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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/29530-8.txt b/29530-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d6dd427 --- /dev/null +++ b/29530-8.txt @@ -0,0 +1,4335 @@ +The Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb +Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten + +Author: Johann Gottlieb Fichte + +Editor: Moritz Weinhold + +Release Date: July 28, 2009 [EBook #29530] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE *** + + + + +Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + + Achtundvierzig Briefe + von + Johann Gottlieb Fichte + und + seinen Verwandten. + + + Herausgegeben + von + Moritz Weinhold. + + + + (Besonderer Abdruck aus den Grenzboten.) + + Mit dem Brustbilde und der Handschrift von Fichte's Frau. + + + + Leipzig, + Fr. Wilh. Grunow. + 1862. + + + + + Herrn + Prof. Dr. Immanuel Hermann Fichte + in Tübingen + + dem würdigen Sohne würdiger Eltern. + + + + +Vorwort. + + +Ist seit der Fichte-Feier auch schon mehr als ein Monat verflossen, +so ist doch nicht zu befürchten, daß damit auch schon die Theilnahme +der Gemüther für diesen großen Mann verschwunden sei. Hat doch die +Allgemeinheit, Gehobenheit und Innigkeit der Gedächtnißfeste gezeigt, +daß dieser Mann, wie aus dem Schooße des Volkes herausgewachsen, so auch +ihm an das Herz gewachsen ist; so daß man vertrauen darf, das deutsche +Volk werde ihn so lange in treuem und dankbarem Andenken halten, bis +Das, was tüchtig und ewig an ihm war, wiederum auch ganz in Fleisch und +Blut des Volkes hineingewachsen ist, damit sein Sinn und Geist Blüthen +und Früchte treibe aus dem Marke und Safte des Volkes zum Segen des +Volkes. Es ist die Eigenthümlichkeit wahrhaft großer Männer, daß sie auf +der einen Seite Söhne ihrer Zeit sind, auf der andern aber ihrer Zeit +vorauseilen und als Vorbilder erscheinen oft noch lange nach ihrem Tode. +In dem Sinne hat auch der »Cultus des Genius« sein Recht, wenn er dazu +dient, das Eigenartige, Neue, was in einer ausgezeichneten Persönlichkeit +zuerst Gestalt gewonnen hat, zum Gemeingute Aller zu machen. + +Darum glaube ich, es werde eine nochmalige Hinweisung auf Fichte, wenn +schon »nach dem Feste«, doch nicht überhaupt zu spät kommen, zumal da +dieselbe nicht zu den zahlreichen Reden und Meinungsäußerungen über ihn +bloß noch eine hinzufügen, sondern etwas in der That Neues und echt +Fichte'sches bringen will, nämlich eine Reihe von Briefen: zweiunddreißig +von Fichte selbst, elf von seiner Frau, drei von seinem Bruder Gottlob, +einen von seinem Bruder Gotthelf und einen von seiner Mutter. Dieselben +beziehen sich, als Briefe von Verwandten an einander, zunächst +auf Familienangelegenheiten, so jedoch, daß darin auch Fichte's +Lebensschicksale und geistige Bestrebungen in mannigfache Erwähnung +kommen, ja daß sogar einige Ergänzungen zu dem davon bereits Bekannten +geboten werden. Indeß würde mich dies noch nicht zur Veröffentlichung +derselben bewogen haben, wenn ich ihnen nicht noch einen anderen Werth +beilegen zu dürfen glaubte. Sie scheinen mir nämlich einen keineswegs +verächtlichen Beitrag zu Fichte's Charakterschilderung zu liefern, +indem sie manche Züge und Linien enthalten, welche dem großartigen +monumentalen Bilde, das wir Alle von seinem Wesen in uns tragen, in +feiner Nüancirung das Mienenspiel größerer Portraitähnlichkeit leihen, +ohne ihm seine erhabene Idealität zu rauben. + +Warum ich aber diese Reliquien nicht schon zu Fichte's Gedächtnißfeier +veröffentlicht, darüber bin ich die Erklärung schuldig: sie liegt ganz +einfach in den Umständen. Es war kaum zwei Wochen vor dem 19. Mai, +als mir, bei Gelegenheit der Erwähnung Fichte's, von einer meiner +Schülerinnen mitgetheilt wurde, ihre Mutter, die Enkelin von einem +Bruder Johann Gottlieb Fichte's, besitze Briefe von ihm. Ich erbat mir +die Mittheilung derselben -- es waren zwei Briefe von J. G. Fichte und +einer von seiner Gattin (Nr. 7, 36, 38 der vollständigen Reihe) -- und +veröffentlichte dieselben in einem Aufsatze »Zur Erinnerung an Johann +Gottlieb Fichte« im »Dresdner Journal« 1862 Nr. 108-111. Darin gab ich +als Einleitung eine kurze Hinweisung auf Fichte's philosophisches +System, welches in seinem theoretischen Theile eine wesentlich +geschichtliche und insofern allerdings auch unvergängliche Bedeutung in +Anspruch nehmen dürfe; sodann aber hob ich den noch größeren und +dauernderen Werth der praktischen Seite seiner Philosophie hervor, +welche recht eigentlich ein Erzeugniß und ein Spiegel seines Charakters +ist, wie er auch selbst in seinem eigenen Leben mit seiner, wesentlich +ethischen, Lehre durchweg übereinstimmte. »So steht Fichte vor uns da +-- ein ganzer, ein deutscher, ein großer Mann, ein hohes Vorbild der +Energie im Denken und im Handeln auch für unsere Zeit. Nur aus einem +solchen Charakter läßt sich auch jener, wenngleich einseitige und darum +falsche, dennoch aber großartige und erhabene theoretische Grundgedanke +erklären.« An die durch die erwähnten Briefe veranlaßten Hindeutungen +auf Fichte's häusliche Verhältnisse und die gemüthliche Seite seines +Wesens fügte ich endlich einige Notizen über eine Wirksamkeit Fichte's, +an die man bei Erwähnung seines Namens gewöhnlich gar nicht denkt, die +aber doch zur Vervollständigung seines Charakterbildes der Erinnerung +wohl werth ist: seine Beziehung zur Poesie. Zu dem in Fichte's Biographie +(»Fichte's Leben und literarischer Briefwechsel. Von seinem Sohne +Immanuel Hermann Fichte.« 2. Aufl. Leipzig 1862. 2 Bde.) darüber +Gesagten gab ich als einen kleinen Nachtrag einige Citate, besonders aus +den Lebensbeschreibungen Adelbert von Chamisso's und Friedrich de la +Motte Fouqué's, zum Beweise, wie bedeutenden Einfluß Fichte namentlich +auf die Dichter des Nordsternbundes in Berlin gehabt; ich schloß mit +den Worten: »Wir sehen, daß Fichte selbst in Kreisen, welche dem +eigentlichen Gebiete seiner Thätigkeit ferner standen, hohe Geltung +und Anerkennung genoß und sich in jeder Beziehung als ein bedeutender, +unvergeßlicher Mann erweist; denn wer den Besten seiner Zeit genug +gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.« + +Das Interesse, welches für die Sache rege geworden war, bewirkte +weitere Nachforschungen, und das Ergebniß derselben war die Auffindung +einer ganzen fast vergessenen Sammlung von Briefen, welche mir +bereitwillig zur Veröffentlichung überlassen wurden, die denn, nach +Vollendung der nöthigen Vorarbeiten und mit ausdrücklicher Genehmigung +des Herrn Professor Dr. Fichte in Tübingen, zunächst in den »Grenzboten« +Nr. 29-32 erfolgte, woraus nunmehr die vorliegende Separat-Ausgabe +hervorgegangen ist. + +Ich habe den Abdruck nach einer diplomatisch genauen Copie der +Originale machen lassen, weil ich zu Aenderungen der darin, allerdings +nicht immer ganz consequent, beobachteten Orthographie und Interpunction +nach unsern Grundsätzen mich nicht berechtigt und es auch nicht für +nöthig hielt, die vorkommenden kleinen Unfertigkeiten und Ungenauigkeiten +eigenmächtig und, wie's geschehen müßte, bisweilen auch willkürlich zu +verbessern. Es mag Manchen interessiren zu sehen, wie Fichte schrieb, +wenn er flüchtig schrieb; unserer Vorstellung von seiner Geistesgröße +wird dadurch Nichts entzogen, daß wir sehen, wie auch Fichte, wie wir +Alle, in eilig geschriebenen vertraulichen Briefen zuweilen einen +falschen Buchstaben machte oder einen Punkt vergaß. Ich erwähne nur +noch, daß Fichte z. B. die geschärften Laute »tz« und »ck«, die er im +Ganzen scheint vermeiden zu wollen, doch bisweilen gebraucht, wie er +auch bald »weißst«, bald »weist« u. dgl. schreibt. Zu den Briefen von +Johanna Maria Fichte bemerke ich, daß darin der letzte Buchstabe des +Alphabets nach geschärften wie nach gedehnten Silben durchweg eine +solche Form hat, als ob »t« und »z« zu einem Buchstaben zusammengezogen +seien, sodaß nur die Wahl blieb, überall »z« oder überall »tz« zu +setzen: ich habe das Erstere gewählt. Außerdem hat in Johanna's Briefen +das »s« immer die französische Form, ebenso die Buchstaben »a, g, u, v, +w«, die auch als große Anfangsbuchstaben sich oft nur wenig von den +kleinen unterscheiden; hierzu vergleiche man die halb französische +Unterschrift des 16. Briefes und den gallicistischen Gebrauch der +Negation nach dem Comparativ im 12. Briefe. -- + +Diesem Büchlein füge ich als künstlerische Zugabe bei das Bildniß von +Fichte's trefflicher Gattin in wohlgelungenem Kupferstiche nach einer +Zeichnung auf Pergament, welche sich im Besitze derselben Familie +befindet, der die Briefe gehören. Ein zweites Exemplar davon, mit +geringen Abweichungen, besitzt Herr Professor Fichte in Tübingen, und +danach ist der ziemlich rohe Holzschnitt im »Illustrirten Panorama. +Berlin, Brigl. Band III. Lief. 1.« gefertigt. Das daselbst daneben +gestellte Bild Fichte's aus seinen jüngeren Jahren ist nur eine Fiction +des Zeichners; allerdings hat es zu jener Zeichnung in Sachsen ein +Pendant gegeben, jedenfalls aus Fichte's Jenaer Epoche, aber dieses ist +bedauerlicher Weise längst abhanden gekommen und nicht mehr zu erlangen. +Leider ist nicht mehr aufzuklären, ob unser Medaillon-Bild eins von den +zwei oder drei (die Unterscheidung ist nicht ganz deutlich), sonst +unbekannten Portraits ist, welche Fichte in den Briefen an seine Braut +erwähnt, eben so wenig ist der Zeichner bekannt. Die Aehnlichkeit aber +ist von Herrn Professor Fichte, dem Sohne, ausdrücklich anerkannt, +welcher versichert, daß »ihre Gesichtszüge auch in späteren Jahren noch, +besonders was den physiognomischen Ausdruck anbetrifft, ganz damit +übereinstimmten.« Und in der That entspricht dieser Ausdruck auch ganz +der Vorstellung, die wir nach ihren Briefen uns machen, welche wirklich, +wie Gotthelf Fichte sagt, eine schöne Seele verrathen: aus ihrem +Gesichte spricht Zartheit und Innigkeit, ruhig milde Sanftmuth, gepaart +mit einem leisen Anfluge von weiblich naivem Humor. Bemerkenswerth ist, +wie Johanna's Handschrift, die ursprünglich etwas gerundeter und +zierlicher war, einige Jahre nach ihrer Vermählung einen freieren und +kräftigeren Zug annimmt; diesen letzteren, als der fertigen Individualität +entsprechend, habe ich geglaubt für das Facsimile wählen zu müssen, +welches nach dem 38. Briefe gebildet ist. -- Johanna Fichte war keine +Bettina und keine Rahel, aber sie war eine treue, sinnige, gläubige +deutsche Frau, die auch nahe daran war, in ihrem Wirken als Pflegerin +der Kämpfer für Deutschlands Freiheit ihr Leben dem Vaterlande zu +opfern, während der Allwaltende ihr darin ihren Gatten zum +Stellvertreter setzte. -- + +Der Zweck dieses Schriftchens ist, Fichte zu zeigen, wie er war, +vorzüglich in den Beziehungen zu seiner Familie: bei der Offenheit +seines Herzens verbindet sich dem reinsten Wohlwollen auch hier die bei +ihm überall durchschlagende Ehrlichkeit und Entschiedenheit des Willens. + +Es ist die Art edler Charaktere, daß sie uns um so mehr anziehen, je +näher wir ihnen treten. Schon in meiner Studienzeit in Leipzig hatte +ich, veranlaßt durch eine mir übertragene Bearbeitung der Fichte'schen +Philosophie in Herrn Professor Dr. Weiße's philosophischer Gesellschaft, +Fichte's Geist in seiner Stärke und Größe bewundern müssen; je mehr ich +ihn kennen lernte, desto mehr lernte ich ihn auch lieben. Ich hoffe, +auch Andere werden diese Erfahrung an sich machen. Eine glückliche +Fügung verstattet mir, gegenwärtigen kleinen Beitrag zur Verherrlichung +seines Andenkens zu liefern und so ihm meinen Dank abzutragen für Das, +was er mir geworden durch seine Lehre und sein Leben. + +Dresden, Michael 1862. + + ~Julius Moritz Weinhold~, + _Cand. theol._, Lehrer bei dem königlichen Cadettencorps + und an der Wieland'schen Töchterschule &c. + + Der erste Brief ist aus Schulpforta geschrieben, ein halbes Jahr nach + der am 4. Oct. 1774 erfolgten Aufnahme des damals kaum zwölf und ein + halbes Jahr alten Knaben. Zu der Schilderung, die wir in seiner + Lebensbeschreibung (I, 10-17) von seinem Aufenthalte auf dieser + Fürstenschule erhalten, fügt dieser Brief ein Genrebildchen, welches + uns bereits in dem jungen Schüler einerseits den ehrlichen, strengen + Charakter andeutet, andererseits eine zartfühlende Gewandtheit zeigt, + mit der er das Anerbieten seines Vaters von sich weist, ihm eine + Sorte seiner Waaren zu liefern, die Gottlieb unter seinen Mitschülern + vertreiben sollte. An dem Briefe ist auch eine für das sehr jugendliche + Alter des Schreibers auffallend ausgeschriebene Hand zu bemerken. + + + + +1. + + + Herzliebster Vater + +Euren Brief habe ich erst heute, als den 1 Aprill erhalten. Ich habe +bisher mit Schmerzen gewartet, und fast vor Freuden wurde ich außer mir +als ich hörte es sey ein Brief an mich da, denn ich glaubte gewiß daß +etwas darinn seyn würde. In etlichen Tagen ist der _Examen_ aus welcher +14 Tage währet, und wo wir verschiedene Sachen ausarbeiten müßen, +die nach Dreßden geschickt werden. Wir bekommen auch übermorgen die +_Censuren_, da wir entweder wegen unseres Fleißes gelobt oder wegen +unserer Faulheit gescholten werden. Dieses wird nun alles nach Dreßden +in die Regierung berichtet. Da ich nun gewiß weiß daß ich ein sehr gutes +ja fast das beste Lob bekommen werde, so kostet mich doch auch dieses +entsetzlich Geld. Denn es ist hier die fatale Gewohnheit daß wer eine +gute _Censur_ bekommt den 6. Obersten in seiner Claße und 5. Obersten +am Tische jeden ein ganz Stück Kuchen kauffen muß welches 1 Gr. 3 Pf. +kostet also zusammen 13 Gr. 9 Pf. Ob ich nun gleich dieses _Examen_ +5 Gr. 6 Pf. verdient habe, so bleibt doch noch 8 Gr. 3 Pf. welche mir +auch schon mein Ober-Geselle ein sehr hübscher Mensch, geborgt hat. Doch +was ich übrigens verdiene langt kaum zu den vielen Waßer Krügen welche +man hier kaufen muß, denn die Untersten müssen Wasser holen, und mausen +sich einander die Krüge dazu ganz entsetzlich welches ich aber nicht +thun kann, denn es ist und bleibt gestohlen. Doch bey allen diesen +kümmerlichen Dingen danke ich doch noch Gott daß ich keine Schulden als +die vorhinerzählten 8 Gr. 3 Pf. habe. Daß es Euch mein lieber Vater sehr +schwer fallen werde, glaube ich wohl, doch sollte ich denn nicht noch +so ein gutes Andenken bei meinen Freunden haben. Mein unschickliches +Verhalten wegen des Briefes an Herrn Boden, glaube ich durch beygelegten +Brief gut zu machen. An zwey Personen aber kann man auf einmal einen +Brief nicht schreiben. Doch noch eins, was schreibt ihr mir denn von 6. +Geschwistern, ich habe gerechnet und gerechnet, bringe ihrer aber nur 5. +heraus. Ihr schreibt mir von Strumpfbändern, ich weiß aber wohl nicht, +ob es gut gethan seyn würde, denn leider fragt man hier nicht so +viel nach dergleichen Sachen als nach Geld, ich würde auch noch dazu +entsetzlich ausgehöhnt werden, wollt ihr mir aber so gut seyn und mir +ein paar schicken, so wird es mir sehr angenehm seyn, nicht allein weil +ich sie sehr nothwendig brauche, sondern weil es mir auch ein sehr +angenehmes Andenken an Euch verschaffen würde. Ich habe weil ich hier +bin eine beständige Gesundheit gehabt. Grüßt meine liebe Mutter mein +Geschwister und besonders Gottloben und sagt ihn er solle mir doch +schreiben. Ich würde ihm auch schreiben, wenn es jetzo im _Examen_ die +Zeit litte. Lebet wohl. + +_P. S._ Warum denn aber zur Oster Meße ihr könnt mir eure Brieffe immer +auf der Post un_francirt_ schicken, denn das bezahl der Hr. _Rector_ + +Pforte d. 1 Aprill 1775 + + Johann Gottlieb Fichte + + Wer der im Briefe erwähnte Herr Boden sei, dafür finde ich keinen + Anhalt. Der erwähnte Obergesell war der spätere Generalsuperintendent + in Riga Karl Gottlob Sonntag, dessen Aufsicht er übergeben wurde, weil + er die Behandlung seines ersten Obergesellen nicht länger ertragen + mochte (I, 12. 14. f.). Die Zahl der Geschwister, über deren Vermehrung + Fichte sich wundert, betrug überhaupt sieben, wie mir mündlich + mitgetheilt worden; es waren sechs Brüder und eine Schwester. + + + + +2. + + + Wolfishein d. 13. Mai. 1787. + + Bester Vater, + +Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen Monats, im Einschlage +an Herr Burschen schon erhalten hat. Ich habe darinnen von meinen +Befinden, und von meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt +habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich zu besorgen +bitte. + +Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von =Lerchenbäumen= ist. Im +Gespräch sagte ich das einmal meinem Herrn Principal, und er wünschte +dergleichen Saamen zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen zu +verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem Jäger (wenn er +nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn in seinem, und auch in meinen +Namen sehr bitten, und ihm sagen, daß mir eine große sehr große +Gefälligkeit damit geschähe, und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten +bereit sey --) =Ein Loth Lerchen Saamen= zu verschaffen, gegen =baare +Bezahlung=, die ich Ihn vor der Hand auszulegen bitte, die ich aber +gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken werde: sich aber zugleich +bei eben dem Jäger =genau= und =sorgfältig= zu erkundigen, =wenn=? +(ob im Frühlinge, oder Herbst) und =wie=? (ob dichte, oder dünne) +der Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders =was vor Boden=, ob +=leimigten=, oder =schwarzen schweren=, oder =sandigten= erfordert: +und mir =so bald als möglich= mit der Post den Saamen, nebst dieser +Nachricht, genau und deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er +kostet. + +Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große Gefälligkeit. +Suche Er also ja mir sowohl den Saamen, als die dazu gehörigen Nachrichten +zu verschaffen. Sollte, wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht +weggeben wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen, es +bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn Pfarrer Wagner, +nebst vielen Empfehlungen von mir, die Sache zu übernehmen, der ihn +vielleicht eher erhalten wird. Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige +Antwort aus. Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche, +beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße alles mein +Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten Achtung + + Ihr + Gehorsamer Sohn + _Fichte_. + +Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter, und Herrn Bruder. Ich +bitte auf jeden Fall um baldige Antwort. + + Dieser zweite Brief mit der Aufschrift: + + Herrn + Herrn _=Fichte=_ + in + =Rammenau=., + + ist aus Wolfishein, wo Fichte Hauslehrer gewesen sein muß. Ein + »Wolfshain« oder »Wolfshayn«, welches wohl hier gemeint ist, liegt + 2¾ Stunden östlich von Leipzig; das dortige Rittergut kaufte um die + Mitte des vorigen Jahrhunderts Buchdrucker Breitkopf. Außerdem giebt + es ein »Wolffshain« in der Niederlausitz, 5 St. östlich von Spremberg. + Ueber diese Zeit seines Lebens berichtet sein Sohn nur (I, 27): »Von + seinen äußern wechselnden Verhältnissen um diese Zeit wissen wir nur + Einzelnes und Abgerissenes.« Der in dem Briefe erwähnte Herr Bursche + wohnte nach anderen Briefen in Pulsnitz und war Seifensieder; der + Pfarrer Wagner war der um Fichte hoch verdiente Pastor zu Rammenau. + Hier ist nämlich ein doppelter Irrthum der Biographie zu berichtigen. + Dieselbe (I, 7 f.) nennt diesen Mann =Diendorf=. -- Es gab aber in + Rammenau nur einen Pfarrer _M._ Johann Gottfried =Dinndorf= -- so habe + ich selbst den Namen in dem Kirchenbuche gelesen -- und dieser starb, + nachdem er ziemlich 53 Jahre sein Amt verwaltet, am 19. März 1764, + also kaum zwei Jahre nach Fichte's Geburt. Auf ihn folgte zunächst + _M._ Karl Christoph Nestler, und auf diesen am 5. August 1770 Adam + Gottlob Wagner. Derselbe war, wie mir Herr Pastor Werner in Rammenau + mündlich mittheilte, vorher Erzieher auf dem herrschaftlichen Schlosse + gewesen und daher mit den Ortsverhältnissen und den Dorfbewohnern wohl + bekannt; und so empfahl er später den etwa zehnjährigen Fichte dem + Herrn von Miltitz, der gewünscht hatte, eine von Wagners Predigten zu + hören. Aber selbst hiervon abgesehen, und ein noch geringeres Alter + angenommen -- wie der Biograph sagt: »der Knabe mochte bereits acht + oder neun Jahre alt geworden sein« --, kann immer nur an Wagner + gedacht werden. Auch war derselbe, wie ich selbst von andern + Seiten in der Lausitz gehört habe, als Prediger berühmt. -- Jene + Namensverwechslung kann, wie Herr Pastor Werner vermuthet, vielleicht + dadurch entstanden sein, daß Fichte wohl zuweilen seiner Familie von + dem alten wackern, zu seiner Zeit noch nicht vergessenen, Dinndorf + erzählt haben mag, der während seiner langen Amtsführung gar Vieles + erlebt hatte, z. B. den siebenjährigen Krieg, einen Neubau der Kirche + u. s. w., und der ein unermüdlich fleißiger Prediger war, denn er + soll während seines Lebens beinahe 8000 Mal gepredigt haben. -- Der + damalige Gutsherr von Rammenau wird in der Biographie (I, 7) Graf von + Hoffmannsegg genannt. Genau genommen aber hieß er damals nur Johann + Albericus von Hoffmann und war Geheimer Cabinets-Assistenzrath; denn + erst 1779 wurde er unter dem Namen Hoffmannsegg (er soll einen mit + einer Egge verbundenen Pflug erfunden haben) in den Reichsgrafenstand + erhoben. -- Uebrigens ist bemerkenswerth, wie in Fichte's Briefen mit + der Zeit die Anreden wechseln: im ersten Briefe nennt Fichte seinen + Vater, »Ihr«, in diesem »Er«, in allen ferneren aber nach unserer + Weise »Sie«. + + Im Sommer 1788 ging Fichte nach Zürich, wo er anderthalb Jahre + Erzieher im Hause eines angesehenen Gasthofbesitzers, Namens Ott, war + (I, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab + und traf in der ersten Hälfte des Mai in Leipzig ein, wo er den + folgenden Brief an seine Eltern schrieb, welchem auf der Rückseite + desselben Blattes einer an seinen Bruder Gotthelf angefügt ist. + + + + +3a. + + + Leipzig. d. 20. Jun. 90. + + Liebste Eltern, + +Ich bin seit 6. Wochen, und drüber, in Leipzig. Wenn ich es Ihnen nicht +eher meldete, so kam es blos daher, weil ich keine Gelegenheit; und wenn +Gelegenheit, keine Zeit hatte. + +Ich bin 7. Wochen auf der Reise gewesen: bin sehr gesund und angenehm +gereißt: habe viel schönes gesehen und viel große Männer kennen gelernt. +Jetzt habe ich keine =bestimmten= Aussichten: Hofnungen und Versprechungen +genug, aber noch nichts sicher. Sobald sich welche finden werden; sobald +ich meinen Aufenthalt verändern werde, werde ich nicht ermangeln, es +Ihnen zu melden. Lieber wäre es mir fast, wenn ich etwa ein Jahr in +Leipzig bleiben könnte. Könnte ich dies möglich machen, so würde ich die +vortheilhaftesten Anträge ausschlagen. + +Mein Plan ist noch der ehemalige. Nur will ich nicht mehr zu Kindern; +sonst könnte ich längst eine Stelle haben. Ich will reisen, oder an +einen Hof. -- Sollte dies etwa Jemand nicht begreifen können: so -- +wundert mich das nicht. Wenn ich es nur begreife. + +Ich bin mit höchster Ehre von Zürich abgegangen. Weise ist mehr als je, +mein Freund. Der Hr. von Miltitz ist gut auf mich zu sprechen. Ich +wechsele Briefe von Zürich bis Coppenhagen -- und mit großen Personen. + +Ich gehe einen Weg es entweder sehr hoch zu bringen, oder ganz zu +verlieren, sagt ein hiesiger Professor, der mein Freund ist. -- Er hat +recht; aber ich hoffe das erstere; und würde das letztere ertragen. + +Den gewöhnlichen Weg schleichen -- mich auf eine Dorfpfarre setzen, kann +ich einmal nicht, und Gott, der mir diesen Sinn gab, weiß, daß ich es +nicht kann. + +Ich bitte Sie, mich in Ihrem gütigen Andenken zu behalten, und zu +glauben, daß ich unverändert bin + + Ihr + gehorsamer Sohn + Gottlieb. + +_P. S._ Es thut mir leid, daß ich diesen Brief nicht frankiren kann. Ich +schike ihn durch Einschluß bis Dreßden, gebe ihn also nicht hier auf die +Post. -- Aber über 1 Gr. 3 Pf. darf er nicht kosten, denn er kömmt von +Dreßden. + + + + +3b. + + + =Meinem Bruder Gotthelf.= + + Lieber Bruder, + +Daß ich wieder in meinem Vaterlande bin, wirst du nun wißen. -- Ich bin +gesund, -- gesünder, als ich vielleicht je war; das thut das Reisen -- +muthig, voll Lust und Hofnung. Aussichten, wie ich sie wünsche, habe ich +genug, aber ich erwarte sie mit Geduld, und Ergebung. Was mir am meisten +fehlt, sind Freunde. Mit gewöhnlichen Studenten mag ich keinen Umgang +haben; meine alten Freunde sind alle weg: ich wünsche also oft Dich zu +mir, um so ein Gespräch zu führen, wie wir es im Jahr 88 oft hatten. Mit +den wenigsten Menschen komme ich im vertrauten Umgange zu rechte. In Dir +hatte mir die Natur einen Freund gegeben, wie ich ihn bedarf. Warum +musten so verschiedene Lebensarten, und solche Entfernungen uns trennen? + +Erseze, was dem mündlichen Umgange fehlt, durch Briefe. Schreib mir oft, +und so viel Du willst und kannst. Ich werde Deine Briefe gern lesen, und +beantworten. -- Da Du aber nicht postmäßig schreiben kannst, und da ich +wünsche, daß Du mir große Briefe schriebest, so gieb sie den Fuhrleuten. +Ich wohne auf der =Fleischer Gaße, in Weinholds Hause, 1. Treppe hoch, +vorn heraus=. + +Ich muß mich jezt mit Bücherschreiben ernähren; wenn ich leben will. Das +ist mir denn nun keine angenehme Arbeit. Will ich was gutes, nüzliches, +schönes schreiben, wie ich wohl möchte, und könnte, so erfordert es viel +Zeit, und -- der Buchhändler will nichts nüzliches. Schreibe ich, wie +der Buchhändler es gern hat, leichte Waare, Mode Zeug, so macht mir das +weder Ehre, noch Vergnügen. + +Zur Zeit ist noch nichts erschienen, aber auf die Michaelis-Meße wird +einiges von mir die Preße verlassen. + +Sehen möchte ich Dich, und die übrigen aus dem Hause, die mich lieben, +wohl gern einmal. Aber -- ich hänge in Ansehung des Reisens von meinem +Beutel ab, und der verträgt jetzt keine Reise. Auf Michaelis =vielleicht= +komme ich -- nicht nach Rammenau; dahin in meinem Leben schwerlich +wieder -- sondern in eure Nähe, wo mich sehen können, die mich sehen +wollen. + +Leb recht wohl. Ich bin Dein + + Dich herzlich liebender Bruder + Gottlieb. + + »Weise« ist ohne Zweifel der Kreissteuerrath Weiße, sein treuer + Beschützer, der ihm auch die Stelle in der Schweiz verschafft hatte. + Der Freiherr von Miltitz war der Edelmann, der so väterlich für + Fichte's Ausbildung sorgte. Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst + mit nach seinem Schlosse =Siebeneichen= bei Meißen an der Elbe, + welches in der Biographie (I, 9) auch ganz richtig beschrieben ist, + obwohl daselbst »Oberau« genannt ist, was aber östlich abseits der + Elbe liegt. Herr Pastor Carl Gottfried Beer in Niederau schreibt mir + darüber: »Auf Park und Schloß zu Oberau paßt die Beschreibung gar + nicht. -- Oberau und Niederau gehörten früher mit zu dem manchmal so + genannten Miltitzer Ländchen, und die letzten Besitzer dieses Namens + haben auch in Oberau gewohnt.« Sodann wurde Fichte dem Prediger in + Niederau anvertraut, bei dem er seine schönsten Jugendjahre verlebte. + Der Biograph sagt: »Leider wissen wir den Namen des trefflichen Mannes + nicht, wol aber erinnern wir uns, daß Fichte noch in seinen spätern + Jahren mit Rührung und herzlichem Danke des frommen Predigerpaars + gedachte.« Herr Pfarrer Beer, den ich um Auskunft ersuchte, macht mir + die dankenswerthe Mittheilung: »Der Pfarrer hieß Gotthold Leberecht + Krebel, starb 1795, nachdem er 31 Jahr, von 1764 an, Pastor der + Gemeinde zu Niederau gewesen. -- In meinem Garten stehen zwei Linden + und hinter demselben dicht an der Mauer noch zwei. Von diesen sagte + mir mein alter ehrwürdiger Schulmeister, den ich 1823 bei Antritt + meines Amts in Niederau fand: Diese Linden hat ein Knabe gepflanzt, + der bei dem seligen Krebel in Kost und Lehre gewesen ist; der Knabe + hat Fichte geheißen. So erzählte mein alter Hase, der übrigens weiter + nichts von Fichte und dessen Schicksalen gehört oder gelesen hatte.« + Nach »Sachsens Kirchen-Galerie« 1. Band (Dresden, Schmidt 1837), + S. 125 -- wo übrigens, wie ich nachträglich finde, auch schon Pastor + Krebel als derjenige genannt ist, bei dem Fichte einen Theil seiner + Knabenjahre verlebte -- war dieser Johann Georg Haase, geb. 1764 in + Würschnitz bei Radeberg, seit 1787 Lehrer in Niederau: also erst + nachdem Fichte längst weg war, wie auch die Perfect-Form der + Zeitwörter in seinem angeführten Berichte bestätigt. In Bezug endlich + auf den Freiherrn von Miltitz, dessen Name in der Biographie auch + nicht genauer bezeichnet ist, bemerkt Herr Pastor Beer: »Im Jahre 1774 + hat der _P._ Krebel aufgezeichnet: Am 5. März verstarb zu Pisa Herr + Ernst Haubold von Miltitz &c. und ist zu Livorno christlich beerdigt + worden. Ein Vierteljahr darauf starb des gedachten Herrn von M. + einzige Tochter im fünften Lebensjahre, und ist auf dem Kirchhofe zu + Oberau beerdigt worden. -- Der genannte Herr von M. war nur 34½ Jahr + alt geworden; zur Pflege seiner Gesundheit nach Italien gegangen, + hatte er daselbst einer langwierigen Krankheit unterliegen müssen. + Dieser ist wahrscheinlich der Gönner, der sich um Fichte so verdient + gemacht hat.« -- Nach dem Kirchenbuche zu Rammenau war ein Pathe des + 1766 in der katholischen Hofkirche zu Dresden getauften Johann + Centurius von Hoffmannesegg: »der hochwohlgeborene Herr Ernst Haubold + von Miltitz, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr zu Oberau, Niederau, + Siebeneichen und Bazdorf, Churfürstl. Sächß. Obrist-Lieutenant und + Amts-Hauptmann des Meißnischen Creyßes«. Dieser kann aber wohl kaum + ein und derselbe mit dem obigen sein, sondern vielleicht der + gleichnamige Vater desselben. -- Wie sehr ihm Freunde fehlten, spricht + Fichte auch in einem Briefe nach der Schweiz vom 8. Juni aus (I, 71); + in demselben Briefe (I, 74) macht er den Buchhändlern ähnliche + Vorwürfe wie hier. Das Werk, was er zum Drucke vorbereitete, war eine + Schrift über Kants Kritik der Urtheilskraft, die aber nie gedruckt + ward (I, 96 f. 99 f. 105 f. 108 f. 111 ff.), deren Ausarbeitung seinen + durch das Studium der Kant'schen Philosophie bewirkten Uebergang von + Spinoza'schem Determinismus zur Anerkennung persönlicher Freiheit + bezeichnet. + + Gotthelf ist sein Liebling unter seinen Brüdern, neben dem nur noch + Gottlob öfters erwähnt wird; seiner -- nächst seinem stets am höchsten + verehrten Vater -- gedenkt er auch in dem Tagebuche über seine Reise + nach Warschau besonders herzlich (I, 119); ihn macht er schon hier + sanft auf einen Fehler aufmerksam; ihn sucht er, wie wir später sehen + werden, ganz zu sich heran zu bilden. An ihn ist auch der folgende + Brief gerichtet, in welchem er mit größter Offenheit über die -- an + sich wohl ganz erklärlichen, ja von einem beschränkten Standpunkte aus + sogar natürlichen -- Erwartungen und Zumuthungen von Seiten seiner + Familie (an denen namentlich seine Mutter wesentlichen Antheil hatte; + vgl. unten den 12. Brief) seinem Herzen Luft macht, welches hier, + erfreulicher Weise nur vorübergehend, einen ziemlich hohen Grad von + bitterer Gereiztheit zeigt, da er wie Faust »in seinem dunkeln Drange + sich seines rechten Weges wohl bewußt« war. Diesem Bruder hatte er + auch, wie der Anfang dieses Briefes anzudeuten scheint, seine + Vertheidigung gegen jene Anforderungen aufgetragen, welche freilich + nicht gelang. + + + + +4. + + + Leipzig, d. 3. Jenner. 1791. + +Erst gestern, mein lieber Bruder, habe ich Deinen Brief erhalten, und +heute antworte ich Dir, weil morgen Posttag ist. Schon fing ich an zu +glauben, mein lezter Brief sei zu hart gewesen; er reute mich, und ich +war im Begrif in einem gelindern Tone mich zu beklagen. + +Dank Dir, Bruder, daß Du Deine Aufträge so richtig ausgerichtet hast, +daß er mich eben nicht mehr reuen darf. -- Doch reut er mich auch noch. +Ich habe Worte verlohren. + +Ich fragte nicht etwan an, =ob= man meine Maasregeln billigte? Es +scheint, man hat meinen Brief falsch verstanden. Das weiß ich allemal +schon vorher, daß nie etwas wird gebilligt werden, was ich thue; und +dies ist nun eben auch mein geringster Kummer. Aber wie wäre auch das zu +billigen, daß ich schon wieder nicht in meinem =Dienste= geblieben bin; +daß ich wieder keinen =Herrn= habe? Die Leute haben in ihrer Art ganz +Recht. -- Ich fragte nur, ob man mir etwan =deswegen= nicht schriebe, +=weil= man meine Maasregeln nicht billigte? Daß es mich verdroß, daß +man that, als ob ich gar nicht mehr in der Welt war, läugne ich nicht. +Daß Du selbst, Bruder, so in ganzem Ernste die Nachlässigkeit im +Briefschreiben auf mich zurükschieben; daß Du das ohne Erröthen +niederschreiben; daß Du Deine Feder dazu leihen konntest, wundert mich +doch. »=Ich würde nicht geschrieben haben, wenn man mich nicht aufgesucht +hätte=« -- Ei! wer ist denn so klug, daß er weiß, was ich gethan haben +=würde=? Ich kann im Gegentheil versichern, daß ich darum keinen Tag +eher, und keinen später geschrieben hatte. Ich schrieb, sobald ich +=konnte= (im eigentlichen Sinne des Wortes =konnte=) Hätte ich eher +gekonnt, so hätte ich es eher gethan: hätte ich auch dann noch nicht +gekonnt, so hätte es auch dann bleiben müßen. Wer hat denn aber seitdem +auf 3. bis 4. Briefe aus der Schweiz -- auf den, den ich sogleich nach +meiner Ankunft in Leipzig schrieb, nicht geantwortet? mir nicht einmal +einen Empfangsschein zugeschikt? Wüste ich nicht sicher, daß sie richtig +abgegeben wären, so müste ich fest glauben, sie seien untergeschlagen. + +Denen es so sehr leid thut, daß ich nicht mehr in der Schweiz bin, will +ich den Gefallen auch thun. =Ich reise Anfangs Aprills wieder in die +Schweiz zurük, um nie wieder nach Sachsen zu kommen.= -- Was will man +denn wohl mit diesem Bedauern? mit diesem Verheimlichen? Du hättest mich +Dir sehr verbindlich gemacht, wenn Du mir die Ursachen davon geschrieben +hättest. Nimmt man vielleicht die Maske, als ob es einem um meine +Wohlfahrt sei? O, wer kann denn über meine Wohlfahrt aus seinem engen +Gesichtspuncte so dreist urtheilen? Wer weiß denn die Gründe meines +Abgehens in der Schweiz? wer weiß denn das, was mich bewogen hat, wieder +nach Leipzig zu gehn? wer weiß denn, wie es mir in Leipzig geht? Man muß +scharfsinniger sein, als ich bis jetzt gewust habe. -- Oder ist es ihnen +nur darum zu thun, mich recht weit von sich zu wißen? O! ich mag weit +oder nahe sein, so sind sie immer sehr sicher, daß ich mich ihnen nicht +nahe. Laß sie glauben, ich bin gar tod; das ist noch weiter als die +Schweiz. -- Oder ist ihnen nur das zuwider, daß sie nicht mit mir, +nach ihrer Art, Staat machen können? Mögen sie doch immer sagen, +ich sei irgendwo ein Dorf Pfarrer. Ich werde nicht kommen, und ihnen +widersprechen. -- Beßer konnte man nicht sagen, daß man sich meiner +schäme. Aber laß sie es immer sagen. Ich will mich ihrer nicht schämen. + +Daß man mein Glück wünscht, würde mich noch mehr freuen, wenn man mir +zugleich, -- mir, der ich schon längst mündig bin, der ich wohl etwas +von der Welt kennen sollte, der ich wenigstens eben so viel weiß, als +sie -- erlauben wollte, es nach meiner Art zu suchen. + +Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so pünctlich aus, als Du +Dich derjenigen an mich erledigt zu haben scheinst. Jezt blos an Dich. + +Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger gezielt, als +auf Dich. Du bist jung und =Dir= war eine solche Nachläßigkeit im +Briefschreiben eher zu verzeihen. Daß ein Brief an mich entworfen +gewesen ist, glaube ich. Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in +Dreßden sei, war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm zu +glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter die Augen zu +gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht ermangelt haben, meinen +Aufenthalt zu wißen zu thun. Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß, +wenn ich meinen Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es +eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft in Leipzig +meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen, wie ich +nicht glauben will, so gründen sich doch alle diese Muthmaaßungen auf +eine sehr verkehrte Meinung von meinem Character, und diese freut micht +nicht. In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich habe nicht +geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand zu versteken. + +Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere ich Dich mit +eben der Offenheit, mit der ich Dir es frei heraussagen würde, wenn Du +bei mir verloren hättest. Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige +gute Seele fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte, +wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben! und dann +erhalte mir Deine Freundschaft auch in der Entfernung; ob es gleich +nicht scheint, daß wir einander in diesem Leben wiedersehen werden. + +In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten, wie jezt. So +oft Du mir schreibst, erhältst Du den nächsten Posttag Antwort. Schreibst +Du mir nicht, so hast Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu +rechnen. Worum Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher, +und gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber sage ich +nichts. So hast Du z. B. jezt auf keine Nachricht über meine Lage, +Pläne, Aussichten zu rechnen, weil Du mich nicht darum gefragt hast. +Verändert sich mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, =wenn +du es verlangst=. So wollte ich Dir z. B. wohl rathen, wenn Dir oder +irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder Verbindung mit mir +gelegen ist, mir noch vor Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich +aus Sachsen, ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin. + +Mein guter Vater -- Du weißt es, wie sehr ich ihn immer geliebt habe -- +dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben so leidenvoll war, nicht einst den +Rest seiner Tage versüßen, und seinen vortreflichen Umgang genießen +soll: Du dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen +Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas zu +verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung; Dich seh' ich +vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten Vater höchst +wahrscheinlich nur in beßern Welten, in denen seine Thränen abtroknen +und sein Leiden enden wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen +theuern Vater herzlich, und sage ihm, aber =allein=, wie ich gegen ihn +denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders handeln könne. + +Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum Theil aus Deinem +Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung ist. Aber, erlaube einem +ältern Dich herzlich liebenden Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit +immer bescheiden ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein +ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal; wenn du =auf obige +Bedingungen= den Briefwechßel fortsezen willst. -- Grüße meine Eltern +und Geschwister herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder. + + J. G. Fichte. + +Meine Adreße ist bis Ende Merzes =Leipzig, auf der Schloßgaße neben dem +Petrino in Brauns Hause 3. Treppen=. + + Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum + interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten + Beziehungen auch Fichte's Studium der Philosophie und seine + Herzensverhältnisse bespricht. + + Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben (so + scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt. + Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe vom + 1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77), »seit ein + paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen sehr guten + Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer durch den Mangel + eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt in unstetem + Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung bereits + beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet und in diesem + deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr. und noch am 1. März an + seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98 f.), das beweist der Schluß + dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal bei einem so auf + sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß, keiner + Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung, + daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere Seele an + sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher Ruhe sich + vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei zu beachten, + daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier Jahre älteren + Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich steigernde und + mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung (I, 39 ff.). + Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung der + erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe an seine Braut + vom 1. März 1791 (I, 99 f.) allerdings etwas dunkel beschriebene + Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein. + + + + +5. + + + Leipzig d. 5. Merz. 1791. + + Mein lieber Bruder, + +Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten (denn entweder Du +datirst Deine Briefe falsch, oder giebst sie erst spät auf die Post). +Jezt habe ich die erste freie Stunde, und sogleich seze ich mich her, +Dir zu antworten, und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum Abgange +der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute mein Brief ab. Endlich +habe ich einen Brief von Dir gelesen, wie ich sie von Dir zu lesen +wünsche...... [Lücke] .. Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst, +und ich fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben, den die +Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so wunderbar ähnlich +schuf. Ich werde Dich immer lieben; nichts hat mein Herz gegen Dich +erkältet, denn die letztern Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines +Herzens, sondern auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels an Welt- +und Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn =ich= solche Fehler nicht +verzeihen könnte? + +Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr im Februar +vorigen Jahres aus Zürich geschrieben war, und worinn ich meinen +Entschluß wieder nach Sachsen zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht, +daß Fritsche aus seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen +zurükbehalten hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu +haben =geschienen=; aber es nicht =gehabt=. Aber da niemand allwißend +ist, so bitte ich, =aber nur in diesem Falle=, um Verzeihung. -- Ich +werde inzwischen die Sache mit den Briefen untersuchen. Ich verlies +Zürich, weil es mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in +dem Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von Anfange +an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte mit starrköpfigten +Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen, und sie gewaltiger Weise +gezwungen hatte, mich zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon +angekündigt; welchen zu widerrufen =ich= zu stolz, und =sie= zu +furchtsam waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge +anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens bin ich mit großer +Ehre von ihnen weggegangen: man hat mich dringend empfohlen; und noch +jezt stehe ich mit dem Hause im Briefwechsel. + +Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und Plänen von Zürich: +nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern um in Leipzig den Erfolg meiner +großen Pläne abzuwarten. Ich hatte ... [Lücke] .... und war daselbst +höher ... [Lücke] ... Auf meiner Reise lernte ich große Personen kennen, +die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe genug, um mir viel +zuzutrauen. Ich war von Zürich aus dringend an den _Premier Ministre_ in +Dänemark, Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u. s. w. empfohlen. +Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister Stelle in Coppenhagen. +-- Zu gleicher Zeit schrieb mir eine vornehme Dame aus Weimar: sie +arbeite, und habe Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. -- Im kurzen +scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung nahe. +Aus Verdruß warf ich mich in die =Kantische= Philosophie (vielleicht ist +Dir der Name einmal in einem der Bücher, die Du liesest, vorgekommen) +die eben so herzerhebend, als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine +Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs +Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich je verlebt +habe. Von einem Tage zum andern verlegen um Brod war ich dennoch damals +vielleicht einer der glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der +Erden. -- Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar +warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet +habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte +Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke. + +Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen ich in Zürich sehr +genau bekannt war, war das, eines Mannes von ohngefähr 70. Jahren, der +mit dem besten Herzen viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und +Menschenkenntniß vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten +Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend zurükversezt. Er +liebte mich, als ein Vater; und verehrte mich höher, als es meine +Verdienste, oder seine Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte +eine einzige Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch +nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters, und die von +Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen ihres Vaters anzusehen. War +es ein Wunder, daß, =ganz ohne mein Zuthun=, der Liebling des Vaters +auch der der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig +genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken, die noch dazu mir eben +nicht verholen wurden? Mein Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon +längst daraus vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu +begehren. -- Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander unbestimmte +Versprechungen gemacht, und einen beständigen Briefwechsel verabredet +hatten. Dieser Briefwechsel wurde von Ihrer Seite immer dringender, und +zärtlicher. Endlich -- und das fiel in jene Periode meiner Philosophie, +meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit gegen +allen Glanz der Welt -- schrieb sie mir, ich solle, da meine Aussichten +scheiterten, zu ihr nach Zürich kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre +Arme stünden mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung +keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie mich in der Mitte des +Aprills, und will sich sogleich bei meiner Ankunft mit mir verheirathen. +Ihr Vater hat mich in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist +die edelste, treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist +dabei sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen +geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen, und ich hätte die +Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren abzuwarten, bis ich entweder +als Schriftsteller, oder in einem öffentlichen Amte, welches ich durch +die Empfehlung einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel +von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas haben, wohl +erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten könnte. -- Ich bin +seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen Antrag zu ergreifen; und +noch da ich meinen leztern Brief schrieb, war ich der Meynung, und +schrieb daher, daß ich zu Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von +einer andern Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen +Durst in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer +nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer eine gewagte +Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu haben; und endlich fühle +ich zu viel Kraft und Trieb in mir, um mir durch eine Verheirathung +gleichsam die Flügel abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem +ich nie wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen, +mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu verleben. -- Ich bin also +seit einiger Zeit sehr unentschloßen, ob ich gehen werde. + +Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen werde. Ich habe +mehreren Männern hier in Leipzig, die sich für mich intereßiren, gesagt: +daß ich ihnen für ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige +Aussichten habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil +meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich mich der +Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr beschwerlich werden +würde; weil ich ihr die in meiner Seele vorgegangene Veränderung nicht +plözlich sagen, sondern sie allmählich darauf vorbereiten will. -- Muß +ich aber Leipzig verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden. +Davon unten ein mehreres. + + Der Schluß des Schreibens fehlt. + + Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt + die Aufschrift: + + Dem + Herrn _Fichte_ + Krämer + in + _Rammenau_ + _p. Bischofswerda_. + + d. Einschluß bis Querfurt. + + und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach + Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich + Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war. + + + + +6. + + + Theuerste Eltern; + +Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg aus geschrieben, +ich ersehe aber aus der erst vor zwei Tagen eingelaufenen Antwort meines +Correspondenten in Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses +Jahres können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr geändert, +und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach Sachsen schreibe, um +Sie davon zu benachrichtigen. Ich habe nemlich meinen Ekel gegen das +Hofmeister Leben noch einmal überwunden, und lebe seit October vorigen +Jahrs =in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen= hart an der Ost See, +6. Meilen westwärts Danzig als Führer des Sohns des Königl. Preußischen +Obrist Grafen von Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht +gereut, und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in einem Hause, +das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer Gräfinn durch eine +wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt, und geliebt; habe Aussichten, +wenn ich je daran denken sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer +haben kann; und beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten. +Macht Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten Sie hierdurch +die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe als ..... [ist +abgerissen] ..... + +Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich meiner +freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon benachrichtigen, so +geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße =Krockow, bei Neustadt in +West-Preußen= etwa in Frankfurt an der Oder auf die Post -- aber +postmäßig gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. -- Ich werde +nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig Kosten als möglich, +Nachricht von mir zu geben. + +Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre ich meines +brüderlichen freundschaftlichen Andenkens. Dies einzige thut mir leid, +daß ich keine Aussicht habe, eines von Ihnen so bald wieder zu