Hauses zurückblieb, dann aber nachfolgen sollte, als sein
+Aufenthalt in Königsberg dauernd werden zu wollen schien. So
+schmerzlich aber war ihr die Trennung von ihrem geliebten Manne,
+daß sie trotz ihrer starken und duldungswilligen Seele darüber im
+November in eine ernstliche Krankheit verfiel (I, 374&nbsp;f.).</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">34.</h2>
+
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Berlin</span> d. 13: <span class="antiqua">Feb</span>: 1807.<br /></p>
+
+<p>Theure Eltern, so eben erhalte ich den Brief aus
+<span class="antiqua">Elstra</span>, ich eile sogleich Ihnen Nachricht von uns zu geben,
+und <span class="antiqua">addressiere</span> den Brief an Sie, damit Sie geschwinder
+Nachricht erhalten; mein Lieber Mann ist vor Ankunft der
+Franzosen hier, nach Königsberg, mit einem Freunde verreist,
+und hat dort eine <span class="antiqua">Pro</span>feßur bis zur Wiederherstellung
+der Ruhe erhalten, und lißt <span class="antiqua">Co</span>llegien; die lezte Nachricht
+von ihm ist, daß er Gottlob gesund ist; ich erhalte leider
+<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>sehr wenige Briefe von ihm, und kann nur selten schreiben,
+weil die dorthin gehend. <span class="antiqua">Po</span>sten nicht gehn: Sie stellen Sich
+meine Lage vor; ich wollte gleich mitreisen, wurde aber aus
+manchen Ursachen zurükgelaßen, mit unserm Kinde; nun
+wünscht mein Mann sehnlichst daß ich nachkomme, es hat
+aber bis izt noch nicht sein können, weil ich keinen <span class="antiqua">Pas</span> bekommen
+konnte, weil die Straßen nicht sicher sind, und andres
+mehr auch weil die Reise viel kostet.</p>
+
+<p>Dieses Zurükbleiben ist die Ursache, daß ich tödlich
+krank gewesen bin, nun mich aber Gottlob wieder erhole:
+ich stand viel Angst aus, durch die Zeitumstände, grämte
+mich, hat viel Sorgen, und Verdruß, so daß ich troz alles
+Quämpfen darnieder geworfen wurde; mein Schmerz war
+um so viel größer, da ich unser Kind unter Fremde zurüklassen
+mußte, wenn ich gestorben wäre. Gott hat mir wieder
+geholfen, und wird auch weiters helfen, deßen tröste ich mich.
+Ich werde zu meinem Mann reisen, so bald es nur immer
+möglich ist und Ihnen vor meiner Abreise noch gewis
+schreiben.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Der Gnädige Gott sey mit Ihnen und schüze Sie vor
+jeder Gefahr, dieses wünscht von ganzem Herzen, Ihre Sie
+herzlichliebende</p>
+
+<p class="right no-margin-top">Johanna Fichte.</p>
+
+<p>Ich <span class="antiqua">franciere</span> diesen Brief nicht, damit er sicher gehe,
+und grüße Alle alle von ganzem Herzen.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<p class="center aufschrift"><span class="antiqua gesperrt">Herr Fichte der Vater</span><br />
+zu<br />
+<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 10em;">Rammenau</span><br />
+nahe <span class="gesperrt">bey <span class="antiqua">Dresden</span></span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>
+Ende August 1807 kehrte aber Fichte selbst nach Berlin zurück,
+wo er alsbald, im September, von Beyme aufgefordert wurde, sein
+Nachdenken auf die zweckmäßigste Ausführung des Plans zu richten,
+in der Hauptstadt eine Universität zu gründen, &ndash; ein Auftrag, der
+ihn bekanntlich zu jenem originellen Organisations-Vorschlag einer
+»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs« veranlaßte, der
+leider unausgeführt blieb. Fichte aber hielt im Winter 1807&ndash;8 seine
+Reden an die Deutschen, die er sogleich auch durch den Druck veröffentlichte.
+Sie sind die Schrift, von welcher er in einem ferneren
+Briefe spricht.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">35.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin, d. 10. Mäy. 08.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Vater,</p>
+
+<p>Schon vorigen Winter, sogleich nach dem Eintreffen
+Ihres Briefes an meine Frau, hatte ich Ihnen geantwortet.
+In Hofnung, daß bis dahin in unsrer gemeinschaftlichen
+Lage einige vortheilhafte Veränderungen vorgehen würden,
+hat meine Frau bis jezt diesen Brief nicht abgehen laßen.</p>
+
+<p>Das einzige vortheilhafte, was seitdem vorgefallen, ist
+die ziemliche Wiederherstellung meines <em class="gesperrt">Herrmann</em>. Es
+war derselbe damals durch einen Fall auf das Knie an dem
+Einen Beine ganz gelähmt, und hat, bei übrigens vortreflicher
+Gesundheit, 10. Wochen im Bette liegen müßen. Jezt
+geht er wieder; nur noch nicht auf Steinpflaster; es wird,
+was die Hauptsache ist, keine Folge übrig bleiben. Ich befinde
+mich dermalen mit ihm, und meiner Frau, die nach
+einem sehr harten Krankenlager im Jahre 6. den ganzen
+vorigen Winter gekränkelt, und vor einer Woche wieder
+recht ernsthaft krank gewesen, auf ein paar Wochen auf
+einem Gesundbrunnen bei Berlin, um sie alle wiederherzustellen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>und mit frischen Kräften in den beginnenden Sommer
+einzutreten.</p>
+
+<p>Ich für meine Person bin immer gesund, und kräftig
+gewesen. Man organisirt an einer allhier zu Berlin zu
+errichtenden Universität; mir sind die bedeutendsten Aufträge
+in dieser Rüksicht ertheilt worden.</p>
+
+<p>Ich hatte erst den Vorsatz diesen Sommer in <span class="gesperrt">Dresden</span>
+mit Frau und Kind zuzubringen; hatte auch schon an <span class="gesperrt">Fritsche</span>
+über die zu treffenden Vorkehrungen geschrieben; auch von
+meiner Behörde den Urlaub dazu eingeholt. Ich sehe aber,
+daß es für wichtige Zweke beßer ist, wenn ich hier bleibe,
+und Kollegia lese, und ich bin entschloßen, dem allgemeinen
+Besten dieses freiwillige Opfer zu bringen.</p>
+
+<p>Auch hatte ich, nachdem jener Plan schon aufgegeben
+war, den Vorsatz in dieser ersten Hälfte des Mäy für meine
+Person allein (eine Reise mit Frau und Kind ist unter den
+jetzigen Umständen, da die ehemals begütertsten leiden, für
+mich zu kostspielig) Sie zu besuchen. Die Krankheit meiner
+Frau, die unter solchen Umständen nicht ohne eine nachtheilige
+Gemüthsbewegung mich von sich laßen würde, hat auch
+diesen Plan vereitelt; wie die gegenwärtige Kurzeit vorbei
+seyn wird, werde ich durch meine Vorlesungen an Berlin
+gefeßelt seyn. Ich hoffe jedoch im <em class="gesperrt">Herbste</em> Ferien zu finden
+und vielleicht erlaubt es sodann der öffentliche Wohlstand
+Frau und Kind mit zu bringen.</p>
+
+<p>Ich gebe soeben Ordre an meinen Verleger, daß Ihnen
+meine neueste Schrift von Leipzig aus überschikt werde. Ich
+habe diesmal nicht über so viele Exemplare zu befehlen, daß
+ich auch an den Herrn Pastor Wagner, den ich herzlichst zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>grüßen bitte, eins beilegen könnte. Sie leihen es ihm vielleicht
+zum Durchlesen.</p>
+
+<p>Unser aller herzlichste Grüße an Mutter, und Geschwister.</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="float-left">[Von Johanna Fichte:]</p>
+</div>
+
+<p>Ich grüße Sie theure Eltern von ganzer Seele und
+empfehle mich Ihrem Andenken.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Gott schenkt mir izt wieder Gesundheit, worüber ich
+mich freue, da es bey unserm Guten theuren Fichte sein
+kann. Leben Sie wohl, Ihre</p>
+
+<p class="right no-margin-top">Johanna F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Von ihrer und ihres Sohnes Krankheit schreibt auch Johanna
+Fichte in einem Briefe an Charlotte von Schiller (II, 408 vgl. 470).
