summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/28938.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '28938.txt')
-rw-r--r--28938.txt11288
1 files changed, 11288 insertions, 0 deletions
diff --git a/28938.txt b/28938.txt
new file mode 100644
index 0000000..50f8ffa
--- /dev/null
+++ b/28938.txt
@@ -0,0 +1,11288 @@
+The Project Gutenberg EBook of Ferien vom Ich by Paul Keller
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ferien vom Ich
+
+Author: Paul Keller
+
+Release Date: May 23, 2009 [Ebook #28938]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***
+
+
+
+
+
+ Paul Keller / Ferien vom Ich
+
+
+
+
+
+ _PAUL KELLER_
+
+ Ferien vom Ich
+
+ _ROMAN_
+
+
+ Deutsche Buch-Gemeinschaft
+ _GMBH_
+
+ _BERLIN_
+
+
+
+
+
+ Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, der Verfilmung, der
+ Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk,
+ vorbehalten
+
+ _Copyright 1915_
+ _by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I_
+ _Printed in Germany_
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS
+
+
+ Nach meiner Heimkehr 5
+ Die feindlichen Staedte 12
+ Das Modebad 28
+ Auf dem Weihnachtsberg 33
+ Luise 58
+ Samariterdienste 69
+ In den Tagen des Werdens 77
+ Das Kind 88
+ Vorarbeiten 95
+ Die "Neustaedter Umschau" 104
+ Joachim 116
+ Weihnachten 131
+ Fuegung 136
+ Bauernanwerbung 142
+ Der Journalist 161
+ Die ersten Kurgaeste 181
+ Sommerabend 197
+ Lorelei 220
+ Die "krummbeinige Medizin" 227
+ In der Genovevenklause 233
+ Die Schlacht bei Waltersburg 241
+ Herbst 248
+ Von der weiblichen Putzsucht 271
+ und Herrn Pieseckes Leiden
+ Abschiedsabend 281
+ Gerichtliches 288
+ Aufklaerungen 302
+ Vom Bruder und seiner Frau 320
+ Freund Stefenson 343
+ Der Fuchs und die Sibylle 355
+ Advent 367
+ Hochzeit und Ende 375
+
+
+
+
+
+
+ NACH MEINER HEIMKEHR
+
+
+Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das
+Bild des Taeufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand haelt,
+plaetschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein
+heidnisches Heer an diesem Brunnen voruebergezogen sein; die Recken haben
+den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am naechsten Tage
+fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den
+dunklen Baeumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtueckisch erschlagen
+wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weisse
+Schemen zum Stadttore herein, die hatten Kraenze um die Stirnen und
+laechelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, liess der heilige
+Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Haende; denn diese
+reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekraenzten zogen
+langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf
+der goldglaenzenden Hoehe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und
+zogen dann fort, weit ueber die rote Sonne hinaus, und der Heilige am
+Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bueckte er sich
+nach der verlorenen Taufschale, und nun haelt er sie wieder in erhobener
+Hand seit vielen Jahrhunderten.
+
+Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die
+Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden
+Gauen und Staedten; ihr romantisches Tal war immer so reich, dass sie
+Fremdes nicht noetig hatten.
+
+Der Johannisbrunnen! In seinem Becken liess ich als Kind meine Schifflein
+schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins
+Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande sass,
+laechelte oft veraechtlich ueber diese Reiserouten. Er war drei Jahre aelter
+als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine
+Abcschuetzen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte
+nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein
+eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach
+ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte
+er: es laege am Wetter oder ich staende mit meinem infam weissen
+Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische.
+
+Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und
+oben auf dem gruenen Balkon am Brunnenplatz sass unsere Mutter bei ihrer
+Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter.
+
+Wie kommt es doch, dass Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen
+koennen, dass er ihnen nicht lieber und groesser ist als alle Kuesten des
+Ozeans?
+
+Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem gruenen
+Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmaessig zu
+den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine
+Ehe schloss mit jenem unselig schoenen Maedchen, dem die Schoenheit zum Fluche
+gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder
+einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage
+machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen,
+weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe.
+
+Nur meine Mutter und ich wussten, dass sie log. Der Fluechtige aber kam nicht
+heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, dass er
+ausser gerichtlicher Verfolgung sei.
+
+Er floh nicht vor dem Gefaengnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein
+junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage
+brachte, nicht tilgen konnte.
+
+Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am
+Balkonfenster und hoerte auf das Plaetschern des Johannisbrunnens. Sie
+traeumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen wuerde, von
+Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnsuechtig hin
+und her gehenden Gedanken.
+
+Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich
+zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein.
+Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund.
+Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie
+sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen riss:
+
+"Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!"
+
+So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht
+Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt,
+jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle grossen
+Haefen der Welt.
+
+Ich fand ihn erst im fuenften Jahre meiner Wanderfahrt und waere bei
+fluechtiger Begegnung wohl an dem veraenderten harten Mann mit dem fremden
+Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und
+Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhaelt, und wurde meiner Sache
+gewiss, als der Fremdling sich ploetzlich scheu verbarg und weder an Bord
+noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner
+Kajuete auf. Er oeffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich
+sah. Ich draengte ihn ohne weiteres in die Kajuete und schloss die Tuer.
+
+"Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim", sagte ich und wunderte
+mich ueber meine ruhige Stimme; "du wirst es mir nicht abschlagen koennen,
+da ich an die fuenf Jahre hinter dir her bin. Und dass ich auf dein Leben
+und deine Entschluesse keinen Einfluss habe, weiss ich von vornherein. Also
+versteck dich nicht!"
+
+"Was willst du?" fragte er muehsam heraus.
+
+"Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du moechtest von Zeit zu
+Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben."
+
+Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde
+Kajuetenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die
+rollende See.
+
+ *
+
+Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem
+silbernen Muetterchen. Ich muss schon "silbernes Muetterchen" sagen; denn
+nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen
+Haende. Alles ist kostbar, edel und weiss an ihr.
+
+Sie fragte mich nur das eine: "Ist er gesund?"
+
+Ich sagte ihr, was ich wusste, auch dass er ein braver Mensch geblieben sei,
+woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, dass er in einer
+geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde.
+Darauf hoerte sie kaum, sondern schlug die Haendchen zusammen und jammerte:
+
+"Warum? Warum?"
+
+Das war die schwere Frage, ueber deren richtige Beantwortung ich mir auf
+der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in
+meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begruendungen fuer eine
+Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er
+nicht zurueck? Warum laesst er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und
+Qual?
+
+Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Saetze, die Joachim gesprochen:
+
+"Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber
+ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann
+schreibt ihr wieder, und dann halte ich's nicht aus in der Fremde, dann
+muss ich zurueck in diese verfluchte Heimat."
+
+Sie war ein wenig betaeubt ueber diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung
+auf in ihren Augen, und sie sagte:
+
+"Aber jetzt wird er schreiben?"
+
+"Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem
+langen Suchen erreicht habe."
+
+"Ich danke dir, lieber Fritz", sagte sie und drueckte mir schuechtern die
+Hand.
+
+ *
+
+Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich gluecklich zu
+fuehlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen
+sind, gehoert die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht bloss mir in meinem
+besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange draussen waren
+und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der
+Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes fliessen zusammen wie in
+einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde
+Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Gluecks auftauchen kann. Es
+gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder spraenge. Ich
+habe in fremden Laendern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat
+zurueckkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren -
+sie waren schuechtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit
+zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest
+auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie mussten sich alle
+in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natuerlich: der
+Star, der aus dem Sueden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht
+am ersten Tage. Er schuettelt in der entwoehnten Luft erst sein Gefieder
+zurecht.
+
+ *
+
+Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Brieftraeger aus.
+Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er koennte laengst da sein.
+Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine
+Antwort.
+
+Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede,
+ein Brief koenne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter
+schuettelte den Kopf und sagte:
+
+"Einen solchen Brief wuerde Gott behueten."
+
+
+
+
+
+ DIE FEINDLICHEN STAeDTE
+
+
+Ich muss versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein
+junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in
+sehnsuechtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich
+heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die naerrische
+Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustaedter zu
+erzaehlen beginnen.
+
+Waltersburg ist eine in einem wunderschoenen Talkessel gelegene Stadt von
+2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zaehlung. Der Personenstand
+wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Hoehe auf; auf runde
+3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Buergermeister, Herr Wilhelm
+Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der
+Waltersburg Anno 1904 geschenkt wuerde, solle eine goldene Uhr bekommen,
+Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein maennliches oder ein weibliches
+Wesen betraefe, und diese Ehrengabe wolle er, der Buergermeister, aus
+eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel
+bewundert. Im naechsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zaehlung
+wurde nicht bloss vom Magistrat, sondern auch von der Buergerschaft sehr
+eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in
+der zweiten Haelfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke
+und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide
+hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am
+30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des
+bluehenden Toechterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor
+Aerger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt
+aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn,
+und der entzueckte Vater stuerzte nach dem Rathause und schrie: "Der
+dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!" Im Vorzimmer des
+Buergermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt.
+Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes
+angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte
+gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht ueber
+diese so wenig vom Glueck beguenstigte Stadt.
+
+Der Buergermeister hielt sein Angebot auch fuer das kommende Jahr aufrecht,
+und einige werdende Muetter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der
+Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner
+siebenkoepfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste
+Ratsmann, Baeckermeister Schiebulke, es fuer den richtigen Zeitpunkt, sich
+als einen Goenner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits fuer den
+dreitausendsten Einwohner eine Praemie auszusetzen, und zwar ein neues
+Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins
+Stadtblatt, und die Buerger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein
+neugeborenes Kind koenne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern
+vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind koenne von einer Uhr die Zeit
+ablesen, gab Schiebulke giftig zurueck. Da setzte der Wirt vom "Goldenen
+Loewen", der ein reicher Mann und ein wenig ruhmsuechtig ist, einen
+erschrecklich hohen Trumpf auf:
+
+"Goldene Uhr und Fahrrad", sagte er, "sind gute Dinge. Nur leider die
+Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein
+nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe
+beweisen und lege 5000 Mark in die staedtische Sparkasse fuer den
+dreitausendsten Buerger, den Waltersburg in diesem Jahre erhaelt." So
+lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure
+Aufregung hervorrief.
+
+Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Faellen ueberhaupt meist etwas
+Unerwartetes geschieht.
+
+Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Hoehe von 2993 erreicht, als
+der vor kurzem nach Neustadt uebersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit
+seiner Frau und seinen fuenf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte
+und glueckstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fuenftausend Mark
+fuer sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend
+erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den
+frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug,
+das gaelte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der
+zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe,
+und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklaerte im
+Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hoeren wollte, unter
+Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine
+oeffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfuellt sei
+und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Praemien zufielen.
+
+Aller Ingrimm der Welt haette an der Tatsache nichts geaendert: Heilmann
+bekam die Preise.
+
+O unglueckliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Hass,
+und alle Maenner gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben
+oder die Haare schneiden zu lassen.
+
+Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschlaeger gar nicht, sondern er
+zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurueck und
+nahm die Preise mit.
+
+Waltersburg zaehlte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden
+nicht erneuert. Das ist nun einer der Faelle, aus denen das feindselige
+Verhaeltnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon
+einigermassen erhellt.
+
+ *
+
+Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden
+Staedte Waltersburg und Neustadt nichts geaendert. Und doch ist Neustadt
+eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie
+kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den maessig hohen
+Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, dass die beiderseitigen
+Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei
+Stadtblaettchen staendig befehden, der Hass gegen die Nachbarstadt bringt
+auch noch heute die Koepfe der Waltersburger Stammtischphilister in
+Gluthitze und uebertraegt sich sogar auf die Frauen und Kinder.
+
+Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg
+eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm
+vorbeigezogen, die Horden des Dreissigjaehrigen Krieges haben vergessen, die
+Stadt auszupluendern, so dass Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern
+nach dem Westfaelischen Frieden eine der volkreichsten Staedte Deutschlands
+war, ein Umstand, ueber den in der Stadtchronik des weiten und breiten
+geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei
+Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff fuer ein weiteres
+Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben
+keine besondere "_gloire_" darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg
+zu berennen. So war das weisse Lamm in gruenem Felde ein sehr angebrachtes
+Wappentier fuer die friedfertige Stadt, und es gehoerte schon die ganze
+boshafte Niedertracht der Neustaedter dazu, zu behaupten, weiland der
+geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. haette den Waltersburgern das Lamm fuer
+ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentuemliche und
+unausrottbare Schafkoepfigkeit wohl erkannt habe.
+
+Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter
+Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede
+einmal auf den Bahnbau kommt.
+
+Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten
+wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Wuermer, hatte die Regierung
+dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke ueber Waltersburg zu fuehren, ja
+die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte
+die Buergerschaft in die allerschwerste Sorge gestuerzt. Sie sandten zum
+Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater moege das
+schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg
+bedrohe, allergnaedigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht
+empfangen, brachte aber in aller Stille ein kraeftiges Wort mit heim, das
+ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht
+viel schmeichelhafter klang als die Neustaedter Auslegung des Waltersburger
+Wappentieres.
+
+Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde
+jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt
+entfernt, vorbeigefuehrt. Daselbst wurde auch ein grosser Bahnhof angelegt,
+da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte
+einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station fuehrte, da sie doch
+benannt werden musste, den Namen "Waltersburg-Neustadt".
+
+Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber
+diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Spaeter hat ein Dichter in der
+"Neustaedter Umschau" ein Poem veroeffentlicht, in dem es hiess:
+
+ _"Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_
+ _Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_
+ _Sie haben eine Bahn, die woanders 'rum geht,_
+ _Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_
+ _Sie fuettern der Hasen und Rehe wohl viel,_
+ _Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_
+ _Sie sperr'n ihren Fluss, dass kein Fisch hineinschwimmt_
+ _Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_
+ _Und waer' mal ein Maederle gerne gekuesst,_
+ _Da wartet's, bis auswaerts ein Kirmestanz ist."_
+
+Fuer dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustaedtern viel Lob und von
+den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Pruegel geerntet.
+
+Neustadt verdankte seine Gruendung einem trutzigen Buerger von Waltersburg,
+dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt
+Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so guenstige Gelegenheit,
+einen grossen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er
+mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr,
+die bis zu persoenlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit
+seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Buergermeister von
+Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehoerte, in bitterem
+Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Vaeter aus und baute
+jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein grosses Hotel, dem er
+den Namen "Zur guten Hoffnung" gab. Die "gute Hoffnung" erwies sich
+zunaechst als schlecht; denn da das Hotel auf blossem Felde stand, alle
+Eisenbahnpassagiere aber fanden, dass sie in der menschenleeren Wald- und
+Wiesengegend nichts zu suchen haetten und darum immer schleunigst
+weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten
+abgerechnet, die am Abend ihr Schoepplein tranken, und an August Bunkert
+kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, dass der
+neuerungssuechtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu
+ihrer Ehre muss gesagt werden, dass Bunkert vielen leid tat und dass man dem
+verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art
+wieder auf die Beine geholfen haette, wenn es dem Ausreisser nur eingefallen
+waere, zurueckzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art
+der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte.
+August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf
+einen Brief seines buergermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er
+denn auch den Rest seines schoenen vaeterlichen Erbes noch vollends
+verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal
+ueberlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich guenstig. Die grosse
+Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert uebertragen wurde, hielt ihn
+zunaechst ueber Wasser, und endlich gelang ihm der grosse Schlag. Er brachte
+eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Grossstadt zusammen und
+kaufte als deren Funktionaer oder Generaldirektor, wie er sich lieber
+nannte, alles Waltersburger Gelaende auf, das jenseits des Weihnachtsberges
+gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Haende ueber den Koepfen
+zusammen. Hundert Taler ueber den ortsueblichen Preis hinaus gab Bunkert fuer
+jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich,
+ihre entlegenen Laendereien unter so glaenzenden Bedingungen loszuwerden.
+Innerhalb von eineinhalb Jahren besass kein Waltersburger mehr jenseits des
+Berges auch nur einen Halm.
+
+Die ganz Gewissenhaften aber schuettelten die Koepfe und sagten: Dieser
+Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein
+Hochstapler, und man sollte doch sehr ueberlegen, ob man den unangebrachten
+Preis annehmen duerfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland
+nie und nimmer herauswirtschaften koennten. Doch auch diese ganz
+Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld.
+
+O du grossmaechtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August
+Bunkert erworben, an den gruenen Wiesen, am Flussufer, den Weihnachtsberg
+hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen,
+Einfamilienhaeuser, Sommerwohnungen, Baderaeume, ein Kurhaus, eine
+"Wandelhalle" bauten sich auf, ein Basar fuer Lebensmittel, ein anderer fuer
+"Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstaende" wurde errichtet, Hunderte und aber
+Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschaeftigt. Und alle Haeuser
+baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann.
+
+Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spoettisch und
+veraechtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei
+sich: Was tut sich? Da erschien in den grossen hauptstaedtischen Blaettern
+ein Inserat: "Waltersburg-Neustadt, entzueckend am Suedabhange des 450 Meter
+hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in gruenes
+Wiesen- und Flussland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des
+Naturgenusses, bei vorlaeufig nur fuenf Mark pro Quadratmeter Bauland
+(Anzahlung von 3000 Mark an) fuer alle, die sich ein Eigenheim gruenden
+wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fuenfviertel Stunden von
+der Hauptstadt entfernt. Grosser Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller
+Schnellzuege. Taeglich zwoelfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an
+Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten."
+
+Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so
+grossen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute
+lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer
+Beklommenheit. Am Abend sass ein ganzer Stammtisch im "Goldenen Loewen" mit
+der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen
+Land koste, wenn das Quadratmeter auf fuenf Mark komme. Niemand kriegte es
+heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den
+Amtsrichter Knopf verliess seine akademische Bildung; er knurrte, er habe
+ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben koenne ueberhaupt immer
+nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer
+Herder, und der erklaerte:
+
+"Ein Morgen altes Mass ist ungefaehr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat
+10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter gross.
+Kostet ein Quadratmeter fuenf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel,
+also 12 500 Mark."
+
+Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Maenner,
+die noch mit am Tische sassen, heftig mit den Faeusten auf den Tisch, und
+zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er
+muesse sich taeuschen. Der aber sass mit der Wuerde eines Mannes, der von der
+Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl ueberzeugt ist. Sein ganzes
+Wesen sagte: meine Rechnung stimmt.
+
+Da wurde zunaechst eine grosse Stille. Dann sagte einer: "Wenn das wahr ist,
+sind die Kerle grosse Gauner; 1000 Mark haben sie fuer den Morgen gegeben,
+12 000 Mark verlangen sie."
+
+Schweigen. Nach fuenf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten
+Ziffern auf und sagte:
+
+"Sie arbeiten mit elf Prozent."
+
+"Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu", bemerkte der
+Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter.
+
+Der schuettelte den Kopf, was in diesem Falle "ja" und "nein" heissen
+konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte:
+
+"Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000
+Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent
+Gewinn."
+
+Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Baeckermeister Schiebulke, der
+gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Gruebeln. Seine
+Seele wanderte zurueck bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er:
+
+"Ja, natuerlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent."
+
+Da hoben sich die Faeuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese
+Ueberraschung war zu gross und schwer; die Haende sanken still herab ...
+
+Was die allergroesste Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg
+zum grossen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte,
+war auf dem besten Wege, ein aufbluehender Badeort zu werden. Zwei
+"Quellen" waren entdeckt worden, von denen die eine "Kaisersprudel", die
+andere "Felsensprudel" hiess, und die beide nach dem Gutachten eines
+sachverstaendigen Professors aus der Hauptstadt "hervorragend radioaktiv"
+waren. Die Neustaedter feierten Siegesfeste, waehrend die Waltersburger vier
+Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort "radioaktiv" richtig aussprechen
+konnten, und natuerlich auch dann noch nicht wussten, was das sei.
+
+Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung
+auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger
+heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im
+"Loewen" statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe
+abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die
+Decke.
+
+"Wie - wie bei Champagner", stammelte Herr Hirsemann.
+
+"Bloedsinn", knurrte der Amtsgerichtsrat; "das is Kohlensaeure; die is dem
+Wasser eingepumpt; alles kuenstlich, nichts natuerlich; ich kenn doch die
+Wasserpfuetzen drueben - Betrug is es, glatter Betrug!" So wartete man, bis
+sich die Kohlensaeure verfluechtet hatte, dann trank der Baecker und sagte:
+
+"'s schmeckt 'n bissel salzig."
+
+"Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben", grollte der
+Richter.
+
+"Salzig kann man nicht sagen", meinte der Getreidekaufmann Schneider,
+"sondern so mehr saeuerlich!"
+
+"Ja, weil Sie von gestern noch 'ne saure Schnauze haben", zuernte Herr
+Knopf.
+
+Unter solchen Umstaenden haette der Loewenwirt, der auch mit probierte, mit
+seiner Aeusserung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu
+schmecken, zurueckhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr
+ihn an: "Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre
+eigenen Zigarren, muss Ihnen natuerlich alles nach Schwefel schmecken."
+Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere
+gewoehnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert.
+
+Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die
+Neustaedter hatten sich fuer ihr Bad einen Propagandachef engagiert.
+
+"Propagandachef!" - Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der
+Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustaedter aber wussten
+nicht bloss, dass es so etwas gaebe, sie engagierten es sogar. Und der
+Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Baecker
+abends im "Loewen":
+
+"Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefuehl."
+
+Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsaechlich deswegen, weil er
+immer widersprach:
+
+"Jude hin, Jude her! Es is 'n alter Witz, dass in den ganzen Antisemitismus
+nich eher 'n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst
+machen. Wenn die Neustaedter ihre faule Sache deichseln wollen, mussten sie
+'n Juden nehmen, 'n Christ ist viel zu daemlich dazu."
+
+Der Baecker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden,
+verliess er das Lokal.
+
+Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt.
+Es war ein entzueckend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit
+reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen
+pries Neustadt in so berueckender Form, dass eigentlich jeder Mensch zu
+bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach
+Neustadt abreiste ...
+
+ *
+
+Die feindlichen Staedte! Vielleicht, dass mir der lustige Hader die Zeit
+verkuerzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch
+vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. "Ich kann
+nicht mehr schweigen; ich gruesse dich und Fritz. Aber schreibt mir keine
+Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid."
+
+Mit diesem Telegramm sass die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach
+Hause kam. Sie sprach nicht, sondern uebergab mir nur wortlos die Depesche;
+aber sie sah mich stolz und verklaert an, als wollte sie sagen: "Sieh,
+solch einen guten Sohn habe ich!" "Ich freue mich ueber Joachim", sagte ich
+und liess sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen
+hinunter, dessen Wasser einfoermig rann.
+
+Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine
+Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hoelle gewandeltes Paradies. Es
+gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit
+einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm naeher stand als der
+Bruder, und es war eine schoene Stadt, die ihm lieber war als der
+Geburtsort; das war Heidelberg.
+
+In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen.
+
+Darueber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her
+faehrt, nicht mehr hinweg.
+
+
+
+
+
+ DAS MODEBAD
+
+
+Dieser 5. April war ein sehr merkwuerdiger Tag. Ich war drueben in Neustadt
+und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im
+klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des
+alten Sanitaetsrats in Waltersburg uebernehmen solle. Der Alte will sich zur
+Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein
+ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern faellt es niemals ein, krank
+zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: "Wenn
+einer nicht gerade unverschuldet verunglueckt, ist es eine Schweinerei,
+krank zu werden. Denn wenn einer vernuenftig lebt, wird er eben nicht
+krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrisst." So
+erschien dem Pfarrer der Sanitaetsrat immer hoechst ueberfluessig, wie
+andererseits dem Sanitaetsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer
+ueberfluessig erscheint. Persoenlich aber vertragen sie sich recht gut,
+spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen
+gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der
+Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitaetsrat beide fuer ueberfluessig halten;
+denn ausser dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand
+eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch hoechstens drei
+Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem
+"Gruessfuss", und der Sanitaetsrat behauptet, dass der Richter seinem einzigen
+"Kunden" immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also fuer einen, der keine
+Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu
+werden. Im Herzen waere es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg
+niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht
+traue, und mich also dort gewissermassen mitschuldig zu machen, den Leuten
+das Geld aus der Tasche zu ziehen.
+
+Heute war ich drueben in Neustadt. Waehrend der fuenf Jahre meiner
+Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit
+amerikanischer Rapiditaet emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel ueber
+den "Sprudeln", die "Promenade" mit ihren unendlich gepflegten, unendlich
+bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das
+"Polnische Lied", den "Einzug der Gaeste in die Wartburg", das
+"Fruehlingslied" von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein
+unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem
+Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und
+der Floetist an der Rampe des "Musikpavillons" wie ueberall mit den
+vorbeiflanierenden Maegdelein liebaeugelten; ich sah auf den Estraden leerer
+Restaurants Kellner lauern, die wie Braeutigame gekleidet waren oder wie
+Leichenbitter, fuenfunddreissig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen
+sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte
+Koechin bereitet; ich sah eine "Wandelhalle" mit Schaulaeden, in denen die
+schoenen und ach so "preiswerten" Broschen prangen, die man den
+Dienstmaedchen als "Mitbringe" schenkt und deren Goldglanz mindestens
+anhaelt, bis das Maedchen am naechsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte
+Glaeser mit der Aufschrift "Zum Andenken" oder "_Souvenir de Neustadt_",
+Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei
+Baeren auf einem Amboss pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele
+Kunstgegenstaende, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkuendete,
+dass ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter
+debuetieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk "Geheimnisse von Neustadt"
+zur Auffuehrung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg
+Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Buehne, die Hauptrolle
+kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in
+ein Cafe und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir
+das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der
+schon immerfort nervoes hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie
+lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit
+Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzaehlte mit
+unertraeglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner
+Krankheit, wofuer sich dieser so interessierte, dass er waehrend der Zeit des
+Zuhoerens das ganze Mittagsblatt durchschmoekerte; drueben an der Wand
+stritten zwei rote Koepfe laut ueber Nietzsche; eine voruebergehende Mutter
+machte ihrer bleichsuechtigen Tochter Vorwuerfe, dass sie ihren Brunnen statt
+um fuenf erst um fuenfeinhalb Uhr getrunken habe, was natuerlich furchtbar
+schaden koenne; Gents und noch viel mehr Pseudogents taenzelten vorueber, und
+in der Kapelle drueben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen:
+"Das Meer erglaenzte weit hinaus im lichten Abendscheine".
+
+"Auch Sie, Fraeulein Trude", hoerte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu
+seiner sechzehnjaehrigen Begleiterin sagen, "haben mein Herz vergiftet,
+zwar nicht durch Ihre Traenen, wohl aber durch Ihr Lachen."
+
+"Aber Herr Lempert", sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh
+nach Waltersburg und ging. Draussen auf den Promenadengaengen das gewohnte
+Publikum; die galizische Juedin mit etwas schmierigen Spitzen am
+Halsausschnitt und den grossen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem
+hocheleganten weissen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der
+"Kuenstler", dessen Kraft wie bei Samson in der Fuelle der Locken sitzt und
+der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen
+Mundwinkel eingeuebt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders
+hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiss weder
+er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch);
+die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende
+Einsame, der keinen Anschluss findet; das laute Maedchen, das immer zehn
+Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschaeftsfreunde, die
+auch hier ueber ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde
+Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die "Patienten", die
+gewissenhaft aus geschliffenen Glaesern das Neustaedter Wunderwasser
+schluerfen, als koennte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen
+Jahren krank ward.
+
+Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach
+Hause und waehlte als Heimweg den Pfad ueber den Weihnachtsberg, der als
+Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.
+
+
+
+
+
+ AUF DEM WEIHNACHTSBERG
+
+
+Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwuerdiges Gasthaus. Es sieht aus wie
+eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbruecke,
+Butzenscheiben und was so dazu gehoert. Das echteste von dem ganzen
+romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hiess, weil er einen langen
+Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er
+Eberhard hiess. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien
+Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Hoehe so gute Tage,
+dass ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war fuer die
+Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie
+aengstlich, sehnsuechtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges
+hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den
+Gipfel huellte, flammte da oben ein maechtiges Bergfeuer zum Himmel, und
+eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: "Vom Himmel hoch,
+da komm ich her."
+
+"Er kommt, er kommt!" stiessen da die Kinder heraus, und die kleinsten
+zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Gelaeut
+der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis
+prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die
+wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und
+Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die
+reichen wie die armen, die grossen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und
+Grossmuetter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam,
+winkten die Kinder mit den Haenden, die Vaeter nahmen die Muetzen ab, und die
+Tanten und Grossmuetter machten tiefe, ehrfuerchtige Knickse. Der Knecht
+Ruprecht aber sass da auf seinem tannenbekraenzten Thron wie ein Koenig und
+nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und
+winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und
+Reichen, an die Gerechten und Ungerechten.
+
+Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die
+Fackeltraeger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans
+Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg
+hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich.
+
+Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustaedter
+und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war,
+sein Gasthaus fuer einen guten Preis ab. Die Neustaedter machten aus der
+alten edlen Burgherberge ein "Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm
+und im uebrigem allem Komfort". Es wurden hoelzerne Veranden mit grossen
+Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte oede
+Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der
+modernen Zeit.
+
+Dass schweres, reines Altgold in duennes Flitterblech gewalzt wurde,
+empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend
+vergebens ausspaehten nach dem leuchtenden Hoehenfeuer und der suessen,
+verheissungsvollen Melodie: "Vom Himmel hoch, da komm ich her."
+
+In Gedanken an alte, schoene Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So
+sentimental war ich aber nicht, um dem neuen "Etablissement" auszuweichen;
+dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel
+Schifflein scheitern sehen, um so eine Ungluecksstelle feig zu umsegeln.
+Ich kehrte in dem "Etablissement" ein. In der grossen Glasveranda waren
+drei Kellner und ein Gast anwesend.
+
+Dieser einzige Gast sass am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tuer
+hereintrat. Daraus erkannte ich, dass er kein Deutscher war. Im uebrigen
+genuegte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den
+Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter
+den bunten Finken.
+
+Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen,
+wenn es gilt, einen "Uncle Sam" zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den
+glattrasierten, rasiermesserduennen Mund, die etwas schlottrige Figur mit
+den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den
+karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die
+Stube, stellte fest, dass achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war,
+und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenueber, ohne ihn zu
+gruessen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins
+Tal. Ich beachtete ihn auch nicht.
+
+Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz
+still.
+
+Endlich blickte der Mann mir gegenueber auf und sagte, indem er nach
+Neustadt hinunterwies:
+
+"Das ist ein sehr albernes Nest da unten!"
+
+Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch:
+
+"So kann man schon sagen. Es gefaellt mir auch nicht."
+
+"Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben."
+
+"Woraus schliessen Sie, dass ich in Amerika war?"
+
+"Ich denke es mir."
+
+"So, so!"
+
+Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm "Uncle Sam" das
+Gespraech wieder auf:
+
+"Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?"
+
+"'Nichts' kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig
+unnuetze. Das sage ich."
+
+"Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?"
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+"Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die
+noetige Musse zu solchen Traeumen hatte."
+
+"Sie sind Schiffsarzt?"
+
+"Ich war es."
+
+Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein
+wenig vom Stuhle auf und sagte:
+
+"Mister Stefenson. Oel und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und
+Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?"
+
+"Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrueckte Idee!"
+
+"Verrueckte Idee ist schoen. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet
+einen sehr grossen Mangel an verrueckten Ideen. Es ist zu brav, es macht
+zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die ueberraschende Pointe.
+Der Amerikanismus ist besser."
+
+"Das sagen Sie so!"
+
+"Es ist so."
+
+Ich war verstimmt und schwieg.
+
+"Nun?" fragte er ungeduldig.
+
+"Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, wuerden wir
+viel Zeit brauchen; am Schluss wuerden Sie mich doch nicht verstehen. So was
+liegt Ihnen nicht."
+
+"Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir", gab er zur
+Antwort.
+
+Da kam ich in Laune und sagte:
+
+"Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreissen. Ich will mal annehmen,
+meine Heilanstalt bestaende schon und Mister Stefenson kaeme zu mir als
+Kurgast."
+
+"Das ist gut! Das ist instruktiv!" rief er. "Wie heisst Ihr Sanatorium?"
+
+"Ferien vom Ich."
+
+"Wie?"
+
+"Ferien vom Ich."
+
+"Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht
+nicht."
+
+"Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde
+ich Ihnen kein Wort ueber meine Heilanstalt sagen. Dass Sie den Namen nicht
+ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute."
+
+"_Well_; ich sage nichts mehr. Ich hoere."
+
+"Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses
+Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt 'Ferien vom Ich'.
+Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz
+zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehoert und hauptsaechlich darum,
+weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach
+Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern
+an."
+
+Mein Gegenueber nickt.
+
+"Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser."
+
+"Der Ankoemmling findet in der Naehe von Waltersburg ein Gelaende von Wald,
+Huegeln, Gaerten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, ueber die kein
+Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt
+alle, hier ist eine Welt fuer sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor.
+'Ferien vom Ich' steht darueber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen
+ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlaegt einmal
+an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der oeffnet das Tor. Er ist nicht
+in der weltueblichen Tracht, er traegt Pluderhosen, Sandalen an den Fuessen,
+eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhaeuptig. Vor
+Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: 'Lieber Freund, Sie
+sind wohl wenig unterrichtet, sonst kaemen Sie nicht mit solch unnoetigem
+Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepaeck
+unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und
+kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.'
+
+Mister Stefenson aergert sich nicht wenig ueber diese Ansprache des
+dienstbaren Geistes, aber er will hinter den 'Trick' kommen, deshalb winkt
+er seinem Gefolge ab und geht in das grosse Ferienheim des Lebens. Die
+Pforte faellt hinter ihm zu. Sein Begleiter fuehrt ihn eine Lindenallee
+bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstuecke. Am
+Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine
+Einsiedlerhuette. Das Haeuschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist
+bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte,
+aber geschmackvolle Moebel und gute Bilder an den Waenden. In dieses Zimmer
+fuehrt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: 'Hier bleiben Sie, lieber
+Freund, zwei Tage und zwei Naechte. Lesen Sie die wenigen Blaetter, die auf
+dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens-
+und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst
+nicht gefaellt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der
+Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den
+ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu
+helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden
+Sie sich mit den Blaettern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab,
+koennen Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so
+haengt hier am Nagel an der Tuer ein Schluessel, der die Pforte unten an der
+Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schluessel von innen stecken und schlagen
+Sie die Pforte von aussen zu. Zu bezahlen haben Sie fuer das, was Sie
+inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, dass Sie einmal dagewesen
+sind.'
+
+So sagt der Torwart, und dann laesst er den verwunderten Herrn Stefenson
+allein.
+
+Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen.
+Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Blaetter aufsagen, sondern nur
+einige wenige Saetze hervorheben. 'Betrachte dein Leben mit allem, was es
+gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genuessen, Suenden, als eine
+Anstrengung, die dich muede gemacht hat und deine Kraefte zermuerben wird.
+Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Loese
+dich zunaechst los von dem Goetzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von
+dir so zaertlich geliebten Ich. Entkleide diesen Goetzen allen Tandes, den
+du ihm mit grossen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden
+Namens, seiner Genusssucht, seiner Herrschsucht ueber Geld und andere
+Machtmittel.'"
+
+Hier unterbrach mich mein Zuhoerer.
+
+"Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen
+Sie es einfacher und instruktiver!"
+
+"Schoen! Nehmen wir also an, dass jener Herr Stefenson die zwei Tage und
+zwei Naechte in dem Einsiedlerhaeuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen.
+Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und
+ohne jede Einleitung sagen: 'Ich habe Ihre Blaetter gelesen und muss Ihnen
+sagen, Herr Doktor, dass mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum
+Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem
+Ferienheim nicht mehr Stefenson heissen, sondern einen anderen Namen
+haben?'
+
+'Setzen Sie sich', wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die
+Bank neben der Haustuer druecken.
+
+'Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.'
+
+Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr
+Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst ueber sein Leben
+niedergeschrieben hat. 'Ich werde die Blaetter mitnehmen', sagt der Doktor,
+'und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript
+zurueck und koennen es selbst vernichten.' 'Das ist so aehnlich wie bei
+Lahmann', sagt Stefenson. 'Ja', nickte der Doktor, 'ich habe vieles von
+Lahmann, der wieder vieles von Priessnitz und anderen hat. Wenn einer
+hochkommen will, muss er immer auf die Schultern anderer steigen.'
+
+Der Arzt unterhaelt sich nun lange mit Mister Stefenson und erklaert ihm
+auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. 'Sie
+sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der - sagen
+wir - John heisst; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun.
+Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad,
+zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt,
+befeindet, belogen, betrogen - arbeitet und amuesiert sich halb zu Tode,
+hat mancherlei Schwaechen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude
+am Leben verkuerzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter
+Mensch, waehrend dieser John hier keinen liebedienernden Tross, keinen
+vorteilssuechtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher
+unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten
+arbeitet, nicht weiss, ob dieser Mann draussen in der Welt ein Fuerst oder
+Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz
+koestlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen
+abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den
+Grossen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verraet sie nicht. Dass der
+Patient waehrend der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist fuer den Erfolg
+fuer uns eine grosse Hauptsache. Der Name ist meist die staerkste Kette, die
+mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie muss in Ferientagen geloest
+werden. Und waere der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten
+Kaufmanns gewiss ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist - wer richtig
+ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der
+gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht
+zu werden. Und fuer uns hat es noch das eine Gute: Es haelt uns alle
+albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk;
+wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst.
+Im uebrigen hoffe ich, dass Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen
+wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr.
+
+Wovon Sie weiterhin erloest werden muessen, ist das Geld. Sie haben waehrend
+Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich
+tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis
+zu Ihrem Austritt, abzueglich des Betrages fuer Ihren Kuraufenthalt. John,
+der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen
+Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit gluecklich, nicht den ganzen Tag
+ueber sich Haende entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie
+es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche
+schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche fuers Taschentuch
+- Geld hat er nicht, Schluessel, Messer, Taschentoilette, Fuellfederhalter,
+Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird ueber
+Bord geworfen.
+
+Auch die Uhr!
+
+Es geht John gar nichts an, wie spaet es ist, es ist gaenzlich ohne
+Interesse fuer ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr
+sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu aengstigen,
+er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht
+versaeumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie
+werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal
+nach der Uhr sehen muss! Die Uhr, die ueber dem Herzen schlaegt, schlaegt
+schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer
+groesserer Eile anspornen - und der Weg fuehrt doch ans Ende des Lebens.
+Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher
+wird bei uns ausser Taetigkeit gesetzt.
+
+Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn
+auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Grosskaufmann von
+Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob
+Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im
+'Voelkerbund' fuer Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal
+das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist - kurz, John
+liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson,
+auszufuellen hatten, steht: 'Wie lange lesen Sie durchschnittlich taeglich
+ueber der Zeitung, wie lange also im Jahre?' Sie haben den taeglichen
+Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jaehrlichen also auf 274 Stunden
+berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie
+aufs Zeitunglesen dreissig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres.
+Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: 'Schreiben Sie kurz
+nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektuere aus dem vorigen und aus dem
+vorvorigen Jahre noch wissen!' Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen,
+steht auf fuenf kleinen Blaettern, und Sie geben es ehrlich an, dass es Ihnen
+schwere Muehe verursacht hat, diese fuenf Blaetter zu fuellen. Vom vorvorigen
+Jahre wussten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz grosse Ereignisse
+standen noch im Gedaechtnis. Nun ist ja sicher, dass durch das Zeitunglesen
+viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber
+Sie selbst muessen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines
+ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitoekonomische geht uns
+uebrigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf
+sich nicht das Fruehstueck verderben lassen, weil Herr Stefenson in
+ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen Aerger ueber einen
+Deputierten saugen wuerde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede
+gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darueber, dass
+einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist;
+John disputiert nicht eine Stunde lang darueber, ob das Buendnis zwischen
+den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet
+auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Fuer Herrn
+Stefenson aus Amerika moegen die nervenanstrengenden Dinge, die taeglich in
+der Zeitung stehen, wichtig, ja unerlaesslich sein; denn Herr Stefenson
+steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht
+druecken; aber ich - o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des
+Lebens geht mich rein gar nichts an.
+
+Es kommt noch eins hinzu - John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne
+ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist,
+behaelt er die Hauptfaeden seiner geschaeftlichen Angelegenheiten immer in
+der Hand. Er laesst sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen,
+er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch
+auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John
+sagt: Wenn Herr Stefenson tot waere, ginge es auch; folglich geht es auch,
+wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als
+wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal
+gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand
+nehmen und sagen: Sei froh, dass du mal ausgeschieden warst, du hast
+inzwischen glaenzende Geschaefte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt,
+wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten ueberlaesst.
+
+Im Ferienheim gibt es taeglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die
+Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schliesst, dass er
+ueber einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben muesse, der geht in die
+Kanzlei, dort liegen dreissig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald
+beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verlaesst er die
+Ferien und geht in die Lebensschule zurueck. Bis jetzt sind nur drei
+Prozent unserer Feriengaeste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu
+lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschlaege. Sie sind zu
+ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie
+auf einige Zeit gar nichts an.
+
+Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen
+Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten
+treiben. Eine der allergroessten Hauptpersonen ist der Brieftraeger. Man kann
+sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten
+Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein
+paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, dass sich
+der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in
+menschenfresserischer Laune; das Toechterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch
+gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt
+befragen, was ohnehin natuerlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die
+Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der
+Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurueck und bricht fast
+in Traenen aus ueber die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der
+blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes
+Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das
+Schreiben eines 'Freundes', das ihm suggeriert, seine Stellung sei
+erschuettert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. - Die
+Aerzte koennen sicher rechnen, dass das, was sie in einer Woche aufbauen,
+manchmal der Brieftraeger in zehn Minuten einreissen kann.
+
+Und deshalb wuenscht das Ferienheim sehnlichst den Brieftraeger zum Kuckuck,
+weil er die Ferienruhe stoert, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts
+anderes steckt, als ermuedende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb
+bitten wir unsere Feriengaeste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns
+lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im
+Notfall an mich; alles Kleine lasst weg, erzaehlt es mir, wenn ich
+heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu
+gegeben waeren. Bedenkt, dass mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich
+in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das
+Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht
+ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fuss sitzt.
+
+Das ist eine scheinbar harte Massregel des Ferienheims, die viele gehindert
+hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung
+als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen grossen Teil seines
+Erholungsaufenthaltes an ein Postbuero binden will, soll anderswo hingehen.
+
+Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres
+Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne
+Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unnuetze Briefschreiben
+oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und
+Bekanntschaftsfesseln.
+
+Sie merken schon, Mister John, dass ich an alte Klosterideale angeknuepft
+habe. Nur, dass es sich eben nicht wie beim Kloster um die
+Lebenseinrichtung ueberhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens
+handelt, und dass wir nicht aus religioesen, sondern aus sanitaeren
+Beweggruenden handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befaehigt noch berufen.
+Aber - um auch diesen wichtigen Punkt zu beruehren - wir empfehlen allen
+denen, die noch eine religioese Anschauung haben, aus reinster
+Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen
+Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergroesste
+seelische und darum auch die allergroesste koerperliche Wohltat. Ein Arzt,
+der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt ausser
+acht liesse, waere ein Stuemper. Deshalb wird all unseren Feriengaesten
+Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es beduerfen. Dass wir uns
+dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen
+enthalten, ist ganz selbstverstaendlich.
+
+Die aerztliche Behandlung wird natuerlich fuer jeden Feriengast individuell
+sein; fuer Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr fuer die Mueden, fuer
+die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, fuer die,
+die gern noch einmal mit frischen Kraeften von vorn anfangen moechten.
+
+Fuer die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumsuechtigen hat man jetzt
+draussen Entziehungskuren, die grossen Segen bewirken; wir wollen hier allen
+denen Entziehungskuren gewaehren, die auf irgendeine Weise vom Leben
+vergiftet sind. Ganz generell werden alle erloest von allem Eitlen und
+Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drueckenden Last oeffentlichen und
+privaten Lebens, von unnuetzen Beduerfnissen; individuell sollen sie erloest
+werden von ihren Krankheiten, Lebenssuenden und Lebensschwaechen, von
+unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die
+kostbare Faehigkeit zur Freude wiedergewinnen.
+
+Wir scheiden aus dem Ferienheim die ueblichen Vergnuegungen aus. Sie finden
+bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Frueh-, Mittags- und
+Abendkonzerte, keine Spielsaele, Taubenschiessen, Theater- und
+Varietevorstellungen, keine prunkhaften Umzuege und italienischen Naechte -
+denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und
+betruegt alle die, die mit neuen Kraeften nach Hause kommen wollen. Wir
+suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschaeftigung in
+frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete
+umgraben muessen, auch werden Sie sich gelegentlich am Faellen eines Baumes
+oder am Holzsaegen beteiligen muessen; es kann aber auch sein, dass Sie mal
+einen Hecht angeln oder ein paar Koerbe Aepfel pfluecken muessen. Da Sie, wie
+Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schoengeistiges Buch
+gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und
+einem Baendchen Lyrik nicht herumkommen. Waehrend wir bei sogenannten
+Leseratten Entziehungskuren machen, muss bei Ihnen in diesem Falle eine Art
+Zwangsernaehrung einsetzen.
+
+Die koerperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natuerlich gut
+und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot
+selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie ueberlassen. Im
+grossen Kuechen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben
+gegenwaertig einen Feriengast, der draussen in der Welt eine Schar von
+Dienern hat. Auch er muss sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst
+bereiten. Anfangs wusste er nichts anderes, als dass er sich Brotstullen
+schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter
+beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das naechste
+Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen
+Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann
+ergaenzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nuesse
+und Fruechte von den Baeumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst
+bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf
+sein Mahl und ass mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die
+vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden
+Sie sich z. B., wenn ein kuehler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst
+anzuenden und unterhalten muessen. Hobelspaene und Reisig koennen Sie sich
+leicht holen, das Holz muessen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister
+John, wie warm und goldig solch ein selbstentzuendetes Feuer brennt, viel
+wohliger, als wenn es ein Diener angefacht haette. Ein volles Dutzend Mal
+werden Sie die Kacheln abfuehlen, wie sie nach und nach warm werden, mit
+einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar
+andere Feriengaeste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie
+eigentlich heissen, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes
+bekannt ist, als dass es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu
+einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben - wie schoen wird es sein,
+mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzaehlen und selbst auf das Feuer
+zu achten.
+
+Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hoeren bekommen; doch nicht oft und
+nicht viel. Aber zur Laute wird oefter gesungen werden, und manchmal wird
+irgendwo ein Blaeserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der
+Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten,
+romantischen Tagen.
+
+Sport duerfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad,
+Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen duerfen Sie, aber ohne Geld;
+denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen
+Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel
+zwanzig, und wuerde alles hinterher in bare Muenze sauber umgerechnet, so
+wuerde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest wuerde energisch
+ausgenommen werden.
+
+Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen
+scheinen, ganz nach aerztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange
+ein solcher Ferienaufenthalt waehrt, so muss ich Ihnen sagen, dass die
+kuerzeste Frist sechs Wochen betraegt, dass es aber sehr viel guenstiger ist,
+wenn die Ferienpause drei Monate oder noch laenger dauert. Die ersten
+vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren,
+vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie
+muessen erst heimisch werden, muessen das grosse Ferienglueck erst ganz
+fuehlen, muessen die unaussprechlich suesse Freude empfinden, wie Sie gesuender
+und froehlicher werden, dann erst kommt das Heil.
+
+Aber wenn Sie dann in die grosse, schwere Schule zurueckgehen, werden Sie
+mehr neue Kraefte, einen groesseren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie
+unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen
+gelesen haetten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein
+Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung
+der Grossstadt hinter seinen Aufgabenbuechern sitzt.'
+
+Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der
+Tuer des Einsiedlerhaeuschens sass, seine Belehrung, und damit ende auch ich,
+Mister Stefenson, den Aufschluss ueber das Ferienheim des Lebens, das nur in
+meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird."
+
+ *
+
+Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenueber am Gasthaustisch sass, schwieg
+auch. Er hatte die ganze Zeit, waehrend der ich sprach, mit halb
+abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich
+stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: "Danke sehr! Guten
+Abend!", nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner
+bezahlt hatte. Ich liess ihn gehen.
+
+ *
+
+Am naechsten Tage liess sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden.
+
+"Guten Morgen", sagte er; "ich muss Ihnen sagen, dass mir das gar nicht
+passt, dass ich John heissen soll."
+
+"Wieso - wieso?" fragte ich verwundert.
+
+"Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich naemlich mal
+furchtbar geaergert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte.
+Ich mag nicht John heissen. Ich habe mir ein Adressbuch geben lassen und
+nach einem einfachen, aber nicht zu haeufigen Namen gesucht. Ich will
+Zuschke heissen."
+
+"Sie wollen Zuschke heissen? Warum - wieso - wo wollen Sie Zuschke heissen?"
+
+"In Ihrem Sanatorium natuerlich - in Ihrem Ferienheim -"
+
+"Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein
+Phantasiegebilde - eine Utopie -"
+
+Da sah er mich fest an.
+
+"Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begruenden."
+
+Ich schlug die Haende zusammen.
+
+ *
+
+Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschaeftsmaessig, trocken, sogar ein
+wenig muerrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die
+Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das
+viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere
+Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei fuer romantische
+Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte:
+
+"Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr
+sprechen."
+
+Er nahm mich in den Bann der grossen Kuehnheit und Sicherheit seiner Seele,
+und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson:
+
+"Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die
+Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir
+ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt,
+und ich bin ein schlechter Geschaeftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne
+gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander
+trennen."
+
+Dann ging er. Ich sass an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal
+auf, trommelte mit den Haenden, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa,
+rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernuenftiges - ich ging an die
+frische Luft.
+
+So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Fuehrung einer Kriegsarmee
+berufen wird, oder einem Dichter, dessen grosses Stueck ueber die Buehne gehen
+soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit
+einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schoener Traum war,
+mit einemmal vor die groesste und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein -
+wo waere ein berauschenderes Glueck?
+
+Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein ueber deinen
+schraegen Daechern und alten Giebeln, wie schoen singen die Spatzen am
+Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus!
+
+Warte nur, mein altes Waltersburg, fuer dich kommt, wie fuer das
+Dornroeschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will
+dich kuessen mit einem heissen, so lebenspendenden Kuss, dass alle Starrheit
+von dir faellt und du mitten in wonnigem Leben stehst!
