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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ferien vom Ich + +Author: Paul Keller + +Release Date: May 23, 2009 [Ebook #28938] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH*** + + + + + + Paul Keller / Ferien vom Ich + + + + + + _PAUL KELLER_ + + Ferien vom Ich + + _ROMAN_ + + + Deutsche Buch-Gemeinschaft + _GMBH_ + + _BERLIN_ + + + + + + Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert + + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, der Verfilmung, der + Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk, + vorbehalten + + _Copyright 1915_ + _by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I_ + _Printed in Germany_ + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS + + + Nach meiner Heimkehr 5 + Die feindlichen Städte 12 + Das Modebad 28 + Auf dem Weihnachtsberg 33 + Luise 58 + Samariterdienste 69 + In den Tagen des Werdens 77 + Das Kind 88 + Vorarbeiten 95 + Die „Neustädter Umschau“ 104 + Joachim 116 + Weihnachten 131 + Fügung 136 + Bauernanwerbung 142 + Der Journalist 161 + Die ersten Kurgäste 181 + Sommerabend 197 + Lorelei 220 + Die „krummbeinige Medizin“ 227 + In der Genovevenklause 233 + Die Schlacht bei Waltersburg 241 + Herbst 248 + Von der weiblichen Putzsucht 271 + und Herrn Pieseckes Leiden + Abschiedsabend 281 + Gerichtliches 288 + Aufklärungen 302 + Vom Bruder und seiner Frau 320 + Freund Stefenson 343 + Der Fuchs und die Sibylle 355 + Advent 367 + Hochzeit und Ende 375 + + + + + + + NACH MEINER HEIMKEHR + + +Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das +Bild des Täufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand hält, +plätschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein +heidnisches Heer an diesem Brunnen vorübergezogen sein; die Recken haben +den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am nächsten Tage +fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den +dunklen Bäumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtückisch erschlagen +wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weiße +Schemen zum Stadttore herein, die hatten Kränze um die Stirnen und +lächelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, ließ der heilige +Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Hände; denn diese +reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekränzten zogen +langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf +der goldglänzenden Höhe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und +zogen dann fort, weit über die rote Sonne hinaus, und der Heilige am +Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bückte er sich +nach der verlorenen Taufschale, und nun hält er sie wieder in erhobener +Hand seit vielen Jahrhunderten. + +Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die +Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden +Gauen und Städten; ihr romantisches Tal war immer so reich, daß sie +Fremdes nicht nötig hatten. + +Der Johannisbrunnen! In seinem Becken ließ ich als Kind meine Schifflein +schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins +Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande saß, +lächelte oft verächtlich über diese Reiserouten. Er war drei Jahre älter +als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine +Abcschützen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte +nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein +eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach +ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte +er: es läge am Wetter oder ich stände mit meinem infam weißen +Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische. + +Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und +oben auf dem grünen Balkon am Brunnenplatz saß unsere Mutter bei ihrer +Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter. + +Wie kommt es doch, daß Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen +können, daß er ihnen nicht lieber und größer ist als alle Küsten des +Ozeans? + +Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem grünen +Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmäßig zu +den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine +Ehe schloß mit jenem unselig schönen Mädchen, dem die Schönheit zum Fluche +gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder +einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage +machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen, +weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe. + +Nur meine Mutter und ich wußten, daß sie log. Der Flüchtige aber kam nicht +heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, daß er +außer gerichtlicher Verfolgung sei. + +Er floh nicht vor dem Gefängnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein +junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage +brachte, nicht tilgen konnte. + +Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am +Balkonfenster und hörte auf das Plätschern des Johannisbrunnens. Sie +träumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen würde, von +Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnsüchtig hin +und her gehenden Gedanken. + +Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich +zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein. +Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund. +Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie +sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen riß: + +„Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!“ + +So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht +Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt, +jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle großen +Häfen der Welt. + +Ich fand ihn erst im fünften Jahre meiner Wanderfahrt und wäre bei +flüchtiger Begegnung wohl an dem veränderten harten Mann mit dem fremden +Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und +Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhält, und wurde meiner Sache +gewiß, als der Fremdling sich plötzlich scheu verbarg und weder an Bord +noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner +Kajüte auf. Er öffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich +sah. Ich drängte ihn ohne weiteres in die Kajüte und schloß die Tür. + +„Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim“, sagte ich und wunderte +mich über meine ruhige Stimme; „du wirst es mir nicht abschlagen können, +da ich an die fünf Jahre hinter dir her bin. Und daß ich auf dein Leben +und deine Entschlüsse keinen Einfluß habe, weiß ich von vornherein. Also +versteck dich nicht!“ + +„Was willst du?“ fragte er mühsam heraus. + +„Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du möchtest von Zeit zu +Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben.“ + +Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde +Kajütenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die +rollende See. + + * + +Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem +silbernen Mütterchen. Ich muß schon „silbernes Mütterchen“ sagen; denn +nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen +Hände. Alles ist kostbar, edel und weiß an ihr. + +Sie fragte mich nur das eine: „Ist er gesund?“ + +Ich sagte ihr, was ich wußte, auch daß er ein braver Mensch geblieben sei, +woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, daß er in einer +geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde. +Darauf hörte sie kaum, sondern schlug die Händchen zusammen und jammerte: + +„Warum? Warum?“ + +Das war die schwere Frage, über deren richtige Beantwortung ich mir auf +der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in +meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begründungen für eine +Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er +nicht zurück? Warum läßt er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und +Qual? + +Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Sätze, die Joachim gesprochen: + +„Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber +ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann +schreibt ihr wieder, und dann halte ich’s nicht aus in der Fremde, dann +muß ich zurück in diese verfluchte Heimat.“ + +Sie war ein wenig betäubt über diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung +auf in ihren Augen, und sie sagte: + +„Aber jetzt wird er schreiben?“ + +„Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem +langen Suchen erreicht habe.“ + +„Ich danke dir, lieber Fritz“, sagte sie und drückte mir schüchtern die +Hand. + + * + +Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich glücklich zu +fühlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen +sind, gehört die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht bloß mir in meinem +besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange draußen waren +und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der +Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes fließen zusammen wie in +einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde +Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Glücks auftauchen kann. Es +gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder spränge. Ich +habe in fremden Ländern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat +zurückkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren – +sie waren schüchtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit +zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest +auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie mußten sich alle +in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natürlich: der +Star, der aus dem Süden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht +am ersten Tage. Er schüttelt in der entwöhnten Luft erst sein Gefieder +zurecht. + + * + +Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Briefträger aus. +Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er könnte längst da sein. +Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine +Antwort. + +Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede, +ein Brief könne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter +schüttelte den Kopf und sagte: + +„Einen solchen Brief würde Gott behüten.“ + + + + + + DIE FEINDLICHEN STÄDTE + + +Ich muß versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein +junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in +sehnsüchtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich +heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die närrische +Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustädter zu +erzählen beginnen. + +Waltersburg ist eine in einem wunderschönen Talkessel gelegene Stadt von +2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zählung. Der Personenstand +wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Höhe auf; auf runde +3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Bürgermeister, Herr Wilhelm +Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der +Waltersburg Anno 1904 geschenkt würde, solle eine goldene Uhr bekommen, +Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein männliches oder ein weibliches +Wesen beträfe, und diese Ehrengabe wolle er, der Bürgermeister, aus +eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel +bewundert. Im nächsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zählung +wurde nicht bloß vom Magistrat, sondern auch von der Bürgerschaft sehr +eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in +der zweiten Hälfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke +und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide +hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am +30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des +blühenden Töchterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor +Ärger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt +aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn, +und der entzückte Vater stürzte nach dem Rathause und schrie: „Der +dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!“ Im Vorzimmer des +Bürgermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt. +Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes +angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte +gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht über +diese so wenig vom Glück begünstigte Stadt. + +Der Bürgermeister hielt sein Angebot auch für das kommende Jahr aufrecht, +und einige werdende Mütter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der +Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner +siebenköpfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste +Ratsmann, Bäckermeister Schiebulke, es für den richtigen Zeitpunkt, sich +als einen Gönner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits für den +dreitausendsten Einwohner eine Prämie auszusetzen, und zwar ein neues +Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins +Stadtblatt, und die Bürger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein +neugeborenes Kind könne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern +vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind könne von einer Uhr die Zeit +ablesen, gab Schiebulke giftig zurück. Da setzte der Wirt vom „Goldenen +Löwen“, der ein reicher Mann und ein wenig ruhmsüchtig ist, einen +erschrecklich hohen Trumpf auf: + +„Goldene Uhr und Fahrrad“, sagte er, „sind gute Dinge. Nur leider die +Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein +nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe +beweisen und lege 5000 Mark in die städtische Sparkasse für den +dreitausendsten Bürger, den Waltersburg in diesem Jahre erhält.“ So +lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure +Aufregung hervorrief. + +Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Fällen überhaupt meist etwas +Unerwartetes geschieht. + +Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Höhe von 2993 erreicht, als +der vor kurzem nach Neustadt übersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit +seiner Frau und seinen fünf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte +und glückstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fünftausend Mark +für sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend +erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den +frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug, +das gälte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der +zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe, +und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklärte im +Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hören wollte, unter +Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine +öffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfüllt sei +und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Prämien zufielen. + +Aller Ingrimm der Welt hätte an der Tatsache nichts geändert: Heilmann +bekam die Preise. + +O unglückliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Haß, +und alle Männer gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben +oder die Haare schneiden zu lassen. + +Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschläger gar nicht, sondern er +zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurück und +nahm die Preise mit. + +Waltersburg zählte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden +nicht erneuert. Das ist nun einer der Fälle, aus denen das feindselige +Verhältnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon +einigermaßen erhellt. + + * + +Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden +Städte Waltersburg und Neustadt nichts geändert. Und doch ist Neustadt +eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie +kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den mäßig hohen +Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, daß die beiderseitigen +Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei +Stadtblättchen ständig befehden, der Haß gegen die Nachbarstadt bringt +auch noch heute die Köpfe der Waltersburger Stammtischphilister in +Gluthitze und überträgt sich sogar auf die Frauen und Kinder. + +Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg +eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm +vorbeigezogen, die Horden des Dreißigjährigen Krieges haben vergessen, die +Stadt auszuplündern, so daß Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern +nach dem Westfälischen Frieden eine der volkreichsten Städte Deutschlands +war, ein Umstand, über den in der Stadtchronik des weiten und breiten +geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei +Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff für ein weiteres +Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben +keine besondere „_gloire_“ darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg +zu berennen. So war das weiße Lamm in grünem Felde ein sehr angebrachtes +Wappentier für die friedfertige Stadt, und es gehörte schon die ganze +boshafte Niedertracht der Neustädter dazu, zu behaupten, weiland der +geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. hätte den Waltersburgern das Lamm für +ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentümliche und +unausrottbare Schafköpfigkeit wohl erkannt habe. + +Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter +Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede +einmal auf den Bahnbau kommt. + +Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten +wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Würmer, hatte die Regierung +dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke über Waltersburg zu führen, ja +die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte +die Bürgerschaft in die allerschwerste Sorge gestürzt. Sie sandten zum +Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater möge das +schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg +bedrohe, allergnädigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht +empfangen, brachte aber in aller Stille ein kräftiges Wort mit heim, das +ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht +viel schmeichelhafter klang als die Neustädter Auslegung des Waltersburger +Wappentieres. + +Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde +jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt +entfernt, vorbeigeführt. Daselbst wurde auch ein großer Bahnhof angelegt, +da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte +einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station führte, da sie doch +benannt werden mußte, den Namen „Waltersburg-Neustadt“. + +Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber +diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Später hat ein Dichter in der +„Neustädter Umschau“ ein Poem veröffentlicht, in dem es hieß: + + _„Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_ + _Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_ + _Sie haben eine Bahn, die woanders ’rum geht,_ + _Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_ + _Sie füttern der Hasen und Rehe wohl viel,_ + _Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_ + _Sie sperr’n ihren Fluß, daß kein Fisch hineinschwimmt_ + _Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_ + _Und wär’ mal ein Mäderle gerne geküßt,_ + _Da wartet’s, bis auswärts ein Kirmestanz ist.“_ + +Für dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustädtern viel Lob und von +den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Prügel geerntet. + +Neustadt verdankte seine Gründung einem trutzigen Bürger von Waltersburg, +dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt +Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so günstige Gelegenheit, +einen großen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er +mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr, +die bis zu persönlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit +seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Bürgermeister von +Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehörte, in bitterem +Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Väter aus und baute +jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein großes Hotel, dem er +den Namen „Zur guten Hoffnung“ gab. Die „gute Hoffnung“ erwies sich +zunächst als schlecht; denn da das Hotel auf bloßem Felde stand, alle +Eisenbahnpassagiere aber fanden, daß sie in der menschenleeren Wald- und +Wiesengegend nichts zu suchen hätten und darum immer schleunigst +weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten +abgerechnet, die am Abend ihr Schöpplein tranken, und an August Bunkert +kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, daß der +neuerungssüchtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu +ihrer Ehre muß gesagt werden, daß Bunkert vielen leid tat und daß man dem +verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art +wieder auf die Beine geholfen hätte, wenn es dem Ausreißer nur eingefallen +wäre, zurückzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art +der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte. +August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf +einen Brief seines bürgermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er +denn auch den Rest seines schönen väterlichen Erbes noch vollends +verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal +überlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich günstig. Die große +Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert übertragen wurde, hielt ihn +zunächst über Wasser, und endlich gelang ihm der große Schlag. Er brachte +eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Großstadt zusammen und +kaufte als deren Funktionär oder Generaldirektor, wie er sich lieber +nannte, alles Waltersburger Gelände auf, das jenseits des Weihnachtsberges +gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Hände über den Köpfen +zusammen. Hundert Taler über den ortsüblichen Preis hinaus gab Bunkert für +jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich, +ihre entlegenen Ländereien unter so glänzenden Bedingungen loszuwerden. +Innerhalb von eineinhalb Jahren besaß kein Waltersburger mehr jenseits des +Berges auch nur einen Halm. + +Die ganz Gewissenhaften aber schüttelten die Köpfe und sagten: Dieser +Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein +Hochstapler, und man sollte doch sehr überlegen, ob man den unangebrachten +Preis annehmen dürfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland +nie und nimmer herauswirtschaften könnten. Doch auch diese ganz +Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld. + +O du großmächtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August +Bunkert erworben, an den grünen Wiesen, am Flußufer, den Weihnachtsberg +hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen, +Einfamilienhäuser, Sommerwohnungen, Baderäume, ein Kurhaus, eine +„Wandelhalle“ bauten sich auf, ein Basar für Lebensmittel, ein anderer für +„Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstände“ wurde errichtet, Hunderte und aber +Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschäftigt. Und alle Häuser +baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann. + +Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spöttisch und +verächtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei +sich: Was tut sich? Da erschien in den großen hauptstädtischen Blättern +ein Inserat: „Waltersburg-Neustadt, entzückend am Südabhange des 450 Meter +hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in grünes +Wiesen- und Flußland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des +Naturgenusses, bei vorläufig nur fünf Mark pro Quadratmeter Bauland +(Anzahlung von 3000 Mark an) für alle, die sich ein Eigenheim gründen +wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fünfviertel Stunden von +der Hauptstadt entfernt. Großer Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller +Schnellzüge. Täglich zwölfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an +Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten.“ + +Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so +großen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute +lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer +Beklommenheit. Am Abend saß ein ganzer Stammtisch im „Goldenen Löwen“ mit +der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen +Land koste, wenn das Quadratmeter auf fünf Mark komme. Niemand kriegte es +heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den +Amtsrichter Knopf verließ seine akademische Bildung; er knurrte, er habe +ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben könne überhaupt immer +nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer +Herder, und der erklärte: + +„Ein Morgen altes Maß ist ungefähr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat +10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter groß. +Kostet ein Quadratmeter fünf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel, +also 12 500 Mark.“ + +Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Männer, +die noch mit am Tische saßen, heftig mit den Fäusten auf den Tisch, und +zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er +müsse sich täuschen. Der aber saß mit der Würde eines Mannes, der von der +Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl überzeugt ist. Sein ganzes +Wesen sagte: meine Rechnung stimmt. + +Da wurde zunächst eine große Stille. Dann sagte einer: „Wenn das wahr ist, +sind die Kerle große Gauner; 1000 Mark haben sie für den Morgen gegeben, +12 000 Mark verlangen sie.“ + +Schweigen. Nach fünf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten +Ziffern auf und sagte: + +„Sie arbeiten mit elf Prozent.“ + +„Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu“, bemerkte der +Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter. + +Der schüttelte den Kopf, was in diesem Falle „ja“ und „nein“ heißen +konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte: + +„Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000 +Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent +Gewinn.“ + +Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Bäckermeister Schiebulke, der +gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Grübeln. Seine +Seele wanderte zurück bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er: + +„Ja, natürlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent.“ + +Da hoben sich die Fäuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese +Überraschung war zu groß und schwer; die Hände sanken still herab ... + +Was die allergrößte Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg +zum großen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte, +war auf dem besten Wege, ein aufblühender Badeort zu werden. Zwei +„Quellen“ waren entdeckt worden, von denen die eine „Kaisersprudel“, die +andere „Felsensprudel“ hieß, und die beide nach dem Gutachten eines +sachverständigen Professors aus der Hauptstadt „hervorragend radioaktiv“ +waren. Die Neustädter feierten Siegesfeste, während die Waltersburger vier +Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort „radioaktiv“ richtig aussprechen +konnten, und natürlich auch dann noch nicht wußten, was das sei. + +Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung +auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger +heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im +„Löwen“ statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe +abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die +Decke. + +„Wie – wie bei Champagner“, stammelte Herr Hirsemann. + +„Blödsinn“, knurrte der Amtsgerichtsrat; „das is Kohlensäure; die is dem +Wasser eingepumpt; alles künstlich, nichts natürlich; ich kenn doch die +Wasserpfützen drüben – Betrug is es, glatter Betrug!“ So wartete man, bis +sich die Kohlensäure verflüchtet hatte, dann trank der Bäcker und sagte: + +„’s schmeckt ’n bissel salzig.“ + +„Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben“, grollte der +Richter. + +„Salzig kann man nicht sagen“, meinte der Getreidekaufmann Schneider, +„sondern so mehr säuerlich!“ + +„Ja, weil Sie von gestern noch ’ne saure Schnauze haben“, zürnte Herr +Knopf. + +Unter solchen Umständen hätte der Löwenwirt, der auch mit probierte, mit +seiner Äußerung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu +schmecken, zurückhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr +ihn an: „Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre +eigenen Zigarren, muß Ihnen natürlich alles nach Schwefel schmecken.“ +Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere +gewöhnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert. + +Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die +Neustädter hatten sich für ihr Bad einen Propagandachef engagiert. + +„Propagandachef!“ – Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der +Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustädter aber wußten +nicht bloß, daß es so etwas gäbe, sie engagierten es sogar. Und der +Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Bäcker +abends im „Löwen“: + +„Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefühl.“ + +Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsächlich deswegen, weil er +immer widersprach: + +„Jude hin, Jude her! Es is ’n alter Witz, daß in den ganzen Antisemitismus +nich eher ’n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst +machen. Wenn die Neustädter ihre faule Sache deichseln wollen, mußten sie +’n Juden nehmen, ’n Christ ist viel zu dämlich dazu.“ + +Der Bäcker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden, +verließ er das Lokal. + +Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt. +Es war ein entzückend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit +reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen +pries Neustadt in so berückender Form, daß eigentlich jeder Mensch zu +bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach +Neustadt abreiste ... + + * + +Die feindlichen Städte! Vielleicht, daß mir der lustige Hader die Zeit +verkürzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch +vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. „Ich kann +nicht mehr schweigen; ich grüße dich und Fritz. Aber schreibt mir keine +Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid.“ + +Mit diesem Telegramm saß die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach +Hause kam. Sie sprach nicht, sondern übergab mir nur wortlos die Depesche; +aber sie sah mich stolz und verklärt an, als wollte sie sagen: „Sieh, +solch einen guten Sohn habe ich!“ „Ich freue mich über Joachim“, sagte ich +und ließ sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen +hinunter, dessen Wasser einförmig rann. + +Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine +Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hölle gewandeltes Paradies. Es +gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit +einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm näher stand als der +Bruder, und es war eine schöne Stadt, die ihm lieber war als der +Geburtsort; das war Heidelberg. + +In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen. + +Darüber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her +fährt, nicht mehr hinweg. + + + + + + DAS MODEBAD + + +Dieser 5. April war ein sehr merkwürdiger Tag. Ich war drüben in Neustadt +und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im +klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des +alten Sanitätsrats in Waltersburg übernehmen solle. Der Alte will sich zur +Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein +ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fällt es niemals ein, krank +zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: „Wenn +einer nicht gerade unverschuldet verunglückt, ist es eine Schweinerei, +krank zu werden. Denn wenn einer vernünftig lebt, wird er eben nicht +krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrißt.“ So +erschien dem Pfarrer der Sanitätsrat immer höchst überflüssig, wie +andererseits dem Sanitätsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer +überflüssig erscheint. Persönlich aber vertragen sie sich recht gut, +spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen +gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der +Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitätsrat beide für überflüssig halten; +denn außer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand +eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch höchstens drei +Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem +„Grüßfuß“, und der Sanitätsrat behauptet, daß der Richter seinem einzigen +„Kunden“ immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also für einen, der keine +Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu +werden. Im Herzen wäre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg +niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht +traue, und mich also dort gewissermaßen mitschuldig zu machen, den Leuten +das Geld aus der Tasche zu ziehen. + +Heute war ich drüben in Neustadt. Während der fünf Jahre meiner +Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit +amerikanischer Rapidität emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel über +den „Sprudeln“, die „Promenade“ mit ihren unendlich gepflegten, unendlich +bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das +„Polnische Lied“, den „Einzug der Gäste in die Wartburg“, das +„Frühlingslied“ von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein +unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem +Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und +der Flötist an der Rampe des „Musikpavillons“ wie überall mit den +vorbeiflanierenden Mägdelein liebäugelten; ich sah auf den Estraden leerer +Restaurants Kellner lauern, die wie Bräutigame gekleidet waren oder wie +Leichenbitter, fünfunddreißig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen +sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte +Köchin bereitet; ich sah eine „Wandelhalle“ mit Schauläden, in denen die +schönen und ach so „preiswerten“ Broschen prangen, die man den +Dienstmädchen als „Mitbringe“ schenkt und deren Goldglanz mindestens +anhält, bis das Mädchen am nächsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte +Gläser mit der Aufschrift „Zum Andenken“ oder „_Souvenir de Neustadt_“, +Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei +Bären auf einem Amboß pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele +Kunstgegenstände, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkündete, +daß ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter +debütieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk „Geheimnisse von Neustadt“ +zur Aufführung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg +Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bühne, die Hauptrolle +kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in +ein Café und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir +das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der +schon immerfort nervös hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie +lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit +Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzählte mit +unerträglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner +Krankheit, wofür sich dieser so interessierte, daß er während der Zeit des +Zuhörens das ganze Mittagsblatt durchschmökerte; drüben an der Wand +stritten zwei rote Köpfe laut über Nietzsche; eine vorübergehende Mutter +machte ihrer bleichsüchtigen Tochter Vorwürfe, daß sie ihren Brunnen statt +um fünf erst um fünfeinhalb Uhr getrunken habe, was natürlich furchtbar +schaden könne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tänzelten vorüber, und +in der Kapelle drüben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen: +„Das Meer erglänzte weit hinaus im lichten Abendscheine“. + +„Auch Sie, Fräulein Trude“, hörte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu +seiner sechzehnjährigen Begleiterin sagen, „haben mein Herz vergiftet, +zwar nicht durch Ihre Tränen, wohl aber durch Ihr Lachen.“ + +„Aber Herr Lempert“, sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh +nach Waltersburg und ging. Draußen auf den Promenadengängen das gewohnte +Publikum; die galizische Jüdin mit etwas schmierigen Spitzen am +Halsausschnitt und den großen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem +hocheleganten weißen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der +„Künstler“, dessen Kraft wie bei Samson in der Fülle der Locken sitzt und +der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen +Mundwinkel eingeübt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders +hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiß weder +er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch); +die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende +Einsame, der keinen Anschluß findet; das laute Mädchen, das immer zehn +Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschäftsfreunde, die +auch hier über ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde +Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die „Patienten“, die +gewissenhaft aus geschliffenen Gläsern das Neustädter Wunderwasser +schlürfen, als könnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen +Jahren krank ward. + +Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach +Hause und wählte als Heimweg den Pfad über den Weihnachtsberg, der als +Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt. + + + + + + AUF DEM WEIHNACHTSBERG + + +Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwürdiges Gasthaus. Es sieht aus wie +eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbrücke, +Butzenscheiben und was so dazu gehört. Das echteste von dem ganzen +romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hieß, weil er einen langen +Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er +Eberhard hieß. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien +Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Höhe so gute Tage, +daß ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war für die +Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie +ängstlich, sehnsüchtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges +hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den +Gipfel hüllte, flammte da oben ein mächtiges Bergfeuer zum Himmel, und +eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: „Vom Himmel hoch, +da komm ich her.“ + +„Er kommt, er kommt!“ stießen da die Kinder heraus, und die kleinsten +zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Geläut +der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis +prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die +wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und +Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die +reichen wie die armen, die großen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und +Großmütter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam, +winkten die Kinder mit den Händen, die Väter nahmen die Mützen ab, und die +Tanten und Großmütter machten tiefe, ehrfürchtige Knickse. Der Knecht +Ruprecht aber saß da auf seinem tannenbekränzten Thron wie ein König und +nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und +winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und +Reichen, an die Gerechten und Ungerechten. + +Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die +Fackelträger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans +Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg +hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich. + +Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustädter +und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war, +sein Gasthaus für einen guten Preis ab. Die Neustädter machten aus der +alten edlen Burgherberge ein „Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm +und im übrigem allem Komfort“. Es wurden hölzerne Veranden mit großen +Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte öde +Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der +modernen Zeit. + +Daß schweres, reines Altgold in dünnes Flitterblech gewalzt wurde, +empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend +vergebens ausspähten nach dem leuchtenden Höhenfeuer und der süßen, +verheißungsvollen Melodie: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ + +In Gedanken an alte, schöne Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So +sentimental war ich aber nicht, um dem neuen „Etablissement“ auszuweichen; +dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel +Schifflein scheitern sehen, um so eine Unglücksstelle feig zu umsegeln. +Ich kehrte in dem „Etablissement“ ein. In der großen Glasveranda waren +drei Kellner und ein Gast anwesend. + +Dieser einzige Gast saß am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tür +hereintrat. Daraus erkannte ich, daß er kein Deutscher war. Im übrigen +genügte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den +Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter +den bunten Finken. + +Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen, +wenn es gilt, einen „Uncle Sam“ zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den +glattrasierten, rasiermesserdünnen Mund, die etwas schlottrige Figur mit +den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den +karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die +Stube, stellte fest, daß achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war, +und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenüber, ohne ihn zu +grüßen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins +Tal. Ich beachtete ihn auch nicht. + +Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz +still. + +Endlich blickte der Mann mir gegenüber auf und sagte, indem er nach +Neustadt hinunterwies: + +„Das ist ein sehr albernes Nest da unten!“ + +Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch: + +„So kann man schon sagen. Es gefällt mir auch nicht.“ + +„Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben.“ + +„Woraus schließen Sie, daß ich in Amerika war?“ + +„Ich denke es mir.“ + +„So, so!“ + +Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm „Uncle Sam“ das +Gespräch wieder auf: + +„Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?“ + +„‚Nichts‘ kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig +unnütze. Das sage ich.“ + +„Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?“ + +Ich zuckte die Achseln. + +„Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die +nötige Muße zu solchen Träumen hatte.“ + +„Sie sind Schiffsarzt?“ + +„Ich war es.“ + +Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein +wenig vom Stuhle auf und sagte: + +„Mister Stefenson. Öl und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und +Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?“ + +„Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrückte Idee!“ + +„Verrückte Idee ist schön. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet +einen sehr großen Mangel an verrückten Ideen. Es ist zu brav, es macht +zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die überraschende Pointe. +Der Amerikanismus ist besser.“ + +„Das sagen Sie so!“ + +„Es ist so.“ + +Ich war verstimmt und schwieg. + +„Nun?“ fragte er ungeduldig. + +„Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, würden wir +viel Zeit brauchen; am Schluß würden Sie mich doch nicht verstehen. So was +liegt Ihnen nicht.“ + +„Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir“, gab er zur +Antwort. + +Da kam ich in Laune und sagte: + +„Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreißen. Ich will mal annehmen, +meine Heilanstalt bestände schon und Mister Stefenson käme zu mir als +Kurgast.“ + +„Das ist gut! Das ist instruktiv!“ rief er. „Wie heißt Ihr Sanatorium?“ + +„Ferien vom Ich.“ + +„Wie?“ + +„Ferien vom Ich.“ + +„Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht +nicht.“ + +„Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde +ich Ihnen kein Wort über meine Heilanstalt sagen. Daß Sie den Namen nicht +ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute.“ + +„_Well_; ich sage nichts mehr. Ich höre.“ + +„Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses +Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt ‚Ferien vom Ich‘. +Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz +zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehört und hauptsächlich darum, +weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach +Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern +an.“ + +Mein Gegenüber nickt. + +„Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser.“ + +„Der Ankömmling findet in der Nähe von Waltersburg ein Gelände von Wald, +Hügeln, Gärten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, über die kein +Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt +alle, hier ist eine Welt für sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor. +‚Ferien vom Ich‘ steht darüber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen +ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlägt einmal +an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der öffnet das Tor. Er ist nicht +in der weltüblichen Tracht, er trägt Pluderhosen, Sandalen an den Füßen, +eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhäuptig. Vor +Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: ‚Lieber Freund, Sie +sind wohl wenig unterrichtet, sonst kämen Sie nicht mit solch unnötigem +Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepäck +unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und +kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.‘ + +Mister Stefenson ärgert sich nicht wenig über diese Ansprache des +dienstbaren Geistes, aber er will hinter den ‚Trick‘ kommen, deshalb winkt +er seinem Gefolge ab und geht in das große Ferienheim des Lebens. Die +Pforte fällt hinter ihm zu. Sein Begleiter führt ihn eine Lindenallee +bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstücke. Am +Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine +Einsiedlerhütte. Das Häuschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist +bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte, +aber geschmackvolle Möbel und gute Bilder an den Wänden. In dieses Zimmer +führt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: ‚Hier bleiben Sie, lieber +Freund, zwei Tage und zwei Nächte. Lesen Sie die wenigen Blätter, die auf +dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens- +und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst +nicht gefällt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der +Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den +ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu +helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden +Sie sich mit den Blättern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab, +können Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so +hängt hier am Nagel an der Tür ein Schlüssel, der die Pforte unten an der +Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schlüssel von innen stecken und schlagen +Sie die Pforte von außen zu. Zu bezahlen haben Sie für das, was Sie +inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, daß Sie einmal dagewesen +sind.‘ + +So sagt der Torwart, und dann läßt er den verwunderten Herrn Stefenson +allein. + +Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen. +Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Blätter aufsagen, sondern nur +einige wenige Sätze hervorheben. ‚Betrachte dein Leben mit allem, was es +gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genüssen, Sünden, als eine +Anstrengung, die dich müde gemacht hat und deine Kräfte zermürben wird. +Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Löse +dich zunächst los von dem Götzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von +dir so zärtlich geliebten Ich. Entkleide diesen Götzen allen Tandes, den +du ihm mit großen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden +Namens, seiner Genußsucht, seiner Herrschsucht über Geld und andere +Machtmittel.‘“ + +Hier unterbrach mich mein Zuhörer. + +„Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen +Sie es einfacher und instruktiver!“ + +„Schön! Nehmen wir also an, daß jener Herr Stefenson die zwei Tage und +zwei Nächte in dem Einsiedlerhäuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen. +Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und +ohne jede Einleitung sagen: ‚Ich habe Ihre Blätter gelesen und muß Ihnen +sagen, Herr Doktor, daß mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum +Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem +Ferienheim nicht mehr Stefenson heißen, sondern einen anderen Namen +haben?‘ + +‚Setzen Sie sich‘, wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die +Bank neben der Haustür drücken. + +‚Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.‘ + +Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr +Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst über sein Leben +niedergeschrieben hat. ‚Ich werde die Blätter mitnehmen‘, sagt der Doktor, +‚und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript +zurück und können es selbst vernichten.‘ ‚Das ist so ähnlich wie bei +Lahmann‘, sagt Stefenson. ‚Ja‘, nickte der Doktor, ‚ich habe vieles von +Lahmann, der wieder vieles von Prießnitz und anderen hat. Wenn einer +hochkommen will, muß er immer auf die Schultern anderer steigen.‘ + +Der Arzt unterhält sich nun lange mit Mister Stefenson und erklärt ihm +auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. ‚Sie +sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der – sagen +wir – John heißt; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun. +Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad, +zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt, +befeindet, belogen, betrogen – arbeitet und amüsiert sich halb zu Tode, +hat mancherlei Schwächen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude +am Leben verkürzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter +Mensch, während dieser John hier keinen liebedienernden Troß, keinen +vorteilssüchtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher +unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten +arbeitet, nicht weiß, ob dieser Mann draußen in der Welt ein Fürst oder +Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz +köstlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen +abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den +Großen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verrät sie nicht. Daß der +Patient während der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist für den Erfolg +für uns eine große Hauptsache. Der Name ist meist die stärkste Kette, die +mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie muß in Ferientagen gelöst +werden. Und wäre der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten +Kaufmanns gewiß ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist – wer richtig +ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der +gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht +zu werden. Und für uns hat es noch das eine Gute: Es hält uns alle +albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk; +wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst. +Im übrigen hoffe ich, daß Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen +wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr. + +Wovon Sie weiterhin erlöst werden müssen, ist das Geld. Sie haben während +Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich +tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis +zu Ihrem Austritt, abzüglich des Betrages für Ihren Kuraufenthalt. John, +der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen +Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit glücklich, nicht den ganzen Tag +über sich Hände entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie +es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche +schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche fürs Taschentuch +– Geld hat er nicht, Schlüssel, Messer, Taschentoilette, Füllfederhalter, +Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird über +Bord geworfen. + +Auch die Uhr! + +Es geht John gar nichts an, wie spät es ist, es ist gänzlich ohne +Interesse für ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr +sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu ängstigen, +er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht +versäumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie +werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal +nach der Uhr sehen muß! Die Uhr, die über dem Herzen schlägt, schlägt +schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer +größerer Eile anspornen – und der Weg führt doch ans Ende des Lebens. +Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher +wird bei uns außer Tätigkeit gesetzt. + +Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn +auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Großkaufmann von +Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob +Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im +‚Völkerbund‘ für Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal +das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist – kurz, John +liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson, +auszufüllen hatten, steht: ‚Wie lange lesen Sie durchschnittlich täglich +über der Zeitung, wie lange also im Jahre?‘ Sie haben den täglichen +Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jährlichen also auf 274 Stunden +berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie +aufs Zeitunglesen dreißig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres. +Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: ‚Schreiben Sie kurz +nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektüre aus dem vorigen und aus dem +vorvorigen Jahre noch wissen!‘ Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen, +steht auf fünf kleinen Blättern, und Sie geben es ehrlich an, daß es Ihnen +schwere Mühe verursacht hat, diese fünf Blätter zu füllen. Vom vorvorigen +Jahre wußten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz große Ereignisse +standen noch im Gedächtnis. Nun ist ja sicher, daß durch das Zeitunglesen +viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber +Sie selbst müssen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines +ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitökonomische geht uns +übrigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf +sich nicht das Frühstück verderben lassen, weil Herr Stefenson in +ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen Ärger über einen +Deputierten saugen würde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede +gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darüber, daß +einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist; +John disputiert nicht eine Stunde lang darüber, ob das Bündnis zwischen +den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet +auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Für Herrn +Stefenson aus Amerika mögen die nervenanstrengenden Dinge, die täglich in +der Zeitung stehen, wichtig, ja unerläßlich sein; denn Herr Stefenson +steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht +drücken; aber ich – o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des +Lebens geht mich rein gar nichts an. + +Es kommt noch eins hinzu – John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne +ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist, +behält er die Hauptfäden seiner geschäftlichen Angelegenheiten immer in +der Hand. Er läßt sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen, +er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch +auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John +sagt: Wenn Herr Stefenson tot wäre, ginge es auch; folglich geht es auch, +wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als +wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal +gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand +nehmen und sagen: Sei froh, daß du mal ausgeschieden warst, du hast +inzwischen glänzende Geschäfte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt, +wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten überläßt. + +Im Ferienheim gibt es täglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die +Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schließt, daß er +über einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben müsse, der geht in die +Kanzlei, dort liegen dreißig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald +beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verläßt er die +Ferien und geht in die Lebensschule zurück. Bis jetzt sind nur drei +Prozent unserer Feriengäste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu +lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschläge. Sie sind zu +ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie +auf einige Zeit gar nichts an. + +Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen +Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten +treiben. Eine der allergrößten Hauptpersonen ist der Briefträger. Man kann +sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten +Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein +paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, daß sich +der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in +menschenfresserischer Laune; das Töchterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch +gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt +befragen, was ohnehin natürlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die +Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der +Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurück und bricht fast +in Tränen aus über die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der +blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes +Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das +Schreiben eines ‚Freundes‘, das ihm suggeriert, seine Stellung sei +erschüttert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. – Die +Ärzte können sicher rechnen, daß das, was sie in einer Woche aufbauen, +manchmal der Briefträger in zehn Minuten einreißen kann. + +Und deshalb wünscht das Ferienheim sehnlichst den Briefträger zum Kuckuck, +weil er die Ferienruhe stört, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts +anderes steckt, als ermüdende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb +bitten wir unsere Feriengäste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns +lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im +Notfall an mich; alles Kleine laßt weg, erzählt es mir, wenn ich +heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu +gegeben wären. Bedenkt, daß mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich +in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das +Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht +ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fuß sitzt. + +Das ist eine scheinbar harte Maßregel des Ferienheims, die viele gehindert +hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung +als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen großen Teil seines +Erholungsaufenthaltes an ein Postbüro binden will, soll anderswo hingehen. + +Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres +Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne +Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unnütze Briefschreiben +oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und +Bekanntschaftsfesseln. + +Sie merken schon, Mister John, daß ich an alte Klosterideale angeknüpft +habe. Nur, daß es sich eben nicht wie beim Kloster um die +Lebenseinrichtung überhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens +handelt, und daß wir nicht aus religiösen, sondern aus sanitären +Beweggründen handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befähigt noch berufen. +Aber – um auch diesen wichtigen Punkt zu berühren – wir empfehlen allen +denen, die noch eine religiöse Anschauung haben, aus reinster +Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen +Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergrößte +seelische und darum auch die allergrößte körperliche