sehen. +Ich werde meine vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf +eine geraume Zeit beschließen. -- Auch den Herrn Pastor Wagner bitte ich +freundschaftlich von mir zu grüßen. Es ist jezt meine angelegenste +Sorge, und vielleicht begünstigt sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen +Umstände auf so eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden +([Zusatz am Rande:] die sich in manchen Ländern der Erde höher belaufen, +als man glauben sollte) bezahlen, und dann die heilige Pflicht meiner +geliebten Eltern Schiksal wenigstens in etwas zu versüßen, beobachten +kann. + +Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der kindlichen Liebe +Dankbarkeit und Ergebenheit .... [abgerissen] + + Der folgende Brief mit der Aufschrift: »Meinen theuersten Eltern«, + also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem + Hause seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur + Frau hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna + Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte, + kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38 ff. 148; vgl. Fichte's + eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre + Briefe an Charlotte von Schiller II, 402 ff.). Er hoffte schon im + April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden; + aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen + Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen + vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die + Vermuthung aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der + Schweiz wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz + unwahrscheinlich, da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in + Leipzig war und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden + abreiste (I, 118). + + + + +7. + + + Theuerste Eltern, + +Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund in Zürich +angekommen, und habe meine Geliebte, ihren Vater, ihre Familie voll +Liebe, Freundschaft und Achtung für mich getroffen. Ein Umstand hat +unsre wirkliche Verbindung aufgehalten, und hält sie leider! noch auf. +Der Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie vielleicht um +eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe bitten, die Sie mir mündlich +schon gegeben haben. + +Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen, und wünscht nichts +inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen könne, Ihnen den Abend +des Lebens zu versüßen -- Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine +vortrefliche Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine +ausgebreitete und große Verbindung mit allem was in Teutschland +angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme -- ich, der ich +schon auf meinen Reisen nicht unwichtige Freundschaften geschlossen +habe. + +Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister, die ich +bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern. + +Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die Post ab. + + Zürich, im Waaghause + d. 26. Jun. 1793. + + Ihr + gehorsamer Sohn + J. Gottlieb Fichte. + + Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten der + damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung + eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem 16. + Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der Bitte + um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe + zu seiner Trauung (II, 418). + + Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor nach + Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und schon am 23. + seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26. Morgens von 6-7 + Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr ihn nun auch dieses + neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch Zeit, an seinen schon + oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und mit einer Art von + väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger Ausbildung zu + zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe von Briefen gerichtet, + welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend sind durch die + psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit, womit der + ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines Wesens, + seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel zur + Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel + aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen + und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu + sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von + trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine + Nüchternheit, womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein + ankündigt, daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den + obwaltenden Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet + sich dasselbe nicht angegeben) u. s. w. nicht mehr als eben nur ein + Versuch sein könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche + Entschiedenheit, womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig + Abzulegende wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, -- eine + Entschiedenheit, die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen + der Erziehung um so weniger gern gesehen wird, mit je größerer + Ueberzeugungstreue und Festigkeit sie auftritt, -- eine Entschiedenheit, + deren Berechtigung auch damals dem Bruder, gegen den sie geltend + gemacht wurde, nicht immer so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja + selbst der Gattin Fichte's, deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit + beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14). + So anziehend aber diese echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist + des Mannes Strenge, der als Erzieher auch gegen den Bruder von den + ernsten Anforderungen nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte. + + + + +8. + + +Meinem Bruder Gotthelf. + + Jena, d. 24. Jun. 1794. + + Mein lieber Bruder, + +Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung vorgelegt, +manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte angesehen. -- Dahin +gehören die =gelehrten Sprachen=. In Erlernung derselben hat ein schon +gebildeter Kopf allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt +besser die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat auch +=Nachtheile=. Das mechanische Lernen bloßer Schalle, wie die Wörter +sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil hat er, an dessen +Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die =Verhärtung der Sprachorgane= zur +Hervorbringung der richtigen Töne, besonders in der Französischen +Sprache; wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da Dein +mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und noch dazu das +höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische ist. Ich selbst, der ich doch +von meiner ersten Kindheit an aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt, +selbst meine teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein +Geburtsland nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können. Französisch gut +sprechen habe ich nie lernen können; eben um dieser Muttersprache +Willen; und Du wirst nie auch soweit kommen, um einem Franzosen Dich +verständlich zu machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln +will: (nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das =Ohr= wird +verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) -- Ferner ist ein +Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt, das einem Gelehrten, +der zur höhern Klasse gehören, und nicht unter den gemeinen gelehrten +Handwerkern verbleiben will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger +wird. Denn der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere +Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die Sache wieder +weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem Punkte fehlt, den macht man +lächerlich, eben darum, weil man die Uebermacht des Gelehrten unwillig +mit ansieht; und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst Dir +das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer Deiner Sphäre +liegt. -- Ein solches feines Betragen nun lernt in spätern Jahren sich +nie; denn die Eindrüke der ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir +sieht man die meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein +sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in Schulpforta, unter +meist besser erzognen Kindern, mein frühes Tanzenlernen u. s. w. Und +dennoch hatte ich noch nach meinem Abgange von der Universität einige +bäurische Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele +Hofmeisterieren, in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders +die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben. Und weiß ich +denn, ob sie ganz vertilgt sind? --) Das also ist der Hauptpunkt, über +den wir nie kommen werden; und das -- gesteh ich -- thut mir weh, weil +ich die Wichtigkeit davon einsehe, die Du nicht siehst. + +Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. Gesezt, es geht nicht, +so kann es nicht schaden, daß Du wenigstens mit einigen Seiten der +höhern Stände bekannt werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir +in mancher Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage an: +=ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust=, um, wie es seyn muß, ohne +Beklemmung in Deinen jetzigen Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle +mir, =bei gehöriger Seelen Größe=, einen solchen Zustand, als sehr +angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten der höhern Stände +aus Erfahrung, und ist in dem seinigen desto zufriedener. + +Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß ich Dich spreche, kaum +in irgend etwas näher von Deinem Zustande werde belehrt werden, als ich +es schon jezt bin, so freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen; +theils erwarte ich von Dir einige Winke, =wohin= ich Dich zuerst thun +müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und Deine Sitten zu bilden +([Zusatz am Rande:] ehe dieses geschehen ist, kann ich Dich auch nicht +einmal bei mir haben, weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten, +auf mich selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen, +ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen faßt. Dies kann ein paar +Jahre dauren. Und Du brauchst vor der Hand weniger einen Lehrer, als +eine =Erzieherin=. Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das +weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß das in einer +=Stadt=, und zwar in einer schon etwas großen Stadt geschehen, und da +kenne ich denn weder =Stadt=, noch =Haus=, in die ich Dich thun könnte. +Hier in der Nähe wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals =Weimar= +der Ort. =Tanzen= lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn Du dann so +gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft erscheinen könntest, +so nähme ich Dich in mein Haus: und =dann= wollten wir wohl sehen. -- +Aber ob es dahin je kommen werde, das ist eben die Frage. + +Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir dieses verursachen +könnte, das muß ich Dir beantworten. -- Du irrst, wenn Du glaubst, daß +er gering seyn werde; weil Du die Sache nur =einseitig=; nur von der +Seite des =Lernens= ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt, +=wie viel= zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff hast. Aber es +ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es ist von ganzer =sittlicher +Bildung= die Rede; und diese kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man +schon so lange her =verbildet= ist. Du wirst aus dem, was ich oben über +diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen Schluß machen +können. Aber das thut nichts zur Sache. Was ich mir vornehme, das +=muß= seyn; und dazu =muß= das Geld =mir= werden; das wißt ihr ja aus +vielfältiger Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über +diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich auch eine +starke =Ausgabe= haben; denn das geht hier zu Jena stets mit einander, +und ist nicht zu trennen. -- Aber arbeiten muß ich schon jezt, und werde +ich müßen, wie noch nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat. + +Vom =wiedergeben= an mich, wovon Du auch redest, kann nie die Frage +seyn: und ich will Dir im Fall der Möglichkeit sogleich jetzo feierlich +eine Anweisung geben. Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas +gethan, gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter zu +verschaffen -- besonders unserm guten Vater, der in seinem mühevollen +Leben ein frohes Alter gar wohl verdient hätte. An diesen gieb zurük, +wenn Dir Dein Plan gelingt; ich will unsern Eltern in Dir noch einen +Sohn geben, der für sie thue, was =ich= vor der Hand nicht thun kann. + +Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern komm gerade zu +mir: auf der =Bachgaße=, in der Spachmeisterin [so steht, ziemlich +deutlich, geschrieben; es soll wohl Sprachmeisterin heißen] Dyrr Hause +wohne ich. Ich weiß nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können, +da ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar Profeßoren den +Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur zwei Stuben inne habe. Aber +wir werden ja sehen! -- Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer +zu Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. nicht ..... +[dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese zwar immer; aber ich muß voraus +arbeiten wenn =ich= kann. -- Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf +dem Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest, +in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu meine Ursachen. +Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles finden. Wenn Du aber als +mein Bruder erscheinst, so verlangen die Häuser, mit denen ich näher +bekannt bin, und es sind deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt +mache: und das könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. -- + + Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt + angefügt gewesen. + + In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt wird, + mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem Schwiegervater + erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) ihm nach Jena + nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, mit der er + ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, daß, wie die + späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch nicht kannte, + obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen ist. + + Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des + Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte + auf seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht + blos Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der + Studirenden einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen + Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm + versteht sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines + ungebildeten Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm. + + + + +9. + + + =Meinem Bruder Gotthelf.= + + Jena, d. 4. August. 94. + +Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon lange geschrieben, wenn +ich Zeit gehabt hätte. Aber Du kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu +einem Briefe die nöthige Zeit nicht habe. + +Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du Kostgänger bei dem +ConRektor auf der Stadtschule zu Meisen, Herr _M._ Thieme, der in allen +Stüken für Dich sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens, +und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache, und in +der Geschichte. -- _M._ Kenzelmann wird immer Dein Freund seyn, und Dir +rathen. -- Richte Dich also ein, daß Du mit Anfange des Septembers in +Meisen bist. Was an den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. -- +Für Kleider, -- wobei Dir ohne Zweifel _M._ Kenzelmann mit seinem Rathe +an die Hand gehen wird; meinen Wunsch weißt Du; ja nicht =kostbar=, und +=theuer=, aber =modisch= -- und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C. R. +Thieme rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen Gelde +([Zusatz am Rand:] auch bezahlst Du davon den Tanzmeister, den Dir Hrr. +Thieme zuweisen wird.). Ich denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft, +denke ich, halten wir es so. -- Du bist verreis't, -- wer weiß es denn, +wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer auf dem Handel gewesen; +die andern Brüder sind auch auswärts, -- wer weiß denn, wo Du bist? Nur +hättest Du dann immer =schweigen= müßen. Habt ihr nicht =schweigen +können=, so ist die Sache freilich übel; und in diesem Falle bitte ich +Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich meine Maasregeln zu nehmen +wiße. + +Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache schon selbst +abzumachen wißen ([Zusatz am Rande:] bis dahin giebst Du Dein +=Schuzgeld=, wie vorher). =Gelingt es nicht=, so kannst Du ohne +Nachtheil, und Nachrede in Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt +es nicht, sagte ich -- denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster +Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen; ich muß +demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen. Du hältst den Sieg +schon für errungen: aber er ist es noch gar nicht. Wir wollen es erst +versuchen; und ich habe nie Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich +vernünftig bin, nicht mehr versprechen, als =daß ich den Versuch machen= +will + +1.) Wenn Du nicht wenigstens =hinlängliche Feinheit= der Sitten Dir +erwirbst, so kann, und will, und werde ich nichts für Dich thun; aus +Gründen, die ich Dir mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du +das wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du kannst +höchstens .... [behaupten?], daß Du es =willst=, Du weißt aber noch +nicht, ob Du es =können= wirst; und ich eben so wenig. + +2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur Verfeinerung Deiner +Sitten, als zur Erwerbung gründlicher Kenntniße im Wege, über den ich +endlich, nachdem ich mündlich Dir schon Winke genug gegeben, und ich an +Deinem Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig +mit Dir reden muß. -- Du traust Dir viel zu viel zu; hast eine viel zu +hohe Meinung von Dir: =und Du wirst daher diejenigen Männer=, denen ich +Dich jezt übergeben muß, =nicht achten=; -- =deswegen ihnen nicht +folgen=, weil Du Dich für klüger hältst; und =so wirst Du natürlich +weder Deine Sitten bilden, noch etwas lernen=. Ich weiß sehr wohl, +lieber Bruder, daß Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als +auf mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und glaubst Du, daß +ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam, was ich Dir sagen +will, und -- richte Dich darnach. + +Du hast Kopf, d. h. =Fähigkeit= etwas zu lernen, aber darum =weißt Du +noch nichts=: und, -- glaube es mir, -- der Schüler der untersten Klaße +weiß weit mehr als Du. Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn +Du das vergißest, so ist es Dir eine Schande. -- Du hast die, mit +welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht studiert. +-- Einige Studierte, z. B. den Herrn Pfarrer, seinen Bruder, u. s. f. +glaubst Du auch übersehen zu haben; aber da kann ich Dir aus dem Traume +helfen. 1.) Du glaubtest z. B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer +mit ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter, als sie; +theils weil ich z. B. es auch nicht glaube. Aber das ist sehr zweierlei; +Du hast keine Einsicht =in die Gründe=, die ich habe, es nicht zu glauben; +noch Einsicht =in die Gründe=, die der =Pfarrer hat, es zu glauben=. +2.) Du verstehst keinen Gelehrten, noch kannst Du ihn verstehen, weil es +Dir an den nöthigen Vorerkenntnißen fehlt. Was Du also nicht verstehst, +hältst Du, wenn es nicht Jemand sagt, der bei Dir in Autorität steht, +für dummes Zeug: das mag es denn auch wohl seyn: aber Du wenigstens +kannst es nicht dafür erklären, denn Du verstehst es nicht. -- Um Dir +ein recht auffallendes Beispiel darüber anzuführen. Kenzelmann hat etwas +über den Ausdruck =Denkfreiheit= auf dem Titel einer gewißen Schrift +gesagt: ich weiß nicht, was es ist, denn =begreiflicher Weise= (hier +siehst Du wieder Deine Unwißenheit -- Du hältst es für möglich, daß er +mir darüber geschrieben haben könne, weil Du mit den Sitten der feinern +Welt unbekannt bist; aber nach ihnen ist es =unmöglich=, daß er mir +darüber geschrieben haben könne, =weil ich mich nicht als Verfaßer +genannt habe=.) hat er mir nicht darüber geschrieben; aber ich errathe +es sogleich, weil ein Studierter den andern auf einen Wink versteht. Da +glaubst Du nun, ihm aus dem Traume helfen zu können; und verstehst +nicht, was er tadelt. Es betrift den Ausdruck =Denkfreiheit=. Das +=Denken= ist doch wohl etwas innerliches, unsichtbares. Wie kann mir +denn jemand die Freiheit nehmen, in =meinem Herzen= zu denken, was ich +will? und wer hat denn jemals =diese= Freiheit unterdrücken =wollen=, +oder =können=? Das ohngefähr hat K. sagen wollen. Es sollte demnach +heißen, =Freiheit seine Gedanken mündlich oder schriftlich oder durch +den Druck mitzutheilen=. -- Nun hat er zwar nicht ganz Recht: denn in +der Schrift selbst ist der Ausdruck Denkfreiheit so erklärt worden; und +es ist nicht nöthig viel Worte zu machen, wo man mit einem einzigen +auslangt. -- Aber was Du sagst, paßt gar nicht auf seine Frage, und Du +hast ihn daher gar nicht verstanden. + +So lange Du nun nicht bescheiden wirst, und erkennst, daß Du schlechthin +nichts weißt, aber etwas lernen sollst: und daß jeder Gelehrte Dich +lehren könne, so ist Dir nicht zu helfen. Beurtheilen, ob etwas nöthig +sey zu lernen oder nicht kannst Du gleichfalls nicht; denn Du weißt +nicht, wozu das unscheinbare, und geringfügige in der Zukunft dienen +könne, da Du die Wißenschaft nicht übersiehst. -- Denke, daß Du, als Du +die Buchstaben kennen lerntest, hättest sagen wollen: wozu das, zu +lernen was A. und B. ist, u. s. f. so könntest Du heute noch nicht +lesen. -- Dergleichen Dinge werden Dir gar viele vorkommen, die zuletzt +doch so nöthig sind, als das A. B. C. ob sie gleich unscheinbar +aussehen. + +Ferner habe ich bemerkt, daß Du die Wißenschaft für viel zu leicht +hältst, und daß Du glaubst, daß das alles auf den ersten Anlauf gelernt +sey. Das ist nun der Fall gar nicht; und wenn Du Dich nicht mit Geduld +ausrüstest, so kann nichts werden. + +Also =lege ab die große Meinung von Dir, und folge Deinen Führern auf +der Bahn der Wißenschaften= ~blindlings~. Zu seiner Zeit wollen wir +zusammen =selbst prüfen=, jezt bist Du dazu noch gar nicht reif. + +Ich habe diejenigen, welche die Aufsicht über Dich führen, gebeten, mir +=freimüthig= zu melden, wie es mit Dir geht. Ich habe ihnen ferner Winke +über diesen Deinen Fehler gegeben. Ich werde also sehr bestimmt +erfahren, wie Du Dich hältst. Von Dir selbst erwarte ich, daß Du mir +alle 8. Tage =unfrankirt= schreibst, sobald Du in Meisen seyn wirst, und +mir meldest, =was= Du studirst, wie es Dir von Statten geht, Deine +Gesinnungen, Gedanken, Zweifel dabei u. s. f. Dabei sey -- darum +beschwöre ich Dich um Deines eigenen Besten Willen, -- offen und +freimüthig gegen mich. Wenn Du dann auch etwas ungeschicktes schreibst +und ich es Dir widerlege, -- was ist denn das weiter? Das bleibt unter +uns. Es ist beßer, daß ich Dir es verweise, denn daß es bei Dir bleibe. +Ich will nie ein anderes Verhältniß zu Dir haben, als das eines ältern, +weisern Freundes. + +Ich bestimme Dir, -- wenn alles gut geht -- ein Jahr in Meisen. Könntest +Du in einem halben Jahre leisten, was zu leisten ist; so ersparst Du mir +freilich keine kleine Summe. -- Doch ist eigentlich hiervon nicht die +Rede. Werde nur, was Du werden sollst. + +Das von der Probst-Stelle zu W. ist nicht klug ausgesonnen. Ich bin +zuförderst kein =Theolog=. Ich kann Profeßor der Philosophie mit Ehren +seyn: wäre es nicht thörigt von mir, wenn ich etwas nehmen wollte, dem +ich nur nothdürftig vorstehen könnte. -- Dann glaubt man denn, daß ich +mich in Wittenberg verbessern würde? Man hat doch drollige Begriffe, +scheint es, von einem Jenaischen Profeßor. -- So auch dem, was die Fr. +v. Kleist, der ich übrigens für ihr Andenken sehr verbunden bin, gesagt +hat. -- »Ich würde nicht lange in Jena seyn, sondern bald weiter gerufen +werden.« Ich möchte wohl wißen, wer mir etwas anbieten könnte, wodurch +ich mich verbeßerte. Wer in Jena arbeiten will, der kann es so hoch +bringen, als auf irgend einer teutschen Universität. Arbeitlosere +Stellen giebt es freilich; aber ich habe noch nicht Zeit, mich zur Ruhe +zu sezen. -- Doch wünschte ich wohl, daß ich gerufen würde; um es +ausschlagen zu können. =Das unter uns= wie sich versteht. -- Ueberhaupt +sey in Meisen vorsichtig in deinen Aeußerungen über mich. Du weißt +nichts; damit ist es zu Ende. + +Grüße herzlich meine Eltern, und Geschwister. + + Der Deinige + F. + + Daß die »Probst-Stelle zu Wittenberg« für Fichte geeignet sein könnte, + war wohl nur ein Gedanke der Seinigen; von einem wirklichen Anerbieten + ist nichts bekannt. -- Zu dem Namen v. Kleist vgl. den 45. Brief. + + + + +10. + + + Jena, d. 13. Fbr. 94. + + Mein lieber Bruder, + +Dein Lehrer hatte mir schon vor einigen Wochen Deinethalben +geschrieben. Ich bin so überhäuft mit Arbeiten gewesen, daß ich ihm +nicht eher, als bis jetzt antworten konnte; ich hoffe aber, daß dadurch +für Dich kein Nachtheil entstanden seyn soll. + +Die Methode, die der Herr Konrektor mit dem Decliniren, und Conjugiren +einschlägt ist die einzige für Dich zweckmäßige. Mag es immer +Kopfbrechens kosten. Decliniren, und Konjugiren ist das wenigste: die +Uebung der angestrengten Aufmerksamkeit, des geschwinden Besinnens +u. s. w. -- diese ist wichtig. + +Dich an Arbeiten gewöhnen, ist gleichfalls eine Hauptsache. Fahre so +fort, wie Du mir schreibst, daß Du handelst. Ich wünschte auch zu wißen, +was Du in Geschichte, und Geographie gelernt hast. + +Ich sehe, daß Du noch immer so sehr unorthographisch schreibst. Suche +Dich darüber zu belehren; und gib acht auf Dich, bei jeder Zeile die Du +schreibst; sonst wirst Du Zeitlebens nicht orthographisch schreiben +lernen; und das =paßirt gar nicht=. -- Ferner schreibst Du doch auch +gar zu schlecht. Ich wünschte, daß Du Deine Hand übtest. Berufe darin +Dich nicht etwa auf mich. Es ist etwas anderes eine flüchtige aber +=ausgeschriebene= Hand zu schreiben. Die Deinige ist nicht ausgearbeitet. +Ich sehe ein, daß Dir das etwas schwer werden wird, weil Deine Hände +durch Handarbeit steif geworden sind; aber Du mußt nur desto =mehr= +schreiben. + +Des P. Wagners Vortrag habe ich selbst einmal genoßen. Er ist allerdings +sehr faßlich. Aber sey darum dennoch versichert, daß der jezige +Unterricht dennoch der zwekmäßigste für Dich ist, eben darum, weil er +Dir die Sache schwer macht. Es ist nicht um die Sache; es ist um die +Kraftübung. Leb recht wohl, und schreibe mir bald wieder. + + Fichte. + + Aufschrift: + + Herrn _Fichte_ + in + _Meissen_. + + + + +11. + + + _Jena_ d. 25. _Nov._ 1794. + + Theurer Bruder! + +Mein theurer Mann, welcher Sie herzlich grüßt, hat mir aufgetragen +Ihnen zu schreiben; dies Geschäft hab ich gern übernommen, nicht daß ich +gerne Briefe schreibe, (denn seitdem ich nicht mehr an meinem Fichte zu +schreiben habe, ist mir das Schreiben höchst unangenehm.) sondern weil +=Sie= der Bruder meines Lieben Mannes sind; und weil ich glaube daß Sie +auch ein Edler, rechtschaffener Mann sind; da habe ich sie nun schon +recht lieb, ohne Sie eigentlich zu kennen; auch freue ich mich auf die +Zeit, wo Sie zu uns kommen, und bey uns wohnen, recht innig; da ist mein +guter rechtschaffener Vatter, seine Kinder, und Sie unser Bruder; da +werden wir oft, so stille, geräuschlose Freuden, welche dem Herzen +wohlthun, in unserm Hause mit einander genießen; wie wir lezten Sonnabend +eine hatten; es war nämlich meines guten Vatters 75. Geburtstag. Der +Himmel war uns so günstig, daß wir spazieren fuhren, in der lieben Natur +herum schwärmten; und am Abend, unter herzlichen vertraulichen Gesprächen +bey einander saßen, wo uns denn innig wohl war; auch ist mein theurer +Fichte, so ganz zu diesen herzlichen Vertraulichkeiten gemacht; daß man +sich in Ihn verlieben muß; nun stellen Sie Sich vor, wie's mir armen +Geschöpfe dann geht? da ich Ihn schon sonst herzlich Liebe; meine Liebe +geht dann in Anbetung über. + +Ich merke nun wohl, daß ich Ihnen beständig von meinem Lieben Mann +vorgeschwazt habe; Sie lieben ihn ja auch, drum kann Ihnen das nicht +unangenehm seyn; und ich wünsche Ihnen theurer Bruder, zu seiner Zeit, +auch eine weibliche Seele, die Sie so =einzig= liebt; und wenn Sie +wollen, so wollen wir Diese zu seiner Zeit, ja zu seiner Zeit, vergeßen +Sie dieses nicht, gemeinschaftlich suchen. Nun will, und muß ich Ihnen +Behüte Gott sagen; denn ich habe mehrere Briefe zu schreiben, Dieser muß +mich für die unangenehmen welche ich noch zu schreiben habe schadlos +halten; Leben Sie wohl! mein guter Vatter grüßt Sie herzlich; das +gleiche thut Ihre Schwester + + Johanna _Fichte_. + +Wir haben Ihren 2. Brief auch erhalten. Mein Mann wird Ihnen nächstens +schreiben. + + Aufschrift: + + _Herrn Fichte_: + in + _Meissen_. + bei Herrn ConRektor =Thieme=. + frey + + (Nur »_Herrn Fichte_:« und »frey« von Johanna's Hand, das Andere von + J. G. F.) + + Der folgende Brief, die Perle unter denen von Johanna's Hand ist mit + der Offenheit, mit der hier ein weibliches Gemüth über sich selbst + spricht, und mit dem leichten Anklang von Humor, so wie mit der + überströmenden Fülle kindlich einfachen Sinnes und reinster Liebe, + ein köstliches Cabinetsstück, ein wahres Meisterwerk. + + + + +12. + + + _Jena d. 27. Decemb: 1794._ + + Lieber theurer Bruder! + +Ich habe eine Menge Briefe vor mir, die ich beantworten soll, und Ihrer +sey der erste, den ich beantworte, weil Sie mir die liebste Persohn +sind. Hören Sie Lieber, ich bin gar nicht Ihrer Meinung, daß ein schön +geschriebenner Brief, eine schöne Seele verathe; (nicht, daß nicht +beydes neben einander bestehen könne,) aber die Erfahrung hat mir schon +zur Genüge gelehrt, daß es oft nicht bei einander ist; und wenn ich +Ihnen allso, welches ich nicht weiß, einen schönen Brief geschrieben +habe, Sie daraus gar nicht so gütig schließen müßen, daß ich eine schöne +Seele habe; überhaupt sehe ich aus Ihr. Lieben Brief, daß Sie mich viel +beßer glauben als ich nicht bin; und das sezt mich in große Verlegenheit, +wenn Sie mit solch guter Meinung zu uns kommen, und dann durch die +Erfahrung belehrt sehen, daß ich das bey weitem nicht bin, was Sie +glaubten, daß ich sein würde, und auch sein könnte, so muß ich in Ihren +Augen gewaltig verliehren; und das würde mir dann weh thun; auch müßen +Sie nicht glauben eine schöne Schwester bekommen zu haben; denn ich weiß +wohl, die Lieben Männer sehn auch das gern, drum laßen Sie Sich nun +erzehlen wie ich aussehe: vors erste bin ich klein, und war im 16. Jahre +sehr fett, da ich seit der Zeit nun um ein merkliches gemagert bin, so +hat die einmahl zu stark ausgedehnte Haut, viele Runzeln bekommen, dazu +gab mir die Natur ein wiedrig langes Kinn; und was nun das ärgste von +allem ist, so hab ich wegen heftigen Zahnschmerzen, (welches fast alle +Leute in der Schweiz haben,) mir meine obern Zähne ausziehen laßen; nun +überlaße ich Ihrer eignen Einbildungskraft, mich so comisch +darzustellen, als ich wirklich bin. + +Nachdem, was Sie mein Lieber, was mein Mann, mir von unsern Vatter +gesagt hat, fühl ich viele Achtung für Ihn, und ich bitte Sie, ihn +herzlich in meinem Namen zu grüßen; ich hätte schon an Ihn geschrieben, +hielte mich nicht der Gedanke, der guten Mutter davon ab, denn ich muß +Ihnen gestehen, daß, nachdem, was ich von ihr gehört, ich Sie wirklich +fürchte; Wir wollen Sie [soll natürlich heißen: sie] Lieber Bruder, als +gute Kinder ehren, und nicht vergeßen was sie während ihrem mühsamen +Leben, an ihren Kindern gethan hat; auch kennen wir ihre Erziehung +nicht, wißen nicht, wie das alles so kam; und vielleicht nach ihrer Lage +kommen mußte. + +Ja Lieber, es wird einst auch ein gutes Geschöpf für Sie dasein, daß +Sie aufrichtig Lieben wird; und ich will es denn zu seiner Zeit mit +Ihnen suchen; ich biete mich darum zu Ihrer _Rath_geberin, über diesen +wichtigen Schritt, an, weil wir Weiber tiefer in die Seele unsers +Geschlechts hineinbliken, als oft die klügsten Männer nicht thun; und +denn, weil ich Sie gerne glüklich sehn möchte ..... [diese Punkte stehen +im Originale] Sie sind mein Lieber Bruder, und wollen, und werden gewis +ein brafer Mann werden, und darum lieb ich Sie sehr. + +Sagen Sie mir nichts guter Lieber, von unsern gegenseitigen +Verhältnißen, von Wohlthaten, wie Sie es nennen wir wollen wie gute +Kinder sein, welche mit einander theilen, und durch dieses theilen, +ihrem eignen Herzen eine Wohlthat erzeigen. + +Mein theurer Vatter, welcher, ich darf es sagen, an Güte des Herzens uns +alle übertrift, grüßt Sie von ganzer Seele, und freut sich recht darauf +Sie kennen zu lernen; Er wird Sie, wie seinen Sohn lieben. Er hat ein +Herz daß lieben kann, und dem nicht wohl ist, wenns nicht lieben kann. + +Wenn Sie ein Freund der Natur sind so werden Sie auch an mir eine +Freundin der Natur finden, denn kann ich orndlich schwärmen, aber doch +nicht mehr in dem Grade, wie ichs konnte; dieses Gefühl hat sich ein +wenig bey mir verlohren, und es ärgert mich sehr. + +Leben Sie wohl Lieber theurer Bruder! Schreiben Sie bald, und vergeßen +Sie nicht, wie Sie aufrichtig Liebt Ihre Schwester + + _Johanna Fichte_ + + Aufschrift: + + _Herrn Fichte_: + abzugeben beym _Herrn_ Conrector _Thieme_ + in _=Meisen=_ + + =Frey=: + + Einerseits zur Bestätigung, anderseits zur Erklärung und Milderung + des Urtheils über die Mutter vergleiche man, was oben zum 4. Briefe + bemerkt wurde, so wie die folgenden Briefe Nr. 19. 21. 42. 45. 47. + Nach reiflicher Ueberlegung habe ich geglaubt, auch diese Stellen + nicht zurückhalten zu müssen, weder aus übertrieben vorsichtiger und + zaghafter Pietät gegen Fichte, noch selbst gegen seine Mutter, die + trotz der vielleicht scharfen und grellen Beleuchtung, welche auf sie + fallen mag, doch nicht in einem schlechten Lichte erscheint. Für das + Verständniß von Fichte's eigenem Wesen aber scheint mir die Kenntniß + seiner Stellung in seiner Familie und der Beziehungen zu seinen + Angehörigen nicht unwichtig, weil die rücksichtslose Entschiedenheit + und die zuweilen bis an Schroffheit grenzende Strenge seines + Charakters, das oft stolz sich Abschließende und kalt Zurückweisende + seines Wesens gegen heterogene, anders geartete Persönlichkeiten, zum + Theil wohl -- ich sage nicht ihre Entschuldigung, deren scheint mir es + nicht zu bedürfen, wohl aber ihren Erklärungsgrund mit in dem + Gegensatze haben kann, in dem er schon frühzeitig zu einem Theile + seiner Umgebung sich befand. Nicht minder als die positiven müssen + auch die negativen Einflüsse bei dem Entwicklungsgange eines + Charakters in Anschlag gebracht werden. + + Dürfen wir aus den spärlichen Andeutungen ein bescheidenes Urtheil + wagen, so war Fichte's Mutter wohl, zum Unterschiede -- vielleicht + auch zu einer nothwendigen Ergänzung -- von ihrem weichherzigen und + wohl bis an's Unpraktische gutmüthigen Gatten, eine wesentlich + energische, positive, thatkräftig auftretende Frau von etwas zusammen + geraffter, gedrungener, kantiger Natur, die ihre gut gemeinten, + verständigen Ansichten in eigensinniger, rechthaberischer Weise + geltend machte, vielleicht um so heftiger und, daß ich so sage, + verbissener, je weniger sie alle Mal sogleich einen Erfolg davon sah: + so daß sie schließlich eine von jenen Frauen wurde, als deren + hervorstechendste Seite die Zanksucht sich zeigt, während sie doch im + innersten Grunde ihres Wesens wohlmeinend und herzensgut sind. Etwas + davon, obwohl in vollkommen gereinigter und idealisirter Weise, war + auch in ihrem großen Sohne, der auch leiblich ihr Abbild war. Herr + Professor I. H. Fichte schreibt mir, daß ihm seine Großmutter noch aus + seiner »eignen Kinderzeit als stattliche, untersetzte Frau von mäßiger + Größe, bei auffallender Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres + Sohnes, Johann Gottl. Fichte, gar wohl in der Erinnerung« lebe. Daß + gerade zwei solche harte, feste Charaktere, innerlich und ursprünglich + verwandt, doch leicht dazu kommen konnten, sich gegenseitig abzustoßen, + liegt auf der Hand und ist psychologisch vollständig erklärbar, + namentlich wenn, wie hier, der Vater, passiv sich verhaltend, den Sohn + nachsichtig gewähren ließ, wo die praktische, resolute Mutter meinte, + den Sohn nach einer langen, mühsamen Vorbereitung zur Erfassung + einer geordneten, den nöthigen Lebensunterhalt sicher eintragenden + Berufsthätigkeit drängen zu müssen. Ihr Verhältniß zu den übrigen + Kindern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich + erkennbar, und jedenfalls überhaupt minder klar durchgebildet gewesen. + + Wir haben hier ganze, volle, markige Menschen vor uns, die in einen, + wir können wohl sagen echt tragischen, Conflict kommen, weil sie nicht + blos jeder nach seiner Meinung, sondern auch jeder in seiner Weise + Recht haben, so aber, daß nach allgemeineren, freieren Gesichtspunkten + wiederum jedem auch ein gewisses, mehr oder minder großes Unrecht + anhaftet, weil er seinen eigenen, individuellen Standpunkt zum + absoluten, allein berechtigten machen und dem des Andern nicht auch + eine theilweise Berechtigung zugestehen will. Tragisch ist dieser + Conflict, weil er der Idee nach, welche die Harmonie und den Frieden + fordert, nicht bestehen sollte, und weil er, wie die Dinge nun einmal + liegen, doch eben unvermeidlich ist, und weil schließlich auf der + einen oder der andern Seite eine Niederlage erfolgen muß, welche, in + ihrer Gesammtwirkung das genaue Maß der Schuld überschreitend, das + Mitleid und den Antheil des Herzens rege macht und einige wehmüthige + Klänge selbst in den Siegesjubel auf der andern Seite mischt. Es + braucht wohl kaum ausdrücklich hinzugefügt zu werden, daß jene + Differenz im vorliegenden Falle nicht wirklich zu einer äußerlichen + Katastrophe kam (war doch Fichte, dem geistig doch der Sieg bleiben + mußte, wie er ihm auch von der Geschichte zugesprochen ist, für seine + Mutter bis an das Ende ihres und seines Lebens in treuer Sorge + thätig): es ist dieses nur eine innerliche Auseinandersetzung gewesen. + + Wem das Ganze als eine ungehörige Abschweifung in das ästhetische + Gebiet erscheint, der möge Nachsicht üben. Ich glaubte nicht anders + jenen beiden wackern Menschen gerecht werden zu können, wenn ich + einmal wagte, von ihnen zu reden; und was mich dazu bestimmte, habe + ich oben ausgesprochen. -- Indessen will ich auch nicht unterlassen + hinzuzufügen, daß mir Herr Pastor Werner in Rammenau sagte, im Dorfe + gelte Fichte's Mutter mehr für eine stille Frau, von der man nicht + Viel wisse, wogegen sein Vater als »der alte Bandmacher« noch vielfach + genannt werde. Dies ist allerdings keine Bestätigung der psychologischen + Hypothese, wie ich sie auf Grund des vorliegenden Materials aufgestellt + habe; es ist aber auch -- scheint mir -- keine unbedingte Widerlegung, + sondern läßt sich, zumal wenn man den verwischenden Einfluß der Zeit + in Anschlag bringt, sehr wohl damit vereinigen. -- + + Es gereicht mir zu hoher Befriedigung, daß die hier dargelegte + Ansicht nachträglich noch von competentester Seite her authentische + Bestätigung findet. Herr Prof. Fichte in Tübingen schreibt mir am + 7. Juli d. J. über diese ihm mitgetheilte Stelle: .... »Damit komme + ich auf meine Großmutter und auf dasjenige, was Sie mit gewiß sehr + richtiger psychologischer Conjecturalkritik über dieselbe schreiben. + Was ich selbst über sie und über ihr Verhältniß zu Mann und Kindern + aus eigener Erinnerung und aus den Mittheilungen meiner seligen Mutter + weiß, ist folgendes. Sie war noch im Alter (im Jahre 1805 und 1811 + besuchte mein Vater mit uns seine Eltern und so schwebt mir das Bild + der Großmutter noch in lebhafter Erinnerung vor) eine gerade, stämmig + untersetzte Frau, mittlerer Größe, mit Gesichtszügen, die ganz + auffallend denen ihres Erstgebornen glichen. Sie galt in der Familie + wegen ihres Verstandes und der Energie ihres Willens als die + eigentliche Herrscherinn, und ohne Zweifel hat mein Vater =ihr= das + Feste, Unerschütterliche seines Charakters als Erbstück zu danken. + Deshalb wurde sie aber auch gefürchtet in der Familie, und meiner + Mutter Aeußerung, sowie die meines Vaters erklären sich daraus + vollständig. Sie war dabei eine Frau von strenger Religiosität, und + mein Vater, der wenigstens in den spätern Jahren, wie ich es selbst + erlebt habe, seine Mutter mit kindlicher Ehrfurcht als ein ihm + ehrwürdiges Wesen behandelte, hat gegen meine Mutter ausdrücklich + erwähnt, wie viel er den ersten religiösen Eindrücken verdanke, welche + die Mutter ihm eingeflößt. Doch war das Verhältniß zwischen Mutter und + Sohn in seinen Studienjahren allerdings, wie ich aus vielen einzelnen + Andeutungen in übriggebliebenen Tagebuchresten und Briefconcepten + schließen konnte, ein getrübtes. Der Grund lag aber gerade in ihrer + Vorliebe für diesen ältesten Sohn, den sie sich nicht anders denken + konnte, denn als Prediger, und in dessen ganz abweichender und + excentrischer Laufbahn sie nur die bedenklichste Abweichung vom Pfade + des Frommen und Guten erblicken konnte; kurz, sie verstanden einander + nicht, es kam zu heftigen Scenen, weshalb er einige Jahre hindurch + sogar den Besuch zu Hause gemieden zu haben scheint, und so + erklärt sich mir z. B., daß er bei seiner allerdings abenteuerlich + erscheinenden Wanderung nach Warschau (Bd. I. S. 119 Aufl. II.) in + Bischofswerda blieb und brieflich seinen Vater und seine Brüder zu + sich beschied. Späterhin hat sich dies Verhältniß, wie ich selbst + gesehen habe, völlig wieder hergestellt..... Aber leider waren auch in + der Familie innere Mißhelligkeiten, unter denen der Großvater sehr + viel litt« ..... + + Die beiden folgenden Briefe tragen kein Datum, scheinen aber im März + 1795 geschrieben zu sein, sie zeigen, wie Gotthelf's Reise nach Jena, + worauf die gutmüthige und weichere Johanna schon im November 1794 + hindeutet und worauf sie ihn immer wieder vertröstet, nach Fichte's + klarer und kälterer Einsicht seinen Zwecken gemäß noch weit + hinausgeschoben werden mußte. + + + + +13. + + + Mein lieber Bruder, + +Es ist mir nicht möglich gewesen, Dir eher auf Deinen letzten Brief zu +antworten. Ich habe Dir schon mehrmals gesagt, daß selbst ein kleines +Briefchen nicht allemal so gar leicht von mir geschrieben werden kann, +weil oft selbst die wenigen dazu erforderlichen Minuten mir fehlen. + +Was du mir über Deine Lage schreibst, kann ich zum Theil wohl glauben. +Ich habe manches der Art vorhergesehen, weil ich unsere Schulleute gar +wohl kenne, und nicht erwarten konnte, daß Dein Lehrer von der =beinah' +allgemeinen Regel= eine Ausnahme machen würde. -- Erkenne aus diesem +Ausdruke, daß der Sache nicht wohl zu helfen war, wenn der Zwek erreicht +werden sollte. + +Das Hauptübel, mein lieber Bruder, liegt in dem Misverhältnisse Deines +=Alters= zu Deiner =Lage=; ich habe das alles vorhergesehen, und +größtentheils es Dir vorhergesagt. Du mustest diesen Uebeln Dich +freiwillig unterwerfen. -- Dazu kommt Deine bis jetzt gewohnte Lebens +Art. Es ist kein geringes aus dem beständigen Leben in einer Familie, +aus fortdauernder Gesellschaft, sich in die Einsamkeit eines +Studierzimmers, und ohne Welt- und Menschenkenntniß, ein Jüngling an +Jahren, und ein Kind an Einsicht sich unter fremde Leute eines ganz +andern Standes wagen. -- Die unangenehmste Nachricht in Deinem Briefe +war mir dein Hang zur Hypochondrie. Ich weiß aber besser, daß es nicht +dies, sondern Sehnsucht nach Deiner vorigen Art zu seyn, Sehnsucht nach +Hause, u. s. f. ist. Darin wirst Du mir widersprechen; aber Du kannst +das nicht beurtheilen; es ist Sehnsucht, die nicht zum Bewußtseyn kommt. + +Du irrst Dich gänzlich, wenn Du glaubst, daß Du schon jezt mit Nutzen +nach Jena kommen könntest; und das ist ein Beweiß, daß Dir noch bis jezt +über diejenigen Dinge, die ich Dir gleich anfangs sagte, und schrieb, +noch kein Licht aufgegangen ist; daß nemlich zu einem Gelehrten +=positive= Kenntniße gehören. Mein Umgang kann Dir hierin nicht viel +nützen. Denn =theils= habe ich des Tages gar sehr wenig Zeit übrig, +=theils= verstehst Du mich nur halb; =theils= kommen die Dinge, die Dir +jetzt zu lernen nöthig sind, in meinen Gesprächen nicht vor: ich habe +nicht Zeit Dich darin zu unterrichten, und bin auch selbst kein großer +Held darin. Endlich aber verhindert es besonders meine jezige Lage ganz +und gar Dich, ehe Deine Sitten mehr Feinheit haben, in mein Haus zu +nehmen. Ich habe meine sehr triftigen Gründe, zu wollen, daß nichts was +mir angehört, auf irgend eine Art dem Tadel des Publicums ausgesezt +sey. -- Du kannst für Deine Sitten höchstens Schüchternheit, und das +Complimentirbuch der kleinstädtischen Welt angenommen haben: das ist für +den Anfang nicht übel. Aber darauf muß eine anständige Freimüthigkeit, +und eine gewisse Leichtigkeit gesezt werden, und diese kannst Du in +Deiner gegenwärtigen Lage nicht annehmen, und ich weiß gar wohl warum. +-- Ferner weiß ich sehr sicher, daß Du die schöne Rammenauische Sprache +noch immer nicht abgelegt hast, und daß diese erst weg wäre, wünsche ich +gar sehr. + +Dies sind meine Gedanken wegen Deines Anherkommens. Dies ist vor der +Hand unmöglich, und bleibt unmöglich, bis ich Dich selbst geprüft habe, +und Dich dazu fähig finde. Deinen Wunsch aber von Meissen wegzuseyn, +überhaupt misbillige ich nicht: wenn ich nur wüste, wo ich Dich hinthun +sollte. Es sind mir zwei Gedanken eingefallen; =entweder= als Externus +nach Schul-Pforte. Hierbei würdest Du den Vortheil haben, mit jungen +Leuten Deines gleichen bekannt zu werden, welches ein großer Vortheil +für das ganze Leben ist; aber leider -- würde Dir dabei Deine Unwissenheit +in demjenigen, wovon dort alles Ansehen abhängt, im Wege stehen, und es +würde eine sehr große Klugheit von Deiner Seite erfordern, Dich zu +behaupten, theils wäre auch dort für die Bildung feiner Sitten nicht +viel besser gesorgt, als in Meissen. Jedoch, Du wärst mir in der Nähe, +und ich könnte vielleicht durch meinen Einfluß und Namen bei den +umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande:] Dieser ganze +Plan stößt sich besonders daran, ob Du auch genug gelernt haben magst, +um in Pforte recipirt zu werden.) =Oder=, es ist mir eingefallen Dich +zum Pastor =Bischoff= zu thun, der seine schlechte Stelle mit einer sehr +guten, auch nicht allzu weit von hier, vertauscht hat. Ich werde in +einigen Wochen selbst zu ihm reisen, und die Lage selbst vollkommen +prüfen, ehe ich ihm einen Gedanken davon äußere. =In der Mitte künftigen +Monats sollst Du etwas bestimmtes von mir erfahren.= + +Wie stehts mit dem Tanzen? Ferner, wie steht es mit Deiner Kleidung, +Deinen Büchern, Deiner Börse? -- Schreib mir das recht ausführlich, +damit ich meine Maasregeln darnach nehmen könne. Deinen Lehrer grüße von +mir, und sage ihm: ich bedauere, daß ich ihm Dein Viertel-Jahr-Geld +nicht habe schiken können. Es sey mir nicht möglich gewesen, und ich +müste ihn bitten zu warten, bis Monat May, wo ich es ihm richtig, und +mit Dank übersenden werde. + +Bruder Christian hat von Finsterwalde aus an mich geschrieben und mir +seine Verheirathung gemeldet. Wenn Du ihm etwa schreibst, so versichre +ihn meines herzlichen Antheils. Ich werde ihm schreiben, sobald ich Zeit +haben werde. Eben so an Bruder Gottlob, und meine Eltern. + + Dein treuer Bruder + Fichte. + + + + +14. + + +Lieber theurer Bruder! Ich kann meines Mannes Brief nicht vortgehn +laßen ohne Ihnen auch ein paar Zeihlen zu schreiben, ohne Ihnen zu sagen +daß mein theurer Vatter Sie innig liebt, und herzlich grüßt, daß Er und +ich aufrichtig wünschen daß Sie bald bei uns sein mögen; faßen Sie Muth +Theurer, die Zeit daß Sie bei uns Leben, wird ja auch nicht mehr so +lange dauern, und denn werden Sie Sich das überstanden zu [hier steht, +durchstrichen, »haben«] freuen haben. + +Daß wir Ihnen so wenig schreiben, ist gewis nicht mangel Liebe, sondern +mangel an Zeit, das ist im ganzen ein wirwarvolles Leben hier, daß wenig +wahren Genuß schaft, und viel Zeit raubt; Sie werd einmahl selber sehn; +ich wünsche nur daß Sie bald kommen, und kann nicht so ganz einsehn +warum mein Mann es so aufschiebt, die Lebensart ist hier nicht gar fein, +so daß gewis ein jeder sich bald hineinfindt; ich wünschte nur auch Sie +einmahl zu sehn Lieber Bruder! Warum können, und sollen Sie uns denn nie +besuchen? Sie und ich, wir wollten, unsern Fichte denn schon bekehren, +ich glaube immer Er nimt die Sache viel zu strenge. Leben Sie wohl! +Guter theurer Bruder, von ganzem Herzen + + Ihre Fichtin. + + In dem nächsten Briefe klingt in bemerkenswerther Weise aus Johanna's + durch und durch christlichem Gemüthe eine ergebungsvolle Stimmung + heraus, das Gefühl, daß wir auf Erden schon Bürger des Himmels seien, + in welchem erst unsere wahre und ewige Heimath sei. So schreibt auch + später, gegen Ende des Jahres 1806, Fichte aus Königsberg an seine + Gattin: »Ich habe meine Entschiedenheit für das Leben, die in meinem + Innern nie zweideutig war, nun auch äußerlich realisirt. Du bist der + Erde ohnedies abgestorben, wie das Weib mag, der Mann nie darf noch + soll. Du wirst mit dem bescheidenen Platze, den ich mir behalten habe + in der letztern, vergnügt sein« (I, 371). Als äußerliche Veranlassung + zur Offenbarung dieser Denkart in diesem Briefe müssen wohl die bis + zu gewaltsamen Angriffen gehenden Anfeindungen und Beleidigungen + betrachtet werden, mit denen Fichte von den Ordensverbindungen + der Studenten verfolgt wurde, die er als die Quellen vielfacher + Unsittlichkeit erkannt und darum veranlassen wollte sich aufzulösen. + + + + +15. + + + _Jena d. 8. Aprill 1795._ + + Theurer Bruder! + +Schon lange wollt ich Ihnen schreiben, schon lange einliegendes schiken; +und immer, und immer gabs Hindernisse: Sie sind eine gar zu gute Seele, +da Ihnen mein Geschreibsel angenehm sein kann; freuen thut's mich +freylich; da ich mich nun ganz treuherzig hinsezen kann, wenn ich Ihnen +schreibe; da ich denken darf, der gute Bruder versteht Dich schon, wie +du es meinst, daß ichs gut mit Ihnen meine, das weiß ich, das sagt mir +mein Herz, daß Sies aber auch gleich so einsehen, das macht Ihnen Ehre. + +Mein Lieber Mann, wird in ein paar Tagen, zu _Pastor_ Bischoff reisen, +um wie er =hoft=, sich zu erholen, und um zu arbeiten; damit er künftig +Sommer nicht so stark arbeiten müsse; ich bleibe bey meinem Vatter, +welcher sich nicht ganz wohl befindt, und der Haushaltung, welche man +nicht gut allein laßen kann; auch muß verschiedenes im Hause ausgebeßert, +und verändert werden; so siehts nun bey uns aus Lieber Bruder; was man +im ganzen in _Jena_ für eine Art zu leben führt, werden Sie einst selber +sehn; es ist wie überhaubt in der Welt, häußliches Glück, können wir uns +nur selber schaffen, Stöhrungen von außen, muß man sich nicht laßen zu +Herzen gehn; dies ist auch hier höchst nothwendig; so geht ein Jahr, +nach dem andern hin, bis wir am Ziehle unsrer Laufbahn hienieden sind; +wohl uns, wenn wir viel Gutes, und nicht Böses thaten. + +Ich freue mich, daß Sie so Muthvoll, Ihre Zeit, (ich hoffe, und wünsche +daß sie nicht mehr lange daure) ausharren; wir wollen uns nachher mit +Ihnen drüber freun. + +Mein guter Vatter, und Mann grüßen Sie herzlich, Leben Sie wohl, und +errinnern Sie Sich dann und wann Ihrer Schwester + + _Johanna Fichte._ + + Aufschrift: + + _Herrn Fichte_: + in + _Meissen_. + bei dem Herrn Con Rektor _Thieme_. + + =Inliegend ein Friedrichd'Or= + + (Nur: »_Herrn Fichte_« von Johanna's Hand.) + + Die erwähnten Mißhelligkeiten bewogen Fichte, Jena auf einige Zeit zu + verlassen und den Sommer in Osmannstädt zuzubringen (I, 260); darauf + beziehen sich die folgenden Briefe, von denen der erste der Zeitangabe + ermangelt. + + + + +16. + + + Theurer Bruder! + +Wir werden wahrscheinlich diesen Sommer auf dem Lande Leben, und Sie +werden denn zu uns kommen, worauf ich mich herzlich freue; ich werde +Ihnen so bald möglich das bestimmtere drüber schreiben. Leben Sie wohl! +In Eyl Ihre Schwester + + _Jo. Fichte nee Rahn_ + + Aufschrift: + + _Herrn =Fichte=_: + Bey dem _H: Conrector Thieme_ + in + _Meissen_. + + Einliegend einen _Friedrichs'dor_: + + + + + +17. + + + Jena, d. 27. April. 