+
+Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer
+weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen - der Traeumerglanz
+soll in deinen Augen bleiben, der weisse Schimmer auf deiner Stirn, das
+schoene, stille Laecheln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen
+beruehmt werden als eine Wohltaeterin der Menschen.
+
+Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was
+wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draussen
+in der Welt, drueben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur,
+stehe ich vor der bunten Buehne, und weil ich so lange und so oft
+zuschaute, taeuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiss, hinter den bemalten
+Waenden liegt unordentlich Geruempel und geht rauhe Zugluft durch schlecht
+schliessende Tueren. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da
+keine Chaussee; eine alte Landstrasse fuehrt ins Gruene. Am Hasenhuegel setze
+ich mich auf einen Stein. Mir gegenueber lag der Ostabhang des
+Weihnachtsberges. Ueber den Fluss ging der Blick auf ein Hochplateau von
+Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das waere der rechte
+Ort fuer mein Ferienheim.
+
+Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort fuer mein Ferienheim finden, in
+dieser freundlichen, naerrischen, gesunden Stadt!
+
+Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land.
+
+
+
+
+
+ LUISE
+
+
+Es ist ein Brief angekommen, der mir die ueberschaeumende Freude des Tages
+genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei
+dem Scheidungsprozess wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er
+aber weltfluechtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen
+ueberzaehligen armen Wuermern geschieht - es kam "in Pflege". Ein
+"kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhaeltnissen
+lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige
+Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen".
+
+Ich wusste, was fuer Tragoedien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie
+oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind.
+Und damals war es das erstemal, dass ich meine Mutter nicht verstand. Sie
+weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu
+erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes
+nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen
+wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich
+entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekraenkt
+in ihrer Frauenseele, sie hasste das Weib, das dieses Unheil angerichtet,
+zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als
+dass ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg haette
+finden koennen. Ja, sie sagte mir, dass sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem
+"Vaterunser" gestrichen habe. Der Bruder war gefluechtet, ich musste hinter
+ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und
+ihn schliesslich nach fuenf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen
+Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht
+weiter kuemmern, ich wusste nur, dass eine entfernte Verwandte das Maedchen zu
+dem "kinderlieben" Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten
+fuenfzehntausend Mark "Erziehungsbeihilfe" als einmalige Abfindung bezahlt
+und berichtet hatte, es scheine sich um ausserordentlich honette und
+christliche Leute zu handeln.
+
+Als ich Joachim in der Schiffskajuete gegenueber sass, indes draussen die
+schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, dass er an
+die tiefsten Tiefen des Maennerherzens ruehren, dass er eine der
+festverschlossenen Tueren oeffnen, und dass die Frage daraus hervortreten
+werde: "Lebt das Kind noch?" Joachim stellte die Frage nicht, und als ich
+nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob
+die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: "Das
+weiss ich nicht!"
+
+Da fiel mir auf, dass die Mutter und Joachim sich sehr aehnlich seien. Ich
+bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und
+ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stosse mir ueberall leicht
+das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die
+Raeder kommen, als es Joachim passieren koennte.
+
+Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief
+geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geoeffnet, wie sie zehn oder mehr
+andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht
+geoeffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich
+an mich genommen und ihn soeben gelesen.
+
+Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung
+und noch elenderem Stil die Enthuellung niederster Schakalinstinkte,
+Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte
+feinere Leute einbildeten - sie setzten Kinder in die Welt, kuemmerten sich
+aber nicht um sie, sondern liessen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die
+feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heisse, ein Kind
+aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Naechte und bei Tag keine ruhige
+Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fuenfzehntausend Mark bezahlt
+sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das
+ganze Stadtviertel bezeugen koennte, und niemand etwas schuldig, aber die
+anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bisschen
+Geld, das bezahlt worden sei, sei laengst weg. Das haetten allein Doktor und
+Apotheke verzehrt; denn wer weiss, was die Luise von ihren Eltern alles fuer
+Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe
+Menschen waeren, laege das Kind laengst auf der Strasse oder im Grabe. Sie
+muessten ihr Letztes zusetzen, um das Maedchen zu erhalten. Aber nun habe das
+ein Ende. Sie wuerden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich
+auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im uebrigen seien
+sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Maedchen in
+Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Aerger bereite.
+
+Solches und noch Aergeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.
+
+"Lies den Brief!" sagte ich.
+
+Sie schuettelte zornig den Kopf.
+
+"Du musst ihn lesen, Mutter", sagte ich todernst und in hartem Befehlston.
+
+Sie starrte mich an und wurde blass.
+
+Ich legte den Brief auf den Tisch und verliess das Zimmer.
+
+Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.
+
+Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Kraempfen.
+
+"Liebe, gute Mutter", sagte ich und streichelte ihren fruehgebleichten
+Scheitel.
+
+"Aendere es, Fritz", sagte sie muehsam, "aendere es; tue, was du willst, aber
+aendere es - es ist entsetzlich!"
+
+Schmerz und Grauen schuettelten sie.
+
+Ich kuesste ihr die Hand und sagte: "Ich fahre mit dem naechsten Zuge nach
+Berlin."
+
+ *
+
+Der Zug rollte sein einfoermiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet
+fein, glitzernde Troepfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen
+schliesslich in schmalen Baechlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen
+spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen
+Stimmung.
+
+Ferien vom Ich! Ein Erloesungswort fuer gequaelte Menschen, eine
+Zufluchtsstaette fuer muede Herzen, eine friedliche Insel im brandenden
+Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen
+geleitet. Bitterer Spott ueber mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn
+nun einer meiner Kurgaeste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu
+gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar?
+Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt ueber die Unrast
+der Zeit und die Kaempfe deines eigenen Herzens? Hast du zunaechst alle
+diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den
+Frieden gerettet, dass du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?
+
+Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er
+im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm
+durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor voelliger Verwahrlosung zu
+retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Traenen zu Hause sitzt,
+fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Hass verschollen ist -
+fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, dass dieser Mann einer grossen
+Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, waehrend ihm der Regen
+und der Wind durch die Loecher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein
+Geistlicher ist er, der gegen die Suende predigt und selbst ein arger
+Suender ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber
+eine geheime Schuld drueckt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreissen
+will und der selber dem Tode geweiht ist!
+
+ *
+
+Berlin N. Eine der Proletarierstrassen, von denen jede einzelne mehr
+Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fuenfstoeckige Haeuser. Im Erdgeschoss
+Geschaefte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine
+"Restauration", in deren Fenster Wuerste haengen und Schnapsflaschen stehen.
+Auf den Buergersteigen und dem Fahrdamm ein Gewuehl schreiender, blasser
+Kinder. Schlecht genaehrte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale
+Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Maedchen, schwatzende
+Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Maenner, hie und da ein Faulenzer,
+der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stuetzt und den
+Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Koeter von unbestimmbarer Rasse, wie
+wahnwitzig schellende Strassenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler,
+dicke, stauberfuellte Luft, an jeder Strassenecke ein baerbeissiger Schutzmann
+- Berlin N.
+
+Das war das "Milieu", in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war.
+Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An
+einer Strassenecke bot mir ein Kind Schnuerbaender zum Kaufe an. Ein kleines,
+blasses Maedchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurueck. "Wie
+heisst du denn?"
+
+Das Kind erschrak und sagte aengstlich: "Luise!"
+
+"Wie heisst du noch? Wie ist dein anderer Name?"
+
+Noch ein veraengstigter Blick, und das Maedchen rannte, so schnell es nur
+konnte, davon. Ich fuehlte es wie Laehmung in meinen Gliedern, aber ich
+eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und fasste es am
+Arm.
+
+"Fuerchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts."
+
+Das Maedchen brach in Traenen aus.
+
+"Sperren Sie mich nicht ein!"
+
+"Warum soll ich dich denn einsperren?"
+
+"Weil ich - weil ich - die Schuhbaender - Sie sind ein Geheimer ..."
+
+Das Kind weinte noch lauter.
+
+"Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Maedel? Warum weint denn det
+Maedel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh' lassen!"
+
+Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen
+eine drohende Haltung an, Maenner murrten, ein Weib kreischte mich an:
+
+"Pfui ueber so 'nen Spitzel - 'n armes Maechen, wat sich 'n paar Jroschen
+verdient, feste zu nehmen ..."
+
+"Is ja jar keen Jeheimer, is ja 'n solcher! Haut ihn!"
+
+Die kleine Luise entschluepfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein
+Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen
+mehrfachen Belagerungsring schloss.
+
+"Was ist los?" fragte der Gesetzeshueter.
+
+"Er hat 'n kleines Joehr belaestigt - er hat 'n Kind jemisshandelt - er hat
+ihr blutig jeschlagen - er hat jesagt, er is 'n Jeheimer, aber er is 'n
+Lump."
+
+Der Schutzmann stand wie ein Fels.
+
+"Wer sind Sie?"
+
+Ich zog eine Legitimationskarte heraus.
+
+"Was ist geschehen, Herr Doktor?" fragte der Schutzmann, nachdem er die
+Karte gelesen.
+
+"Doktor - 'n Doktor is er - amputieren will er ihr - Versuchskarnickel
+braucht er, det Schwein ..."
+
+"Ruhe!" donnerte der Schutzmann. "Was ist geschehen?"
+
+"Ich will es gern sagen", antwortete ich, "aber nicht vor diesen Leuten,
+die die Sache nichts angeht."
+
+Ein wuestes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.
+
+"Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir", riet der Sicherheitsmann.
+
+"Jawohl!" sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.
+
+Niemand konnte mich schuetzen, dass ich ein paar Pueffe und Stoesse erhielt.
+Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der
+Strasse gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem
+Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine
+kurze Aufklaerung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehoert hatte,
+sagte der Schutzmann:
+
+"Der Mann is 'n Tagedieb und die Frau 'ne Schlampe. Da sehen Sie man, dass
+Sie det Wurm da abkriejen."
+
+Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick ueberlegte ich noch,
+ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich
+direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem
+Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die
+Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen
+von Luises Pflegeeltern. Ich laeutete zweimal, dann kam ein zaghafter
+Kindertritt, die Tuer wurde geoeffnet, ein entsetzter Schrei, die Tuer flog
+wieder zu. Ich laeutete abermals. Ein grosser, starker Mann erschien. Er
+trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen,
+wenig sauberen Rock. Spaeter erfuhr ich, dass der Mann "Prediger" bei
+irgendeiner neuen Sekte war.
+
+Er wollte mich erst mit einer hochmuetigen Miene mustern, aber ploetzlich
+wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit oelglatter Stimme sagte
+er:
+
+"Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehoert - weiss schon - der Herr
+Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt - aber ich
+kann bei meiner Ehre versichern - Herr Inspektor ich bin unschuldig - ich
+verbiete dem Maedel aufs strengste - haben es ja auch gottlob nicht noetig -
+aber sehen Sie, Herr Inspektor, so'n hergelaufenes Kind von schlechter
+Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der
+Gemeinde der Juenger von Kapernaum), das man so aus christlicher
+Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht geraet, weil der Feind sein
+Unkraut unter den Weizen saet, das stiehlt sich nun 'n Jroschen, kauft sich
+Schuhbaender oder Streichhoelzer oder was weiss ich und verkauft sie, um zu
+naschen - natuerlich nur, um zu naschen ..."
+
+Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.
+
+"Was wuenschen der Herr Inspektor - ich wuerde den Herrn Inspektor gern in
+die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufaellig heute noch nicht mit dem
+Aufraeumen fertig ..."
+
+Da sprach ich endlich.
+
+"Sie irren - ich bin kein Polizeimann - ich bin der Onkel der kleinen
+Luise."
+
+"Sie sind - Sie sind - ach so - ach so - der sind Sie ..."
+
+Er brach in ein meckeriges Lachen aus.
+
+"Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!" rief ich
+ausser mir.
+
+"Sie wollen mich - was wollen Sie?"
+
+Sein Gesicht veraenderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf
+seinen Zuegen breit.
+
+"Was wollen Sie!" bruellte er. "So 'n Balg - so 'n unsauberer Balg - und
+Sie wollen noch - ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es
+mir; ich bin fuer Sie nicht zu sprechen - verstehen Sie - fuer Sie nicht zu
+sprechen; denn ich bin ein anstaendiger Mensch!"
+
+Die Tuer fiel ins Schloss. Ich blieb allein stehen; ich fuerchtete, nun wuerde
+die kleine Luise drin zu schreien anfangen.
+
+Aber es blieb still. Nur eine Tuer krachte noch zu.
+
+Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.
+
+
+
+
+
+ SAMARITERDIENSTE
+
+
+So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz,
+Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glueck, dass dem Weltverbesserer doch
+noch das Kehren vor der eigenen Tuer einfiel, ehe er an die grosse Mission
+ging, anderen zu helfen.
+
+Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz
+besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kuemmernissen und Noeten kommen,
+dem sie es ueberlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben,
+der Geld borgen muss, wenn die andern nichts haben, der immer schieben,
+immer unterstuetzen, immer aushelfen muss. Den Starken als Stuetze der
+Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdruecken will; sonst
+kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob
+ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.
+
+Ich kann nicht behaupten, dass ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder
+dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Strasse zurueckfluechtete.
+Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Suende. Auch an die Mutter
+dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein
+silbernes Muetterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die
+nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen
+und auf dem Schlachtfeld der Suende Samariterdienste zu tun, sondern eine,
+die sich aengstlich in ihrer wohlumhueteten Sauberkeit hielt, mehr bekuemmert
+um sich selbst als um das, was draussen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte
+nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was
+sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es wuerde schwer genug
+halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum
+gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an
+ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Guete gewissermassen abzukaufen, dazu
+fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten
+Schuft an den Leib zu gehen, wuerde schwer genug sein. Das Naechste war,
+einen Anwalt zu befragen.
+
+ *
+
+In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke
+und gruebelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte
+mich jemand auf die Schulter.
+
+"Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es noetig!"
+
+Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt,
+ihn so ploetzlich hier in Berlin zu sehen.
+
+"Ferien vom Ich sollten Sie machen!" wiederholte er.
+
+"Von wem erfuhren Sie denn, dass ich hier bin? Von meiner Mutter?"
+
+"Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten
+hier - wegen einer kleinen Nichte - wollen sie in eine andere Pension
+bringen - ja, lieber Doktor, das gefaellt mir nicht!"
+
+"Was gefaellt Ihnen nicht?"
+
+"Dass Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden."
+
+"Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache."
+
+"Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit fuer solche Dinge.
+Es passt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem
+Ferienheim gehoere vor allen Dingen die Erloesung von drueckenden familiaeren
+Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuss schleppen? Jetzt, wo wir in
+der allerschwersten Gedankenarbeit stehen muessten, fahren Sie einem kleinen
+Maedel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Maedel? An Ihrem Ferienheim
+soll ihr etwas liegen."
+
+"Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht
+miteinander verbunden, dass Sie in dieser Weise mit mir reden duerfen."
+
+"Ich darf", sagte er phlegmatisch. "Ich habe in Ihnen so etwas wie einen
+Propheten gesehen - die Propheten gehen aber in die Wueste, ehe sie
+oeffentlich auftreten, nicht nach Berlin - die Apostel verlassen Weib und
+Kind - der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rueckwaerts schauen,
+er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel
+bleibt immer ein mittelmaessiger Kerl."
+
+Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder,
+sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte
+dann: "Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im
+ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll
+und am Fuss eine Beule hat, wird er danach trachten, dass ihm erst ein Arzt
+die Beule oeffnet und die Wunde saeubert und verbindet, ehe er marschiert.
+Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muss mir erst
+diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich
+an unsere Aufgabe gehen kann."
+
+"Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse - morgen vormittag
+zwischen neun und elf. Um elfeinhalb koennen wir dann unsere Beratung
+haben."
+
+"So rasch geht das nicht."
+
+"Wie lange kann es denn dauern?"
+
+"Wohl einige Wochen oder auch Monate."
+
+Herr Stefenson laechelte sanftmuetig.
+
+"Das ist sehr schoen! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach
+einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schliesslich Ihr
+Sanatorium begruendet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen
+Prospekt schicken zu lassen. Fuer jetzt, guten Abend!"
+
+Er verliess mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wusste,
+dass es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich sass ganz still, und ich weiss
+jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wusste in jener Stunde
+nur, es war aus, um eines kleinen Maedchens willen, das ich kaum auf zwei
+Minuten lang gesehen hatte - aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel
+Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun fuer einen
+Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch
+warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich muesse Herrn Stefenson noch
+einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran daechte ich nicht, sondern
+um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch
+einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persoenlich.
+
+"Mister Stefenson - es ist nichts Geschaeftliches mehr, nur etwas rein
+Menschliches. Es ist darum, dass wir uns jetzt ohne gegenseitige
+Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie
+Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit fuer
+mich?"
+
+Er nickte, und ich erzaehlte ihm ohne alle Umschweife die Tragoedie Joachims
+und seines Kindes, und wie ich das Maedchen heute draussen auf der
+Ackerstrasse getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzaehlen, aber
+Stefenson blieb ganz gleichgueltig. Zuletzt sagte er:
+
+"Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzaehlt haben, aber sie kommt
+alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch
+erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fuenf Jahre
+lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?"
+
+"Ja, ich fand ihn nicht eher."
+
+"Hm! - Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich moechte
+den "Sommernachtstraum" in der deutschen Auffuehrung ansehen. Kommen Sie
+mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?"
+
+Ich wusste, dass ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die
+Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschaefte, wir wuerden uns im
+Theater treffen. Damit haendigte er mir eine Theaterkarte ein und verliess
+mich. -
+
+Mendelssohns Ouvertuere zum "Sommernachtstraum" huschte und zwitscherte an
+mir vorueber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Froehlichkeit tat
+sich in glaenzender Darstellung vor mir auf, aber ich sass wie ein
+Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer
+geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Maerchenwald, durch den die
+Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an
+dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.
+
+Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spass. Da droehnte von meiner
+Logentuer her tiefes Gelaechter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich
+nicht, er schaute nur vergnuegt nach der Buehne und lachte so laut, dass er
+die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.
+
+Die naechste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur
+Entschuldigung seines spaeten Kommens:
+
+"Manche Geschaefte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab."
+
+Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen
+hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:
+
+"Die Luise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem
+alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und draengte um
+die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles
+schriftlich, was ich wuenschte. Mit Anwaelten ist das nichts. Das ist teuer
+und umstaendlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten
+gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus.
+Das hat laenger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schoene
+Eselsszene habe ich im Theater verpasst. Die Pflegeschwester ist nun mit
+der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach
+einem Erziehungsinstitut in Thueringen. Es ist mir empfohlen worden. Da
+wird ja wohl die Luise koerperlich und seelisch zurechtgestutzt werden."
+
+Ich schlug wieder einmal die Haende zusammen.
+
+"Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?"
+
+"Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem
+Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen - so
+als eine Art - als eine Art Einweihungsengel."
+
+Mich wuergte es in der Kehle.
+
+"Sie wollen das Heim doch mit mir gruenden?"
+
+"Ja", sagte er ganz ruhig, "ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte
+gefallen. Natuerlich nicht das Sentimentale, aber dass sie fuenf Jahre lang
+die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer
+ist zu gebrauchen."
+
+ *
+
+Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein
+wuester Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.
+
+Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, dass er mich fuer keinen
+Philosophen halte, auch nicht fuer das, was man einen lebensklugen Menschen
+nenne, und was ich als Arzt tauge, koenne er nicht beurteilen. Er halte
+mich fuer einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger aerztliches Problem
+als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung
+ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist
+Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung
+ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll uebergeben. Was ausfuehrbar sei,
+werde ausgefuehrt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Hoehe
+ziehen und auch als Woelklein am Himmel noch schoen sein.
+
+
+
+
+
+ IN DEN TAGEN DES WERDENS
+
+
+Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es
+geht alles so verblueffend schnell bei ihm, dass er, wenn ein anderer noch
+bei den ersten Erwaegungen und Bedenken staende, schon am Ende ist. Freilich
+kommt dazu, dass er Glueck hat. Das Gelaende am Ostabhang des
+Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehoert einem Manne, der, wie Hans
+im Glueck, staendig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen
+grosse, sehr ertragreiche Steinbrueche umgetauscht, die Steinbrueche gegen
+eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen,
+und Herr Stefenson mit seinem grossen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten
+gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann
+war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar gross ist, von Stefenson
+gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem frueheren Schiffsarzt die
+Gaensehaut ankommt.
+
+"Nun ist das Gelaende da, nun muss die Gemeinde errichtet werden", sagte
+Stefenson sehr einfach. "In einem Jahre muessen saemtliche Haeuser stehen."
+
+"In einem Jahre?"
+
+"Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert
+Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate."
+
+"Es ist dann aber auch danach."
+
+"Ob es danach ist oder nicht, ist gleich", erwiderte Stefenson verdrossen.
+"Jedenfalls habe ich fuer die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muss nach
+Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelaende an und
+machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei
+Tage Zeit dazu."
+
+"Ich wuerde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in
+sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein."
+
+Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen
+Gelaende umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am
+vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen
+Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darueber und ging nun
+daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.
+
+Das Gelaende kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in
+jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student
+tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden - alle Gleichfoermigkeit. Eine
+Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in
+zimperlich geordneten Gaerten, wo man kaum einen Fuss hineinzusetzen wagt
+wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns
+gewiss nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants,
+Plaetzen und Strassen grossstaedtischer Art.
+
+Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein
+grosser, geraeumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Buergermeister wird
+darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber
+auch die Sprechzimmer der Aerzte sollen im Rathaus untergebracht sein,
+ebenso die Verwaltungsraeume, die Kasse, die Nachtwaechterstuben. Auch einen
+grossen ehrwuerdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengaeste
+manchmal zu einer Feierstunde nationaler, kuenstlerischer oder geselliger
+Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das "verbotene Zimmer" mit
+den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen
+einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem
+waehrend der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewaehrt werden.
+
+Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die grosse Linde mitten
+auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und
+vom Tanz mit dem schoenen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben,
+mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das froehliche Glueck
+vergangener Tage neu erstehen lassen.
+
+Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenueber, soll die Lindenherberge liegen,
+unser groesstes Gasthaus. Das Modell muss man in schoenen deutschen Staedten
+suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann
+ist es fuer unsere Zwecke auszugestalten. Eine Bauernschenke denke ich mir,
+ein Herrenstuebchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur
+Laute gesungen werden. Oefter als einmal in der Woche darf sich niemand in
+einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus
+zu gehen, ist fuerwahr genug fuer einen Kurgast. Es darf sich auch keiner
+einbilden, dass er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Saenger zur Klampfe
+sei - er muss alles sein wollen und sein koennen, und wenn er dreimal in der
+Woche "ausgehen" will, dann muss er eben jedesmal in eine andere Abteilung,
+und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner
+Gattin ausschenkt, muss ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schoenes
+Maedchen im Poetenwinkel kredenzt.
+
+Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekaemen wir keinen
+oesterreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein,
+was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fuelle bis zum
+Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.
+
+Vielleicht wird mir mancher ob meiner grossen Toleranz gegen Tabak und
+selbst gegen Alkohol zuernen, aber ich sorge dafuer, dass alles im Lot
+bleibt.
+
+Da in den Wirtschaftsraeumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch
+keiner der Gaeste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genoetigt,
+ihre Zeche recht schoen und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu
+lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern
+garantiert auch eine gewisse oeffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der
+aerztliche Befund solche Genuesse verbietet, koennen sich unten am Fluss in
+der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getraenk des
+Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhaeuslein
+im Gelaende, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der
+Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines
+Gesundungsheims, dass alle Kurgaeste, soweit es ihr Zustand erlaubt und
+wuenschenswert erscheinen laesst, arbeiten muessen. Aus faulem Nichtstun spross
+noch in den allerseltensten Faellen ein Heil. Nein, es werden alle
+Mitglieder unserer Gemeinde taetig sein, und dadurch werden sich auch die
+Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Dass ein guter
+Bestand geuebten Personals immer dasein muss, ist selbstverstaendlich. Aber
+wenn ich z. B. fuer den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine,
+die aufsichtfuehrende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei
+Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich
+gar nicht beirren, einer jungen Graefin solchen Schankdienst auf eine Woche
+aufzuerlegen. Wem es nicht passt, der geht! Wir werden alle unsere Gaeste
+mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen
+anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken
+allen Widerstaenden begegnen.
+
+Jeder Kurgast wird sich woechentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen
+und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die
+er in naechster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem
+Aerztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen fuer naechste Woche
+fuenfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn
+Forstarbeiter, neun Gaertnergehilfen, vier Angler, zwei Jaeger, neun
+Obstpfluecker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann fuer Wegebesserung,
+sieben Viehhueter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und
+Milchverschleisserinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwoelf
+Waeschebleicherinnen, drei Nachtwaechter, acht Frauen zum Spielen mit
+Kindern von vier Jahren aufwaerts, _ad libitum_ Kuenstler und Artisten,
+Dichter, Rezitatoren, Musiker, Saenger, Schnellmaler, Turner,
+Zauberkuenstler und aehnliches, 168 Kuechengehilfen fuer je drei Stunden
+taeglich, zwanzig Mann fuer Haushaelterarbeiten (vier Stunden), fuenf Boten
+(Radler), einen Mann fuer die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten
+Festchorus von beliebiger Staerke, zwei Laternenanzuender, zehn Frauen oder
+Maenner fuer die Vorbereitung des naechsten Waldfestes, zehn
+Hilfsbrieftraeger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen fuer die
+Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die
+das Kuehemelken und Kaesebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und
+vier Beisitzer (zwei maennliche und zwei weibliche) fuer unser privates
+Friedensgericht.
+
+Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfuellung
+geht, haengt natuerlich nicht von den Beduerfnissen der Kurverwaltung,
+sondern von dem Befund des Aerztekollegiums ab, und der schoenste Erfolg
+wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengaeste
+gedeckt werden. Dass die Arbeit immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur,
+immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverstaendlich. Das
+Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust
+und Quelle der Genesung und wuergt den alten Drachen ab, dessen Pestatem
+die Welt vergiftet: dass koerperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit
+trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es
+gerade durch koerperliche Taetigkeit gesunde, glueckliche Menschen schafft.
+So wird alle Verwaltungs- und Bueroarbeit als viel zu anstrengend unseren
+Gaesten niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, taetig
+sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und
+selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die
+Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie
+guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz gepraegt
+werden.
+
+Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schoener Tannen
+getrennt, beginnt die Baederstrasse. Es werden da in gesonderten Haeusern die
+Wannen- und Schwimmbaeder, die elektrischen und die Dampfbaeder
+eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und
+Sonnenbaeder und die Planschwiesen.
+
+Parallel mit der Baederstrasse geht der "Stille Weg". Es stehen da
+freundliche Haeuslein fuer solche Gaeste, die einer groesseren aerztlichen
+Beaufsichtigung und vermehrter Pflege beduerfen, die ihnen von
+Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gaeste wohnen "draussen". Es
+wird nicht zuviel auf Puelverlein und uebermaessiges Wassergepansch, auch
+nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf
+tuechtige koerperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten
+Kurgaeste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelaende
+nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, koennen wir sechzig grosse
+Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder
+Besitzung koennen vier Pferde, dreissig Stueck Rindvieh, Huehner, Gaense,
+Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere
+sollen von den Feriengaesten gepflegt werden, immer unter Leitung
+sachverstaendiger Personen. Denn der Herr und Koenig des ganzen Hofes wird
+der Bauer sein. Moege es uns gelingen, tuechtige Bauern zu finden, die nicht
+nur den Pflug zu fuehren wissen, sondern die kernige Menschen sind voll
+Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes.
+Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er
+wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Baeuerin, immer nur pflichtmaessig
+zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darueber tun will und darf, soll
+es tun.
+
+Oh, wie werden die Leute am "Stillen Weg", die ihr Zustand vom Glueck der
+Arbeit ausschliesst, sich sehnen, "hinaus"zuziehen in die gesunde, frische,
+befreiende Taetigkeit; wie gluecklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt
+eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher
+Hilfskaempe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunaechst mal die
+Tauben fuettern, den Huehnerstall nach Eiern absuchen und den Hund pruegeln,
+wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist,
+aufpassen, ob in den Nistkaesten Sperlinge oder Stare wohnen.
+
+ *
+
+An die Bauernhoefe knuepfe ich meine groesste Hoffnung. Ich moechte die in
+glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit
+wenigstens in Ferienwochen heimfuehren. Es soll und es muss gelingen. Alle,
+die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen,
+losgeloest von allem, was sie drueckte und knickte, auf einige selige Wochen
+zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoss unseres Kulturlebens zurueckkehrten,
+zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben - sie muessen mit gesuenderem Herzblut
+in ihr Leben zurueckkehren, sie muessen mehr gewinnen als durch
+Mineralwasser und Baederzerstreuung.
+
+Die Hirten, Fischer und Jaeger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da
+einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er ueberreizt war, der soll
+oben an der Ginsterheide die Kuehe hueten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam
+sein muessen, dass die Bullen sich nicht bekaempfen und dass gluecksduselige
+Muttertiere mit ihren mutwilligen Kaelbern nicht den nahen Klee
+zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig
+ausgestatteten Hirtenhaeuslein sitzen, die wiederkaeuenden Tiere werden um
+ihn sein, und die Sterne werden ueber ihm wandern und ewige Worte zu ihm
+reden; es wird aus Verlassenheit und Gram ganz maehlich Ruhe und Frieden
+werden, und in den Menschenhass wird sich die Sehnsucht einschleichen:
+"Naechsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge
+und sehe lustigen Menschen zu!"
+
+Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Aerzten suchen
+muessen. Nicht ihr aerztliches Wissen ist fuer mich in der Hauptsache
+massgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind,
+danach werde ich fragen. Die Jaeger - ach, die Jaeger, wird es wohl heissen,
+sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die
+Stubenhocker werde ich auf die Puersche schicken und nur die Zappeligen und
+Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiss, einen zu erlegen. Wie
+sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fuenf Stunden lang. Immer
+vergebens. Und die Muecken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie
+werden nicht schimpfen duerfen, wie sie es sonst tun.
+
+So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie
+befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine
+Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends
+im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andaechtigsten der Lebensfreude.
+
+Bauernhaeuser, Fischerhuetten, Jaeger- und Hirtenhaeuslein, das werden in der
+Hauptsache die Wohnstaetten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich
+mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmoegenden Kommission
+einreichen, aber eben darum hoffe ich, dass es gut ist. Im uebrigen bekenne
+ich frei, dass ich mich auf Architektenkunststuecke nicht verstehe.
+
+Ich habe trotzdem auf einer grossen Karte unser ganzes Gelaende
+aufgezeichnet und ueberall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die
+Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhaeuslein, die
+Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her
+fuehren Stege und Landstrassen, alle krumm und winkelig, aber angemessen
+dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlaegen,
+Hecken, Baechlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir
+kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natuerlich ab, nur an
+der einen Stelle, wo das Gelaende nach der Stadt eben uebergeht, wollen wir
+eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser
+"Zeughaus" stehen. Dort wird der Ankoemmling, der sich entschlossen hat,
+unsere Ferien zu ueben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr,
+Geld, alles, was er bei sich traegt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer
+Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.
+
+Das ist mein Plan. Ich weiss nicht, ob er so ausgefuehrt werden kann, ich
+weiss nur, dass er so ausgefuehrt werden sollte.
+
+
+
+
+
+ DAS KIND
+
+
+Mitten in der Arbeit taucht viel oefter, als mir lieb ist, das Bild der
+kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das
+Kind im Hotel fand, war es ganz veraengstigt, zitterte und weinte. Auf alle
+Fragen sagte es immer nur: "Ich will heim!" Zu den Schindern ins Elend
+wollte es zurueck, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir
+fuerchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie
+sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich.
+Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Pruegel bekommen. Ich
+sagte freundlich zu ihr:
+
+"Luise, fuerchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich
+bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel."
+
+Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm
+erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter
+oder eine Grossmutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es
+war auch besser; denn ich haette ihr sagen muessen: "Nein, das hast du alles
+nicht; du hast nur einen Onkel." Waehrend ich mir noch vergeblich Muehe gab,
+ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit
+einem Diener, der ein grosses Paket schleppte. Das Paket legte der
+Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte:
+
+"So, da habe ich dir ein bisschen Spielkram gekauft!" Es war eine kleine
+Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege,
+Hampelmaenner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und
+viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr
+ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Haendchen, tastete
+schuechtern nach einer Puppe, zuckte aber zurueck. Da fuhr sie Stefenson an:
+"Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das musst du
+nehmen. Damit musst du spielen, sonst setzt es was ab!"
+
+Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing
+gehorsam an zu spielen. Nach fuenf Minuten kam ein leises Lachen, das
+Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim
+ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Zuege, sah in Joachims Augen. Ich
+erinnere mich nicht, je ein kleines Maedchen gesehen zu haben, das so
+auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder aehnlich
+ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am
+fuenften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte:
+
+"Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel waeren, ob ich
+vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das faellt mir gar nicht
+ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn
+gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden."
+
+Ich wusste schon, dass Luise in grosser Liebe und Dankbarkeit an Stefenson
+hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Fuersorge tat
+ihr wohl.
+
+So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thueringen fahren und
+wir nach Waltersburg zurueckkehren mussten, schmerzlich fuer das Kind. Nur
+der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise
+inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte.
+
+Als wir im Eisenbahnwagen sassen, sagte Stefenson: "Die Gefuehlsduselei mit
+dem Kinde hoert nun auf. Dazu haben wir keine Zeit."
+
+Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter
+mit fragenden Augen entgegen.
+
+"Ich habe das Kind in saubere Verhaeltnisse gebracht", sagte ich ihr und
+ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzaehlte
+nichts. Wir fuehlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns
+aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben,
+es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen
+erzaehlte, dessen Schicksal mich nichts angehe.
+
+ *
+
+Die Zeichnungen, der Aufbau meines grossen Ferienheims nahmen mich fortan
+ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glueckstage, Tage voll
+Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefuehl. Und doch stahl sich Luises Bild bei
+Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei
+verlorenen Arbeitstagen laege nicht viel, Stefenson saesse sicher weit unten
+in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwaegungen sass ich in
+einem Schnellzuge nach Thueringen.
+
+Ich hatte die Freude, dass mir Luise vertrauensvoll und dankbar
+entgegenkam, und dass sie sich schuechtern an mich schmiegte, als ich sie
+auf die Stirn kuesste.
+
+Die wuerdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze
+Zeit, als dass das Kind sich schon in ihm voellig fremde Kultur ganz haette
+fuegen koennen; aber Luise zeige so gute koerperliche und geistige Anlagen,
+dass sie hoffe, das Kind wuerde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt
+lag an der Promenade der huebschen thueringischen Stadt. Als ich das Haus
+verliess, sass gegenueber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es
+blieb mir gar keine Zeit, mich gross zu erstaunen, sondern er trat mir
+gleich entgegen und sagte muerrisch:
+
+"Ich finde das sehr merkwuerdig von Ihnen, dass Sie auch jetzt noch Zeit zu
+solchen Exkursionen haben." "Ach, Mister Stefenson", entgegnete ich
+heiter, "ich dachte, Sie waeren Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach
+Sizilien."
+
+"Sticheln Sie nicht", entgegnete er finster; "ich bin nicht nach Sizilien
+gefahren zum Amuesement oder um einem kleinen Gaenschen nachzureisen,
+sondern um in aller Ruhe die Plaene fuer unser Ferienheim machen zu koennen.
+Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plaenen, die ich gemacht habe,
+weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt
+und den dritten in Luzern ueberhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte
+ich doch gehofft, Sie wuerden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu
+bleiben und zu arbeiten."
+
+"Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig."
+
+"Ah - das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?"
+
+"Was er kostet, wie er balanciert, weiss ich nicht. Das ist nicht meine
+Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofuer sind Sie da?"
+
+"Fuers Geldgeben!"
+
+Er schuettelte melancholisch den Kopf.
+
+"Ihr Plan ist unrentabel", sagte er duester.
+
+"Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzaehlen. Ein
+Schlaechter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer
+fuehrte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte
+der Schlaechter: 'Aber Mensch, wie kann ich Ihnen fuer ein so elendes Tier
+so viel Geld geben, wie Sie verlangen?' - 'Sachte', sagte der Bauer, 'das
+hier ist nur der Ruebenraum, die Kuh steht erst hinter der naechsten Tuer.'"
+
+"Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?" grollte Stefenson.
+
+"Fahren wir erst nach Hause", entgegnete ich. "Und vorher koennen Sie ja
+mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus."
+
+"Das faellt mir nicht ein", sagte Stefenson kalt. "Ich hasse diese deutsche
+Sentimentalitaet."
+
+So fuhren wir nach Hause. Ich uebergab Stefenson meine Zeichnungen und
+schriftlichen Ausfuehrungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer
+noch in einem Hotel wohnte. Nach fuenf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es
+hiess, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich
+darueber nach, wohin Stefenson wohl sein koenne. Dann telegraphierte ich an
+die Vorsteherin des Instituts in Thueringen:
+
+"Ist Mister Stefenson noch dort?"
+
+Am Abend kam die Antwort:
+
+"Stefenson war hier, ist aber eben zurueckgereist."
+
+Darauf machte ich mir das Vergnuegen, zum Neustaedter Bahnhof zu gehen und
+den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, dass er Herrn Stefenson
+mitfuehren wuerde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch
+festgestellt.
+
+Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm ploetzlich entgegen,
+und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn ploetzlich auf der
+Promenadenbank in Thueringen traf.
+
+"Guten Abend, Mister Stefenson", sagte ich, "wie geht es der kleinen
+Luise?"
+
+"Wieso - wieso - Luise - was geht mich das Gaenschen an?" versuchte er sich
+herauszuluegen.
+
+Ich blickte ihn freundlich an und sagte:
+
+"Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, dass Sie
+dort waren."
+
+Da hustete er.
+
+"Wissen Sie was", sagte er zornig, "es ist nicht schoen, dass Sie mir
+nachspionieren. Was geht mich das Gaenschen an? Aber da Sie schon mal so
+ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann fuer diese Schwaeche nichts.
+Meine Mutter war eine Deutsche."
+
+
+
+
+
+ VORARBEITEN
+
+
+Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein
+Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, dass ich
+ein Tagebuch fuehre und darin manches ueber den Ausbau unseres Ferienheims,
+aber auch ueber seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit
+quaelte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektuere zu ueberlassen. Er war
+neugierig wie ein Backfisch, und es nuetzten mich alle Versuche nichts, ihm
+klarzumachen, dass es - gelinde gesagt - sehr indiskret sei, Einblick in
+ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die
+Aufzeichnungen in Haenden hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches
+Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.
+
+Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurueck und sagte, indem er
+ein sauersuesses Laecheln zwischen seinen duennen Lippen zerquetschte: "Sie
+haben mich sehr schlecht charakterisiert."
+
+"Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des
+Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen."
+
+Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch
+nichts, und ging wieder nach seinem "Buero". Dieses besteht aus einer
+Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstuehle, ein
+Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausruestung bilden. Der
+Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Plaene
+unserer Ferienhaeuser, sind Aktenstoesse, stehen Modelle. In einem Nebenraume
+klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal,
+Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schoenste Musik.
+
+In dem Buero sind unsere Beratungen. Dorthin muessen Architekten,
+Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende
+zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den
+Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschliessen oder mir doch eine rein
+zuhoerende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine
+vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut
+fuer Engros-Schweineschlaechterei, aber nicht fuer mein romantisches
+Ferienheim eignen moege, wurde er immer stiller und liess mich nach und nach
+mit den Architekten selbstaendig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte
+er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von
+morgens fuenf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermuedung zu zeigen.
+Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit
+entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt fuer
+Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das
+Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng
+verpoent, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern
+planmaessige, geordnete Arbeit wird geleistet, Fuer und Wider werden kurz
+beleuchtet, Nebensaechlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der
+Beschluss knapp und fast immer schriftlich gefasst; dann wird aber auch im
+Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder
+zurueckgegriffen. So wusste man am Schluss solcher Verhandlungen immer: das
+stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muss es
+ausgefuehrt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur,
+und etwas schwaermerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken
+durcheinander purzeln, koennen viel von solchem Manne lernen. Nur darf
+Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge
+lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen
+die reinsten Antipoden; aber ich schaetze es als Glueck, mit einem so klaren
+Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn ueber
+seine Kaltschnaeuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben
+Haendel miteinander - je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn
+ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein groesseres Unglueck
+auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden,
+und kaum einen groesseren Vorteil, als einen klugen Freund.
+
+ *
+
+Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger
+ungefaehr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hoert. Die Leute
+wunderten sich rasend. Sie steckten die Koepfe zusammen, redeten viel auf
+den Bierbaenken und kamen doch, da sie immer nur Geruechtsbrocken sammeln
+konnten, zu keinem klaren Bilde.
+
+Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geaeussert
+hat: es scheine sich um eine Art Verruecktenanstalt im grossen zu handeln;
+den noetigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu
+haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat
+an Tollheit ergaenzt.
+
+Guenstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu
+dem neidischen und veraergerten Gefuehl, das einem unerwarteten Werk vom
+lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer
+Verdruss. Stefenson hatte erklaert, dass er eine ganz neue Gemeinde begruenden
+werde mit einem eigenen Buergermeister und einer Verwaltung, die alles im
+Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.
+
+Darueber waren die Waltersburger wuetend. Nachdem ihnen schon die Neustaedter
+untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig ueber den Kopf gewachsen
+waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden
+abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs
+verkuerzte und die eigene Stadt in immer kuemmerlichere Unberuehmtheit
+draengte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmaessigen Anlagen, die
+sich aergert, wenn ihre Toechter in der Gesellschaft Glueck haben.
+
+Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild,
+das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begueterter Graf, der ehemals hier
+residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit
+des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht fuer die Waltersburger, die das
+Gemaelde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, "das
+Faerberchen", hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stuecken viel
+Mittelmaessiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein grosses neues
+Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr
+Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttaeuschung war
+gross; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem
+Handbuche ueberhaupt nicht erwaehnt. Der Schrei der Empoerung, den damals der
+gebildete Teil der Stadt ausstiess, hat noch heute ein Echo in vielen
+Herzen.
+
+Fuer uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem
+Saale des groessten Waltersburger Hotels, den "Drei Raben". Er lud zu dieser
+"freien Zusammenkunft, in der er Aufschluesse ueber seine Neugruendung geben
+werde", nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen,
+sondern auch je einen Schuster, Schneider, Baecker, wie alle anderen
+Handwerkszweige mit ihren Frauen. "Es muss wie bei der Arche Noahs sein",
+sagte er gut gelaunt, "von jeder Art ein Paerchen." Der Erfolg war schwach.
+Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten
+unparteiischen Art, aber andere ruempften ausserordentlich stark die Nasen,
+und als die Versammlung begann, zeigte es sich, dass fast gar keine Frauen
+da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entruestet
+erklaert, man koenne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen,
+und fast alle anderen "Damen der Gesellschaft" hatten sich dieser
+Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich
+"geniert", zu kommen. Aber auch die Maenner waren nur in schwacher Anzahl
+erschienen. Der Magistrat liess sich durch einen Beisitzer vertreten. Am
+meisten freute es mich, dass der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum
+Leiter der Versammlung gewaehlt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die
+deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter
+ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, dass
+Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war,
+dass aber sein Grossvater bis zu seinem dreissigsten Lebensjahre in Hamburg
+gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hiess. Stefenson hat rein deutsches
+Blut in sich.
+
+Der "Mister" sprach. Er sagte, ueber die Idee seiner geplanten Kuranstalt
+wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhoertes, geniales Problem (dabei
+trat er mich grob auf den Fuss!), dass er es im Rahmen einer so kurzen
+Aussprache nicht erlaeutern koenne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend
+guenstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der
+Umgebung wesentlich uebertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein
+Freund und aerztlicher Beirat sei ja, wie alle wuessten, ein Waltersburger
+Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelaende fuer die Ausfuehrung
+seiner Idee gewaehlt. Er gehoere zu den Leuten, die sich eher das eigene
+Hemd ausziehen, als dass sie zugeben, dass der Freund friere. (Frau
+Postschaffner Hempel verliess entruestet das Lokal.) "Kommen Sie gut nach
+Hause, Frauchen!" ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm.
+Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entruestung: "Das ist
+ja kolossal!" und stampft seiner Ehehaelfte nach.) "Also", faehrt Stefenson
+ruhig fort, "was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige
+nicht, eine neue politische Gemeinde zu gruenden; ich werde meine Siedelung
+unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen."
+(Freudige Verblueffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit
+den Fingern auf den Tisch.) "Ja", geht Stefensons Rede weiter, "wir werden
+unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen
+'Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich' geben, und der Schnickschnack vom
+sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst
+zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugruendung. (Der Beisitzer
+springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und
+stuermt aus dem Saal.) Mitbuerger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von
+den Damen ist nur noch die phlegmatische Gaertnersfrau Baechel anwesend.) Es
+macht mich gluecklich, dass Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas
+Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, dass binnen zwei Jahren
+unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern
+tragen wird, so dass Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig
+Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo.
+Baeckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stuerzen im
+Geschwindschritt von Siegesboten auf die Strasse.) Ja, aber, meine sehr
+teuren Mitbuerger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen muessen.
+(Kunstpause des Redners. Bedruecktes Schweigen der Zuhoerer.) Wir haben
+nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir
+muessen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muss alles fix und
+fertig sein. Sie werden begreifen, dass dafuer ein Heer von Architekten,
+Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Toepfern, Tischlern,
+Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gaertnern und
+Hilfsarbeitern aller Art noetig sein wird, nicht zu rechnen die Legion
+derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern,
+Schuhen, Muetzen und Waesche. Ja, liebe Waltersburger Mitbuerger, Ihre ganze
+praechtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muss ich mobil machen,
+um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb
+verzehnfachen muessen ..."
+
+Der Redner hielt inne; denn die Zuhoererschaft keuchte zu laut. Die
+Erregung stieg aufs hoechste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin
+gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlussbemerkung: "Ich moechte mit
+Waltersburger Buergern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so
+wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt
+werden."
+
+Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gaertnersfrau wappelte
+sich empor und wischte sich den Schweiss von der Stirn.
+
+Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.
+
+"Das ist gut!" rief er; "das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!"
+
+"Hoch!" schrien die paar Maennlein, die noch da waren. Im selben Augenblick
+stuerzte der Beisitzer in den Saal.
+
+"Der Herr Buergermeister", keuchte er, "der Herr Buergermeister, der bis
+jetzt leider verhindert war, kommt selbst."
+
+Stefenson nickte ihm laechelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe,
+Maenner und Frauen aller Gesellschaftsschichten fuellten den Saal. Eine
+halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren,
+auch der Buergermeister, sagte er:
+
+"Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, ueber meine
+Neugruendung heute ausgefuehrt habe, nun nichts mehr hinzuzufuegen."
+
+Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer
+glaenzenden Erfassung der Situation sagte:
+
+"Ich schliesse die Sitzung!"
+
+
+
+
+
+ DIE "NEUSTAeDTER UMSCHAU"
+
+
+In Neustadt erscheint ein Blaettchen, die "Neustaedter Umschau". Es kommt
+woechentlich zweimal heraus in einem Umfang, dass eine einzige Nummer
+genuegt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen
+Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es
+meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben
+ehemalige Lehrer, ein "sehr gebildeter" Schlossermeister, davongejagte
+Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der
+Verleger waehlte von der ganzen Rotte den Unfaehigsten, einen
+herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der
+"Umschau" mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die "Umschau"
+in der Art, dass er in seiner nuechternen Tagesstunde, die vormittags nach
+seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustaedter Kurhauses
+den Stoff fuer die naechste Nummer aus grossstaedtischen Zeitungen abschreibt.
+Einen lokalen Teil hat die "Umschau" kaum; jedenfalls war er stets aeusserst
+jaemmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte,
+wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim
+brachte.
+
+Der erste Artikel beschaeftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgefuehrt,
+dass ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse
+Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen
+habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden
+Menschheit meine aerztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden,
+mit dem ich zu tun gehabt haette, waere die Seekrankheit gewesen, und da
+sich gegen diese bekanntlich ueberhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja
+sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum
+Ausruhen gehabt, dass ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluss
+der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt "Ferien vom Ich" gekommen
+sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch
+sonst alle moegliche Foerderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad
+spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es waere nur zu
+bedauern, wenn sich die Neugruendung nicht bis zum naechsten Fasching
+hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnuegungsprogramm von Neustadt
+wuerde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit
+hiesse: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt "Ferien vom Ich".
+Aengstliche seien versichert, dass ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu
+befuerchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz
+harmlos und kindlich aeussere.
+
+ *
+
+Das war der Begruessungsartikel, der meiner Gruendung von dem
+freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir
+persoenlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las.
+
+"Niedlich!" sagte ich; "ich haette das den Kerlen gar nicht zugetraut."
+
+"Na, sehen Sie", atmete Stefenson auf, "es freut mich, dass Sie nicht
+entruestet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen
+wollen. Der Artikel ist wirklich nett."
+
+Eine der naechsten Nummern der "Umschau" beschaeftigte sich mit Mister
+Stefenson. Es hiess darin, nach authentischen Auskuenften aus Amerika sei
+Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger
+Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwuerdigsten
+Geschaeftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Moeglichkeiten. Seine
+geschaeftliche Laufbahn habe Stefenson als Kuechenboy in einem Hotel vierten
+Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Loeffel, ueber den jenes
+Hotel verfuegte, eines Tages verschwand und ganz zufaellig in der
+Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte,
+aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz
+unerklaerliche Art gekommen waere, sei der vielversprechende junge Mann nach
+Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglueck verfolgt worden.
+Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Juengling wegen
+angeblichen Pferdediebstahls hingen, riss und also gewissermassen ein
+Zeichen vom Himmel fuer die Unschuld des Gerichteten vorlag, haetten die
+barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so fuerchterlich
+gepruegelt, dass Stefenson zwei kuenstliche Rippen als Andenken an jenes
+Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die
+Waltersburger im Begriff staenden, zu ihrem Ehrenbuerger zu machen, sei
+ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfaellen gewesen. Stefenson sei
+einmal als Kutscher bei einem grossen Petroleumtransport engagiert gewesen.
+Dieser Transport sei von Indianern ueberfallen, die ganze Begleitmannschaft
+tot- und saemtliche Petroleumfaesser entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson
+sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden
+Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefuegt, dass Stefenson am
+naechsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer
+benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelaende
+aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden
+seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des
+Ueberfalls gruendlich beseitigt hatte, auf das Gelaende gefuehrt, allwo noch
+ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen haetten sich
+bereit erklaert, an Stefenson zunaechst mal fuenfhundert Pfund zu zahlen,
+damit er alles Noetige fuer die Erschliessung der Quellen in die Wege leite.
+Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst ueberlegt habe,
+haette er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, muesse er an der
+Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern
+lieber weitere unnoetige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch "Good
+bye" und andere Abschiedsfoermlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago
+verschwinden.
+
+Die fuenfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark),
+die Stefenson mitgenommen habe, haetten die Basis fuer seine weiteren
+geschaeftlichen Unternehmungen gebildet, fuer Unternehmungen, die nicht
+weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei
+Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermoegen gekommen. Da aber die
+engherzigen amerikanischen Richter oefters an Herrn Stefensons
+Geschaeftsusancen Anstoss genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen
+Manne trotz der geradezu luxurioesen Ausstattung der amerikanischen
+Gefaengnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall
+gekommen, sein Wirkungsfeld voruebergehend mal nach Deutschland zu
+verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das
+weisse Lamm im gruenen Felde in ihrem Wappen fuehre.
+
+Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in grosse Aufregung.
+Stefenson verstand mich nicht.
+
+"Es ist wahr", sagte er; "der Artikel koennte farbenreicher gehalten sein,
+die Geschehnisse sind etwas nuechtern gegeben, aber, mein Lieber, der
+heutige Geschmack verpoent das Allzukrasse. Ich finde den Artikel
+ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich ueber Sie in dieser
+Zeitung stand."
+
+"Stefenson!" schrie ich ihn an; "sehen Sie denn nicht ein, dass uns dieser
+Zeilenschmierer, dieser Sueffling unmoeglich macht? Jetzt bleibt nicht
+anderes mehr uebrig, jetzt muessen Sie den Mann verklagen."
+
+"Ja, glauben Sie, dass ich toll bin?" entgegnete Stefenson. Ich erzaehlte
+ihm, was schon der Artikel ueber mich fuer allerhand Unheil angerichtet
+habe. Nicht bloss, dass sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe
+geweint habe, ich haette gehoert, wie die Leute hinter mir zischelten.
+"Stefenson, unseren guten Ruf muessen wir behalten, sonst sind wir
+ruiniert."
+
+"Guten Ruf?" verwunderte er sich. "Wie kann man seinen guten Ruf behalten,
+wenn man Geschaefte macht? Das ist doch unmoeglich. Er wird einem doch
+selbstverstaendlich kaputt gemacht. Wenigstens aeusserlich - in der
+gegnerischen Presse - das ist ja unausbleiblich. Darueber regt man sich
+doch nicht auf!"
+
+Ein Bruellen toente von der Strasse herauf.
+
+"Der Pferdedieb! - Der Loeffelstehler! - Der Petroleumstaenker! Raus, raus!"
+
+Stefenson lugte durch die Gardine.
+
+"Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstaedtisch.
+Petroleumstaenker ist bei der Kuerze der Zeit schon ein ganz gut gepraegter
+Zuruf!"
+
+"Stefenson, es geht nicht - Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie
+sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren."
+
+"Desto besser."
+
+"Die Geschaeftsleute werden nicht mehr liefern."
+
+"Gegen bar werden sie bestimmt liefern."
+
+"Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen
+Artikel nicht Zeile fuer Zeile in oeffentlichem Gerichtsverfahren als Luege
+brandmarken."
+
+"Das soll mir gewiss nicht einfallen", lachte er.
+
+Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand.
+Das Laermen auf der Strasse wurde indes lauter, die demonstrierende Schar
+wurde groesser. Da verliess mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen
+Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg
+betroffen und gab eine Gasse frei, dann laermten die Leute hinter Stefenson
+her. Ich war so verbittert, dass ich wohl eine Stunde lang planlos vor der
+Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Buero aufsuchte.
+
+"Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?" fragte er gleich bei
+meinem Eintritt. "Seinen Kontrakt mit mir hat er geloest. Der Esel! Mir hat
+er einen grossen Gefallen getan; denn ich weiss einen tuechtigeren und
+billigeren Mann, als er ist, und bin froh, dass ich ihn loswurde. Glueck muss
+man haben!" Er rieb sich die Haende.
+
+"Mister Stefenson", sagte ich ernst; "wir werden wohl unsere Kontrakte
+alle loesen muessen. Denn obwohl ich natuerlich von dem Schundartikel eines
+verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar,
+dass unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem
+Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermoegen nicht ohne die
+Achtung unserer Mitbuerger zu bestehen. Wir werden unmoeglich!"
+
+Stefenson ging mit grossen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner
+pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann:
+
+"Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren - meine Mutter war ja
+auch 'ne Deutsche ..."
+
+"Und Ihr Grossvater vaeterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg", wollte
+ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber.
+
+"Ja, also die Deutschen", fuhr Stefenson fort, "bilden sich was ein auf
+den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Voelker,
+gar nicht haben. Schoen - ich gebe zu, Sie haben Dichter, die
+ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind
+vielfach mit einer betraechtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist
+alles so - entschuldigen Sie - so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf
+Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Grosse geht, der fehlt Ihren
+Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anstaendiger Mann
+sein Geld und seine Zeit auf eine grosse, aber sehr wackelige Sache setzt,
+und es kommt so 'n Pressaeffchen und klaefft was von Pferdedieb und
+Petroleumstaenker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat
+doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn
+der Leser nur ein bisschen Hirnschmalz hat, faellt's ihm nicht ein, ein Wort
+zu glauben. Aber er tut so, als ob er's glaubte, er mimt mit in der
+Maskerade und amuesiert sich dabei koeniglich. Und der, dem der Feldzug
+gilt, wird ein bekannter, ein beruehmter, ein reicher Mann. So sind alle
+zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die
+eine amuesante Fruehstueckslektuere gehabt haben, und der Mann, der
+angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika
+ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu
+erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Oeffentlichkeit
+angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem
+Grunde des Vertrauens seiner Mitbuerger. Aber der Humor, Mensch, der Humor
+darf nicht fehlen!"
+
+"Wir in Deutschland haben einen anderen Humor", sagte ich und war froh,
+dass es so ist.
+
+Da kam einer unserer Baufuehrer und meldete kleinlaut, dass wahrscheinlich
+fast alle unsere Arbeiter kuendigen wuerden. Als er gegangen war, sass
+Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch.
+
+"Werden Sie nun begreifen", fragte ich, "dass Sie die gerichtliche Klage
+anstrengen _muessen_, dass es absolut Zwang fuer uns ist?"
+
+"Ich kann die Leute nicht verklagen", sagte Stefenson schwermuetig.
+
+"Sie koennen nicht?" fragte ich betroffen. "Warum koennen Sie nicht?"
+
+"Weil ich den Artikel ueber Sie und ueber mich selbst geschrieben habe."
+
+Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand.
+
+"Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in
+das Neustaedter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist
+billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der
+Verleger, so dass sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in
+ihrem Blatte recht kraeftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte
+so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger
+Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustaedter
+"Umschau" loslassen. Das sollte so huebsch hinueber und herueber gehen, bis
+zuerst die Provinz- und dann die hauptstaedtische Presse davon Notiz nahm
+und im bunten Teil Auszuege braechte, etwa unter der Ueberschrift: 'Der Sturm
+im Wasserglase' oder 'Krieg der Zaunkoenige' oder 'Ein Mordsskandal in
+Dingsda' oder so aehnlich. Da haette nun das grosse Publikum auf einmal etwas
+von uns gehoert, haette die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung
+sensationellen Humors geschluckt, und ueberall haette man von uns und
+unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir waeren durchgewesen.
+Diese ganze schoene Propagandaidee haette mich etwa lumpige tausend Mark
+gekostet, und nun faellt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute
+zusammen."
+
+Ich kam aus der Verblueffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich,
+was zu tun sei.
+
+Es stellte sich heraus, dass Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen
+Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, dass also
+Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile
+einen kurzen Artikel fuer unser "Waltersburger Tageblatt". Er lautete:
+
+"Einen fuerchterlichen Reinfall haben die Neustaedter erlebt. Ihre
+weitverbreitete 'Umschau' hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein
+Druckfehler) Schauermaeren ueber die Unternehmer der in Waltersburg zu
+begruendenden grossen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu
+grotesker Dummheit. Waehrend das gebildete Waltersburger Publikum diese
+klatschfetten Zeitungsenten als solche natuerlich sofort erkannt hat,
+sollen sie gewissen Neustaedter Kreisen ueber die Massen gemundet haben. Denn
+der Hass gegen das aufbluehende Waltersburg ist zu gross, als dass nicht auch
+die eselhafteste Luege, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet
+ist, in Neustadt Glauben faende. Wie schwer der Reinfall ist, moege
+folgender Aufschluss bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm
+hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmaehten Stadt 'mit dem
+weissen Lamm als Wappentier', eine Genugtuung geben wollen, indem er die
+Neustaedter Bevoelkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen liess. Mister
+Stefenson hat - wie vorliegende Dokumente beweisen - die beiden
+aufsehenerregenden Artikel, die natuerlich von A bis Z erfunden sind,
+naemlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn
+Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der
+'Neustaedter Umschau' veroeffentlicht. So viel war ihm der Spass wert. Die
+Neustaedter aber moegen nun die Zoologie nach einem fuer sie passenden
+Wappentier gefaelligst selbst durchforschen."
+
+Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drueckte er mir die
+Hand.
+
+"Ich danke Ihnen", sagte er anerkennend; "Sie sind gar nicht so
+unamerikanisch."
+
+ *
+
+Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen,
+dass ich ein reines Glueck im Herzen fuehlte, als ich unser Ferienheim so
+fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrueckten
+mich oft, und wenn ich sie abends in ihren grossen Baracken lachen und
+laermen hoerte, dachte ich daran, wie schoen es war, als noch die stillen
+Raine durch gruene Felder liefen. Ueberall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege,
+Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fuehlte mich auf diesen Bauplaetzen
+ausserordentlich unbehaglich, und wenn ein schoener Baum zum Opfer fallen
+muss, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein grosses
+Unrecht geschaehe.
+
+Fuer den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein
+Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich
+glaube, ich sehe alles zu schoen; es kann in Wirklichkeit nicht so werden,
+wie ich es traeume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer.
+Erst, wenn "aufgeraeumt" sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu
+gefallen.
+
+Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im
+Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft
+werden.
+
+
+
+
+
+ JOACHIM
+
+
+Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: "Treffe drei Uhr fuenfzig
+nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim." Das Telegramm war
+fruehmorgens in Berlin aufgegeben.
+
+Erst langsam begriff ich, dass da etwas Wunderliches geschah, dass mein
+verschollener Bruder ploetzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiss durchs
+Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzaehlen. Aber
+ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgueltig:
+
+"Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab."
+
+"Ich weiss nicht, wie ich's mit der Mutter machen soll."
+
+"Der Mutter wuerde ich vorlaeufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht,
+warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm."
+
+Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof.
+Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief,
+war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm
+zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich:
+
+"Willkommen, Joachim; ich freue mich, dass du gekommen bist."
+
+Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht.
+
+"Weiss es die Mutter?"
+
+"Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen."
+
+"Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich
+heisse Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore."
+
+Er sprach mit einem Gepaecktraeger; dann fuhren wir nach einem Hotel.
+
+Unterwegs fragte ich ihn:
+
+"Bist du gesund?"
+
+"Ja - oder auch nein - ach Gott, ich weiss es selbst nicht."
+
+Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig
+auszuruhen, aber er noetigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem
+Reisekoffer sass er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit
+gepresster, etwas stossender Stimme:
+
+"Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich haette es nie fuer moeglich
+gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine
+Sicherheit - das Heimweh - das quaelende Heimweh ..."
+
+Ich trat ans Fenster und sah auf die Strasse.
+
+"Fritz!"
+
+Ich wandte mich ihm wieder zu.
+
+"Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat - nun ja, ich muss schon
+Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht - warum habt ihr
+eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?"
+
+"Was fuer eine Geschichte mit dem Tagebuch?"
+
+"Nun, dass du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir
+geschaeftlich verbunden ist, dein Tagebuch ueber Waltersburg hast schicken
+lassen."
+
+"Ich dir mein - hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?"
+
+"Ja, natuerlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift."
+
+"Oh, dieser Mensch - dieser Stefenson!"
+
+"Weisst du gar nichts darum?"
+
+"Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen
+Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus
+purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir
+geschickt."
+
+"Ja. Ich bekam die Blaetter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es
+ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie
+manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe
+sie endlich doch gelesen, taeglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle
+war, so dass ich notduerftig meine Angelegenheiten ordnete, und - und nun
+eben da bin."
+
+"Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?" fragte ich
+verwundert.
+
+"Ja, du weisst nicht, was das heisst, keine Heimat mehr zu haben. Die
+anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue
+Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfuehlen. Ich habe
+nichts von alledem gesucht und bin ganz losgeloest von aller Wurzelerde
+gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von
+dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte ueber die Mutter, selbst die
+Geschichten ueber das Spiessertum in der Heimat haben eine - nun ja, ich
+gestehe es - eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann
+auch das - auch das - aber lassen wir das!"
+
+Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht ueber
+die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah,
+in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und huetete mich, dieses
+ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen.
+
+Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riss dann
+ploetzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich
+mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend:
+
+"Ach Gott, ich bin doch froh, dass ich hier bin."
+
+Wir reichten uns stumm die Haende.
+
+Dann sagte ich:
+
+"Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Maenner beraten, was zu
+tun ist."
+
+Er sah mich von der Seite an.
+
+"Du weisst wohl natuerlich auch nicht, dass mich Mister Stefenson als zweiten
+Arzt fuer dein Sanatorium berufen hat?"
+
+"Hat er das?"
+
+"Ja, allerdings nur unter der Bedingung, dass mir deine Idee von den Ferien
+vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernuenftig und
+fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!"
+
+Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht.
+
+"Schoenen Dank, Joachim. Du weisst, wie sehr ich dich immer mir fuer
+ueberlegen gehalten habe."
+
+Er winkte, schwermuetig den Kopf schuettelnd, ab. Dann setzte er sich mir
+gegenueber und ergriff wieder meine Hand.
+
+"Sieh mal, Junge, dass du mich nun fuenf Jahre lang gesucht hast - das - nun
+ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir
+wird, weiss ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal
+ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem
+Rat zugaenglich sein. Aber ich moechte nicht erkannt werden; ich moechte
+nicht, dass all der Schwatz und Klatsch - ach, lass uns die heilige Stunde
+nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es moeglich waere, dass ich
+als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gaelte, saehe ich mir gern
+auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag
+dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten,
+ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen
+Tag, jeder ist fern von dem gluecksfeindlichen Schwarm, der einem aus der
+Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich moechte der erste sein,
+der in deiner Zufluchtsstaette Ferien macht von seinem Ich."
+
+Beide Haende streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen
+himmlischen Segens fuer meine Gruendung stand der langvermisste Bruder vor
+mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich
+ein Glueck herrlicher fuegen! In dem ueberstroemenden Gefuehl des Augenblicks
+sagte ich:
+
+"Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zuerne mir nicht, wenn
+ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der
+kleinen Luise."
+
+Da wurde sein Gesicht finster.
+
+"Ich kann noch nicht - lass mir Zeit!"
+
+Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die
+Fenster. Allmaehlich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen
+Plaene fuer die naechste Zukunft.
+
+ *
+
+Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, sass
+dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte:
+
+"Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der groessten Prachtkerle
+der Welt. Da ist er - mein Bruder Joachim - den Sie heimgezaubert haben."
+
+Stefenson antwortete mir nicht, schuettelte aber dem Bruder herzlich die
+Hand.
+
+"Das ist schoen, dass Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar
+nicht; denn ein Mann wie Sie laesst sich nicht herzaubern. Aber dass Sie
+gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glueck; denn
+Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften,
+aber im ganzen ist er ein Schwaermer."
+
+"Danke, Mister Stefenson!"
+
+"O bitte!"
+
+Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschaeftliche.
+
+"Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Baeder,
+ueberhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen
+wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis
+jetzt nur in den Aussenumrissen fertiggestellt; die endgueltige innere
+Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kaemen; denn Sie haben in solchen
+Dingen grosse Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr
+bewaehrt haben."
+
+"Woher wissen Sie das?"
+
+"Na, ich habe mich doch selbstverstaendlich in mehreren guten
+Auskunftsbueros ueber Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt haetten, haette
+ich mich doch auch nicht um Sie bemueht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb
+schickte ich Ihnen das Tagebuch."
+
+Veraergert fuhr ich den Kraemer an:
+
+"Sie haben also wieder nur ans Geschaeftliche gedacht?"
+
+"Na selbstverstaendlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man
+denken als ans Geschaeftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter
+Kaufmann ist?"
+
+Joachim laechelte; mir aber stuerzte wieder einmal ein glaesernes Tempelchen
+ein, in das ich meinen Goetzen Stefenson gesetzt hatte.
+
+Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte ueber tausend
+Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, dass der durch
+die Heimkehr aeusserst aufgeregte Bruder zunaechst durch die trostlos
+nuechternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.
+
+Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er
+erzaehlte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an
+einen gefuehllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjaehrigen Knaben
+ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in
+Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heisse, mal probeweise zu sich
+nehmen; vielleicht, dass etwas aus ihm wuerde. Die Gruendung einer so neuen
+Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran muesse ja auf einen Jungen einen
+tiefen Eindruck machen und ihm fuers ganze Leben einige staehlerne
+Geruestschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug
+reisen, und er haette es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er
+wegen der Vertretung manches Geschaeftliche mit mir noch zu erledigen habe,
+womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Strasse waren,
+sagte Stefenson: "Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht
+hinterher wieder aus dem Haeuschen fallen und alles verderben. Also, mein
+kleiner Neffe, der Georg, ist naemlich gar kein Junge, sondern ein Maedchen
+- er ist die kleine Luise."
+
+"Stefenson, Sie sind toll!"
+
+"Nein. Ich bin vernuenftig. Die kleine Luise muss Ferien von ihrem Ich
+machen. Als Maedel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die
+letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr
+Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll
+sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken
+abgewoehnen, wenn eine Hand nach ihr fasst; nein, sich selbst 'rumhauen mit
+Buben und Strassenboesewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte
+Behandlung haben."
+
+Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Grosses an
+meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum
+Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.
+
+Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in
+dem Thueringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es
+in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewusstsein
+seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.
+
+Ich wusste, dass Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je
+ein Vater oder Grossvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter
+irgendeinem Vorwand einmal nach Thueringen verschwunden; das Maedchen hatte
+sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte,
+jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den
+wahrscheinlich nie eine zaertliche Hand gestreichelt hatte, tat diese
+Kindesliebe so wohl, dass er diesmal auf allen kaufmaennischen Vorteil
+vergass und wie ein verliebter Narr handelte.
+
+Mochte er es tun!
+
+Stefenson reiste ab.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind
+zunaechst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.
+
+Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.
+
+
+
+
+
+
+"Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben.
+Denn sie will nicht. Sie heult, dass sie ein Junge werden soll. Auch die
+Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise
+bleibt ein Maedel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu
+schlecht. Ich will mal sehen, dass ich das Kind zunaechst in Neustadt
+unterbringen kann. Ich weiss da eine gute Familie, die mir den Gefallen
+gegen Entschaedigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung taeglich
+beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der
+mir fuer die Erziehung des nur ausserordentlich geschickt zu behandelnden
+Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am
+Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.
+
+ Stefenson."
+
+
+
+
+
+
+ *
+
+Am naechsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte
+versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.
+
+Wir sassen beim Fruehstueck zusammen; ich versuchte ein paar Anlaeufe, brachte
+aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann
+machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurueckkam, stand die
+Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens
+zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und huellten den Platz
+in traulichen weissen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder
+in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.
+
+Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war ueberzeugt, die Mutter
+hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte.
+Ich ging an ihrer Tuer vorbei nach meinem Zimmer. Da sass ich, bis es hohe
+Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu
+sein. Endlich sagte ich mir, dass ich ein Geselle von kindischer Eifersucht
+sei, und ging in das Zimmer der Mutter.
+
+"Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!" sagte ich, und
+die nervoese Frau erschrak natuerlich aufs schwerste.
+
+"Es handelt sich um Joachim!"
+
+"Um Gottes willen - ist ihm etwas passiert - ist er in Not - willst du zu
+ihm fahren?"
+
+Ich musste laecheln. Zu ihm fahren! - Dass ich damit mein Lebenswerk
+aufgegeben haette, daran dachte die Mutter nicht.
+
+"Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von
+Joachim zu sagen habe."
+
+"Sage es mir, Fritz, will er - will er nach Hause kommen?"
+
+"Ja, er kommt schon heute."
+
+Da stiess sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die
+Haendchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der
+ihr das groesste Glueck beschieden habe, das es fuer sie gebe. Als sie etwas
+ruhiger wurde, fragte sie:
+
+"Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal
+geschrieben, dass er kommen soll?"
+
+Ich schuettelte den Kopf.
+
+"Ganz von selbst gekommen", sagte sie selig; "der treue Sohn!"
+
+In trockenem Tone entgegnete ich:
+
+"Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in
+Neustadt abhole. Erst in der Daemmerung kommen wir. Inzwischen rege dich
+nicht allzusehr auf und vergiss nicht, deinen Baldriantee zu trinken."
+
+Das nahm sie ungnaedig auf.
+
+"Baldriantee - wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natuerlich
+mit nach Neustadt fahren."
+
+"Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, dass er von
+den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine
+Kuranstalt eintreten."
+
+"Und nicht bei mir wohnen?"
+
+"Nein, er wird im Ferienheim wohnen."
+
+"O - o du nimmst ihn mir?"
+
+"Ich nehme ihn dir nicht -", entgegnete ich unwillig; "mache mit Joachim
+selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen."
+
+Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draussen im Winterwalde wurde mein
+Herz wieder warm; ich war gluecklich. Immer, wenn ich mich gluecklich fuehle,
+habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als
+dass ich bald eine Anzahl von Futterplaetzen und Nistkaesten fuer die Voegel in
+meinem Ferienheim anbringen wuerde, auch auf die Gefahr hin, als Gaeste
+lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.
+
+Die Mutter! - Nun wuerde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und
+alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich
+wuerde sie meine beiden geraeumigen Zimmer fuer Joachim einrichten und mich
+nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersuechtig und
+voll haesslichen Misstrauens, und es fiel mir ein, dass es besser waere, sich
+auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf
+die Spatzen ...
+
+Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht
+einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte
+ihr Haupt verhuellt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und
+betreten neben mir her, fast wie ein Suender. Er war auch ein solcher; denn
+er hatte sein Herz verhaertet, und alle Herzensverhaertung ist Suende.
+
+ "Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand
+ Kommt wieder heim aus fremdem Land.
+ Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt,
+ Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?"
+
+Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, huebschen Gedichte schildert: die
+Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten
+Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar
+nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar duenn und sein
+Bart dicht wurde und die Zeit die grosse Retouche an seinem Gesicht vollzog
+- er war ein anderer geworden.
+
+In sieben Jahren soll sich der Koerper des Menschen ganz erneuern. So
+wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurueck, was vor
+sieben Jahren auszog. Haette Joachim keine Seele gehabt, so waere wirklich
+ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Baecker
+Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt
+fuehlte er sich geehrt, dass ich ihn auf der Strasse anhielt, und eilte gewiss
+alsbald ins naechste Gasthaus mit der Kunde, dass ein Dr. Harton aus Neuyork
+angekommen sei als zweiter Arzt fuer das Ferienheim, und es muessten doch
+schon massenhaft Kurgaeste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten
+Arzt brauche.
+
+Auch der alte Sanitaetsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf
+mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begruesste den
+"Herrn Kollegen von drueben", den ich ihm vorstellte.
+
+Auch die Frau Provisor, von der erzaehlt wurde, sie haette, als sich Joachim
+verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhoelzer
+abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den
+ehemals Heissbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorueber.
+
+So naeherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner
+und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand
+wohl jetzt der Mond; denn der Nebel ueber dem Johannisplatz war
+durchsichtig und silberhell.
+
+"Der alte Brunnen!" sagte Joachim leise; "es ist merkwuerdig, dass meine
+Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat
+dachte."
+
+Nun naeherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte
+wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.
+
+Joachim stuetzte sich auf das Gemaeuer, und weisse Tropfen aus der Schale
+Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das
+Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.
+
+Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und oeffnete nach leisem Klopfen die
+Tuer zur Mutter.
+
+Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten,
+schloss die Tuer und blieb draussen.
+
+
+
+
+
+ WEIHNACHTEN
+
+
+Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf
+meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich
+nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; haette ich mich frueher nicht
+um das Kind gekuemmert, wo es das Maedel noetig gehabt haette, so sei meine
+Anteilnahme jetzt voellig ueberfluessig. Das gleiche koenne er auch nur mit
+Bezug auf meinen Bruder sagen; er haette sich jetzt schon Vorwuerfe ueber
+dessen Berufung gemacht. Da koennten bloss Schwierigkeiten entstehen.
+
+"Mister Stefenson", sagte ich, "Sie benehmen sich wie ein Drache, der die
+verwunschene Jungfrau behuetet."
+
+"Drache hin, Drache her; ich geb' sie nicht heraus", knurrte er.
+
+"Das sollen Sie ja gar nicht; wir ueberlassen Ihnen ja das Kind."
+
+"Wirklich?"
+
+"Wirklich!"
+
+"Na, dann ist es gut!"
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im grossen Theatersaal
+des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden,
+obwohl wir keinen eigenen Buergermeister haben werden). Dieser Theatersaal
+ist Hals ueber Kopf fertiggestellt worden. Er koennte schoener sein. Aber er
+ist geraeumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine huebsche
+Liebhaberbuehne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es
+gehoerte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Waende, Kalkkuebel und
+Schutthaufen zu maskieren, die in der Naehe des Treppenhauses einen
+unschoenen Anblick bieten.
+
+Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet,
+komponiert und malt. Ueber braven Dilettantismus geht es bei Herder
+nirgends hinaus, aber er schafft fuer den Hausbedarf brauchbare, gefaellige
+Saechelchen.
+
+Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept:
+"Von jeder Art zwei Paerchen." Dazu sind alle Kinder geladen, die zum
+grossen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, dass die Kleinen auf
+Stefensons Kosten die Gewaender geliefert erhielten, die zu ihren Rollen
+gehoeren, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.
+
+Der Festsaal war denn auch beaengstigend voll - zugleich fuer Joachim die
+grosse Probe, ob er erkannt werden wuerde oder nicht.
+
+Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die
+dem ueberseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der
+glaeubigen deutschen Auslaenderverehrung gesagt hatten, nun muesse es
+wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt
+mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustaedter
+geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Aerzte.
+
+Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige
+Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt,
+dass nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson
+eine Hauptrolle uebernehmen und ein kleines Liedchen singen wuerde. Ich
+verbarg muehsam meinen Schrecken.
+
+Herder erzaehlte weiter:
+
+"Ich habe mit der Kleinen - die Leute sagen, es sei die Tochter des
+amerikanischen Petroleumkoenigs - eine Probe gemacht. Sie hat eine
+allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schuechtern."
+
+Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.
+
+"Es ist unerhoert ..."
+
+Er wusste augenblicklich, was ich meinte.
+
+"Gar nichts ist unerhoert", unterbrach er mich rauh. "Die Nichte von Mister
+Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muss auftreten, sie
+muss ihre Schuechternheit ueberwinden. He, Sie scheinen mir ein schoener
+Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente ausser acht lassen wollen."
+
+Was hatte es fuer Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun musste eben
+durchgehalten werden ...
+
+Die Mutter sass mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an
+der Buehne. Ich sah und hoerte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel
+von Zwergen, Kobolden, Nussknackern, Pfefferkuchenmaennlein, Tiergestalten,
+Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum ueblichen
+Weihnachtsstueck gehoeren; ich wartete mit Herzklopfen auf den
+Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miss Stefenson aus Chikago auf dem
+riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte
+"Bild" uebrig, nun musste Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.
+
+Der Vorhang hob sich. - Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit
+ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Koenige; rings in Anbetung
+versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmaennlein. Es war alles
+in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.
+
+Da erschien ploetzlich ein Licht ueber der Grotte, ein wunderschoenes
+Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:
+
+ "Vom Himmel hoch, da komm ich her
+ Und bring euch allen frohe Maer:
+ Geboren ist in Davids Stadt
+ Er, der des Lebens Fuelle hat."
+
+Die Mutter sass wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und
+drueckte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die
+ganze Gemeinde sass in Andacht.
+
+Joachim war ganz gleichmuetig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:
+
+"Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!"
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm
+in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe
+angezuendet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.
+
+"Fritz - das Kind - dieses Kind ..."
+
+Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.
+
+"Fritz - sage mir - ist es - ist es? ..."
+
+"Ja. Es ist Luise."
+
+Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne
+Bitterkeit sagte ich:
+
+"Mutter, du brauchst dich nicht zu aengstigen, das Kind wird dir nie
+Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut
+aufgehoben."
+
+So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am
+Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hoeren war als das leise
+Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stuetzte die Mutter den
+Kopf auf den Tisch und sagte muede:
+
+"Das Kind ist Joachim aehnlicher, als er sich jetzt selbst ist!"
+
+Nach einem Weilchen meinte sie:
+
+"Es wird wohl keine Moeglichkeit geben, dass ich das Kind zu mir nehme?"
+
+"Nein, Mutter, es gibt keine solche Moeglichkeit mehr!" Damit ging ich nach
+meinem Zimmer.
+
+
+
+
+
+ FUeGUNG ...!
+
+
+Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer
+fertiggestellt sind und auch der Kuechenbetrieb schon im Gange ist. Im
+Rathaus gegenueber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitstaetigkeit noch
+vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen taeglich
+nach Neustadt zu fahren und sich um das "Gaenschen" zu kuemmern. So wolle er
+das Maedel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr stoerend, aber was
+wolle er machen? Er haette auch gefunden, dass die Pflegeeltern in Neustadt
+die Sache mit Luise nicht recht verstaenden. Ich grunzte. Sonst sagte ich
+nichts ...
+
+Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit groesster
+Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir:
+
+"Und nun, mein Lieber, ist es die allerhoechste Zeit, dass wir an die
+Bauernrequirierung gehen. Zehn Hoefe sind fast fertig, das Vieh ist rasch
+zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergeraete, aber das Bauernvolk, das
+uns einpasst, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht,
+aber das ist nichts; die gehen bloss auf ihre Provision aus und schicken
+uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit,
+sich in einen Vieh- oder Getreidehaendler oder, wenn Ihnen das besser
+liegt, in einen Guetermakler zu verwandeln und mich morgen auf der
+Bauernsuche zu begleiten."
+
+Nun, diese Aufgabe passte mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glueck
+zunaechst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausruestung.
+Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit
+Hirschhornknoepfen und gruener Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips,
+ein seidenes Tuechlein um den Hals, eine Lodenmuetze, das war meine
+Ausruestung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da
+vermuten sie keine verkniffenen Staedter, keine "Juden oder
+Winkeladvokaten", die sie uebers Ohr hauen wollen.
+
+Es waere alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am naechsten Morgen, als
+die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht haette.
+
+Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange
+Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedaechte, dass uns das Maedel nur
+stoeren und aufhalten wuerde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit.
+
+"Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel", sagte die Kleine mit einem Anflug
+von schnippischem Ton.
+
+"Sie macht sich heraus; sie faengt an, Courage zu kriegen", sagte der
+"Pappa" anerkennend.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Auf einer groesseren Station stiegen wir waehrend des Zugaufenthaltes aus, um
+dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthaendlers
+waren, naeherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich
+an, dann das Kind, fasste es blitzschnell an der Hand, riss es an sich und
+kuesste es wie rasend.
+
+Das Maedel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: "Aber Madame,
+was tun Sie?", und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige
+Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen.
+
+"Zurueck in den Wagen!" rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte.
+Bald sassen wir im Abteil, und die Tuer flog zu.
+
+Draussen schrie eine gellende Stimme:
+
+"Es ist mein Kind - es ist mein Kind - lasst mich zu meinem Kinde! Luise!
+Luise!"
+
+Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen
+fest; der aufsichtfuehrende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte
+Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklaerende
+Saetze. Zuletzt sagte ich:
+
+"Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf
+dieses Kind habe!"
+
+Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach
+leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhaengenden
+Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: "Haben Sie
+einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Maedchen?"
+
+Da schuettelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser
+Wagenfenster, dann verliess die Frau den Bahnhof.
+
+"Wer war die boese Frau?" fragte Luise veraengstigt.
+
+"Eine Verrueckte", sagte Stefenson rauh.
+
+"Wird sie nie wieder zu mir kommen?"
+
+"Nein, nie wieder!"
+
+Wie lange doch der Aufenthalt noch waehrte! Die Leute spazierten draussen
+und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor.
+Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er
+den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da
+gab es einen gewaltigen Ruck und Stoss, und der Zug stand.
+
+Ich riss das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab,
+Schaffner eilten den Bahnsteig entlang - ein Schaffner kam zurueck und gab
+uns Auskunft ...
+
+Ueber das Feld rannte jene Frau ...
+
+Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen,
+und der Lokomotivfuehrer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen
+gebracht.
+
+Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster.
+
+"Da rennt sie - da rennt die boese Frau!" rief das Kind.
+
+"Lass das verrueckte Weib!" knirschte Stefenson.
+
+Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog ueber die Fluren, frierende Voegel sassen
+auf den Telegraphendraehten, alles, was draussen war, fror, die Baeume und
+die Berge, die Tiere und die Menschen.
+
+Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmaehter
+Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr
+entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmaeht.
+
+Stefenson sass finster in seiner Ecke.
+
+Das Kind begann wieder zu sprechen.
+
+"Alle verrueckten Menschen sind sehr boese."
+
+Da brummte sie Stefenson an:
+
+"Das kann man nicht sagen, du Gaenschen! Manche Menschen koennen nicht mal
+richtig dafuer, dass sie verrueckt sind."
+
+"Wieso nicht?"
+
+"Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den grossen Menschen von
+Tausenden kaum einer richtig."
+
+"Du hast aber gesagt, sie ist verrueckt, und du hast es boese gesagt",
+verharrte das Kind.
+
+"Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht
+und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrueckt oder boese ist."
+
+"Boese ist sie", wiederholte Luise; "denn sie hat mich sehr gequetscht und
+mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen."
+
+Grau rann der Regen ueber das Wagenfenster.
+
+All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrueckte Menschen, sassen wir
+da im Zuge, der uns schnell davonfuehrte und eine grosse Strecke zwischen
+uns und die Suenderin legte, die uns gestoert hatte in unserer
+Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschuetteln
+konnten.
+
+Der goettliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie haette er wohl
+gehandelt in meinem Falle? Haette er die Arme beiseitegestossen, sich einen
+Beamten kommen lassen und sich hinter "gesetzliches Recht" verschanzt?
+Waere er dann weitergefahren, fast hinweg ueber den zuckenden Leib, und
+haette er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit
+hochmuetigem Abscheu in der Seele? Oder waere ihr der Meister nachgegangen,
+haette sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein
+Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein
+wenig goldene Kindesliebe fuer die Zukunft verheissen?
+
+Ferien vom Ich!
+
+Ich werde mich vor allen Dingen erloesen muessen von allem kalten Hochmut
+des Herzens und allem auch noch so "gesetzmaessigen" Zurueckstossen der
+Schwachen und Schuldigen ...
+
+
+
+
+
+ BAUERNANWERBUNG
+
+
+In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar
+ergebnislose Besuche auf den umliegenden Doerfern. Wie die Werber fuer eine
+Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstrasse trafen wir aber
+eines Tages ein Baeuerlein, das in einem grossen bunten Taschentuch
+allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden
+hatte.
+
+Ich schaute den Bauern pruefend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges
+Gesicht. Und der Mann ging zu Fuss und trug sein kleines Paket. Das war
+einer fuer uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht
+wenden, die haetten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine
+Landwirte mussten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kuemmerliches
+Leben fuehrten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.
+
+Stefenson hielt das Pferd an.
+
+"Wollen Sie mitfahren?"
+
+"Nee!" antwortete der Bauer.
+
+"Warum denn nicht?"
+
+Das Baeuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.
+
+"Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg' 'n Zentner!"
+
+"Sie haben wohl schoenere Pferde?"
+
+"Nee, ich hab bloss drei Zugkuehe. Aber su schnell wie der Schimmel traben
+se ooch."
+
+"Hoeren Sie mal, Gevatter", sagte ich, "Sie foppen uns. Das Pferd hat viel
+Geld gekostet."
+
+Er meckerte.
+
+"Na, da musst ihr schoene tumme Kerle sein."
+
+Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig
+ueber die Gegend aus. Bald kam ein Strassengasthaus, und ich lud den Bauern
+ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.
+
+"Nu", sagte er, "das kann ich schon. Aber ich sag's Ihn' gleich ehrlich:
+zu holen is bei mir nischt. Wuerfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen
+hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene
+alten Schraenke und zinnernen Teller."
+
+"Warum vermuten Sie denn, dass wir Ihnen was abschachern wollen?"
+
+"Ja, da muesst man doch euch Stadtjuden nich kenn'. Umsunst gebt ihr doch
+eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten."
+
+"Da haben Sie ganz recht", sagte Stefenson; "wir wollen etwas von Ihnen.
+Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kuehe, Schweine und
+Huehner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder."
+
+Der Bauer brach in helles Gelaechter aus.
+
+"Hatt' ich mir's doch gleich gedacht, dass Sie der Menschenfresser sind."
+
+"Also den nehmen wir bestimmt!" sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware
+zum Verkauf staende.
+
+"Mich nehmen Sie?" vergnuegte sich der Bauer. "Sie sein ja der ulkigste
+Kerle von der Welt."
+
+Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Baeuerlein an
+dem rohen Tisch der Schankstube gegenueber, nahm ein Notizbuch heraus und
+sagte:
+
+"Wie heissen Sie?"
+
+"Ich? - Mit'm Familiennam' su wie mei Vater und mit'm Vornamen wie
+Napoleon."
+
+"Mensch, wie heissen Sie! Ich muss das wissen. Es handelt sich um eine
+Angelegenheit, die fuer Sie wichtiger ist als fuer uns. Sie werden schon
+alles erfahren. Also, wie heissen Sie?"
+
+"Wie heissen _Sie_ denn?" fragte der Bauer zurueck. Stefenson wurde
+ungeduldig.
+
+"Wenn Sie es denn wissen muessen - ich bin Mister Stefenson aus Amerika,
+ein sehr reicher Mann."
+
+"Da koenn' Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so'n scheenes
+Pferd."
+
+"Dummer Kerl!" sagte Stefenson verdrossen und stand auf.
+
+Der Bauer lachte.
+
+"Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf."
+
+Es war Zeit, dass ich mich ins Mittel legte. Der Mann musste wissen, um was
+es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht
+leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen.
+Ich versuchte das auf folgende Weise:
+
+"He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Staedter kennengelernt,
+der richtig arbeitet?"
+
+"Nee. Die Staedter sein olles faule Luder. Se koenn' Heringe oder Leinwand
+oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten
+koenn' se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben."
+
+"Da haben Sie recht. Und glauben Sie, dass so ein Leben, wie es die Staedter
+fuehren, gesund ist?"
+
+"Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und
+Kraefte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg."
+
+"Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiss nur der Bauer. Nun
+wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten."
+
+"Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich
+lieber zu Hause."
+
+"Schoen. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollstaendig. Wenn man
+nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind,
+nein, wo lauter Bauernhoefe waeren und wo die Staedter, die eine Kur machen
+wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten
+muessten, das wuerde doch den Schlingeln gesund sein - nicht wahr?"
+
+"Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schoen hueten und
+arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm'n, saufen se einem bloss die gute Milch
+weg und fressen die scheensten Birn' von a Baeumen. Sonst tun se nischt."
+
+"Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der
+Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesuender werden
+wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt."
+
+"Die Doktors verstehn alle nischt, die Schaefer sind klueger."
+
+"Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der
+versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt
+gemacht werden, die hat vierzig Bauernhoefe, und auf allen Hoefen sollen die
+Kurgaeste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gruendet, ist eben jener
+Herr dort."
+
+"Der? - Vierzig Bauernhoefe? - Se sind wohl nicht recht bei sich?"
+
+"Doch - doch - ich werd' Sie doch nicht beluegen."
+
+"Wie heisst er? Mister? Mister - Ausmister!"
+
+Er lachte ueber seinen Witz.
+
+"Mister bedeutet 'Herr'. Weil er eben ein Amerikaner ist."
+
+Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch
+der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.
+
+"Sie, Herr Mister, komm'n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!"
+
+Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfuellen. Stefenson warf
+schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.
+
+"Bitte!" sagte er phlegmatisch.
+
+Der Bauer ruehrte sich nicht.
+
+"Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!" ermunterte ich ihn.
+
+"Ich werd' mich schoen hueten; nachher sagen Se, es fehlt was!"
+
+Misstrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so sass der Bauer vor der
+Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune
+Schaetze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er
+rueckte beiseite.
+
+"Wenn Se su reiche Herr'n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen
+Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade."
+
+Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurueck und redete dem neuen Freunde
+gut zu. Ich erklaerte ihm genau, was wir mit ihm vorhaetten, wie er als
+Paechter auf einen unserer Hoefe ziehen solle, wie wir ihm die guenstigsten
+Bedingungen einraeumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise
+abkaufen wuerden, falls er sie nicht anderweit guenstig los wuerde. Wie ein
+Koenig solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgaeste sollten unter seiner
+Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte
+heraus, dass der Bauer Emil Barthel hiess, noch nicht ganz fuenfzig Jahre alt
+war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kraeftige Soehne und
+zwei Toechter besass, dass von den vier Kindern aber drei auswaerts in Dienst
+standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschaeftigen und
+ernaehren konnte.
+
+"Na, sehen Sie, Barthel, es waere doch schoen, wenn Sie alle Ihre Kinder bei
+sich haben und ganz fuer sich arbeiten koennten. Da waere doch auch was
+zurueckzulegen."
+
+Er sass nachdenklich da.
+
+"Stoppen Se mich wirklich nich aus?"
+
+"Ich denke nicht daran."
+
+"Wie kommen Se denn gerade auf mich?"
+
+"Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns."
+
+"Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen."
+
+"Das schadet nichts. Den Kurgaesten werden Sie auch manchmal grob kommen
+muessen. Das gehoert zur Kur."
+
+"Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?"
+
+"Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat."
+
+"'n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!"
+
+"Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so 'n
+halber Schaefer."
+
+"Oh, das waer nich schlecht! Aber ich glaub's nich; ich kann's nich
+glauben!"
+
+Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.
+
+"Jetzt werd' ich Ihnen mal Bilder von unseren Hoefen zeigen. Da - das ist
+ein Wohnhaus."
+
+"Das? - Das is ja 'n Schloss!"
+
+"Ja, wir haben schoene Wohnhaeuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht
+allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgaeste drin
+Platz haben."
+
+"Dunnerwetter!"
+
+"Und das ist die grosse Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die
+Scheuer."
+
+Er atmete schwer.
+
+"Wie gross ist denn die Wirtschaft?"
+
+"Hundert Morgen."
+
+Da verduesterte sich seine Stirn.
+
+"Warum halten Sie mich denn zum Affen? So 'ne grosse Sache kann ich doch
+nich pachten; da gehoert doch Geld dazu."
+
+"Gar kein Geld! Nur, dass Sie fleissig sind und alles gut in Ordnung halten.
+Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die
+Aecker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen
+die Kurgaeste."
+
+"Nu ja, die werd'n ja ueberall behumpst."
+
+Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Maerchendinge vor ihm
+ausbreitete. Zuletzt erklaerte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu
+fahren und mit seiner Susanne Ruecksprache zu nehmen.
+
+Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast
+nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte
+nur ein Erdgeschoss mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es
+war ein Blumengaertlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein
+behaebiges Weib in blauer Schuerze trat vor die Tuer, als Barthel vom Wagen
+kletterte:
+
+"Nee, Emil", sagte sie, "da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und
+kummst su spaet! Dabei sull a de Medizin fuers kranke Maedel hol'n."
+
+"Mutter", meinte Emil, "wenn du mit sulchen Kerlen faehrst, bleibste
+kleben. Sieh dir bluss den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene.
+Aber 's sind amerikanische Millionaere, die haben vierzig Pauergueter und
+lauter Schloesser."
+
+Susanne lachte gutmuetig.
+
+"A hat een' sitzen", meinte sie. "Na, kumm ock rein!"
+
+"Frau Barthel", rief ich ihr zu, "Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzaehlen
+haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spass, es ist Ernst. Wir fahren jetzt
+ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir
+muessen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen."
+
+Die Frau schuettelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst
+ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl
+bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil
+Barthel.
+
+"Nee, komm'n Se wirklich?" fragte er; "ich hatte gedacht, 's waer alles
+bloss Ulk."
+
+Die Stube war niedrig, aber sauber, und ueber den Tisch war ein grosses
+buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer
+Papiertuete Zigarren an, von denen ich vermutete, dass sie aus dem
+Dorfkramladen zu fuenf Pfennig das Stueck gekauft seien. Mit Schadenfreude
+sah ich zu, wie Stefenson, der von frueh bis in die Nacht eine Havanna nach
+der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug
+heranmachte.
+
+"Nun, mein lieber Barthel, moechte ich zunaechst etwas feststellen: es
+handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spass, zu dem wir uns
+wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen wuerden, noch um einen Betrug."
+
+"Also ist es tatsaechlich wahr?" sagte Barthel und trommelte auf den Tisch.
+Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:
+
+"Sehn Sie, meine Herr'n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben -
+man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfaellt - nu, so muss ich
+Ihn'n ehrlich sagen: das Ding gefaellt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute
+werd'n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll'n -
+woll'n se sich amuesieren. Da woll'n se doch nich Kuehe melken und ackern.
+Meine Herr'n, Se haben keene Ahnung, was das fuer schwere Arbeit is. Vor
+solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrueckt. Aber gesetzt den
+Fall, se kaemen doch - da waer's noch viel schlechter. Denn warum? Die
+Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, dass die mir auf dem Hofe was
+helfen koennten? Die gragelten mir doch bloss im Wege 'rum. Die quatschten
+und quasselten doch bloss."
+
+"Die fielen einem ja in die Puttermilch!" lachte Frau Susanne.
+
+"Die taeten ja alles bloss mit Glacehandschuh'n machen woll'n", ergaenzte der
+Mann.
+
+"Donner!" schrie da Stefenson jaehzornig und hieb die Faust auf den Tisch,
+dass aus seiner Fuenfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, "nun ist's
+aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen?
+Muessen Sie sich unsere Koepfe zerbrechen, ob unsere Gruendung eine Pleite
+ist oder nicht? Haben Sie nicht bloss zu gewinnen? Das allerbeste ist ..."
+
+"Das allerbeste is, Se gehn wieder!" sagte Barthel seelenruhig. Und nun
+waeren wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen
+worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tuer geklopft haette und
+zwei Damen ueber die Schwelle getreten waeren. Eine kleine zartgliedrige
+Braune und eine grosse Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man
+das in dem Daemmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die
+Kleinere sagte, dass sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehoert
+habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, dass gerade Besuch da sei,
+und wolle nicht stoeren.
+
+Ach, erwiderte die Frau, von Stoerung sei keine Rede; denn das seien zwei
+ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen
+haetten und die auch gleich gingen. Trotzdem fuehlte sich die gute Mutter
+Barthel bemuessigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. "Das ist naemlich
+unsere Lehrerin, Fraeulein Annelies von Grill."
+
+Anneliese von Grill! Ein pruefender Blick in die grossen braunen Augen, und
+ich hatte die Identitaet mit dem kleinen Majorstoechterlein festgestellt,
+das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich - da ich
+acht Jahre aelter war - immer etwas onkelhaft begoennert hatte. Nun stand
+ich ihr lachend gegenueber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich
+sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein froehliches Wiedersehen und
+grosse Verwunderung ueber die Umstaende, unter denen es geschah. Ihre
+Lebensgeschichte war kurz: der Vater frueh gestorben, die Mutter auf eine
+kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu
+machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.
+
+Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:
+
+"Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium
+Ferien vom Ich?"
+
+"Allerdings, meine Gnaedigste, dieser Doktor bin ich."
+
+Das Maedchen brach in klingendes, lautes Gelaechter aus.
+
+"Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden waere, wen ich
+sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und
+Herrlichkeit - ich haette mich fuer Sie entschieden."
+
+"Ich freue mich, dass ich Ihnen so interessant bin", sagte ich.
+
+"Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf ueber Sie! Jetzt
+fehlte bloss noch, dass jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika
+waere."
+
+"Das ist er!" mischte sich Emil Barthel ein, "es ist der Herr Mister aus
+Amerika."
+
+Stefenson verneigte sich phlegmatisch.
+
+"Also, Herrschaften, dann muessen Sie schon erlauben, dass wir uns etwas
+zusammensetzen und diese kostbare Begegnung geniessen."
+
+Dieses Maedchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese
+von Grill, uns zunaechst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte
+sich aber selbst vor.
+
+"Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung ausserordentlich begabte
+Opernsaengerin ohne Engagement, gegenwaertig zu Besuch bei meiner Freundin
+Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes
+Ferien vom Ich zu machen. Mit Kuenstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck
+genannt, buergerlich hoere ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter
+des Baumeisters August Bunkert in Neustadt."
+
+Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen
+Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Maedchen brach
+wieder in froehliches Lachen aus.
+
+"Es scheint, dass wir Sie sehr belustigen, mein gnaediges Fraeulein."
+
+"Ausserordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt
+aufeinanderplatzen?"
+
+Wir nahmen Platz und sassen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel
+sagte:
+
+"Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt,
+hoechstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder
+mal recht gehabt."
+
+"Und nun, Herrschaften", rief Fraeulein Bunkert, "es mag so indiskret sein,
+wie es wolle, ich muss wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu
+tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier."
+
+Und Stefenson - ach, Stefenson betrachtete das Maedchen mit unverhohlenem
+Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei "sein Typ". Gross, schlank,
+blond, uebermuetig. Da gehe er halt auch mal aus sich 'raus.
+
+Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes
+wahrster Bedeutung, mit allen Kuensten, Listen und Teufeleien des
+Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstuerme auf den
+biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustaedter mit den
+Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer
+Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Kuessen. (Bei
+diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen duennen Mund
+gewaltig in die Breite.) Dass er, Stefenson, in einer so oeden
+Spiessergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie
+dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der
+Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwaehrende
+Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching _ad
+infinitum_.
+
+Und diese schweren Beleidigungen unserer grossen erhabenen Idee liess
+Stefenson ueber sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er
+laechelte ... der Verraeter.