Wohltat. Ein Arzt, +der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt außer +acht ließe, wäre ein Stümper. Deshalb wird all unseren Feriengästen +Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es bedürfen. Daß wir uns +dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen +enthalten, ist ganz selbstverständlich. + +Die ärztliche Behandlung wird natürlich für jeden Feriengast individuell +sein; für Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr für die Müden, für +die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, für die, +die gern noch einmal mit frischen Kräften von vorn anfangen möchten. + +Für die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumsüchtigen hat man jetzt +draußen Entziehungskuren, die großen Segen bewirken; wir wollen hier allen +denen Entziehungskuren gewähren, die auf irgendeine Weise vom Leben +vergiftet sind. Ganz generell werden alle erlöst von allem Eitlen und +Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drückenden Last öffentlichen und +privaten Lebens, von unnützen Bedürfnissen; individuell sollen sie erlöst +werden von ihren Krankheiten, Lebenssünden und Lebensschwächen, von +unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die +kostbare Fähigkeit zur Freude wiedergewinnen. + +Wir scheiden aus dem Ferienheim die üblichen Vergnügungen aus. Sie finden +bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Früh-, Mittags- und +Abendkonzerte, keine Spielsäle, Taubenschießen, Theater- und +Varietévorstellungen, keine prunkhaften Umzüge und italienischen Nächte – +denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und +betrügt alle die, die mit neuen Kräften nach Hause kommen wollen. Wir +suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschäftigung in +frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete +umgraben müssen, auch werden Sie sich gelegentlich am Fällen eines Baumes +oder am Holzsägen beteiligen müssen; es kann aber auch sein, daß Sie mal +einen Hecht angeln oder ein paar Körbe Äpfel pflücken müssen. Da Sie, wie +Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schöngeistiges Buch +gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und +einem Bändchen Lyrik nicht herumkommen. Während wir bei sogenannten +Leseratten Entziehungskuren machen, muß bei Ihnen in diesem Falle eine Art +Zwangsernährung einsetzen. + +Die körperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natürlich gut +und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot +selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie überlassen. Im +großen Küchen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben +gegenwärtig einen Feriengast, der draußen in der Welt eine Schar von +Dienern hat. Auch er muß sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst +bereiten. Anfangs wußte er nichts anderes, als daß er sich Brotstullen +schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter +beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das nächste +Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen +Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann +ergänzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nüsse +und Früchte von den Bäumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst +bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf +sein Mahl und aß mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die +vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden +Sie sich z. B., wenn ein kühler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst +anzünden und unterhalten müssen. Hobelspäne und Reisig können Sie sich +leicht holen, das Holz müssen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister +John, wie warm und goldig solch ein selbstentzündetes Feuer brennt, viel +wohliger, als wenn es ein Diener angefacht hätte. Ein volles Dutzend Mal +werden Sie die Kacheln abfühlen, wie sie nach und nach warm werden, mit +einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar +andere Feriengäste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie +eigentlich heißen, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes +bekannt ist, als daß es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu +einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben – wie schön wird es sein, +mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzählen und selbst auf das Feuer +zu achten. + +Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hören bekommen; doch nicht oft und +nicht viel. Aber zur Laute wird öfter gesungen werden, und manchmal wird +irgendwo ein Bläserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der +Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten, +romantischen Tagen. + +Sport dürfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad, +Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen dürfen Sie, aber ohne Geld; +denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen +Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel +zwanzig, und würde alles hinterher in bare Münze sauber umgerechnet, so +würde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest würde energisch +ausgenommen werden. + +Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen +scheinen, ganz nach ärztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange +ein solcher Ferienaufenthalt währt, so muß ich Ihnen sagen, daß die +kürzeste Frist sechs Wochen beträgt, daß es aber sehr viel günstiger ist, +wenn die Ferienpause drei Monate oder noch länger dauert. Die ersten +vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren, +vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie +müssen erst heimisch werden, müssen das große Ferienglück erst ganz +fühlen, müssen die unaussprechlich süße Freude empfinden, wie Sie gesünder +und fröhlicher werden, dann erst kommt das Heil. + +Aber wenn Sie dann in die große, schwere Schule zurückgehen, werden Sie +mehr neue Kräfte, einen größeren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie +unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen +gelesen hätten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein +Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung +der Großstadt hinter seinen Aufgabenbüchern sitzt.‘ + +Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der +Tür des Einsiedlerhäuschens saß, seine Belehrung, und damit ende auch ich, +Mister Stefenson, den Aufschluß über das Ferienheim des Lebens, das nur in +meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird.“ + + * + +Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenüber am Gasthaustisch saß, schwieg +auch. Er hatte die ganze Zeit, während der ich sprach, mit halb +abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich +stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: „Danke sehr! Guten +Abend!“, nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner +bezahlt hatte. Ich ließ ihn gehen. + + * + +Am nächsten Tage ließ sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden. + +„Guten Morgen“, sagte er; „ich muß Ihnen sagen, daß mir das gar nicht +paßt, daß ich John heißen soll.“ + +„Wieso – wieso?“ fragte ich verwundert. + +„Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich nämlich mal +furchtbar geärgert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte. +Ich mag nicht John heißen. Ich habe mir ein Adreßbuch geben lassen und +nach einem einfachen, aber nicht zu häufigen Namen gesucht. Ich will +Zuschke heißen.“ + +„Sie wollen Zuschke heißen? Warum – wieso – wo wollen Sie Zuschke heißen?“ + +„In Ihrem Sanatorium natürlich – in Ihrem Ferienheim –“ + +„Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein +Phantasiegebilde – eine Utopie –“ + +Da sah er mich fest an. + +„Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begründen.“ + +Ich schlug die Hände zusammen. + + * + +Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschäftsmäßig, trocken, sogar ein +wenig mürrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die +Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das +viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere +Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei für romantische +Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte: + +„Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr +sprechen.“ + +Er nahm mich in den Bann der großen Kühnheit und Sicherheit seiner Seele, +und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson: + +„Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die +Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir +ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt, +und ich bin ein schlechter Geschäftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne +gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander +trennen.“ + +Dann ging er. Ich saß an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal +auf, trommelte mit den Händen, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa, +rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernünftiges – ich ging an die +frische Luft. + +So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Führung einer Kriegsarmee +berufen wird, oder einem Dichter, dessen großes Stück über die Bühne gehen +soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit +einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schöner Traum war, +mit einemmal vor die größte und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein – +wo wäre ein berauschenderes Glück? + +Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein über deinen +schrägen Dächern und alten Giebeln, wie schön singen die Spatzen am +Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus! + +Warte nur, mein altes Waltersburg, für dich kommt, wie für das +Dornröschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will +dich küssen mit einem heißen, so lebenspendenden Kuß, daß alle Starrheit +von dir fällt und du mitten in wonnigem Leben stehst! + +Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer +weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen – der Träumerglanz +soll in deinen Augen bleiben, der weiße Schimmer auf deiner Stirn, das +schöne, stille Lächeln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen +berühmt werden als eine Wohltäterin der Menschen. + +Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was +wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draußen +in der Welt, drüben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur, +stehe ich vor der bunten Bühne, und weil ich so lange und so oft +zuschaute, täuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiß, hinter den bemalten +Wänden liegt unordentlich Gerümpel und geht rauhe Zugluft durch schlecht +schließende Türen. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da +keine Chaussee; eine alte Landstraße führt ins Grüne. Am Hasenhügel setze +ich mich auf einen Stein. Mir gegenüber lag der Ostabhang des +Weihnachtsberges. Über den Fluß ging der Blick auf ein Hochplateau von +Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das wäre der rechte +Ort für mein Ferienheim. + +Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort für mein Ferienheim finden, in +dieser freundlichen, närrischen, gesunden Stadt! + +Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land. + + + + + + LUISE + + +Es ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages +genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei +dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er +aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen +überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein +„kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen +lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige +Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“. + +Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie +oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. +Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie +weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu +erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes +nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen +wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich +entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt +in ihrer Frauenseele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet, +zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als +daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte +finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem +„Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter +ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und +ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen +Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht +weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu +dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten +fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt +und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und +christliche Leute zu handeln. + +Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die +schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an +die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der +festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten +werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich +nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob +die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das +weiß ich nicht!“ + +Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich +bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und +ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht +das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die +Räder kommen, als es Joachim passieren könnte. + +Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief +geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr +andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht +geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich +an mich genommen und ihn soeben gelesen. + +Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung +und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, +Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte +feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich +aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die +feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind +aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige +Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt +sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das +ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die +anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen +Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und +Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für +Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe +Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie +müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das +ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich +auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien +sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in +Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite. + +Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter. + +„Lies den Brief!“ sagte ich. + +Sie schüttelte zornig den Kopf. + +„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston. + +Sie starrte mich an und wurde blaß. + +Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer. + +Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf. + +Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen. + +„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten +Scheitel. + +„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber +ändere es – es ist entsetzlich!“ + +Schmerz und Grauen schüttelten sie. + +Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach +Berlin.“ + + * + +Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet +fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen +schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen +spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen +Stimmung. + +Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine +Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden +Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen +geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn +nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu +gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? +Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast +der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle +diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den +Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen? + +Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er +im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm +durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu +retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, +fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist – +fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen +Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, während ihm der Regen +und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein +Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger +Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber +eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen +will und der selber dem Tode geweiht ist! + + * + +Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr +Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß +Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine +„Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. +Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser +Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale +Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende +Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, +der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den +Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie +wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, +dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann +– Berlin N. + +Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. +Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An +einer Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, +blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie +heißt du denn?“ + +Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“ + +„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“ + +Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur +konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich +eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am +Arm. + +„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“ + +Das Mädchen brach in Tränen aus. + +„Sperren Sie mich nicht ein!“ + +„Warum soll ich dich denn einsperren?“ + +„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“ + +Das Kind weinte noch lauter. + +„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det +Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“ + +Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen +eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an: + +„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen +verdient, feste zu nehmen ...“ + +„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“ + +Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein +Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen +mehrfachen Belagerungsring schloß. + +„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter. + +„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat +ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n +Lump.“ + +Der Schutzmann stand wie ein Fels. + +„Wer sind Sie?“ + +Ich zog eine Legitimationskarte heraus. + +„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die +Karte gelesen. + +„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel +braucht er, det Schwein ...“ + +„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“ + +„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten, +die die Sache nichts angeht.“ + +Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an. + +„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann. + +„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette. + +Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. +Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der +Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem +Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine +kurze Aufklärung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, +sagte der Schutzmann: + +„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß +Sie det Wurm da abkriejen.“ + +Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, +ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich +direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem +Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die +Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen +von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter +Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog +wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er +trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, +wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei +irgendeiner neuen Sekte war. + +Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich +wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte +er: + +„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr +Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich +kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich +verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – +aber sehen Sie, Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter +Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der +Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher +Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein +Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich +Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu +naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“ + +Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe. + +„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in +die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem +Aufräumen fertig ...“ + +Da sprach ich endlich. + +„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen +Luise.“ + +„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“ + +Er brach in ein meckeriges Lachen aus. + +„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich +außer mir. + +„Sie wollen mich – was wollen Sie?“ + +Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf +seinen Zügen breit. + +„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und +Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es +mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für Sie nicht zu +sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“ + +Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde +die kleine Luise drin zu schreien anfangen. + +Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu. + +Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab. + + + + + + SAMARITERDIENSTE + + +So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz, +Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch +noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission +ging, anderen zu helfen. + +Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz +besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen, +dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben, +der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben, +immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der +Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst +kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob +ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete. + +Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder +dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete. +Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter +dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein +silbernes Mütterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die +nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen +und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine, +die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert +um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte +nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was +sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug +halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum +gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an +ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu +fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten +Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war, +einen Anwalt zu befragen. + + * + +In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke +und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte +mich jemand auf die Schulter. + +„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“ + +Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt, +ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen. + +„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er. + +„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“ + +„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten +hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension +bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“ + +„Was gefällt Ihnen nicht?“ + +„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“ + +„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“ + +„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge. +Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem +Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären +Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in +der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen +Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim +soll ihr etwas liegen.“ + +„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht +miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“ + +„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen +Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie +öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und +Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen, +er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel +bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“ + +Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder, +sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte +dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im +ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll +und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt +die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert. +Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst +diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich +an unsere Aufgabe gehen kann.“ + +„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag +zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung +haben.“ + +„So rasch geht das nicht.“ + +„Wie lange kann es denn dauern?“ + +„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“ + +Herr Stefenson lächelte sanftmütig. + +„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach +einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr +Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen +Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“ + +Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte, +daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß +jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde +nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei +Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel +Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen +Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch +warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch +einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern +um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch +einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich. + +„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein +Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige +Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie +Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für +mich?“ + +Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims +und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der +Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber +Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er: + +„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt +alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch +erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre +lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“ + +„Ja, ich fand ihn nicht eher.“ + +„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte +den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie +mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“ + +Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die +Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im +Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ +mich. – + +Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an +mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat +sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein +Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer +geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die +Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an +dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges. + +Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner +Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich +nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er +die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. + +Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur +Entschuldigung seines späten Kommens: + +„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“ + +Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen +hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt: + +„Die Luise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem +alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um +die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles +schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer +und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten +gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus. +Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne +Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit +der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach +einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da +wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“ + +Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen. + +„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“ + +„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem +Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so +als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“ + +Mich würgte es in der Kehle. + +„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“ + +„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte +gefallen. Natürlich nicht das Sentimentale, aber daß sie fünf Jahre lang +die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer +ist zu gebrauchen.