1795. + +Da ich durch eine Veranlaßung, worüber mündlich, diesen Sommer frei +bekomme, und ihn auf dem Lande zubringen werde, habe ich mich +entschlossen, Dich zu mir zu nehmen. Komm daher, sobald Du willst, +und kannst. Wenn Du über Leipzig, und Naumburg reisest, so brauchst Du +gar nicht nach Jena, sondern hast von Naumburg aus über =Auerstedt= zu +reisen, und da nach dem Dorfe =Oßmannstedt= zu fragen, welches zwischen +=Auerstedt= und =Weimar= an der Straße, wie man mir sagt, liegt. In +Oßmannstedt auf dem Schloße trifst Du mich. Ich habe daßelbe, welches +sehr schön ist, und in einer angenehmen Gegend liegt, für diesen Sommer +gemiethet. Da ich Dich bald zu sprechen hoffe, so halte ich nicht für +nöthig, Dir noch irgend etwas zu schreiben, wozu ich ohnedies jezt nicht +Zeit hätte. + +Ich bin jezt selbst mit meiner Caße etwas dürftig eingerichtet. Ich +hoffe daher, daß die inliegenden 2. Dukaten hinlänglich seyn werden, um +Dir das nöthige zu Deinem Abgange von _Meisen_ zu verschaffen, und um +damit die Reise anher zu machen. + +Lebe wohl. Es wird sich sehr freuen Dich zu sehen + + Dein + Dich liebender Bruder + F. + + Aufschrift: + + Herrn _Fichte_: + in + _Meissen_ + + Hierin 2. Ducaten + + Auf einer leeren Seite des 17. Briefes befindet sich ein Herzenserguß + Gotthelf's, der in merkwürdiger Art beweist, wie Fichte seinen Bruder + von Anfang an nur allzu richtig beurtheilt hatte, als er in seine + ausreichende Entwicklungsfähigkeit einigen Zweifel setzte -- ein + Mißtrauen, dessen Richtigkeit sich bestätigt hatte, als der Professor + den Schüler persönlich prüfte. (In welchem Monat Gotthelf nach + Osmannstädt kam, ist nicht angegeben.) + + + + +18. + + +Das Glück ist sehr veränderlich. Als ich diesen Brief von meinem Bruder +erhielt, so schätze ich mich für außerordentlich glüklich und dachte, +von nun an sey mein Glük so fest gegründet, daß es gar nicht mehr wanken +könnte. Und siehe! -- nie wankte es mehr als eben da, denn dieses war +der Anfang, zu meiner jetzigen mißlichen Lage: wäre ich nicht so zeitig +aus Meißen weg gekommen, so hätte wohl etwas mit mir werden können. Ich +hätte alsdann doch die Lateinische Sprache so ziemlich gelernt gehabt, +hätte auch einen Anfang in der Französischen, und vielleicht auch in +der Griechischen gemacht gehabt, wäre zu einer weit gelegenern Zeit zu +meinem Bruder gekommen, als ich so zu ihm kam, er hätte vielleicht, wenn +er vom Anfang an eine bessere Meinung für mich gefaßt gehabt hätte, mich +nicht so kalt behandelt, und ich wäre also auch nicht genöthigt gewesen, +mich gegen ihn zurükzuhalten, und also hätte die Sache vielleicht ganz +anders gehen können, als sie leider jetzt geht. Indessen ist es nun +einmal nicht anders, und ich wenigstens kann die Sache nicht ändern, ich +habe auch die Teufeleien nicht vorher sehen können. Gute Nacht. + + Fichte. + + Was Gotthelf hier noch zu seiner Entschuldigung anführt, hat um so + weniger Grund, als er ja, wie aus den vorigen Briefen vielfach + ersichtlich ist, selbst die Zeit nicht hatte erwarten können, wo er + Meißen verlassen und nach Jena kommen durfte. Der trotz des bittern + Ernstes fast komische Schluß aber bekundet doch den Humor und die + ausreichende »Seelenstärke« (vgl. oben den 8. Brief), womit er die + Enttäuschung zu ertragen und sich in einen andern Wirkungskreis zu + finden vermochte. Dasselbe bezeugt der folgende Brief, der anderseits + einen Beweis liefert, mit welchem Geschicke J. Gottlieb Fichte auch + praktische Dinge zu behandeln wußte und mit welcher Energie er einige + bei seinem Aufenthaltswechsel eingetretene Mißverhältnisse ordnete. + + + + +19. + + + Jena, d. 14. November. 95. + +Deine Gesinnung, mein lieber Bruder, die in Deinem Briefe sich zeigt, +freut mich, und ich wünsche Dir von Herzen Glük dazu. Auch ist es mir +sehr angenehm, daß diejenigen, die Dich umgeben, gleichfals in die Lage +sich geschikt haben. + +An sich -- ich gestehe es Dir aufrichtig -- sehe ich auch dabei kein +Unglük, wenn Du Soldat würdest; es versteht sich auf einige Zeit. Wenn +Du Dich appliciertest, könntest Du eine Unter Offizier, eine Fourier +Stelle, u. s. w. erhalten: (nur wäre dabei zu wünschen, und nöthig, daß +Du eine beßere festere Hand schriebest.) Auch dieser Stand giebt eine +eigne Bildung, eine eigne Bearbeitung, eine Gefügigkeit in die Welt, die +Dir besonders, so wie ich Dich kenne, sehr nüzlich seyn würde. Da aber +allerdings dadurch Dein anderweitiger Plan aufgehalten würde, und was +die Hauptsache dabei ist, da Du eine Abneigung gegen diesen Stand hast, +so billige ich auch die Weise, wie Du Dich davon befreien willst. +Ich würde Deinen Brief noch eher beantwortet haben, wenn nicht die +Ueberlegung, ob ich Dir mit Vernunft =jetzo= die begehrten 30. Rthr +schiken könnte, mich einige Zeit aufgehalten. Meine Lage ist die: Ich +habe zwar eine gute Einnahme gehabt; aber durch Vergeßlichkeiten war +eine solche Unordnung in meinem Hause eingerißen, daß ich an ~100 rthlr.~ +Schulden habe bezahlen müßen, =auf die ich nicht gerechnet, und von +denen ich kein Wörtlein= gewußt; überhaupt, daß ich seit 14. Tagen +über 200 rthr. Schulden bezahlt habe. Bedenke selbst welche Unordnung +besonders der erste Umstand in einer Haushaltung verursacht, in der ich +schlechterdings, es koste was es wolle, von nun an strenge Ordnung haben +will. So unbedeutend nun 30. rthr. an sich mir seyn mögen, so sehe ich +doch nicht mit Sicherheit vorher, daß ich sie, bis ich wieder Geld +bekomme + + * * * * * + +Ich hatte den Brief so weit geschrieben, als mir eine unerwartete +Schuld einging, die jenes _deficit_ ersezt und mich in den Stand +sezt, Deinem Begehren selbst zu willfahren. Ich mag den Brief nicht +umschreiben; und so mag denn der Anfang stehen bleiben, um Dir einen +Beweiß zu geben, daß Du nicht etwa unbedachter Weise auf mich rechnest. +Ich wollte Dir rathen, die 30. thr. in Deiner Gegend, auf mein Wort +zu borgen; allenfalls auch auf einen Wechsel von mir, zahlbar zur +Jubilate-Messe. Ich kann es jezt baar schicken; und so ist es besser. + +Aber so erneure ich denn auch meine Versicherung, daß auf mich gar nicht +zu rechnen ist. Habe ich etwas übrig, so kann ich es dann wohl zum +Vortheil der Meinigen anwenden; aber mein eignes Hauswesen in Unordnung +bringen, oder mich in Schulden steken, das thue ich jezt, und in +Ewigkeit nicht. -- + +Ich hoffe, daß der Hauskauf schon gemacht ist. Mit der Werbung wird es +nun wohl auch nicht mehr so große Noth haben, weil Sachsen Friede +geschlossen hat. + +Ein Wink, den Du mir über die Lage der Unsrigen giebst, betrübt mich: +ärgert, und empört mich. Ich kann diese zanksüchtigen Menschen recht +herzlich haßen. Es bleibt dabei, daß ich künftigen Herbst meinen Vater +zu sehen hoffe, sehr darauf mich freue den lieben, guten, würdigen zu +sehen: aber ich werde nie über eine Schwelle treten, innerhalb welcher +es solche Menschen giebt. + + Der Deinige + Fichte. + +N. Sch. Ich denke Dir dieses Geld keineswegs zu =schenken=; sondern ich +denke es Dir nur zu borgen: und es mag auf dem Hause, unter uns, stehen +bleiben. + +Beantworte mir doch nach genauer Erkundigung folgende Fragen: Sind bei +Euch auf gute Art, und wohlfeil liegende Gründe zu erkaufen: z. B. +Bauergüter, die von Hofdiensten frei gemacht werden könnten; oder +beträchtliche Stüke von den herrschaftl. Gründen: Wir möchten es, um +gewißer Ursachen Willen, gern wißen. + +Meine Frau grüßt Dich herzlich; und dankt für Deinen Brief. + + Aufschrift: + + An Herrn + _Samuel Gotthelf Fichte_ + in + _Rammenau b. Bischofswerda_ + über _Leipzig_ u. _Dresden_. + + Inliegend 5 Stück _Carolin_. + + Die beigegebenen rührenden Zeilen Johanna's nehmen Bezug auf den am + 29. Sept. erfolgten Tod des Vaters Hartmann Rahn. + + + + +20. + + +Ich kann doch den Brief meines Lieben Mannes nicht abgehen lassen, ohne +Ihnen auch zu schreiben. Ich freue mich herzlich, daß Sie so glüklich +angekommen sind, daß Sie alle Lieben so wohl fanden; und Ihr lieber +Brief an mich, voll wahrer Lebensweisheit ist; Sie haben den wirklichen +Punkt gefunden, um in der Welt glüklich zu seyn, halten Sie ihn ja fest, +denn ohne diesen einzigen wahren Gesichtspunct, können wir nie glüklich +sein. + +Ich bin ziemlich wohl; aber der Verlust meines theuren, redlichen, mir +unvergeßlichen Vatters, macht mich sehr betrübt; ich fühl auch besonders +izt, seinen ganzen _Werth_, den ganzen Umfang seines edlen Herzens; wie +grenzenlos Er mich liebte, was Er für ein herrlicher Mann war; wie oft +sagte Er zu mir; ach wüßt ich nur was zu erfinden, um dem guten Fichte, +ein glükliches Schiksahl, zu machen; auch hatte er mancherley Pläne, +ihrenthalben entworfen, aber der Tod rafte ihn weg. Er wird nicht wieder +zu uns kommen, zu ihm aber kommen wir. Das ist auch der einzige Gedanke, +welcher mich einigermasen tröstet; und die freudige Ueberzeugung, daß +ihm izt unaussprechlich wohl ist; Daß er nun schon so manches weiß, was +wir nur hoffend glauben; daß seine Seele, erlößt von der gebrechlichen +irdischen Hülle, nun ganz andre Vortschritte macht; was mag das für eine +Freude gewesen sein, als er meine theure Edle Mutter wieder fand, die +hatte auch ein Herz, wie man nur sehr wenige findt; auch nahm sein +Verlangen nach ihr, mit dem Tode sehr zu, es war gleichsam, eine +Vorempfindung, daß Er sie nun bald sehen werde. Ach theurer, Lieber +Bruder laßen Sie uns Edel und groß sein, und im Guten, immer stärkere +Vortschritte machen, damit wir auch zu diesen Edlen kommen. Gott sey mit +Ihnen! Es liebt Sie von ganzem Herzen, + + Ihre Schwester + Johanna Fichte + g. _Rahn_ + +Tausend herzliche Grüße, an die lieben Eltern, und Geschwister, mögen +Sie Alle recht glüklich und braf sein. + + Es folgen nun der Zeit nach eine Reihe von Briefen vom 8. Juni 1797 + bis zum 9. December 1798 an den Bruder Gotthelf, die hauptsächlich auf + Geldverhältnisse und Geschäftssachen sich beziehen, da Gotthelf und + Gottlob ein Haus gekauft hatten und darin die Bandweberei betrieben, + wozu Johann Gottlieb Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte, + wofür er sich einen Gewinnantheil ausbedungen hatte. Namentlich wollte + er, daß davon seinem unermüdet thätigen Vater Etwas zu Gute kommen + sollte. Von anderen seiner Verwandten scheint Fichte mitunter in nicht + ganz zarter und bescheidener Weise in Anspruch genommen worden zu + sein, so daß er ihnen zuweilen etwas derbe Zurück- und Zurechtweisungen + ertheilt. + + Beachtenswerth ist vorzüglich, wie eingehend Fichte sich nach den + Specialitäten des Geschäfts erkundigt, die wandelbaren Werthe der + verschiedenen Geldsorten in Anschlag bringt u. s. w., und wie er, der + Philosoph, seinen Brüdern, den Geschäftsmännern, vielfach Rathschläge + giebt. Man wird dabei an das Wort erinnert, daß der Philosoph auch + der beste Schuster sein würde, sofern er nämlich prüft und entdeckt, + worauf es ankommt, und also jede Sache, die er in Angriff nimmt, mit + Verständniß und mit Erkenntniß des Zweckes behandelt. + + Ich theile aus diesen Briefen nur mit, was als irgendwie + charakteristisch von wirklich allgemeinerem Interesse sein kann, + indem ich das rein Geschäftsmäßige und Kaufmännische übergehe und + durch Punkte andeute. + + + + +21. + + + Jena, d. 8. Jun. 97. + + Lieber Bruder, + +Ich trug Bedenken, Dir das Geld geradezu durch die Post zu übersenden, +weil ich das ungeheure Porto fürchtete, und wollte deswegen sehen, ob +es etwa durch Wechselbriefe zu übermachen wäre. Ich erfahre so eben auf +meine Nachfrage auf der hiesigen sächß. Post, daß + + 50. Carolins, oder 300 rthr. Sächsisch, + +als soviel ich hierdurch übersende, nicht mehr als 30. bis 32. Gr. +Porto machen, und dies halte ich denn doch für Kleinigkeit, und trage +kein Bedenken, auch diese Unkosten zu verursachen. + +Ich erwarte mit umlaufender Post den Empfangsschein, weil ich nicht +weiß, wie viel der kleinen Nebenpost, durch die das Geld zu erhalten +ist, zuzutrauen werde. + +Ich erwarte die Auszahlung von 4. pro Cent, welche ich selbst an meine +Frau, deren Schwester dieses Geld gehört, =aus meinem Beutel bezahle -- +abgeredeter Maassen an meinen Vater, als eine kleine Pension= -- ~ganz +allein zu seiner eigenen Erleichterung bei seinem Alter~; =besonders, +daß er nicht mehr so schwere Lasten trage=. + +Du, und Bruder Gottlob steht mir für dieses Geld; und ich =erwarte +darüber des nächstens eine Verschreibung eures Vermögens; insoweit es +dafür nöthig ist=. Der Schein wird ausgestellt nicht auf 300. thlr. +sächsisch, weil dieser Werth wandelbar ist, sondern auf 50. Stük neue +französische _Louisd'or_. -- Der Schein wird auf =jährige Aufkündigung= +gemacht. + +Ihr verwendet dieses Geld so, daß es so viel möglich auch meinen übrigen +Brüdern mit zu Nutz komme: -- es versteht sich, daß dies, da ihr beide +allein mir dafür steht, nach eurer eignen Einsicht geschieht. -- ... ... + +So viel über dieses Geschäft. Was den übrigen Inhalt Deines Briefs +anbetrift, so wäre darüber viel zu sagen. Was darin unsere Mutter +anbetrift, hat mich gerührt; und ich beklage die gute Frau. Gott, der +ein anderes Gericht führt, als wir, wird ihr vergeben. Was Du von den +übrigen Gliedern unserer Familie, den Vater, und Dich ausgenommen, +sagst, hat mich befremdet. Diese drolligen Geschöpfe haben also +geglaubt, daß ich, nach ihrem ehemaligen niederträchtigen Betragen gegen +mich, noch Pflichten gegen sie hätte, über deren Beobachtung =sie= +Richter wären, und nach denselben mich beurtheilen dürften? Daß ich +jetzt durch meinen Besuch diese Pflichten gegen sie erfüllt habe, und +daß nunmehr erst sie =ihre= Niederträchtigkeit =mir= verzeihen könnten? +und Du, mein besserer, und wie ich glaubte, vernünftigerer Bruder, +trägst kein Bedenken, mir dies zu schreiben, als ob Du halb, und halb +derselben Meinung zugethan wärest? + +Grüsse mir herzlich den Vater, und lebe wohl. + + Dein treuer Bruder + J. G. Fichte. + +... ... ... + +Indem ich den Brief schliessen will, fällt mir ein, daß es doch sichrer +ist, ihn anderwärts hin, als nach Rammenau, zu addressiren; und ich +schike ihn daher durch Einschlag an Bursche zu Pulßnitz. + + Das Specielle, was Fichte's Mutter betrifft, ist nirgends genau + bezeichnet und kann deshalb nicht aufgeklärt werden. Nach einer Stelle + am Schlusse des Briefes muß Fichte einige seiner Verwandten besucht + haben; die folgenden Briefe aber lehren, daß er in Rammenau nicht + gewesen ist. + + Der nächste Brief ist nach dem bezeichneten Alter seines Sohnes, der + am 18. Juli geboren wurde, vielleicht an demselben 11. October 1797 + geschrieben, wie der an des Kindes Pathen Johann Erich von Berger + gerichtete (II, 479), oder doch an einem der nächsten Tage. + + + + +22. + + + Mein lieber Bruder, + +Ich habe bis jezt so viel Arbeit gehabt, daß ich nicht habe schreiben +können. Deiner Bitte um Geld konnte ich nicht willfahren, weil ich das +verlangte nicht entbehren konnte. Ich habe das Haus, das ich in Jena +bewohnte, und welches Du kennst, gekauft. Das kostet mehr, als das +Deinige. Nun ist das zwar nicht von meinem, sondern von meiner Frau +Gelde geschehen: aber theils habe ich Vorschüsse machen müssen: theils +lasse ich auch fortgesezt darin bauen, und dies geht von meinem Gelde. +Da kannst Du nun berechnen, ob viel baares Geld bei mir seyn mag. +Ferner, habe ich diesen Sommer Kindtaufe gehabt. Ja: es ist mir ein +herrlicher, gesunder, starker Knabe gebohren, der jezt in die 13. Woche +geht. Sage das unsern guten Eltern, die ich dadurch zu GroßEltern +gemacht habe. + +Ueber eine Reise nach Hause habe ich hin und her gedacht: aber es ist +nicht möglich gewesen. =Zeit= ist mir das edelste Gut, und ich konnte +ihrer für diesmal nicht so viel verlieren, als dazu gehört hätte. =Gewiß +versprochen= habe ich es nicht. -- Ich hoffe, es künftige Ostern möglich +zu machen. Vertröste den guten, trefflichen Vater. Gewiß werde ich ihn +sehen, und mehrmals, hoffe ich, sehen. Meine Frau will sich's nicht +ausreden lassen, mich, mit ihrem Kinde, zu begleiten. Ich gestehe, daß +ich dies in mancher Rüksicht nicht gern sehe; und auch das hat mich +bisher abgehalten. + +Ferner ist solch eine Reise unter hundert, und mehr Thalern nicht +gemacht und auch diese habe ich nicht so geradezu zu verlieren. Die +glückliche Zeit ist vorbei, da ich meinen Stab nahm, und zu Fusse ging, +durch die weite Welt. Jezt bin ich allenthalben gefesselt. + + Lebe recht wohl. + Dein treuer Bruder + F. + + + + +23. + + + Jena, d. 2. Jänner 1798. + + Lieber Bruder, + +Meine Frau hat es sich nicht wollen nehmen lassen, an unsern guten Vater +zu schreiben. Es ist beiliegender Brief, den ich durch Dich überschike. + +Es wundert uns nicht wenig, daß wir die Papiere über das übersendete +Geld, die nach wenigen Wochen folgen sollten, nicht erhalten haben. + +Br. Christian hat mir abermals geschrieben. Sein Brief traf zu einer +Zeit ein, da ich ihm nicht antworten konnte, weil ich keine Zeit hatte. +Auch jetzt habe ich sehr wenig Zeit: ich bitte also =Dich=, ihn zu +benachrichtigen, =daß es gänzlich ausser meiner Macht liege, ihm in +seinem Begehren zu willfahren, und daß er eine völlig unrichtige +Vorstellung von meiner Lage zu haben scheine=. + +Wie geht es euch allen, und wie geht es besonders Dir, und Bruder +Gottlob bei eurem Unternehmen geht; ob ihr Hofnung habt, etwas vor euch +zu bringen? -- ob ihr auch dem Vater das accordirte gebt, und ob es ihm +in der That zu einiger Erleichterung dient? Besonders auf das letzte +wünsche ich eine bestimmte Antwort. + + Lebe recht wohl. + Dein treuer Bruder + F. + + + + +24. + + + Jena, d. 21. August. 98. + +Mehrere Gründe haben mich verhindert, Deinen Brief früher zu beantworten. +Ich hoffe, daß es jezt mit euerm Unternehmen besser geht. Daß Ihr den +Vater mit hineingezogen, ist mir nicht ganz recht. Er hat nun gesorgt, +und gearbeitet genug, und meine Absicht war nicht, daß die kleine Pension, +die ich ihm zu geben vermochte, als ein Theil des Handelscapitals +betrachtet würde, sondern daß er sie in guter Musse genösse. + +Nehmt euch ja in Acht, daß das Kapital nicht schwindet. Es gehört, wie +ich mehrmals gesagt, nicht mein; auch nicht einmal meiner Frau, sondern +einer armen unverheiratheten Schwester derselben. Ich würde es ersetzen +müssen, und, wenn ich auch nicht sonst Ursache hätte, bedächtig mit dem +meinigen umzugehen, schon dadurch in die Unmöglichkeit versezt werden, +euch weiter zu unterstützen. + +Aber ich habe Ursache, die Zeiten des Wohlstandes behutsam zu nutzen. +Meine Besoldung ist so gering, daß ich durch sie kaum Holz und Licht +bestreiten kann. Ich muß von meiner Arbeit leben; und daß diese mir +etwas eintrage, hängt von dem Flor dieser Universität ab. Dieser aber +könnte in ein paar Jahren ganz sinken, denn schon jezt hat der Kaiser +von Rußland alle seine hier studirenden Unterthanen, deren Anzahl sich +bis in die 80. belief, zurükberufen, und es ist zu fürchten, daß andere +Regierungen diesem Beispiele folgen. + +Wenn einer von euch etwas vom Landbaue verstünde, so würde ich ihn zu +mir nehmen und mir Ländereien ankaufen. So könnte ich es etwa mit der +Zeit zum Besitze eines Rittergutes bringen. Aber auch dies kann ich +vor der Hand nicht, weil ich nicht weiß, ob ich noch lange in diesen +Gegenden bleiben werde. Ich habe nemlich Vocationen, die annehmbar sind, +wenn Jena in Verfall kommt; bei denen ich mich aber verschlimmere, wenn +die Lage bleibt, wie sie jezt ist. Kurz, mein ganzer Zustand ist +schwankend. + +... ... ... + +Die herzlichsten Grüße von mir und meiner Frau an Eltern und Geschwister. + + Dein + treuer Bruder + J. Gottlieb Fichte + + Die hier erwähnten Vocationen beziehen sich ohne Zweifel auf die + beabsichtigte neue Organisation der Universität zu Mainz, bei der man + Fichte in's Auge gefaßt hatte (I, 299 ff.). + + + + +25. + + + Jena, d. 16ten 7br. 98. + + Lieber Bruder, + +Deine Briefe habe ich erhalten. Wenn du, wie ich hoffe, diesen Brief zu +rechter Zeit erhältst, d. i. wenigstens den 20sten dieses (Donnerstags) +so sey den 21sten (Freytag) bei guter Zeit in Dresden, und frage mir im +Gasthofe zum (goldnen glaube ich) =Engel= nach. Der Wirth heißt Eichhof. +Bin ich etwa nicht da, so werde ich doch dort meine Addresse lassen. -- +Richte Dich so ein, daß Du die Nacht von Hause abwesend seyn kannst, und +sey gut angezogen, denn wir wollen den andern Tag wohin reisen. + +Uebrigens sey ohne Sorge, und laß Dich ja auf nichts ein, ehe ich Dich +gesprochen habe. + +Meine Frau grüßt Dich, und die Eltern, so wie ich gleichfals + + Der Deinige + F. + + Was das Ziel und der Zweck der hier verabredeten Reise war, ist + unbekannt. + + + + +26. + + + Jena, d. 15. 8br 98. + +... ... ... + +Ich habe Deinen Brief erst diesen Augenblik erhalten und antworte +sogleich indem ich nur noch ½. Stunde bis zu Abgang der Post habe. Daß +Du den Donnerstag oder Freitag das Geld haben werdest, ist so ziemlich +unmöglich, denn jezt ist Montag Abends. + +Ich habe theils bis jezt mit meinen Laubthalern noch keinen +vortheilhaften Wechsel machen können; theils wollte ich noch alles +_piano_ gehen lassen, bis wir Kunden haben. Ich habe darüber an einen +Kaufmann, dem ich zugleich die Mustercharte eingeschikt, geschrieben. +Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe sehr +traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, und den Credit auf die Wage +zu setzen, schike ich sogleich Geld. Solltest Du mehr brauchen, so +schreibe mir. + +Grüsse mir Eltern und Geschwister herzlich. + +Die Post geht ab, und ich habe keinen Augenblik mehr Zeit. Ich werde Dir +aber nächstens weitläufiger schreiben. + + Dein treuer Bruder + F. + + Aufschrift: + + Herrn Samuel Gotthelf Fichte + zu _Rammenau_ + _p. Bischofswerda_, über + _Dresden_. + + frei + + ... ... + + Die folgenden Briefe vornehmlich zeigen uns den idealistischen + Philosophen auch als praktischen Geschäftsmann. + + + + +27. + + + Jena, d. 26. 8br. 98. + + Lieber Bruder! + +Ich möchte, daß Du noch vor der Frankfurter Messe einen Brief von mir +hättest, damit Du allenthalben Deine Maasregeln darnach nehmen könntest, +drum schreibe ich Dir jezt. + +Das nothwendigste zuerst. Die Mustercharte habe ich an einen gewissen +Kaufmann in Eisenach geschikt. Er hat mir geantwortet, daß ich mich +nicht besser hätte addressiren können, als an ihn, daß er in einiger +Zeit nach Jena kommen und mit mir mündlich weiter aus der Sache sprechen +werde; daß die Waare zwar gut gearbeitet -- dies bezieht sich wohl +besonders auf die Schurichschen Wollen Proben, die noch jedermann, +der sie bei mir gesehen, äusserst wohlgefallen haben, -- daß =sie aber +viel zu theuer sey=. Ueber den lezten Punct erwarte ich seine weitere +Erklärung, und Deine Antwort, ob sie, im Falle einer grossen Lieferung, +wohlfeiler abgelassen werden könne. + +Ich habe an unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag +gegeben, sich in den Bandbuden umzusehen, Preiß, und Güte der Waaren zu +erkundigen, und zu erforschen, woher die Kleinhändler ihre Waaren +beziehen. Da hat nun meine Frau 3 Stükel (das Stük hält 16. Ellen und +das Band 24. Faden.) schmales weisses Band (doch nicht so schmal als +unsere Pfennigschnür) für 8. Gr. gekauft, und erfahren, daß hier herum +alles aus =Erfurt= gezogen wird, wo sich bis 15. grosse Bandfabriken +befinden sollen, deren Unternehmer viele hunderttausend im Vermögen +hätten (sagen nemlich die =Kleinhändler=). So habe ich selbst auf der +Leipziger Messe eine mächtige, und sehr gut gefüllte Erfurter Bude (sie +steht mitten auf dem Markte) gesehen. -- Es ist mir selbst warscheinlich, +daß die Erfurter das Garn wohlfeiler haben, als es in unserer Gegend +ist, indem in dem Erfurter Gebiet viel gesponnen wird, aber sonst keine +Leinweberei ist, und die Lebensmittel gar wohlfeil sind. Auf diese +Vergleichung bezieht sich vielleicht des Eisenacher Kaufmanns Ausspruch. +Ich werde über alles dieses mich näher erkundigen. Alle diese Umstände +nun rathen uns vor der Hand gar sehr das _piano_ gehen an; denn was +hilft es eine Menge Waare zu verfertigen, wenn man nicht den Preis +halten kann, und sie verschleudern kann. + +Kurz -- über alles dies werde ich sehr genaue Erkundigungen einziehen; +ebenso, wie über den muthmaaßlichen Erfolg des Beziehens der Leipziger +Messe. Sehen wir nicht die Möglichkeit, etwas dort zu machen, vorher +ein, so rathe ich nicht dazu: denn die Unkosten einer solchen Messe +mögen, nach den Klagen aller Kaufleute, und nach der unverhältnißmässigen +Theurung aller Waaren in Leipzig gegen andere Meßorte, (z. B. Naumburg, +unsern Jahrmarkt) wozu die Krämer geradezu dies als Grund anführen, sehr +gros seyn. Eine Bude zwar ist, an einem sehr vortheilhaften Platze, +besprochen. Das Standgeld beträgt die Messe über nur 12 Gr. aber eine +Bude müste angekauft werden. + +... ... + +Wechselbriefe kann ich nicht schiklich bekommen. =Dresden= ist viel zu +wenig Handelsort. + +Auf Leipzig kann ich sehr leicht assigniren. Jezt zu andern Punkten. + +... ... ... + +Grüße Eltern, und Geschwister, und lebe recht wohl. + + Dein treuer Bruder + F. + +d. 3. 9br. + +Dieser Brief ist, um meiner vielen Geschäfte willen, liegen geblieben. +Ich hoffe aber, daß du ihn noch vor der Messe erhältst. ... ... + + + + +28. + + + Jena, d. 18. 9br. 98. + + Lieber Bruder, + +So eben kehre ich meine Chatoulle bis auf den Boden, in welche ich +alles Gold und sächsische Geld, das ich seit meiner Rükkehr eingenommen, +geworfen, und noch überdieß wechseln lassen, und finde nicht mehr, als +das auf beiliegenden Zettel bemerkte, ... ... + +... ... ... + +Ueberhaupt, -- plagt mich das Geldschiken bloß um der nicht +beizutreibenden Geldsorten willen; aber, sobald etwas nothwendig +gebraucht wird, oder wo ein Vortheil zu machen ist, so schreibe ja +sogleich. Ich kann Dir vieles, was ich versprochen hatte, heute nicht +schreiben, weil ich in Arbeiten vergraben bin. Ich werde bei der ersten +Gelegenheit, da ich ein wenig freie Luft habe, schreiben. + +Melde mir ausführlich, wie Deine Messe abgelaufen. Die Aussicht für den +Handel ist überhaupt höchst betrübt, durch das schändliche Verfahren der +Engländer, und die Dummheit der Deutschen. Ich habe wieder etwas +aufgetrieben, das unserer Bandfabrik vielleicht Kunden verschaft. + +Ferner habe ich vor einigen Tagen eine Sammlung von physikalischen +Experimenten in die Hände bekommen, die ich dir bei Gelegenheit zusenden +werde. Es ist da manches über Färberei, wovon ich nicht weiß, ob es Dir +nützen kann; aber es ist da ein Rezept zu schnellen =Bleichen=, das +einige Anlage, und etwas Menschenverstand erfordert, und Dir gewiß +nüzlich seyn könnte. Ich werde es selbst noch besser durchdenken, und +dann mit meinen Bemerkungen es Dir schiken; kaufe daher nur nicht so +viel weisses Garn, sondern rohes. + +Ich habe noch mancherlei sehr =sichere= Gedanken zur Verbesserung der +Bandfabriken, von denen ich nur zweifle, ob ich sie Dir schriftlich +vortragen kann. Hierüber ein andermal. + +Die alte Uhr ist, glaub ich des Postgeldes nicht werth. Sonst konnte +ich sie durch Schütteln, und Rütteln zum Gehen bringen; da ich sie das +leztemal sah, half auch dieses Mittel nicht mehr. Beruhige den guten +Vater. Eine Uhr soll er sicher von mir bekommen; ob es grade die aus dem +alten Eisen seyn wird, kann ich nicht versprechen. Lebe wohl, und grüsse +Eltern, und Geschwister. Dein treuer Bruder + + J. G. F. + +Du schreibst in Deinem lezten Briefe, daß Du 90 Thlr. in Frankfurt +zu bezahlen habest. Und da möchte denn meine Frau, der dies auffiel, +wissen, wofür? -- und =ich= möchte es auch wissen. + + Aufschrift: + + Herrn Samuel Gotthelf Fichte + zu + _Rammenau_ + über =Dreßden=, und =Bischofswerda= + + ... ... + + + + + +29. + + + Jena, d. 4. Xbr. 98. + +Der Kaufmann, dessen ich neuerlich erwähnte, Hr. _Streiber_, ist hier +gewesen. Es hat sich ergeben, daß derselbe =selbst eine Wollenbandfabrik= +hat. Sein Tadel der zu großen Theure bezog sich auf die wollenen Bänder. +Er könne sie weit wohlfeiler liefern. Er versende sie, -- und habe +ehemals auch leinene aus =Elberfeld= -- nach der Schweiz, Italien, +Spanien. Er wolle, wenn wir die =Preise halten= könnten (woran er +zweifle,) uns welche abnehmen. + +Vorläufig soll ich =beiliegende Proben= überschiken: und Du sollst die +beiden bemeldeten Fragen beantworten. Thue dies nur -- aber nicht mit +Deiner gewöhnlichen =schlechten= Schreiberei, denn das flös't keinen +Respekt für den grossen Fabrikanten ein -- auf dem beiliegenden Zettel +selbst. Die Proben sollen zurükgesandt werden. Du mußt Dir sonach +die Muster =merken=. Ist der Preis acceptabel, so will er auf diese +Sorten Bestellung machen. -- Nun sehe ich freilich, daß beide Proben +viertrittig sind, und in der _B._ auch wollenes Garn ist. Du wirst sie +also schwerlich machen können. Aber doch möchte ich nicht, daß wir +gleich die erste Bestellung abweisen müßten. Es ist um der Zukunft +willen. Stühle mit mehreren Tritten wirst Du ohnedies anlegen müssen, +wenn ich Dir Kunden verschaffen soll. -- Antworte hierauf sobald Du +kannst. Es ist mir hierbei folgendes eingefallen. + +1.). Streibers Bänder, von denen ich Dir nächstens eine Mustercharte, +und Preistabelle zuschiken werde (da wirst Du zugleich sehen, =wie eine +Mustercharte aussehen= muß, und dergl. mußt Du Dir zulegen) sind weit +dünner, und ich glaube im ganzen viel schlechter, als =Schurigs=, aber +sie nehmen sich viel besser aus; sie sind sehr schön gefärbt, und wohl +zugerichtet. Ob sie viel wohlfeiler sind, wirst Du sehen; ich vermuthe; +denn Streiber sagt mir, daß sie auf Mühlen verfertigt werden, die zum +Theil bis 30. Gänge haben. Vielleicht nun könntest Du dergleichen in +Deiner Gegend, und zu Frankfurt häufig absetzen, etwas darauf verdienen, +sie creditirt bekommen, und mit leinenen Bändern Deiner Fabrik bezahlen. +Dies wäre, scheint es mir, ein profitabler Handel. Sobald ich Dir die +Mustercharte zugeschikt haben werde, nimm darüber Deinen Entschluß. + +2.). Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, einem Griechischen Kaufmanne +zu Chemniz einen Dienst zu erweisen, den er mir hoch anrechnet. Ich +werde ihm dafür auftragen, uns Kunden für Bänder zu verschaffen. Halt +daher eine Mustercharte in Bereitschaft. + +3.). Kann ich durch Streibern genau erfahren, wie =unsre= Preise sich +zu den Preisen anderer Bandmacher, z. B. der Westphälischen, Erfurter, +u. s. f. verhalten, und wo etwa ein Vortheil zu machen ist. Er hat +nach Proben, Preisen, Garnpreisen geschrieben. Er glaubt, daß die +=Braunschweiger= Garne wohlfeiler seyen, als die, deren Du Dich +bedienst. Wäre dies beträglich, so könnten wir ja dergl. kommen lassen, +indem der Transport doch so gar viel nicht ausmachen kann. Berechne +daher, wie hoch Dir, in der Regel =100 Ellen Dresd.= (so müssen wir +rechnen, denn Weise, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt +keinen gemeingültigen Maasstab) =weises Garn=, und =rohes Garn= kommen; +ferner, wie viel ein Geselle die Woche, wenn er fleisig ist, verdienen +kann, (auch dies müssen wir so berechnen) und melde mir dies; damit ich +einen Ueberschlag machen, und sehen kann, wo etwas zu ersparen ist. + +Soviel für jetzo. + +Grüsse Eltern, und Geschwister, und lebe wohl. Dein treuer Bruder + + F. + + Mit dieser sorgfältigsten Pünktlichkeit behandelte er die + Geschäftsdetails selbst noch zu einer Zeit, wo ganz andere + Angelegenheiten seine Thätigkeit in Anspruch nahmen -- nämlich der + bekannte Atheismus-Streit, den er im folgenden Briefe mit prächtigem + Humor bespricht. + + + + +30. + + + Jena d. 9. Xbr., 98. + +In diesem Augenblike nur das höchstnöthige. Ich werde sehen, ob ich zu +diesem Briefe zurük kommen kann. + +... ... ... + +2.). =Meine= Einnahmen, die ich der Compagnie bestimme, sind ziemlich +unsicher. Sie hängen davon ab, ob ich künftigen Sommer ein oder mehrere +Bücher schreibe; ob ich durch Reisen viel verthue, und dergl.: Doch +-- ein halbes oder ganzes Hundert kann ich im Fall der Noth immer +herbeischaffen. + +... ... + +Darnach nimm nur Deine Maasregeln. Denn in diesen Detail hineinzugehen, +vermag ich nicht, weil ich dies nicht genug verstehe. + +3.). Wegen des =Standes= einer Bude, (keine Bude selbst, diese müßte +besonders angeschaft werden) ist mir etwas über die Topographie von +Leipzig entfallen, darüber ich aber warscheinlich allhier selbst +Auskunft erhalten kann. + + d. 5. Jänner. 99. + +So lange ist dieser Brief liegen geblieben, weil mir unsre guten +Landsleute, die Chursächsischen, Beschäftigung vollauf gegeben. Ich habe +seitdem über den Plaz der Bude mich erkundiget. Er ist gelegen. + +Von Hrr. Streiber habe ich beiliegende Westphälinger (Elberfeldische) +Leinenband Proben, und Preistabelle erhalten; die ich Dir zur Einsicht +und Berechnung, ob wir Preis halten können, mittheilen soll. Die +Preistabelle lautet zu deutsch: _N. 12_ (bezieht sich auf die +beiliegende Mustercharte) das Duzend Stükel von 19. Pariser Ellen 5. +_Livres_ (Ein Livre ist 6 Gr. sächs. wenn der Laubthaler 1 Thlr. +12 Gr. sächs. steht,) daß also von der geringsten Sorte 19 Ellen 60 Pf. +kämen. Die zweite Ziffer z. B. _N. 14_. -- 5 _Livres_, 10 -- bedeutet +_sous_, und der _Livre_ hat 20 _sous_. und nun kannst Du selbst +berechnen. Ich sehe klar ein, daß =unsre= Bänder viel wohlfeiler sind. +Nur arbeiten wir blos =glatte=, und wie diese =modellirten= gemacht +sind, sehe ich gar nicht ein, und glaube, daß wir sie nicht machen +können. Jedoch dürfte mir es etwa auch da gehen, wie mit den Herrnhuter +Bändern, wo ich meinen Bandverstand garstig blamirt habe. + +Zum Hauskauf wollte ich jetzo, ob mir gleich der Gedanke mit dem Beigute +nicht mißfällt, nicht rathen; wenn Du nicht etwa sonst woher ein starkes +Capital auftreiben kannst. Es wird immer möglicher, daß sich mein +Aufenthaltsort verändert, und daß ich dann selbst Geld bedürfte. + +Meinen Vorschlag eines Tauschhandels hat Streiber mit Freuden +aufgenommen, aber noch nicht =seine= Mustercharte eingeschikt. + +Proben eines Handelsbuches, einen Contract, und dergl. soviel mir auch +natürl. selbst daran liegt, kann ich gegenwärtig nicht einschiken. Ich +habe wohl andere Dinge zu denken. Dies muß warten auf ruhigere Zeiten. + +Sollte nicht auch in der Lausitz der Ruf erschollen seyn, daß die +Chursächs. Regierung mich für einen Atheisten erklärt habe, und daß ich +wenigstens zu Asche verbrannt, und dann des Landes verwiesen werden +würde? Ich sage das nur deswegen, damit, wenn bei Euch das Gerücht +erschallt, ihr, und besonders unsere guten Eltern nicht erschreken. Es +wird so schlimm nicht werden. In vier Tagen oder 8. erhaltet ihr eine +vorläufige Vertheidigungsschrift an das Publicum. Nun hat zwar der +Churfürst, nicht zufrieden, mich in =seinem= Lande verschrieen, und +meine Schriften confiscirt zu haben, mich auch noch bei =meinem= Herzoge +verklagt, und ich muß nun auch da mich vertheidigen. Aber ich denke, +es soll mir auch hier nicht schwerer fallen, als dort. -- Dies zur +Nachricht, wenn man bei Euch schon etwas weiß. Weiß man aber nichts, so +seyd ihr nicht die ersten, die es ausbreiten; denn Geräusch, und Lärm +ist nie gut. + +Lebe recht wohl. + + F. + +N. Sch. Wegen der Appretur habe ich bei unserm Professor der Künste +erkundigt. Das was jene Fabricanten haben, wird allerdings =Leim= seyn, +und zwar, wie er in den Läden heißt: =Fischleim=. Er wird aus den +feinsten Schafknochen gekocht, und ist theuer; kann aber sehr vermischt, +und sparsam gebraucht werden. Der Professor redete von =Selbstkochen=; +welches mir aber keineswegs einleuchtet. + +Deine leztern Briefe gefallen mir. Sie sind gründlich, klar und gesezt. + + Der nächste Brief ist ohne Datum. An wen der darin eingeschlossene + Brief gerichtet war, ist nicht bekannt. + + + + +31. + + +Meine Arbeiten haben mich absolut verhindert, eher zu schreiben, und +auch noch jezt muß ich kurz seyn. + +1.). Meiner Frauen Geld aus der Schweiz ist =nicht= beizutreiben, indem +der Schuldner die Waaren, für die er schuldig ist, noch nicht verkauft +haben will, mit Schaden verkauft haben will, und dergl. + +2.). Was wir gegenwärtig aufbringen konnten, hast Du; =ob= und =wenn= +ich wieder etwas auftreiben werde, da es mir ziemlich schlimm geht, ich +meine meisten Schriften größtentheils an die Verleger verschenkt habe, +und selbst das, was man mir schuldig ist, nicht beitreiben kann -- da +ferner unserer Universität wohl schlimmere Zeiten bevorstehen möchten, +-- weiß ich nicht. Du mußt daher alle =Erweiterungspläne= aufgeben, und +blos zu behaupten suchen, was Du hast. + +3.). Es folgen die Proben, und Preistabelle der Streiberischen Bänder. +Die Preise, welche schon jetzt niedriger seyen, als die eurigen, würden +nächstens noch herunter gehen, schreibt Streiber. + +4.). Beiliegender Bindfaden ist ein Pariser =Stab=, der auf der Probe +und Preistabelle der Elberfelder Bänder gemeint ist. Es heißt im +Originale _aune_ (sprich _Ohne_) _de Paris_. -- und ich habe den Fehler +gemacht, indem _aune_ sonst eine Elle heißt. + +5.). Streiber hat schon vor länger als 8. Wochen beiliegende Bestellung +gemacht: -- um einen =Anfang zu machen=, um zu sehen wie die Waare im +Stüke ausfällt, schreibt er. -- Ich habe dies lächerlich gefunden, um +eines Duzend Willen anzuscheeren: und daher die Bestellung Dir nicht +eher geschikt, und ihm nicht geantwortet. Thue jezt, was Du willst. Die +Fracht (von 1. Duzend Stükel!) will er tragen. Ich halte Streibern für +einen Narren + +Lebe wohl, und grüsse herzlich Eltern, und Geschwister. + +Den beigeschloßenen Brief gieb =sogleich= auf die Post. Der arme Teufel, +der mich dauert, dem ich aber nicht helfen kann, erwartet Antwort. + + Dein treuer Bruder + J. G. Fichte. + + In Folge der erwähnten Anklage ging Fichte Anfang Juli 1799 nach + Berlin und kehrte erst zu Ende des Jahres zurück, um mit seiner + Familie ganz dahin überzusiedeln (I, 309 f. II, 277. 284). Unterdeß + war sein vertrautester Bruder Gotthelf gestorben, weshalb der nächste + Brief an denjenigen unter seinen Brüdern gerichtet ist, der ihm nach + jenem der liebste war, nämlich Gottlob. + + + + +32. + + + Jena, d. 20. Februar. 1800. + + Lieber Bruder, + +Was Du mir in Deinem leztern Briefe über die Aufführung unsers +verstorbenen Bruders meldest, will ich vor der Hand auf sich beruhen +lassen. + +Daß, in Absicht der Hanthirung, und meiner Forderungen, alles von allen +Seiten verworren genug ist, ersehe ich gar deutlich: was aber meine +Anwesenheit in Rammenau dabei fruchten könne, nicht. Auch ist, Deinem +letztern zu Folge, =unsre= Zusammenkunft bei Deiner Frankfurter Reise +von Schwierigkeiten begleitet, welche die Vortheile, die ich mir davon +verspreche, wohl niederwiegen möchten. Ich gebe also diese Zusammenkunft +auf, indem ich einen andern Versuch mache, ins klare zu kommen. + +Dieser Brief trift Dich ohne Zweifel noch vor Deiner Abreise nach +Frankfurt; mich aber trift keiner von Dir mehr in Jena; indem ein +blosser Zufall mich noch diesen Monat hier zurükgehalten, und verhindert +hat, nach =Berlin= zu gehen, wohin ich längstens binnen 14. Tagen mit +meiner Familie auf immer abgehen werde. + + Dein getreuer Bruder + J. G. Fichte. + + Aufschrift: + + An Joh. Gottlob Fichte + zu + =Elster=. + + Fichte wurde sodann zum Professor in Erlangen ernannt, wo er aber nur + im Sommer 1805 lehrte, weil 1806 die kriegerischen Ereignisse ihn + anderwärtshin führten, während gleich von vorn herein bestimmt worden + war, daß er im Wintersemester in Berlin Vorträge halten durfte. Von da + aus ist der folgende Brief seiner Frau geschrieben, in welchem sie in + diesen gefahrvollen Zeiten auf zartfühlende Weise sich für ihre und + ihres Kindes Zukunft besorgt zeigt. Das erwähnte Unwohlsein Fichte's + war eine heftige Kolik (II, 405). + + + + +33. + + + _Berlin d: 26: Jenner 1806:_ + +Theure Eltern, ich bitte Sie um eine Gefälligkeit daß Sie nämlich die +Güte hätten mir bey dem _Prediger_ meines Lieben Mannes Taufschein +auszuwirken, denn da ich in die hiesige Witwen_Caa_ße legen will, so +brauch ich ihn dazu unumgänglich ich laße mir zu dem Ende hin Geld aus +der Schweiz kommen, welches ich noch da stehn habe; mein Mann weiß +nichts davon daß ich in die Witwen_Caa_ße lege, denn es scheint mir sehr +unherzlich mit meinem guten lieben Mann davon zu reden, wovon man nach +seinem Hinsterben leben solle, und darum rede ich nicht darüber, sondern +danke Gott daß mir noch etwas Geld geblieben ist, damit ich es selbst +bestreiten kann; auf der andern Seite halt ichs für meine Pflicht zu +thun, denn die Menschen sind sterblich, und auch ich bin sterblich, was +sollte denn aus unserm armen Kinde werden? sterbe aber auch ich, so +bekommt unser Kind, bis in sein 25. Jahr, die Hälfte von dem, was ich +als Witwe bekommen hätte. + +Ich bitte Sie mir den Taufschein gleich anfangs des künftigen _Monat_hs +zu schiken, denn sonst muß ich wieder ein halbesjahr warten, und den +Brief an mich zu _addressie_ren, weil ich Ihnen die Gründe warum mein +Lieber Mann nichts davon weiß, schon gesagt habe. + +Wenn Sie lieber Vater keine Zeit, noch Lust haben mir zu schreiben, so +schieben Sie's doch ja nicht auf mir den Taufschein zu schiken, sondern +schiken ihn mir nur ohne Brief. + +Ich habe Ihnen vor etlichen _Mona_then geschrieben, haben Sie meinen +Brief erhalten? + +Mein Lieber Mann grüßt Sie alle herzlich; er ist izt Gottlob wieder +wohl, war es aber vor einiger Zeit nicht; bei dieser naßen ungesunden +Witterung sind hier viele Menschen krank, und sterben auch eine Menge. + +Unser _Hermann_, der Gottlob gesund ist, empfiehlt sich seinen Lieben +Groß Eltern. + +Leben Sie wohl, Gott sey mit Ihnen, ich grüße alle welche sich meiner +errinnern freundlich, und bin von _Her_zen Ihre + + _Fichte. g: Rahn._ + + Aufschrift: + + _Herrn Fichte_ dem Vater + zu + _=Rammenau=_ + Bey _Dresden_. + + _=frey=_ + + Im October 1806 wich Fichte mit dem Geheimrath Hufeland, wie + sämmtliche Behörden und alle Männer von Ansehen, vor den siegreichen + Feinden aus Berlin und ging nach Königsberg, wo ihm provisorisch eine + Professur zugewiesen wurde; während seine Gattin zur Hütung des Hauses + zurückblieb, dann aber nachfolgen sollte, als sein Aufenthalt in + Königsberg dauernd werden zu wollen schien. So schmerzlich aber war + ihr die Trennung von ihrem geliebten Manne, daß sie trotz ihrer + starken und duldungswilligen Seele darüber im November in eine + ernstliche Krankheit verfiel (I, 374 f.). + + + + +34. + + + _Berlin_ d. 13: _Feb_: 1807. + +Theure Eltern, so eben erhalte ich den Brief aus _Elstra_, ich eile +sogleich Ihnen Nachricht von uns zu geben, und _addressiere_ den Brief +an Sie, damit Sie geschwinder Nachricht erhalten; mein Lieber Mann ist +vor Ankunft der Franzosen hier, nach Königsberg, mit einem Freunde +verreist, und hat dort eine _Pro_feßur bis zur Wiederherstellung der +Ruhe erhalten, und lißt _Co_llegien; die lezte Nachricht von ihm ist, +daß er Gottlob gesund ist; ich erhalte leider sehr wenige Briefe von +ihm, und kann nur selten schreiben, weil die dorthin gehend. _Po_sten +nicht gehn: Sie stellen Sich meine Lage vor; ich wollte gleich +mitreisen, wurde aber aus manchen Ursachen zurükgelaßen, mit unserm +Kinde; nun wünscht mein Mann sehnlichst daß ich nachkomme, es hat aber +bis izt noch nicht sein können, weil ich keinen _Pas_ bekommen konnte, +weil die Straßen nicht sicher sind, und andres mehr auch weil die Reise +viel kostet. + +Dieses Zurükbleiben ist die Ursache, daß ich tödlich krank gewesen bin, +nun mich aber Gottlob wieder erhole: ich stand viel Angst aus, durch die +Zeitumstände, grämte mich, hat viel Sorgen, und Verdruß, so daß ich troz +alles Quämpfen darnieder geworfen wurde; mein Schmerz war um so viel +größer, da ich unser Kind unter Fremde zurüklassen mußte, wenn ich +gestorben wäre. Gott hat mir wieder geholfen, und wird auch weiters +helfen, deßen tröste ich mich. Ich werde zu meinem Mann reisen, so bald +es nur immer möglich ist und Ihnen vor meiner Abreise noch gewis +schreiben. + +Der Gnädige Gott sey mit Ihnen und schüze Sie vor jeder Gefahr, dieses +wünscht von ganzem Herzen, Ihre Sie herzlichliebende + + Johanna Fichte. + +Ich _franciere_ diesen Brief nicht, damit er sicher gehe, und grüße Alle +alle von ganzem Herzen. + + Aufschrift: + + _=Herr Fichte der Vater=_ + zu + _=Rammenau=_ + nahe =bey= _=Dresden=_. + + Ende August 1807 kehrte aber Fichte selbst nach Berlin zurück, wo er + alsbald, im September, von Beyme aufgefordert wurde, sein Nachdenken + auf die zweckmäßigste Ausführung des Plans zu richten, in der + Hauptstadt eine Universität zu gründen, -- ein Auftrag, der ihn + bekanntlich zu jenem originellen Organisations-Vorschlag einer + »Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs« veranlaßte, + der leider unausgeführt blieb. Fichte aber hielt im Winter 1807-8 + seine Reden an die Deutschen, die er sogleich auch durch den Druck + veröffentlichte. Sie sind die Schrift, von welcher er in einem + ferneren Briefe spricht. + + + + +35. + + + Berlin, d. 10. Mäy. 08. + + Lieber Vater, + +Schon vorigen Winter, sogleich nach dem Eintreffen Ihres Briefes an +meine Frau, hatte ich Ihnen geantwortet. In Hofnung, daß bis dahin in +unsrer gemeinschaftlichen Lage einige vortheilhafte Veränderungen +vorgehen würden, hat meine Frau bis jezt diesen Brief nicht abgehen +laßen. + +Das einzige vortheilhafte, was seitdem vorgefallen, ist die ziemliche +Wiederherstellung meines =Herrmann=. Es war derselbe damals durch einen +Fall auf das Knie an dem Einen Beine ganz gelähmt, und hat, bei übrigens +vortreflicher Gesundheit, 10. Wochen im Bette liegen müßen. Jezt geht er +wieder; nur noch nicht auf Steinpflaster; es wird, was die Hauptsache +ist, keine Folge übrig bleiben. Ich befinde mich dermalen mit ihm, und +meiner Frau, die nach einem sehr harten Krankenlager im Jahre 6. den +ganzen vorigen Winter gekränkelt, und vor einer Woche wieder recht +ernsthaft krank gewesen, auf ein paar Wochen auf einem Gesundbrunnen bei +Berlin, um sie alle wiederherzustellen, und mit frischen Kräften in den +beginnenden Sommer einzutreten. + +Ich für meine Person bin immer gesund, und kräftig gewesen. Man +organisirt an einer allhier zu Berlin zu errichtenden Universität; mir +sind die bedeutendsten Aufträge in dieser Rüksicht ertheilt worden. + +Ich hatte erst den Vorsatz diesen Sommer in =Dresden= mit Frau und Kind +zuzubringen; hatte auch schon an =Fritsche= über die zu treffenden +Vorkehrungen geschrieben; auch von meiner Behörde den Urlaub dazu +eingeholt. Ich sehe aber, daß es für wichtige Zweke beßer ist, wenn ich +hier bleibe, und Kollegia lese, und ich bin entschloßen, dem allgemeinen +Besten dieses freiwillige Opfer zu bringen. + +Auch hatte ich, nachdem jener Plan schon aufgegeben war, den Vorsatz +in dieser ersten Hälfte des Mäy für meine Person allein (eine Reise +mit Frau und Kind ist unter den jetzigen Umständen, da die ehemals +begütertsten leiden, für mich zu kostspielig) Sie zu besuchen. Die +Krankheit meiner Frau, die unter solchen Umständen nicht ohne eine +nachtheilige Gemüthsbewegung mich von sich laßen würde, hat auch diesen +Plan vereitelt; wie die gegenwärtige Kurzeit vorbei seyn wird, werde ich +durch meine Vorlesungen an Berlin gefeßelt seyn. Ich hoffe jedoch im +=Herbste= Ferien zu finden und vielleicht erlaubt es sodann der +öffentliche Wohlstand Frau und Kind mit zu bringen. + +Ich gebe soeben Ordre an meinen Verleger, daß Ihnen meine neueste +Schrift von Leipzig aus überschikt werde. Ich habe diesmal nicht über so +viele Exemplare zu befehlen, daß ich auch an den Herrn Pastor Wagner, +den ich herzlichst zu grüßen bitte, eins beilegen könnte. Sie leihen es +ihm vielleicht zum Durchlesen. + +Unser aller herzlichste Grüße an Mutter, und Geschwister. + + [Von Johanna Fichte:] + +Ich grüße Sie theure Eltern von ganzer Seele und empfehle mich Ihrem +Andenken. + +Gott schenkt mir izt wieder Gesundheit, worüber ich mich freue, da es +bey unserm Guten theuren Fichte sein kann. Leben Sie wohl, Ihre + + Johanna F. + + Von ihrer und ihres Sohnes Krankheit schreibt auch Johanna Fichte in + einem Briefe an Charlotte von Schiller (II, 408 vgl. 470). -- Die + beabsichtigte Reise in die Heimath unterblieb; denn Fichte selbst + erkrankte, wie der Biograph sagt, »im Frühling des Jahres 1808« (I, + 426) oder, wie Fichte's Gattin schreibt, »seit Mitte Juli« (II, 408) + oder, wie er selbst im nächstfolgenden Schreiben sagt, »im August«. Es + war eben eine langsame, wohl allmählich sich entwickelnde Krankheit, + die in rheumatischen Lähmungen nebst schmerzhaften Augenentzündungen + bestand und deren Nachwirkungen selbst der wiederholte Gebrauch des + Teplitzer Bades nicht gänzlich hob. + + + + +36. + + + Berlin, d. 10. März, 1809. + +Ich bin, mein theurer Vater, nicht ohne Sorge über Ihrer aller Befinden, +auch ob Sie meinen lezten Brief vom Mäy vorigen Jahres nebst dem +überschikten Buche erhalten hätten, gewesen, bis Ihr leztes Schreiben +vom 6ten Februar, das aber bei mir sehr spät eingelaufen, und +vermuthlich in Pulßnitz über 6. Wochen gelegen, mich darüber beruhigt +hat. + +Ich trug den Vorsatz den Sommer vorigen Jahres einen Abstecher nach +Dreßden zu machen, und hierbei auch Sie nebst den meinigen zu besuchen. +Besonders eine Krankheit, die den August v. J. anhob, und von der ich +erst jezt mich zu erholen suche, bei der ich niemals in Lebensgefahr +gewesen, übrigens aber hart mitgenommen worden, hat mich daran verhindert. +Dermalen erwarten wir hier die Rükkehr unsers guten Königs, und der +Regierung. Ich werde diesen Sommer kaum meine gewohnte Thätigkeit wieder +anfangen können. Vielleicht schiken mich die Aerzte zur Wiederherstellung +meiner Gesundheit in Bäder, und auf Reisen; und so hoffe ich denn diesen +Sommer den Besuch bei Ihnen nachzuholen, den ich den vorigen versäumt +habe. + +Frau und Kind befinden sich wohl. Die erstere denkt Ihrer alle Tage, +nicht ohne Sorgen, besonders wegen des befürchteten nahen Ausbruchs +eines neuen Kriegs, der zunächst die dortige Gegend treffen könnte. +Ich hoffe aber fest, daß die Oesterreicher durch musterhaftes Betragen +sich der großen Angelegenheit, für die sie kämpfen, würdig machen, und +dadurch die von jedem Kriege unabtrennlichen Uebel sehr mildern werden. + +Näher gehen mir die Uebel, die Sie schon erlitten haben, und die Folgen +davon. Obwohl der König für mich, und andere außer Dienst gekommene +Gelehrte alles thut, was die eigne beschränkte Lage des Staats +verstattet, so bin ich dennoch durch eine dreivierteljährige Krankheit, +in der ich nichts habe arbeiten (es wird darum zu Ostern nichts von mir +erscheinen) noch verdienen können, dagegen ungewöhnlich hohe Ausgaben +gehabt, in Umstände gekommen, daß ich dermalen baares Geld nicht +entbehren kann. Aber Bruder =Gottlob= hat seit dem Jahre 1805. keinen +Termin abgetragen; auch hat er seitdem kein Lebenszeichen von sich +gegeben, und keine Anfrage an mich ergehen lassen; ob ich etwa die +Fortsetzung der Zahlungen verlangte. Wie es mit Abtragung der bedungenen +Zinsen an Sie von jeher gehalten worden, ist mir gleichfalls nicht +unbekannt. Ich hoffe daher nicht, daß es ihn übereilen heißt, wenn ich +von ihm fordere, daß er so schleunig als möglich einen Termin von +50. Rthlr. an Sie auszahle. + +Die meinigen grüßen herzlichst. Ihr Sohn + + _Fichte_. + + Auf die Hoffnung, die sich Fichte von den Oesterreichern machte, nimmt + Adelbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la + Motte Fouqué gerichteten Briefe Bezug mit den Worten: »Der alte Fichte + ist wieder hier. Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr + herrlich erschienen sind, und er will die hohe Meinung theilen, die + sie von ihrem Kaiser haben.« + + Die treue Fürsorge für seinen alten Vater, der allzu bereitwillig + seinen Kindern zu überlassen pflegte, was ihm persönlich zugedacht + war, wird bestätigt durch den beigeschlossenen Brief an den Bruder, + der von früher her pecuniäre Verpflichtungen hatte. + + + + +37. + + + Berlin, d. 10. März 1809. + + Lieber Bruder, + +Ich hoffe, Du wirst es selbst billig finden, wenn ich Dich auffordere, +so schleunig, als es Dir irgend möglich ist, an unsern Vater einen der +seit 1805. ausgesezten Termine von 50. Rthlr. auszuzahlen. Ich ersehe +aus deßen Schreiben, wie das auch ohnedies zu erwarten war, daß derselbe +durch den französischen Krieg und die Kriegssteuer in seiner Nahrung +sehr zurükgesezt worden; so daß ich selbst aus meinem Beutel einen +Vorschuß machen würde, wenn ich nicht durch dreivierteljährige Krankheit +und Verdienstlosigkeit selber in eine enge Lage gekommen wäre. -- +Uebrigens gebe ich Dir es auf Deine eigne Ehrliebe, und Gewißen, daß von +der nur zu großen Gutwilligkeit unsers Vaters gegen seine Kinder hier +kein Gebrauch gemacht, sondern ihm die Summe =wirklich und in der That +baar= ausgezahlt werde. + +Die Pappiere meiner Berechnung mit Dir sind, nebst andern Manuskripten, +in Erlangen liegen geblieben, von woher ich sie nicht so schnell haben +kann. Ich lade Dich darum ein, so schnell, als möglich mir Deine +Berechnung mit mir einzusenden, damit ich Dir über alles abgezahlte eine +Generalquittung geben könne. Meinen herzlichsten Gruß an die Deinigen +von mir und den meinigen. + + Dein treuer Bruder + _Fichte_. + + Aufschrift: + + Meinem Bruder + Johann Gottlob Fichte + zu + _Elstra_. + + d. Einschluß. + + Aus dem folgenden Briefe seiner Gattin, der in wenigen Zügen ein + reizendes Familienbild entwirft, erfahren wir, daß Fichte schon im + Sommer 1809 mit einigem Erfolg das Bad besucht hatte. + + + + +38. + + + Berlin d: 18: Demb 1809 + +Theure SchwiegerEltern wir grüßen Sie herzlich, und wünschen zu wißen +wie Sie Sich befinden, und wie's Ihnen geht; mein Mann ist Gottlob +gesund, nur ist seine Linkehand, noch so wie Sie sie im Sommer sahn, und +das Rechtebein schmerzt auch dann und wann, er wird künftigen Sommer +wieder nach _Töplitz_ gehn müßen, um völlig _curiert_ zu werden; da +werden wir das Vergnügen haben Sie zu besuchen. Sein Geist ist heiter, +so daß er wieder arbeiten kann, und izt Vorlesungen hält, die auch wohl +gedruckt werden werden. + +Unser _Hermann_ ist Gottlob auch gesund, lernt braf, und grüßt seine +lieben GroßEltern herzlich; er hat 4: _Th_ von seinem Taschengeld dieses +Jahr erspahrt, um sie seinen GroßEltern schiken zu können, damit Sie +sich eine kleine Weinachtsfreude machen, und auch ein gläschen guten +Wein zu Ihrer Erquikung trinken, thun Sie das doch ja mit der guten +Grosmutter, die wir herzlich grüßen, und gedenken Sie dabei unser. + +Gott schenke Ihnen einen gesunden frohen Winter, und laße freudig in's +NeueJahr eintreten: das wünscht von ganzem Herzen Ihre Sie aufrichtig +liebende + + Johanna Fichte + g: _Rahn_ + + Zum zweiten Male ging Fichte im Jahre 1810 nach Teplitz und auf der + Rückreise besuchte er seinen Geburtsort. + + + + +39. + + + Dresden, d. 7. Jun. 1810. + + Mein lieber Vater, + +Gestern Abend sind wir hier zu Dresden angekommen, um übermorgen nach +Teplitz, zur völligen Wiederherstellung meiner Gesundheit reisen. Ich +bin jezt doch noch zu angegriffen, um die Reise nach Rammenau machen zu +können; ich werde aber bei meiner Rükkehr aus den Böhmischen Bädern, +etwa im =August=, ganz gewiß meine lieben Eltern besuchen + +Ich bin =im ganzen= sehr gesund, nur ist der Gebrauch des einen Beins +noch schwierig. Meine Frau, und mein Herrmann sind gleichfalls wohl. Wir +bitten Sie herzlich, das beiliegende als ein kleines Feyertagsgeschenk +anzunehmen. + +Meine Frau, und mein Sohn grüßen herzlich. + + Ihr Sie liebender Sohn + Gottlieb Fichte. + + + + +40. + + + Teplitz, d. 7. August, 1810. + + Mein theurer Vater, + +Ich werde, wenn alles nach meiner Berechnung geht, künftigen Montag +d. 13. Abends mit den meinigen, Sie besuchen; auch d. 14ten noch +größtentheils bei Ihnen zuzubringen. Das Nachtlager jedoch werde ich, +um Ihnen nicht unangenehme Weitläuftigkeiten, und Zurüstungen zu +verursachen, zu Bischofswerda im Gasthofe nehmen + +Ich hoffe Sie alle in der besten Gesundheit anzutreffen, und dann +mündlich das mehrere. Jezt nimmt meine Frau, die lieber schreibt, denn +ich, die Feder. + + [Der nächste Satz von Johanna:] + +Ich grüße Sie alle von ganzem Herzen, und hoffe Sie bald zu umarmen, +Leben Sie wohl, auf ein glükliches Wiedersehn + + _Fichte_. + + Aufschrift: + + Herrn Christian _=Fichte=_ + zu + _=Rammenau=_ + _p. Bischofswerda_. + + Noch in demselben Jahre erlitt sein Vater einen Unfall, wobei + namentlich auch Johanna sich zärtlich besorgt zeigt. Die im nächsten + Briefe und später erwähnte Hannchen war Fichte's Nichte, die er zu + sich genommen. + + + + +41. + + + Berlin, d. 1. Dezember. 1810. + + Lieber Vater, + +Die Nachricht von Ihrem Falle hat mich schmerzlich betrübt, so wie uns +Alle. Ich hoffe aber, daß dies, bei Ihrer übrigen Gesundheit von keinen +weitern übeln Folgen seyn soll. Um mich desto fester zu versichern, daß +Sie sich an Pflege und Heilmittel nichts abgehen laßen, sende ich +sogleich jezt das Quartal auf Weyhnachten. Bei uns steht alles beim +Alten. Daher übergebe ich meiner Frau die Feder, die schon noch Worte +finden wird. + + [Von Johanna:] + +Ich übernehme die Feder gerne, um Ihnen zu sagen, daß wir sie inständig +bitten, sich ja zu schonen, und zu pflegen; die gute Großmutter, die +ich auch herzlich grüße, versteht ja das so schön, und thut gewis alles +mögliche um Sie wieder herzustellen. Ich danke Gott daß mein Mann in der +Lage ist, Ihnen diese Kleinigkeit schiken zu können; und hoffe auch von +der Güte Gottes, daß er Sie erhalte, und daß wir Sie künftigen Sommer +fröhlich wiedersehn. + +Wir sind Gottlob alle gesund, auch Hannchen ist gesund, dann und wann +hat sie ein wenig Kopfweh, dann schik ich sie in's Beth, wenn sie genug +geschlafen hat, so steht sie wieder gesund auf. Wir grüßen Sie alle von +ganzem Herzen, und wünschen bald frohe Nachricht von Ihnen. + +Leben Sie wohl! Ihre treue Johanna Fichte g: _Rahn_ + + Weit bedenklicher aber erkrankte der alte Vater in der Mitte des + Jahres 1812, ohne sich wieder zu erholen. Rührend und erbaulich ist + wiederum die christlich ergebene Gesinnung in Johanna's Briefen an den + Sterbenden. + + + + +42. + + + Berlin d: 17: July 1812. + +Sie stellen sich leicht vor Theurer Guter Greis, mit welcher innigen +Wehmuth, wir die Nachricht von Ihrem schweren Krankenlager vernommen +haben; Gott stärke Sie, Gott stehe Ihnen bey; und wenn es sein gnädiger +Wille ist, so erhalte er Sie uns noch lange; ist es sein Wille nicht, so +laße er Sie in Ruh, und Frieden hinüber gehn, ins beßere Vaterland, wo +wir Gott näher kommen, und ihn würdiger anbethen, und preisen können, +und wo wir uns alle wiederfinden werden; ich freue mich mit inniger +Wonne der seligen Zeit, wo auch wir hinnüber gehn werden, um einer +nähern, innigern Anschauung, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden. + +Was die irdischen Angelegenheiten betrift, so wird mein Mann es nicht +erlauben, daß der guten Großmutter, das Geringste genommen werde; +sondern Sie soll bis am Ende ihres Lebens im Besitz alles deßen bleiben, +was Sie hinterlaßen; und weil mein Mann durch den verstorbenen Bruder +das Haus gekauft hat, so kämm es ja ihm zu, und er hat ein Recht darüber +zu sprechen; auch werden wir der guten Großmutter, wie bis izt, ein +bestimmtes an Geld schiken, so daß sie ruhig leben kann; und Sie Guter +Großvater sich auch darüber keine Sorge machen, der gütige Gott wird +auch sie nicht verlaßen, und wir wollen als rechtschaffne Kinder =gewis= +immer für sie sorgen. + +_Hermann_ und Handchen grüßen Sie auch von ganzem Herzen; sie wollen für +Sie bethen; und ist es Gottes Wille, so werden Sie sie auch noch auf +dieser Welt sehn, sie wachsen beyde, sind stark, gesund, und gute +Kinder. Ich hoffe daß Sie die 20: _Th._ welche im Anfange dieses Monats +geschikt wurden nun erhalten haben. Mein Mann hoff ich schreibt auch +noch: drum sag ich Ihnen von ganzem Herzen lebe wohl; wo nicht in dieser +Welt, so sehn wir uns in der andern wieder. Der gnädige Gott sey mit +Ihnen: das ist der innigste Wunsch + + Ihrer Johanna Fichte + + [Von J. G. Fichte:] + +Ich hoffe, mein theurer Vater, daß Sie Sich noch wieder erholen, und +noch bei uns bleiben werden, und ich Sie noch sehen werde. Ich kann mich +mit dem Gedanken Ihres möglichen Verlustes nicht vertraut machen. + +Was meine Frau in dem vorstehenden schreibt, ist auf die Voraussetzung +gegründet, daß, im Falle des Abgangs des Vaters mit Tode, die Geschwister +sollten theilen wollen. Ich hoffe, dies fällt keinem Menschen ein. Ich +denke wohl, es versteht sich von selbst, daß, da alles von der Mutter +herkommt, sie alles, was da ist, fortgenießt, bis an das, Gott gebe noch +recht lang entfernte, Ende ihres Lebens. Außer dem hätte wohl auch ich +in diesem Falle ein Wort mit zu sprechen. + +Ich ersuche darum durch dieses die Mutter dringend, nichts von der +Verlassenschaft wegbringen zu lassen; ich mache Bruder =Gottlob=, +der mir schreibt, er werde ohne meine Einwilligung nichts thun ganz +besonders darüber verantwortlich. Ich will überhaupt aus brüderlicher +Liebe und Achtung hoffen, daß diese Vorstellungen ganz überflüßig sind, +indem es gar niemanden eingefallen anders zu handeln. + + _Fichte_ + +Falls doch Gott über Sie beschließen sollte, theurer Vater, diese Zeilen +aber Sie noch bei Leben antreffen, so nehme ich hierdurch mit der Liebe +und Verehrung, die ich immer für Sie getragen habe, Abschied, bis zum +Wiedersehen in einer beßern Welt. + + _F._ + + [Ein beigelegtes Blatt:] + +Wir wußten nicht aus den vorigen Briefen, daß auch die gute Großmutter +krank ist, sondern erfahren's erst izt, durch Ihren letzten Brief, guter +Großvater; Sie können Sich unsern Schmerz vorstellen, Sie nun beyde +leidend zu wißen; wir hoffen doch daß Sie jemand bey Sich haben, der Sie +wartet und pflegt; wie gerne wollten wir es thun, wenn wir bey Ihnen +währen: der gütige Gott steh Ihnen bey, und das wird er thun, das ist +mein, und unser aller, einziger Trost; meines Mannes Beruf Vorlesungen +zu halten, meiner zur Wirthschaft, und Einquartierung, zu sehn, und zu +dierigen [dirigiren]; _Hermanns_ seiner Vorlesungen zu hören, Handchen +ihre Hausgeschäfte zu thun, dieses alles bindet uns bis im Herbst am +Hause; vom 15: August hören die Vorlesungen auf, dann soll mein Mann 4: +Wochen im Hause Baaden, so spricht der Doctor, so geht noch eine lange +Zeit hin, vielleicht erholen Sie Sich mit Gottes Hilfe wieder, wie wir +sehnlichst wünschen. + +Es ist Ihnen vielleicht eine Herzensangelegenheit Handchen, etwas zu +vermachen; so haben Sie nur die Güte es uns zu schreiben, oder +schriftlich Ihren Willen dem Prediger zu übergeben; ich sage dieses +nur, damit doch gewis Ihre Herzenswünsche erfüllt werden. Dieses +blätchen leg ich noch bey, nadem der Brief schon geschrieben war, eh wir +Ihren letzten erhielten. Der Gnädige Gütige Gott sey mit Ihnen; in einer +beßern Welt finden wir uns wieder wo alle Sorge, und Müh ein Ende hat. + + [Von Johanna's Hand:] + +Hier schiken wir Ihnen noch 10: _Th:_ damit Sie Sich ja pflegen können. + + Aufschrift von Johanna F.: + + _Herrn Christian =Fichte=_ + in + _Rammenau_ bey _Bischoffswerda_. + + Nebst ein Päkchen mit + 10: _Th:_ =Sächsisch= + + + + + +43. + + + _Berlin_ d: 10: August 1812 + +Wollte Gott, theurer, innigst geliebter Grosvater, wir könnten etwas +zur Erleichterung Ihrer vielen Leiden beytragen; ach laßen Sie uns doch +schreiben wie es Ihnen geht; die weite Entfernung von Ihnen, ist uns izt +besonders drükkend, da wir so gerne zu Ihnen eilten, und wenns möglich +wäre Ihnen hälfen; die Hülfe steht allein bey Gott, mög er sich doch +erbarmen und Ihnen helfen; das ist unser innigstes Gebeth. Mein Mann +grüßt Sie auch von ganzem Herzen, er ist Gott sey Dank gesund, so wie +auch _Hermann_ und Hannchen; alle verlangen auf glükliche Nachricht von +Ihnen. + +Diesen Brief überbringt Ihnen _Herr_ Eysener, den ich bitten werde uns +zu schreiben, wie es Ihnen geht. + +Gottes Güte ist groß, vielleicht hilft er Ihnen bald, und denn sehn wir +uns in diesem Leben noch wieder, wo nicht, in einer beßern Welt, wo kein +Leiden, kein Schmerz mehr trennt, wo wir Gott inniger anbethen können. + +Leben Sie wohl, theurer geliebter Greis; Gottes Gnade sey mit Ihnen. + + Von ganzen Herzen + Ihre Johanna Fichte: + g: _Rahn_ + + Aufschrift: + + _Herrn =Fichte=_ + =durch Güte=. + + Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737 gebornen, + also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's, dessen + Schluß fehlt. -- + + + + +44. + + + Elstra, d. 14. _Sept._ 12. + + Lieber Bruder + +Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden, er beschloß +sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr. Seine Krankheit war sehr hart, +die Angst und Schmertz Gefühle verfolgten ihn bis an die letzte Minute +des Todtes, er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche +der Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch 4 Tage vor +seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie Auswurf, daß er ein +LungenGeschwüre gehabt hatte, welche den sehr schweren und kurtzen Athem +(von welchen ich Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer +diesen würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner und der +Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten, daß wir zu seiner +Erquikung und Erleichterung alle nur mögliche Mühe angewendet und keine +Kosten gesparet haben, wir haben _D._ Bentsche in Bischofswerda, den in +unserer Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit zu Zeit +selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner übrigen Patienten am +vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit 6 Wochen, anfänglich die +mehresten Nächte, späterhin die mehresten Tage und Nächte und seit +8 Tagen alle Tage und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo +nur Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen welches man +umsonst von fremden Leuten verlangen würde (das heißt bey uns zu Lande) +selbst übernommen. + +Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage und Nächte +treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen, tragen, heben bey seinen +sehr starken Durchfall ihn zu jeder Minute Reinlichkeit verschaffen +helfen, die Aufgesprungenen geschwollenen Glieder geschmiert und +Umschläge gemacht, dem Waßer welches durch den geschwollenen Weg von +selbst nicht mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu +seiner Linderung übernommen. + +Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht aus keiner neben +Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß einen Kinde Deiner Art mit +dieser Ausführlichkeit gedienet seyn muß. + +Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein erblaßter Körper zur +Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte mit Predigt und Paredation, +zum Leichentext habe ich gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein +Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint +mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr zu paßen alle +sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre damit volle Arbeit zu +geben. + +Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen, ihn fleißig +besuchet und mit Trostgründen aus der Religion welche vernünftig und den +Kenntnißen des Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese +Veränderung am meisten verlohren hat, ist = die gute alte Mutter, sie +hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im Alter verlohren, das +tröstet und richtet sie noch etwas auf, daß Du und Deine liebe Frau ihr +kräftigen Beystand versprochen habet, was meine Lage und Kräffte thun +können, werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht. + +Nur ist heute mein Kopf zu sehr voll, und kan vor heute nicht die +vernünftigsten und tauglichsten Pläne, was mit den Hauße werden soll, +und wie die Ernährung der Mutter am zwekmäßigsten bestimmt werden kann, +in Vorschlag bringen. Die bisherige Einrichtung kan nicht fortgesezt +werden, die Mutter würde, ohne daß sie Ruhe und Glük genießen könte, +dabey sehr viel zusetzen. Kosten vor Holtz und Licht, allerhand Abgaben, +Zechen und Dienste, Einquartirung und dergl. sind Dinge welche jährlich +eine sehr große Summe erfordern, und welche die Mutter mit ihren +KramLaden, zu welchen sie ohnedies ihr Alter und schweres Gehör von +Zeit zu Zeit immer unfähiger macht nicht erwerben kan. Ich spüre das +C......... glaubet, oder wenn ich mich in sein Selbst denken will, +träumet Besitzer zu werden, den KramLaden zu übernehmen, und freilich +auf solche Art der Mutter die gleich erzählten Beschwerden abnehmen +will, mit den grösten Leidwesen sehe ich aber, das C......... einen +siechen Körper und einen schwachen Geist besizt, und auch die Frau +unthätig und ungeschikt ist, er besizt ein kleines Vermögen, und wir +wollen doch seine Pläne, da er doch unser Bruder ist anhören, doch +versteht sich, das wir zu seinen (weil er sich selbst nicht kennt oder +kennen will) oder unsern Schaden nicht übereilt zu Werke gehen können, +Doch können wir diese Veränderung auch nicht gantz in die Länge hinaus +verschieben. Ich werde Dir mit Hr. Eißnern wieder schreiben und Deinen +Herrmann und Hannen etliche Stük alte Silber Müntzen welche der seel. +Vater ihnen als ein Andenken zu schiken befohlen hat einsiegeln. + + Der hier erwähnte Pfarrer war _M._ Christian Gottlieb Köthe. -- + + Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgen und sie + vor etwaigen Benachtheiligungen zu schützen; und er erfüllte im + Sinne eines treuen Sohnes diese Pflicht mit seiner gewohnten + Nachdrücklichkeit. Vergl. oben die Auseinandersetzung zum 12. Briefe. + + + + +45. + + + Berlin, d. 19. 8br. 12. + + Lieber Bruder, + +Weit entfernt, daß Dein so eben erhaltener Brief v. 6. Oktober mich +befremden sollte, hebt er vielmehr einen Anstoß, den ich an Deinem +frühern genommen, wo Du die Schwierigkeiten für die Mutter, die +Wirthschaft zu behaupten, aus einander setzest, und dafür hältst, dieser +C......... könne doch etwa Vorschläge machen, auf die zu hören sey. Es +ist mir sehr lieb, daß ich mit der Beantwortung dieses Punctes gewartet, +bis Dein heutiger Brief zeigt, daß Du über dieses Subjekt -- es ist mir +schon früher vorgekommen, als ob Du ihn ungerechter Weise in Schutz +nähmest -- ganz so denkst, wie ich seit der Zeit von ihm gedacht habe, +da ich schon an ihm als kleinen Knaben Proben einer unbegreiflichen +Bosheit gefunden habe. + +Weiß denn der thörigte nicht, daß, wenn alles andere wegfällt, ich +1.) das Kaufgeld, womit der seel. Gotthelf das Haus vom Vater erkauft, +hergegeben, und daß mir dasselbe, nachdem durch des Bruders Tod der +Vater wieder Eigenthümer geworden, nie zurückgezahlt worden, 2.) daß, +als die Schwägerin sich zu Rammenau aufhielt, von meinem in der +Gotthelfischen Verlassenschaft befindlichen Gelde in dem Hause gebauet +worden, worüber ich noch eigenhändige Rechnung des Vaters besitze +3.) daß mehreres unter den Mobilien mein ist 4.) daß ich in den lezten +2 Jahren den Eltern über 200 Rthr. geschikt, welche ich, sobald man mich +reizt, als ein =Darlehn= betrachten werde. Begreift er nicht, daß alle +diese Summen aus der Verlassenschaft erst an mich zurükgezahlt werden +müssen, ehe eine Erbschaft da ist: und kann er nicht berechnen, was in +diesem Falle übrig bleiben werde? -- Verstehe mich wohl Bruder. Es fällt +mir nicht ein, diese Umstände gegen meine übrigen Geschwister geltend zu +machen, wenn sie sich ordentlich und vernünftig betragen, und durch +Unvernunft meinen Unwillen nicht reizen. Es ist wohl klar, daß ich mit +einem Häuschen in Rammenau nichts anzufangen weiß, und daß alle die +Gegenstände, die etwa in dieser Erbschaft vorkommen könnten, mir nicht +des Holens werth sind. Aber das will ich, daß man die Mutter bis an ihr +Ende ruhig genießen laße, was entweder das ihrige ist, oder das meinige. +Nach ihrem, Gott gebe noch lang entfernten Tode, wird sich schon alles +finden. + +Um der Sache kurz und gut ein Ende zu machen, geht zugleich mit diesem +Briefe an Dich ein Schreiben an den Herrn Rittmeister =von Kleist=, in +welchem ich ihm die Sache vorlege, und ihn um Schutz für meine Mutter, +und um Bezähmung des schlechten Burschen bitte. + +Die Mutter wird sich meiner oben erwähnten Ansprüche wohl erinnern. Ich +berufe in diesem Schreiben an Kleist mich um der Kürze willen auf ihr +Zeugniß, ohnerachtet ich alle diese Umstände auch durch schriftliche +Documente erweisen kann. Ich bitte sie, daß sie befragt dieses Zeugniß, +das zu ihrem eignen Besten dient, ablege. + + * * * * * + +Es ist mir noch ein andrer Gedanke gekommen, wie für die Mutter am +besten gesorgt werden könnte. Es muß aber erst in dieser Sache Ordnung +seyn, ehe ich darüber eine Aeußerung machen kann. Ich ersuche Dich +darum, mir nach Endigung der Sache wieder zu schreiben. + +... ... ... + + * * * * * + +So viel über diese unangenehmen Dinge. Jezt zu etwas das Herz näher +angehenden. Schreibe mir doch, so viel Du kannst, von den lezten Stunden +unsres verehrten treflichen Vaters; auch von dem Leichenbegängnisse, von +der Predigt, deren sehr gut gewählten Text Du mir überschriebest. + +Lebe recht wohl. Die meinigen grüßen (die =meinigen=, sage ich; und dazu +zähle ich auch recht sehr Hannchen, als ein Vermächtniß des herrlichen +Vaters.) + +Grüße herzlich die Deinigen von uns. + + Dein treuer Bruder + J. G. Fichte. + + Aufschrift: + + Herrn _Gottlob Fichte_, + Bürger + zu + _Elstra_. + + d. Einschluß. + + In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister von Kleist, (vgl. + den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die Sache hängt so + zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann Albericus Sohn + Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg verkaufte das Gut an + seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. sächs. Kreisdirector in + Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. Rittmeister und Ritter des + Malteser- oder St. Johannisorden, welcher es von 1795 an bis zu seinem + am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. Sodann fiel es wieder an den + früheren Besitzer Johann Centurius v. H. zurück, dessen Sohn Conradin + Centurius Graf von Hoffmannsegg der jetzige Besitzer ist. + + Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln sich auch + in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter brachte. + + + + +46. + + + Elstra, d. 30. Octbr. 1813. + + Mein lieber Bruder, + +Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den Deinigen ihr +Befinden zu wißen thun leider aber gehen die Posten noch nicht dahin; +ich bediene mich der Gelegenheit diesen Brief mit einen Bekanten welcher +nach Frankfurth zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in +Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben meinen Brief, +vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter den Empfang von 20 Rthr. von +den Studenten Ritschel bescheinigte) zu übersenden. + +Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer durch wieder viel +gelitten so wohl an ihrer Gesundheit als an ihren Vermögen, sie hatt +viel Einquartirung gehabt und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet +worden. + +Den 14 _Sept._ befürchteten die Rammenauer ihren Untergang durch +Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch zu gehen veranlaßte, wo sie +bey kalter und naßer Witterung bis zum 17. aushalten muste, doch wurde +ihr noch nicht gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in +einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit über war alle +Communication unterbrochen, den 21., da die Franzosen Rammenau räumten, +und unsere gantze Gegend von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor +sie aufzusuchen, und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen konnte +daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt würde als in +Elstra, (den sie hatte sogar im Busche und auch in diesem Hauße keine +Lebensmittel vorm Plündern erhalten können) so that ich ihr den +Vorschlag sie zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder +Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des Schubkarrens. +Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung, entbehrung ihrer gewohnten +Lebensmittel zerrüttet, ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde, +doch hatt sich ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden, +sie ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan fast gar +nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine Poteille Wein ist in +unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu haben, alle Vorräthe sind ruinirt +und verwüstet, keine Zufuhre ist nicht möglich. + +Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu Hauße gefahren, +denn es ist etwas ruhiger geworden, die Salvegarden halten die +herumstreifeten Kosaken im Zaume. Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük +nicht so total runirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind +eingeschlagen,) viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar gemacht +geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie weg gebrannt sind, ganz +runirt, da giebt es Bauern, besonders an der Straße von Bautzen nach +Dresden, die kein Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar +nichts, alle kranke Körper haben, z. B. vom 16. bis 28 May, sind bloß +im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche gelegt wurden, das +Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich continuirt + +Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau Deinen lieben Herrmann +und Hannen von Hertzen grüßen und wünschet daß diese Krieges Uebel von +Euch entfernt bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den +Meinigen hertzlich. + +Lebe gesund mit den Deinigen. Ich bin + + Dein treuer Bruder. + J. G. F. + + Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit + sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben. + + + + +47. + + + d. 2. _Decbr._ 1813. + + Innig geliebte Tochter, + +Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20 _Nov._ mit inl. zwey +Stük _Louisdor_ richtig erhalten, ich danke Ihnen von Hertzen; nicht mit +Gleichgültigkeit, sondern mit inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu +Gott erkenne ich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine +gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure, daß Sie mich +nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern, da ich den Druk +der Zeit, und die vielen Aufopferungen kenne, und den sichern Schluß +machen kan, daß auch mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich +zurük gesezt ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir, +manches entbehren werden. + +Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden +Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie ihren lieben Sohn bey sich +haben, freuet und tröstet mich. + +Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert, meine Kräffte +nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit etlichen Wochen viel +schwächer geworden, auch finden sich von Zeit zu Zeit, immer mehr +unangenehme körperliche Empfindungen, ich liege nicht beständig ich +mache mir Bewegung, ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich +zubereite, bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut in +wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben, indem mein Körper +darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders bey kalter Jahreszeit.) +Nur bedaure ich, wenn ich nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben +soll, daß mein Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts +genießen, mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen +kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine schwachen +Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es Dank) vermindert, ich +habe just heute, einen Rußen, zum Glük einen gesitteten, zur +Einquartirung. + +Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffen hat ist mir immer +sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen, und habe zu Gott um Ihre +Erhaltung geseufzet. Ich freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß +er größeres Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat. + +Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer Tochter Nachricht +mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen zu ihrem Troste folgendes: + +1) Ihre Wohnung stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz +fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben mahl genommen und +wiedergenommen) so brach doch kein Feuer aus. + +2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten vor Militair +baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey gieng es drum nicht so +genau ab, es ward ihnen noch manches genommen und die Umzäunung des +Gartens ward im Biviak verbrandt. + +3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden, er hat in +Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden, ist alsdenn eine Zeit bey +seinen Aeltern gewesen, und ist jetzo wieder in Dresden. + +4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor wenigen Tagen war die +gantze Familie noch gesund. + +5) Dore bey ihren Aeltern. + +Gott nehme Sie alle in seinen Schuz, vielleicht erlebe ich noch die +Freude daß Sie mich vor meinem Ende künftiges Früjahr noch einmal +besuchen + +Ihre treue liebende Mutter + + Maria Dorothea verwittwete Fichte + + Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden der + greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten Tode + des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an die hinterlassene + Wittwe. + + + + +48. + + + Elstra, d. 11 _Febr._ 1814. + + Theuerste Frau Schwägerin + +Ich kan Ihnen das, was ich und die Meinigen über den Todt meines lieben +Bruders, (der nicht blos ein Großer, sondern auch ein Nachahmungswürdiger +guter Mann war,) empfinde, mit Worten nicht schildern, und Niemand wird +wohl die unheilbaren Wunden, welche Ihnen die Vorsehung geschlagen hat, +mehr fühlen als ich, doch der Trostspruch eines Hiobs im Unglük kan mich +und Sie aufrichten und erhalten. Gott wird Ihnen beistehen; Ihr Verlust +ist zwar auf dieser Welt nicht zu ersetzen, doch wird Sie und Ihren Sohn +die gerechte Preusische Regierung, welche unsern Verewigten Freund +schäzte, nicht verlaßen. + +Ihren gerechten Anspruch, welchen Sie an der Maße der Verlaßenschaft +unserer seel. Eltern machen, und welcher sich laut Ihres werthen +Schreibens vom 1 _Febr._ auf Einhundert Thaler beläuft wird Ihnen von +meinem Geschwister nicht erschwert oder verkürzet werden. + +Gerichtskosten wird die Herrschaft viel machen, sie hat vorjetzo alles +im Beschlag genommen, und wird uns die Freiheit nicht wieder geben, daß +wir vor uns verkaufen und unter einander theilen können; dieses Recht +kam der Herrschaft zu, und sie hat dieses vor ganz nothwendig glauben +mußen, weil wir Geschwister in aller Welt zerstreut sind, und über +dieses wird sie Ansprüche an zwei Brüdern machen, welche Kraft ihrer +Lehr Briefe und Kundschaften ihr Unterkommen finden konnten, ohne sich +von der Erbunterthänigkeit los zu kaufen; und wenn die Herrschaft alle +nur möglich zu machende Kosten abgezogen hat so macht sie noch 5 _pr. +C._ Abzug von der Maße. Häuser zu verkaufen ist jezt ein sehr ungünstiger +Zeitpunkt, und das Haus auf beßere Zeiten aufzubehalten ist nicht rathsam, +die gar nicht zu berechneten Kriegsunkosten, und die Reparaturen, welche +der Krieg verursacht hat, (die Gartenzäumung ist gantz verbrannt worden, +und eine bedeutente Haußrepratur giebt es auch) würden, uns in diesen +Falle einen beträchtlichen Theil von den daraus gelößten Gelde rauben. + +In Rücksicht Ihrer Anforderung glaube ich bestimmt daß dieses das beste +Mittel wäre, wenn Sie Ihre Forderung von der Obrigkeit unter welcher sie +stehen authorisiren liesen, und an den H. v. Kleist, als Erb-Lehn- und +Gerichts-Herr auf Rammenau übersendeten, nur wünschte ich wenn Sie mir +eine Abschrift davon übersendeten, ich werde mir es zur heiligsten +Pflicht machen diese Ansprüche zu unterstützen und sollte, wie ich nicht +glauben will, der H. v. Kleist auch _pr. C._ von den Ihrigen abziehen, +so würde ich wenn ich es nicht hintertreiben könnte, solches auf die +Maße wenden. + +Ich empfehle Sie mit Ihren lieben Sohne den Schutze Gottes und bethe +daß Gott ferneres Unglük in Gnaden von Ihnen abwenden möge und Sie +gesund und bei dem Leben erhalten, damit Sie vorjetzo eine Stütze Ihres +lieben Sohne seyn mögen, welcher in etlichen Jahren zuverläßig Ihre +Stütze werden wird. + +Meine Frau und Tochter welche äuserst betrübt über Ihr Unglük sind, +laßen Sie von Hertzen grüßen. + + Ihr getreuer Freund + J. Gottl. F. + + So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem Anfange + seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen + Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu + lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater, + von seiner wackeren Mutter -- den Vollendeten; wir scheiden auch von + Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes + leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils + ähnlichen, theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch + von dem Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von + seiner edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der + Liebe zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist + und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben. + + + + + Druck von C. E. Elbert in Leipzig. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Wolfishein d. 13. Mai. 787. + Wolfishein d. 13. Mai. 1787. + + (1, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab + (I, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von dort wieder ab + + Fichte's Ausbildung sorgte Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst + Fichte's Ausbildung sorgte. Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst + + eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff, und ihre + eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 ff., und ihre + + beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief N. 14). + beifüge, zuweilen zu hart erschien (vgl. besonders den Brief Nr. 14). + + Kiudern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich + Kindern ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich + + umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande]: Dieser ganze + umliegenden Familien etwas vermögen. ([Zusatz am Rande:] Dieser ganze + + wozu Gottlob Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte, + wozu Johann Gottlieb Fichte ihnen verschiedene Geldsummen schickte, + + geschrieben, wie der au des Kindes Pathen Johann Erich von Berger + geschrieben, wie der an des Kindes Pathen Johann Erich von Berger + + Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe dsehr + Die Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe sehr + + traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, un den Credit auf die Wage + traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, und den Credit auf die Wage + + Ich habe au unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag + Ich habe an unserm soeben gewesenen Jahrmarkte meiner Frau den Auftrag + + rechnen, denn Weife, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt + rechnen, denn Weise, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt + + Adalbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la + Adelbert von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich de la + + ist wieder hier Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr + ist wieder hier. Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm sehr + + nähern, innigern Anschauuug, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden. + nähern, innigern Anschauung, und Anbethung Gottes gewürdigt zu werden. + + Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgeu und sie + Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu sorgen und sie + + In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister vou Kleist, (vgl. + In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister von Kleist, (vgl. + + 1) Ihre Wohnuug stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz + 1) Ihre Wohnung stehet noch unversehrt, ob es schon in Pulßnitz + + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann +Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE *** + +***** This file should be named 29530-8.txt or 29530-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/9/5/3/29530/ + +Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Achtundvierzig Briefe von Johann Gottlieb Fichte und seinen Verwandten + +Author: Johann Gottlieb Fichte + +Editor: Moritz Weinhold + +Release Date: July 28, 2009 [EBook #29530] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE *** + + + + +Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> +</div> + + +<div class="figcenter" style="width: 408px; margin: 8em auto;"> +<img src="images/johanna_fichte.png" width="408" height="600" alt="" title="" /> +</div> + + +<h1>Achtundvierzig Briefe<br/> +<small style="font-size: 0.75em;">von</small><br/> +<big style="font-size: 1.25em;">Johann Gottlieb Fichte</big><br/> +<small style="font-size: 0.75em;">und</small><br/> +seinen Verwandten.</h1> + +<p class="center gesperrt" style="line-height: 1.6em;">Herausgegeben<br/> +<small>von</small><br/> +<big style="font-size: 1.3em;">Moritz Weinhold.</big></p> + +<hr style="color: black; background-color: black; border: none; height: 1px; width: 4em; margin: 2em auto;"/> + +<p class="center" style="margin-bottom: 2em;"><small>(Besonderer Abdruck aus den Grenzboten.)</small></p> + +<p class="center"><b>Mit dem Brustbilde und der Handschrift von Fichte's Frau.</b></p> + +<hr style="color: black; background-color: black; border: none; height: 1px; width: 8em; margin: 2em auto;"/> + +<p class="center" style="line-height: 1.6em;"><b>Leipzig,</b><br/> +Fr. Wilh. Grunow.<br/> +1862.</p> + + + + +<p class="center" style="margin: 10em auto; line-height: 2em; page-break-before: always;">Herrn<br/><br/> +<big style="font-size: 1.5em;"><b>Prof. Dr. Immanuel Hermann Fichte</b></big><br/> +in Tübingen<br/><br/> + +<span class="gesperrt">dem würdigen Sohne würdiger Eltern</span>.</p> + + + +<div class="new-h2" style="page-break-before: always;"> </div> +<div><span class="pagenum"><a name="Page_V">V</a></span></div> +<h2>Vorwort.</h2> + + +<p class="dropcap">Ist seit der Fichte-Feier auch schon mehr als +ein Monat verflossen, so ist doch nicht zu befürchten, +daß damit auch schon die Theilnahme der Gemüther +für diesen großen Mann verschwunden sei. Hat +doch die Allgemeinheit, Gehobenheit und Innigkeit +der Gedächtnißfeste gezeigt, daß dieser Mann, wie +aus dem Schooße des Volkes herausgewachsen, so +auch ihm an das Herz gewachsen ist; so daß man +vertrauen darf, das deutsche Volk werde ihn so lange +in treuem und dankbarem Andenken halten, bis +Das, was tüchtig und ewig an ihm war, wiederum +auch ganz in Fleisch und Blut des Volkes hineingewachsen +ist, damit sein Sinn und Geist Blüthen +und Früchte treibe aus dem Marke und Safte des +<span class="pagenum"><a name="Page_VI">VI</a></span>Volkes zum Segen des Volkes. Es ist die Eigenthümlichkeit +wahrhaft großer Männer, daß sie auf +der einen Seite Söhne ihrer Zeit sind, auf der andern +aber ihrer Zeit vorauseilen und als Vorbilder +erscheinen oft noch lange nach ihrem Tode. +In dem Sinne hat auch der »Cultus des Genius« +sein Recht, wenn er dazu dient, das Eigenartige, +Neue, was in einer ausgezeichneten Persönlichkeit +zuerst Gestalt gewonnen hat, zum Gemeingute Aller +zu machen.</p> + +<p>Darum glaube ich, es werde eine nochmalige +Hinweisung auf Fichte, wenn schon »nach dem Feste«, +doch nicht überhaupt zu spät kommen, zumal da dieselbe +nicht zu den zahlreichen Reden und Meinungsäußerungen +über ihn bloß noch eine hinzufügen, +sondern etwas in der That Neues und echt Fichte'sches +bringen will, nämlich eine Reihe von Briefen: +zweiunddreißig von Fichte selbst, elf von seiner Frau, +drei von seinem Bruder Gottlob, einen von seinem +Bruder Gotthelf und einen von seiner Mutter. Dieselben +beziehen sich, als Briefe von Verwandten an +einander, zunächst auf Familienangelegenheiten, so +jedoch, daß darin auch Fichte's Lebensschicksale und +geistige Bestrebungen in mannigfache Erwähnung +kommen, ja daß sogar einige Ergänzungen zu dem +<span class="pagenum"><a name="Page_VII">VII</a></span>davon bereits Bekannten geboten werden. Indeß +würde mich dies noch nicht zur Veröffentlichung derselben +bewogen haben, wenn ich ihnen nicht noch +einen anderen Werth beilegen zu dürfen glaubte. +Sie scheinen mir nämlich einen keineswegs verächtlichen +Beitrag zu Fichte's Charakterschilderung zu +liefern, indem sie manche Züge und Linien enthalten, +welche dem großartigen monumentalen Bilde, das +wir Alle von seinem Wesen in uns tragen, in feiner +Nüancirung das Mienenspiel größerer Portraitähnlichkeit +leihen, ohne ihm seine erhabene Idealität zu +rauben.</p> + +<p>Warum ich aber diese Reliquien nicht schon +zu Fichte's Gedächtnißfeier veröffentlicht, darüber bin +ich die Erklärung schuldig: sie liegt ganz einfach in +den Umständen. Es war kaum zwei Wochen vor +dem 19. Mai, als mir, bei Gelegenheit der Erwähnung +Fichte's, von einer meiner Schülerinnen mitgetheilt +wurde, ihre Mutter, die Enkelin von einem +Bruder Johann Gottlieb Fichte's, besitze Briefe +von ihm. Ich erbat mir die Mittheilung derselben +– es waren zwei Briefe von J. G. Fichte und +einer von seiner Gattin (Nr. 7, 36, 38 der vollständigen +Reihe) – und veröffentlichte dieselben in +einem Aufsatze »Zur Erinnerung an Johann Gottlieb +<span class="pagenum"><a name="Page_VIII">VIII</a></span>Fichte« im »Dresdner Journal« 1862 Nr. 108–111. +Darin gab ich als Einleitung eine kurze Hinweisung +auf Fichte's philosophisches System, welches +in seinem theoretischen Theile eine wesentlich geschichtliche +und insofern allerdings auch unvergängliche +Bedeutung in Anspruch nehmen dürfe; sodann +aber hob ich den noch größeren und dauernderen +Werth der praktischen Seite seiner Philosophie hervor, +welche recht eigentlich ein Erzeugniß und ein +Spiegel seines Charakters ist, wie er auch selbst in +seinem eigenen Leben mit seiner, wesentlich ethischen, +Lehre durchweg übereinstimmte. »So steht Fichte +vor uns da – ein ganzer, ein deutscher, ein großer +Mann, ein hohes Vorbild der Energie im Denken +und im Handeln auch für unsere Zeit. Nur aus +einem solchen Charakter läßt sich auch jener, wenngleich +einseitige und darum falsche, dennoch aber +großartige und erhabene theoretische Grundgedanke +erklären.« An die durch die erwähnten Briefe veranlaßten +Hindeutungen auf Fichte's häusliche Verhältnisse +und die gemüthliche Seite seines Wesens +fügte ich endlich einige Notizen über eine Wirksamkeit +Fichte's, an die man bei Erwähnung seines +Namens gewöhnlich gar nicht denkt, die aber doch +zur Vervollständigung seines Charakterbildes der Erinnerung +<span class="pagenum"><a name="Page_IX">IX</a></span>wohl werth ist: seine Beziehung zur Poesie. +Zu dem in Fichte's Biographie (»Fichte's Leben +und literarischer Briefwechsel. Von seinem Sohne +Immanuel Hermann Fichte.« 2. Aufl. Leipzig 1862. +2 Bde.) darüber Gesagten gab ich als einen kleinen +Nachtrag einige Citate, besonders aus den Lebensbeschreibungen +Adelbert von Chamisso's und Friedrich +de la Motte Fouqué's, zum Beweise, wie bedeutenden +Einfluß Fichte namentlich auf die Dichter +des Nordsternbundes in Berlin gehabt; ich schloß +mit den Worten: »Wir sehen, daß Fichte selbst in +Kreisen, welche dem eigentlichen Gebiete seiner Thätigkeit +ferner standen, hohe Geltung und Anerkennung +genoß und sich in jeder Beziehung als ein bedeutender, +unvergeßlicher Mann erweist; denn wer den +Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für +alle Zeiten.«</p> + +<p>Das Interesse, welches für die Sache rege geworden +war, bewirkte weitere Nachforschungen, und +das Ergebniß derselben war die Auffindung einer +ganzen fast vergessenen Sammlung von Briefen, +welche mir bereitwillig zur Veröffentlichung überlassen +wurden, die denn, nach Vollendung der nöthigen +Vorarbeiten und mit ausdrücklicher Genehmigung des +Herrn Professor Dr. Fichte in Tübingen, zunächst in +<span class="pagenum"><a name="Page_X">X</a></span>den »Grenzboten« Nr. 29–32 erfolgte, woraus +nunmehr die vorliegende Separat-Ausgabe hervorgegangen +ist.</p> + +<p>Ich habe den Abdruck nach einer diplomatisch +genauen Copie der Originale machen lassen, weil +ich zu Aenderungen der darin, allerdings nicht immer +ganz consequent, beobachteten Orthographie und +Interpunction nach unsern Grundsätzen mich nicht +berechtigt und es auch nicht für nöthig hielt, die +vorkommenden kleinen Unfertigkeiten und Ungenauigkeiten +eigenmächtig und, wie's geschehen müßte, bisweilen +auch willkürlich zu verbessern. Es mag Manchen +interessiren zu sehen, wie Fichte schrieb, wenn +er flüchtig schrieb; unserer Vorstellung von seiner +Geistesgröße wird dadurch Nichts entzogen, daß wir +sehen, wie auch Fichte, wie wir Alle, in eilig geschriebenen +vertraulichen Briefen zuweilen einen falschen +Buchstaben machte oder einen Punkt vergaß. +Ich erwähne nur noch, daß Fichte z. B. die geschärften +Laute »tz« und »ck«, die er im Ganzen +scheint vermeiden zu wollen, doch bisweilen gebraucht, +wie er auch bald »weißst«, bald »weist« u. dgl. +schreibt. Zu den Briefen von Johanna Maria +Fichte bemerke ich, daß darin der letzte Buchstabe +des Alphabets nach geschärften wie nach gedehnten +<span class="pagenum"><a name="Page_XI">XI</a></span>Silben durchweg eine solche Form hat, als ob »t« +und »z« zu einem Buchstaben zusammengezogen seien, +sodaß nur die Wahl blieb, überall »z« oder überall +»tz« zu setzen: ich habe das Erstere gewählt. Außerdem +hat in Johanna's Briefen das »s« immer die +französische Form, ebenso die Buchstaben »a, g, +u, v, w«, die auch als große Anfangsbuchstaben +sich oft nur wenig von den kleinen unterscheiden; +hierzu vergleiche man die halb französische Unterschrift +des 16. Briefes und den gallicistischen Gebrauch +der Negation nach dem Comparativ im +12. Briefe. –</p> + +<p>Diesem Büchlein füge ich als künstlerische Zugabe +bei das Bildniß von Fichte's trefflicher Gattin +in wohlgelungenem Kupferstiche nach einer Zeichnung +auf Pergament, welche sich im Besitze derselben Familie +befindet, der die Briefe gehören. Ein zweites +Exemplar davon, mit geringen Abweichungen, besitzt +Herr Professor Fichte in Tübingen, und danach ist +der ziemlich rohe Holzschnitt im »Illustrirten Panorama. +Berlin, Brigl. Band III. Lief. 1.« +gefertigt. Das daselbst daneben gestellte Bild Fichte's +aus seinen jüngeren Jahren ist nur eine Fiction +des Zeichners; allerdings hat es zu jener Zeichnung +in Sachsen ein Pendant gegeben, jedenfalls aus +<span class="pagenum"><a name="Page_XII">XII</a></span>Fichte's Jenaer Epoche, aber dieses ist bedauerlicher +Weise längst abhanden gekommen und nicht mehr +zu erlangen. Leider ist nicht mehr aufzuklären, ob +unser Medaillon-Bild eins von den zwei oder drei +(die Unterscheidung ist nicht ganz deutlich), sonst +unbekannten Portraits ist, welche Fichte in den +Briefen an seine Braut erwähnt, eben so wenig +ist der Zeichner bekannt. Die Aehnlichkeit aber ist +von Herrn Professor Fichte, dem Sohne, ausdrücklich +anerkannt, welcher versichert, daß »ihre Gesichtszüge +auch in späteren Jahren noch, besonders was +den physiognomischen Ausdruck anbetrifft, ganz damit +übereinstimmten.« Und in der That entspricht +dieser Ausdruck auch ganz der Vorstellung, die wir +nach ihren Briefen uns machen, welche wirklich, wie +Gotthelf Fichte sagt, eine schöne Seele verrathen: +aus ihrem Gesichte spricht Zartheit und Innigkeit, +ruhig milde Sanftmuth, gepaart mit einem leisen +Anfluge von weiblich naivem Humor. Bemerkenswerth +ist, wie Johanna's Handschrift, die ursprünglich +etwas gerundeter und zierlicher war, einige +Jahre nach ihrer Vermählung einen freieren und +kräftigeren Zug annimmt; diesen letzteren, als der +fertigen Individualität entsprechend, habe ich geglaubt +für das Facsimile wählen zu müssen, welches +<span class="pagenum"><a name="Page_XIII">XIII</a></span>nach dem 38. Briefe gebildet ist. – Johanna +Fichte war keine Bettina und keine Rahel, aber +sie war eine treue, sinnige, gläubige deutsche Frau, +die auch nahe daran war, in ihrem Wirken als +Pflegerin der Kämpfer für Deutschlands Freiheit +ihr Leben dem Vaterlande zu opfern, während der +Allwaltende ihr darin ihren Gatten zum Stellvertreter +setzte. –</p> + +<p>Der Zweck dieses Schriftchens ist, Fichte zu +zeigen, wie er war, vorzüglich in den Beziehungen +zu seiner Familie: bei der Offenheit seines Herzens +verbindet sich dem reinsten Wohlwollen auch hier +die bei ihm überall durchschlagende Ehrlichkeit und +Entschiedenheit des Willens.</p> + +<p>Es ist die Art edler Charaktere, daß sie uns +um so mehr anziehen, je näher wir ihnen treten. +Schon in meiner Studienzeit in Leipzig hatte ich, +veranlaßt durch eine mir übertragene Bearbeitung +der Fichte'schen Philosophie in Herrn Professor +Dr. Weiße's philosophischer Gesellschaft, Fichte's +Geist in seiner Stärke und Größe bewundern +müssen; je mehr ich ihn kennen lernte, desto mehr +lernte ich ihn auch lieben. Ich hoffe, auch Andere +werden diese Erfahrung an sich machen. Eine glückliche +<span class="pagenum"><a name="Page_XIV">XIV</a></span>Fügung verstattet mir, gegenwärtigen kleinen +Beitrag zur Verherrlichung seines Andenkens zu +liefern und so ihm meinen Dank abzutragen für +Das, was er mir geworden durch seine Lehre und +sein Leben.</p> + +<p>Dresden, Michael 1862.</p> + +<p class="float-right center" style="width: 22em;"> +<b>Julius Moritz Weinhold</b>,<br /> +<small><span class="antiqua">Cand. theol.</span>, Lehrer bei dem königlichen Cadettencorps +und an der Wieland'schen Töchterschule &c.