+
+"Meine Gnaedige", warf ich dazwischen, "Sie duerften ueber unser Ferienheim
+denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst."
+
+"Ja, gerade, dass Sie es ernst meinen, ist ja das Gute", erwiderte sie.
+"Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz."
+
+"Das ist eine sehr kluge Sentenz", stimmte der verraeterische Stefenson
+bei. Ich war empoert. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste,
+blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott
+das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.
+
+Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie
+war freundlich, es lag viel Guete auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch
+in ihren grossen Augen das schoene Lichtlein harmlosen Schalks. Waehrend
+Stefenson und Eva Bunkert eine laermende, von vielem Gelaechter
+unterbrochene Unterhaltung fuehrten, sprach ich leise mit Anneliese von
+ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen ueber mich in der
+schlichten Bauernstube.
+
+"Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?" fragte ich.
+
+"Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute."
+
+"Glauben Sie, dass es recht waere, wenn wir sie fuer uns gewinnen?"
+
+"Ich werde ihnen gut zureden, dass sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiss
+beide Teile nicht reuen."
+
+"Ich danke Ihnen!"
+
+"Also, hoeren Sie, Herr Mister Barthel", lachte unterdes Eva Bunkert; "wenn
+Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, waeren Sie, mit
+Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glueck schneit Ihnen nie wieder ins
+Haus."
+
+Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.
+
+"Ich moecht ja; aber die Mutter sagt ..."
+
+"Gar nischt sagt sie", fuhr Frau Barthel dazwischen, "aber er - er hat die
+Herren, ehe die Fraeuleins kamen, direkt 'rausschmeissen wollen."
+
+Emil Barthel schwur, dass das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es
+gab einen ehelichen Streit.
+
+Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.
+
+"Jees, jees", jammerte es, "die Emma hat su viel Hitze und klagt immer
+mehr ueber a Hals."
+
+Emma war die zwoelfjaehrige Tochter Barthels. Ich erfuhr, dass das Kind ueber
+Halsschmerzen geklagt habe, und der Schaefer, ein heilkundiger Mann,
+Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die
+Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.
+
+"Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde", bat mich Anneliese, "es
+sind bereits drei Diphtheriefaelle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt
+haben wir hier nicht."
+
+So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstueblein, wo das
+Kind in hohem Fieber lag.
+
+Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorlaeufige
+Verhaltungsmassregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im
+naechsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst uebernehmen konnte.
+Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Maedel ist dann auch gerettet
+worden, und Barthel hat nachtraeglich drei Mark Strafe zahlen muessen, weil
+er dem Schaefer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete,
+einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.
+
+Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurueckkehrten, fanden wir
+Stefenson und die schoene Eva in angeregtester Unterhaltung. Fuer das
+erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon
+wieder.
+
+Eva hatte mit Stefenson verabredet, dass sie mit Anneliese gleich nach der
+Eroeffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen
+wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloss
+bis ersten April, und dass sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege,
+sei vorlaeufig sicher, also koennten sie beide kommen.
+
+"Und Ihr Vater?" fragte ich.
+
+"Ach, mein Vater darf natuerlich davon nichts wissen, der ist ja wuetend auf
+Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, dass er
+meint, ich sei wer weiss wo. Und bei Ihnen werde ich die Gruenzeugfrau
+Emilie Knautschke sein."
+
+Ich beschloss, dieses Maedchen, das in die ernste Maennerfreundschaft
+zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere
+grosse Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschaedlich zu machen.
+
+Wie ich das tun sollte, wusste ich nicht.
+
+Aber ich hatte Glueck. Die Tuer oeffnete sich, und ein duennes Stimmchen
+zirpte herein:
+
+"Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muss immerfort allein in dem dummen
+Gasthaus sitzen."
+
+Luise war es, die wir im Wirtshaus zurueckgelassen hatten.
+
+Stefenson sprang auf und eilte nach der Tuer.
+
+"Kindchen, auf dich hatt' ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In
+diesem Haus ist Diphtherie."
+
+Er schob Luise besorgt auf die Strasse. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas
+ernster.
+
+"Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?"
+
+Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.
+
+Da raeusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach
+Hause zu gehen.
+
+Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draussen auf der
+Strasse schmiegte sich die kleine Luise dicht und zaertlich an Stefenson an
+und schmollte mit ihrem "lieben Pappa", der sie im Stiche gelassen hatte.
+
+Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr
+und sagte vor den Ohren des Kindes: "Ich bin nicht ihr Vater!"
+
+Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenueber, den er sich selbst gegeben
+hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.
+
+Als wir allein waren, sagte Stefenson:
+
+"Das haette nun alles so gut in unser Programm gepasst, und nun ist nichts
+zum Abschluss gekommen."
+
+Ich erwiderte:
+
+"Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fuerchte, sie
+wuerde unserer Sache schaden."
+
+"Schaden?" fuhr er auf. "Nuetzen! Glauben Sie mit Sentimentalitaet, alten
+Rueckstaendigkeiten und mit Duckmaeusertum noch was auszurichten? Glauben
+Sie, dass ein schoenes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des
+Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre
+Schaedlichkeiten besiegen wollen, muessen wir verflucht modern sein. Mit
+noch so ehrwuerdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die
+Schnellfeuergeschuetze der neuen Zeit."
+
+Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Maedchen wieder.
+Beide waren gleichmaessig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der
+schoenen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.
+
+
+
+
+
+ DER JOURNALIST
+
+
+Nun ist's ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem grossen
+Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt naehert sie sich der Reife. Anfang
+Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurueck. Da
+hoehnten die Neustaedter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und
+bange geworden vor seiner uebergenialen Neugruendung, und nun kaeme der
+Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wusste, dass alles gut
+vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen
+dringendsten Geschaefte in Ordnung zu bringen.
+
+Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach
+den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten,
+liess er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und
+zwar nicht nur wegen des Kindes.
+
+"Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fraeulein Eva Bunkert benehmen
+werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fuerchte,
+Sie werden den rechten Ton nicht treffen."
+
+Ich laechelte.
+
+"Fuerchten Sie, dass ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein koennte?
+Eva Bunkert ist ein sehr schoenes Maedchen."
+
+"Ich bitte Sie", sprach er herb, "dass Sie sich mit Fraeulein Bunkert weder
+in der einen noch in der anderen Art zuviel beschaeftigen, sondern mir
+diese ausgezeichnete Akquisition fuer unsere Kuranstalt persoenlich
+ueberlassen."
+
+"Ich ueberlasse Ihnen diese Akquisition", sagte ich grossmuetig und
+feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai koenne er keinesfalls zurueck
+sein.
+
+Als ich ihn zum Zuge begleitete, wuenschte ich aufrichtig, er moege bald
+zurueckkommen ...
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und
+seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am
+Bach uebernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen
+bedrueckt durch die grossen, neuen, so behaglich ausgestatteten Raeume wie
+Fremde, die ein merkwuerdiges praechtiges Haus betrachten. Aber sie werden
+in diese Raeume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste
+erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Paechter
+unserer Hoefe eignen wuerden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon
+gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewaehlten Leute wieder die
+Adressen neuer Kandidaten, so dass unsere zwanzig Hoefe besiedelt sind. Der
+andere Teil des Gelaendes wird von den alten frueheren Dominialgebaeuden aus
+bewirtschaftet.
+
+Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewusster Wille und wo
+- Geld da ist.
+
+Manche unserer Hoefe haben herkoemmliche poetische Namen, wie Forellenhof,
+Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch
+eine Waldschoelzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmuehle, eine
+Genovevenklause, eine grosse und eine kleine Einsiedelei, ein Haus "ueber
+den sieben Bergen", ein "_Old Nigger home_" (nach Stefensons Wunsch), eine
+Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein
+Knusperhaeuschen, eine Kassubenhuette, ein Zigeunerlager und eine
+Raeuberhoehle.
+
+Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen
+Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk
+ausgewaehlt, und das dichtet in seiner kraeftigen Seele so viel zusammen,
+dass sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen
+werden, schneller als der Efeu waechst, den wir an mancher Wand
+einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schraege Daecher
+legten.
+
+Das groesste Glueck ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des
+erschuetternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im
+Glanz von Millionen Sonnen die Schoepfung vor sich sah.
+
+Auch ich bin nie so gluecklich gewesen wie in dieser Zeit der Gruendung
+unseres Heims, nie so selig, glaeubig und am Leben haengend, nicht einmal in
+der Kinderzeit, die doch alle Tage Schoepferjubel bringt, und sei die
+Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum
+erstenmal geglueckte Schleife des Schuhbandes.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Maedchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten
+schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein
+paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.
+
+Eva Bunkert war zurueckhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie
+konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an
+Barthels Hof vorbeifliesst, zu behaupten, in diesem Gewaesser lebe keine
+einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich
+"Forellenhof" heisse, aber es sei ja bekannt, dass Namen fast immer
+taeuschen, wie zum Beispiel koerperlich etwas zurueckgebliebene Maennlein mit
+Vorliebe Siegfried hiessen oder oft keifende Xanthippen mit den holden
+Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.
+
+Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Maedchen ernster. Sie
+betrachtete den grossen Forellenhof von innen und aussen und sagte mit einem
+Seufzer:
+
+"Es ist schoen hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe
+gluecklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten
+kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen."
+
+"Ich moechte es wohl auch", sagte die kleine Anneliese, "aber fuer mich ist
+so etwas viel zu teuer."
+
+"Du, meine Liebe", lachte Eva Bunkert, "du muesstest ganz andere Ferien vom
+Ich haben - Weltstadtleben, Theater, Baelle, Autofahrten - man muss das
+haben, was einem fehlt."
+
+"Mir wuerde nichts fehlen in solchem Frieden", sagte die kleine Braune.
+
+Ich ging mit den Maedchen durch unser Gelaende, fuehrte sie nach dem Rathaus,
+nach der Lindenherberge, den "Stillen Weg" hinab ueber die Genovevenklause,
+und als ich nach der Waldschoelzerei weiter wollte, passierten wir das
+Zeughaus und das grosse Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung
+zwischen einem fremden Herrn und dem Tuerschliesser. Der Herr, der im
+Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestuemer
+Weise mich zu sprechen, waehrend der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei
+aufs dringendste und unabkoemmlichste beschaeftigt, und unsere Anstalt wuerde
+ueberhaupt erst am ersten Mai eroeffnet. Der Fremde liess sich nicht
+abweisen, und als er mich erblickte, rief er:
+
+"Ich moechte wetten, dass jener Herr der Doktor ist!" Damit schob er den
+Diener beiseite und kam auf mich zu.
+
+"Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?"
+
+"Sie sehen, ich habe Besuch!"
+
+"Jawohl - es tut mir auch leid, Sie stoeren zu muessen, aber ich habe nur
+eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown,
+Mitarbeiter der 'Staatsbuergerzeitung' in Neuyork. Ihr Geschaeftsfreund
+Mister Stefenson hat mich persoenlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen
+dieses Schreiben zu ueberreichen."
+
+Er uebergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen oeffnete und
+stellenweise vorlas:
+
+
+
+
+
+
+ "Neuyork, den 25. Maerz.
+ Mein Lieber!
+
+Sie wollen nie recht zugeben, dass ich Sie genau kenne, aber mein Spuersinn
+ist, was Sie anlangt, so gross, dass ich hier viel tausend Meilen von Ihnen
+prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen
+Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen
+Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnuegten Spaziergang durch
+unser Heim machen. Ich beglueckwuensche Sie dazu und bitte, mich den
+Herrschaften zu empfehlen.
+
+Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht
+ruecksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie haetten gerade
+Besuch und daher keine Zeit fuer ihn. Denn Mister Brown ist einer der
+einflussreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus
+Amerika fuer unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas
+merkwuerdige Anstalt recht noetig haben.
+
+Gruessen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gaenschen
+sehnt, aber noch nicht weiss, wann er zurueckkehren kann.
+
+ Stefenson."
+
+
+
+
+
+
+Ich schaute verwundert auf Brown, den Ueberbringer dieser seltsamen
+Epistel. Brown war ein Fuenfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart
+sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas
+geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig
+geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner
+heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drueben begegnet. Ich
+fragte ihn, ob er auf dem letzten grossen Pressekongress in Baltimore, den
+ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, dass er daselbst eine
+Rede gehalten haette. Daher die matte Erinnerung.
+
+Die Maedchen verwunderten sich nicht weniger ueber die seltsame Prophezeiung
+in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich koenne mir das
+ueberraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklaeren,
+dass Stefenson vermutet habe, die Damen befaenden sich fuer laengere Zeit in
+unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich oefters das Vergnuegen, sie
+auszufuehren, und es koenne sich wohl so fuegen, dass uns Mister Brown
+zusammen antraefe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben
+darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge
+seines Glueckes ein, sei es ein guter Bluff.
+
+Brown schuettelte den Kopf.
+
+"Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiss immer, was er sagt."
+
+"Sie kennen Mister Stefenson persoenlich?" fragte Eva Bunkert mit
+unverhohlenem Interesse.
+
+"Mein gnaediges Fraeulein", erwiderte Brown, "ich kenne alles, was man in
+Neuyork und den Staaten kennen muss."
+
+"Und Mister Stefenson gehoert zu dem, was man in Amerika kennen muss?"
+
+"Ja, er gehoert dazu."
+
+Der Journalist schloss sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich
+schweigend, sprach ueber das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat
+nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu duerfen, und stellte
+ausserordentlich sachverstaendige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich
+in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte.
+Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war duester in der niederen
+Stube; wir zuendeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den
+Waenden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.
+
+"Nun muesste jemand einen Niggersang anstimmen", sagte Brown.
+
+Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schraenkte die Arme
+ueber der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:
+
+ _"Way down upon Swaney ribber_
+ _Far far away ..._
+ _There's, where my heart is turning ebber,_
+ _There's, where the old folks stay ..."_
+
+Sie sang dieses schwermuetigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer
+Bewegung, und Mister Brown summte mit naeselndem Tone die Begleitung dazu,
+so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der
+Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele
+im Liede ausstroemen laesst. Dann summen sie alle mit, die Koerper werden
+regungslos, und die grossen, heissen Augen starren ins gelbe Licht der
+matten Lampen ...
+
+Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine grosse
+Buche, um die eine Bank laeuft. Von hier aus kann man unsere ganze
+Siedelung ueberschauen. Warmes Fruehlingslicht spielte durch laue Luft, die
+Zweige trugen alle die kurzen, gruenen Kinderkleidchen erster Jugend, die
+Voegel waren heimgekommen und uebten in abgerissenen Trillern und Laeufen das
+grosse Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit.
+Unsere Siedelung war schoen, keine langweilige Linie in ihr, kein
+Steinkoloss, keine Erinnerung an geschniegeltes, oedes Geputztsein, sondern
+Heimatlichkeit, Waerme, Frieden.
+
+"Wenn man das sieht", sagte die kleine Anneliese, "meint man, hier werden
+immer nur gute Menschen wohnen koennen. Es ist alles rein und gut;
+schlechten Leuten wuerde hier das Herz springen."
+
+Ich war ihr dankbar und sagte:
+
+"Aber es soll doch eine Zufluchtstaette werden fuer solche, die nicht
+gluecklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld ungluecklich geworden
+sind."
+
+"Ich finde", sagte Eva Bunkert, "in dem Ganzen ist ungeheuer viel
+Kindliches."
+
+"Das ist ein hohes Lob, mein Fraeulein, was Sie da sprechen", meinte Mister
+Brown; "Genialitaet ist nie etwas anderes als das Urspruengliche, das
+Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen
+Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an,
+es ist alles geschaut mit den abgeklaerten Augen des ernsten Mannes und
+alles gefuehlt mit dem Herzen des kleinen Buben."
+
+"Stefenson ist ein Genie", sagte Eva Bunkert warm.
+
+"Das will ich nicht sagen", entgegnete Brown, "er ist nur das Werkzeug;
+der Schoepfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der
+Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt."
+
+Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:
+
+"Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber
+Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich
+moechte sagen, der Doktor hat ein schoenes Motiv in die Welt gesungen, und
+Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen."
+
+"Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann", sagte Mister Brown
+geruehrt.
+
+"Oh", rief Eva Bunkert, "ich schwaerme fuer Stefenson. Es hat mir noch nie
+ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines
+Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich
+nur fuer die Freunde und Goenner ihrer eigenen Sippschaft begeistern
+koennen."
+
+Da wurde auch die kleine Braune munter.
+
+"Ja", seufzte sie, "es ist schade, dass Mister Stefenson verheiratet ist!
+Er waere der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glueck haette!"
+
+"Du Plappermaul!" zuernte Eva, reckte aber den Kopf hoch. "Nun, ich leugne
+es nicht: der Mann gefaellt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom
+Heiratenwollen aber ist gar keine Rede."
+
+"Er waere keine schlechte Partie", meinte ich.
+
+"Eben deshalb!" sagte Eva trotzig. "Ich will mal keine gute Partie, ich
+will einen Mann heiraten!"
+
+"Ich wusste gar nicht, dass Stefenson verheiratet ist", warf Mister Brown
+ein.
+
+"Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?"
+
+"Oh - ich als anstaendiger Journalist kuemmere mich um das, was Stefenson
+fuer das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhaeltnisse. Ich
+habe nie gehoert, dass Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz
+gleichgueltig."
+
+"Der Herr Doktor hat es uns gesagt", erwiderte das Maedchen.
+
+Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, dass ich erschrocken
+aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte - in Stefensons Augen. So klar,
+in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von
+hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jaehzornigen Manne die Galle
+ueberlief, was oft genug geschah.
+
+Ein wuester Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein
+amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer
+vorzueglichen Maske getaeuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich
+sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr
+los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so
+entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bisschen
+Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.
+
+Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.
+
+"Der Mann mag seine Vorzuege haben", sagte ich, "aber wo viel Licht ist,
+ist auch viel Schatten. So ist Stefenson - ich sage das ruhig, obwohl er
+mein Freund ist - ungeheuer eitel!"
+
+"Das ist kein Schade", fiel Eva ein; "viele grosse Maenner sind eitel: viele
+Staatsmaenner, viele Geistliche, alle Dichter - selbst solche, denen man es
+gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was
+heisst ueberhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten,
+auch in kleinen Aeusserlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde
+Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben."
+
+Da lachte Mister Brown.
+
+"Oh!" sagte er, "was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, dass er, wenn
+er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schoenen Bild eine kleine
+Verneigung macht, ehe er sich einseift."
+
+"Ich denke, Sie kuemmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben", rief
+Eva veraergert.
+
+"Gewiss nicht", sagte der Journalist, "aber manches fliegt einem halt so
+zu. Wenn es Spass macht: ich kenne noch ganz andere Schwaechen Ihres
+Geschaeftsfreundes."
+
+"Danke!" wehrte Eva ab, "es macht gar keinen Spass!"
+
+Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das
+Duemmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er wuerde dann noch weit heftiger
+auf sich selbst schimpfen. Das musste ich doch von seinen Artikeln her
+wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht
+scheren.
+
+Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.
+
+"Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hiess sie nicht
+Luise?"
+
+Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer
+seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht
+zum Bewusstsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte.
+So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich
+Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.
+
+"Allerdings", entgegnete ich meiner Nachbarin, "Stefensons Tochter heisst
+Luise. Das Kind haengt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus
+mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war
+auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl."
+
+"Wieso nicht wohl?" fragte Mister Brown, und das in einer solch
+erschreckten Weise, dass ich jetzt meiner Sache voellig sicher war.
+
+"Ah, so - so ...", entgegnete ich gleichmuetig, "bei Kindern findet sich
+leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen."
+
+"Ich finde", sagte Mister Brown scharf, "wenn ein Mann, wie Stefenson, ein
+einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu
+machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt."
+
+"Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen", entgegnete ich
+ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben
+Augenblick stuermte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter grossem
+Hallo aus dem nahen Walde. Das Maedel hat sich bei uns inzwischen voellig
+eingerichtet, und von Schuechternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam
+sie auf mich zugestuermt.
+
+"Ach, Onkel - ich wusste gar nicht, dass du hier oben bist. Wir spielen
+gerade Haschen."
+
+Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, dass
+es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Zuege Luisens.
+
+"Von ihrem Vater hat sie gar nichts", sagte sie, "sie muss ganz nach der
+Mutter sein."
+
+"Im Gegenteil", entgegnete ich, "das Kind ist das ganze Abbild des
+Vaters."
+
+"Dann habe ich auf ihn vergessen", sagte Eva mit fast trauriger Stimme.
+
+Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoss um
+den Buchenstamm herum auf mich zu, dass ich meiner Sache immer gewisser
+wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur
+eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon ueber zwei Stunden
+da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich wuerde dieser "Mister Brown"
+ploetzlich entdecken, dass er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu
+verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich
+dachte. Mister Brown legte ohne jede waermere Gefuehlsbewegung dem Kinde die
+Hand auf den Kopf und sagte mit der ueblichen Kinderfreundlichkeit:
+
+"Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von
+dir erzaehlen. Bist du sehr krank gewesen?"
+
+"Pappa soll bald wiederkommen", antwortete die Kleine.
+
+"Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?"
+
+"Wieso? Ich bin nie krank!"
+
+"Aber hast wohl muessen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?"
+
+"Nein, ich bin alle Tage draussen herumgerannt; ich war gar nicht eine
+einzige Stunde krank."
+
+"Hm!"
+
+Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fuehlte mich in der Rolle des
+blamierten Europaeers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die
+Maedchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown
+in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.
+
+"Ich finde eine merkwuerdige Aehnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und
+meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase,
+dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu
+raeuspern. Ist das nicht merkwuerdig?"
+
+"Sehr merkwuerdig!" entgegnete Brown. "Ein Schnorrer drueben hat mir mal
+gesagt, ich saehe Kaiser Wilhelm aehnlich. Dem habe ich es noch halb und
+halb geglaubt und ihm fuenf Prozent dessen geschenkt, um was er mich
+anpumpen wollte, aber eine Aehnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch
+niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen uebrigens fuer die gute Absicht, mir
+etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden."
+
+Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch
+glaubte ich trotz des Abenddaemmerns genau feststellen zu koennen, dass
+dieser Bart nicht angeklebt, dass diese Haare keine Peruecke seien. So wurde
+ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht
+erleben wollte, sagte ich: "Gott, man kann sich taeuschen!" Da blieb er
+stehen, sah mich an und sagte:
+
+"Sie haben mich wohl gar fuer Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer
+Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben waere ein solcher Streich
+zuzumuten, he?"
+
+"Aber nein - aber nein! So aehnlich sind Sie ihm nun doch nicht."
+
+"Nun, moeglich ist alles auf der Welt. Hauptsaechlich bei Ferien vom Ich!"
+sagte Brown vergnuegt.
+
+Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.
+
+Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er ueberreichte mir ein
+Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:
+
+"Verbindung mit X-Bankverein geloest; weitere Zahlungen durch Dresdner
+Bank. Stefenson."
+
+Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet
+hatten, zur Dresdner Bank ueberzugehen, schwebten schon einige Zeit, und
+dieses Telegramm belehrte mich nun, dass Stefenson in Milwaukee und nicht
+in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich
+gespielt ...
+
+Waehrend ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war
+Mister Brown den Maedchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den
+Haenden gefasst und tanzte mit ihr "Ringel-Ringel-Reihen". Die lange
+Schlottergestalt nahm sich dabei merkwuerdig genug aus, das Kind jauchzte,
+kam fast ausser Atem, schlug zum Schluss entzueckt in die Haendchen und sagte:
+
+"Er tanzt genau so schoen wie Pappa!"
+
+"Alle Amerikaner tanzen so schoen, mein Maeuschen", sagte Brown und kuesste
+das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:
+
+"Der Zug, mit dem ich zurueckfahren wollte, ist ja nun laengst fort. Sie
+waren so liebenswuerdig, mich sehr lange dazubehalten. Den naechsten Zug
+aber darf ich nicht versaeumen. Ich muss morgen in Berlin und uebermorgen in
+Hamburg sein. Mein diesmaliges europaeisches Gastspiel ist aus."
+
+"Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister
+Brown."
+
+"Oh - ich habe genug gesehen. Den Geist - den Kern! Ich bitte Sie, mir
+Ihren ausfuehrlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich
+informieren, und Sie werden sehen, dass ich am treffendsten das kritisieren
+werde, was ich nicht gesehen habe."
+
+Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn
+zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.
+
+"Es ist merkwuerdig", sagte sie; "er hat mich ungeheuer an Stefenson
+erinnert."
+
+"O nein", meinte die kleine harmlose Anneliese, "Mister Stefenson ist doch
+ganz anders, viel juenger und auch viel huebscher."
+
+"Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?"
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+"Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben."
+
+"Das trifft es nicht", sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder
+ins Gruebeln.
+
+"Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiss, mit wem
+man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute
+werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig,
+aengstlich, unsicher werden?"
+
+"Gewiss nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte
+Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsaechlich den Anschein hatte ..."
+
+"Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?" rief Eva erschreckt.
+"Und ich haette dann so - so - von Stefenson gesprochen ..."
+
+"Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er
+heute frueh dort an mich aufgab."
+
+"Gott sei Dank!"
+
+"Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim
+verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen
+waere, waere die Partie unehrlich gewesen. Wir haetten ihn nicht erkannt,
+wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird
+den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Aengstlichkeit,
+sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhoert ist in der Welt.
+Die Menschen werden Wahrheiten hoeren, die sie niemals vernaehmen, wenn sie
+ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen
+duerfen in einer Weise, die niemals moeglich waere, wenn sie ihre wirkliche
+Persoenlichkeit dafuer einsetzen muessten."
+
+"Ach ja", seufzte Eva Bunkert, "die groebsten und ruecksichtslosesten
+Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen."
+
+"Der Friede dieses Ortes wird alle Schaerfe mildern, wird aus der
+Ruecksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus aetzender Grobheit klare
+Wahrheit werden lassen."
+
+"Sie meinen es gut mit den Menschen", sagte geruehrt die kleine Anneliese
+und sah mich mit ihren grossen, braunen Augen dankbar an.
+
+Ich aber - ich weiss nicht warum - schaute nach der schoenen Blonden hin.
+Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.
+
+Die Maedchen blieben im Forellenhofe.
+
+Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich
+auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich
+dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr gruebelte ich ueber
+der Frage: War er's? War er's nicht?
+
+Am uebernaechsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe
+Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus
+Milwaukee; er enthielt allerhand geschaeftliche Weisungen sowie die
+Mitteilung, dass er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa
+zurueckkehren koenne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den
+Poststempel Hamburg und meldete, dass der Journalist im Begriff stehe, nach
+Amerika zurueckzukehren, sich noch einmal fuer die freundliche Aufnahme
+bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.
+
+Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen
+glichen sich ausserordentlich. Haette man je einen der grossen geschwungenen
+Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man haette eine Kongruenz
+feststellen koennen.
+
+Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:
+
+"Ach, es ist doch gut, wenn man weiss, mit wem man es zu tun hat!"
+
+
+
+
+
+ DIE ERSTEN KURGAeSTE
+
+
+Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eroeffnet worden. Die Feier war schlicht.
+Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu
+dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus
+Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und
+fuenfzehn Kurgaesten. Von diesen fuenfzehn Kurgaesten geniessen zehn Freikur,
+und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement.
+Stefenson sandte ein laengeres Glueckwunschtelegramm aus St. Louis.
+
+Fuenfzehn Kurgaeste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame,
+die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klaegliche Ergebnis nach
+Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: "Hatte ich mir gedacht!"
+
+Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln ueber die Hoefe zu verstreuen,
+sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschoelzerei
+zu geben. Die Schauspieler aber schwaermten nicht fuer Feld- und Waldarbeit;
+sie wuenschten mehr dekorative Posten. Fuenf von den sieben wollten
+Nachtwaechter sein, einer bot sich als Hilfsbrieftraeger an, wobei seine
+Taetigkeit gleich Null gewesen waere, und einer sagte mit mildem
+Augenaufschlag, er koenne sich nur als Krankenpfleger gluecklich fuehlen. Wir
+hatten aber keine Kranken.
+
+Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Grossknecht,
+den er bereits hatte, dem "langen Ignaz", noch einen zweiten Knecht ein
+und sagte zu mir: "Ich hab es Ihn'n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute
+sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen."
+
+"Geduld, Barthel, Geduld!"
+
+Der Anfang war wirklich klaeglich. Zwar sang Egin Harold, der als
+Nachtwaechter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsaenger
+war), das
+
+ "Hoert, ihr Herr'n, und lasst euch sagen,
+ Die Uhr hat eben zehn geschlagen!"
+
+mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel
+empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine huebsche blonde Magd
+hatte: "Gute Nacht, du mein herziges Kindl", um 1 Uhr droben am Hange:
+"Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...";
+um 2 Uhr: "Steh ich in finstrer Mitternacht", und von 3 Uhr an:
+"Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ..."
+
+Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesaenge so tief ergriffen, dass
+sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde ueber
+den Nachtwaechter wegen naechtlicher Ruhestoerung. Als nun Egin Harold von
+dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den
+Hofhund loslassen, wenn der Waechter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der
+Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Kuenstler seinen Posten und
+uebergab die Abzeichen seiner Wuerde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten
+Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abaenderung des Lohengrintextes sang:
+
+ "Den Spiess, dies Horn, den Pelz will ich dir geben.
+ Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken,
+ Der Spiess im wilden Kampf dir Mut verleiht,
+ Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken,
+ Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit."
+
+Die "Schmach und Not", aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand
+darin, dass er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem
+Waldschoelzer hatte helfen muessen, Baeume zu faellen. Jetzt war er als
+Nachtwaechter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen
+einen grossen Granitblock, den er den "Fafnerstein" getauft hatte, stand
+malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spiesse
+und seinem funkelnden Horn, sang mit droehnendem Bass die Stunde, kletterte
+dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen.
+
+Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzaehlte mir in der
+Sprechstunde, dass er frueher an einem chronischen Hungergefuehl, das
+wahrscheinlich auf nervoeser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber
+bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Koechin
+in der Waldschoelzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte:
+
+"Er frisst!" -
+
+Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard
+Kaesenapf heisst. Als Kuenstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da
+er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream.
+
+Dieser Knut Waterstream ist duenner als ein Regengerinnsel. Ich schickte
+ihn zur Arbeit in die Gaertnerei. Einiges erzaehlte mir der Gaertner, einiges
+beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte duerres Laub
+zusammenrechen und fluesterte den braunen Blaettern zu:
+
+ "So wie ein Blatt vom Wipfel faellt,
+ So geht ein Leben aus der Welt,
+ Die Voegel singen weiter!"
+
+Stuetzte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in
+melancholischer Betrachtung ueber die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer
+irdischer Dinge. Darauf uebergab er dem Gaertner den Rechen und sagte:
+
+"Tun _Sie_ dieses Totengraebergeschaeft; ich vermag es nicht!"
+
+Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjaeten. Er ging siebenmal mit duesterem
+Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger ueber dies neue
+verruchte Arbeitsfeld und deklamierte:
+
+ "Giftiges Kraut, gesaeet mitten unter den Weizen,
+ O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut!
+ Satanas hat sich dein Korn in hoellischen Scheuern gestapelt,
+ Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet,
+ Dass du nun wucherst und waechst; dem gueldenen Weizen zum Schaden,
+ Dass du die Sonne ihm stiehlst, den naechtlichen Tau der Gestirne.
+ Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden,
+ Krieche zur Hoelle zurueck, zum Satan, von dem du gekommen,
+ Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge,
+ Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!"
+
+Daraufhin hat der Gaertner Herrn Knut Waterstream belehrt, dass das, was er
+als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und dass sich
+gegen das Unkraut mit Beschwoerungen nichts ausrichten lasse. Man muesse das
+Zeug Stueck fuer Stueck mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe
+es nicht.
+
+"Lieber Freund", hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme
+erwidert, "wir verstehen uns nicht!"
+
+Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen.
+
+ *
+
+Es soll der Saenger mit dem Koenig gehen. Saenger hatten wir von Anfang an
+genug; am 10. Mai kam der Koenig an. Ein wirklicher Koenig war es zwar
+nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fuersten, eine Hoheit. Um
+diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz
+an dreihundert Zeitungen:
+
+"Der Andrang nach der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' zu Waltersburg, der
+besten und originellsten Heilstaette der Welt, ist enorm. Die ermuedete
+Intelligenz fluechtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt
+kommen auf ein Weilchen zurueck ins gruenbelaubte Mutterhaus der Natur.
+Kuenstler von Weltruf, Mitglieder europaeischer Regentenhaeuser sind bei uns
+eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergoetterte Liebling
+allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer
+und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet,
+die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer
+heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie
+ruehrend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermuedender
+Emsigkeit seine Gaertnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der
+Allerhoechstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen
+Stimmungen die Welt achtet, im demuetigen Bauernkleide, von niemand
+erkannt, seiner laendlichen Taetigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt
+'Ferien vom Ich' ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg ueber das
+Unglueck, ist ein Paradies auf Erden!"
+
+Als ich diesen Erguss in den Zeitungen las, wusste ich: auch unser Levisohn
+war ein Dichter. Einer von bluehender Phantasie.
+
+Hoheit kam zu mir und fragte:
+
+"Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Maennchen, die hier bei
+Ihnen 'rumkrauchen, etwa der Koenig von England oder von Italien drunter?"
+
+"Gewiss nicht, Hoheit."
+
+"Ja, wer ist denn da mit dem Allerhoechstgeborenen Herrn gemeint, auf
+dessen Stimmungen die Welt achtet?"
+
+"Ew. Hoheit selbst."
+
+Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten
+Hoheit:
+
+"Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!" -
+
+Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden
+achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich ueber
+dreitausend Kurgaeste an. Ob der nachtwaechternde Heldentenor oder der
+ackerbauende Fuerst die groessere Anziehung ausuebte, war nicht zu
+entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz:
+
+"Kuranstalt 'Ferien vom Ich', Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen,
+die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit koennen
+wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gaeste nicht aufnehmen, da jeder
+unserer Feriengaeste ganz individuell behandelt werden muss. Vornotierungen
+aber zulaessig."
+
+Diese hochmuetige Kuerze tat noch groessere Wunder. Unser Buero konnte die
+Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewaeltigen. Ich
+telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf
+die Antwort ein: "Hatte ich mir gedacht!"
+
+ *
+
+Hoheit ist ein recht liebenswuerdiger Kurgast. Hoheit ist ueberhaupt einer,
+der seiner zu grossen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner
+Nerven verdankt. Wir Aerzte druecken das hoeflich aus: Er hat zu konzentriert
+gelebt. Es ist schoen, dass wir unsere fachmaennischen Ausdrucksformen haben;
+denn es wuerde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit
+ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bisschen Schweinekerl und
+Liederjan!
+
+Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns
+gekommen, weil sie hier ein Feld fuer originelle Extravaganzen wittert.
+Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere
+Familienratsbeschluesse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige
+Verwendung in den Kolonien, Aussoehnung mit dem Familienchef, abermaliges
+Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden,
+Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehoert.
+
+Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen
+Lebensbericht eingereicht, ueber dem mir die Haare zu Berge gestanden
+haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und
+pruede bin. Am Schluss stand: er habe sich eigentlich erschiessen wollen,
+aber er koenne ja noch mal diese "neue Chose" probieren, ob ihm noch ein
+bisschen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig
+und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, fuer den man keine
+Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle
+Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am
+wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr
+und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf
+Sekunden das Gefuehl gehabt, dass er und sein Leben noch ernst genommen
+werden koennen. Heissen wolle er Max Piesecke. -
+
+"Also, lieber Piesecke", sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; "dass Sie
+ein grosser Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu
+sagen. Hoechstwahrscheinlich laesst sich mit Ihnen nichts mehr anfangen.
+Erschiessen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber
+miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden
+die Waende auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie - ich
+glaube, ungefaellig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn fuer Humor.
+Nun, Piesecke, es waere doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal
+ein brauchbarer Kerl wuerde! He? Sie muessen selbst darueber lachen! Und fuer
+mich waere es gut - wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir's halt.
+Gelingt's, freue ich mich; gelingt's nicht, schmeisse ich Sie 'raus!"
+
+"Wahrscheinlich werden Sie mich 'rausschmeissen!" sagte Piesecke
+nachdenklich.
+
+"Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein
+bisschen Philosophie im Leibe haetten, muessten sie wissen: es gibt keinen
+grimmigeren Spass, als ein Pessimist zu sein und ueber den Pessimismus zu
+lachen!"
+
+"Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!"
+
+"Gern!"
+
+Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, uebergab ihn Piesecke und sagte:
+
+"Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie
+es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden
+hoechstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreissen wollen. Sie sind
+gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben
+durchzufuehren. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht
+unnuetzerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir
+einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und
+lauten:
+
+Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim 'Ferien vom Ich'
+aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht fuege,
+zahle ich eine Million Mark Reugeld."
+
+"Was?" schrie Max Piesecke. "Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfaehrt
+es, schlaegt er mich tot!"
+
+"Schoen! Dann habe ich nicht mehr noetig, Sie zu kurieren."
+
+Piesecke sank in sich zusammen.
+
+"Ich bin immer Erpressern in die Haende gefallen", jammerte er.
+
+"Morgen nachmittag 41/2 Uhr wird der Notar hier sein", entgegnete ich ruhig;
+"Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen
+oder Ihrer Wege gehen."
+
+"Ferien vom Ich!" stoehnte Piesecke; "ich habe gar keinen Willen mehr."
+
+Am naechsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem
+Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewuenschte Abkommen mit seinem
+hochfuerstlichen Namen.
+
+"Nun passen Sie mal auf, Piesecke", sagte ich, "jetzt wird noch was aus
+Ihnen!"
+
+ -------------------------------------------------------
+
+All unsere Hoefe sind mit Kurgaesten besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen,
+dass wir die Wahl haetten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der
+Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von frueh bis spaet Arbeit,
+obwohl unser Aerztekollegium immer groesser wird. Es lastet zuviel
+Geschaeftliches auf mir. Das drueckt auf die Seele; denn ich bin kein
+Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, dass er gerade jetzt, wo er
+hier am noetigsten waere, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an
+ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurueck. Immer die gleiche
+Antwort: "Ich bin hier noch unabkoemmlich."
+
+Unser Direktor - ein frueherer Offizier - ist zum Glueck ein tuechtiger Mann.
+Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spuersinn. Wie ein
+guter Jagdhund ist er, er hat's in der Nase, wenn er ueber das weite
+Gelaende unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen
+Furche ein verborgener Erfolg aufzustoebern ist. Er ist aus dem Holz, aus
+dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die
+leitet alle ein unfassbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere
+Leute nicht haben.
+
+Der Direktor heisst von Bruesen und wird wegen seines wuerdevollen Auftretens
+von den Kurgaesten "der Herr Praesident", von den Angestellten aber "der
+Direks" genannt. Oft habe ich bei seinen Massnahmen das Gefuehl: genau so
+wuerde Stefenson gehandelt haben. Bruesen ist auch von Stefenson angestellt
+worden. Mein Geschaeftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo
+kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei - wie er
+schrieb - gefunden, "dass sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf
+einmal vorstellen koenne, was nur sehr wenig Menschen vermoechten", dass er
+ferner "zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben", dass er nicht in den
+Doppelsohlenstiefeln aengstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von
+hundert Schnellfuesslern ueberholt werde, und dass er von guter, zaeher
+Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn
+gemerkt und ihn fuer uns nun an den Tag gezogen.
+
+Es ist ein Glueck, dass dieser Direktor da ist. Was taete ich ohne ihn? Einen
+Entscheid faellt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere
+Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden
+Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er
+entscheidet immer so, wie ich annehmen moechte, dass Stefenson entschieden
+haben wuerde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig,
+so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so
+fest steht, dass er weiss: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein
+paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ...
+
+Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Baeuchlein
+war bestimmt nicht der grosse, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten
+Brown haette ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown.
+
+Ich muss mich wahrhaftig erst in die Ausfuehrung meiner eigenen Idee von der
+Unpersoenlichkeit meiner Kurgaeste gewoehnen. Es wird mir schwer, in dem
+Nachtwaechter Korrundt nicht den Opernsaenger zu sehen, ja, es wird mir
+sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist
+doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekuemmere mich
+absichtlich nicht um die Personalien der Kurgaeste, die ich nicht selbst
+behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als
+leitender Arzt tun muss. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe
+Leute in unseren Gaerten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich
+nicht weiss, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir
+nur bekannt ist, dass sie aus einer drueckenden Enge entflohen sind in das
+Reich unserer gruenen Gesundheit.
+
+Der Sekretaer, der unsere Statistik macht, sagte mir, dass neunzig Prozent
+unserer Kurgaeste aus Grossstaedten kommen. Ich glaube das gern. Die
+Grossstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Haende zu steinern
+hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu
+flunkerig, sind ihre Wuensche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den
+Engrosramsch der Genuesse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den
+wahren Beduerfnissen ihrer Kinder. Von den Palastraeumen ihrer Verwaltung
+aus regiert diese Stiefmutter Grossstadt ihre Familie, die zum groessten Teil
+in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schlaeft; in ihren glaenzenden
+Parkanlagen duerfen barfuessige Jungen und zerlumpte Maedchen spazierengehen.
+Wie die niedertraechtigste Amme, die ihren unruhigen Zoegling mit Schnaps
+betaeubt, errichtet sie in all ihren Vorstaedten Destille neben Destille.
+Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt
+ihnen diese "Mutter" Grossstadt einige Bonbons "oeffentlicher Fuersorge" oder
+billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen
+koennen, sondern nur den Magen ansaeuern und die Zaehne des Willens und
+Charakters verderben.
+
+Wann endlich wird die Menschheit des truegerischen Schimmers muede sein, in
+Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Grossstadt und
+im grossen Ferien machen von diesem jammervollen Ich?
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Heut ist ein Unglueck passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten
+als Kurgaeste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte
+seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht,
+der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit
+will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefaehrt
+auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem
+Rueckwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade
+dort, wo der Weg eine steile Boeschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den
+Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu
+gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift
+und greulich zugerichtet.
+
+Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst
+erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die
+Wahlstatt ueberschaut und darauf zunaechst mal dem ungluecklichen Piesecke
+ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden
+nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich ueberzeugt, dass mit dem
+Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurueckgekehrt.
+Annelies ist ausser dem Schreck nichts passiert, die schoene Eva hat sich
+einen Fuss verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kraeftigen
+Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt.
+Piesecke hat nichts zu sagen gewusst als: "Pardon, pardon, es ist mir
+dieses alles sehr fatal."
+
+Schliesslich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie
+hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten.
+
+Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen
+Beschwerde zu fuehren. Er sei - so sagte er - immerhin ein Kurgast, und
+Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er muesse gegen solche Behandlung Protest
+einlegen.
+
+Ich aber sagte: "Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, dass ich mich
+wirklich nicht darum kuemmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher
+pruegeln."
+
+Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: "Jawohl, ich sehe es
+ein! Wenn ich mich koerperlich werde gekraeftigt haben, werde ich ihm die
+Ohrfeigen zurueckgeben."
+
+"Das muessen Sie", erwiderte ich; "das gebe ich Ihnen auf; das werde ich
+Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!"
+
+
+
+
+
+ SOMMERABEND
+
+
+Die Arbeit war getan; ich war frei. Eigentlich wollte ich ja hinauf zum
+Hirtenhaus, aber ehe ich mich's versah, schlenderte ich doch wieder zum
+Forellenbauer hinab. Ich redete mir ein, ich muesse mich um mein Sorgenkind
+Piesecke bekuemmern, und so nebenbei koenne ich ja nach Eva fragen, deren
+kranker Fuss allerdings von einem Kollegen behandelt wird. Das Maedchen sass
+vor der Haustuer auf der gruengestrichenen Bank und putzte Gemuese. Sie heisst
+hier einfach "Hanne". Einen Familiennamen fuehrt sie nicht, ebensowenig wie
+Anneliese, die sich in "Baerbel" umgetauft hat.
+
+Am Hoftor blieb ich stehen. Ein liebliches Bild! Abendsonne bestrahlte das
+schoene Maedchen, eine weisse Taube sass auf der Rueckenlehne der Bank, ein
+goldgefiederter Hahn blinzelte mit seinen Aeuglein zu dem Maedchen empor,
+wartend, ob fuer ihn etwas abfalle. Dann kam der grosse Zottelhund, wedelte
+mit seinem buschigen Schwanz den Hahn gutmuetig, aber bestimmt zur Seite,
+nahm dessen Platz ein und sass in stummer Bewunderung vor der schoenen Frau.
+
+Und noch ein anderer schaute verliebt zu dem Maedchen hin, das war
+Piesecke, der an der Stalltuer lehnte und eine Sense in der Hand hielt. Oh,
+den armen Piesecke scheint es ganz arg erwischt zu haben. Er verdrehte die
+Augen und seufzte einmal so laut, dass man es ueber den Hof hinweg hoerte.
+Ich aergerte mich ueber den Menschen.
+
+Gleich wurde mir eine Genugtuung. Eine derbe Faust kam aus der Stalltuer
+heraus, gab dem traeumenden Piesecke einen Stoss in den Ruecken, dass er samt
+seiner Sense in den Hof taumelte, und eine rauhe Stimme rief:
+
+"Schlaf nicht, du Doeskopp! Mach, dass du aufs Kleefeld kommst!"
+
+Die schoene Hanne blickte auf und lachte, Piesecke geriet in Wut, fuchtelte
+mit seiner Sense ein wenig vor der inzwischen geschlossenen Stalltuer herum
+und ging dann niedergeschlagen ueber den Hof. Am Tor traf er mich.
+
+"Das ist eine Gemeinheit", sagte er und hatte Traenen in den Augen.
+
+"Piesecke", troestete ich ihn, "ich bin Zeuge dessen gewesen, was jetzt
+vorfiel. Das ist gegen jede Ordnung, ist gegen den Sinn unseres
+Ferienheims. Der Knecht Ignaz hat sich gegen einen Kurgast solche
+Frechheiten nicht herauszunehmen. Ich werde energisch mit dem Bauern
+reden. Oder soll ich Sie auf einem anderen Hofe unterbringen?"
+
+"Um Gottes willen nicht", rief Piesecke erschrocken; "ich - ich - da
+hielte ich's ja gar nicht aus auf einem anderen Hofe ... ich - ich hab
+mich ja schon so - so - an den Grobian gewoehnt."
+
+Und er ging gesenkten Hauptes mit seiner Sense davon.
+
+Ich begruesste eben die blonde "Hanne", da trat auch schon der Bauer Barthel
+aus der Haustuer. Das war mir nicht lieb, und so sagte ich ein bisschen
+unwirsch:
+
+"Barthel, das geht aber nicht, dass Sie Knechte mieten, die unsere Kurgaeste
+verpruegeln. Denken Sie mal, wenn das in der Oeffentlichkeit bekannt wuerde!
+Da kaeme niemand mehr zu uns. Den langen Ignaz muessen Sie entlassen."
+
+"Ich kann nich, Herr Dukter", erwiderte Barthel achselzuckend. "Ma kriegt
+so schwer 'n gutten Knecht. Kurgaeste kriegt ma zehnmal leichter wie 'n
+Knecht. Und a Ignaz, den kenn ich vu Jugend uff, das is a ganzer Kerle.
+Der schofft's! Wos sull ich machen, jetzt, wu die Ernte kummt? Ich kann
+doch nich die Ernte mit 'm Piesecke machen! Se sullten mal zusehn, Herr
+Dukter, wenn der Piesecke Gras haut. Bluss die Spitzen schneid't a ab, de
+Sense fuchtelt immer in der Luft 'rum. Oder sie bleibt in eem
+Maulwurfhaufen stecken. Es ist jaemmerlich!"
+
+"Wie lange wird denn Herr Piesecke hierbleiben?" fragte Hanne.
+
+"Das duerfte ich eigentlich nicht sagen", erwiderte ich, "aber ich glaube
+ein ganzes Jahr!"
+
+"Um Gott's willen!" stoehnte Barthel. "A Jahr lang! Da hat mir der Kerl 'n
+ganzen Hof ruiniert. Was soll ooch so'n Sargfabrikant von der
+Bauernwirtschaft verstehen."
+
+"Wieso - Sargfabrikant?"
+
+Barthel laechelte ueberlegen.
+
+"Eener vom Grundhofe kennt ihn. Piesecke is Sargfabrikant in Hannover und
+heesst eegentlich Robert Ebbing. Ich hab das vom Sargfabrikanten gleich
+geglaubt; denn 'n sehr traurigen Eindruck macht a doch. Aber ich hab mir
+gesagt, a muss doch da was von der Tischlerei verstehn. Da sollt a mir
+vorgestern 'ne Kiste zunageln. Das haetten Se sehn muessen! Olle Naegel krumm
+oder in die Luft gekloppt. Das weess ich: in een Sarg, den der Piesecke
+gemacht hat, leg ich mich amal nich! Eh da die Saenger mit 'Es ist bestimmt
+in Gottes Rat' fertig waeren, braech der Boden und ich laeg draussen!"
+
+"Also, das alles glaub ich nicht", warf die blonde Hanne lachend ein;
+"Piesecke stammt aus einer besseren Familie; das merkt man ihm schon an."
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+"Es darf hier ein jeder vermuten, was er will."
+
+"Meinetwegen mag er sein, was er Lust hat", sagte Barthel brummig;
+"Hauptsache, ich waer ihn los."
+
+"Geduld, Barthel, Geduld!"
+
+"Geduld braucht ma maechtig viel mit den Staedtern. Also fuenfundzwanzig
+Stueck Kurgaeste hab ich jetzt. Ausser mit der kleen'n Baerbel hab ich mit
+allen Schererei. Na, ich brumm nicht etwa, Herr Dukter; fuer die Aergerei
+mit a Staedtern bin ich ja da und hab ich mein feines Auskumm'. Ich sag
+bloss: Aerger machen se alle."
+
+"Aber doch nicht ich!" rief Hanne.
+
+"Sie ooch", sagte Barthel melancholisch; "meine Alte is uff Sie
+eifersuechtig."
+
+"Barthel!"
+
+Dem Maedchen blieb der huebsche Mund offenstehen.
+
+"Ja, ja, ich hab ihr zwar gutt zugeredt und gesagt: Alte Schraube, es passt
+sich nich, dass du uff deine alten Tage eifersuechtig wirst. Aber se sagt,
+es passt sich nich, dass ich su oft mit Ihn'n plaudere, und ich taet Augen
+machen."
+
+"Was taeten Sie machen?"
+
+"Augen! Nu ja, ich kann doch nich als Blindekuh vor Ihn'n stehn!"
+
+Das Maedchen machte ein erheuchelt ernstes Gesicht.