“ + + * + +Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein +wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht. + +Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen +Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen +nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte +mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem +als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung +ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist +Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung +ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei, +werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe +ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein. + + + + + + IN DEN TAGEN DES WERDENS + + +Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es +geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch +bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich +kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des +Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans +im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen +große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen +eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen, +und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten +gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann +war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson +gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die +Gänsehaut ankommt. + +„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte +Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“ + +„In einem Jahre?“ + +„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert +Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“ + +„Es ist dann aber auch danach.“ + +„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen. +„Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach +Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und +machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei +Tage Zeit dazu.“ + +„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in +sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“ + +Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen +Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am +vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen +Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun +daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen. + +Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in +jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student +tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine +Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in +zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt +wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns +gewiß nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants, +Plätzen und Straßen großstädtischer Art. + +Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein +großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird +darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber +auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein, +ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen +großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste +manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger +Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit +den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen +einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem +während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden. + +Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten +auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und +vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben, +mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück +vergangener Tage neu erstehen lassen. + +Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen, +unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten +suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann +ist es für unsere Zwecke auszugestalten. Eine Bauernschenke denke ich mir, +ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur +Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in +einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus +zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner +einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe +sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der +Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung, +und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner +Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes +Mädchen im Poetenwinkel kredenzt. + +Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen +österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein, +was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum +Zigarettendampf, nur keine Zeitungen. + +Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und +selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot +bleibt. + +Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch +keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt, +ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu +lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern +garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der +ärztliche Befund solche Genüsse verbietet, können sich unten am Fluß in +der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des +Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein +im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der +Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines +Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und +wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß +noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle +Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die +Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter +Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber +wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine, +die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei +Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich +gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche +aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste +mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen +anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken +allen Widerständen begegnen. + +Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen +und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die +er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem +Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für nächste Woche +fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn +Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun +Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung, +sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und +Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf +Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit +Kindern von vier Jahren aufwärts, _ad libitum_ Künstler und Artisten, +Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner, +Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden +täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten +(Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten +Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder +Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn +Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die +Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die +das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und +vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates +Friedensgericht. + +Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung +geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung, +sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg +wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste +gedeckt werden. Daß die Arbeit immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur, +immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das +Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust +und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem +die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit +trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es +gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft. +So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren +Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig +sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und +selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die +Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie +guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt +werden. + +Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen +getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die +Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder +eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und +Sonnenbäder und die Planschwiesen. + +Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da +freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen +Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von +Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es +wird nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch +nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf +tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten +Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände +nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große +Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder +Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse, +Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere +sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung +sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird +der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht +nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll +Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes. +Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er +wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig +zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll +es tun. + +Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der +Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische, +befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt +eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher +Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die +Tauben füttern, den Hühnerstall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln, +wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist, +aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen. + + * + +An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in +glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit +wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle, +die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen, +losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen +zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten, +zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut +in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch +Mineralwasser und Bäderzerstreuung. + +Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da +einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll +oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam +sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige +Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee +zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig +ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um +ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm +reden; es wird aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden +werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen: +„Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge +und sehe lustigen Menschen zu!“ + +Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen +müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache +maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind, +danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen, +sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die +Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und +Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie +sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer +vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie +werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun. + +So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie +befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine +Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends +im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude. + +Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der +Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich +mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission +einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es gut ist. Im übrigen bekenne +ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe. + +Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände +aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die +Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die +Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her +führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen +dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen, +Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir +kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an +der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir +eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser +„Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat, +unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr, +Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer +Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen. + +Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich +weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte. + + + + + + DAS KIND + + +Mitten in der Arbeit taucht viel öfter, als mir lieb ist, das Bild der +kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das +Kind im Hotel fand, war es ganz verängstigt, zitterte und weinte. Auf alle +Fragen sagte es immer nur: „Ich will heim!“ Zu den Schindern ins Elend +wollte es zurück, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir +fürchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie +sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich. +Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Prügel bekommen. Ich +sagte freundlich zu ihr: + +„Luise, fürchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich +bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel.“ + +Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm +erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter +oder eine Großmutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es +war auch besser; denn ich hätte ihr sagen müssen: „Nein, das hast du alles +nicht; du hast nur einen Onkel.“ Während ich mir noch vergeblich Mühe gab, +ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit +einem Diener, der ein großes Paket schleppte. Das Paket legte der +Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte: + +„So, da habe ich dir ein bißchen Spielkram gekauft!“ Es war eine kleine +Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege, +Hampelmänner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und +viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr +ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Händchen, tastete +schüchtern nach einer Puppe, zuckte aber zurück. Da fuhr sie Stefenson an: +„Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das mußt du +nehmen. Damit mußt du spielen, sonst setzt es was ab!“ + +Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing +gehorsam an zu spielen. Nach fünf Minuten kam ein leises Lachen, das +Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim +ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Züge, sah in Joachims Augen. Ich +erinnere mich nicht, je ein kleines Mädchen gesehen zu haben, das so +auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder ähnlich +ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am +fünften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte: + +„Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel wären, ob ich +vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das fällt mir gar nicht +ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn +gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden.“ + +Ich wußte schon, daß Luise in großer Liebe und Dankbarkeit an Stefenson +hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Fürsorge tat +ihr wohl. + +So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thüringen fahren und +wir nach Waltersburg zurückkehren mußten, schmerzlich für das Kind. Nur +der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise +inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte. + +Als wir im Eisenbahnwagen saßen, sagte Stefenson: „Die Gefühlsduselei mit +dem Kinde hört nun auf. Dazu haben wir keine Zeit.“ + +Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter +mit fragenden Augen entgegen. + +„Ich habe das Kind in saubere Verhältnisse gebracht“, sagte ich ihr und +ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzählte +nichts. Wir fühlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns +aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben, +es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen +erzählte, dessen Schicksal mich nichts angehe. + + * + +Die Zeichnungen, der Aufbau meines großen Ferienheims nahmen mich fortan +ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glückstage, Tage voll +Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefühl. Und doch stahl sich Luises Bild bei +Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei +verlorenen Arbeitstagen läge nicht viel, Stefenson säße sicher weit unten +in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwägungen saß ich in +einem Schnellzuge nach Thüringen. + +Ich hatte die Freude, daß mir Luise vertrauensvoll und dankbar +entgegenkam, und daß sie sich schüchtern an mich schmiegte, als ich sie +auf die Stirn küßte. + +Die würdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze +Zeit, als daß das Kind sich schon in ihm völlig fremde Kultur ganz hätte +fügen können; aber Luise zeige so gute körperliche und geistige Anlagen, +daß sie hoffe, das Kind würde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt +lag an der Promenade der hübschen thüringischen Stadt. Als ich das Haus +verließ, saß gegenüber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es +blieb mir gar keine Zeit, mich groß zu erstaunen, sondern er trat mir +gleich entgegen und sagte mürrisch: + +„Ich finde das sehr merkwürdig von Ihnen, daß Sie auch jetzt noch Zeit zu +solchen Exkursionen haben.“ „Ach, Mister Stefenson“, entgegnete ich +heiter, „ich dachte, Sie wären Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach +Sizilien.“ + +„Sticheln Sie nicht“, entgegnete er finster; „ich bin nicht nach Sizilien +gefahren zum Amüsement oder um einem kleinen Gänschen nachzureisen, +sondern um in aller Ruhe die Pläne für unser Ferienheim machen zu können. +Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plänen, die ich gemacht habe, +weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt +und den dritten in Luzern überhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte +ich doch gehofft, Sie würden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu +bleiben und zu arbeiten.“ + +„Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig.“ + +„Ah – das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?“ + +„Was er kostet, wie er balanciert, weiß ich nicht. Das ist nicht meine +Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofür sind Sie da?“ + +„Fürs Geldgeben!“ + +Er schüttelte melancholisch den Kopf. + +„Ihr Plan ist unrentabel“, sagte er düster. + +„Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzählen. Ein +Schlächter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer +führte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte +der Schlächter: ‚Aber Mensch, wie kann ich Ihnen für ein so elendes Tier +so viel Geld geben, wie Sie verlangen?‘ – ‚Sachte‘, sagte der Bauer, ‚das +hier ist nur der Rübenraum, die Kuh steht erst hinter der nächsten Tür.‘“ + +„Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?“ grollte Stefenson. + +„Fahren wir erst nach Hause“, entgegnete ich. „Und vorher können Sie ja +mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus.“ + +„Das fällt mir nicht ein“, sagte Stefenson kalt. „Ich hasse diese deutsche +Sentimentalität.“ + +So fuhren wir nach Hause. Ich übergab Stefenson meine Zeichnungen und +schriftlichen Ausführungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer +noch in einem Hotel wohnte. Nach fünf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es +hieß, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich +darüber nach, wohin Stefenson wohl sein könne. Dann telegraphierte ich an +die Vorsteherin des Instituts in Thüringen: + +„Ist Mister Stefenson noch dort?“ + +Am Abend kam die Antwort: + +„Stefenson war hier, ist aber eben zurückgereist.“ + +Darauf machte ich mir das Vergnügen, zum Neustädter Bahnhof zu gehen und +den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, daß er Herrn Stefenson +mitführen würde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch +festgestellt. + +Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm plötzlich entgegen, +und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn plötzlich auf der +Promenadenbank in Thüringen traf. + +„Guten Abend, Mister Stefenson“, sagte ich, „wie geht es der kleinen +Luise?“ + +„Wieso – wieso – Luise – was geht mich das Gänschen an?“ versuchte er sich +herauszulügen. + +Ich blickte ihn freundlich an und sagte: + +„Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, daß Sie +dort waren.“ + +Da hustete er. + +„Wissen Sie was“, sagte er zornig, „es ist nicht schön, daß Sie mir +nachspionieren. Was geht mich das Gänschen an? Aber da Sie schon mal so +ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann für diese Schwäche nichts. +Meine Mutter war eine Deutsche.“ + + + + + + VORARBEITEN + + +Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein +Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, daß ich +ein Tagebuch führe und darin manches über den Ausbau unseres Ferienheims, +aber auch über seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit +quälte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektüre zu überlassen. Er war +neugierig wie ein Backfisch, und es nützten mich alle Versuche nichts, ihm +klarzumachen, daß es – gelinde gesagt – sehr indiskret sei, Einblick in +ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die +Aufzeichnungen in Händen hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches +Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie. + +Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurück und sagte, indem er +ein sauersüßes Lächeln zwischen seinen dünnen Lippen zerquetschte: „Sie +haben mich sehr schlecht charakterisiert.“ + +„Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des +Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen.“ + +Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch +nichts, und ging wieder nach seinem „Büro“. Dieses besteht aus einer +Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstühle, ein +Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausrüstung bilden. Der +Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Pläne +unserer Ferienhäuser, sind Aktenstöße, stehen Modelle. In einem Nebenraume +klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal, +Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schönste Musik. + +In dem Büro sind unsere Beratungen. Dorthin müssen Architekten, +Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende +zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den +Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschließen oder mir doch eine rein +zuhörende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine +vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut +für Engros-Schweineschlächterei, aber nicht für mein romantisches +Ferienheim eignen möge, wurde er immer stiller und ließ mich nach und nach +mit den Architekten selbständig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte +er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von +morgens fünf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermüdung zu zeigen. +Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit +entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt für +Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das +Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng +verpönt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern +planmäßige, geordnete Arbeit wird geleistet, Für und Wider werden kurz +beleuchtet, Nebensächlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der +Beschluß knapp und fast immer schriftlich gefaßt; dann wird aber auch im +Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder +zurückgegriffen. So wußte man am Schluß solcher Verhandlungen immer: das +stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muß es +ausgeführt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur, +und etwas schwärmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken +durcheinander purzeln, können viel von solchem Manne lernen. Nur darf +Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge +lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen +die reinsten Antipoden; aber ich schätze es als Glück, mit einem so klaren +Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn über +seine Kaltschnäuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben +Händel miteinander – je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn +ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein größeres Unglück +auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden, +und kaum einen größeren Vorteil, als einen klugen Freund. + + * + +Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger +ungefähr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hört. Die Leute +wunderten sich rasend. Sie steckten die Köpfe zusammen, redeten viel auf +den Bierbänken und kamen doch, da sie immer nur Gerüchtsbrocken sammeln +konnten, zu keinem klaren Bilde. + +Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geäußert +hat: es scheine sich um eine Art Verrücktenanstalt im großen zu handeln; +den nötigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu +haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat +an Tollheit ergänzt. + +Günstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu +dem neidischen und verärgerten Gefühl, das einem unerwarteten Werk vom +lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer +Verdruß. Stefenson hatte erklärt, daß er eine ganz neue Gemeinde begründen +werde mit einem eigenen Bürgermeister und einer Verwaltung, die alles im +Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde. + +Darüber waren die Waltersburger wütend. Nachdem ihnen schon die Neustädter +untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig über den Kopf gewachsen +waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden +abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs +verkürzte und die eigene Stadt in immer kümmerlichere Unberühmtheit +drängte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmäßigen Anlagen, die +sich ärgert, wenn ihre Töchter in der Gesellschaft Glück haben. + +Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild, +das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begüterter Graf, der ehemals hier +residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit +des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht für die Waltersburger, die das +Gemälde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, „das +Färberchen“, hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stücken viel +Mittelmäßiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein großes neues +Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr +Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttäuschung war +groß; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem +Handbuche überhaupt nicht erwähnt. Der Schrei der Empörung, den damals der +gebildete Teil der Stadt ausstieß, hat noch heute ein Echo in vielen +Herzen. + +Für uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem +Saale des größten Waltersburger Hotels, den „Drei Raben“. Er lud zu dieser +„freien Zusammenkunft, in der er Aufschlüsse über seine Neugründung geben +werde“, nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen, +sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bäcker, wie alle anderen +Handwerkszweige mit ihren Frauen. „Es muß wie bei der Arche Noahs sein“, +sagte er gut gelaunt, „von jeder Art ein Pärchen.