+&ndash; Die beabsichtigte Reise in die Heimath unterblieb; denn Fichte selbst
+erkrankte, wie der Biograph sagt, »im Frühling des Jahres 1808«
+(I, 426) oder, wie Fichte's Gattin schreibt, »seit Mitte Juli« (II, 408)
+oder, wie er selbst im nächstfolgenden Schreiben sagt, »im August«.
+Es war eben eine langsame, wohl allmählich sich entwickelnde Krankheit,
+die in rheumatischen Lähmungen nebst schmerzhaften Augenentzündungen
+bestand und deren Nachwirkungen selbst der wiederholte Gebrauch
+des Teplitzer Bades nicht gänzlich hob.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">36.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin, d. 10. März, 1809.</p>
+
+<p>Ich bin, mein theurer Vater, nicht ohne Sorge über
+Ihrer aller Befinden, auch ob Sie meinen lezten Brief vom
+Mäy vorigen Jahres nebst dem überschikten Buche erhalten
+hätten, gewesen, bis Ihr leztes Schreiben vom 6ten Februar,
+das aber bei mir sehr spät eingelaufen, und vermuthlich
+in Pulßnitz über 6. Wochen gelegen, mich darüber beruhigt
+hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span>
+Ich trug den Vorsatz den Sommer vorigen Jahres
+einen Abstecher nach Dreßden zu machen, und hierbei auch
+Sie nebst den meinigen zu besuchen. Besonders eine Krankheit,
+die den August v.&nbsp;J. anhob, und von der ich erst jezt
+mich zu erholen suche, bei der ich niemals in Lebensgefahr
+gewesen, übrigens aber hart mitgenommen worden, hat mich
+daran verhindert. Dermalen erwarten wir hier die Rükkehr
+unsers guten Königs, und der Regierung. Ich werde
+diesen Sommer kaum meine gewohnte Thätigkeit wieder anfangen
+können. Vielleicht schiken mich die Aerzte zur Wiederherstellung
+meiner Gesundheit in Bäder, und auf Reisen;
+und so hoffe ich denn diesen Sommer den Besuch bei Ihnen
+nachzuholen, den ich den vorigen versäumt habe.</p>
+
+<p>Frau und Kind befinden sich wohl. Die erstere denkt
+Ihrer alle Tage, nicht ohne Sorgen, besonders wegen des
+befürchteten nahen Ausbruchs eines neuen Kriegs, der zunächst
+die dortige Gegend treffen könnte. Ich hoffe aber
+fest, daß die Oesterreicher durch musterhaftes Betragen sich
+der großen Angelegenheit, für die sie kämpfen, würdig machen,
+und dadurch die von jedem Kriege unabtrennlichen Uebel
+sehr mildern werden.</p>
+
+<p>Näher gehen mir die Uebel, die Sie schon erlitten
+haben, und die Folgen davon. Obwohl der König für mich,
+und andere außer Dienst gekommene Gelehrte alles thut,
+was die eigne beschränkte Lage des Staats verstattet, so bin
+ich dennoch durch eine dreivierteljährige Krankheit, in der
+ich nichts habe arbeiten (es wird darum zu Ostern nichts
+von mir erscheinen) noch verdienen können, dagegen ungewöhnlich
+hohe Ausgaben gehabt, in Umstände gekommen, daß
+<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>ich dermalen baares Geld nicht entbehren kann. Aber Bruder
+<em class="gesperrt">Gottlob</em> hat seit dem Jahre 1805. keinen Termin abgetragen;
+auch hat er seitdem kein Lebenszeichen von sich gegeben,
+und keine Anfrage an mich ergehen lassen; ob ich
+etwa die Fortsetzung der Zahlungen verlangte. Wie es mit
+Abtragung der bedungenen Zinsen an Sie von jeher gehalten
+worden, ist mir gleichfalls nicht unbekannt. Ich hoffe
+daher nicht, daß es ihn übereilen heißt, wenn ich von ihm
+fordere, daß er so schleunig als möglich einen Termin von
+50.&nbsp;Rthlr. an Sie auszahle.</p>
+
+<p class="no-margin-bottom">Die meinigen grüßen herzlichst. Ihr Sohn</p>
+
+<p class="antiqua right no-margin-top">Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Auf die Hoffnung, die sich Fichte von den Oesterreichern machte,
+nimmt <ins title="Adalbert">Adelbert</ins> von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich
+de la Motte Fouqué gerichteten Briefe Bezug mit den Worten: »Der
+alte Fichte ist wieder <ins title="hier">hier.</ins> Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm
+sehr herrlich erschienen sind, und er will die hohe Meinung theilen, die
+sie von ihrem Kaiser haben.«</p>
+
+<p>Die treue Fürsorge für seinen alten Vater, der allzu bereitwillig
+seinen Kindern zu überlassen pflegte, was ihm persönlich zugedacht war,
+wird bestätigt durch den beigeschlossenen Brief an den Bruder, der von
+früher her pecuniäre Verpflichtungen hatte.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">37.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin, d. 10. März 1809.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Ich hoffe, Du wirst es selbst billig finden, wenn ich
+Dich auffordere, so schleunig, als es Dir irgend möglich ist,
+an unsern Vater einen der seit 1805. ausgesezten Termine
+von 50.&nbsp;Rthlr. auszuzahlen. Ich ersehe aus deßen Schreiben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>wie das auch ohnedies zu erwarten war, daß derselbe durch