</small></p> + +<div class="weinhold"> +<span class="pagenum"><a name="Page_1">1</a></span> +<p>Der erste Brief ist aus Schulpforta geschrieben, ein halbes Jahr +nach der am 4. Oct. 1774 erfolgten Aufnahme des damals kaum +zwölf und ein halbes Jahr alten Knaben. Zu der Schilderung, die +wir in seiner Lebensbeschreibung (I, 10–17) von seinem Aufenthalte +auf dieser Fürstenschule erhalten, fügt dieser Brief ein Genrebildchen, +welches uns bereits in dem jungen Schüler einerseits den ehrlichen, +strengen Charakter andeutet, andererseits eine zartfühlende Gewandtheit +zeigt, mit der er das Anerbieten seines Vaters von sich weist, ihm eine +Sorte seiner Waaren zu liefern, die Gottlieb unter seinen Mitschülern +vertreiben sollte. An dem Briefe ist auch eine für das sehr jugendliche +Alter des Schreibers auffallend ausgeschriebene Hand zu bemerken.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">1.</h2> + + +<p class="float-left">Herzliebster Vater</p> + +<p>Euren Brief habe ich erst heute, als den 1 Aprill erhalten. +Ich habe bisher mit Schmerzen gewartet, und fast +vor Freuden wurde ich außer mir als ich hörte es sey ein +Brief an mich da, denn ich glaubte gewiß daß etwas darinn +seyn würde. In etlichen Tagen ist der <span class="antiqua">Examen</span> aus welcher +14 Tage währet, und wo wir verschiedene Sachen ausarbeiten +müßen, die nach Dreßden geschickt werden. Wir +bekommen auch übermorgen die <span class="antiqua">Censuren</span>, da wir entweder +wegen unseres Fleißes gelobt oder wegen unserer Faulheit +<span class="pagenum"><a name="Page_2">2</a></span>gescholten werden. Dieses wird nun alles nach Dreßden in +die Regierung berichtet. Da ich nun gewiß weiß daß ich +ein sehr gutes ja fast das beste Lob bekommen werde, so +kostet mich doch auch dieses entsetzlich Geld. Denn es ist +hier die fatale Gewohnheit daß wer eine gute <span class="antiqua">Censur</span> bekommt +den 6. Obersten in seiner Claße und 5. Obersten am +Tische jeden ein ganz Stück Kuchen kauffen muß welches +1 Gr. 3 Pf. kostet also zusammen 13 Gr. 9 Pf. Ob ich +nun gleich dieses <span class="antiqua">Examen</span> 5 Gr. 6 Pf. verdient habe, so +bleibt doch noch 8 Gr. 3 Pf. welche mir auch schon mein +Ober-Geselle ein sehr hübscher Mensch, geborgt hat. Doch +was ich übrigens verdiene langt kaum zu den vielen Waßer +Krügen welche man hier kaufen muß, denn die Untersten +müssen Wasser holen, und mausen sich einander die Krüge +dazu ganz entsetzlich welches ich aber nicht thun kann, denn +es ist und bleibt gestohlen. Doch bey allen diesen kümmerlichen +Dingen danke ich doch noch Gott daß ich keine Schulden +als die vorhinerzählten 8 Gr. 3 Pf. habe. Daß es +Euch mein lieber Vater sehr schwer fallen werde, glaube ich +wohl, doch sollte ich denn nicht noch so ein gutes Andenken +bei meinen Freunden haben. Mein unschickliches Verhalten +wegen des Briefes an Herrn Boden, glaube ich durch +beygelegten Brief gut zu machen. An zwey Personen aber +kann man auf einmal einen Brief nicht schreiben. Doch +noch eins, was schreibt ihr mir denn von 6. Geschwistern, +ich habe gerechnet und gerechnet, bringe ihrer aber nur 5. +heraus. Ihr schreibt mir von Strumpfbändern, ich weiß +aber wohl nicht, ob es gut gethan seyn würde, denn leider +fragt man hier nicht so viel nach dergleichen Sachen als +<span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span>nach Geld, ich würde auch noch dazu entsetzlich ausgehöhnt +werden, wollt ihr mir aber so gut seyn und mir ein paar schicken, +so wird es mir sehr angenehm seyn, nicht allein weil ich sie +sehr nothwendig brauche, sondern weil es mir auch ein sehr +angenehmes Andenken an Euch verschaffen würde. Ich habe +weil ich hier bin eine beständige Gesundheit gehabt. Grüßt +meine liebe Mutter mein Geschwister und besonders Gottloben +und sagt ihn er solle mir doch schreiben. Ich würde +ihm auch schreiben, wenn es jetzo im <span class="antiqua">Examen</span> die Zeit litte. +Lebet wohl.</p> + +<p><span class="antiqua">P. S.</span> Warum denn aber zur Oster Meße ihr könnt +mir eure Brieffe immer auf der Post un<span class="antiqua">francirt</span> schicken, +denn das bezahl der Hr. <span class="antiqua">Rector</span></p> + +<p>Pforte d. 1 Aprill 1775</p> + +<p class="right">Johann Gottlieb Fichte</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Wer der im Briefe erwähnte Herr Boden sei, dafür finde ich +keinen Anhalt. Der erwähnte Obergesell war der spätere Generalsuperintendent +in Riga Karl Gottlob Sonntag, dessen Aufsicht er übergeben +wurde, weil er die Behandlung seines ersten Obergesellen nicht +länger ertragen mochte (I, 12. 14. f.). Die Zahl der Geschwister, +über deren Vermehrung Fichte sich wundert, betrug überhaupt sieben, +wie mir mündlich mitgetheilt worden; es waren sechs Brüder und eine +Schwester.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">2.</h2> + + +<p class="right"> +Wolfishein d. 13. Mai. <ins title="787">1787</ins>.</p> + +<p class="float-left">Bester Vater,</p> + +<p>Ich hoffe, daß Er meinen Brief vom Ende vorigen +Monats, im Einschlage an Herr Burschen schon erhalten +<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>hat. Ich habe darinnen von meinen Befinden, und von +meinen Umständen alles gesagt, was zu sagen war. Jetzt +habe ich einen Auftrag an Ihn, den ich so bald, als möglich +zu besorgen bitte.</p> + +<p>Ich weiß, daß in Rammenau ein ganzer Busch von +<em class="gesperrt">Lerchenbäumen</em> ist. Im Gespräch sagte ich das einmal +meinem Herrn Principal, und er wünschte dergleichen Saamen +zu haben, und hat mir Auftrag gegeben, ihn welchen +zu verschaffen. Ich bitte Ihn also hiermit, mir bei dem +Jäger (wenn er nicht gerne wollen sollte, so muß er ihn +in seinem, und auch in meinen Namen sehr bitten, und ihm +sagen, daß mir eine große sehr große Gefälligkeit damit geschähe, +und daß ich zu allen möglichen Gegendiensten bereit +sey –) <em class="gesperrt">Ein Loth Lerchen Saamen</em> zu verschaffen, gegen +<em class="gesperrt">baare Bezahlung</em>, die ich Ihn vor der Hand auszulegen +bitte, die ich aber gleich nach Erhaltung des Saamens überschiken +werde: sich aber zugleich bei eben dem Jäger <em class="gesperrt">genau</em> +und <em class="gesperrt">sorgfältig</em> zu erkundigen, <em class="gesperrt">wenn</em>? (ob im Frühlinge, +oder Herbst) und <em class="gesperrt">wie</em>? (ob dichte, oder dünne) der +Lerchen Saamen gesäet wird, und besonders <em class="gesperrt">was vor +Boden</em>, ob <em class="gesperrt">leimigten</em>, oder <em class="gesperrt">schwarzen schweren</em>, oder +<em class="gesperrt">sandigten</em> erfordert: und mir <em class="gesperrt">so bald als möglich</em> mit +der Post den Saamen, nebst dieser Nachricht, genau und +deutlich, zu überschiken, und zu melden, was er kostet.</p> + +<p>Hierdurch, bester Vater, geschieht mir eine sehr große +Gefälligkeit. Suche Er also ja mir sowohl den Saamen, +als die dazu gehörigen Nachrichten zu verschaffen. Sollte, +wie ich befürchte, der Jäger den Saamen nicht weggeben +wollen, oder dürfen; oder sollte Er es sich nicht getrauen, +<span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>es bei ihm dahin zu bringen, so bitte Er doch den Herrn +Pfarrer Wagner, nebst vielen Empfehlungen von mir, die +Sache zu übernehmen, der ihn vielleicht eher erhalten wird. +Nur bitte ich mir auf jeden Fall baldige Antwort aus. +Uebrigens ist meine Lage noch ganz die vorige. Ich wünsche, +beste Eltern, daß Sie recht wohl, und glüklich leben, grüße +alles mein Geschwister herzlich, und bin mit der kindlichsten +Achtung</p> + +<p class="float-right" style="width: 13.5em;">Ihr<br /> +<span style="margin-left: 5em;">Gehorsamer Sohn</span><br /> +<span style="margin-left: 7.5em;" class="antiqua">Fichte</span>.</p> + +<p>Viel Empfehlungen an den Hr. Pfarrer, Frau Mutter, +und Herrn Bruder. Ich bitte auf jeden Fall um baldige +Antwort.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Dieser zweite Brief mit der Aufschrift:</p> + +<p class="center aufschrift">Herrn<br /> +Herrn <span class="antiqua gesperrt">Fichte</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 19em;" class="gesperrt">Rammenau</span>.,</p> + +<p class="no-indent">ist aus Wolfishein, wo Fichte Hauslehrer gewesen sein muß. Ein +»Wolfshain« oder »Wolfshayn«, welches wohl hier gemeint ist, liegt +2¾ Stunden östlich von Leipzig; das dortige Rittergut kaufte um die +Mitte des vorigen Jahrhunderts Buchdrucker Breitkopf. Außerdem giebt +es ein »Wolffshain« in der Niederlausitz, 5 St. östlich von Spremberg. +Ueber diese Zeit seines Lebens berichtet sein Sohn nur (I, 27): +»Von seinen äußern wechselnden Verhältnissen um diese Zeit wissen wir +nur Einzelnes und Abgerissenes.« Der in dem Briefe erwähnte Herr +Bursche wohnte nach anderen Briefen in Pulsnitz und war Seifensieder; +der Pfarrer Wagner war der um Fichte hoch verdiente Pastor zu +Rammenau. Hier ist nämlich ein doppelter Irrthum der Biographie +<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>zu berichtigen. Dieselbe (I, 7 f.) nennt diesen Mann <span class="gesperrt">Diendorf</span>. – +Es gab aber in Rammenau nur einen Pfarrer <span class="antiqua">M.</span> Johann Gottfried +<span class="gesperrt">Dinndorf</span> – so habe ich selbst den Namen in dem Kirchenbuche gelesen +– und dieser starb, nachdem er ziemlich 53 Jahre sein Amt verwaltet, +am 19. März 1764, also kaum zwei Jahre nach Fichte's Geburt. +Auf ihn folgte zunächst <span class="antiqua">M.</span> Karl Christoph Nestler, und auf +diesen am 5. August 1770 Adam Gottlob Wagner. Derselbe war, +wie mir Herr Pastor Werner in Rammenau mündlich mittheilte, vorher +Erzieher auf dem herrschaftlichen Schlosse gewesen und daher mit den +Ortsverhältnissen und den Dorfbewohnern wohl bekannt; und so empfahl +er später den etwa zehnjährigen Fichte dem Herrn von Miltitz, der gewünscht +hatte, eine von Wagners Predigten zu hören. Aber selbst +hiervon abgesehen, und ein noch geringeres Alter angenommen – wie +der Biograph sagt: »der Knabe mochte bereits acht oder neun Jahre +alt geworden sein« –, kann immer nur an Wagner gedacht werden. +Auch war derselbe, wie ich selbst von andern Seiten in der Lausitz +gehört habe, als Prediger berühmt. – Jene Namensverwechslung +kann, wie Herr Pastor Werner vermuthet, vielleicht dadurch entstanden +sein, daß Fichte wohl zuweilen seiner Familie von dem alten wackern, +zu seiner Zeit noch nicht vergessenen, Dinndorf erzählt haben mag, der +während seiner langen Amtsführung gar Vieles erlebt hatte, z. B. den +siebenjährigen Krieg, einen Neubau der Kirche u. s. w., und der ein +unermüdlich fleißiger Prediger war, denn er soll während seines Lebens +beinahe 8000 Mal gepredigt haben. – Der damalige Gutsherr von +Rammenau wird in der Biographie (I, 7) Graf von Hoffmannsegg +genannt. Genau genommen aber hieß er damals nur Johann Albericus +von Hoffmann und war Geheimer Cabinets-Assistenzrath; denn +erst 1779 wurde er unter dem Namen Hoffmannsegg (er soll einen +mit einer Egge verbundenen Pflug erfunden haben) in den Reichsgrafenstand +erhoben. – Uebrigens ist bemerkenswerth, wie in Fichte's +Briefen mit der Zeit die Anreden wechseln: im ersten Briefe nennt +Fichte seinen Vater, »Ihr«, in diesem »Er«, in allen ferneren aber +nach unserer Weise »Sie«.</p> + +<p>Im Sommer 1788 ging Fichte nach Zürich, wo er anderthalb +Jahre Erzieher im Hause eines angesehenen Gasthofbesitzers, Namens +Ott, war (<ins title="1">I</ins>, 32 f. 39). Ende März des Jahres 1790 reiste er von +<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>dort wieder ab und traf in der ersten Hälfte des Mai in Leipzig ein, +wo er den folgenden Brief an seine Eltern schrieb, welchem auf der +Rückseite desselben Blattes einer an seinen Bruder Gotthelf angefügt ist.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">3a.</h2> + + +<p class="right">Leipzig. d. 20. Jun. 90.</p> + +<p class="float-left">Liebste Eltern,</p> + +<p>Ich bin seit 6. Wochen, und drüber, in Leipzig. Wenn +ich es Ihnen nicht eher meldete, so kam es blos daher, weil +ich keine Gelegenheit; und wenn Gelegenheit, keine Zeit +hatte.</p> + +<p>Ich bin 7. Wochen auf der Reise gewesen: bin sehr +gesund und angenehm gereißt: habe viel schönes gesehen und +viel große Männer kennen gelernt. Jetzt habe ich keine <em class="gesperrt">bestimmten</em> +Aussichten: Hofnungen und Versprechungen genug, +aber noch nichts sicher. Sobald sich welche finden +werden; sobald ich meinen Aufenthalt verändern werde, +werde ich nicht ermangeln, es Ihnen zu melden. Lieber +wäre es mir fast, wenn ich etwa ein Jahr in Leipzig bleiben +könnte. Könnte ich dies möglich machen, so würde ich die +vortheilhaftesten Anträge ausschlagen.</p> + +<p>Mein Plan ist noch der ehemalige. Nur will ich nicht +mehr zu Kindern; sonst könnte ich längst eine Stelle haben. +Ich will reisen, oder an einen Hof. – Sollte dies etwa +Jemand nicht begreifen können: so – wundert mich das +nicht. Wenn ich es nur begreife.</p> + +<p>Ich bin mit höchster Ehre von Zürich abgegangen. +Weise ist mehr als je, mein Freund. Der Hr. von Miltitz +<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>ist gut auf mich zu sprechen. Ich wechsele Briefe von Zürich +bis Coppenhagen – und mit großen Personen.</p> + +<p>Ich gehe einen Weg es entweder sehr hoch zu bringen, +oder ganz zu verlieren, sagt ein hiesiger Professor, der mein +Freund ist. – Er hat recht; aber ich hoffe das erstere; und +würde das letztere ertragen.</p> + +<p>Den gewöhnlichen Weg schleichen – mich auf eine +Dorfpfarre setzen, kann ich einmal nicht, und Gott, der mir +diesen Sinn gab, weiß, daß ich es nicht kann.</p> + +<p>Ich bitte Sie, mich in Ihrem gütigen Andenken zu +behalten, und zu glauben, daß ich unverändert bin</p> + +<p class="right"> +<span style="margin-right: 10em;">Ihr</span><br /> +gehorsamer Sohn<br /> +<span style="margin-right: 2em;">Gottlieb.</span></p> + +<p><span class="antiqua">P. S.</span> Es thut mir leid, daß ich diesen Brief nicht +frankiren kann. Ich schike ihn durch Einschluß bis Dreßden, +gebe ihn also nicht hier auf die Post. – Aber über +1 Gr. 3 Pf. darf er nicht kosten, denn er kömmt von +Dreßden.</p> + + + +<h2 class="new-h2">3b.</h2> + + +<p class="center gesperrt">Meinem Bruder Gotthelf.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Daß ich wieder in meinem Vaterlande bin, wirst du +nun wißen. – Ich bin gesund, – gesünder, als ich vielleicht +je war; das thut das Reisen – muthig, voll Lust und +Hofnung. Aussichten, wie ich sie wünsche, habe ich genug, +<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>aber ich erwarte sie mit Geduld, und Ergebung. Was mir +am meisten fehlt, sind Freunde. Mit gewöhnlichen Studenten +mag ich keinen Umgang haben; meine alten Freunde +sind alle weg: ich wünsche also oft Dich zu mir, um so ein +Gespräch zu führen, wie wir es im Jahr 88 oft hatten. +Mit den wenigsten Menschen komme ich im vertrauten Umgange +zu rechte. In Dir hatte mir die Natur einen Freund +gegeben, wie ich ihn bedarf. Warum musten so verschiedene +Lebensarten, und solche Entfernungen uns trennen?</p> + +<p>Erseze, was dem mündlichen Umgange fehlt, durch +Briefe. Schreib mir oft, und so viel Du willst und kannst. +Ich werde Deine Briefe gern lesen, und beantworten. – +Da Du aber nicht postmäßig schreiben kannst, und da ich +wünsche, daß Du mir große Briefe schriebest, so gieb sie +den Fuhrleuten. Ich wohne auf der <span class="gesperrt">Fleischer Gaße, +in Weinholds Hause, 1. Treppe hoch, vorn heraus</span>.</p> + +<p>Ich muß mich jezt mit Bücherschreiben ernähren; wenn +ich leben will. Das ist mir denn nun keine angenehme +Arbeit. Will ich was gutes, nüzliches, schönes schreiben, +wie ich wohl möchte, und könnte, so erfordert es viel Zeit, +und – der Buchhändler will nichts nüzliches. Schreibe ich, +wie der Buchhändler es gern hat, leichte Waare, Mode Zeug, +so macht mir das weder Ehre, noch Vergnügen.</p> + +<p>Zur Zeit ist noch nichts erschienen, aber auf die Michaelis-Meße +wird einiges von mir die Preße verlassen.</p> + +<p>Sehen möchte ich Dich, und die übrigen aus dem +Hause, die mich lieben, wohl gern einmal. Aber – ich hänge +in Ansehung des Reisens von meinem Beutel ab, und der +verträgt jetzt keine Reise. Auf Michaelis <em class="gesperrt">vielleicht</em> komme +<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span>ich – nicht nach Rammenau; dahin in meinem Leben schwerlich +wieder – sondern in eure Nähe, wo mich sehen können, +die mich sehen wollen.</p> + +<p>Leb recht wohl. Ich bin Dein</p> + +<p class="float-right center" style="width: 14em;">Dich herzlich liebender Bruder<br /> +Gottlieb.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>»Weise« ist ohne Zweifel der Kreissteuerrath Weiße, sein treuer +Beschützer, der ihm auch die Stelle in der Schweiz verschafft hatte. +Der Freiherr von Miltitz war der Edelmann, der so väterlich für +Fichte's Ausbildung <ins title="sorgte">sorgte.</ins> Derselbe nahm den Knaben Fichte zuerst +mit nach seinem Schlosse <span class="gesperrt">Siebeneichen</span> bei Meißen an der Elbe, +welches in der Biographie (I, 9) auch ganz richtig beschrieben ist, obwohl +daselbst »Oberau« genannt ist, was aber östlich abseits der Elbe +liegt. Herr Pastor Carl Gottfried Beer in Niederau schreibt mir darüber: +»Auf Park und Schloß zu Oberau paßt die Beschreibung gar +nicht. – Oberau und Niederau gehörten früher mit zu dem manchmal +so genannten Miltitzer Ländchen, und die letzten Besitzer dieses Namens +haben auch in Oberau gewohnt.« Sodann wurde Fichte dem Prediger +in Niederau anvertraut, bei dem er seine schönsten Jugendjahre +verlebte. Der Biograph sagt: »Leider wissen wir den Namen des +trefflichen Mannes nicht, wol aber erinnern wir uns, daß Fichte noch +in seinen spätern Jahren mit Rührung und herzlichem Danke des frommen +Predigerpaars gedachte.« Herr Pfarrer Beer, den ich um Auskunft +ersuchte, macht mir die dankenswerthe Mittheilung: »Der Pfarrer +hieß Gotthold Leberecht Krebel, starb 1795, nachdem er 31 Jahr, von +1764 an, Pastor der Gemeinde zu Niederau gewesen. – In meinem +Garten stehen zwei Linden und hinter demselben dicht an der Mauer +noch zwei. Von diesen sagte mir mein alter ehrwürdiger Schulmeister, +den ich 1823 bei Antritt meines Amts in Niederau fand: Diese Linden +hat ein Knabe gepflanzt, der bei dem seligen Krebel in Kost und +Lehre gewesen ist; der Knabe hat Fichte geheißen. So erzählte mein +alter Hase, der übrigens weiter nichts von Fichte und dessen Schicksalen +gehört oder gelesen hatte.« Nach »Sachsens Kirchen-Galerie« 1. Band +(Dresden, Schmidt 1837), S. 125 – wo übrigens, wie ich nachträglich +<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>finde, auch schon Pastor Krebel als derjenige genannt ist, bei dem +Fichte einen Theil seiner Knabenjahre verlebte – war dieser Johann +Georg Haase, geb. 1764 in Würschnitz bei Radeberg, seit 1787 Lehrer +in Niederau: also erst nachdem Fichte längst weg war, wie auch die +Perfect-Form der Zeitwörter in seinem angeführten Berichte bestätigt. +In Bezug endlich auf den Freiherrn von Miltitz, dessen Name in der +Biographie auch nicht genauer bezeichnet ist, bemerkt Herr Pastor Beer: +»Im Jahre 1774 hat der <span class="antiqua">P.</span> Krebel aufgezeichnet: Am 5. März verstarb +zu Pisa Herr Ernst Haubold von Miltitz &c. und ist zu Livorno +christlich beerdigt worden. Ein Vierteljahr darauf starb des gedachten +Herrn von M. einzige Tochter im fünften Lebensjahre, und ist auf +dem Kirchhofe zu Oberau beerdigt worden. – Der genannte Herr +von M. war nur 34½ Jahr alt geworden; zur Pflege seiner Gesundheit +nach Italien gegangen, hatte er daselbst einer langwierigen Krankheit +unterliegen müssen. Dieser ist wahrscheinlich der Gönner, der sich +um Fichte so verdient gemacht hat.« – Nach dem Kirchenbuche zu +Rammenau war ein Pathe des 1766 in der katholischen Hofkirche zu +Dresden getauften Johann Centurius von Hoffmannesegg: »der hochwohlgeborene +Herr Ernst Haubold von Miltitz, Erb-, Lehn- und Gerichtsherr +zu Oberau, Niederau, Siebeneichen und Bazdorf, Churfürstl. +Sächß. Obrist-Lieutenant und Amts-Hauptmann des Meißnischen +Creyßes«. Dieser kann aber wohl kaum ein und derselbe mit dem +obigen sein, sondern vielleicht der gleichnamige Vater desselben. – Wie +sehr ihm Freunde fehlten, spricht Fichte auch in einem Briefe nach der +Schweiz vom 8. Juni aus (I, 71); in demselben Briefe (I, 74) macht +er den Buchhändlern ähnliche Vorwürfe wie hier. Das Werk, was +er zum Drucke vorbereitete, war eine Schrift über Kants Kritik der +Urtheilskraft, die aber nie gedruckt ward (I, 96 f. 99 f. 105 f. 108 f. +111 ff.), deren Ausarbeitung seinen durch das Studium der Kant'schen +Philosophie bewirkten Uebergang von Spinoza'schem Determinismus +zur Anerkennung persönlicher Freiheit bezeichnet.</p> + +<p>Gotthelf ist sein Liebling unter seinen Brüdern, neben dem nur +noch Gottlob öfters erwähnt wird; seiner – nächst seinem stets am +höchsten verehrten Vater – gedenkt er auch in dem Tagebuche über +seine Reise nach Warschau besonders herzlich (I, 119); ihn macht er +schon hier sanft auf einen Fehler aufmerksam; ihn sucht er, wie wir +<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>später sehen werden, ganz zu sich heran zu bilden. An ihn ist auch +der folgende Brief gerichtet, in welchem er mit größter Offenheit über +die – an sich wohl ganz erklärlichen, ja von einem beschränkten Standpunkte +aus sogar natürlichen – Erwartungen und Zumuthungen von +Seiten seiner Familie (an denen namentlich seine Mutter wesentlichen +Antheil hatte; vgl. unten den 12. Brief) seinem Herzen Luft macht, +welches hier, erfreulicher Weise nur vorübergehend, einen ziemlich hohen +Grad von bitterer Gereiztheit zeigt, da er wie Faust »in seinem dunkeln +Drange sich seines rechten Weges wohl bewußt« war. Diesem Bruder +hatte er auch, wie der Anfang dieses Briefes anzudeuten scheint, seine +Vertheidigung gegen jene Anforderungen aufgetragen, welche freilich +nicht gelang.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">4.</h2> + + +<p class="right">Leipzig, d. 3. Jenner. 1791.</p> + +<p>Erst gestern, mein lieber Bruder, habe ich Deinen +Brief erhalten, und heute antworte ich Dir, weil morgen +Posttag ist. Schon fing ich an zu glauben, mein lezter +Brief sei zu hart gewesen; er reute mich, und ich war im +Begrif in einem gelindern Tone mich zu beklagen.</p> + +<p>Dank Dir, Bruder, daß Du Deine Aufträge so richtig +ausgerichtet hast, daß er mich eben nicht mehr reuen darf. +– Doch reut er mich auch noch. Ich habe Worte verlohren.</p> + +<p>Ich fragte nicht etwan an, <em class="gesperrt">ob</em> man meine Maasregeln +billigte? Es scheint, man hat meinen Brief falsch verstanden. +Das weiß ich allemal schon vorher, daß nie etwas +wird gebilligt werden, was ich thue; und dies ist nun eben +auch mein geringster Kummer. Aber wie wäre auch das zu +billigen, daß ich schon wieder nicht in meinem <em class="gesperrt">Dienste</em> +geblieben bin; daß ich wieder keinen <em class="gesperrt">Herrn</em> habe? Die +Leute haben in ihrer Art ganz Recht. – Ich fragte nur, +<span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span>ob man mir etwan <em class="gesperrt">deswegen</em> nicht schriebe, <em class="gesperrt">weil</em> man +meine Maasregeln nicht billigte? Daß es mich verdroß, +daß man that, als ob ich gar nicht mehr in der Welt war, +läugne ich nicht. Daß Du selbst, Bruder, so in ganzem +Ernste die Nachlässigkeit im Briefschreiben auf mich zurükschieben; +daß Du das ohne Erröthen niederschreiben; daß +Du Deine Feder dazu leihen konntest, wundert mich doch. +»<em class="gesperrt">Ich würde nicht geschrieben haben, wenn man +mich nicht aufgesucht hätte</em>« – Ei! wer ist denn so +klug, daß er weiß, was ich gethan haben <em class="gesperrt">würde</em>? Ich kann +im Gegentheil versichern, daß ich darum keinen Tag eher, +und keinen später geschrieben hatte. Ich schrieb, sobald ich +<em class="gesperrt">konnte</em> (im eigentlichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">konnte</em>) Hätte +ich eher gekonnt, so hätte ich es eher gethan: hätte ich auch +dann noch nicht gekonnt, so hätte es auch dann bleiben +müßen. Wer hat denn aber seitdem auf 3. bis 4. Briefe +aus der Schweiz – auf den, den ich sogleich nach meiner +Ankunft in Leipzig schrieb, nicht geantwortet? mir nicht einmal +einen Empfangsschein zugeschikt? Wüste ich nicht sicher, +daß sie richtig abgegeben wären, so müste ich fest glauben, +sie seien untergeschlagen.</p> + +<p>Denen es so sehr leid thut, daß ich nicht mehr in der +Schweiz bin, will ich den Gefallen auch thun. <em class="gesperrt">Ich reise +Anfangs Aprills wieder in die Schweiz zurük, +um nie wieder nach Sachsen zu kommen.</em> – Was +will man denn wohl mit diesem Bedauern? mit diesem Verheimlichen? +Du hättest mich Dir sehr verbindlich gemacht, +wenn Du mir die Ursachen davon geschrieben hättest. Nimmt +man vielleicht die Maske, als ob es einem um meine Wohlfahrt +<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>sei? O, wer kann denn über meine Wohlfahrt aus +seinem engen Gesichtspuncte so dreist urtheilen? Wer weiß +denn die Gründe meines Abgehens in der Schweiz? wer +weiß denn das, was mich bewogen hat, wieder nach Leipzig +zu gehn? wer weiß denn, wie es mir in Leipzig geht? Man +muß scharfsinniger sein, als ich bis jetzt gewust habe. – +Oder ist es ihnen nur darum zu thun, mich recht weit von +sich zu wißen? O! ich mag weit oder nahe sein, so sind +sie immer sehr sicher, daß ich mich ihnen nicht nahe. Laß +sie glauben, ich bin gar tod; das ist noch weiter als die +Schweiz. – Oder ist ihnen nur das zuwider, daß sie nicht +mit mir, nach ihrer Art, Staat machen können? Mögen +sie doch immer sagen, ich sei irgendwo ein Dorf Pfarrer. +Ich werde nicht kommen, und ihnen widersprechen. – Beßer +konnte man nicht sagen, daß man sich meiner schäme. Aber +laß sie es immer sagen. Ich will mich ihrer nicht schämen.</p> + +<p>Daß man mein Glück wünscht, würde mich noch mehr +freuen, wenn man mir zugleich, – mir, der ich schon längst +mündig bin, der ich wohl etwas von der Welt kennen sollte, +der ich wenigstens eben so viel weiß, als sie – erlauben +wollte, es nach meiner Art zu suchen.</p> + +<p>Dies in Antwort auf Deine Aufträge. Richte es so +pünctlich aus, als Du Dich derjenigen an mich erledigt zu +haben scheinst. Jezt blos an Dich.</p> + +<p>Ich habe in meinem lezten Briefe auf niemand weniger +gezielt, als auf Dich. Du bist jung und <em class="gesperrt">Dir</em> war +eine solche Nachläßigkeit im Briefschreiben eher zu verzeihen. +Daß ein Brief an mich entworfen gewesen ist, glaube ich. +Aber warum nicht fortgeschickt? Daß ich in Dreßden sei, +<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>war ein sehr albernes Gerücht, und es war übereilt ihm +zu glauben. Da ich mich nicht scheue, irgend jemand unter +die Augen zu gehen, so würde ich von Dreßden aus nicht +ermangelt haben, meinen Aufenthalt zu wißen zu thun. +Eben so sicher war darauf zu rechnen, daß, wenn ich meinen +Aufenthalt auf eine andere Art verändert hätte, ich es +eben so richtig würde gemeldet haben, als ich meine Ankunft +in Leipzig meldete. Sind also alles dies nicht leere Entschuldigungen, +wie ich nicht glauben will, so gründen sich +doch alle diese Muthmaaßungen auf eine sehr verkehrte Meinung +von meinem Character, und diese freut micht nicht. +In Dreßden bin ich vorigen August 2. Tage gewesen. Ich +habe nicht geglaubt Ursache zu haben, mich vor irgend jemand +zu versteken.</p> + +<p>Daß ich Dich, mein Bruder, noch liebe wie sonst, versichere +ich Dich mit eben der Offenheit, mit der ich Dir es +frei heraussagen würde, wenn Du bei mir verloren hättest. +Ich denke der Tage, da ich in Dir die einzige gute Seele +fand, die mich liebte, und mit der ich ein Wort reden konnte, +wie ichs reden mochte. Gott erhalte Dein Herz unverdorben! +und dann erhalte mir Deine Freundschaft auch in der +Entfernung; ob es gleich nicht scheint, daß wir einander in +diesem Leben wiedersehen werden.</p> + +<p>In Absicht des Briefwechsels werde ich es immer halten, +wie jezt. So oft Du mir schreibst, erhältst Du den +nächsten Posttag Antwort. Schreibst Du mir nicht, so hast +Du freilich auch auf keine Zeile von mir zu rechnen. Worum +Du mich fragst, werde ich Dir stets, so viel es sicher, und +gut ist, beantworten. Worüber Du mich nicht fragst, darüber +<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>sage ich nichts. So hast Du z. B. jezt auf keine +Nachricht über meine Lage, Pläne, Aussichten zu rechnen, +weil Du mich nicht darum gefragt hast. Verändert sich +mein Aufenthalt, so schike ich Dir meine Adresse, <em class="gesperrt">wenn +du es verlangst</em>. So wollte ich Dir z. B. wohl rathen, +wenn Dir oder irgend jemand in unserer Familie an fortdauernder +Verbindung mit mir gelegen ist, mir noch vor +Ende des Merzes zu schreiben. Sonst gehe ich aus Sachsen, +ohne daß irgend jemand von euch erfährt, wo ich bin.</p> + +<p>Mein guter Vater – Du weißt es, wie sehr ich ihn +immer geliebt habe – dauert mich, daß ich ihm, deßen Leben +so leidenvoll war, nicht einst den Rest seiner Tage versüßen, +und seinen vortreflichen Umgang genießen soll: Du +dauerst mich, daß ich nicht etwas beitragen sollte, Deinen +Geist bilden zu helfen und wo möglich, Deine Schiksale etwas +zu verbeßern. Aber es ist nicht zu ändern. Du bist jung; +Dich seh' ich vielleicht noch hienieden wieder. Meinen geliebten +Vater höchst wahrscheinlich nur in beßern Welten, +in denen seine Thränen abtroknen und sein Leiden enden +wird. Die Augen gehn mir über. Grüße diesen theuern +Vater herzlich, und sage ihm, aber <em class="gesperrt">allein</em>, wie ich gegen +ihn denke: aber er solle mir verzeihen, daß ich nicht anders +handeln könne.</p> + +<p>Ueber Deine Zunahme freue ich mich; ich sehe zum +Theil aus Deinem Briefe, daß sie nicht bloße leere Einbildung +ist. Aber, erlaube einem ältern Dich herzlich liebenden +Bruder Dir zu sagen, daß wahre Weißheit immer bescheiden +ist; und daß jede List das Herz verderbt. Ich habe mein +ganzes Moralsystem geändert. Doch davon ein andermal; +<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>wenn du <em class="gesperrt">auf obige Bedingungen</em> den Briefwechßel +fortsezen willst. – Grüße meine Eltern und Geschwister +herzlich. Ich bin Dein Dich liebender Bruder.</p> + +<p class="right">J. G. Fichte.</p> + +<p>Meine Adreße ist bis Ende Merzes <span class="gesperrt">Leipzig, auf +der Schloßgaße neben dem Petrino in Brauns +Hause 3. Treppen</span>.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Demselben Bruder gilt der nächste Brief, welcher besonders darum +interessant ist, weil er außer verschiedenen schon angeregten Beziehungen +auch Fichte's Studium der Philosophie und seine Herzensverhältnisse +bespricht.</p> + +<p>Ueber die hier berührte frühere Neigung zu Charlotte Schlieben +(so scheint der Name gelesen werden zu müssen) ist sonst Nichts bekannt. +Seine Gönnerin, die »Dame aus Weimar« schwieg, nach einem Briefe +vom 1. August, worin ihr Name auch nicht genannt wird (I, 77), +»seit ein paar Monaten« über ihr »Project«, ihn »an einen gewissen +sehr guten Hof zu bringen«. Wie sehr aber sein Gemüth noch immer +durch den Mangel eines bestimmten, festen Wirkungskreises beunruhigt +in unstetem Schwanken gehalten wurde zu einer Zeit, wo seine Verheirathung +bereits beschlossen war, wie schon im vorigen Briefe angedeutet +und in diesem deutlich ausgesagt ist, wie er auch am 7. Febr. +und noch am 1. März an seine zukünftige Gattin schreibt (I, 98 f.), +das beweist der Schluß dieses Schreibens. Sicherlich bedarf es, zumal +bei einem so auf sich selbst gestellten Charakter, wie ihn Fichte besaß, +keiner Entschuldigung, sondern fordert vielmehr achtungsvolle Anerkennung, +daß sein Mannesstolz es nicht ertragen mochte, eine andere +Seele an sein unbestimmtes Schicksal zu fesseln oder in gemächlicher +Ruhe sich vom Vermögen seiner Frau zu nähren. Wohl aber ist dabei +zu beachten, daß nicht jugendlich blinde Leidenschaft ihn zu der vier +Jahre älteren Braut zog, sondern die mit näherer Bekanntschaft sich +steigernde und mit verständiger Besonnenheit verbundene Werthschätzung +(I, 39 ff.). Die »gewisse Begebenheit«, die er hier als nächste Veranlassung +der erneuerten Kämpfe nennt, dürfte wohl die in dem Briefe +<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>an seine Braut vom 1. März 1791 (I, 99 f.) allerdings etwas dunkel +beschriebene Anklage wegen Entlarvung eines Betrügers sein.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">5.</h2> + + +<p class="right">Leipzig d. 5. Merz. 1791.</p> + +<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Erst vor zwei Stunden habe ich Deinen Brief erhalten +(denn entweder Du datirst Deine Briefe falsch, oder +giebst sie erst spät auf die Post). Jezt habe ich die erste +freie Stunde, und sogleich seze ich mich her, Dir zu antworten, +und wenn die paar Stunden die von jezt bis zum +Abgange der Post mein sind, zulangen, so geht noch heute +mein Brief ab. Endlich habe ich einen Brief von Dir gelesen, +wie ich sie von Dir zu lesen wünsche...... <small>[Lücke]</small> .. +Freund. Ich weiß, Bruder, daß Du mich liebst, und ich +fühle immer mehr den Vortheil, einen Freund zu haben, +den die Natur selbst für uns bildete, und den sie uns so +wunderbar ähnlich schuf. Ich werde Dich immer lieben; +nichts hat mein Herz gegen Dich erkältet, denn die letztern +Vorfälle habe ich nicht auf Rechnung Deines Herzens, sondern +auf Rechnung Deiner Jugend, und Deines Mangels +an Welt- und Menschen-Kenntnis geschrieben. Und wenn +<em class="gesperrt">ich</em> solche Fehler nicht verzeihen könnte?</p> + +<p>Habt Ihr nicht einen Brief von mir erhalten, der ohngefähr +im Februar vorigen Jahres aus Zürich geschrieben +war, und worinn ich meinen Entschluß wieder nach Sachsen +zu kommen, ankündigte? Ich hoffe nicht, daß Fritsche aus +seiner sehr knauserigen Oekonomie auch diesen zurükbehalten +<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>hat. Hat er das, so habe ich freilich bisher Unrecht zu +haben <em class="gesperrt">geschienen</em>; aber es nicht <em class="gesperrt">gehabt</em>. Aber da niemand +allwißend ist, so bitte ich, <em class="gesperrt">aber nur in diesem +Falle</em>, um Verzeihung. – Ich werde inzwischen die Sache +mit den Briefen untersuchen. Ich verlies Zürich, weil es +mir, wie ich mehrmals nach Hause geschrieben habe, in dem +Hause, in welchem ich war, nicht ganz gefiel. Ich hatte von +Anfange an eine Menge Vorurtheile zu bekämpfen; ich hatte +mit starrköpfigten Leuten zu thun. Endlich, da ich durchgedrungen, +und sie gewaltiger Weise gezwungen hatte, mich +zu verehren, hatte ich meinen Abschied schon angekündigt; +welchen zu widerrufen <em class="gesperrt">ich</em> zu stolz, und <em class="gesperrt">sie</em> zu furchtsam +waren, da sie nicht wißen konnten, ob ich ihre Vorschläge +anhören würde. Ich hätte sie aber angehört. Uebrigens +bin ich mit großer Ehre von ihnen weggegangen: man hat +mich dringend empfohlen; und noch jezt stehe ich mit dem +Hause im Briefwechsel.</p> + +<p>Ich ging mit den weitaussehendsten Aussichten und +Plänen von Zürich: nicht um in Sachsen zu bleiben, sondern +um in Leipzig den Erfolg meiner großen Pläne abzuwarten. +Ich hatte ... <small>[Lücke]</small> .... und war daselbst höher +... <small>[Lücke]</small> ... Auf meiner Reise lernte ich große Personen +kennen, die alle mich zu ehren schienen. Bewegungsgründe +genug, um mir viel zuzutrauen. Ich war von +Zürich aus dringend an den <span class="antiqua">Premier Ministre</span> in Dänemark, +Graf von Bernstorf, an den großen Klopstok, u. s. w. +empfohlen. Ich erwartete nichts weniger, als eine Minister +Stelle in Coppenhagen. – Zu gleicher Zeit schrieb mir +eine vornehme Dame aus Weimar: sie arbeite, und habe +<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>Hofnung, mich an einen Hof zu bringen. – Im kurzen +scheiterten alle diese Aussichten, und ich war der Verzweiflung +nahe. Aus Verdruß warf ich mich in die <span class="gesperrt">Kantische</span> +Philosophie (vielleicht ist Dir der Name einmal in einem +der Bücher, die Du liesest, vorgekommen) die eben so herzerhebend, +als kopfbrechend ist. Ich fand darin eine Beschäftigung, +die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbeitungs +Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, +die ich je verlebt habe. Von einem Tage zum andern verlegen +um Brod war ich dennoch damals vielleicht einer der +glüklichsten Menschen auf dem weiten Runde der Erden. – +Ich fing eine Schrift an, über diese Philosophie, die zwar +warscheinlich nicht herauskommen wird, weil ich sie nicht vollendet +habe; der ich aber doch glükliche Tage, und eine sehr vortheilhafte +Revolution in meinem Kopfe, und Herzen verdanke.</p> + +<p>Eine neue Periode! Unter den Häusern, mit denen +ich in Zürich sehr genau bekannt war, war das, eines Mannes +von ohngefähr 70. Jahren, der mit dem besten Herzen +viel Kenntniße und eine ungeheure Welt- und Menschenkenntniß +vereinigte. Dieser Mann wurde durch einen vertrauten +Umgang mit mir in die schönen Zeiten seiner Jugend +zurükversezt. Er liebte mich, als ein Vater; und +verehrte mich höher, als es meine Verdienste, oder seine +Jahre eigentlich erlaubten. Dieser Mann hatte eine einzige +Tochter, die unter seinen Augen aufgewachsen war; die noch +nichts gefühlt hatte, als innige Verehrung dieses Vaters, +und die von Jugend auf gewohnt war, alles mit den Augen +ihres Vaters anzusehen. War es ein Wunder, daß, <em class="gesperrt">ganz +ohne mein Zuthun</em>, der Liebling des Vaters auch der +<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>der Tochter wurde? Welche Mansperson ist nicht scharfsinnig +genug, Empfindungen von der Art bald zu entdeken, +die noch dazu mir eben nicht verholen wurden? Mein +Herz war leer, Charlotte Schlieben war schon längst daraus +vertilgt. Ich ließ mich lieben, ohne es eben zu sehr zu +begehren. – Ich reis'te von Zürich ab, nachdem wir einander +unbestimmte Versprechungen gemacht, und einen beständigen +Briefwechsel verabredet hatten. Dieser Briefwechsel +wurde von Ihrer Seite immer dringender, und zärtlicher. +Endlich – und das fiel in jene Periode meiner Philosophie, +meiner hohen Seelenruhe und meiner gänzlichen Gleichgültigkeit +gegen allen Glanz der Welt – schrieb sie mir, ich +solle, da meine Aussichten scheiterten, zu ihr nach Zürich +kommen; das Haus ihres Vaters, und ihre Arme stünden +mir offen. Ich besann mich in meiner damaligen Stimmung +keinen Augenblick Ja zu sagen. Noch erwartet sie +mich in der Mitte des Aprills, und will sich sogleich bei +meiner Ankunft mit mir verheirathen. Ihr Vater hat mich +in dem zärtlichsten Briefe eingeladen. Sie selbst ist die edelste, +treflichste Seele; hat Verstand, mehr als ich, und ist dabei +sehr liebenswürdig; liebt mich, wie wohl wenig Mannspersonen +geliebt worden sind. Sie ist nicht ohne Vermögen, +und ich hätte die Aussicht einige Jahre in Ruhe mein Studiren +abzuwarten, bis ich entweder als Schriftsteller, oder +in einem öffentlichen Amte, welches ich durch die Empfehlung +einer Menge großer Männer in der Schweiz, die sehr viel +von mir halten, und die Correspondenz in alle Länder Europas +haben, wohl erhalten könnte, selbst ein Hauswesen unterhalten +könnte. – Ich bin seit Michaelis fest entschloßen gewesen, diesen +<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>Antrag zu ergreifen; und noch da ich meinen leztern Brief +schrieb, war ich der Meynung, und schrieb daher, daß ich zu +Ostern nach der Schweiz gehen würde. Aber von einer andern +Seite hat eine gewiße Begebenheit wieder meinen ganzen Durst +in die Welt hinaus aufgewekt; ich liebe die Sitten der Schweizer +nicht, und würde ungern unter ihnen leben, es ist immer +eine gewagte Sache, sich zu verheirathen, ohne ein Amt zu +haben; und endlich fühle ich zu viel Kraft und Trieb in +mir, um mir durch eine Verheirathung gleichsam die Flügel +abzuschneiden, mich in ein Joch zu feßeln, von dem ich nie +wieder loskommen kann, und mich nun so gutwillig zu entschließen, +mein Leben, als ein Alltags Mensch vollends zu +verleben. – Ich bin also seit einiger Zeit sehr unentschloßen, +ob ich gehen werde.</p> + +<p>Gehe ich aber nicht, so weiß ich nicht, was ich anfangen +werde. Ich habe mehreren Männern hier in Leipzig, +die sich für mich intereßiren, gesagt: daß ich ihnen für +ihre Güte danke; weil ich auf Ostern anderweitige Aussichten +habe. Ich darf ferner dann nicht in Leipzig bleiben, weil +meine Geliebte mich hier zu gut zu finden weiß; weil ich +mich der Fortdauer eines Briefwechsels ausseze, der mir sehr +beschwerlich werden würde; weil ich ihr die in meiner Seele +vorgegangene Veränderung nicht plözlich sagen, sondern sie +allmählich darauf vorbereiten will. – Muß ich aber Leipzig +verlaßen, so bleibt mir nichts übrig, als Dreßden. Davon +unten ein mehreres.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Der Schluß des Schreibens fehlt.</p> + +<p>Der nächste, ebenfalls nicht ganz vollständig erhaltene Brief führt +die Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span> +Dem<br /> +Herrn <span class="antiqua">Fichte</span><br /> +Krämer<br /> +<span style="margin-left: 9em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;" class="antiqua">Rammenau</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;" class="antiqua">p. Bischofswerda</span>.</p> + +<p>d. Einschluß bis Querfurt.</p> +</div> + +<p class="no-indent">und stammt aus dem Jahre 1792, da Fichte am 1. Juli 1791 nach +Königsberg und im Herbste (September?) dieses Jahres in das gräflich +Krockowsche Haus in der Nähe von Danzig gekommen war.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">6.</h2> + + +<p class="center">Theuerste Eltern;</p> + +<p>Ich habe Ihnen schon verwichnen Herbst von Königsberg +aus geschrieben, ich ersehe aber aus der erst vor zwei +Tagen eingelaufenen Antwort meines Correspondenten in +Sachsen, daß Sie diesen Brief erst im Februar dieses Jahres +können erhalten haben. Meine Lage hat sich seitdem sehr +geändert, und ich ergreife die erste Gelegenheit, da ich nach +Sachsen schreibe, um Sie davon zu benachrichtigen. Ich +habe nemlich meinen Ekel gegen das Hofmeister Leben noch +einmal überwunden, und lebe seit October vorigen Jahrs +<span class="gesperrt">in Krockow, bei Neustadt, in West Preußen</span> hart +an der Ost See, 6. Meilen westwärts Danzig als Führer +des Sohns des Königl. Preußischen Obrist Grafen von +Krockow. Diesmal hat mich meine Entschließung nicht gereut, +und wird mich warscheinlich nie reuen. Ich bin in +einem Hause, das in seiner Art einzig ist, weil es in unsrer +Gräfinn durch eine wohlthätige Göttin beseelt wird, geehrt, +<span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>und geliebt; habe Aussichten, wenn ich je daran denken +sollte, mich fest zu sezen, so gut sie einer haben kann; und +beschäftige mich neben zu mit Schriftsteller Arbeiten. Macht +Ihnen also das Glük Ihres Sohns Freude, so erhalten +Sie hierdurch die Versicherung, daß ich jetzt so glüklich lebe +als ..... <small>[ist abgerissen]</small> .....</p> + +<p>Ich hoffe, daß Sie alle sich wohl befinden, und sich +meiner freundschaftlich erinnern. Wollen Sie mich davon +benachrichtigen, so geben Sie Ihre Briefe unter der Addreße +<span class="gesperrt">Krockow, bei Neustadt in West-Preußen</span> etwa in +Frankfurt an der Oder auf die Post – aber postmäßig +gepakt, und gut gesiegelt und überschrieben. – Ich werde +nicht unterlaßen Ihnen von Zeit zu Zeit mit so wenig +Kosten als möglich, Nachricht von mir zu geben.</p> + +<p>Mein ganzes Geschwister, besonders Gotthelfen, versichre +ich meines brüderlichen freundschaftlichen Andenkens. +Dies einzige thut mir leid, daß ich keine Aussicht habe, eines +von Ihnen so bald wieder zu sehen. Ich werde meine +vielen Wanderschaften warscheinlich in West-Preußen auf +eine geraume Zeit beschließen. – Auch den Herrn Pastor +Wagner bitte ich freundschaftlich von mir zu grüßen. Es +ist jezt meine angelegenste Sorge, und vielleicht begünstigt +sie das Schicksal, meine wirthschaftlichen Umstände auf so +eine Fuß zu setzen, daß ich vorerst meine Schulden (<small>[Zusatz +am Rande:]</small> die sich in manchen Ländern der Erde höher +belaufen, als man glauben sollte) bezahlen, und dann die +heilige Pflicht meiner geliebten Eltern Schiksal wenigstens +in etwas zu versüßen, beobachten kann.</p> + +<p>Leben Sie recht wohl, und versichern Sie sich der +<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>kindlichen Liebe Dankbarkeit und Ergebenheit .... <small>[abgerissen]</small></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Der folgende Brief mit der Aufschrift: »<big>Meinen theuersten Eltern</big>«, +also ebenfalls durch Einschluß befördert, ist geschrieben aus dem Hause +seines spätern Schwiegervaters, der Klopstock's Schwester zur Frau +hatte, des Waagmeisters Rahn in Zürich, dessen Tochter Johanna +Maria er schon vier Jahre früher, als er in Zürich als Erzieher lebte, +kennen gelernt und lieb gewonnen hatte (I, 38 ff. 148; vgl. Fichte's +eigene Aeußerungen über sie II, 154. 220. 256. 432. 503 <ins title="ff">ff.</ins>, und +ihre Briefe an Charlotte von Schiller II, 402 ff.). Er hoffte schon +im April 1791 sie wiederzusehen und sich ehelich mit ihr zu verbinden; +aber Verluste, die Rahn an seinem Vermögen erlitt, zerstörten diesen +Plan. Der Biograph scheint mit den Worten: »Jetzt nach manchen +vereitelten Planen eilte er mit Sehnsucht dahin« (I, 116) die Vermuthung +aussprechen zu wollen, Fichte habe die Reise nach der Schweiz +wirklich gemacht oder begonnen; mir ist dies aber ganz unwahrscheinlich, +da Fichte nach obigem Briefe am 5. März noch in Leipzig war +und am 28. April bereits von da nach Osten und Norden abreiste +(I, 118).</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">7.</h2> + + +<p class="float-left">Theuerste Eltern,</p> + +<p>Ich bin nach einer langen Reise glüklich und gesund +in Zürich angekommen, und habe meine Geliebte, ihren +Vater, ihre Familie voll Liebe, Freundschaft und Achtung +für mich getroffen. Ein Umstand hat unsre wirkliche Verbindung +aufgehalten, und hält sie leider! noch auf. Der +Herr Pastor Wagner wird Ihnen den erklären, und Sie +vielleicht um eine schriftliche Einwilligung in unsre Ehe +bitten, die Sie mir mündlich schon gegeben haben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span> +Meine Geliebte grüßt Sie mit dem kindlichsten Herzen, +und wünscht nichts inniger, als daß auch sie einst dazu beitragen +könne, Ihnen den Abend des Lebens zu versüßen – +Ich überzeuge mich immer mehr, welch' eine vortrefliche +Person sie ist, und erfahre zugleich in welch' eine ausgebreitete +und große Verbindung mit allem was in Teutschland +angesehen, und gros ist, ich durch diese Heyrath komme +– ich, der ich schon auf meinen Reisen nicht unwichtige +Freundschaften geschlossen habe.</p> + +<p>Ich und meine Geliebte grüßen herzlich alle meine Geschwister, +die ich bitte sich unsrer freundschaftlich zu erinnern.</p> + +<p>Nächstens schreibe ich Ihnen mehr. Jezt geht die +Post ab.</p> + +<p class="float-left center" style="width: 10.5em;">Zürich, im Waaghause<br /> +d. 26. Jun. 1793.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 8em;">Ihr</span><br /> +<span style="margin-right: 1em;">gehorsamer Sohn</span><br /> +J. Gottlieb Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Was Fichte's Verehelichung aufhielt, waren die Schwierigkeiten +der damaligen Züricher Gesetze bei der Verheirathung und Niederlassung +eines Ausländers (I, 155. II, 154), weswegen Fichte auch unter dem +16. Juli an den Oberhofprediger Reinhard in Dresden schrieb mit der +Bitte um Ausfertigung eines Erlaubnißscheines vom sächsischen Kirchenrathe +zu seiner Trauung (II, 418).</p> + +<p>Nicht lange aber dauerte es, bis Fichte den Ruf als Professor +nach Jena erhielt, wo er Sonntag, den 18. Mai 1794 ankam und +schon am 23. seine öffentlichen Vorlesungen, sowie Montag, den 26. +Morgens von 6–7 Uhr seine Privatvorlesungen eröffnete. So sehr +ihn nun auch dieses neue Amt in Anspruch nahm, so fand er dennoch +Zeit, an seinen schon oben erwähnten Bruder Gotthelf zu denken und +mit einer Art von väterlicher Fürsorge ihm die Wege zu höherer geistiger +<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>Ausbildung zu zeigen. An diesen ist denn nun eine ganze Reihe +von Briefen gerichtet, welche im höchsten Grade anziehend wie belehrend +sind durch die psychologische Einsicht und die pädagogische Weisheit, +womit der ältere Bruder den jüngeren nach der Eigenthümlichkeit seines +Wesens, seiner Anlagen und seiner Fehler beurtheilt und auf die Mittel +zur Verbesserung seiner schlechten Angewöhnungen und seiner Mängel +aufmerksam macht. Die Klarheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen +und Bemerkungen ist so einleuchtend, daß darüber nichts weiter zu +sagen ist. Hervorzuheben aber ist namentlich noch erstens die von +trügerischen Einbildungen und unbesonnenen Hoffnungen reine Nüchternheit, +womit Fichte seinem Bruder gleich von vorn herein ankündigt, +daß der ganze Bildungs- und Studienplan unter den obwaltenden +Verhältnissen, bei dem vorgerückten Alter (genau findet sich dasselbe +nicht angegeben) u. s. w. nicht mehr als eben nur ein Versuch sein +könne. Hervorzuheben ist ferner auch die unerbittliche Entschiedenheit, +womit er ihm immer und immer wieder das nothwendig Abzulegende +wie das unumgänglich zu Erstrebende vorhält, – eine Entschiedenheit, +die freilich auch heutzutage in manchen Kreisen der Erziehung um so +weniger gern gesehen wird, mit je größerer Ueberzeugungstreue und +Festigkeit sie auftritt, – eine Entschiedenheit, deren Berechtigung auch +damals dem Bruder, gegen den sie geltend gemacht wurde, nicht immer +so ganz einleuchten mochte, so wie sie ja selbst der Gattin Fichte's, +deren höchst liebenswürdige Briefe ich mit beifüge, zuweilen zu hart +erschien (vgl. besonders den Brief <ins title="N.">Nr.</ins> 14). So anziehend aber diese +echt weibliche Milde ist, so achtungswerth ist des Mannes Strenge, der +als Erzieher auch gegen den Bruder von den ernsten Anforderungen +nichts nachließ, wo er nichts nachlassen durfte.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">8.</h2> + + +<p>Meinem Bruder Gotthelf.</p> + +<p class="right">Jena, d. 24. Jun. 1794.</p> + +<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Du hast in den Punkten, die ich Dir bei deiner Prüfung +vorgelegt, manches nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte +<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>angesehen. – Dahin gehören die <em class="gesperrt">gelehrten Sprachen</em>. +In Erlernung derselben hat ein schon gebildeter Kopf +allerdings Vortheile, die das Kind nicht hat; er faßt besser +die allgemeinen Begriffe, die dazu nöthig sind; aber er hat +auch <em class="gesperrt">Nachtheile</em>. Das mechanische Lernen bloßer Schalle, +wie die Wörter sind, ist ihm etwas troknes. Einen Nachtheil +hat er, an dessen Ueberwindbarkeit ich ganz zweifle: die +<em class="gesperrt">Verhärtung der Sprachorgane</em> zur Hervorbringung +der richtigen Töne, besonders in der Französischen Sprache; +wobei Du noch einen Nachtheil mehr hast, als andere, da +Dein mütterlicher Dialekt das verdorbene Sächsisch, und +noch dazu das höchstverdorbene Ober Lausitzer Sächsische +ist. Ich selbst, der ich doch von meiner ersten Kindheit an +aus der Gegend gekommen, habe Mühe gehabt, selbst meine +teutsche Mundart so zu reinigen, daß man mir mein Geburtsland +nicht mehr anhöre; Du wirst das nie können. +Französisch gut sprechen habe ich nie lernen können; eben +um dieser Muttersprache Willen; und Du wirst nie auch +soweit kommen, um einem Franzosen Dich verständlich zu +machen, aus Gründen, die ich Dir mündlich entwikeln will: +(nicht bloß der Gaum, und die Zunge, auch das <em class="gesperrt">Ohr</em> wird +verhärtet; man hört den rechten Ton gar nicht.) – Ferner +ist ein Hauptpunkt das feinere Betragen der großen Welt, +das einem Gelehrten, der zur höhern Klasse gehören, und +nicht unter den gemeinen gelehrten Handwerkern verbleiben +will, schon jezt nöthig ist, und immer nöthiger wird. Denn +der Gelehrten Stand fängt an sich auf eine immer höhere +Stuffe empor zu arbeiten; und ehe Du auftrittst, wird die +Sache wieder weit höher getrieben seyn. Wem es in diesem +<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Punkte fehlt, den macht man lächerlich, eben darum, weil +man die Uebermacht des Gelehrten unwillig mit ansieht; +und nun ist er um alle seine Brauchbarkeit. Du kannst +Dir das gar nicht so ganz denken, weil es gänzlich außer +Deiner Sphäre liegt. – Ein solches feines Betragen nun +lernt in spätern Jahren sich nie; denn die Eindrüke der +ersten Erziehung sind unaustilgbar. (Mir sieht man die +meinige jezt vielleicht nicht mehr an; aber das macht mein +sehr frühes Leben im Miltizschen Hause, mein Leben in +Schulpforta, unter meist besser erzognen Kindern, mein +frühes Tanzenlernen u. s. w. Und dennoch hatte ich noch +nach meinem Abgange von der Universität einige bäurische +Manieren; die bloß das sehr viele Reisen, das viele Hofmeisterieren, +in verschiedenen Ländern, und Häusern, und besonders +die größte Aufmerksamkeit auf mich selbst vertilgt haben. +Und weiß ich denn, ob sie ganz vertilgt sind? –) Das +also ist der Hauptpunkt, über den wir nie kommen werden; +und das – gesteh ich – thut mir weh, weil ich die Wichtigkeit +davon einsehe, die Du nicht siehst.