“ Der Erfolg war schwach. +Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten +unparteiischen Art, aber andere rümpften außerordentlich stark die Nasen, +und als die Versammlung begann, zeigte es sich, daß fast gar keine Frauen +da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrüstet +erklärt, man könne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen, +und fast alle anderen „Damen der Gesellschaft“ hatten sich dieser +Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich +„geniert“, zu kommen. Aber auch die Männer waren nur in schwacher Anzahl +erschienen. Der Magistrat ließ sich durch einen Beisitzer vertreten. Am +meisten freute es mich, daß der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum +Leiter der Versammlung gewählt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die +deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter +ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, daß +Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war, +daß aber sein Großvater bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in Hamburg +gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hieß. Stefenson hat rein deutsches +Blut in sich. + +Der „Mister“ sprach. Er sagte, über die Idee seiner geplanten Kuranstalt +wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhörtes, geniales Problem (dabei +trat er mich grob auf den Fuß!), daß er es im Rahmen einer so kurzen +Aussprache nicht erläutern könne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend +günstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der +Umgebung wesentlich übertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein +Freund und ärztlicher Beirat sei ja, wie alle wüßten, ein Waltersburger +Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelände für die Ausführung +seiner Idee gewählt. Er gehöre zu den Leuten, die sich eher das eigene +Hemd ausziehen, als daß sie zugeben, daß der Freund friere. (Frau +Postschaffner Hempel verließ entrüstet das Lokal.) „Kommen Sie gut nach +Hause, Frauchen!“ ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm. +Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrüstung: „Das ist +ja kolossal!“ und stampft seiner Ehehälfte nach.) „Also“, fährt Stefenson +ruhig fort, „was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige +nicht, eine neue politische Gemeinde zu gründen; ich werde meine Siedelung +unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen.“ +(Freudige Verblüffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit +den Fingern auf den Tisch.) „Ja“, geht Stefensons Rede weiter, „wir werden +unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen +‚Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich‘ geben, und der Schnickschnack vom +sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst +zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugründung. (Der Beisitzer +springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und +stürmt aus dem Saal.) Mitbürger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von +den Damen ist nur noch die phlegmatische Gärtnersfrau Bächel anwesend.) Es +macht mich glücklich, daß Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas +Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, daß binnen zwei Jahren +unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern +tragen wird, so daß Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig +Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo. +Bäckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stürzen im +Geschwindschritt von Siegesboten auf die Straße.) Ja, aber, meine sehr +teuren Mitbürger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen müssen. +(Kunstpause des Redners. Bedrücktes Schweigen der Zuhörer.) Wir haben +nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir +müssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muß alles fix und +fertig sein. Sie werden begreifen, daß dafür ein Heer von Architekten, +Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Töpfern, Tischlern, +Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gärtnern und +Hilfsarbeitern aller Art nötig sein wird, nicht zu rechnen die Legion +derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern, +Schuhen, Mützen und Wäsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbürger, Ihre ganze +prächtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muß ich mobil machen, +um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb +verzehnfachen müssen ...“ + +Der Redner hielt inne; denn die Zuhörerschaft keuchte zu laut. Die +Erregung stieg aufs höchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin +gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlußbemerkung: „Ich möchte mit +Waltersburger Bürgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so +wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt +werden.“ + +Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gärtnersfrau wappelte +sich empor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. + +Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl. + +„Das ist gut!“ rief er; „das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!“ + +„Hoch!“ schrien die paar Männlein, die noch da waren. Im selben Augenblick +stürzte der Beisitzer in den Saal. + +„Der Herr Bürgermeister“, keuchte er, „der Herr Bürgermeister, der bis +jetzt leider verhindert war, kommt selbst.“ + +Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe, +Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine +halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren, +auch der Bürgermeister, sagte er: + +„Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine +Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.“ + +Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer +glänzenden Erfassung der Situation sagte: + +„Ich schließe die Sitzung!“ + + + + + + DIE „NEUSTÄDTER UMSCHAU“ + + +In Neustadt erscheint ein Blättchen, die „Neustädter Umschau“. Es kommt +wöchentlich zweimal heraus in einem Umfang, daß eine einzige Nummer +genügt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen +Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es +meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben +ehemalige Lehrer, ein „sehr gebildeter“ Schlossermeister, davongejagte +Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der +Verleger wählte von der ganzen Rotte den Unfähigsten, einen +herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der +„Umschau“ mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die „Umschau“ +in der Art, daß er in seiner nüchternen Tagesstunde, die vormittags nach +seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustädter Kurhauses +den Stoff für die nächste Nummer aus großstädtischen Zeitungen abschreibt. +Einen lokalen Teil hat die „Umschau“ kaum; jedenfalls war er stets äußerst +jämmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte, +wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim +brachte. + +Der erste Artikel beschäftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgeführt, +daß ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse +Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen +habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden +Menschheit meine ärztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden, +mit dem ich zu tun gehabt hätte, wäre die Seekrankheit gewesen, und da +sich gegen diese bekanntlich überhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja +sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum +Ausruhen gehabt, daß ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluß +der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt „Ferien vom Ich“ gekommen +sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch +sonst alle mögliche Förderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad +spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es wäre nur zu +bedauern, wenn sich die Neugründung nicht bis zum nächsten Fasching +hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnügungsprogramm von Neustadt +würde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit +hieße: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt „Ferien vom Ich“. +Ängstliche seien versichert, daß ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu +befürchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz +harmlos und kindlich äußere. + + * + +Das war der Begrüßungsartikel, der meiner Gründung von dem +freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir +persönlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las. + +„Niedlich!“ sagte ich; „ich hätte das den Kerlen gar nicht zugetraut.“ + +„Na, sehen Sie“, atmete Stefenson auf, „es freut mich, daß Sie nicht +entrüstet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen +wollen. Der Artikel ist wirklich nett.“ + +Eine der nächsten Nummern der „Umschau“ beschäftigte sich mit Mister +Stefenson. Es hieß darin, nach authentischen Auskünften aus Amerika sei +Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger +Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwürdigsten +Geschäftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Seine +geschäftliche Laufbahn habe Stefenson als Küchenboy in einem Hotel vierten +Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Löffel, über den jenes +Hotel verfügte, eines Tages verschwand und ganz zufällig in der +Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte, +aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz +unerklärliche Art gekommen wäre, sei der vielversprechende junge Mann nach +Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglück verfolgt worden. +Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Jüngling wegen +angeblichen Pferdediebstahls hingen, riß und also gewissermaßen ein +Zeichen vom Himmel für die Unschuld des Gerichteten vorlag, hätten die +barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so fürchterlich +geprügelt, daß Stefenson zwei künstliche Rippen als Andenken an jenes +Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die +Waltersburger im Begriff ständen, zu ihrem Ehrenbürger zu machen, sei +ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfällen gewesen. Stefenson sei +einmal als Kutscher bei einem großen Petroleumtransport engagiert gewesen. +Dieser Transport sei von Indianern überfallen, die ganze Begleitmannschaft +tot- und sämtliche Petroleumfässer entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson +sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden +Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefügt, daß Stefenson am +nächsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer +benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelände +aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden +seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des +Überfalls gründlich beseitigt hatte, auf das Gelände geführt, allwo noch +ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen hätten sich +bereit erklärt, an Stefenson zunächst mal fünfhundert Pfund zu zahlen, +damit er alles Nötige für die Erschließung der Quellen in die Wege leite. +Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst überlegt habe, +hätte er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, müsse er an der +Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern +lieber weitere unnötige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch „Good +bye“ und andere Abschiedsförmlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago +verschwinden. + +Die fünfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark), +die Stefenson mitgenommen habe, hätten die Basis für seine weiteren +geschäftlichen Unternehmungen gebildet, für Unternehmungen, die nicht +weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei +Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermögen gekommen. Da aber die +engherzigen amerikanischen Richter öfters an Herrn Stefensons +Geschäftsusancen Anstoß genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen +Manne trotz der geradezu luxuriösen Ausstattung der amerikanischen +Gefängnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall +gekommen, sein Wirkungsfeld vorübergehend mal nach Deutschland zu +verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das +weiße Lamm im grünen Felde in ihrem Wappen führe. + +Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in große Aufregung. +Stefenson verstand mich nicht. + +„Es ist wahr“, sagte er; „der Artikel könnte farbenreicher gehalten sein, +die Geschehnisse sind etwas nüchtern gegeben, aber, mein Lieber, der +heutige Geschmack verpönt das Allzukrasse. Ich finde den Artikel +ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich über Sie in dieser +Zeitung stand.“ + +„Stefenson!“ schrie ich ihn an; „sehen Sie denn nicht ein, daß uns dieser +Zeilenschmierer, dieser Süffling unmöglich macht? Jetzt bleibt nicht +anderes mehr übrig, jetzt müssen Sie den Mann verklagen.“ + +„Ja, glauben Sie, daß ich toll bin?“ entgegnete Stefenson. Ich erzählte +ihm, was schon der Artikel über mich für allerhand Unheil angerichtet +habe. Nicht bloß, daß sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe +geweint habe, ich hätte gehört, wie die Leute hinter mir zischelten. +„Stefenson, unseren guten Ruf müssen wir behalten, sonst sind wir +ruiniert.“ + +„Guten Ruf?“ verwunderte er sich. „Wie kann man seinen guten Ruf behalten, +wenn man Geschäfte macht? Das ist doch unmöglich. Er wird einem doch +selbstverständlich kaputt gemacht. Wenigstens äußerlich – in der +gegnerischen Presse – das ist ja unausbleiblich. Darüber regt man sich +doch nicht auf!“ + +Ein Brüllen tönte von der Straße herauf. + +„Der Pferdedieb! – Der Löffelstehler! – Der Petroleumstänker! Raus, raus!“ + +Stefenson lugte durch die Gardine. + +„Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstädtisch. +Petroleumstänker ist bei der Kürze der Zeit schon ein ganz gut geprägter +Zuruf!“ + +„Stefenson, es geht nicht – Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie +sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren.“ + +„Desto besser.“ + +„Die Geschäftsleute werden nicht mehr liefern.“ + +„Gegen bar werden sie bestimmt liefern.“ + +„Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen +Artikel nicht Zeile für Zeile in öffentlichem Gerichtsverfahren als Lüge +brandmarken.“ + +„Das soll mir gewiß nicht einfallen“, lachte er. + +Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand. +Das Lärmen auf der Straße wurde indes lauter, die demonstrierende Schar +wurde größer. Da verließ mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen +Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg +betroffen und gab eine Gasse frei, dann lärmten die Leute hinter Stefenson +her. Ich war so verbittert, daß ich wohl eine Stunde lang planlos vor der +Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Büro aufsuchte. + +„Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?“ fragte er gleich bei +meinem Eintritt. „Seinen Kontrakt mit mir hat er gelöst. Der Esel! Mir hat +er einen großen Gefallen getan; denn ich weiß einen tüchtigeren und +billigeren Mann, als er ist, und bin froh, daß ich ihn loswurde. Glück muß +man haben!“ Er rieb sich die Hände. + +„Mister Stefenson“, sagte ich ernst; „wir werden wohl unsere Kontrakte +alle lösen müssen. Denn obwohl ich natürlich von dem Schundartikel eines +verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar, +daß unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem +Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermögen nicht ohne die +Achtung unserer Mitbürger zu bestehen. Wir werden unmöglich!“ + +Stefenson ging mit großen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner +pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann: + +„Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren – meine Mutter war ja +auch ’ne Deutsche ...“ + +„Und Ihr Großvater väterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg“, wollte +ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber. + +„Ja, also die Deutschen“, fuhr Stefenson fort, „bilden sich was ein auf +den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Völker, +gar nicht haben. Schön – ich gebe zu, Sie haben Dichter, die +ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind +vielfach mit einer beträchtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist +alles so – entschuldigen Sie – so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf +Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Große geht, der fehlt Ihren +Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anständiger Mann +sein Geld und seine Zeit auf eine große, aber sehr wackelige Sache setzt, +und es kommt so ’n Preßäffchen und kläfft was von Pferdedieb und +Petroleumstänker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat +doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn +der Leser nur ein bißchen Hirnschmalz hat, fällt’s ihm nicht ein, ein Wort +zu glauben. Aber er tut so, als ob er’s glaubte, er mimt mit in der +Maskerade und amüsiert sich dabei königlich. Und der, dem der Feldzug +gilt, wird ein bekannter, ein berühmter, ein reicher Mann. So sind alle +zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die +eine amüsante Frühstückslektüre gehabt haben, und der Mann, der +angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika +ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu +erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Öffentlichkeit +angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem +Grunde des Vertrauens seiner Mitbürger. Aber der Humor, Mensch, der Humor +darf nicht fehlen!“ + +„Wir in Deutschland haben einen anderen Humor“, sagte ich und war froh, +daß es so ist. + +Da kam einer unserer Bauführer und meldete kleinlaut, daß wahrscheinlich +fast alle unsere Arbeiter kündigen würden. Als er gegangen war, saß +Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch. + +„Werden Sie nun begreifen“, fragte ich, „daß Sie die gerichtliche Klage +anstrengen _müssen_, daß es absolut Zwang für uns ist?“ + +„Ich kann die Leute nicht verklagen“, sagte Stefenson schwermütig. + +„Sie können nicht?“ fragte ich betroffen. „Warum können Sie nicht?“ + +„Weil ich den Artikel über Sie und über mich selbst geschrieben habe.“ + +Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand. + +„Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in +das Neustädter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist +billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der +Verleger, so daß sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in +ihrem Blatte recht kräftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte +so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger +Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustädter +„Umschau“ loslassen. Das sollte so hübsch hinüber und herüber gehen, bis +zuerst die Provinz- und dann die hauptstädtische Presse davon Notiz nahm +und im bunten Teil Auszüge brächte, etwa unter der Überschrift: ‚Der Sturm +im Wasserglase‘ oder ‚Krieg der Zaunkönige‘ oder ‚Ein Mordsskandal in +Dingsda‘ oder so ähnlich. Da hätte nun das große Publikum auf einmal etwas +von uns gehört, hätte die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung +sensationellen Humors geschluckt, und überall hätte man von uns und +unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir wären durchgewesen. +Diese ganze schöne Propagandaidee hätte mich etwa lumpige tausend Mark +gekostet, und nun fällt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute +zusammen.“ + +Ich kam aus der Verblüffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich, +was zu tun sei. + +Es stellte sich heraus, daß Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen +Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, daß also +Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile +einen kurzen Artikel für unser „Waltersburger Tageblatt“. Er lautete: + +„Einen fürchterlichen Reinfall haben die Neustädter erlebt. Ihre +weitverbreitete ‚Umschau‘ hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein +Druckfehler) Schauermären über die Unternehmer der in Waltersburg zu +begründenden großen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu +grotesker Dummheit. Während das gebildete Waltersburger Publikum diese +klatschfetten Zeitungsenten als solche natürlich sofort erkannt hat, +sollen sie gewissen Neustädter Kreisen über die Maßen gemundet haben. Denn +der Haß gegen das aufblühende Waltersburg ist zu groß, als daß nicht auch +die eselhafteste Lüge, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet +ist, in Neustadt Glauben fände. Wie schwer der Reinfall ist, möge +folgender Aufschluß bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm +hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmähten Stadt ‚mit dem +weißen Lamm als Wappentier‘, eine Genugtuung geben wollen, indem er die +Neustädter Bevölkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen ließ. Mister +Stefenson hat – wie vorliegende Dokumente beweisen – die beiden +aufsehenerregenden Artikel, die natürlich von A bis Z erfunden sind, +nämlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn +Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der +‚Neustädter Umschau‘ veröffentlicht. So viel war ihm der Spaß wert. Die +Neustädter aber mögen nun die Zoologie nach einem für sie passenden +Wappentier gefälligst selbst durchforschen.“ + +Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drückte er mir die +Hand. + +„Ich danke Ihnen“, sagte er anerkennend; „Sie sind gar nicht so +unamerikanisch.“ + + * + +Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen, +daß ich ein reines Glück im Herzen fühlte, als ich unser Ferienheim so +fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrückten +mich oft, und wenn ich sie abends in ihren großen Baracken lachen und +lärmen hörte, dachte ich daran, wie schön es war, als noch die stillen +Raine durch grüne Felder liefen. Überall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege, +Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fühlte mich auf diesen Bauplätzen +außerordentlich unbehaglich, und wenn ein schöner Baum zum Opfer fallen +muß, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein großes +Unrecht geschähe. + +Für den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein +Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich +glaube, ich sehe alles zu schön; es kann in Wirklichkeit nicht so werden, +wie ich es träume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer. +Erst, wenn „aufgeräumt“ sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu +gefallen. + +Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im +Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft +werden. + + + + + + JOACHIM + + +Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: „Treffe drei Uhr fünfzig +nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim.“ Das Telegramm war +frühmorgens in Berlin aufgegeben. + +Erst langsam begriff ich, daß da etwas Wunderliches geschah, daß mein +verschollener Bruder plötzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiß durchs +Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzählen. Aber +ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgültig: + +„Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab.“ + +„Ich weiß nicht, wie ich’s mit der Mutter machen soll.“ + +„Der Mutter würde ich vorläufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht, +warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm.“ + +Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof. +Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief, +war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm +zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich: + +„Willkommen, Joachim; ich freue mich, daß du gekommen bist.“ + +Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht. + +„Weiß es die Mutter?“ + +„Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen.“ + +„Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich +heiße Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore.“ + +Er sprach mit einem Gepäckträger; dann fuhren wir nach einem Hotel. + +Unterwegs fragte ich ihn: + +„Bist du gesund?“ + +„Ja – oder auch nein – ach Gott, ich weiß es selbst nicht.“ + +Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig +auszuruhen, aber er nötigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem +Reisekoffer saß er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit +gepreßter, etwas stoßender Stimme: + +„Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich hätte es nie für möglich +gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine +Sicherheit – das Heimweh – das quälende Heimweh ...“ + +Ich trat ans Fenster und sah auf die Straße. + +„Fritz!“ + +Ich wandte mich ihm wieder zu. + +„Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat – nun ja, ich muß schon +Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht – warum habt ihr +eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?“ + +„Was für eine Geschichte mit dem Tagebuch?“ + +„Nun, daß du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir +geschäftlich verbunden ist, dein Tagebuch über Waltersburg hast schicken +lassen.“ + +„Ich dir mein – hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?“ + +„Ja, natürlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift.“ + +„Oh, dieser Mensch – dieser Stefenson!“ + +„Weißt du gar nichts darum?“ + +„Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen +Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus +purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir +geschickt.“ + +„Ja. Ich bekam die Blätter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es +ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie +manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe +sie endlich doch gelesen, täglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle +war, so daß ich notdürftig meine Angelegenheiten ordnete, und – und nun +eben da bin.“ + +„Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?“ fragte ich +verwundert. + +„Ja, du weißt nicht, was das heißt, keine Heimat mehr zu haben. Die +anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue +Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfühlen. Ich habe +nichts von alledem gesucht und bin ganz losgelöst von aller Wurzelerde +gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von +dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte über die Mutter, selbst die +Geschichten über das Spießertum in der Heimat haben eine – nun ja, ich +gestehe es – eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann +auch das – auch das – aber lassen wir das!“ + +Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht über +die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah, +in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und hütete mich, dieses +ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen. + +Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riß dann +plötzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich +mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend: + +„Ach Gott, ich bin doch froh, daß ich hier bin.“ + +Wir reichten uns stumm die Hände. + +Dann sagte ich: + +„Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Männer beraten, was zu +tun ist.“ + +Er sah mich von der Seite an. + +„Du weißt wohl natürlich auch nicht, daß mich Mister Stefenson als zweiten +Arzt für dein Sanatorium berufen hat?“ + +„Hat er das?“ + +„Ja, allerdings nur unter der Bedingung, daß mir deine Idee von den Ferien +vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernünftig und +fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!“ + +Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht. + +„Schönen Dank, Joachim. Du weißt, wie sehr ich dich immer mir für +überlegen gehalten habe.“ + +Er winkte, schwermütig den Kopf schüttelnd, ab. Dann setzte er sich mir +gegenüber und ergriff wieder meine Hand. + +„Sieh mal, Junge, daß du mich nun fünf Jahre lang gesucht hast – das – nun +ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir +wird, weiß ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal +ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem +Rat zugänglich sein. Aber ich möchte nicht erkannt werden; ich möchte +nicht, daß all der Schwatz und Klatsch – ach, laß uns die heilige Stunde +nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es möglich wäre, daß ich +als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gälte, sähe ich mir gern +auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag +dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten, +ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen +Tag, jeder ist fern von dem glücksfeindlichen Schwarm, der einem aus der +Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich möchte der erste sein, +der in deiner Zufluchtsstätte Ferien macht von seinem Ich.“ + +Beide Hände streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen +himmlischen Segens für meine Gründung stand der langvermißte Bruder vor +mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich +ein Glück herrlicher fügen! In dem überströmenden Gefühl des Augenblicks +sagte ich: + +„Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zürne mir nicht, wenn +ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der +kleinen Luise.“ + +Da wurde sein Gesicht finster. + +„Ich kann noch nicht – laß mir Zeit!“ + +Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die +Fenster. Allmählich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen +Pläne für die nächste Zukunft. + + * + +Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, saß +dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte: + +„Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der größten Prachtkerle +der Welt. Da ist er – mein Bruder Joachim – den Sie heimgezaubert haben.“ + +Stefenson antwortete mir nicht, schüttelte aber dem Bruder herzlich die +Hand. + +„Das ist schön, daß Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar +nicht; denn ein Mann wie Sie läßt sich nicht herzaubern. Aber daß Sie +gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glück; denn +Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften, +aber im ganzen ist er ein Schwärmer.“ + +„Danke, Mister Stefenson!“ + +„O bitte!“ + +Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschäftliche. + +„Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Bäder, +überhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen +wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis +jetzt nur in den Außenumrissen fertiggestellt; die endgültige innere +Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kämen; denn Sie haben in solchen +Dingen große Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr +bewährt haben.