+den französischen Krieg und die Kriegssteuer in seiner Nahrung
+sehr zurükgesezt worden; so daß ich selbst aus meinem
+Beutel einen Vorschuß machen würde, wenn ich nicht durch
+dreivierteljährige Krankheit und Verdienstlosigkeit selber in
+eine enge Lage gekommen wäre. &ndash; Uebrigens gebe ich Dir es
+auf Deine eigne Ehrliebe, und Gewißen, daß von der nur
+zu großen Gutwilligkeit unsers Vaters gegen seine Kinder
+hier kein Gebrauch gemacht, sondern ihm die Summe
+<em class="gesperrt">wirklich und in der That baar</em> ausgezahlt werde.</p>
+
+<p>Die Pappiere meiner Berechnung mit Dir sind, nebst
+andern Manuskripten, in Erlangen liegen geblieben, von
+woher ich sie nicht so schnell haben kann. Ich lade Dich
+darum ein, so schnell, als möglich mir Deine Berechnung
+mit mir einzusenden, damit ich Dir über alles abgezahlte
+eine Generalquittung geben könne. Meinen herzlichsten
+Gruß an die Deinigen von mir und den meinigen.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 3.5em;">Dein treuer Bruder</span><br/>
+<span class="antiqua">Fichte</span>.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center">Meinem Bruder<br />
+<span style="margin-right: 6em;">Johann Gottlob Fichte</span><br />
+<span style="margin-left: 7em;">zu</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 12.5em;">Elstra</span>.</p>
+
+<p>d. Einschluß.</p>
+</div>
+
+<p>Aus dem folgenden Briefe seiner Gattin, der in wenigen Zügen
+ein reizendes Familienbild entwirft, erfahren wir, daß Fichte schon im
+Sommer 1809 mit einigem Erfolg das Bad besucht hatte.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">38.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin d: 18: Demb 1809</p>
+
+<p>Theure SchwiegerEltern wir grüßen Sie herzlich, und
+<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span>wünschen zu wißen wie Sie Sich befinden, und wie's Ihnen
+geht; mein Mann ist Gottlob gesund, nur ist seine Linkehand,
+noch so wie Sie sie im Sommer sahn, und das Rechtebein
+schmerzt auch dann und wann, er wird künftigen
+Sommer wieder nach <span class="antiqua">Töplitz</span> gehn müßen, um völlig <span class="antiqua">curiert</span>
+zu werden; da werden wir das Vergnügen haben Sie zu
+besuchen. Sein Geist ist heiter, so daß er wieder arbeiten
+kann, und izt Vorlesungen hält, die auch wohl gedruckt
+werden werden.</p>
+
+<p>Unser <span class="antiqua">Hermann</span> ist Gottlob auch gesund, lernt braf,
+und grüßt seine lieben GroßEltern herzlich; er hat 4: <span class="antiqua">Th</span>
+von seinem Taschengeld dieses Jahr erspahrt, um sie seinen
+GroßEltern schiken zu können, damit Sie sich eine kleine
+Weinachtsfreude machen, und auch ein gläschen guten Wein
+zu Ihrer Erquikung trinken, thun Sie das doch ja mit der
+guten Grosmutter, die wir herzlich grüßen, und gedenken
+Sie dabei unser.</p>
+
+<p>Gott schenke Ihnen einen gesunden frohen Winter, und
+laße freudig in's NeueJahr eintreten: das wünscht von ganzem
+Herzen Ihre Sie aufrichtig liebende</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 7.5em;">Johanna Fichte<br />
+g: <span class="antiqua">Rahn</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Zum zweiten Male ging Fichte im Jahre 1810 nach Teplitz und
+auf der Rückreise besuchte er seinen Geburtsort.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">39.</h2>
+
+
+<p class="right">Dresden, d. 7. Jun. 1810.</p>
+
+<p class="center">Mein lieber Vater,</p>
+
+<p>Gestern Abend sind wir hier zu Dresden angekommen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>um übermorgen nach Teplitz, zur völligen Wiederherstellung
+meiner Gesundheit reisen. Ich bin jezt doch noch zu angegriffen,
+um die Reise nach Rammenau machen zu können;
+ich werde aber bei meiner Rükkehr aus den Böhmischen
+Bädern, etwa im <em class="gesperrt">August</em>, ganz gewiß meine lieben
+Eltern besuchen</p>
+
+<p>Ich bin <em class="gesperrt">im ganzen</em> sehr gesund, nur ist der Gebrauch
+des einen Beins noch schwierig. Meine Frau, und mein
+Herrmann sind gleichfalls wohl. Wir bitten Sie herzlich,
+das beiliegende als ein kleines Feyertagsgeschenk anzunehmen.</p>
+
+<p>Meine Frau, und mein Sohn grüßen herzlich.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 1.5em;">Ihr Sie liebender Sohn</span><br />
+Gottlieb Fichte.</p>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">40.</h2>
+
+
+<p class="right">Teplitz, d. 7. August, 1810.</p>
+
+<p class="center">Mein theurer Vater,</p>
+
+<p>Ich werde, wenn alles nach meiner Berechnung geht,
+künftigen Montag d. 13. Abends mit den meinigen, Sie
+besuchen; auch d. 14ten noch größtentheils bei Ihnen zuzubringen.