</p> + +<p>Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. +Gesezt, es geht nicht, so kann es nicht schaden, daß Du +wenigstens mit einigen Seiten der höhern Stände bekannt +werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir in mancher +Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage +an: <em class="gesperrt">ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust</em>, +um, wie es seyn muß, ohne Beklemmung in Deinen jetzigen +Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle mir, <em class="gesperrt">bei +gehöriger Seelen Größe</em>, einen solchen Zustand, als +sehr angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten +<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>der höhern Stände aus Erfahrung, und ist in dem seinigen +desto zufriedener.</p> + +<p>Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß +ich Dich spreche, kaum in irgend etwas näher von Deinem +Zustande werde belehrt werden, als ich es schon jezt bin, so +freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen; theils erwarte +ich von Dir einige Winke, <em class="gesperrt">wohin</em> ich Dich zuerst +thun müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und +Deine Sitten zu bilden (<small>[Zusatz am Rande:]</small> ehe dieses geschehen +ist, kann ich Dich auch nicht einmal bei mir haben, +weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten, auf mich +selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen, +ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen +faßt. Dies kann ein paar Jahre dauren. Und Du brauchst +vor der Hand weniger einen Lehrer, als eine <em class="gesperrt">Erzieherin</em>. +Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das +weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß +das in einer <em class="gesperrt">Stadt</em>, und zwar in einer schon etwas großen +Stadt geschehen, und da kenne ich denn weder <em class="gesperrt">Stadt</em>, noch +<em class="gesperrt">Haus</em>, in die ich Dich thun könnte. Hier in der Nähe +wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals <span class="gesperrt">Weimar</span> der +Ort. <em class="gesperrt">Tanzen</em> lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn +Du dann so gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft +erscheinen könntest, so nähme ich Dich in mein +Haus: und <em class="gesperrt">dann</em> wollten wir wohl sehen. – Aber ob es +dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.</p> + +<p>Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir +dieses verursachen könnte, das muß ich Dir beantworten. – +Du irrst, wenn Du glaubst, daß er gering seyn werde; +<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>weil Du die Sache nur <em class="gesperrt">einseitig</em>; nur von der Seite des +<em class="gesperrt">Lernens</em> ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt, +<em class="gesperrt">wie viel</em> zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff +hast. Aber es ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es +ist von ganzer <em class="gesperrt">sittlicher Bildung</em> die Rede; und diese +kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man schon so +lange her <em class="gesperrt">verbildet</em> ist. Du wirst aus dem, was ich oben +über diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen +Schluß machen können. Aber das thut nichts zur Sache. +Was ich mir vornehme, das <em class="gesperrt">muß</em> seyn; und dazu <em class="gesperrt">muß</em> +das Geld <em class="gesperrt">mir</em> werden; das wißt ihr ja aus vielfältiger +Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über +diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich +auch eine starke <em class="gesperrt">Ausgabe</em> haben; denn das geht hier zu +Jena stets mit einander, und ist nicht zu trennen. – Aber +arbeiten muß ich schon jezt, und werde ich müßen, wie noch +nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.</p> + +<p>Vom <em class="gesperrt">wiedergeben</em> an mich, wovon Du auch redest, +kann nie die Frage seyn: und ich will Dir im Fall der +Möglichkeit sogleich jetzo feierlich eine Anweisung geben. +Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas gethan, +gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter +zu verschaffen – besonders unserm guten Vater, der in +seinem mühevollen Leben ein frohes Alter gar wohl verdient +hätte. An diesen gieb zurük, wenn Dir Dein Plan gelingt; +ich will unsern Eltern in Dir noch einen Sohn geben, der +für sie thue, was <em class="gesperrt">ich</em> vor der Hand nicht thun kann.</p> + +<p>Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern +komm gerade zu mir: auf der <span class="gesperrt">Bachgaße</span>, in der +<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>Spachmeisterin <small>[so steht, ziemlich deutlich, geschrieben; es soll wohl</small> +Sprachmeisterin <small>heißen]</small> Dyrr Hause wohne ich. Ich weiß +nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können, da +ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar +Profeßoren den Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur +zwei Stuben inne habe. Aber wir werden ja sehen! – +Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer zu +Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. +nicht ..... [dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese +zwar immer; aber ich muß voraus arbeiten wenn <em class="gesperrt">ich</em> +kann. – Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf dem +Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest, +in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu +meine Ursachen. Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles +finden. Wenn Du aber als mein Bruder erscheinst, so verlangen +die Häuser, mit denen ich näher bekannt bin, und es sind +deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt mache: und das +könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. –</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt angefügt +gewesen.</p> + +<p>In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt +wird, mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem +Schwiegervater erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) +ihm nach Jena nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, +mit der er ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, +daß, wie die späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch +nicht kannte, obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen +ist.</p> + +<p>Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des +Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte auf +seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht blos +<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der Studirenden +einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen +Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm versteht +sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines ungebildeten +Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">9.</h2> + + +<p class="float-left gesperrt">Meinem Bruder Gotthelf.</p> + +<p class="right">Jena, d. 4. August. 94.</p> + +<p>Ich hätte Dir, und Deinetwegen nach Meisen schon +lange geschrieben, wenn ich Zeit gehabt hätte. Aber Du +kannst mir's glauben, daß ich oft auch zu einem Briefe die +nöthige Zeit nicht habe.</p> + +<p>Mit Anfange des Septembers dieses Jahres bist Du +Kostgänger bei dem ConRektor auf der Stadtschule zu +Meisen, Herr <span class="antiqua">M.</span> Thieme, der in allen Stüken für Dich +sorgen wird. Du hast bei ihm alle Bedürfniße des Lebens, +und Unterricht in der Lateinischen, und Französischen Sprache, +und in der Geschichte. – <span class="antiqua">M.</span> Kenzelmann wird immer Dein +Freund seyn, und Dir rathen. – Richte Dich also ein, daß +Du mit Anfange des Septembers in Meisen bist. Was an +den ConRektor zu bezahlen ist, ist schon bezahlt. – Für +Kleider, – wobei Dir ohne Zweifel <span class="antiqua">M.</span> Kenzelmann mit +seinem Rathe an die Hand gehen wird; meinen Wunsch +weißt Du; ja nicht <em class="gesperrt">kostbar</em>, und <em class="gesperrt">theuer</em>, aber <em class="gesperrt">modisch</em> +– und Büchern, wozu Dir nemlich der Herr C. R. Thieme +rathen wird, versorge Dich selbst aus dem Dir abgetretnen +Gelde (<small>[Zusatz am Rand:]</small> auch bezahlst Du davon den +Tanzmeister, den Dir Hrr. Thieme zuweisen wird.). Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>denke, das soll langen. Wegen der Herrschaft, denke ich, +halten wir es so. – Du bist verreis't, – wer weiß es +denn, wo Du hin verreist bist; Du bist ja bisher immer +auf dem Handel gewesen; die andern Brüder sind auch +auswärts, – wer weiß denn, wo Du bist? Nur hättest +Du dann immer <em class="gesperrt">schweigen</em> müßen. Habt ihr nicht <em class="gesperrt">schweigen +können</em>, so ist die Sache freilich übel; und in diesem +Falle bitte ich Dich, mir sogleich zu schreiben, damit ich +meine Maasregeln zu nehmen wiße.</p> + +<p>Gelingt dann Dein Vornehmen, so werde ich die Sache +schon selbst abzumachen wißen (<small>[Zusatz am Rande:]</small> bis dahin +giebst Du Dein <em class="gesperrt">Schuzgeld</em>, wie vorher). <em class="gesperrt">Gelingt +es nicht</em>, so kannst Du ohne Nachtheil, und Nachrede in +Deinen vorigen Stand zurüktreten. Gelingt es nicht, sagte +ich – denn ich muß frei mit Dir reden, mein liebster +Bruder. So ein Gedanke scheint Dir gar nicht einzufallen; +ich muß demnach selbst Dich darauf aufmerksam machen. +Du hältst den Sieg schon für errungen: aber er ist es noch +gar nicht. Wir wollen es erst versuchen; und ich habe nie +Dir mehr versprochen, und kann Dir, wenn ich vernünftig +bin, nicht mehr versprechen, als <em class="gesperrt">daß ich den Versuch +machen</em> will</p> + +<p>1.) Wenn Du nicht wenigstens <em class="gesperrt">hinlängliche Feinheit</em> +der Sitten Dir erwirbst, so kann, und will, und +werde ich nichts für Dich thun; aus Gründen, die ich Dir +mündlich, und schriftlich mitgetheilt habe. Ob Du das +wirst, wißen wir beide noch nicht, weder ich, noch Du; Du +kannst höchstens .... [behaupten?], daß Du es <em class="gesperrt">willst</em>, +<span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span>Du weißt aber noch nicht, ob Du es <em class="gesperrt">können</em> wirst; und +ich eben so wenig.</p> + +<p>2.) Steht Dir noch ein HauptUmstand, sowohl zur +Verfeinerung Deiner Sitten, als zur Erwerbung gründlicher +Kenntniße im Wege, über den ich endlich, nachdem ich mündlich +Dir schon Winke genug gegeben, und ich an Deinem +Briefe doch noch nicht die geringste Aenderung spüre, freimüthig +mit Dir reden muß. – Du traust Dir viel zu viel zu; +hast eine viel zu hohe Meinung von Dir: <em class="gesperrt">und Du wirst +daher diejenigen Männer</em>, denen ich Dich jezt übergeben +muß, <em class="gesperrt">nicht achten</em>; – <em class="gesperrt">deswegen ihnen nicht +folgen</em>, weil Du Dich für klüger hältst; und <em class="gesperrt">so wirst +Du natürlich weder Deine Sitten bilden, noch +etwas lernen</em>. Ich weiß sehr wohl, lieber Bruder, daß +Du gegenwärtig auf keinen Menschen etwas giebst, als auf +mich; giebst Du nun nur wirklich etwas auf mich, und +glaubst Du, daß ich es redlich mit Dir meine, so lies aufmerksam, +was ich Dir sagen will, und – richte Dich +darnach.</p> + +<p>Du hast Kopf, d. h. <em class="gesperrt">Fähigkeit</em> etwas zu lernen, aber +darum <em class="gesperrt">weißt Du noch nichts</em>: und, – glaube es mir, – +der Schüler der untersten Klaße weiß weit mehr als Du. +Daß es so ist, ist Dir keine Schande; aber, wenn Du das +vergißest, so ist es Dir eine Schande. – Du hast die, mit +welchen Du bisher gelebt hast, übersehen, weil sie auch nicht +studiert. – Einige Studierte, z. B. den Herrn Pfarrer, +seinen Bruder, u. s. f. glaubst Du auch übersehen zu haben; +aber da kann ich Dir aus dem Traume helfen. 1.) Du +glaubtest z. B. nicht, was die Kirche, und der Pfarrer mit +<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>ihr glaubt; und darum hieltest Du Dich für aufgeklärter, +als sie; theils weil ich z. B. es auch nicht glaube. Aber +das ist sehr zweierlei; Du hast keine Einsicht <em class="gesperrt">in die +Gründe</em>, die ich habe, es nicht zu glauben; noch Einsicht +<em class="gesperrt">in die Gründe</em>, die der <em class="gesperrt">Pfarrer hat, es zu glauben</em>. +2.) Du verstehst keinen Gelehrten, noch kannst Du ihn verstehen, +weil es Dir an den nöthigen Vorerkenntnißen fehlt. +Was Du also nicht verstehst, hältst Du, wenn es nicht +Jemand sagt, der bei Dir in Autorität steht, für dummes +Zeug: das mag es denn auch wohl seyn: aber Du wenigstens +kannst es nicht dafür erklären, denn Du verstehst es +nicht. – Um Dir ein recht auffallendes Beispiel darüber +anzuführen. Kenzelmann hat etwas über den Ausdruck +<em class="gesperrt">Denkfreiheit</em> auf dem Titel einer gewißen Schrift gesagt: +ich weiß nicht, was es ist, denn <em class="gesperrt">begreiflicher Weise</em> (hier +siehst Du wieder Deine Unwißenheit – Du hältst es +für möglich, daß er mir darüber geschrieben haben könne, +weil Du mit den Sitten der feinern Welt unbekannt bist; +aber nach ihnen ist es <em class="gesperrt">unmöglich</em>, daß er mir darüber +geschrieben haben könne, <em class="gesperrt">weil ich mich nicht als Verfaßer +genannt habe</em>.) hat er mir nicht darüber geschrieben; +aber ich errathe es sogleich, weil ein Studierter +den andern auf einen Wink versteht. Da glaubst Du nun, +ihm aus dem Traume helfen zu können; und verstehst nicht, +was er tadelt. Es betrift den Ausdruck <em class="gesperrt">Denkfreiheit</em>. +Das <em class="gesperrt">Denken</em> ist doch wohl etwas innerliches, unsichtbares. +Wie kann mir denn jemand die Freiheit nehmen, in <em class="gesperrt">meinem +Herzen</em> zu denken, was ich will? und wer hat denn +jemals <em class="gesperrt">diese</em> Freiheit unterdrücken <em class="gesperrt">wollen</em>, oder <em class="gesperrt">können</em>? +<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>Das ohngefähr hat K. sagen wollen. Es sollte demnach +heißen, <em class="gesperrt">Freiheit seine Gedanken mündlich oder +schriftlich oder durch den Druck mitzutheilen</em>. – +Nun hat er zwar nicht ganz Recht: denn in der Schrift +selbst ist der Ausdruck Denkfreiheit so erklärt worden; und +es ist nicht nöthig viel Worte zu machen, wo man mit +einem einzigen auslangt. – Aber was Du sagst, paßt gar +nicht auf seine Frage, und Du hast ihn daher gar nicht +verstanden.</p> + +<p>So lange Du nun nicht bescheiden wirst, und erkennst, +daß Du schlechthin nichts weißt, aber etwas lernen sollst: +und daß jeder Gelehrte Dich lehren könne, so ist Dir nicht +zu helfen. Beurtheilen, ob etwas nöthig sey zu lernen oder +nicht kannst Du gleichfalls nicht; denn Du weißt nicht, +wozu das unscheinbare, und geringfügige in der Zukunft +dienen könne, da Du die Wißenschaft nicht übersiehst. – +Denke, daß Du, als Du die Buchstaben kennen lerntest, +hättest sagen wollen: wozu das, zu lernen was A. und B. +ist, u. s. f. so könntest Du heute noch nicht lesen. – Dergleichen +Dinge werden Dir gar viele vorkommen, die zuletzt +doch so nöthig sind, als das A. B. C. ob sie gleich unscheinbar +aussehen.</p> + +<p>Ferner habe ich bemerkt, daß Du die Wißenschaft für +viel zu leicht hältst, und daß Du glaubst, daß das alles +auf den ersten Anlauf gelernt sey. Das ist nun der Fall +gar nicht; und wenn Du Dich nicht mit Geduld ausrüstest, +so kann nichts werden.</p> + +<p>Also <em class="gesperrt">lege ab die große Meinung von Dir, +und folge Deinen Führern auf der Bahn der +<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>Wißenschaften</em> <b>blindlings</b>. Zu seiner Zeit wollen wir +zusammen <em class="gesperrt">selbst prüfen</em>, jezt bist Du dazu noch gar +nicht reif.</p> + +<p>Ich habe diejenigen, welche die Aufsicht über Dich führen, +gebeten, mir <em class="gesperrt">freimüthig</em> zu melden, wie es mit Dir geht. +Ich habe ihnen ferner Winke über diesen Deinen Fehler +gegeben. Ich werde also sehr bestimmt erfahren, wie Du +Dich hältst. Von Dir selbst erwarte ich, daß Du mir alle +8. Tage <em class="gesperrt">unfrankirt</em> schreibst, sobald Du in Meisen seyn +wirst, und mir meldest, <em class="gesperrt">was</em> Du studirst, wie es Dir von +Statten geht, Deine Gesinnungen, Gedanken, Zweifel dabei +u. s. f. Dabei sey – darum beschwöre ich Dich um +Deines eigenen Besten Willen, – offen und freimüthig +gegen mich. Wenn Du dann auch etwas ungeschicktes +schreibst und ich es Dir widerlege, – was ist denn das +weiter? Das bleibt unter uns. Es ist beßer, daß ich Dir +es verweise, denn daß es bei Dir bleibe. Ich will nie ein +anderes Verhältniß zu Dir haben, als das eines ältern, +weisern Freundes.</p> + +<p>Ich bestimme Dir, – wenn alles gut geht – ein +Jahr in Meisen. Könntest Du in einem halben Jahre +leisten, was zu leisten ist; so ersparst Du mir freilich keine +kleine Summe. – Doch ist eigentlich hiervon nicht die Rede. +Werde nur, was Du werden sollst.</p> + +<p>Das von der Probst-Stelle zu W. ist nicht klug ausgesonnen. +Ich bin zuförderst kein <em class="gesperrt">Theolog</em>. Ich kann +Profeßor der Philosophie mit Ehren seyn: wäre es nicht +thörigt von mir, wenn ich etwas nehmen wollte, dem ich +nur nothdürftig vorstehen könnte. – Dann glaubt man +<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>denn, daß ich mich in Wittenberg verbessern würde? Man +hat doch drollige Begriffe, scheint es, von einem Jenaischen +Profeßor. – So auch dem, was die Fr. v. Kleist, der ich +übrigens für ihr Andenken sehr verbunden bin, gesagt hat. +– »Ich würde nicht lange in Jena seyn, sondern bald +weiter gerufen werden.« Ich möchte wohl wißen, wer mir +etwas anbieten könnte, wodurch ich mich verbeßerte. Wer +in Jena arbeiten will, der kann es so hoch bringen, als auf +irgend einer teutschen Universität. Arbeitlosere Stellen giebt +es freilich; aber ich habe noch nicht Zeit, mich zur Ruhe +zu sezen. – Doch wünschte ich wohl, daß ich gerufen +würde; um es ausschlagen zu können. <em class="gesperrt">Das unter uns</em> +wie sich versteht. – Ueberhaupt sey in Meisen vorsichtig in +deinen Aeußerungen über mich. Du weißt nichts; damit +ist es zu Ende.</p> + +<p>Grüße herzlich meine Eltern, und Geschwister.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 5em;">Der Deinige</span><br /> +F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Daß die »Probst-Stelle zu Wittenberg« für Fichte geeignet sein +könnte, war wohl nur ein Gedanke der Seinigen; von einem wirklichen +Anerbieten ist nichts bekannt. – Zu dem Namen v. Kleist vgl. +den 45. Brief.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">10.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 13. Fbr. 94.</p> + +<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Dein Lehrer hatte mir schon vor einigen Wochen Deinethalben +geschrieben. Ich bin so überhäuft mit Arbeiten +gewesen, daß ich ihm nicht eher, als bis jetzt antworten +<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>konnte; ich hoffe aber, daß dadurch für Dich kein Nachtheil +entstanden seyn soll.</p> + +<p>Die Methode, die der Herr Konrektor mit dem Decliniren, +und Conjugiren einschlägt ist die einzige für Dich +zweckmäßige. Mag es immer Kopfbrechens kosten. Decliniren, +und Konjugiren ist das wenigste: die Uebung der angestrengten +Aufmerksamkeit, des geschwinden Besinnens u. s. w. +– diese ist wichtig.</p> + +<p>Dich an Arbeiten gewöhnen, ist gleichfalls eine Hauptsache. +Fahre so fort, wie Du mir schreibst, daß Du +handelst. Ich wünschte auch zu wißen, was Du in Geschichte, +und Geographie gelernt hast.</p> + +<p>Ich sehe, daß Du noch immer so sehr unorthographisch +schreibst. Suche Dich darüber zu belehren; und gib acht +auf Dich, bei jeder Zeile die Du schreibst; sonst wirst Du +Zeitlebens nicht orthographisch schreiben lernen; und das +<em class="gesperrt">paßirt gar nicht</em>. – Ferner schreibst Du doch auch gar +zu schlecht. Ich wünschte, daß Du Deine Hand übtest. +Berufe darin Dich nicht etwa auf mich. Es ist etwas +anderes eine flüchtige aber <em class="gesperrt">ausgeschriebene</em> Hand zu +schreiben. Die Deinige ist nicht ausgearbeitet. Ich sehe +ein, daß Dir das etwas schwer werden wird, weil Deine +Hände durch Handarbeit steif geworden sind; aber Du mußt +nur desto <em class="gesperrt">mehr</em> schreiben.</p> + +<p>Des P. Wagners Vortrag habe ich selbst einmal genoßen. +Er ist allerdings sehr faßlich. Aber sey darum +dennoch versichert, daß der jezige Unterricht dennoch der +zwekmäßigste für Dich ist, eben darum, weil er Dir die +Sache schwer macht. Es ist nicht um die Sache; es ist +<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>um die Kraftübung. Leb recht wohl, und schreibe mir +bald wieder.</p> + +<p class="right">Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<p class="aufschrift center">Herrn <span class="antiqua" style="margin-right: 8em;">Fichte</span><br /> +<span style="margin-left: 1.5em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">11.</h2> + + +<p class="right"><span class="antiqua">Jena</span> d. 25. <span class="antiqua">Nov.</span> 1794.</p> + +<p class="float-left">Theurer Bruder!</p> + +<p>Mein theurer Mann, welcher Sie herzlich grüßt, hat +mir aufgetragen Ihnen zu schreiben; dies Geschäft hab ich +gern übernommen, nicht daß ich gerne Briefe schreibe, (denn +seitdem ich nicht mehr an meinem Fichte zu schreiben habe, +ist mir das Schreiben höchst unangenehm.) sondern weil +<em class="gesperrt">Sie</em> der Bruder meines Lieben Mannes sind; und weil ich +glaube daß Sie auch ein Edler, rechtschaffener Mann sind; +da habe ich sie nun schon recht lieb, ohne Sie eigentlich zu +kennen; auch freue ich mich auf die Zeit, wo Sie zu uns +kommen, und bey uns wohnen, recht innig; da ist mein guter +rechtschaffener Vatter, seine Kinder, und Sie unser Bruder; +da werden wir oft, so stille, geräuschlose Freuden, welche +dem Herzen wohlthun, in unserm Hause mit einander genießen; +wie wir lezten Sonnabend eine hatten; es war +nämlich meines guten Vatters 75. Geburtstag. Der Himmel +war uns so günstig, daß wir spazieren fuhren, in der lieben +Natur herum schwärmten; und am Abend, unter herzlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>vertraulichen Gesprächen bey einander saßen, wo uns denn +innig wohl war; auch ist mein theurer Fichte, so ganz zu +diesen herzlichen Vertraulichkeiten gemacht; daß man sich in +Ihn verlieben muß; nun stellen Sie Sich vor, wie's mir +armen Geschöpfe dann geht? da ich Ihn schon sonst herzlich +Liebe; meine Liebe geht dann in Anbetung über.</p> + +<p>Ich merke nun wohl, daß ich Ihnen beständig von meinem +Lieben Mann vorgeschwazt habe; Sie lieben ihn ja auch, +drum kann Ihnen das nicht unangenehm seyn; und ich +wünsche Ihnen theurer Bruder, zu seiner Zeit, auch eine +weibliche Seele, die Sie so <em class="gesperrt">einzig</em> liebt; und wenn Sie +wollen, so wollen wir Diese zu seiner Zeit, ja zu seiner +Zeit, vergeßen Sie dieses nicht, gemeinschaftlich suchen. Nun +will, und muß ich Ihnen Behüte Gott sagen; denn ich habe +mehrere Briefe zu schreiben, Dieser muß mich für die unangenehmen +welche ich noch zu schreiben habe schadlos halten; +Leben Sie wohl! mein guter Vatter grüßt Sie herzlich; das +gleiche thut Ihre Schwester</p> + +<p class="right">Johanna <span class="antiqua">Fichte</span>.</p> + +<p>Wir haben Ihren 2. Brief auch erhalten. Mein Mann +wird Ihnen nächstens schreiben.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 9em;">Herrn Fichte:</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p> + +<p class="no-indent">bei Herrn ConRektor <span class="gesperrt">Thieme</span>.</p> + +<p>frey</p> +</div> + +<p>(Nur »<span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:« und »frey« von Johanna's Hand, das +Andere von J. G. F.)</p> + +<p>Der folgende Brief, die Perle unter denen von Johanna's Hand +<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>ist mit der Offenheit, mit der hier ein weibliches Gemüth über sich +selbst spricht, und mit dem leichten Anklang von Humor, so wie mit +der überströmenden Fülle kindlich einfachen Sinnes und reinster Liebe, +ein köstliches Cabinetsstück, ein wahres Meisterwerk.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">12.</h2> + + +<p class="right"><span class="antiqua">Jena d. 27. Decemb: 1794.</span></p> + +<p class="float-left">Lieber theurer Bruder!</p> + +<p>Ich habe eine Menge Briefe vor mir, die ich beantworten +soll, und Ihrer sey der erste, den ich beantworte, +weil Sie mir die liebste Persohn sind. Hören Sie Lieber, +ich bin gar nicht Ihrer Meinung, daß ein schön geschriebenner +Brief, eine schöne Seele verathe; (nicht, daß nicht beydes +neben einander bestehen könne,) aber die Erfahrung hat mir +schon zur Genüge gelehrt, daß es oft nicht bei einander ist; +und wenn ich Ihnen allso, welches ich nicht weiß, einen schönen +Brief geschrieben habe, Sie daraus gar nicht so gütig +schließen müßen, daß ich eine schöne Seele habe; überhaupt +sehe ich aus Ihr. Lieben Brief, daß Sie mich viel beßer +glauben als ich nicht bin; und das sezt mich in große Verlegenheit, +wenn Sie mit solch guter Meinung zu uns kommen, +und dann durch die Erfahrung belehrt sehen, daß ich das +bey weitem nicht bin, was Sie glaubten, daß ich sein würde, +und auch sein könnte, so muß ich in Ihren Augen gewaltig +verliehren; und das würde mir dann weh thun; auch müßen +Sie nicht glauben eine schöne Schwester bekommen zu haben; +denn ich weiß wohl, die Lieben Männer sehn auch das gern, +drum laßen Sie Sich nun erzehlen wie ich aussehe: vors +erste bin ich klein, und war im 16. Jahre sehr fett, da ich +<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>seit der Zeit nun um ein merkliches gemagert bin, so hat +die einmahl zu stark ausgedehnte Haut, viele Runzeln bekommen, +dazu gab mir die Natur ein wiedrig langes Kinn; +und was nun das ärgste von allem ist, so hab ich wegen +heftigen Zahnschmerzen, (welches fast alle Leute in der +Schweiz haben,) mir meine obern Zähne ausziehen laßen; +nun überlaße ich Ihrer eignen Einbildungskraft, mich so +comisch darzustellen, als ich wirklich bin.</p> + +<p>Nachdem, was Sie mein Lieber, was mein Mann, mir +von unsern Vatter gesagt hat, fühl ich viele Achtung für +Ihn, und ich bitte Sie, ihn herzlich in meinem Namen zu +grüßen; ich hätte schon an Ihn geschrieben, hielte mich nicht +der Gedanke, der guten Mutter davon ab, denn ich muß +Ihnen gestehen, daß, nachdem, was ich von ihr gehört, ich +Sie wirklich fürchte; Wir wollen Sie <small>[soll natürlich heißen: sie]</small> +Lieber Bruder, als gute Kinder ehren, und nicht vergeßen +was sie während ihrem mühsamen Leben, an ihren +Kindern gethan hat; auch kennen wir ihre Erziehung nicht, +wißen nicht, wie das alles so kam; und vielleicht nach ihrer +Lage kommen mußte.</p> + +<p>Ja Lieber, es wird einst auch ein gutes Geschöpf für +Sie dasein, daß Sie aufrichtig Lieben wird; und ich will +es denn zu seiner Zeit mit Ihnen suchen; ich biete mich +darum zu Ihrer <span class="antiqua">Rath</span>geberin, über diesen wichtigen Schritt, +an, weil wir Weiber tiefer in die Seele unsers Geschlechts +hineinbliken, als oft die klügsten Männer nicht thun; und +denn, weil ich Sie gerne glüklich sehn möchte ..... +<small>[diese Punkte stehen im Originale]</small> Sie sind mein Lieber Bruder, +<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>und wollen, und werden gewis ein brafer Mann werden, +und darum lieb ich Sie sehr.</p> + +<p>Sagen Sie mir nichts guter Lieber, von unsern gegenseitigen +Verhältnißen, von Wohlthaten, wie Sie es nennen +wir wollen wie gute Kinder sein, welche mit einander theilen, +und durch dieses theilen, ihrem eignen Herzen eine Wohlthat +erzeigen.</p> + +<p>Mein theurer Vatter, welcher, ich darf es sagen, an +Güte des Herzens uns alle übertrift, grüßt Sie von ganzer +Seele, und freut sich recht darauf Sie kennen zu lernen; +Er wird Sie, wie seinen Sohn lieben. Er hat ein Herz +daß lieben kann, und dem nicht wohl ist, wenns nicht lieben +kann.</p> + +<p>Wenn Sie ein Freund der Natur sind so werden Sie +auch an mir eine Freundin der Natur finden, denn kann ich +orndlich schwärmen, aber doch nicht mehr in dem Grade, +wie ichs konnte; dieses Gefühl hat sich ein wenig bey mir +verlohren, und es ärgert mich sehr.</p> + +<p>Leben Sie wohl Lieber theurer Bruder! Schreiben Sie +bald, und vergeßen Sie nicht, wie Sie aufrichtig Liebt Ihre +Schwester</p> + +<p class="right"><span class="antiqua">Johanna Fichte</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:<br /> +abzugeben beym <span class="antiqua">Herrn</span> Conrector <span class="antiqua">Thieme</span><br /> +<span style="margin-left: 19em;">in</span> <span class="antiqua gesperrt">Meisen</span></p> + +<p><span class="gesperrt">Frey</span>:</p> +</div> + +<p>Einerseits zur Bestätigung, anderseits zur Erklärung und Milderung +des Urtheils über die Mutter vergleiche man, was oben zum 4. Briefe +bemerkt wurde, so wie die folgenden Briefe Nr. 19. 21. 42. 45. 47. +<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>Nach reiflicher Ueberlegung habe ich geglaubt, auch diese Stellen nicht +zurückhalten zu müssen, weder aus übertrieben vorsichtiger und zaghafter +Pietät gegen Fichte, noch selbst gegen seine Mutter, die trotz +der vielleicht scharfen und grellen Beleuchtung, welche auf sie fallen +mag, doch nicht in einem schlechten Lichte erscheint. Für das Verständniß +von Fichte's eigenem Wesen aber scheint mir die Kenntniß +seiner Stellung in seiner Familie und der Beziehungen zu seinen Angehörigen +nicht unwichtig, weil die rücksichtslose Entschiedenheit und +die zuweilen bis an Schroffheit grenzende Strenge seines Charakters, +das oft stolz sich Abschließende und kalt Zurückweisende seines Wesens +gegen heterogene, anders geartete Persönlichkeiten, zum Theil wohl – +ich sage nicht ihre Entschuldigung, deren scheint mir es nicht zu bedürfen, +wohl aber ihren Erklärungsgrund mit in dem Gegensatze +haben kann, in dem er schon frühzeitig zu einem Theile seiner Umgebung +sich befand. Nicht minder als die positiven müssen auch die +negativen Einflüsse bei dem Entwicklungsgange eines Charakters in +Anschlag gebracht werden.</p> + +<p>Dürfen wir aus den spärlichen Andeutungen ein bescheidenes +Urtheil wagen, so war Fichte's Mutter wohl, zum Unterschiede – +vielleicht auch zu einer nothwendigen Ergänzung – von ihrem weichherzigen +und wohl bis an's Unpraktische gutmüthigen Gatten, eine +wesentlich energische, positive, thatkräftig auftretende Frau von etwas +zusammen geraffter, gedrungener, kantiger Natur, die ihre gut gemeinten, +verständigen Ansichten in eigensinniger, rechthaberischer Weise geltend +machte, vielleicht um so heftiger und, daß ich so sage, verbissener, je +weniger sie alle Mal sogleich einen Erfolg davon sah: so daß sie +schließlich eine von jenen Frauen wurde, als deren hervorstechendste +Seite die Zanksucht sich zeigt, während sie doch im innersten Grunde +ihres Wesens wohlmeinend und herzensgut sind. Etwas davon, obwohl +in vollkommen gereinigter und idealisirter Weise, war auch in ihrem +großen Sohne, der auch leiblich ihr Abbild war. Herr Professor +I. H. Fichte schreibt mir, daß ihm seine Großmutter noch aus seiner +»eignen Kinderzeit als stattliche, untersetzte Frau von mäßiger Größe, +bei auffallender Aehnlichkeit mit den Gesichtszügen ihres Sohnes, +Johann Gottl. Fichte, gar wohl in der Erinnerung« lebe. Daß gerade +zwei solche harte, feste Charaktere, innerlich und ursprünglich verwandt, +<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>doch leicht dazu kommen konnten, sich gegenseitig abzustoßen, +liegt auf der Hand und ist psychologisch vollständig erklärbar, namentlich +wenn, wie hier, der Vater, passiv sich verhaltend, den Sohn nachsichtig +gewähren ließ, wo die praktische, resolute Mutter meinte, den +Sohn nach einer langen, mühsamen Vorbereitung zur Erfassung einer +geordneten, den nöthigen Lebensunterhalt sicher eintragenden Berufsthätigkeit +drängen zu müssen. Ihr Verhältniß zu den übrigen <ins title="Kiudern">Kindern</ins> +ist aus den vorliegenden Quellen natürlich nicht so deutlich erkennbar, +und jedenfalls überhaupt minder klar durchgebildet gewesen.</p> + +<p>Wir haben hier ganze, volle, markige Menschen vor uns, die in +einen, wir können wohl sagen echt tragischen, Conflict kommen, weil +sie nicht blos jeder nach seiner Meinung, sondern auch jeder in seiner +Weise Recht haben, so aber, daß nach allgemeineren, freieren Gesichtspunkten +wiederum jedem auch ein gewisses, mehr oder minder großes +Unrecht anhaftet, weil er seinen eigenen, individuellen Standpunkt +zum absoluten, allein berechtigten machen und dem des Andern nicht +auch eine theilweise Berechtigung zugestehen will. Tragisch ist dieser +Conflict, weil er der Idee nach, welche die Harmonie und den Frieden +fordert, nicht bestehen sollte, und weil er, wie die Dinge nun einmal +liegen, doch eben unvermeidlich ist, und weil schließlich auf der einen +oder der andern Seite eine Niederlage erfolgen muß, welche, in ihrer +Gesammtwirkung das genaue Maß der Schuld überschreitend, das +Mitleid und den Antheil des Herzens rege macht und einige wehmüthige +Klänge selbst in den Siegesjubel auf der andern Seite mischt. +Es braucht wohl kaum ausdrücklich hinzugefügt zu werden, daß jene +Differenz im vorliegenden Falle nicht wirklich zu einer äußerlichen +Katastrophe kam (war doch Fichte, dem geistig doch der Sieg bleiben +mußte, wie er ihm auch von der Geschichte zugesprochen ist, für seine +Mutter bis an das Ende ihres und seines Lebens in treuer Sorge +thätig): es ist dieses nur eine innerliche Auseinandersetzung gewesen.</p> + +<p>Wem das Ganze als eine ungehörige Abschweifung in das ästhetische +Gebiet erscheint, der möge Nachsicht üben. Ich glaubte nicht +anders jenen beiden wackern Menschen gerecht werden zu können, wenn +ich einmal wagte, von ihnen zu reden; und was mich dazu bestimmte, +habe ich oben ausgesprochen. – Indessen will ich auch nicht unterlassen +hinzuzufügen, daß mir Herr Pastor Werner in Rammenau sagte, im +<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>Dorfe gelte Fichte's Mutter mehr für eine stille Frau, von der man +nicht Viel wisse, wogegen sein Vater als »der alte Bandmacher« noch +vielfach genannt werde. Dies ist allerdings keine Bestätigung der +psychologischen Hypothese, wie ich sie auf Grund des vorliegenden +Materials aufgestellt habe; es ist aber auch – scheint mir – keine +unbedingte Widerlegung, sondern läßt sich, zumal wenn man den +verwischenden Einfluß der Zeit in Anschlag bringt, sehr wohl damit +vereinigen. –</p> + +<p>Es gereicht mir zu hoher Befriedigung, daß die hier dargelegte +Ansicht nachträglich noch von competentester Seite her authentische Bestätigung +findet. Herr Prof. Fichte in Tübingen schreibt mir am +7. Juli d. J. über diese ihm mitgetheilte Stelle: .... »Damit +komme ich auf meine Großmutter und auf dasjenige, was Sie mit +gewiß sehr richtiger psychologischer Conjecturalkritik über dieselbe schreiben. +Was ich selbst über sie und über ihr Verhältniß zu Mann und +Kindern aus eigener Erinnerung und aus den Mittheilungen meiner +seligen Mutter weiß, ist folgendes. Sie war noch im Alter (im +Jahre 1805 und 1811 besuchte mein Vater mit uns seine Eltern und +so schwebt mir das Bild der Großmutter noch in lebhafter Erinnerung +vor) eine gerade, stämmig untersetzte Frau, mittlerer Größe, mit Gesichtszügen, +die ganz auffallend denen ihres Erstgebornen glichen. Sie +galt in der Familie wegen ihres Verstandes und der Energie ihres +Willens als die eigentliche Herrscherinn, und ohne Zweifel hat mein +Vater <em class="gesperrt">ihr</em> das Feste, Unerschütterliche seines Charakters als Erbstück +zu danken. Deshalb wurde sie aber auch gefürchtet in der Familie, +und meiner Mutter Aeußerung, sowie die meines Vaters erklären sich +daraus vollständig. Sie war dabei eine Frau von strenger Religiosität, +und mein Vater, der wenigstens in den spätern Jahren, wie ich +es selbst erlebt habe, seine Mutter mit kindlicher Ehrfurcht als ein ihm +ehrwürdiges Wesen behandelte, hat gegen meine Mutter ausdrücklich +erwähnt, wie viel er den ersten religiösen Eindrücken verdanke, welche +die Mutter ihm eingeflößt. Doch war das Verhältniß zwischen Mutter +und Sohn in seinen Studienjahren allerdings, wie ich aus vielen +einzelnen Andeutungen in übriggebliebenen Tagebuchresten und Briefconcepten +schließen konnte, ein getrübtes. Der Grund lag aber gerade +in ihrer Vorliebe für diesen ältesten Sohn, den sie sich nicht anders +<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>denken konnte, denn als Prediger, und in dessen ganz abweichender und +excentrischer Laufbahn sie nur die bedenklichste Abweichung vom Pfade +des Frommen und Guten erblicken konnte; kurz, sie verstanden einander +nicht, es kam zu heftigen Scenen, weshalb er einige Jahre hindurch +sogar den Besuch zu Hause gemieden zu haben scheint, und so erklärt +sich mir z. B., daß er bei seiner allerdings abenteuerlich erscheinenden +Wanderung nach Warschau (Bd. I. S. 119 Aufl. II.) in Bischofswerda +blieb und brieflich seinen Vater und seine Brüder zu sich beschied. +Späterhin hat sich dies Verhältniß, wie ich selbst gesehen habe, völlig +wieder hergestellt..... Aber leider waren auch in der Familie innere +Mißhelligkeiten, unter denen der Großvater sehr viel litt« .....</p> + +<p>Die beiden folgenden Briefe tragen kein Datum, scheinen aber im +März 1795 geschrieben zu sein, sie zeigen, wie Gotthelf's Reise nach +Jena, worauf die gutmüthige und weichere Johanna schon im November +1794 hindeutet und worauf sie ihn immer wieder vertröstet, +nach Fichte's klarer und kälterer Einsicht seinen Zwecken gemäß noch +weit hinausgeschoben werden mußte.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">13.</h2> + + +<p class="center">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Es ist mir nicht möglich gewesen, Dir eher auf Deinen +letzten Brief zu antworten. Ich habe Dir schon mehrmals +gesagt, daß selbst ein kleines Briefchen nicht allemal so gar +leicht von mir geschrieben werden kann, weil oft selbst die +wenigen dazu erforderlichen Minuten mir fehlen.</p> + +<p>Was du mir über Deine Lage schreibst, kann ich zum +Theil wohl glauben. Ich habe manches der Art vorhergesehen, +weil ich unsere Schulleute gar wohl kenne, und +nicht erwarten konnte, daß Dein Lehrer von der <em class="gesperrt">beinah' +allgemeinen Regel</em> eine Ausnahme machen würde. – +Erkenne aus diesem Ausdruke, daß der Sache nicht wohl +zu helfen war, wenn der Zwek erreicht werden sollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span> +Das Hauptübel, mein lieber Bruder, liegt in dem +Misverhältnisse Deines <em class="gesperrt">Alters</em> zu Deiner <em class="gesperrt">Lage</em>; ich habe +das alles vorhergesehen, und größtentheils es Dir vorhergesagt. +Du mustest diesen Uebeln Dich freiwillig unterwerfen. +– Dazu kommt Deine bis jetzt gewohnte Lebens +Art. Es ist kein geringes aus dem beständigen Leben in +einer Familie, aus fortdauernder Gesellschaft, sich in die +Einsamkeit eines Studierzimmers, und ohne Welt- und +Menschenkenntniß, ein Jüngling an Jahren, und ein Kind +an Einsicht sich unter fremde Leute eines ganz andern Standes +wagen. – Die unangenehmste Nachricht in Deinem +Briefe war mir dein Hang zur Hypochondrie. Ich weiß +aber besser, daß es nicht dies, sondern Sehnsucht nach Deiner +vorigen Art zu seyn, Sehnsucht nach Hause, u. s. f. ist. +Darin wirst Du mir widersprechen; aber Du kannst das +nicht beurtheilen; es ist Sehnsucht, die nicht zum Bewußtseyn +kommt.</p> + +<p>Du irrst Dich gänzlich, wenn Du glaubst, daß Du +schon jezt mit Nutzen nach Jena kommen könntest; und das +ist ein Beweiß, daß Dir noch bis jezt über diejenigen Dinge, +die ich Dir gleich anfangs sagte, und schrieb, noch kein Licht +aufgegangen ist; daß nemlich zu einem Gelehrten <em class="gesperrt">positive</em> +Kenntniße gehören. Mein Umgang kann Dir hierin nicht +viel nützen. Denn <em class="gesperrt">theils</em> habe ich des Tages gar sehr +wenig Zeit übrig, <em class="gesperrt">theils</em> verstehst Du mich nur halb; +<em class="gesperrt">theils</em> kommen die Dinge, die Dir jetzt zu lernen nöthig +sind, in meinen Gesprächen nicht vor: ich habe nicht Zeit +Dich darin zu unterrichten, und bin auch selbst kein großer +Held darin. Endlich aber verhindert es besonders meine +<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>jezige Lage ganz und gar Dich, ehe Deine Sitten mehr +Feinheit haben, in mein Haus zu nehmen. Ich habe meine +sehr triftigen Gründe, zu wollen, daß nichts was mir angehört, +auf irgend eine Art dem Tadel des Publicums ausgesezt +sey. – Du kannst für Deine Sitten höchstens Schüchternheit, +und das Complimentirbuch der kleinstädtischen Welt +angenommen haben: das ist für den Anfang nicht übel. +Aber darauf muß eine anständige Freimüthigkeit, und eine +gewisse Leichtigkeit gesezt werden, und diese kannst Du in +Deiner gegenwärtigen Lage nicht annehmen, und ich weiß +gar wohl warum. – Ferner weiß ich sehr sicher, daß Du +die schöne Rammenauische Sprache noch immer nicht abgelegt +hast, und daß diese erst weg wäre, wünsche ich gar sehr.</p> + +<p>Dies sind meine Gedanken wegen Deines Anherkommens. +Dies ist vor der Hand unmöglich, und bleibt unmöglich, bis +ich Dich selbst geprüft habe, und Dich dazu fähig finde. +Deinen Wunsch aber von Meissen wegzuseyn, überhaupt misbillige +ich nicht: wenn ich nur wüste, wo ich Dich hinthun +sollte. Es sind mir zwei Gedanken eingefallen; <em class="gesperrt">entweder</em> +als Externus nach Schul-Pforte. Hierbei würdest Du den +Vortheil haben, mit jungen Leuten Deines gleichen bekannt +zu werden, welches ein großer Vortheil für das ganze Leben +ist; aber leider – würde Dir dabei Deine Unwissenheit in +demjenigen, wovon dort alles Ansehen abhängt, im Wege +stehen, und es würde eine sehr große Klugheit von Deiner +Seite erfordern, Dich zu behaupten, theils wäre auch dort +für die Bildung feiner Sitten nicht viel besser gesorgt, als +in Meissen. Jedoch, Du wärst mir in der Nähe, und ich +könnte vielleicht durch meinen Einfluß und Namen bei den +<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>umliegenden Familien etwas vermögen. (<small>[Zusatz am <ins title="Rande]:">Rande:]</ins></small> +Dieser ganze Plan stößt sich besonders daran, ob Du auch +genug gelernt haben magst, um in Pforte recipirt zu werden.) +<em class="gesperrt">Oder</em>, es ist mir eingefallen Dich zum Pastor <span class="gesperrt">Bischoff</span> +zu thun, der seine schlechte Stelle mit einer sehr guten, auch +nicht allzu weit von hier, vertauscht hat. Ich werde in +einigen Wochen selbst zu ihm reisen, und die Lage selbst vollkommen +prüfen, ehe ich ihm einen Gedanken davon äußere. +<em class="gesperrt">In der Mitte künftigen Monats sollst Du etwas +bestimmtes von mir erfahren.</em></p> + +<p>Wie stehts mit dem Tanzen? Ferner, wie steht es mit +Deiner Kleidung, Deinen Büchern, Deiner Börse? – +Schreib mir das recht ausführlich, damit ich meine Maasregeln +darnach nehmen könne. Deinen Lehrer grüße von +mir, und sage ihm: ich bedauere, daß ich ihm Dein Viertel-Jahr-Geld +nicht habe schiken können. Es sey mir nicht +möglich gewesen, und ich müste ihn bitten zu warten, bis +Monat May, wo ich es ihm richtig, und mit Dank übersenden +werde.</p> + +<p>Bruder Christian hat von Finsterwalde aus an mich +geschrieben und mir seine Verheirathung gemeldet. Wenn +Du ihm etwa schreibst, so versichre ihn meines herzlichen +Antheils. Ich werde ihm schreiben, sobald ich Zeit haben +werde. Eben so an Bruder Gottlob, und meine Eltern.</p> + +<p class="float-left no-margin-bottom">Dein treuer Bruder</p> +<p class="right no-margin-top">Fichte.</p> + + + +<h2 class="new-h2">14.</h2> + + +<p>Lieber theurer Bruder! Ich kann meines Mannes Brief +nicht vortgehn laßen ohne Ihnen auch ein paar Zeihlen zu +<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>schreiben, ohne Ihnen zu sagen daß mein theurer Vatter +Sie innig liebt, und herzlich grüßt, daß Er und ich aufrichtig +wünschen daß Sie bald bei uns sein mögen; faßen +Sie Muth Theurer, die Zeit daß Sie bei uns Leben, wird +ja auch nicht mehr so lange dauern, und denn werden Sie +Sich das überstanden zu <small>[hier steht, durchstrichen,</small> »haben«] +freuen haben.</p> + +<p>Daß wir Ihnen so wenig schreiben, ist gewis nicht +mangel Liebe, sondern mangel an Zeit, das ist im ganzen +ein wirwarvolles Leben hier, daß wenig wahren Genuß +schaft, und viel Zeit raubt; Sie werd einmahl selber sehn; +ich wünsche nur daß Sie bald kommen, und kann nicht so +ganz einsehn warum mein Mann es so aufschiebt, die Lebensart +ist hier nicht gar fein, so daß gewis ein jeder sich bald +hineinfindt; ich wünschte nur auch Sie einmahl zu sehn +Lieber Bruder! Warum können, und sollen Sie uns denn +nie besuchen? Sie und ich, wir wollten, unsern Fichte denn +schon bekehren, ich glaube immer Er nimt die Sache viel +zu strenge. Leben Sie wohl! Guter theurer Bruder, von +ganzem Herzen</p> + +<p class="right">Ihre Fichtin.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>In dem nächsten Briefe klingt in bemerkenswerther Weise aus +Johanna's durch und durch christlichem Gemüthe eine ergebungsvolle +Stimmung heraus, das Gefühl, daß wir auf Erden schon Bürger des +Himmels seien, in welchem erst unsere wahre und ewige Heimath sei. +So schreibt auch später, gegen Ende des Jahres 1806, Fichte aus +Königsberg an seine Gattin: »Ich habe meine Entschiedenheit für das +Leben, die in meinem Innern nie zweideutig war, nun auch äußerlich +realisirt. Du bist der Erde ohnedies abgestorben, wie das Weib +mag, der Mann nie darf noch soll. Du wirst mit dem bescheidenen +Platze, den ich mir behalten habe in der letztern, vergnügt sein« (I, 371). +<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>Als äußerliche Veranlassung zur Offenbarung dieser Denkart in diesem +Briefe müssen wohl die bis zu gewaltsamen Angriffen gehenden Anfeindungen +und Beleidigungen betrachtet werden, mit denen Fichte von +den Ordensverbindungen der Studenten verfolgt wurde, die er als die +Quellen vielfacher Unsittlichkeit erkannt und darum veranlassen wollte +sich aufzulösen.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">15.</h2> + + +<p class="right"><span class="antiqua">Jena d. 8. Aprill 1795.</span></p> + +<p class="float-left">Theurer Bruder!</p> + +<p>Schon lange wollt ich Ihnen schreiben, schon lange einliegendes +schiken; und immer, und immer gabs Hindernisse: +Sie sind eine gar zu gute Seele, da Ihnen mein Geschreibsel +angenehm sein kann; freuen thut's mich freylich; da ich mich +nun ganz treuherzig hinsezen kann, wenn ich Ihnen schreibe; +da ich denken darf, der gute Bruder versteht Dich schon, +wie du es meinst, daß ichs gut mit Ihnen meine, das weiß +ich, das sagt mir mein Herz, daß Sies aber auch gleich so +einsehen, das macht Ihnen Ehre.</p> + +<p>Mein Lieber Mann, wird in ein paar Tagen, zu <span class="antiqua">Pastor</span> +Bischoff reisen, um wie er <em class="gesperrt">hoft</em>, sich zu erholen, und um zu +arbeiten; damit er künftig Sommer nicht so stark arbeiten +müsse; ich bleibe bey meinem Vatter, welcher sich nicht ganz +wohl befindt, und der Haushaltung, welche man nicht gut +allein laßen kann; auch muß verschiedenes im Hause ausgebeßert, +und verändert werden; so siehts nun bey uns aus +Lieber Bruder; was man im ganzen in <span class="antiqua">Jena</span> für eine Art +zu leben führt, werden Sie einst selber sehn; es ist wie +überhaubt in der Welt, häußliches Glück, können wir uns +<span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span>nur selber schaffen, Stöhrungen von außen, muß man sich +nicht laßen zu Herzen gehn; dies ist auch hier höchst nothwendig; +so geht ein Jahr, nach dem andern hin, bis wir +am Ziehle unsrer Laufbahn hienieden sind; wohl uns, wenn +wir viel Gutes, und nicht Böses thaten.</p> + +<p>Ich freue mich, daß Sie so Muthvoll, Ihre Zeit, (ich +hoffe, und wünsche daß sie nicht mehr lange daure) ausharren; +wir wollen uns nachher mit Ihnen drüber freun.</p> + +<p>Mein guter Vatter, und Mann grüßen Sie herzlich, +Leben Sie wohl, und errinnern Sie Sich dann und wann +Ihrer Schwester</p> + +<p class="right"><span class="antiqua">Johanna Fichte.</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span>:<br/> +<span style="margin-left: 4em;">bei dem Herrn Con Rektor</span> <span class="antiqua">Thieme</span>. +<span style="margin-left: 4em;">in</span><br/> +<span style="margin-left: 27em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p> + +<p class="gesperrt">Inliegend ein Friedrichd'Or</p> +</div> + +<p>(Nur: »<big><span class="antiqua">Herrn Fichte</span></big>« von Johanna's Hand.)</p> + +<p>Die erwähnten Mißhelligkeiten bewogen Fichte, Jena auf einige +Zeit zu verlassen und den Sommer in Osmannstädt zuzubringen +(I, 260); darauf beziehen sich die folgenden Briefe, von denen der +erste der Zeitangabe ermangelt.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">16.</h2> + + +<p class="float-left">Theurer Bruder!</p> + +<p>Wir werden wahrscheinlich diesen Sommer auf dem +Lande Leben, und Sie werden denn zu uns kommen, worauf +ich mich herzlich freue; ich werde Ihnen so bald möglich das +<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>bestimmtere drüber schreiben. Leben Sie wohl! In Eyl +Ihre Schwester</p> + +<p class="right"><span class="antiqua">Jo. Fichte nee Rahn</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 12em;">Herrn <span class="gesperrt">Fichte</span>:</span><br /> +Bey dem <span class="antiqua" style="margin-right: 9em;">H: Conrector Thieme</span><br /> +<span style="margin-left: 7em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 14em;" class="antiqua">Meissen</span>.</p> + +<p class="no-indent">Einliegend einen <span class="antiqua">Friedrichs'dor</span>:</p> +</div> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">17.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 27. April. 1795.