“ + +„Woher wissen Sie das?“ + +„Na, ich habe mich doch selbstverständlich in mehreren guten +Auskunftsbüros über Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt hätten, hätte +ich mich doch auch nicht um Sie bemüht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb +schickte ich Ihnen das Tagebuch.“ + +Verärgert fuhr ich den Krämer an: + +„Sie haben also wieder nur ans Geschäftliche gedacht?“ + +„Na selbstverständlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man +denken als ans Geschäftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter +Kaufmann ist?“ + +Joachim lächelte; mir aber stürzte wieder einmal ein gläsernes Tempelchen +ein, in das ich meinen Götzen Stefenson gesetzt hatte. + +Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte über tausend +Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, daß der durch +die Heimkehr äußerst aufgeregte Bruder zunächst durch die trostlos +nüchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde. + +Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er +erzählte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an +einen gefühllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjährigen Knaben +ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in +Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heiße, mal probeweise zu sich +nehmen; vielleicht, daß etwas aus ihm würde. Die Gründung einer so neuen +Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran müsse ja auf einen Jungen einen +tiefen Eindruck machen und ihm fürs ganze Leben einige stählerne +Gerüstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug +reisen, und er hätte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er +wegen der Vertretung manches Geschäftliche mit mir noch zu erledigen habe, +womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Straße waren, +sagte Stefenson: „Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht +hinterher wieder aus dem Häuschen fallen und alles verderben. Also, mein +kleiner Neffe, der Georg, ist nämlich gar kein Junge, sondern ein Mädchen +– er ist die kleine Luise.“ + +„Stefenson, Sie sind toll!“ + +„Nein. Ich bin vernünftig. Die kleine Luise muß Ferien von ihrem Ich +machen. Als Mädel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die +letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr +Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll +sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken +abgewöhnen, wenn eine Hand nach ihr faßt; nein, sich selbst ’rumhauen mit +Buben und Straßenbösewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte +Behandlung haben.“ + +Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Großes an +meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum +Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab. + +Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in +dem Thüringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es +in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewußtsein +seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen. + +Ich wußte, daß Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je +ein Vater oder Großvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter +irgendeinem Vorwand einmal nach Thüringen verschwunden; das Mädchen hatte +sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte, +jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den +wahrscheinlich nie eine zärtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese +Kindesliebe so wohl, daß er diesmal auf allen kaufmännischen Vorteil +vergaß und wie ein verliebter Narr handelte. + +Mochte er es tun! + +Stefenson reiste ab. + + ------------------------------------------------------- + +Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind +zunächst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen. + +Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm. + + + + + + +„Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben. +Denn sie will nicht. Sie heult, daß sie ein Junge werden soll. Auch die +Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise +bleibt ein Mädel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu +schlecht. Ich will mal sehen, daß ich das Kind zunächst in Neustadt +unterbringen kann. Ich weiß da eine gute Familie, die mir den Gefallen +gegen Entschädigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung täglich +beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der +mir für die Erziehung des nur außerordentlich geschickt zu behandelnden +Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am +Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht. + + Stefenson.“ + + + + + + + * + +Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte +versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten. + +Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte +aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann +machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die +Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens +zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz +in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder +in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her. + +Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter +hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte. +Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe +Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu +sein. Endlich sagte ich mir, daß ich ein Geselle von kindischer Eifersucht +sei, und ging in das Zimmer der Mutter. + +„Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!“ sagte ich, und +die nervöse Frau erschrak natürlich aufs schwerste. + +„Es handelt sich um Joachim!“ + +„Um Gottes willen – ist ihm etwas passiert – ist er in Not – willst du zu +ihm fahren?“ + +Ich mußte lächeln. Zu ihm fahren! – Daß ich damit mein Lebenswerk +aufgegeben hätte, daran dachte die Mutter nicht. + +„Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von +Joachim zu sagen habe.“ + +„Sage es mir, Fritz, will er – will er nach Hause kommen?“ + +„Ja, er kommt schon heute.“ + +Da stieß sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die +Händchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der +ihr das größte Glück beschieden habe, das es für sie gebe. Als sie etwas +ruhiger wurde, fragte sie: + +„Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal +geschrieben, daß er kommen soll?“ + +Ich schüttelte den Kopf. + +„Ganz von selbst gekommen“, sagte sie selig; „der treue Sohn!“ + +In trockenem Tone entgegnete ich: + +„Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in +Neustadt abhole. Erst in der Dämmerung kommen wir. Inzwischen rege dich +nicht allzusehr auf und vergiß nicht, deinen Baldriantee zu trinken.“ + +Das nahm sie ungnädig auf. + +„Baldriantee – wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natürlich +mit nach Neustadt fahren.“ + +„Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, daß er von +den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine +Kuranstalt eintreten.“ + +„Und nicht bei mir wohnen?“ + +„Nein, er wird im Ferienheim wohnen.“ + +„O – o du nimmst ihn mir?“ + +„Ich nehme ihn dir nicht –“, entgegnete ich unwillig; „mache mit Joachim +selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen.“ + +Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draußen im Winterwalde wurde mein +Herz wieder warm; ich war glücklich. Immer, wenn ich mich glücklich fühle, +habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als +daß ich bald eine Anzahl von Futterplätzen und Nistkästen für die Vögel in +meinem Ferienheim anbringen würde, auch auf die Gefahr hin, als Gäste +lauter Sperlinge zu mir zu ziehen. + +Die Mutter! – Nun würde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und +alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich +würde sie meine beiden geräumigen Zimmer für Joachim einrichten und mich +nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersüchtig und +voll häßlichen Mißtrauens, und es fiel mir ein, daß es besser wäre, sich +auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf +die Spatzen ... + +Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht +einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte +ihr Haupt verhüllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und +betreten neben mir her, fast wie ein Sünder. Er war auch ein solcher; denn +er hatte sein Herz verhärtet, und alle Herzensverhärtung ist Sünde. + + „Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand + Kommt wieder heim aus fremdem Land. + Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt, + Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?“ + +Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hübschen Gedichte schildert: die +Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten +Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar +nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dünn und sein +Bart dicht wurde und die Zeit die große Retouche an seinem Gesicht vollzog +– er war ein anderer geworden. + +In sieben Jahren soll sich der Körper des Menschen ganz erneuern. So +wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurück, was vor +sieben Jahren auszog. Hätte Joachim keine Seele gehabt, so wäre wirklich +ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bäcker +Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt +fühlte er sich geehrt, daß ich ihn auf der Straße anhielt, und eilte gewiß +alsbald ins nächste Gasthaus mit der Kunde, daß ein Dr. Harton aus Neuyork +angekommen sei als zweiter Arzt für das Ferienheim, und es müßten doch +schon massenhaft Kurgäste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten +Arzt brauche. + +Auch der alte Sanitätsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf +mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrüßte den +„Herrn Kollegen von drüben“, den ich ihm vorstellte. + +Auch die Frau Provisor, von der erzählt wurde, sie hätte, als sich Joachim +verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhölzer +abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den +ehemals Heißbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorüber. + +So näherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner +und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand +wohl jetzt der Mond; denn der Nebel über dem Johannisplatz war +durchsichtig und silberhell. + +„Der alte Brunnen!“ sagte Joachim leise; „es ist merkwürdig, daß meine +Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat +dachte.“ + +Nun näherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte +wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab. + +Joachim stützte sich auf das Gemäuer, und weiße Tropfen aus der Schale +Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das +Heiligtum seines Vaterhauses eintrat. + +Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und öffnete nach leisem Klopfen die +Tür zur Mutter. + +Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten, +schloß die Tür und blieb draußen. + + + + + + WEIHNACHTEN + + +Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf +meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich +nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; hätte ich mich früher nicht +um das Kind gekümmert, wo es das Mädel nötig gehabt hätte, so sei meine +Anteilnahme jetzt völlig überflüssig. Das gleiche könne er auch nur mit +Bezug auf meinen Bruder sagen; er hätte sich jetzt schon Vorwürfe über +dessen Berufung gemacht. Da könnten bloß Schwierigkeiten entstehen. + +„Mister Stefenson“, sagte ich, „Sie benehmen sich wie ein Drache, der die +verwunschene Jungfrau behütet.“ + +„Drache hin, Drache her; ich geb’ sie nicht heraus“, knurrte er. + +„Das sollen Sie ja gar nicht; wir überlassen Ihnen ja das Kind.“ + +„Wirklich?“ + +„Wirklich!“ + +„Na, dann ist es gut!“ + + ------------------------------------------------------- + +Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im großen Theatersaal +des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden, +obwohl wir keinen eigenen Bürgermeister haben werden). Dieser Theatersaal +ist Hals über Kopf fertiggestellt worden. Er könnte schöner sein. Aber er +ist geräumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hübsche +Liebhaberbühne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es +gehörte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wände, Kalkkübel und +Schutthaufen zu maskieren, die in der Nähe des Treppenhauses einen +unschönen Anblick bieten. + +Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet, +komponiert und malt. Über braven Dilettantismus geht es bei Herder +nirgends hinaus, aber er schafft für den Hausbedarf brauchbare, gefällige +Sächelchen. + +Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept: +„Von jeder Art zwei Pärchen.“ Dazu sind alle Kinder geladen, die zum +großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, daß die Kleinen auf +Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen +gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft. + +Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die +große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht. + +Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die +dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der +gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es +wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt +mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter +geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte. + +Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige +Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt, +daß nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson +eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich +verbarg mühsam meinen Schrecken. + +Herder erzählte weiter: + +„Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des +amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine +allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.“ + +Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson. + +„Es ist unerhört ...“ + +Er wußte augenblicklich, was ich meinte. + +„Gar nichts ist unerhört“, unterbrach er mich rauh. „Die Nichte von Mister +Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muß auftreten, sie +muß ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner +Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.“ + +Was hatte es für Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun mußte eben +durchgehalten werden ... + +Die Mutter saß mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an +der Bühne. Ich sah und hörte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel +von Zwergen, Kobolden, Nußknackern, Pfefferkuchenmännlein, Tiergestalten, +Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum üblichen +Weihnachtsstück gehören; ich wartete mit Herzklopfen auf den +Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miß Stefenson aus Chikago auf dem +riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte +„Bild“ übrig, nun mußte Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen. + +Der Vorhang hob sich. – Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit +ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Könige; rings in Anbetung +versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmännlein. Es war alles +in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt. + +Da erschien plötzlich ein Licht über der Grotte, ein wunderschönes +Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen: + + „Vom Himmel hoch, da komm ich her + Und bring euch allen frohe Mär: + Geboren ist in Davids Stadt + Er, der des Lebens Fülle hat.“ + +Die Mutter saß wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und +drückte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die +ganze Gemeinde saß in Andacht. + +Joachim war ganz gleichmütig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er: + +„Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!“ + + ------------------------------------------------------- + +Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm +in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe +angezündet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an. + +„Fritz – das Kind – dieses Kind ...“ + +Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg. + +„Fritz – sage mir – ist es – ist es? ...“ + +„Ja. Es ist Luise.“ + +Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne +Bitterkeit sagte ich: + +„Mutter, du brauchst dich nicht zu ängstigen, das Kind wird dir nie +Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut +aufgehoben.“ + +So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am +Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hören war als das leise +Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stützte die Mutter den +Kopf auf den Tisch und sagte müde: + +„Das Kind ist Joachim ähnlicher, als er sich jetzt selbst ist!“ + +Nach einem Weilchen meinte sie: + +„Es wird wohl keine Möglichkeit geben, daß ich das Kind zu mir nehme?“ + +„Nein, Mutter, es gibt keine solche Möglichkeit mehr!“ Damit ging ich nach +meinem Zimmer. + + + + + + FÜGUNG ...! + + +Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer +fertiggestellt sind und auch der Küchenbetrieb schon im Gange ist. Im +Rathaus gegenüber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitstätigkeit noch +vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen täglich +nach Neustadt zu fahren und sich um das „Gänschen“ zu kümmern. So wolle er +das Mädel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr störend, aber was +wolle er machen? Er hätte auch gefunden, daß die Pflegeeltern in Neustadt +die Sache mit Luise nicht recht verständen. Ich grunzte. Sonst sagte ich +nichts ... + +Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit größter +Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir: + +„Und nun, mein Lieber, ist es die allerhöchste Zeit, daß wir an die +Bauernrequirierung gehen. Zehn Höfe sind fast fertig, das Vieh ist rasch +zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergeräte, aber das Bauernvolk, das +uns einpaßt, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht, +aber das ist nichts; die gehen bloß auf ihre Provision aus und schicken +uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit, +sich in einen Vieh- oder Getreidehändler oder, wenn Ihnen das besser +liegt, in einen Gütermakler zu verwandeln und mich morgen auf der +Bauernsuche zu begleiten.“ + +Nun, diese Aufgabe paßte mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glück +zunächst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausrüstung. +Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit +Hirschhornknöpfen und grüner Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips, +ein seidenes Tüchlein um den Hals, eine Lodenmütze, das war meine +Ausrüstung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da +vermuten sie keine verkniffenen Städter, keine „Juden oder +Winkeladvokaten“, die sie übers Ohr hauen wollen. + +Es wäre alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am nächsten Morgen, als +die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht hätte. + +Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange +Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedächte, daß uns das Mädel nur +stören und aufhalten würde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit. + +„Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel“, sagte die Kleine mit einem Anflug +von schnippischem Ton. + +„Sie macht sich heraus; sie fängt an, Courage zu kriegen“, sagte der +„Pappa“ anerkennend. + + ------------------------------------------------------- + +Auf einer größeren Station stiegen wir während des Zugaufenthaltes aus, um +dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthändlers +waren, näherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich +an, dann das Kind, faßte es blitzschnell an der Hand, riß es an sich und +küßte es wie rasend. + +Das Mädel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: „Aber Madame, +was tun Sie?“, und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige +Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen. + +„Zurück in den Wagen!“ rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte. +Bald saßen wir im Abteil, und die Tür flog zu. + +Draußen schrie eine gellende Stimme: + +„Es ist mein Kind – es ist mein Kind – laßt mich zu meinem Kinde! Luise! +Luise!“ + +Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen +fest; der aufsichtführende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte +Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklärende +Sätze. Zuletzt sagte ich: + +„Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf +dieses Kind habe!“ + +Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach +leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhängenden +Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: „Haben Sie +einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Mädchen?“ + +Da schüttelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser +Wagenfenster, dann verließ die Frau den Bahnhof. + +„Wer war die böse Frau?“ fragte Luise verängstigt. + +„Eine Verrückte“, sagte Stefenson rauh. + +„Wird sie nie wieder zu mir kommen?“ + +„Nein, nie wieder!“ + +Wie lange doch der Aufenthalt noch währte! Die Leute spazierten draußen +und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor. +Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er +den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da +gab es einen gewaltigen Ruck und Stoß, und der Zug stand. + +Ich riß das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab, +Schaffner eilten den Bahnsteig entlang – ein Schaffner kam zurück und gab +uns Auskunft ... + +Über das Feld rannte jene Frau ... + +Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen, +und der Lokomotivführer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen +gebracht. + +Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster. + +„Da rennt sie – da rennt die böse Frau!“ rief das Kind. + +„Laß das verrückte Weib!“ knirschte Stefenson. + +Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog über die Fluren, frierende Vögel saßen +auf den Telegraphendrähten, alles, was draußen war, fror, die Bäume und +die Berge, die Tiere und die Menschen. + +Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmähter +Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr +entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmäht. + +Stefenson saß finster in seiner Ecke. + +Das Kind begann wieder zu sprechen. + +„Alle verrückten Menschen sind sehr böse.“ + +Da brummte sie Stefenson an: + +„Das kann man nicht sagen, du Gänschen! Manche Menschen können nicht mal +richtig dafür, daß sie verrückt sind.“ + +„Wieso nicht?“ + +„Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den großen Menschen von +Tausenden kaum einer richtig.“ + +„Du hast aber gesagt, sie ist verrückt, und du hast es böse gesagt“, +verharrte das Kind. + +„Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht +und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrückt oder böse ist.“ + +„Böse ist sie“, wiederholte Luise; „denn sie hat mich sehr gequetscht und +mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen.“ + +Grau rann der Regen über das Wagenfenster. + +All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrückte Menschen, saßen wir +da im Zuge, der uns schnell davonführte und eine große Strecke zwischen +uns und die Sünderin legte, die uns gestört hatte in unserer +Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschütteln +konnten. + +Der göttliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie hätte er wohl +gehandelt in meinem Falle? Hätte er die Arme beiseitegestoßen, sich einen +Beamten kommen lassen und sich hinter „gesetzliches Recht“ verschanzt? +Wäre er dann weitergefahren, fast hinweg über den zuckenden Leib, und +hätte er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit +hochmütigem Abscheu in der Seele? Oder wäre ihr der Meister nachgegangen, +hätte sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein +Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein +wenig goldene Kindesliebe für die Zukunft verheißen? + +Ferien vom Ich! + +Ich werde mich vor allen Dingen erlösen müssen von allem kalten Hochmut +des Herzens und allem auch noch so „gesetzmäßigen“ Zurückstoßen der +Schwachen und Schuldigen ... + + + + + + BAUERNANWERBUNG + + +In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar +ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine +Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber +eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch +allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden +hatte. + +Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges +Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war +einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht +wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine +Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches +Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen. + +Stefenson hielt das Pferd an. + +„Wollen Sie mitfahren?“ + +„Nee!“ antwortete der Bauer. + +„Warum denn nicht?“ + +Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul. + +„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“ + +„Sie haben wohl schönere Pferde?“ + +„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben +se ooch.“ + +„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel +Geld gekostet.“ + +Er meckerte. + +„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“ + +Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig +über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern +ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken. + +„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich: +zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen +hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene +alten Schränke und zinnernen Teller.“ + +„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“ + +„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch +eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“ + +„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen. +Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und +Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“ + +Der Bauer brach in helles Gelächter aus. + +„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“ + +„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware +zum Verkauf stände. + +„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste +Kerle von der Welt.“ + +Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an +dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und +sagte: + +„Wie heißen Sie?“ + +„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie +Napoleon.“ + +„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine +Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon +alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“ + +„Wie heißen _Sie_ denn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde +ungeduldig. + +„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, +ein sehr reicher Mann.“ + +„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes +Pferd.“ + +„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf. + +Der Bauer lachte. + +„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“ + +Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was +es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht +leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. +Ich versuchte das auf folgende Weise: + +„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, +der richtig arbeitet?“ + +„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand +oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten +könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben.“ + +„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter +führen, gesund ist?“ + +„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und +Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“ + +„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun +wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“ + +„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich +lieber zu Hause.“ + +„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man +nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, +nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen +wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten +müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“ + +„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und +arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n, saufen se einem bloß die gute Milch +weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“ + +„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der +Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden +wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“ + +„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“ + +„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der +versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt +gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die +Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener +Herr dort.“ + +„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“ + +„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“ + +„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“ + +Er lachte über seinen Witz. + +„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“ + +Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch +der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte. + +„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“ + +Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf +schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch. + +„Bitte!