+
+"Also, Barthel, diese Augen lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich werde Ihre
+Frau Gemahlin zur Rechenschaft ziehen."
+
+"Um Gottes willen nich! Wenn das 'rumkummt, schrei'n ja die Leute Feuer!"
+
+Da trat Frau Susanne Barthel aus der Haustuer.
+
+"Hatt' ich mir's nich geducht? Steht a nich schon wieder?" sagte sie.
+
+"Ja, Frau Barthel", rief Eva, "und er macht Augen auf mich!"
+
+"Nich wahr, Fraeulein Hanne, Sie haben ooch Ihren Spass an dem alten Esel?"
+
+Das Weiblein fing an zu lachen, dass ihr die Augen traenten.
+
+"Also, wenn der Augen macht", schluchzte sie unter Lachen, "da kommt keen
+gestoch'nes Kalb dagegen auf."
+
+"Weib", schrie Barthel erbost; "du bist eifersuechtig. Du hast keen'n Grund
+dazu!"
+
+"Nee, nee", schlenkerte die dicke Susanne prustend mit den Haenden; "du
+kannst um de ganze Welt 'rum Augen machen, 's faellt keener druff 'rein!"
+
+Und sie ging vergnuegt ins Haus zurueck. Barthel stopfte ob des
+vernichtenden Urteils ueber seine maennliche Anziehungskraft die Haende in
+die Hosentaschen und sagte:
+
+"Das is eene Gemeinheit! Immer lacht se, schon wie se noch meine Braut
+war, lacht se mich immer aus."
+
+"Seien Sie doch froh, Barthel, dass Sie eine so lustige Frau haben."
+
+"Nee, nee, Herr Dukter, olles mit Respekt gesagt, aber das verstehen Se
+nich! Sie sind nicht verheirat't. Sehn Se, wenn a Weib schimpft, oder wenn
+se flennt, oder wenn se mit Tellern schmeisst, oder wenn sie furtlooft,
+koenn'n Se sich immer noch Ihren Kopp ufsetzen; aber wenn se lacht, sind Se
+geliefert."
+
+Nach dieser Bemerkung hob der Philosoph aus dem Volke den Kopf und lachte
+selber. Und ich benutzte die Gelegenheit und bat Barthel, mir seine
+Meinung ueber seine Kurgaeste mitzuteilen. Sowenig ich mich sonst um den
+Stand der von mir persoenlich nicht behandelten Kurgaeste kuemmere - wer auf
+dem Forellenhof lebt, weiss ich. Ach, ich wollte es mir ja immer noch nicht
+zugestehn, aber ich glaube oft, dass ich selbst "Augen" auf die schoene Eva
+Bunkert mache, die hier "Hanne" heisst. Und wenn ich ehrlich sein will, ist
+das auch der Grund, warum ich gerade die Besucherliste des Forellenhofes
+kenne. Jetzt sagte ich gutgelaunt:
+
+"Also, Barthel, schiessen Sie mal los mit Ihrem Aerger ueber unsere
+Kurgaeste."
+
+Ich hatte mich inzwischen zu Hanne auf die Bank gesetzt, Barthel hockte
+auf einem umgekehrten Kartoffelkorbe uns gegenueber. Er machte sein
+philosophisches Gesicht und sagte:
+
+"Aerger kann man's eigentlich nich nennen, man muss mehr sagen, keen
+richtigen Respekt nich. Also, vom Piesecke will ich nich reden, der aergert
+mich wirklich. Das is 'n Huhn! Wahrscheinlich hat a zuviel Saerge gemacht,
+zuviel Geld eingenummen, und da is es halt su geworden. Aber zum Beispiel
+der Lempert. Also, in dessen Kurverordnung, die er mir als 'm Hausherrn
+doch abgeben muss, steht: Aufstehn halb sechs. Um halb sechs geht der Ignaz
+wecken. Lempert brummt nich amal. Um dreiviertel weckt Ignaz wieder.
+Lempert schreit: a sull die Schnauze halten! Um sechse geh ich selber und
+hau an die Tuer. Lempert schmeisst seine Stiefel dagegen und schreit, ich
+sull mich zum Teufel scheren. Um viertel sieben trommeln wir beide so an
+die Tuer, dass 's ganze Haus wackelt, 's ruehrt sich nischt. Um halb sieben
+droh'n wir, die Tuer einzuhauen. Da kummt Lempert hinter uns die Treppe
+'rauf und fragt seelenvergnuegt, warum wir eigentlich vor seiner Tuer so
+eenen Skandal machen; a waer doch schon lange munter. Is der Kerl heimlich
+uffgestanden und hat die Tuer von aussen verschlossen. Naechsten Tag dieselbe
+Chose. Um halb sechs Ignaz (Lempert brummt), um dreiviertel sechs Ignaz
+(Schnauze halten!), um sechs ich (er schmeisst mit Stiefeln). 'Jetzt,
+Ignaz', sag ich, 'is Schluss, jetzt steht er heimlich uff.' Um neune is 'n
+Bote vom Rathaus bei mir, warum der Lempert nich zur Kur gekommen sei?
+Schlaeft der Vagabund noch! Da soll ma sich nich aergern!"
+
+Lempert war ein Rechtsanwalt aus Leipzig.
+
+"Fahren Sie fort, Barthel. Schildern Sie mir noch einige Ihrer Kurgaeste."
+
+"Also, da ist der Emmerich, der komponiert mir 'n ganzen Hof voll. Auf'm
+neubehobelten Kartoffelwagen hat a 'n ganzes Brett vollkomponiert, er
+komponiert die Hausflurwaende voll, er komponiert ans Butterfass, er
+komponiert auf die Tischtuecher, er hat sogar (entschuldigen, Fraeulein
+Hanne!) auf den Klosettdeckel einen Rundgesang komponiert. So ein
+verruecktes Huhn is das! Ich hab'n gefragt, ob er Kapellmeister oder Kantor
+war, da hat er gesagt: Nee, er waer Gesanglehrer in eener
+Taubstummenanstalt. Von sein'n Schuelern liesse er seine Kompositionen
+auffuehren. Das nennte sich primitive Kunst. Und gerade so 'n Schmierfinke
+wie der Emmerich is der Maler Methusalem. Das is erst eine Nummer! Der
+behauptet, er waere 998 Jahre alt. In zwei Jahren zu Pfingsten feiert a
+seinen tausendsten Geburtstag. Da will er uns alle einladen. Den naechsten
+Tag taet er dann sterben, da koennten wir gleich zum Begraebnis dableiben.
+Die Sache haette sich so zugetragen, dass er vor etwa tausend Jahren 'n
+maechtiger Koenig gewesen waer; aber er haett' 'n Verbrechen begangen, und da
+haett' 'n een sehr kraeftiger Fluch getroffen, und da haett' er gleich nach
+seinem Tode sich immer wieder aus 'm Grabe 'rausbuddeln und in anderer
+Gestalt 'n neues Leben beginnen muessen, und es sei immer sehr bergab
+gegangen mit sein'n diversen Leben, bis er zuletzt haette als deutscher
+Maler auf die Welt gemusst. Da sei das Mass seiner Busse voll geworden, und
+er duerft jetzt definitiv sterben. Also - was hat dieser Methusalem
+gemacht? Ich hab ein neues Schaff gekauft. 's erstemal kommt's in
+Gebrauch. Schneeweisses Buchenholz. Da schuettet meine Frau Rueben in das
+Schaff, pfeift 'm Methusalem und sagt: 'Methusalem, stampfen Se mal die
+Rueben huebsch klein!' Was macht er? Er beguckt sich das schoene weisse
+Schaff, dreht's um, schuettet die Rueben aufs Pflaster und malt auf 'n
+auswendigen Boden vom Schaff meine Alte. Die is nu immer wieder
+hergelaufen gekommen, hat gelacht und geschimpft auf den Methusalem, und
+er hat sie immer angeguckt und drauflos gestrichelt. Da is se ausgerueckt
+und er 's Schaff sich ueber'n Kopf gestuelpt und immer hinter der Susanne
+her. Und wo er sie erwischte, schnell ihr ins Gesicht geguckt und 'n paar
+Striche gemacht. Und dann ging die Jagd von neuem an. Das nennt sich nu
+landwirtschaftlicher Betrieb bei uns!"
+
+"Hat denn der Methusalem die Zeichnung fertiggestellt?"
+
+"Freilich! Fuenf Tage lang is a mit sein'm Schaff auf 'm Kopp hinter der
+Susanne wie wahnsinnig hergewest. Se is ganz ausser Atem gekommen und hat
+gesagt, a muesst wirklich 'n sehr schwerer Verbrecher sein. Aber das Bild is
+nu fertig. Ich sag Ihn'n, su 'ne alte Eule haben Se Ihrer Lebtage noch
+nicht gesehen."
+
+"Kann man das Bild nicht mal sehn? Sie haben dieses Schaff hoffentlich
+nicht wieder als Schaff benutzt?"
+
+"Nee! Meine Alte hat das Bild abscheuern woll'n, aber da haben alle
+Kurgaeste Laerm gemacht."
+
+"Die Zeichnung ist koestlich!" warf Eva ein.
+
+"Wo ist denn das Schaff?"
+
+"Oben in seiner Stube hat's der Methusalem eingeschlossen. Aber ich hab ja
+'n zweiten Schluessel."
+
+"Holen Sie's mal!"
+
+"Wenn mich die Susanne erwischt, kommt sie gleich mit der Schmierseife und
+der Scheuerbuerste hinter mir hergesaust."
+
+"Holen Sie es. Wir stehen Posten."
+
+Ich wusste, dass dieser Methusalem ein bekannter ausgezeichneter
+Karikaturist war. Als Barthel mit dem Schaff ankam und ich die Zeichnung
+sah, war ich entzueckt. Ich sah ein Meisterwerk! Diese ganze pfiffige,
+durchtriebene, lachlustige, dicke Susanne lebte, atmete, schimpfte,
+lachte, kommandierte, pfiff auf der Zeichnung.
+
+"Es ist herrlich", rief ich; "es ist zum Kuessen schoen!"
+
+"Weib!" schrie da Barthel begeistert, "Weib, komm 'raus, der Doktor will
+dir 'n Kuss geben."
+
+Susanne kam heraus, sah das Schaff, kreischte, versuchte einen wilden
+Angriff auf ihr Bildnis und erstarrte, als ich ihr sagte, wenn Herr
+Stefenson die Zeichnung saehe, wuerde er wahrscheinlich ein- oder
+zweitausend Mark dafuer zahlen.
+
+Die erblasste Susanne rief:
+
+"Ich kann doch keene so scheussliche alte Schachtel sein wie die da!"
+
+"Das ist keine scheussliche alte Schachtel", sagte Eva freundlich; "das ist
+eine sehr liebe, lustige Muttel!"
+
+"Siehste, Alte", hoehnte Barthel, "wenn du um die ganze Welt reistest, 's
+koennte dich keen Maler schoener uffmalen, als du eben bist. Aber ich bin
+nich eifersuechtig, wenn ooch der Methusalem fuenf Tage hinter dir hergerast
+is wie verrueckt."
+
+Mit dieser rachsuechtigen Bemerkung schlug Barthel seine Gattin aus dem
+Felde.
+
+"Holdrioho hoho!" jodelte einer draussen vor dem Tore.
+
+"Um Himmels willen", rief Barthel, "das is der Methusalem. Wenn der spuert,
+dass ich in seiner Stube gewest bin! Der tausendjaehrige Kerl hat Kraefte wie
+'n Baer."
+
+Und Barthel nahm das Schaff auf den Kopf und verschwand eilends im Hause.
+
+Eva-Hanne sagte:
+
+"Ich hab immer gern in meinem Leben gelacht, aber so viel wie in den drei
+Wochen, da ich hier bin, noch nie."
+
+"Lachen ist gesund."
+
+"Ganz gewiss. Ich sehe, wie alle um mich her taeglich gesuender und heiterer
+werden. Heiter kann man es zwar nicht nennen, mehr ausgelassen."
+
+"Ja, sehen Sie, Eva, die Ausgelassenheit ist nur ein ansteigender Talweg
+zu dem Berge der Gesundheit und des Glueckes, die Heiterkeit ist der
+letzte, klare Gipfel. Zu ihm gelangen wir spaet, erst, wenn wir lange und
+muehevoll gestiegen sind, erst, wenn es still und einsam um uns geworden
+ist, erst, wenn unsere Augen weithin sehen koennen, ueber alle Tiefen, die
+unter uns, und alle Hoehen, die ueber uns waren."
+
+"Sind Sie selbst schon auf der Hoehe?"
+
+"Ich gewiss nicht. Ich bin nichts als ein Wegzeiger, der im Tale steht, die
+Hand ausstreckt und sagt: Da geht es hinauf!"
+
+"Vielleicht ist's gut so", meinte Eva nachdenklich; "wenn Sie selbst schon
+oben staenden, koennten Sie nichts anderes als winken. Und da wuerde sich
+mancher sagen: was will der winkende Mann auf dem steilen Gipfel; er ist
+wohl in Not und fuerchtet sich allein dort oben?"
+
+"Ich finde, Fraeulein Eva, dass wir uns gut verstehn!"
+
+Ich sah ihr heiss in die Augen. Ihr Blick begegnete mir freundlich, aber
+kuehl. Dann senkte sie das Haupt und sah vor sich hin. Der lange Ignaz
+schlurfte vorbei. Er brummte einen Gruss und rueckte kaum am Hut.
+
+"Ein unfreundlicher Mensch", sagte ich, nur um etwas zu reden. "Wenn er
+nur nicht mal Unheil anrichtet!"
+
+"Der Bauer braucht ihn. Aber er ist mir auch manchmal unheimlich."
+
+"Holdrioho hoho!" jodelte es nun dicht vor dem Tore. Ein starker Kerl
+erschien, der brachte eine dicke Weibsperson auf einem Schiebkarren
+gefahren.
+
+"Das ist Methusalem", belehrte mich Eva; "er bringt die dicke Cenzi vom
+Felde heim."
+
+Cenzi war - wie ich wusste - die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem
+Dirndlkostuem sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde
+Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte "Alles aussteigen!" und
+kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, ueberkugelte sich zweimal, kam
+dann jauchzend auf uns zu in einer merkwuerdigen Gangart, die etwa so
+aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und
+sagte:
+
+"Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren faehrt er mich, aber
+zeichnen mag er mich nicht!" Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr,
+das deutlich ausdrueckte: "Lohnt nicht den Fassboden!" Dann sagte er: "Ich
+bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist
+wichtiger fuer Sie, Cenzi, als das Geportraetiertwerden. Sie haben drei
+Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so
+erschoepft, dass Sie per Achse nach Hause gebracht werden mussten."
+
+"Er ist ueber so viele Steine hinweggefahren", klagte Cenzi; "ich bin
+buchstaeblich wie geraedert."
+
+"Das wird besser werden, Cenzi", troestete Methusalem, "wenn unser Vater
+Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat.
+Es ist ein Skandal, dass er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein
+rueckstaendiger Landwirt."
+
+"Oh, Sie Spoetter!" floetete Cenzi; "aber passen Sie auf, morgen habe ich
+wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich
+bei Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin."
+
+Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gespraechs ueber
+ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie moege das alles
+ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden.
+
+Ein Hilfsbrieftraeger erschien. Er uebergab Eva einen Brief. Den Brief hatte
+die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war
+der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit "Hanne - Forellenhof"
+adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbrieftraeger ueberbracht. Er blieb
+nach dieser Amtshandlung wartend stehen.
+
+"Nanu, Brieftraeger", sagte Methusalem, "Sie warten wohl auf 'n Trinkgeld?
+Sie wissen doch, dass wir alle in diesen gesegneten Landen nicht 'n roten
+Heller in der Tasche haben."
+
+"Eine Zigarre moecht ich gern", sagte der Brieftraeger.
+
+"Gibt's nicht", schimpfte Barthel aus der Haustuer heraus. "Drei Stueck sull
+a bloss am Tage roochen, und die kriegt a ooch taeglich geliefert. Nu is a
+extra Brieftraeger geworden, dass a in a Hoefen um Tabak rumschnorr'n kann."
+
+Der Brieftraeger (er war im Zivilleben Fabrikbesitzer im westfaelischen
+Industriebezirk) machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
+
+"Drei Stueck so leichte Zigarrchen ist ja nichts fuer einen, der ein starker
+Raucher gewesen ist", sagte er.
+
+"Die drei Dingerchen hole ich mir frueh um sieben ab und verrauch sie alle
+drei nach dem Fruehstueck. Und dann habe ich den ganzen Tag nichts."
+
+"Troesten Sie sich", sagte Barthel grob, "vielleicht werden Sie ooch noch
+gescheidt um 'n Kopp!"
+
+Nur die dicke Cenzi war mitleidig. Sie hatte sich eben eine Zigarette
+angesteckt und sagte:
+
+"Brieftraeger, ich krieg bloss zwei Stueck am Tag. Aber Sie duerfen einmal
+dran ziehen."
+
+Sie steckte dem Brieftraeger ihre Zigarette in den Mund, und der sog sich
+gierig daran fest, blies den Rauch durch die Nase, sog so fest, dass er
+binnen Sekunden die ganze Zigarette aufgefressen haette, wenn Cenzi sie ihm
+nicht entrissen haette.
+
+"Den lass ich nie wieder ziehen!" sagte sie empoert.
+
+Eva hielt ihren Brief in der Hand. Sie war ein wenig unruhig geworden.
+
+"Er ist von meinem Vater", sagte sie leise zu mir.
+
+"Begleiten Sie mich bis zum Tor!"
+
+"Also", fuhr sie fort, waehrend wir langsam gingen und sie sich auf mich
+stuetzte, "hat er meinen Aufenthaltsort erfahren. Ich mag den Brief jetzt
+nicht lesen. Ich weiss, dass er nichts Erfreuliches enthaelt, und ich will
+mir den schoenen Abend nicht verderben."
+
+So war der alte Streit zwischen Waltersburg und Neustadt in einer ganz
+neuen Form wieder ausgebrochen. Die Tochter des Konkurrenten war bei uns
+zur Kur, und der Vater protestierte. Anders konnte es nicht sein.
+
+"Es waere sehr, sehr schade, wenn Sie unser Heim verlassen muessten", sagte
+ich und fuehlte, dass eine heisse Angst in mir aufstieg.
+
+Sie sah finster zu Boden.
+
+Dann riss sie den Brief auf.
+
+"Ich will nicht feig sein!"
+
+Sie las - las - staunte. Dann reichte sie mir den Brief.
+
+"Oh! Das haette ich nicht gedacht! Lesen Sie!"
+
+"Liebes Kind! Es ist ja nicht nett von Dir, dass Du hinter meinem Ruecken
+ins Lager unseres sogenannten Feindes uebergegangen bist. Aber die Sache
+kann sich noch gut zurechtschieben. Die Neustaedter, deren ganzer Sache ich
+auf die Beine geholfen habe, machen mir schon seit langem das Leben sauer
+und moechten mich nach und nach uebrig machen. Nun erhielt ich gestern von
+Mister Stefenson aus Amerika einen Brief, in dem er mich anfragt, ob ich
+geneigt sei, den Bau der noch fehlenden zwanzig Hoefe in der Waltersburger
+Kuranstalt zu uebernehmen und auch fernerhin die baulichen Unternehmungen
+dort zu leiten. In diesem Falle moege ich mit der Waltersburger Direktion,
+die verstaendigt sei, in Verbindung treten. Ich bin nach Lage der
+Verhaeltnisse gar nicht abgeneigt, der Sache naeherzutreten, und freue mich
+jetzt, dass Du bereits Dein Interesse fuer das jedenfalls sehr
+aussichtsreiche Waltersburger Unternehmen bekundet hast. In den naechsten
+Tagen werden wir uns sehen."
+
+Ich gab Eva den Brief zurueck.
+
+"Sie werden nicht glauben, dass ich eine Ahnung von diesen geschaeftlichen
+Dingen gehabt habe", sagte sie aengstlich.
+
+"Gewiss nicht; ich habe selbst auch davon nichts gewusst."
+
+Ihre Stirn war finster.
+
+"Es ist schwer fuer mich, das zu sagen - aber Sie sollen mich nicht falsch
+beurteilen; es gefaellt mir nicht von meinem Vater, dass er von den
+Neustaedtern zu den Waltersburgern uebergeht. Er haette drueben Stange halten
+muessen - jetzt erst recht!"
+
+"Braves, liebes Maedel!" dachte ich; doch ich sagte, um sie zu beruhigen:
+
+"Sie sind ja auch zu uns gekommen!"
+
+"Das ist etwas anderes. Ich bin nicht Eva Bunkert, ich bin Hanne vom
+Forellenhof. Ich schade den Neustaedtern nichts. Aber mein Vater - der
+Gruender von allem! Wenn der uebertritt!"
+
+"Fraeulein Eva, Ihr Vater ist wohl laengst da drueben nicht mehr ganz mit dem
+Herzen dabei. Seine urspruenglichen Waldheime sind dem oeden Hotelbetrieb
+gewichen. Ich glaube, er mag darunter gelitten haben. Kaltherziger
+Geschaeftskonzern spricht allein in Neustadt. Wenn sich nun Ihrem Vater ein
+Feld neuer Taetigkeit bietet, das ihn mehr befriedigt, ist es recht von
+ihm, wenn er zusagt."
+
+"Sie sind ein lieber Mensch", sagte sie dankbar, und meine Augen flammten
+auf, und auf einen Augenblick war es mir, als floege meine Seele einem
+seligen Lande zu. Das Herz stockte, der Atem setzte auf Sekunden aus, ein
+seliger Taumel fasste mich ...
+
+Draussen an der Tuer erhob sich ein Singen:
+
+ "Abend wird es wieder;
+ Ueber Wald und Feld
+ Saeuselt Frieden nieder,
+ Und es ruht die Welt."
+
+Das alte Abendlied wurde von vierstimmigem Chor gesungen. Da oeffnete der
+lange Ignaz das Tor. Er hatte in der Nische gelehnt, und ich hatte ihn
+vorher gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er alles gehoert, was wir
+gesprochen hatten. Jetzt blickte er mich mit finsterem Gesicht an. Aber
+ich beachtete ihn gar nicht. Ich sah auf die Saenger, die durchs Tor zogen.
+Sensen und Rechen trugen sie ueber die Schultern, alle mit Feldblumen
+geschmueckt, voran schritt Emmerich, der Chormeister, mit einem mit
+Kornblumen geschmueckten Taktstock:
+
+ "Nur der Bach ergiesset
+ Sich am Felsen dort,
+ Und er braust und fliesset
+ Immer, immerfort.
+
+ So in deinem Streben
+ Bist, mein Herz, auch du,
+ Gott nur kann dir geben
+ Wahre Abendruh!"
+
+Als letzte in der Reihe kamen die kleine Luise und eine Frau, die das Kind
+an der Hand fuehrte. Diese Frau war wohl noch jung; sie war von hoher,
+schoener Figur. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil das bunte
+Kopftuch, das sie trug, weit vorgeschoben war. Luise, die jetzt sehr
+haeufig auf dem Forellenhofe war, schmiegte sich dicht an ihre Begleiterin.
+
+"Wie heisst die Frau, mit der Luise geht?" fragte ich Eva.
+
+"Sie nennt sich Magdalena, ist sehr still und bleibt fast immer fuer sich
+allein. Aber das Kind haengt an ihr."
+
+Behutsam zog ich mein Notizbuch. Dort hatte ich die Kurgaeste des
+Forellenhofes verzeichnet.
+
+"Magdalena ..., geschiedene Frau Kaufmann Agnes Blassing aus Aachen,
+behandelnder Arzt Dr. Michael", stand dort verzeichnet.
+
+Das Abendlied verklang; die Leute zerstreuten sich an der Brunnenroehre
+oder am Bach; die meisten aber zogen doch vor, ihre Abendtoilette auf dem
+Zimmer zu besorgen.
+
+Draussen auf der Strasse knarrte noch ein Wagen. Trotzdem schloss der lange
+Ignaz das Tor. Das war eine neue Heimtuecke von ihm; denn vor dem Tor stand
+Piesecke mit einem Fuder Klee und wusste nicht, wie er es anstellen solle,
+die Zuegel der Pferde, von denen eines sehr unruhig war, nicht loszulassen
+und doch an das Tor zu klopfen.
+
+So schrie er: "Es ist zu! Es ist zu! Bitte, machen Sie gefaelligst auf!"
+und es klang wie ein jammernder Hilferuf. Die Leute, die noch im Hofe
+waren, lachten, und niemand dachte daran, Piesecke in seiner Not
+beizustehen. Da eilte die kleine braune Anneliese ueber den Hof und
+versuchte das schwere Tor zu oeffnen. Ich half ihr dabei, und ich sah zum
+erstenmal, wie reizend dieses Maedchen war. Wie eine suesse, junge, rote
+Rose! Ihre Sternenaugen gruessten mich wieder so freundlich, und ich
+glaubte, zu ihrem Herzen wuerde ich den Weg wohl leichter finden als zum
+Herzen dieser stolzen Eva. Und sah doch wieder zu dieser Eva hin.
+
+Nun sollte zur Abendmahlzeit gerufen werden. In anderen Hoefen geschah das
+durch eine Glocke. Hier im Forellenhof trat Emmerich mit seiner Leibgarde
+auf. Vier Mann, zwei mit Becken, einer mit einer Trommel, einer mit einer
+Pauke. Dieser Tischruf war so gewaltig, dass die Leute drunten in
+Waltersburg wussten, wann im Forellenhof gegessen wurde. Damit aber auch
+der lyrische Teil dieser Emmerichschen Kunstleistung nicht fehle, wurde
+ein Kanon gesungen, den Emmerich gedichtet und komponiert hatte:
+
+ "Lobt den Herrn, hat's zu bedeuten,
+ Wenn zur Ruh die Glocken laeuten,
+ Doch dabei nicht zu vergessen,
+ Kommt zum Essen! Kommt! Kommt!"
+
+Die vier Saenger sangen diesen Kanon mit tiefem Gefuehl. Bald sammelten sich
+die Abendgaeste an der grossen Tafel im Garten. Emil Barthel sass an der
+Spitze und praesidierte. Es gab Bratkartoffeln, Milch, Weisskaese, Butter und
+Brot, gruenen Salat, frische Kirschen und Haselnuesse. Dieses Abend-"Menu"
+habe ich glatt von Lahmann im "Weissen Hirsch" uebernommen, weil es kein
+besseres gibt.
+
+Piesecke behauptete, wenn er Milch, Kirschen, gruenen Kopfsalat und
+Weisskaese zusammen aesse, bekaeme er auch zusammen die Ruhr, den Typhus und
+die Cholera. Er war deshalb mit noch einem anderen Kurgast an einen
+Extratisch gesetzt und bekam besondere Kost. Nach vierzehn Tagen, als
+Piesecke sah, dass die Gaeste am "Normaltisch" sich sehr wohl fuehlten, wurde
+er seiner Einsamkeit ueberdruessig und verlangte zu den anderen.
+
+Ich ass an diesem Abend mit im Forellenhof, und ich hatte grosse Freude, zu
+sehen, wie herrlich es den Leuten schmeckte. Auch die Tischgespraeche, die
+gefuehrt wurden, gefielen mir. Weit weg war alles gespreizte, verlogene
+Getue, weit weg aller Phrasenkluengel, alles aesthetisierende Jongleurtum,
+alle pseudophilosophische Geistreichelei, jede auch noch so versteckte
+Prahlerei mit wirklichen oder vermeintlichen Werten aus dem frueheren
+Leben.
+
+Der dicke Franzel erzaehlte dem duerren Heinrich (einem Zoologen aus
+Muenchen), dass er drei Maulwuerfe erlegt habe, worauf Heinrich entruestet
+erklaerte, das sei eine ungeheure Dummheit, da der Maulwurf als
+Insektenvertilger und nachweislicher Nichtpflanzenfresser niemals ein
+Wuerzelchen der Wiese, dagegen aber taeglich so viel schaedliche Engerlinge
+verspeise, wie er selbst schwer sei. Vater Barthel, zum Schiedsrichter
+angerufen, entschied: "Den Buechern nach ist der Maulwurf sehr nuetzlich,
+aber dem Bauernverstande nach schlagen wir ihn tot. Von wegen seiner
+Haufen!" Heinrich zuckte die Schultern und sagte, es werde wohl auch in
+diesen finsteren Aberglauben noch einmal Licht kommen. Vom Ausroden zweier
+Weiden erzaehlte einer, vom Pflanzen von Sellerie ein Maedchen, von der
+Aussaat von Winterrettich und Wirsing eine andere. Die meisten sprachen
+von der lustigen Heuernte, von dem rotbluehenden Kleefeld oder von dem
+Wiesenwaesserlein, ueber das eine neue schmale Bruecke mit einem birkenen
+Gelaender gelegt worden war. Baeuerliche Themen, manchmal mehr altklug
+behandelt, wie Kinder schwaetzen, als wirklich erfahren, wie Vater Barthel
+war, der aber sehr wohlwollend alles anhoerte. Weil es an St. Barnabas
+geregnet habe, erklaerte ein Rheinlaender, wuerden die Trauben dieses Jahr
+von selbst ins Fass schwimmen, und wie das Wetter am Johannistag sei, so
+wuerde es bis Michaeli sein, behauptete ein anderer. Ich sah mir die Leute
+an, die so sprachen. Sie gehoerten alle zu den gebildeten Schichten der
+Bevoelkerung. Wuerden sie je in ihrem eigenen Leben solche Unterhaltung
+fuehren, so waeren sie Sonderlinge, als komische Kaeuze, vielleicht als
+albern gebrandmarkt. Hier waeren sie laecherlich, wenn sie von hoher
+Politik, von gesellschaftlichen Ereignissen und Beziehungen, von
+kuenstlerischen oder philosophischen Streitfragen zu reden begaennen.
+
+Diese Leute haben wirklich alle Ferien vom Ich gemacht. Und ich sehe, dass
+ich meine Idee nicht bis in die Einzelheiten selber auszudenken brauche;
+hier dichten alle mit an dem grossen Sturmlied, das wir gegen den Jammer
+unseres modernen Lebens anstimmen wollen; hier hilft jeder bauen an der
+Bruecke, die ueber den Strudel der Zeit zu dem stillen Eiland des Friedens
+fuehrt, hier stuetzt einer den andern. Betrachtet den Soldaten, der schwer
+beladen sein junges Leben in taeglich vielstuendigem muehseligem Marsch gegen
+die Feuerschluende der Feinde schleppt - er wuerde auf seiner furchtbaren
+Reise erlahmen, liegenbleiben, verzweifeln nach der dritten oder vierten
+Stunde, wenn er allein waere. Aber der Rhythmus der Masse haelt seine
+Glieder im Gang; am klingenden Bewusstsein der Gegenwart von tausend
+anderen haelt er sich aufrecht.
+
+So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine
+Bauernstube, heisse ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das
+Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja
+mit Tausenden seinesgleichen aber ist er gluecklich, legt er alle Tage
+Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurueck, deren er sonst nie faehig
+waere, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzaerteltes,
+tyrannisches Ich zum Siege.
+
+
+
+
+
+ LORELEI
+
+
+Mein Bruder Joachim guckte ueber den Gartenzaun. Und als sich die
+Gesellschaft aufloeste zum Abendspaziergang, fuegte es sich leicht, dass Eva
+und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der
+Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Maenner zur
+Laute:
+
+ "Rosenbusch holderblueh,
+ Wenn i mei Maedle g'sieh -"
+
+Wir blieben stehen und hoerten zu. Die Saenger reichten zwei volle Glaeser
+zum Fenster heraus, und unsere Maedchen nippten daran und lachten.
+
+Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon
+aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der
+froehliche Singsang ueberging in "Drauss' ist alles so praechtig, und es ist
+mir so wohl", bemerkte ich, dass Joachim heimlich nach Annelieses Hand
+fasste, die ihm das Maedchen traumverloren ueberliess.
+
+Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die
+Sinne. Gluehwuermchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus
+blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden
+ich kenne, Eichendorffs traurige Weise:
+
+ "Sie hat einen andern genommen,
+ Ich war draussen in Schlacht und Sieg,
+ Nun ist alles anders gekommen,
+ Ich wollt', es waer' wieder Krieg!"
+
+Ueber die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die
+sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und
+eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine:
+
+"Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schoen gesungen!"
+
+Die Frau schuettelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es
+auch schon daemmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich
+sah, dass das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste
+Frau, Luises Mutter, war.
+
+Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er
+erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine
+weltmuede und doch immer noch gluecksuchende Rechte nach der kleinen
+Anneliese keuscher Hand.
+
+"Magdalena, kommen Sie hierher!" rief das Kind abermals und dringend.
+
+Die aber schuettelte den Kopf und ging davon.
+
+Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die
+Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hoerte aus dem
+Klange des Hornes die Worte:
+
+ "Ich aber war weit schon gegangen,
+ Jetzt sieht sie mich nimmermehr."
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Nacht war schwueler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heisse
+Gewitterluft ueber unsere Haeupter getragen wuerde. Ich sass wach am Fenster.
+Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er
+machte mir Mitteilung, dass er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe
+und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen uebertragen
+wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: "Ich verhehle Ihnen
+nicht, lieber Freund, dass meine tiefe Neigung fuer Fraeulein Eva Bunkert,
+deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an
+ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie - dessen versichert
+mich Ihre ehrliche Freundschaft - immer Rechnung tragen."
+
+Wie schwuel die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wuensche,
+heisser Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schoene Traumbild
+von Liebe und Glueck von drohendem Wetterleuchten ueberstrahlt an meinem
+Himmel stand.
+
+Da baeumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho,
+mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu
+befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher,
+in dem du mich ueberbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave,
+dem du befehlen kannst: Lass ab von jenem Maedchen, das ich fuer mich will!
+Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in
+der Welt Freundschaft staerker als Liebe, wo waere sie im Kampfe mit ihr
+nicht unterlegen?
+
+Komm nur zurueck, alter Geschaeftemacher, und kaempfe um die Braut! Wenn du
+zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiss
+nicht mehr entreissen.
+
+So wollte ich das Recht auf mein Lebensglueck wahren. Aber neben dem Willen
+sass der Zweifel. Ich wusste, dass Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte
+als zu mir. Ich war wohl fuer das Glueck der Liebe nicht bestimmt. Niemals
+im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu
+vertraeumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die
+junge, rote Rose, hatte ich uebersehen.
+
+Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des
+Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin.
+
+Auch da fuehlte ich ein boeses Wetter aufsteigen.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern
+machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das
+dir den Tag grau faerbt und deine Naechte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu
+der herben, tuechtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen,
+mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, dass du das Haupt hochheben und
+tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du
+einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen
+tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tuechtige Frau,
+sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedraengnis und dich
+wieder auf eine feste Strasse stellen; hast du Gueter verloren, welcher Art
+es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen
+und leere Herzen immer neu zu fuellen vermag; sind dir alle
+Unterhalterinnen des Lebens ueberdruessig geworden, lass die Arbeit an deinem
+Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft!
+
+Denn sie ist deine beste Freundin; sie schuetzt deine Gesundheit, sie
+staerkt deine Muskeln; sie wuerzt dir das Mahl und salzt es, dass es nicht
+faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte ueber deinen Wert ins
+Ohr und huetet dich doch vor Uebermut durch kleine oder grosse Misserfolge;
+sie gibt dir fuer deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu
+deinem Becher den rechten Durst und schliesst dir alle Abende mit leisem
+Finger die Lider!
+
+ -------------------------------------------------------
+
+So bin ich durch die Arbeit ueber meine Zweifel und Leiden hinweggekommen,
+so sind meine Eigenwuensche still geworden und wie kleine Heimatbaechlein
+hineingerieselt in den grossen Strom des Willens zum Dienst der
+Allgemeinheit.
+
+Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes
+Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der
+starken Alltagswelle, die mein Schiff traegt.
+
+Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir
+ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Maenner wie Frauen.
+Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluss die Lorelei und in dem
+scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der
+Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein "golden Haar" kaemmt, sondern
+vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die
+gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am
+Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber
+schoenes Geschaeft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die
+Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein
+pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe
+verunglueckte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem
+kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem
+Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwaechen haben moege, und wird
+die Frage ein wenig zaehneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter,
+bis sich ergibt, dass die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat,
+eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte,
+wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Ungluecksfahrt eine Torheit
+gewesen, nach welcher man klueger geworden und gottlob ans feste Land und
+in trockene Kleider gekommen sei.
+
+In den meisten Faellen hilft meine Methode; sie fuehrt durch das Tuerlein:
+"Er ist es nicht wert, dass ich mich opfere", in den Garten der Gesundung.
+
+Einige Faelle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, dass immer nur
+auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt.
+Die stehen dann wie verloren und verzuernt in dem lustigen Ferienheim vom
+Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton
+wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht haelt, und
+steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal
+zurueck.
+
+
+
+
+
+ DIE "KRUMMBEINIGE MEDIZIN"
+
+
+Meine Kurmittel sind nicht ganz gewoehnlicher Art. Es gibt Aerzte, die den
+Sitz alles Uebels im Magen suchen; andere begeistern sich fuer die Leber;
+wieder andere schwoeren auf warme Fuesse; ganz alte, bequeme Knaben geben
+immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen,
+ausser mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei ueberhaupt nichts
+anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren "Giftmischer" genannt, und
+alle werden von den Homoeopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein;
+ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am
+meisten.
+
+Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine
+Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner
+hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfuenfzig Faellen die Anschaffung
+eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der
+medizinischen Wissenschaft gewisslich ein Novum, aber er ist gleicherzeit -
+das kuehne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt - nichts anderes als
+ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in
+Amerika drueben nennen sie ihn _german __dog_), er heisst "Spezi", weil er
+mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die
+gesundheitsfoerdernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als
+dass ich in meiner Naechstenliebe nicht auch anderen das Glueck eines solchen
+Besitzes goennen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier
+nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift
+dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase ueber den
+"Chef" ruempfen, der so viele "krummbeinige Medizin" verordnet, dass neulich
+sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung
+abhielten und greulichen Unfug veruebten. (Dr. Fristen hat mir damals
+gekuendigt mit der Begruendung, dass er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und
+ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spiesser, die
+nur ihr Schuleinmaleins ableiern koennen!)
+
+Einen Dackel verordne ich zunaechst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel
+seiner Leiden zu grosse Eigenliebe erkenne. Die gewoehnt ihm der Hund
+alsbald gruendlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet
+auf die Dauer seinem Dackel gegenueber die "Herrchen"-Natur.
+
+Das "Herrchen" ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es
+nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken
+versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende
+Dackel - einen Igel erschnuppernd - biegt gen Sueden ab. Der Philosoph wird
+sich anfangs um den klaeffenden Koeter ganz und gar nicht kuemmern; aber dann
+wird er pfeifen - einmal, zweimal, dreimal leise - dann laut, immer lauter
+rufen, drohen, die Faeuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn
+geschleudert werden, umkehren, gen Sueden wallen und Betrachtungen darueber
+anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier
+sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Hoehe eisigen Denkens
+ist durch einen Dackel ertrotzt.
+
+Gut so - in den Ferien vom Ich!
+
+Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines
+elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenueber mit der
+ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn
+in hundert Runzeln, die Ohren haengend, den Schwanz melancholisch
+eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd,
+stoehnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen,
+mit dem Vieh auf die Strasse fluechten und sich nicht schlecht wundern, dass
+der scheinheilige Jaemmerling ploetzlich wie ein Berserker der Lebenslust
+umherrast. Etwas abfaerben wird es schon. Das naechste Mal, wenn er und der
+Dachs so truebselig einander gegenuebersitzen, wird sich der Misanthrop
+selbst nicht recht trauen und auf die Strasse gehen.
+
+Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und
+keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den
+ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und fuettern kann.
+
+Die kleinliche, ordnungswuetige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines
+Zigarrenstaeubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte,
+bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhaelt als
+Antwort auf ihre entruestete Klage, dass ihr das "entsetzliche Vieh" die
+Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch
+geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die
+Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur
+nebensaechlicher Bedeutung, und ohne Dackel koenne sie nicht gesund werden.
+
+Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt
+im verschlossenen Briefe mitteilte, sie braechte ihre Nachbarschaft durch
+ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen
+Dachshund verordnet.
+
+Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und
+verheult, dass ihr die Drahtkommode zur Unmoeglichkeit wurde.
+
+Allen den sehr nervoesen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiss,
+dass sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draussen in der Welt als
+Richter oder Examinatoren auf arme Opferlaemmer losgelassen werden,
+verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner kuenftighin auch vor
+ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde
+ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen
+Menschen ohne aeusserste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch
+so ruiniert sind.
+
+Ferien vom Ich!
+
+Das ist so die fieberstillende Wirkung der "krummbeinigen Medizin". Aber
+der Dachs wirkt auch staerkend und aufbauend.
+
+Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen
+Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle
+Kreaturen, ein "untreues Luder". Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer
+seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen taeten! Vier
+Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir:
+
+"Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich
+zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit
+schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er
+treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauseloecher,
+in die ich schnuppern moechte, aber es ist doch am schoensten bei dir! Das
+ist immerhin eine gewisse Treue!"
+
+Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes,
+hoffaertiges Gebaren haben, denen, die "sich tun", wie die Leute sagen. Es
+sind ihrer sehr viele. Wer "tut sich" heutzutage nicht? Der Dichterling,
+der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen
+nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt,
+gleich ist ihre Hoheit dahin.
+
+Man kann nicht geziert, nicht unnatuerlich tun und sein, wenn man mit einem
+Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil,
+zerrt einen widerwillig in die Natuerlichkeit zurueck.
+
+Gewiss, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein taeppischer Biedermeier,
+ein Kleinbuerger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein
+genialer Spoetter.
+
+Ich wuesste nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei
+Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte!
+
+
+
+
+
+ IN DER GENOVEVENKLAUSE
+
+
+Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer ueber wohnte eine Witwe
+mit ihrem Soehnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres
+Ehegluecks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause
+fluechtete. Das Haeuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist
+ueber dem Felsen, der Bach fliesst vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner
+Tuer. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause
+ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fussweg fuehrt zu ihr hin, und es
+ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso
+still.
+
+Nun ist die Frau fortgezogen. Sie musste in die Welt zurueck und hatte
+Traenen in den Augen, als sie Abschied nahm.
+
+"Wenn das Grab meines Gatten hier waere, moechte ich nie mehr ausziehen aus
+der lieben Klause", sagte sie.
+
+"Sie muessen es wegen Ihres Sohnes", entgegnete ich ihr; "Sie duerfen keinen
+Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie muessen ihn
+vorbereiten fuer das Leben."
+
+"Mir graut vor dem Leben", sagte Frau Herzeleide und zog davon! ...
+
+Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich
+musste ein wenig warten. Da kam sie zur Tuer herein - Magdalena vom
+Forellenhof -, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak
+sie und strebte zur Tuer wieder hinaus. Ich hielt sie zurueck.
+
+"Was wuenschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein.
+Warten Sie nur einige Minuten!"
+
+Sie war aeusserst verwirrt.
+
+"Ich wollte - ich moechte - ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht
+moeglich sei, dass ich in die Genovevenklause ziehen koennte, da sie frei
+geworden ist."
+
+"Gefaellt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?"
+
+Sie wich aus.
+
+"Ich moechte sehr gern in tiefere Einsamkeit."
+
+"Ist Ihr Arzt damit einverstanden?"
+
+"Ja."
+
+Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn
+gefahren.
+
+"Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen
+recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort
+steht. Ich werde schon dafuer sorgen, dass Sie die Klause bekommen."
+
+"Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich moechte Ihnen
+meinetwegen den Weg nicht zumuten."
+
+"Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!"
+
+Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blass, und ihre
+Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz
+gefaerbt; das veraenderte sie am meisten. Aber auch der frueher so rosige
+Teint war verloren; die Haut schimmerte blass und feucht; die Kinderaugen,
+die so uebermuetig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare
+Schoenheit noch, aber sie blickten muede und traurig.
+
+Waehrend wir so gingen, sprach ich ueber harmlose Dinge, ueber die Ernte,
+ueber Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt
+hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den
+schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht
+mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, dass ich voranschritt.
+
+So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erloesers, und ich dachte
+an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und
+mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich
+nicht grausam sein. Diese Frau war so muede, so geschlagen; sie brauchte
+keine Strafe mehr.
+
+"Magdalena", sagte ich, "ich habe gehoert, dass Sie gern mit unserer kleinen
+Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen
+hier nicht fehlen?"
+
+Sie seufzte schwer.
+
+"Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das
+junge Fraeulein, die Baerbel, und mir hat Luise versprochen, dass sie mich
+alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh."
+
+"Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzaehlt?"
+
+"Ja, sie hoert gerne Maerchen."
+
+"Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?"
+
+"Ja, ich tue das sehr gern."
+
+"Hm."
+
+Ich machte eine Pause.
+
+Dann sagte ich:
+
+"Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin
+austoben. Aber als staendiges Unterkommen haette ich fuer die Kleine gern ein
+stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen
+in Pflege."
+
+Da schrie sie kurz und jaeh auf.
+
+"Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine grosse Gnade!"
+
+Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: "Ich werde es tun."
+
+Nun fasste sie mich an den Haenden; ihr ganzer Koerper bebte.
+
+"Eine Gnade!" wiederholte sie. "Ich bin so verlassen, und ich habe das
+Kind so lieb!"
+
+Sie liess mich los, legte einen Arm ueber die Augen, trat ein wenig zurueck
+und stand so ein Weilchen still da. Ploetzlich begann sie bitterlich zu
+weinen.
+
+"Was ist Ihnen, Magdalena?"
+
+"Es geht nicht; es geht nicht!" schluchzte sie; "wenn Sie - wenn Sie
+wuessten, wer ich bin, wuerden Sie mir das Kind nicht uebergeben. Ich bin eine
+- eine schlechte Frau!"
+
+Ich ging zu der Ungluecklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte
+erschuettert:
+
+"Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiss, wer du bist!"
+
+Sie prallte zurueck.
+
+"Sie wissen - wer ich ..."
+
+"Ja, Kaethe, ich hab dich erkannt!"
+
+Da warf sie die Arme in die Luft, stiess einen Schrei aus und verschwand um
+den Felsen in den Wald.
+
+Ich eilte ihr nach und holte sie mit Muehe ein.
+
+"Wenn Joachim mich erkennt, schlaegt er mich tot!" wimmerte sie.
+
+"Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich ausser mir. Und ich werde dich
+schuetzen!"
+
+Sie musste sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurueckfuehrte.
+Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustuer und streichelte ihren
+Scheitel.
+
+"Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir
+kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen
+frueh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fuerchten Sie
+nichts, aengstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es
+soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!"
+
+Ich liess sie allein.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekuemmert. Sie hat wohl sicher
+Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat
+keine Freude an dem Maedchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie
+auf, laesst sie leiden.
+
+Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich
+glaube nicht, dass sie an meiner Schoepfung viel Freude hat. Sie ist von
+stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdaechtig.
+
+Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise fluechtig wiedergesehen.
+Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz
+nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte
+die Mutter zu mir:
+
+"Ich quaele mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die
+Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen."
+
+"Quaele dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine
+Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, dass
+er ueberhaupt existiert."
+
+"Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!"
+
+"Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muss!"
+
+Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und
+Trotz.
+
+"Ich werde Joachim aufklaeren!" sagte sie bestimmt.
+
+"Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis
+Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner
+Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner
+Tochter geworden ist. Lass ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem voellig
+verfehlten Ichleben."
+
+"Er ist schuldlos an seinem Unglueck!"
+
+"Nein! Er ist nicht ohne Schuld."
+
+"Fritz!"
+
+"Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen
+masslosen Hass viel tiefer ins Unglueck gebracht, als ein kluger Mensch, der
+sich beherrschen kann, noetig hatte, und er hat sich gegen sein Kind
+schaebig benommen."
+
+"Das ist unerhoert, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim
+bestimmt aufklaeren."
+
+"Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit
+dem Kinde zusammenleben wollen."
+
+"Nun, so muesste man eben das Maedchen vorlaeufig noch nach einer guten
+Pension bringen."
+
+"Das wuerde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung noetig waere, wuerde
+Luise hierbleiben, und Joachim wuerde von mir entlassen werden."
+
+"Entlassen?"
+
+"Ja, es hat sich so gefuegt, dass Joachim gegenwaertig mein Angestellter ist.
+Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag."
+
+"Du bist masslos hochmuetig und lieblos!"
+
+"Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben."
+
+"Berufe dich nicht auf dein Herz", sagte sie, "du hast keines!"
+
+Und sie ging.
+
+Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter
+wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch,
+weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens
+befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe
+im Ichleben, im Familienjammer.
+
+Und da daemmerte mir, dass es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe,
+dass ich in freiem, ungestoertem Zoelibat meiner grossen Idee am besten dienen
+koenne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glueck bleiben wuerden, aber Arm
+und Fuss frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum
+Vorwaertsschreiten und Handeln.
+
+Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und
+sagte ihr, dass ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstaende.
+Sie schuettelte zwar das schoene Koepfchen, aber sie liess sich von mir
+kuessen, und ich stieg froehlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange
+traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich
+abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel.
+
+
+
+
+
+ DIE SCHLACHT BEI WALTERSBURG
+
+
+Jeder deutsche Kurort hat seine "Sensation der Saison", so wie jedes
+Affentheater seine "groesste Attraktion der Gegenwart" hat. Auch unser
+Ferienheim hatte seine Sensation.
+
+Anton, der aelteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die aelteste
+Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heisse
+Schlacht entsponnen.
+
+Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfraeuliche
+Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und
+einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden
+Kavaliere in die uebliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter
+Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin waere alles in Ordnung
+gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen
+Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt
+gewesen und hatte sein Roesslein in der kleinen Ausspannung des dortigen
+Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefaehr hatte er dann von der
+Sommerlaube im Gaertchen aus das Gespraech zweier Neustaedter Burschen
+belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch
+zwei anderen am naechsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie
+in der Daemmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im
+traulichen Gespraech mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen,
+auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhassten Waltersburg ihr
+Muetchen zu kuehlen.
+
+Als Piesecke solches hoerte, kam sein fuerstliches Blut in Wallung.