</p> + +<p>Da ich durch eine Veranlaßung, worüber mündlich, +diesen Sommer frei bekomme, und ihn auf dem Lande zubringen +werde, habe ich mich entschlossen, Dich zu mir zu +nehmen. Komm daher, sobald Du willst, und kannst. Wenn +Du über Leipzig, und Naumburg reisest, so brauchst Du +gar nicht nach Jena, sondern hast von Naumburg aus über +<span class="gesperrt">Auerstedt</span> zu reisen, und da nach dem Dorfe <span class="gesperrt">Oßmannstedt</span> +zu fragen, welches zwischen <span class="gesperrt">Auerstedt</span> und <span class="gesperrt">Weimar</span> +an der Straße, wie man mir sagt, liegt. In Oßmannstedt +auf dem Schloße trifst Du mich. Ich habe daßelbe, welches +sehr schön ist, und in einer angenehmen Gegend liegt, für +diesen Sommer gemiethet. Da ich Dich bald zu sprechen +hoffe, so halte ich nicht für nöthig, Dir noch irgend etwas +zu schreiben, wozu ich ohnedies jezt nicht Zeit hätte.</p> + +<p>Ich bin jezt selbst mit meiner Caße etwas dürftig eingerichtet. +Ich hoffe daher, daß die inliegenden 2. Dukaten +<span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span>hinlänglich seyn werden, um Dir das nöthige zu Deinem +Abgange von <span class="antiqua">Meisen</span> zu verschaffen, und um damit die +Reise anher zu machen.</p> + +<p>Lebe wohl. Es wird sich sehr freuen Dich zu sehen</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 11em;">Dein</span><br /> +Dich liebender Bruder<br /> +<span style="margin-right: 4.5em;">F.</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center">Herrn <span class="antiqua" style="margin-right: 8em;">Fichte:</span><br /> +<span style="margin-left: 2em;">in</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;" class="antiqua">Meissen</span></p> + +<p>Hierin 2. Ducaten</p> +</div> + +<p>Auf einer leeren Seite des 17. Briefes befindet sich ein Herzenserguß +Gotthelf's, der in merkwürdiger Art beweist, wie Fichte seinen +Bruder von Anfang an nur allzu richtig beurtheilt hatte, als er in +seine ausreichende Entwicklungsfähigkeit einigen Zweifel setzte – ein +Mißtrauen, dessen Richtigkeit sich bestätigt hatte, als der Professor den +Schüler persönlich prüfte. (In welchem Monat Gotthelf nach Osmannstädt +kam, ist nicht angegeben.)</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">18.</h2> + + +<p>Das Glück ist sehr veränderlich. Als ich diesen Brief +von meinem Bruder erhielt, so schätze ich mich für außerordentlich +glüklich und dachte, von nun an sey mein Glük +so fest gegründet, daß es gar nicht mehr wanken könnte. +Und siehe! – nie wankte es mehr als eben da, denn dieses +war der Anfang, zu meiner jetzigen mißlichen Lage: wäre +ich nicht so zeitig aus Meißen weg gekommen, so hätte wohl +etwas mit mir werden können. Ich hätte alsdann doch die +Lateinische Sprache so ziemlich gelernt gehabt, hätte auch +einen Anfang in der Französischen, und vielleicht auch in der +<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>Griechischen gemacht gehabt, wäre zu einer weit gelegenern +Zeit zu meinem Bruder gekommen, als ich so zu ihm kam, +er hätte vielleicht, wenn er vom Anfang an eine bessere +Meinung für mich gefaßt gehabt hätte, mich nicht so kalt +behandelt, und ich wäre also auch nicht genöthigt gewesen, +mich gegen ihn zurükzuhalten, und also hätte die Sache +vielleicht ganz anders gehen können, als sie leider jetzt geht. +Indessen ist es nun einmal nicht anders, und ich wenigstens +kann die Sache nicht ändern, ich habe auch die Teufeleien +nicht vorher sehen können. Gute Nacht.</p> + +<p class="right">Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Was Gotthelf hier noch zu seiner Entschuldigung anführt, hat +um so weniger Grund, als er ja, wie aus den vorigen Briefen vielfach +ersichtlich ist, selbst die Zeit nicht hatte erwarten können, wo er +Meißen verlassen und nach Jena kommen durfte. Der trotz des bittern +Ernstes fast komische Schluß aber bekundet doch den Humor und +die ausreichende »Seelenstärke« (vgl. oben den 8. Brief), womit er +die Enttäuschung zu ertragen und sich in einen andern Wirkungskreis +zu finden vermochte. Dasselbe bezeugt der folgende Brief, der anderseits +einen Beweis liefert, mit welchem Geschicke J. Gottlieb Fichte +auch praktische Dinge zu behandeln wußte und mit welcher Energie er +einige bei seinem Aufenthaltswechsel eingetretene Mißverhältnisse ordnete.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">19.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 14. November. 95.</p> + +<p>Deine Gesinnung, mein lieber Bruder, die in Deinem +Briefe sich zeigt, freut mich, und ich wünsche Dir von +Herzen Glük dazu. Auch ist es mir sehr angenehm, daß +diejenigen, die Dich umgeben, gleichfals in die Lage sich geschikt +haben.</p> + +<p>An sich – ich gestehe es Dir aufrichtig – sehe ich auch +<span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>dabei kein Unglük, wenn Du Soldat würdest; es versteht +sich auf einige Zeit. Wenn Du Dich appliciertest, könntest +Du eine Unter Offizier, eine Fourier Stelle, u. s. w. erhalten: +(nur wäre dabei zu wünschen, und nöthig, daß Du +eine beßere festere Hand schriebest.) Auch dieser Stand giebt +eine eigne Bildung, eine eigne Bearbeitung, eine Gefügigkeit +in die Welt, die Dir besonders, so wie ich Dich kenne, sehr +nüzlich seyn würde. Da aber allerdings dadurch Dein +anderweitiger Plan aufgehalten würde, und was die Hauptsache +dabei ist, da Du eine Abneigung gegen diesen Stand +hast, so billige ich auch die Weise, wie Du Dich davon befreien +willst. Ich würde Deinen Brief noch eher beantwortet +haben, wenn nicht die Ueberlegung, ob ich Dir mit +Vernunft <em class="gesperrt">jetzo</em> die begehrten 30. Rthr schiken könnte, mich +einige Zeit aufgehalten. Meine Lage ist die: Ich habe zwar +eine gute Einnahme gehabt; aber durch Vergeßlichkeiten war +eine solche Unordnung in meinem Hause eingerißen, daß ich +an <b>100 rthlr.</b> Schulden habe bezahlen müßen, <em class="gesperrt">auf die ich +nicht gerechnet, und von denen ich kein Wörtlein</em> +gewußt; überhaupt, daß ich seit 14. Tagen über 200 rthr. +Schulden bezahlt habe. Bedenke selbst welche Unordnung +besonders der erste Umstand in einer Haushaltung verursacht, +in der ich schlechterdings, es koste was es wolle, von +nun an strenge Ordnung haben will. So unbedeutend nun +30. rthr. an sich mir seyn mögen, so sehe ich doch nicht mit +Sicherheit vorher, daß ich sie, bis ich wieder Geld bekomme</p> + +<p class="center" style="letter-spacing: 1.5em; margin-right: -1.5em;">* * *</p> + +<p>Ich hatte den Brief so weit geschrieben, als mir eine +unerwartete Schuld einging, die jenes <span class="antiqua">deficit</span> ersezt und mich +<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>in den Stand sezt, Deinem Begehren selbst zu willfahren. +Ich mag den Brief nicht umschreiben; und so mag denn +der Anfang stehen bleiben, um Dir einen Beweiß zu geben, +daß Du nicht etwa unbedachter Weise auf mich rechnest. +Ich wollte Dir rathen, die 30. thr. in Deiner Gegend, auf +mein Wort zu borgen; allenfalls auch auf einen Wechsel +von mir, zahlbar zur Jubilate-Messe. Ich kann es jezt +baar schicken; und so ist es besser.</p> + +<p>Aber so erneure ich denn auch meine Versicherung, daß +auf mich gar nicht zu rechnen ist. Habe ich etwas übrig, +so kann ich es dann wohl zum Vortheil der Meinigen anwenden; +aber mein eignes Hauswesen in Unordnung bringen, +oder mich in Schulden steken, das thue ich jezt, und in +Ewigkeit nicht. –</p> + +<p>Ich hoffe, daß der Hauskauf schon gemacht ist. Mit +der Werbung wird es nun wohl auch nicht mehr so große +Noth haben, weil Sachsen Friede geschlossen hat.</p> + +<p>Ein Wink, den Du mir über die Lage der Unsrigen +giebst, betrübt mich: ärgert, und empört mich. Ich kann +diese zanksüchtigen Menschen recht herzlich haßen. Es bleibt +dabei, daß ich künftigen Herbst meinen Vater zu sehen hoffe, +sehr darauf mich freue den lieben, guten, würdigen zu sehen: +aber ich werde nie über eine Schwelle treten, innerhalb +welcher es solche Menschen giebt.</p> + +<p class="center no-margin-bottom">Der Deinige</p> + +<p class="right no-margin-top">Fichte.</p> + +<p>N. Sch. Ich denke Dir dieses Geld keineswegs zu +<em class="gesperrt">schenken</em>; sondern ich denke es Dir nur zu borgen: und +es mag auf dem Hause, unter uns, stehen bleiben.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span> +Beantworte mir doch nach genauer Erkundigung folgende +Fragen: Sind bei Euch auf gute Art, und wohlfeil +liegende Gründe zu erkaufen: z. B. Bauergüter, die von +Hofdiensten frei gemacht werden könnten; oder beträchtliche +Stüke von den herrschaftl. Gründen: Wir möchten es, um +gewißer Ursachen Willen, gern wißen.</p> + +<p>Meine Frau grüßt Dich herzlich; und dankt für Deinen +Brief.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span style="margin-right: 10em;">An Herrn</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-right: 10em;">Samuel Gotthelf Fichte</span><br /> +in<br /> +<span style="margin-left: 4em;" class="antiqua">Rammenau b. Bischofswerda</span><br /> +<span style="margin-left: 9em;">über</span> <span class="antiqua">Leipzig</span> u. <span class="antiqua">Dresden</span>.</p> + +<p class="no-indent">Inliegend 5 Stück <span class="antiqua">Carolin</span>.</p> +</div> + +<p>Die beigegebenen rührenden Zeilen Johanna's nehmen Bezug auf +den am 29. Sept. erfolgten Tod des Vaters Hartmann Rahn.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">20.</h2> + + +<p>Ich kann doch den Brief meines Lieben Mannes nicht +abgehen lassen, ohne Ihnen auch zu schreiben. Ich freue +mich herzlich, daß Sie so glüklich angekommen sind, daß Sie +alle Lieben so wohl fanden; und Ihr lieber Brief an mich, +voll wahrer Lebensweisheit ist; Sie haben den wirklichen +Punkt gefunden, um in der Welt glüklich zu seyn, halten +Sie ihn ja fest, denn ohne diesen einzigen wahren Gesichtspunct, +können wir nie glüklich sein.</p> + +<p>Ich bin ziemlich wohl; aber der Verlust meines theuren, +redlichen, mir unvergeßlichen Vatters, macht mich sehr +<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>betrübt; ich fühl auch besonders izt, seinen ganzen <span class="antiqua">Werth</span>, +den ganzen Umfang seines edlen Herzens; wie grenzenlos +Er mich liebte, was Er für ein herrlicher Mann war; wie +oft sagte Er zu mir; ach wüßt ich nur was zu erfinden, +um dem guten Fichte, ein glükliches Schiksahl, zu machen; +auch hatte er mancherley Pläne, ihrenthalben entworfen, +aber der Tod rafte ihn weg. Er wird nicht wieder zu uns +kommen, zu ihm aber kommen wir. Das ist auch der einzige +Gedanke, welcher mich einigermasen tröstet; und die freudige +Ueberzeugung, daß ihm izt unaussprechlich wohl ist; +Daß er nun schon so manches weiß, was wir nur hoffend +glauben; daß seine Seele, erlößt von der gebrechlichen irdischen +Hülle, nun ganz andre Vortschritte macht; was mag +das für eine Freude gewesen sein, als er meine theure Edle +Mutter wieder fand, die hatte auch ein Herz, wie man nur +sehr wenige findt; auch nahm sein Verlangen nach ihr, mit +dem Tode sehr zu, es war gleichsam, eine Vorempfindung, +daß Er sie nun bald sehen werde. Ach theurer, Lieber +Bruder laßen Sie uns Edel und groß sein, und im Guten, +immer stärkere Vortschritte machen, damit wir auch zu diesen +Edlen kommen. Gott sey mit Ihnen! Es liebt Sie von +ganzem Herzen,</p> + +<p class="center no-margin-bottom">Ihre Schwester</p> + +<p class="float-right center no-margin-top" style="width: 8em;">Johanna Fichte<br /> +g. <span class="antiqua">Rahn</span></p> + +<p>Tausend herzliche Grüße, an die lieben Eltern, und +Geschwister, mögen Sie Alle recht glüklich und braf sein.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Es folgen nun der Zeit nach eine Reihe von Briefen vom 8. +Juni 1797 bis zum 9. December 1798 an den Bruder Gotthelf, die +<span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span>hauptsächlich auf Geldverhältnisse und Geschäftssachen sich beziehen, da +Gotthelf und Gottlob ein Haus gekauft hatten und darin die Bandweberei +betrieben, wozu <ins title="Gottlob">Johann Gottlieb</ins> Fichte ihnen verschiedene Geldsummen +schickte, wofür er sich einen Gewinnantheil ausbedungen hatte. Namentlich +wollte er, daß davon seinem unermüdet thätigen Vater Etwas +zu Gute kommen sollte. Von anderen seiner Verwandten scheint Fichte +mitunter in nicht ganz zarter und bescheidener Weise in Anspruch genommen +worden zu sein, so daß er ihnen zuweilen etwas derbe +Zurück- und Zurechtweisungen ertheilt.</p> + +<p>Beachtenswerth ist vorzüglich, wie eingehend Fichte sich nach den +Specialitäten des Geschäfts erkundigt, die wandelbaren Werthe der +verschiedenen Geldsorten in Anschlag bringt u. s. w., und wie er, der +Philosoph, seinen Brüdern, den Geschäftsmännern, vielfach Rathschläge +giebt. Man wird dabei an das Wort erinnert, daß der Philosoph +auch der beste Schuster sein würde, sofern er nämlich prüft und entdeckt, +worauf es ankommt, und also jede Sache, die er in Angriff nimmt, +mit Verständniß und mit Erkenntniß des Zweckes behandelt.</p> + +<p>Ich theile aus diesen Briefen nur mit, was als irgendwie charakteristisch +von wirklich allgemeinerem Interesse sein kann, indem ich +das rein Geschäftsmäßige und Kaufmännische übergehe und durch +Punkte andeute.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">21.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 8. Jun. 97.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Ich trug Bedenken, Dir das Geld geradezu durch die +Post zu übersenden, weil ich das ungeheure Porto fürchtete, +und wollte deswegen sehen, ob es etwa durch Wechselbriefe +zu übermachen wäre. Ich erfahre so eben auf meine Nachfrage +auf der hiesigen sächß. Post, daß</p> + +<p>50. Carolins, oder 300 rthr. Sächsisch,</p> + +<p class="no-indent">als soviel ich hierdurch übersende, nicht mehr als 30. bis +32. Gr. Porto machen, und dies halte ich denn doch für +<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>Kleinigkeit, und trage kein Bedenken, auch diese Unkosten zu +verursachen.</p> + +<p>Ich erwarte mit umlaufender Post den Empfangsschein, +weil ich nicht weiß, wie viel der kleinen Nebenpost, durch +die das Geld zu erhalten ist, zuzutrauen werde.</p> + +<p>Ich erwarte die Auszahlung von 4. pro Cent, welche +ich selbst an meine Frau, deren Schwester dieses Geld gehört, +<em class="gesperrt">aus meinem Beutel bezahle – abgeredeter +Maassen an meinen Vater, als eine kleine Pension</em> +– <b>ganz allein zu seiner eigenen Erleichterung +bei seinem Alter</b>; <em class="gesperrt">besonders, daß er nicht mehr so +schwere Lasten trage</em>.</p> + +<p>Du, und Bruder Gottlob steht mir für dieses Geld; +und ich <em class="gesperrt">erwarte darüber des nächstens eine Verschreibung +eures Vermögens; insoweit es dafür +nöthig ist</em>. Der Schein wird ausgestellt nicht auf 300. thlr. +sächsisch, weil dieser Werth wandelbar ist, sondern auf +50. Stük neue französische <span class="antiqua">Louisd'or</span>. – Der Schein wird +auf <em class="gesperrt">jährige Aufkündigung</em> gemacht.</p> + +<p>Ihr verwendet dieses Geld so, daß es so viel möglich +auch meinen übrigen Brüdern mit zu Nutz komme: – es +versteht sich, daß dies, da ihr beide allein mir dafür steht, +nach eurer eignen Einsicht geschieht. – ... ...</p> + +<p>So viel über dieses Geschäft. Was den übrigen Inhalt +Deines Briefs anbetrift, so wäre darüber viel zu sagen. +Was darin unsere Mutter anbetrift, hat mich gerührt; und +ich beklage die gute Frau. Gott, der ein anderes Gericht +führt, als wir, wird ihr vergeben. Was Du von den +<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>übrigen Gliedern unserer Familie, den Vater, und Dich +ausgenommen, sagst, hat mich befremdet. Diese drolligen Geschöpfe +haben also geglaubt, daß ich, nach ihrem ehemaligen +niederträchtigen Betragen gegen mich, noch Pflichten gegen +sie hätte, über deren Beobachtung <em class="gesperrt">sie</em> Richter wären, und +nach denselben mich beurtheilen dürften? Daß ich jetzt durch +meinen Besuch diese Pflichten gegen sie erfüllt habe, und +daß nunmehr erst sie <em class="gesperrt">ihre</em> Niederträchtigkeit <em class="gesperrt">mir</em> verzeihen +könnten? und Du, mein besserer, und wie ich glaubte, vernünftigerer +Bruder, trägst kein Bedenken, mir dies zu +schreiben, als ob Du halb, und halb derselben Meinung zugethan +wärest?</p> + +<p>Grüsse mir herzlich den Vater, und lebe wohl.</p> + +<p class="float-left no-margin-bottom">Dein treuer Bruder</p> + +<p class="right no-margin-top">J. G. Fichte.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>Indem ich den Brief schliessen will, fällt mir ein, daß +es doch sichrer ist, ihn anderwärts hin, als nach Rammenau, +zu addressiren; und ich schike ihn daher durch Einschlag an +Bursche zu Pulßnitz.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Das Specielle, was Fichte's Mutter betrifft, ist nirgends genau +bezeichnet und kann deshalb nicht aufgeklärt werden. Nach einer Stelle +am Schlusse des Briefes muß Fichte einige seiner Verwandten besucht +haben; die folgenden Briefe aber lehren, daß er in Rammenau nicht +gewesen ist.</p> + +<p>Der nächste Brief ist nach dem bezeichneten Alter seines Sohnes, +der am 18. Juli geboren wurde, vielleicht an demselben 11. October +1797 geschrieben, wie der <ins title="au">an</ins> des Kindes Pathen Johann Erich von +Berger gerichtete (II, 479), oder doch an einem der nächsten Tage.</p> +</div> + + + +<div class="new-h2"> </div> +<div><span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span></div> +<h2>22.</h2> + + +<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Ich habe bis jezt so viel Arbeit gehabt, daß ich nicht +habe schreiben können. Deiner Bitte um Geld konnte ich +nicht willfahren, weil ich das verlangte nicht entbehren +konnte. Ich habe das Haus, das ich in Jena bewohnte, +und welches Du kennst, gekauft. Das kostet mehr, als das +Deinige. Nun ist das zwar nicht von meinem, sondern von +meiner Frau Gelde geschehen: aber theils habe ich Vorschüsse +machen müssen: theils lasse ich auch fortgesezt darin +bauen, und dies geht von meinem Gelde. Da kannst Du +nun berechnen, ob viel baares Geld bei mir seyn mag. +Ferner, habe ich diesen Sommer Kindtaufe gehabt. Ja: es +ist mir ein herrlicher, gesunder, starker Knabe gebohren, der +jezt in die 13. Woche geht. Sage das unsern guten Eltern, +die ich dadurch zu GroßEltern gemacht habe.</p> + +<p>Ueber eine Reise nach Hause habe ich hin und her gedacht: +aber es ist nicht möglich gewesen. <em class="gesperrt">Zeit</em> ist mir das +edelste Gut, und ich konnte ihrer für diesmal nicht so viel +verlieren, als dazu gehört hätte. <em class="gesperrt">Gewiß versprochen</em> +habe ich es nicht. – Ich hoffe, es künftige Ostern möglich +zu machen. Vertröste den guten, trefflichen Vater. Gewiß +werde ich ihn sehen, und mehrmals, hoffe ich, sehen. Meine +Frau will sich's nicht ausreden lassen, mich, mit ihrem +Kinde, zu begleiten. Ich gestehe, daß ich dies in mancher +Rüksicht nicht gern sehe; und auch das hat mich bisher abgehalten.</p> + +<p>Ferner ist solch eine Reise unter hundert, und mehr +Thalern nicht gemacht und auch diese habe ich nicht so geradezu +<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>zu verlieren. Die glückliche Zeit ist vorbei, da ich +meinen Stab nahm, und zu Fusse ging, durch die weite +Welt. Jezt bin ich allenthalben gefesselt.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Lebe recht wohl.</p> + +<p class="right no-margin-top"><span style="margin-right: 2em;">Dein treuer Bruder</span><br /> +F.</p> + + + +<h2 class="new-h2">23.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 2. Jänner 1798.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Meine Frau hat es sich nicht wollen nehmen lassen, +an unsern guten Vater zu schreiben. Es ist beiliegender +Brief, den ich durch Dich überschike.</p> + +<p>Es wundert uns nicht wenig, daß wir die Papiere +über das übersendete Geld, die nach wenigen Wochen folgen +sollten, nicht erhalten haben.</p> + +<p>Br. Christian hat mir abermals geschrieben. Sein +Brief traf zu einer Zeit ein, da ich ihm nicht antworten +konnte, weil ich keine Zeit hatte. Auch jetzt habe ich sehr +wenig Zeit: ich bitte also <em class="gesperrt">Dich</em>, ihn zu benachrichtigen, <em class="gesperrt">daß +es gänzlich ausser meiner Macht liege, ihm in +seinem Begehren zu willfahren, und daß er eine +völlig unrichtige Vorstellung von meiner Lage +zu haben scheine</em>.</p> + +<p>Wie geht es euch allen, und wie geht es besonders Dir, +und Bruder Gottlob bei eurem Unternehmen geht; ob ihr +Hofnung habt, etwas vor euch zu bringen? – ob ihr auch +dem Vater das accordirte gebt, und ob es ihm in der That +<span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span>zu einiger Erleichterung dient? Besonders auf das letzte +wünsche ich eine bestimmte Antwort.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Lebe recht wohl.</p> + +<p class="right no-margin-top"><span style="margin-right: 2em;">Dein treuer Bruder</span><br /> +F.</p> + + + +<h2 class="new-h2">24.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 21. August. 98.</p> + +<p>Mehrere Gründe haben mich verhindert, Deinen Brief +früher zu beantworten. Ich hoffe, daß es jezt mit euerm +Unternehmen besser geht. Daß Ihr den Vater mit hineingezogen, +ist mir nicht ganz recht. Er hat nun gesorgt, und +gearbeitet genug, und meine Absicht war nicht, daß die kleine +Pension, die ich ihm zu geben vermochte, als ein Theil des +Handelscapitals betrachtet würde, sondern daß er sie in guter +Musse genösse.</p> + +<p>Nehmt euch ja in Acht, daß das Kapital nicht schwindet. +Es gehört, wie ich mehrmals gesagt, nicht mein; auch nicht +einmal meiner Frau, sondern einer armen unverheiratheten +Schwester derselben. Ich würde es ersetzen müssen, und, +wenn ich auch nicht sonst Ursache hätte, bedächtig mit dem +meinigen umzugehen, schon dadurch in die Unmöglichkeit versezt +werden, euch weiter zu unterstützen.</p> + +<p>Aber ich habe Ursache, die Zeiten des Wohlstandes behutsam +zu nutzen. Meine Besoldung ist so gering, daß ich +durch sie kaum Holz und Licht bestreiten kann. Ich muß +von meiner Arbeit leben; und daß diese mir etwas eintrage, +hängt von dem Flor dieser Universität ab. Dieser aber +könnte in ein paar Jahren ganz sinken, denn schon jezt hat +<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>der Kaiser von Rußland alle seine hier studirenden Unterthanen, +deren Anzahl sich bis in die 80. belief, zurükberufen, +und es ist zu fürchten, daß andere Regierungen diesem Beispiele +folgen.</p> + +<p>Wenn einer von euch etwas vom Landbaue verstünde, +so würde ich ihn zu mir nehmen und mir Ländereien ankaufen. +So könnte ich es etwa mit der Zeit zum Besitze +eines Rittergutes bringen. Aber auch dies kann ich vor der +Hand nicht, weil ich nicht weiß, ob ich noch lange in diesen +Gegenden bleiben werde. Ich habe nemlich Vocationen, die +annehmbar sind, wenn Jena in Verfall kommt; bei denen +ich mich aber verschlimmere, wenn die Lage bleibt, wie sie +jezt ist. Kurz, mein ganzer Zustand ist schwankend.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>Die herzlichsten Grüße von mir und meiner Frau an +Eltern und Geschwister.</p> + +<p class="float-right center" style="width: 11em;"><span style="margin-right: 8em;">Dein</span><br /> +<span style="margin-left: 2.5em;">treuer Bruder</span><br /> +<span style="margin-left: 2.5em;">J. Gottlieb Fichte</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Die hier erwähnten Vocationen beziehen sich ohne Zweifel auf die +beabsichtigte neue Organisation der Universität zu Mainz, bei der man +Fichte in's Auge gefaßt hatte (I, 299 ff.).</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">25.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 16ten 7br. 98.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Deine Briefe habe ich erhalten. Wenn du, wie ich +hoffe, diesen Brief zu rechter Zeit erhältst, d. i. wenigstens +den 20sten dieses (Donnerstags) so sey den 21sten (Freytag) +bei guter Zeit in Dresden, und frage mir im Gasthofe zum +<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>(goldnen glaube ich) <span class="gesperrt">Engel</span> nach. Der Wirth heißt +Eichhof. Bin ich etwa nicht da, so werde ich doch dort meine +Addresse lassen. – Richte Dich so ein, daß Du die Nacht +von Hause abwesend seyn kannst, und sey gut angezogen, +denn wir wollen den andern Tag wohin reisen.</p> + +<p>Uebrigens sey ohne Sorge, und laß Dich ja auf nichts +ein, ehe ich Dich gesprochen habe.</p> + +<p>Meine Frau grüßt Dich, und die Eltern, so wie ich +gleichfals</p> + +<p class="float-right center" style="width: 6em;">Der Deinige<br /> +F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Was das Ziel und der Zweck der hier verabredeten Reise war, +ist unbekannt.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">26.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 15. 8br 98.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>Ich habe Deinen Brief erst diesen Augenblik erhalten +und antworte sogleich indem ich nur noch ½. Stunde bis +zu Abgang der Post habe. Daß Du den Donnerstag oder +Freitag das Geld haben werdest, ist so ziemlich unmöglich, +denn jezt ist Montag Abends.</p> + +<p>Ich habe theils bis jezt mit meinen Laubthalern noch +keinen vortheilhaften Wechsel machen können; theils +wollte ich noch alles <span class="antiqua">piano</span> gehen lassen, bis wir Kunden +haben. Ich habe darüber an einen Kaufmann, dem ich +zugleich die Mustercharte eingeschikt, geschrieben. Die +Aspekten für jeden Handel standen in Leipzig auf der Messe +<ins title="dsehr">sehr</ins> traurig. Um jedoch nicht Schaden zu machen, <ins title="un">und</ins> +<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>den Credit auf die Wage zu setzen, schike ich sogleich Geld. +Solltest Du mehr brauchen, so schreibe mir.</p> + +<p>Grüsse mir Eltern und Geschwister herzlich.</p> + +<p>Die Post geht ab, und ich habe keinen Augenblik +mehr Zeit. Ich werde Dir aber nächstens weitläufiger +schreiben.</p> + +<p class="right">Dein treuer Bruder<br /> +F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span style="margin-right: 12em;">Herrn Samuel Gotthelf Fichte</span><br/> +<span style="margin-left: 3em;">zu</span> <span class="antiqua" style="margin-left: 4em; margin-right: 2.5em;">Rammenau</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 6em;">p. Bischofswerda</span>, über<br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 6em;">Dresden</span>.</p> + +<p>frei</p> + +<p>... ...</p> +</div> + +<p>Die folgenden Briefe vornehmlich zeigen uns den idealistischen +Philosophen auch als praktischen Geschäftsmann.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">27.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 26. 8br. 98.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder!</p> + +<p>Ich möchte, daß Du noch vor der Frankfurter Messe +einen Brief von mir hättest, damit Du allenthalben Deine +Maasregeln darnach nehmen könntest, drum schreibe ich +Dir jezt.</p> + +<p>Das nothwendigste zuerst. Die Mustercharte habe ich +an einen gewissen Kaufmann in Eisenach geschikt. Er hat +mir geantwortet, daß ich mich nicht besser hätte addressiren +können, als an ihn, daß er in einiger Zeit nach Jena +kommen und mit mir mündlich weiter aus der Sache sprechen +werde; daß die Waare zwar gut gearbeitet – dies +bezieht sich wohl besonders auf die Schurichschen Wollen +<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>Proben, die noch jedermann, der sie bei mir gesehen, äusserst +wohlgefallen haben, – daß <em class="gesperrt">sie aber viel zu theuer +sey</em>. Ueber den lezten Punct erwarte ich seine weitere +Erklärung, und Deine Antwort, ob sie, im Falle einer +grossen Lieferung, wohlfeiler abgelassen werden könne.</p> + +<p>Ich habe <ins title="au">an</ins> unserm soeben gewesenen Jahrmarkte +meiner Frau den Auftrag gegeben, sich in den Bandbuden +umzusehen, Preiß, und Güte der Waaren zu erkundigen, +und zu erforschen, woher die Kleinhändler ihre Waaren +beziehen. Da hat nun meine Frau 3 Stükel (das Stük +hält 16. Ellen und das Band 24. Faden.) schmales weisses +Band (doch nicht so schmal als unsere Pfennigschnür) für +8. Gr. gekauft, und erfahren, daß hier herum alles aus +<span class="gesperrt">Erfurt</span> gezogen wird, wo sich bis 15. grosse Bandfabriken +befinden sollen, deren Unternehmer viele hunderttausend im +Vermögen hätten (sagen nemlich die <em class="gesperrt">Kleinhändler</em>). So +habe ich selbst auf der Leipziger Messe eine mächtige, und +sehr gut gefüllte Erfurter Bude (sie steht mitten auf dem +Markte) gesehen. – Es ist mir selbst warscheinlich, daß +die Erfurter das Garn wohlfeiler haben, als es in unserer +Gegend ist, indem in dem Erfurter Gebiet viel gesponnen +wird, aber sonst keine Leinweberei ist, und die Lebensmittel +gar wohlfeil sind. Auf diese Vergleichung bezieht sich +vielleicht des Eisenacher Kaufmanns Ausspruch. Ich werde +über alles dieses mich näher erkundigen. Alle diese Umstände +nun rathen uns vor der Hand gar sehr das <span class="antiqua">piano</span> +gehen an; denn was hilft es eine Menge Waare zu verfertigen, +wenn man nicht den Preis halten kann, und sie +verschleudern kann.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span> +Kurz – über alles dies werde ich sehr genaue Erkundigungen +einziehen; ebenso, wie über den muthmaaßlichen +Erfolg des Beziehens der Leipziger Messe. Sehen wir +nicht die Möglichkeit, etwas dort zu machen, vorher ein, +so rathe ich nicht dazu: denn die Unkosten einer solchen +Messe mögen, nach den Klagen aller Kaufleute, und nach +der unverhältnißmässigen Theurung aller Waaren in Leipzig +gegen andere Meßorte, (z. B. Naumburg, unsern Jahrmarkt) +wozu die Krämer geradezu dies als Grund anführen, sehr +gros seyn. Eine Bude zwar ist, an einem sehr vortheilhaften +Platze, besprochen. Das Standgeld beträgt die Messe +über nur 12 Gr. aber eine Bude müste angekauft werden.</p> + +<p>... ...</p> + +<p>Wechselbriefe kann ich nicht schiklich bekommen. <span class="gesperrt">Dresden</span> +ist viel zu wenig Handelsort.</p> + +<p>Auf Leipzig kann ich sehr leicht assigniren. Jezt zu +andern Punkten.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>Grüße Eltern, und Geschwister, und lebe recht wohl.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 1em;">Dein treuer Bruder</span><br /> +F.</p> + +<p>d. 3. 9br.</p> + +<p>Dieser Brief ist, um meiner vielen Geschäfte willen, +liegen geblieben. Ich hoffe aber, daß du ihn noch vor der +Messe erhältst. ... ...</p> + + + +<h2 class="new-h2">28.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 18. 9br. 98.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>So eben kehre ich meine Chatoulle bis auf den Boden, +<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>in welche ich alles Gold und sächsische Geld, das ich seit +meiner Rükkehr eingenommen, geworfen, und noch überdieß +wechseln lassen, und finde nicht mehr, als das auf beiliegenden +Zettel bemerkte, ... ...</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>Ueberhaupt, – plagt mich das Geldschiken bloß um +der nicht beizutreibenden Geldsorten willen; aber, sobald +etwas nothwendig gebraucht wird, oder wo ein Vortheil zu +machen ist, so schreibe ja sogleich. Ich kann Dir vieles, +was ich versprochen hatte, heute nicht schreiben, weil ich in +Arbeiten vergraben bin. Ich werde bei der ersten Gelegenheit, +da ich ein wenig freie Luft habe, schreiben.</p> + +<p>Melde mir ausführlich, wie Deine Messe abgelaufen. +Die Aussicht für den Handel ist überhaupt höchst betrübt, +durch das schändliche Verfahren der Engländer, und die +Dummheit der Deutschen. Ich habe wieder etwas aufgetrieben, +das unserer Bandfabrik vielleicht Kunden verschaft.</p> + +<p>Ferner habe ich vor einigen Tagen eine Sammlung +von physikalischen Experimenten in die Hände bekommen, +die ich dir bei Gelegenheit zusenden werde. Es ist da manches +über Färberei, wovon ich nicht weiß, ob es Dir nützen +kann; aber es ist da ein Rezept zu schnellen <em class="gesperrt">Bleichen</em>, +das einige Anlage, und etwas Menschenverstand erfordert, +und Dir gewiß nüzlich seyn könnte. Ich werde es selbst +noch besser durchdenken, und dann mit meinen Bemerkungen +es Dir schiken; kaufe daher nur nicht so viel weisses Garn, +sondern rohes.</p> + +<p>Ich habe noch mancherlei sehr <em class="gesperrt">sichere</em> Gedanken zur +<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>Verbesserung der Bandfabriken, von denen ich nur zweifle, +ob ich sie Dir schriftlich vortragen kann. Hierüber ein +andermal.</p> + +<p>Die alte Uhr ist, glaub ich des Postgeldes nicht werth. +Sonst konnte ich sie durch Schütteln, und Rütteln zum Gehen +bringen; da ich sie das leztemal sah, half auch dieses +Mittel nicht mehr. Beruhige den guten Vater. Eine Uhr soll +er sicher von mir bekommen; ob es grade die aus dem +alten Eisen seyn wird, kann ich nicht versprechen. Lebe wohl, +und grüsse Eltern, und Geschwister. Dein treuer Bruder</p> + +<p class="right">J. G. F.</p> + +<p>Du schreibst in Deinem lezten Briefe, daß Du 90 Thlr. +in Frankfurt zu bezahlen habest. Und da möchte denn +meine Frau, der dies auffiel, wissen, wofür? – und <em class="gesperrt">ich</em> +möchte es auch wissen.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span style="margin-right: 9em;">Herrn Samuel Gotthelf Fichte</span><br/> +<span style="margin-right: 9em;">zu</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 9em;">Rammenau</span><br /> +<span style="margin-left: 6em;">über</span> <span class="gesperrt">Dreßden</span>, und <span class="gesperrt">Bischofswerda</span></p> + +<p>... ...</p> +</div> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">29.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 4. <span class="antiqua">X</span>br. 98.</p> + +<p>Der Kaufmann, dessen ich neuerlich erwähnte, Hr. +<span class="antiqua">Streiber</span>, ist hier gewesen. Es hat sich ergeben, daß derselbe +<em class="gesperrt">selbst eine Wollenbandfabrik</em> hat. Sein Tadel der +zu großen Theure bezog sich auf die wollenen Bänder. Er +könne sie weit wohlfeiler liefern. Er versende sie, – und +<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>habe ehemals auch leinene aus <span class="gesperrt">Elberfeld</span> – nach der +Schweiz, Italien, Spanien. Er wolle, wenn wir die <em class="gesperrt">Preise +halten</em> könnten (woran er zweifle,) uns welche abnehmen.</p> + +<p>Vorläufig soll ich <em class="gesperrt">beiliegende Proben</em> überschiken: +und Du sollst die beiden bemeldeten Fragen beantworten. +Thue dies nur – aber nicht mit Deiner gewöhnlichen +<em class="gesperrt">schlechten</em> Schreiberei, denn das flös't keinen Respekt für +den grossen Fabrikanten ein – auf dem beiliegenden Zettel +selbst. Die Proben sollen zurükgesandt werden. Du mußt +Dir sonach die Muster <em class="gesperrt">merken</em>. Ist der Preis acceptabel, +so will er auf diese Sorten Bestellung machen. – Nun +sehe ich freilich, daß beide Proben viertrittig sind, und in +der <span class="antiqua">B.</span> auch wollenes Garn ist. Du wirst sie also schwerlich +machen können. Aber doch möchte ich nicht, daß wir +gleich die erste Bestellung abweisen müßten. Es ist um der +Zukunft willen. Stühle mit mehreren Tritten wirst Du +ohnedies anlegen müssen, wenn ich Dir Kunden verschaffen +soll. – Antworte hierauf sobald Du kannst. Es ist mir +hierbei folgendes eingefallen.</p> + +<p>1.). Streibers Bänder, von denen ich Dir nächstens +eine Mustercharte, und Preistabelle zuschiken werde (da wirst +Du zugleich sehen, <em class="gesperrt">wie eine Mustercharte aussehen</em> +muß, und dergl. mußt Du Dir zulegen) sind weit dünner, +und ich glaube im ganzen viel schlechter, als <span class="gesperrt">Schurigs</span>, +aber sie nehmen sich viel besser aus; sie sind sehr schön gefärbt, +und wohl zugerichtet. Ob sie viel wohlfeiler sind, +wirst Du sehen; ich vermuthe; denn Streiber sagt mir, +daß sie auf Mühlen verfertigt werden, die zum Theil bis +30. Gänge haben. Vielleicht nun könntest Du dergleichen +<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>in Deiner Gegend, und zu Frankfurt häufig absetzen, etwas +darauf verdienen, sie creditirt bekommen, und mit leinenen +Bändern Deiner Fabrik bezahlen. Dies wäre, scheint es +mir, ein profitabler Handel. Sobald ich Dir die Mustercharte +zugeschikt haben werde, nimm darüber Deinen Entschluß.</p> + +<p>2.). Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, einem Griechischen +Kaufmanne zu Chemniz einen Dienst zu erweisen, +den er mir hoch anrechnet. Ich werde ihm dafür auftragen, +uns Kunden für Bänder zu verschaffen. Halt daher eine +Mustercharte in Bereitschaft.</p> + +<p>3.). Kann ich durch Streibern genau erfahren, wie +<em class="gesperrt">unsre</em> Preise sich zu den Preisen anderer Bandmacher, +z. B. der Westphälischen, Erfurter, u. s. f. verhalten, und +wo etwa ein Vortheil zu machen ist. Er hat nach Proben, Preisen, +Garnpreisen geschrieben. Er glaubt, daß die <span class="gesperrt">Braunschweiger</span> +Garne wohlfeiler seyen, als die, deren Du Dich +bedienst. Wäre dies beträglich, so könnten wir ja dergl. +kommen lassen, indem der Transport doch so gar viel nicht +ausmachen kann. Berechne daher, wie hoch Dir, in der +Regel <span class="gesperrt">100 Ellen Dresd.</span> (so müssen wir rechnen, denn +<ins title="Weife">Weise</ins>, Gebind, und dergl. ist verschieden, und giebt keinen +gemeingültigen Maasstab) <em class="gesperrt">weises Garn</em>, und <em class="gesperrt">rohes +Garn</em> kommen; ferner, wie viel ein Geselle die Woche, +wenn er fleisig ist, verdienen kann, (auch dies müssen wir +so berechnen) und melde mir dies; damit ich einen Ueberschlag +machen, und sehen kann, wo etwas zu ersparen ist.</p> + +<p>Soviel für jetzo.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Grüsse Eltern, und Geschwister, und lebe wohl. Dein +treuer Bruder</p> + +<p class="right no-margin-top">F.</p> + +<div class="weinhold"> +<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span> +<p>Mit dieser sorgfältigsten Pünktlichkeit behandelte er die Geschäftsdetails +selbst noch zu einer Zeit, wo ganz andere Angelegenheiten seine +Thätigkeit in Anspruch nahmen – nämlich der bekannte Atheismus-Streit, +den er im folgenden Briefe mit prächtigem Humor bespricht.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">30.</h2> + + +<p class="right">Jena d. 9. <span class="antiqua">X</span>br., 98.</p> + +<p>In diesem Augenblike nur das höchstnöthige. Ich werde +sehen, ob ich zu diesem Briefe zurük kommen kann.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<p>2.). <em class="gesperrt">Meine</em> Einnahmen, die ich der Compagnie bestimme, +sind ziemlich unsicher. Sie hängen davon ab, ob +ich künftigen Sommer ein oder mehrere Bücher schreibe; ob +ich durch Reisen viel verthue, und dergl.: Doch – ein +halbes oder ganzes Hundert kann ich im Fall der Noth +immer herbeischaffen.</p> + +<p class="no-indent">... ...</p> + +<p>Darnach nimm nur Deine Maasregeln. Denn in +diesen Detail hineinzugehen, vermag ich nicht, weil ich dies +nicht genug verstehe.</p> + +<p>3.). Wegen des <em class="gesperrt">Standes</em> einer Bude, (keine Bude +selbst, diese müßte besonders angeschaft werden) ist mir etwas +über die Topographie von Leipzig entfallen, darüber ich aber +warscheinlich allhier selbst Auskunft erhalten kann.</p> + +<p class="right">d. 5. Jänner. 99.</p> + +<p>So lange ist dieser Brief liegen geblieben, weil mir +unsre guten Landsleute, die Chursächsischen, Beschäftigung +vollauf gegeben. Ich habe seitdem über den Plaz der Bude +mich erkundiget. Er ist gelegen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span> +Von Hrr. Streiber habe ich beiliegende Westphälinger +(Elberfeldische) Leinenband Proben, und Preistabelle erhalten; +die ich Dir zur Einsicht und Berechnung, ob wir +Preis halten können, mittheilen soll. Die Preistabelle lautet +zu deutsch: <span class="antiqua">N. 12</span> (bezieht sich auf die beiliegende Mustercharte) +das Duzend Stükel von 19. Pariser Ellen 5. <span class="antiqua">Livres</span> +(Ein Livre ist 6 Gr. sächs. wenn der Laubthaler 1 Thlr. +12 Gr. sächs. steht,) daß also von der geringsten Sorte +19 Ellen 60 Pf. kämen. Die zweite Ziffer z. B. <span class="antiqua">N. 14</span>. – +5 <span class="antiqua">Livres</span>, 10 – bedeutet <span class="antiqua">sous</span>, und der <span class="antiqua">Livre</span> hat 20 <span class="antiqua">sous</span>. +und nun kannst Du selbst berechnen. Ich sehe klar ein, daß +<em class="gesperrt">unsre</em> Bänder viel wohlfeiler sind. Nur arbeiten wir blos +<em class="gesperrt">glatte</em>, und wie diese <em class="gesperrt">modellirten</em> gemacht sind, sehe +ich gar nicht ein, und glaube, daß wir sie nicht machen können. +Jedoch dürfte mir es etwa auch da gehen, wie mit +den Herrnhuter Bändern, wo ich meinen Bandverstand +garstig blamirt habe.</p> + +<p>Zum Hauskauf wollte ich jetzo, ob mir gleich der Gedanke +mit dem Beigute nicht mißfällt, nicht rathen; wenn +Du nicht etwa sonst woher ein starkes Capital auftreiben +kannst. Es wird immer möglicher, daß sich mein Aufenthaltsort +verändert, und daß ich dann selbst Geld bedürfte.</p> + +<p>Meinen Vorschlag eines Tauschhandels hat Streiber +mit Freuden aufgenommen, aber noch nicht <em class="gesperrt">seine</em> Mustercharte +eingeschikt.</p> + +<p>Proben eines Handelsbuches, einen Contract, und dergl. +soviel mir auch natürl. selbst daran liegt, kann ich gegenwärtig +nicht einschiken. Ich habe wohl andere Dinge zu +denken. Dies muß warten auf ruhigere Zeiten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span> +Sollte nicht auch in der Lausitz der Ruf erschollen seyn, +daß die Chursächs. Regierung mich für einen Atheisten erklärt +habe, und daß ich wenigstens zu Asche verbrannt, und +dann des Landes verwiesen werden würde? Ich sage das +nur deswegen, damit, wenn bei Euch das Gerücht erschallt, +ihr, und besonders unsere guten Eltern nicht erschreken. Es +wird so schlimm nicht werden. In vier Tagen oder 8. erhaltet +ihr eine vorläufige Vertheidigungsschrift an das Publicum. +Nun hat zwar der Churfürst, nicht zufrieden, mich +in <em class="gesperrt">seinem</em> Lande verschrieen, und meine Schriften confiscirt +zu haben, mich auch noch bei <em class="gesperrt">meinem</em> Herzoge verklagt, +und ich muß nun auch da mich vertheidigen. Aber +ich denke, es soll mir auch hier nicht schwerer fallen, als +dort. – Dies zur Nachricht, wenn man bei Euch schon +etwas weiß. Weiß man aber nichts, so seyd ihr nicht die +ersten, die es ausbreiten; denn Geräusch, und Lärm ist +nie gut.</p> + +<p>Lebe recht wohl.</p> + +<p class="right">F.</p> + +<p>N. Sch. Wegen der Appretur habe ich bei unserm +Professor der Künste erkundigt. Das was jene Fabricanten +haben, wird allerdings <em class="gesperrt">Leim</em> seyn, und zwar, wie er in +den Läden heißt: <em class="gesperrt">Fischleim</em>. Er wird aus den feinsten +Schafknochen gekocht, und ist theuer; kann aber sehr vermischt, +und sparsam gebraucht werden. Der Professor redete +von <em class="gesperrt">Selbstkochen</em>; welches mir aber keineswegs einleuchtet.</p> + +<p>Deine leztern Briefe gefallen mir. Sie sind gründlich, +klar und gesezt.</p> + +<div class="weinhold"> +<span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span> +<p>Der nächste Brief ist ohne Datum. An wen der darin eingeschlossene +Brief gerichtet war, ist nicht bekannt.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">31.</h2> + + +<p>Meine Arbeiten haben mich absolut verhindert, eher zu +schreiben, und auch noch jezt muß ich kurz seyn.</p> + +<p>1.). Meiner Frauen Geld aus der Schweiz ist <em class="gesperrt">nicht</em> +beizutreiben, indem der Schuldner die Waaren, für die er +schuldig ist, noch nicht verkauft haben will, mit Schaden verkauft +haben will, und dergl.</p> + +<p>2.). Was wir gegenwärtig aufbringen konnten, hast +Du; <em class="gesperrt">ob</em> und <em class="gesperrt">wenn</em> ich wieder etwas auftreiben werde, da +es mir ziemlich schlimm geht, ich meine meisten Schriften +größtentheils an die Verleger verschenkt habe, und selbst das, +was man mir schuldig ist, nicht beitreiben kann – da ferner +unserer Universität wohl schlimmere Zeiten bevorstehen möchten, +– weiß ich nicht. Du mußt daher alle <em class="gesperrt">Erweiterungspläne</em> +aufgeben, und blos zu behaupten suchen, was +Du hast.</p> + +<p>3.). Es folgen die Proben, und Preistabelle der Streiberischen +Bänder. Die Preise, welche schon jetzt niedriger +seyen, als die eurigen, würden nächstens noch herunter gehen, +schreibt Streiber.</p> + +<p>4.). Beiliegender Bindfaden ist ein Pariser <em class="gesperrt">Stab</em>, der +auf der Probe und Preistabelle der Elberfelder Bänder gemeint +ist. Es heißt im Originale <span class="antiqua">aune</span> (sprich <span class="antiqua">Ohne</span>) <span class="antiqua">de +Paris</span>. – und ich habe den Fehler gemacht, indem <span class="antiqua">aune</span> +sonst eine Elle heißt.</p> + +<p>5.). Streiber hat schon vor länger als 8. Wochen beiliegende +<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>Bestellung gemacht: – um einen <em class="gesperrt">Anfang zu +machen</em>, um zu sehen wie die Waare im Stüke ausfällt, +schreibt er. – Ich habe dies lächerlich gefunden, um eines +Duzend Willen anzuscheeren: und daher die Bestellung Dir +nicht eher geschikt, und ihm nicht geantwortet. Thue jezt, +was Du willst. Die Fracht (von 1. Duzend Stükel!) will +er tragen. Ich halte Streibern für einen Narren</p> + +<p>Lebe wohl, und grüsse herzlich Eltern, und Geschwister.</p> + +<p>Den beigeschloßenen Brief gieb <em class="gesperrt">sogleich</em> auf die Post. +Der arme Teufel, der mich dauert, dem ich aber nicht helfen +kann, erwartet Antwort.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Dein treuer Bruder</span><br/> +J. G. Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>In Folge der erwähnten Anklage ging Fichte Anfang Juli 1799 +nach Berlin und kehrte erst zu Ende des Jahres zurück, um mit seiner +Familie ganz dahin überzusiedeln (I, 309 f. II, 277. 284). Unterdeß +war sein vertrautester Bruder Gotthelf gestorben, weshalb der nächste +Brief an denjenigen unter seinen Brüdern gerichtet ist, der ihm nach +jenem der liebste war, nämlich Gottlob.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">32.</h2> + + +<p class="right">Jena, d. 20. Februar. 1800.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Was Du mir in Deinem leztern Briefe über die Aufführung +unsers verstorbenen Bruders meldest, will ich vor +der Hand auf sich beruhen lassen.</p> + +<p>Daß, in Absicht der Hanthirung, und meiner Forderungen, +alles von allen Seiten verworren genug ist, ersehe +ich gar deutlich: was aber meine Anwesenheit in Rammenau +<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>dabei fruchten könne, nicht. Auch ist, Deinem letztern zu +Folge, <em class="gesperrt">unsre</em> Zusammenkunft bei Deiner Frankfurter Reise +von Schwierigkeiten begleitet, welche die Vortheile, die ich +mir davon verspreche, wohl niederwiegen möchten. Ich gebe +also diese Zusammenkunft auf, indem ich einen andern Versuch +mache, ins klare zu kommen.</p> + +<p>Dieser Brief trift Dich ohne Zweifel noch vor Deiner +Abreise nach Frankfurt; mich aber trift keiner von Dir mehr +in Jena; indem ein blosser Zufall mich noch diesen Monat +hier zurükgehalten, und verhindert hat, nach <span class="gesperrt">Berlin</span> zu +gehen, wohin ich längstens binnen 14. Tagen mit meiner +Familie auf immer abgehen werde.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Dein getreuer Bruder</span><br/> +J. G. Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<p class="center aufschrift"><span style="margin-right: 10em;">An Joh. Gottlob Fichte</span><br /> +<span style="margin-left: 3em;">zu</span><br /> +<span class="gesperrt" style="margin-left: 10em;">Elster</span>.</p> + +<p>Fichte wurde sodann zum Professor in Erlangen ernannt, wo er +aber nur im Sommer 1805 lehrte, weil 1806 die kriegerischen Ereignisse +ihn anderwärtshin führten, während gleich von vorn herein bestimmt +worden war, daß er im Wintersemester in Berlin Vorträge +halten durfte. Von da aus ist der folgende Brief seiner Frau geschrieben, +in welchem sie in diesen gefahrvollen Zeiten auf zartfühlende +Weise sich für ihre und ihres Kindes Zukunft besorgt zeigt. Das erwähnte +Unwohlsein Fichte's war eine heftige Kolik (II, 405).</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">33.</h2> + + +<p class="right antiqua">Berlin d: 26: Jenner 1806:</p> + +<p>Theure Eltern, ich bitte Sie um eine Gefälligkeit daß +Sie nämlich die Güte hätten mir bey dem <span class="antiqua">Prediger</span> meines +<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>Lieben Mannes Taufschein auszuwirken, denn da ich in die +hiesige Witwen<span class="antiqua">Caa</span>ße legen will, so brauch ich ihn dazu unumgänglich +ich laße mir zu dem Ende hin Geld aus der +Schweiz kommen, welches ich noch da stehn habe; mein +Mann weiß nichts davon daß ich in die Witwen<span class="antiqua">Caa</span>ße lege, +denn es scheint mir sehr unherzlich mit meinem guten lieben +Mann davon zu reden, wovon man nach seinem Hinsterben +leben solle, und darum rede ich nicht darüber, sondern danke +Gott daß mir noch etwas Geld geblieben ist, damit ich es +selbst bestreiten kann; auf der andern Seite halt ichs für +meine Pflicht zu thun, denn die Menschen sind sterblich, und +auch ich bin sterblich, was sollte denn aus unserm armen +Kinde werden? sterbe aber auch ich, so bekommt unser Kind, +bis in sein 25. Jahr, die Hälfte von dem, was ich als +Witwe bekommen hätte.</p> + +<p>Ich bitte Sie mir den Taufschein gleich anfangs des +künftigen <span class="antiqua">Monat</span>hs zu schiken, denn sonst muß ich wieder +ein halbesjahr warten, und den Brief an mich zu <span class="antiqua">addressie</span>ren, +weil ich Ihnen die Gründe warum mein Lieber +Mann nichts davon weiß, schon gesagt habe.</p> + +<p>Wenn Sie lieber Vater keine Zeit, noch Lust haben +mir zu schreiben, so schieben Sie's doch ja nicht auf mir den +Taufschein zu schiken, sondern schiken ihn mir nur ohne Brief.</p> + +<p>Ich habe Ihnen vor etlichen <span class="antiqua">Mona</span>then geschrieben, +haben Sie meinen Brief erhalten?</p> + +<p>Mein Lieber Mann grüßt Sie alle herzlich; er ist izt +Gottlob wieder wohl, war es aber vor einiger Zeit nicht; +bei dieser naßen ungesunden Witterung sind hier viele Menschen +krank, und sterben auch eine Menge.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span> +Unser <span class="antiqua">Hermann</span>, der Gottlob gesund ist, empfiehlt sich +seinen Lieben Groß Eltern.</p> + +<p>Leben Sie wohl, Gott sey mit Ihnen, ich grüße alle +welche sich meiner errinnern freundlich, und bin von <span class="antiqua">Her</span>zen Ihre</p> + +<p class="right antiqua">Fichte. g: Rahn.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua">Herrn Fichte</span> <span style="margin-right: 10em;">dem Vater</span><br /> +<span style="margin-left: 4em;">zu</span><br /> +<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 13em;">Rammenau</span><br /> +<span style="margin-left: 15em;">Bey</span> <span class="antiqua">Dresden</span>.</p> + +<p class="antiqua gesperrt">frey</p> +</div> + +<p>Im October 1806 wich Fichte mit dem Geheimrath Hufeland, +wie sämmtliche Behörden und alle Männer von Ansehen, vor den siegreichen +Feinden aus Berlin und ging nach Königsberg, wo ihm provisorisch +eine Professur zugewiesen wurde; während seine Gattin zur +Hütung des Hauses zurückblieb, dann aber nachfolgen sollte, als sein +Aufenthalt in Königsberg dauernd werden zu wollen schien. So +schmerzlich aber war ihr die Trennung von ihrem geliebten Manne, +daß sie trotz ihrer starken und duldungswilligen Seele darüber im +November in eine ernstliche Krankheit verfiel (I, 374 f.).