“ sagte er phlegmatisch. + +Der Bauer rührte sich nicht. + +„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn. + +„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“ + +Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der +Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune +Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er +rückte beiseite. + +„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen +Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“ + +Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde +gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als +Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten +Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise +abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein +König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner +Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte +heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt +war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und +zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst +standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und +ernähren konnte. + +„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei +sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was +zurückzulegen.“ + +Er saß nachdenklich da. + +„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“ + +„Ich denke nicht daran.“ + +„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“ + +„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“ + +„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“ + +„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen +müssen. Das gehört zur Kur.“ + +„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“ + +„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“ + +„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“ + +„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n +halber Schäfer.“ + +„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich +glauben!“ + +Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche. + +„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist +ein Wohnhaus.“ + +„Das? – Das is ja ’n Schloß!“ + +„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht +allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin +Platz haben.“ + +„Dunnerwetter!“ + +„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die +Scheuer.“ + +Er atmete schwer. + +„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“ + +„Hundert Morgen.“ + +Da verdüsterte sich seine Stirn. + +„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch +nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“ + +„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. +Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die +Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen +die Kurgäste.“ + +„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“ + +Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm +ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu +fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen. + +Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast +nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte +nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es +war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein +behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen +kletterte: + +„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und +kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“ + +„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste +kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. +Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und +lauter Schlösser.“ + +Susanne lachte gutmütig. + +„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“ + +„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen +haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt +ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir +müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“ + +Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst +ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus. + + ------------------------------------------------------- + +Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl +bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil +Barthel. + +„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles +bloß Ulk.“ + +Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes +buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer +Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem +Dorfkramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude +sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach +der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug +heranmachte. + +„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es +handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns +wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“ + +„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. +Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede: + +„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – +man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich +Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute +werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n – +woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern. +Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor +solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den +Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die +Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was +helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten +und quasselten doch bloß.“ + +„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne. + +„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der +Mann. + +„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, +daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s +aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? +Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite +ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“ + +„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun +wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen +worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und +zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige +Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man +das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die +Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört +habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei, +und wolle nicht stören. + +Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei +ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen +hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter +Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich +unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“ + +Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen braunen Augen, und +ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, +das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich +acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand +ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich +sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und +große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre +Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine +kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu +machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war. + +Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine: + +„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium +Ferien vom Ich?“ + +„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“ + +Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus. + +„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich +sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und +Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“ + +„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich. + +„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt +fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika +wäre.“ + +„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus +Amerika.“ + +Stefenson verneigte sich phlegmatisch. + +„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas +zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“ + +Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese +von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte +sich aber selbst vor. + +„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte +Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin +Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes +Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck +genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter +des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“ + +Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen +Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach +wieder in fröhliches Lachen aus. + +„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“ + +„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt +aufeinanderplatzen?“ + +Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel +sagte: + +„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, +höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder +mal recht gehabt.“ + +„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein, +wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu +tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“ + +Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem +Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank, +blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus. + +Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes +wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des +Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den +biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den +Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer +Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei +diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund +gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden +Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie +dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der +Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende +Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching _ad +infinitum_. + +Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ +Stefenson über sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er +lächelte ... der Verräter. + +„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim +denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“ + +„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie. +„Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“ + +„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson +bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, +blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott +das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut. + +Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie +war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch +in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während +Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter +unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von +ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der +schlichten Bauernstube. + +„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich. + +„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“ + +„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“ + +„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß +beide Teile nicht reuen.“ + +„Ich danke Ihnen!“ + +„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn +Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit +Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins +Haus.“ + +Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern. + +„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“ + +„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die +Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“ + +Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es +gab einen ehelichen Streit. + +Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib. + +„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer +mehr über a Hals.“ + +Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über +Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, +Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die +Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt. + +„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es +sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt +haben wir hier nicht.“ + +So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das +Kind in hohem Fieber lag. + +Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige +Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im +nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. +Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet +worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil +er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, +einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat. + +Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir +Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das +erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon +wieder. + +Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der +Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen +wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß +bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, +sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen. + +„Und Ihr Vater?“ fragte ich. + +„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf +Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er +meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau +Emilie Knautschke sein.“ + +Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft +zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere +große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen. + +Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht. + +Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen +zirpte herein: + +„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen +Gasthaus sitzen.“ + +Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten. + +Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür. + +„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In +diesem Haus ist Diphtherie.“ + +Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas +ernster. + +„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“ + +Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken. + +Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach +Hause zu gehen. + +Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der +Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an +und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte. + +Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr +und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“ + +Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben +hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern. + +Als wir allein waren, sagte Stefenson: + +„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts +zum Abschluß gekommen.“ + +Ich erwiderte: + +„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie +würde unserer Sache schaden.“ + +„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten +Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben +Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des +Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre +Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit +noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die +Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“ + +Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. +Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der +schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort. + + + + + + DER JOURNALIST + + +Nun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen +Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang +Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da +höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und +bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der +Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut +vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen +dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen. + +Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach +den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, +ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und +zwar nicht nur wegen des Kindes. + +„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen +werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, +Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“ + +Ich lächelte. + +„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? +Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“ + +„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder +in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir +diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich +überlassen.“ + +„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und +feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück +sein. + +Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald +zurückkommen ... + + ------------------------------------------------------- + +Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und +seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am +Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen +bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie +Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden +in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste +erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter +unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon +gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die +Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der +andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus +bewirtschaftet. + +Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo +– Geld da ist. + +Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, +Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch +eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine +Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über +den sieben Bergen“, ein „_Old Nigger home_“ (nach Stefensons Wunsch), eine +Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein +Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine +Räuberhöhle. + +Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen +Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk +ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, +daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen +werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand +einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer +legten. + +Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des +erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im +Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah. + +Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung +unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in +der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die +Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum +erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes. + + ------------------------------------------------------- + +Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten +schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein +paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen. + +Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie +konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an +Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine +einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich +„Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer +täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit +Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifende Xanthippen mit den holden +Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien. + +Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie +betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem +Seufzer: + +„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe +glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten +kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“ + +„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist +so etwas viel zu teuer.“ + +„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom +Ich haben – Weltstadtleben, Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das +haben, was einem fehlt.“ + +„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune. + +Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, +nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause, +und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das +Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung +zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im +Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer +Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei +aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde +überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht +abweisen, und als er mich erblickte, rief er: + +„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den +Diener beiseite und kam auf mich zu. + +„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“ + +„Sie sehen, ich habe Besuch!“ + +„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur +eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, +Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund +Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen +dieses Schreiben zu überreichen.“ + +Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und +stellenweise vorlas: + + + + + + + „Neuyork, den 25. März. + Mein Lieber! + +Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn +ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen +prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen +Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen +Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch +unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den +Herrschaften zu empfehlen. + +Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht +rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade +Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der +einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus +Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas +merkwürdige Anstalt recht nötig haben. + +Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen +sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann. + + Stefenson.“ + + + + + + +Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen +Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart +sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas +geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig +geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner +heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich +fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den +ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine +Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung. + +Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung +in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das +überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, +daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in +unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie +auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown +zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben +darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge +seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff. + +Brown schüttelte den Kopf. + +„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“ + +„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit +unverhohlenem Interesse. + +„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in +Neuyork und den Staaten kennen muß.“ + +„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“ + +„Ja, er gehört dazu.“ + +Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich +schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat +nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte +außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich +in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. +Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen +Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den +Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern. + +„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown. + +Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme +über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen: + + _„Way down upon Swaney ribber_ + _Far far away ..._ + _There’s, where my heart is turning ebber,_ + _There’s, where the old folks stay ...“_ + +Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer +Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, +so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der +Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele +im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden +regungslos, und die großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der +matten Lampen ... + +Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große +Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze +Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die +Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die +Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das +große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. +Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein +Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern +Heimatlichkeit, Wärme, Frieden. + +„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden +immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; +schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“ + +Ich war ihr dankbar und sagte: + +„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht +glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden +sind.“ + +„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel +Kindliches.“ + +„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister +Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das +Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen +Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an, +es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und +alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“ + +„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm. + +„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug; +der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der +Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“ + +Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte: + +„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber +Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich +möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und +Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“ + +„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown +gerührt. + +„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie +ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines +Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich +nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern +können.“ + +Da wurde auch die kleine Braune munter. + +„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist! +Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“ + +„Du Plappermaul!“ zürnte Eva, reckte aber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne +es nicht: der Mann gefällt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom +Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“ + +„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich. + +„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich +will einen Mann heiraten!“ + +„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown +ein. + +„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“ + +„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson +für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich +habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz +gleichgültig.“ + +„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen. + +Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken +aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, +in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von +hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle +überlief, was oft genug geschah. + +Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein +amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer +vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich +sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr +los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so +entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bißchen +Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen. + +Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen. + +„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist, +ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er +mein Freund ist – ungeheuer eitel!“ + +„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele +Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es +gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was +heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, +auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde +Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“ + +Da lachte Mister Brown. + +„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn +er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine +Verneigung macht, ehe er sich einseift.“ + +„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief +Eva verärgert. + +„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so +zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres +Geschäftsfreundes.“ + +„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“ + +Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das +Dümmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger +auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her +wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht +scheren. + +Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe. + +„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht +Luise?