+(Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgrossvater hatte als
+General in fuenf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Waehrend er nun
+gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem
+Anschlag der Neustaedter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu
+retten sei. Er warb zunaechst ein Heer. In dasselbe traten mit grosser
+Begeisterung ausser dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler
+Methusalem vom Forellenhof, auch der Saenger Hagen Korrundt, der immer noch
+bei uns nachtwaechterte, und die gegenwaertigen Insassen unserer
+Raeuberhoehle. Diese letzteren waren vier fragwuerdige Gestalten, die sich
+Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules,
+unordentliches Leben fuehrten und nun froh waren, dass sie einmal etwas
+Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anfuehrer gegen
+fuenf Neustaedter - mit dieser betraechtlichen Uebermacht, hauptsaechlich aber
+durch seine ueberlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des
+Napoleonbekaempfers den Sieg zu erringen.
+
+In der Raeuberhoehle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht
+sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens ueberlasse ein guter
+Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme
+selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens koennte am Gartenzaun Vater
+Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gaebe es ein Malheur. Anton
+sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen
+Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die naechste
+Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden
+Neustaedtern angefallen wuerde. Alsbald wuerde er ihm mit noch sechs Mann zu
+Hilfe eilen, die ueberraschten Neustaedter wuerden - die Uebermacht erkennend
+und bedrueckt durch ihr schlechtes Gewissen - die Flucht hinab gen
+Waltersburg ergreifen wollen, aber da wuerden Moor und Schinderhannes, die
+weiter unten in den Hinterhalt gelegt wuerden, hervorbrechen, den
+Neustaedtern den Weg verlegen und - die ganze Rasselbande sei gefangen. Er
+wolle ein fuer die Neustaedter sehr demuetigendes Dokument aufsetzen, das die
+Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre voellige Niederlage zugeben
+muessten, und dieses Dokument solle in der Raeuberhoehle unter Glas und Rahmen
+aufbewahrt werden als ein Zeichen, dass der langjaehrige Kampf zwischen
+Waltersburg und Neustadt mit dem endgueltigen Sieg der Waltersburger
+geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu
+einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle waermeren Gefuehle,
+die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch fuer den Gastwirt hegen sollte,
+abgekuehlt werden wuerden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen
+bewegten Leben aus vielen Faellen, dass nichts so sicher die Liebe des
+Weibes ertoetet, als wenn der Geliebte vor ihr laecherlich wird.
+
+Waehrend dieser Ausfuehrungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen
+Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weissgetuenchten Wand
+die Umrisse zu einem Triptychon grossen Umfangs entworfen. Die Seitenteile
+des Bildes sollten die "Tuecke" und der "Kampf" heissen, das Mittelstueck
+aber "Der Sieg".
+
+Die "Tuecke" wuerde Anton und Pauline im Daemmerlicht dahinwandelnd und von
+den Neustaedter Unholden belauert zeigen, der "Kampf" eine besonders
+dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstueck den
+Sieg Waltersburgs in grosser Apotheose feiern. Das Mittelstueck war schon
+etwas ausgefuehrt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Ross Piesecke
+als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Kraenzen im
+Haar; als naechstes Paar die Vertreter der Kuenste, Emmerich mit der Harfe
+und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die
+baerenhaeutigen Kriegsgenossen.
+
+Und nun musste die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da
+der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen
+Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte,
+einzuueben.
+
+"So", sagte nach einer Stunde Methusalem, "der Sieg ist ganz und die Tuecke
+teilweise gesichert; fehlt bloss der Kampf."
+
+"Der wird gigantisch!" rief Piesecke.
+
+Die Sache verlief nicht ganz programmaessig. Zwar gingen die Neustaedter
+wirklich in die Falle und ueberfielen Anton zweihundert Meter jenseits der
+Waldecke, aber die Kerle rissen nicht - wie vorausgesehen - durch die
+Uebermacht erschreckt und ihr boeses Gewissen beunruhigt aus, sondern
+blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die
+Waltersburger jaemmerlich. Das kam aber daher, dass sich die in Anrechnung
+gebrachte Uebermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minoritaet
+verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der
+Schlacht dadurch kampfunfaehig gemacht, dass ihn ein riesenhafter Neustaedter
+Braeuknecht in die Hoehe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an
+dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene
+mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch
+verewigen musste, und der Musiker Emmerich fuehlte sich dazu berufen,
+ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung
+seiner Siegeshymne anzufeuern. So kaempften nur der Saenger Hagen Korrundt,
+der Braeutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber -
+da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren - gegen die rohe Gewalt
+der Neustaedter Raufer nicht aufkamen. Es gab fuerchterliche Pruegel, und der
+Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, dass er
+nachtraeglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen,
+nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter
+weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustaedtern den Rueckzug
+abzuschneiden, hoerten den Skandal, lugten um die Baumstaemme, kamen aber
+nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten.
+
+Wer weiss, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen
+waere, wenn nicht eine starke auswaertige Macht sich eingemischt haette.
+Durch den Wald erscholl ploetzlich eine scharfe Stimme:
+
+"Pauline! Pauline!"
+
+Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit
+Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses
+Maennerwerk da fuer sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende
+Stimme hoerte, schrie sie:
+
+"Um Himmels willen, die Mutter! Macht, dass ihr fortkommt!"
+
+Drauf rissen erst die beiden Braeutigame aus, und mit ihnen verlor sich
+rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer
+energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich "herumgetrieben" habe;
+alles Mannesvolk aber fluechtete gen Waltersburg.
+
+Und da hat es sich begeben, dass der Neustaedter Gastwirt, der den Rueckzug
+der anderen deckte, als er sich ausser Frau Susannes Ruf- und Sehweite
+fuehlte, doch noch in die Haende der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben
+ihn gefangengenommen und ihn nochmals verpruegeln wollen. Aber Methusalem
+hat gesagt:
+
+"Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht
+versuendigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde
+jetzt mit der schoenen gruenen Farbe, die ich in diesem Flaeschchen habe,
+einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen."
+
+Der Gastwirt hat mit Haenden und Fuessen geschlagen, aber sechs Kerle haben
+ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn
+gemalt. Mit Oelfarbe!
+
+Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen koennen und nach
+drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel
+geschickt, durch das er die unerwuenschte Ehrung abwaschen konnte.
+
+Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schoene Bleistiftskizze
+von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren
+Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen,
+die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat.
+
+Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor
+Naesse, und alle Schwachheit und Feigheit der Kaempfenden sowie die
+Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit
+einem einzigen, aus seinem hochfuerstlichen Mund hervorzischenden Wort
+charakterisiert:
+
+"Plebs!"
+
+
+
+
+
+ HERBST
+
+
+Das erste Halbjahr, da das Ferienheim in Betrieb ist, geht zu Ende. Wenn
+ich es ueberschaue, erfuellt mein Herz rechte Befriedigung. Nicht nur der
+aeusseren Erfolge wegen. Unser Unternehmen steht glaenzend da. Wir haben
+lange nicht alle aufnehmen koennen, die zu uns kommen wollten. Die Ernte
+auf den Feldern und in den Gaerten war gut, unsere Bauern sind zufrieden,
+und unsere Kassen und Kasten sind gefuellt. Vieles, ja das meiste, verdankt
+dieser aeussere Erfolg der glaenzenden Organisation, die Stefenson dem Ganzen
+gegeben hat und die er von Amerika aus geleitet und weiter ausgebaut hat,
+wenn auch der Sonderling noch immer nicht nach Europa zurueckgekehrt ist.
+
+Was mich als Arzt und Mensch am meisten freut, ist der Umstand, dass kaum
+einer unserer Kurgaeste ohne grossen gesundheitlichen Gewinn von uns
+fortgezogen ist. Das bestaetigt meine eigene Erfahrung, das bestaetigen
+meine Kollegen, das sagen vor allem unsere Kurgaeste selbst, die schweren
+Herzens Abschied nehmen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Wenn sie nach dem
+Rathaus kommen, ihre Uhr, ihr Geld zurueckerhalten, liegen diese Dinge kalt
+und fremd in ihren Haenden, und wenn sie im "Zeughaus" ihre eigenen Kleider
+wieder anlegen und, ohne noch einmal umkehren zu duerfen, durch die grosse
+Hinterpforte auf die Strasse gelassen werden, wo der Wagen wartet, stehen
+die meisten befangen da wie aengstliches Volk, das zum ersten Male in die
+Welt zieht. So sicher, geborgen und heimisch haben sie sich in ihren
+Ferien vom Ich gefuehlt.
+
+Sie schreiben alle freundliche Briefe des Dankes und guten Erinnerns und
+sagen, dass sie draussen unsere Anstalt preisen, und wenn sie dem oft
+gehoerten Einwand begegnen, es sei wohl doch eine etwas kindliche,
+theatralische Sache, so beklagten sie alle diejenigen, die nicht wuessten,
+wie herzstaerkend und verjuengend die Rueckkehr zu kindlicher Schlichtheit
+sei und wie sie gerade vom Theatralischen erloese, von der boesen, so
+raffiniert eingeuebten und so schwer zu spielenden, immer aber im tiefsten
+Grunde erfolglosen Theaterei unseres Lebens ...
+
+Auch diejenigen, die organisch leidend waren, haben durch gewissenhafte
+aerztliche Kunst sowie durch die Gemuetsruhe und Herzensheiterkeit, die sie
+umfing, die besten Erfolge gehabt.
+
+Der Sommer war gut; es mag Herbst werden. Die Froehlichkeit stirbt deswegen
+nicht aus.
+
+Diese grossen Kinder der Welt fuehlen hier alle die tiefe Schoenheit des
+Herbstes, von dem sie frueher nichts wussten, als dass mit seiner Ankunft
+"Neuanschaffungen" noetig seien, die Gasrechnungen hoeher wurden und die
+Theater- und Konzertsaison beginne.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Nach Andeutungen und Schilderungen eines unserer Kurgaeste will ich
+schildern, wie ein Herbstmorgen im Ferienheim verlaeuft.
+
+Der Herbstwind hat gesungen die ganze Nacht. Und wie er an den Fenstern
+ruettelt und welkes Laub und duerre Zweige an die Scheiben warf, hat sich
+das Menschlein fest in die Decke gehuellt und mit grossen Augen ins Dunkle
+gestarrt. Langsam ist seine Phantasie an Bord eines schwarzen
+Wolkenschiffes gegangen, das durch das kalte Meer des Himmels fuhr zu
+einem unbekannten Ziele. Ein schwarzer Mann stand am Steuer des Schiffes;
+muede, schweigende Seelen lehnten oder sassen an seinen Bordwaenden. Lautlos
+glitt das Schiff. Nur der Sturm sang seine Melodie, und wilde Gaense
+schrien ihr Sehnsuchtslied in den Wind. Sie folgten dem Schiff wie grosse
+Moewen, und ihr weisses Gefieder zuckte gespenstisch durch die Nacht. Unter
+dem Wolkenschiff war der grosse Ozean der Luft. Menschenhaeuser lagen wie
+Muscheln auf dem Meeresgrund, die Waelder standen wie seltsames wirres
+Gewaechs wilder Schlingpflanzen, manchmal ragte ein Berg auf wie eine
+Insel, um die das Wolkenschiff herumschwimmen musste. Von der Insel glimmte
+das Licht einer Berghuette her wie der Schimmer einer Lampe aus einsamem
+Strandhaus. Ein Felsen ragte auf wie eine Klippe, an der ein
+unvorsichtiges Schiff zerschellen kann. Das Luftmeer rollte, grollte,
+stampfte, es schleuderte die schwarze Flotte der Nacht hin und her. Die
+wilde Fahrt war voll Grausen, aber auch voll Schoenheit. Immerzu, immerzu
+ging es vorwaerts. Da drang ein Laeuten aus der Tiefe. Irgendein Vineta lag
+drunten auf dem Grund, da gingen die Glocken. Nun wurde ein lichter
+Schimmer am Horizont sichtbar. Dort lagen die weissen Berge des Morgens.
+Und im Morgenlande lag die Heimat.
+
+Da fielen dem Traeumer die Augen zu - er stieg herab von dem dunklen Schiff
+-, stieg ans lichte Land und war zu Hause. Weib und Kind waren bei ihm,
+und die guten Freunde kamen und schuettelten ihm die Haende.
+
+Er erzaehlte ihnen, wo er gewesen sei.
+
+Da klopfte es an die Tuer.
+
+"Gottfried, stehen Sie auf, es ist halb sieben Uhr!"
+
+Gottfried rieb sich die Augen und besann sich. Richtig, er war nicht auf
+einem Wolkenschiffe, er war auch nicht zu Hause, er war Kurgast im
+Ferienheim, richtiger gesagt Bauernknecht auf dem Forellenhofe.
+
+Sechseinhalb! Es war noch ganz dunkel in der Stube. Und kalt war es. Ein
+feiner Regen spritzte ans Fenster. Jetzt waere es wohlig, noch eine oder
+zwei Stunden zu schlafen. Ach, bloss noch ein paar Minuten! Sacht beginnt
+"Gottfried" wieder einzuschlafen. Aber in dem Augenblick, da sich das
+Bewusstsein vom letzten Faden loesen will, schrickt er auf und springt mit
+beiden Beinen aus dem Bett. Er wird sich doch nicht von dem Barthel - dem
+Bauern - einen Meldezettel an den Arzt schreiben lassen wie ein
+Schuljunge, der was "pexiert" hat, von seinem Lehrer. Dieser Barthel ist
+ein ganz netter Kerl, aber er "klemmt" einen sofort, falls man ueber die
+Hausordnung hinweggeht. Und es ist so bloed, sich dann beim Doktor
+entschuldigen zu muessen. Unglaublich, wie leicht ein Mensch in die alten
+Pennaeleraengste zuruecksinken kann. Also aufstehen! Beim Anziehen haelt man
+sich hier nicht lange auf, es ist zu kalt in der Bude. Auch das
+Waschwasser ist kalt. Warmes muesste extra verordnet werden. Und man schaemt
+sich hier unglaublich, wenn man so etwas wie verfeinerte Beduerfnisse
+erkennen lassen will. Es passt nicht zu einem, wenn man Gottfried Stumpe
+heisst. Eigentlich war's doch schoen im Traume, so ploetzlich zu Hause zu
+sein. Wie sie alle zaertlich und besorgt waren und nach den Augen schauten,
+ob da ein Wunsch abzulesen sei. Hier war das anders, hier hiess es nicht
+wuenschen, sondern gehorchen. Ein Wunder war's ja nicht, wenn man manchmal
+ein bisschen Heimweh hatte, zumal man fast gar nichts von Hause erfuhr.
+Gestern war eine Postkarte gekommen, nach sechs Wochen die erste
+Nachricht. "Lieber Mann! Bei uns sind alle wohl, und es ist alles in guter
+Ordnung. Wir denken Deiner in Liebe und haben nur den einen Wunsch, dass Du
+Dich voellig erholst. Mit treuen Gruessen Dein Weib und Deine Kinder." Das
+war alles. Es war ja eigentlich genug, es war ganz nach dem Herzen der
+Kurdirektion; aber Details fehlten gaenzlich. Ob nun Fritzchen im
+Griechischen auf das volle "Genuegend" gekommen war, ob Lenchen waehrend der
+Ferien zum Grossvater reiste, ob der Kollege Neumann sich wirklich den
+Adlerorden erschlichen hatte, wer Stadtverordnetenvorsteher geworden war,
+wie die Elektrizitaetsaktien standen - ah, kein Wort! Das ging ihn
+wahrscheinlich nichts an, ihn, den Knecht Gottfried Stumpe. Auf die
+gewohnte Anrede "Herr Amtsgerichtsrat" hatte er beinahe voellig vergessen.
+Sie war ihm wie ein Klang aus sagenhafter Zeit. Er war einfach Gottfried.
+
+"Gottfried", hatte gestern die dicke Susanne gesagt, "helfen Se mir mal
+meine Brille suchen; ich hab mir se verlegt und muss die Butterrechnung
+schreiben."
+
+So wurde man sogar zu persoenlichen Dienstleistungen herangezogen. "Man",
+der Herr Amtsgerichtsrat! Wie oft ueberhaupt dieses Weib, die Susanne, die
+Brille verlegt, ist unglaublich. Methusalem hat ihr jetzt eine Art
+Soldatengurt gestiftet, daran haengt wie eine kleine Saebelscheide das
+Brillenfutteral. Da soll sie ihre Augenwaffe immer bei sich haben. Aber
+sie traegt das Koppel nicht, sie hat es dem Methusalem um die Ohren
+schlagen wollen.
+
+Dieser Methusalem ist ein ganz netter Kerl; nur, er erlaubt sich zuviel
+Frechheiten. Ihn, den Amtsgerichtsrat, hat er gezeichnet. Aber nur von
+hinten. Er sagt, er haette einen interessanten Ruecken.
+
+Das Waschwasser ist abscheulich kalt. Und der Spiegel ist klein. Von
+ordentlichem Frisieren ist keine Rede. Den Nackenscheitel hat er laengst
+aufgegeben.
+
+Richtig, jetzt kommt noch das Schandvieh, der vom Doktor verordnete
+Dackel, verbeisst sich in die herabhaengenden Hosentraeger und zieht und
+zerrt daran. "Man" macht eine Bewegung, wie Pferde, die nach hinten
+ausschlagen wollen, verliert dabei seinen Pantoffel und bemerkt, dass der
+Dackel die Hosentraeger jaehlings loslaesst, sich auf den Pantoffel stuerzt und
+mit ihm unter dem Bett verschwindet. Mag er. Mag er ihn zerfressen! Der
+Pantoffel gehoert der Kurverwaltung. Und der Dackel ist ihm oktroyiert.
+Einfach oktroyiert! Er hat Hunde nie leiden moegen. Schon gar nicht als
+Schlafkumpane. Er hat sie immer als wandelnde Flohfabriken verabscheut.
+Methusalem hat neulich einen "wissenschaftlichen" Vortrag im Rathaussaal
+gehalten und vorher durch oeffentlichen Anschlag angekuendigt. Das Thema
+lautete: "Kann der Mensch (_homo sapiens_) von dem Hunde (_canis
+familiaris_) einen Floh (_pulex irretans_) erhalten?" Er - Amtsgerichtsrat
+_Dr._ - nein, Gottfried Stumpe, hat den Bloedsinn nicht mitmachen wollen.
+Zuletzt hat er gerade an dem Vortragsabend rein gar nichts vorgehabt und -
+um die Zeit totzuschlagen - hingehen wollen. Aber da hat es geheissen: Der
+Saal sei ueberfuellt, die Polizei lasse niemand mehr zu. Tags darauf hat am
+Rathaus eine "Rezension" des Methusalemschen Vortrags ausgehangen. Isidor
+Karfunkelstein vom Grundhof hat sie geschrieben. Natuerlich Blech! Am
+Schluss hat es da geheissen: "So wies der Vortragende in seiner lichtvollen,
+hinreissenden Art aufs ueberzeugendste nach, dass Hunde- und Menschenfloh
+zwei ganz verschiedene Spezien sind, dass es einem Hundefloh niemals
+einfalle, die schoen behaarten Jagdgruende seiner tierischen Pfruende
+freiwillig zu verlassen, um auf dem glatten Parkett der Menschenhaut
+ungluecklich zu debutieren; dass dem Hundefloh das tierische Blut viel
+besser munde als das menschliche; dass ein bei einem Menschen gefundener
+Hundefloh eine ausserordentliche Ausnahme, einen armen Verirrten darstelle,
+der hoellisch an Heimweh leide, kurz, dass wohl ein Dackel von einem
+Menschen einen Floh bekommen koenne, aber nicht umgekehrt. Eine Resolution,
+die darauf hinausging: die Mitglieder der Versammlung als Angehoerige der
+Kulturwelt seien fest entschlossen, den alten Aberglauben, dass ein _pulex
+irretans_ vom _canis familiaris_ freiwillig zum _homo sapiens_ uebergehe,
+auszurotten, wurde mit ueberwaeltigender Mehrheit angenommen. Die
+ohnmaechtige geringe Opposition wurde ausgelacht."
+
+Das war also ein "wissenschaftlicher Vortrag" in diesen Ferien vom Ich.
+
+Verrueckt! Aber alles Volk lief hin, Herren und Damen! Rauften um die
+Plaetze!
+
+Nun hat das Beest, der Dackel, den Pantoffel wirklich zerfetzt. Er guckt -
+mit elenden Plueschueberresten in der Schnauze - hoechst durchtrieben unter
+dem Bett hervor, und seine weit aufgerissenen Augen fragten: Gibt es nun
+Keile oder nicht?
+
+Er schlaegt ihn nicht. Mag Vater Barthel neue Pantoffeln besorgen.
+
+Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Frueher wuerde er gekollert
+haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten
+sehr egal sind.
+
+Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter
+dem Bett, dann kommt er naeher, macht ein aeusserst treuherziges Gesicht,
+wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdaechtigster
+Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschliesst, die abscheuliche
+Heuchelei zu uebersehen und sagt einfach und gelassen:
+
+"Du bist ein Schweinekerl!"
+
+Der Dackel blinzelt nach dem Fusse, auf dem sein "Herrchen" in blossen
+Socken steht, nimmt den "Schweinekerl" als etwas ganz Selbstverstaendliches
+hin und springt dann zaertlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in
+die Hoehe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so
+lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug.
+
+"Gottfried, maehren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erkaelten
+sich!"
+
+Das war Vater Barthel. "Maehren" hatte er gesagt. Der Mann war nicht
+satisfaktionsfaehig. Wenn ihm frueher mal einer "Maehren Sie nicht so lange"
+gesagt haette! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel _contra_ Karsubke
+wegen eines Objektes von drei Mark und fuenfzig Pfennig neun Termine
+ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte!
+
+Tja - Ferien vom Ich!
+
+Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen
+erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum
+ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen,
+sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust -
+halbbeleuchtete Hoehlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Waenden
+doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens,
+ein Wissen und Bekennen: draussen ist Nacht. Alles andere grellere Licht
+luegt den Tag vor.
+
+Im Hausflur unten sagt die huebsche Magd Emilie: "Hoppla!", weil Herr
+Gottfried an ihre Milchkanne stoesst. Und dann tritt er in die grosse
+Bauernstube. Da umfaengt ihn das ganze grosse Behagen des zu frueh Erwachten,
+der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um
+den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao,
+andere loeffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muss ihm den huebschen,
+wahrhaft kuenstlerisch geformten Napf zweimal fuellen. Die
+Fruehstuecksunterhaltung ist spaerlich und nuechtern wie ueberall. Zu Hause
+wuerde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bisschen
+Koffein wuerde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber dass er die Zeitung
+wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknuellt an die Wand schmeissen wuerde
+- das waere schlimmer. Hier gibt's keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten
+Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist's ihm voellig egal,
+wer dabei zugrunde geht, gleichgueltiger als der vom Dackel zernagte
+Latschen.
+
+Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein "Sauwetter" wuerde er zu
+Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und
+auf dem schnellsten Wege zur Strassenbahn trachten, um zum Gericht zu
+fahren.
+
+Hier - Gottfried Stumpe - oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel
+besser, und er hat Duenger fahren muessen. Die Arbeit verteilt Vater
+Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls -
+das steht fest - dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist's schoen und
+warm, dass er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben
+kann, geht er hinaus; regnet es und blaest der Wind, wird er zu haeuslichen
+Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr.
+- nein, Gottfried Stumpe, haette nie gedacht, es noetig zu haben, sich um
+das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne
+bemuehen zu muessen. Er verschmaeht auch alle Liebedienerei, um sich
+Verguenstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem - er ist ja sonst ein
+netter Kerl - ist schon fuenf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher;
+denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft
+geschmeichelten Weise portraetiert haben, dass er, trotz gelegentlicher
+Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild haengt
+jetzt in einer Muenchener Ausstellung; das schmeichelt natuerlich solch
+alter Schachtel gewaltig.
+
+Die dicke Lene drueben am Nachbartisch - Gottfried muesste sich furchtbar
+taeuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt
+haette - sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei ueber seine
+Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet
+hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und
+sagt:
+
+"Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schoen; aber Rueben abkloppen
+muessen Sie heute trotzdem."
+
+"Es ist so furchtbar kalt!" stoehnt die Dicke.
+
+"Lene", belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; "es is kalt, das is wahr.
+Aber Sie sind hier, um duenner zu werden, und Kaelte zieht die Koerper
+zusammen."
+
+Saemtliche Fruehstuecksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als
+er Duenger fahren musste, hat er sich bloss damit getroestet, dass es die
+Arbeiter auf dem Ruebenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rueben aus
+dem nasskalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu "klopfen",
+damit ueberfluessige Erde abfaellt, und sie fuer den Wagen zu sammeln, ist an
+solchen Regentagen keine schoene Arbeit und nichts weniger als Manikure.
+Die Finger werden blaurot. Nur Pulswaermer helfen etwas. Scheusslich. Er -
+Gottfried - freut sich auf seine Duengerfuhre. Da pendelt er so langsam
+neben seinen beiden nachdenklichen Roesslein einher, und der Ammoniakgeruch,
+den seine Ladung ausstroemt, stoert ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet
+gesund fuer die Lungen sein.
+
+"Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!" hoert er Vater Barthel weiter
+reden.
+
+Richtig! Es regnete - folglich blieb Methusalem im Trockenen.
+
+Gottfried hasste in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den
+Kollegen gehasst hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche
+Leute verstehen es eben, immer "nach oben" zu schielen.
+
+"Oben" - das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne.
+
+Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei.
+
+"Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein
+Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!"
+
+Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern
+fleissig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Brieftraeger in die
+Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehaengt, und in dieser Tasche
+steckte ein einziger Brief.
+
+"Herrn Methusalem auf dem Forellenhof."
+
+Methusalem oeffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie
+ohnmaechtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne.
+Barthel hob den auf den Fussboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne
+weiteres vor:
+
+
+
+
+
+
+ "Sehr geehrter Herr!
+
+Ihre von der gesamten Fachkritik glaenzend beurteilte Zeichnung 'Baeuerin
+auf dem Schaffboden' ist heute fuer den Preis von fuenftausend Mark verkauft
+worden.
+
+ Die Ausstellungsleitung."
+
+
+
+
+
+
+Grosse allgemeine Verwundernis.
+
+Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschuerze vors
+Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte:
+
+"Mutter, schaem dich nich! Was kannst du dafuer, dass du so 'ne interessante
+Frau bist!"
+
+Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers.
+
+"Kinder", sprach er mit zerknirschter Stimme, "ihr alle kennt mich und
+werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes
+Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich bloss noch zu leben. Und nun
+werd' ich ploetzlich ein Kroesus. Dass ich in der kurzen Spanne Zeit meines
+irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fuenftausend Mark ausgeben
+kann, werdet ihr einsehen. Und doch muss sie mangels jeglicher Leibeserben
+weggeschafft werden. Ihr koennt glauben, dass dieser Fall mein Gemuet hart
+bedrueckt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu
+feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erloest bin."
+
+Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornspruehende Rede ueber
+Sparsamkeit, Maessigkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere
+widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging
+Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schaemig flimmernden Augen hin
+und her.
+
+"Denken Sie doch, Frau Susanne - fuenftausend Mark - in Muenchen auf der
+Ausstellung! Fuer Ihr Bild!"
+
+"Ruhe!" kommandierte Barthel. "Wir muessen wieder an ernste Dinge denken.
+Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr'n 'runter nach Waltersburg
+zum Kaufmann Scholz und hol'n das Faesschen Heringe ab, das ich bestellt
+hab. Lassen Sie sich's aber recht festbinden, dass es nicht 'runterkugelt!"
+
+"Jawohl!"
+
+"Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen."
+
+Vierstimmiger piepsiger Frauenchor:
+
+"Jawohl!"
+
+"Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann
+Henschel werden Aeppel pfluecken. Baerbel und die Lustige Witwe werden die
+Aeppel nach der Aeppelkammer tragen."
+
+Septett: "Jawohl!"
+
+"Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im
+Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt;
+Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer,
+Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias
+Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen
+helfen beim Ruebenabkloppen. Fehlt noch jemand?"
+
+Herr Amtsgerichtsrat Dr. - nein Gottfried Stumpe, erhob sich.
+
+"Ich!"
+
+"Ach so - Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Ruebenabkloppen."
+
+Gottfried erblasste. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hoerte nur noch mit
+beissendem Ingrimm, dass Barthel den Methusalem aus Anlass seines Briefes
+einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurueck.
+
+"Nimmermehr!" rief er pathetisch, "denn sehen Sie, Vater Barthel, eine
+ungeheure Lebenslust, ein Kraftueberschuss durchstroemt ploetzlich meinen fast
+tausendjaehrigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fuenfunddreissiger. Wo soll
+ich hin mit der Freud? Austoben muss ich mich. Und das kann ich nur, wenn
+ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!"
+
+Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklaerte Barthel das Fruehstueck fuer
+aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den
+Badehaeusern, um ihre "Anwendungen" zu machen. Auch Gottfried Stumpe
+schritt hinaus in den fein spruehenden Regen. Er war sehr schlechter Laune.
+Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des
+Magens (er litt an Magennerven), dann ein Buerstbad mit nachfolgendem
+kuehlen Abguss. Was so die Nervoesen bekommen! Frueher war er auch massiert
+worden und hatte im Gymnastiksaale turnen muessen. Jetzt fiel das weg.
+Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anstaendiger Behandlung.
+Jetzt musste er einfach arbeiten. Rueben abkloppen. Mit Maegden und alten
+Weibern zusammen. Scheusslich!
+
+Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen liess.
+Dass man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab!
+Solche Schweinerei, wie Rueben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich
+nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wusste, dass sich die Kurverwaltung
+aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf
+warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei
+dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war
+nicht zu leugnen, dass man hier absolut von Grund auf gesuender wurde.
+
+Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann musste er sich
+nach der kuehlen Abgiessung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte
+er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses
+verpusten.
+
+Dann aber musste er unwiderruflich aufs Feld.
+
+Rueben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Spruehregen aufhoerte. Ein
+einziger Trost war, dass bei solchem Wetter das Aepfelpfluecken vom nassen
+Baum auch kein Heidenspass war.
+
+Wie kaemen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel
+dazu, dass sie ...
+
+Neid und Missgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich
+oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch
+schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und
+gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja
+mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand aergerte ihn, das Klopfen des
+Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt - wer diesen Dackel und diesen
+Vater Barthel vertrug, ohne tobsuechtig zu werden, musste schon sehr gesund
+sein.
+
+Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom
+Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem
+er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen
+an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Koerbchen und einem Messer
+bewaffnet, hatten einander gegenuebergestanden und gelacht. Dann hatten sie
+sich einander vorbestellt: "Emanuel Geibel vom Sonnenhof - Gottfried
+Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!" Und am sonnigen Waldrande
+gesessen und geschwatzt. Allmaehlich aber waren sie in zivilisiertes
+Gespraech gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches,
+auf hohe, schliesslich auf ganz hohe Politik, dann noch hoeher hinauf auf
+die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische
+Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion
+verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte
+Gipfelhoehe der Menschheit gesetzt - auf den im Blauschnee glitzernden,
+aller gewoehnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der
+heiligen Jurisprudenz.
+
+Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel
+entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter
+Verstandesmensch, als einer, der nicht nur ueber den Hanswurst, den
+jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmass die
+Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern
+der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Groessen mit geradezu
+souveraener Ueberlegenheit die Sonde legte. Wie er allein ueber Liszt
+urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, dass der Mann, der sich unter dem
+Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Groesse der
+Rechtswissenschaft war, hoffentlich der kuenftige Minister. Dann wuerde
+vieles an den unhaltbaren verrotteten Zustaenden der heutigen Rechtspflege
+gebessert werden. So beschloss der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber
+gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern
+reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu
+lassen, dass er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige
+Gegenstroemungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermassen auch
+etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als
+Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das
+alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Bruederschaft
+gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein
+poetisches Gemuet, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von
+denen jedes mit Schwefelsaeure getraenkt war, konnte ploetzlich
+traumversunken stehenbleiben und seufzen:
+
+ "Oh, darum ist der Lenz so schoen
+ Mit Duft und Strahl und Lied,
+ Weil singend ueber Tal und Hoeh'n
+ So bald er weiterzieht."
+
+Oder, weil ihm eben einfiel, dass gar nicht Fruehlingszeit sei:
+
+ "Herbstlich sonnige Tage,
+ Mir beschieden zur Lust,
+ Euch mit leiserem Schlage
+ Gruesst die atmende Brust.
+ Oh, wie waltet die Stunde
+ Nun in seliger Ruh;
+ Jede schmerzende Wunde
+ Schliesset leise sich zu."
+
+Der eiskalt schliessende Jurist hatte sich ganz in die suessen, goldenen
+Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des
+Dichters Namen fuer seine Ferien vom Ich gewaehlt. Die Gegensaetze beruehrten
+sich auch hier.
+
+Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem
+feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgiessung "trocken lief". Die Begegnung
+war nicht ganz zufaellig. Gottfried wusste, dass Emanuel abreiste. Er habe
+nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er koenne nicht laenger
+abkommen. Natuerlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kraefte.
+
+Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum "Zeughaus" hinunter.
+
+"Nun gehe ich da hinein", sagte Emanuel traurig, "und komme nicht mehr
+durch diese Tuer in unser liebes Heim zurueck, sondern trete auf der anderen
+Seite in meinem Weltanzug auf die Strasse hinaus, die ins kalte Leben
+zurueckfuehrt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte,
+wir waeren jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern
+gehabt."
+
+Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder
+vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben:
+
+ "Wenn sich zwei Herzen scheiden,
+ Die sich dereinst geliebt,
+ Das ist ein grosses Leiden,
+ Wie's groess'res nimmer gibt;
+
+ Es klingt das Wort so traurig gar:
+ Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
+ Wenn sich zwei Herzen scheiden,
+ Die sich dereinst geliebt."
+
+Wohl verwunderte sich Gottfried ueber diese grosse Zartheit, aber sie packte
+ihn, und die Augen wurden ihm feucht.
+
+Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite wuerde er nun
+hinaus auf die Strasse treten, die aus diesen friedlichen Ferien
+zurueckfuehrt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus
+herum und gelangte durch ein Seitenpfoertlein ebenfalls hinaus auf die
+Strasse. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spaet auf
+Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei.
+
+Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast haette ihn Gottfried in dem
+nuechternen Reiseanzug nicht erkannt.
+
+"Ah, da bist du noch!"
+
+"Ja, ich wollte dich noch einmal sehen."
+
+"Das ist lieb von dir!"
+
+Emanuel zog die Uhr - eine einfache silberne Taschenuhr.
+
+"Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zaehlt
+Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da duerfen einem
+nur eine Glocke oder der Grossknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spaet
+es ist. Und dann das Geld, das bedrueckt mich am meisten. Was soll ich mit
+den paar Kroeten tun? Mir eine Burg des Gluecks davon bauen? Lieber Gott!"
+
+"Du wirst noch hoch hinauf kommen!" troestete ihn Gottfried.
+
+"Nein!" sagte Emanuel bitter. "Da drinnen, da ist es ja geboten, ueber das
+eigene Ich zu schweigen. Aber hier draussen auf der Landstrasse will ich
+mich dir gegenueber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Haett' gern
+studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da musste
+ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretaer
+am Amtsgericht zu H."
+
+"Emanuel!"
+
+Gottfried rang die Haende ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser
+Ministerstuerzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstuerzler von
+oben! Ein Sub - sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch
+wuesste!
+
+"Emanuel!"
+
+Gottfried stand so verdattert da, dass in die weichen Zuege Emanuel Geibels
+wieder die essigsaure Schaerfe trat, die aber doch nur zu den resignierten
+Worten fuehrte:
+
+"Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel - wer wir
+draussen sind, braucht uns nicht mehr zu kuemmern, braucht Sie nicht zu
+genieren."
+
+"Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein", sagte Gottfried noch ganz benommen.
+
+"Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche
+Kur zu wuenschen", sagte Emanuel hoeflich, verneigte sich, ergriff seine
+kleine Handtasche und wollte gehen.
+
+Da aber hatte ihn Gottfried am Arm.
+
+"Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde - auch draussen -, verstehst du?
+Von dem bloedsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden."
+
+Emanuel setzte die Handtasche auf die Strasse.
+
+"Ich danke dir!" sagte er schlicht, aber in tiefer Freude.
+
+Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen,
+das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Ruebenfelde.
+Da waren die Leute fleissig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen,
+der auch zum Rueben "abkloppen" kommandiert war, sprang in kuehnen
+Husarenspruengen ueber ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich
+warm zu machen, in Wirklichkeit aber - wie der Amtsgerichtsrat mit
+neidischem Grimm bei sich feststellte -, um sich von der Arbeit zu
+druecken.
+
+Zehn Minuten spaeter sprang er mit ueber das Feuer, bis von ferne die
+Gestalt Barthels auftauchte.
+
+Da begaben sich die beiden Drueckeberger schleunigst an die Arbeit.
+
+
+
+
+
+ VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN
+
+
+Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem
+Haufen spielender Kinder trennte.
+
+"Willst du schon aufhoeren zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so
+schoen."
+
+"Ich will zu meiner Mamma."
+
+"Zu deiner Mamma?"
+
+"Ja, nach Hause!"
+
+"Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?"
+
+"Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma
+soll Magdalena sein."
+
+"Hast du deine Mamma lieb?"
+
+"Lieber wie dich!"
+
+Das klang nicht frech, nur tief ueberzeugt.
+
+"So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schoen
+zusammen?"
+
+"Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid fuer mich. Aber es passt immer
+nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will
+uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben."
+
+Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas
+schwierige Alte. Das Maedchen ging neben mir her. Mit grosser Munterkeit
+sagte sie:
+
+"Wenn Pappa Stefenson da waere, wuerde er die Selma maechtig ausschimpfen,
+weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man fuer ein Kinderkleid vierzig Mark
+verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schoen! Wir
+naehen alle Tage neue Schleifen dran."
+
+"Ich werde mit der Selma sprechen."
+
+"Ja? Wirst du wirklich? Fuerchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir muessen
+ein Meter schottische Seide haben und unten ein bisschen Pelzbesatz. Ich
+hab mir's so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen,
+in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird
+sehr fein!"
+
+"Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?"
+
+"Mamma will so, wie ich will."
+
+Das war das Maedel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstrasse
+Schnuerbaender verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist
+in ihr voellig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwuensche verstand
+ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht
+umher. Aber ein Maedchen hatte geprahlt, es haette zu Hause ein
+Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer
+Seide grossgetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in
+Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen
+Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt ueber die hoechsten Mauern, die
+man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen laesst sich nichts tun. Auch
+unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten
+"modernisiert" und "stilisiert". Was man allein mit einer heimlich
+angebrachten Sicherheitsnadel alles "raffen" kann, wieviel "Schick" man
+durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann,
+grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim ueberhaupt mal ein
+Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs
+wollte ich fuer alle weiblichen Feriengaeste ein und dieselbe Tracht. Aber
+selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem
+preussischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel "anprobiert", weit
+ueberlegen ist, kam mir schliesslich mit dem Vorschlag, vier verschiedene
+"Modelle" muessten eingefuehrt werden, eines fuer die Dicken, eines fuer die
+Duennen, eines fuer die Langen, eines fuer die Kleinen. Damit habe ich mich
+einverstanden erklaert; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden,
+dass die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen.
+
+Fuer die kuehlen Abende werden farbige Umschlagtuecher geliefert. Oh, wie
+gross sind die Wunder der Schoepfung! Manche unserer Damen drapieren das
+Tuch vom Guertel abwaerts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch
+rechts oder links ueber die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich
+eine "ungarische Schuerze" daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den
+Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte
+Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur ueber dem Arm,
+und einige wenige greifen auf den urspruenglichen Zweck zurueck, die
+schlagen das Tuch um die Schultern.
+
+Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen fuer eine unheilbare Krankheit
+erklaert. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine
+Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib muss sich putzen, so
+wie sich das Kaetzchen beschlecken muss.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Neulich kam Piesecke zu mir, ausserhalb der Sprechstunde. Er war noch
+erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunaechst eine Menge wirres Zeug
+durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, dass er der ungluecklichste
+Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn.
+
+"Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie
+langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle
+Umschweife, was los ist."
+
+Er rang die Haende ineinander und jammerte:
+
+"Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!"
+
+"Wen? Mich?"
+
+"Ach, doch nicht Sie, sondern sie!"
+
+"Also Hanne vom Forellenhof."
+
+"Woher wissen Sie ...?"
+
+"Ich weiss es. Sie haben sich oft genug auffaellig benommen."
+
+"Und wissen Sie auch, dass sie fortzieht?"
+
+"Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater
+bekommen."
+
+"Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie
+koennen machen mit mir, was Sie wollen, Sie koennen der beste Arzt der Welt
+sein, Sie koennen hundert Sanatorien fuer mich bauen, wenn mich dieses
+Maedchen verlaesst, bin ich verloren."
+
+"Gruselig!"
+
+"Was sagten Sie?"
+
+"Gruselig!"
+
+"Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich
+nicht; er bedeutet mein Ende."
+
+"Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schoener Nekrolog ueber Sie
+erscheinen."
+
+Er war empoert.
+
+"Sie haben kein Herz fuer mich. Aber es ist gut, dass Sie von unserer
+Landeszeitung gesprochen haben. Schliesslich bin ich doch ein Prinz!"
+
+"Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke."
+
+"Das weiss ich; aber ich vergesse nicht, was ich draussen bin. O nein! Sehen
+Sie, und das habe ich ihr gesagt."
+
+"Was? Wem?"
+
+"Der Hanne habe ich gesagt, dass ich ein Prinz bin."
+
+"Sie sind wohl verrueckt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen
+steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt."
+
+"Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft
+worden."
+
+"Was hat denn Fraeulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?"
+
+"Ausgelacht hat sie mich. Sie haelt mich fuer einen Sargfabrikanten aus
+Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet fuer einen
+Sargfabrikanten haelt sie mich."
+
+"Das Geschaeft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares."
+
+"Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze
+Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Fraeulein Hanne sagen, dass ich
+wirklich ein Prinz bin und dass sie ein Engagement an unserer Hofoper
+annehmen soll."
+
+"Was haetten denn Sie davon, wenn Fraeulein Hanne in Ihrer Residenzstadt
+saenge und Sie inzwischen hier bei uns Duenger fahren muessten?"
+
+"Ich hatte gehofft, Sie wuerden mich fuer ein paar Wintermonate beurlauben."
+
+"Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer
+Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn
+Bruders, des regierenden Fuersten."
+
+Piesecke sass gebrochen vor mir.
+
+"Mit mir ist's alle", sagte er tonlos.
+
+"Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen
+haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft
+gesammelt."
+
+Er schuettelte trostlos den Kopf.
+
+"Wohl bin ich gesundheitlich vorwaerts gekommen; aber das nuetzt mir alles
+nichts mehr - ich muss sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht
+verwinden kann."
+
+Ich stand auf.
+
+"Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich
+hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich
+wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!"
+
+Da fasste ihn der Zorn.
+
+"O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach
+'Mahlzeit', wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose
+Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da muss ich
+Ihnen sagen, dass Ihr Sanatorium eine Moerdergrube ist."
+
+"I, der Dauz!"
+
+"Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue
+Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?"
+
+"Nein!"
+
+"Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn
+wiedererkannt; denn ich hatte frueher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich
+gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu ueberwachen. Denn er hat mich
+frueher schon mal ueberwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er
+mir gesagt, dass er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er
+wird den Beweis erbringen, dass Ignaz ein langgesuchter Raubmoerder ist, ein
+frueherer Fleischergeselle."
+
+Ich setzte mich wieder.
+
+"Also, Piesecke, ist das wahr?"
+
+"Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?"
+
+"Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber taeuscht sich auch Herr
+Steiner nicht?"
+
+"Das weiss ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab - ich glaube,
+Fingerabdruecke oder so etwas - und dann will er zur Verhaftung schreiten."
+
+Mir wurde unbehaglich.
+
+"Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?"
+
+"Jawohl. Er will mich umbringen."
+
+"Bitte, erzaehlen Sie!"
+
+"Er hat mich schon immer verfolgt und gemisshandelt; er ist ein sehr roher
+Kerl. Wie ich nun Fraeulein Hanne das gesagt hab, dass - nun, dass ich eben
+doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel
+allein in der grossen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem
+Ofen hervor, hat gruengelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe
+mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Fraeulein Eva mir nicht geholfen
+haetten, haette mich der Kerl erwuergt. Wir haben dann den Mordgesellen zur
+Tuer hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen."
+
+"Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, dass mir dieser Knecht
+Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft,
+der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde
+ich der erste sein, ihn den Behoerden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn
+er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch
+entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen." Piesecke sank schon wieder in
+sich zusammen.
+
+"Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich
+soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es
+wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat,
+nicht einmal einen guten Freund!"
+
+Da tat er mir leid.
+
+"Piesecke", sagte ich, "das duerfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten
+Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, dass ich
+Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehoert hat. Auch ich, Piesecke,
+habe die schoene Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewuenscht,
+als dass sie meine Frau werde."
+
+Er starrte mich an.
+
+"Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?"
+
+"Weil sie mich nicht will."
+
+"Sie nicht will?" wiederholte er verwundert. "Sie will nicht mal Sie, und
+da soll sie mich wollen?"
+
+Es lag eine ruehrende Demut in dem Ton, in dem er das sagte.
+
+"Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an
+sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du gluecklich! Es ist etwas
+Grosses und Schoenes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es
+gibt Frauen, die das Glueck oder vielmehr das Unglueck haben, dass alle
+Maenner sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt
+oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wuenschen, dass sie gluecklich
+wird, und wir zwei wollen zusammenhalten."
+
+Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmuetigen Augen schauten mich
+feucht an.
+
+"Ich glaube, dass Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!"
+
+"Ich habe Sie gern, Piesecke", sagte ich und legte ihm fest die Hand auf
+die Schulter.
+
+
+
+
+
+ ABSCHIEDSABEND
+
+
+Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schoene "Hanne" nahm Abschied
+von uns. Von Mai an war das Maedchen bei uns, und jetzt, da es gehen
+wollte, war mir's, als schwaenden Sommer und Sonne dahin, und es koenne nun
+nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur
+nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich
+hoerte, dass die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen
+herumlaufe.
+
+Wenn der November kam, wuerden sich wahrscheinlich unsere Kurgaeste an Zahl
+vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte fuer ein paar
+Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich dann
+wahrscheinlich nach einer grossen Stadt reisen wuerde, nach Berlin oder
+Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem
+ruhigen Frieden, dass ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer
+elektrischen Strassenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in
+einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn
+der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muss er
+in Glanz und Laerm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern
+nicht uebel, dass sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt
+hinueberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die haemischen
+Bemerkungen der "Neustaedter Umschau" ueber diesen Fall beweisen nur, dass
+das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbeduerfnis des Menschen hat.
+Wer immer im Laerm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch;
+nur die wechselnde Welle traegt des Menschen Schiff.
+
+Dass mich neben diesen Erwaegungen auch der Gedanke leitete, ich koenne meine
+Ferienreise vorteilhaft ueber die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter
+singen wuerde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende
+gemacht mit meiner Liebe; ich wusste doch recht gut, dass ich nicht eher ein
+idealer Leiter dieses Ferienheims sein wuerde, als ich nicht selbst von
+allen persoenlichen Banden und Sorgen befreit war, dass ich immer noch
+selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...
+
+Die grosse Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte
+Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kraenze von
+Astern hingen an den Waenden, die letzten Rosen des Gartens bluehten auf dem
+Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhaelt er als Andenken ein
+Album ueberreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen,
+Heliogravueren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind,
+ausserdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in
+irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn
+photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim
+Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei
+tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgaesten photographiert.
+Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit
+aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.
+
+Eva bekam ein Album in vier Baenden. Sie war sehr lange bei uns, und es
+hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen
+in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende
+Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der
+Landstrasse, die unten am Zeughaus vorbeifuehrt, zeigte einen im Abendschein
+entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:
+
+"Die Sonne geht unter."
+
+Auch du, mein Sohn Brutus? - Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein
+wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. -
+
+Eva sass im Scheine der grossen Haengelampe und durchblaetterte das Album. Sie
+sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen grosse Traenen ueber ihre
+Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:
+
+"Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese
+Buecher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle
+sind drin - nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem
+einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen."
+
+Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drueckte die Wange gegen die
+Kacheln des Ofens. "So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht fuer Bilder",
+sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen
+darin.
+
+"Es tut mir leid, Ignaz", sagte Eva freundlich; "Sie waren gut und treu zu
+mir!"
+
+Da ging der Knecht stumm zur Tuer hinaus. Ich sah, wie der Kurgast
+"Steiner", von dem ich nun wusste, dass er ein Detektiv war, dem langen
+Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.
+
+Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Faesschen Moselwein angezapft und
+hielt eine Rede:
+
+"Meine Damens und Herr'n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern
+anders. Es is ein ernster Abend, weil Fraeul'n Hanne fortzieht, und deshalb
+hab ich Sie zu einem Glaeschen Wein eingeladen, und ich wuensche, dass er
+Ihnen allen recht wohl bekommen moege. Wir sind alle sehr traurig; denn wir
+verlieren Fraeul'n Hanne sehr, sehr ungern."
+
+Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig,
+dass sie sich zur Tuer hinaus retten musste. Auch Barthel fuhr mit der Hand
+nach den Augenwinkeln.
+
+"Sehen Sie, meine Herr'n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang -
+ich kann das wohl jetzt ruhig sagen - is sie wegen Fraeul'n Hanne und mir
+eifersuechtig gewesen. Aber es war bloss blinder Laerm; ich weiss doch, was
+ich mir schuldig bin!"
+
+Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das
+Taschentuch vor den Mund.
+
+"Sehen Sie, meine Damens und Herr'n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das
+ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die
+hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr
+faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muss sie erst alle muehsam
+zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so 'ne Perle bekommt wie die Hanne,
+die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ..."
+
+Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot gebluemtes
+Taschentuch und konnte schliesslich nur noch sagen:
+
+"Nun trinken wir halt auf Fraeul'n Hannes ihre Gesundheit!"
+
+Das Maedchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von
+Gaesten gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel
+unmaessig viel Weihrauch gestreut wurde, und schliesslich musste Hanne singen.
+Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten,
+lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und
+bleiben wird:
+
+ "Morgen muss ich fort von hier
+ Und muss Abschied nehmen -"
+
+Waehrend des Liedes oeffnete sich leise die Tuer. Der lange Ignaz schlich
+sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und presste die Haende an die weisse
+Mauer.
+
+Die Lampe flackerte; die Spaetherbstrosen bluehten auf dem Tisch.
+
+Als Eva das Lied beendet hatte, stuerzte ploetzlich einer vor, warf sich dem
+Maedchen zu Fuessen und rief:
+
+"Gehen Sie nicht fort - gehen Sie nicht fort, Fraeulein Hanne; ich muss
+sonst sterben!"
