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diff --git a/28938.txt b/28938.txt new file mode 100644 index 0000000..50f8ffa --- /dev/null +++ b/28938.txt @@ -0,0 +1,11288 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ferien vom Ich by Paul Keller + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ferien vom Ich + +Author: Paul Keller + +Release Date: May 23, 2009 [Ebook #28938] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH*** + + + + + + Paul Keller / Ferien vom Ich + + + + + + _PAUL KELLER_ + + Ferien vom Ich + + _ROMAN_ + + + Deutsche Buch-Gemeinschaft + _GMBH_ + + _BERLIN_ + + + + + + Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert + + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, der Verfilmung, der + Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk, + vorbehalten + + _Copyright 1915_ + _by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I_ + _Printed in Germany_ + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS + + + Nach meiner Heimkehr 5 + Die feindlichen Staedte 12 + Das Modebad 28 + Auf dem Weihnachtsberg 33 + Luise 58 + Samariterdienste 69 + In den Tagen des Werdens 77 + Das Kind 88 + Vorarbeiten 95 + Die "Neustaedter Umschau" 104 + Joachim 116 + Weihnachten 131 + Fuegung 136 + Bauernanwerbung 142 + Der Journalist 161 + Die ersten Kurgaeste 181 + Sommerabend 197 + Lorelei 220 + Die "krummbeinige Medizin" 227 + In der Genovevenklause 233 + Die Schlacht bei Waltersburg 241 + Herbst 248 + Von der weiblichen Putzsucht 271 + und Herrn Pieseckes Leiden + Abschiedsabend 281 + Gerichtliches 288 + Aufklaerungen 302 + Vom Bruder und seiner Frau 320 + Freund Stefenson 343 + Der Fuchs und die Sibylle 355 + Advent 367 + Hochzeit und Ende 375 + + + + + + + NACH MEINER HEIMKEHR + + +Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das +Bild des Taeufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand haelt, +plaetschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein +heidnisches Heer an diesem Brunnen voruebergezogen sein; die Recken haben +den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am naechsten Tage +fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den +dunklen Baeumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtueckisch erschlagen +wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weisse +Schemen zum Stadttore herein, die hatten Kraenze um die Stirnen und +laechelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, liess der heilige +Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Haende; denn diese +reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekraenzten zogen +langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf +der goldglaenzenden Hoehe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und +zogen dann fort, weit ueber die rote Sonne hinaus, und der Heilige am +Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bueckte er sich +nach der verlorenen Taufschale, und nun haelt er sie wieder in erhobener +Hand seit vielen Jahrhunderten. + +Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die +Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden +Gauen und Staedten; ihr romantisches Tal war immer so reich, dass sie +Fremdes nicht noetig hatten. + +Der Johannisbrunnen! In seinem Becken liess ich als Kind meine Schifflein +schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins +Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande sass, +laechelte oft veraechtlich ueber diese Reiserouten. Er war drei Jahre aelter +als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine +Abcschuetzen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte +nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein +eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach +ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte +er: es laege am Wetter oder ich staende mit meinem infam weissen +Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische. + +Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und +oben auf dem gruenen Balkon am Brunnenplatz sass unsere Mutter bei ihrer +Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter. + +Wie kommt es doch, dass Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen +koennen, dass er ihnen nicht lieber und groesser ist als alle Kuesten des +Ozeans? + +Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem gruenen +Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmaessig zu +den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine +Ehe schloss mit jenem unselig schoenen Maedchen, dem die Schoenheit zum Fluche +gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder +einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage +machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen, +weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe. + +Nur meine Mutter und ich wussten, dass sie log. Der Fluechtige aber kam nicht +heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, dass er +ausser gerichtlicher Verfolgung sei. + +Er floh nicht vor dem Gefaengnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein +junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage +brachte, nicht tilgen konnte. + +Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am +Balkonfenster und hoerte auf das Plaetschern des Johannisbrunnens. Sie +traeumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen wuerde, von +Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnsuechtig hin +und her gehenden Gedanken. + +Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich +zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein. +Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund. +Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie +sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen riss: + +"Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!" + +So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht +Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt, +jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle grossen +Haefen der Welt. + +Ich fand ihn erst im fuenften Jahre meiner Wanderfahrt und waere bei +fluechtiger Begegnung wohl an dem veraenderten harten Mann mit dem fremden +Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und +Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhaelt, und wurde meiner Sache +gewiss, als der Fremdling sich ploetzlich scheu verbarg und weder an Bord +noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner +Kajuete auf. Er oeffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich +sah. Ich draengte ihn ohne weiteres in die Kajuete und schloss die Tuer. + +"Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim", sagte ich und wunderte +mich ueber meine ruhige Stimme; "du wirst es mir nicht abschlagen koennen, +da ich an die fuenf Jahre hinter dir her bin. Und dass ich auf dein Leben +und deine Entschluesse keinen Einfluss habe, weiss ich von vornherein. Also +versteck dich nicht!" + +"Was willst du?" fragte er muehsam heraus. + +"Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du moechtest von Zeit zu +Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben." + +Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde +Kajuetenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die +rollende See. + + * + +Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem +silbernen Muetterchen. Ich muss schon "silbernes Muetterchen" sagen; denn +nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen +Haende. Alles ist kostbar, edel und weiss an ihr. + +Sie fragte mich nur das eine: "Ist er gesund?" + +Ich sagte ihr, was ich wusste, auch dass er ein braver Mensch geblieben sei, +woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, dass er in einer +geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde. +Darauf hoerte sie kaum, sondern schlug die Haendchen zusammen und jammerte: + +"Warum? Warum?" + +Das war die schwere Frage, ueber deren richtige Beantwortung ich mir auf +der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in +meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begruendungen fuer eine +Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er +nicht zurueck? Warum laesst er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und +Qual? + +Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Saetze, die Joachim gesprochen: + +"Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber +ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann +schreibt ihr wieder, und dann halte ich's nicht aus in der Fremde, dann +muss ich zurueck in diese verfluchte Heimat." + +Sie war ein wenig betaeubt ueber diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung +auf in ihren Augen, und sie sagte: + +"Aber jetzt wird er schreiben?" + +"Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem +langen Suchen erreicht habe." + +"Ich danke dir, lieber Fritz", sagte sie und drueckte mir schuechtern die +Hand. + + * + +Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich gluecklich zu +fuehlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen +sind, gehoert die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht bloss mir in meinem +besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange draussen waren +und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der +Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes fliessen zusammen wie in +einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde +Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Gluecks auftauchen kann. Es +gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder spraenge. Ich +habe in fremden Laendern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat +zurueckkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren - +sie waren schuechtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit +zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest +auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie mussten sich alle +in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natuerlich: der +Star, der aus dem Sueden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht +am ersten Tage. Er schuettelt in der entwoehnten Luft erst sein Gefieder +zurecht. + + * + +Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Brieftraeger aus. +Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er koennte laengst da sein. +Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine +Antwort. + +Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede, +ein Brief koenne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter +schuettelte den Kopf und sagte: + +"Einen solchen Brief wuerde Gott behueten." + + + + + + DIE FEINDLICHEN STAeDTE + + +Ich muss versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein +junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in +sehnsuechtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich +heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die naerrische +Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustaedter zu +erzaehlen beginnen. + +Waltersburg ist eine in einem wunderschoenen Talkessel gelegene Stadt von +2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zaehlung. Der Personenstand +wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Hoehe auf; auf runde +3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Buergermeister, Herr Wilhelm +Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der +Waltersburg Anno 1904 geschenkt wuerde, solle eine goldene Uhr bekommen, +Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein maennliches oder ein weibliches +Wesen betraefe, und diese Ehrengabe wolle er, der Buergermeister, aus +eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel +bewundert. Im naechsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zaehlung +wurde nicht bloss vom Magistrat, sondern auch von der Buergerschaft sehr +eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in +der zweiten Haelfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke +und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide +hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am +30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des +bluehenden Toechterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor +Aerger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt +aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn, +und der entzueckte Vater stuerzte nach dem Rathause und schrie: "Der +dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!" Im Vorzimmer des +Buergermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt. +Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes +angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte +gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht ueber +diese so wenig vom Glueck beguenstigte Stadt. + +Der Buergermeister hielt sein Angebot auch fuer das kommende Jahr aufrecht, +und einige werdende Muetter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der +Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner +siebenkoepfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste +Ratsmann, Baeckermeister Schiebulke, es fuer den richtigen Zeitpunkt, sich +als einen Goenner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits fuer den +dreitausendsten Einwohner eine Praemie auszusetzen, und zwar ein neues +Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins +Stadtblatt, und die Buerger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein +neugeborenes Kind koenne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern +vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind koenne von einer Uhr die Zeit +ablesen, gab Schiebulke giftig zurueck. Da setzte der Wirt vom "Goldenen +Loewen", der ein reicher Mann und ein wenig ruhmsuechtig ist, einen +erschrecklich hohen Trumpf auf: + +"Goldene Uhr und Fahrrad", sagte er, "sind gute Dinge. Nur leider die +Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein +nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe +beweisen und lege 5000 Mark in die staedtische Sparkasse fuer den +dreitausendsten Buerger, den Waltersburg in diesem Jahre erhaelt." So +lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure +Aufregung hervorrief. + +Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Faellen ueberhaupt meist etwas +Unerwartetes geschieht. + +Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Hoehe von 2993 erreicht, als +der vor kurzem nach Neustadt uebersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit +seiner Frau und seinen fuenf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte +und glueckstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fuenftausend Mark +fuer sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend +erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den +frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug, +das gaelte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der +zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe, +und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklaerte im +Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hoeren wollte, unter +Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine +oeffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfuellt sei +und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Praemien zufielen. + +Aller Ingrimm der Welt haette an der Tatsache nichts geaendert: Heilmann +bekam die Preise. + +O unglueckliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Hass, +und alle Maenner gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben +oder die Haare schneiden zu lassen. + +Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschlaeger gar nicht, sondern er +zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurueck und +nahm die Preise mit. + +Waltersburg zaehlte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden +nicht erneuert. Das ist nun einer der Faelle, aus denen das feindselige +Verhaeltnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon +einigermassen erhellt. + + * + +Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden +Staedte Waltersburg und Neustadt nichts geaendert. Und doch ist Neustadt +eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie +kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den maessig hohen +Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, dass die beiderseitigen +Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei +Stadtblaettchen staendig befehden, der Hass gegen die Nachbarstadt bringt +auch noch heute die Koepfe der Waltersburger Stammtischphilister in +Gluthitze und uebertraegt sich sogar auf die Frauen und Kinder. + +Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg +eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm +vorbeigezogen, die Horden des Dreissigjaehrigen Krieges haben vergessen, die +Stadt auszupluendern, so dass Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern +nach dem Westfaelischen Frieden eine der volkreichsten Staedte Deutschlands +war, ein Umstand, ueber den in der Stadtchronik des weiten und breiten +geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei +Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff fuer ein weiteres +Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben +keine besondere "_gloire_" darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg +zu berennen. So war das weisse Lamm in gruenem Felde ein sehr angebrachtes +Wappentier fuer die friedfertige Stadt, und es gehoerte schon die ganze +boshafte Niedertracht der Neustaedter dazu, zu behaupten, weiland der +geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. haette den Waltersburgern das Lamm fuer +ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentuemliche und +unausrottbare Schafkoepfigkeit wohl erkannt habe. + +Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter +Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede +einmal auf den Bahnbau kommt. + +Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten +wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Wuermer, hatte die Regierung +dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke ueber Waltersburg zu fuehren, ja +die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte +die Buergerschaft in die allerschwerste Sorge gestuerzt. Sie sandten zum +Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater moege das +schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg +bedrohe, allergnaedigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht +empfangen, brachte aber in aller Stille ein kraeftiges Wort mit heim, das +ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht +viel schmeichelhafter klang als die Neustaedter Auslegung des Waltersburger +Wappentieres. + +Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde +jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt +entfernt, vorbeigefuehrt. Daselbst wurde auch ein grosser Bahnhof angelegt, +da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte +einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station fuehrte, da sie doch +benannt werden musste, den Namen "Waltersburg-Neustadt". + +Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber +diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Spaeter hat ein Dichter in der +"Neustaedter Umschau" ein Poem veroeffentlicht, in dem es hiess: + + _"Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_ + _Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_ + _Sie haben eine Bahn, die woanders 'rum geht,_ + _Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_ + _Sie fuettern der Hasen und Rehe wohl viel,_ + _Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_ + _Sie sperr'n ihren Fluss, dass kein Fisch hineinschwimmt_ + _Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_ + _Und waer' mal ein Maederle gerne gekuesst,_ + _Da wartet's, bis auswaerts ein Kirmestanz ist."_ + +Fuer dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustaedtern viel Lob und von +den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Pruegel geerntet. + +Neustadt verdankte seine Gruendung einem trutzigen Buerger von Waltersburg, +dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt +Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so guenstige Gelegenheit, +einen grossen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er +mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr, +die bis zu persoenlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit +seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Buergermeister von +Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehoerte, in bitterem +Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Vaeter aus und baute +jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein grosses Hotel, dem er +den Namen "Zur guten Hoffnung" gab. Die "gute Hoffnung" erwies sich +zunaechst als schlecht; denn da das Hotel auf blossem Felde stand, alle +Eisenbahnpassagiere aber fanden, dass sie in der menschenleeren Wald- und +Wiesengegend nichts zu suchen haetten und darum immer schleunigst +weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten +abgerechnet, die am Abend ihr Schoepplein tranken, und an August Bunkert +kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, dass der +neuerungssuechtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu +ihrer Ehre muss gesagt werden, dass Bunkert vielen leid tat und dass man dem +verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art +wieder auf die Beine geholfen haette, wenn es dem Ausreisser nur eingefallen +waere, zurueckzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art +der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte. +August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf +einen Brief seines buergermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er +denn auch den Rest seines schoenen vaeterlichen Erbes noch vollends +verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal +ueberlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich guenstig. Die grosse +Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert uebertragen wurde, hielt ihn +zunaechst ueber Wasser, und endlich gelang ihm der grosse Schlag. Er brachte +eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Grossstadt zusammen und +kaufte als deren Funktionaer oder Generaldirektor, wie er sich lieber +nannte, alles Waltersburger Gelaende auf, das jenseits des Weihnachtsberges +gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Haende ueber den Koepfen +zusammen. Hundert Taler ueber den ortsueblichen Preis hinaus gab Bunkert fuer +jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich, +ihre entlegenen Laendereien unter so glaenzenden Bedingungen loszuwerden. +Innerhalb von eineinhalb Jahren besass kein Waltersburger mehr jenseits des +Berges auch nur einen Halm. + +Die ganz Gewissenhaften aber schuettelten die Koepfe und sagten: Dieser +Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein +Hochstapler, und man sollte doch sehr ueberlegen, ob man den unangebrachten +Preis annehmen duerfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland +nie und nimmer herauswirtschaften koennten. Doch auch diese ganz +Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld. + +O du grossmaechtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August +Bunkert erworben, an den gruenen Wiesen, am Flussufer, den Weihnachtsberg +hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen, +Einfamilienhaeuser, Sommerwohnungen, Baderaeume, ein Kurhaus, eine +"Wandelhalle" bauten sich auf, ein Basar fuer Lebensmittel, ein anderer fuer +"Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstaende" wurde errichtet, Hunderte und aber +Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschaeftigt. Und alle Haeuser +baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann. + +Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spoettisch und +veraechtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei +sich: Was tut sich? Da erschien in den grossen hauptstaedtischen Blaettern +ein Inserat: "Waltersburg-Neustadt, entzueckend am Suedabhange des 450 Meter +hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in gruenes +Wiesen- und Flussland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des +Naturgenusses, bei vorlaeufig nur fuenf Mark pro Quadratmeter Bauland +(Anzahlung von 3000 Mark an) fuer alle, die sich ein Eigenheim gruenden +wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fuenfviertel Stunden von +der Hauptstadt entfernt. Grosser Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller +Schnellzuege. Taeglich zwoelfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an +Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten." + +Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so +grossen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute +lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer +Beklommenheit. Am Abend sass ein ganzer Stammtisch im "Goldenen Loewen" mit +der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen +Land koste, wenn das Quadratmeter auf fuenf Mark komme. Niemand kriegte es +heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den +Amtsrichter Knopf verliess seine akademische Bildung; er knurrte, er habe +ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben koenne ueberhaupt immer +nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer +Herder, und der erklaerte: + +"Ein Morgen altes Mass ist ungefaehr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat +10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter gross. +Kostet ein Quadratmeter fuenf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel, +also 12 500 Mark." + +Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Maenner, +die noch mit am Tische sassen, heftig mit den Faeusten auf den Tisch, und +zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er +muesse sich taeuschen. Der aber sass mit der Wuerde eines Mannes, der von der +Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl ueberzeugt ist. Sein ganzes +Wesen sagte: meine Rechnung stimmt. + +Da wurde zunaechst eine grosse Stille. Dann sagte einer: "Wenn das wahr ist, +sind die Kerle grosse Gauner; 1000 Mark haben sie fuer den Morgen gegeben, +12 000 Mark verlangen sie." + +Schweigen. Nach fuenf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten +Ziffern auf und sagte: + +"Sie arbeiten mit elf Prozent." + +"Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu", bemerkte der +Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter. + +Der schuettelte den Kopf, was in diesem Falle "ja" und "nein" heissen +konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte: + +"Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000 +Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent +Gewinn." + +Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Baeckermeister Schiebulke, der +gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Gruebeln. Seine +Seele wanderte zurueck bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er: + +"Ja, natuerlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent." + +Da hoben sich die Faeuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese +Ueberraschung war zu gross und schwer; die Haende sanken still herab ... + +Was die allergroesste Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg +zum grossen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte, +war auf dem besten Wege, ein aufbluehender Badeort zu werden. Zwei +"Quellen" waren entdeckt worden, von denen die eine "Kaisersprudel", die +andere "Felsensprudel" hiess, und die beide nach dem Gutachten eines +sachverstaendigen Professors aus der Hauptstadt "hervorragend radioaktiv" +waren. Die Neustaedter feierten Siegesfeste, waehrend die Waltersburger vier +Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort "radioaktiv" richtig aussprechen +konnten, und natuerlich auch dann noch nicht wussten, was das sei. + +Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung +auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger +heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im +"Loewen" statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe +abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die +Decke. + +"Wie - wie bei Champagner", stammelte Herr Hirsemann. + +"Bloedsinn", knurrte der Amtsgerichtsrat; "das is Kohlensaeure; die is dem +Wasser eingepumpt; alles kuenstlich, nichts natuerlich; ich kenn doch die +Wasserpfuetzen drueben - Betrug is es, glatter Betrug!" So wartete man, bis +sich die Kohlensaeure verfluechtet hatte, dann trank der Baecker und sagte: + +"'s schmeckt 'n bissel salzig." + +"Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben", grollte der +Richter. + +"Salzig kann man nicht sagen", meinte der Getreidekaufmann Schneider, +"sondern so mehr saeuerlich!" + +"Ja, weil Sie von gestern noch 'ne saure Schnauze haben", zuernte Herr +Knopf. + +Unter solchen Umstaenden haette der Loewenwirt, der auch mit probierte, mit +seiner Aeusserung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu +schmecken, zurueckhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr +ihn an: "Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre +eigenen Zigarren, muss Ihnen natuerlich alles nach Schwefel schmecken." +Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere +gewoehnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert. + +Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die +Neustaedter hatten sich fuer ihr Bad einen Propagandachef engagiert. + +"Propagandachef!" - Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der +Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustaedter aber wussten +nicht bloss, dass es so etwas gaebe, sie engagierten es sogar. Und der +Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Baecker +abends im "Loewen": + +"Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefuehl." + +Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsaechlich deswegen, weil er +immer widersprach: + +"Jude hin, Jude her! Es is 'n alter Witz, dass in den ganzen Antisemitismus +nich eher 'n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst +machen. Wenn die Neustaedter ihre faule Sache deichseln wollen, mussten sie +'n Juden nehmen, 'n Christ ist viel zu daemlich dazu." + +Der Baecker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden, +verliess er das Lokal. + +Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt. +Es war ein entzueckend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit +reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen +pries Neustadt in so berueckender Form, dass eigentlich jeder Mensch zu +bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach +Neustadt abreiste ... + + * + +Die feindlichen Staedte! Vielleicht, dass mir der lustige Hader die Zeit +verkuerzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch +vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. "Ich kann +nicht mehr schweigen; ich gruesse dich und Fritz. Aber schreibt mir keine +Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid." + +Mit diesem Telegramm sass die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach +Hause kam. Sie sprach nicht, sondern uebergab mir nur wortlos die Depesche; +aber sie sah mich stolz und verklaert an, als wollte sie sagen: "Sieh, +solch einen guten Sohn habe ich!" "Ich freue mich ueber Joachim", sagte ich +und liess sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen +hinunter, dessen Wasser einfoermig rann. + +Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine +Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hoelle gewandeltes Paradies. Es +gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit +einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm naeher stand als der +Bruder, und es war eine schoene Stadt, die ihm lieber war als der +Geburtsort; das war Heidelberg. + +In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen. + +Darueber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her +faehrt, nicht mehr hinweg. + + + + + + DAS MODEBAD + + +Dieser 5. April war ein sehr merkwuerdiger Tag. Ich war drueben in Neustadt +und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im +klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des +alten Sanitaetsrats in Waltersburg uebernehmen solle. Der Alte will sich zur +Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein +ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern faellt es niemals ein, krank +zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: "Wenn +einer nicht gerade unverschuldet verunglueckt, ist es eine Schweinerei, +krank zu werden. Denn wenn einer vernuenftig lebt, wird er eben nicht +krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrisst." So +erschien dem Pfarrer der Sanitaetsrat immer hoechst ueberfluessig, wie +andererseits dem Sanitaetsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer +ueberfluessig erscheint. Persoenlich aber vertragen sie sich recht gut, +spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen +gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der +Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitaetsrat beide fuer ueberfluessig halten; +denn ausser dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand +eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch hoechstens drei +Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem +"Gruessfuss", und der Sanitaetsrat behauptet, dass der Richter seinem einzigen +"Kunden" immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also fuer einen, der keine +Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu +werden. Im Herzen waere es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg +niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht +traue, und mich also dort gewissermassen mitschuldig zu machen, den Leuten +das Geld aus der Tasche zu ziehen. + +Heute war ich drueben in Neustadt. Waehrend der fuenf Jahre meiner +Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit +amerikanischer Rapiditaet emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel ueber +den "Sprudeln", die "Promenade" mit ihren unendlich gepflegten, unendlich +bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das +"Polnische Lied", den "Einzug der Gaeste in die Wartburg", das +"Fruehlingslied" von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein +unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem +Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und +der Floetist an der Rampe des "Musikpavillons" wie ueberall mit den +vorbeiflanierenden Maegdelein liebaeugelten; ich sah auf den Estraden leerer +Restaurants Kellner lauern, die wie Braeutigame gekleidet waren oder wie +Leichenbitter, fuenfunddreissig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen +sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte +Koechin bereitet; ich sah eine "Wandelhalle" mit Schaulaeden, in denen die +schoenen und ach so "preiswerten" Broschen prangen, die man den +Dienstmaedchen als "Mitbringe" schenkt und deren Goldglanz mindestens +anhaelt, bis das Maedchen am naechsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte +Glaeser mit der Aufschrift "Zum Andenken" oder "_Souvenir de Neustadt_", +Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei +Baeren auf einem Amboss pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele +Kunstgegenstaende, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkuendete, +dass ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter +debuetieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk "Geheimnisse von Neustadt" +zur Auffuehrung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg +Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Buehne, die Hauptrolle +kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in +ein Cafe und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir +das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der +schon immerfort nervoes hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie +lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit +Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzaehlte mit +unertraeglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner +Krankheit, wofuer sich dieser so interessierte, dass er waehrend der Zeit des +Zuhoerens das ganze Mittagsblatt durchschmoekerte; drueben an der Wand +stritten zwei rote Koepfe laut ueber Nietzsche; eine voruebergehende Mutter +machte ihrer bleichsuechtigen Tochter Vorwuerfe, dass sie ihren Brunnen statt +um fuenf erst um fuenfeinhalb Uhr getrunken habe, was natuerlich furchtbar +schaden koenne; Gents und noch viel mehr Pseudogents taenzelten vorueber, und +in der Kapelle drueben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen: +"Das Meer erglaenzte weit hinaus im lichten Abendscheine". + +"Auch Sie, Fraeulein Trude", hoerte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu +seiner sechzehnjaehrigen Begleiterin sagen, "haben mein Herz vergiftet, +zwar nicht durch Ihre Traenen, wohl aber durch Ihr Lachen." + +"Aber Herr Lempert", sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh +nach Waltersburg und ging. Draussen auf den Promenadengaengen das gewohnte +Publikum; die galizische Juedin mit etwas schmierigen Spitzen am +Halsausschnitt und den grossen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem +hocheleganten weissen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der +"Kuenstler", dessen Kraft wie bei Samson in der Fuelle der Locken sitzt und +der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen +Mundwinkel eingeuebt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders +hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiss weder +er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch); +die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende +Einsame, der keinen Anschluss findet; das laute Maedchen, das immer zehn +Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschaeftsfreunde, die +auch hier ueber ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde +Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die "Patienten", die +gewissenhaft aus geschliffenen Glaesern das Neustaedter Wunderwasser +schluerfen, als koennte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen +Jahren krank ward. + +Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach +Hause und waehlte als Heimweg den Pfad ueber den Weihnachtsberg, der als +Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt. + + + + + + AUF DEM WEIHNACHTSBERG + + +Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwuerdiges Gasthaus. Es sieht aus wie +eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbruecke, +Butzenscheiben und was so dazu gehoert. Das echteste von dem ganzen +romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hiess, weil er einen langen +Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er +Eberhard hiess. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien +Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Hoehe so gute Tage, +dass ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war fuer die +Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie +aengstlich, sehnsuechtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges +hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den +Gipfel huellte, flammte da oben ein maechtiges Bergfeuer zum Himmel, und +eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: "Vom Himmel hoch, +da komm ich her." + +"Er kommt, er kommt!" stiessen da die Kinder heraus, und die kleinsten +zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Gelaeut +der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis +prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die +wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und +Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die +reichen wie die armen, die grossen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und +Grossmuetter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam, +winkten die Kinder mit den Haenden, die Vaeter nahmen die Muetzen ab, und die +Tanten und Grossmuetter machten tiefe, ehrfuerchtige Knickse. Der Knecht +Ruprecht aber sass da auf seinem tannenbekraenzten Thron wie ein Koenig und +nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und +winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und +Reichen, an die Gerechten und Ungerechten. + +Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die +Fackeltraeger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans +Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg +hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich. + +Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustaedter +und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war, +sein Gasthaus fuer einen guten Preis ab. Die Neustaedter machten aus der +alten edlen Burgherberge ein "Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm +und im uebrigem allem Komfort". Es wurden hoelzerne Veranden mit grossen +Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte oede +Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der +modernen Zeit. + +Dass schweres, reines Altgold in duennes Flitterblech gewalzt wurde, +empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend +vergebens ausspaehten nach dem leuchtenden Hoehenfeuer und der suessen, +verheissungsvollen Melodie: "Vom Himmel hoch, da komm ich her." + +In Gedanken an alte, schoene Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So +sentimental war ich aber nicht, um dem neuen "Etablissement" auszuweichen; +dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel +Schifflein scheitern sehen, um so eine Ungluecksstelle feig zu umsegeln. +Ich kehrte in dem "Etablissement" ein. In der grossen Glasveranda waren +drei Kellner und ein Gast anwesend. + +Dieser einzige Gast sass am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tuer +hereintrat. Daraus erkannte ich, dass er kein Deutscher war. Im uebrigen +genuegte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den +Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter +den bunten Finken. + +Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen, +wenn es gilt, einen "Uncle Sam" zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den +glattrasierten, rasiermesserduennen Mund, die etwas schlottrige Figur mit +den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den +karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die +Stube, stellte fest, dass achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war, +und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenueber, ohne ihn zu +gruessen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins +Tal. Ich beachtete ihn auch nicht. + +Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz +still. + +Endlich blickte der Mann mir gegenueber auf und sagte, indem er nach +Neustadt hinunterwies: + +"Das ist ein sehr albernes Nest da unten!" + +Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch: + +"So kann man schon sagen. Es gefaellt mir auch nicht." + +"Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben." + +"Woraus schliessen Sie, dass ich in Amerika war?" + +"Ich denke es mir." + +"So, so!" + +Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm "Uncle Sam" das +Gespraech wieder auf: + +"Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?" + +"'Nichts' kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig +unnuetze. Das sage ich." + +"Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?" + +Ich zuckte die Achseln. + +"Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die +noetige Musse zu solchen Traeumen hatte." + +"Sie sind Schiffsarzt?" + +"Ich war es." + +Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein +wenig vom Stuhle auf und sagte: + +"Mister Stefenson. Oel und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und +Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?" + +"Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrueckte Idee!" + +"Verrueckte Idee ist schoen. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet +einen sehr grossen Mangel an verrueckten Ideen. Es ist zu brav, es macht +zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die ueberraschende Pointe. +Der Amerikanismus ist besser." + +"Das sagen Sie so!" + +"Es ist so." + +Ich war verstimmt und schwieg. + +"Nun?" fragte er ungeduldig. + +"Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, wuerden wir +viel Zeit brauchen; am Schluss wuerden Sie mich doch nicht verstehen. So was +liegt Ihnen nicht." + +"Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir", gab er zur +Antwort. + +Da kam ich in Laune und sagte: + +"Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreissen. Ich will mal annehmen, +meine Heilanstalt bestaende schon und Mister Stefenson kaeme zu mir als +Kurgast." + +"Das ist gut! Das ist instruktiv!" rief er. "Wie heisst Ihr Sanatorium?" + +"Ferien vom Ich." + +"Wie?" + +"Ferien vom Ich." + +"Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht +nicht." + +"Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde +ich Ihnen kein Wort ueber meine Heilanstalt sagen. Dass Sie den Namen nicht +ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute." + +"_Well_; ich sage nichts mehr. Ich hoere." + +"Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses +Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt 'Ferien vom Ich'. +Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz +zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehoert und hauptsaechlich darum, +weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach +Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern +an." + +Mein Gegenueber nickt. + +"Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser." + +"Der Ankoemmling findet in der Naehe von Waltersburg ein Gelaende von Wald, +Huegeln, Gaerten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, ueber die kein +Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt +alle, hier ist eine Welt fuer sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor. +'Ferien vom Ich' steht darueber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen +ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlaegt einmal +an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der oeffnet das Tor. Er ist nicht +in der weltueblichen Tracht, er traegt Pluderhosen, Sandalen an den Fuessen, +eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhaeuptig. Vor +Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: 'Lieber Freund, Sie +sind wohl wenig unterrichtet, sonst kaemen Sie nicht mit solch unnoetigem +Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepaeck +unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und +kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.' + +Mister Stefenson aergert sich nicht wenig ueber diese Ansprache des +dienstbaren Geistes, aber er will hinter den 'Trick' kommen, deshalb winkt +er seinem Gefolge ab und geht in das grosse Ferienheim des Lebens. Die +Pforte faellt hinter ihm zu. Sein Begleiter fuehrt ihn eine Lindenallee +bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstuecke. Am +Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine +Einsiedlerhuette. Das Haeuschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist +bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte, +aber geschmackvolle Moebel und gute Bilder an den Waenden. In dieses Zimmer +fuehrt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: 'Hier bleiben Sie, lieber +Freund, zwei Tage und zwei Naechte. Lesen Sie die wenigen Blaetter, die auf +dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens- +und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst +nicht gefaellt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der +Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den +ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu +helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden +Sie sich mit den Blaettern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab, +koennen Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so +haengt hier am Nagel an der Tuer ein Schluessel, der die Pforte unten an der +Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schluessel von innen stecken und schlagen +Sie die Pforte von aussen zu. Zu bezahlen haben Sie fuer das, was Sie +inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, dass Sie einmal dagewesen +sind.' + +So sagt der Torwart, und dann laesst er den verwunderten Herrn Stefenson +allein. + +Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen. +Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Blaetter aufsagen, sondern nur +einige wenige Saetze hervorheben. 'Betrachte dein Leben mit allem, was es +gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genuessen, Suenden, als eine +Anstrengung, die dich muede gemacht hat und deine Kraefte zermuerben wird. +Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Loese +dich zunaechst los von dem Goetzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von +dir so zaertlich geliebten Ich. Entkleide diesen Goetzen allen Tandes, den +du ihm mit grossen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden +Namens, seiner Genusssucht, seiner Herrschsucht ueber Geld und andere +Machtmittel.'" + +Hier unterbrach mich mein Zuhoerer. + +"Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen +Sie es einfacher und instruktiver!" + +"Schoen! Nehmen wir also an, dass jener Herr Stefenson die zwei Tage und +zwei Naechte in dem Einsiedlerhaeuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen. +Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und +ohne jede Einleitung sagen: 'Ich habe Ihre Blaetter gelesen und muss Ihnen +sagen, Herr Doktor, dass mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum +Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem +Ferienheim nicht mehr Stefenson heissen, sondern einen anderen Namen +haben?' + +'Setzen Sie sich', wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die +Bank neben der Haustuer druecken. + +'Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.' + +Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr +Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst ueber sein Leben +niedergeschrieben hat. 'Ich werde die Blaetter mitnehmen', sagt der Doktor, +'und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript +zurueck und koennen es selbst vernichten.' 'Das ist so aehnlich wie bei +Lahmann', sagt Stefenson. 'Ja', nickte der Doktor, 'ich habe vieles von +Lahmann, der wieder vieles von Priessnitz und anderen hat. Wenn einer +hochkommen will, muss er immer auf die Schultern anderer steigen.' + +Der Arzt unterhaelt sich nun lange mit Mister Stefenson und erklaert ihm +auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. 'Sie +sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der - sagen +wir - John heisst; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun. +Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad, +zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt, +befeindet, belogen, betrogen - arbeitet und amuesiert sich halb zu Tode, +hat mancherlei Schwaechen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude +am Leben verkuerzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter +Mensch, waehrend dieser John hier keinen liebedienernden Tross, keinen +vorteilssuechtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher +unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten +arbeitet, nicht weiss, ob dieser Mann draussen in der Welt ein Fuerst oder +Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz +koestlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen +abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den +Grossen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verraet sie nicht. Dass der +Patient waehrend der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist fuer den Erfolg +fuer uns eine grosse Hauptsache. Der Name ist meist die staerkste Kette, die +mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie muss in Ferientagen geloest +werden. Und waere der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten +Kaufmanns gewiss ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist - wer richtig +ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der +gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht +zu werden. Und fuer uns hat es noch das eine Gute: Es haelt uns alle +albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk; +wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst. +Im uebrigen hoffe ich, dass Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen +wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr. + +Wovon Sie weiterhin erloest werden muessen, ist das Geld. Sie haben waehrend +Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich +tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis +zu Ihrem Austritt, abzueglich des Betrages fuer Ihren Kuraufenthalt. John, +der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen +Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit gluecklich, nicht den ganzen Tag +ueber sich Haende entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie +es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche +schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche fuers Taschentuch +- Geld hat er nicht, Schluessel, Messer, Taschentoilette, Fuellfederhalter, +Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird ueber +Bord geworfen. + +Auch die Uhr! + +Es geht John gar nichts an, wie spaet es ist, es ist gaenzlich ohne +Interesse fuer ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr +sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu aengstigen, +er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht +versaeumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie +werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal +nach der Uhr sehen muss! Die Uhr, die ueber dem Herzen schlaegt, schlaegt +schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer +groesserer Eile anspornen - und der Weg fuehrt doch ans Ende des Lebens. +Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher +wird bei uns ausser Taetigkeit gesetzt. + +Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn +auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Grosskaufmann von +Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob +Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im +'Voelkerbund' fuer Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal +das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist - kurz, John +liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson, +auszufuellen hatten, steht: 'Wie lange lesen Sie durchschnittlich taeglich +ueber der Zeitung, wie lange also im Jahre?' Sie haben den taeglichen +Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jaehrlichen also auf 274 Stunden +berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie +aufs Zeitunglesen dreissig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres. +Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: 'Schreiben Sie kurz +nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektuere aus dem vorigen und aus dem +vorvorigen Jahre noch wissen!' Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen, +steht auf fuenf kleinen Blaettern, und Sie geben es ehrlich an, dass es Ihnen +schwere Muehe verursacht hat, diese fuenf Blaetter zu fuellen. Vom vorvorigen +Jahre wussten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz grosse Ereignisse +standen noch im Gedaechtnis. Nun ist ja sicher, dass durch das Zeitunglesen +viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber +Sie selbst muessen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines +ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitoekonomische geht uns +uebrigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf +sich nicht das Fruehstueck verderben lassen, weil Herr Stefenson in +ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen Aerger ueber einen +Deputierten saugen wuerde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede +gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darueber, dass +einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist; +John disputiert nicht eine Stunde lang darueber, ob das Buendnis zwischen +den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet +auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Fuer Herrn +Stefenson aus Amerika moegen die nervenanstrengenden Dinge, die taeglich in +der Zeitung stehen, wichtig, ja unerlaesslich sein; denn Herr Stefenson +steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht +druecken; aber ich - o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des +Lebens geht mich rein gar nichts an. + +Es kommt noch eins hinzu - John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne +ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist, +behaelt er die Hauptfaeden seiner geschaeftlichen Angelegenheiten immer in +der Hand. Er laesst sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen, +er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch +auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John +sagt: Wenn Herr Stefenson tot waere, ginge es auch; folglich geht es auch, +wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als +wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal +gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand +nehmen und sagen: Sei froh, dass du mal ausgeschieden warst, du hast +inzwischen glaenzende Geschaefte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt, +wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten ueberlaesst. + +Im Ferienheim gibt es taeglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die +Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schliesst, dass er +ueber einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben muesse, der geht in die +Kanzlei, dort liegen dreissig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald +beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verlaesst er die +Ferien und geht in die Lebensschule zurueck. Bis jetzt sind nur drei +Prozent unserer Feriengaeste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu +lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschlaege. Sie sind zu +ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie +auf einige Zeit gar nichts an. + +Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen +Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten +treiben. Eine der allergroessten Hauptpersonen ist der Brieftraeger. Man kann +sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten +Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein +paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, dass sich +der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in +menschenfresserischer Laune; das Toechterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch +gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt +befragen, was ohnehin natuerlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die +Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der +Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurueck und bricht fast +in Traenen aus ueber die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der +blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes +Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das +Schreiben eines 'Freundes', das ihm suggeriert, seine Stellung sei +erschuettert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. - Die +Aerzte koennen sicher rechnen, dass das, was sie in einer Woche aufbauen, +manchmal der Brieftraeger in zehn Minuten einreissen kann. + +Und deshalb wuenscht das Ferienheim sehnlichst den Brieftraeger zum Kuckuck, +weil er die Ferienruhe stoert, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts +anderes steckt, als ermuedende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb +bitten wir unsere Feriengaeste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns +lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im +Notfall an mich; alles Kleine lasst weg, erzaehlt es mir, wenn ich +heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu +gegeben waeren. Bedenkt, dass mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich +in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das +Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht +ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fuss sitzt. + +Das ist eine scheinbar harte Massregel des Ferienheims, die viele gehindert +hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung +als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen grossen Teil seines +Erholungsaufenthaltes an ein Postbuero binden will, soll anderswo hingehen. + +Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres +Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne +Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unnuetze Briefschreiben +oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und +Bekanntschaftsfesseln. + +Sie merken schon, Mister John, dass ich an alte Klosterideale angeknuepft +habe. Nur, dass es sich eben nicht wie beim Kloster um die +Lebenseinrichtung ueberhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens +handelt, und dass wir nicht aus religioesen, sondern aus sanitaeren +Beweggruenden handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befaehigt noch berufen. +Aber - um auch diesen wichtigen Punkt zu beruehren - wir empfehlen allen +denen, die noch eine religioese Anschauung haben, aus reinster +Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen +Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergroesste +seelische und darum auch die allergroesste koerperliche Wohltat. Ein Arzt, +der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt ausser +acht liesse, waere ein Stuemper. Deshalb wird all unseren Feriengaesten +Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es beduerfen. Dass wir uns +dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen +enthalten, ist ganz selbstverstaendlich. + +Die aerztliche Behandlung wird natuerlich fuer jeden Feriengast individuell +sein; fuer Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr fuer die Mueden, fuer +die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, fuer die, +die gern noch einmal mit frischen Kraeften von vorn anfangen moechten. + +Fuer die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumsuechtigen hat man jetzt +draussen Entziehungskuren, die grossen Segen bewirken; wir wollen hier allen +denen Entziehungskuren gewaehren, die auf irgendeine Weise vom Leben +vergiftet sind. Ganz generell werden alle erloest von allem Eitlen und +Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drueckenden Last oeffentlichen und +privaten Lebens, von unnuetzen Beduerfnissen; individuell sollen sie erloest +werden von ihren Krankheiten, Lebenssuenden und Lebensschwaechen, von +unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die +kostbare Faehigkeit zur Freude wiedergewinnen. + +Wir scheiden aus dem Ferienheim die ueblichen Vergnuegungen aus. Sie finden +bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Frueh-, Mittags- und +Abendkonzerte, keine Spielsaele, Taubenschiessen, Theater- und +Varietevorstellungen, keine prunkhaften Umzuege und italienischen Naechte - +denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und +betruegt alle die, die mit neuen Kraeften nach Hause kommen wollen. Wir +suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschaeftigung in +frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete +umgraben muessen, auch werden Sie sich gelegentlich am Faellen eines Baumes +oder am Holzsaegen beteiligen muessen; es kann aber auch sein, dass Sie mal +einen Hecht angeln oder ein paar Koerbe Aepfel pfluecken muessen. Da Sie, wie +Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schoengeistiges Buch +gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und +einem Baendchen Lyrik nicht herumkommen. Waehrend wir bei sogenannten +Leseratten Entziehungskuren machen, muss bei Ihnen in diesem Falle eine Art +Zwangsernaehrung einsetzen. + +Die koerperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natuerlich gut +und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot +selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie ueberlassen. Im +grossen Kuechen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben +gegenwaertig einen Feriengast, der draussen in der Welt eine Schar von +Dienern hat. Auch er muss sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst +bereiten. Anfangs wusste er nichts anderes, als dass er sich Brotstullen +schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter +beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das naechste +Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen +Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann +ergaenzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nuesse +und Fruechte von den Baeumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst +bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf +sein Mahl und ass mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die +vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden +Sie sich z. B., wenn ein kuehler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst +anzuenden und unterhalten muessen. Hobelspaene und Reisig koennen Sie sich +leicht holen, das Holz muessen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister +John, wie warm und goldig solch ein selbstentzuendetes Feuer brennt, viel +wohliger, als wenn es ein Diener angefacht haette. Ein volles Dutzend Mal +werden Sie die Kacheln abfuehlen, wie sie nach und nach warm werden, mit +einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar +andere Feriengaeste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie +eigentlich heissen, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes +bekannt ist, als dass es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu +einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben - wie schoen wird es sein, +mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzaehlen und selbst auf das Feuer +zu achten. + +Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hoeren bekommen; doch nicht oft und +nicht viel. Aber zur Laute wird oefter gesungen werden, und manchmal wird +irgendwo ein Blaeserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der +Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten, +romantischen Tagen. + +Sport duerfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad, +Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen duerfen Sie, aber ohne Geld; +denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen +Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel +zwanzig, und wuerde alles hinterher in bare Muenze sauber umgerechnet, so +wuerde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest wuerde energisch +ausgenommen werden. + +Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen +scheinen, ganz nach aerztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange +ein solcher Ferienaufenthalt waehrt, so muss ich Ihnen sagen, dass die +kuerzeste Frist sechs Wochen betraegt, dass es aber sehr viel guenstiger ist, +wenn die Ferienpause drei Monate oder noch laenger dauert. Die ersten +vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren, +vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie +muessen erst heimisch werden, muessen das grosse Ferienglueck erst ganz +fuehlen, muessen die unaussprechlich suesse Freude empfinden, wie Sie gesuender +und froehlicher werden, dann erst kommt das Heil. + +Aber wenn Sie dann in die grosse, schwere Schule zurueckgehen, werden Sie +mehr neue Kraefte, einen groesseren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie +unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen +gelesen haetten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein +Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung +der Grossstadt hinter seinen Aufgabenbuechern sitzt.' + +Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der +Tuer des Einsiedlerhaeuschens sass, seine Belehrung, und damit ende auch ich, +Mister Stefenson, den Aufschluss ueber das Ferienheim des Lebens, das nur in +meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird." + + * + +Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenueber am Gasthaustisch sass, schwieg +auch. Er hatte die ganze Zeit, waehrend der ich sprach, mit halb +abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich +stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: "Danke sehr! Guten +Abend!", nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner +bezahlt hatte. Ich liess ihn gehen. + + * + +Am naechsten Tage liess sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden. + +"Guten Morgen", sagte er; "ich muss Ihnen sagen, dass mir das gar nicht +passt, dass ich John heissen soll." + +"Wieso - wieso?" fragte ich verwundert. + +"Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich naemlich mal +furchtbar geaergert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte. +Ich mag nicht John heissen. Ich habe mir ein Adressbuch geben lassen und +nach einem einfachen, aber nicht zu haeufigen Namen gesucht. Ich will +Zuschke heissen." + +"Sie wollen Zuschke heissen? Warum - wieso - wo wollen Sie Zuschke heissen?" + +"In Ihrem Sanatorium natuerlich - in Ihrem Ferienheim -" + +"Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein +Phantasiegebilde - eine Utopie -" + +Da sah er mich fest an. + +"Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begruenden." + +Ich schlug die Haende zusammen. + + * + +Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschaeftsmaessig, trocken, sogar ein +wenig muerrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die +Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das +viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere +Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei fuer romantische +Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte: + +"Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr +sprechen." + +Er nahm mich in den Bann der grossen Kuehnheit und Sicherheit seiner Seele, +und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson: + +"Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die +Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir +ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt, +und ich bin ein schlechter Geschaeftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne +gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander +trennen." + +Dann ging er. Ich sass an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal +auf, trommelte mit den Haenden, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa, +rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernuenftiges - ich ging an die +frische Luft. + +So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Fuehrung einer Kriegsarmee +berufen wird, oder einem Dichter, dessen grosses Stueck ueber die Buehne gehen +soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit +einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schoener Traum war, +mit einemmal vor die groesste und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein - +wo waere ein berauschenderes Glueck? + +Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein ueber deinen +schraegen Daechern und alten Giebeln, wie schoen singen die Spatzen am +Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus! + +Warte nur, mein altes Waltersburg, fuer dich kommt, wie fuer das +Dornroeschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will +dich kuessen mit einem heissen, so lebenspendenden Kuss, dass alle Starrheit +von dir faellt und du mitten in wonnigem Leben stehst! + +Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer +weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen - der Traeumerglanz +soll in deinen Augen bleiben, der weisse Schimmer auf deiner Stirn, das +schoene, stille Laecheln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen +beruehmt werden als eine Wohltaeterin der Menschen. + +Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was +wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draussen +in der Welt, drueben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur, +stehe ich vor der bunten Buehne, und weil ich so lange und so oft +zuschaute, taeuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiss, hinter den bemalten +Waenden liegt unordentlich Geruempel und geht rauhe Zugluft durch schlecht +schliessende Tueren. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da +keine Chaussee; eine alte Landstrasse fuehrt ins Gruene. Am Hasenhuegel setze +ich mich auf einen Stein. Mir gegenueber lag der Ostabhang des +Weihnachtsberges. Ueber den Fluss ging der Blick auf ein Hochplateau von +Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das waere der rechte +Ort fuer mein Ferienheim. + +Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort fuer mein Ferienheim finden, in +dieser freundlichen, naerrischen, gesunden Stadt! + +Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land. + + + + + + LUISE + + +Es ist ein Brief angekommen, der mir die ueberschaeumende Freude des Tages +genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei +dem Scheidungsprozess wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er +aber weltfluechtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen +ueberzaehligen armen Wuermern geschieht - es kam "in Pflege". Ein +"kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhaeltnissen +lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige +Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen". + +Ich wusste, was fuer Tragoedien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie +oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. +Und damals war es das erstemal, dass ich meine Mutter nicht verstand. Sie +weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu +erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes +nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen +wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich +entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekraenkt +in ihrer Frauenseele, sie hasste das Weib, das dieses Unheil angerichtet, +zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als +dass ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg haette +finden koennen. Ja, sie sagte mir, dass sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem +"Vaterunser" gestrichen habe. Der Bruder war gefluechtet, ich musste hinter +ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und +ihn schliesslich nach fuenf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen +Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht +weiter kuemmern, ich wusste nur, dass eine entfernte Verwandte das Maedchen zu +dem "kinderlieben" Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten +fuenfzehntausend Mark "Erziehungsbeihilfe" als einmalige Abfindung bezahlt +und berichtet hatte, es scheine sich um ausserordentlich honette und +christliche Leute zu handeln. + +Als ich Joachim in der Schiffskajuete gegenueber sass, indes draussen die +schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, dass er an +die tiefsten Tiefen des Maennerherzens ruehren, dass er eine der +festverschlossenen Tueren oeffnen, und dass die Frage daraus hervortreten +werde: "Lebt das Kind noch?" Joachim stellte die Frage nicht, und als ich +nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob +die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: "Das +weiss ich nicht!" + +Da fiel mir auf, dass die Mutter und Joachim sich sehr aehnlich seien. Ich +bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und +ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stosse mir ueberall leicht +das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die +Raeder kommen, als es Joachim passieren koennte. + +Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief +geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geoeffnet, wie sie zehn oder mehr +andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht +geoeffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich +an mich genommen und ihn soeben gelesen. + +Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung +und noch elenderem Stil die Enthuellung niederster Schakalinstinkte, +Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte +feinere Leute einbildeten - sie setzten Kinder in die Welt, kuemmerten sich +aber nicht um sie, sondern liessen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die +feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heisse, ein Kind +aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Naechte und bei Tag keine ruhige +Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fuenfzehntausend Mark bezahlt +sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das +ganze Stadtviertel bezeugen koennte, und niemand etwas schuldig, aber die +anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bisschen +Geld, das bezahlt worden sei, sei laengst weg. Das haetten allein Doktor und +Apotheke verzehrt; denn wer weiss, was die Luise von ihren Eltern alles fuer +Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe +Menschen waeren, laege das Kind laengst auf der Strasse oder im Grabe. Sie +muessten ihr Letztes zusetzen, um das Maedchen zu erhalten. Aber nun habe das +ein Ende. Sie wuerden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich +auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im uebrigen seien +sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Maedchen in +Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Aerger bereite. + +Solches und noch Aergeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter. + +"Lies den Brief!" sagte ich. + +Sie schuettelte zornig den Kopf. + +"Du musst ihn lesen, Mutter", sagte ich todernst und in hartem Befehlston. + +Sie starrte mich an und wurde blass. + +Ich legte den Brief auf den Tisch und verliess das Zimmer. + +Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf. + +Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Kraempfen. + +"Liebe, gute Mutter", sagte ich und streichelte ihren fruehgebleichten +Scheitel. + +"Aendere es, Fritz", sagte sie muehsam, "aendere es; tue, was du willst, aber +aendere es - es ist entsetzlich!" + +Schmerz und Grauen schuettelten sie. + +Ich kuesste ihr die Hand und sagte: "Ich fahre mit dem naechsten Zuge nach +Berlin." + + * + +Der Zug rollte sein einfoermiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet +fein, glitzernde Troepfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen +schliesslich in schmalen Baechlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen +spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen +Stimmung. + +Ferien vom Ich! Ein Erloesungswort fuer gequaelte Menschen, eine +Zufluchtsstaette fuer muede Herzen, eine friedliche Insel im brandenden +Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen +geleitet. Bitterer Spott ueber mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn +nun einer meiner Kurgaeste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu +gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? +Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt ueber die Unrast +der Zeit und die Kaempfe deines eigenen Herzens? Hast du zunaechst alle +diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den +Frieden gerettet, dass du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen? + +Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er +im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm +durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor voelliger Verwahrlosung zu +retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Traenen zu Hause sitzt, +fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Hass verschollen ist - +fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, dass dieser Mann einer grossen +Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, waehrend ihm der Regen +und der Wind durch die Loecher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein +Geistlicher ist er, der gegen die Suende predigt und selbst ein arger +Suender ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber +eine geheime Schuld drueckt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreissen +will und der selber dem Tode geweiht ist! + + * + +Berlin N. Eine der Proletarierstrassen, von denen jede einzelne mehr +Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fuenfstoeckige Haeuser. Im Erdgeschoss +Geschaefte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine +"Restauration", in deren Fenster Wuerste haengen und Schnapsflaschen stehen. +Auf den Buergersteigen und dem Fahrdamm ein Gewuehl schreiender, blasser +Kinder. Schlecht genaehrte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale +Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Maedchen, schwatzende +Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Maenner, hie und da ein Faulenzer, +der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stuetzt und den +Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Koeter von unbestimmbarer Rasse, wie +wahnwitzig schellende Strassenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, +dicke, stauberfuellte Luft, an jeder Strassenecke ein baerbeissiger Schutzmann +- Berlin N. + +Das war das "Milieu", in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. +Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An +einer Strassenecke bot mir ein Kind Schnuerbaender zum Kaufe an. Ein kleines, +blasses Maedchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurueck. "Wie +heisst du denn?" + +Das Kind erschrak und sagte aengstlich: "Luise!" + +"Wie heisst du noch? Wie ist dein anderer Name?" + +Noch ein veraengstigter Blick, und das Maedchen rannte, so schnell es nur +konnte, davon. Ich fuehlte es wie Laehmung in meinen Gliedern, aber ich +eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und fasste es am +Arm. + +"Fuerchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts." + +Das Maedchen brach in Traenen aus. + +"Sperren Sie mich nicht ein!" + +"Warum soll ich dich denn einsperren?" + +"Weil ich - weil ich - die Schuhbaender - Sie sind ein Geheimer ..." + +Das Kind weinte noch lauter. + +"Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Maedel? Warum weint denn det +Maedel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh' lassen!" + +Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen +eine drohende Haltung an, Maenner murrten, ein Weib kreischte mich an: + +"Pfui ueber so 'nen Spitzel - 'n armes Maechen, wat sich 'n paar Jroschen +verdient, feste zu nehmen ..." + +"Is ja jar keen Jeheimer, is ja 'n solcher! Haut ihn!" + +Die kleine Luise entschluepfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein +Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen +mehrfachen Belagerungsring schloss. + +"Was ist los?" fragte der Gesetzeshueter. + +"Er hat 'n kleines Joehr belaestigt - er hat 'n Kind jemisshandelt - er hat +ihr blutig jeschlagen - er hat jesagt, er is 'n Jeheimer, aber er is 'n +Lump." + +Der Schutzmann stand wie ein Fels. + +"Wer sind Sie?" + +Ich zog eine Legitimationskarte heraus. + +"Was ist geschehen, Herr Doktor?" fragte der Schutzmann, nachdem er die +Karte gelesen. + +"Doktor - 'n Doktor is er - amputieren will er ihr - Versuchskarnickel +braucht er, det Schwein ..." + +"Ruhe!" donnerte der Schutzmann. "Was ist geschehen?" + +"Ich will es gern sagen", antwortete ich, "aber nicht vor diesen Leuten, +die die Sache nichts angeht." + +Ein wuestes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an. + +"Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir", riet der Sicherheitsmann. + +"Jawohl!" sagte ich, und wir durchbrachen die Kette. + +Niemand konnte mich schuetzen, dass ich ein paar Pueffe und Stoesse erhielt. +Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der +Strasse gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem +Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine +kurze Aufklaerung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehoert hatte, +sagte der Schutzmann: + +"Der Mann is 'n Tagedieb und die Frau 'ne Schlampe. Da sehen Sie man, dass +Sie det Wurm da abkriejen." + +Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick ueberlegte ich noch, +ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich +direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem +Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die +Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen +von Luises Pflegeeltern. Ich laeutete zweimal, dann kam ein zaghafter +Kindertritt, die Tuer wurde geoeffnet, ein entsetzter Schrei, die Tuer flog +wieder zu. Ich laeutete abermals. Ein grosser, starker Mann erschien. Er +trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, +wenig sauberen Rock. Spaeter erfuhr ich, dass der Mann "Prediger" bei +irgendeiner neuen Sekte war. + +Er wollte mich erst mit einer hochmuetigen Miene mustern, aber ploetzlich +wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit oelglatter Stimme sagte +er: + +"Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehoert - weiss schon - der Herr +Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt - aber ich +kann bei meiner Ehre versichern - Herr Inspektor ich bin unschuldig - ich +verbiete dem Maedel aufs strengste - haben es ja auch gottlob nicht noetig - +aber sehen Sie, Herr Inspektor, so'n hergelaufenes Kind von schlechter +Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der +Gemeinde der Juenger von Kapernaum), das man so aus christlicher +Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht geraet, weil der Feind sein +Unkraut unter den Weizen saet, das stiehlt sich nun 'n Jroschen, kauft sich +Schuhbaender oder Streichhoelzer oder was weiss ich und verkauft sie, um zu +naschen - natuerlich nur, um zu naschen ..." + +Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe. + +"Was wuenschen der Herr Inspektor - ich wuerde den Herrn Inspektor gern in +die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufaellig heute noch nicht mit dem +Aufraeumen fertig ..." + +Da sprach ich endlich. + +"Sie irren - ich bin kein Polizeimann - ich bin der Onkel der kleinen +Luise." + +"Sie sind - Sie sind - ach so - ach so - der sind Sie ..." + +Er brach in ein meckeriges Lachen aus. + +"Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!" rief ich +ausser mir. + +"Sie wollen mich - was wollen Sie?" + +Sein Gesicht veraenderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf +seinen Zuegen breit. + +"Was wollen Sie!" bruellte er. "So 'n Balg - so 'n unsauberer Balg - und +Sie wollen noch - ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es +mir; ich bin fuer Sie nicht zu sprechen - verstehen Sie - fuer Sie nicht zu +sprechen; denn ich bin ein anstaendiger Mensch!" + +Die Tuer fiel ins Schloss. Ich blieb allein stehen; ich fuerchtete, nun wuerde +die kleine Luise drin zu schreien anfangen. + +Aber es blieb still. Nur eine Tuer krachte noch zu. + +Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab. + + + + + + SAMARITERDIENSTE + + +So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, +Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glueck, dass dem Weltverbesserer doch +noch das Kehren vor der eigenen Tuer einfiel, ehe er an die grosse Mission +ging, anderen zu helfen. + +Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz +besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kuemmernissen und Noeten kommen, +dem sie es ueberlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, +der Geld borgen muss, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, +immer unterstuetzen, immer aushelfen muss. Den Starken als Stuetze der +Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdruecken will; sonst +kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob +ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete. + +Ich kann nicht behaupten, dass ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder +dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Strasse zurueckfluechtete. +Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Suende. Auch an die Mutter +dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein +silbernes Muetterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die +nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen +und auf dem Schlachtfeld der Suende Samariterdienste zu tun, sondern eine, +die sich aengstlich in ihrer wohlumhueteten Sauberkeit hielt, mehr bekuemmert +um sich selbst als um das, was draussen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte +nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was +sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es wuerde schwer genug +halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum +gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an +ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Guete gewissermassen abzukaufen, dazu +fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten +Schuft an den Leib zu gehen, wuerde schwer genug sein. Das Naechste war, +einen Anwalt zu befragen. + + * + +In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke +und gruebelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte +mich jemand auf die Schulter. + +"Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es noetig!" + +Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, +ihn so ploetzlich hier in Berlin zu sehen. + +"Ferien vom Ich sollten Sie machen!" wiederholte er. + +"Von wem erfuhren Sie denn, dass ich hier bin? Von meiner Mutter?" + +"Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten +hier - wegen einer kleinen Nichte - wollen sie in eine andere Pension +bringen - ja, lieber Doktor, das gefaellt mir nicht!" + +"Was gefaellt Ihnen nicht?" + +"Dass Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden." + +"Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache." + +"Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit fuer solche Dinge. +Es passt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem +Ferienheim gehoere vor allen Dingen die Erloesung von drueckenden familiaeren +Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuss schleppen? Jetzt, wo wir in +der allerschwersten Gedankenarbeit stehen muessten, fahren Sie einem kleinen +Maedel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Maedel? An Ihrem Ferienheim +soll ihr etwas liegen." + +"Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht +miteinander verbunden, dass Sie in dieser Weise mit mir reden duerfen." + +"Ich darf", sagte er phlegmatisch. "Ich habe in Ihnen so etwas wie einen +Propheten gesehen - die Propheten gehen aber in die Wueste, ehe sie +oeffentlich auftreten, nicht nach Berlin - die Apostel verlassen Weib und +Kind - der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rueckwaerts schauen, +er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel +bleibt immer ein mittelmaessiger Kerl." + +Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, +sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte +dann: "Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im +ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll +und am Fuss eine Beule hat, wird er danach trachten, dass ihm erst ein Arzt +die Beule oeffnet und die Wunde saeubert und verbindet, ehe er marschiert. +Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muss mir erst +diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich +an unsere Aufgabe gehen kann." + +"Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse - morgen vormittag +zwischen neun und elf. Um elfeinhalb koennen wir dann unsere Beratung +haben." + +"So rasch geht das nicht." + +"Wie lange kann es denn dauern?" + +"Wohl einige Wochen oder auch Monate." + +Herr Stefenson laechelte sanftmuetig. + +"Das ist sehr schoen! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach +einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schliesslich Ihr +Sanatorium begruendet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen +Prospekt schicken zu lassen. Fuer jetzt, guten Abend!" + +Er verliess mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wusste, +dass es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich sass ganz still, und ich weiss +jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wusste in jener Stunde +nur, es war aus, um eines kleinen Maedchens willen, das ich kaum auf zwei +Minuten lang gesehen hatte - aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel +Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun fuer einen +Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch +warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich muesse Herrn Stefenson noch +einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran daechte ich nicht, sondern +um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch +einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persoenlich. + +"Mister Stefenson - es ist nichts Geschaeftliches mehr, nur etwas rein +Menschliches. Es ist darum, dass wir uns jetzt ohne gegenseitige +Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie +Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit fuer +mich?" + +Er nickte, und ich erzaehlte ihm ohne alle Umschweife die Tragoedie Joachims +und seines Kindes, und wie ich das Maedchen heute draussen auf der +Ackerstrasse getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzaehlen, aber +Stefenson blieb ganz gleichgueltig. Zuletzt sagte er: + +"Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzaehlt haben, aber sie kommt +alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch +erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fuenf Jahre +lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?" + +"Ja, ich fand ihn nicht eher." + +"Hm! - Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich moechte +den "Sommernachtstraum" in der deutschen Auffuehrung ansehen. Kommen Sie +mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?" + +Ich wusste, dass ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die +Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschaefte, wir wuerden uns im +Theater treffen. Damit haendigte er mir eine Theaterkarte ein und verliess +mich. - + +Mendelssohns Ouvertuere zum "Sommernachtstraum" huschte und zwitscherte an +mir vorueber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Froehlichkeit tat +sich in glaenzender Darstellung vor mir auf, aber ich sass wie ein +Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer +geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Maerchenwald, durch den die +Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an +dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges. + +Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spass. Da droehnte von meiner +Logentuer her tiefes Gelaechter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich +nicht, er schaute nur vergnuegt nach der Buehne und lachte so laut, dass er +die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. + +Die naechste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur +Entschuldigung seines spaeten Kommens: + +"Manche Geschaefte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab." + +Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen +hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt: + +"Die Luise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem +alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und draengte um +die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles +schriftlich, was ich wuenschte. Mit Anwaelten ist das nichts. Das ist teuer +und umstaendlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten +gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. +Das hat laenger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schoene +Eselsszene habe ich im Theater verpasst. Die Pflegeschwester ist nun mit +der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach +einem Erziehungsinstitut in Thueringen. Es ist mir empfohlen worden. Da +wird ja wohl die Luise koerperlich und seelisch zurechtgestutzt werden." + +Ich schlug wieder einmal die Haende zusammen. + +"Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?" + +"Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem +Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen - so +als eine Art - als eine Art Einweihungsengel." + +Mich wuergte es in der Kehle. + +"Sie wollen das Heim doch mit mir gruenden?" + +"Ja", sagte er ganz ruhig, "ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte +gefallen. Natuerlich nicht das Sentimentale, aber dass sie fuenf Jahre lang +die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer +ist zu gebrauchen." + + * + +Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein +wuester Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht. + +Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, dass er mich fuer keinen +Philosophen halte, auch nicht fuer das, was man einen lebensklugen Menschen +nenne, und was ich als Arzt tauge, koenne er nicht beurteilen. Er halte +mich fuer einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger aerztliches Problem +als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung +ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist +Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung +ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll uebergeben. Was ausfuehrbar sei, +werde ausgefuehrt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Hoehe +ziehen und auch als Woelklein am Himmel noch schoen sein. + + + + + + IN DEN TAGEN DES WERDENS + + +Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es +geht alles so verblueffend schnell bei ihm, dass er, wenn ein anderer noch +bei den ersten Erwaegungen und Bedenken staende, schon am Ende ist. Freilich +kommt dazu, dass er Glueck hat. Das Gelaende am Ostabhang des +Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehoert einem Manne, der, wie Hans +im Glueck, staendig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen +grosse, sehr ertragreiche Steinbrueche umgetauscht, die Steinbrueche gegen +eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, +und Herr Stefenson mit seinem grossen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten +gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann +war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar gross ist, von Stefenson +gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem frueheren Schiffsarzt die +Gaensehaut ankommt. + +"Nun ist das Gelaende da, nun muss die Gemeinde errichtet werden", sagte +Stefenson sehr einfach. "In einem Jahre muessen saemtliche Haeuser stehen." + +"In einem Jahre?" + +"Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert +Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate." + +"Es ist dann aber auch danach." + +"Ob es danach ist oder nicht, ist gleich", erwiderte Stefenson verdrossen. +"Jedenfalls habe ich fuer die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muss nach +Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelaende an und +machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei +Tage Zeit dazu." + +"Ich wuerde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in +sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein." + +Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen +Gelaende umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am +vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen +Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darueber und ging nun +daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen. + +Das Gelaende kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in +jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student +tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden - alle Gleichfoermigkeit. Eine +Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in +zimperlich geordneten Gaerten, wo man kaum einen Fuss hineinzusetzen wagt +wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns +gewiss nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, +Plaetzen und Strassen grossstaedtischer Art. + +Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein +grosser, geraeumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Buergermeister wird +darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber +auch die Sprechzimmer der Aerzte sollen im Rathaus untergebracht sein, +ebenso die Verwaltungsraeume, die Kasse, die Nachtwaechterstuben. Auch einen +grossen ehrwuerdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengaeste +manchmal zu einer Feierstunde nationaler, kuenstlerischer oder geselliger +Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das "verbotene Zimmer" mit +den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen +einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem +waehrend der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewaehrt werden. + +Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die grosse Linde mitten +auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und +vom Tanz mit dem schoenen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, +mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das froehliche Glueck +vergangener Tage neu erstehen lassen. + +Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenueber, soll die Lindenherberge liegen, +unser groesstes Gasthaus. Das Modell muss man in schoenen deutschen Staedten +suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann +ist es fuer unsere Zwecke auszugestalten. Eine Bauernschenke denke ich mir, +ein Herrenstuebchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur +Laute gesungen werden. Oefter als einmal in der Woche darf sich niemand in +einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus +zu gehen, ist fuerwahr genug fuer einen Kurgast. Es darf sich auch keiner +einbilden, dass er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Saenger zur Klampfe +sei - er muss alles sein wollen und sein koennen, und wenn er dreimal in der +Woche "ausgehen" will, dann muss er eben jedesmal in eine andere Abteilung, +und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner +Gattin ausschenkt, muss ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schoenes +Maedchen im Poetenwinkel kredenzt. + +Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekaemen wir keinen +oesterreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, +was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fuelle bis zum +Zigarettendampf, nur keine Zeitungen. + +Vielleicht wird mir mancher ob meiner grossen Toleranz gegen Tabak und +selbst gegen Alkohol zuernen, aber ich sorge dafuer, dass alles im Lot +bleibt. + +Da in den Wirtschaftsraeumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch +keiner der Gaeste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genoetigt, +ihre Zeche recht schoen und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu +lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern +garantiert auch eine gewisse oeffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der +aerztliche Befund solche Genuesse verbietet, koennen sich unten am Fluss in +der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getraenk des +Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhaeuslein +im Gelaende, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der +Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines +Gesundungsheims, dass alle Kurgaeste, soweit es ihr Zustand erlaubt und +wuenschenswert erscheinen laesst, arbeiten muessen. Aus faulem Nichtstun spross +noch in den allerseltensten Faellen ein Heil. Nein, es werden alle +Mitglieder unserer Gemeinde taetig sein, und dadurch werden sich auch die +Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Dass ein guter +Bestand geuebten Personals immer dasein muss, ist selbstverstaendlich. Aber +wenn ich z. B. fuer den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, +die aufsichtfuehrende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei +Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich +gar nicht beirren, einer jungen Graefin solchen Schankdienst auf eine Woche +aufzuerlegen. Wem es nicht passt, der geht! Wir werden alle unsere Gaeste +mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen +anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken +allen Widerstaenden begegnen. + +Jeder Kurgast wird sich woechentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen +und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die +er in naechster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem +Aerztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen fuer naechste Woche +fuenfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn +Forstarbeiter, neun Gaertnergehilfen, vier Angler, zwei Jaeger, neun +Obstpfluecker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann fuer Wegebesserung, +sieben Viehhueter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und +Milchverschleisserinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwoelf +Waeschebleicherinnen, drei Nachtwaechter, acht Frauen zum Spielen mit +Kindern von vier Jahren aufwaerts, _ad libitum_ Kuenstler und Artisten, +Dichter, Rezitatoren, Musiker, Saenger, Schnellmaler, Turner, +Zauberkuenstler und aehnliches, 168 Kuechengehilfen fuer je drei Stunden +taeglich, zwanzig Mann fuer Haushaelterarbeiten (vier Stunden), fuenf Boten +(Radler), einen Mann fuer die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten +Festchorus von beliebiger Staerke, zwei Laternenanzuender, zehn Frauen oder +Maenner fuer die Vorbereitung des naechsten Waldfestes, zehn +Hilfsbrieftraeger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen fuer die +Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die +das Kuehemelken und Kaesebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und +vier Beisitzer (zwei maennliche und zwei weibliche) fuer unser privates +Friedensgericht. + +Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfuellung +geht, haengt natuerlich nicht von den Beduerfnissen der Kurverwaltung, +sondern von dem Befund des Aerztekollegiums ab, und der schoenste Erfolg +wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengaeste +gedeckt werden. Dass die Arbeit immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, +immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverstaendlich. Das +Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust +und Quelle der Genesung und wuergt den alten Drachen ab, dessen Pestatem +die Welt vergiftet: dass koerperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit +trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es +gerade durch koerperliche Taetigkeit gesunde, glueckliche Menschen schafft. +So wird alle Verwaltungs- und Bueroarbeit als viel zu anstrengend unseren +Gaesten niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, taetig +sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und +selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die +Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie +guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz gepraegt +werden. + +Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schoener Tannen +getrennt, beginnt die Baederstrasse. Es werden da in gesonderten Haeusern die +Wannen- und Schwimmbaeder, die elektrischen und die Dampfbaeder +eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und +Sonnenbaeder und die Planschwiesen. + +Parallel mit der Baederstrasse geht der "Stille Weg". Es stehen da +freundliche Haeuslein fuer solche Gaeste, die einer groesseren aerztlichen +Beaufsichtigung und vermehrter Pflege beduerfen, die ihnen von +Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gaeste wohnen "draussen". Es +wird nicht zuviel auf Puelverlein und uebermaessiges Wassergepansch, auch +nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf +tuechtige koerperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten +Kurgaeste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelaende +nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, koennen wir sechzig grosse +Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder +Besitzung koennen vier Pferde, dreissig Stueck Rindvieh, Huehner, Gaense, +Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere +sollen von den Feriengaesten gepflegt werden, immer unter Leitung +sachverstaendiger Personen. Denn der Herr und Koenig des ganzen Hofes wird +der Bauer sein. Moege es uns gelingen, tuechtige Bauern zu finden, die nicht +nur den Pflug zu fuehren wissen, sondern die kernige Menschen sind voll +Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. +Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er +wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Baeuerin, immer nur pflichtmaessig +zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darueber tun will und darf, soll +es tun. + +Oh, wie werden die Leute am "Stillen Weg", die ihr Zustand vom Glueck der +Arbeit ausschliesst, sich sehnen, "hinaus"zuziehen in die gesunde, frische, +befreiende Taetigkeit; wie gluecklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt +eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher +Hilfskaempe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunaechst mal die +Tauben fuettern, den Huehnerstall nach Eiern absuchen und den Hund pruegeln, +wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, +aufpassen, ob in den Nistkaesten Sperlinge oder Stare wohnen. + + * + +An die Bauernhoefe knuepfe ich meine groesste Hoffnung. Ich moechte die in +glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit +wenigstens in Ferienwochen heimfuehren. Es soll und es muss gelingen. Alle, +die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, +losgeloest von allem, was sie drueckte und knickte, auf einige selige Wochen +zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoss unseres Kulturlebens zurueckkehrten, +zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben - sie muessen mit gesuenderem Herzblut +in ihr Leben zurueckkehren, sie muessen mehr gewinnen als durch +Mineralwasser und Baederzerstreuung. + +Die Hirten, Fischer und Jaeger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da +einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er ueberreizt war, der soll +oben an der Ginsterheide die Kuehe hueten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam +sein muessen, dass die Bullen sich nicht bekaempfen und dass gluecksduselige +Muttertiere mit ihren mutwilligen Kaelbern nicht den nahen Klee +zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig +ausgestatteten Hirtenhaeuslein sitzen, die wiederkaeuenden Tiere werden um +ihn sein, und die Sterne werden ueber ihm wandern und ewige Worte zu ihm +reden; es wird aus Verlassenheit und Gram ganz maehlich Ruhe und Frieden +werden, und in den Menschenhass wird sich die Sehnsucht einschleichen: +"Naechsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge +und sehe lustigen Menschen zu!" + +Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Aerzten suchen +muessen. Nicht ihr aerztliches Wissen ist fuer mich in der Hauptsache +massgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, +danach werde ich fragen. Die Jaeger - ach, die Jaeger, wird es wohl heissen, +sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die +Stubenhocker werde ich auf die Puersche schicken und nur die Zappeligen und +Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiss, einen zu erlegen. Wie +sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fuenf Stunden lang. Immer +vergebens. Und die Muecken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie +werden nicht schimpfen duerfen, wie sie es sonst tun. + +So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie +befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine +Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends +im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andaechtigsten der Lebensfreude. + +Bauernhaeuser, Fischerhuetten, Jaeger- und Hirtenhaeuslein, das werden in der +Hauptsache die Wohnstaetten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich +mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmoegenden Kommission +einreichen, aber eben darum hoffe ich, dass es gut ist. Im uebrigen bekenne +ich frei, dass ich mich auf Architektenkunststuecke nicht verstehe. + +Ich habe trotzdem auf einer grossen Karte unser ganzes Gelaende +aufgezeichnet und ueberall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die +Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhaeuslein, die +Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her +fuehren Stege und Landstrassen, alle krumm und winkelig, aber angemessen +dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlaegen, +Hecken, Baechlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir +kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natuerlich ab, nur an +der einen Stelle, wo das Gelaende nach der Stadt eben uebergeht, wollen wir +eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser +"Zeughaus" stehen. Dort wird der Ankoemmling, der sich entschlossen hat, +unsere Ferien zu ueben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, +Geld, alles, was er bei sich traegt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer +Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen. + +Das ist mein Plan. Ich weiss nicht, ob er so ausgefuehrt werden kann, ich +weiss nur, dass er so ausgefuehrt werden sollte. + + + + + + DAS KIND + + +Mitten in der Arbeit taucht viel oefter, als mir lieb ist, das Bild der +kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das +Kind im Hotel fand, war es ganz veraengstigt, zitterte und weinte. Auf alle +Fragen sagte es immer nur: "Ich will heim!" Zu den Schindern ins Elend +wollte es zurueck, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir +fuerchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie +sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich. +Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Pruegel bekommen. Ich +sagte freundlich zu ihr: + +"Luise, fuerchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich +bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel." + +Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm +erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter +oder eine Grossmutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es +war auch besser; denn ich haette ihr sagen muessen: "Nein, das hast du alles +nicht; du hast nur einen Onkel." Waehrend ich mir noch vergeblich Muehe gab, +ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit +einem Diener, der ein grosses Paket schleppte. Das Paket legte der +Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte: + +"So, da habe ich dir ein bisschen Spielkram gekauft!" Es war eine kleine +Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege, +Hampelmaenner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und +viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr +ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Haendchen, tastete +schuechtern nach einer Puppe, zuckte aber zurueck. Da fuhr sie Stefenson an: +"Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das musst du +nehmen. Damit musst du spielen, sonst setzt es was ab!" + +Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing +gehorsam an zu spielen. Nach fuenf Minuten kam ein leises Lachen, das +Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim +ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Zuege, sah in Joachims Augen. Ich +erinnere mich nicht, je ein kleines Maedchen gesehen zu haben, das so +auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder aehnlich +ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am +fuenften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte: + +"Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel waeren, ob ich +vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das faellt mir gar nicht +ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn +gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden." + +Ich wusste schon, dass Luise in grosser Liebe und Dankbarkeit an Stefenson +hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Fuersorge tat +ihr wohl. + +So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thueringen fahren und +wir nach Waltersburg zurueckkehren mussten, schmerzlich fuer das Kind. Nur +der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise +inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte. + +Als wir im Eisenbahnwagen sassen, sagte Stefenson: "Die Gefuehlsduselei mit +dem Kinde hoert nun auf. Dazu haben wir keine Zeit." + +Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter +mit fragenden Augen entgegen. + +"Ich habe das Kind in saubere Verhaeltnisse gebracht", sagte ich ihr und +ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzaehlte +nichts. Wir fuehlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns +aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben, +es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen +erzaehlte, dessen Schicksal mich nichts angehe. + + * + +Die Zeichnungen, der Aufbau meines grossen Ferienheims nahmen mich fortan +ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glueckstage, Tage voll +Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefuehl. Und doch stahl sich Luises Bild bei +Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei +verlorenen Arbeitstagen laege nicht viel, Stefenson saesse sicher weit unten +in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwaegungen sass ich in +einem Schnellzuge nach Thueringen. + +Ich hatte die Freude, dass mir Luise vertrauensvoll und dankbar +entgegenkam, und dass sie sich schuechtern an mich schmiegte, als ich sie +auf die Stirn kuesste. + +Die wuerdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze +Zeit, als dass das Kind sich schon in ihm voellig fremde Kultur ganz haette +fuegen koennen; aber Luise zeige so gute koerperliche und geistige Anlagen, +dass sie hoffe, das Kind wuerde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt +lag an der Promenade der huebschen thueringischen Stadt. Als ich das Haus +verliess, sass gegenueber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es +blieb mir gar keine Zeit, mich gross zu erstaunen, sondern er trat mir +gleich entgegen und sagte muerrisch: + +"Ich finde das sehr merkwuerdig von Ihnen, dass Sie auch jetzt noch Zeit zu +solchen Exkursionen haben." "Ach, Mister Stefenson", entgegnete ich +heiter, "ich dachte, Sie waeren Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach +Sizilien." + +"Sticheln Sie nicht", entgegnete er finster; "ich bin nicht nach Sizilien +gefahren zum Amuesement oder um einem kleinen Gaenschen nachzureisen, +sondern um in aller Ruhe die Plaene fuer unser Ferienheim machen zu koennen. +Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plaenen, die ich gemacht habe, +weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt +und den dritten in Luzern ueberhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte +ich doch gehofft, Sie wuerden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu +bleiben und zu arbeiten." + +"Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig." + +"Ah - das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?" + +"Was er kostet, wie er balanciert, weiss ich nicht. Das ist nicht meine +Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofuer sind Sie da?" + +"Fuers Geldgeben!" + +Er schuettelte melancholisch den Kopf. + +"Ihr Plan ist unrentabel", sagte er duester. + +"Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzaehlen. Ein +Schlaechter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer +fuehrte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte +der Schlaechter: 'Aber Mensch, wie kann ich Ihnen fuer ein so elendes Tier +so viel Geld geben, wie Sie verlangen?' - 'Sachte', sagte der Bauer, 'das +hier ist nur der Ruebenraum, die Kuh steht erst hinter der naechsten Tuer.'" + +"Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?" grollte Stefenson. + +"Fahren wir erst nach Hause", entgegnete ich. "Und vorher koennen Sie ja +mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus." + +"Das faellt mir nicht ein", sagte Stefenson kalt. "Ich hasse diese deutsche +Sentimentalitaet." + +So fuhren wir nach Hause. Ich uebergab Stefenson meine Zeichnungen und +schriftlichen Ausfuehrungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer +noch in einem Hotel wohnte. Nach fuenf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es +hiess, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich +darueber nach, wohin Stefenson wohl sein koenne. Dann telegraphierte ich an +die Vorsteherin des Instituts in Thueringen: + +"Ist Mister Stefenson noch dort?" + +Am Abend kam die Antwort: + +"Stefenson war hier, ist aber eben zurueckgereist." + +Darauf machte ich mir das Vergnuegen, zum Neustaedter Bahnhof zu gehen und +den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, dass er Herrn Stefenson +mitfuehren wuerde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch +festgestellt. + +Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm ploetzlich entgegen, +und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn ploetzlich auf der +Promenadenbank in Thueringen traf. + +"Guten Abend, Mister Stefenson", sagte ich, "wie geht es der kleinen +Luise?" + +"Wieso - wieso - Luise - was geht mich das Gaenschen an?" versuchte er sich +herauszuluegen. + +Ich blickte ihn freundlich an und sagte: + +"Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, dass Sie +dort waren." + +Da hustete er. + +"Wissen Sie was", sagte er zornig, "es ist nicht schoen, dass Sie mir +nachspionieren. Was geht mich das Gaenschen an? Aber da Sie schon mal so +ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann fuer diese Schwaeche nichts. +Meine Mutter war eine Deutsche." + + + + + + VORARBEITEN + + +Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein +Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, dass ich +ein Tagebuch fuehre und darin manches ueber den Ausbau unseres Ferienheims, +aber auch ueber seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit +quaelte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektuere zu ueberlassen. Er war +neugierig wie ein Backfisch, und es nuetzten mich alle Versuche nichts, ihm +klarzumachen, dass es - gelinde gesagt - sehr indiskret sei, Einblick in +ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die +Aufzeichnungen in Haenden hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches +Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie. + +Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurueck und sagte, indem er +ein sauersuesses Laecheln zwischen seinen duennen Lippen zerquetschte: "Sie +haben mich sehr schlecht charakterisiert." + +"Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des +Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen." + +Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch +nichts, und ging wieder nach seinem "Buero". Dieses besteht aus einer +Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstuehle, ein +Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausruestung bilden. Der +Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Plaene +unserer Ferienhaeuser, sind Aktenstoesse, stehen Modelle. In einem Nebenraume +klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal, +Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schoenste Musik. + +In dem Buero sind unsere Beratungen. Dorthin muessen Architekten, +Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende +zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den +Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschliessen oder mir doch eine rein +zuhoerende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine +vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut +fuer Engros-Schweineschlaechterei, aber nicht fuer mein romantisches +Ferienheim eignen moege, wurde er immer stiller und liess mich nach und nach +mit den Architekten selbstaendig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte +er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von +morgens fuenf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermuedung zu zeigen. +Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit +entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt fuer +Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das +Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng +verpoent, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern +planmaessige, geordnete Arbeit wird geleistet, Fuer und Wider werden kurz +beleuchtet, Nebensaechlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der +Beschluss knapp und fast immer schriftlich gefasst; dann wird aber auch im +Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder +zurueckgegriffen. So wusste man am Schluss solcher Verhandlungen immer: das +stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muss es +ausgefuehrt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur, +und etwas schwaermerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken +durcheinander purzeln, koennen viel von solchem Manne lernen. Nur darf +Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge +lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen +die reinsten Antipoden; aber ich schaetze es als Glueck, mit einem so klaren +Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn ueber +seine Kaltschnaeuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben +Haendel miteinander - je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn +ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein groesseres Unglueck +auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden, +und kaum einen groesseren Vorteil, als einen klugen Freund. + + * + +Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger +ungefaehr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hoert. Die Leute +wunderten sich rasend. Sie steckten die Koepfe zusammen, redeten viel auf +den Bierbaenken und kamen doch, da sie immer nur Geruechtsbrocken sammeln +konnten, zu keinem klaren Bilde. + +Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geaeussert +hat: es scheine sich um eine Art Verruecktenanstalt im grossen zu handeln; +den noetigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu +haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat +an Tollheit ergaenzt. + +Guenstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu +dem neidischen und veraergerten Gefuehl, das einem unerwarteten Werk vom +lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer +Verdruss. Stefenson hatte erklaert, dass er eine ganz neue Gemeinde begruenden +werde mit einem eigenen Buergermeister und einer Verwaltung, die alles im +Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde. + +Darueber waren die Waltersburger wuetend. Nachdem ihnen schon die Neustaedter +untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig ueber den Kopf gewachsen +waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden +abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs +verkuerzte und die eigene Stadt in immer kuemmerlichere Unberuehmtheit +draengte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmaessigen Anlagen, die +sich aergert, wenn ihre Toechter in der Gesellschaft Glueck haben. + +Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild, +das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begueterter Graf, der ehemals hier +residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit +des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht fuer die Waltersburger, die das +Gemaelde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, "das +Faerberchen", hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stuecken viel +Mittelmaessiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein grosses neues +Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr +Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttaeuschung war +gross; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem +Handbuche ueberhaupt nicht erwaehnt. Der Schrei der Empoerung, den damals der +gebildete Teil der Stadt ausstiess, hat noch heute ein Echo in vielen +Herzen. + +Fuer uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem +Saale des groessten Waltersburger Hotels, den "Drei Raben". Er lud zu dieser +"freien Zusammenkunft, in der er Aufschluesse ueber seine Neugruendung geben +werde", nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen, +sondern auch je einen Schuster, Schneider, Baecker, wie alle anderen +Handwerkszweige mit ihren Frauen. "Es muss wie bei der Arche Noahs sein", +sagte er gut gelaunt, "von jeder Art ein Paerchen." Der Erfolg war schwach. +Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten +unparteiischen Art, aber andere ruempften ausserordentlich stark die Nasen, +und als die Versammlung begann, zeigte es sich, dass fast gar keine Frauen +da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entruestet +erklaert, man koenne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen, +und fast alle anderen "Damen der Gesellschaft" hatten sich dieser +Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich +"geniert", zu kommen. Aber auch die Maenner waren nur in schwacher Anzahl +erschienen. Der Magistrat liess sich durch einen Beisitzer vertreten. Am +meisten freute es mich, dass der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum +Leiter der Versammlung gewaehlt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die +deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter +ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, dass +Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war, +dass aber sein Grossvater bis zu seinem dreissigsten Lebensjahre in Hamburg +gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hiess. Stefenson hat rein deutsches +Blut in sich. + +Der "Mister" sprach. Er sagte, ueber die Idee seiner geplanten Kuranstalt +wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhoertes, geniales Problem (dabei +trat er mich grob auf den Fuss!), dass er es im Rahmen einer so kurzen +Aussprache nicht erlaeutern koenne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend +guenstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der +Umgebung wesentlich uebertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein +Freund und aerztlicher Beirat sei ja, wie alle wuessten, ein Waltersburger +Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelaende fuer die Ausfuehrung +seiner Idee gewaehlt. Er gehoere zu den Leuten, die sich eher das eigene +Hemd ausziehen, als dass sie zugeben, dass der Freund friere. (Frau +Postschaffner Hempel verliess entruestet das Lokal.) "Kommen Sie gut nach +Hause, Frauchen!" ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm. +Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entruestung: "Das ist +ja kolossal!" und stampft seiner Ehehaelfte nach.) "Also", faehrt Stefenson +ruhig fort, "was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige +nicht, eine neue politische Gemeinde zu gruenden; ich werde meine Siedelung +unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen." +(Freudige Verblueffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit +den Fingern auf den Tisch.) "Ja", geht Stefensons Rede weiter, "wir werden +unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen +'Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich' geben, und der Schnickschnack vom +sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst +zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugruendung. (Der Beisitzer +springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und +stuermt aus dem Saal.) Mitbuerger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von +den Damen ist nur noch die phlegmatische Gaertnersfrau Baechel anwesend.) Es +macht mich gluecklich, dass Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas +Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, dass binnen zwei Jahren +unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern +tragen wird, so dass Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig +Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo. +Baeckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stuerzen im +Geschwindschritt von Siegesboten auf die Strasse.) Ja, aber, meine sehr +teuren Mitbuerger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen muessen. +(Kunstpause des Redners. Bedruecktes Schweigen der Zuhoerer.) Wir haben +nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir +muessen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muss alles fix und +fertig sein. Sie werden begreifen, dass dafuer ein Heer von Architekten, +Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Toepfern, Tischlern, +Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gaertnern und +Hilfsarbeitern aller Art noetig sein wird, nicht zu rechnen die Legion +derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern, +Schuhen, Muetzen und Waesche. Ja, liebe Waltersburger Mitbuerger, Ihre ganze +praechtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muss ich mobil machen, +um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb +verzehnfachen muessen ..." + +Der Redner hielt inne; denn die Zuhoererschaft keuchte zu laut. Die +Erregung stieg aufs hoechste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin +gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlussbemerkung: "Ich moechte mit +Waltersburger Buergern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so +wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt +werden." + +Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gaertnersfrau wappelte +sich empor und wischte sich den Schweiss von der Stirn. + +Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl. + +"Das ist gut!" rief er; "das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!" + +"Hoch!" schrien die paar Maennlein, die noch da waren. Im selben Augenblick +stuerzte der Beisitzer in den Saal. + +"Der Herr Buergermeister", keuchte er, "der Herr Buergermeister, der bis +jetzt leider verhindert war, kommt selbst." + +Stefenson nickte ihm laechelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe, +Maenner und Frauen aller Gesellschaftsschichten fuellten den Saal. Eine +halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren, +auch der Buergermeister, sagte er: + +"Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, ueber meine +Neugruendung heute ausgefuehrt habe, nun nichts mehr hinzuzufuegen." + +Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer +glaenzenden Erfassung der Situation sagte: + +"Ich schliesse die Sitzung!" + + + + + + DIE "NEUSTAeDTER UMSCHAU" + + +In Neustadt erscheint ein Blaettchen, die "Neustaedter Umschau". Es kommt +woechentlich zweimal heraus in einem Umfang, dass eine einzige Nummer +genuegt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen +Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es +meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben +ehemalige Lehrer, ein "sehr gebildeter" Schlossermeister, davongejagte +Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der +Verleger waehlte von der ganzen Rotte den Unfaehigsten, einen +herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der +"Umschau" mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die "Umschau" +in der Art, dass er in seiner nuechternen Tagesstunde, die vormittags nach +seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustaedter Kurhauses +den Stoff fuer die naechste Nummer aus grossstaedtischen Zeitungen abschreibt. +Einen lokalen Teil hat die "Umschau" kaum; jedenfalls war er stets aeusserst +jaemmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte, +wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim +brachte. + +Der erste Artikel beschaeftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgefuehrt, +dass ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse +Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen +habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden +Menschheit meine aerztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden, +mit dem ich zu tun gehabt haette, waere die Seekrankheit gewesen, und da +sich gegen diese bekanntlich ueberhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja +sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum +Ausruhen gehabt, dass ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluss +der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt "Ferien vom Ich" gekommen +sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch +sonst alle moegliche Foerderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad +spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es waere nur zu +bedauern, wenn sich die Neugruendung nicht bis zum naechsten Fasching +hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnuegungsprogramm von Neustadt +wuerde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit +hiesse: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt "Ferien vom Ich". +Aengstliche seien versichert, dass ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu +befuerchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz +harmlos und kindlich aeussere. + + * + +Das war der Begruessungsartikel, der meiner Gruendung von dem +freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir +persoenlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las. + +"Niedlich!" sagte ich; "ich haette das den Kerlen gar nicht zugetraut." + +"Na, sehen Sie", atmete Stefenson auf, "es freut mich, dass Sie nicht +entruestet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen +wollen. Der Artikel ist wirklich nett." + +Eine der naechsten Nummern der "Umschau" beschaeftigte sich mit Mister +Stefenson. Es hiess darin, nach authentischen Auskuenften aus Amerika sei +Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger +Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwuerdigsten +Geschaeftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Moeglichkeiten. Seine +geschaeftliche Laufbahn habe Stefenson als Kuechenboy in einem Hotel vierten +Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Loeffel, ueber den jenes +Hotel verfuegte, eines Tages verschwand und ganz zufaellig in der +Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte, +aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz +unerklaerliche Art gekommen waere, sei der vielversprechende junge Mann nach +Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglueck verfolgt worden. +Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Juengling wegen +angeblichen Pferdediebstahls hingen, riss und also gewissermassen ein +Zeichen vom Himmel fuer die Unschuld des Gerichteten vorlag, haetten die +barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so fuerchterlich +gepruegelt, dass Stefenson zwei kuenstliche Rippen als Andenken an jenes +Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die +Waltersburger im Begriff staenden, zu ihrem Ehrenbuerger zu machen, sei +ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfaellen gewesen. Stefenson sei +einmal als Kutscher bei einem grossen Petroleumtransport engagiert gewesen. +Dieser Transport sei von Indianern ueberfallen, die ganze Begleitmannschaft +tot- und saemtliche Petroleumfaesser entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson +sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden +Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefuegt, dass Stefenson am +naechsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer +benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelaende +aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden +seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des +Ueberfalls gruendlich beseitigt hatte, auf das Gelaende gefuehrt, allwo noch +ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen haetten sich +bereit erklaert, an Stefenson zunaechst mal fuenfhundert Pfund zu zahlen, +damit er alles Noetige fuer die Erschliessung der Quellen in die Wege leite. +Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst ueberlegt habe, +haette er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, muesse er an der +Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern +lieber weitere unnoetige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch "Good +bye" und andere Abschiedsfoermlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago +verschwinden. + +Die fuenfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark), +die Stefenson mitgenommen habe, haetten die Basis fuer seine weiteren +geschaeftlichen Unternehmungen gebildet, fuer Unternehmungen, die nicht +weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei +Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermoegen gekommen. Da aber die +engherzigen amerikanischen Richter oefters an Herrn Stefensons +Geschaeftsusancen Anstoss genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen +Manne trotz der geradezu luxurioesen Ausstattung der amerikanischen +Gefaengnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall +gekommen, sein Wirkungsfeld voruebergehend mal nach Deutschland zu +verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das +weisse Lamm im gruenen Felde in ihrem Wappen fuehre. + +Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in grosse Aufregung. +Stefenson verstand mich nicht. + +"Es ist wahr", sagte er; "der Artikel koennte farbenreicher gehalten sein, +die Geschehnisse sind etwas nuechtern gegeben, aber, mein Lieber, der +heutige Geschmack verpoent das Allzukrasse. Ich finde den Artikel +ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich ueber Sie in dieser +Zeitung stand." + +"Stefenson!" schrie ich ihn an; "sehen Sie denn nicht ein, dass uns dieser +Zeilenschmierer, dieser Sueffling unmoeglich macht? Jetzt bleibt nicht +anderes mehr uebrig, jetzt muessen Sie den Mann verklagen." + +"Ja, glauben Sie, dass ich toll bin?" entgegnete Stefenson. Ich erzaehlte +ihm, was schon der Artikel ueber mich fuer allerhand Unheil angerichtet +habe. Nicht bloss, dass sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe +geweint habe, ich haette gehoert, wie die Leute hinter mir zischelten. +"Stefenson, unseren guten Ruf muessen wir behalten, sonst sind wir +ruiniert." + +"Guten Ruf?" verwunderte er sich. "Wie kann man seinen guten Ruf behalten, +wenn man Geschaefte macht? Das ist doch unmoeglich. Er wird einem doch +selbstverstaendlich kaputt gemacht. Wenigstens aeusserlich - in der +gegnerischen Presse - das ist ja unausbleiblich. Darueber regt man sich +doch nicht auf!" + +Ein Bruellen toente von der Strasse herauf. + +"Der Pferdedieb! - Der Loeffelstehler! - Der Petroleumstaenker! Raus, raus!" + +Stefenson lugte durch die Gardine. + +"Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstaedtisch. +Petroleumstaenker ist bei der Kuerze der Zeit schon ein ganz gut gepraegter +Zuruf!" + +"Stefenson, es geht nicht - Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie +sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren." + +"Desto besser." + +"Die Geschaeftsleute werden nicht mehr liefern." + +"Gegen bar werden sie bestimmt liefern." + +"Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen +Artikel nicht Zeile fuer Zeile in oeffentlichem Gerichtsverfahren als Luege +brandmarken." + +"Das soll mir gewiss nicht einfallen", lachte er. + +Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand. +Das Laermen auf der Strasse wurde indes lauter, die demonstrierende Schar +wurde groesser. Da verliess mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen +Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg +betroffen und gab eine Gasse frei, dann laermten die Leute hinter Stefenson +her. Ich war so verbittert, dass ich wohl eine Stunde lang planlos vor der +Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Buero aufsuchte. + +"Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?" fragte er gleich bei +meinem Eintritt. "Seinen Kontrakt mit mir hat er geloest. Der Esel! Mir hat +er einen grossen Gefallen getan; denn ich weiss einen tuechtigeren und +billigeren Mann, als er ist, und bin froh, dass ich ihn loswurde. Glueck muss +man haben!" Er rieb sich die Haende. + +"Mister Stefenson", sagte ich ernst; "wir werden wohl unsere Kontrakte +alle loesen muessen. Denn obwohl ich natuerlich von dem Schundartikel eines +verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar, +dass unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem +Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermoegen nicht ohne die +Achtung unserer Mitbuerger zu bestehen. Wir werden unmoeglich!" + +Stefenson ging mit grossen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner +pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann: + +"Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren - meine Mutter war ja +auch 'ne Deutsche ..." + +"Und Ihr Grossvater vaeterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg", wollte +ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber. + +"Ja, also die Deutschen", fuhr Stefenson fort, "bilden sich was ein auf +den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Voelker, +gar nicht haben. Schoen - ich gebe zu, Sie haben Dichter, die +ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind +vielfach mit einer betraechtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist +alles so - entschuldigen Sie - so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf +Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Grosse geht, der fehlt Ihren +Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anstaendiger Mann +sein Geld und seine Zeit auf eine grosse, aber sehr wackelige Sache setzt, +und es kommt so 'n Pressaeffchen und klaefft was von Pferdedieb und +Petroleumstaenker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat +doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn +der Leser nur ein bisschen Hirnschmalz hat, faellt's ihm nicht ein, ein Wort +zu glauben. Aber er tut so, als ob er's glaubte, er mimt mit in der +Maskerade und amuesiert sich dabei koeniglich. Und der, dem der Feldzug +gilt, wird ein bekannter, ein beruehmter, ein reicher Mann. So sind alle +zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die +eine amuesante Fruehstueckslektuere gehabt haben, und der Mann, der +angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika +ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu +erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Oeffentlichkeit +angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem +Grunde des Vertrauens seiner Mitbuerger. Aber der Humor, Mensch, der Humor +darf nicht fehlen!" + +"Wir in Deutschland haben einen anderen Humor", sagte ich und war froh, +dass es so ist. + +Da kam einer unserer Baufuehrer und meldete kleinlaut, dass wahrscheinlich +fast alle unsere Arbeiter kuendigen wuerden. Als er gegangen war, sass +Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch. + +"Werden Sie nun begreifen", fragte ich, "dass Sie die gerichtliche Klage +anstrengen _muessen_, dass es absolut Zwang fuer uns ist?" + +"Ich kann die Leute nicht verklagen", sagte Stefenson schwermuetig. + +"Sie koennen nicht?" fragte ich betroffen. "Warum koennen Sie nicht?" + +"Weil ich den Artikel ueber Sie und ueber mich selbst geschrieben habe." + +Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand. + +"Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in +das Neustaedter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist +billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der +Verleger, so dass sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in +ihrem Blatte recht kraeftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte +so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger +Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustaedter +"Umschau" loslassen. Das sollte so huebsch hinueber und herueber gehen, bis +zuerst die Provinz- und dann die hauptstaedtische Presse davon Notiz nahm +und im bunten Teil Auszuege braechte, etwa unter der Ueberschrift: 'Der Sturm +im Wasserglase' oder 'Krieg der Zaunkoenige' oder 'Ein Mordsskandal in +Dingsda' oder so aehnlich. Da haette nun das grosse Publikum auf einmal etwas +von uns gehoert, haette die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung +sensationellen Humors geschluckt, und ueberall haette man von uns und +unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir waeren durchgewesen. +Diese ganze schoene Propagandaidee haette mich etwa lumpige tausend Mark +gekostet, und nun faellt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute +zusammen." + +Ich kam aus der Verblueffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich, +was zu tun sei. + +Es stellte sich heraus, dass Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen +Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, dass also +Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile +einen kurzen Artikel fuer unser "Waltersburger Tageblatt". Er lautete: + +"Einen fuerchterlichen Reinfall haben die Neustaedter erlebt. Ihre +weitverbreitete 'Umschau' hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein +Druckfehler) Schauermaeren ueber die Unternehmer der in Waltersburg zu +begruendenden grossen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu +grotesker Dummheit. Waehrend das gebildete Waltersburger Publikum diese +klatschfetten Zeitungsenten als solche natuerlich sofort erkannt hat, +sollen sie gewissen Neustaedter Kreisen ueber die Massen gemundet haben. Denn +der Hass gegen das aufbluehende Waltersburg ist zu gross, als dass nicht auch +die eselhafteste Luege, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet +ist, in Neustadt Glauben faende. Wie schwer der Reinfall ist, moege +folgender Aufschluss bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm +hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmaehten Stadt 'mit dem +weissen Lamm als Wappentier', eine Genugtuung geben wollen, indem er die +Neustaedter Bevoelkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen liess. Mister +Stefenson hat - wie vorliegende Dokumente beweisen - die beiden +aufsehenerregenden Artikel, die natuerlich von A bis Z erfunden sind, +naemlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn +Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der +'Neustaedter Umschau' veroeffentlicht. So viel war ihm der Spass wert. Die +Neustaedter aber moegen nun die Zoologie nach einem fuer sie passenden +Wappentier gefaelligst selbst durchforschen." + +Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drueckte er mir die +Hand. + +"Ich danke Ihnen", sagte er anerkennend; "Sie sind gar nicht so +unamerikanisch." + + * + +Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen, +dass ich ein reines Glueck im Herzen fuehlte, als ich unser Ferienheim so +fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrueckten +mich oft, und wenn ich sie abends in ihren grossen Baracken lachen und +laermen hoerte, dachte ich daran, wie schoen es war, als noch die stillen +Raine durch gruene Felder liefen. Ueberall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege, +Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fuehlte mich auf diesen Bauplaetzen +ausserordentlich unbehaglich, und wenn ein schoener Baum zum Opfer fallen +muss, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein grosses +Unrecht geschaehe. + +Fuer den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein +Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich +glaube, ich sehe alles zu schoen; es kann in Wirklichkeit nicht so werden, +wie ich es traeume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer. +Erst, wenn "aufgeraeumt" sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu +gefallen. + +Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im +Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft +werden. + + + + + + JOACHIM + + +Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: "Treffe drei Uhr fuenfzig +nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim." Das Telegramm war +fruehmorgens in Berlin aufgegeben. + +Erst langsam begriff ich, dass da etwas Wunderliches geschah, dass mein +verschollener Bruder ploetzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiss durchs +Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzaehlen. Aber +ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgueltig: + +"Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab." + +"Ich weiss nicht, wie ich's mit der Mutter machen soll." + +"Der Mutter wuerde ich vorlaeufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht, +warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm." + +Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof. +Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief, +war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm +zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich: + +"Willkommen, Joachim; ich freue mich, dass du gekommen bist." + +Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht. + +"Weiss es die Mutter?" + +"Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen." + +"Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich +heisse Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore." + +Er sprach mit einem Gepaecktraeger; dann fuhren wir nach einem Hotel. + +Unterwegs fragte ich ihn: + +"Bist du gesund?" + +"Ja - oder auch nein - ach Gott, ich weiss es selbst nicht." + +Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig +auszuruhen, aber er noetigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem +Reisekoffer sass er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit +gepresster, etwas stossender Stimme: + +"Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich haette es nie fuer moeglich +gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine +Sicherheit - das Heimweh - das quaelende Heimweh ..." + +Ich trat ans Fenster und sah auf die Strasse. + +"Fritz!" + +Ich wandte mich ihm wieder zu. + +"Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat - nun ja, ich muss schon +Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht - warum habt ihr +eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?" + +"Was fuer eine Geschichte mit dem Tagebuch?" + +"Nun, dass du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir +geschaeftlich verbunden ist, dein Tagebuch ueber Waltersburg hast schicken +lassen." + +"Ich dir mein - hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?" + +"Ja, natuerlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift." + +"Oh, dieser Mensch - dieser Stefenson!" + +"Weisst du gar nichts darum?" + +"Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen +Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus +purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir +geschickt." + +"Ja. Ich bekam die Blaetter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es +ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie +manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe +sie endlich doch gelesen, taeglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle +war, so dass ich notduerftig meine Angelegenheiten ordnete, und - und nun +eben da bin." + +"Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?" fragte ich +verwundert. + +"Ja, du weisst nicht, was das heisst, keine Heimat mehr zu haben. Die +anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue +Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfuehlen. Ich habe +nichts von alledem gesucht und bin ganz losgeloest von aller Wurzelerde +gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von +dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte ueber die Mutter, selbst die +Geschichten ueber das Spiessertum in der Heimat haben eine - nun ja, ich +gestehe es - eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann +auch das - auch das - aber lassen wir das!" + +Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht ueber +die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah, +in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und huetete mich, dieses +ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen. + +Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riss dann +ploetzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich +mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend: + +"Ach Gott, ich bin doch froh, dass ich hier bin." + +Wir reichten uns stumm die Haende. + +Dann sagte ich: + +"Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Maenner beraten, was zu +tun ist." + +Er sah mich von der Seite an. + +"Du weisst wohl natuerlich auch nicht, dass mich Mister Stefenson als zweiten +Arzt fuer dein Sanatorium berufen hat?" + +"Hat er das?" + +"Ja, allerdings nur unter der Bedingung, dass mir deine Idee von den Ferien +vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernuenftig und +fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!" + +Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht. + +"Schoenen Dank, Joachim. Du weisst, wie sehr ich dich immer mir fuer +ueberlegen gehalten habe." + +Er winkte, schwermuetig den Kopf schuettelnd, ab. Dann setzte er sich mir +gegenueber und ergriff wieder meine Hand. + +"Sieh mal, Junge, dass du mich nun fuenf Jahre lang gesucht hast - das - nun +ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir +wird, weiss ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal +ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem +Rat zugaenglich sein. Aber ich moechte nicht erkannt werden; ich moechte +nicht, dass all der Schwatz und Klatsch - ach, lass uns die heilige Stunde +nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es moeglich waere, dass ich +als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gaelte, saehe ich mir gern +auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag +dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten, +ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen +Tag, jeder ist fern von dem gluecksfeindlichen Schwarm, der einem aus der +Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich moechte der erste sein, +der in deiner Zufluchtsstaette Ferien macht von seinem Ich." + +Beide Haende streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen +himmlischen Segens fuer meine Gruendung stand der langvermisste Bruder vor +mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich +ein Glueck herrlicher fuegen! In dem ueberstroemenden Gefuehl des Augenblicks +sagte ich: + +"Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zuerne mir nicht, wenn +ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der +kleinen Luise." + +Da wurde sein Gesicht finster. + +"Ich kann noch nicht - lass mir Zeit!" + +Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die +Fenster. Allmaehlich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen +Plaene fuer die naechste Zukunft. + + * + +Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, sass +dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte: + +"Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der groessten Prachtkerle +der Welt. Da ist er - mein Bruder Joachim - den Sie heimgezaubert haben." + +Stefenson antwortete mir nicht, schuettelte aber dem Bruder herzlich die +Hand. + +"Das ist schoen, dass Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar +nicht; denn ein Mann wie Sie laesst sich nicht herzaubern. Aber dass Sie +gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glueck; denn +Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften, +aber im ganzen ist er ein Schwaermer." + +"Danke, Mister Stefenson!" + +"O bitte!" + +Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschaeftliche. + +"Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Baeder, +ueberhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen +wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis +jetzt nur in den Aussenumrissen fertiggestellt; die endgueltige innere +Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kaemen; denn Sie haben in solchen +Dingen grosse Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr +bewaehrt haben." + +"Woher wissen Sie das?" + +"Na, ich habe mich doch selbstverstaendlich in mehreren guten +Auskunftsbueros ueber Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt haetten, haette +ich mich doch auch nicht um Sie bemueht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb +schickte ich Ihnen das Tagebuch." + +Veraergert fuhr ich den Kraemer an: + +"Sie haben also wieder nur ans Geschaeftliche gedacht?" + +"Na selbstverstaendlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man +denken als ans Geschaeftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter +Kaufmann ist?" + +Joachim laechelte; mir aber stuerzte wieder einmal ein glaesernes Tempelchen +ein, in das ich meinen Goetzen Stefenson gesetzt hatte. + +Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte ueber tausend +Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, dass der durch +die Heimkehr aeusserst aufgeregte Bruder zunaechst durch die trostlos +nuechternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde. + +Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er +erzaehlte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an +einen gefuehllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjaehrigen Knaben +ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in +Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heisse, mal probeweise zu sich +nehmen; vielleicht, dass etwas aus ihm wuerde. Die Gruendung einer so neuen +Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran muesse ja auf einen Jungen einen +tiefen Eindruck machen und ihm fuers ganze Leben einige staehlerne +Geruestschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug +reisen, und er haette es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er +wegen der Vertretung manches Geschaeftliche mit mir noch zu erledigen habe, +womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Strasse waren, +sagte Stefenson: "Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht +hinterher wieder aus dem Haeuschen fallen und alles verderben. Also, mein +kleiner Neffe, der Georg, ist naemlich gar kein Junge, sondern ein Maedchen +- er ist die kleine Luise." + +"Stefenson, Sie sind toll!" + +"Nein. Ich bin vernuenftig. Die kleine Luise muss Ferien von ihrem Ich +machen. Als Maedel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die +letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr +Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll +sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken +abgewoehnen, wenn eine Hand nach ihr fasst; nein, sich selbst 'rumhauen mit +Buben und Strassenboesewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte +Behandlung haben." + +Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Grosses an +meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum +Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab. + +Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in +dem Thueringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es +in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewusstsein +seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen. + +Ich wusste, dass Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je +ein Vater oder Grossvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter +irgendeinem Vorwand einmal nach Thueringen verschwunden; das Maedchen hatte +sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte, +jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den +wahrscheinlich nie eine zaertliche Hand gestreichelt hatte, tat diese +Kindesliebe so wohl, dass er diesmal auf allen kaufmaennischen Vorteil +vergass und wie ein verliebter Narr handelte. + +Mochte er es tun! + +Stefenson reiste ab. + + ------------------------------------------------------- + +Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind +zunaechst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen. + +Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm. + + + + + + +"Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben. +Denn sie will nicht. Sie heult, dass sie ein Junge werden soll. Auch die +Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise +bleibt ein Maedel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu +schlecht. Ich will mal sehen, dass ich das Kind zunaechst in Neustadt +unterbringen kann. Ich weiss da eine gute Familie, die mir den Gefallen +gegen Entschaedigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung taeglich +beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der +mir fuer die Erziehung des nur ausserordentlich geschickt zu behandelnden +Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am +Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht. + + Stefenson." + + + + + + + * + +Am naechsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte +versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten. + +Wir sassen beim Fruehstueck zusammen; ich versuchte ein paar Anlaeufe, brachte +aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann +machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurueckkam, stand die +Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens +zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und huellten den Platz +in traulichen weissen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder +in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her. + +Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war ueberzeugt, die Mutter +hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte. +Ich ging an ihrer Tuer vorbei nach meinem Zimmer. Da sass ich, bis es hohe +Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu +sein. Endlich sagte ich mir, dass ich ein Geselle von kindischer Eifersucht +sei, und ging in das Zimmer der Mutter. + +"Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!" sagte ich, und +die nervoese Frau erschrak natuerlich aufs schwerste. + +"Es handelt sich um Joachim!" + +"Um Gottes willen - ist ihm etwas passiert - ist er in Not - willst du zu +ihm fahren?" + +Ich musste laecheln. Zu ihm fahren! - Dass ich damit mein Lebenswerk +aufgegeben haette, daran dachte die Mutter nicht. + +"Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von +Joachim zu sagen habe." + +"Sage es mir, Fritz, will er - will er nach Hause kommen?" + +"Ja, er kommt schon heute." + +Da stiess sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die +Haendchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der +ihr das groesste Glueck beschieden habe, das es fuer sie gebe. Als sie etwas +ruhiger wurde, fragte sie: + +"Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal +geschrieben, dass er kommen soll?" + +Ich schuettelte den Kopf. + +"Ganz von selbst gekommen", sagte sie selig; "der treue Sohn!" + +In trockenem Tone entgegnete ich: + +"Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in +Neustadt abhole. Erst in der Daemmerung kommen wir. Inzwischen rege dich +nicht allzusehr auf und vergiss nicht, deinen Baldriantee zu trinken." + +Das nahm sie ungnaedig auf. + +"Baldriantee - wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natuerlich +mit nach Neustadt fahren." + +"Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, dass er von +den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine +Kuranstalt eintreten." + +"Und nicht bei mir wohnen?" + +"Nein, er wird im Ferienheim wohnen." + +"O - o du nimmst ihn mir?" + +"Ich nehme ihn dir nicht -", entgegnete ich unwillig; "mache mit Joachim +selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen." + +Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draussen im Winterwalde wurde mein +Herz wieder warm; ich war gluecklich. Immer, wenn ich mich gluecklich fuehle, +habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als +dass ich bald eine Anzahl von Futterplaetzen und Nistkaesten fuer die Voegel in +meinem Ferienheim anbringen wuerde, auch auf die Gefahr hin, als Gaeste +lauter Sperlinge zu mir zu ziehen. + +Die Mutter! - Nun wuerde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und +alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich +wuerde sie meine beiden geraeumigen Zimmer fuer Joachim einrichten und mich +nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersuechtig und +voll haesslichen Misstrauens, und es fiel mir ein, dass es besser waere, sich +auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf +die Spatzen ... + +Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht +einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte +ihr Haupt verhuellt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und +betreten neben mir her, fast wie ein Suender. Er war auch ein solcher; denn +er hatte sein Herz verhaertet, und alle Herzensverhaertung ist Suende. + + "Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand + Kommt wieder heim aus fremdem Land. + Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt, + Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?" + +Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, huebschen Gedichte schildert: die +Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten +Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar +nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar duenn und sein +Bart dicht wurde und die Zeit die grosse Retouche an seinem Gesicht vollzog +- er war ein anderer geworden. + +In sieben Jahren soll sich der Koerper des Menschen ganz erneuern. So +wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurueck, was vor +sieben Jahren auszog. Haette Joachim keine Seele gehabt, so waere wirklich +ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Baecker +Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt +fuehlte er sich geehrt, dass ich ihn auf der Strasse anhielt, und eilte gewiss +alsbald ins naechste Gasthaus mit der Kunde, dass ein Dr. Harton aus Neuyork +angekommen sei als zweiter Arzt fuer das Ferienheim, und es muessten doch +schon massenhaft Kurgaeste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten +Arzt brauche. + +Auch der alte Sanitaetsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf +mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begruesste den +"Herrn Kollegen von drueben", den ich ihm vorstellte. + +Auch die Frau Provisor, von der erzaehlt wurde, sie haette, als sich Joachim +verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhoelzer +abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den +ehemals Heissbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorueber. + +So naeherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner +und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand +wohl jetzt der Mond; denn der Nebel ueber dem Johannisplatz war +durchsichtig und silberhell. + +"Der alte Brunnen!" sagte Joachim leise; "es ist merkwuerdig, dass meine +Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat +dachte." + +Nun naeherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte +wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab. + +Joachim stuetzte sich auf das Gemaeuer, und weisse Tropfen aus der Schale +Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das +Heiligtum seines Vaterhauses eintrat. + +Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und oeffnete nach leisem Klopfen die +Tuer zur Mutter. + +Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten, +schloss die Tuer und blieb draussen. + + + + + + WEIHNACHTEN + + +Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf +meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich +nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; haette ich mich frueher nicht +um das Kind gekuemmert, wo es das Maedel noetig gehabt haette, so sei meine +Anteilnahme jetzt voellig ueberfluessig. Das gleiche koenne er auch nur mit +Bezug auf meinen Bruder sagen; er haette sich jetzt schon Vorwuerfe ueber +dessen Berufung gemacht. Da koennten bloss Schwierigkeiten entstehen. + +"Mister Stefenson", sagte ich, "Sie benehmen sich wie ein Drache, der die +verwunschene Jungfrau behuetet." + +"Drache hin, Drache her; ich geb' sie nicht heraus", knurrte er. + +"Das sollen Sie ja gar nicht; wir ueberlassen Ihnen ja das Kind." + +"Wirklich?" + +"Wirklich!" + +"Na, dann ist es gut!" + + ------------------------------------------------------- + +Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im grossen Theatersaal +des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden, +obwohl wir keinen eigenen Buergermeister haben werden). Dieser Theatersaal +ist Hals ueber Kopf fertiggestellt worden. Er koennte schoener sein. Aber er +ist geraeumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine huebsche +Liebhaberbuehne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es +gehoerte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Waende, Kalkkuebel und +Schutthaufen zu maskieren, die in der Naehe des Treppenhauses einen +unschoenen Anblick bieten. + +Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet, +komponiert und malt. Ueber braven Dilettantismus geht es bei Herder +nirgends hinaus, aber er schafft fuer den Hausbedarf brauchbare, gefaellige +Saechelchen. + +Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept: +"Von jeder Art zwei Paerchen." Dazu sind alle Kinder geladen, die zum +grossen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, dass die Kleinen auf +Stefensons Kosten die Gewaender geliefert erhielten, die zu ihren Rollen +gehoeren, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft. + +Der Festsaal war denn auch beaengstigend voll - zugleich fuer Joachim die +grosse Probe, ob er erkannt werden wuerde oder nicht. + +Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die +dem ueberseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der +glaeubigen deutschen Auslaenderverehrung gesagt hatten, nun muesse es +wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt +mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustaedter +geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Aerzte. + +Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige +Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt, +dass nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson +eine Hauptrolle uebernehmen und ein kleines Liedchen singen wuerde. Ich +verbarg muehsam meinen Schrecken. + +Herder erzaehlte weiter: + +"Ich habe mit der Kleinen - die Leute sagen, es sei die Tochter des +amerikanischen Petroleumkoenigs - eine Probe gemacht. Sie hat eine +allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schuechtern." + +Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson. + +"Es ist unerhoert ..." + +Er wusste augenblicklich, was ich meinte. + +"Gar nichts ist unerhoert", unterbrach er mich rauh. "Die Nichte von Mister +Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muss auftreten, sie +muss ihre Schuechternheit ueberwinden. He, Sie scheinen mir ein schoener +Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente ausser acht lassen wollen." + +Was hatte es fuer Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun musste eben +durchgehalten werden ... + +Die Mutter sass mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an +der Buehne. Ich sah und hoerte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel +von Zwergen, Kobolden, Nussknackern, Pfefferkuchenmaennlein, Tiergestalten, +Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum ueblichen +Weihnachtsstueck gehoeren; ich wartete mit Herzklopfen auf den +Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miss Stefenson aus Chikago auf dem +riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte +"Bild" uebrig, nun musste Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen. + +Der Vorhang hob sich. - Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit +ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Koenige; rings in Anbetung +versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmaennlein. Es war alles +in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt. + +Da erschien ploetzlich ein Licht ueber der Grotte, ein wunderschoenes +Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen: + + "Vom Himmel hoch, da komm ich her + Und bring euch allen frohe Maer: + Geboren ist in Davids Stadt + Er, der des Lebens Fuelle hat." + +Die Mutter sass wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und +drueckte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die +ganze Gemeinde sass in Andacht. + +Joachim war ganz gleichmuetig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er: + +"Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!" + + ------------------------------------------------------- + +Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm +in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe +angezuendet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an. + +"Fritz - das Kind - dieses Kind ..." + +Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg. + +"Fritz - sage mir - ist es - ist es? ..." + +"Ja. Es ist Luise." + +Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne +Bitterkeit sagte ich: + +"Mutter, du brauchst dich nicht zu aengstigen, das Kind wird dir nie +Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut +aufgehoben." + +So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am +Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hoeren war als das leise +Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stuetzte die Mutter den +Kopf auf den Tisch und sagte muede: + +"Das Kind ist Joachim aehnlicher, als er sich jetzt selbst ist!" + +Nach einem Weilchen meinte sie: + +"Es wird wohl keine Moeglichkeit geben, dass ich das Kind zu mir nehme?" + +"Nein, Mutter, es gibt keine solche Moeglichkeit mehr!" Damit ging ich nach +meinem Zimmer. + + + + + + FUeGUNG ...! + + +Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer +fertiggestellt sind und auch der Kuechenbetrieb schon im Gange ist. Im +Rathaus gegenueber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitstaetigkeit noch +vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen taeglich +nach Neustadt zu fahren und sich um das "Gaenschen" zu kuemmern. So wolle er +das Maedel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr stoerend, aber was +wolle er machen? Er haette auch gefunden, dass die Pflegeeltern in Neustadt +die Sache mit Luise nicht recht verstaenden. Ich grunzte. Sonst sagte ich +nichts ... + +Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit groesster +Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir: + +"Und nun, mein Lieber, ist es die allerhoechste Zeit, dass wir an die +Bauernrequirierung gehen. Zehn Hoefe sind fast fertig, das Vieh ist rasch +zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergeraete, aber das Bauernvolk, das +uns einpasst, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht, +aber das ist nichts; die gehen bloss auf ihre Provision aus und schicken +uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit, +sich in einen Vieh- oder Getreidehaendler oder, wenn Ihnen das besser +liegt, in einen Guetermakler zu verwandeln und mich morgen auf der +Bauernsuche zu begleiten." + +Nun, diese Aufgabe passte mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glueck +zunaechst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausruestung. +Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit +Hirschhornknoepfen und gruener Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips, +ein seidenes Tuechlein um den Hals, eine Lodenmuetze, das war meine +Ausruestung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da +vermuten sie keine verkniffenen Staedter, keine "Juden oder +Winkeladvokaten", die sie uebers Ohr hauen wollen. + +Es waere alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am naechsten Morgen, als +die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht haette. + +Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange +Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedaechte, dass uns das Maedel nur +stoeren und aufhalten wuerde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit. + +"Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel", sagte die Kleine mit einem Anflug +von schnippischem Ton. + +"Sie macht sich heraus; sie faengt an, Courage zu kriegen", sagte der +"Pappa" anerkennend. + + ------------------------------------------------------- + +Auf einer groesseren Station stiegen wir waehrend des Zugaufenthaltes aus, um +dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthaendlers +waren, naeherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich +an, dann das Kind, fasste es blitzschnell an der Hand, riss es an sich und +kuesste es wie rasend. + +Das Maedel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: "Aber Madame, +was tun Sie?", und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige +Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen. + +"Zurueck in den Wagen!" rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte. +Bald sassen wir im Abteil, und die Tuer flog zu. + +Draussen schrie eine gellende Stimme: + +"Es ist mein Kind - es ist mein Kind - lasst mich zu meinem Kinde! Luise! +Luise!" + +Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen +fest; der aufsichtfuehrende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte +Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklaerende +Saetze. Zuletzt sagte ich: + +"Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf +dieses Kind habe!" + +Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach +leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhaengenden +Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: "Haben Sie +einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Maedchen?" + +Da schuettelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser +Wagenfenster, dann verliess die Frau den Bahnhof. + +"Wer war die boese Frau?" fragte Luise veraengstigt. + +"Eine Verrueckte", sagte Stefenson rauh. + +"Wird sie nie wieder zu mir kommen?" + +"Nein, nie wieder!" + +Wie lange doch der Aufenthalt noch waehrte! Die Leute spazierten draussen +und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor. +Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er +den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da +gab es einen gewaltigen Ruck und Stoss, und der Zug stand. + +Ich riss das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab, +Schaffner eilten den Bahnsteig entlang - ein Schaffner kam zurueck und gab +uns Auskunft ... + +Ueber das Feld rannte jene Frau ... + +Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen, +und der Lokomotivfuehrer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen +gebracht. + +Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster. + +"Da rennt sie - da rennt die boese Frau!" rief das Kind. + +"Lass das verrueckte Weib!" knirschte Stefenson. + +Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog ueber die Fluren, frierende Voegel sassen +auf den Telegraphendraehten, alles, was draussen war, fror, die Baeume und +die Berge, die Tiere und die Menschen. + +Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmaehter +Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr +entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmaeht. + +Stefenson sass finster in seiner Ecke. + +Das Kind begann wieder zu sprechen. + +"Alle verrueckten Menschen sind sehr boese." + +Da brummte sie Stefenson an: + +"Das kann man nicht sagen, du Gaenschen! Manche Menschen koennen nicht mal +richtig dafuer, dass sie verrueckt sind." + +"Wieso nicht?" + +"Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den grossen Menschen von +Tausenden kaum einer richtig." + +"Du hast aber gesagt, sie ist verrueckt, und du hast es boese gesagt", +verharrte das Kind. + +"Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht +und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrueckt oder boese ist." + +"Boese ist sie", wiederholte Luise; "denn sie hat mich sehr gequetscht und +mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen." + +Grau rann der Regen ueber das Wagenfenster. + +All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrueckte Menschen, sassen wir +da im Zuge, der uns schnell davonfuehrte und eine grosse Strecke zwischen +uns und die Suenderin legte, die uns gestoert hatte in unserer +Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschuetteln +konnten. + +Der goettliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie haette er wohl +gehandelt in meinem Falle? Haette er die Arme beiseitegestossen, sich einen +Beamten kommen lassen und sich hinter "gesetzliches Recht" verschanzt? +Waere er dann weitergefahren, fast hinweg ueber den zuckenden Leib, und +haette er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit +hochmuetigem Abscheu in der Seele? Oder waere ihr der Meister nachgegangen, +haette sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein +Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein +wenig goldene Kindesliebe fuer die Zukunft verheissen? + +Ferien vom Ich! + +Ich werde mich vor allen Dingen erloesen muessen von allem kalten Hochmut +des Herzens und allem auch noch so "gesetzmaessigen" Zurueckstossen der +Schwachen und Schuldigen ... + + + + + + BAUERNANWERBUNG + + +In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar +ergebnislose Besuche auf den umliegenden Doerfern. Wie die Werber fuer eine +Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstrasse trafen wir aber +eines Tages ein Baeuerlein, das in einem grossen bunten Taschentuch +allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden +hatte. + +Ich schaute den Bauern pruefend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges +Gesicht. Und der Mann ging zu Fuss und trug sein kleines Paket. Das war +einer fuer uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht +wenden, die haetten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine +Landwirte mussten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kuemmerliches +Leben fuehrten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen. + +Stefenson hielt das Pferd an. + +"Wollen Sie mitfahren?" + +"Nee!" antwortete der Bauer. + +"Warum denn nicht?" + +Das Baeuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul. + +"Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg' 'n Zentner!" + +"Sie haben wohl schoenere Pferde?" + +"Nee, ich hab bloss drei Zugkuehe. Aber su schnell wie der Schimmel traben +se ooch." + +"Hoeren Sie mal, Gevatter", sagte ich, "Sie foppen uns. Das Pferd hat viel +Geld gekostet." + +Er meckerte. + +"Na, da musst ihr schoene tumme Kerle sein." + +Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig +ueber die Gegend aus. Bald kam ein Strassengasthaus, und ich lud den Bauern +ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken. + +"Nu", sagte er, "das kann ich schon. Aber ich sag's Ihn' gleich ehrlich: +zu holen is bei mir nischt. Wuerfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen +hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene +alten Schraenke und zinnernen Teller." + +"Warum vermuten Sie denn, dass wir Ihnen was abschachern wollen?" + +"Ja, da muesst man doch euch Stadtjuden nich kenn'. Umsunst gebt ihr doch +eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten." + +"Da haben Sie ganz recht", sagte Stefenson; "wir wollen etwas von Ihnen. +Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kuehe, Schweine und +Huehner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder." + +Der Bauer brach in helles Gelaechter aus. + +"Hatt' ich mir's doch gleich gedacht, dass Sie der Menschenfresser sind." + +"Also den nehmen wir bestimmt!" sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware +zum Verkauf staende. + +"Mich nehmen Sie?" vergnuegte sich der Bauer. "Sie sein ja der ulkigste +Kerle von der Welt." + +Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Baeuerlein an +dem rohen Tisch der Schankstube gegenueber, nahm ein Notizbuch heraus und +sagte: + +"Wie heissen Sie?" + +"Ich? - Mit'm Familiennam' su wie mei Vater und mit'm Vornamen wie +Napoleon." + +"Mensch, wie heissen Sie! Ich muss das wissen. Es handelt sich um eine +Angelegenheit, die fuer Sie wichtiger ist als fuer uns. Sie werden schon +alles erfahren. Also, wie heissen Sie?" + +"Wie heissen _Sie_ denn?" fragte der Bauer zurueck. Stefenson wurde +ungeduldig. + +"Wenn Sie es denn wissen muessen - ich bin Mister Stefenson aus Amerika, +ein sehr reicher Mann." + +"Da koenn' Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so'n scheenes +Pferd." + +"Dummer Kerl!" sagte Stefenson verdrossen und stand auf. + +Der Bauer lachte. + +"Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf." + +Es war Zeit, dass ich mich ins Mittel legte. Der Mann musste wissen, um was +es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht +leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. +Ich versuchte das auf folgende Weise: + +"He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Staedter kennengelernt, +der richtig arbeitet?" + +"Nee. Die Staedter sein olles faule Luder. Se koenn' Heringe oder Leinwand +oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten +koenn' se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben." + +"Da haben Sie recht. Und glauben Sie, dass so ein Leben, wie es die Staedter +fuehren, gesund ist?" + +"Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und +Kraefte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg." + +"Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiss nur der Bauer. Nun +wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten." + +"Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich +lieber zu Hause." + +"Schoen. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollstaendig. Wenn man +nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, +nein, wo lauter Bauernhoefe waeren und wo die Staedter, die eine Kur machen +wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten +muessten, das wuerde doch den Schlingeln gesund sein - nicht wahr?" + +"Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schoen hueten und +arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm'n, saufen se einem bloss die gute Milch +weg und fressen die scheensten Birn' von a Baeumen. Sonst tun se nischt." + +"Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der +Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesuender werden +wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt." + +"Die Doktors verstehn alle nischt, die Schaefer sind klueger." + +"Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der +versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt +gemacht werden, die hat vierzig Bauernhoefe, und auf allen Hoefen sollen die +Kurgaeste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gruendet, ist eben jener +Herr dort." + +"Der? - Vierzig Bauernhoefe? - Se sind wohl nicht recht bei sich?" + +"Doch - doch - ich werd' Sie doch nicht beluegen." + +"Wie heisst er? Mister? Mister - Ausmister!" + +Er lachte ueber seinen Witz. + +"Mister bedeutet 'Herr'. Weil er eben ein Amerikaner ist." + +Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch +der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte. + +"Sie, Herr Mister, komm'n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!" + +Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfuellen. Stefenson warf +schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch. + +"Bitte!" sagte er phlegmatisch. + +Der Bauer ruehrte sich nicht. + +"Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!" ermunterte ich ihn. + +"Ich werd' mich schoen hueten; nachher sagen Se, es fehlt was!" + +Misstrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so sass der Bauer vor der +Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune +Schaetze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er +rueckte beiseite. + +"Wenn Se su reiche Herr'n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen +Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade." + +Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurueck und redete dem neuen Freunde +gut zu. Ich erklaerte ihm genau, was wir mit ihm vorhaetten, wie er als +Paechter auf einen unserer Hoefe ziehen solle, wie wir ihm die guenstigsten +Bedingungen einraeumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise +abkaufen wuerden, falls er sie nicht anderweit guenstig los wuerde. Wie ein +Koenig solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgaeste sollten unter seiner +Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte +heraus, dass der Bauer Emil Barthel hiess, noch nicht ganz fuenfzig Jahre alt +war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kraeftige Soehne und +zwei Toechter besass, dass von den vier Kindern aber drei auswaerts in Dienst +standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschaeftigen und +ernaehren konnte. + +"Na, sehen Sie, Barthel, es waere doch schoen, wenn Sie alle Ihre Kinder bei +sich haben und ganz fuer sich arbeiten koennten. Da waere doch auch was +zurueckzulegen." + +Er sass nachdenklich da. + +"Stoppen Se mich wirklich nich aus?" + +"Ich denke nicht daran." + +"Wie kommen Se denn gerade auf mich?" + +"Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns." + +"Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen." + +"Das schadet nichts. Den Kurgaesten werden Sie auch manchmal grob kommen +muessen. Das gehoert zur Kur." + +"Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?" + +"Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat." + +"'n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!" + +"Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so 'n +halber Schaefer." + +"Oh, das waer nich schlecht! Aber ich glaub's nich; ich kann's nich +glauben!" + +Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche. + +"Jetzt werd' ich Ihnen mal Bilder von unseren Hoefen zeigen. Da - das ist +ein Wohnhaus." + +"Das? - Das is ja 'n Schloss!" + +"Ja, wir haben schoene Wohnhaeuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht +allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgaeste drin +Platz haben." + +"Dunnerwetter!" + +"Und das ist die grosse Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die +Scheuer." + +Er atmete schwer. + +"Wie gross ist denn die Wirtschaft?" + +"Hundert Morgen." + +Da verduesterte sich seine Stirn. + +"Warum halten Sie mich denn zum Affen? So 'ne grosse Sache kann ich doch +nich pachten; da gehoert doch Geld dazu." + +"Gar kein Geld! Nur, dass Sie fleissig sind und alles gut in Ordnung halten. +Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die +Aecker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen +die Kurgaeste." + +"Nu ja, die werd'n ja ueberall behumpst." + +Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Maerchendinge vor ihm +ausbreitete. Zuletzt erklaerte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu +fahren und mit seiner Susanne Ruecksprache zu nehmen. + +Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast +nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte +nur ein Erdgeschoss mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es +war ein Blumengaertlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein +behaebiges Weib in blauer Schuerze trat vor die Tuer, als Barthel vom Wagen +kletterte: + +"Nee, Emil", sagte sie, "da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und +kummst su spaet! Dabei sull a de Medizin fuers kranke Maedel hol'n." + +"Mutter", meinte Emil, "wenn du mit sulchen Kerlen faehrst, bleibste +kleben. Sieh dir bluss den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. +Aber 's sind amerikanische Millionaere, die haben vierzig Pauergueter und +lauter Schloesser." + +Susanne lachte gutmuetig. + +"A hat een' sitzen", meinte sie. "Na, kumm ock rein!" + +"Frau Barthel", rief ich ihr zu, "Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzaehlen +haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spass, es ist Ernst. Wir fahren jetzt +ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir +muessen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen." + +Die Frau schuettelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst +ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus. + + ------------------------------------------------------- + +Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl +bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil +Barthel. + +"Nee, komm'n Se wirklich?" fragte er; "ich hatte gedacht, 's waer alles +bloss Ulk." + +Die Stube war niedrig, aber sauber, und ueber den Tisch war ein grosses +buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer +Papiertuete Zigarren an, von denen ich vermutete, dass sie aus dem +Dorfkramladen zu fuenf Pfennig das Stueck gekauft seien. Mit Schadenfreude +sah ich zu, wie Stefenson, der von frueh bis in die Nacht eine Havanna nach +der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug +heranmachte. + +"Nun, mein lieber Barthel, moechte ich zunaechst etwas feststellen: es +handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spass, zu dem wir uns +wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen wuerden, noch um einen Betrug." + +"Also ist es tatsaechlich wahr?" sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. +Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede: + +"Sehn Sie, meine Herr'n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben - +man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfaellt - nu, so muss ich +Ihn'n ehrlich sagen: das Ding gefaellt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute +werd'n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll'n - +woll'n se sich amuesieren. Da woll'n se doch nich Kuehe melken und ackern. +Meine Herr'n, Se haben keene Ahnung, was das fuer schwere Arbeit is. Vor +solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrueckt. Aber gesetzt den +Fall, se kaemen doch - da waer's noch viel schlechter. Denn warum? Die +Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, dass die mir auf dem Hofe was +helfen koennten? Die gragelten mir doch bloss im Wege 'rum. Die quatschten +und quasselten doch bloss." + +"Die fielen einem ja in die Puttermilch!" lachte Frau Susanne. + +"Die taeten ja alles bloss mit Glacehandschuh'n machen woll'n", ergaenzte der +Mann. + +"Donner!" schrie da Stefenson jaehzornig und hieb die Faust auf den Tisch, +dass aus seiner Fuenfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, "nun ist's +aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? +Muessen Sie sich unsere Koepfe zerbrechen, ob unsere Gruendung eine Pleite +ist oder nicht? Haben Sie nicht bloss zu gewinnen? Das allerbeste ist ..." + +"Das allerbeste is, Se gehn wieder!" sagte Barthel seelenruhig. Und nun +waeren wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen +worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tuer geklopft haette und +zwei Damen ueber die Schwelle getreten waeren. Eine kleine zartgliedrige +Braune und eine grosse Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man +das in dem Daemmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die +Kleinere sagte, dass sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehoert +habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, dass gerade Besuch da sei, +und wolle nicht stoeren. + +Ach, erwiderte die Frau, von Stoerung sei keine Rede; denn das seien zwei +ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen +haetten und die auch gleich gingen. Trotzdem fuehlte sich die gute Mutter +Barthel bemuessigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. "Das ist naemlich +unsere Lehrerin, Fraeulein Annelies von Grill." + +Anneliese von Grill! Ein pruefender Blick in die grossen braunen Augen, und +ich hatte die Identitaet mit dem kleinen Majorstoechterlein festgestellt, +das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich - da ich +acht Jahre aelter war - immer etwas onkelhaft begoennert hatte. Nun stand +ich ihr lachend gegenueber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich +sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein froehliches Wiedersehen und +grosse Verwunderung ueber die Umstaende, unter denen es geschah. Ihre +Lebensgeschichte war kurz: der Vater frueh gestorben, die Mutter auf eine +kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu +machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war. + +Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine: + +"Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium +Ferien vom Ich?" + +"Allerdings, meine Gnaedigste, dieser Doktor bin ich." + +Das Maedchen brach in klingendes, lautes Gelaechter aus. + +"Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden waere, wen ich +sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und +Herrlichkeit - ich haette mich fuer Sie entschieden." + +"Ich freue mich, dass ich Ihnen so interessant bin", sagte ich. + +"Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf ueber Sie! Jetzt +fehlte bloss noch, dass jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika +waere." + +"Das ist er!" mischte sich Emil Barthel ein, "es ist der Herr Mister aus +Amerika." + +Stefenson verneigte sich phlegmatisch. + +"Also, Herrschaften, dann muessen Sie schon erlauben, dass wir uns etwas +zusammensetzen und diese kostbare Begegnung geniessen." + +Dieses Maedchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese +von Grill, uns zunaechst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte +sich aber selbst vor. + +"Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung ausserordentlich begabte +Opernsaengerin ohne Engagement, gegenwaertig zu Besuch bei meiner Freundin +Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes +Ferien vom Ich zu machen. Mit Kuenstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck +genannt, buergerlich hoere ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter +des Baumeisters August Bunkert in Neustadt." + +Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen +Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Maedchen brach +wieder in froehliches Lachen aus. + +"Es scheint, dass wir Sie sehr belustigen, mein gnaediges Fraeulein." + +"Ausserordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt +aufeinanderplatzen?" + +Wir nahmen Platz und sassen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel +sagte: + +"Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, +hoechstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder +mal recht gehabt." + +"Und nun, Herrschaften", rief Fraeulein Bunkert, "es mag so indiskret sein, +wie es wolle, ich muss wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu +tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier." + +Und Stefenson - ach, Stefenson betrachtete das Maedchen mit unverhohlenem +Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei "sein Typ". Gross, schlank, +blond, uebermuetig. Da gehe er halt auch mal aus sich 'raus. + +Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes +wahrster Bedeutung, mit allen Kuensten, Listen und Teufeleien des +Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstuerme auf den +biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustaedter mit den +Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer +Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Kuessen. (Bei +diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen duennen Mund +gewaltig in die Breite.) Dass er, Stefenson, in einer so oeden +Spiessergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie +dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der +Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwaehrende +Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching _ad +infinitum_. + +Und diese schweren Beleidigungen unserer grossen erhabenen Idee liess +Stefenson ueber sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er +laechelte ... der Verraeter. + +"Meine Gnaedige", warf ich dazwischen, "Sie duerften ueber unser Ferienheim +denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst." + +"Ja, gerade, dass Sie es ernst meinen, ist ja das Gute", erwiderte sie. +"Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz." + +"Das ist eine sehr kluge Sentenz", stimmte der verraeterische Stefenson +bei. Ich war empoert. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, +blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott +das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut. + +Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie +war freundlich, es lag viel Guete auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch +in ihren grossen Augen das schoene Lichtlein harmlosen Schalks. Waehrend +Stefenson und Eva Bunkert eine laermende, von vielem Gelaechter +unterbrochene Unterhaltung fuehrten, sprach ich leise mit Anneliese von +ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen ueber mich in der +schlichten Bauernstube. + +"Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?" fragte ich. + +"Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute." + +"Glauben Sie, dass es recht waere, wenn wir sie fuer uns gewinnen?" + +"Ich werde ihnen gut zureden, dass sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiss +beide Teile nicht reuen." + +"Ich danke Ihnen!" + +"Also, hoeren Sie, Herr Mister Barthel", lachte unterdes Eva Bunkert; "wenn +Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, waeren Sie, mit +Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glueck schneit Ihnen nie wieder ins +Haus." + +Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern. + +"Ich moecht ja; aber die Mutter sagt ..." + +"Gar nischt sagt sie", fuhr Frau Barthel dazwischen, "aber er - er hat die +Herren, ehe die Fraeuleins kamen, direkt 'rausschmeissen wollen." + +Emil Barthel schwur, dass das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es +gab einen ehelichen Streit. + +Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib. + +"Jees, jees", jammerte es, "die Emma hat su viel Hitze und klagt immer +mehr ueber a Hals." + +Emma war die zwoelfjaehrige Tochter Barthels. Ich erfuhr, dass das Kind ueber +Halsschmerzen geklagt habe, und der Schaefer, ein heilkundiger Mann, +Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die +Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt. + +"Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde", bat mich Anneliese, "es +sind bereits drei Diphtheriefaelle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt +haben wir hier nicht." + +So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstueblein, wo das +Kind in hohem Fieber lag. + +Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorlaeufige +Verhaltungsmassregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im +naechsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst uebernehmen konnte. +Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Maedel ist dann auch gerettet +worden, und Barthel hat nachtraeglich drei Mark Strafe zahlen muessen, weil +er dem Schaefer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, +einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat. + +Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurueckkehrten, fanden wir +Stefenson und die schoene Eva in angeregtester Unterhaltung. Fuer das +erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon +wieder. + +Eva hatte mit Stefenson verabredet, dass sie mit Anneliese gleich nach der +Eroeffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen +wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloss +bis ersten April, und dass sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, +sei vorlaeufig sicher, also koennten sie beide kommen. + +"Und Ihr Vater?" fragte ich. + +"Ach, mein Vater darf natuerlich davon nichts wissen, der ist ja wuetend auf +Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, dass er +meint, ich sei wer weiss wo. Und bei Ihnen werde ich die Gruenzeugfrau +Emilie Knautschke sein." + +Ich beschloss, dieses Maedchen, das in die ernste Maennerfreundschaft +zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere +grosse Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschaedlich zu machen. + +Wie ich das tun sollte, wusste ich nicht. + +Aber ich hatte Glueck. Die Tuer oeffnete sich, und ein duennes Stimmchen +zirpte herein: + +"Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muss immerfort allein in dem dummen +Gasthaus sitzen." + +Luise war es, die wir im Wirtshaus zurueckgelassen hatten. + +Stefenson sprang auf und eilte nach der Tuer. + +"Kindchen, auf dich hatt' ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In +diesem Haus ist Diphtherie." + +Er schob Luise besorgt auf die Strasse. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas +ernster. + +"Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?" + +Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken. + +Da raeusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach +Hause zu gehen. + +Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draussen auf der +Strasse schmiegte sich die kleine Luise dicht und zaertlich an Stefenson an +und schmollte mit ihrem "lieben Pappa", der sie im Stiche gelassen hatte. + +Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr +und sagte vor den Ohren des Kindes: "Ich bin nicht ihr Vater!" + +Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenueber, den er sich selbst gegeben +hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern. + +Als wir allein waren, sagte Stefenson: + +"Das haette nun alles so gut in unser Programm gepasst, und nun ist nichts +zum Abschluss gekommen." + +Ich erwiderte: + +"Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fuerchte, sie +wuerde unserer Sache schaden." + +"Schaden?" fuhr er auf. "Nuetzen! Glauben Sie mit Sentimentalitaet, alten +Rueckstaendigkeiten und mit Duckmaeusertum noch was auszurichten? Glauben +Sie, dass ein schoenes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des +Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre +Schaedlichkeiten besiegen wollen, muessen wir verflucht modern sein. Mit +noch so ehrwuerdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die +Schnellfeuergeschuetze der neuen Zeit." + +Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Maedchen wieder. +Beide waren gleichmaessig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der +schoenen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort. + + + + + + DER JOURNALIST + + +Nun ist's ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem grossen +Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt naehert sie sich der Reife. Anfang +Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurueck. Da +hoehnten die Neustaedter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und +bange geworden vor seiner uebergenialen Neugruendung, und nun kaeme der +Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wusste, dass alles gut +vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen +dringendsten Geschaefte in Ordnung zu bringen. + +Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach +den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, +liess er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und +zwar nicht nur wegen des Kindes. + +"Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fraeulein Eva Bunkert benehmen +werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fuerchte, +Sie werden den rechten Ton nicht treffen." + +Ich laechelte. + +"Fuerchten Sie, dass ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein koennte? +Eva Bunkert ist ein sehr schoenes Maedchen." + +"Ich bitte Sie", sprach er herb, "dass Sie sich mit Fraeulein Bunkert weder +in der einen noch in der anderen Art zuviel beschaeftigen, sondern mir +diese ausgezeichnete Akquisition fuer unsere Kuranstalt persoenlich +ueberlassen." + +"Ich ueberlasse Ihnen diese Akquisition", sagte ich grossmuetig und +feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai koenne er keinesfalls zurueck +sein. + +Als ich ihn zum Zuge begleitete, wuenschte ich aufrichtig, er moege bald +zurueckkommen ... + + ------------------------------------------------------- + +Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und +seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am +Bach uebernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen +bedrueckt durch die grossen, neuen, so behaglich ausgestatteten Raeume wie +Fremde, die ein merkwuerdiges praechtiges Haus betrachten. Aber sie werden +in diese Raeume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste +erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Paechter +unserer Hoefe eignen wuerden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon +gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewaehlten Leute wieder die +Adressen neuer Kandidaten, so dass unsere zwanzig Hoefe besiedelt sind. Der +andere Teil des Gelaendes wird von den alten frueheren Dominialgebaeuden aus +bewirtschaftet. + +Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewusster Wille und wo +- Geld da ist. + +Manche unserer Hoefe haben herkoemmliche poetische Namen, wie Forellenhof, +Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch +eine Waldschoelzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmuehle, eine +Genovevenklause, eine grosse und eine kleine Einsiedelei, ein Haus "ueber +den sieben Bergen", ein "_Old Nigger home_" (nach Stefensons Wunsch), eine +Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein +Knusperhaeuschen, eine Kassubenhuette, ein Zigeunerlager und eine +Raeuberhoehle. + +Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen +Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk +ausgewaehlt, und das dichtet in seiner kraeftigen Seele so viel zusammen, +dass sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen +werden, schneller als der Efeu waechst, den wir an mancher Wand +einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schraege Daecher +legten. + +Das groesste Glueck ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des +erschuetternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im +Glanz von Millionen Sonnen die Schoepfung vor sich sah. + +Auch ich bin nie so gluecklich gewesen wie in dieser Zeit der Gruendung +unseres Heims, nie so selig, glaeubig und am Leben haengend, nicht einmal in +der Kinderzeit, die doch alle Tage Schoepferjubel bringt, und sei die +Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum +erstenmal geglueckte Schleife des Schuhbandes. + + ------------------------------------------------------- + +Die Maedchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten +schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein +paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen. + +Eva Bunkert war zurueckhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie +konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an +Barthels Hof vorbeifliesst, zu behaupten, in diesem Gewaesser lebe keine +einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich +"Forellenhof" heisse, aber es sei ja bekannt, dass Namen fast immer +taeuschen, wie zum Beispiel koerperlich etwas zurueckgebliebene Maennlein mit +Vorliebe Siegfried hiessen oder oft keifende Xanthippen mit den holden +Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien. + +Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Maedchen ernster. Sie +betrachtete den grossen Forellenhof von innen und aussen und sagte mit einem +Seufzer: + +"Es ist schoen hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe +gluecklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten +kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen." + +"Ich moechte es wohl auch", sagte die kleine Anneliese, "aber fuer mich ist +so etwas viel zu teuer." + +"Du, meine Liebe", lachte Eva Bunkert, "du muesstest ganz andere Ferien vom +Ich haben - Weltstadtleben, Theater, Baelle, Autofahrten - man muss das +haben, was einem fehlt." + +"Mir wuerde nichts fehlen in solchem Frieden", sagte die kleine Braune. + +Ich ging mit den Maedchen durch unser Gelaende, fuehrte sie nach dem Rathaus, +nach der Lindenherberge, den "Stillen Weg" hinab ueber die Genovevenklause, +und als ich nach der Waldschoelzerei weiter wollte, passierten wir das +Zeughaus und das grosse Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung +zwischen einem fremden Herrn und dem Tuerschliesser. Der Herr, der im +Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestuemer +Weise mich zu sprechen, waehrend der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei +aufs dringendste und unabkoemmlichste beschaeftigt, und unsere Anstalt wuerde +ueberhaupt erst am ersten Mai eroeffnet. Der Fremde liess sich nicht +abweisen, und als er mich erblickte, rief er: + +"Ich moechte wetten, dass jener Herr der Doktor ist!" Damit schob er den +Diener beiseite und kam auf mich zu. + +"Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?" + +"Sie sehen, ich habe Besuch!" + +"Jawohl - es tut mir auch leid, Sie stoeren zu muessen, aber ich habe nur +eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, +Mitarbeiter der 'Staatsbuergerzeitung' in Neuyork. Ihr Geschaeftsfreund +Mister Stefenson hat mich persoenlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen +dieses Schreiben zu ueberreichen." + +Er uebergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen oeffnete und +stellenweise vorlas: + + + + + + + "Neuyork, den 25. Maerz. + Mein Lieber! + +Sie wollen nie recht zugeben, dass ich Sie genau kenne, aber mein Spuersinn +ist, was Sie anlangt, so gross, dass ich hier viel tausend Meilen von Ihnen +prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen +Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen +Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnuegten Spaziergang durch +unser Heim machen. Ich beglueckwuensche Sie dazu und bitte, mich den +Herrschaften zu empfehlen. + +Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht +ruecksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie haetten gerade +Besuch und daher keine Zeit fuer ihn. Denn Mister Brown ist einer der +einflussreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus +Amerika fuer unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas +merkwuerdige Anstalt recht noetig haben. + +Gruessen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gaenschen +sehnt, aber noch nicht weiss, wann er zurueckkehren kann. + + Stefenson." + + + + + + +Ich schaute verwundert auf Brown, den Ueberbringer dieser seltsamen +Epistel. Brown war ein Fuenfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart +sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas +geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig +geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner +heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drueben begegnet. Ich +fragte ihn, ob er auf dem letzten grossen Pressekongress in Baltimore, den +ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, dass er daselbst eine +Rede gehalten haette. Daher die matte Erinnerung. + +Die Maedchen verwunderten sich nicht weniger ueber die seltsame Prophezeiung +in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich koenne mir das +ueberraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklaeren, +dass Stefenson vermutet habe, die Damen befaenden sich fuer laengere Zeit in +unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich oefters das Vergnuegen, sie +auszufuehren, und es koenne sich wohl so fuegen, dass uns Mister Brown +zusammen antraefe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben +darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge +seines Glueckes ein, sei es ein guter Bluff. + +Brown schuettelte den Kopf. + +"Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiss immer, was er sagt." + +"Sie kennen Mister Stefenson persoenlich?" fragte Eva Bunkert mit +unverhohlenem Interesse. + +"Mein gnaediges Fraeulein", erwiderte Brown, "ich kenne alles, was man in +Neuyork und den Staaten kennen muss." + +"Und Mister Stefenson gehoert zu dem, was man in Amerika kennen muss?" + +"Ja, er gehoert dazu." + +Der Journalist schloss sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich +schweigend, sprach ueber das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat +nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu duerfen, und stellte +ausserordentlich sachverstaendige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich +in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. +Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war duester in der niederen +Stube; wir zuendeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den +Waenden hingen, an, um die Illusion zu verbessern. + +"Nun muesste jemand einen Niggersang anstimmen", sagte Brown. + +Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schraenkte die Arme +ueber der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen: + + _"Way down upon Swaney ribber_ + _Far far away ..._ + _There's, where my heart is turning ebber,_ + _There's, where the old folks stay ..."_ + +Sie sang dieses schwermuetigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer +Bewegung, und Mister Brown summte mit naeselndem Tone die Begleitung dazu, +so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der +Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele +im Liede ausstroemen laesst. Dann summen sie alle mit, die Koerper werden +regungslos, und die grossen, heissen Augen starren ins gelbe Licht der +matten Lampen ... + +Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine grosse +Buche, um die eine Bank laeuft. Von hier aus kann man unsere ganze +Siedelung ueberschauen. Warmes Fruehlingslicht spielte durch laue Luft, die +Zweige trugen alle die kurzen, gruenen Kinderkleidchen erster Jugend, die +Voegel waren heimgekommen und uebten in abgerissenen Trillern und Laeufen das +grosse Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. +Unsere Siedelung war schoen, keine langweilige Linie in ihr, kein +Steinkoloss, keine Erinnerung an geschniegeltes, oedes Geputztsein, sondern +Heimatlichkeit, Waerme, Frieden. + +"Wenn man das sieht", sagte die kleine Anneliese, "meint man, hier werden +immer nur gute Menschen wohnen koennen. Es ist alles rein und gut; +schlechten Leuten wuerde hier das Herz springen." + +Ich war ihr dankbar und sagte: + +"Aber es soll doch eine Zufluchtstaette werden fuer solche, die nicht +gluecklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld ungluecklich geworden +sind." + +"Ich finde", sagte Eva Bunkert, "in dem Ganzen ist ungeheuer viel +Kindliches." + +"Das ist ein hohes Lob, mein Fraeulein, was Sie da sprechen", meinte Mister +Brown; "Genialitaet ist nie etwas anderes als das Urspruengliche, das +Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen +Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an, +es ist alles geschaut mit den abgeklaerten Augen des ernsten Mannes und +alles gefuehlt mit dem Herzen des kleinen Buben." + +"Stefenson ist ein Genie", sagte Eva Bunkert warm. + +"Das will ich nicht sagen", entgegnete Brown, "er ist nur das Werkzeug; +der Schoepfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der +Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt." + +Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte: + +"Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber +Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich +moechte sagen, der Doktor hat ein schoenes Motiv in die Welt gesungen, und +Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen." + +"Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann", sagte Mister Brown +geruehrt. + +"Oh", rief Eva Bunkert, "ich schwaerme fuer Stefenson. Es hat mir noch nie +ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines +Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich +nur fuer die Freunde und Goenner ihrer eigenen Sippschaft begeistern +koennen." + +Da wurde auch die kleine Braune munter. + +"Ja", seufzte sie, "es ist schade, dass Mister Stefenson verheiratet ist! +Er waere der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glueck haette!" + +"Du Plappermaul!" zuernte Eva, reckte aber den Kopf hoch. "Nun, ich leugne +es nicht: der Mann gefaellt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom +Heiratenwollen aber ist gar keine Rede." + +"Er waere keine schlechte Partie", meinte ich. + +"Eben deshalb!" sagte Eva trotzig. "Ich will mal keine gute Partie, ich +will einen Mann heiraten!" + +"Ich wusste gar nicht, dass Stefenson verheiratet ist", warf Mister Brown +ein. + +"Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?" + +"Oh - ich als anstaendiger Journalist kuemmere mich um das, was Stefenson +fuer das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhaeltnisse. Ich +habe nie gehoert, dass Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz +gleichgueltig." + +"Der Herr Doktor hat es uns gesagt", erwiderte das Maedchen. + +Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, dass ich erschrocken +aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte - in Stefensons Augen. So klar, +in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von +hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jaehzornigen Manne die Galle +ueberlief, was oft genug geschah. + +Ein wuester Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein +amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer +vorzueglichen Maske getaeuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich +sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr +los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so +entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bisschen +Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen. + +Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen. + +"Der Mann mag seine Vorzuege haben", sagte ich, "aber wo viel Licht ist, +ist auch viel Schatten. So ist Stefenson - ich sage das ruhig, obwohl er +mein Freund ist - ungeheuer eitel!" + +"Das ist kein Schade", fiel Eva ein; "viele grosse Maenner sind eitel: viele +Staatsmaenner, viele Geistliche, alle Dichter - selbst solche, denen man es +gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was +heisst ueberhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, +auch in kleinen Aeusserlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde +Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben." + +Da lachte Mister Brown. + +"Oh!" sagte er, "was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, dass er, wenn +er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schoenen Bild eine kleine +Verneigung macht, ehe er sich einseift." + +"Ich denke, Sie kuemmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben", rief +Eva veraergert. + +"Gewiss nicht", sagte der Journalist, "aber manches fliegt einem halt so +zu. Wenn es Spass macht: ich kenne noch ganz andere Schwaechen Ihres +Geschaeftsfreundes." + +"Danke!" wehrte Eva ab, "es macht gar keinen Spass!" + +Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das +Duemmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er wuerde dann noch weit heftiger +auf sich selbst schimpfen. Das musste ich doch von seinen Artikeln her +wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht +scheren. + +Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe. + +"Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hiess sie nicht +Luise?" + +Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer +seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht +zum Bewusstsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. +So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich +Stefenson war, als Stefenson zu entlarven. + +"Allerdings", entgegnete ich meiner Nachbarin, "Stefensons Tochter heisst +Luise. Das Kind haengt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus +mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war +auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl." + +"Wieso nicht wohl?" fragte Mister Brown, und das in einer solch +erschreckten Weise, dass ich jetzt meiner Sache voellig sicher war. + +"Ah, so - so ...", entgegnete ich gleichmuetig, "bei Kindern findet sich +leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen." + +"Ich finde", sagte Mister Brown scharf, "wenn ein Mann, wie Stefenson, ein +einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu +machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt." + +"Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen", entgegnete ich +ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben +Augenblick stuermte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter grossem +Hallo aus dem nahen Walde. Das Maedel hat sich bei uns inzwischen voellig +eingerichtet, und von Schuechternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam +sie auf mich zugestuermt. + +"Ach, Onkel - ich wusste gar nicht, dass du hier oben bist. Wir spielen +gerade Haschen." + +Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, dass +es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Zuege Luisens. + +"Von ihrem Vater hat sie gar nichts", sagte sie, "sie muss ganz nach der +Mutter sein." + +"Im Gegenteil", entgegnete ich, "das Kind ist das ganze Abbild des +Vaters." + +"Dann habe ich auf ihn vergessen", sagte Eva mit fast trauriger Stimme. + +Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoss um +den Buchenstamm herum auf mich zu, dass ich meiner Sache immer gewisser +wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur +eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon ueber zwei Stunden +da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich wuerde dieser "Mister Brown" +ploetzlich entdecken, dass er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu +verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich +dachte. Mister Brown legte ohne jede waermere Gefuehlsbewegung dem Kinde die +Hand auf den Kopf und sagte mit der ueblichen Kinderfreundlichkeit: + +"Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von +dir erzaehlen. Bist du sehr krank gewesen?" + +"Pappa soll bald wiederkommen", antwortete die Kleine. + +"Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?" + +"Wieso? Ich bin nie krank!" + +"Aber hast wohl muessen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?" + +"Nein, ich bin alle Tage draussen herumgerannt; ich war gar nicht eine +einzige Stunde krank." + +"Hm!" + +Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fuehlte mich in der Rolle des +blamierten Europaeers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die +Maedchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown +in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen. + +"Ich finde eine merkwuerdige Aehnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und +meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, +dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu +raeuspern. Ist das nicht merkwuerdig?" + +"Sehr merkwuerdig!" entgegnete Brown. "Ein Schnorrer drueben hat mir mal +gesagt, ich saehe Kaiser Wilhelm aehnlich. Dem habe ich es noch halb und +halb geglaubt und ihm fuenf Prozent dessen geschenkt, um was er mich +anpumpen wollte, aber eine Aehnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch +niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen uebrigens fuer die gute Absicht, mir +etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden." + +Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch +glaubte ich trotz des Abenddaemmerns genau feststellen zu koennen, dass +dieser Bart nicht angeklebt, dass diese Haare keine Peruecke seien. So wurde +ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht +erleben wollte, sagte ich: "Gott, man kann sich taeuschen!" Da blieb er +stehen, sah mich an und sagte: + +"Sie haben mich wohl gar fuer Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer +Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben waere ein solcher Streich +zuzumuten, he?" + +"Aber nein - aber nein! So aehnlich sind Sie ihm nun doch nicht." + +"Nun, moeglich ist alles auf der Welt. Hauptsaechlich bei Ferien vom Ich!" +sagte Brown vergnuegt. + +Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen. + +Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er ueberreichte mir ein +Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete: + +"Verbindung mit X-Bankverein geloest; weitere Zahlungen durch Dresdner +Bank. Stefenson." + +Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet +hatten, zur Dresdner Bank ueberzugehen, schwebten schon einige Zeit, und +dieses Telegramm belehrte mich nun, dass Stefenson in Milwaukee und nicht +in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich +gespielt ... + +Waehrend ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war +Mister Brown den Maedchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den +Haenden gefasst und tanzte mit ihr "Ringel-Ringel-Reihen". Die lange +Schlottergestalt nahm sich dabei merkwuerdig genug aus, das Kind jauchzte, +kam fast ausser Atem, schlug zum Schluss entzueckt in die Haendchen und sagte: + +"Er tanzt genau so schoen wie Pappa!" + +"Alle Amerikaner tanzen so schoen, mein Maeuschen", sagte Brown und kuesste +das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte: + +"Der Zug, mit dem ich zurueckfahren wollte, ist ja nun laengst fort. Sie +waren so liebenswuerdig, mich sehr lange dazubehalten. Den naechsten Zug +aber darf ich nicht versaeumen. Ich muss morgen in Berlin und uebermorgen in +Hamburg sein. Mein diesmaliges europaeisches Gastspiel ist aus." + +"Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister +Brown." + +"Oh - ich habe genug gesehen. Den Geist - den Kern! Ich bitte Sie, mir +Ihren ausfuehrlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich +informieren, und Sie werden sehen, dass ich am treffendsten das kritisieren +werde, was ich nicht gesehen habe." + +Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn +zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach. + +"Es ist merkwuerdig", sagte sie; "er hat mich ungeheuer an Stefenson +erinnert." + +"O nein", meinte die kleine harmlose Anneliese, "Mister Stefenson ist doch +ganz anders, viel juenger und auch viel huebscher." + +"Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?" + +Ich zuckte die Achseln. + +"Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben." + +"Das trifft es nicht", sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder +ins Gruebeln. + +"Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiss, mit wem +man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute +werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, +aengstlich, unsicher werden?" + +"Gewiss nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte +Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsaechlich den Anschein hatte ..." + +"Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?" rief Eva erschreckt. +"Und ich haette dann so - so - von Stefenson gesprochen ..." + +"Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er +heute frueh dort an mich aufgab." + +"Gott sei Dank!" + +"Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim +verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen +waere, waere die Partie unehrlich gewesen. Wir haetten ihn nicht erkannt, +wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird +den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Aengstlichkeit, +sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhoert ist in der Welt. +Die Menschen werden Wahrheiten hoeren, die sie niemals vernaehmen, wenn sie +ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen +duerfen in einer Weise, die niemals moeglich waere, wenn sie ihre wirkliche +Persoenlichkeit dafuer einsetzen muessten." + +"Ach ja", seufzte Eva Bunkert, "die groebsten und ruecksichtslosesten +Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen." + +"Der Friede dieses Ortes wird alle Schaerfe mildern, wird aus der +Ruecksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus aetzender Grobheit klare +Wahrheit werden lassen." + +"Sie meinen es gut mit den Menschen", sagte geruehrt die kleine Anneliese +und sah mich mit ihren grossen, braunen Augen dankbar an. + +Ich aber - ich weiss nicht warum - schaute nach der schoenen Blonden hin. +Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg. + +Die Maedchen blieben im Forellenhofe. + +Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich +auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich +dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr gruebelte ich ueber +der Frage: War er's? War er's nicht? + +Am uebernaechsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe +Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus +Milwaukee; er enthielt allerhand geschaeftliche Weisungen sowie die +Mitteilung, dass er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa +zurueckkehren koenne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den +Poststempel Hamburg und meldete, dass der Journalist im Begriff stehe, nach +Amerika zurueckzukehren, sich noch einmal fuer die freundliche Aufnahme +bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe. + +Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen +glichen sich ausserordentlich. Haette man je einen der grossen geschwungenen +Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man haette eine Kongruenz +feststellen koennen. + +Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst: + +"Ach, es ist doch gut, wenn man weiss, mit wem man es zu tun hat!" + + + + + + DIE ERSTEN KURGAeSTE + + +Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eroeffnet worden. Die Feier war schlicht. +Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu +dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus +Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und +fuenfzehn Kurgaesten. Von diesen fuenfzehn Kurgaesten geniessen zehn Freikur, +und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement. +Stefenson sandte ein laengeres Glueckwunschtelegramm aus St. Louis. + +Fuenfzehn Kurgaeste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame, +die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klaegliche Ergebnis nach +Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: "Hatte ich mir gedacht!" + +Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln ueber die Hoefe zu verstreuen, +sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschoelzerei +zu geben. Die Schauspieler aber schwaermten nicht fuer Feld- und Waldarbeit; +sie wuenschten mehr dekorative Posten. Fuenf von den sieben wollten +Nachtwaechter sein, einer bot sich als Hilfsbrieftraeger an, wobei seine +Taetigkeit gleich Null gewesen waere, und einer sagte mit mildem +Augenaufschlag, er koenne sich nur als Krankenpfleger gluecklich fuehlen. Wir +hatten aber keine Kranken. + +Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Grossknecht, +den er bereits hatte, dem "langen Ignaz", noch einen zweiten Knecht ein +und sagte zu mir: "Ich hab es Ihn'n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute +sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen." + +"Geduld, Barthel, Geduld!" + +Der Anfang war wirklich klaeglich. Zwar sang Egin Harold, der als +Nachtwaechter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsaenger +war), das + + "Hoert, ihr Herr'n, und lasst euch sagen, + Die Uhr hat eben zehn geschlagen!" + +mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel +empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine huebsche blonde Magd +hatte: "Gute Nacht, du mein herziges Kindl", um 1 Uhr droben am Hange: +"Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ..."; +um 2 Uhr: "Steh ich in finstrer Mitternacht", und von 3 Uhr an: +"Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ..." + +Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesaenge so tief ergriffen, dass +sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde ueber +den Nachtwaechter wegen naechtlicher Ruhestoerung. Als nun Egin Harold von +dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den +Hofhund loslassen, wenn der Waechter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der +Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Kuenstler seinen Posten und +uebergab die Abzeichen seiner Wuerde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten +Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abaenderung des Lohengrintextes sang: + + "Den Spiess, dies Horn, den Pelz will ich dir geben. + Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken, + Der Spiess im wilden Kampf dir Mut verleiht, + Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken, + Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit." + +Die "Schmach und Not", aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand +darin, dass er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem +Waldschoelzer hatte helfen muessen, Baeume zu faellen. Jetzt war er als +Nachtwaechter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen +einen grossen Granitblock, den er den "Fafnerstein" getauft hatte, stand +malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spiesse +und seinem funkelnden Horn, sang mit droehnendem Bass die Stunde, kletterte +dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen. + +Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzaehlte mir in der +Sprechstunde, dass er frueher an einem chronischen Hungergefuehl, das +wahrscheinlich auf nervoeser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber +bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Koechin +in der Waldschoelzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte: + +"Er frisst!" - + +Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard +Kaesenapf heisst. Als Kuenstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da +er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream. + +Dieser Knut Waterstream ist duenner als ein Regengerinnsel. Ich schickte +ihn zur Arbeit in die Gaertnerei. Einiges erzaehlte mir der Gaertner, einiges +beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte duerres Laub +zusammenrechen und fluesterte den braunen Blaettern zu: + + "So wie ein Blatt vom Wipfel faellt, + So geht ein Leben aus der Welt, + Die Voegel singen weiter!" + +Stuetzte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in +melancholischer Betrachtung ueber die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer +irdischer Dinge. Darauf uebergab er dem Gaertner den Rechen und sagte: + +"Tun _Sie_ dieses Totengraebergeschaeft; ich vermag es nicht!" + +Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjaeten. Er ging siebenmal mit duesterem +Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger ueber dies neue +verruchte Arbeitsfeld und deklamierte: + + "Giftiges Kraut, gesaeet mitten unter den Weizen, + O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut! + Satanas hat sich dein Korn in hoellischen Scheuern gestapelt, + Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet, + Dass du nun wucherst und waechst; dem gueldenen Weizen zum Schaden, + Dass du die Sonne ihm stiehlst, den naechtlichen Tau der Gestirne. + Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden, + Krieche zur Hoelle zurueck, zum Satan, von dem du gekommen, + Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge, + Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!" + +Daraufhin hat der Gaertner Herrn Knut Waterstream belehrt, dass das, was er +als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und dass sich +gegen das Unkraut mit Beschwoerungen nichts ausrichten lasse. Man muesse das +Zeug Stueck fuer Stueck mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe +es nicht. + +"Lieber Freund", hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme +erwidert, "wir verstehen uns nicht!" + +Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen. + + * + +Es soll der Saenger mit dem Koenig gehen. Saenger hatten wir von Anfang an +genug; am 10. Mai kam der Koenig an. Ein wirklicher Koenig war es zwar +nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fuersten, eine Hoheit. Um +diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz +an dreihundert Zeitungen: + +"Der Andrang nach der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' zu Waltersburg, der +besten und originellsten Heilstaette der Welt, ist enorm. Die ermuedete +Intelligenz fluechtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt +kommen auf ein Weilchen zurueck ins gruenbelaubte Mutterhaus der Natur. +Kuenstler von Weltruf, Mitglieder europaeischer Regentenhaeuser sind bei uns +eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergoetterte Liebling +allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer +und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet, +die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer +heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie +ruehrend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermuedender +Emsigkeit seine Gaertnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der +Allerhoechstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen +Stimmungen die Welt achtet, im demuetigen Bauernkleide, von niemand +erkannt, seiner laendlichen Taetigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt +'Ferien vom Ich' ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg ueber das +Unglueck, ist ein Paradies auf Erden!" + +Als ich diesen Erguss in den Zeitungen las, wusste ich: auch unser Levisohn +war ein Dichter. Einer von bluehender Phantasie. + +Hoheit kam zu mir und fragte: + +"Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Maennchen, die hier bei +Ihnen 'rumkrauchen, etwa der Koenig von England oder von Italien drunter?" + +"Gewiss nicht, Hoheit." + +"Ja, wer ist denn da mit dem Allerhoechstgeborenen Herrn gemeint, auf +dessen Stimmungen die Welt achtet?" + +"Ew. Hoheit selbst." + +Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten +Hoheit: + +"Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!" - + +Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden +achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich ueber +dreitausend Kurgaeste an. Ob der nachtwaechternde Heldentenor oder der +ackerbauende Fuerst die groessere Anziehung ausuebte, war nicht zu +entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz: + +"Kuranstalt 'Ferien vom Ich', Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen, +die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit koennen +wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gaeste nicht aufnehmen, da jeder +unserer Feriengaeste ganz individuell behandelt werden muss. Vornotierungen +aber zulaessig." + +Diese hochmuetige Kuerze tat noch groessere Wunder. Unser Buero konnte die +Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewaeltigen. Ich +telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf +die Antwort ein: "Hatte ich mir gedacht!" + + * + +Hoheit ist ein recht liebenswuerdiger Kurgast. Hoheit ist ueberhaupt einer, +der seiner zu grossen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner +Nerven verdankt. Wir Aerzte druecken das hoeflich aus: Er hat zu konzentriert +gelebt. Es ist schoen, dass wir unsere fachmaennischen Ausdrucksformen haben; +denn es wuerde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit +ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bisschen Schweinekerl und +Liederjan! + +Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns +gekommen, weil sie hier ein Feld fuer originelle Extravaganzen wittert. +Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere +Familienratsbeschluesse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige +Verwendung in den Kolonien, Aussoehnung mit dem Familienchef, abermaliges +Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden, +Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehoert. + +Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen +Lebensbericht eingereicht, ueber dem mir die Haare zu Berge gestanden +haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und +pruede bin. Am Schluss stand: er habe sich eigentlich erschiessen wollen, +aber er koenne ja noch mal diese "neue Chose" probieren, ob ihm noch ein +bisschen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig +und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, fuer den man keine +Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle +Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am +wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr +und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf +Sekunden das Gefuehl gehabt, dass er und sein Leben noch ernst genommen +werden koennen. Heissen wolle er Max Piesecke. - + +"Also, lieber Piesecke", sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; "dass Sie +ein grosser Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu +sagen. Hoechstwahrscheinlich laesst sich mit Ihnen nichts mehr anfangen. +Erschiessen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber +miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden +die Waende auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie - ich +glaube, ungefaellig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn fuer Humor. +Nun, Piesecke, es waere doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal +ein brauchbarer Kerl wuerde! He? Sie muessen selbst darueber lachen! Und fuer +mich waere es gut - wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir's halt. +Gelingt's, freue ich mich; gelingt's nicht, schmeisse ich Sie 'raus!" + +"Wahrscheinlich werden Sie mich 'rausschmeissen!" sagte Piesecke +nachdenklich. + +"Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein +bisschen Philosophie im Leibe haetten, muessten sie wissen: es gibt keinen +grimmigeren Spass, als ein Pessimist zu sein und ueber den Pessimismus zu +lachen!" + +"Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!" + +"Gern!" + +Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, uebergab ihn Piesecke und sagte: + +"Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie +es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden +hoechstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreissen wollen. Sie sind +gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben +durchzufuehren. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht +unnuetzerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir +einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und +lauten: + +Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim 'Ferien vom Ich' +aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht fuege, +zahle ich eine Million Mark Reugeld." + +"Was?" schrie Max Piesecke. "Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfaehrt +es, schlaegt er mich tot!" + +"Schoen! Dann habe ich nicht mehr noetig, Sie zu kurieren." + +Piesecke sank in sich zusammen. + +"Ich bin immer Erpressern in die Haende gefallen", jammerte er. + +"Morgen nachmittag 41/2 Uhr wird der Notar hier sein", entgegnete ich ruhig; +"Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen +oder Ihrer Wege gehen." + +"Ferien vom Ich!" stoehnte Piesecke; "ich habe gar keinen Willen mehr." + +Am naechsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem +Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewuenschte Abkommen mit seinem +hochfuerstlichen Namen. + +"Nun passen Sie mal auf, Piesecke", sagte ich, "jetzt wird noch was aus +Ihnen!" + + ------------------------------------------------------- + +All unsere Hoefe sind mit Kurgaesten besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen, +dass wir die Wahl haetten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der +Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von frueh bis spaet Arbeit, +obwohl unser Aerztekollegium immer groesser wird. Es lastet zuviel +Geschaeftliches auf mir. Das drueckt auf die Seele; denn ich bin kein +Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, dass er gerade jetzt, wo er +hier am noetigsten waere, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an +ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurueck. Immer die gleiche +Antwort: "Ich bin hier noch unabkoemmlich." + +Unser Direktor - ein frueherer Offizier - ist zum Glueck ein tuechtiger Mann. +Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spuersinn. Wie ein +guter Jagdhund ist er, er hat's in der Nase, wenn er ueber das weite +Gelaende unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen +Furche ein verborgener Erfolg aufzustoebern ist. Er ist aus dem Holz, aus +dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die +leitet alle ein unfassbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere +Leute nicht haben. + +Der Direktor heisst von Bruesen und wird wegen seines wuerdevollen Auftretens +von den Kurgaesten "der Herr Praesident", von den Angestellten aber "der +Direks" genannt. Oft habe ich bei seinen Massnahmen das Gefuehl: genau so +wuerde Stefenson gehandelt haben. Bruesen ist auch von Stefenson angestellt +worden. Mein Geschaeftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo +kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei - wie er +schrieb - gefunden, "dass sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf +einmal vorstellen koenne, was nur sehr wenig Menschen vermoechten", dass er +ferner "zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben", dass er nicht in den +Doppelsohlenstiefeln aengstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von +hundert Schnellfuesslern ueberholt werde, und dass er von guter, zaeher +Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn +gemerkt und ihn fuer uns nun an den Tag gezogen. + +Es ist ein Glueck, dass dieser Direktor da ist. Was taete ich ohne ihn? Einen +Entscheid faellt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere +Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden +Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er +entscheidet immer so, wie ich annehmen moechte, dass Stefenson entschieden +haben wuerde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig, +so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so +fest steht, dass er weiss: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein +paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ... + +Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Baeuchlein +war bestimmt nicht der grosse, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten +Brown haette ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown. + +Ich muss mich wahrhaftig erst in die Ausfuehrung meiner eigenen Idee von der +Unpersoenlichkeit meiner Kurgaeste gewoehnen. Es wird mir schwer, in dem +Nachtwaechter Korrundt nicht den Opernsaenger zu sehen, ja, es wird mir +sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist +doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekuemmere mich +absichtlich nicht um die Personalien der Kurgaeste, die ich nicht selbst +behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als +leitender Arzt tun muss. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe +Leute in unseren Gaerten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich +nicht weiss, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir +nur bekannt ist, dass sie aus einer drueckenden Enge entflohen sind in das +Reich unserer gruenen Gesundheit. + +Der Sekretaer, der unsere Statistik macht, sagte mir, dass neunzig Prozent +unserer Kurgaeste aus Grossstaedten kommen. Ich glaube das gern. Die +Grossstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Haende zu steinern +hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu +flunkerig, sind ihre Wuensche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den +Engrosramsch der Genuesse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den +wahren Beduerfnissen ihrer Kinder. Von den Palastraeumen ihrer Verwaltung +aus regiert diese Stiefmutter Grossstadt ihre Familie, die zum groessten Teil +in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schlaeft; in ihren glaenzenden +Parkanlagen duerfen barfuessige Jungen und zerlumpte Maedchen spazierengehen. +Wie die niedertraechtigste Amme, die ihren unruhigen Zoegling mit Schnaps +betaeubt, errichtet sie in all ihren Vorstaedten Destille neben Destille. +Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt +ihnen diese "Mutter" Grossstadt einige Bonbons "oeffentlicher Fuersorge" oder +billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen +koennen, sondern nur den Magen ansaeuern und die Zaehne des Willens und +Charakters verderben. + +Wann endlich wird die Menschheit des truegerischen Schimmers muede sein, in +Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Grossstadt und +im grossen Ferien machen von diesem jammervollen Ich? + + ------------------------------------------------------- + +Heut ist ein Unglueck passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten +als Kurgaeste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte +seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht, +der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit +will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefaehrt +auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem +Rueckwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade +dort, wo der Weg eine steile Boeschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den +Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu +gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift +und greulich zugerichtet. + +Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst +erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die +Wahlstatt ueberschaut und darauf zunaechst mal dem ungluecklichen Piesecke +ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden +nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich ueberzeugt, dass mit dem +Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurueckgekehrt. +Annelies ist ausser dem Schreck nichts passiert, die schoene Eva hat sich +einen Fuss verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kraeftigen +Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt. +Piesecke hat nichts zu sagen gewusst als: "Pardon, pardon, es ist mir +dieses alles sehr fatal." + +Schliesslich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie +hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten. + +Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen +Beschwerde zu fuehren. Er sei - so sagte er - immerhin ein Kurgast, und +Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er muesse gegen solche Behandlung Protest +einlegen. + +Ich aber sagte: "Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, dass ich mich +wirklich nicht darum kuemmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher +pruegeln." + +Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: "Jawohl, ich sehe es +ein! Wenn ich mich koerperlich werde gekraeftigt haben, werde ich ihm die +Ohrfeigen zurueckgeben." + +"Das muessen Sie", erwiderte ich; "das gebe ich Ihnen auf; das werde ich +Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!" + + + + + + SOMMERABEND + + +Die Arbeit war getan; ich war frei. Eigentlich wollte ich ja hinauf zum +Hirtenhaus, aber ehe ich mich's versah, schlenderte ich doch wieder zum +Forellenbauer hinab. Ich redete mir ein, ich muesse mich um mein Sorgenkind +Piesecke bekuemmern, und so nebenbei koenne ich ja nach Eva fragen, deren +kranker Fuss allerdings von einem Kollegen behandelt wird. Das Maedchen sass +vor der Haustuer auf der gruengestrichenen Bank und putzte Gemuese. Sie heisst +hier einfach "Hanne". Einen Familiennamen fuehrt sie nicht, ebensowenig wie +Anneliese, die sich in "Baerbel" umgetauft hat. + +Am Hoftor blieb ich stehen. Ein liebliches Bild! Abendsonne bestrahlte das +schoene Maedchen, eine weisse Taube sass auf der Rueckenlehne der Bank, ein +goldgefiederter Hahn blinzelte mit seinen Aeuglein zu dem Maedchen empor, +wartend, ob fuer ihn etwas abfalle. Dann kam der grosse Zottelhund, wedelte +mit seinem buschigen Schwanz den Hahn gutmuetig, aber bestimmt zur Seite, +nahm dessen Platz ein und sass in stummer Bewunderung vor der schoenen Frau. + +Und noch ein anderer schaute verliebt zu dem Maedchen hin, das war +Piesecke, der an der Stalltuer lehnte und eine Sense in der Hand hielt. Oh, +den armen Piesecke scheint es ganz arg erwischt zu haben. Er verdrehte die +Augen und seufzte einmal so laut, dass man es ueber den Hof hinweg hoerte. +Ich aergerte mich ueber den Menschen. + +Gleich wurde mir eine Genugtuung. Eine derbe Faust kam aus der Stalltuer +heraus, gab dem traeumenden Piesecke einen Stoss in den Ruecken, dass er samt +seiner Sense in den Hof taumelte, und eine rauhe Stimme rief: + +"Schlaf nicht, du Doeskopp! Mach, dass du aufs Kleefeld kommst!" + +Die schoene Hanne blickte auf und lachte, Piesecke geriet in Wut, fuchtelte +mit seiner Sense ein wenig vor der inzwischen geschlossenen Stalltuer herum +und ging dann niedergeschlagen ueber den Hof. Am Tor traf er mich. + +"Das ist eine Gemeinheit", sagte er und hatte Traenen in den Augen. + +"Piesecke", troestete ich ihn, "ich bin Zeuge dessen gewesen, was jetzt +vorfiel. Das ist gegen jede Ordnung, ist gegen den Sinn unseres +Ferienheims. Der Knecht Ignaz hat sich gegen einen Kurgast solche +Frechheiten nicht herauszunehmen. Ich werde energisch mit dem Bauern +reden. Oder soll ich Sie auf einem anderen Hofe unterbringen?" + +"Um Gottes willen nicht", rief Piesecke erschrocken; "ich - ich - da +hielte ich's ja gar nicht aus auf einem anderen Hofe ... ich - ich hab +mich ja schon so - so - an den Grobian gewoehnt." + +Und er ging gesenkten Hauptes mit seiner Sense davon. + +Ich begruesste eben die blonde "Hanne", da trat auch schon der Bauer Barthel +aus der Haustuer. Das war mir nicht lieb, und so sagte ich ein bisschen +unwirsch: + +"Barthel, das geht aber nicht, dass Sie Knechte mieten, die unsere Kurgaeste +verpruegeln. Denken Sie mal, wenn das in der Oeffentlichkeit bekannt wuerde! +Da kaeme niemand mehr zu uns. Den langen Ignaz muessen Sie entlassen." + +"Ich kann nich, Herr Dukter", erwiderte Barthel achselzuckend. "Ma kriegt +so schwer 'n gutten Knecht. Kurgaeste kriegt ma zehnmal leichter wie 'n +Knecht. Und a Ignaz, den kenn ich vu Jugend uff, das is a ganzer Kerle. +Der schofft's! Wos sull ich machen, jetzt, wu die Ernte kummt? Ich kann +doch nich die Ernte mit 'm Piesecke machen! Se sullten mal zusehn, Herr +Dukter, wenn der Piesecke Gras haut. Bluss die Spitzen schneid't a ab, de +Sense fuchtelt immer in der Luft 'rum. Oder sie bleibt in eem +Maulwurfhaufen stecken. Es ist jaemmerlich!" + +"Wie lange wird denn Herr Piesecke hierbleiben?" fragte Hanne. + +"Das duerfte ich eigentlich nicht sagen", erwiderte ich, "aber ich glaube +ein ganzes Jahr!" + +"Um Gott's willen!" stoehnte Barthel. "A Jahr lang! Da hat mir der Kerl 'n +ganzen Hof ruiniert. Was soll ooch so'n Sargfabrikant von der +Bauernwirtschaft verstehen." + +"Wieso - Sargfabrikant?" + +Barthel laechelte ueberlegen. + +"Eener vom Grundhofe kennt ihn. Piesecke is Sargfabrikant in Hannover und +heesst eegentlich Robert Ebbing. Ich hab das vom Sargfabrikanten gleich +geglaubt; denn 'n sehr traurigen Eindruck macht a doch. Aber ich hab mir +gesagt, a muss doch da was von der Tischlerei verstehn. Da sollt a mir +vorgestern 'ne Kiste zunageln. Das haetten Se sehn muessen! Olle Naegel krumm +oder in die Luft gekloppt. Das weess ich: in een Sarg, den der Piesecke +gemacht hat, leg ich mich amal nich! Eh da die Saenger mit 'Es ist bestimmt +in Gottes Rat' fertig waeren, braech der Boden und ich laeg draussen!" + +"Also, das alles glaub ich nicht", warf die blonde Hanne lachend ein; +"Piesecke stammt aus einer besseren Familie; das merkt man ihm schon an." + +Ich zuckte die Achseln. + +"Es darf hier ein jeder vermuten, was er will." + +"Meinetwegen mag er sein, was er Lust hat", sagte Barthel brummig; +"Hauptsache, ich waer ihn los." + +"Geduld, Barthel, Geduld!" + +"Geduld braucht ma maechtig viel mit den Staedtern. Also fuenfundzwanzig +Stueck Kurgaeste hab ich jetzt. Ausser mit der kleen'n Baerbel hab ich mit +allen Schererei. Na, ich brumm nicht etwa, Herr Dukter; fuer die Aergerei +mit a Staedtern bin ich ja da und hab ich mein feines Auskumm'. Ich sag +bloss: Aerger machen se alle." + +"Aber doch nicht ich!" rief Hanne. + +"Sie ooch", sagte Barthel melancholisch; "meine Alte is uff Sie +eifersuechtig." + +"Barthel!" + +Dem Maedchen blieb der huebsche Mund offenstehen. + +"Ja, ja, ich hab ihr zwar gutt zugeredt und gesagt: Alte Schraube, es passt +sich nich, dass du uff deine alten Tage eifersuechtig wirst. Aber se sagt, +es passt sich nich, dass ich su oft mit Ihn'n plaudere, und ich taet Augen +machen." + +"Was taeten Sie machen?" + +"Augen! Nu ja, ich kann doch nich als Blindekuh vor Ihn'n stehn!" + +Das Maedchen machte ein erheuchelt ernstes Gesicht. + +"Also, Barthel, diese Augen lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich werde Ihre +Frau Gemahlin zur Rechenschaft ziehen." + +"Um Gottes willen nich! Wenn das 'rumkummt, schrei'n ja die Leute Feuer!" + +Da trat Frau Susanne Barthel aus der Haustuer. + +"Hatt' ich mir's nich geducht? Steht a nich schon wieder?" sagte sie. + +"Ja, Frau Barthel", rief Eva, "und er macht Augen auf mich!" + +"Nich wahr, Fraeulein Hanne, Sie haben ooch Ihren Spass an dem alten Esel?" + +Das Weiblein fing an zu lachen, dass ihr die Augen traenten. + +"Also, wenn der Augen macht", schluchzte sie unter Lachen, "da kommt keen +gestoch'nes Kalb dagegen auf." + +"Weib", schrie Barthel erbost; "du bist eifersuechtig. Du hast keen'n Grund +dazu!" + +"Nee, nee", schlenkerte die dicke Susanne prustend mit den Haenden; "du +kannst um de ganze Welt 'rum Augen machen, 's faellt keener druff 'rein!" + +Und sie ging vergnuegt ins Haus zurueck. Barthel stopfte ob des +vernichtenden Urteils ueber seine maennliche Anziehungskraft die Haende in +die Hosentaschen und sagte: + +"Das is eene Gemeinheit! Immer lacht se, schon wie se noch meine Braut +war, lacht se mich immer aus." + +"Seien Sie doch froh, Barthel, dass Sie eine so lustige Frau haben." + +"Nee, nee, Herr Dukter, olles mit Respekt gesagt, aber das verstehen Se +nich! Sie sind nicht verheirat't. Sehn Se, wenn a Weib schimpft, oder wenn +se flennt, oder wenn se mit Tellern schmeisst, oder wenn sie furtlooft, +koenn'n Se sich immer noch Ihren Kopp ufsetzen; aber wenn se lacht, sind Se +geliefert." + +Nach dieser Bemerkung hob der Philosoph aus dem Volke den Kopf und lachte +selber. Und ich benutzte die Gelegenheit und bat Barthel, mir seine +Meinung ueber seine Kurgaeste mitzuteilen. Sowenig ich mich sonst um den +Stand der von mir persoenlich nicht behandelten Kurgaeste kuemmere - wer auf +dem Forellenhof lebt, weiss ich. Ach, ich wollte es mir ja immer noch nicht +zugestehn, aber ich glaube oft, dass ich selbst "Augen" auf die schoene Eva +Bunkert mache, die hier "Hanne" heisst. Und wenn ich ehrlich sein will, ist +das auch der Grund, warum ich gerade die Besucherliste des Forellenhofes +kenne. Jetzt sagte ich gutgelaunt: + +"Also, Barthel, schiessen Sie mal los mit Ihrem Aerger ueber unsere +Kurgaeste." + +Ich hatte mich inzwischen zu Hanne auf die Bank gesetzt, Barthel hockte +auf einem umgekehrten Kartoffelkorbe uns gegenueber. Er machte sein +philosophisches Gesicht und sagte: + +"Aerger kann man's eigentlich nich nennen, man muss mehr sagen, keen +richtigen Respekt nich. Also, vom Piesecke will ich nich reden, der aergert +mich wirklich. Das is 'n Huhn! Wahrscheinlich hat a zuviel Saerge gemacht, +zuviel Geld eingenummen, und da is es halt su geworden. Aber zum Beispiel +der Lempert. Also, in dessen Kurverordnung, die er mir als 'm Hausherrn +doch abgeben muss, steht: Aufstehn halb sechs. Um halb sechs geht der Ignaz +wecken. Lempert brummt nich amal. Um dreiviertel weckt Ignaz wieder. +Lempert schreit: a sull die Schnauze halten! Um sechse geh ich selber und +hau an die Tuer. Lempert schmeisst seine Stiefel dagegen und schreit, ich +sull mich zum Teufel scheren. Um viertel sieben trommeln wir beide so an +die Tuer, dass 's ganze Haus wackelt, 's ruehrt sich nischt. Um halb sieben +droh'n wir, die Tuer einzuhauen. Da kummt Lempert hinter uns die Treppe +'rauf und fragt seelenvergnuegt, warum wir eigentlich vor seiner Tuer so +eenen Skandal machen; a waer doch schon lange munter. Is der Kerl heimlich +uffgestanden und hat die Tuer von aussen verschlossen. Naechsten Tag dieselbe +Chose. Um halb sechs Ignaz (Lempert brummt), um dreiviertel sechs Ignaz +(Schnauze halten!), um sechs ich (er schmeisst mit Stiefeln). 'Jetzt, +Ignaz', sag ich, 'is Schluss, jetzt steht er heimlich uff.' Um neune is 'n +Bote vom Rathaus bei mir, warum der Lempert nich zur Kur gekommen sei? +Schlaeft der Vagabund noch! Da soll ma sich nich aergern!" + +Lempert war ein Rechtsanwalt aus Leipzig. + +"Fahren Sie fort, Barthel. Schildern Sie mir noch einige Ihrer Kurgaeste." + +"Also, da ist der Emmerich, der komponiert mir 'n ganzen Hof voll. Auf'm +neubehobelten Kartoffelwagen hat a 'n ganzes Brett vollkomponiert, er +komponiert die Hausflurwaende voll, er komponiert ans Butterfass, er +komponiert auf die Tischtuecher, er hat sogar (entschuldigen, Fraeulein +Hanne!) auf den Klosettdeckel einen Rundgesang komponiert. So ein +verruecktes Huhn is das! Ich hab'n gefragt, ob er Kapellmeister oder Kantor +war, da hat er gesagt: Nee, er waer Gesanglehrer in eener +Taubstummenanstalt. Von sein'n Schuelern liesse er seine Kompositionen +auffuehren. Das nennte sich primitive Kunst. Und gerade so 'n Schmierfinke +wie der Emmerich is der Maler Methusalem. Das is erst eine Nummer! Der +behauptet, er waere 998 Jahre alt. In zwei Jahren zu Pfingsten feiert a +seinen tausendsten Geburtstag. Da will er uns alle einladen. Den naechsten +Tag taet er dann sterben, da koennten wir gleich zum Begraebnis dableiben. +Die Sache haette sich so zugetragen, dass er vor etwa tausend Jahren 'n +maechtiger Koenig gewesen waer; aber er haett' 'n Verbrechen begangen, und da +haett' 'n een sehr kraeftiger Fluch getroffen, und da haett' er gleich nach +seinem Tode sich immer wieder aus 'm Grabe 'rausbuddeln und in anderer +Gestalt 'n neues Leben beginnen muessen, und es sei immer sehr bergab +gegangen mit sein'n diversen Leben, bis er zuletzt haette als deutscher +Maler auf die Welt gemusst. Da sei das Mass seiner Busse voll geworden, und +er duerft jetzt definitiv sterben. Also - was hat dieser Methusalem +gemacht? Ich hab ein neues Schaff gekauft. 's erstemal kommt's in +Gebrauch. Schneeweisses Buchenholz. Da schuettet meine Frau Rueben in das +Schaff, pfeift 'm Methusalem und sagt: 'Methusalem, stampfen Se mal die +Rueben huebsch klein!' Was macht er? Er beguckt sich das schoene weisse +Schaff, dreht's um, schuettet die Rueben aufs Pflaster und malt auf 'n +auswendigen Boden vom Schaff meine Alte. Die is nu immer wieder +hergelaufen gekommen, hat gelacht und geschimpft auf den Methusalem, und +er hat sie immer angeguckt und drauflos gestrichelt. Da is se ausgerueckt +und er 's Schaff sich ueber'n Kopf gestuelpt und immer hinter der Susanne +her. Und wo er sie erwischte, schnell ihr ins Gesicht geguckt und 'n paar +Striche gemacht. Und dann ging die Jagd von neuem an. Das nennt sich nu +landwirtschaftlicher Betrieb bei uns!" + +"Hat denn der Methusalem die Zeichnung fertiggestellt?" + +"Freilich! Fuenf Tage lang is a mit sein'm Schaff auf 'm Kopp hinter der +Susanne wie wahnsinnig hergewest. Se is ganz ausser Atem gekommen und hat +gesagt, a muesst wirklich 'n sehr schwerer Verbrecher sein. Aber das Bild is +nu fertig. Ich sag Ihn'n, su 'ne alte Eule haben Se Ihrer Lebtage noch +nicht gesehen." + +"Kann man das Bild nicht mal sehn? Sie haben dieses Schaff hoffentlich +nicht wieder als Schaff benutzt?" + +"Nee! Meine Alte hat das Bild abscheuern woll'n, aber da haben alle +Kurgaeste Laerm gemacht." + +"Die Zeichnung ist koestlich!" warf Eva ein. + +"Wo ist denn das Schaff?" + +"Oben in seiner Stube hat's der Methusalem eingeschlossen. Aber ich hab ja +'n zweiten Schluessel." + +"Holen Sie's mal!" + +"Wenn mich die Susanne erwischt, kommt sie gleich mit der Schmierseife und +der Scheuerbuerste hinter mir hergesaust." + +"Holen Sie es. Wir stehen Posten." + +Ich wusste, dass dieser Methusalem ein bekannter ausgezeichneter +Karikaturist war. Als Barthel mit dem Schaff ankam und ich die Zeichnung +sah, war ich entzueckt. Ich sah ein Meisterwerk! Diese ganze pfiffige, +durchtriebene, lachlustige, dicke Susanne lebte, atmete, schimpfte, +lachte, kommandierte, pfiff auf der Zeichnung. + +"Es ist herrlich", rief ich; "es ist zum Kuessen schoen!" + +"Weib!" schrie da Barthel begeistert, "Weib, komm 'raus, der Doktor will +dir 'n Kuss geben." + +Susanne kam heraus, sah das Schaff, kreischte, versuchte einen wilden +Angriff auf ihr Bildnis und erstarrte, als ich ihr sagte, wenn Herr +Stefenson die Zeichnung saehe, wuerde er wahrscheinlich ein- oder +zweitausend Mark dafuer zahlen. + +Die erblasste Susanne rief: + +"Ich kann doch keene so scheussliche alte Schachtel sein wie die da!" + +"Das ist keine scheussliche alte Schachtel", sagte Eva freundlich; "das ist +eine sehr liebe, lustige Muttel!" + +"Siehste, Alte", hoehnte Barthel, "wenn du um die ganze Welt reistest, 's +koennte dich keen Maler schoener uffmalen, als du eben bist. Aber ich bin +nich eifersuechtig, wenn ooch der Methusalem fuenf Tage hinter dir hergerast +is wie verrueckt." + +Mit dieser rachsuechtigen Bemerkung schlug Barthel seine Gattin aus dem +Felde. + +"Holdrioho hoho!" jodelte einer draussen vor dem Tore. + +"Um Himmels willen", rief Barthel, "das is der Methusalem. Wenn der spuert, +dass ich in seiner Stube gewest bin! Der tausendjaehrige Kerl hat Kraefte wie +'n Baer." + +Und Barthel nahm das Schaff auf den Kopf und verschwand eilends im Hause. + +Eva-Hanne sagte: + +"Ich hab immer gern in meinem Leben gelacht, aber so viel wie in den drei +Wochen, da ich hier bin, noch nie." + +"Lachen ist gesund." + +"Ganz gewiss. Ich sehe, wie alle um mich her taeglich gesuender und heiterer +werden. Heiter kann man es zwar nicht nennen, mehr ausgelassen." + +"Ja, sehen Sie, Eva, die Ausgelassenheit ist nur ein ansteigender Talweg +zu dem Berge der Gesundheit und des Glueckes, die Heiterkeit ist der +letzte, klare Gipfel. Zu ihm gelangen wir spaet, erst, wenn wir lange und +muehevoll gestiegen sind, erst, wenn es still und einsam um uns geworden +ist, erst, wenn unsere Augen weithin sehen koennen, ueber alle Tiefen, die +unter uns, und alle Hoehen, die ueber uns waren." + +"Sind Sie selbst schon auf der Hoehe?" + +"Ich gewiss nicht. Ich bin nichts als ein Wegzeiger, der im Tale steht, die +Hand ausstreckt und sagt: Da geht es hinauf!" + +"Vielleicht ist's gut so", meinte Eva nachdenklich; "wenn Sie selbst schon +oben staenden, koennten Sie nichts anderes als winken. Und da wuerde sich +mancher sagen: was will der winkende Mann auf dem steilen Gipfel; er ist +wohl in Not und fuerchtet sich allein dort oben?" + +"Ich finde, Fraeulein Eva, dass wir uns gut verstehn!" + +Ich sah ihr heiss in die Augen. Ihr Blick begegnete mir freundlich, aber +kuehl. Dann senkte sie das Haupt und sah vor sich hin. Der lange Ignaz +schlurfte vorbei. Er brummte einen Gruss und rueckte kaum am Hut. + +"Ein unfreundlicher Mensch", sagte ich, nur um etwas zu reden. "Wenn er +nur nicht mal Unheil anrichtet!" + +"Der Bauer braucht ihn. Aber er ist mir auch manchmal unheimlich." + +"Holdrioho hoho!" jodelte es nun dicht vor dem Tore. Ein starker Kerl +erschien, der brachte eine dicke Weibsperson auf einem Schiebkarren +gefahren. + +"Das ist Methusalem", belehrte mich Eva; "er bringt die dicke Cenzi vom +Felde heim." + +Cenzi war - wie ich wusste - die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem +Dirndlkostuem sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde +Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte "Alles aussteigen!" und +kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, ueberkugelte sich zweimal, kam +dann jauchzend auf uns zu in einer merkwuerdigen Gangart, die etwa so +aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und +sagte: + +"Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren faehrt er mich, aber +zeichnen mag er mich nicht!" Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr, +das deutlich ausdrueckte: "Lohnt nicht den Fassboden!" Dann sagte er: "Ich +bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist +wichtiger fuer Sie, Cenzi, als das Geportraetiertwerden. Sie haben drei +Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so +erschoepft, dass Sie per Achse nach Hause gebracht werden mussten." + +"Er ist ueber so viele Steine hinweggefahren", klagte Cenzi; "ich bin +buchstaeblich wie geraedert." + +"Das wird besser werden, Cenzi", troestete Methusalem, "wenn unser Vater +Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat. +Es ist ein Skandal, dass er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein +rueckstaendiger Landwirt." + +"Oh, Sie Spoetter!" floetete Cenzi; "aber passen Sie auf, morgen habe ich +wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich +bei Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin." + +Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gespraechs ueber +ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie moege das alles +ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden. + +Ein Hilfsbrieftraeger erschien. Er uebergab Eva einen Brief. Den Brief hatte +die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war +der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit "Hanne - Forellenhof" +adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbrieftraeger ueberbracht. Er blieb +nach dieser Amtshandlung wartend stehen. + +"Nanu, Brieftraeger", sagte Methusalem, "Sie warten wohl auf 'n Trinkgeld? +Sie wissen doch, dass wir alle in diesen gesegneten Landen nicht 'n roten +Heller in der Tasche haben." + +"Eine Zigarre moecht ich gern", sagte der Brieftraeger. + +"Gibt's nicht", schimpfte Barthel aus der Haustuer heraus. "Drei Stueck sull +a bloss am Tage roochen, und die kriegt a ooch taeglich geliefert. Nu is a +extra Brieftraeger geworden, dass a in a Hoefen um Tabak rumschnorr'n kann." + +Der Brieftraeger (er war im Zivilleben Fabrikbesitzer im westfaelischen +Industriebezirk) machte einen niedergeschlagenen Eindruck. + +"Drei Stueck so leichte Zigarrchen ist ja nichts fuer einen, der ein starker +Raucher gewesen ist", sagte er. + +"Die drei Dingerchen hole ich mir frueh um sieben ab und verrauch sie alle +drei nach dem Fruehstueck. Und dann habe ich den ganzen Tag nichts." + +"Troesten Sie sich", sagte Barthel grob, "vielleicht werden Sie ooch noch +gescheidt um 'n Kopp!" + +Nur die dicke Cenzi war mitleidig. Sie hatte sich eben eine Zigarette +angesteckt und sagte: + +"Brieftraeger, ich krieg bloss zwei Stueck am Tag. Aber Sie duerfen einmal +dran ziehen." + +Sie steckte dem Brieftraeger ihre Zigarette in den Mund, und der sog sich +gierig daran fest, blies den Rauch durch die Nase, sog so fest, dass er +binnen Sekunden die ganze Zigarette aufgefressen haette, wenn Cenzi sie ihm +nicht entrissen haette. + +"Den lass ich nie wieder ziehen!" sagte sie empoert. + +Eva hielt ihren Brief in der Hand. Sie war ein wenig unruhig geworden. + +"Er ist von meinem Vater", sagte sie leise zu mir. + +"Begleiten Sie mich bis zum Tor!" + +"Also", fuhr sie fort, waehrend wir langsam gingen und sie sich auf mich +stuetzte, "hat er meinen Aufenthaltsort erfahren. Ich mag den Brief jetzt +nicht lesen. Ich weiss, dass er nichts Erfreuliches enthaelt, und ich will +mir den schoenen Abend nicht verderben." + +So war der alte Streit zwischen Waltersburg und Neustadt in einer ganz +neuen Form wieder ausgebrochen. Die Tochter des Konkurrenten war bei uns +zur Kur, und der Vater protestierte. Anders konnte es nicht sein. + +"Es waere sehr, sehr schade, wenn Sie unser Heim verlassen muessten", sagte +ich und fuehlte, dass eine heisse Angst in mir aufstieg. + +Sie sah finster zu Boden. + +Dann riss sie den Brief auf. + +"Ich will nicht feig sein!" + +Sie las - las - staunte. Dann reichte sie mir den Brief. + +"Oh! Das haette ich nicht gedacht! Lesen Sie!" + +"Liebes Kind! Es ist ja nicht nett von Dir, dass Du hinter meinem Ruecken +ins Lager unseres sogenannten Feindes uebergegangen bist. Aber die Sache +kann sich noch gut zurechtschieben. Die Neustaedter, deren ganzer Sache ich +auf die Beine geholfen habe, machen mir schon seit langem das Leben sauer +und moechten mich nach und nach uebrig machen. Nun erhielt ich gestern von +Mister Stefenson aus Amerika einen Brief, in dem er mich anfragt, ob ich +geneigt sei, den Bau der noch fehlenden zwanzig Hoefe in der Waltersburger +Kuranstalt zu uebernehmen und auch fernerhin die baulichen Unternehmungen +dort zu leiten. In diesem Falle moege ich mit der Waltersburger Direktion, +die verstaendigt sei, in Verbindung treten. Ich bin nach Lage der +Verhaeltnisse gar nicht abgeneigt, der Sache naeherzutreten, und freue mich +jetzt, dass Du bereits Dein Interesse fuer das jedenfalls sehr +aussichtsreiche Waltersburger Unternehmen bekundet hast. In den naechsten +Tagen werden wir uns sehen." + +Ich gab Eva den Brief zurueck. + +"Sie werden nicht glauben, dass ich eine Ahnung von diesen geschaeftlichen +Dingen gehabt habe", sagte sie aengstlich. + +"Gewiss nicht; ich habe selbst auch davon nichts gewusst." + +Ihre Stirn war finster. + +"Es ist schwer fuer mich, das zu sagen - aber Sie sollen mich nicht falsch +beurteilen; es gefaellt mir nicht von meinem Vater, dass er von den +Neustaedtern zu den Waltersburgern uebergeht. Er haette drueben Stange halten +muessen - jetzt erst recht!" + +"Braves, liebes Maedel!" dachte ich; doch ich sagte, um sie zu beruhigen: + +"Sie sind ja auch zu uns gekommen!" + +"Das ist etwas anderes. Ich bin nicht Eva Bunkert, ich bin Hanne vom +Forellenhof. Ich schade den Neustaedtern nichts. Aber mein Vater - der +Gruender von allem! Wenn der uebertritt!" + +"Fraeulein Eva, Ihr Vater ist wohl laengst da drueben nicht mehr ganz mit dem +Herzen dabei. Seine urspruenglichen Waldheime sind dem oeden Hotelbetrieb +gewichen. Ich glaube, er mag darunter gelitten haben. Kaltherziger +Geschaeftskonzern spricht allein in Neustadt. Wenn sich nun Ihrem Vater ein +Feld neuer Taetigkeit bietet, das ihn mehr befriedigt, ist es recht von +ihm, wenn er zusagt." + +"Sie sind ein lieber Mensch", sagte sie dankbar, und meine Augen flammten +auf, und auf einen Augenblick war es mir, als floege meine Seele einem +seligen Lande zu. Das Herz stockte, der Atem setzte auf Sekunden aus, ein +seliger Taumel fasste mich ... + +Draussen an der Tuer erhob sich ein Singen: + + "Abend wird es wieder; + Ueber Wald und Feld + Saeuselt Frieden nieder, + Und es ruht die Welt." + +Das alte Abendlied wurde von vierstimmigem Chor gesungen. Da oeffnete der +lange Ignaz das Tor. Er hatte in der Nische gelehnt, und ich hatte ihn +vorher gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er alles gehoert, was wir +gesprochen hatten. Jetzt blickte er mich mit finsterem Gesicht an. Aber +ich beachtete ihn gar nicht. Ich sah auf die Saenger, die durchs Tor zogen. +Sensen und Rechen trugen sie ueber die Schultern, alle mit Feldblumen +geschmueckt, voran schritt Emmerich, der Chormeister, mit einem mit +Kornblumen geschmueckten Taktstock: + + "Nur der Bach ergiesset + Sich am Felsen dort, + Und er braust und fliesset + Immer, immerfort. + + So in deinem Streben + Bist, mein Herz, auch du, + Gott nur kann dir geben + Wahre Abendruh!" + +Als letzte in der Reihe kamen die kleine Luise und eine Frau, die das Kind +an der Hand fuehrte. Diese Frau war wohl noch jung; sie war von hoher, +schoener Figur. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil das bunte +Kopftuch, das sie trug, weit vorgeschoben war. Luise, die jetzt sehr +haeufig auf dem Forellenhofe war, schmiegte sich dicht an ihre Begleiterin. + +"Wie heisst die Frau, mit der Luise geht?" fragte ich Eva. + +"Sie nennt sich Magdalena, ist sehr still und bleibt fast immer fuer sich +allein. Aber das Kind haengt an ihr." + +Behutsam zog ich mein Notizbuch. Dort hatte ich die Kurgaeste des +Forellenhofes verzeichnet. + +"Magdalena ..., geschiedene Frau Kaufmann Agnes Blassing aus Aachen, +behandelnder Arzt Dr. Michael", stand dort verzeichnet. + +Das Abendlied verklang; die Leute zerstreuten sich an der Brunnenroehre +oder am Bach; die meisten aber zogen doch vor, ihre Abendtoilette auf dem +Zimmer zu besorgen. + +Draussen auf der Strasse knarrte noch ein Wagen. Trotzdem schloss der lange +Ignaz das Tor. Das war eine neue Heimtuecke von ihm; denn vor dem Tor stand +Piesecke mit einem Fuder Klee und wusste nicht, wie er es anstellen solle, +die Zuegel der Pferde, von denen eines sehr unruhig war, nicht loszulassen +und doch an das Tor zu klopfen. + +So schrie er: "Es ist zu! Es ist zu! Bitte, machen Sie gefaelligst auf!" +und es klang wie ein jammernder Hilferuf. Die Leute, die noch im Hofe +waren, lachten, und niemand dachte daran, Piesecke in seiner Not +beizustehen. Da eilte die kleine braune Anneliese ueber den Hof und +versuchte das schwere Tor zu oeffnen. Ich half ihr dabei, und ich sah zum +erstenmal, wie reizend dieses Maedchen war. Wie eine suesse, junge, rote +Rose! Ihre Sternenaugen gruessten mich wieder so freundlich, und ich +glaubte, zu ihrem Herzen wuerde ich den Weg wohl leichter finden als zum +Herzen dieser stolzen Eva. Und sah doch wieder zu dieser Eva hin. + +Nun sollte zur Abendmahlzeit gerufen werden. In anderen Hoefen geschah das +durch eine Glocke. Hier im Forellenhof trat Emmerich mit seiner Leibgarde +auf. Vier Mann, zwei mit Becken, einer mit einer Trommel, einer mit einer +Pauke. Dieser Tischruf war so gewaltig, dass die Leute drunten in +Waltersburg wussten, wann im Forellenhof gegessen wurde. Damit aber auch +der lyrische Teil dieser Emmerichschen Kunstleistung nicht fehle, wurde +ein Kanon gesungen, den Emmerich gedichtet und komponiert hatte: + + "Lobt den Herrn, hat's zu bedeuten, + Wenn zur Ruh die Glocken laeuten, + Doch dabei nicht zu vergessen, + Kommt zum Essen! Kommt! Kommt!" + +Die vier Saenger sangen diesen Kanon mit tiefem Gefuehl. Bald sammelten sich +die Abendgaeste an der grossen Tafel im Garten. Emil Barthel sass an der +Spitze und praesidierte. Es gab Bratkartoffeln, Milch, Weisskaese, Butter und +Brot, gruenen Salat, frische Kirschen und Haselnuesse. Dieses Abend-"Menu" +habe ich glatt von Lahmann im "Weissen Hirsch" uebernommen, weil es kein +besseres gibt. + +Piesecke behauptete, wenn er Milch, Kirschen, gruenen Kopfsalat und +Weisskaese zusammen aesse, bekaeme er auch zusammen die Ruhr, den Typhus und +die Cholera. Er war deshalb mit noch einem anderen Kurgast an einen +Extratisch gesetzt und bekam besondere Kost. Nach vierzehn Tagen, als +Piesecke sah, dass die Gaeste am "Normaltisch" sich sehr wohl fuehlten, wurde +er seiner Einsamkeit ueberdruessig und verlangte zu den anderen. + +Ich ass an diesem Abend mit im Forellenhof, und ich hatte grosse Freude, zu +sehen, wie herrlich es den Leuten schmeckte. Auch die Tischgespraeche, die +gefuehrt wurden, gefielen mir. Weit weg war alles gespreizte, verlogene +Getue, weit weg aller Phrasenkluengel, alles aesthetisierende Jongleurtum, +alle pseudophilosophische Geistreichelei, jede auch noch so versteckte +Prahlerei mit wirklichen oder vermeintlichen Werten aus dem frueheren +Leben. + +Der dicke Franzel erzaehlte dem duerren Heinrich (einem Zoologen aus +Muenchen), dass er drei Maulwuerfe erlegt habe, worauf Heinrich entruestet +erklaerte, das sei eine ungeheure Dummheit, da der Maulwurf als +Insektenvertilger und nachweislicher Nichtpflanzenfresser niemals ein +Wuerzelchen der Wiese, dagegen aber taeglich so viel schaedliche Engerlinge +verspeise, wie er selbst schwer sei. Vater Barthel, zum Schiedsrichter +angerufen, entschied: "Den Buechern nach ist der Maulwurf sehr nuetzlich, +aber dem Bauernverstande nach schlagen wir ihn tot. Von wegen seiner +Haufen!" Heinrich zuckte die Schultern und sagte, es werde wohl auch in +diesen finsteren Aberglauben noch einmal Licht kommen. Vom Ausroden zweier +Weiden erzaehlte einer, vom Pflanzen von Sellerie ein Maedchen, von der +Aussaat von Winterrettich und Wirsing eine andere. Die meisten sprachen +von der lustigen Heuernte, von dem rotbluehenden Kleefeld oder von dem +Wiesenwaesserlein, ueber das eine neue schmale Bruecke mit einem birkenen +Gelaender gelegt worden war. Baeuerliche Themen, manchmal mehr altklug +behandelt, wie Kinder schwaetzen, als wirklich erfahren, wie Vater Barthel +war, der aber sehr wohlwollend alles anhoerte. Weil es an St. Barnabas +geregnet habe, erklaerte ein Rheinlaender, wuerden die Trauben dieses Jahr +von selbst ins Fass schwimmen, und wie das Wetter am Johannistag sei, so +wuerde es bis Michaeli sein, behauptete ein anderer. Ich sah mir die Leute +an, die so sprachen. Sie gehoerten alle zu den gebildeten Schichten der +Bevoelkerung. Wuerden sie je in ihrem eigenen Leben solche Unterhaltung +fuehren, so waeren sie Sonderlinge, als komische Kaeuze, vielleicht als +albern gebrandmarkt. Hier waeren sie laecherlich, wenn sie von hoher +Politik, von gesellschaftlichen Ereignissen und Beziehungen, von +kuenstlerischen oder philosophischen Streitfragen zu reden begaennen. + +Diese Leute haben wirklich alle Ferien vom Ich gemacht. Und ich sehe, dass +ich meine Idee nicht bis in die Einzelheiten selber auszudenken brauche; +hier dichten alle mit an dem grossen Sturmlied, das wir gegen den Jammer +unseres modernen Lebens anstimmen wollen; hier hilft jeder bauen an der +Bruecke, die ueber den Strudel der Zeit zu dem stillen Eiland des Friedens +fuehrt, hier stuetzt einer den andern. Betrachtet den Soldaten, der schwer +beladen sein junges Leben in taeglich vielstuendigem muehseligem Marsch gegen +die Feuerschluende der Feinde schleppt - er wuerde auf seiner furchtbaren +Reise erlahmen, liegenbleiben, verzweifeln nach der dritten oder vierten +Stunde, wenn er allein waere. Aber der Rhythmus der Masse haelt seine +Glieder im Gang; am klingenden Bewusstsein der Gegenwart von tausend +anderen haelt er sich aufrecht. + +So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine +Bauernstube, heisse ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das +Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja +mit Tausenden seinesgleichen aber ist er gluecklich, legt er alle Tage +Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurueck, deren er sonst nie faehig +waere, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzaerteltes, +tyrannisches Ich zum Siege. + + + + + + LORELEI + + +Mein Bruder Joachim guckte ueber den Gartenzaun. Und als sich die +Gesellschaft aufloeste zum Abendspaziergang, fuegte es sich leicht, dass Eva +und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der +Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Maenner zur +Laute: + + "Rosenbusch holderblueh, + Wenn i mei Maedle g'sieh -" + +Wir blieben stehen und hoerten zu. Die Saenger reichten zwei volle Glaeser +zum Fenster heraus, und unsere Maedchen nippten daran und lachten. + +Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon +aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der +froehliche Singsang ueberging in "Drauss' ist alles so praechtig, und es ist +mir so wohl", bemerkte ich, dass Joachim heimlich nach Annelieses Hand +fasste, die ihm das Maedchen traumverloren ueberliess. + +Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die +Sinne. Gluehwuermchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus +blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden +ich kenne, Eichendorffs traurige Weise: + + "Sie hat einen andern genommen, + Ich war draussen in Schlacht und Sieg, + Nun ist alles anders gekommen, + Ich wollt', es waer' wieder Krieg!" + +Ueber die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die +sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und +eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine: + +"Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schoen gesungen!" + +Die Frau schuettelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es +auch schon daemmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich +sah, dass das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste +Frau, Luises Mutter, war. + +Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er +erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine +weltmuede und doch immer noch gluecksuchende Rechte nach der kleinen +Anneliese keuscher Hand. + +"Magdalena, kommen Sie hierher!" rief das Kind abermals und dringend. + +Die aber schuettelte den Kopf und ging davon. + +Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die +Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hoerte aus dem +Klange des Hornes die Worte: + + "Ich aber war weit schon gegangen, + Jetzt sieht sie mich nimmermehr." + + ------------------------------------------------------- + +Die Nacht war schwueler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heisse +Gewitterluft ueber unsere Haeupter getragen wuerde. Ich sass wach am Fenster. +Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er +machte mir Mitteilung, dass er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe +und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen uebertragen +wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: "Ich verhehle Ihnen +nicht, lieber Freund, dass meine tiefe Neigung fuer Fraeulein Eva Bunkert, +deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an +ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie - dessen versichert +mich Ihre ehrliche Freundschaft - immer Rechnung tragen." + +Wie schwuel die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wuensche, +heisser Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schoene Traumbild +von Liebe und Glueck von drohendem Wetterleuchten ueberstrahlt an meinem +Himmel stand. + +Da baeumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho, +mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu +befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher, +in dem du mich ueberbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave, +dem du befehlen kannst: Lass ab von jenem Maedchen, das ich fuer mich will! +Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in +der Welt Freundschaft staerker als Liebe, wo waere sie im Kampfe mit ihr +nicht unterlegen? + +Komm nur zurueck, alter Geschaeftemacher, und kaempfe um die Braut! Wenn du +zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiss +nicht mehr entreissen. + +So wollte ich das Recht auf mein Lebensglueck wahren. Aber neben dem Willen +sass der Zweifel. Ich wusste, dass Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte +als zu mir. Ich war wohl fuer das Glueck der Liebe nicht bestimmt. Niemals +im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu +vertraeumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die +junge, rote Rose, hatte ich uebersehen. + +Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des +Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin. + +Auch da fuehlte ich ein boeses Wetter aufsteigen. + + ------------------------------------------------------- + +Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern +machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das +dir den Tag grau faerbt und deine Naechte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu +der herben, tuechtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen, +mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, dass du das Haupt hochheben und +tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du +einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen +tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tuechtige Frau, +sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedraengnis und dich +wieder auf eine feste Strasse stellen; hast du Gueter verloren, welcher Art +es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen +und leere Herzen immer neu zu fuellen vermag; sind dir alle +Unterhalterinnen des Lebens ueberdruessig geworden, lass die Arbeit an deinem +Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft! + +Denn sie ist deine beste Freundin; sie schuetzt deine Gesundheit, sie +staerkt deine Muskeln; sie wuerzt dir das Mahl und salzt es, dass es nicht +faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte ueber deinen Wert ins +Ohr und huetet dich doch vor Uebermut durch kleine oder grosse Misserfolge; +sie gibt dir fuer deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu +deinem Becher den rechten Durst und schliesst dir alle Abende mit leisem +Finger die Lider! + + ------------------------------------------------------- + +So bin ich durch die Arbeit ueber meine Zweifel und Leiden hinweggekommen, +so sind meine Eigenwuensche still geworden und wie kleine Heimatbaechlein +hineingerieselt in den grossen Strom des Willens zum Dienst der +Allgemeinheit. + +Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes +Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der +starken Alltagswelle, die mein Schiff traegt. + +Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir +ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Maenner wie Frauen. +Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluss die Lorelei und in dem +scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der +Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein "golden Haar" kaemmt, sondern +vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die +gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am +Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber +schoenes Geschaeft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die +Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein +pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe +verunglueckte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem +kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem +Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwaechen haben moege, und wird +die Frage ein wenig zaehneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter, +bis sich ergibt, dass die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat, +eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte, +wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Ungluecksfahrt eine Torheit +gewesen, nach welcher man klueger geworden und gottlob ans feste Land und +in trockene Kleider gekommen sei. + +In den meisten Faellen hilft meine Methode; sie fuehrt durch das Tuerlein: +"Er ist es nicht wert, dass ich mich opfere", in den Garten der Gesundung. + +Einige Faelle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, dass immer nur +auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt. +Die stehen dann wie verloren und verzuernt in dem lustigen Ferienheim vom +Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton +wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht haelt, und +steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal +zurueck. + + + + + + DIE "KRUMMBEINIGE MEDIZIN" + + +Meine Kurmittel sind nicht ganz gewoehnlicher Art. Es gibt Aerzte, die den +Sitz alles Uebels im Magen suchen; andere begeistern sich fuer die Leber; +wieder andere schwoeren auf warme Fuesse; ganz alte, bequeme Knaben geben +immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen, +ausser mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei ueberhaupt nichts +anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren "Giftmischer" genannt, und +alle werden von den Homoeopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein; +ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am +meisten. + +Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine +Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner +hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfuenfzig Faellen die Anschaffung +eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der +medizinischen Wissenschaft gewisslich ein Novum, aber er ist gleicherzeit - +das kuehne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt - nichts anderes als +ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in +Amerika drueben nennen sie ihn _german __dog_), er heisst "Spezi", weil er +mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die +gesundheitsfoerdernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als +dass ich in meiner Naechstenliebe nicht auch anderen das Glueck eines solchen +Besitzes goennen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier +nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift +dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase ueber den +"Chef" ruempfen, der so viele "krummbeinige Medizin" verordnet, dass neulich +sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung +abhielten und greulichen Unfug veruebten. (Dr. Fristen hat mir damals +gekuendigt mit der Begruendung, dass er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und +ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spiesser, die +nur ihr Schuleinmaleins ableiern koennen!) + +Einen Dackel verordne ich zunaechst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel +seiner Leiden zu grosse Eigenliebe erkenne. Die gewoehnt ihm der Hund +alsbald gruendlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet +auf die Dauer seinem Dackel gegenueber die "Herrchen"-Natur. + +Das "Herrchen" ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es +nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken +versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende +Dackel - einen Igel erschnuppernd - biegt gen Sueden ab. Der Philosoph wird +sich anfangs um den klaeffenden Koeter ganz und gar nicht kuemmern; aber dann +wird er pfeifen - einmal, zweimal, dreimal leise - dann laut, immer lauter +rufen, drohen, die Faeuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn +geschleudert werden, umkehren, gen Sueden wallen und Betrachtungen darueber +anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier +sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Hoehe eisigen Denkens +ist durch einen Dackel ertrotzt. + +Gut so - in den Ferien vom Ich! + +Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines +elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenueber mit der +ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn +in hundert Runzeln, die Ohren haengend, den Schwanz melancholisch +eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd, +stoehnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen, +mit dem Vieh auf die Strasse fluechten und sich nicht schlecht wundern, dass +der scheinheilige Jaemmerling ploetzlich wie ein Berserker der Lebenslust +umherrast. Etwas abfaerben wird es schon. Das naechste Mal, wenn er und der +Dachs so truebselig einander gegenuebersitzen, wird sich der Misanthrop +selbst nicht recht trauen und auf die Strasse gehen. + +Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und +keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den +ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und fuettern kann. + +Die kleinliche, ordnungswuetige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines +Zigarrenstaeubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte, +bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhaelt als +Antwort auf ihre entruestete Klage, dass ihr das "entsetzliche Vieh" die +Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch +geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die +Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur +nebensaechlicher Bedeutung, und ohne Dackel koenne sie nicht gesund werden. + +Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt +im verschlossenen Briefe mitteilte, sie braechte ihre Nachbarschaft durch +ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen +Dachshund verordnet. + +Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und +verheult, dass ihr die Drahtkommode zur Unmoeglichkeit wurde. + +Allen den sehr nervoesen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiss, +dass sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draussen in der Welt als +Richter oder Examinatoren auf arme Opferlaemmer losgelassen werden, +verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner kuenftighin auch vor +ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde +ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen +Menschen ohne aeusserste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch +so ruiniert sind. + +Ferien vom Ich! + +Das ist so die fieberstillende Wirkung der "krummbeinigen Medizin". Aber +der Dachs wirkt auch staerkend und aufbauend. + +Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen +Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle +Kreaturen, ein "untreues Luder". Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer +seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen taeten! Vier +Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir: + +"Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich +zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit +schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er +treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauseloecher, +in die ich schnuppern moechte, aber es ist doch am schoensten bei dir! Das +ist immerhin eine gewisse Treue!" + +Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes, +hoffaertiges Gebaren haben, denen, die "sich tun", wie die Leute sagen. Es +sind ihrer sehr viele. Wer "tut sich" heutzutage nicht? Der Dichterling, +der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen +nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt, +gleich ist ihre Hoheit dahin. + +Man kann nicht geziert, nicht unnatuerlich tun und sein, wenn man mit einem +Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil, +zerrt einen widerwillig in die Natuerlichkeit zurueck. + +Gewiss, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein taeppischer Biedermeier, +ein Kleinbuerger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein +genialer Spoetter. + +Ich wuesste nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei +Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte! + + + + + + IN DER GENOVEVENKLAUSE + + +Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer ueber wohnte eine Witwe +mit ihrem Soehnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres +Ehegluecks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause +fluechtete. Das Haeuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist +ueber dem Felsen, der Bach fliesst vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner +Tuer. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause +ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fussweg fuehrt zu ihr hin, und es +ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso +still. + +Nun ist die Frau fortgezogen. Sie musste in die Welt zurueck und hatte +Traenen in den Augen, als sie Abschied nahm. + +"Wenn das Grab meines Gatten hier waere, moechte ich nie mehr ausziehen aus +der lieben Klause", sagte sie. + +"Sie muessen es wegen Ihres Sohnes", entgegnete ich ihr; "Sie duerfen keinen +Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie muessen ihn +vorbereiten fuer das Leben." + +"Mir graut vor dem Leben", sagte Frau Herzeleide und zog davon! ... + +Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich +musste ein wenig warten. Da kam sie zur Tuer herein - Magdalena vom +Forellenhof -, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak +sie und strebte zur Tuer wieder hinaus. Ich hielt sie zurueck. + +"Was wuenschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein. +Warten Sie nur einige Minuten!" + +Sie war aeusserst verwirrt. + +"Ich wollte - ich moechte - ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht +moeglich sei, dass ich in die Genovevenklause ziehen koennte, da sie frei +geworden ist." + +"Gefaellt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?" + +Sie wich aus. + +"Ich moechte sehr gern in tiefere Einsamkeit." + +"Ist Ihr Arzt damit einverstanden?" + +"Ja." + +Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn +gefahren. + +"Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen +recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort +steht. Ich werde schon dafuer sorgen, dass Sie die Klause bekommen." + +"Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich moechte Ihnen +meinetwegen den Weg nicht zumuten." + +"Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!" + +Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blass, und ihre +Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz +gefaerbt; das veraenderte sie am meisten. Aber auch der frueher so rosige +Teint war verloren; die Haut schimmerte blass und feucht; die Kinderaugen, +die so uebermuetig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare +Schoenheit noch, aber sie blickten muede und traurig. + +Waehrend wir so gingen, sprach ich ueber harmlose Dinge, ueber die Ernte, +ueber Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt +hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den +schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht +mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, dass ich voranschritt. + +So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erloesers, und ich dachte +an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und +mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich +nicht grausam sein. Diese Frau war so muede, so geschlagen; sie brauchte +keine Strafe mehr. + +"Magdalena", sagte ich, "ich habe gehoert, dass Sie gern mit unserer kleinen +Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen +hier nicht fehlen?" + +Sie seufzte schwer. + +"Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das +junge Fraeulein, die Baerbel, und mir hat Luise versprochen, dass sie mich +alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh." + +"Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzaehlt?" + +"Ja, sie hoert gerne Maerchen." + +"Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?" + +"Ja, ich tue das sehr gern." + +"Hm." + +Ich machte eine Pause. + +Dann sagte ich: + +"Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin +austoben. Aber als staendiges Unterkommen haette ich fuer die Kleine gern ein +stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen +in Pflege." + +Da schrie sie kurz und jaeh auf. + +"Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine grosse Gnade!" + +Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: "Ich werde es tun." + +Nun fasste sie mich an den Haenden; ihr ganzer Koerper bebte. + +"Eine Gnade!" wiederholte sie. "Ich bin so verlassen, und ich habe das +Kind so lieb!" + +Sie liess mich los, legte einen Arm ueber die Augen, trat ein wenig zurueck +und stand so ein Weilchen still da. Ploetzlich begann sie bitterlich zu +weinen. + +"Was ist Ihnen, Magdalena?" + +"Es geht nicht; es geht nicht!" schluchzte sie; "wenn Sie - wenn Sie +wuessten, wer ich bin, wuerden Sie mir das Kind nicht uebergeben. Ich bin eine +- eine schlechte Frau!" + +Ich ging zu der Ungluecklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte +erschuettert: + +"Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiss, wer du bist!" + +Sie prallte zurueck. + +"Sie wissen - wer ich ..." + +"Ja, Kaethe, ich hab dich erkannt!" + +Da warf sie die Arme in die Luft, stiess einen Schrei aus und verschwand um +den Felsen in den Wald. + +Ich eilte ihr nach und holte sie mit Muehe ein. + +"Wenn Joachim mich erkennt, schlaegt er mich tot!" wimmerte sie. + +"Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich ausser mir. Und ich werde dich +schuetzen!" + +Sie musste sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurueckfuehrte. +Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustuer und streichelte ihren +Scheitel. + +"Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir +kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen +frueh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fuerchten Sie +nichts, aengstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es +soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!" + +Ich liess sie allein. + + ------------------------------------------------------- + +Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekuemmert. Sie hat wohl sicher +Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat +keine Freude an dem Maedchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie +auf, laesst sie leiden. + +Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich +glaube nicht, dass sie an meiner Schoepfung viel Freude hat. Sie ist von +stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdaechtig. + +Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise fluechtig wiedergesehen. +Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz +nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte +die Mutter zu mir: + +"Ich quaele mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die +Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen." + +"Quaele dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine +Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, dass +er ueberhaupt existiert." + +"Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!" + +"Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muss!" + +Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und +Trotz. + +"Ich werde Joachim aufklaeren!" sagte sie bestimmt. + +"Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis +Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner +Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner +Tochter geworden ist. Lass ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem voellig +verfehlten Ichleben." + +"Er ist schuldlos an seinem Unglueck!" + +"Nein! Er ist nicht ohne Schuld." + +"Fritz!" + +"Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen +masslosen Hass viel tiefer ins Unglueck gebracht, als ein kluger Mensch, der +sich beherrschen kann, noetig hatte, und er hat sich gegen sein Kind +schaebig benommen." + +"Das ist unerhoert, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim +bestimmt aufklaeren." + +"Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit +dem Kinde zusammenleben wollen." + +"Nun, so muesste man eben das Maedchen vorlaeufig noch nach einer guten +Pension bringen." + +"Das wuerde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung noetig waere, wuerde +Luise hierbleiben, und Joachim wuerde von mir entlassen werden." + +"Entlassen?" + +"Ja, es hat sich so gefuegt, dass Joachim gegenwaertig mein Angestellter ist. +Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag." + +"Du bist masslos hochmuetig und lieblos!" + +"Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben." + +"Berufe dich nicht auf dein Herz", sagte sie, "du hast keines!" + +Und sie ging. + +Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter +wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch, +weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens +befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe +im Ichleben, im Familienjammer. + +Und da daemmerte mir, dass es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe, +dass ich in freiem, ungestoertem Zoelibat meiner grossen Idee am besten dienen +koenne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glueck bleiben wuerden, aber Arm +und Fuss frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum +Vorwaertsschreiten und Handeln. + +Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und +sagte ihr, dass ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstaende. +Sie schuettelte zwar das schoene Koepfchen, aber sie liess sich von mir +kuessen, und ich stieg froehlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange +traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich +abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel. + + + + + + DIE SCHLACHT BEI WALTERSBURG + + +Jeder deutsche Kurort hat seine "Sensation der Saison", so wie jedes +Affentheater seine "groesste Attraktion der Gegenwart" hat. Auch unser +Ferienheim hatte seine Sensation. + +Anton, der aelteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die aelteste +Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heisse +Schlacht entsponnen. + +Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfraeuliche +Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und +einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden +Kavaliere in die uebliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter +Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin waere alles in Ordnung +gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen +Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt +gewesen und hatte sein Roesslein in der kleinen Ausspannung des dortigen +Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefaehr hatte er dann von der +Sommerlaube im Gaertchen aus das Gespraech zweier Neustaedter Burschen +belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch +zwei anderen am naechsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie +in der Daemmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im +traulichen Gespraech mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen, +auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhassten Waltersburg ihr +Muetchen zu kuehlen. + +Als Piesecke solches hoerte, kam sein fuerstliches Blut in Wallung. +(Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgrossvater hatte als +General in fuenf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Waehrend er nun +gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem +Anschlag der Neustaedter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu +retten sei. Er warb zunaechst ein Heer. In dasselbe traten mit grosser +Begeisterung ausser dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler +Methusalem vom Forellenhof, auch der Saenger Hagen Korrundt, der immer noch +bei uns nachtwaechterte, und die gegenwaertigen Insassen unserer +Raeuberhoehle. Diese letzteren waren vier fragwuerdige Gestalten, die sich +Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules, +unordentliches Leben fuehrten und nun froh waren, dass sie einmal etwas +Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anfuehrer gegen +fuenf Neustaedter - mit dieser betraechtlichen Uebermacht, hauptsaechlich aber +durch seine ueberlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des +Napoleonbekaempfers den Sieg zu erringen. + +In der Raeuberhoehle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht +sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens ueberlasse ein guter +Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme +selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens koennte am Gartenzaun Vater +Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gaebe es ein Malheur. Anton +sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen +Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die naechste +Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden +Neustaedtern angefallen wuerde. Alsbald wuerde er ihm mit noch sechs Mann zu +Hilfe eilen, die ueberraschten Neustaedter wuerden - die Uebermacht erkennend +und bedrueckt durch ihr schlechtes Gewissen - die Flucht hinab gen +Waltersburg ergreifen wollen, aber da wuerden Moor und Schinderhannes, die +weiter unten in den Hinterhalt gelegt wuerden, hervorbrechen, den +Neustaedtern den Weg verlegen und - die ganze Rasselbande sei gefangen. Er +wolle ein fuer die Neustaedter sehr demuetigendes Dokument aufsetzen, das die +Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre voellige Niederlage zugeben +muessten, und dieses Dokument solle in der Raeuberhoehle unter Glas und Rahmen +aufbewahrt werden als ein Zeichen, dass der langjaehrige Kampf zwischen +Waltersburg und Neustadt mit dem endgueltigen Sieg der Waltersburger +geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu +einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle waermeren Gefuehle, +die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch fuer den Gastwirt hegen sollte, +abgekuehlt werden wuerden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen +bewegten Leben aus vielen Faellen, dass nichts so sicher die Liebe des +Weibes ertoetet, als wenn der Geliebte vor ihr laecherlich wird. + +Waehrend dieser Ausfuehrungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen +Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weissgetuenchten Wand +die Umrisse zu einem Triptychon grossen Umfangs entworfen. Die Seitenteile +des Bildes sollten die "Tuecke" und der "Kampf" heissen, das Mittelstueck +aber "Der Sieg". + +Die "Tuecke" wuerde Anton und Pauline im Daemmerlicht dahinwandelnd und von +den Neustaedter Unholden belauert zeigen, der "Kampf" eine besonders +dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstueck den +Sieg Waltersburgs in grosser Apotheose feiern. Das Mittelstueck war schon +etwas ausgefuehrt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Ross Piesecke +als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Kraenzen im +Haar; als naechstes Paar die Vertreter der Kuenste, Emmerich mit der Harfe +und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die +baerenhaeutigen Kriegsgenossen. + +Und nun musste die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da +der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen +Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte, +einzuueben. + +"So", sagte nach einer Stunde Methusalem, "der Sieg ist ganz und die Tuecke +teilweise gesichert; fehlt bloss der Kampf." + +"Der wird gigantisch!" rief Piesecke. + +Die Sache verlief nicht ganz programmaessig. Zwar gingen die Neustaedter +wirklich in die Falle und ueberfielen Anton zweihundert Meter jenseits der +Waldecke, aber die Kerle rissen nicht - wie vorausgesehen - durch die +Uebermacht erschreckt und ihr boeses Gewissen beunruhigt aus, sondern +blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die +Waltersburger jaemmerlich. Das kam aber daher, dass sich die in Anrechnung +gebrachte Uebermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minoritaet +verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der +Schlacht dadurch kampfunfaehig gemacht, dass ihn ein riesenhafter Neustaedter +Braeuknecht in die Hoehe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an +dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene +mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch +verewigen musste, und der Musiker Emmerich fuehlte sich dazu berufen, +ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung +seiner Siegeshymne anzufeuern. So kaempften nur der Saenger Hagen Korrundt, +der Braeutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber - +da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren - gegen die rohe Gewalt +der Neustaedter Raufer nicht aufkamen. Es gab fuerchterliche Pruegel, und der +Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, dass er +nachtraeglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen, +nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter +weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustaedtern den Rueckzug +abzuschneiden, hoerten den Skandal, lugten um die Baumstaemme, kamen aber +nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten. + +Wer weiss, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen +waere, wenn nicht eine starke auswaertige Macht sich eingemischt haette. +Durch den Wald erscholl ploetzlich eine scharfe Stimme: + +"Pauline! Pauline!" + +Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit +Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses +Maennerwerk da fuer sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende +Stimme hoerte, schrie sie: + +"Um Himmels willen, die Mutter! Macht, dass ihr fortkommt!" + +Drauf rissen erst die beiden Braeutigame aus, und mit ihnen verlor sich +rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer +energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich "herumgetrieben" habe; +alles Mannesvolk aber fluechtete gen Waltersburg. + +Und da hat es sich begeben, dass der Neustaedter Gastwirt, der den Rueckzug +der anderen deckte, als er sich ausser Frau Susannes Ruf- und Sehweite +fuehlte, doch noch in die Haende der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben +ihn gefangengenommen und ihn nochmals verpruegeln wollen. Aber Methusalem +hat gesagt: + +"Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht +versuendigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde +jetzt mit der schoenen gruenen Farbe, die ich in diesem Flaeschchen habe, +einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen." + +Der Gastwirt hat mit Haenden und Fuessen geschlagen, aber sechs Kerle haben +ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn +gemalt. Mit Oelfarbe! + +Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen koennen und nach +drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel +geschickt, durch das er die unerwuenschte Ehrung abwaschen konnte. + +Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schoene Bleistiftskizze +von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren +Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen, +die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat. + +Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor +Naesse, und alle Schwachheit und Feigheit der Kaempfenden sowie die +Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit +einem einzigen, aus seinem hochfuerstlichen Mund hervorzischenden Wort +charakterisiert: + +"Plebs!" + + + + + + HERBST + + +Das erste Halbjahr, da das Ferienheim in Betrieb ist, geht zu Ende. Wenn +ich es ueberschaue, erfuellt mein Herz rechte Befriedigung. Nicht nur der +aeusseren Erfolge wegen. Unser Unternehmen steht glaenzend da. Wir haben +lange nicht alle aufnehmen koennen, die zu uns kommen wollten. Die Ernte +auf den Feldern und in den Gaerten war gut, unsere Bauern sind zufrieden, +und unsere Kassen und Kasten sind gefuellt. Vieles, ja das meiste, verdankt +dieser aeussere Erfolg der glaenzenden Organisation, die Stefenson dem Ganzen +gegeben hat und die er von Amerika aus geleitet und weiter ausgebaut hat, +wenn auch der Sonderling noch immer nicht nach Europa zurueckgekehrt ist. + +Was mich als Arzt und Mensch am meisten freut, ist der Umstand, dass kaum +einer unserer Kurgaeste ohne grossen gesundheitlichen Gewinn von uns +fortgezogen ist. Das bestaetigt meine eigene Erfahrung, das bestaetigen +meine Kollegen, das sagen vor allem unsere Kurgaeste selbst, die schweren +Herzens Abschied nehmen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Wenn sie nach dem +Rathaus kommen, ihre Uhr, ihr Geld zurueckerhalten, liegen diese Dinge kalt +und fremd in ihren Haenden, und wenn sie im "Zeughaus" ihre eigenen Kleider +wieder anlegen und, ohne noch einmal umkehren zu duerfen, durch die grosse +Hinterpforte auf die Strasse gelassen werden, wo der Wagen wartet, stehen +die meisten befangen da wie aengstliches Volk, das zum ersten Male in die +Welt zieht. So sicher, geborgen und heimisch haben sie sich in ihren +Ferien vom Ich gefuehlt. + +Sie schreiben alle freundliche Briefe des Dankes und guten Erinnerns und +sagen, dass sie draussen unsere Anstalt preisen, und wenn sie dem oft +gehoerten Einwand begegnen, es sei wohl doch eine etwas kindliche, +theatralische Sache, so beklagten sie alle diejenigen, die nicht wuessten, +wie herzstaerkend und verjuengend die Rueckkehr zu kindlicher Schlichtheit +sei und wie sie gerade vom Theatralischen erloese, von der boesen, so +raffiniert eingeuebten und so schwer zu spielenden, immer aber im tiefsten +Grunde erfolglosen Theaterei unseres Lebens ... + +Auch diejenigen, die organisch leidend waren, haben durch gewissenhafte +aerztliche Kunst sowie durch die Gemuetsruhe und Herzensheiterkeit, die sie +umfing, die besten Erfolge gehabt. + +Der Sommer war gut; es mag Herbst werden. Die Froehlichkeit stirbt deswegen +nicht aus. + +Diese grossen Kinder der Welt fuehlen hier alle die tiefe Schoenheit des +Herbstes, von dem sie frueher nichts wussten, als dass mit seiner Ankunft +"Neuanschaffungen" noetig seien, die Gasrechnungen hoeher wurden und die +Theater- und Konzertsaison beginne. + + ------------------------------------------------------- + +Nach Andeutungen und Schilderungen eines unserer Kurgaeste will ich +schildern, wie ein Herbstmorgen im Ferienheim verlaeuft. + +Der Herbstwind hat gesungen die ganze Nacht. Und wie er an den Fenstern +ruettelt und welkes Laub und duerre Zweige an die Scheiben warf, hat sich +das Menschlein fest in die Decke gehuellt und mit grossen Augen ins Dunkle +gestarrt. Langsam ist seine Phantasie an Bord eines schwarzen +Wolkenschiffes gegangen, das durch das kalte Meer des Himmels fuhr zu +einem unbekannten Ziele. Ein schwarzer Mann stand am Steuer des Schiffes; +muede, schweigende Seelen lehnten oder sassen an seinen Bordwaenden. Lautlos +glitt das Schiff. Nur der Sturm sang seine Melodie, und wilde Gaense +schrien ihr Sehnsuchtslied in den Wind. Sie folgten dem Schiff wie grosse +Moewen, und ihr weisses Gefieder zuckte gespenstisch durch die Nacht. Unter +dem Wolkenschiff war der grosse Ozean der Luft. Menschenhaeuser lagen wie +Muscheln auf dem Meeresgrund, die Waelder standen wie seltsames wirres +Gewaechs wilder Schlingpflanzen, manchmal ragte ein Berg auf wie eine +Insel, um die das Wolkenschiff herumschwimmen musste. Von der Insel glimmte +das Licht einer Berghuette her wie der Schimmer einer Lampe aus einsamem +Strandhaus. Ein Felsen ragte auf wie eine Klippe, an der ein +unvorsichtiges Schiff zerschellen kann. Das Luftmeer rollte, grollte, +stampfte, es schleuderte die schwarze Flotte der Nacht hin und her. Die +wilde Fahrt war voll Grausen, aber auch voll Schoenheit. Immerzu, immerzu +ging es vorwaerts. Da drang ein Laeuten aus der Tiefe. Irgendein Vineta lag +drunten auf dem Grund, da gingen die Glocken. Nun wurde ein lichter +Schimmer am Horizont sichtbar. Dort lagen die weissen Berge des Morgens. +Und im Morgenlande lag die Heimat. + +Da fielen dem Traeumer die Augen zu - er stieg herab von dem dunklen Schiff +-, stieg ans lichte Land und war zu Hause. Weib und Kind waren bei ihm, +und die guten Freunde kamen und schuettelten ihm die Haende. + +Er erzaehlte ihnen, wo er gewesen sei. + +Da klopfte es an die Tuer. + +"Gottfried, stehen Sie auf, es ist halb sieben Uhr!" + +Gottfried rieb sich die Augen und besann sich. Richtig, er war nicht auf +einem Wolkenschiffe, er war auch nicht zu Hause, er war Kurgast im +Ferienheim, richtiger gesagt Bauernknecht auf dem Forellenhofe. + +Sechseinhalb! Es war noch ganz dunkel in der Stube. Und kalt war es. Ein +feiner Regen spritzte ans Fenster. Jetzt waere es wohlig, noch eine oder +zwei Stunden zu schlafen. Ach, bloss noch ein paar Minuten! Sacht beginnt +"Gottfried" wieder einzuschlafen. Aber in dem Augenblick, da sich das +Bewusstsein vom letzten Faden loesen will, schrickt er auf und springt mit +beiden Beinen aus dem Bett. Er wird sich doch nicht von dem Barthel - dem +Bauern - einen Meldezettel an den Arzt schreiben lassen wie ein +Schuljunge, der was "pexiert" hat, von seinem Lehrer. Dieser Barthel ist +ein ganz netter Kerl, aber er "klemmt" einen sofort, falls man ueber die +Hausordnung hinweggeht. Und es ist so bloed, sich dann beim Doktor +entschuldigen zu muessen. Unglaublich, wie leicht ein Mensch in die alten +Pennaeleraengste zuruecksinken kann. Also aufstehen! Beim Anziehen haelt man +sich hier nicht lange auf, es ist zu kalt in der Bude. Auch das +Waschwasser ist kalt. Warmes muesste extra verordnet werden. Und man schaemt +sich hier unglaublich, wenn man so etwas wie verfeinerte Beduerfnisse +erkennen lassen will. Es passt nicht zu einem, wenn man Gottfried Stumpe +heisst. Eigentlich war's doch schoen im Traume, so ploetzlich zu Hause zu +sein. Wie sie alle zaertlich und besorgt waren und nach den Augen schauten, +ob da ein Wunsch abzulesen sei. Hier war das anders, hier hiess es nicht +wuenschen, sondern gehorchen. Ein Wunder war's ja nicht, wenn man manchmal +ein bisschen Heimweh hatte, zumal man fast gar nichts von Hause erfuhr. +Gestern war eine Postkarte gekommen, nach sechs Wochen die erste +Nachricht. "Lieber Mann! Bei uns sind alle wohl, und es ist alles in guter +Ordnung. Wir denken Deiner in Liebe und haben nur den einen Wunsch, dass Du +Dich voellig erholst. Mit treuen Gruessen Dein Weib und Deine Kinder." Das +war alles. Es war ja eigentlich genug, es war ganz nach dem Herzen der +Kurdirektion; aber Details fehlten gaenzlich. Ob nun Fritzchen im +Griechischen auf das volle "Genuegend" gekommen war, ob Lenchen waehrend der +Ferien zum Grossvater reiste, ob der Kollege Neumann sich wirklich den +Adlerorden erschlichen hatte, wer Stadtverordnetenvorsteher geworden war, +wie die Elektrizitaetsaktien standen - ah, kein Wort! Das ging ihn +wahrscheinlich nichts an, ihn, den Knecht Gottfried Stumpe. Auf die +gewohnte Anrede "Herr Amtsgerichtsrat" hatte er beinahe voellig vergessen. +Sie war ihm wie ein Klang aus sagenhafter Zeit. Er war einfach Gottfried. + +"Gottfried", hatte gestern die dicke Susanne gesagt, "helfen Se mir mal +meine Brille suchen; ich hab mir se verlegt und muss die Butterrechnung +schreiben." + +So wurde man sogar zu persoenlichen Dienstleistungen herangezogen. "Man", +der Herr Amtsgerichtsrat! Wie oft ueberhaupt dieses Weib, die Susanne, die +Brille verlegt, ist unglaublich. Methusalem hat ihr jetzt eine Art +Soldatengurt gestiftet, daran haengt wie eine kleine Saebelscheide das +Brillenfutteral. Da soll sie ihre Augenwaffe immer bei sich haben. Aber +sie traegt das Koppel nicht, sie hat es dem Methusalem um die Ohren +schlagen wollen. + +Dieser Methusalem ist ein ganz netter Kerl; nur, er erlaubt sich zuviel +Frechheiten. Ihn, den Amtsgerichtsrat, hat er gezeichnet. Aber nur von +hinten. Er sagt, er haette einen interessanten Ruecken. + +Das Waschwasser ist abscheulich kalt. Und der Spiegel ist klein. Von +ordentlichem Frisieren ist keine Rede. Den Nackenscheitel hat er laengst +aufgegeben. + +Richtig, jetzt kommt noch das Schandvieh, der vom Doktor verordnete +Dackel, verbeisst sich in die herabhaengenden Hosentraeger und zieht und +zerrt daran. "Man" macht eine Bewegung, wie Pferde, die nach hinten +ausschlagen wollen, verliert dabei seinen Pantoffel und bemerkt, dass der +Dackel die Hosentraeger jaehlings loslaesst, sich auf den Pantoffel stuerzt und +mit ihm unter dem Bett verschwindet. Mag er. Mag er ihn zerfressen! Der +Pantoffel gehoert der Kurverwaltung. Und der Dackel ist ihm oktroyiert. +Einfach oktroyiert! Er hat Hunde nie leiden moegen. Schon gar nicht als +Schlafkumpane. Er hat sie immer als wandelnde Flohfabriken verabscheut. +Methusalem hat neulich einen "wissenschaftlichen" Vortrag im Rathaussaal +gehalten und vorher durch oeffentlichen Anschlag angekuendigt. Das Thema +lautete: "Kann der Mensch (_homo sapiens_) von dem Hunde (_canis +familiaris_) einen Floh (_pulex irretans_) erhalten?" Er - Amtsgerichtsrat +_Dr._ - nein, Gottfried Stumpe, hat den Bloedsinn nicht mitmachen wollen. +Zuletzt hat er gerade an dem Vortragsabend rein gar nichts vorgehabt und - +um die Zeit totzuschlagen - hingehen wollen. Aber da hat es geheissen: Der +Saal sei ueberfuellt, die Polizei lasse niemand mehr zu. Tags darauf hat am +Rathaus eine "Rezension" des Methusalemschen Vortrags ausgehangen. Isidor +Karfunkelstein vom Grundhof hat sie geschrieben. Natuerlich Blech! Am +Schluss hat es da geheissen: "So wies der Vortragende in seiner lichtvollen, +hinreissenden Art aufs ueberzeugendste nach, dass Hunde- und Menschenfloh +zwei ganz verschiedene Spezien sind, dass es einem Hundefloh niemals +einfalle, die schoen behaarten Jagdgruende seiner tierischen Pfruende +freiwillig zu verlassen, um auf dem glatten Parkett der Menschenhaut +ungluecklich zu debutieren; dass dem Hundefloh das tierische Blut viel +besser munde als das menschliche; dass ein bei einem Menschen gefundener +Hundefloh eine ausserordentliche Ausnahme, einen armen Verirrten darstelle, +der hoellisch an Heimweh leide, kurz, dass wohl ein Dackel von einem +Menschen einen Floh bekommen koenne, aber nicht umgekehrt. Eine Resolution, +die darauf hinausging: die Mitglieder der Versammlung als Angehoerige der +Kulturwelt seien fest entschlossen, den alten Aberglauben, dass ein _pulex +irretans_ vom _canis familiaris_ freiwillig zum _homo sapiens_ uebergehe, +auszurotten, wurde mit ueberwaeltigender Mehrheit angenommen. Die +ohnmaechtige geringe Opposition wurde ausgelacht." + +Das war also ein "wissenschaftlicher Vortrag" in diesen Ferien vom Ich. + +Verrueckt! Aber alles Volk lief hin, Herren und Damen! Rauften um die +Plaetze! + +Nun hat das Beest, der Dackel, den Pantoffel wirklich zerfetzt. Er guckt - +mit elenden Plueschueberresten in der Schnauze - hoechst durchtrieben unter +dem Bett hervor, und seine weit aufgerissenen Augen fragten: Gibt es nun +Keile oder nicht? + +Er schlaegt ihn nicht. Mag Vater Barthel neue Pantoffeln besorgen. + +Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Frueher wuerde er gekollert +haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten +sehr egal sind. + +Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter +dem Bett, dann kommt er naeher, macht ein aeusserst treuherziges Gesicht, +wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdaechtigster +Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschliesst, die abscheuliche +Heuchelei zu uebersehen und sagt einfach und gelassen: + +"Du bist ein Schweinekerl!" + +Der Dackel blinzelt nach dem Fusse, auf dem sein "Herrchen" in blossen +Socken steht, nimmt den "Schweinekerl" als etwas ganz Selbstverstaendliches +hin und springt dann zaertlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in +die Hoehe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so +lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug. + +"Gottfried, maehren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erkaelten +sich!" + +Das war Vater Barthel. "Maehren" hatte er gesagt. Der Mann war nicht +satisfaktionsfaehig. Wenn ihm frueher mal einer "Maehren Sie nicht so lange" +gesagt haette! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel _contra_ Karsubke +wegen eines Objektes von drei Mark und fuenfzig Pfennig neun Termine +ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte! + +Tja - Ferien vom Ich! + +Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen +erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum +ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen, +sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust - +halbbeleuchtete Hoehlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Waenden +doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens, +ein Wissen und Bekennen: draussen ist Nacht. Alles andere grellere Licht +luegt den Tag vor. + +Im Hausflur unten sagt die huebsche Magd Emilie: "Hoppla!", weil Herr +Gottfried an ihre Milchkanne stoesst. Und dann tritt er in die grosse +Bauernstube. Da umfaengt ihn das ganze grosse Behagen des zu frueh Erwachten, +der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um +den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao, +andere loeffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muss ihm den huebschen, +wahrhaft kuenstlerisch geformten Napf zweimal fuellen. Die +Fruehstuecksunterhaltung ist spaerlich und nuechtern wie ueberall. Zu Hause +wuerde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bisschen +Koffein wuerde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber dass er die Zeitung +wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknuellt an die Wand schmeissen wuerde +- das waere schlimmer. Hier gibt's keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten +Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist's ihm voellig egal, +wer dabei zugrunde geht, gleichgueltiger als der vom Dackel zernagte +Latschen. + +Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein "Sauwetter" wuerde er zu +Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und +auf dem schnellsten Wege zur Strassenbahn trachten, um zum Gericht zu +fahren. + +Hier - Gottfried Stumpe - oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel +besser, und er hat Duenger fahren muessen. Die Arbeit verteilt Vater +Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls - +das steht fest - dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist's schoen und +warm, dass er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben +kann, geht er hinaus; regnet es und blaest der Wind, wird er zu haeuslichen +Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr. +- nein, Gottfried Stumpe, haette nie gedacht, es noetig zu haben, sich um +das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne +bemuehen zu muessen. Er verschmaeht auch alle Liebedienerei, um sich +Verguenstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem - er ist ja sonst ein +netter Kerl - ist schon fuenf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher; +denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft +geschmeichelten Weise portraetiert haben, dass er, trotz gelegentlicher +Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild haengt +jetzt in einer Muenchener Ausstellung; das schmeichelt natuerlich solch +alter Schachtel gewaltig. + +Die dicke Lene drueben am Nachbartisch - Gottfried muesste sich furchtbar +taeuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt +haette - sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei ueber seine +Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet +hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und +sagt: + +"Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schoen; aber Rueben abkloppen +muessen Sie heute trotzdem." + +"Es ist so furchtbar kalt!" stoehnt die Dicke. + +"Lene", belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; "es is kalt, das is wahr. +Aber Sie sind hier, um duenner zu werden, und Kaelte zieht die Koerper +zusammen." + +Saemtliche Fruehstuecksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als +er Duenger fahren musste, hat er sich bloss damit getroestet, dass es die +Arbeiter auf dem Ruebenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rueben aus +dem nasskalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu "klopfen", +damit ueberfluessige Erde abfaellt, und sie fuer den Wagen zu sammeln, ist an +solchen Regentagen keine schoene Arbeit und nichts weniger als Manikure. +Die Finger werden blaurot. Nur Pulswaermer helfen etwas. Scheusslich. Er - +Gottfried - freut sich auf seine Duengerfuhre. Da pendelt er so langsam +neben seinen beiden nachdenklichen Roesslein einher, und der Ammoniakgeruch, +den seine Ladung ausstroemt, stoert ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet +gesund fuer die Lungen sein. + +"Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!" hoert er Vater Barthel weiter +reden. + +Richtig! Es regnete - folglich blieb Methusalem im Trockenen. + +Gottfried hasste in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den +Kollegen gehasst hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche +Leute verstehen es eben, immer "nach oben" zu schielen. + +"Oben" - das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne. + +Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei. + +"Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein +Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!" + +Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern +fleissig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Brieftraeger in die +Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehaengt, und in dieser Tasche +steckte ein einziger Brief. + +"Herrn Methusalem auf dem Forellenhof." + +Methusalem oeffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie +ohnmaechtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne. +Barthel hob den auf den Fussboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne +weiteres vor: + + + + + + + "Sehr geehrter Herr! + +Ihre von der gesamten Fachkritik glaenzend beurteilte Zeichnung 'Baeuerin +auf dem Schaffboden' ist heute fuer den Preis von fuenftausend Mark verkauft +worden. + + Die Ausstellungsleitung." + + + + + + +Grosse allgemeine Verwundernis. + +Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschuerze vors +Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte: + +"Mutter, schaem dich nich! Was kannst du dafuer, dass du so 'ne interessante +Frau bist!" + +Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers. + +"Kinder", sprach er mit zerknirschter Stimme, "ihr alle kennt mich und +werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes +Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich bloss noch zu leben. Und nun +werd' ich ploetzlich ein Kroesus. Dass ich in der kurzen Spanne Zeit meines +irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fuenftausend Mark ausgeben +kann, werdet ihr einsehen. Und doch muss sie mangels jeglicher Leibeserben +weggeschafft werden. Ihr koennt glauben, dass dieser Fall mein Gemuet hart +bedrueckt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu +feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erloest bin." + +Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornspruehende Rede ueber +Sparsamkeit, Maessigkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere +widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging +Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schaemig flimmernden Augen hin +und her. + +"Denken Sie doch, Frau Susanne - fuenftausend Mark - in Muenchen auf der +Ausstellung! Fuer Ihr Bild!" + +"Ruhe!" kommandierte Barthel. "Wir muessen wieder an ernste Dinge denken. +Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr'n 'runter nach Waltersburg +zum Kaufmann Scholz und hol'n das Faesschen Heringe ab, das ich bestellt +hab. Lassen Sie sich's aber recht festbinden, dass es nicht 'runterkugelt!" + +"Jawohl!" + +"Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen." + +Vierstimmiger piepsiger Frauenchor: + +"Jawohl!" + +"Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann +Henschel werden Aeppel pfluecken. Baerbel und die Lustige Witwe werden die +Aeppel nach der Aeppelkammer tragen." + +Septett: "Jawohl!" + +"Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im +Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt; +Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer, +Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias +Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen +helfen beim Ruebenabkloppen. Fehlt noch jemand?" + +Herr Amtsgerichtsrat Dr. - nein Gottfried Stumpe, erhob sich. + +"Ich!" + +"Ach so - Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Ruebenabkloppen." + +Gottfried erblasste. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hoerte nur noch mit +beissendem Ingrimm, dass Barthel den Methusalem aus Anlass seines Briefes +einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurueck. + +"Nimmermehr!" rief er pathetisch, "denn sehen Sie, Vater Barthel, eine +ungeheure Lebenslust, ein Kraftueberschuss durchstroemt ploetzlich meinen fast +tausendjaehrigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fuenfunddreissiger. Wo soll +ich hin mit der Freud? Austoben muss ich mich. Und das kann ich nur, wenn +ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!" + +Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklaerte Barthel das Fruehstueck fuer +aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den +Badehaeusern, um ihre "Anwendungen" zu machen. Auch Gottfried Stumpe +schritt hinaus in den fein spruehenden Regen. Er war sehr schlechter Laune. +Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des +Magens (er litt an Magennerven), dann ein Buerstbad mit nachfolgendem +kuehlen Abguss. Was so die Nervoesen bekommen! Frueher war er auch massiert +worden und hatte im Gymnastiksaale turnen muessen. Jetzt fiel das weg. +Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anstaendiger Behandlung. +Jetzt musste er einfach arbeiten. Rueben abkloppen. Mit Maegden und alten +Weibern zusammen. Scheusslich! + +Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen liess. +Dass man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab! +Solche Schweinerei, wie Rueben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich +nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wusste, dass sich die Kurverwaltung +aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf +warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei +dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war +nicht zu leugnen, dass man hier absolut von Grund auf gesuender wurde. + +Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann musste er sich +nach der kuehlen Abgiessung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte +er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses +verpusten. + +Dann aber musste er unwiderruflich aufs Feld. + +Rueben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Spruehregen aufhoerte. Ein +einziger Trost war, dass bei solchem Wetter das Aepfelpfluecken vom nassen +Baum auch kein Heidenspass war. + +Wie kaemen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel +dazu, dass sie ... + +Neid und Missgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich +oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch +schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und +gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja +mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand aergerte ihn, das Klopfen des +Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt - wer diesen Dackel und diesen +Vater Barthel vertrug, ohne tobsuechtig zu werden, musste schon sehr gesund +sein. + +Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom +Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem +er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen +an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Koerbchen und einem Messer +bewaffnet, hatten einander gegenuebergestanden und gelacht. Dann hatten sie +sich einander vorbestellt: "Emanuel Geibel vom Sonnenhof - Gottfried +Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!" Und am sonnigen Waldrande +gesessen und geschwatzt. Allmaehlich aber waren sie in zivilisiertes +Gespraech gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches, +auf hohe, schliesslich auf ganz hohe Politik, dann noch hoeher hinauf auf +die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische +Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion +verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte +Gipfelhoehe der Menschheit gesetzt - auf den im Blauschnee glitzernden, +aller gewoehnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der +heiligen Jurisprudenz. + +Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel +entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter +Verstandesmensch, als einer, der nicht nur ueber den Hanswurst, den +jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmass die +Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern +der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Groessen mit geradezu +souveraener Ueberlegenheit die Sonde legte. Wie er allein ueber Liszt +urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, dass der Mann, der sich unter dem +Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Groesse der +Rechtswissenschaft war, hoffentlich der kuenftige Minister. Dann wuerde +vieles an den unhaltbaren verrotteten Zustaenden der heutigen Rechtspflege +gebessert werden. So beschloss der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber +gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern +reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu +lassen, dass er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige +Gegenstroemungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermassen auch +etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als +Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das +alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Bruederschaft +gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein +poetisches Gemuet, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von +denen jedes mit Schwefelsaeure getraenkt war, konnte ploetzlich +traumversunken stehenbleiben und seufzen: + + "Oh, darum ist der Lenz so schoen + Mit Duft und Strahl und Lied, + Weil singend ueber Tal und Hoeh'n + So bald er weiterzieht." + +Oder, weil ihm eben einfiel, dass gar nicht Fruehlingszeit sei: + + "Herbstlich sonnige Tage, + Mir beschieden zur Lust, + Euch mit leiserem Schlage + Gruesst die atmende Brust. + Oh, wie waltet die Stunde + Nun in seliger Ruh; + Jede schmerzende Wunde + Schliesset leise sich zu." + +Der eiskalt schliessende Jurist hatte sich ganz in die suessen, goldenen +Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des +Dichters Namen fuer seine Ferien vom Ich gewaehlt. Die Gegensaetze beruehrten +sich auch hier. + +Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem +feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgiessung "trocken lief". Die Begegnung +war nicht ganz zufaellig. Gottfried wusste, dass Emanuel abreiste. Er habe +nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er koenne nicht laenger +abkommen. Natuerlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kraefte. + +Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum "Zeughaus" hinunter. + +"Nun gehe ich da hinein", sagte Emanuel traurig, "und komme nicht mehr +durch diese Tuer in unser liebes Heim zurueck, sondern trete auf der anderen +Seite in meinem Weltanzug auf die Strasse hinaus, die ins kalte Leben +zurueckfuehrt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte, +wir waeren jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern +gehabt." + +Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder +vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben: + + "Wenn sich zwei Herzen scheiden, + Die sich dereinst geliebt, + Das ist ein grosses Leiden, + Wie's groess'res nimmer gibt; + + Es klingt das Wort so traurig gar: + Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar! + Wenn sich zwei Herzen scheiden, + Die sich dereinst geliebt." + +Wohl verwunderte sich Gottfried ueber diese grosse Zartheit, aber sie packte +ihn, und die Augen wurden ihm feucht. + +Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite wuerde er nun +hinaus auf die Strasse treten, die aus diesen friedlichen Ferien +zurueckfuehrt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus +herum und gelangte durch ein Seitenpfoertlein ebenfalls hinaus auf die +Strasse. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spaet auf +Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei. + +Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast haette ihn Gottfried in dem +nuechternen Reiseanzug nicht erkannt. + +"Ah, da bist du noch!" + +"Ja, ich wollte dich noch einmal sehen." + +"Das ist lieb von dir!" + +Emanuel zog die Uhr - eine einfache silberne Taschenuhr. + +"Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zaehlt +Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da duerfen einem +nur eine Glocke oder der Grossknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spaet +es ist. Und dann das Geld, das bedrueckt mich am meisten. Was soll ich mit +den paar Kroeten tun? Mir eine Burg des Gluecks davon bauen? Lieber Gott!" + +"Du wirst noch hoch hinauf kommen!" troestete ihn Gottfried. + +"Nein!" sagte Emanuel bitter. "Da drinnen, da ist es ja geboten, ueber das +eigene Ich zu schweigen. Aber hier draussen auf der Landstrasse will ich +mich dir gegenueber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Haett' gern +studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da musste +ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretaer +am Amtsgericht zu H." + +"Emanuel!" + +Gottfried rang die Haende ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser +Ministerstuerzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstuerzler von +oben! Ein Sub - sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch +wuesste! + +"Emanuel!" + +Gottfried stand so verdattert da, dass in die weichen Zuege Emanuel Geibels +wieder die essigsaure Schaerfe trat, die aber doch nur zu den resignierten +Worten fuehrte: + +"Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel - wer wir +draussen sind, braucht uns nicht mehr zu kuemmern, braucht Sie nicht zu +genieren." + +"Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein", sagte Gottfried noch ganz benommen. + +"Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche +Kur zu wuenschen", sagte Emanuel hoeflich, verneigte sich, ergriff seine +kleine Handtasche und wollte gehen. + +Da aber hatte ihn Gottfried am Arm. + +"Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde - auch draussen -, verstehst du? +Von dem bloedsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden." + +Emanuel setzte die Handtasche auf die Strasse. + +"Ich danke dir!" sagte er schlicht, aber in tiefer Freude. + +Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen, +das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Ruebenfelde. +Da waren die Leute fleissig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen, +der auch zum Rueben "abkloppen" kommandiert war, sprang in kuehnen +Husarenspruengen ueber ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich +warm zu machen, in Wirklichkeit aber - wie der Amtsgerichtsrat mit +neidischem Grimm bei sich feststellte -, um sich von der Arbeit zu +druecken. + +Zehn Minuten spaeter sprang er mit ueber das Feuer, bis von ferne die +Gestalt Barthels auftauchte. + +Da begaben sich die beiden Drueckeberger schleunigst an die Arbeit. + + + + + + VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN + + +Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem +Haufen spielender Kinder trennte. + +"Willst du schon aufhoeren zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so +schoen." + +"Ich will zu meiner Mamma." + +"Zu deiner Mamma?" + +"Ja, nach Hause!" + +"Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?" + +"Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma +soll Magdalena sein." + +"Hast du deine Mamma lieb?" + +"Lieber wie dich!" + +Das klang nicht frech, nur tief ueberzeugt. + +"So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schoen +zusammen?" + +"Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid fuer mich. Aber es passt immer +nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will +uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben." + +Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas +schwierige Alte. Das Maedchen ging neben mir her. Mit grosser Munterkeit +sagte sie: + +"Wenn Pappa Stefenson da waere, wuerde er die Selma maechtig ausschimpfen, +weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man fuer ein Kinderkleid vierzig Mark +verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schoen! Wir +naehen alle Tage neue Schleifen dran." + +"Ich werde mit der Selma sprechen." + +"Ja? Wirst du wirklich? Fuerchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir muessen +ein Meter schottische Seide haben und unten ein bisschen Pelzbesatz. Ich +hab mir's so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen, +in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird +sehr fein!" + +"Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?" + +"Mamma will so, wie ich will." + +Das war das Maedel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstrasse +Schnuerbaender verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist +in ihr voellig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwuensche verstand +ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht +umher. Aber ein Maedchen hatte geprahlt, es haette zu Hause ein +Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer +Seide grossgetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in +Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen +Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt ueber die hoechsten Mauern, die +man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen laesst sich nichts tun. Auch +unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten +"modernisiert" und "stilisiert". Was man allein mit einer heimlich +angebrachten Sicherheitsnadel alles "raffen" kann, wieviel "Schick" man +durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann, +grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim ueberhaupt mal ein +Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs +wollte ich fuer alle weiblichen Feriengaeste ein und dieselbe Tracht. Aber +selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem +preussischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel "anprobiert", weit +ueberlegen ist, kam mir schliesslich mit dem Vorschlag, vier verschiedene +"Modelle" muessten eingefuehrt werden, eines fuer die Dicken, eines fuer die +Duennen, eines fuer die Langen, eines fuer die Kleinen. Damit habe ich mich +einverstanden erklaert; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden, +dass die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen. + +Fuer die kuehlen Abende werden farbige Umschlagtuecher geliefert. Oh, wie +gross sind die Wunder der Schoepfung! Manche unserer Damen drapieren das +Tuch vom Guertel abwaerts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch +rechts oder links ueber die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich +eine "ungarische Schuerze" daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den +Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte +Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur ueber dem Arm, +und einige wenige greifen auf den urspruenglichen Zweck zurueck, die +schlagen das Tuch um die Schultern. + +Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen fuer eine unheilbare Krankheit +erklaert. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine +Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib muss sich putzen, so +wie sich das Kaetzchen beschlecken muss. + + ------------------------------------------------------- + +Neulich kam Piesecke zu mir, ausserhalb der Sprechstunde. Er war noch +erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunaechst eine Menge wirres Zeug +durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, dass er der ungluecklichste +Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn. + +"Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie +langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle +Umschweife, was los ist." + +Er rang die Haende ineinander und jammerte: + +"Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!" + +"Wen? Mich?" + +"Ach, doch nicht Sie, sondern sie!" + +"Also Hanne vom Forellenhof." + +"Woher wissen Sie ...?" + +"Ich weiss es. Sie haben sich oft genug auffaellig benommen." + +"Und wissen Sie auch, dass sie fortzieht?" + +"Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater +bekommen." + +"Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie +koennen machen mit mir, was Sie wollen, Sie koennen der beste Arzt der Welt +sein, Sie koennen hundert Sanatorien fuer mich bauen, wenn mich dieses +Maedchen verlaesst, bin ich verloren." + +"Gruselig!" + +"Was sagten Sie?" + +"Gruselig!" + +"Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich +nicht; er bedeutet mein Ende." + +"Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schoener Nekrolog ueber Sie +erscheinen." + +Er war empoert. + +"Sie haben kein Herz fuer mich. Aber es ist gut, dass Sie von unserer +Landeszeitung gesprochen haben. Schliesslich bin ich doch ein Prinz!" + +"Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke." + +"Das weiss ich; aber ich vergesse nicht, was ich draussen bin. O nein! Sehen +Sie, und das habe ich ihr gesagt." + +"Was? Wem?" + +"Der Hanne habe ich gesagt, dass ich ein Prinz bin." + +"Sie sind wohl verrueckt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen +steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt." + +"Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft +worden." + +"Was hat denn Fraeulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?" + +"Ausgelacht hat sie mich. Sie haelt mich fuer einen Sargfabrikanten aus +Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet fuer einen +Sargfabrikanten haelt sie mich." + +"Das Geschaeft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares." + +"Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze +Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Fraeulein Hanne sagen, dass ich +wirklich ein Prinz bin und dass sie ein Engagement an unserer Hofoper +annehmen soll." + +"Was haetten denn Sie davon, wenn Fraeulein Hanne in Ihrer Residenzstadt +saenge und Sie inzwischen hier bei uns Duenger fahren muessten?" + +"Ich hatte gehofft, Sie wuerden mich fuer ein paar Wintermonate beurlauben." + +"Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer +Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn +Bruders, des regierenden Fuersten." + +Piesecke sass gebrochen vor mir. + +"Mit mir ist's alle", sagte er tonlos. + +"Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen +haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft +gesammelt." + +Er schuettelte trostlos den Kopf. + +"Wohl bin ich gesundheitlich vorwaerts gekommen; aber das nuetzt mir alles +nichts mehr - ich muss sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht +verwinden kann." + +Ich stand auf. + +"Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich +hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich +wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!" + +Da fasste ihn der Zorn. + +"O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach +'Mahlzeit', wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose +Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da muss ich +Ihnen sagen, dass Ihr Sanatorium eine Moerdergrube ist." + +"I, der Dauz!" + +"Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue +Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?" + +"Nein!" + +"Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn +wiedererkannt; denn ich hatte frueher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich +gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu ueberwachen. Denn er hat mich +frueher schon mal ueberwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er +mir gesagt, dass er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er +wird den Beweis erbringen, dass Ignaz ein langgesuchter Raubmoerder ist, ein +frueherer Fleischergeselle." + +Ich setzte mich wieder. + +"Also, Piesecke, ist das wahr?" + +"Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?" + +"Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber taeuscht sich auch Herr +Steiner nicht?" + +"Das weiss ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab - ich glaube, +Fingerabdruecke oder so etwas - und dann will er zur Verhaftung schreiten." + +Mir wurde unbehaglich. + +"Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?" + +"Jawohl. Er will mich umbringen." + +"Bitte, erzaehlen Sie!" + +"Er hat mich schon immer verfolgt und gemisshandelt; er ist ein sehr roher +Kerl. Wie ich nun Fraeulein Hanne das gesagt hab, dass - nun, dass ich eben +doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel +allein in der grossen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem +Ofen hervor, hat gruengelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe +mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Fraeulein Eva mir nicht geholfen +haetten, haette mich der Kerl erwuergt. Wir haben dann den Mordgesellen zur +Tuer hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen." + +"Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, dass mir dieser Knecht +Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft, +der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde +ich der erste sein, ihn den Behoerden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn +er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch +entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen." Piesecke sank schon wieder in +sich zusammen. + +"Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich +soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es +wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat, +nicht einmal einen guten Freund!" + +Da tat er mir leid. + +"Piesecke", sagte ich, "das duerfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten +Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, dass ich +Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehoert hat. Auch ich, Piesecke, +habe die schoene Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewuenscht, +als dass sie meine Frau werde." + +Er starrte mich an. + +"Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?" + +"Weil sie mich nicht will." + +"Sie nicht will?" wiederholte er verwundert. "Sie will nicht mal Sie, und +da soll sie mich wollen?" + +Es lag eine ruehrende Demut in dem Ton, in dem er das sagte. + +"Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an +sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du gluecklich! Es ist etwas +Grosses und Schoenes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es +gibt Frauen, die das Glueck oder vielmehr das Unglueck haben, dass alle +Maenner sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt +oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wuenschen, dass sie gluecklich +wird, und wir zwei wollen zusammenhalten." + +Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmuetigen Augen schauten mich +feucht an. + +"Ich glaube, dass Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!" + +"Ich habe Sie gern, Piesecke", sagte ich und legte ihm fest die Hand auf +die Schulter. + + + + + + ABSCHIEDSABEND + + +Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schoene "Hanne" nahm Abschied +von uns. Von Mai an war das Maedchen bei uns, und jetzt, da es gehen +wollte, war mir's, als schwaenden Sommer und Sonne dahin, und es koenne nun +nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur +nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich +hoerte, dass die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen +herumlaufe. + +Wenn der November kam, wuerden sich wahrscheinlich unsere Kurgaeste an Zahl +vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte fuer ein paar +Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich dann +wahrscheinlich nach einer grossen Stadt reisen wuerde, nach Berlin oder +Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem +ruhigen Frieden, dass ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer +elektrischen Strassenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in +einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn +der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muss er +in Glanz und Laerm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern +nicht uebel, dass sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt +hinueberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die haemischen +Bemerkungen der "Neustaedter Umschau" ueber diesen Fall beweisen nur, dass +das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbeduerfnis des Menschen hat. +Wer immer im Laerm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; +nur die wechselnde Welle traegt des Menschen Schiff. + +Dass mich neben diesen Erwaegungen auch der Gedanke leitete, ich koenne meine +Ferienreise vorteilhaft ueber die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter +singen wuerde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende +gemacht mit meiner Liebe; ich wusste doch recht gut, dass ich nicht eher ein +idealer Leiter dieses Ferienheims sein wuerde, als ich nicht selbst von +allen persoenlichen Banden und Sorgen befreit war, dass ich immer noch +selbst zu sehr in der alten Haut steckte ... + +Die grosse Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte +Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kraenze von +Astern hingen an den Waenden, die letzten Rosen des Gartens bluehten auf dem +Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhaelt er als Andenken ein +Album ueberreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, +Heliogravueren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, +ausserdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in +irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn +photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim +Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei +tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgaesten photographiert. +Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit +aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt. + +Eva bekam ein Album in vier Baenden. Sie war sehr lange bei uns, und es +hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen +in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende +Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der +Landstrasse, die unten am Zeughaus vorbeifuehrt, zeigte einen im Abendschein +entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift: + +"Die Sonne geht unter." + +Auch du, mein Sohn Brutus? - Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein +wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. - + +Eva sass im Scheine der grossen Haengelampe und durchblaetterte das Album. Sie +sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen grosse Traenen ueber ihre +Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte: + +"Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese +Buecher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle +sind drin - nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem +einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen." + +Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drueckte die Wange gegen die +Kacheln des Ofens. "So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht fuer Bilder", +sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen +darin. + +"Es tut mir leid, Ignaz", sagte Eva freundlich; "Sie waren gut und treu zu +mir!" + +Da ging der Knecht stumm zur Tuer hinaus. Ich sah, wie der Kurgast +"Steiner", von dem ich nun wusste, dass er ein Detektiv war, dem langen +Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute. + +Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Faesschen Moselwein angezapft und +hielt eine Rede: + +"Meine Damens und Herr'n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern +anders. Es is ein ernster Abend, weil Fraeul'n Hanne fortzieht, und deshalb +hab ich Sie zu einem Glaeschen Wein eingeladen, und ich wuensche, dass er +Ihnen allen recht wohl bekommen moege. Wir sind alle sehr traurig; denn wir +verlieren Fraeul'n Hanne sehr, sehr ungern." + +Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, +dass sie sich zur Tuer hinaus retten musste. Auch Barthel fuhr mit der Hand +nach den Augenwinkeln. + +"Sehen Sie, meine Herr'n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang - +ich kann das wohl jetzt ruhig sagen - is sie wegen Fraeul'n Hanne und mir +eifersuechtig gewesen. Aber es war bloss blinder Laerm; ich weiss doch, was +ich mir schuldig bin!" + +Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das +Taschentuch vor den Mund. + +"Sehen Sie, meine Damens und Herr'n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das +ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die +hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr +faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muss sie erst alle muehsam +zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so 'ne Perle bekommt wie die Hanne, +die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ..." + +Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot gebluemtes +Taschentuch und konnte schliesslich nur noch sagen: + +"Nun trinken wir halt auf Fraeul'n Hannes ihre Gesundheit!" + +Das Maedchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von +Gaesten gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel +unmaessig viel Weihrauch gestreut wurde, und schliesslich musste Hanne singen. +Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, +lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und +bleiben wird: + + "Morgen muss ich fort von hier + Und muss Abschied nehmen -" + +Waehrend des Liedes oeffnete sich leise die Tuer. Der lange Ignaz schlich +sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und presste die Haende an die weisse +Mauer. + +Die Lampe flackerte; die Spaetherbstrosen bluehten auf dem Tisch. + +Als Eva das Lied beendet hatte, stuerzte ploetzlich einer vor, warf sich dem +Maedchen zu Fuessen und rief: + +"Gehen Sie nicht fort - gehen Sie nicht fort, Fraeulein Hanne; ich muss +sonst sterben!" + +Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz +umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick ueber Piesecke und das erschreckte +Maedchen hinfuhr, und im naechsten Augenblick hatte Ignaz den zarten +Piesecke erfasst, schleuderte ihn sich wie einen Sack ueber die Schulter und +verschwand mit ihm durch die Tuer. + +"Dass kein Unglueck geschieht!" rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter +Unordnung draengte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den +zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den grossen +Duengerhaufen geworfen. Es war dem so schmaehlich Behandelten weiter kein +koerperliches Unheil zugestossen; aber ich war doch so erzuernt ob der neuen +Gewalttat des Knechtes und der Stoerung unserer schoenen Stimmung, dass ich +sagte: + +"Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen frueh werden Sie Ihr Buendel +schnueren. Dafuer werde ich sorgen!" + +Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurueck +und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurueckgeblieben war und +ein Blaettchen Papier, auf dem Fingerabdruecke zu sehen waren, sorgsam mit +den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfaeuste an der +weissen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte +in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat +auf den Knecht zu und sagte: + +"Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!" + +Die Umstehenden starrten den Sprecher an. + +"Was wollen Sie, Herr Steiner?" fragte der Bauer Barthel erschrocken. + +"Ich heisse nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine +Legitimation in der Tasche. Ich bitte, dass mir Gelegenheit gegeben wird, +den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz +aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefaengnis in Waltersburg zu +transportieren." + +Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen - und ploetzlich +schlug er mit beiden Faeusten um sich, machte sich Platz und verschwand +blitzschnell im dunklen Hofe. + +"Haltet ihn!" rief der Polizeimann; "er ist ein lange gesuchter +Raubmoerder!" + +Wir schrien alle, wir rannten. Ich stiess mit Barthel zusammen und machte +meinem Grimme Luft. + +"Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir laengst +unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von +Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande ueber uns." + +"Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir", wimmerte Barthel, +"ich konnte nicht anders!" Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel. + + + + + + GERICHTLICHES + + +Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. +Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Hoefe +oeffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei +ein Raubmoerder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber +kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Tueren, die Maenner +wagten sich mit Stoecken bewaffnet fuenfzig Meter vors Haus, ihre Frauen +jammerten von der Haustuer aus ueber diese Tollkuehnheit und riefen die +Maenner zurueck - es war abscheulich! Der Loew' ist los, und alles verliert +den Verstand. Nur einige Mutige stuermten hinaus, den Unhold zu fangen, +taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie +konnten. + +Ich schuettelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, +sagte mir, dass die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos +sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war +nicht zu finden. Dafuer traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am +Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustaedter Bahnhof, +nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. +Immer dasselbe: "Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen +Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmoerder +Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter +Verhaftung entwichen." + +Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen +Verhaftung. + +Ich sass ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der +immer noch nicht aufzufinden war, und hoerte zu, wie "Herr Steiner" +telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande +meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte +sich an mich. + +"Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?" + +"Nur vom aerztlichen Standpunkt aus verantwortlich." + +"Und wer traegt die Verantwortung fuer die gesetzliche Ordnung?" + +"Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Bruening." + +"Wo ist der Direktor?" + +"Ich weiss es nicht." + +"Wo ist Mister Stefenson?" + +"In Amerika." + +Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch. + +"Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr +Doktor?" + +Ich sagte ihm, dass mir dieser Knecht Ignaz allerdings persoenlich stark +unsympathisch gewesen sei, dass ich aber - ausser einigen Grobheiten oder +auch Roheiten, die er begangen - keine Veranlassung gehabt habe, den +Menschen fuer einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem +ich vertraue, erklaert habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen +Menschen. + +"Dieser sogenannte Ignaz hiess laut Anmeldung Scholz?" + +"Jawohl, Ignaz Scholz." + +"Hm! Wenn einer schon Scholz heisst! Jeder Scholz verkruemelt sich unter der +Masse der Scholze wie ein Koernlein im Sand des Meeres. Ich moechte Sie +bitten, Herr Doktor, mich vorlaeufig nicht zu verlassen." + +"Das soll doch nicht heissen ..." + +"Das soll nur heissen, dass ich Ihrer in jedem Augenblick beduerfen koennte." + +Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fuehlte mich +ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir +ausbreitete. + +"Ich moechte nur bemerken, Herr Doktor, dass ein Kurort wie der Ihrige, wo +niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu grossartiger +Schlupfwinkel fuer verfolgte Verbrecher ist." + +Was sollte ich erwidern? Dass in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia +sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen +koenne? Ich unterliess es. + +"Kommen Sie!" + +Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein +strenges Wort sagen, da wurde die Tuer aufgerissen, und Piesecke trat ein. +Flugs stand der "Geheime" stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke +sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war +schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenueber eine +echte Herrenhaltung an und sprach in einem so voellig veraenderten Ton, dass +ich seine Stimme nicht wiedererkannte: + +"Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?" + +"Melde Euer Hoheit untertaenigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem +Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen +Meister ermordet und beraubt hat." + +"Woher wissen Sie das?" + +"Die Verdachtsgruende haeuften sich: das Signalement des Steckbriefes +stimmt, eine Pruefung der Fingerabdruecke gab die Gewissheit." + +Piesecke sah den Mann durchdringend an. + +"Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da +sind Sie dazu auserlesen worden, Spaeherdienste am Hofe zu leisten. Auch +jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie +gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das +ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit +dem Knecht ist nur Ausrede." + +"Ich darf Euer Hoheit darueber keine Auskunft erteilen." + +Piesecke lachte veraechtlich. + +"Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, +habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also +berichten Sie nach Hause, es sei mir voellig egal, ob Sie hier seien oder +nicht; falls Sie mir zu laestig fielen, so koennte ich mich vergessen und +Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen." + +Der Polizeimann wurde dunkelrot. + +"Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?" + +"Zu Befehl, Hoheit!" + +"Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, +hier eine ausserhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie +die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?" + +"Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die +noetigen Vollmachten." + +"Dagegen laesst sich wohl nichts tun?" + +Diese Frage war an mich gerichtet. + +"Nein - nichts!" + +"Wie urteilen Sie ueber diesen Fall, Herr Doktor?" + +"Es ist ein Unglueck fuer unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natuerlich +fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu +bereiten." + +"Selbstverstaendlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist +doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von +Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafuer eine Erklaerung, Herr Doktor?" + +"Nein! Ich bin um so bestuerzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben +sagte: ich moege ihm nicht zuernen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage +das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, dass von hier +aus nichts verschleiert wird." + +Der Kommissar verneigte sich. + +"Hoheit" presste die Lippen aufeinander. + +"Hm! Ich will nicht wuenschen, dass dem guten Barthel da eine Tragik +erwachse, dass dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein +naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmuetigkeit versteckt hat. +Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht uebermaessig +uebelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer +Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr noetig. Jetzt will ich +Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunaechst?" + +"Nach dem Forellenhof zurueck, den Bauer Barthel zu vernehmen oder +eventuell ebenfalls zu verhaften." + +"Schoen, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulaessig erscheint." + +"Ich bitte untertaenigst um die Begleitung, Hoheit." + +Der Kommissar oeffnete die Tuer, stand stramm, und "Hoheit" ging in laessig +vornehmer Haltung an ihm vorbei. + +Ein kleiner Anlass von draussen aus der alten Welt, und durch die +Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute +mich trotz meiner gedrueckten Stimmung, als ich sah, dass durch seine +Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich haette +das Wort "Piesecke" jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt. + +Im Forellenhof war schwerste Bestuerzung. Die dicke Susanne lag kurz und +krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemuehten sich um sie. +Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den +Waenden hingen die Asternkraenze. + +"Welch ein entsetzlicher Abschluss!" klagte Eva. + +Ich betrachtete die Fingerabdruecke an der Wand. Sie waren deutlich. Der +lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer +besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte: + +"Es tut mir leid; aber ich muss zurueck zur Direktion und von den Behoerden +telephonisch auch die Verhaftung des der Beguenstigung dringend +verdaechtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern." + +Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er: + +"Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getaeuscht habe, glaube ich an nichts +mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!" + +Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich: + +"Ich werde morgen frueh mit Einverstaendnis unseres bevollmaechtigten +Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden +Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die +Anstalt zu verlassen." + +Er antwortete nicht. Ich dachte daran, dass er durch seinen Kniefall vor +der schoenen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlass zu all +diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst +daran; denn er sagte: + +"Ich weiss, dass ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl +ueberhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!" + +Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflueckte gedankenlos eine Rose. + +Da tat sich die Tuer auf. Barthel erschien. Verstoert. Als er den Kommissar +sah, wollte er zurueck, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. +Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das +Zimmer verlassen mussten. + +Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf +die Bank am Ofen. + +"Die Schande! Die Schande! Ach, haett' ich es nicht getan!" + +Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhoer. + +"Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. +Ist das wahr?" + +Barthel ruehrte sich nicht. + +"Heisst dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?" + +In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg. + +"Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?" + +Keine Antwort. + +"Sie machen sich ungluecklich. Warum antworten Sie nicht?" + +"Ich kann nicht!" + +Nun wandte ich mich an Barthel. + +"Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf +unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum +bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?" + +Da begann er zu weinen. + +"Ich kann es nicht mehr aendern. Verzeihen Sie mir ...!" + +Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. +Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger +Amtsgerichtsgefaengnis. Frau Susanne lag in Schreikraempfen, auch die +anderen Frauen weinten laut. Ich verliess den Forellenhof. In allen Stuben +unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wusste, in den meisten eroerterte +man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war +noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen +Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der +Lampe. Draussen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurueck. Sie hatten von +dem Fluechtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach +zehn Uhr laeutete das Telephon. Verbindung von Neustadt. + +"Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist +soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig +Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet +worden ..." + +Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach +Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als dass +Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten haetten. + +Wir blieben in Neustadt ueber Nacht. Am naechsten Morgen stand in der +"Neustaedter Umschau" ein Artikel mit der zentimetergross gedruckten +Ueberschrift "Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???" + +Mit der ganzen Niedertraechtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses +Blaettchens faehig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle +Spiesserinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschuetteln +beschraenkter, phantasieloser Koepfe wurde gegen die Grundidee unserer +Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte +lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete +schliesslich mit einer schamlosen Denunziation: + +"Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, +zu behaupten, dass sich die 'Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich' infolge +ihrer mehr als eigentuemlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen +zu fuehren, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort +lichtscheuen Gesindels auswaechst. Immerhin wird der aufsehenerregende +Fall, dass sich ein Raubmoerder auf einem der besuchtesten 'Hoefe' des +'Ferienheims' mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst +allerhand Roheiten ausueben konnte, zu schwersten Bedenken Anlass geben, +denen sich auch die Behoerden nicht werden verschliessen koennen." + +Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fuerchterliche Waffe in +der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da +wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eroeffnet +wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der ploetzlich +behaupte, weder der gesuchte Raubmoerder Josef Wiczorek noch der Knecht +Ignaz Scholz zu sein. + +Da mich der Polizeibeamte persoenlich kannte, hatte ich nicht notwendig, +mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes +Persoenlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, +nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns fuehrte. So sagte ich: "Se. Hoheit +Prinz Ernst Friedrich von ..." + +"Ist das - ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?" fragte der Beamte nicht ohne +Bewegung. + +"Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich", sagte Piesecke +hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. "Kennen Sie dieses +Wappen?" + +Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich +tief. + +Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten. + + ------------------------------------------------------- + +Ich fasste mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der +da eintrat, war - Mister Stefenson. + +"Stefenson", rief ich, "Stefenson, wie kommen Sie ..." + +"Melde gehorsamst, Herr Rat", sagte der eine der Gerichtsdiener, "der +Gefangene hat eine Peruecke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und +sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend." + +"Wer ist dieser Mann?" fragte der Beamte mit einem Blick auf mich. + +"Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begruender unseres +Ferienheims", brachte ich heraus. + +Ich musste mich setzen. + +"Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?" + +"Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor", sagte dieser gelassen; +"allerdings mit einer kleinen Einschraenkung. Ich war und gelte noch als +Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich +habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und +heisse mit Genehmigung der hohen deutschen Behoerden seit etwa vierzehn +Tagen Johannes Stefan - Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit +etwa vierhundert Jahren geheissen haben." + +Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzaehlen: + +"Josef Wiczorek - Ignaz Scholz - John Stefenson - Johannes Stefan - und +hier Prinz Ernst Friedrich - ich moechte die Herren ernsthaft darauf +aufmerksam machen, dass das Gericht von Neustadt keine Waltersburger +Spielerei, sondern eine staatliche Behoerde ist, die nicht mit sich spassen +laesst." + +Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, dass ich in dem +Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef +Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen +Kompagnon John Stefenson wiedererkenne. + +"Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen +aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?" + +"Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das +mindeste gewusst, sondern waehrend all der Monate mit Stefenson nach Amerika +telegraphisch und brieflich verhandelt." + +"Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?" fragte der Beamte +weiter. "Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?" + +"Jawohl!" + +"Wie ist das moeglich?" wurde der Verhaftete gefragt. + +Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich: + +"Das ist Geschaeftsgeheimnis!" + +"Wir werden der Sache auf den Grund gehen", entgegnete der Beamte ernst, +"und Ihnen zeigen, dass hier kein Ort fuer Maskeraden ist." + +Da wurde zum Glueck "Herr Steiner", unser Geheimpolizist, gemeldet. Der +Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn +Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte: + +"Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der +zustaendigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, dass +der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, dass +seine Identitaet festgestellt ist und auch bereits ein Gestaendnis vorliegt. +Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich +der Verdacht, der zu seiner Verhaftung fuehrte, als unbegruendet erwiesen +hat." + +Stefenson laechelte freundlich. Der Richter machte ein enttaeuschtes +Gesicht. + +Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, +Stefenson eingeschlossen, entlassen. + + + + + + AUFKLAeRUNGEN + + +Auf der Strasse trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte: + +"Ich bitte Ew. Hoheit untertaenigst um Verzeihung wegen der Behelligung." + +Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter. + +"Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir 'nen +Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier uebrig. Lenken Sie mal die +Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein +lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr beduerftig zu sein. Er ist +gegenwaertig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schoen es in +Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nuetzlich! Glueckliche Reise und viel +Vergnuegen!" + +Der Kommissar reiste ab ... + +Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war +zunaechst nach seiner Zelle zurueckgegangen und hatte uns durch einen +Gerichtsdiener sagen lassen, wir moechten im "Hotel Bristol" auf ihn +warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das +Gefuehlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestuerzt, vom Glutwetter der +Bewunderung bis zum Regensturm der Wut - hin und her, her und hin. Ich +konnte diesem unberechenbaren Manne gegenueber niemals zu ruhiger +Beurteilung kommen. Schliesslich beschloss ich, ihm offene Feindschaft +anzusagen. + +Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob +er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme: + +"Dieser Redakteur von der 'Neustaedter Umschau' ist ein schwerfaelliger +Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In +meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten." + +"Ah - Sie haben den Artikel ueber Ihre Verhaftung in der Umschau selbst +geschrieben?" + +"Na, selbstverstaendlich. Der Trunkenbold kann's doch nicht. Als ich so +unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunaechst nach der Redaktion +des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und +natuerlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich +da festnehmen lassen. Der Artikel ueber die Verhaftung war eher fertig als +die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen +schuldig." + +Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression ueber +mir, und ich sagte: + +"Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu +geben und zu handeln, ist so ueberaus merkwuerdig, dass ich nicht mehr +mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklaeren muss ..." + +"Ein Extrablatt!" + +Ein Bote stuermte ins Zimmer. + +"Bitte, lesen Sie!" sagte Stefenson ruhig. + +Die "Neustaedter Umschau" vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefaehr ein +halbes Quadratmeter gross und enthielt in Fettdruck die Nachricht: + +"_Ehrenerklaerung._ + +Die 'Neustaedter Umschau', immer bemueht, ohne nach rechts oder links zu +schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklaert: Die gestrige +Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als +'Raubmoerder Wiczorek' von einem uebereifrigen Beamten (dessen amtliche +Massregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein +anderer als der geniale Gruender der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' selbst, +Herr John Stefenson - oder, wie er in Begeisterung fuer sein angestammtes +reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behoerden nennt, Herr +Stefan! Dieser Multimillionaer, dessen Einfluss in Amerika unbegrenzt ist, +hat in der demuetigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den +ganzen Sommer ueber in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Muehen und +Zuruecksetzungen des von ihm gewaehlten geringen Standes getragen, um +unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als +Fremdling, selbst von seinem naechsten Freunde unerkannt, von unten her +sein Werk zu pruefen. Diese Pruefung ist so gluecklich ausgefallen, dass +Stefan mit Freuden in die irrtuemlich verhaengte Haft ging. Den Neustaedter +Behoerden zollt er fuer ihre Gewissenhaftigkeit alle verdiente Anerkennung. +Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behoerden der +unbegruendete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt - laut +amtlicher Depesche - in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns +Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern +auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson +identifiziert. Die 'Neustaedter Umschau', deren Devise 'Ehre und Wahrheit' +ist, scheut sich nicht - _errare humanum est_ - ihren gestrigen Artikel +Wort fuer Wort zurueckzunehmen." + +"Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?" fragte der Prinz. + +Stefenson nickte. + +"Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich +hierherkam." + +"Sie sind ein smarter Kerl!" sagte Hoheit voll Anerkennung. "Nu sagen Sie +mir bloss, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so +miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, +direkt auf den Mist. Ist das anstaendig?" + +Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Waerme: + +"Sehen Sie mal, lieber Piesecke - ich moechte Sie der Einfachheit halber +noch mal so nennen -, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! +Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten anderen. +Nur, dass Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht +gefallen lassen." + +"Hinter Ihrer Braut?" + +"Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich +heute oder morgen verloben." + +Piesecke prustete los und sagte lachend: + +"Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst +heissen moegen - mir ist ja das ganz egal -, da werden Sie kein Glueck haben! +Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht." + +"Also haben Sie doch -?" fragte Stefenson mit einem Blick auf mich. + +"Gar nichts habe ich", sagte ich zornig. "Gar nichts! Im uebrigen moechte +ich um einige kurze Aufschluesse bitten, von denen es abhaengen wird, ob ich +noch laenger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht." + +"Oho - oho! Also, was ist aufzuschliessen?" + +"Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?" + +"Ja, natuerlich war ich der! Aber Sie haetten mich doch damals beinahe +erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geaendert und bin als Knecht Ignaz +wiedergekommen." + +"Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?" + +"Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den +beiden Maedchen zu treffen. Waere meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so +haette ich eben den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff." + +"Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich +schreiben, da Sie doch bei uns waren?" + +"Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu +schreiben ist." + +"Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur +wenige in Maschinenschrift." + +"Ja, da habe ich in einem meiner Bueros einen Spezialisten, der meine +Handschrift so taeuschend nachmachen kann, dass ich selbst nicht zu +unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein +goldehrlicher Mann, einem anderen duerfte man die Ausuebung der aeusserst +gefaehrlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt fuer einen +Grosskaufmann wie mich taeglich mindestens zwei Dutzend Anlaesse, wo er +handschriftlich schreiben muss: an Verwandte und gute Freunde, wo +Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschaeftsgenossen, mit denen man intime +Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, +die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschaeftigter Mann sich die Muehe und +Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schliesslich an alle +offenen und verkappten Autographenjaeger - fuer sie alle ist Mister Jenkins +da, und er machte seine Sache fuer zweitausend Dollar im Jahre geschickt +und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet." + +"Grossartig! Grossartig!" klatschte der Prinz in die Haende. Mein Barometer +aber fiel auf Sturm. "Ihr Verhaeltnis zu Bauer Barthel", sagte ich kalt, +"brauchen Sie mir nun nicht mehr zu erklaeren. Er hat gewusst, wer Sie +waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; +deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten." + +"Stimmt! Aber das duerfen Sie dem Barthel nicht uebelnehmen. Wir haben ein +schriftliches Abkommen, laut dessen er fuenfhundert Mark an mich haette +zahlen muessen, falls er mich je verraten haette. Denken Sie mal - +fuenfhundert Mark! Es ist klar, dass sich da Barthel lieber einsperren +laesst." + +"Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?" + +"Nein. Auch Susanne nicht." + +"Das ist mir lieb. Aber der Direktor Bruening hat Sie gekannt und sich +wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir +alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert." + +"Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit +leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage +eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Ausser Barthel +und dem Direktor hat aber niemand gewusst, wer ich war, nicht mal die +kleine Luise, und das ist mir schwer geworden." + +Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, +das ich ueber seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich +nur kuehl und gemessen: + +"Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komoedie mit +uns gespielt haben?" + +"Komoedie?" verwunderte er sich; "wieso Komoedie? Darf in den Ferien vom Ich +nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und +was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und fuer die +ich viel Geld gewagt habe, gehabt haette, wenn ich als Mister Stefenson +dageblieben waere? Der Direktor waere ich gewesen, einen langweiligen +Verwaltungsposten haette ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten +Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, haette ich geniessen koennen. +Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man +Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich +wohlgefuehlt als 'langer Ignaz', ich habe beobachtet, erlauscht, geprueft +von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, +unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glueck +zu sehen, dass wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute +geschaeftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, dass ich +mich unserer Gruendung freuen darf, sondern das, was ich sah und hoerte, als +ich unerkannt mitten unter den Feriengaesten war." + +"Sie haben auch mich pruefen wollen?" sagte ich. + +"Ja, auch Sie! Ganz natuerlich. Ich werde wieder nach Amerika zurueck +muessen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich +das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen +Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je gemacht +habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich +hinuebergehen. Weil ich muss! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiss, das Heim +ist in guten Haenden. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein +Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Haende ausstreckten +nach der schoenen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem +ich Ihnen sagte, dass ich Fraeulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als +meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Maedchen aus dem +Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren +koennen, dass ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein +halbes Jahr Bauernarbeit." + +Er sprach mit grosser, ehrlicher Waerme. Ich aber sagte: "Sie taeuschen sich. +Ich haette das Maedel zu gewinnen gesucht; aber ich wusste, dass sie immer nur +an Sie dachte, dass Ihnen ihr Herz gehoert." + +"Ist das moeglich? Ist das moeglich? Fraeulein Hanne will wirklich ..." + +Der Prinz sank in sich zusammen. Er war ploetzlich wieder vollstaendig +Piesecke. + + ------------------------------------------------------- + +Es ist noch viel geredet worden; ich weiss nicht mehr, was alles. +Schliesslich habe ich Stefenson recht geben muessen, dass er sich unerkannt +unter unser kurioses Voelklein mischte. Was sollte er sich nicht +ueberzeugen, wie seine Gruendung wirkte? Ich ueberwand meinen Unmut, so gut +ich konnte, aber ein Stachel blieb, dass Barthel und der Direktor mehr +gewusst hatten als ich. Eine Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte +ich nicht mehr gelten lassen. + +Piesecke schlich sich ins Heim zurueck, ohne uns. Er wollte weiterhin +Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgaeste die Koepfe, +wer der in der "Neustaedter Umschau" genannte Prinz sein moege. Der +"Verdacht" blieb schliesslich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof +wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen liess. Dieser +Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren +entzueckt ueber seine hocharistokratischen Haende. Sie ruehmten die edle +Zurueckhaltung in Ton und Gebaerde, die Guete, die nie zur Vertraulichkeit +wird, sondern immer Guete bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise +verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare +Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Hoehenblick von +Jugend auf geschaerft zu blicken wussten; sie ruehmten selbst kleine +Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene +gestattet. Dieser Mann lachte und laechelte nicht; er zuckte nur mit den +Mundwinkeln. Er sagte nicht "nein" zu irgendeinem Verlangen, sondern +dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwoelkchen, das +sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein +einziges freundliches Lidersenken gewaehren, "ja" sagen, wie kein anderer +Mensch "ja" zu sagen vermag. + +Keine Erziehung fuehrt zu solcher Haltung. Kein Emporkoemmling kann sie +erlernen. Rasse! Vererbung von Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das +ist's! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Wuerde +durch das Gewimmel aller derer, die ihm taeglich in den Weg zu laufen +wussten. Er empfing keine Besuche - er erteilte Audienzen; er plauderte +nicht - er hielt Cercle. + +Mir machte alles dies so viel Spass, dass ich den Direktor ersuchte, dem +heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich +erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewaehren; denn der Referendar hatte +bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, +der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld uebrig. + +Das alles hatte mit ihrem Artikel die "Neustaedter Umschau" getan. An +Piesecke dachte kein Mensch ... + +Barthel, der Heimtuecker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen +worden. Er liess sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei +nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder. + +"Herr Doktor", sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, "dass er ein Lump ist, +weiss ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger +tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, +Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson +an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste +ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein +eigenes Weib beluegt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht ueber +den Weg! Aber jetzt lass ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem +Zuchthaeusler hat eine anstaendige Frau nichts zu tun." + +Was blieb mir uebrig, als fuer den in erbaermlichem Zustand dastehenden +Barthel Partei zu ergreifen und der empoerten Susanne gut und mild +zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hoeren. Sie blieb dabei, sie +muesse sich scheiden lassen, da er "gesessen" habe. Schliesslich weinte sie. + +"Und was er fuer ein Liedrian ist, Herr Doktor!" schluchzte die brave Frau. +"Fuer die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich +eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, dass er das Geld lieber +in die Sparkasse tragen soll." Da erkannte ich, dass das Barthelsche +Eheglueck noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entliess die beiden, +indem ich sie meines Wohlwollens versicherte. + + ------------------------------------------------------- + +Ich sass allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht +kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte +- war das traurig, war es komisch, war es erbaermlich? Sollte ich lachen, +sollte ich zuernen? + +Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog? + +Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr +Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte? + +Sollte ich mich aergern ueber den Barthel, weil er profitsuechtig gewesen +war? + +Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, +liebe Leute. Nur das Leben schuettelte die Menschen durcheinander, wie ein +Kind die Steinchen schuettelt, die es in ein Saecklein gesammelt hat. Wenn +es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Kruemlein alter, weicher +Heimaterde broeckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und +widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann +ihn nur glaetten. + +Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes +Kaeferwuermlein konnte an dir zehren! Ich moechte dich ja halten, denn du +bist gut und weich, aber das Leben schuettelt zu hart. Doch ich bin +getrost, ein gut Teil Kruemlein werden mir bleiben, darauf will ich mich +heimlich betten, und die glatte Flaeche wird nur nach aussen sein ... Als am +naechsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz +nicht rascher, als kaeme eine Patientin. Wohl war das Maedchen blasser, als +ich es je gesehen. + +"Sie kommen sich verabschieden, Eva?" + +"Ja. In zwei Stunden faehrt drueben in Neustadt mein Zug ab." + +Wir schwiegen beide. Ploetzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich +haette hingehen moegen, um ueber ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es +nicht. + +"Eva, Sie wissen, dass Stefenson hier ist - dass er die ganze Zeit hier +war?" + +Sie nickte. + +"Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?" + +Da stand sie auf. Traenenlos, zornig sagte sie: + +"Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu +bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne dass ich ihn +kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprueft, ob ich wohl - der hohen +Ehre wuerdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein +kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulaechelt; +er hat diese Pruefung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine +der unter hermetischem Verschluss stehenden Misses von Neuyork bin, die +heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne dass ich es wusste, +geprueft, und ist nun so gnaedig, mir zu sagen: du hast deine Pruefung +bestanden. Aber ich - ich werfe ihm sein Diplom vor die Fuesse! Was ist denn +die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine +Garantie? Das Maedchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern +koennen ihn beluegen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muss +das Maedchen sehen, er muss wie von einer himmlischen Erleuchtung gefuehrt +sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glueck in deine Haende. +Sonst ..." + +Sie sank weinend auf den Stuhl zurueck. + +Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schoenen +Maedchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In +ploetzlicher Muedigkeit stuetzte ich den Kopf in die Haende. + +Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine +unheimliche, aber grosse Stille. Wie in der Wueste. Nur von ferne hoerte ich +die Traenen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich haette lange so mit +dem aufgestuetzten Haupt sitzen moegen. Wieviel Zeit verging, weiss ich +nicht. Da hoerte ich Evas Stimme. + +"Haben Sie keinen guten Rat fuer mich, lieber Freund?" + +"Lieber Freund!" Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, +ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das +man liebt, bekommt dieser Stern ein ueberweisses Licht, ist wie ein Schimmer +aus einer Welt, die in Eiseskaelte untergeht. + +"Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?" + +Da erhob ich mich. + +"Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig +auseinandersetzen." + +Ich war ueber mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer +Magister sprach ich: + +"Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den +Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die +Holde, die von aller Welt geaechtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei +aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten spaeter: Elsa, ich +liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er +faehrt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nuechtern, verfaehrt +vorsichtig." + +"Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre +Art, so zu sprechen!" + +"Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen +ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie pruefen wollen, +sondern auch mich, auch unsere ganze Anstalt. Er schaetzt wahrscheinlich +drei Dinge: Erstens das Geld, das er fuer ein Unternehmen anlegt (und das +ist ihm als Kaufmann durchaus nicht uebelzunehmen), zweitens seine +Geschaeftsfreunde, unter denen er keine unfaehigen Gesellen haben will (auch +das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, +in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses +dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe." + +In diesem Augenblick wurde die Tuer geoeffnet. Stefenson erschien. + +"Ich bitte um Entschuldigung", sagte er, "und versichere, dass ich an der +Tuer nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmaedchen ob solch schmaehlicher +Schwaeche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, dass jedermann, +der den anstossenden Korridor entlang ging, Wort fuer Wort verstehen musste. +Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?" + +"Bitte!" + +"Erstens mal das Geld. Schoen! Ich schaetze es! Ich halte es fuer einen sehr +guten Freund. Fuer einen, der nicht nur die Stube ausmoebliert und das Essen +schafft, sondern auch fuer einen, der einem eine vernuenftige Koerperpflege +goennt, der die Theater und Museen aufschliesst, einen in der Welt +herumfuehrt, der gestattet, sich gegen aermere Mitmenschen anstaendig zu +benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem +schliesslich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhuegel +bekuemmert, ja, fuer den einzigen Freund, der einem, wenn man zum Beispiel +in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins +Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem +ordentlichen Leben zurueckverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein +ausserordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und veraergerte arme +Schlucker koennen es leugnen. + +Zweitens: Geschaeftsfreunde duerfen noch eher in maessigen Grenzen unreell als +dumm, rueckstaendig, faul oder sonstwie borniert sein. + +Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er uebermorgen +weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, ueberlegt es nach zwanzig +Ruecksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem +Halse behaelt, und der weniger vorsichtig verfaehrt, ist ein Dummian." + +Stefenson brachte diese Saetze ohne alle Gemuetsbewegung vor, wie einer, der +unwiderlegbare Behauptungen aufstellt. + +Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen. + +Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kuehl: + +"Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber +ich - ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!" + +Sie verliess das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach. + +Sie gab keine Antwort mehr. + +Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zuendete sich eine Zigarre an und +sagte nach einer Weile: + +"Das ist daneben gegangen!" + +"Ja, ganz daneben!" + +"Sie freuen sich wohl?" + +"Ach, ich kann nicht sagen, dass ich veraergert bin." + +"Das kann ich mir denken!" + +Darauf zuendete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenueber +und rauchten dicke Wolken. + +"Was war denn eigentlich los?" fragte Stefenson. + +"Nun", sagte ich, "Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib." + + + + + + VOM BRUDER UND SEINER FRAU + + +Mit Eva Bunkert verliess uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend +hatte sie sich nicht beteiligt. Es hiess, "Baerbel" sei nicht wohl und habe +sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Maedchen stand, wusste +ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da +die Maedchen abgereist waren, kam er zu mir. + +Ganz unvermittelt sagte er: "Fritz, ich moechte fort. Morgen oder +uebermorgen." + +"Fort? Wohin?" + +"Wieder hinueber." + +"Nach Amerika?" + +"Ja." + +Ich sah ihn schweigend an. + +Da sagte er: + +"Du hast wohl bemerkt, dass ich eine Neigung fuer Fraeulein Anneliese hatte. +Ich hoffte, es koennte mir ein neues Glueck in der Heimat erbluehen. Diese +Hoffnung hat mich betrogen - wie alle anderen." + +"Ist es aus zwischen euch?" + +"Ja. Das Maedchen hing an mir, und es war alles verabredet fuer baldige +Hochzeit. Da hielt ich mich gestern fuer verpflichtet, ihr mein Leben zu +schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere +gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie +bleibt dabei, dass sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht +heiraten duerfe. Du weisst wohl warum?" + +"Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe." + +Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren - ich liess ihn reden und +toben. + +Zuletzt sagte er: + +"Und ich weiss nicht einmal, ob dieses - dieses Weib noch lebt." + +Ich blieb still. + +"Weisst du etwas von ihr? Weisst du, ob sie noch lebt?" + +"Sie lebt." + +Er stoehnte. Ich merkte, wie sehnsuechtig er auf den Tod seiner Frau gehofft +hatte. + +"Und - das Kind, wo ist es?" + +"Es ist bei seiner Mutter." + +"Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?" + +"Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr." + +Er lachte rauh und ergoss eine Flut schwerster Schimpfworte ueber seine +Frau. Wieder liess ich ihn reden und toben. Zuletzt stiess er hervor: + +"Wo haelt sich das Scheusal auf?" + +"Deine Frau? Das sage ich dir nicht." + +"Das _musst_ du mir sagen!" + +"Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!" + +Er ballte die Faeuste und trat mit dem Fuss auf. Dann liess er die Arme +schlaff haengen und sagte in feindseligem Ton: + +"Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren." + +Ohne Gruss verliess er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten ueber die +Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fuenf Jahre lang um die ganze Welt +nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun wuerde ich eine +solche Familienaufgabe nicht mehr uebernehmen. Ich oeffnete nicht einmal das +Fenster, um ihm nachzurufen. + +Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging +schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz +benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber +die wusste ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hiess, hatte +keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spaet. Ich wollte +nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie +gleichmuetig mich der Abschied des Bruders liess! Freilich, die Mutter wuerde +wieder sehr mit mir zuernen. Aber ich konnte das nicht aendern. Ich war +aller Familiensimpelei muede geworden. + +Wie ich noch so still dasass, hoerte ich auf einmal jemand den Korridor +entlang eilen. + +Die Tuer wurde aufgerissen. + +Magdalena stand vor mir. + +Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstoert. + +"Helfen Sie - helfen Sie - sie haben mir das Kind genommen." + +"Was? Was sagst du, Kaethe?" + +"Das Kind haben sie mir genommen - Luise - o Gott!" + +"Wer hat es genommen?" + +"Er - Joachim - er ist mit einem fremden Mann gekommen - sie haben das +Kind fortgeschleppt - meine Luise - meine Luise!" + +Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl noetigen. + +"Nein, kommen Sie bald - sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen +gehabt - eine Stunde ist es wohl schon her, dass sie mit dem Kinde fort +sind - ich habe die Kammertuer nicht aufgekriegt - kommen Sie schnell - +schnell!" + +Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie +durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte +ihm den Weg gewiesen? + +Ploetzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu +verraten, dass Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wusste, wo +das Kind war, fanden sie auch die Frau. + +Oh, ich Tor! Ich sah, dass Kaethe am Halse rote Striemen hatte. + +"Hat er dir etwas getan, Kaethe? Hat er dich etwa gar geschlagen?" + +"Ich weiss es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!" + +Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem +Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entfuehrt. Der brutale +Kerl! Ein wuetender Hass gegen ihn schlug in mir auf. + +"Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!" + +"Nenn mich nicht Herr Doktor, Kaethe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. +Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann." + +Demuetig und furchtsam wie ein gepruegelter Hund stand sie vor mir. + +Ich zog mir den Mantel an. + +"Ich bitte dich, Kaethe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde +mich sofort auf die Suche machen." + +"Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muss Luise suchen -" + +Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an. + +"Du kannst nichts tun, Kaethe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter +gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm +abrechnen." + +"Ich will mit. Ich fuerchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen." + +"Du musst mir jetzt gehorchen, Kaethe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann +ich dir nicht helfen!" + +Da senkte sie stumm den Kopf. + +Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der +Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu +warten, bis ich ihr Nachricht braechte. Sie schlich davon. Aber als ich den +Berg hinabeilte, merkte ich, dass mir von ferne ein Schatten folgte. + +Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustuer stand offen. Ich +eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, +ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In +offener Feindseligkeit blickten wir uns an. + +"Wo ist das Kind? Wo ist Luise?" + +"Nicht hier." + +"Wo ist die Mutter?" + +"Auch nicht hier." + +"Willst du mir sagen, wo beide sind?" + +"Nein! Aber ich will dir sagen, dass ich das Maedchen der Obhut des +Frauenzimmers, dem du es uebergeben, entrissen und in eigene Erziehung +genommen habe. Morgen frueh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das +ist mein Recht. Das Kind gehoert mir." + +Ich konnte vor Zorn kaum sprechen. + +"Ah - und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Haeuser +einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?" + +"Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal +zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon +jetzt nach auswaerts." + +"Oh, wie bist du ruecksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest +nur das eine: dass es ein grosser Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein +Bandit!" + +"Huete dich nur!" + +"Ich fuerchte mich nicht vor deiner Brutalitaet. Ich kann dich - wenn es mir +beliebt - wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer +verschlossenen Haeuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es +hoechstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kuemmern." + +"Du nimmst in sehr merkwuerdiger Weise Partei fuer jenes Weib." + +"Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig +sagen, viel anstaendiger vor meinen Augen als du!" + +"Das bitte ich mir zu beweisen", sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich +auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenueber. + +"Ich erinnere dich daran, Joachim, dass das schoene Maedchen, das Katharina +hiess, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber dass +sie dich niemals geliebt hat, dass sie so ehrlich war, es dir zu sagen." + +"Hoer auf damit!" + +"Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem +Maedchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du +einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die +Kleiderrockfalten der Mutter." + +Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich. + +"Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, +Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fuenf volle +bluehende Jahre, dass ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu +betrachten und endlich mit dir abzurechnen." + +Er wich zurueck, lachte veraechtlich und trat ans Fenster. + +"Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen." + +"Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem +jaemmerlichen Egoisten erzogen hat." + +"Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht laenger!" + +"Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schaeme mich fuer dich. Wie +ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, dass ich auf ihren +stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht +davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhaeltnis zu Katharina. Das +Maedchen sagte dir damals, dass seine Liebe einem anderen gehoere, deinem +Freunde ..." + +"Hoer auf - ich ertrage das nicht!" + +"Ich weiss, trotz deiner Brutalitaet anderen gegenueber bist du, was die +eigene werte Person anlangt, sehr feinfuehlig; nicht einmal eine +wahrheitsgemaesse Aussprache ertraegst du. Aber ich erspare sie dir nicht. +Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weisst, wenn du von hier +fortziehst, dass es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, +ja nicht einmal von Achtung mehr fuer dich hat, und das ist dein Bruder, +der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt." + +Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltbluetig +die Abrechnung fort. + +"Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den +Eltern des Maedchens alle Hebel fuer dich ein. Die Leute hatten sechs +Toechter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du +warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermoegens- und +aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Maedel Tag und Nacht zugesetzt, bis +sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage fuer die schwere +Ja-Frage am Altar nach dem 'freien, ungezwungenen, selbst ungenoetigten +Willen'." + +Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und +leicht wie einem Staatsanwalt, der auf "schuldig" plaediert. + +"Waehrend du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. +Nach einem Jahre hiess es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte +Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglueck. Du warst natuerlich +in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife +ich, dass in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von +Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. +Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die +Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter - und wir alle, die wir +schuerend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? +Leute, die Steine aufheben duerfen? Oder Pharisaeer, die verdienen, die +Geissel des Messias ins Gesicht zu bekommen? + +Katharina hat ihre Schuld gebuesst. Nicht durch deinen rohen Revolverschuss, +nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie +habe sich die Wunde selbst zugefuegt. Nein, mit aber tausend Traenen. Erst +jetzt weiss ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die +Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag +und in einer Nacht mehr gelitten und heisser zum Himmel gerufen als du in +der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen +Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmaessigen Richtertums und beginnst +deine Brutalitaeten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein +hundertmal anstaendigerer Mensch, als du bist!" + +Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er +reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und +fuhr fort: + +"Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch +gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto +belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhaeltnis zu deinem Kinde zu +sprechen. Und da - nichts fuer ungut, lieber Bruder - hast du dich glattweg +benommen wie ein Lump. Das Tier bekuemmert sich um sein Junges, traegt ihm +die besten Bissen zu, sorgt fuer seine Sicherheit. Du hast fuer deine eigene +Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht +einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen +Blick gegoennt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er +verdient, neun versaeuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein +besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark fuer dich +genommen." + +"Die Mutter ...", aechzte Joachim. + +"Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei +gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, +dass ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalitaet ist mir +wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich +haette dir nicht nachlaufen, ich haette mich lieber um das Kind kuemmern +sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst +jetzt, da ich ein grosses Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, +die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu +beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder +deiner Frau noch deinem Kinde gegenueber im Recht. Du hast dich bis jetzt +unbarmherzig zurueckgehalten und bist ploetzlich brutal hervorgetreten, als +deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigefuehrte Band, das +Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues +zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist +enttaeuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten +Kindes nicht bessern; denn einen unfaehigeren Erzieher, als du bist, kann +es nicht geben!" + +Joachim erhob sich. + +"Meinst du, dass ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?" + +"Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim." + +"Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?" + +"Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt." + +"So werde ich gehen; ich verschmaehe es, weiter mit dir zusammen zu sein." + +"Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal +zu betreten. Ausserdem ist es nach deinem brutalen Verhalten +selbstverstaendlich, dass du als Arzt von uns entlassen bist." + +Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe +hinab. Ich konnte mir zunaechst ueber das, was ich gesprochen hatte, keine +klare Rechenschaft geben. + +Ich hatte nur ein Gefuehl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz +abraeumen gekonnt. + +Jetzt fiel unten die Haustuer zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl +eine mondscheinlose Nacht und die Strassenbeleuchtung sehr kuemmerlich war. +Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male loeste sich dort +ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls +fuer meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, +aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich +dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriss. Sie klammerte +sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszuloesen; sie rangen +miteinander. + +Ich riss das Fenster auf. + +"Katharina", rief ich hinunter, "sei vernuenftig!" + +Sie hoerte nicht, liess nicht los, schliesslich rang sie weiter mit ihm, und +ich hoerte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab +Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoss, sie taumelte zurueck und fiel ueber +den niederen Brunnenrand ins Wasser. + +Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; +dann beugte er sich ueber das Becken. + +Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon. + +Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgaengen sprachlos +zugesehen, dann war ich mit einigen Saetzen unten auf dem Markte. Joachim +stand noch am alten Fleck. + +"Ah", lachte er, "du hast zugesehen - da wirst du wohl jetzt behaupten, +ich haette das Weib ertraenken wollen." + +"Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurueckgestossen, und sie +ist ungluecklich gefallen." + +"Na also! Ich lasse mich auf der Strasse nicht anfallen, verstehst du? Eure +Komoedien verfangen nicht bei mir!" + +"Joachim, wir muessen ihr nach, wir muessen sie suchen." + +"Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?" + +"Joachim, sie muss voellig durchnaesst sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist +halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglueck +passieren!" + +Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurueck. Ich +sah ihm nach, hoerte, wie er von innen den Haustuerschluessel umdrehte. Dann +eilte ich die Strasse hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden +sehen. + +Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die +Landstrassen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. +Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah +ich ein, dass ich allein nichts ausrichten koenne. Ich eilte hinauf nach +unserem Heim, ueberzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, dass die +Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und +noch einige andere verlaessliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen +Richtungen auf die Suche. + +Morgens drei Uhr kehrte ich todmuede nach Hause zurueck. Die anderen waren +auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina +entdeckt ... + +Noch ehe aber der spaete Morgen graute, wurde die unglueckliche Frau +gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, +hatte am Chausseerand ein bewusstloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung +erkannt, dass sie zu uns gehoerte. Er hatte die voellig durchnaesste Frau auf +das Stroh seines Waegelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke +zugedeckt. + +Ich liess die Bewusstlose nach einem unserer Krankenzimmer am "Stillen Weg" +schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verstaendigte ich ueber das +Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere aerztlichen Massnahmen. Wir +verhehlten uns beide nicht, dass wir vor einer sehr ernsten Aufgabe +standen. Saemtliche Maenner, die um das traurige Vorkommnis wussten, auch der +Bauer, gelobten Stillschweigen. + +Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug +sie die Augen auf. Sie laechelte mich an, ohne dass sie bei klarer Besinnung +war, und sagte: + +"Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Suenden!" + +Die Augen fielen wieder zu, oeffneten sich aber bald aufs neue. + +"Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz muede war und auf die Strasse fiel, +ist sie zu mir gekommen." + +Dann wieder tiefe Bewusstlosigkeit. + +Gegen Mittag liess sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blass und +rang die Haendchen ineinander. + +"Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?" + +Ich sah sie streng an. + +"Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind +zu entreissen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewusst, dass Joachim +in die Klause eindringen wollte?" + +"Nein, ich habe ihm bloss gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts +erfahren, bis er Luise brachte." + +"Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?" + +"Ich - ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir +wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim +wollte auch bald am Morgen fort." + +Ich dachte daran, wie sicher der muetterliche Instinkt die unglueckliche +Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie +zusammengebrochen. + +"Was wird nun werden?" fragte die Mutter. "Wie steht es?" + +"Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder +schreiben, dass sein sehnlichster Wunsch, diese Frau moege sterben, +wahrscheinlich in Erfuellung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen." + +Die Mutter weinte. + +"Fritz, du musst nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. +Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach +geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein +Gewissen sehr bedruecken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist." + +Ich lachte. + +"Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust." + +"Ihr werdet euch nie verstehen." + +"Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!" Sie sass noch ein Weilchen +da. Ich fand kein gutes Wort fuer Joachim, auch nicht fuer sie, fragte auch +nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhaetten, und so ging sie ... + +Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende +Lungenentzuendung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens +fast alle Hoffnung. + +Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas +Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel: + +"Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus." + +Am selben Abend hoerte ich draussen vor den Fenstern ein helles +Kinderlachen. Da sah ich Luise draussen. Stefenson hatte das Maedel um den +Hals gefasst und fuehrte sie die Strasse herauf. + +Ich ging hinaus. Das Kind stuerzte auf mich zu. + +"Onkel, lieber Onkel", rief es selig; "denke dir, Pappa ist wieder da." + +Stefenson strahlte ueber das ganze Gesicht. Er fluesterte mir zu: + +"Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen +Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Maedel zu nehmen; da gab er es leider +freiwillig her." + +Das Kind klammerte sich an mich. + +"Onkel, lieber Onkel, lass doch nicht mehr den boesen Mann zu mir kommen. +Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!" + +Ich sagte ihr nicht, dass der "boese Mann" ihr Vater sei. Es gibt +Hunderttausende von Kindern, fuer die der eigene Vater der "boese Mann" ist. +Die maennlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich +schaetze menschliche Vaeter, die ihrer Kinder Jugendglueck vergiften, noch um +einige Grade niedriger ein als die selbstsuechtigen Borstentiere. Denn im +Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt +er sich Jahr fuer Jahr. + +"Kommt der boese Mann wieder?" + +"Nein, Luise, er kommt nicht mehr!" + +"Dann musst du der Magdalena sagen, dass wir nicht mehr in der +Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof +ziehen." + +"Hast du Magdalena lieb, Luise?" + +"Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?" + +"Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund." + +"Sie wird doch nicht sterben?" fragte das Kind weinerlich. + +"Nein, Herzchen", sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen +Stefenson und ich mit dem Kinde den "Stillen Weg" entlang ... + +Keinem unter allen Suendern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht +wie den Unbarmherzigen. Was er fuer sie hat, ist die "ewige Finsternis, wo +Heulen und Zaehneknirschen ist". Diese Hoellenstrafe trifft die +Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist +Finsternis, und Hass heult und knirscht mit den Zaehnen und ist verbannt von +allem Frieden und allem Glueck. + +In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der +roechelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heissen Haende sich die Wand +hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hoerte, schickte ich auf neue +Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim: + +"Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebraeuchen vertraut. Freue +dich, deine Frau haengt am Marterpfahl!" + +Daraufhin liess er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ... + +In ihren Fiebertraeumen schrie die Frau immer wieder: + +"Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!" + +Und sie jammerte nach dem Kinde. + +Als sie das erstemal bei klarem Bewusstsein war, als sich der Fieberblick +in Angst und Todestraurigkeit verlor, wusste sie nichts zu sagen als: +"Luise ist fort!" + +Da sah ich sie laechelnd an. + +"Nein, liebe Kaethe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du +bildest dir bloss ein, dass Luise fort ist." + +"Ich - ich bilde es mir bloss ein?" + +Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund. + +"Ich bilde es mir bloss ein!" + +"Ja, liebe Kaethe - du denkst das bloss so ..." + +"Ich denke es bloss so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei +mir?" + +"Sieh nur, Kaethe, du bist krank; das Kind laermt zu sehr. Du weisst doch, +wie es laermt." + +"Es ist so schoen, wenn es laermt!" + +Und sie laechelte lieb und seltsam und schlief ein. + + ------------------------------------------------------- + +Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Faellen: das Befinden +schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder +war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: "Wenn das Herz aushaelt, +dann ..." + +Ja, wenn! + +Am siebenten Tage liessen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl +vorbereitet. + +"Du darfst nicht schreien oder weinen oder laermen. Du darfst nur ganz +leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand kuessen und +sagen: 'Mamma, ich hab dich lieb!'" + +So hat es das Maedchen getan. Die Kranke lag mit verklaertem Gesicht, und in +ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstaende. + +Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Froesteln ueber den Koerper +des Weibes: + +"Es ist alles nicht wahr gewesen - ich hab das Furchtbare nur getraeumt - +Luise ist wirklich da ...!" + + ------------------------------------------------------- + +Am zehnten Tage wussten wir, dass Katharina am Leben bleiben wuerde. Freilich +wuerde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung +nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es wuerde ein sehr +stilles Leben sein, was Katharina fortan fuehren muesste. + +Am hellen Mittag trat mir auf dem "Stillen Weg" der Bruder entgegen. Er +gesellte sich zu mir, ohne dass wir uns die Haende reichten. + +"Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?" fragte er mit offener Furcht in den +Augen. + +"Ja, es ist ueberwunden!" + +Da atmete er auf. + +"Ich habe schwere Tage und Naechte hinter mir", sagte er etwas stockend; +"deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch +deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient." + +Ich antwortete nicht. Er fuhr fort: + +"Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Kaethe zu einer Zeit, wo du es fuer +angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu uebergeben. Er ist offen; +du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthaelt nichts als einen kurzen +Abschied, und dass wir jetzt, durch Land und Meer fuer immer getrennt, ohne +Feindschaft aneinander denken wollen." + +Ich wandte den Kopf zur Seite. + +"Und Luise?" + +"Luise werde ich ihr lassen." + +Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er: + +"Dass ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muss, faellt mir sehr schwer. +Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind wuerde sich fuerchten, +wenn es mich wiedersaehe. Ich bitte, dass du dich weiter des Maedchens +annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache +uebernehmen?" + +"Ja." + +"Ich danke dir!" + +Wieder gingen wir ein Stueckchen wortlos weiter. + +"Ich koennte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen." + +Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus: + +"Die Mutter will mit mir nach Amerika." + +Ich blieb stehen. + +"Du musst nicht glauben, Fritz, dass ich Mutter dazu ueberredet habe. Sie hat +es von selbst gewollt." + +"Ja, ich kann es mir denken." + +Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele. + +"Wann wollt ihr denn fort?" + +"Morgen. Die Mutter laesst dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden +kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?" + +Ich musste erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich: + +"Ja, ich werde kommen." + +Joachim blieb stehen. + +"So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir +verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stoeren, +werde ich schon fort sein." + +Es wurde ihm schwer. + +"Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir fuer +alles Gute - auch, dass du mich fuenf Jahre lang gesucht hast - auch, dass du +neulich so mit mir gesprochen hast." + +Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich +sagte: + +"Behuete dich Gott, Joachim!" + +Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, +erscholl jenseits eines kleinen Gebuesches das selige Kinderlachen Luises. + +Joachim wandte sich noch einmal um. + +"Ist sie das?" + +Ich nickte mit dem Kopf. + +Da legte er die Hand ueber die Augen und ging schwer und langsam den Berg +hinab. + +Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her. + + + + + + FREUND STEFENSON + + +Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. +Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongefuehrt hatte, war laengst +nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur +Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen. + +Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen +Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter +verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne +Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte +Heimat verliess. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch +die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag fuer Tag sehnsuechtig am +Fenster stehen und auf das schwermuetige Plaetschern des Johannesbrunnens +lauschen. + +Mich wusste sie in Sicherheit, mit einer grossen Aufgabe betraut, die mein +Herz ausfuellen wuerde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen. + +Es war weiblich, es war muetterlich; es konnte wohl nicht anders sein. + +Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes +Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein +verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmuede an den Wegrand ins welke +Gras. Ich barg das Gesicht in den Haenden und sass lange so. + +Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenueber auf dem anderen Wegrande +Stefenson sitzen. Ich war unwillig, dass er sich so angeschlichen hatte, +aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige +spoettische Art, entgegen, so dass mein Aerger verflog. + +Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie: + +"Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da muessen +Sie auch begreifen, dass ich Sie nicht allein lassen kann, dass ich mich um +Sie kuemmern muss. Ich bitte Sie, dass Sie mir einige Minuten zuhoeren. Sie +brauchen mir gar nicht zu sagen, was fuer Gefuehle Sie bewegen, aber ich +bitte Sie, mir zu erlauben, dass ich als Ihr Freund zu diesen Gefuehlen +Stellung nehme. Zunaechst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch +bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, +sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist +Arzt, der sie staendig ueberwachen kann; ausserdem ist er in der Lage, ihr +das Leben so angenehm wie moeglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht +einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefaehigkeit, der Spannkraft, dem +Ueberschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuss, mit dem ein reifer, +feiner Kopf die Schoenheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio +de Janeiro! Dort hoeren die Tauben die Voegel singen, dort sehen die Blinden +die Blumen bluehen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im +Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, dass sie das Heimweh +bekommen wird - nach dem alten Nest da unten - nach dem Hause am Brunnen - +auch nach Ihnen. Schuetteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine +Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und +da denken Sie nur daran, dass sie eines schoenen Tages wieder dasein wird. +Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; +lassen Sie alle Tage die Moebel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen +aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, +auch Kupfer und Zinn in der Kueche putzen und den Kanari gut im Futter +halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt." + +"Stefenson", sagte ich dankbar, "Sie sind ein seelenguter Mensch." + +Das verdross ihn. Er sagte zunaechst gar nichts, spuckte dann mit grossem +Geschick bis zum gegenueberliegenden Wegrand und meinte endlich in gaenzlich +veraendertem Tone: + +"Sie verstehen mich immer noch nicht. Das muessen Sie doch wissen, dass so +'n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal 'nen +Abstecher ins Gefuehlsmaessige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein +wichtiges Geschaeft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie +wenigstens zustimmen muessen, und da ist es mir natuerlich verdriesslich, +wenn Sie in verkaterter Stimmung sind." + +"Und deswegen suchten Sie mich zu troesten?" + +"Ja, nur deswegen!" + +Ich laechelte. Er sah es und wurde erbost. + +"Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre +Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, dass ich mich bei meinen tausend +Geschaeftsfreunden darum kuemmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder +haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Moebel kommen +oder ihr Kanarienvogel verhungert? Haett' ich viel zu tun. Aber wenn zwei +Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen +Zahnschmerzen hat, hat der andere dafuer zu sorgen, dass der Zahn gezogen +oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose." + +Ich laechelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts. + +Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen: + +"Wenn Sie etwas Geschaeftssinn haetten, haetten Sie mich laengst gefragt, um +was fuer ein Geschaeft es sich handelt." + +"So sagen Sie es mir - bitte!" + +Er war verstimmt. + +"Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustaedtern +zurueckkaufen." + +"Den Weihnachtsberg wollen Sie zurueckkaufen?" + +"Ich sagte es Ihnen eben. Wir muessen unser Heim bis zum Gipfel des Berges +ausdehnen, sonst spucken uns die Neustaedter auf den Kopf." + +"Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben." + +"Troesten Sie sich. Wozu habe ich in der 'Neustaedter Umschau' seit drei +Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veroeffentlicht? Zum Beispiel, dass +sein Besuch von Neustadt aus ausserordentlich zu wuenschen uebrig lasse, weil +der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht +bietet, dass die Rentabilitaet ausserordentlich gering sei, die Paechter +nichts zu leisten vermoechten und solchen Kram mehr. Die Neustaedter sind +bereits muerbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern +einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute +Gelegenheit boete, an irgendeine neutrale Person je eher je besser +verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Haende fiele, was die +Konkurrenz drueben staerken wuerde." + +"Was bezwecken Sie damit?" + +"Dass mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der +Weihnachtsbergkuppe bemueht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, +denke ich, koennen wir oben einziehen." + +Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. +Stefenson sprach immerfort von seinen Plaenen und brachte es wirklich +zuwege, dass meine Bangigkeit nachliess und ich ihm wenigstens mit halber +Aufmerksamkeit zuhoerte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort +sagte Stefenson: + +"Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da +unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich +erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten +Ichleben gesteckt. Hauptsaechlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. +Jetzt erst, wo sich alles in Frieden loest, werden Sie Ihrer Idee ganz und +mit Freuden dienen koennen. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los +von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens +einer von uns beiden muesse ganz ohne Familie sein." + +"Und welcher von uns beiden soll das sein?" + +"Sie!" + +Fast haette ich ueber den alten Egoisten lachen muessen. + +"Sie waeren aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon +ohne Familie." + +"Sie vergessen, dass ich eine Braut habe." + +"Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig." + +Er lachte. + +"Bah - wegen der Auskneiferei - wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva +einen vernuenftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich wuerde ihr gern +nachreisen, wenn es nicht zu dumm waere, und wenn ich Zeit dazu haette. Sie +solle ja nicht annehmen, dass ich jetzt ploetzlich an ihrem Theater als +Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen wuerde, um +sie weiter zu beobachten. Das wuerde abgeschmackt sein; denn ich mache +keinen Witz zweimal. Im uebrigen liebte ich sie unveraendert weiter und +ueberliesse ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief +habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch +ein sehr guenstiges Zeichen." + +"Ich wuerde dieses Zeichen anders auslegen." + +"Nein. Sie graemt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Waere ich ihr egal, +haette sie mir einen schnippischen, und waere sie ein oberflaechliches Weib, +sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein +braves Maedel, das mich liebt, und schreibt gar nicht." + +"Es kann schon so sein", sagte ich muede; "ich hoffe, dass es Eva gut geht!" + +"Nun, so ... so ... Vor fuenf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper +gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas +mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe +den Mann aufgeklaert, um was es sich handelt - so in grossen Zuegen natuerlich +-, und ihm gesagt, dass er mir einen Riesengefallen tun wuerde, wenn er +Fraeulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper +unmoeglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit fuer ihn habe ich dem +Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat +mir der Grobian gesagt, es sei schade, dass sich telephonisch keine +Ohrfeigen austeilen liessen; im uebrigen sei Fraeulein Bunkert ein +ausserordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie +auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen +Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art." + +"Und Sie fuerchten gar nicht, dass Eva Bunkert Ihnen verlorengehen koennte?" + +"Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch +ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spass ja goennen." + +So purzelte Stefensons draufgaengerische, frische Art durch den bangsten +Tag meines Lebens. Und als ich am naechsten Morgen nach tiefem Schlaf +erwachte, fuehlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins +Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schoenen Werke weiter zu +schaffen. + + ------------------------------------------------------- + +Etwa drei Wochen spaeter besuchte mich Stefenson wieder in meinem +Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der "Neustaedter +Umschau". + +"Ich habe diesmal nichts drin", sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. +Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riss er die Augen auf, trat +ans Fenster. + +"Haben Sie schon - haben Sie schon gelesen?" fragte er aufgeregt. + +"Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar +nicht hineingeschaut." + +"Da - da ..." + +Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las: + +"Verlobung. Die Opernsaengerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen +Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn +des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. - Eine +rasche Kuenstlerkarriere!" + +"Da haben wir's", sagte ich. "Die Sache ist in der Tat sehr rasch +gegangen." + +"Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen +wissen?" bruellte Stefenson. + +"Ja, was soll ich in meiner Ueberraschung dazu sagen? Es tut mir natuerlich +leid um Sie!" + +"Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu +tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, dass ich diese Gans los +bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses +flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer +zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich +bei ihm in Taschentuecher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen +kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte +Bauratstochter gegen alle Vernunftgruende geliebt hat und sie heiraten +wollte, gibt sie auf!" + +Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war masslos. Aber ich blieb kuehl. + +"Lieber Freund", sagte ich, "es ist sicher fuer unsere Gruendung ganz gut, +wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbstaendigkeit, den ruhigen, +klaren Blick ..." + +"Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Bloedsinn. Satt hab +ich's, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. +Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!" + +Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er sass, wie in Kraempfen. Ich stellte +mich ans Fenster und zuendete mir eine Zigarre an. Da knirschte er: + +"Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl +verlangen." + +"Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiss +selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll." + +"Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst koennten Sie sich jetzt +nicht so pomadig eine Zigarre anzuenden. Schoener Freund! Glauben Sie denn, +dass sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehoernten Kerl, gluecklich sein +wird?" + +"Das kann ich nicht beurteilen." + +"Das muessen Sie beurteilen koennen! Sie muessen wissen, dass solche +sogenannten Mesalliancen nie zum Glueck fuehren, dass dieses Weib im Hause +ihres graeflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen +oder _sub_ Luder behandelt werden wird, dass der Mann ihrer ueberdruessig +sein wird, wenn ihre Schoenheit verblueht, dass sie dann im Elend sitzen +wird." + +"Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt +ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, hoechstens unsere alte +Wahrsagerin unten in Waltersburg." + +"Wollen Sie mich verspotten? Sich ueber mich lustig machen? Ist das Ihre +Freundschaft?" Er war wuetend. + +"Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt +sagen moechte, wuerde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich +etwas beruhigt haben, und dass Sie dann ganz auf mich rechnen koennen, +wissen Sie ja doch!" + +"Ich werde mich nie beruhigen", sagte er. "Ueber das komme ich nicht weg!" + +Wohl zehn Minuten vergingen, waehrend deren Stefenson im Zimmer auf und ab +schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder +fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er: + +"Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwaehnten?" + +"Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten +Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger +Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie +nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heisst, wie alt sie +ist, weiss kein Mensch. Fuer fuenfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den +Buergern, Bauern und Koechinnen die Zukunft." + +"Und stimmt es, was sie sagt?" + +"Ja, das weiss ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft +nicht gekuemmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fuenfundzwanzig +Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, +wir wuerden bald eine maechtige Tracht Pruegel bekommen. Und das ist auch +eingetroffen. Es kam naemlich heraus, dass wir die fuenfundzwanzig Pfennig +zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Pruegel dafuer." + +Ich wusste, dass Stefenson aberglaeubisch war. Viele sonst sehr kluge +Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschaeft an, es +beunruhigte ihn, wenn eine Katze ueber seinen Weg lief, und er hatte immer +ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus +Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fuehlte er das Beduerfnis, +sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte: + +"Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu +erklaeren. Es koennen da Naturkraefte wirken, die wir nicht kennen." + +"Gewiss - gewiss!" + +Er versank wieder in tiefe Traurigkeit. + +"Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, +sie moege doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen +wolle, dass ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten +wolle, zu deren gruendlichster Pruefung berechtigt sei, so solle sie halt +denken, dass es mir doch auch Spass gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich +eine unerkannte Rolle zu spielen, und dass ich doch eigentlich als Knecht +Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von +diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. +Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird +gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein." + +Es schuettelte ihn vor Schmerz und Zorn. + + + + + + DER FUCHS UND DIE SIBYLLE + + +Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe +windbruechiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum +Hause der Sibylle schlaengelte. Das kleine Anwesen sah schaebig und +unordentlich aus. Die Tuer stiess einen graemlichen Quieker aus, als ich +eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstossenden Zimmer, +dessen Fenster mit buntem Kattun verhaengt waren, brannte eine kleine +Lampe. Die "Sibylle" erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Ruecken, +auf einen Stock gestuetzt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem +trueben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor. + +"Wird er kommen?" fragte sie. + +"Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kraeftig +eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten +Sie sich genau an unsere Abmachungen." + +"Jawohl!" nickte das Weib. + +Ich musste eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefasst hatte, +beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin +angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwuerdige Faelle erzaehlt, in +denen die Voraussagungen der Sibylle in verblueffender Weise eingetroffen +waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten +verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkruemmung treten und +vorsichtig umherspaehen. + +"Er kommt!" sagte ich zu der Sibylle durch die Tuer. "Nun machen Sie Ihre +Sache gut." + +Fuenf Minuten spaeter hoerte ich nebenan Stefenson eintreten. + +"Guten Abend", sagte er etwas verlegen. "Ich komme mal zu Ihnen. Sie +brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, dass ich auf Ihren Quatsch +etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehoert, und da will ich mal einen +Versuch machen - der Wissenschaft halber, verstehen Sie?" + +Die Sibylle ruehrte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in +ein geflicktes Umschlagetuch gehuellt, vor Stirn und Augen hatte sie einen +gruenen Lichtschirm, ueber dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das +alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte +kein Wort. + +"Nun?" mahnte Stefenson ungeduldig. + +Keine Antwort. + +"Ja, wollen Sie nun gefaelligst mit mir sprechen?" brauste der Amerikaner +auf. + +"Scheren Sie sich hinaus!" kraechzte die Alte. + +"Wa-as?" + +"Hinausscheren sollen Sie sich!" wiederholte der haessliche Rabe. + +"Das ist stark!" sagte Stefenson verbluefft. "Nun bleibe ich natuerlich +hier!" + +Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah +mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, +ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnuegte mich an meinem +Guckloche koeniglich. + +Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Muenze und sagte +mit erzwungener Hoeflichkeit: + +"Madame, ich moechte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren." + +"Warten Sie!" schnarrte der Rabe. + +Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. +Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstueck +und sagte: "Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet +fuenfundzwanzig Pfennig." + +"Behalten Sie nur das Goldstueck", erwiderte Stefenson. Da schnipste sie +mit dem Finger die Muenze vom Tische hinab auf den Fussboden und kreischte +wuetend: + +"Fuenfundzwanzig Pfennig kostet es!" + +Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fuenfundzwanzig Pfennig +auf den Tisch. + +"Stecken Sie das Goldstueck ein!" befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit +Streichhoelzern gehorsam den Fussboden ab, bis er die Goldmuenze fand, und +steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, liess Stefenson dreimal +abheben und sagte: + +"Sie sind neunundvierzig Jahre alt!" + +Stefenson lachte aergerlich. + +"Neununddreissig bin ich." + +"So sehen Sie nicht aus!" + +Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet. + +"Richtig - erst neununddreissig", sagte die Wahrsagerin. + +"Am 14. April geboren." + +"Das stimmt!" rief Stefenson verbluefft. + +"Es stimmt alles, was ich sage", knurrte die Alte. + +"Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht +aus diesem Lande, Sie sind ueber das Wasser gekommen." + +Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl. + +"Sie sind sehr reich", fuhr die Alte fort, "und werden immer reicher +werden; aber Sie haben Unglueck in der Liebe." + +"Ja", murmelte Stefenson. + +"Ihre Braut heiratet einen anderen." + +"Ist das wahr?" + +"Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt +und sie betrogen." + +Stefenson stoehnte leise. Die Alte fuhr fort: + +"Wenn Sie sich mit dem neuen Braeutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie +ihn toeten." + +"A-ah!" + +"Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, +und das Maedchen wird doch einen anderen nehmen." + +"Wird sie gluecklich werden?" fragte Stefenson. + +"Sie wird mit jedem Manne gluecklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen +waere sie ungluecklich geworden." + +"Das ist nicht wahr!" rief Stefenson. + +"Das ist ebenso wahr, als dass Sie nach einem Jahre eine reiche +Amerikanerin heiraten werden." + +"Schwindel!" rief Stefenson erbost. "Ich werde nie eine andere heiraten. +Sie schwafeln da einen ungeheuren Bloedsinn zusammen!" + +"Scheren Sie sich hinaus!" kreischte der Rabe wuetend und klappte die +Karten zusammen. + +"Ich bitte, dass Sie weitersprechen", beruhigte sich Stefenson gewaltsam. + +Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartuer zu. + +"Bleiben Sie da", rief Stefenson; "ich habe doch fuenfundzwanzig Pfennig +bezahlt." + +Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tuer und schob den Riegel vor. + +In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in +den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die +Vorderstube. + +Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurueck. + +"Sie - Doktor?" + +"Sie - Stefenson?" + +Er lachte ausserordentlich verlegen. Leise sagte er: "Aber wissen Sie - nur +der Wissenschaft halber ..." + +"Ja - ich natuerlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon +dran?" + +"Ja. Und es hat merkwuerdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat +sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr +erfahren." + +"Wenn es Sie nicht stoert, warte ich mit." + +Ich sah, dass ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich +auf den Tisch und liess die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; +es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tuer der anderen +Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hoerten wir drin ein +Gekrabbele. + +"Sind Sie noch da?" kraechzte die Sibylle. + +"Jawohl!" antwortete Stefenson. + +Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte: + +"Ich werde Ihnen fuer Ihre fuenfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie +Ihre kuenftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort." + +"Ich will nichts wissen von einer kuenftigen Frau, ich bleibe ledig!" +widersprach Stefenson. "Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch +auf einige Fragen Auskunft." + +"Nein!" brummte der Rabe. "Sie werden nur noch Ihre kuenftige Frau sehen!" + +Die Tuer sprang auf, und in ihrer Oeffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen +strahlenden Schoenheit. Stefenson fasste sich an den Kopf. + +"Eva!" + +"Ja, ich bin's!" sagte das Maedchen, blieb stehen und lachte. + +"Wie ist das moeglich? Wie ist das nur moeglich?" Stefenson machte den +Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, +brach in Gelaechter aus und schrie jubelnd: + +"Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!" + +Eva hatte gluehrote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, +staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in +der Stimme: + +"Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komoedie nicht zuernen. Eine +kleine Strafe wenigstens hatten Sie fuer Ihre Ignazmaskerade doch wohl +verdient." + +"Ich verstehe nichts - nichts von allem", stammelte Stefenson. Da griff +ich ein. + +"Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklaeren, was jetzt +Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! +Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fraeulein Eva +selbst." + +"Oh - oh - und die wirkliche Sibylle?" + +"Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr +Amtslokal mal voruebergehend ueberlassen. Ist das nicht gut?" + +Er sagte nicht, dass das "gut" sei. Ganz foermlich wandte er sich an Eva. + +"Mein gnaediges Fraeulein, es ist ja recht, recht liebenswuerdig, dass Sie mit +mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermassen erstaunt sein, +da ich erst heute morgen in der Zeitung -" + +Ich griff wieder ein. + +"Die 'Neustaedter Umschau' war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, +verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich +geschrieben, habe sie in die 'Umschau' lanciert, aber nicht etwa in die +ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei +mir abgegeben werden. Da ist eben fuer diese zwei Nummern im Satzspiegel +eine kleine Aenderung gemacht worden." + +"So ist wohl alles gar nicht wahr?" + +"Nein, es ist nicht wahr", sagte Eva und wurde in dem Masse roeter, als +Stefenson bleicher wurde. Ich fuerchtete mit einem Male, der Scherz koenne +noch schief ausgehen, und sagte deshalb: + +"Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekraenkte Unschuld. Da +waeren Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der +Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. +Ihr Suendenregister ist in dieser Hinsicht so gross, dass unsere kleine List +eine aeusserst gelinde Strafe ist." + +"Und - und der Graf Simmern - und der herzogliche Kammerherr?" + +"Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns +existieren doch gar nicht." + +"Ah - so ist das gewesen? Die Anzeige war gefaelscht, und die Wahrsagerin +waren Sie selbst. - Es - es ist ja sehr witzig! Gnaediges Fraeulein, Sie +haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine +grosse Schauspielerin." + +Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst traete. Ich sagte: + +"Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die +Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsaengerin mal in das +Habit einer Wahrsagerin schluepft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch +selbstverstaendlich." + +Seine Augen irrten umher. + +"Ich fuerchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkaelten. +Man sollte sie jetzt herunterrufen." + +Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, dass Evas rote Wangen verblichen. In +diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte +albern und blinzelte verlangend mit den Augen. + +"Na, Sibylle", sagte Stefenson, "Sie werden ja von den Herrschaften schon +bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld." + +Er legte ein Fuenfzigpfennigstueck auf den Tisch. Die Alte fauchte +unzufrieden; mir ging die Laune aus. "Gehen wir hinaus!" sagte ich. Ich +half Eva den Mantel umlegen und fuehlte, wie das Maedchen erregt war. +Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen maechtigen Groll +auf Stefenson. Er selber haenselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine +eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen +die schoene Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam +den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, +ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um +Rahel dient, erhalten, war dadurch geruehrt, heimlich in Waltersburg +angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen +Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Maedchen +selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und +ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun +scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren. + + ------------------------------------------------------- + +Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson ploetzlich stehen und +fing unbaendig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein +Kollern. + +"Also", sagte er, "nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der +Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, +was doch selbstverstaendlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, +bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und +erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach." + +Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah +ich in ihnen ein glueckliches Paar. + + ------------------------------------------------------- + +Es war noch nicht spaet, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengaeste +noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der +Herbergsvater besass, angestossen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher +zu mir: + +"Dass der Kerl von der 'Umschau' zwei Mark fuer die Zeile der gefaelschten +Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschaemt. Eine Mark waere +auch genug gewesen." + +"Woher wissen Sie den Preis?" + +"Na, ich war doch drueben in der Redaktion." + +"In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?" + +"Ja, natuerlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die 'Umschau' +die grosse Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger +Ueberredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schoenen Schwindel +heraus." + +"Das ist infam!" rief ich. + +"Er hat alles gewusst", sagte fassungslos die schoene Eva. + +"Jawohl, alles!" schmunzelte Stefenson. "Dann, als ich von Neustadt +zurueckkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der +so ganz geschickt und ganz und gar unauffaellig suggerierte, ich solle doch +durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was +dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und +ich ging zu der alten Sibylle." + +"Er hat mich sofort erkannt", klagte Eva. "So schlecht habe ich gespielt." + +"Du hast herrlich gespielt!" rief Stefenson. "Du bist eine grosse +Kuenstlerin. Die Sprache - zum Fuerchten; das Aeussere - zum Schlechtwerden. +Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine +schrecklichere Theaterhexe gesehen." + +"Es ist aus mit meiner Buehnenlaufbahn", sagte Eva. "Das ist die +furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was +vormachen!" + +"Nein", sagte Stefenson mit grosser Befriedigung, "und weil ich jetzt weiss, +dass du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich +mit grosser innerer Ruhe und mit sehr grossem Vergnuegen!" + +Dass uns aber auch diesmal der alte Fuchs uebertoelpelt hatte, aergerte mich +so, dass mir der gute Wein nicht mehr schmeckte. + + + + + + ADVENT + + +Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinueber, um +in Eile seiner kuenftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er +wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord +gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, haelt sich aber allermeist im +Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel +hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebuesst und +steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte +Friede ist wiedergekehrt. + +Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen +Burschen, haben auch laengst schweren Herzens von uns Abschied nehmen +muessen, um in ihr buergerliches Leben zurueckzukehren, und Piesecke ist vom +Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschoelzerei. Er sagte +mir, "er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden" und +wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein +leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht +wohnt in der Waldschoelzerei. Sie heisst Agathe. + +"Lieber Herr Doktor", sagte er dieser Tage zu mir, "wenn mich die kleine +Agathe will, dann moechte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen +im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und +eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder aehnlich, bekommen. Ich +moechte nicht wieder fort von hier; die grosse Welt hat allen Reiz fuer mich +verloren." + +"Wir wollen abwarten und ueberlegen, lieber Piesecke." + +"Ich soll immer abwarten, nie handeln", sagte er betruebt. + +"Sie haben eben in Ihrem frueheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber +Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien." + +Da fuegte er sich. - + +Mit dem schweizerischen Namen "Heimwehfluh" ist eines unserer kleinen +Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die +Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Kaethe mit ihrem Kinde. +Die Frau ist blass und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Muehe +durchsetzen koennen, dass sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise +ganz allein sein. + +Das Maedchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, +zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie draengt es oft dazu, aber +das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen +Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, +die Mutter spielt so schoen, wie niemand spielen kann, die Mutter macht +selbst das Lernen zur Lust. + +Kaethe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. +Sie stoeren mich nicht. Ich weiss, dass sie im Frieden sind und dass sie mir, +wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben +werden: "Es geht uns gut!" Es ist schoen, Menschen zu begegnen, die sagen, +dass es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstaerkender Blick auf ein +heiteres Gelaende, der sich bei einer so lieben Antwort auftut. + +Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva +schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz naerrisch, ihr +dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der grossen Bauernstube. Der Wind +zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer grossen +Floete, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte +Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. +Manchmal erzaehlt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine +Naehmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft +kommt einer von den "Mannsvoelkern" in die Stube, schuettelt sich wie ein +Pudel, waermt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, ueber +das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich +nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht +sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim +gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ... + +Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus Muenchen: + + + + + + + "Lieber Doktor! + +Unser Freund Stefenson (wo haette ich den Heimtuecker in dem langen Ignaz +vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, +die aeusseren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. +Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe uebernehmen. (Notabene: Was +sagen Sie als Mediziner dazu, dass ich mit neunhundertachtundneunzig und +dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also uebernehmen! Die +bewilligten Mittel sind generoes. Man koennte damit alle Einwohner eines +deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem +Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glaenzend sein. +Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt +und auch sonst ein beruehmter Musiker, uebernimmt den musikalischen Teil. +Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines grossen +deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhoechste +Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon +morgen; sagen Sie Frau Susanne, dass ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, +durch welch schoene Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu +heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuss +einzutreten. + + Ihr getreuer Methusalem. + +Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten +Waltersburg zurueckkehren zu koennen, bereits fuenf Purzelbaeume in meinem +Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es musste sein! + + Methusalem." + + + + + + +Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft +verkuendigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann +ihren aeltesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch +staendig aergert und ueber den sie staendig schimpft. + +Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten. + +"Ich lehne ab, dem Festausschuss beizutreten", sagte er kalt, als ich ihm +Methusalems Brief vorgelesen hatte. "Denn erstens, dieser Stefenson, der +mich als Knecht Ignaz gemisshandelt hat, verdient von mir keine +Gefaelligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich +anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die +traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht." + +"Lieber Piesecke", sagte ich, "Sie werden sich das noch ueberlegen. Was +Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu grosse Natur, um nachtraegerisch +zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich duerfen Sie sich ruhig verbinden. +Ich gebe zu, dass sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und +schaebig benommen haben. Waehrend Sie kaempften, hat der eine gezeichnet, der +andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide +nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest +aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im uebrigen +gebe ich Ihnen zu bedenken, dass, falls Sie sich fernhielten, Fraeulein +Agathe aus der Waldschoelzerei den schweren Verdacht schoepfen koennte, Sie +haetten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden." + +"Oh", rief da Piesecke, "den hab ich gruendlich verwunden. Aber Sie haben +recht, der Verdacht laege nahe. Also mache ich mit!" + +Schon am naechsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und +Emmerich nach dem Ferienheim zurueck. Eine Stunde spaeter fand die erste +"Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses", bestehend aus Methusalem, +Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine +beratende Stimme im Ausschuss haben duerfte, dieses war aber abgelehnt +worden. + + ------------------------------------------------------- + +Was hatten wir fuer einen schoenen Heiligen Abend! Auch ueber die Festtage +war unsere Anstalt mit Gaesten gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz +vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an +Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig +bekanntgegeben worden, dass jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden +und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen +viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion +aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-suesse +Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweissem +Ross Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit +Silber, Gold und Tannengruen geschmueckten Schlitten vier Engelein, von +denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Blaeserchor, zuletzt +stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle +Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen +haetten. + +Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der grossen Stube brannte der +Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen +Weihnachtsgruss, die Engelchen sangen ein Lied, der Blaeserchor blies vor +dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete +herbei - Gruesse aus der Heimat. + +Da hat keinem von unseren Feriengaesten die Weihnachtsstimmung gefehlt. + +Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein +Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio: + +"Sehne mich nach dir. Gruesse von Joachim und mir an dich, Luise, Kaethe und +die Heimat. Eure Mutter." + +Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Kaethe sass am Fenster, +spaehte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, +darin ihr Kind sass, und hoerte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem +Tale klangen. + +Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein +wenig rot im Gesicht. + +"Schenke es mir zu Weihnachten", bat sie. + +"Ich habe es dir ja gebracht." + +Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rueckkehr abwarten. + +Da sagte sie im Laufe des Abends: + +"Ich weiss wohl, dass es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber +sage mir, ob ich uebers Jahr zu Weihnachten noch leben werde." + +"Bestimmt, Kaethe." + +Da trat ein Laecheln auf ihre Zuege. + +"Das ist noch eine lange Zeit zum Gluecklichsein!" + + + + + + HOCHZEIT UND ENDE + + +Stefensons Hochzeit fand am spaeten Nachmittag des ersten Christfeiertages +in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich +waren als Trauzeugen gegenwaertig. Wir waren nicht ueber den Marktplatz, +sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von +Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mussten +wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, dass Stefenson verwundert +war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn geruehrt, und er hatte +wohl erwartet, dass es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer +stimmungsvollen grossen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen wuerde. + +Wir fuhren aber nach dem Heim zurueck, und zwar nach dem "Rathaus", und +wurden dort im grossen Saal von zahlreichen Feriengaesten erwartet. Das +Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen +geleitet. Ein schoenes Maedchen mit roten Rosen im Haar ueberreichte den zwei +Gluecklichen einen goldenen, mit Wein gefuellten Pokal, das +Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim +anwesender Dichter geschaffen hatte: + + "Alles Wuenschen geht zur Ruh: + Du bist ich, und ich bin du! + All dein Schmerz und Leid ist mein, + All mein Gut und Glueck sind dein! + Wo dein Fuss geht, ist mein Ziel, + Was zum Dienst dir, ist mein Spiel; + Deine Blumen pflanze ich, + Deine Taenze tanze ich; + Ich will deinen Kummer klagen, + Du sollst meine Kraenze tragen; + Ich kann nimmer muede sein, + Ehe du nicht schlummerst ein; + Ja, mein Gott gruesst mich von fern, + Strahlt auf dich ein goldner Stern." + +So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar. + +Schoene Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeuebt hatte. +Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter +der Kurgaeste wie der Angestellten, schliesslich sprach auch ich ein paar +Freundesworte. + +Stefenson war bewegt, als er fuer die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er +sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er +drueben im Lande der ruecksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier +habe er nach einem Leben voll Aufregung, Ueberarbeit und gelegentlichen +wilden Genuessen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse +jetzt, da er die Frau seines Herzens gefunden habe, dass ein hoeheres Glueck +ihm Gott nicht mehr geben koenne, und so wolle er drueben in Amerika seine +Beziehungen klug und vorsichtig zu loesen suchen und dann ganz nach +Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei. + + * + +"Und nun", kommandierte Methusalem, "grosser Festkorso auf den +Weihnachtsberg." + +Draussen war es stockdunkel; die Strassenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber +Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. +Wohl fuenfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, +ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen +Seite zeigte die Ballonhuelle das liebliche Bild der "Hanne vom +Forellenhof", auf der anderen eine scheusslich anzusehende, aber genial +gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstueck Methusalems. + +Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit +transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als +tausendjaehrigen Greis voller Guete und Abgeklaertheit, Emmerich war von +einem Mueckenschwarm fliegender Noten, Violinschluessel, Kreuzen, +Aufloesungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in +zinnoberrotem Licht und schimpfte fuerchterlich, als sie ihr Konterfei sah, +Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen, Levisohn mit einer +riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott Mars in furchtbarer Ruestung, +schliesslich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein +Kranz von heulenden, bellenden, hochnaesigen, sich Floehe schabenden Dackeln +lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswuerdigen Greises und +Vergnuegungsleiters Methusalem. + +Als wir der Weihnachtsburg naeher kamen, erstrahlte sie in farbigen +Lichtern, Boellerschuesse hallten ueber Berg und Tal, und ein Chor blies vom +grauen Turme herab: + + "O du froehliche, o du selige, + Gnadenbringende Weihnachtszeit." + +Gleich hinterher aber: + + "Wenn Weihnachten ist, + Wenn Weihnachten ist, + Dann kommt zu uns der heil'ge Christ; + Bringt jedem eine Muh, + Bringt jedem eine Maeh, + Bringt jedem eine wunderschoene Schnaetteraettaettae!" + +Unter den Klaengen dieser grossen Hymne der Froehlichkeit zogen wir in die +Weihnachtsburg ein. + +Der grosse mit Tannenreis ausgeschmueckte Saal der Weihnachtsburg fuellte +sich mit Menschen; Braeutigam und Braut waren zunaechst nicht zu sehen. Nach +etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. +Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan und waren in phantastischen +Kostuemen, er als Winterkoenig, sie als Koenigin. Regie Methusalem! + +Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begruesst. Holdselig +laechelnd gruesste die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich +Stefenson. Er fuehlte sich als Winterkoenig sichtlich unbehaglich. Der Thron +stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Buehne. Ich selbst war als +"Kammerherr" neben Stefenson plaziert. + +Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das +schlichte Bergvolk. Alle Maerchen- und Himmelstraeume schienen vor ihm +erfuellt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der +Winterkoenig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem +sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er +entfaltete ein Pergament und verkuendete: "Edles Gefolge des Koenigs und der +Frau Koenigin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestaet Koenig Stefensons des +Ganzgrossen und Hochdero majestaetischer Gemahlin Hanne der Einzigen +verkuende, damit es maenniglich erfahre, feierlich, oeffentlich und +unwiderruflich folgendes: + +Wir, Stefenson der Ganzgrosse und Hoechstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, +wollen, dass dieser glueckliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen +wir fuer Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der +Bestimmung, dass alljaehrlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten +beduerftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern +zugute komme; das dritte und letzte Drittel aber ist zu +Hochzeitsgeschenken fuer die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von +welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar +ausschliessen soll, auch wenn es nur ein Blumenstraeusschen annimmt; den +aermeren aber soll ein guter Happen fuer den Nestbau gegeben werden." + +Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal. + +Ich sah verwundert auf Stefenson und fluesterte ihm zu: + +"Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?" + +"Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermoegen." + +Mir wurde doch etwas schwuel. Oh, dieser Methusalem - dieser Regisseur! + +Methusalem fuhr fort: + +"Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. +Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er +mit euch leben und schaffen fuer das Gedeihen seiner Gruendung, fuer den Ruhm +Waltersburgs, fuer das Heil der Menschheit. Nun wisst ihr vielleicht alle, +dass unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens muede +und krank geworden, hier in dieses schoene Tal kommen, um Ferien zu machen, +einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Muehe +in ertraeglichem Masse, Verkennung und Not in Ueberfuelle, echtes Glueck und +wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war +Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. +Methusalem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit +und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute +macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heissen." + +Das Volk staunte. + +"Auch das noch!" sagte Stefenson neben mir. + +"Ja, es ist frech; ausser den fuenftausend Mark, die Methusalem neulich fuer +Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht +eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!" + +Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille. + +"Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt +hier gesagt hat, muss ich nur einem widersprechen, das betrifft die +Stiftung." + +Bestuerzung. Schweigen. + +"Methusalem, mein bevollmaechtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem +Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme betraegt naemlich +nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!" + +Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut +stand auf, der Braeutigam sprach auf sie ein, waehrend die Leute laermten; +die Augen der glueckseligen Braut glaenzten, sie schmiegte sich fest an den +Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentuemlichem, fast +weinerlichem Laecheln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehoer. + +"Buerger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, +alles andere bleibt, wie es der weise Methusalem angeordnet hat, die +Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung." + +Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er +fuenfunddreissig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe +neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie +ein tausendjaehriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreissiger +gelegentlich mal heult. + + ------------------------------------------------------- + +Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die +Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als +sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute +mit dem Nachtzuge davon. + +Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren +da. + +Zum Abschied sagte Stefenson zu mir: + +"Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame +Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute +Freunde sein. Wir wollen 'du' zueinander sagen wie Brueder!" + +Ich schlug in die dargereichte Hand. + +"Wann kommst du wieder?" + +"Ich weiss es noch nicht; ich weiss nicht, wie und wann ich drueben loskomme. +Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. +Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengaeste bei euch auf, irgendein +Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gaeste bekannt vor. +Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese +meine Lieblingsschoepfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum +Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, +eine glueckliche Heimat fuer immer bewahrt sein." + +Eva hoerte ihm zu und war ihm dankbar fuer diese Worte. O ja, diese beiden +passten zu einer Ehe, der starke Mann und das schoene, froehliche Weib. + +"Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine +Arbeitsstaette. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu +uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, +wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem +stillen Ich, und wenn du nach Hause zurueckkehrst, wird dir das alltaegliche +Leben wieder schmackhaft sein." + +"Ja, so wollen wir es halten!" + +"Nun denn, so waeren wir wohl fuer diesmal hier fertig." + +Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blaetterte darin. Sein Gesicht bekam +wieder die alte Geschaeftsmiene. + +"Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz +von dem Schuhmacher Roehricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die +Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absaetze zwei Mark und fuenfundachtzig +Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher +fuenfundzwanzig Pfennig abziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, +bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht +der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht +zwei Mark und fuenfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig +Pfennige, hoerst du wohl? Ein Knecht kann nicht fuenfundzwanzig Pfennig +umsonst hergeben. Vergiss es nicht! Roehricht heisst der Mann, Hintermarkt +15, drei Stiegen." + +Ein vergnuegtes Lachen toente aus der Ecke von meiner Mutter Sofa. + +"Was lachen Sie denn, Piesecke?" + +"Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken +und dann wegen fuenfundzwanzig Pfennig - so in der Abschiedsstunde - das - +das ist - Pardon - merkwuerdig!" + +"Gar nicht merkwuerdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf +die Fuenfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprueft habe, kann ich mal gelegentlich +dreihunderttausend Mark verschenken." + +"Sehr - sehr kaufmaennisch! Sehr lehrreich!" + +"Jawohl! Aber nicht fuer Sie! Fuer Sie waere das zu unfuerstlich." + +Wenig fehlte, so waeren auch in letzter Stunde die alten Gegner, der +rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fuerstensohn, noch aneinander +geraten. Die dicke Susanne waelzte sich zwischen beide und loeschte mit +einer Flut von Abschiedstraenen den entstehenden Brand. + + ------------------------------------------------------- + +Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich oeffne das +Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen +Baptista haengt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am +Himmel stehen zwischen dem Gewoelk ein paar freundliche Sterne. Im +Schneemantel schaut der Heilige herueber zu mir. Suchen seine Augen die +kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinuebertraeumte? + +Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den +alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der grossen Stube um, und +es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause +gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schliesse ich das +Fenster. Unschluessig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich +die Uhr auf, fuehle noch einmal an den Ofen. Endlich loesche ich die Lampe +aus und tappe die Treppe hinab ... + +Ich habe jetzt grosse Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der +Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die +anderen lustigen Kaeuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und +ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schliesslich ist der alte +Baptista jetzt noch mein einziger, staendiger Freund hierzulande. + +Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die +stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, +zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht fuer immer, die kleine +Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem verlassenen Gebirgsdorfe +lebt, doch noch Joachims Frau werden und uebers Meer zu ihm ziehen wird? +Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schoene alte Stube? Lauter +Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluss wie +ein Theaterstueck oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von +neuem. + +So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu +meinem Werk. + +Eine koestliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im oeden +Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen +kommt aus den Bauernhoefen. Alle Leute, die mir begegnen, gruessen mich oder +rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin +ich zu Hause. + +In der Wueste sah ich einmal einen Mann mit gefuellten Wasserschlaeuchen am +Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane +fiebergluehend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es muesse schoen sein, mit +gefuellten Wasserschlaeuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein +wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heissen Strasse des Alltags, +will ich laben aus dem kuehlen Brunnen, den ich grub. + +Dann wird es mir so gut ergehen, dass ich nichts anderes vom Leben mehr +verlangen will; denn es ist die groesste Lust des Lebens, anderen die Last +des Lebens zu erleichtern. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde von der letzten Seite an den Beginn versetzt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Woerter in Antiqua +(bis auf den Titel "Dr." und roemische Zahlen) und gesperrte Woerter sind +durch Unterstrich ("_") gekennzeichnet. + +Korrektur offensichtlicher Druckfehler: + + Seite 27: doppeltes "freue" entfernt. + Seite 43: "Stefensohn" in "Stefenson" geaendert. + Seite 75: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Die Luise habe + ich flottgemacht."). + Seite 91: "mit" in "mir" geaendert. + Seite 97: "philantropische" in "philanthropische" geaendert. + Seite 101: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "des Magistrats + von Waltersburg stellen") + Seite 103: doppeltes "und" entfernt (vor "in einer glaenzenden + Erfassung") + Seite 118: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Das haben"). + Seite 128: "umqartieren" in "umquartieren" geaendert. + Seite 145: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "bis um + sieben.") + Seite 164: "Xantippen" in "Xanthippen" geaendert. + Seite 170: "reckt" in "reckte" geaendert. + Seite 238: "Widersehen" in "Wiedersehen" geaendert. + Seite 243: "Rauberhoehle" in "Raeuberhoehle" geaendert. + Seite 244: "Apothese" in "Apotheose" und "den" in "der" (nach + "Vertreter") geaendert. + Seite 254: "ueberzeugenste" in "ueberzeugendste" geaendert. + Seite 261: "Hentschel" in "Henschel" geaendert. + Seite 309: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Wieso + Komoedie?") + Seite 347: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "staerken + wuerde.") + Seite 377: "Lewinsohn" in "Levisohn" geaendert. + +Nicht korrigiert wurden Varianten wie "Chicago"/"Chikago", +"debutieren"/"debuetieren", "Annelies"/"Anneliese" oder "anderen"/"andern". + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH*** + + + + CREDITS + + +May 23, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Norbert H. 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To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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