+Das Nachtlager jedoch werde ich, um Ihnen nicht
+unangenehme Weitläuftigkeiten, und Zurüstungen zu verursachen,
+zu Bischofswerda im Gasthofe nehmen</p>
+
+<p>Ich hoffe Sie alle in der besten Gesundheit anzutreffen,
+und dann mündlich das mehrere. Jezt nimmt meine Frau,
+die lieber schreibt, denn ich, die Feder.</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="center">[Der nächste Satz von Johanna:]</p>
+</div>
+
+<p class="no-margin-bottom">Ich grüße Sie alle von ganzem Herzen, und hoffe Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>bald zu umarmen, Leben Sie wohl, auf ein glükliches
+Wiedersehn</p>
+
+<p class="right no-margin-top antiqua">Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<p class="aufschrift center">Herrn Christian <span class="antiqua gesperrt" style="margin-right: 10em;">Fichte</span><br />
+<span style="margin-left: 3em;">zu</span><br />
+<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 11em;">Rammenau</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 12em;">p. Bischofswerda</span>.</p>
+
+<p>Noch in demselben Jahre erlitt sein Vater einen Unfall, wobei
+namentlich auch Johanna sich zärtlich besorgt zeigt. Die im nächsten
+Briefe und später erwähnte Hannchen war Fichte's Nichte, die er zu
+sich genommen.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">41.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin, d. 1. Dezember. 1810.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Vater,</p>
+
+<p>Die Nachricht von Ihrem Falle hat mich schmerzlich
+betrübt, so wie uns Alle. Ich hoffe aber, daß dies, bei
+Ihrer übrigen Gesundheit von keinen weitern übeln Folgen
+seyn soll. Um mich desto fester zu versichern, daß Sie sich
+an Pflege und Heilmittel nichts abgehen laßen, sende ich
+sogleich jezt das Quartal auf Weyhnachten. Bei uns steht
+alles beim Alten. Daher übergebe ich meiner Frau die
+Feder, die schon noch Worte finden wird.</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="center">[Von Johanna:]</p>
+</div>
+
+<p>Ich übernehme die Feder gerne, um Ihnen zu sagen,
+daß wir sie inständig bitten, sich ja zu schonen, und zu
+pflegen; die gute Großmutter, die ich auch herzlich grüße,
+versteht ja das so schön, und thut gewis alles mögliche um
+<span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>Sie wieder herzustellen. Ich danke Gott daß mein Mann
+in der Lage ist, Ihnen diese Kleinigkeit schiken zu können;
+und hoffe auch von der Güte Gottes, daß er Sie erhalte,
+und daß wir Sie künftigen Sommer fröhlich wiedersehn.</p>
+
+<p>Wir sind Gottlob alle gesund, auch Hannchen ist gesund,
+dann und wann hat sie ein wenig Kopfweh, dann
+schik ich sie in's Beth, wenn sie genug geschlafen hat, so
+steht sie wieder gesund auf. Wir grüßen Sie alle von
+ganzem Herzen, und wünschen bald frohe Nachricht von
+Ihnen.</p>
+
+<p>Leben Sie wohl! Ihre treue Johanna Fichte g: <span class="antiqua">Rahn</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Weit bedenklicher aber erkrankte der alte Vater in der Mitte des
+Jahres 1812, ohne sich wieder zu erholen. Rührend und erbaulich
+ist wiederum die christlich ergebene Gesinnung in Johanna's Briefen
+an den Sterbenden.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">42.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin d: 17: July 1812.</p>
+
+<p>Sie stellen sich leicht vor Theurer Guter Greis, mit
+welcher innigen Wehmuth, wir die Nachricht von Ihrem
+schweren Krankenlager vernommen haben; Gott stärke Sie,
+Gott stehe Ihnen bey; und wenn es sein gnädiger Wille
+ist, so erhalte er Sie uns noch lange; ist es sein Wille
+nicht, so laße er Sie in Ruh, und Frieden hinüber gehn,
+ins beßere Vaterland, wo wir Gott näher kommen, und
+ihn würdiger anbethen, und preisen können, und wo wir
+uns alle wiederfinden werden; ich freue mich mit inniger
+Wonne der seligen Zeit, wo auch wir hinnüber gehn werden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>um einer nähern, innigern <ins title="Anschauuug">Anschauung</ins>, und Anbethung
+Gottes gewürdigt zu werden.</p>
+
+<p>Was die irdischen Angelegenheiten betrift, so wird mein
+Mann es nicht erlauben, daß der guten Großmutter, das
+Geringste genommen werde; sondern Sie soll bis am Ende
+ihres Lebens im Besitz alles deßen bleiben, was Sie hinterlaßen;
+und weil mein Mann durch den verstorbenen Bruder
+das Haus gekauft hat, so kämm es ja ihm zu, und er
+hat ein Recht darüber zu sprechen; auch werden wir der
+guten Großmutter, wie bis izt, ein bestimmtes an Geld
+schiken, so daß sie ruhig leben kann; und Sie Guter Großvater
+sich auch darüber keine Sorge machen, der gütige Gott
+wird auch sie nicht verlaßen, und wir wollen als rechtschaffne
+Kinder <em class="gesperrt">gewis</em> immer für sie sorgen.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Hermann</span> und Handchen grüßen Sie auch von ganzem
+Herzen; sie wollen für Sie bethen; und ist es Gottes Wille,
+so werden Sie sie auch noch auf dieser Welt sehn, sie wachsen
+beyde, sind stark, gesund, und gute Kinder. Ich hoffe
+daß Sie die 20: <span class="antiqua">Th.</span> welche im Anfange dieses Monats
+geschikt wurden nun erhalten haben. Mein Mann hoff ich
+schreibt auch noch: drum sag ich Ihnen von ganzem Herzen
+lebe wohl; wo nicht in dieser Welt, so sehn wir uns in
+der andern wieder. Der gnädige Gott sey mit Ihnen: das
+ist der innigste Wunsch</p>
+
+<p class="right">Ihrer Johanna Fichte</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="center">[Von J.&nbsp;G. Fichte:]</p>
+</div>
+
+<p>Ich hoffe, mein theurer Vater, daß Sie Sich noch
+wieder erholen, und noch bei uns bleiben werden, und ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>Sie noch sehen werde. Ich kann mich mit dem Gedanken
+Ihres möglichen Verlustes nicht vertraut machen.</p>
+
+<p>Was meine Frau in dem vorstehenden schreibt, ist auf
+die Voraussetzung gegründet, daß, im Falle des Abgangs
+des Vaters mit Tode, die Geschwister sollten theilen
+wollen. Ich hoffe, dies fällt keinem Menschen ein. Ich
+denke wohl, es versteht sich von selbst, daß, da alles von der
+Mutter herkommt, sie alles, was da ist, fortgenießt, bis an
+das, Gott gebe noch recht lang entfernte, Ende ihres Lebens.
+Außer dem hätte wohl auch ich in diesem Falle ein Wort
+mit zu sprechen.</p>
+
+<p>Ich ersuche darum durch dieses die Mutter dringend,
+nichts von der Verlassenschaft wegbringen zu lassen; ich
+mache Bruder <em class="gesperrt">Gottlob</em>, der mir schreibt, er werde ohne
+meine Einwilligung nichts thun ganz besonders darüber verantwortlich.