</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">34.</h2> + + +<p class="right"><span class="antiqua">Berlin</span> d. 13: <span class="antiqua">Feb</span>: 1807.<br /></p> + +<p>Theure Eltern, so eben erhalte ich den Brief aus +<span class="antiqua">Elstra</span>, ich eile sogleich Ihnen Nachricht von uns zu geben, +und <span class="antiqua">addressiere</span> den Brief an Sie, damit Sie geschwinder +Nachricht erhalten; mein Lieber Mann ist vor Ankunft der +Franzosen hier, nach Königsberg, mit einem Freunde verreist, +und hat dort eine <span class="antiqua">Pro</span>feßur bis zur Wiederherstellung +der Ruhe erhalten, und lißt <span class="antiqua">Co</span>llegien; die lezte Nachricht +von ihm ist, daß er Gottlob gesund ist; ich erhalte leider +<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>sehr wenige Briefe von ihm, und kann nur selten schreiben, +weil die dorthin gehend. <span class="antiqua">Po</span>sten nicht gehn: Sie stellen Sich +meine Lage vor; ich wollte gleich mitreisen, wurde aber aus +manchen Ursachen zurükgelaßen, mit unserm Kinde; nun +wünscht mein Mann sehnlichst daß ich nachkomme, es hat +aber bis izt noch nicht sein können, weil ich keinen <span class="antiqua">Pas</span> bekommen +konnte, weil die Straßen nicht sicher sind, und andres +mehr auch weil die Reise viel kostet.</p> + +<p>Dieses Zurükbleiben ist die Ursache, daß ich tödlich +krank gewesen bin, nun mich aber Gottlob wieder erhole: +ich stand viel Angst aus, durch die Zeitumstände, grämte +mich, hat viel Sorgen, und Verdruß, so daß ich troz alles +Quämpfen darnieder geworfen wurde; mein Schmerz war +um so viel größer, da ich unser Kind unter Fremde zurüklassen +mußte, wenn ich gestorben wäre. Gott hat mir wieder +geholfen, und wird auch weiters helfen, deßen tröste ich mich. +Ich werde zu meinem Mann reisen, so bald es nur immer +möglich ist und Ihnen vor meiner Abreise noch gewis +schreiben.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Der Gnädige Gott sey mit Ihnen und schüze Sie vor +jeder Gefahr, dieses wünscht von ganzem Herzen, Ihre Sie +herzlichliebende</p> + +<p class="right no-margin-top">Johanna Fichte.</p> + +<p>Ich <span class="antiqua">franciere</span> diesen Brief nicht, damit er sicher gehe, +und grüße Alle alle von ganzem Herzen.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<p class="center aufschrift"><span class="antiqua gesperrt">Herr Fichte der Vater</span><br /> +zu<br /> +<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 10em;">Rammenau</span><br /> +nahe <span class="gesperrt">bey <span class="antiqua">Dresden</span></span>.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span> +Ende August 1807 kehrte aber Fichte selbst nach Berlin zurück, +wo er alsbald, im September, von Beyme aufgefordert wurde, sein +Nachdenken auf die zweckmäßigste Ausführung des Plans zu richten, +in der Hauptstadt eine Universität zu gründen, – ein Auftrag, der +ihn bekanntlich zu jenem originellen Organisations-Vorschlag einer +»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs« veranlaßte, der +leider unausgeführt blieb. Fichte aber hielt im Winter 1807–8 seine +Reden an die Deutschen, die er sogleich auch durch den Druck veröffentlichte. +Sie sind die Schrift, von welcher er in einem ferneren +Briefe spricht.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">35.</h2> + + +<p class="right">Berlin, d. 10. Mäy. 08.</p> + +<p class="float-left">Lieber Vater,</p> + +<p>Schon vorigen Winter, sogleich nach dem Eintreffen +Ihres Briefes an meine Frau, hatte ich Ihnen geantwortet. +In Hofnung, daß bis dahin in unsrer gemeinschaftlichen +Lage einige vortheilhafte Veränderungen vorgehen würden, +hat meine Frau bis jezt diesen Brief nicht abgehen laßen.</p> + +<p>Das einzige vortheilhafte, was seitdem vorgefallen, ist +die ziemliche Wiederherstellung meines <em class="gesperrt">Herrmann</em>. Es +war derselbe damals durch einen Fall auf das Knie an dem +Einen Beine ganz gelähmt, und hat, bei übrigens vortreflicher +Gesundheit, 10. Wochen im Bette liegen müßen. Jezt +geht er wieder; nur noch nicht auf Steinpflaster; es wird, +was die Hauptsache ist, keine Folge übrig bleiben. Ich befinde +mich dermalen mit ihm, und meiner Frau, die nach +einem sehr harten Krankenlager im Jahre 6. den ganzen +vorigen Winter gekränkelt, und vor einer Woche wieder +recht ernsthaft krank gewesen, auf ein paar Wochen auf +einem Gesundbrunnen bei Berlin, um sie alle wiederherzustellen, +<span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>und mit frischen Kräften in den beginnenden Sommer +einzutreten.</p> + +<p>Ich für meine Person bin immer gesund, und kräftig +gewesen. Man organisirt an einer allhier zu Berlin zu +errichtenden Universität; mir sind die bedeutendsten Aufträge +in dieser Rüksicht ertheilt worden.</p> + +<p>Ich hatte erst den Vorsatz diesen Sommer in <span class="gesperrt">Dresden</span> +mit Frau und Kind zuzubringen; hatte auch schon an <span class="gesperrt">Fritsche</span> +über die zu treffenden Vorkehrungen geschrieben; auch von +meiner Behörde den Urlaub dazu eingeholt. Ich sehe aber, +daß es für wichtige Zweke beßer ist, wenn ich hier bleibe, +und Kollegia lese, und ich bin entschloßen, dem allgemeinen +Besten dieses freiwillige Opfer zu bringen.</p> + +<p>Auch hatte ich, nachdem jener Plan schon aufgegeben +war, den Vorsatz in dieser ersten Hälfte des Mäy für meine +Person allein (eine Reise mit Frau und Kind ist unter den +jetzigen Umständen, da die ehemals begütertsten leiden, für +mich zu kostspielig) Sie zu besuchen. Die Krankheit meiner +Frau, die unter solchen Umständen nicht ohne eine nachtheilige +Gemüthsbewegung mich von sich laßen würde, hat auch +diesen Plan vereitelt; wie die gegenwärtige Kurzeit vorbei +seyn wird, werde ich durch meine Vorlesungen an Berlin +gefeßelt seyn. Ich hoffe jedoch im <em class="gesperrt">Herbste</em> Ferien zu finden +und vielleicht erlaubt es sodann der öffentliche Wohlstand +Frau und Kind mit zu bringen.</p> + +<p>Ich gebe soeben Ordre an meinen Verleger, daß Ihnen +meine neueste Schrift von Leipzig aus überschikt werde. Ich +habe diesmal nicht über so viele Exemplare zu befehlen, daß +ich auch an den Herrn Pastor Wagner, den ich herzlichst zu +<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>grüßen bitte, eins beilegen könnte. Sie leihen es ihm vielleicht +zum Durchlesen.</p> + +<p>Unser aller herzlichste Grüße an Mutter, und Geschwister.</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="float-left">[Von Johanna Fichte:]</p> +</div> + +<p>Ich grüße Sie theure Eltern von ganzer Seele und +empfehle mich Ihrem Andenken.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Gott schenkt mir izt wieder Gesundheit, worüber ich +mich freue, da es bey unserm Guten theuren Fichte sein +kann. Leben Sie wohl, Ihre</p> + +<p class="right no-margin-top">Johanna F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Von ihrer und ihres Sohnes Krankheit schreibt auch Johanna +Fichte in einem Briefe an Charlotte von Schiller (II, 408 vgl. 470). +– Die beabsichtigte Reise in die Heimath unterblieb; denn Fichte selbst +erkrankte, wie der Biograph sagt, »im Frühling des Jahres 1808« +(I, 426) oder, wie Fichte's Gattin schreibt, »seit Mitte Juli« (II, 408) +oder, wie er selbst im nächstfolgenden Schreiben sagt, »im August«. +Es war eben eine langsame, wohl allmählich sich entwickelnde Krankheit, +die in rheumatischen Lähmungen nebst schmerzhaften Augenentzündungen +bestand und deren Nachwirkungen selbst der wiederholte Gebrauch +des Teplitzer Bades nicht gänzlich hob.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">36.</h2> + + +<p class="right">Berlin, d. 10. März, 1809.</p> + +<p>Ich bin, mein theurer Vater, nicht ohne Sorge über +Ihrer aller Befinden, auch ob Sie meinen lezten Brief vom +Mäy vorigen Jahres nebst dem überschikten Buche erhalten +hätten, gewesen, bis Ihr leztes Schreiben vom 6ten Februar, +das aber bei mir sehr spät eingelaufen, und vermuthlich +in Pulßnitz über 6. Wochen gelegen, mich darüber beruhigt +hat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span> +Ich trug den Vorsatz den Sommer vorigen Jahres +einen Abstecher nach Dreßden zu machen, und hierbei auch +Sie nebst den meinigen zu besuchen. Besonders eine Krankheit, +die den August v. J. anhob, und von der ich erst jezt +mich zu erholen suche, bei der ich niemals in Lebensgefahr +gewesen, übrigens aber hart mitgenommen worden, hat mich +daran verhindert. Dermalen erwarten wir hier die Rükkehr +unsers guten Königs, und der Regierung. Ich werde +diesen Sommer kaum meine gewohnte Thätigkeit wieder anfangen +können. Vielleicht schiken mich die Aerzte zur Wiederherstellung +meiner Gesundheit in Bäder, und auf Reisen; +und so hoffe ich denn diesen Sommer den Besuch bei Ihnen +nachzuholen, den ich den vorigen versäumt habe.</p> + +<p>Frau und Kind befinden sich wohl. Die erstere denkt +Ihrer alle Tage, nicht ohne Sorgen, besonders wegen des +befürchteten nahen Ausbruchs eines neuen Kriegs, der zunächst +die dortige Gegend treffen könnte. Ich hoffe aber +fest, daß die Oesterreicher durch musterhaftes Betragen sich +der großen Angelegenheit, für die sie kämpfen, würdig machen, +und dadurch die von jedem Kriege unabtrennlichen Uebel +sehr mildern werden.</p> + +<p>Näher gehen mir die Uebel, die Sie schon erlitten +haben, und die Folgen davon. Obwohl der König für mich, +und andere außer Dienst gekommene Gelehrte alles thut, +was die eigne beschränkte Lage des Staats verstattet, so bin +ich dennoch durch eine dreivierteljährige Krankheit, in der +ich nichts habe arbeiten (es wird darum zu Ostern nichts +von mir erscheinen) noch verdienen können, dagegen ungewöhnlich +hohe Ausgaben gehabt, in Umstände gekommen, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>ich dermalen baares Geld nicht entbehren kann. Aber Bruder +<em class="gesperrt">Gottlob</em> hat seit dem Jahre 1805. keinen Termin abgetragen; +auch hat er seitdem kein Lebenszeichen von sich gegeben, +und keine Anfrage an mich ergehen lassen; ob ich +etwa die Fortsetzung der Zahlungen verlangte. Wie es mit +Abtragung der bedungenen Zinsen an Sie von jeher gehalten +worden, ist mir gleichfalls nicht unbekannt. Ich hoffe +daher nicht, daß es ihn übereilen heißt, wenn ich von ihm +fordere, daß er so schleunig als möglich einen Termin von +50. Rthlr. an Sie auszahle.</p> + +<p class="no-margin-bottom">Die meinigen grüßen herzlichst. Ihr Sohn</p> + +<p class="antiqua right no-margin-top">Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Auf die Hoffnung, die sich Fichte von den Oesterreichern machte, +nimmt <ins title="Adalbert">Adelbert</ins> von Chamisso in einem 1808 aus Berlin an Friedrich +de la Motte Fouqué gerichteten Briefe Bezug mit den Worten: »Der +alte Fichte ist wieder <ins title="hier">hier.</ins> Er baut sehr auf die Oestreicher, die ihm +sehr herrlich erschienen sind, und er will die hohe Meinung theilen, die +sie von ihrem Kaiser haben.«</p> + +<p>Die treue Fürsorge für seinen alten Vater, der allzu bereitwillig +seinen Kindern zu überlassen pflegte, was ihm persönlich zugedacht war, +wird bestätigt durch den beigeschlossenen Brief an den Bruder, der von +früher her pecuniäre Verpflichtungen hatte.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">37.</h2> + + +<p class="right">Berlin, d. 10. März 1809.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Ich hoffe, Du wirst es selbst billig finden, wenn ich +Dich auffordere, so schleunig, als es Dir irgend möglich ist, +an unsern Vater einen der seit 1805. ausgesezten Termine +von 50. Rthlr. auszuzahlen. Ich ersehe aus deßen Schreiben, +<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>wie das auch ohnedies zu erwarten war, daß derselbe durch +den französischen Krieg und die Kriegssteuer in seiner Nahrung +sehr zurükgesezt worden; so daß ich selbst aus meinem +Beutel einen Vorschuß machen würde, wenn ich nicht durch +dreivierteljährige Krankheit und Verdienstlosigkeit selber in +eine enge Lage gekommen wäre. – Uebrigens gebe ich Dir es +auf Deine eigne Ehrliebe, und Gewißen, daß von der nur +zu großen Gutwilligkeit unsers Vaters gegen seine Kinder +hier kein Gebrauch gemacht, sondern ihm die Summe +<em class="gesperrt">wirklich und in der That baar</em> ausgezahlt werde.</p> + +<p>Die Pappiere meiner Berechnung mit Dir sind, nebst +andern Manuskripten, in Erlangen liegen geblieben, von +woher ich sie nicht so schnell haben kann. Ich lade Dich +darum ein, so schnell, als möglich mir Deine Berechnung +mit mir einzusenden, damit ich Dir über alles abgezahlte +eine Generalquittung geben könne. Meinen herzlichsten +Gruß an die Deinigen von mir und den meinigen.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 3.5em;">Dein treuer Bruder</span><br/> +<span class="antiqua">Fichte</span>.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center">Meinem Bruder<br /> +<span style="margin-right: 6em;">Johann Gottlob Fichte</span><br /> +<span style="margin-left: 7em;">zu</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 12.5em;">Elstra</span>.</p> + +<p>d. Einschluß.</p> +</div> + +<p>Aus dem folgenden Briefe seiner Gattin, der in wenigen Zügen +ein reizendes Familienbild entwirft, erfahren wir, daß Fichte schon im +Sommer 1809 mit einigem Erfolg das Bad besucht hatte.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">38.</h2> + + +<p class="right">Berlin d: 18: Demb 1809</p> + +<p>Theure SchwiegerEltern wir grüßen Sie herzlich, und +<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span>wünschen zu wißen wie Sie Sich befinden, und wie's Ihnen +geht; mein Mann ist Gottlob gesund, nur ist seine Linkehand, +noch so wie Sie sie im Sommer sahn, und das Rechtebein +schmerzt auch dann und wann, er wird künftigen +Sommer wieder nach <span class="antiqua">Töplitz</span> gehn müßen, um völlig <span class="antiqua">curiert</span> +zu werden; da werden wir das Vergnügen haben Sie zu +besuchen. Sein Geist ist heiter, so daß er wieder arbeiten +kann, und izt Vorlesungen hält, die auch wohl gedruckt +werden werden.</p> + +<p>Unser <span class="antiqua">Hermann</span> ist Gottlob auch gesund, lernt braf, +und grüßt seine lieben GroßEltern herzlich; er hat 4: <span class="antiqua">Th</span> +von seinem Taschengeld dieses Jahr erspahrt, um sie seinen +GroßEltern schiken zu können, damit Sie sich eine kleine +Weinachtsfreude machen, und auch ein gläschen guten Wein +zu Ihrer Erquikung trinken, thun Sie das doch ja mit der +guten Grosmutter, die wir herzlich grüßen, und gedenken +Sie dabei unser.</p> + +<p>Gott schenke Ihnen einen gesunden frohen Winter, und +laße freudig in's NeueJahr eintreten: das wünscht von ganzem +Herzen Ihre Sie aufrichtig liebende</p> + +<p class="float-right center" style="width: 7.5em;">Johanna Fichte<br /> +g: <span class="antiqua">Rahn</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Zum zweiten Male ging Fichte im Jahre 1810 nach Teplitz und +auf der Rückreise besuchte er seinen Geburtsort.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">39.</h2> + + +<p class="right">Dresden, d. 7. Jun. 1810.</p> + +<p class="center">Mein lieber Vater,</p> + +<p>Gestern Abend sind wir hier zu Dresden angekommen, +<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>um übermorgen nach Teplitz, zur völligen Wiederherstellung +meiner Gesundheit reisen. Ich bin jezt doch noch zu angegriffen, +um die Reise nach Rammenau machen zu können; +ich werde aber bei meiner Rükkehr aus den Böhmischen +Bädern, etwa im <em class="gesperrt">August</em>, ganz gewiß meine lieben +Eltern besuchen</p> + +<p>Ich bin <em class="gesperrt">im ganzen</em> sehr gesund, nur ist der Gebrauch +des einen Beins noch schwierig. Meine Frau, und mein +Herrmann sind gleichfalls wohl. Wir bitten Sie herzlich, +das beiliegende als ein kleines Feyertagsgeschenk anzunehmen.</p> + +<p>Meine Frau, und mein Sohn grüßen herzlich.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 1.5em;">Ihr Sie liebender Sohn</span><br /> +Gottlieb Fichte.</p> + + + +<h2 class="new-h2">40.</h2> + + +<p class="right">Teplitz, d. 7. August, 1810.</p> + +<p class="center">Mein theurer Vater,</p> + +<p>Ich werde, wenn alles nach meiner Berechnung geht, +künftigen Montag d. 13. Abends mit den meinigen, Sie +besuchen; auch d. 14ten noch größtentheils bei Ihnen zuzubringen. +Das Nachtlager jedoch werde ich, um Ihnen nicht +unangenehme Weitläuftigkeiten, und Zurüstungen zu verursachen, +zu Bischofswerda im Gasthofe nehmen</p> + +<p>Ich hoffe Sie alle in der besten Gesundheit anzutreffen, +und dann mündlich das mehrere. Jezt nimmt meine Frau, +die lieber schreibt, denn ich, die Feder.</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="center">[Der nächste Satz von Johanna:]</p> +</div> + +<p class="no-margin-bottom">Ich grüße Sie alle von ganzem Herzen, und hoffe Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>bald zu umarmen, Leben Sie wohl, auf ein glükliches +Wiedersehn</p> + +<p class="right no-margin-top antiqua">Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<p class="aufschrift center">Herrn Christian <span class="antiqua gesperrt" style="margin-right: 10em;">Fichte</span><br /> +<span style="margin-left: 3em;">zu</span><br /> +<span class="antiqua gesperrt" style="margin-left: 11em;">Rammenau</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 12em;">p. Bischofswerda</span>.</p> + +<p>Noch in demselben Jahre erlitt sein Vater einen Unfall, wobei +namentlich auch Johanna sich zärtlich besorgt zeigt. Die im nächsten +Briefe und später erwähnte Hannchen war Fichte's Nichte, die er zu +sich genommen.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">41.</h2> + + +<p class="right">Berlin, d. 1. Dezember. 1810.</p> + +<p class="float-left">Lieber Vater,</p> + +<p>Die Nachricht von Ihrem Falle hat mich schmerzlich +betrübt, so wie uns Alle. Ich hoffe aber, daß dies, bei +Ihrer übrigen Gesundheit von keinen weitern übeln Folgen +seyn soll. Um mich desto fester zu versichern, daß Sie sich +an Pflege und Heilmittel nichts abgehen laßen, sende ich +sogleich jezt das Quartal auf Weyhnachten. Bei uns steht +alles beim Alten. Daher übergebe ich meiner Frau die +Feder, die schon noch Worte finden wird.</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="center">[Von Johanna:]</p> +</div> + +<p>Ich übernehme die Feder gerne, um Ihnen zu sagen, +daß wir sie inständig bitten, sich ja zu schonen, und zu +pflegen; die gute Großmutter, die ich auch herzlich grüße, +versteht ja das so schön, und thut gewis alles mögliche um +<span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>Sie wieder herzustellen. Ich danke Gott daß mein Mann +in der Lage ist, Ihnen diese Kleinigkeit schiken zu können; +und hoffe auch von der Güte Gottes, daß er Sie erhalte, +und daß wir Sie künftigen Sommer fröhlich wiedersehn.</p> + +<p>Wir sind Gottlob alle gesund, auch Hannchen ist gesund, +dann und wann hat sie ein wenig Kopfweh, dann +schik ich sie in's Beth, wenn sie genug geschlafen hat, so +steht sie wieder gesund auf. Wir grüßen Sie alle von +ganzem Herzen, und wünschen bald frohe Nachricht von +Ihnen.</p> + +<p>Leben Sie wohl! Ihre treue Johanna Fichte g: <span class="antiqua">Rahn</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Weit bedenklicher aber erkrankte der alte Vater in der Mitte des +Jahres 1812, ohne sich wieder zu erholen. Rührend und erbaulich +ist wiederum die christlich ergebene Gesinnung in Johanna's Briefen +an den Sterbenden.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">42.</h2> + + +<p class="right">Berlin d: 17: July 1812.</p> + +<p>Sie stellen sich leicht vor Theurer Guter Greis, mit +welcher innigen Wehmuth, wir die Nachricht von Ihrem +schweren Krankenlager vernommen haben; Gott stärke Sie, +Gott stehe Ihnen bey; und wenn es sein gnädiger Wille +ist, so erhalte er Sie uns noch lange; ist es sein Wille +nicht, so laße er Sie in Ruh, und Frieden hinüber gehn, +ins beßere Vaterland, wo wir Gott näher kommen, und +ihn würdiger anbethen, und preisen können, und wo wir +uns alle wiederfinden werden; ich freue mich mit inniger +Wonne der seligen Zeit, wo auch wir hinnüber gehn werden, +<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>um einer nähern, innigern <ins title="Anschauuug">Anschauung</ins>, und Anbethung +Gottes gewürdigt zu werden.</p> + +<p>Was die irdischen Angelegenheiten betrift, so wird mein +Mann es nicht erlauben, daß der guten Großmutter, das +Geringste genommen werde; sondern Sie soll bis am Ende +ihres Lebens im Besitz alles deßen bleiben, was Sie hinterlaßen; +und weil mein Mann durch den verstorbenen Bruder +das Haus gekauft hat, so kämm es ja ihm zu, und er +hat ein Recht darüber zu sprechen; auch werden wir der +guten Großmutter, wie bis izt, ein bestimmtes an Geld +schiken, so daß sie ruhig leben kann; und Sie Guter Großvater +sich auch darüber keine Sorge machen, der gütige Gott +wird auch sie nicht verlaßen, und wir wollen als rechtschaffne +Kinder <em class="gesperrt">gewis</em> immer für sie sorgen.</p> + +<p><span class="antiqua">Hermann</span> und Handchen grüßen Sie auch von ganzem +Herzen; sie wollen für Sie bethen; und ist es Gottes Wille, +so werden Sie sie auch noch auf dieser Welt sehn, sie wachsen +beyde, sind stark, gesund, und gute Kinder. Ich hoffe +daß Sie die 20: <span class="antiqua">Th.</span> welche im Anfange dieses Monats +geschikt wurden nun erhalten haben. Mein Mann hoff ich +schreibt auch noch: drum sag ich Ihnen von ganzem Herzen +lebe wohl; wo nicht in dieser Welt, so sehn wir uns in +der andern wieder. Der gnädige Gott sey mit Ihnen: das +ist der innigste Wunsch</p> + +<p class="right">Ihrer Johanna Fichte</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="center">[Von J. G. Fichte:]</p> +</div> + +<p>Ich hoffe, mein theurer Vater, daß Sie Sich noch +wieder erholen, und noch bei uns bleiben werden, und ich +<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>Sie noch sehen werde. Ich kann mich mit dem Gedanken +Ihres möglichen Verlustes nicht vertraut machen.</p> + +<p>Was meine Frau in dem vorstehenden schreibt, ist auf +die Voraussetzung gegründet, daß, im Falle des Abgangs +des Vaters mit Tode, die Geschwister sollten theilen +wollen. Ich hoffe, dies fällt keinem Menschen ein. Ich +denke wohl, es versteht sich von selbst, daß, da alles von der +Mutter herkommt, sie alles, was da ist, fortgenießt, bis an +das, Gott gebe noch recht lang entfernte, Ende ihres Lebens. +Außer dem hätte wohl auch ich in diesem Falle ein Wort +mit zu sprechen.</p> + +<p>Ich ersuche darum durch dieses die Mutter dringend, +nichts von der Verlassenschaft wegbringen zu lassen; ich +mache Bruder <em class="gesperrt">Gottlob</em>, der mir schreibt, er werde ohne +meine Einwilligung nichts thun ganz besonders darüber verantwortlich. +Ich will überhaupt aus brüderlicher Liebe und +Achtung hoffen, daß diese Vorstellungen ganz überflüßig sind, +indem es gar niemanden eingefallen anders zu handeln.</p> + +<p class="right antiqua">Fichte</p> + +<p>Falls doch Gott über Sie beschließen sollte, theurer +Vater, diese Zeilen aber Sie noch bei Leben antreffen, so +nehme ich hierdurch mit der Liebe und Verehrung, die ich +immer für Sie getragen habe, Abschied, bis zum Wiedersehen +in einer beßern Welt.</p> + +<p class="right antiqua">F.</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="center">[Ein beigelegtes Blatt:]</p> +</div> + +<p>Wir wußten nicht aus den vorigen Briefen, daß auch +die gute Großmutter krank ist, sondern erfahren's erst izt, +durch Ihren letzten Brief, guter Großvater; Sie können +Sich unsern Schmerz vorstellen, Sie nun beyde leidend zu +<span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span>wißen; wir hoffen doch daß Sie jemand bey Sich haben, +der Sie wartet und pflegt; wie gerne wollten wir es thun, +wenn wir bey Ihnen währen: der gütige Gott steh Ihnen +bey, und das wird er thun, das ist mein, und unser aller, +einziger Trost; meines Mannes Beruf Vorlesungen zu halten, +meiner zur Wirthschaft, und Einquartierung, zu sehn, +und zu dierigen <small>[dirigiren]</small>; <span class="antiqua">Hermanns</span> seiner Vorlesungen +zu hören, Handchen ihre Hausgeschäfte zu thun, dieses alles +bindet uns bis im Herbst am Hause; vom 15: August hören +die Vorlesungen auf, dann soll mein Mann 4: Wochen +im Hause Baaden, so spricht der Doctor, so geht noch eine +lange Zeit hin, vielleicht erholen Sie Sich mit Gottes +Hilfe wieder, wie wir sehnlichst wünschen.</p> + +<p>Es ist Ihnen vielleicht eine Herzensangelegenheit Handchen, +etwas zu vermachen; so haben Sie nur die Güte es +uns zu schreiben, oder schriftlich Ihren Willen dem Prediger +zu übergeben; ich sage dieses nur, damit doch gewis Ihre +Herzenswünsche erfüllt werden. Dieses blätchen leg ich noch +bey, nadem der Brief schon geschrieben war, eh wir Ihren +letzten erhielten. Der Gnädige Gütige Gott sey mit Ihnen; +in einer beßern Welt finden wir uns wieder wo alle Sorge, +und Müh ein Ende hat.</p> + +<div class="weinhold inline"> +<p class="center">[Von Johanna's Hand:]</p> +</div> + +<p>Hier schiken wir Ihnen noch 10: <span class="antiqua">Th:</span> damit Sie Sich +ja pflegen können.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift von Johanna F.:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"><span class="antiqua" style="margin-right: 6em;">Herrn Christian <span class="gesperrt">Fichte</span></span><br /> +in<br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 8em;">Rammenau</span> bey <span class="antiqua">Bischoffswerda</span>.</p> + +<p class="no-indent">Nebst ein Päkchen mit<br /> +10: <span class="antiqua">Th:</span> <span class="gesperrt">Sächsisch</span></p> +</div> +</div> + + + +<div class="new-h2"> </div> +<div><span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span></div> +<h2>43.</h2> + + +<p class="right"><span class="antiqua">Berlin</span> d: 10: August 1812</p> + +<p>Wollte Gott, theurer, innigst geliebter Grosvater, wir +könnten etwas zur Erleichterung Ihrer vielen Leiden beytragen; +ach laßen Sie uns doch schreiben wie es Ihnen +geht; die weite Entfernung von Ihnen, ist uns izt besonders +drükkend, da wir so gerne zu Ihnen eilten, und wenns +möglich wäre Ihnen hälfen; die Hülfe steht allein bey +Gott, mög er sich doch erbarmen und Ihnen helfen; das +ist unser innigstes Gebeth. Mein Mann grüßt Sie auch +von ganzem Herzen, er ist Gott sey Dank gesund, so wie +auch <span class="antiqua">Hermann</span> und Hannchen; alle verlangen auf glükliche +Nachricht von Ihnen.</p> + +<p>Diesen Brief überbringt Ihnen <span class="antiqua">Herr</span> Eysener, den ich +bitten werde uns zu schreiben, wie es Ihnen geht.</p> + +<p>Gottes Güte ist groß, vielleicht hilft er Ihnen bald, +und denn sehn wir uns in diesem Leben noch wieder, wo +nicht, in einer beßern Welt, wo kein Leiden, kein Schmerz +mehr trennt, wo wir Gott inniger anbethen können.</p> + +<p>Leben Sie wohl, theurer geliebter Greis; Gottes +Gnade sey mit Ihnen.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 10em;">Von ganzen Herzen</span><br /> +<span style="margin-right: 4em;">Ihre Johanna Fichte:</span><br /> +g: <span class="antiqua">Rahn</span></p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<p class="aufschrift center"><span class="antiqua" style="margin-right: 4.5em;">Herrn <span class="gesperrt">Fichte</span></span><br /> +<span class="gesperrt" style="margin-left: 4.5em;">durch Güte</span>.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span> +Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737 +gebornen, also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's, +dessen Schluß fehlt. –</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">44.</h2> + + +<p class="right">Elstra, d. 14. <span class="antiqua">Sept.</span> 12.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder</p> + +<p>Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden, +er beschloß sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr. +Seine Krankheit war sehr hart, die Angst und Schmertz Gefühle +verfolgten ihn bis an die letzte Minute des Todtes, +er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche der +Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch +4 Tage vor seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie +Auswurf, daß er ein LungenGeschwüre gehabt hatte, +welche den sehr schweren und kurtzen Athem (von welchen ich +Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer diesen +würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner +und der Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten, +daß wir zu seiner Erquikung und Erleichterung alle nur +mögliche Mühe angewendet und keine Kosten gesparet haben, +wir haben <span class="antiqua">D.</span> Bentsche in Bischofswerda, den in unserer +Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit +zu Zeit selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner +übrigen Patienten am vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit +6 Wochen, anfänglich die mehresten Nächte, späterhin die +mehresten Tage und Nächte und seit 8 Tagen alle Tage +und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo nur +Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen +<span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span>welches man umsonst von fremden Leuten verlangen würde +(das heißt bey uns zu Lande) selbst übernommen.</p> + +<p>Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage +und Nächte treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen, +tragen, heben bey seinen sehr starken Durchfall ihn zu jeder +Minute Reinlichkeit verschaffen helfen, die Aufgesprungenen +geschwollenen Glieder geschmiert und Umschläge gemacht, dem +Waßer welches durch den geschwollenen Weg von selbst nicht +mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu +seiner Linderung übernommen.</p> + +<p>Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht +aus keiner neben Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß +einen Kinde Deiner Art mit dieser Ausführlichkeit gedienet +seyn muß.</p> + +<p>Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein +erblaßter Körper zur Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte +mit Predigt und Paredation, zum Leichentext habe ich +gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein Licht kommt, +und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint +mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr +zu paßen alle sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre +damit volle Arbeit zu geben.</p> + +<p>Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen, +ihn fleißig besuchet und mit Trostgründen aus +der Religion welche vernünftig und den Kenntnißen des +Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese Veränderung +am meisten verlohren hat, ist = die gute alte +Mutter, sie hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im +Alter verlohren, das tröstet und richtet sie noch etwas auf, +<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>daß Du und Deine liebe Frau ihr kräftigen Beystand versprochen +habet, was meine Lage und Kräffte thun können, +werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht.</p> + +<p>Nur ist heute mein Kopf zu sehr voll, und kan vor +heute nicht die vernünftigsten und tauglichsten Pläne, was +mit den Hauße werden soll, und wie die Ernährung der +Mutter am zwekmäßigsten bestimmt werden kann, in Vorschlag +bringen. Die bisherige Einrichtung kan nicht fortgesezt +werden, die Mutter würde, ohne daß sie Ruhe und +Glük genießen könte, dabey sehr viel zusetzen. Kosten vor +Holtz und Licht, allerhand Abgaben, Zechen und Dienste, +Einquartirung und dergl. sind Dinge welche jährlich eine +sehr große Summe erfordern, und welche die Mutter mit +ihren KramLaden, zu welchen sie ohnedies ihr Alter und +schweres Gehör von Zeit zu Zeit immer unfähiger macht +nicht erwerben kan. Ich spüre das C......... glaubet, +oder wenn ich mich in sein Selbst denken will, träumet Besitzer +zu werden, den KramLaden zu übernehmen, und freilich +auf solche Art der Mutter die gleich erzählten Beschwerden +abnehmen will, mit den grösten Leidwesen sehe +ich aber, das C......... einen siechen Körper und einen +schwachen Geist besizt, und auch die Frau unthätig und ungeschikt +ist, er besizt ein kleines Vermögen, und wir wollen +doch seine Pläne, da er doch unser Bruder ist anhören, +doch versteht sich, das wir zu seinen (weil er sich selbst nicht +kennt oder kennen will) oder unsern Schaden nicht übereilt +zu Werke gehen können, Doch können wir diese Veränderung +auch nicht gantz in die Länge hinaus verschieben. Ich werde +Dir mit Hr. Eißnern wieder schreiben und Deinen Herrmann +<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>und Hannen etliche Stük alte Silber Müntzen welche +der seel. Vater ihnen als ein Andenken zu schiken befohlen +hat einsiegeln.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Der hier erwähnte Pfarrer war <span class="antiqua">M.</span> Christian Gottlieb Köthe. –</p> + +<p>Nun war's an unserem Fichte, für seine Mutter zu <ins title="sorgeu">sorgen</ins> und +sie vor etwaigen Benachtheiligungen zu schützen; und er erfüllte im Sinne +eines treuen Sohnes diese Pflicht mit seiner gewohnten Nachdrücklichkeit. +Vergl. oben die Auseinandersetzung zum 12. Briefe.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">45.</h2> + + +<p class="right">Berlin, d. 19. 8br. 12.</p> + +<p class="float-left">Lieber Bruder,</p> + +<p>Weit entfernt, daß Dein so eben erhaltener Brief +v. 6. Oktober mich befremden sollte, hebt er vielmehr einen +Anstoß, den ich an Deinem frühern genommen, wo Du die +Schwierigkeiten für die Mutter, die Wirthschaft zu behaupten, +aus einander setzest, und dafür hältst, dieser C......... +könne doch etwa Vorschläge machen, auf die zu hören sey. +Es ist mir sehr lieb, daß ich mit der Beantwortung dieses +Punctes gewartet, bis Dein heutiger Brief zeigt, daß Du +über dieses Subjekt – es ist mir schon früher vorgekommen, +als ob Du ihn ungerechter Weise in Schutz nähmest – +ganz so denkst, wie ich seit der Zeit von ihm gedacht habe, +da ich schon an ihm als kleinen Knaben Proben einer unbegreiflichen +Bosheit gefunden habe.</p> + +<p>Weiß denn der thörigte nicht, daß, wenn alles andere +wegfällt, ich 1.) das Kaufgeld, womit der seel. Gotthelf das +Haus vom Vater erkauft, hergegeben, und daß mir dasselbe, +nachdem durch des Bruders Tod der Vater wieder Eigenthümer +<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>geworden, nie zurückgezahlt worden, 2.) daß, als die +Schwägerin sich zu Rammenau aufhielt, von meinem in der +Gotthelfischen Verlassenschaft befindlichen Gelde in dem Hause +gebauet worden, worüber ich noch eigenhändige Rechnung des +Vaters besitze 3.) daß mehreres unter den Mobilien mein +ist 4.) daß ich in den lezten 2 Jahren den Eltern über +200 Rthr. geschikt, welche ich, sobald man mich reizt, als ein +<em class="gesperrt">Darlehn</em> betrachten werde. Begreift er nicht, daß alle +diese Summen aus der Verlassenschaft erst an mich zurükgezahlt +werden müssen, ehe eine Erbschaft da ist: und kann +er nicht berechnen, was in diesem Falle übrig bleiben werde? – +Verstehe mich wohl Bruder. Es fällt mir nicht ein, diese +Umstände gegen meine übrigen Geschwister geltend zu machen, +wenn sie sich ordentlich und vernünftig betragen, und durch +Unvernunft meinen Unwillen nicht reizen. Es ist wohl klar, +daß ich mit einem Häuschen in Rammenau nichts anzufangen +weiß, und daß alle die Gegenstände, die etwa in +dieser Erbschaft vorkommen könnten, mir nicht des Holens +werth sind. Aber das will ich, daß man die Mutter bis +an ihr Ende ruhig genießen laße, was entweder das ihrige +ist, oder das meinige. Nach ihrem, Gott gebe noch lang +entfernten Tode, wird sich schon alles finden.</p> + +<p>Um der Sache kurz und gut ein Ende zu machen, geht +zugleich mit diesem Briefe an Dich ein Schreiben an den +Herrn Rittmeister <span class="gesperrt">von Kleist</span>, in welchem ich ihm die +Sache vorlege, und ihn um Schutz für meine Mutter, und +um Bezähmung des schlechten Burschen bitte.</p> + +<p>Die Mutter wird sich meiner oben erwähnten Ansprüche +wohl erinnern. Ich berufe in diesem Schreiben an Kleist +<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>mich um der Kürze willen auf ihr Zeugniß, ohnerachtet ich +alle diese Umstände auch durch schriftliche Documente erweisen +kann. Ich bitte sie, daß sie befragt dieses Zeugniß, +das zu ihrem eignen Besten dient, ablege.</p> + +<hr class="line"/> + +<p>Es ist mir noch ein andrer Gedanke gekommen, wie für +die Mutter am besten gesorgt werden könnte. Es muß aber +erst in dieser Sache Ordnung seyn, ehe ich darüber eine +Aeußerung machen kann. Ich ersuche Dich darum, mir nach +Endigung der Sache wieder zu schreiben.</p> + +<p>... ... ...</p> + +<hr class="line"/> + +<p>So viel über diese unangenehmen Dinge. Jezt zu +etwas das Herz näher angehenden. Schreibe mir doch, so +viel Du kannst, von den lezten Stunden unsres verehrten +treflichen Vaters; auch von dem Leichenbegängnisse, von der +Predigt, deren sehr gut gewählten Text Du mir überschriebest.</p> + +<p>Lebe recht wohl. Die meinigen grüßen (die <em class="gesperrt">meinigen</em>, +sage ich; und dazu zähle ich auch recht sehr Hannchen, +als ein Vermächtniß des herrlichen Vaters.)</p> + +<p>Grüße herzlich die Deinigen von uns.</p> + +<p class="float-right center" style="width: 9em;">Dein treuer Bruder<br /> +J. G. Fichte.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Aufschrift:</p> + +<div class="aufschrift"> +<p class="center"> +Herrn <span class="antiqua">Gottlob Fichte</span><span style="margin-right: 11em;">,</span><br /> +<span style="margin-left: 2em;">Bürger</span><br /> +<span style="margin-left: 7em;">zu</span><br /> +<span class="antiqua" style="margin-left: 12em;">Elstra</span>.</p> + +<p class="no-indent">d. Einschluß.</p> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span> +In diesem und in dem 48. Briefe wird Rittmeister <ins title="vou">von</ins> Kleist, +(vgl. den 9. Brief) als Gutsherr von Rammenau erwähnt. Die +Sache hängt so zusammen: Des oben, zum 2. Briefe, erwähnten Johann +Albericus Sohn Johann Centurius Reichsgraf von Hoffmannsegg +verkaufte das Gut an seinen Schwager Friedrich von Kleist, königl. +sächs. Kreisdirector in Querfurth und Dahme, so wie königl. preuß. +Rittmeister und Ritter des Malteser- oder St. Johannisorden, welcher +es von 1795 an bis zu seinem am 9. Febr. 1820 erfolgten Tode besaß. +Sodann fiel es wieder an den früheren Besitzer Johann Centurius +v. H. zurück, dessen Sohn Conradin Centurius Graf von Hoffmannsegg +der jetzige Besitzer ist.</p> + +<p>Die Drangsale des nun ausbrechenden großen Krieges spiegeln +sich auch in dem engen Rahmen der Leiden, die er Fichte's Mutter +brachte.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">46.</h2> + + +<p class="right">Elstra, d. 30. Octbr. 1813.</p> + +<p class="float-left">Mein lieber Bruder,</p> + +<p>Unsere liebe Mutter wollte schon längst Dir und den +Deinigen ihr Befinden zu wißen thun leider aber gehen die +Posten noch nicht dahin; ich bediene mich der Gelegenheit +diesen Brief mit einen Bekanten welcher nach Frankfurth +zur Meße reiset zu geben. Ich hoffe daß unser Bruder in +Finsterwalde doch endlich wird Gelegenheit gefunden haben +meinen Brief, vom 19. July, (worinnen Dir unsere Mutter +den Empfang von 20 Rthr. von den Studenten Ritschel +bescheinigte) zu übersenden.</p> + +<p>Unsere gute Mutter hat durch den Krieg diesen Sommer +durch wieder viel gelitten so wohl an ihrer Gesundheit +als an ihren Vermögen, sie hatt viel Einquartirung gehabt +und durch Plünderung ist ihr vieles entwendet worden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span> +Den 14 <span class="antiqua">Sept.</span> befürchteten die Rammenauer ihren Untergang +durch Kanonenfeuer, die Mutter wurde mit im Busch +zu gehen veranlaßte, wo sie bey kalter und naßer Witterung +bis zum 17. aushalten muste, doch wurde ihr noch nicht +gerathen ihr Hauß zu bewohnen, sondern sie muste sich in +einem Hauße nicht weit vom Walde aufhalten. Diese Zeit +über war alle Communication unterbrochen, den 21., da die +Franzosen Rammenau räumten, und unsere gantze Gegend +von Rußen überschwemmet war, nahm ich mir vor sie aufzusuchen, +und fand sie in diesen Hause; da ich urtheilen +konnte daß sie von Marodörs in Rammenau weit mehr beunruhigt +würde als in Elstra, (den sie hatte sogar im +Busche und auch in diesem Hauße keine Lebensmittel vorm +Plündern erhalten können) so that ich ihr den Vorschlag sie +zu mir zu nehmen, allein zum Transport waren weder +Menschen noch Vieh zu haben, ich bediente mich also des +Schubkarrens. Ihre Gesundheit war durch Furcht, Unordnung, +entbehrung ihrer gewohnten Lebensmittel zerrüttet, +ich glaubte gewiß daß sie sich beßern würde, doch hatt sich +ihre Gesundheit bis jezt noch nicht wieder eingefunden, sie +ist schwach und matt, und was der Hauptfehler ist, sie kan +fast gar nichts genießen, der Magen nimmt nichts an keine +Poteille Wein ist in unsrer gantzen Gegend nicht mehr zu +haben, alle Vorräthe sind ruinirt und verwüstet, keine Zufuhre +ist nicht möglich.</p> + +<p>Den 24. Octbr ist sie, mit einer Gelegenheitsfuhre zu +Hauße gefahren, denn es ist etwas ruhiger geworden, die +Salvegarden halten die herumstreifeten Kosaken im Zaume. +Das Hauß unserer Mutter ist zum Glük nicht so total +<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>runirt als sehr viele andere, (zwei oder 3 Fenster sind eingeschlagen,) +viele Häuser in Rammenau sind gantz unbewohnbar +gemacht geworden; viele Ortschaften sind, ohne das sie +weg gebrannt sind, ganz runirt, da giebt es Bauern, besonders +an der Straße von Bautzen nach Dresden, die kein +Brodt, keinen Saamen, kein Vieh, kein Geschirre gar nichts, +alle kranke Körper haben, z. B. vom 16. bis 28 May, sind +bloß im Bauzner und Görlitzer Kreyse 71 Dörfer in Asche +gelegt wurden, das Unglük hatt aber seit dieser Zeit täglich +continuirt</p> + +<p>Unsere liebe Mutter läßet Dich, Deine liebe Frau +Deinen lieben Herrmann und Hannen von Hertzen grüßen +und wünschet daß diese Krieges Uebel von Euch entfernt +bleiben mögen, auch grüße Diese alle von mir und den +Meinigen hertzlich.</p> + +<p>Lebe gesund mit den Deinigen. Ich bin</p> + +<p class="float-right center" style="width: 9em;">Dein treuer Bruder.<br /> +J. G. F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>Auch von der alternden Mutter ist uns ein Brief aufbehalten, mit +sicherer Hand in regelmäßigen Zügen geschrieben.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">47.</h2> + + +<p class="right">d. 2. <span class="antiqua">Decbr.</span> 1813.</p> + +<p class="float-left">Innig geliebte Tochter,</p> + +<p>Ich habe sogleich Ihr werthes Schreiben vom 20 <span class="antiqua">Nov.</span> +mit inl. zwey Stük <span class="antiqua">Louisdor</span> richtig erhalten, ich danke +Ihnen von Hertzen; nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit +inniger Rührung, mit Gebeth und Dank zu Gott erkenne +<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>ich die göttliche Wohlthat daß mir die Vorsehung so eine +gute Seele zur Tochter gegeben hat. Ich fühle und bedaure, +daß Sie mich nicht blos mit Entbehrlichkeit unterstützen, sondern, +da ich den Druk der Zeit, und die vielen Aufopferungen +kenne, und den sichern Schluß machen kan, daß auch +mein lieber Sohn in seinem Erwerb beträchtlich zurük gesezt +ist, so kan ich einsehen, daß Sie, aus Liebe zu mir, manches +entbehren werden.</p> + +<p>Ihre guten Nachrichten, daß Sie Gott, bey den überhandnehmenden +Krankheiten gesund erhalten, und daß Sie +ihren lieben Sohn bey sich haben, freuet und tröstet mich.</p> + +<p>Meine Gesundheitsumstände haben sich nicht gebeßert, +meine Kräffte nehmen allmählich ab, ich spüre daß ich seit +etlichen Wochen viel schwächer geworden, auch finden sich von +Zeit zu Zeit, immer mehr unangenehme körperliche Empfindungen, +ich liege nicht beständig ich mache mir Bewegung, +ich habe einen Stuhl im Gange vor welchen ich zubereite, +bey dieser Lebensart bleiben meine Glieder und mein Blut +in wohlthätigerer Bewegung, den Kram habe ich abgegeben, +indem mein Körper darzu nicht mehr fähig ist (und daß besonders +bey kalter Jahreszeit.) Nur bedaure ich, wenn ich +nach Gottes Willen noch eine Zeit lang leben soll, daß mein +Magen so sehr schwach ist, ich kan fast gar nichts genießen, +mich damit zu stärken und zu erquiken. Die gewaltthätigen +kriegerischen Eräugniße, welche sehr schädlich auf meine +schwachen Geisteskräfte wirkten, haben sich, (Gott sey es +Dank) vermindert, ich habe just heute, einen Rußen, zum +Glük einen gesitteten, zur Einquartirung.</p> + +<p>Bei allen Unangenehmen was mich dieses Jahr betroffen +<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>hat ist mir immer sehr bange um Sie und die Ihrigen gewesen, +und habe zu Gott um Ihre Erhaltung geseufzet. Ich +freue mich, und danke es Gott von Hertzen, daß er größeres +Unglük in Gnaden von uns abgewendet hat.</p> + +<p>Da es die Zeit nicht gestattet daß Harrtmanns ihrer +Tochter Nachricht mit beylegen könnten, so sagen Sie Hannchen +zu ihrem Troste folgendes:</p> + +<p>1) Ihre <ins title="Wohnuug">Wohnung</ins> stehet noch unversehrt, ob es schon +in Pulßnitz fürchterlich zugieng (die Stadt wurde sieben +mahl genommen und wiedergenommen) so brach doch kein +Feuer aus.</p> + +<p>2) Wegen der Plünderungen hatten sie Schuz, sie musten +vor Militair baken und hatten Salvegarden im Hause, dabey +gieng es drum nicht so genau ab, es ward ihnen noch manches +genommen und die Umzäunung des Gartens ward im Biviak +verbrandt.</p> + +<p>3) Ihr Bruder ist in seinen Lernen sehr gestört worden, +er hat in Dresden bei der Blokade müßen Hunger leiden, +ist alsdenn eine Zeit bey seinen Aeltern gewesen, und ist +jetzo wieder in Dresden.</p> + +<p>4) Die Epidemie hatt sie noch nicht ergriffen, vor +wenigen Tagen war die gantze Familie noch gesund.</p> + +<p>5) Dore bey ihren Aeltern.</p> + +<p>Gott nehme Sie alle in seinen Schuz, vielleicht erlebe +ich noch die Freude daß Sie mich vor meinem Ende künftiges +Früjahr noch einmal besuchen</p> + +<p>Ihre treue liebende Mutter</p> + +<p class="right">Maria Dorothea verwittwete Fichte</p> + +<div class="weinhold"> +<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span> +<p>Die ganze Reihenfolge der Briefe schließt, nach dem Hinscheiden +der greisen Mutter und dem bald darauf, am 27. Januar 1814, erfolgten +Tode des rüstigen Sohnes, mit einem Briefe des Bruders an +die hinterlassene Wittwe.</p> +</div> + + + +<h2 class="new-h2">48.</h2> + + +<p class="right">Elstra, d. 11 <span class="antiqua">Febr.</span> 1814.</p> + +<p class="float-left">Theuerste Frau Schwägerin</p> + +<p>Ich kan Ihnen das, was ich und die Meinigen über +den Todt meines lieben Bruders, (der nicht blos ein Großer, +sondern auch ein Nachahmungswürdiger guter Mann +war,) empfinde, mit Worten nicht schildern, und Niemand +wird wohl die unheilbaren Wunden, welche Ihnen die Vorsehung +geschlagen hat, mehr fühlen als ich, doch der Trostspruch +eines Hiobs im Unglük kan mich und Sie aufrichten +und erhalten. Gott wird Ihnen beistehen; Ihr Verlust ist +zwar auf dieser Welt nicht zu ersetzen, doch wird Sie und +Ihren Sohn die gerechte Preusische Regierung, welche unsern +Verewigten Freund schäzte, nicht verlaßen.</p> + +<p>Ihren gerechten Anspruch, welchen Sie an der Maße +der Verlaßenschaft unserer seel. Eltern machen, und welcher +sich laut Ihres werthen Schreibens vom 1 <span class="antiqua">Febr.</span> auf Einhundert +Thaler beläuft wird Ihnen von meinem Geschwister +nicht erschwert oder verkürzet werden.</p> + +<p>Gerichtskosten wird die Herrschaft viel machen, sie hat +vorjetzo alles im Beschlag genommen, und wird uns die +Freiheit nicht wieder geben, daß wir vor uns verkaufen +und unter einander theilen können; dieses Recht kam der +Herrschaft zu, und sie hat dieses vor ganz nothwendig glauben +<span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>mußen, weil wir Geschwister in aller Welt zerstreut sind, +und über dieses wird sie Ansprüche an zwei Brüdern machen, +welche Kraft ihrer Lehr Briefe und Kundschaften ihr +Unterkommen finden konnten, ohne sich von der Erbunterthänigkeit +los zu kaufen; und wenn die Herrschaft alle nur möglich +zu machende Kosten abgezogen hat so macht sie noch +5 <span class="antiqua">pr. C.</span> Abzug von der Maße. Häuser zu verkaufen ist +jezt ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, und das Haus auf +beßere Zeiten aufzubehalten ist nicht rathsam, die gar nicht +zu berechneten Kriegsunkosten, und die Reparaturen, welche +der Krieg verursacht hat, (die Gartenzäumung ist gantz verbrannt +worden, und eine bedeutente Haußrepratur giebt es +auch) würden, uns in diesen Falle einen beträchtlichen Theil +von den daraus gelößten Gelde rauben.</p> + +<p>In Rücksicht Ihrer Anforderung glaube ich bestimmt +daß dieses das beste Mittel wäre, wenn Sie Ihre Forderung +von der Obrigkeit unter welcher sie stehen authorisiren +liesen, und an den H. v. Kleist, als Erb-Lehn- und Gerichts-Herr +auf Rammenau übersendeten, nur wünschte ich wenn +Sie mir eine Abschrift davon übersendeten, ich werde mir +es zur heiligsten Pflicht machen diese Ansprüche zu unterstützen +und sollte, wie ich nicht glauben will, der H. v. Kleist +auch <span class="antiqua">pr. C.</span> von den Ihrigen abziehen, so würde ich +wenn ich es nicht hintertreiben könnte, solches auf die +Maße wenden.</p> + +<p>Ich empfehle Sie mit Ihren lieben Sohne den Schutze +Gottes und bethe daß Gott ferneres Unglük in Gnaden +von Ihnen abwenden möge und Sie gesund und bei dem +Leben erhalten, damit Sie vorjetzo eine Stütze Ihres lieben +<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>Sohne seyn mögen, welcher in etlichen Jahren zuverläßig +Ihre Stütze werden wird.</p> + +<p>Meine Frau und Tochter welche äuserst betrübt über +Ihr Unglük sind, laßen Sie von Hertzen grüßen.</p> + +<p class="center">Ihr getreuer Freund<br /> +J. Gottl. F.</p> + +<div class="weinhold"> +<p>So scheiden wir denn von dem großen Manne, den wir von dem +Anfange seiner Laufbahn bis zu seinem Ende in den verschiedenartigen +Beziehungen zu seiner Familie begleitet und auch von dieser Seite neu +lieben gelernt haben, wir scheiden von seinem guten, milden Vater, von +seiner wackeren Mutter – den Vollendeten; wir scheiden auch von +Denen, deren Lebensgang wir nur zum Theil in die Sonnenbahn jenes +leuchtenden Genius hereintreten sehen, von seinen ihm theils ähnlichen, +theils unähnlichen Geschwistern; wir scheiden endlich auch von dem +Charakter, der nach ihm selbst uns am innigsten anzieht, von seiner +edlen Gattin, die ihn um fünf Jahre überlebte, aufgehend in der Liebe +zu ihrem Sohne, dem würdigen Erben seines Namens, in dem Geist +und Seele des Vaters und der Mutter sich verschmolzen haben.</p> +</div> + +<p class="center" style="font-size: 0.9em; margin-bottom: 120px;">Druck von C. E. Elbert in Leipzig.</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Achtundvierzig Briefe von Johann +Gottlieb Fichte und seinen Verwandten, by Johann Gottlieb Fichte + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOHANN GOTTLIEB FICHTE *** + +***** This file should be named 29530-h.htm or 29530-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/9/5/3/29530/ + +Produced by Karl Eichwalder, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/29530-h/images/johanna_fichte.png b/29530-h/images/johanna_fichte.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3d0822f --- /dev/null +++ b/29530-h/images/johanna_fichte.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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