+
+Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz
+umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick ueber Piesecke und das erschreckte
+Maedchen hinfuhr, und im naechsten Augenblick hatte Ignaz den zarten
+Piesecke erfasst, schleuderte ihn sich wie einen Sack ueber die Schulter und
+verschwand mit ihm durch die Tuer.
+
+"Dass kein Unglueck geschieht!" rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter
+Unordnung draengte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den
+zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den grossen
+Duengerhaufen geworfen. Es war dem so schmaehlich Behandelten weiter kein
+koerperliches Unheil zugestossen; aber ich war doch so erzuernt ob der neuen
+Gewalttat des Knechtes und der Stoerung unserer schoenen Stimmung, dass ich
+sagte:
+
+"Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen frueh werden Sie Ihr Buendel
+schnueren. Dafuer werde ich sorgen!"
+
+Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurueck
+und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurueckgeblieben war und
+ein Blaettchen Papier, auf dem Fingerabdruecke zu sehen waren, sorgsam mit
+den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfaeuste an der
+weissen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte
+in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat
+auf den Knecht zu und sagte:
+
+"Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!"
+
+Die Umstehenden starrten den Sprecher an.
+
+"Was wollen Sie, Herr Steiner?" fragte der Bauer Barthel erschrocken.
+
+"Ich heisse nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine
+Legitimation in der Tasche. Ich bitte, dass mir Gelegenheit gegeben wird,
+den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz
+aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefaengnis in Waltersburg zu
+transportieren."
+
+Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen - und ploetzlich
+schlug er mit beiden Faeusten um sich, machte sich Platz und verschwand
+blitzschnell im dunklen Hofe.
+
+"Haltet ihn!" rief der Polizeimann; "er ist ein lange gesuchter
+Raubmoerder!"
+
+Wir schrien alle, wir rannten. Ich stiess mit Barthel zusammen und machte
+meinem Grimme Luft.
+
+"Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir laengst
+unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von
+Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande ueber uns."
+
+"Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir", wimmerte Barthel,
+"ich konnte nicht anders!" Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.
+
+
+
+
+
+ GERICHTLICHES
+
+
+Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es.
+Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Hoefe
+oeffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei
+ein Raubmoerder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber
+kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Tueren, die Maenner
+wagten sich mit Stoecken bewaffnet fuenfzig Meter vors Haus, ihre Frauen
+jammerten von der Haustuer aus ueber diese Tollkuehnheit und riefen die
+Maenner zurueck - es war abscheulich! Der Loew' ist los, und alles verliert
+den Verstand. Nur einige Mutige stuermten hinaus, den Unhold zu fangen,
+taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie
+konnten.
+
+Ich schuettelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht,
+sagte mir, dass die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos
+sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war
+nicht zu finden. Dafuer traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am
+Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustaedter Bahnhof,
+nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt.
+Immer dasselbe: "Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen
+Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmoerder
+Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter
+Verhaftung entwichen."
+
+Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen
+Verhaftung.
+
+Ich sass ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der
+immer noch nicht aufzufinden war, und hoerte zu, wie "Herr Steiner"
+telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande
+meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte
+sich an mich.
+
+"Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?"
+
+"Nur vom aerztlichen Standpunkt aus verantwortlich."
+
+"Und wer traegt die Verantwortung fuer die gesetzliche Ordnung?"
+
+"Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Bruening."
+
+"Wo ist der Direktor?"
+
+"Ich weiss es nicht."
+
+"Wo ist Mister Stefenson?"
+
+"In Amerika."
+
+Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.
+
+"Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr
+Doktor?"
+
+Ich sagte ihm, dass mir dieser Knecht Ignaz allerdings persoenlich stark
+unsympathisch gewesen sei, dass ich aber - ausser einigen Grobheiten oder
+auch Roheiten, die er begangen - keine Veranlassung gehabt habe, den
+Menschen fuer einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem
+ich vertraue, erklaert habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen
+Menschen.
+
+"Dieser sogenannte Ignaz hiess laut Anmeldung Scholz?"
+
+"Jawohl, Ignaz Scholz."
+
+"Hm! Wenn einer schon Scholz heisst! Jeder Scholz verkruemelt sich unter der
+Masse der Scholze wie ein Koernlein im Sand des Meeres. Ich moechte Sie
+bitten, Herr Doktor, mich vorlaeufig nicht zu verlassen."
+
+"Das soll doch nicht heissen ..."
+
+"Das soll nur heissen, dass ich Ihrer in jedem Augenblick beduerfen koennte."
+
+Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fuehlte mich
+ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir
+ausbreitete.
+
+"Ich moechte nur bemerken, Herr Doktor, dass ein Kurort wie der Ihrige, wo
+niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu grossartiger
+Schlupfwinkel fuer verfolgte Verbrecher ist."
+
+Was sollte ich erwidern? Dass in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia
+sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen
+koenne? Ich unterliess es.
+
+"Kommen Sie!"
+
+Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein
+strenges Wort sagen, da wurde die Tuer aufgerissen, und Piesecke trat ein.
+Flugs stand der "Geheime" stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke
+sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war
+schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenueber eine
+echte Herrenhaltung an und sprach in einem so voellig veraenderten Ton, dass
+ich seine Stimme nicht wiedererkannte:
+
+"Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?"
+
+"Melde Euer Hoheit untertaenigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem
+Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen
+Meister ermordet und beraubt hat."
+
+"Woher wissen Sie das?"
+
+"Die Verdachtsgruende haeuften sich: das Signalement des Steckbriefes
+stimmt, eine Pruefung der Fingerabdruecke gab die Gewissheit."
+
+Piesecke sah den Mann durchdringend an.
+
+"Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da
+sind Sie dazu auserlesen worden, Spaeherdienste am Hofe zu leisten. Auch
+jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie
+gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das
+ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit
+dem Knecht ist nur Ausrede."
+
+"Ich darf Euer Hoheit darueber keine Auskunft erteilen."
+
+Piesecke lachte veraechtlich.
+
+"Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren,
+habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also
+berichten Sie nach Hause, es sei mir voellig egal, ob Sie hier seien oder
+nicht; falls Sie mir zu laestig fielen, so koennte ich mich vergessen und
+Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen."
+
+Der Polizeimann wurde dunkelrot.
+
+"Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?"
+
+"Zu Befehl, Hoheit!"
+
+"Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu,
+hier eine ausserhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie
+die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?"
+
+"Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die
+noetigen Vollmachten."
+
+"Dagegen laesst sich wohl nichts tun?"
+
+Diese Frage war an mich gerichtet.
+
+"Nein - nichts!"
+
+"Wie urteilen Sie ueber diesen Fall, Herr Doktor?"
+
+"Es ist ein Unglueck fuer unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natuerlich
+fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu
+bereiten."
+
+"Selbstverstaendlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist
+doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von
+Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafuer eine Erklaerung, Herr Doktor?"
+
+"Nein! Ich bin um so bestuerzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben
+sagte: ich moege ihm nicht zuernen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage
+das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, dass von hier
+aus nichts verschleiert wird."
+
+Der Kommissar verneigte sich.
+
+"Hoheit" presste die Lippen aufeinander.
+
+"Hm! Ich will nicht wuenschen, dass dem guten Barthel da eine Tragik
+erwachse, dass dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein
+naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmuetigkeit versteckt hat.
+Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht uebermaessig
+uebelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer
+Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr noetig. Jetzt will ich
+Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunaechst?"
+
+"Nach dem Forellenhof zurueck, den Bauer Barthel zu vernehmen oder
+eventuell ebenfalls zu verhaften."
+
+"Schoen, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulaessig erscheint."
+
+"Ich bitte untertaenigst um die Begleitung, Hoheit."
+
+Der Kommissar oeffnete die Tuer, stand stramm, und "Hoheit" ging in laessig
+vornehmer Haltung an ihm vorbei.
+
+Ein kleiner Anlass von draussen aus der alten Welt, und durch die
+Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute
+mich trotz meiner gedrueckten Stimmung, als ich sah, dass durch seine
+Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich haette
+das Wort "Piesecke" jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.
+
+Im Forellenhof war schwerste Bestuerzung. Die dicke Susanne lag kurz und
+krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemuehten sich um sie.
+Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den
+Waenden hingen die Asternkraenze.
+
+"Welch ein entsetzlicher Abschluss!" klagte Eva.
+
+Ich betrachtete die Fingerabdruecke an der Wand. Sie waren deutlich. Der
+lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer
+besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:
+
+"Es tut mir leid; aber ich muss zurueck zur Direktion und von den Behoerden
+telephonisch auch die Verhaftung des der Beguenstigung dringend
+verdaechtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern."
+
+Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:
+
+"Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getaeuscht habe, glaube ich an nichts
+mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!"
+
+Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:
+
+"Ich werde morgen frueh mit Einverstaendnis unseres bevollmaechtigten
+Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden
+Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die
+Anstalt zu verlassen."
+
+Er antwortete nicht. Ich dachte daran, dass er durch seinen Kniefall vor
+der schoenen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlass zu all
+diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst
+daran; denn er sagte:
+
+"Ich weiss, dass ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl
+ueberhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!"
+
+Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflueckte gedankenlos eine Rose.
+
+Da tat sich die Tuer auf. Barthel erschien. Verstoert. Als er den Kommissar
+sah, wollte er zurueck, aber der Polizist war bereits an seiner Seite.
+Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das
+Zimmer verlassen mussten.
+
+Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf
+die Bank am Ofen.
+
+"Die Schande! Die Schande! Ach, haett' ich es nicht getan!"
+
+Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhoer.
+
+"Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen.
+Ist das wahr?"
+
+Barthel ruehrte sich nicht.
+
+"Heisst dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?"
+
+In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.
+
+"Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?"
+
+Keine Antwort.
+
+"Sie machen sich ungluecklich. Warum antworten Sie nicht?"
+
+"Ich kann nicht!"
+
+Nun wandte ich mich an Barthel.
+
+"Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf
+unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum
+bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?"
+
+Da begann er zu weinen.
+
+"Ich kann es nicht mehr aendern. Verzeihen Sie mir ...!"
+
+Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren.
+Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger
+Amtsgerichtsgefaengnis. Frau Susanne lag in Schreikraempfen, auch die
+anderen Frauen weinten laut. Ich verliess den Forellenhof. In allen Stuben
+unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wusste, in den meisten eroerterte
+man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war
+noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen
+Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der
+Lampe. Draussen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurueck. Sie hatten von
+dem Fluechtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach
+zehn Uhr laeutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.
+
+"Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist
+soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig
+Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet
+worden ..."
+
+Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach
+Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als dass
+Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten haetten.
+
+Wir blieben in Neustadt ueber Nacht. Am naechsten Morgen stand in der
+"Neustaedter Umschau" ein Artikel mit der zentimetergross gedruckten
+Ueberschrift "Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???"
+
+Mit der ganzen Niedertraechtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses
+Blaettchens faehig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle
+Spiesserinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschuetteln
+beschraenkter, phantasieloser Koepfe wurde gegen die Grundidee unserer
+Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte
+lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete
+schliesslich mit einer schamlosen Denunziation:
+
+"Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns,
+zu behaupten, dass sich die 'Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich' infolge
+ihrer mehr als eigentuemlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen
+zu fuehren, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort
+lichtscheuen Gesindels auswaechst. Immerhin wird der aufsehenerregende
+Fall, dass sich ein Raubmoerder auf einem der besuchtesten 'Hoefe' des
+'Ferienheims' mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst
+allerhand Roheiten ausueben konnte, zu schwersten Bedenken Anlass geben,
+denen sich auch die Behoerden nicht werden verschliessen koennen."
+
+Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fuerchterliche Waffe in
+der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da
+wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eroeffnet
+wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der ploetzlich
+behaupte, weder der gesuchte Raubmoerder Josef Wiczorek noch der Knecht
+Ignaz Scholz zu sein.
+
+Da mich der Polizeibeamte persoenlich kannte, hatte ich nicht notwendig,
+mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes
+Persoenlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand,
+nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns fuehrte. So sagte ich: "Se. Hoheit
+Prinz Ernst Friedrich von ..."
+
+"Ist das - ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?" fragte der Beamte nicht ohne
+Bewegung.
+
+"Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich", sagte Piesecke
+hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. "Kennen Sie dieses
+Wappen?"
+
+Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich
+tief.
+
+Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Ich fasste mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der
+da eintrat, war - Mister Stefenson.
+
+"Stefenson", rief ich, "Stefenson, wie kommen Sie ..."
+
+"Melde gehorsamst, Herr Rat", sagte der eine der Gerichtsdiener, "der
+Gefangene hat eine Peruecke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und
+sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend."
+
+"Wer ist dieser Mann?" fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.
+
+"Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begruender unseres
+Ferienheims", brachte ich heraus.
+
+Ich musste mich setzen.
+
+"Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?"
+
+"Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor", sagte dieser gelassen;
+"allerdings mit einer kleinen Einschraenkung. Ich war und gelte noch als
+Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich
+habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und
+heisse mit Genehmigung der hohen deutschen Behoerden seit etwa vierzehn
+Tagen Johannes Stefan - Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit
+etwa vierhundert Jahren geheissen haben."
+
+Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzaehlen:
+
+"Josef Wiczorek - Ignaz Scholz - John Stefenson - Johannes Stefan - und
+hier Prinz Ernst Friedrich - ich moechte die Herren ernsthaft darauf
+aufmerksam machen, dass das Gericht von Neustadt keine Waltersburger
+Spielerei, sondern eine staatliche Behoerde ist, die nicht mit sich spassen
+laesst."
+
+Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, dass ich in dem
+Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef
+Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen
+Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.
+
+"Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen
+aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?"
+
+"Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das
+mindeste gewusst, sondern waehrend all der Monate mit Stefenson nach Amerika
+telegraphisch und brieflich verhandelt."
+
+"Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?" fragte der Beamte
+weiter. "Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?"
+
+"Jawohl!"
+
+"Wie ist das moeglich?" wurde der Verhaftete gefragt.
+
+Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:
+
+"Das ist Geschaeftsgeheimnis!"
+
+"Wir werden der Sache auf den Grund gehen", entgegnete der Beamte ernst,
+"und Ihnen zeigen, dass hier kein Ort fuer Maskeraden ist."
+
+Da wurde zum Glueck "Herr Steiner", unser Geheimpolizist, gemeldet. Der
+Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn
+Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:
+
+"Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der
+zustaendigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, dass
+der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, dass
+seine Identitaet festgestellt ist und auch bereits ein Gestaendnis vorliegt.
+Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich
+der Verdacht, der zu seiner Verhaftung fuehrte, als unbegruendet erwiesen
+hat."
+
+Stefenson laechelte freundlich. Der Richter machte ein enttaeuschtes
+Gesicht.
+
+Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle,
+Stefenson eingeschlossen, entlassen.
+
+
+
+
+
+ AUFKLAeRUNGEN
+
+
+Auf der Strasse trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:
+
+"Ich bitte Ew. Hoheit untertaenigst um Verzeihung wegen der Behelligung."
+
+Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.
+
+"Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir 'nen
+Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier uebrig. Lenken Sie mal die
+Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein
+lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr beduerftig zu sein. Er ist
+gegenwaertig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schoen es in
+Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nuetzlich! Glueckliche Reise und viel
+Vergnuegen!"
+
+Der Kommissar reiste ab ...
+
+Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war
+zunaechst nach seiner Zelle zurueckgegangen und hatte uns durch einen
+Gerichtsdiener sagen lassen, wir moechten im "Hotel Bristol" auf ihn
+warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das
+Gefuehlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestuerzt, vom Glutwetter der
+Bewunderung bis zum Regensturm der Wut - hin und her, her und hin. Ich
+konnte diesem unberechenbaren Manne gegenueber niemals zu ruhiger
+Beurteilung kommen. Schliesslich beschloss ich, ihm offene Feindschaft
+anzusagen.
+
+Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob
+er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:
+
+"Dieser Redakteur von der 'Neustaedter Umschau' ist ein schwerfaelliger
+Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In
+meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten."
+
+"Ah - Sie haben den Artikel ueber Ihre Verhaftung in der Umschau selbst
+geschrieben?"
+
+"Na, selbstverstaendlich. Der Trunkenbold kann's doch nicht. Als ich so
+unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunaechst nach der Redaktion
+des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und
+natuerlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich
+da festnehmen lassen. Der Artikel ueber die Verhaftung war eher fertig als
+die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen
+schuldig."
+
+Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression ueber
+mir, und ich sagte:
+
+"Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu
+geben und zu handeln, ist so ueberaus merkwuerdig, dass ich nicht mehr
+mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklaeren muss ..."
+
+"Ein Extrablatt!"
+
+Ein Bote stuermte ins Zimmer.
+
+"Bitte, lesen Sie!" sagte Stefenson ruhig.
+
+Die "Neustaedter Umschau" vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefaehr ein
+halbes Quadratmeter gross und enthielt in Fettdruck die Nachricht:
+
+"_Ehrenerklaerung._
+
+Die 'Neustaedter Umschau', immer bemueht, ohne nach rechts oder links zu
+schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklaert: Die gestrige
+Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als
+'Raubmoerder Wiczorek' von einem uebereifrigen Beamten (dessen amtliche
+Massregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein
+anderer als der geniale Gruender der Kuranstalt 'Ferien vom Ich' selbst,
+Herr John Stefenson - oder, wie er in Begeisterung fuer sein angestammtes
+reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behoerden nennt, Herr
+Stefan! Dieser Multimillionaer, dessen Einfluss in Amerika unbegrenzt ist,
+hat in der demuetigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den
+ganzen Sommer ueber in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Muehen und
+Zuruecksetzungen des von ihm gewaehlten geringen Standes getragen, um
+unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als
+Fremdling, selbst von seinem naechsten Freunde unerkannt, von unten her
+sein Werk zu pruefen. Diese Pruefung ist so gluecklich ausgefallen, dass
+Stefan mit Freuden in die irrtuemlich verhaengte Haft ging. Den Neustaedter
+Behoerden zollt er fuer ihre Gewissenhaftigkeit alle verdiente Anerkennung.
+Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behoerden der
+unbegruendete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt - laut
+amtlicher Depesche - in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns
+Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern
+auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson
+identifiziert. Die 'Neustaedter Umschau', deren Devise 'Ehre und Wahrheit'
+ist, scheut sich nicht - _errare humanum est_ - ihren gestrigen Artikel
+Wort fuer Wort zurueckzunehmen."
+
+"Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?" fragte der Prinz.
+
+Stefenson nickte.
+
+"Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich
+hierherkam."
+
+"Sie sind ein smarter Kerl!" sagte Hoheit voll Anerkennung. "Nu sagen Sie
+mir bloss, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so
+miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen,
+direkt auf den Mist. Ist das anstaendig?"
+
+Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Waerme:
+
+"Sehen Sie mal, lieber Piesecke - ich moechte Sie der Einfachheit halber
+noch mal so nennen -, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil!
+Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten anderen.
+Nur, dass Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht
+gefallen lassen."
+
+"Hinter Ihrer Braut?"
+
+"Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich
+heute oder morgen verloben."
+
+Piesecke prustete los und sagte lachend:
+
+"Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst
+heissen moegen - mir ist ja das ganz egal -, da werden Sie kein Glueck haben!
+Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht."
+
+"Also haben Sie doch -?" fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.
+
+"Gar nichts habe ich", sagte ich zornig. "Gar nichts! Im uebrigen moechte
+ich um einige kurze Aufschluesse bitten, von denen es abhaengen wird, ob ich
+noch laenger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht."
+
+"Oho - oho! Also, was ist aufzuschliessen?"
+
+"Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?"
+
+"Ja, natuerlich war ich der! Aber Sie haetten mich doch damals beinahe
+erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geaendert und bin als Knecht Ignaz
+wiedergekommen."
+
+"Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?"
+
+"Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den
+beiden Maedchen zu treffen. Waere meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so
+haette ich eben den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff."
+
+"Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich
+schreiben, da Sie doch bei uns waren?"
+
+"Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu
+schreiben ist."
+
+"Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur
+wenige in Maschinenschrift."
+
+"Ja, da habe ich in einem meiner Bueros einen Spezialisten, der meine
+Handschrift so taeuschend nachmachen kann, dass ich selbst nicht zu
+unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein
+goldehrlicher Mann, einem anderen duerfte man die Ausuebung der aeusserst
+gefaehrlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt fuer einen
+Grosskaufmann wie mich taeglich mindestens zwei Dutzend Anlaesse, wo er
+handschriftlich schreiben muss: an Verwandte und gute Freunde, wo
+Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschaeftsgenossen, mit denen man intime
+Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute,
+die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschaeftigter Mann sich die Muehe und
+Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schliesslich an alle
+offenen und verkappten Autographenjaeger - fuer sie alle ist Mister Jenkins
+da, und er machte seine Sache fuer zweitausend Dollar im Jahre geschickt
+und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet."
+
+"Grossartig! Grossartig!" klatschte der Prinz in die Haende. Mein Barometer
+aber fiel auf Sturm. "Ihr Verhaeltnis zu Bauer Barthel", sagte ich kalt,
+"brauchen Sie mir nun nicht mehr zu erklaeren. Er hat gewusst, wer Sie
+waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf;
+deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten."
+
+"Stimmt! Aber das duerfen Sie dem Barthel nicht uebelnehmen. Wir haben ein
+schriftliches Abkommen, laut dessen er fuenfhundert Mark an mich haette
+zahlen muessen, falls er mich je verraten haette. Denken Sie mal -
+fuenfhundert Mark! Es ist klar, dass sich da Barthel lieber einsperren
+laesst."
+
+"Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?"
+
+"Nein. Auch Susanne nicht."
+
+"Das ist mir lieb. Aber der Direktor Bruening hat Sie gekannt und sich
+wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir
+alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert."
+
+"Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit
+leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage
+eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Ausser Barthel
+und dem Direktor hat aber niemand gewusst, wer ich war, nicht mal die
+kleine Luise, und das ist mir schwer geworden."
+
+Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort,
+das ich ueber seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich
+nur kuehl und gemessen:
+
+"Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komoedie mit
+uns gespielt haben?"
+
+"Komoedie?" verwunderte er sich; "wieso Komoedie? Darf in den Ferien vom Ich
+nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und
+was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und fuer die
+ich viel Geld gewagt habe, gehabt haette, wenn ich als Mister Stefenson
+dageblieben waere? Der Direktor waere ich gewesen, einen langweiligen
+Verwaltungsposten haette ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten
+Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, haette ich geniessen koennen.
+Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man
+Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich
+wohlgefuehlt als 'langer Ignaz', ich habe beobachtet, erlauscht, geprueft
+von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch,
+unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glueck
+zu sehen, dass wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute
+geschaeftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, dass ich
+mich unserer Gruendung freuen darf, sondern das, was ich sah und hoerte, als
+ich unerkannt mitten unter den Feriengaesten war."
+
+"Sie haben auch mich pruefen wollen?" sagte ich.
+
+"Ja, auch Sie! Ganz natuerlich. Ich werde wieder nach Amerika zurueck
+muessen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich
+das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen
+Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je gemacht
+habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich
+hinuebergehen. Weil ich muss! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiss, das Heim
+ist in guten Haenden. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein
+Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Haende ausstreckten
+nach der schoenen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem
+ich Ihnen sagte, dass ich Fraeulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als
+meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Maedchen aus dem
+Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren
+koennen, dass ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein
+halbes Jahr Bauernarbeit."
+
+Er sprach mit grosser, ehrlicher Waerme. Ich aber sagte: "Sie taeuschen sich.
+Ich haette das Maedel zu gewinnen gesucht; aber ich wusste, dass sie immer nur
+an Sie dachte, dass Ihnen ihr Herz gehoert."
+
+"Ist das moeglich? Ist das moeglich? Fraeulein Hanne will wirklich ..."
+
+Der Prinz sank in sich zusammen. Er war ploetzlich wieder vollstaendig
+Piesecke.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es ist noch viel geredet worden; ich weiss nicht mehr, was alles.
+Schliesslich habe ich Stefenson recht geben muessen, dass er sich unerkannt
+unter unser kurioses Voelklein mischte. Was sollte er sich nicht
+ueberzeugen, wie seine Gruendung wirkte? Ich ueberwand meinen Unmut, so gut
+ich konnte, aber ein Stachel blieb, dass Barthel und der Direktor mehr
+gewusst hatten als ich. Eine Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte
+ich nicht mehr gelten lassen.
+
+Piesecke schlich sich ins Heim zurueck, ohne uns. Er wollte weiterhin
+Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgaeste die Koepfe,
+wer der in der "Neustaedter Umschau" genannte Prinz sein moege. Der
+"Verdacht" blieb schliesslich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof
+wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen liess. Dieser
+Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren
+entzueckt ueber seine hocharistokratischen Haende. Sie ruehmten die edle
+Zurueckhaltung in Ton und Gebaerde, die Guete, die nie zur Vertraulichkeit
+wird, sondern immer Guete bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise
+verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare
+Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Hoehenblick von
+Jugend auf geschaerft zu blicken wussten; sie ruehmten selbst kleine
+Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene
+gestattet. Dieser Mann lachte und laechelte nicht; er zuckte nur mit den
+Mundwinkeln. Er sagte nicht "nein" zu irgendeinem Verlangen, sondern
+dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwoelkchen, das
+sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein
+einziges freundliches Lidersenken gewaehren, "ja" sagen, wie kein anderer
+Mensch "ja" zu sagen vermag.
+
+Keine Erziehung fuehrt zu solcher Haltung. Kein Emporkoemmling kann sie
+erlernen. Rasse! Vererbung von Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das
+ist's! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Wuerde
+durch das Gewimmel aller derer, die ihm taeglich in den Weg zu laufen
+wussten. Er empfing keine Besuche - er erteilte Audienzen; er plauderte
+nicht - er hielt Cercle.
+
+Mir machte alles dies so viel Spass, dass ich den Direktor ersuchte, dem
+heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich
+erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewaehren; denn der Referendar hatte
+bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater,
+der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld uebrig.
+
+Das alles hatte mit ihrem Artikel die "Neustaedter Umschau" getan. An
+Piesecke dachte kein Mensch ...
+
+Barthel, der Heimtuecker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen
+worden. Er liess sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei
+nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.
+
+"Herr Doktor", sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, "dass er ein Lump ist,
+weiss ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger
+tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist,
+Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson
+an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste
+ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein
+eigenes Weib beluegt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht ueber
+den Weg! Aber jetzt lass ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem
+Zuchthaeusler hat eine anstaendige Frau nichts zu tun."
+
+Was blieb mir uebrig, als fuer den in erbaermlichem Zustand dastehenden
+Barthel Partei zu ergreifen und der empoerten Susanne gut und mild
+zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hoeren. Sie blieb dabei, sie
+muesse sich scheiden lassen, da er "gesessen" habe. Schliesslich weinte sie.
+
+"Und was er fuer ein Liedrian ist, Herr Doktor!" schluchzte die brave Frau.
+"Fuer die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich
+eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, dass er das Geld lieber
+in die Sparkasse tragen soll." Da erkannte ich, dass das Barthelsche
+Eheglueck noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entliess die beiden,
+indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Ich sass allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht
+kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte
+- war das traurig, war es komisch, war es erbaermlich? Sollte ich lachen,
+sollte ich zuernen?
+
+Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?
+
+Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr
+Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?
+
+Sollte ich mich aergern ueber den Barthel, weil er profitsuechtig gewesen
+war?
+
+Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute,
+liebe Leute. Nur das Leben schuettelte die Menschen durcheinander, wie ein
+Kind die Steinchen schuettelt, die es in ein Saecklein gesammelt hat. Wenn
+es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Kruemlein alter, weicher
+Heimaterde broeckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und
+widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann
+ihn nur glaetten.
+
+Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes
+Kaeferwuermlein konnte an dir zehren! Ich moechte dich ja halten, denn du
+bist gut und weich, aber das Leben schuettelt zu hart. Doch ich bin
+getrost, ein gut Teil Kruemlein werden mir bleiben, darauf will ich mich
+heimlich betten, und die glatte Flaeche wird nur nach aussen sein ... Als am
+naechsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz
+nicht rascher, als kaeme eine Patientin. Wohl war das Maedchen blasser, als
+ich es je gesehen.
+
+"Sie kommen sich verabschieden, Eva?"
+
+"Ja. In zwei Stunden faehrt drueben in Neustadt mein Zug ab."
+
+Wir schwiegen beide. Ploetzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich
+haette hingehen moegen, um ueber ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es
+nicht.
+
+"Eva, Sie wissen, dass Stefenson hier ist - dass er die ganze Zeit hier
+war?"
+
+Sie nickte.
+
+"Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?"
+
+Da stand sie auf. Traenenlos, zornig sagte sie:
+
+"Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu
+bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne dass ich ihn
+kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprueft, ob ich wohl - der hohen
+Ehre wuerdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein
+kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulaechelt;
+er hat diese Pruefung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine
+der unter hermetischem Verschluss stehenden Misses von Neuyork bin, die
+heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne dass ich es wusste,
+geprueft, und ist nun so gnaedig, mir zu sagen: du hast deine Pruefung
+bestanden. Aber ich - ich werfe ihm sein Diplom vor die Fuesse! Was ist denn
+die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine
+Garantie? Das Maedchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern
+koennen ihn beluegen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muss
+das Maedchen sehen, er muss wie von einer himmlischen Erleuchtung gefuehrt
+sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glueck in deine Haende.
+Sonst ..."
+
+Sie sank weinend auf den Stuhl zurueck.
+
+Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schoenen
+Maedchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In
+ploetzlicher Muedigkeit stuetzte ich den Kopf in die Haende.
+
+Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine
+unheimliche, aber grosse Stille. Wie in der Wueste. Nur von ferne hoerte ich
+die Traenen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich haette lange so mit
+dem aufgestuetzten Haupt sitzen moegen. Wieviel Zeit verging, weiss ich
+nicht. Da hoerte ich Evas Stimme.
+
+"Haben Sie keinen guten Rat fuer mich, lieber Freund?"
+
+"Lieber Freund!" Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern,
+ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das
+man liebt, bekommt dieser Stern ein ueberweisses Licht, ist wie ein Schimmer
+aus einer Welt, die in Eiseskaelte untergeht.
+
+"Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?"
+
+Da erhob ich mich.
+
+"Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig
+auseinandersetzen."
+
+Ich war ueber mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer
+Magister sprach ich:
+
+"Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den
+Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die
+Holde, die von aller Welt geaechtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei
+aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten spaeter: Elsa, ich
+liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er
+faehrt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nuechtern, verfaehrt
+vorsichtig."
+
+"Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre
+Art, so zu sprechen!"
+
+"Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen
+ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie pruefen wollen,
+sondern auch mich, auch unsere ganze Anstalt. Er schaetzt wahrscheinlich
+drei Dinge: Erstens das Geld, das er fuer ein Unternehmen anlegt (und das
+ist ihm als Kaufmann durchaus nicht uebelzunehmen), zweitens seine
+Geschaeftsfreunde, unter denen er keine unfaehigen Gesellen haben will (auch
+das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe,
+in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses
+dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe."
+
+In diesem Augenblick wurde die Tuer geoeffnet. Stefenson erschien.
+
+"Ich bitte um Entschuldigung", sagte er, "und versichere, dass ich an der
+Tuer nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmaedchen ob solch schmaehlicher
+Schwaeche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, dass jedermann,
+der den anstossenden Korridor entlang ging, Wort fuer Wort verstehen musste.
+Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?"
+
+"Bitte!"
+
+"Erstens mal das Geld. Schoen! Ich schaetze es! Ich halte es fuer einen sehr
+guten Freund. Fuer einen, der nicht nur die Stube ausmoebliert und das Essen
+schafft, sondern auch fuer einen, der einem eine vernuenftige Koerperpflege
+goennt, der die Theater und Museen aufschliesst, einen in der Welt
+herumfuehrt, der gestattet, sich gegen aermere Mitmenschen anstaendig zu
+benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem
+schliesslich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhuegel
+bekuemmert, ja, fuer den einzigen Freund, der einem, wenn man zum Beispiel
+in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins
+Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem
+ordentlichen Leben zurueckverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein
+ausserordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und veraergerte arme
+Schlucker koennen es leugnen.
+
+Zweitens: Geschaeftsfreunde duerfen noch eher in maessigen Grenzen unreell als
+dumm, rueckstaendig, faul oder sonstwie borniert sein.
+
+Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er uebermorgen
+weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, ueberlegt es nach zwanzig
+Ruecksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem
+Halse behaelt, und der weniger vorsichtig verfaehrt, ist ein Dummian."
+
+Stefenson brachte diese Saetze ohne alle Gemuetsbewegung vor, wie einer, der
+unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.
+
+Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.
+
+Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kuehl:
+
+"Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber
+ich - ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!"
+
+Sie verliess das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.
+
+Sie gab keine Antwort mehr.
+
+Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zuendete sich eine Zigarre an und
+sagte nach einer Weile:
+
+"Das ist daneben gegangen!"
+
+"Ja, ganz daneben!"
+
+"Sie freuen sich wohl?"
+
+"Ach, ich kann nicht sagen, dass ich veraergert bin."
+
+"Das kann ich mir denken!"
+
+Darauf zuendete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenueber
+und rauchten dicke Wolken.
+
+"Was war denn eigentlich los?" fragte Stefenson.
+
+"Nun", sagte ich, "Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib."
+
+
+
+
+
+ VOM BRUDER UND SEINER FRAU
+
+
+Mit Eva Bunkert verliess uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend
+hatte sie sich nicht beteiligt. Es hiess, "Baerbel" sei nicht wohl und habe
+sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Maedchen stand, wusste
+ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da
+die Maedchen abgereist waren, kam er zu mir.
+
+Ganz unvermittelt sagte er: "Fritz, ich moechte fort. Morgen oder
+uebermorgen."
+
+"Fort? Wohin?"
+
+"Wieder hinueber."
+
+"Nach Amerika?"
+
+"Ja."
+
+Ich sah ihn schweigend an.
+
+Da sagte er:
+
+"Du hast wohl bemerkt, dass ich eine Neigung fuer Fraeulein Anneliese hatte.
+Ich hoffte, es koennte mir ein neues Glueck in der Heimat erbluehen. Diese
+Hoffnung hat mich betrogen - wie alle anderen."
+
+"Ist es aus zwischen euch?"
+
+"Ja. Das Maedchen hing an mir, und es war alles verabredet fuer baldige
+Hochzeit. Da hielt ich mich gestern fuer verpflichtet, ihr mein Leben zu
+schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere
+gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie
+bleibt dabei, dass sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht
+heiraten duerfe. Du weisst wohl warum?"
+
+"Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe."
+
+Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren - ich liess ihn reden und
+toben.
+
+Zuletzt sagte er:
+
+"Und ich weiss nicht einmal, ob dieses - dieses Weib noch lebt."
+
+Ich blieb still.
+
+"Weisst du etwas von ihr? Weisst du, ob sie noch lebt?"
+
+"Sie lebt."
+
+Er stoehnte. Ich merkte, wie sehnsuechtig er auf den Tod seiner Frau gehofft
+hatte.
+
+"Und - das Kind, wo ist es?"
+
+"Es ist bei seiner Mutter."
+
+"Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?"
+
+"Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr."
+
+Er lachte rauh und ergoss eine Flut schwerster Schimpfworte ueber seine
+Frau. Wieder liess ich ihn reden und toben. Zuletzt stiess er hervor:
+
+"Wo haelt sich das Scheusal auf?"
+
+"Deine Frau? Das sage ich dir nicht."
+
+"Das _musst_ du mir sagen!"
+
+"Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!"
+
+Er ballte die Faeuste und trat mit dem Fuss auf. Dann liess er die Arme
+schlaff haengen und sagte in feindseligem Ton:
+
+"Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren."
+
+Ohne Gruss verliess er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten ueber die
+Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fuenf Jahre lang um die ganze Welt
+nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun wuerde ich eine
+solche Familienaufgabe nicht mehr uebernehmen. Ich oeffnete nicht einmal das
+Fenster, um ihm nachzurufen.
+
+Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging
+schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz
+benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber
+die wusste ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hiess, hatte
+keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spaet. Ich wollte
+nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie
+gleichmuetig mich der Abschied des Bruders liess! Freilich, die Mutter wuerde
+wieder sehr mit mir zuernen. Aber ich konnte das nicht aendern. Ich war
+aller Familiensimpelei muede geworden.
+
+Wie ich noch so still dasass, hoerte ich auf einmal jemand den Korridor
+entlang eilen.
+
+Die Tuer wurde aufgerissen.
+
+Magdalena stand vor mir.
+
+Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstoert.
+
+"Helfen Sie - helfen Sie - sie haben mir das Kind genommen."
+
+"Was? Was sagst du, Kaethe?"
+
+"Das Kind haben sie mir genommen - Luise - o Gott!"
+
+"Wer hat es genommen?"
+
+"Er - Joachim - er ist mit einem fremden Mann gekommen - sie haben das
+Kind fortgeschleppt - meine Luise - meine Luise!"
+
+Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl noetigen.
+
+"Nein, kommen Sie bald - sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen
+gehabt - eine Stunde ist es wohl schon her, dass sie mit dem Kinde fort
+sind - ich habe die Kammertuer nicht aufgekriegt - kommen Sie schnell -
+schnell!"
+
+Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie
+durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte
+ihm den Weg gewiesen?
+
+Ploetzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu
+verraten, dass Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wusste, wo
+das Kind war, fanden sie auch die Frau.
+
+Oh, ich Tor! Ich sah, dass Kaethe am Halse rote Striemen hatte.
+
+"Hat er dir etwas getan, Kaethe? Hat er dich etwa gar geschlagen?"
+
+"Ich weiss es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!"
+
+Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem
+Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entfuehrt. Der brutale
+Kerl! Ein wuetender Hass gegen ihn schlug in mir auf.
+
+"Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!"
+
+"Nenn mich nicht Herr Doktor, Kaethe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte.
+Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann."
+
+Demuetig und furchtsam wie ein gepruegelter Hund stand sie vor mir.
+
+Ich zog mir den Mantel an.
+
+"Ich bitte dich, Kaethe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde
+mich sofort auf die Suche machen."
+
+"Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muss Luise suchen -"
+
+Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.
+
+"Du kannst nichts tun, Kaethe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter
+gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm
+abrechnen."
+
+"Ich will mit. Ich fuerchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen."
+
+"Du musst mir jetzt gehorchen, Kaethe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann
+ich dir nicht helfen!"
+
+Da senkte sie stumm den Kopf.
+
+Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der
+Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu
+warten, bis ich ihr Nachricht braechte. Sie schlich davon. Aber als ich den
+Berg hinabeilte, merkte ich, dass mir von ferne ein Schatten folgte.
+
+Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustuer stand offen. Ich
+eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein,
+ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In
+offener Feindseligkeit blickten wir uns an.
+
+"Wo ist das Kind? Wo ist Luise?"
+
+"Nicht hier."
+
+"Wo ist die Mutter?"
+
+"Auch nicht hier."
+
+"Willst du mir sagen, wo beide sind?"
+
+"Nein! Aber ich will dir sagen, dass ich das Maedchen der Obhut des
+Frauenzimmers, dem du es uebergeben, entrissen und in eigene Erziehung
+genommen habe. Morgen frueh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das
+ist mein Recht. Das Kind gehoert mir."
+
+Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.
+
+"Ah - und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Haeuser
+einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?"
+
+"Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal
+zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon
+jetzt nach auswaerts."
+
+"Oh, wie bist du ruecksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest
+nur das eine: dass es ein grosser Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein
+Bandit!"
+
+"Huete dich nur!"
+
+"Ich fuerchte mich nicht vor deiner Brutalitaet. Ich kann dich - wenn es mir
+beliebt - wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer
+verschlossenen Haeuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es
+hoechstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kuemmern."
+
+"Du nimmst in sehr merkwuerdiger Weise Partei fuer jenes Weib."
+
+"Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig
+sagen, viel anstaendiger vor meinen Augen als du!"
+
+"Das bitte ich mir zu beweisen", sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich
+auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenueber.
+
+"Ich erinnere dich daran, Joachim, dass das schoene Maedchen, das Katharina
+hiess, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber dass
+sie dich niemals geliebt hat, dass sie so ehrlich war, es dir zu sagen."
+
+"Hoer auf damit!"
+
+"Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem
+Maedchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du
+einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die
+Kleiderrockfalten der Mutter."
+
+Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.
+
+"Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand,
+Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fuenf volle
+bluehende Jahre, dass ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu
+betrachten und endlich mit dir abzurechnen."
+
+Er wich zurueck, lachte veraechtlich und trat ans Fenster.
+
+"Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen."
+
+"Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem
+jaemmerlichen Egoisten erzogen hat."
+
+"Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht laenger!"
+
+"Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schaeme mich fuer dich. Wie
+ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, dass ich auf ihren
+stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht
+davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhaeltnis zu Katharina. Das
+Maedchen sagte dir damals, dass seine Liebe einem anderen gehoere, deinem
+Freunde ..."
+
+"Hoer auf - ich ertrage das nicht!"
+
+"Ich weiss, trotz deiner Brutalitaet anderen gegenueber bist du, was die
+eigene werte Person anlangt, sehr feinfuehlig; nicht einmal eine
+wahrheitsgemaesse Aussprache ertraegst du. Aber ich erspare sie dir nicht.
+Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weisst, wenn du von hier
+fortziehst, dass es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid,
+ja nicht einmal von Achtung mehr fuer dich hat, und das ist dein Bruder,
+der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt."
+
+Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltbluetig
+die Abrechnung fort.
+
+"Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den
+Eltern des Maedchens alle Hebel fuer dich ein. Die Leute hatten sechs
+Toechter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du
+warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermoegens- und
+aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Maedel Tag und Nacht zugesetzt, bis
+sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage fuer die schwere
+Ja-Frage am Altar nach dem 'freien, ungezwungenen, selbst ungenoetigten
+Willen'."
+
+Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und
+leicht wie einem Staatsanwalt, der auf "schuldig" plaediert.
+
+"Waehrend du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde.
+Nach einem Jahre hiess es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte
+Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglueck. Du warst natuerlich
+in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife
+ich, dass in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von
+Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel.
+Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die
+Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter - und wir alle, die wir
+schuerend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte?
+Leute, die Steine aufheben duerfen? Oder Pharisaeer, die verdienen, die
+Geissel des Messias ins Gesicht zu bekommen?
+
+Katharina hat ihre Schuld gebuesst. Nicht durch deinen rohen Revolverschuss,
+nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie
+habe sich die Wunde selbst zugefuegt. Nein, mit aber tausend Traenen. Erst
+jetzt weiss ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die
+Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag
+und in einer Nacht mehr gelitten und heisser zum Himmel gerufen als du in
+der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen
+Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmaessigen Richtertums und beginnst
+deine Brutalitaeten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein
+hundertmal anstaendigerer Mensch, als du bist!"
+
+Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er
+reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und
+fuhr fort:
+
+"Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch
+gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto
+belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhaeltnis zu deinem Kinde zu
+sprechen. Und da - nichts fuer ungut, lieber Bruder - hast du dich glattweg
+benommen wie ein Lump. Das Tier bekuemmert sich um sein Junges, traegt ihm
+die besten Bissen zu, sorgt fuer seine Sicherheit. Du hast fuer deine eigene
+Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht
+einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen
+Blick gegoennt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er
+verdient, neun versaeuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein
+besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark fuer dich
+genommen."
+
+"Die Mutter ...", aechzte Joachim.
+
+"Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei
+gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich,
+dass ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalitaet ist mir
+wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich
+haette dir nicht nachlaufen, ich haette mich lieber um das Kind kuemmern
+sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst
+jetzt, da ich ein grosses Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge,
+die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu
+beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder
+deiner Frau noch deinem Kinde gegenueber im Recht. Du hast dich bis jetzt
+unbarmherzig zurueckgehalten und bist ploetzlich brutal hervorgetreten, als
+deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigefuehrte Band, das
+Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues
+zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist
+enttaeuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten
+Kindes nicht bessern; denn einen unfaehigeren Erzieher, als du bist, kann
+es nicht geben!"
+
+Joachim erhob sich.
+
+"Meinst du, dass ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?"
+
+"Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim."
+
+"Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?"
+
+"Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt."
+
+"So werde ich gehen; ich verschmaehe es, weiter mit dir zusammen zu sein."
+
+"Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal
+zu betreten. Ausserdem ist es nach deinem brutalen Verhalten
+selbstverstaendlich, dass du als Arzt von uns entlassen bist."
+
+Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe
+hinab. Ich konnte mir zunaechst ueber das, was ich gesprochen hatte, keine
+klare Rechenschaft geben.
+
+Ich hatte nur ein Gefuehl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz
+abraeumen gekonnt.
+
+Jetzt fiel unten die Haustuer zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl
+eine mondscheinlose Nacht und die Strassenbeleuchtung sehr kuemmerlich war.
+Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male loeste sich dort
+ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls
+fuer meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen,
+aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich
+dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriss. Sie klammerte
+sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszuloesen; sie rangen
+miteinander.
+
+Ich riss das Fenster auf.
+
+"Katharina", rief ich hinunter, "sei vernuenftig!"
+
+Sie hoerte nicht, liess nicht los, schliesslich rang sie weiter mit ihm, und
+ich hoerte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab
+Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoss, sie taumelte zurueck und fiel ueber
+den niederen Brunnenrand ins Wasser.
+
+Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang;
+dann beugte er sich ueber das Becken.
+
+Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.
+
+Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgaengen sprachlos
+zugesehen, dann war ich mit einigen Saetzen unten auf dem Markte. Joachim
+stand noch am alten Fleck.
+
+"Ah", lachte er, "du hast zugesehen - da wirst du wohl jetzt behaupten,
+ich haette das Weib ertraenken wollen."
+
+"Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurueckgestossen, und sie
+ist ungluecklich gefallen."
+
+"Na also! Ich lasse mich auf der Strasse nicht anfallen, verstehst du? Eure
+Komoedien verfangen nicht bei mir!"
+
+"Joachim, wir muessen ihr nach, wir muessen sie suchen."
+
+"Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?"
+
+"Joachim, sie muss voellig durchnaesst sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist
+halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglueck
+passieren!"
+
+Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurueck. Ich
+sah ihm nach, hoerte, wie er von innen den Haustuerschluessel umdrehte. Dann
+eilte ich die Strasse hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden
+sehen.
+
+Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die
+Landstrassen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts.
+Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah
+ich ein, dass ich allein nichts ausrichten koenne. Ich eilte hinauf nach
+unserem Heim, ueberzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, dass die
+Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und
+noch einige andere verlaessliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen
+Richtungen auf die Suche.
+
+Morgens drei Uhr kehrte ich todmuede nach Hause zurueck. Die anderen waren
+auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina
+entdeckt ...
+
+Noch ehe aber der spaete Morgen graute, wurde die unglueckliche Frau
+gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte,
+hatte am Chausseerand ein bewusstloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung
+erkannt, dass sie zu uns gehoerte. Er hatte die voellig durchnaesste Frau auf
+das Stroh seines Waegelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke
+zugedeckt.
+
+Ich liess die Bewusstlose nach einem unserer Krankenzimmer am "Stillen Weg"
+schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verstaendigte ich ueber das
+Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere aerztlichen Massnahmen. Wir
+verhehlten uns beide nicht, dass wir vor einer sehr ernsten Aufgabe
+standen. Saemtliche Maenner, die um das traurige Vorkommnis wussten, auch der
+Bauer, gelobten Stillschweigen.
+
+Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug
+sie die Augen auf. Sie laechelte mich an, ohne dass sie bei klarer Besinnung
+war, und sagte:
+
+"Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Suenden!"
+
+Die Augen fielen wieder zu, oeffneten sich aber bald aufs neue.
+
+"Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz muede war und auf die Strasse fiel,
+ist sie zu mir gekommen."
+
+Dann wieder tiefe Bewusstlosigkeit.
+
+Gegen Mittag liess sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blass und
+rang die Haendchen ineinander.
+
+"Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?"
+
+Ich sah sie streng an.
+
+"Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind
+zu entreissen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewusst, dass Joachim
+in die Klause eindringen wollte?"
+
+"Nein, ich habe ihm bloss gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts
+erfahren, bis er Luise brachte."
+
+"Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?"
+
+"Ich - ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir
+wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim
+wollte auch bald am Morgen fort."
+
+Ich dachte daran, wie sicher der muetterliche Instinkt die unglueckliche
+Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie
+zusammengebrochen.
+
+"Was wird nun werden?" fragte die Mutter. "Wie steht es?"
+
+"Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder
+schreiben, dass sein sehnlichster Wunsch, diese Frau moege sterben,
+wahrscheinlich in Erfuellung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen."
+
+Die Mutter weinte.
+
+"Fritz, du musst nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten.
+Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach
+geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein
+Gewissen sehr bedruecken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist."
+
+Ich lachte.
+
+"Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust."
+
+"Ihr werdet euch nie verstehen."
+
+"Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!" Sie sass noch ein Weilchen
+da. Ich fand kein gutes Wort fuer Joachim, auch nicht fuer sie, fragte auch
+nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhaetten, und so ging sie ...
+
+Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende
+Lungenentzuendung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens
+fast alle Hoffnung.
+
+Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas
+Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:
+
+"Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus."
+
+Am selben Abend hoerte ich draussen vor den Fenstern ein helles
+Kinderlachen. Da sah ich Luise draussen. Stefenson hatte das Maedel um den
+Hals gefasst und fuehrte sie die Strasse herauf.
+
+Ich ging hinaus. Das Kind stuerzte auf mich zu.
+
+"Onkel, lieber Onkel", rief es selig; "denke dir, Pappa ist wieder da."
+
+Stefenson strahlte ueber das ganze Gesicht. Er fluesterte mir zu:
+
+"Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen
+Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Maedel zu nehmen; da gab er es leider
+freiwillig her."
+
+Das Kind klammerte sich an mich.
+
+"Onkel, lieber Onkel, lass doch nicht mehr den boesen Mann zu mir kommen.
+Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!"
+
+Ich sagte ihr nicht, dass der "boese Mann" ihr Vater sei. Es gibt
+Hunderttausende von Kindern, fuer die der eigene Vater der "boese Mann" ist.
+Die maennlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich
+schaetze menschliche Vaeter, die ihrer Kinder Jugendglueck vergiften, noch um
+einige Grade niedriger ein als die selbstsuechtigen Borstentiere. Denn im
+Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt
+er sich Jahr fuer Jahr.
+
+"Kommt der boese Mann wieder?"
+
+"Nein, Luise, er kommt nicht mehr!"