+Ich will überhaupt aus brüderlicher Liebe und
+Achtung hoffen, daß diese Vorstellungen ganz überflüßig sind,
+indem es gar niemanden eingefallen anders zu handeln.</p>
+
+<p class="right antiqua">Fichte</p>
+
+<p>Falls doch Gott über Sie beschließen sollte, theurer
+Vater, diese Zeilen aber Sie noch bei Leben antreffen, so
+nehme ich hierdurch mit der Liebe und Verehrung, die ich
+immer für Sie getragen habe, Abschied, bis zum Wiedersehen
+in einer beßern Welt.</p>
+
+<p class="right antiqua">F.</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="center">[Ein beigelegtes Blatt:]</p>
+</div>
+
+<p>Wir wußten nicht aus den vorigen Briefen, daß auch
+die gute Großmutter krank ist, sondern erfahren's erst izt,
+durch Ihren letzten Brief, guter Großvater; Sie können
+Sich unsern Schmerz vorstellen, Sie nun beyde leidend zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span>wißen; wir hoffen doch daß Sie jemand bey Sich haben,
+der Sie wartet und pflegt; wie gerne wollten wir es thun,
+wenn wir bey Ihnen währen: der gütige Gott steh Ihnen
+bey, und das wird er thun, das ist mein, und unser aller,
+einziger Trost; meines Mannes Beruf Vorlesungen zu halten,
+meiner zur Wirthschaft, und Einquartierung, zu sehn,
+und zu dierigen <small>[dirigiren]</small>; <span class="antiqua">Hermanns</span> seiner Vorlesungen
+zu hören, Handchen ihre Hausgeschäfte zu thun, dieses alles
+bindet uns bis im Herbst am Hause; vom 15: August hören
+die Vorlesungen auf, dann soll mein Mann 4: Wochen
+im Hause Baaden, so spricht der Doctor, so geht noch eine
+lange Zeit hin, vielleicht erholen Sie Sich mit Gottes
+Hilfe wieder, wie wir sehnlichst wünschen.</p>
+
+<p>Es ist Ihnen vielleicht eine Herzensangelegenheit Handchen,
+etwas zu vermachen; so haben Sie nur die Güte es
+uns zu schreiben, oder schriftlich Ihren Willen dem Prediger
+zu übergeben; ich sage dieses nur, damit doch gewis Ihre
+Herzenswünsche erfüllt werden. Dieses blätchen leg ich noch
+bey, nadem der Brief schon geschrieben war, eh wir Ihren
+letzten erhielten. Der Gnädige Gütige Gott sey mit Ihnen;
+in einer beßern Welt finden wir uns wieder wo alle Sorge,
+und Müh ein Ende hat.</p>
+
+<div class="weinhold inline">
+<p class="center">[Von Johanna's Hand:]</p>
+</div>
+
+<p>Hier schiken wir Ihnen noch 10:&nbsp;<span class="antiqua">Th:</span> damit Sie Sich
+ja pflegen können.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift von Johanna F.:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 6em;">Herrn Christian <span class="gesperrt">Fichte</span></span><br />
+in<br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 8em;">Rammenau</span> bey <span class="antiqua">Bischoffswerda</span>.</p>
+
+<p class="no-indent">Nebst ein Päkchen mit<br />
+10:&nbsp;<span class="antiqua">Th:</span>&nbsp;<span class="gesperrt">Sächsisch</span></p>
+</div>
+</div>
+
+
+
+<div class="new-h2">&nbsp;</div>
+<div><span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span></div>
+<h2>43.</h2>
+
+
+<p class="right"><span class="antiqua">Berlin</span> d: 10: August 1812</p>
+
+<p>Wollte Gott, theurer, innigst geliebter Grosvater, wir
+könnten etwas zur Erleichterung Ihrer vielen Leiden beytragen;
+ach laßen Sie uns doch schreiben wie es Ihnen
+geht; die weite Entfernung von Ihnen, ist uns izt besonders
+drükkend, da wir so gerne zu Ihnen eilten, und wenns
+möglich wäre Ihnen hälfen; die Hülfe steht allein bey
+Gott, mög er sich doch erbarmen und Ihnen helfen; das
+ist unser innigstes Gebeth. Mein Mann grüßt Sie auch
+von ganzem Herzen, er ist Gott sey Dank gesund, so wie
+auch <span class="antiqua">Hermann</span> und Hannchen; alle verlangen auf glükliche
+Nachricht von Ihnen.</p>
+
+<p>Diesen Brief überbringt Ihnen <span class="antiqua">Herr</span> Eysener, den ich
+bitten werde uns zu schreiben, wie es Ihnen geht.</p>
+
+<p>Gottes Güte ist groß, vielleicht hilft er Ihnen bald,
+und denn sehn wir uns in diesem Leben noch wieder, wo
+nicht, in einer beßern Welt, wo kein Leiden, kein Schmerz
+mehr trennt, wo wir Gott inniger anbethen können.</p>
+
+<p>Leben Sie wohl, theurer geliebter Greis; Gottes
+Gnade sey mit Ihnen.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 10em;">Von ganzen Herzen</span><br />
+<span style="margin-right: 4em;">Ihre Johanna Fichte:</span><br />
+g: <span class="antiqua">Rahn</span></p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<p class="aufschrift center"><span class="antiqua" style="margin-right: 4.5em;">Herrn <span class="gesperrt">Fichte</span></span><br />
+<span class="gesperrt" style="margin-left: 4.5em;">durch Güte</span>.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span>
+Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737
+gebornen, also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's,
+dessen Schluß fehlt.&nbsp;&ndash;</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">44.</h2>
+
+
+<p class="right">Elstra, d. 14. <span class="antiqua">Sept.</span> 12.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder</p>
+
+<p>Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden,
+er beschloß sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr.
+Seine Krankheit war sehr hart, die Angst und Schmertz Gefühle
+verfolgten ihn bis an die letzte Minute des Todtes,
+er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche der
+Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch
+4 Tage vor seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie
+Auswurf, daß er ein LungenGeschwüre gehabt hatte,
+welche den sehr schweren und kurtzen Athem (von welchen ich
+Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer diesen
+würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner
+und der Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten,
+daß wir zu seiner Erquikung und Erleichterung alle nur
+mögliche Mühe angewendet und keine Kosten gesparet haben,
+wir haben <span class="antiqua">D.</span> Bentsche in Bischofswerda, den in unserer
+Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit
+zu Zeit selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner
+übrigen Patienten am vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit
+6 Wochen, anfänglich die mehresten Nächte, späterhin die
+mehresten Tage und Nächte und seit 8 Tagen alle Tage
+und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo nur
+Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen
+<span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span>welches man umsonst von fremden Leuten verlangen würde
+(das heißt bey uns zu Lande) selbst übernommen.</p>
+
+<p>Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage
+und Nächte treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen,
+tragen, heben bey seinen sehr starken Durchfall ihn zu jeder
+Minute Reinlichkeit verschaffen helfen, die Aufgesprungenen
+geschwollenen Glieder geschmiert und Umschläge gemacht, dem
+Waßer welches durch den geschwollenen Weg von selbst nicht
+mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu
+seiner Linderung übernommen.</p>
+
+<p>Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht
+aus keiner neben Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß
+einen Kinde Deiner Art mit dieser Ausführlichkeit gedienet
+seyn muß.</p>
+
+<p>Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein
+erblaßter Körper zur Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte
+mit Predigt und Paredation, zum Leichentext habe ich
+gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein Licht kommt,
+und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint
+mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr
+zu paßen alle sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre
+damit volle Arbeit zu geben.</p>
+
+<p>Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen,
+ihn fleißig besuchet und mit Trostgründen aus
+der Religion welche vernünftig und den Kenntnißen des
+Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese Veränderung
+am meisten verlohren hat, ist = die gute alte
+Mutter, sie hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im
+Alter verlohren, das tröstet und richtet sie noch etwas auf,
+<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>daß Du und Deine liebe Frau ihr kräftigen Beystand versprochen
+habet, was meine Lage und Kräffte thun können,
+werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht.</p>
+
+<p>Nur ist heute mein Kopf zu sehr voll, und kan vor
+heute nicht die vernünftigsten und tauglichsten Pläne, was
+mit den Hauße werden soll, und wie die Ernährung der
+Mutter am zwekmäßigsten bestimmt werden kann, in Vorschlag
+bringen. Die bisherige Einrichtung kan nicht fortgesezt
+werden, die Mutter würde, ohne daß sie Ruhe und
+Glük genießen könte, dabey sehr viel zusetzen. Kosten vor
+Holtz und Licht, allerhand Abgaben, Zechen und Dienste,
+Einquartirung und dergl. sind Dinge welche jährlich eine
+sehr große Summe erfordern, und welche die Mutter mit
+ihren KramLaden, zu welchen sie ohnedies ihr Alter und
+schweres Gehör von Zeit zu Zeit immer unfähiger macht
+nicht erwerben kan. Ich spüre das C......... glaubet,
+oder wenn ich mich in sein Selbst denken will, träumet Besitzer
+zu werden, den KramLaden zu übernehmen, und freilich
+auf solche Art der Mutter die gleich erzählten Beschwerden
+abnehmen will, mit den grösten Leidwesen sehe
+ich aber, das C......... einen siechen Körper und einen
+schwachen Geist besizt, und auch die Frau unthätig und ungeschikt
+ist, er besizt ein kleines Vermögen, und wir wollen
+doch seine Pläne, da er doch unser Bruder ist anhören,
+doch versteht sich, das wir zu seinen (weil er sich selbst nicht
+kennt oder kennen will) oder unsern Schaden nicht übereilt
+zu Werke gehen können, Doch können wir diese Veränderung
+auch nicht gantz in die Länge hinaus verschieben. Ich werde
+Dir mit Hr. Eißnern wieder schreiben und Deinen Herrmann
+<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>und Hannen etliche Stük alte Silber Müntzen welche
+der seel. Vater ihnen als ein Andenken zu schiken befohlen
+hat einsiegeln.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Der hier erwähnte Pfarrer war <span class="antiqua">M.</span> Christian Gottlieb Köthe.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu <ins title="sorgeu">sorgen</ins> und
+sie vor etwaigen Benachtheiligungen zu schützen; und er erfüllte im Sinne
+eines treuen Sohnes diese Pflicht mit seiner gewohnten Nachdrücklichkeit.
+Vergl. oben die Auseinandersetzung zum 12. Briefe.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">45.</h2>
+
+
+<p class="right">Berlin, d. 19. 8br. 12.</p>
+
+<p class="float-left">Lieber Bruder,</p>
+
+<p>Weit entfernt, daß Dein so eben erhaltener Brief
+v. 6. Oktober mich befremden sollte, hebt er vielmehr einen
+Anstoß, den ich an Deinem frühern genommen, wo Du die
+Schwierigkeiten für die Mutter, die Wirthschaft zu behaupten,
+aus einander setzest, und dafür hältst, dieser C.........
+könne doch etwa Vorschläge machen, auf die zu hören sey.
+Es ist mir sehr lieb, daß ich mit der Beantwortung dieses
+Punctes gewartet, bis Dein heutiger Brief zeigt, daß Du
+über dieses Subjekt &ndash; es ist mir schon früher vorgekommen,
+als ob Du ihn ungerechter Weise in Schutz nähmest &ndash;
+ganz so denkst, wie ich seit der Zeit von ihm gedacht habe,
+da ich schon an ihm als kleinen Knaben Proben einer unbegreiflichen
+Bosheit gefunden habe.</p>
+
+<p>Weiß denn der thörigte nicht, daß, wenn alles andere
+wegfällt, ich 1.) das Kaufgeld, womit der seel. Gotthelf das
+Haus vom Vater erkauft, hergegeben, und daß mir dasselbe,
+nachdem durch des Bruders Tod der Vater wieder Eigenthümer
+<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>geworden, nie zurückgezahlt worden, 2.) daß, als die
+Schwägerin sich zu Rammenau aufhielt, von meinem in der
+Gotthelfischen Verlassenschaft befindlichen Gelde in dem Hause
+gebauet worden, worüber ich noch eigenhändige Rechnung des
+Vaters besitze 3.) daß mehreres unter den Mobilien mein
+ist 4.) daß ich in den lezten 2 Jahren den Eltern über
+200&nbsp;Rthr. geschikt, welche ich, sobald man mich reizt, als ein
+<em class="gesperrt">Darlehn</em> betrachten werde. Begreift er nicht, daß alle
+diese Summen aus der Verlassenschaft erst an mich zurükgezahlt
+werden müssen, ehe eine Erbschaft da ist: und kann
+er nicht berechnen, was in diesem Falle übrig bleiben werde? &ndash;
+Verstehe mich wohl Bruder. Es fällt mir nicht ein, diese
+Umstände gegen meine übrigen Geschwister geltend zu machen,
+wenn sie sich ordentlich und vernünftig betragen, und durch
+Unvernunft meinen Unwillen nicht reizen. Es ist wohl klar,
+daß ich mit einem Häuschen in Rammenau nichts anzufangen
+weiß, und daß alle die Gegenstände, die etwa in
+dieser Erbschaft vorkommen könnten, mir nicht des Holens
+werth sind. Aber das will ich, daß man die Mutter bis
+an ihr Ende ruhig genießen laße, was entweder das ihrige
+ist, oder das meinige. Nach ihrem, Gott gebe noch lang
+entfernten Tode, wird sich schon alles finden.</p>
+
+<p>Um der Sache kurz und gut ein Ende zu machen, geht