+
+"Dann musst du der Magdalena sagen, dass wir nicht mehr in der
+Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof
+ziehen."
+
+"Hast du Magdalena lieb, Luise?"
+
+"Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?"
+
+"Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund."
+
+"Sie wird doch nicht sterben?" fragte das Kind weinerlich.
+
+"Nein, Herzchen", sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen
+Stefenson und ich mit dem Kinde den "Stillen Weg" entlang ...
+
+Keinem unter allen Suendern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht
+wie den Unbarmherzigen. Was er fuer sie hat, ist die "ewige Finsternis, wo
+Heulen und Zaehneknirschen ist". Diese Hoellenstrafe trifft die
+Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist
+Finsternis, und Hass heult und knirscht mit den Zaehnen und ist verbannt von
+allem Frieden und allem Glueck.
+
+In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der
+roechelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heissen Haende sich die Wand
+hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hoerte, schickte ich auf neue
+Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:
+
+"Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebraeuchen vertraut. Freue
+dich, deine Frau haengt am Marterpfahl!"
+
+Daraufhin liess er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...
+
+In ihren Fiebertraeumen schrie die Frau immer wieder:
+
+"Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!"
+
+Und sie jammerte nach dem Kinde.
+
+Als sie das erstemal bei klarem Bewusstsein war, als sich der Fieberblick
+in Angst und Todestraurigkeit verlor, wusste sie nichts zu sagen als:
+"Luise ist fort!"
+
+Da sah ich sie laechelnd an.
+
+"Nein, liebe Kaethe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du
+bildest dir bloss ein, dass Luise fort ist."
+
+"Ich - ich bilde es mir bloss ein?"
+
+Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.
+
+"Ich bilde es mir bloss ein!"
+
+"Ja, liebe Kaethe - du denkst das bloss so ..."
+
+"Ich denke es bloss so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei
+mir?"
+
+"Sieh nur, Kaethe, du bist krank; das Kind laermt zu sehr. Du weisst doch,
+wie es laermt."
+
+"Es ist so schoen, wenn es laermt!"
+
+Und sie laechelte lieb und seltsam und schlief ein.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Faellen: das Befinden
+schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder
+war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: "Wenn das Herz aushaelt,
+dann ..."
+
+Ja, wenn!
+
+Am siebenten Tage liessen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl
+vorbereitet.
+
+"Du darfst nicht schreien oder weinen oder laermen. Du darfst nur ganz
+leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand kuessen und
+sagen: 'Mamma, ich hab dich lieb!'"
+
+So hat es das Maedchen getan. Die Kranke lag mit verklaertem Gesicht, und in
+ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstaende.
+
+Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Froesteln ueber den Koerper
+des Weibes:
+
+"Es ist alles nicht wahr gewesen - ich hab das Furchtbare nur getraeumt -
+Luise ist wirklich da ...!"
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Am zehnten Tage wussten wir, dass Katharina am Leben bleiben wuerde. Freilich
+wuerde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung
+nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es wuerde ein sehr
+stilles Leben sein, was Katharina fortan fuehren muesste.
+
+Am hellen Mittag trat mir auf dem "Stillen Weg" der Bruder entgegen. Er
+gesellte sich zu mir, ohne dass wir uns die Haende reichten.
+
+"Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?" fragte er mit offener Furcht in den
+Augen.
+
+"Ja, es ist ueberwunden!"
+
+Da atmete er auf.
+
+"Ich habe schwere Tage und Naechte hinter mir", sagte er etwas stockend;
+"deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch
+deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient."
+
+Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:
+
+"Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Kaethe zu einer Zeit, wo du es fuer
+angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu uebergeben. Er ist offen;
+du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthaelt nichts als einen kurzen
+Abschied, und dass wir jetzt, durch Land und Meer fuer immer getrennt, ohne
+Feindschaft aneinander denken wollen."
+
+Ich wandte den Kopf zur Seite.
+
+"Und Luise?"
+
+"Luise werde ich ihr lassen."
+
+Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:
+
+"Dass ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muss, faellt mir sehr schwer.
+Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind wuerde sich fuerchten,
+wenn es mich wiedersaehe. Ich bitte, dass du dich weiter des Maedchens
+annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache
+uebernehmen?"
+
+"Ja."
+
+"Ich danke dir!"
+
+Wieder gingen wir ein Stueckchen wortlos weiter.
+
+"Ich koennte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen."
+
+Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:
+
+"Die Mutter will mit mir nach Amerika."
+
+Ich blieb stehen.
+
+"Du musst nicht glauben, Fritz, dass ich Mutter dazu ueberredet habe. Sie hat
+es von selbst gewollt."
+
+"Ja, ich kann es mir denken."
+
+Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.
+
+"Wann wollt ihr denn fort?"
+
+"Morgen. Die Mutter laesst dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden
+kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?"
+
+Ich musste erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:
+
+"Ja, ich werde kommen."
+
+Joachim blieb stehen.
+
+"So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir
+verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stoeren,
+werde ich schon fort sein."
+
+Es wurde ihm schwer.
+
+"Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir fuer
+alles Gute - auch, dass du mich fuenf Jahre lang gesucht hast - auch, dass du
+neulich so mit mir gesprochen hast."
+
+Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich
+sagte:
+
+"Behuete dich Gott, Joachim!"
+
+Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte,
+erscholl jenseits eines kleinen Gebuesches das selige Kinderlachen Luises.
+
+Joachim wandte sich noch einmal um.
+
+"Ist sie das?"
+
+Ich nickte mit dem Kopf.
+
+Da legte er die Hand ueber die Augen und ging schwer und langsam den Berg
+hinab.
+
+Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.
+
+
+
+
+
+ FREUND STEFENSON
+
+
+Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf.
+Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongefuehrt hatte, war laengst
+nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur
+Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.
+
+Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen
+Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter
+verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne
+Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte
+Heimat verliess. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch
+die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag fuer Tag sehnsuechtig am
+Fenster stehen und auf das schwermuetige Plaetschern des Johannesbrunnens
+lauschen.
+
+Mich wusste sie in Sicherheit, mit einer grossen Aufgabe betraut, die mein
+Herz ausfuellen wuerde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.
+
+Es war weiblich, es war muetterlich; es konnte wohl nicht anders sein.
+
+Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes
+Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein
+verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmuede an den Wegrand ins welke
+Gras. Ich barg das Gesicht in den Haenden und sass lange so.
+
+Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenueber auf dem anderen Wegrande
+Stefenson sitzen. Ich war unwillig, dass er sich so angeschlichen hatte,
+aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige
+spoettische Art, entgegen, so dass mein Aerger verflog.
+
+Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:
+
+"Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da muessen
+Sie auch begreifen, dass ich Sie nicht allein lassen kann, dass ich mich um
+Sie kuemmern muss. Ich bitte Sie, dass Sie mir einige Minuten zuhoeren. Sie
+brauchen mir gar nicht zu sagen, was fuer Gefuehle Sie bewegen, aber ich
+bitte Sie, mir zu erlauben, dass ich als Ihr Freund zu diesen Gefuehlen
+Stellung nehme. Zunaechst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch
+bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine,
+sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist
+Arzt, der sie staendig ueberwachen kann; ausserdem ist er in der Lage, ihr
+das Leben so angenehm wie moeglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht
+einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefaehigkeit, der Spannkraft, dem
+Ueberschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuss, mit dem ein reifer,
+feiner Kopf die Schoenheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio
+de Janeiro! Dort hoeren die Tauben die Voegel singen, dort sehen die Blinden
+die Blumen bluehen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im
+Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, dass sie das Heimweh
+bekommen wird - nach dem alten Nest da unten - nach dem Hause am Brunnen -
+auch nach Ihnen. Schuetteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine
+Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und
+da denken Sie nur daran, dass sie eines schoenen Tages wieder dasein wird.
+Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist;
+lassen Sie alle Tage die Moebel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen
+aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten,
+auch Kupfer und Zinn in der Kueche putzen und den Kanari gut im Futter
+halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt."
+
+"Stefenson", sagte ich dankbar, "Sie sind ein seelenguter Mensch."
+
+Das verdross ihn. Er sagte zunaechst gar nichts, spuckte dann mit grossem
+Geschick bis zum gegenueberliegenden Wegrand und meinte endlich in gaenzlich
+veraendertem Tone:
+
+"Sie verstehen mich immer noch nicht. Das muessen Sie doch wissen, dass so
+'n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal 'nen
+Abstecher ins Gefuehlsmaessige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein
+wichtiges Geschaeft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie
+wenigstens zustimmen muessen, und da ist es mir natuerlich verdriesslich,
+wenn Sie in verkaterter Stimmung sind."
+
+"Und deswegen suchten Sie mich zu troesten?"
+
+"Ja, nur deswegen!"
+
+Ich laechelte. Er sah es und wurde erbost.
+
+"Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre
+Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, dass ich mich bei meinen tausend
+Geschaeftsfreunden darum kuemmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder
+haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Moebel kommen
+oder ihr Kanarienvogel verhungert? Haett' ich viel zu tun. Aber wenn zwei
+Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen
+Zahnschmerzen hat, hat der andere dafuer zu sorgen, dass der Zahn gezogen
+oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose."
+
+Ich laechelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.
+
+Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:
+
+"Wenn Sie etwas Geschaeftssinn haetten, haetten Sie mich laengst gefragt, um
+was fuer ein Geschaeft es sich handelt."
+
+"So sagen Sie es mir - bitte!"
+
+Er war verstimmt.
+
+"Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustaedtern
+zurueckkaufen."
+
+"Den Weihnachtsberg wollen Sie zurueckkaufen?"
+
+"Ich sagte es Ihnen eben. Wir muessen unser Heim bis zum Gipfel des Berges
+ausdehnen, sonst spucken uns die Neustaedter auf den Kopf."
+
+"Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben."
+
+"Troesten Sie sich. Wozu habe ich in der 'Neustaedter Umschau' seit drei
+Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veroeffentlicht? Zum Beispiel, dass
+sein Besuch von Neustadt aus ausserordentlich zu wuenschen uebrig lasse, weil
+der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht
+bietet, dass die Rentabilitaet ausserordentlich gering sei, die Paechter
+nichts zu leisten vermoechten und solchen Kram mehr. Die Neustaedter sind
+bereits muerbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern
+einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute
+Gelegenheit boete, an irgendeine neutrale Person je eher je besser
+verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Haende fiele, was die
+Konkurrenz drueben staerken wuerde."
+
+"Was bezwecken Sie damit?"
+
+"Dass mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der
+Weihnachtsbergkuppe bemueht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen,
+denke ich, koennen wir oben einziehen."
+
+Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab.
+Stefenson sprach immerfort von seinen Plaenen und brachte es wirklich
+zuwege, dass meine Bangigkeit nachliess und ich ihm wenigstens mit halber
+Aufmerksamkeit zuhoerte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort
+sagte Stefenson:
+
+"Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da
+unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich
+erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten
+Ichleben gesteckt. Hauptsaechlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten.
+Jetzt erst, wo sich alles in Frieden loest, werden Sie Ihrer Idee ganz und
+mit Freuden dienen koennen. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los
+von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens
+einer von uns beiden muesse ganz ohne Familie sein."
+
+"Und welcher von uns beiden soll das sein?"
+
+"Sie!"
+
+Fast haette ich ueber den alten Egoisten lachen muessen.
+
+"Sie waeren aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon
+ohne Familie."
+
+"Sie vergessen, dass ich eine Braut habe."
+
+"Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig."
+
+Er lachte.
+
+"Bah - wegen der Auskneiferei - wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva
+einen vernuenftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich wuerde ihr gern
+nachreisen, wenn es nicht zu dumm waere, und wenn ich Zeit dazu haette. Sie
+solle ja nicht annehmen, dass ich jetzt ploetzlich an ihrem Theater als
+Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen wuerde, um
+sie weiter zu beobachten. Das wuerde abgeschmackt sein; denn ich mache
+keinen Witz zweimal. Im uebrigen liebte ich sie unveraendert weiter und
+ueberliesse ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief
+habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch
+ein sehr guenstiges Zeichen."
+
+"Ich wuerde dieses Zeichen anders auslegen."
+
+"Nein. Sie graemt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Waere ich ihr egal,
+haette sie mir einen schnippischen, und waere sie ein oberflaechliches Weib,
+sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein
+braves Maedel, das mich liebt, und schreibt gar nicht."
+
+"Es kann schon so sein", sagte ich muede; "ich hoffe, dass es Eva gut geht!"
+
+"Nun, so ... so ... Vor fuenf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper
+gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas
+mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe
+den Mann aufgeklaert, um was es sich handelt - so in grossen Zuegen natuerlich
+-, und ihm gesagt, dass er mir einen Riesengefallen tun wuerde, wenn er
+Fraeulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper
+unmoeglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit fuer ihn habe ich dem
+Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat
+mir der Grobian gesagt, es sei schade, dass sich telephonisch keine
+Ohrfeigen austeilen liessen; im uebrigen sei Fraeulein Bunkert ein
+ausserordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie
+auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen
+Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art."
+
+"Und Sie fuerchten gar nicht, dass Eva Bunkert Ihnen verlorengehen koennte?"
+
+"Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch
+ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spass ja goennen."
+
+So purzelte Stefensons draufgaengerische, frische Art durch den bangsten
+Tag meines Lebens. Und als ich am naechsten Morgen nach tiefem Schlaf
+erwachte, fuehlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins
+Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schoenen Werke weiter zu
+schaffen.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Etwa drei Wochen spaeter besuchte mich Stefenson wieder in meinem
+Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der "Neustaedter
+Umschau".
+
+"Ich habe diesmal nichts drin", sagte Stefenson und wies auf die Zeitung.
+Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riss er die Augen auf, trat
+ans Fenster.
+
+"Haben Sie schon - haben Sie schon gelesen?" fragte er aufgeregt.
+
+"Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar
+nicht hineingeschaut."
+
+"Da - da ..."
+
+Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:
+
+"Verlobung. Die Opernsaengerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen
+Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn
+des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. - Eine
+rasche Kuenstlerkarriere!"
+
+"Da haben wir's", sagte ich. "Die Sache ist in der Tat sehr rasch
+gegangen."
+
+"Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen
+wissen?" bruellte Stefenson.
+
+"Ja, was soll ich in meiner Ueberraschung dazu sagen? Es tut mir natuerlich
+leid um Sie!"
+
+"Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu
+tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, dass ich diese Gans los
+bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses
+flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer
+zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich
+bei ihm in Taschentuecher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen
+kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte
+Bauratstochter gegen alle Vernunftgruende geliebt hat und sie heiraten
+wollte, gibt sie auf!"
+
+Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war masslos. Aber ich blieb kuehl.
+
+"Lieber Freund", sagte ich, "es ist sicher fuer unsere Gruendung ganz gut,
+wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbstaendigkeit, den ruhigen,
+klaren Blick ..."
+
+"Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Bloedsinn. Satt hab
+ich's, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen.
+Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!"
+
+Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er sass, wie in Kraempfen. Ich stellte
+mich ans Fenster und zuendete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:
+
+"Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl
+verlangen."
+
+"Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiss
+selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll."
+
+"Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst koennten Sie sich jetzt
+nicht so pomadig eine Zigarre anzuenden. Schoener Freund! Glauben Sie denn,
+dass sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehoernten Kerl, gluecklich sein
+wird?"
+
+"Das kann ich nicht beurteilen."
+
+"Das muessen Sie beurteilen koennen! Sie muessen wissen, dass solche
+sogenannten Mesalliancen nie zum Glueck fuehren, dass dieses Weib im Hause
+ihres graeflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen
+oder _sub_ Luder behandelt werden wird, dass der Mann ihrer ueberdruessig
+sein wird, wenn ihre Schoenheit verblueht, dass sie dann im Elend sitzen
+wird."
+
+"Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt
+ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, hoechstens unsere alte
+Wahrsagerin unten in Waltersburg."
+
+"Wollen Sie mich verspotten? Sich ueber mich lustig machen? Ist das Ihre
+Freundschaft?" Er war wuetend.
+
+"Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt
+sagen moechte, wuerde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich
+etwas beruhigt haben, und dass Sie dann ganz auf mich rechnen koennen,
+wissen Sie ja doch!"
+
+"Ich werde mich nie beruhigen", sagte er. "Ueber das komme ich nicht weg!"
+
+Wohl zehn Minuten vergingen, waehrend deren Stefenson im Zimmer auf und ab
+schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder
+fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:
+
+"Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwaehnten?"
+
+"Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten
+Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger
+Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie
+nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heisst, wie alt sie
+ist, weiss kein Mensch. Fuer fuenfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den
+Buergern, Bauern und Koechinnen die Zukunft."
+
+"Und stimmt es, was sie sagt?"
+
+"Ja, das weiss ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft
+nicht gekuemmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fuenfundzwanzig
+Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt,
+wir wuerden bald eine maechtige Tracht Pruegel bekommen. Und das ist auch
+eingetroffen. Es kam naemlich heraus, dass wir die fuenfundzwanzig Pfennig
+zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Pruegel dafuer."
+
+Ich wusste, dass Stefenson aberglaeubisch war. Viele sonst sehr kluge
+Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschaeft an, es
+beunruhigte ihn, wenn eine Katze ueber seinen Weg lief, und er hatte immer
+ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus
+Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fuehlte er das Beduerfnis,
+sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:
+
+"Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu
+erklaeren. Es koennen da Naturkraefte wirken, die wir nicht kennen."
+
+"Gewiss - gewiss!"
+
+Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.
+
+"Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten,
+sie moege doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen
+wolle, dass ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten
+wolle, zu deren gruendlichster Pruefung berechtigt sei, so solle sie halt
+denken, dass es mir doch auch Spass gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich
+eine unerkannte Rolle zu spielen, und dass ich doch eigentlich als Knecht
+Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von
+diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental.
+Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird
+gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein."
+
+Es schuettelte ihn vor Schmerz und Zorn.
+
+
+
+
+
+ DER FUCHS UND DIE SIBYLLE
+
+
+Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe
+windbruechiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum
+Hause der Sibylle schlaengelte. Das kleine Anwesen sah schaebig und
+unordentlich aus. Die Tuer stiess einen graemlichen Quieker aus, als ich
+eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstossenden Zimmer,
+dessen Fenster mit buntem Kattun verhaengt waren, brannte eine kleine
+Lampe. Die "Sibylle" erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Ruecken,
+auf einen Stock gestuetzt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem
+trueben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.
+
+"Wird er kommen?" fragte sie.
+
+"Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kraeftig
+eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten
+Sie sich genau an unsere Abmachungen."
+
+"Jawohl!" nickte das Weib.
+
+Ich musste eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefasst hatte,
+beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin
+angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwuerdige Faelle erzaehlt, in
+denen die Voraussagungen der Sibylle in verblueffender Weise eingetroffen
+waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten
+verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkruemmung treten und
+vorsichtig umherspaehen.
+
+"Er kommt!" sagte ich zu der Sibylle durch die Tuer. "Nun machen Sie Ihre
+Sache gut."
+
+Fuenf Minuten spaeter hoerte ich nebenan Stefenson eintreten.
+
+"Guten Abend", sagte er etwas verlegen. "Ich komme mal zu Ihnen. Sie
+brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, dass ich auf Ihren Quatsch
+etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehoert, und da will ich mal einen
+Versuch machen - der Wissenschaft halber, verstehen Sie?"
+
+Die Sibylle ruehrte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in
+ein geflicktes Umschlagetuch gehuellt, vor Stirn und Augen hatte sie einen
+gruenen Lichtschirm, ueber dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das
+alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte
+kein Wort.
+
+"Nun?" mahnte Stefenson ungeduldig.
+
+Keine Antwort.
+
+"Ja, wollen Sie nun gefaelligst mit mir sprechen?" brauste der Amerikaner
+auf.
+
+"Scheren Sie sich hinaus!" kraechzte die Alte.
+
+"Wa-as?"
+
+"Hinausscheren sollen Sie sich!" wiederholte der haessliche Rabe.
+
+"Das ist stark!" sagte Stefenson verbluefft. "Nun bleibe ich natuerlich
+hier!"
+
+Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah
+mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte,
+ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnuegte mich an meinem
+Guckloche koeniglich.
+
+Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Muenze und sagte
+mit erzwungener Hoeflichkeit:
+
+"Madame, ich moechte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren."
+
+"Warten Sie!" schnarrte der Rabe.
+
+Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten.
+Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstueck
+und sagte: "Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet
+fuenfundzwanzig Pfennig."
+
+"Behalten Sie nur das Goldstueck", erwiderte Stefenson. Da schnipste sie
+mit dem Finger die Muenze vom Tische hinab auf den Fussboden und kreischte
+wuetend:
+
+"Fuenfundzwanzig Pfennig kostet es!"
+
+Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fuenfundzwanzig Pfennig
+auf den Tisch.
+
+"Stecken Sie das Goldstueck ein!" befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit
+Streichhoelzern gehorsam den Fussboden ab, bis er die Goldmuenze fand, und
+steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, liess Stefenson dreimal
+abheben und sagte:
+
+"Sie sind neunundvierzig Jahre alt!"
+
+Stefenson lachte aergerlich.
+
+"Neununddreissig bin ich."
+
+"So sehen Sie nicht aus!"
+
+Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.
+
+"Richtig - erst neununddreissig", sagte die Wahrsagerin.
+
+"Am 14. April geboren."
+
+"Das stimmt!" rief Stefenson verbluefft.
+
+"Es stimmt alles, was ich sage", knurrte die Alte.
+
+"Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht
+aus diesem Lande, Sie sind ueber das Wasser gekommen."
+
+Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.
+
+"Sie sind sehr reich", fuhr die Alte fort, "und werden immer reicher
+werden; aber Sie haben Unglueck in der Liebe."
+
+"Ja", murmelte Stefenson.
+
+"Ihre Braut heiratet einen anderen."
+
+"Ist das wahr?"
+
+"Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt
+und sie betrogen."
+
+Stefenson stoehnte leise. Die Alte fuhr fort:
+
+"Wenn Sie sich mit dem neuen Braeutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie
+ihn toeten."
+
+"A-ah!"
+
+"Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist,
+und das Maedchen wird doch einen anderen nehmen."
+
+"Wird sie gluecklich werden?" fragte Stefenson.
+
+"Sie wird mit jedem Manne gluecklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen
+waere sie ungluecklich geworden."
+
+"Das ist nicht wahr!" rief Stefenson.
+
+"Das ist ebenso wahr, als dass Sie nach einem Jahre eine reiche
+Amerikanerin heiraten werden."
+
+"Schwindel!" rief Stefenson erbost. "Ich werde nie eine andere heiraten.
+Sie schwafeln da einen ungeheuren Bloedsinn zusammen!"
+
+"Scheren Sie sich hinaus!" kreischte der Rabe wuetend und klappte die
+Karten zusammen.
+
+"Ich bitte, dass Sie weitersprechen", beruhigte sich Stefenson gewaltsam.
+
+Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartuer zu.
+
+"Bleiben Sie da", rief Stefenson; "ich habe doch fuenfundzwanzig Pfennig
+bezahlt."
+
+Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tuer und schob den Riegel vor.
+
+In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in
+den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die
+Vorderstube.
+
+Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurueck.
+
+"Sie - Doktor?"
+
+"Sie - Stefenson?"
+
+Er lachte ausserordentlich verlegen. Leise sagte er: "Aber wissen Sie - nur
+der Wissenschaft halber ..."
+
+"Ja - ich natuerlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon
+dran?"
+
+"Ja. Und es hat merkwuerdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat
+sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr
+erfahren."
+
+"Wenn es Sie nicht stoert, warte ich mit."
+
+Ich sah, dass ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich
+auf den Tisch und liess die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging;
+es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tuer der anderen
+Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hoerten wir drin ein
+Gekrabbele.
+
+"Sind Sie noch da?" kraechzte die Sibylle.
+
+"Jawohl!" antwortete Stefenson.
+
+Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:
+
+"Ich werde Ihnen fuer Ihre fuenfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie
+Ihre kuenftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort."
+
+"Ich will nichts wissen von einer kuenftigen Frau, ich bleibe ledig!"
+widersprach Stefenson. "Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch
+auf einige Fragen Auskunft."
+
+"Nein!" brummte der Rabe. "Sie werden nur noch Ihre kuenftige Frau sehen!"
+
+Die Tuer sprang auf, und in ihrer Oeffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen
+strahlenden Schoenheit. Stefenson fasste sich an den Kopf.
+
+"Eva!"
+
+"Ja, ich bin's!" sagte das Maedchen, blieb stehen und lachte.
+
+"Wie ist das moeglich? Wie ist das nur moeglich?" Stefenson machte den
+Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter,
+brach in Gelaechter aus und schrie jubelnd:
+
+"Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!"
+
+Eva hatte gluehrote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden,
+staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in
+der Stimme:
+
+"Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komoedie nicht zuernen. Eine
+kleine Strafe wenigstens hatten Sie fuer Ihre Ignazmaskerade doch wohl
+verdient."
+
+"Ich verstehe nichts - nichts von allem", stammelte Stefenson. Da griff
+ich ein.
+
+"Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklaeren, was jetzt
+Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet!
+Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fraeulein Eva
+selbst."
+
+"Oh - oh - und die wirkliche Sibylle?"
+
+"Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr
+Amtslokal mal voruebergehend ueberlassen. Ist das nicht gut?"
+
+Er sagte nicht, dass das "gut" sei. Ganz foermlich wandte er sich an Eva.
+
+"Mein gnaediges Fraeulein, es ist ja recht, recht liebenswuerdig, dass Sie mit
+mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermassen erstaunt sein,
+da ich erst heute morgen in der Zeitung -"
+
+Ich griff wieder ein.
+
+"Die 'Neustaedter Umschau' war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten,
+verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich
+geschrieben, habe sie in die 'Umschau' lanciert, aber nicht etwa in die
+ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei
+mir abgegeben werden. Da ist eben fuer diese zwei Nummern im Satzspiegel
+eine kleine Aenderung gemacht worden."
+
+"So ist wohl alles gar nicht wahr?"
+
+"Nein, es ist nicht wahr", sagte Eva und wurde in dem Masse roeter, als
+Stefenson bleicher wurde. Ich fuerchtete mit einem Male, der Scherz koenne
+noch schief ausgehen, und sagte deshalb:
+
+"Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekraenkte Unschuld. Da
+waeren Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der
+Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown.
+Ihr Suendenregister ist in dieser Hinsicht so gross, dass unsere kleine List
+eine aeusserst gelinde Strafe ist."
+
+"Und - und der Graf Simmern - und der herzogliche Kammerherr?"
+
+"Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns
+existieren doch gar nicht."
+
+"Ah - so ist das gewesen? Die Anzeige war gefaelscht, und die Wahrsagerin
+waren Sie selbst. - Es - es ist ja sehr witzig! Gnaediges Fraeulein, Sie
+haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine
+grosse Schauspielerin."
+
+Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst traete. Ich sagte:
+
+"Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die
+Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsaengerin mal in das
+Habit einer Wahrsagerin schluepft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch
+selbstverstaendlich."
+
+Seine Augen irrten umher.
+
+"Ich fuerchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkaelten.
+Man sollte sie jetzt herunterrufen."
+
+Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, dass Evas rote Wangen verblichen. In
+diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte
+albern und blinzelte verlangend mit den Augen.
+
+"Na, Sibylle", sagte Stefenson, "Sie werden ja von den Herrschaften schon
+bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld."
+
+Er legte ein Fuenfzigpfennigstueck auf den Tisch. Die Alte fauchte
+unzufrieden; mir ging die Laune aus. "Gehen wir hinaus!" sagte ich. Ich
+half Eva den Mantel umlegen und fuehlte, wie das Maedchen erregt war.
+Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen maechtigen Groll
+auf Stefenson. Er selber haenselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine
+eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen
+die schoene Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam
+den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte,
+ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um
+Rahel dient, erhalten, war dadurch geruehrt, heimlich in Waltersburg
+angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen
+Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Maedchen
+selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und
+ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun
+scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson ploetzlich stehen und
+fing unbaendig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein
+Kollern.
+
+"Also", sagte er, "nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der
+Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt,
+was doch selbstverstaendlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner,
+bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und
+erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach."
+
+Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah
+ich in ihnen ein glueckliches Paar.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es war noch nicht spaet, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengaeste
+noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der
+Herbergsvater besass, angestossen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher
+zu mir:
+
+"Dass der Kerl von der 'Umschau' zwei Mark fuer die Zeile der gefaelschten
+Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschaemt. Eine Mark waere
+auch genug gewesen."
+
+"Woher wissen Sie den Preis?"
+
+"Na, ich war doch drueben in der Redaktion."
+
+"In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?"
+
+"Ja, natuerlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die 'Umschau'
+die grosse Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger
+Ueberredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schoenen Schwindel
+heraus."
+
+"Das ist infam!" rief ich.
+
+"Er hat alles gewusst", sagte fassungslos die schoene Eva.
+
+"Jawohl, alles!" schmunzelte Stefenson. "Dann, als ich von Neustadt
+zurueckkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der
+so ganz geschickt und ganz und gar unauffaellig suggerierte, ich solle doch
+durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was
+dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und
+ich ging zu der alten Sibylle."
+
+"Er hat mich sofort erkannt", klagte Eva. "So schlecht habe ich gespielt."
+
+"Du hast herrlich gespielt!" rief Stefenson. "Du bist eine grosse
+Kuenstlerin. Die Sprache - zum Fuerchten; das Aeussere - zum Schlechtwerden.
+Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine
+schrecklichere Theaterhexe gesehen."
+
+"Es ist aus mit meiner Buehnenlaufbahn", sagte Eva. "Das ist die
+furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was
+vormachen!"
+
+"Nein", sagte Stefenson mit grosser Befriedigung, "und weil ich jetzt weiss,
+dass du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich
+mit grosser innerer Ruhe und mit sehr grossem Vergnuegen!"
+
+Dass uns aber auch diesmal der alte Fuchs uebertoelpelt hatte, aergerte mich
+so, dass mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.
+
+
+
+
+
+ ADVENT
+
+
+Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinueber, um
+in Eile seiner kuenftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er
+wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord
+gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, haelt sich aber allermeist im
+Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel
+hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebuesst und
+steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte
+Friede ist wiedergekehrt.
+
+Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen
+Burschen, haben auch laengst schweren Herzens von uns Abschied nehmen
+muessen, um in ihr buergerliches Leben zurueckzukehren, und Piesecke ist vom
+Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschoelzerei. Er sagte
+mir, "er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden" und
+wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein
+leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht
+wohnt in der Waldschoelzerei. Sie heisst Agathe.
+
+"Lieber Herr Doktor", sagte er dieser Tage zu mir, "wenn mich die kleine
+Agathe will, dann moechte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen
+im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und
+eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder aehnlich, bekommen. Ich
+moechte nicht wieder fort von hier; die grosse Welt hat allen Reiz fuer mich
+verloren."
+
+"Wir wollen abwarten und ueberlegen, lieber Piesecke."
+
+"Ich soll immer abwarten, nie handeln", sagte er betruebt.
+
+"Sie haben eben in Ihrem frueheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber
+Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien."
+
+Da fuegte er sich. -
+
+Mit dem schweizerischen Namen "Heimwehfluh" ist eines unserer kleinen
+Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die
+Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Kaethe mit ihrem Kinde.
+Die Frau ist blass und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Muehe
+durchsetzen koennen, dass sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise
+ganz allein sein.
+
+Das Maedchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht,
+zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie draengt es oft dazu, aber
+das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen
+Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten,
+die Mutter spielt so schoen, wie niemand spielen kann, die Mutter macht
+selbst das Lernen zur Lust.
+
+Kaethe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe.
+Sie stoeren mich nicht. Ich weiss, dass sie im Frieden sind und dass sie mir,
+wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben
+werden: "Es geht uns gut!" Es ist schoen, Menschen zu begegnen, die sagen,
+dass es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstaerkender Blick auf ein
+heiteres Gelaende, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.
+
+Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva
+schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz naerrisch, ihr
+dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der grossen Bauernstube. Der Wind
+zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer grossen
+Floete, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte
+Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein.
+Manchmal erzaehlt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine
+Naehmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft
+kommt einer von den "Mannsvoelkern" in die Stube, schuettelt sich wie ein
+Pudel, waermt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, ueber
+das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich
+nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht
+sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim
+gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...
+
+Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus Muenchen:
+
+
+
+
+
+
+ "Lieber Doktor!
+
+Unser Freund Stefenson (wo haette ich den Heimtuecker in dem langen Ignaz
+vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut,
+die aeusseren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen.
+Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe uebernehmen. (Notabene: Was
+sagen Sie als Mediziner dazu, dass ich mit neunhundertachtundneunzig und
+dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also uebernehmen! Die
+bewilligten Mittel sind generoes. Man koennte damit alle Einwohner eines
+deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem
+Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glaenzend sein.
+Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt
+und auch sonst ein beruehmter Musiker, uebernimmt den musikalischen Teil.
+Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines grossen
+deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhoechste
+Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon
+morgen; sagen Sie Frau Susanne, dass ich vor Sehnsucht nach ihr brenne,
+durch welch schoene Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu
+heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuss
+einzutreten.
+
+ Ihr getreuer Methusalem.
+
+Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten
+Waltersburg zurueckkehren zu koennen, bereits fuenf Purzelbaeume in meinem
+Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es musste sein!
+
+ Methusalem."
+
+
+
+
+
+
+Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft
+verkuendigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann
+ihren aeltesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch
+staendig aergert und ueber den sie staendig schimpft.
+
+Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.
+
+"Ich lehne ab, dem Festausschuss beizutreten", sagte er kalt, als ich ihm
+Methusalems Brief vorgelesen hatte. "Denn erstens, dieser Stefenson, der
+mich als Knecht Ignaz gemisshandelt hat, verdient von mir keine
+Gefaelligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich
+anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die
+traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht."
+
+"Lieber Piesecke", sagte ich, "Sie werden sich das noch ueberlegen. Was
+Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu grosse Natur, um nachtraegerisch
+zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich duerfen Sie sich ruhig verbinden.
+Ich gebe zu, dass sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und
+schaebig benommen haben. Waehrend Sie kaempften, hat der eine gezeichnet, der
+andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide
+nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest
+aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im uebrigen
+gebe ich Ihnen zu bedenken, dass, falls Sie sich fernhielten, Fraeulein
+Agathe aus der Waldschoelzerei den schweren Verdacht schoepfen koennte, Sie
+haetten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden."
+
+"Oh", rief da Piesecke, "den hab ich gruendlich verwunden. Aber Sie haben
+recht, der Verdacht laege nahe. Also mache ich mit!"
+
+Schon am naechsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und
+Emmerich nach dem Ferienheim zurueck. Eine Stunde spaeter fand die erste
+"Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses", bestehend aus Methusalem,
+Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine
+beratende Stimme im Ausschuss haben duerfte, dieses war aber abgelehnt
+worden.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Was hatten wir fuer einen schoenen Heiligen Abend! Auch ueber die Festtage
+war unsere Anstalt mit Gaesten gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz
+vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an
+Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig
+bekanntgegeben worden, dass jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden
+und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen
+viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion
+aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-suesse
+Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweissem
+Ross Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit
+Silber, Gold und Tannengruen geschmueckten Schlitten vier Engelein, von
+denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Blaeserchor, zuletzt
+stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle
+Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen
+haetten.
+
+Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der grossen Stube brannte der
+Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen
+Weihnachtsgruss, die Engelchen sangen ein Lied, der Blaeserchor blies vor
+dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete
+herbei - Gruesse aus der Heimat.
+
+Da hat keinem von unseren Feriengaesten die Weihnachtsstimmung gefehlt.
+
+Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein
+Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:
+
+"Sehne mich nach dir. Gruesse von Joachim und mir an dich, Luise, Kaethe und
+die Heimat. Eure Mutter."
+
+Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Kaethe sass am Fenster,
+spaehte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten,
+darin ihr Kind sass, und hoerte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem
+Tale klangen.
+
+Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein
+wenig rot im Gesicht.
+
+"Schenke es mir zu Weihnachten", bat sie.
+
+"Ich habe es dir ja gebracht."
+
+Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rueckkehr abwarten.
+
+Da sagte sie im Laufe des Abends:
+
+"Ich weiss wohl, dass es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber
+sage mir, ob ich uebers Jahr zu Weihnachten noch leben werde."
+
+"Bestimmt, Kaethe."
+
+Da trat ein Laecheln auf ihre Zuege.
+
+"Das ist noch eine lange Zeit zum Gluecklichsein!"
+
+
+
+
+
+ HOCHZEIT UND ENDE
+
+
+Stefensons Hochzeit fand am spaeten Nachmittag des ersten Christfeiertages
+in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich
+waren als Trauzeugen gegenwaertig. Wir waren nicht ueber den Marktplatz,
+sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von
+Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mussten
+wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, dass Stefenson verwundert
+war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn geruehrt, und er hatte
+wohl erwartet, dass es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer
+stimmungsvollen grossen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen wuerde.
+
+Wir fuhren aber nach dem Heim zurueck, und zwar nach dem "Rathaus", und
+wurden dort im grossen Saal von zahlreichen Feriengaesten erwartet. Das
+Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen
+geleitet. Ein schoenes Maedchen mit roten Rosen im Haar ueberreichte den zwei
+Gluecklichen einen goldenen, mit Wein gefuellten Pokal, das
+Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim
+anwesender Dichter geschaffen hatte:
+
+ "Alles Wuenschen geht zur Ruh:
+ Du bist ich, und ich bin du!
+ All dein Schmerz und Leid ist mein,
+ All mein Gut und Glueck sind dein!
+ Wo dein Fuss geht, ist mein Ziel,
+ Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;
+ Deine Blumen pflanze ich,
+ Deine Taenze tanze ich;
+ Ich will deinen Kummer klagen,
+ Du sollst meine Kraenze tragen;
+ Ich kann nimmer muede sein,
+ Ehe du nicht schlummerst ein;
+ Ja, mein Gott gruesst mich von fern,
+ Strahlt auf dich ein goldner Stern."
+
+So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.
+
+Schoene Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeuebt hatte.
+Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter
+der Kurgaeste wie der Angestellten, schliesslich sprach auch ich ein paar
+Freundesworte.
+
+Stefenson war bewegt, als er fuer die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er
+sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er
+drueben im Lande der ruecksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier
+habe er nach einem Leben voll Aufregung, Ueberarbeit und gelegentlichen
+wilden Genuessen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse
+jetzt, da er die Frau seines Herzens gefunden habe, dass ein hoeheres Glueck
+ihm Gott nicht mehr geben koenne, und so wolle er drueben in Amerika seine
+Beziehungen klug und vorsichtig zu loesen suchen und dann ganz nach
+Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.
+
+ *
+
+"Und nun", kommandierte Methusalem, "grosser Festkorso auf den
+Weihnachtsberg."
+
+Draussen war es stockdunkel; die Strassenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber
+Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte.
+Wohl fuenfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige,
+ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen
+Seite zeigte die Ballonhuelle das liebliche Bild der "Hanne vom
+Forellenhof", auf der anderen eine scheusslich anzusehende, aber genial
+gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstueck Methusalems.
+
+Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit
+transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als
+tausendjaehrigen Greis voller Guete und Abgeklaertheit, Emmerich war von
+einem Mueckenschwarm fliegender Noten, Violinschluessel, Kreuzen,
+Aufloesungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in
+zinnoberrotem Licht und schimpfte fuerchterlich, als sie ihr Konterfei sah,
+Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen, Levisohn mit einer
+riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott Mars in furchtbarer Ruestung,
+schliesslich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein
+Kranz von heulenden, bellenden, hochnaesigen, sich Floehe schabenden Dackeln
+lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswuerdigen Greises und
+Vergnuegungsleiters Methusalem.
+
+Als wir der Weihnachtsburg naeher kamen, erstrahlte sie in farbigen
+Lichtern, Boellerschuesse hallten ueber Berg und Tal, und ein Chor blies vom
+grauen Turme herab:
+
+ "O du froehliche, o du selige,
+ Gnadenbringende Weihnachtszeit."
+
+Gleich hinterher aber:
+
+ "Wenn Weihnachten ist,
+ Wenn Weihnachten ist,
+ Dann kommt zu uns der heil'ge Christ;
+ Bringt jedem eine Muh,
+ Bringt jedem eine Maeh,
+ Bringt jedem eine wunderschoene Schnaetteraettaettae!"
+
+Unter den Klaengen dieser grossen Hymne der Froehlichkeit zogen wir in die
+Weihnachtsburg ein.
+
+Der grosse mit Tannenreis ausgeschmueckte Saal der Weihnachtsburg fuellte
+sich mit Menschen; Braeutigam und Braut waren zunaechst nicht zu sehen. Nach
+etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore.
+Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan und waren in phantastischen
+Kostuemen, er als Winterkoenig, sie als Koenigin. Regie Methusalem!
+
+Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begruesst. Holdselig
+laechelnd gruesste die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich
+Stefenson. Er fuehlte sich als Winterkoenig sichtlich unbehaglich. Der Thron
+stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Buehne. Ich selbst war als
+"Kammerherr" neben Stefenson plaziert.
+
+Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das
+schlichte Bergvolk. Alle Maerchen- und Himmelstraeume schienen vor ihm
+erfuellt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der
+Winterkoenig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem
+sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er
+entfaltete ein Pergament und verkuendete: "Edles Gefolge des Koenigs und der
+Frau Koenigin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestaet Koenig Stefensons des
+Ganzgrossen und Hochdero majestaetischer Gemahlin Hanne der Einzigen
+verkuende, damit es maenniglich erfahre, feierlich, oeffentlich und
+unwiderruflich folgendes:
+
+Wir, Stefenson der Ganzgrosse und Hoechstmeine erlauchte Gemahlin Hanne,
+wollen, dass dieser glueckliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen
+wir fuer Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der
+Bestimmung, dass alljaehrlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten
+beduerftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern
+zugute komme; das dritte und letzte Drittel aber ist zu
+Hochzeitsgeschenken fuer die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von
+welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar
+ausschliessen soll, auch wenn es nur ein Blumenstraeusschen annimmt; den
+aermeren aber soll ein guter Happen fuer den Nestbau gegeben werden."
+
+Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.
+
+Ich sah verwundert auf Stefenson und fluesterte ihm zu:
+
+"Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?"
+
+"Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermoegen."
+
+Mir wurde doch etwas schwuel. Oh, dieser Methusalem - dieser Regisseur!
+
+Methusalem fuhr fort:
+
+"Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank.
+Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er
+mit euch leben und schaffen fuer das Gedeihen seiner Gruendung, fuer den Ruhm
+Waltersburgs, fuer das Heil der Menschheit. Nun wisst ihr vielleicht alle,
+dass unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens muede
+und krank geworden, hier in dieses schoene Tal kommen, um Ferien zu machen,
+einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Muehe
+in ertraeglichem Masse, Verkennung und Not in Ueberfuelle, echtes Glueck und
+wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war
+Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede.
+Methusalem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit
+und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute
+macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heissen."
+
+Das Volk staunte.
+
+"Auch das noch!" sagte Stefenson neben mir.
+
+"Ja, es ist frech; ausser den fuenftausend Mark, die Methusalem neulich fuer
+Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht
+eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!"
+
+Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.
+
+"Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt
+hier gesagt hat, muss ich nur einem widersprechen, das betrifft die
+Stiftung."
+
+Bestuerzung. Schweigen.
+
+"Methusalem, mein bevollmaechtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem
+Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme betraegt naemlich
+nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!"
+
+Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut
+stand auf, der Braeutigam sprach auf sie ein, waehrend die Leute laermten;
+die Augen der glueckseligen Braut glaenzten, sie schmiegte sich fest an den
+Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentuemlichem, fast
+weinerlichem Laecheln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehoer.
+
+"Buerger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen,
+alles andere bleibt, wie es der weise Methusalem angeordnet hat, die
+Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung."
+
+Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er
+fuenfunddreissig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe
+neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie
+ein tausendjaehriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreissiger
+gelegentlich mal heult.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die
+Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als
+sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute
+mit dem Nachtzuge davon.
+
+Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren
+da.
+
+Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:
+
+"Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame
+Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute
+Freunde sein. Wir wollen 'du' zueinander sagen wie Brueder!"
+
+Ich schlug in die dargereichte Hand.
+
+"Wann kommst du wieder?"
+
+"Ich weiss es noch nicht; ich weiss nicht, wie und wann ich drueben loskomme.
+Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen.
+Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengaeste bei euch auf, irgendein
+Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gaeste bekannt vor.
+Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese
+meine Lieblingsschoepfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum
+Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht,
+eine glueckliche Heimat fuer immer bewahrt sein."
+
+Eva hoerte ihm zu und war ihm dankbar fuer diese Worte. O ja, diese beiden
+passten zu einer Ehe, der starke Mann und das schoene, froehliche Weib.
+
+"Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine
+Arbeitsstaette. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu
+uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin,
+wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem
+stillen Ich, und wenn du nach Hause zurueckkehrst, wird dir das alltaegliche
+Leben wieder schmackhaft sein."
+
+"Ja, so wollen wir es halten!"
+
+"Nun denn, so waeren wir wohl fuer diesmal hier fertig."
+
+Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blaetterte darin. Sein Gesicht bekam
+wieder die alte Geschaeftsmiene.
+
+"Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz
+von dem Schuhmacher Roehricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die
+Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absaetze zwei Mark und fuenfundachtzig
+Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher
+fuenfundzwanzig Pfennig abziehen wollen, und wir haben so lange gestritten,
+bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht
+der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht
+zwei Mark und fuenfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig
+Pfennige, hoerst du wohl? Ein Knecht kann nicht fuenfundzwanzig Pfennig
+umsonst hergeben. Vergiss es nicht! Roehricht heisst der Mann, Hintermarkt
+15, drei Stiegen."
+
+Ein vergnuegtes Lachen toente aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.
+
+"Was lachen Sie denn, Piesecke?"
+
+"Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken
+und dann wegen fuenfundzwanzig Pfennig - so in der Abschiedsstunde - das -
+das ist - Pardon - merkwuerdig!"
+
+"Gar nicht merkwuerdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf
+die Fuenfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprueft habe, kann ich mal gelegentlich
+dreihunderttausend Mark verschenken."
+
+"Sehr - sehr kaufmaennisch! Sehr lehrreich!"
+
+"Jawohl! Aber nicht fuer Sie! Fuer Sie waere das zu unfuerstlich."
+
+Wenig fehlte, so waeren auch in letzter Stunde die alten Gegner, der
+rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fuerstensohn, noch aneinander
+geraten. Die dicke Susanne waelzte sich zwischen beide und loeschte mit
+einer Flut von Abschiedstraenen den entstehenden Brand.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich oeffne das
+Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen
+Baptista haengt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am
+Himmel stehen zwischen dem Gewoelk ein paar freundliche Sterne. Im
+Schneemantel schaut der Heilige herueber zu mir. Suchen seine Augen die
+kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinuebertraeumte?
+
+Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den
+alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der grossen Stube um, und
+es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause
+gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schliesse ich das
+Fenster. Unschluessig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich
+die Uhr auf, fuehle noch einmal an den Ofen. Endlich loesche ich die Lampe
+aus und tappe die Treppe hinab ...
+
+Ich habe jetzt grosse Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der
+Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die
+anderen lustigen Kaeuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und
+ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schliesslich ist der alte
+Baptista jetzt noch mein einziger, staendiger Freund hierzulande.
+
+Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die
+stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein,
+zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht fuer immer, die kleine
+Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem verlassenen Gebirgsdorfe
+lebt, doch noch Joachims Frau werden und uebers Meer zu ihm ziehen wird?
+Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schoene alte Stube? Lauter
+Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluss wie
+ein Theaterstueck oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von
+neuem.
+
+So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu
+meinem Werk.
+
+Eine koestliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im oeden
+Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen
+kommt aus den Bauernhoefen. Alle Leute, die mir begegnen, gruessen mich oder
+rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin
+ich zu Hause.
+
+In der Wueste sah ich einmal einen Mann mit gefuellten Wasserschlaeuchen am
+Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane
+fiebergluehend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es muesse schoen sein, mit
+gefuellten Wasserschlaeuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein
+wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heissen Strasse des Alltags,
+will ich laben aus dem kuehlen Brunnen, den ich grub.
+
+Dann wird es mir so gut ergehen, dass ich nichts anderes vom Leben mehr
+verlangen will; denn es ist die groesste Lust des Lebens, anderen die Last
+des Lebens zu erleichtern.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde von der letzten Seite an den Beginn versetzt.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Woerter in Antiqua
+(bis auf den Titel "Dr." und roemische Zahlen) und gesperrte Woerter sind
+durch Unterstrich ("_") gekennzeichnet.
+
+Korrektur offensichtlicher Druckfehler:
+
+ Seite 27: doppeltes "freue" entfernt.
+ Seite 43: "Stefensohn" in "Stefenson" geaendert.
+ Seite 75: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Die Luise habe
+ ich flottgemacht.").
+ Seite 91: "mit" in "mir" geaendert.
+ Seite 97: "philantropische" in "philanthropische" geaendert.
+ Seite 101: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "des Magistrats
+ von Waltersburg stellen")
+ Seite 103: doppeltes "und" entfernt (vor "in einer glaenzenden
+ Erfassung")
+ Seite 118: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Das haben").
+ Seite 128: "umqartieren" in "umquartieren" geaendert.
+ Seite 145: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "bis um
+ sieben.")
+ Seite 164: "Xantippen" in "Xanthippen" geaendert.
+ Seite 170: "reckt" in "reckte" geaendert.
+ Seite 238: "Widersehen" in "Wiedersehen" geaendert.
+ Seite 243: "Rauberhoehle" in "Raeuberhoehle" geaendert.
+ Seite 244: "Apothese" in "Apotheose" und "den" in "der" (nach
+ "Vertreter") geaendert.
+ Seite 254: "ueberzeugenste" in "ueberzeugendste" geaendert.
+ Seite 261: "Hentschel" in "Henschel" geaendert.
+ Seite 309: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (vor "Wieso
+ Komoedie?")
+ Seite 347: fehlendes Anfuehrungszeichen ergaenzt (nach "staerken
+ wuerde.")
+ Seite 377: "Lewinsohn" in "Levisohn" geaendert.
+
+Nicht korrigiert wurden Varianten wie "Chicago"/"Chikago",
+"debutieren"/"debuetieren", "Annelies"/"Anneliese" oder "anderen"/"andern".
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+May 23, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Norbert H. Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 28938.txt or 28938.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/9/3/28938/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+ 1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file