+zugleich mit diesem Briefe an Dich ein Schreiben an den
+Herrn Rittmeister <span class="gesperrt">von&nbsp;Kleist</span>, in welchem ich ihm die
+Sache vorlege, und ihn um Schutz für meine Mutter, und
+um Bezähmung des schlechten Burschen bitte.</p>
+
+<p>Die Mutter wird sich meiner oben erwähnten Ansprüche
+wohl erinnern. Ich berufe in diesem Schreiben an Kleist
+<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>mich um der Kürze willen auf ihr Zeugniß, ohnerachtet ich
+alle diese Umstände auch durch schriftliche Documente erweisen
+kann. Ich bitte sie, daß sie befragt dieses Zeugniß,
+das zu ihrem eignen Besten dient, ablege.</p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p>Es ist mir noch ein andrer Gedanke gekommen, wie für
+die Mutter am besten gesorgt werden könnte. Es muß aber
+erst in dieser Sache Ordnung seyn, ehe ich darüber eine
+Aeußerung machen kann. Ich ersuche Dich darum, mir nach
+Endigung der Sache wieder zu schreiben.</p>
+
+<p>...&nbsp;...&nbsp;...</p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p>So viel über diese unangenehmen Dinge. Jezt zu
+etwas das Herz näher angehenden. Schreibe mir doch, so
+viel Du kannst, von den lezten Stunden unsres verehrten
+treflichen Vaters; auch von dem Leichenbegängnisse, von der
+Predigt, deren sehr gut gewählten Text Du mir überschriebest.</p>
+
+<p>Lebe recht wohl. Die meinigen grüßen (die <em class="gesperrt">meinigen</em>,
+sage ich; und dazu zähle ich auch recht sehr Hannchen,
+als ein Vermächtniß des herrlichen Vaters.)</p>
+
+<p>Grüße herzlich die Deinigen von uns.</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 9em;">Dein treuer Bruder<br />
+J.&nbsp;G. Fichte.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Aufschrift:</p>
+
+<div class="aufschrift">
+<p class="center">
+Herrn <span class="antiqua">Gottlob Fichte</span><span style="margin-right: 11em;">,</span><br />
+<span style="margin-left: 2em;">Bürger</span><br />
+<span style="margin-left: 7em;">zu</span><br />
+<span class="antiqua" style="margin-left: 12em;">Elstra</span>.</p>
+
+<p class="no-indent">d. Einschluß.</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span>
+In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister <ins title="vou">von</ins>&nbsp;Kleist,
+(vgl. den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die
+Sache hängt so zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann
+Albericus Sohn Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg
+verkaufte das Gut an seinen Schwager Friedrich von&nbsp;Kleist, königl.
+sächs. Kreisdirector in Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß.
+Rittmeister und Ritter des Malteser- oder St. Johannisorden, welcher
+es von 1795 an bis zu seinem am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß.
+Sodann fiel es wieder an den früheren Besitzer Johann Centurius
+v.&nbsp;H. zurück, dessen Sohn Conradin Centurius Graf von Hoffmannsegg
+der jetzige Besitzer ist.</p>
+
+<p>Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln
+sich auch in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter
+brachte.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">46.</h2>
+
+
+<p class="right">Elstra, d. 30. Octbr. 1813.</p>
+
+<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p>
+
+<p>Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den
+Deinigen ihr Befinden zu wißen thun leider aber gehen die
+Posten noch nicht dahin; ich bediene mich der Gelegenheit
+diesen Brief mit einen Bekanten welcher nach Frankfurth
+zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in
+Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben
+meinen Brief, vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter
+den Empfang von 20&nbsp;Rthr. von den Studenten Ritschel
+bescheinigte) zu übersenden.</p>
+
+<p>Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer
+durch wieder viel gelitten so wohl an ihrer Gesundheit
+als an ihren Vermögen, sie hatt viel Einquartirung gehabt
+und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span>
+Den 14 <span class="antiqua">Sept.</span> befürchteten die Rammenauer ihren Untergang
+durch Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch
+zu gehen veranlaßte, wo sie bey kalter und naßer Witterung
+bis zum 17. aushalten muste, doch wurde ihr noch nicht
+gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in
+einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit
+über war alle Communication unterbrochen, den 21., da die
+Franzosen Rammenau räumten, und unsere gantze Gegend
+von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor sie aufzusuchen,
+und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen
+konnte daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt
+würde als in Elstra, (den sie hatte sogar im
+Busche und auch in diesem Hauße keine Lebensmittel vorm
+Plündern erhalten können) so that ich ihr den Vorschlag sie
+zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder
+Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des
+Schubkarrens. Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung,
+entbehrung ihrer gewohnten Lebensmittel zerrüttet,
+ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde, doch hatt sich
+ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden, sie
+ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan
+fast gar nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine
+Poteille Wein ist in unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu
+haben, alle Vorräthe sind ruinirt und verwüstet, keine Zufuhre
+ist nicht möglich.</p>
+
+<p>Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu
+Hauße gefahren, denn es ist etwas ruhiger geworden, die
+Salvegarden halten die herumstreifeten Kosaken im Zaume.
+Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük nicht so total
+<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>runirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind eingeschlagen,)
+viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar
+gemacht geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie
+weg gebrannt sind, ganz runirt, da giebt es Bauern, besonders
+an der Straße von Bautzen nach Dresden, die kein
+Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar nichts,
+alle kranke Körper haben, z.&nbsp;B. vom 16. bis 28 May, sind
+bloß im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche
+gelegt wurden, das Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich
+continuirt</p>
+
+<p>Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau
+Deinen lieben Herrmann und Hannen von Hertzen grüßen
+und wünschet daß diese Krieges Uebel von Euch entfernt
+bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den
+Meinigen hertzlich.</p>
+
+<p>Lebe gesund mit den Deinigen. Ich bin</p>
+
+<p class="float-right center" style="width: 9em;">Dein treuer Bruder.<br />
+J.&nbsp;G.&nbsp;F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit
+sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">47.</h2>
+
+
+<p class="right">d. 2. <span class="antiqua">Decbr.</span> 1813.</p>
+
+<p class="float-left">Innig geliebte Tochter,</p>
+
+<p>Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20 <span class="antiqua">Nov.</span>
+mit inl. zwey Stük <span class="antiqua">Louisdor</span> richtig erhalten, ich danke
+Ihnen von Hertzen; nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit
+inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu Gott erkenne
+<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>ich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine
+gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure,
+daß Sie mich nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern,
+da ich den Druk der Zeit, und die vielen Aufopferungen
+kenne, und den sichern Schluß machen kan, daß auch
+mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich zurük gesezt
+ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir, manches
+entbehren werden.</p>
+
+<p>Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden
+Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie
+ihren lieben Sohn bey sich haben, freuet und tröstet mich.</p>
+
+<p>Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert,
+meine Kräffte nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit
+etlichen Wochen viel schwächer geworden, auch finden sich von
+Zeit zu Zeit, immer mehr unangenehme körperliche Empfindungen,
+ich liege nicht beständig ich mache mir Bewegung,
+ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich zubereite,
+bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut
+in wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben,
+indem mein Körper darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders
+bey kalter Jahreszeit.) Nur bedaure ich, wenn ich
+nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben soll, daß mein
+Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts genießen,
+mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen
+kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine
+schwachen Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es
+Dank) vermindert, ich habe just heute, einen Rußen, zum
+Glük einen gesitteten, zur Einquartirung.</p>
+
+<p>Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>hat ist mir immer sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen,
+und habe zu Gott um Ihre Erhaltung geseufzet. Ich
+freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß er größeres
+Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat.</p>
+
+<p>Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer
+Tochter Nachricht mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen
+zu ihrem Troste folgendes:</p>
+
+<p>1) Ihre <ins title="Wohnuug">Wohnung</ins> stehet noch unversehrt, ob es schon
+in Pulßnitz fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben
+mahl genommen und wiedergenommen) so brach doch kein
+Feuer aus.</p>
+
+<p>2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten
+vor Militair baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey
+gieng es drum nicht so genau ab, es ward ihnen noch manches
+genommen und die Umzäunung des Gartens ward im Biviak
+verbrandt.</p>
+
+<p>3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden,
+er hat in Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden,
+ist alsdenn eine Zeit bey seinen Aeltern gewesen, und ist
+jetzo wieder in Dresden.</p>
+
+<p>4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor
+wenigen Tagen war die gantze Familie noch gesund.</p>
+
+<p>5) Dore bey ihren Aeltern.</p>
+
+<p>Gott nehme Sie alle in seinen Schuz, vielleicht erlebe
+ich noch die Freude daß Sie mich vor meinem Ende künftiges
+Früjahr noch einmal besuchen</p>
+
+<p>Ihre treue liebende Mutter</p>
+
+<p class="right">Maria Dorothea verwittwete Fichte</p>
+
+<div class="weinhold">
+<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span>
+<p>Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden
+der greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten
+Tode des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an
+die hinterlassene Wittwe.</p>
+</div>
+
+
+
+<h2 class="new-h2">48.</h2>
+
+
+<p class="right">Elstra, d. 11 <span class="antiqua">Febr.</span> 1814.</p>
+
+<p class="float-left">Theuerste Frau Schwägerin</p>
+
+<p>Ich kan Ihnen das, was ich und die Meinigen über
+den Todt meines lieben Bruders, (der nicht blos ein Großer,
+sondern auch ein Nachahmungswürdiger guter Mann
+war,) empfinde, mit Worten nicht schildern, und Niemand
+wird wohl die unheilbaren Wunden, welche Ihnen die Vorsehung
+geschlagen hat, mehr fühlen als ich, doch der Trostspruch
+eines Hiobs im Unglük kan mich und Sie aufrichten
+und erhalten. Gott wird Ihnen beistehen; Ihr Verlust ist
+zwar auf dieser Welt nicht zu ersetzen, doch wird Sie und
+Ihren Sohn die gerechte Preusische Regierung, welche unsern
+Verewigten Freund schäzte, nicht verlaßen.</p>
+
+<p>Ihren gerechten Anspruch, welchen Sie an der Maße
+der Verlaßenschaft unserer seel. Eltern machen, und welcher
+sich laut Ihres werthen Schreibens vom 1 <span class="antiqua">Febr.</span> auf Einhundert
+Thaler beläuft wird Ihnen von meinem Geschwister
+nicht erschwert oder verkürzet werden.</p>
+
+<p>Gerichtskosten wird die Herrschaft viel machen, sie hat
+vorjetzo alles im Beschlag genommen, und wird uns die
+Freiheit nicht wieder geben, daß wir vor uns verkaufen
+und unter einander theilen können; dieses Recht kam der
+Herrschaft zu, und sie hat dieses vor ganz nothwendig glauben
+<span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>mußen, weil wir Geschwister in aller Welt zerstreut sind,
+und über dieses wird sie Ansprüche an zwei Brüdern machen,
+welche Kraft ihrer Lehr Briefe und Kundschaften ihr
+Unterkommen finden konnten, ohne sich von der Erbunterthänigkeit
+los zu kaufen; und wenn die Herrschaft alle nur möglich
+zu machende Kosten abgezogen hat so macht sie noch
+5&nbsp;<span class="antiqua">pr. C.</span> Abzug von der Maße. Häuser zu verkaufen ist
+jezt ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, und das Haus auf
+beßere Zeiten aufzubehalten ist nicht rathsam, die gar nicht
+zu berechneten Kriegsunkosten, und die Reparaturen, welche
+der Krieg verursacht hat, (die Gartenzäumung ist gantz verbrannt
+worden, und eine bedeutente Haußrepratur giebt es
+auch) würden, uns in diesen Falle einen beträchtlichen Theil
+von den daraus gelößten Gelde rauben.</p>
+
+<p>In Rücksicht Ihrer Anforderung glaube ich bestimmt
+daß dieses das beste Mittel wäre, wenn Sie Ihre Forderung
+von der Obrigkeit unter welcher sie stehen authorisiren
+liesen, und an den H. v.&nbsp;Kleist, als Erb-Lehn- und Gerichts-Herr
+auf Rammenau übersendeten, nur wünschte ich wenn
+Sie mir eine Abschrift davon übersendeten, ich werde mir
+es zur heiligsten Pflicht machen diese Ansprüche zu unterstützen
+und sollte, wie ich nicht glauben will, der H. v.&nbsp;Kleist
+auch <span class="antiqua">pr. C.</span> von den Ihrigen abziehen, so würde ich
+wenn ich es nicht hintertreiben könnte, solches auf die
+Maße wenden.</p>
+
+<p>Ich empfehle Sie mit Ihren lieben Sohne den Schutze
+Gottes und bethe daß Gott ferneres Unglük in Gnaden
+von Ihnen abwenden möge und Sie gesund und bei dem
+Leben erhalten, damit Sie vorjetzo eine Stütze Ihres lieben
+<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>Sohne seyn mögen, welcher in etlichen Jahren zuverläßig
+Ihre Stütze werden wird.</p>
+
+<p>Meine Frau und Tochter welche äuserst betrübt über
+Ihr Unglük sind, laßen Sie von Hertzen grüßen.</p>
+
+<p class="center">Ihr getreuer Freund<br />
+J.&nbsp;Gottl. F.</p>
+
+<div class="weinhold">
+<p>So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem
+Anfange seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen
+Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu
+lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater, von
+seiner wackeren Mutter &ndash; den Vollendeten; wir scheiden auch von
+Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes
+leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils ähnlichen,
+theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch von dem
+Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von seiner
+edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der Liebe
+zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist
+und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben.</p>
+</div>
+
+<p class="center" style="font-size: 0.9em; margin-bottom: 120px;">Druck von C.&nbsp;E. Elbert in Leipzig.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann
+Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE ***
+
+***** This file should be named 29530-h.htm or 29530-h.zip *****
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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