“ + +Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer +seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht +zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. +So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich +Stefenson war, als Stefenson zu entlarven. + +„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt +Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus +mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war +auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“ + +„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch +erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war. + +„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich +leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“ + +„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein +einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu +machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“ + +„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich +ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben +Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem +Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig +eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam +sie auf mich zugestürmt. + +„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen +gerade Haschen.“ + +Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß +es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens. + +„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der +Mutter sein.“ + +„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des +Vaters.“ + +„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme. + +Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um +den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser +wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur +eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden +da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“ +plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu +verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich +dachte. Mister Brown legte ohne jede wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die +Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit: + +„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von +dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“ + +„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine. + +„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“ + +„Wieso? Ich bin nie krank!“ + +„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“ + +„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine +einzige Stunde krank.“ + +„Hm!“ + +Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des +blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die +Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown +in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen. + +„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und +meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, +dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu +räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“ + +„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal +gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und +halb geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich +anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch +niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir +etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“ + +Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch +glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß +dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde +ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht +erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er +stehen, sah mich an und sagte: + +„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer +Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich +zuzumuten, he?“ + +„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“ + +„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“ +sagte Brown vergnügt. + +Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen. + +Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein +Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete: + +„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner +Bank. Stefenson.“ + +Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet +hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und +dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee und nicht +in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich +gespielt ... + +Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war +Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den +Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange +Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, +kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte: + +„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“ + +„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte +das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte: + +„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie +waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug +aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in +Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“ + +„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister +Brown.“ + +„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir +Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich +informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren +werde, was ich nicht gesehen habe.“ + +Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn +zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach. + +„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson +erinnert.“ + +„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch +ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“ + +„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“ + +Ich zuckte die Achseln. + +„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“ + +„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder +ins Grübeln. + +„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem +man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute +werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, +ängstlich, unsicher werden?“ + +„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte +Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“ + +„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt. +„Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“ + +„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er +heute früh dort an mich aufgab.“ + +„Gott sei Dank!“ + +„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim +verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen +wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt, +wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird +den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, +sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. +Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie +ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen +dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche +Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“ + +„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten +Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“ + +„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der +Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare +Wahrheit werden lassen.“ + +„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese +und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an. + +Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. +Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg. + +Die Mädchen blieben im Forellenhofe. + +Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich +auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich +dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über +der Frage: War er’s? War er’s nicht? + +Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe +Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus +Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die +Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa +zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den +Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach +Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme +bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe. + +Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen +glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen +Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz +feststellen können. + +Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst: + +„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“ + + + + + + DIE ERSTEN KURGÄSTE + + +Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eröffnet worden. Die Feier war schlicht. +Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu +dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus +Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und +fünfzehn Kurgästen. Von diesen fünfzehn Kurgästen genießen zehn Freikur, +und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement. +Stefenson sandte ein längeres Glückwunschtelegramm aus St. Louis. + +Fünfzehn Kurgäste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame, +die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klägliche Ergebnis nach +Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: „Hatte ich mir gedacht!“ + +Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln über die Höfe zu verstreuen, +sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschölzerei +zu geben. Die Schauspieler aber schwärmten nicht für Feld- und Waldarbeit; +sie wünschten mehr dekorative Posten. Fünf von den sieben wollten +Nachtwächter sein, einer bot sich als Hilfsbriefträger an, wobei seine +Tätigkeit gleich Null gewesen wäre, und einer sagte mit mildem +Augenaufschlag, er könne sich nur als Krankenpfleger glücklich fühlen. Wir +hatten aber keine Kranken. + +Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Großknecht, +den er bereits hatte, dem „langen Ignaz“, noch einen zweiten Knecht ein +und sagte zu mir: „Ich hab es Ihn’n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute +sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen.“ + +„Geduld, Barthel, Geduld!“ + +Der Anfang war wirklich kläglich. Zwar sang Egin Harold, der als +Nachtwächter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsänger +war), das + + „Hört, ihr Herr’n, und laßt euch sagen, + Die Uhr hat eben zehn geschlagen!“ + +mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel +empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine hübsche blonde Magd +hatte: „Gute Nacht, du mein herziges Kindl“, um 1 Uhr droben am Hange: +„Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...“; +um 2 Uhr: „Steh ich in finstrer Mitternacht“, und von 3 Uhr an: +„Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ...“ + +Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesänge so tief ergriffen, daß +sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde über +den Nachtwächter wegen nächtlicher Ruhestörung. Als nun Egin Harold von +dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den +Hofhund loslassen, wenn der Wächter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der +Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Künstler seinen Posten und +übergab die Abzeichen seiner Würde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten +Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abänderung des Lohengrintextes sang: + + „Den Spieß, dies Horn, den Pelz will ich dir geben. + Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken, + Der Spieß im wilden Kampf dir Mut verleiht, + Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken, + Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit.“ + +Die „Schmach und Not“, aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand +darin, daß er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem +Waldschölzer hatte helfen müssen, Bäume zu fällen. Jetzt war er als +Nachtwächter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen +einen großen Granitblock, den er den „Fafnerstein“ getauft hatte, stand +malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spieße +und seinem funkelnden Horn, sang mit dröhnendem Baß die Stunde, kletterte +dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen. + +Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzählte mir in der +Sprechstunde, daß er früher an einem chronischen Hungergefühl, das +wahrscheinlich auf nervöser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber +bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Köchin +in der Waldschölzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte: + +„Er frißt!“ – + +Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard +Käsenapf heißt. Als Künstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da +er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream. + +Dieser Knut Waterstream ist dünner als ein Regengerinnsel. Ich schickte +ihn zur Arbeit in die Gärtnerei. Einiges erzählte mir der Gärtner, einiges +beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte dürres Laub +zusammenrechen und flüsterte den braunen Blättern zu: + + „So wie ein Blatt vom Wipfel fällt, + So geht ein Leben aus der Welt, + Die Vögel singen weiter!“ + +Stützte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in +melancholischer Betrachtung über die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer +irdischer Dinge. Darauf übergab er dem Gärtner den Rechen und sagte: + +„Tun _Sie_ dieses Totengräbergeschäft; ich vermag es nicht!“ + +Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjäten. Er ging siebenmal mit düsterem +Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger über dies neue +verruchte Arbeitsfeld und deklamierte: + + „Giftiges Kraut, gesäet mitten unter den Weizen, + O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut! + Satanas hat sich dein Korn in höllischen Scheuern gestapelt, + Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet, + Daß du nun wucherst und wächst; dem güldenen Weizen zum Schaden, + Daß du die Sonne ihm stiehlst, den nächtlichen Tau der Gestirne. + Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden, + Krieche zur Hölle zurück, zum Satan, von dem du gekommen, + Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge, + Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!“ + +Daraufhin hat der Gärtner Herrn Knut Waterstream belehrt, daß das, was er +als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und daß sich +gegen das Unkraut mit Beschwörungen nichts ausrichten lasse. Man müsse das +Zeug Stück für Stück mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe +es nicht. + +„Lieber Freund“, hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme +erwidert, „wir verstehen uns nicht!“ + +Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen. + + * + +Es soll der Sänger mit dem König gehen. Sänger hatten wir von Anfang an +genug; am 10. Mai kam der König an. Ein wirklicher König war es zwar +nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fürsten, eine Hoheit. Um +diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz +an dreihundert Zeitungen: + +„Der Andrang nach der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ zu Waltersburg, der +besten und originellsten Heilstätte der Welt, ist enorm. Die ermüdete +Intelligenz flüchtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt +kommen auf ein Weilchen zurück ins grünbelaubte Mutterhaus der Natur. +Künstler von Weltruf, Mitglieder europäischer Regentenhäuser sind bei uns +eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergötterte Liebling +allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer +und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet, +die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer +heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie +rührend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermüdender +Emsigkeit seine Gärtnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der +Allerhöchstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen +Stimmungen die Welt achtet, im demütigen Bauernkleide, von niemand +erkannt, seiner ländlichen Tätigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt +‚Ferien vom Ich‘ ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg über das +Unglück, ist ein Paradies auf Erden!“ + +Als ich diesen Erguß in den Zeitungen las, wußte ich: auch unser Levisohn +war ein Dichter. Einer von blühender Phantasie. + +Hoheit kam zu mir und fragte: + +„Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Männchen, die hier bei +Ihnen ’rumkrauchen, etwa der König von England oder von Italien drunter?“ + +„Gewiß nicht, Hoheit.“ + +„Ja, wer ist denn da mit dem Allerhöchstgeborenen Herrn gemeint, auf +dessen Stimmungen die Welt achtet?“ + +„Ew. Hoheit selbst.“ + +Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten +Hoheit: + +„Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!“ – + +Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden +achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich über +dreitausend Kurgäste an. Ob der nachtwächternde Heldentenor oder der +ackerbauende Fürst die größere Anziehung ausübte, war nicht zu +entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz: + +„Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘, Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen, +die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit können +wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gäste nicht aufnehmen, da jeder +unserer Feriengäste ganz individuell behandelt werden muß. Vornotierungen +aber zulässig.“ + +Diese hochmütige Kürze tat noch größere Wunder. Unser Büro konnte die +Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewältigen. Ich +telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf +die Antwort ein: „Hatte ich mir gedacht!“ + + * + +Hoheit ist ein recht liebenswürdiger Kurgast. Hoheit ist überhaupt einer, +der seiner zu großen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner +Nerven verdankt. Wir Ärzte drücken das höflich aus: Er hat zu konzentriert +gelebt. Es ist schön, daß wir unsere fachmännischen Ausdrucksformen haben; +denn es würde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit +ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bißchen Schweinekerl und +Liederjan! + +Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns +gekommen, weil sie hier ein Feld für originelle Extravaganzen wittert. +Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere +Familienratsbeschlüsse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige +Verwendung in den Kolonien, Aussöhnung mit dem Familienchef, abermaliges +Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden, +Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehört. + +Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen +Lebensbericht eingereicht, über dem mir die Haare zu Berge gestanden +haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und +prüde bin. Am Schluß stand: er habe sich eigentlich erschießen wollen, +aber er könne ja noch mal diese „neue Chose“ probieren, ob ihm noch ein +bißchen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig +und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, für den man keine +Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle +Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am +wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr +und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf +Sekunden das Gefühl gehabt, daß er und sein Leben noch ernst genommen +werden können. Heißen wolle er Max Piesecke. – + +„Also, lieber Piesecke“, sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; „daß Sie +ein großer Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu +sagen. Höchstwahrscheinlich läßt sich mit Ihnen nichts mehr anfangen. +Erschießen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber +miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden +die Wände auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie – ich +glaube, ungefällig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn für Humor. +Nun, Piesecke, es wäre doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal +ein brauchbarer Kerl würde! He? Sie müssen selbst darüber lachen! Und für +mich wäre es gut – wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir’s halt. +Gelingt’s, freue ich mich; gelingt’s nicht, schmeiße ich Sie ’raus!“ + +„Wahrscheinlich werden Sie mich ’rausschmeißen!“ sagte Piesecke +nachdenklich. + +„Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein +bißchen Philosophie im Leibe hätten, müßten sie wissen: es gibt keinen +grimmigeren Spaß, als ein Pessimist zu sein und über den Pessimismus zu +lachen!“ + +„Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!“ + +„Gern!“ + +Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, übergab ihn Piesecke und sagte: + +„Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie +es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden +höchstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreißen wollen. Sie sind +gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben +durchzuführen. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht +unnützerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir +einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und +lauten: + +Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim ‚Ferien vom Ich‘ +aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht füge, +zahle ich eine Million Mark Reugeld.“ + +„Was?“ schrie Max Piesecke. „Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfährt +es, schlägt er mich tot!“ + +„Schön! Dann habe ich nicht mehr nötig, Sie zu kurieren.“ + +Piesecke sank in sich zusammen. + +„Ich bin immer Erpressern in die Hände gefallen“, jammerte er. + +„Morgen nachmittag 4½ Uhr wird der Notar hier sein“, entgegnete ich ruhig; +„Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen +oder Ihrer Wege gehen.“ + +„Ferien vom Ich!“ stöhnte Piesecke; „ich habe gar keinen Willen mehr.“ + +Am nächsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem +Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewünschte Abkommen mit seinem +hochfürstlichen Namen. + +„Nun passen Sie mal auf, Piesecke“, sagte ich, „jetzt wird noch was aus +Ihnen!“ + + ------------------------------------------------------- + +All unsere Höfe sind mit Kurgästen besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen, +daß wir die Wahl hätten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der +Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von früh bis spät Arbeit, +obwohl unser Ärztekollegium immer größer wird. Es lastet zuviel +Geschäftliches auf mir. Das drückt auf die Seele; denn ich bin kein +Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, daß er gerade jetzt, wo er +hier am nötigsten wäre, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an +ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurück. Immer die gleiche +Antwort: „Ich bin hier noch unabkömmlich.“ + +Unser Direktor – ein früherer Offizier – ist zum Glück ein tüchtiger Mann. +Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spürsinn. Wie ein +guter Jagdhund ist er, er hat’s in der Nase, wenn er über das weite +Gelände unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen +Furche ein verborgener Erfolg aufzustöbern ist. Er ist aus dem Holz, aus +dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die +leitet alle ein unfaßbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere +Leute nicht haben. + +Der Direktor heißt von Brüsen und wird wegen seines würdevollen Auftretens +von den Kurgästen „der Herr Präsident“, von den Angestellten aber „der +Direks“ genannt. Oft habe ich bei seinen Maßnahmen das Gefühl: genau so +würde Stefenson gehandelt haben. Brüsen ist auch von Stefenson angestellt +worden. Mein Geschäftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo +kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei – wie er +schrieb – gefunden, „daß sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf +einmal vorstellen könne, was nur sehr wenig Menschen vermöchten“, daß er +ferner „zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben“, daß er nicht in den +Doppelsohlenstiefeln ängstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von +hundert Schnellfüßlern überholt werde, und daß er von guter, zäher +Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn +gemerkt und ihn für uns nun an den Tag gezogen. + +Es ist ein Glück, daß dieser Direktor da ist. Was täte ich ohne ihn? Einen +Entscheid fällt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere +Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden +Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er +entscheidet immer so, wie ich annehmen möchte, daß Stefenson entschieden +haben würde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig, +so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so +fest steht, daß er weiß: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein +paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ... + +Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Bäuchlein +war bestimmt nicht der große, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten +Brown hätte ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown. + +Ich muß mich wahrhaftig erst in die Ausführung meiner eigenen Idee von der +Unpersönlichkeit meiner Kurgäste gewöhnen. Es wird mir schwer, in dem +Nachtwächter Korrundt nicht den Opernsänger zu sehen, ja, es wird mir +sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist +doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekümmere mich +absichtlich nicht um die Personalien der Kurgäste, die ich nicht selbst +behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als +leitender Arzt tun muß. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe +Leute in unseren Gärten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich +nicht weiß, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir +nur bekannt ist, daß sie aus einer drückenden Enge entflohen sind in das +Reich unserer grünen Gesundheit. + +Der Sekretär, der unsere Statistik macht, sagte mir, daß neunzig Prozent +unserer Kurgäste aus Großstädten kommen. Ich glaube das gern. Die +Großstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Hände zu steinern +hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu +flunkerig, sind ihre Wünsche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den +Engrosramsch der Genüsse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den +wahren Bedürfnissen ihrer Kinder. Von den Palasträumen ihrer Verwaltung +aus regiert diese Stiefmutter Großstadt ihre Familie, die zum größten Teil +in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schläft; in ihren glänzenden +Parkanlagen dürfen barfüßige Jungen und zerlumpte Mädchen spazierengehen. +Wie die niederträchtigste Amme, die ihren unruhigen Zögling mit Schnaps +betäubt, errichtet sie in all ihren Vorstädten Destille neben Destille. +Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt +ihnen diese „Mutter“ Großstadt einige Bonbons „öffentlicher Fürsorge“ oder +billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen +können, sondern nur den Magen ansäuern und die Zähne des Willens und +Charakters verderben. + +Wann endlich wird die Menschheit des trügerischen Schimmers müde sein, in +Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Großstadt und +im großen Ferien machen von diesem jammervollen Ich? + + ------------------------------------------------------- + +Heut ist ein Unglück passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten +als Kurgäste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte +seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht, +der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit +will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefährt +auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem +Rückwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade +dort, wo der Weg eine steile Böschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den +Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu +gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift +und greulich zugerichtet. + +Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst +erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die +Wahlstatt überschaut und darauf zunächst mal dem unglücklichen Piesecke +ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden +nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich überzeugt, daß mit dem +Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurückgekehrt. +Annelies ist außer dem Schreck nichts passiert, die schöne Eva hat sich +einen Fuß verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kräftigen +Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt. +Piesecke hat nichts zu sagen gewußt als: „Pardon, pardon, es ist mir +dieses alles sehr fatal.“ + +Schließlich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie +hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten. + +Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen +Beschwerde zu führen. Er sei – so sagte er – immerhin ein Kurgast, und +Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er müsse gegen solche Behandlung Protest +einlegen. + +Ich aber sagte: „Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, daß ich mich +wirklich nicht darum kümmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher +prügeln.“ + +Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: „Jawohl, ich sehe es +ein! Wenn ich mich körperlich werde gekräftigt haben, werde ich ihm die +Ohrfeigen zurückgeben.“ + +„Das müssen Sie“, erwiderte ich; „das gebe ich Ihnen auf; das werde ich +Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!“ + + + + + + SOMMERABEND + + +Die Arbeit war getan; ich war frei. Eigentlich wollte ich ja hinauf zum +Hirtenhaus, aber ehe ich mich’s versah, schlenderte ich doch wieder zum +Forellenbauer hinab. Ich redete mir ein, ich müsse mich um mein Sorgenkind +Piesecke bekümmern, und so nebenbei könne ich ja nach Eva fragen, deren +kranker Fuß allerdings von einem Kollegen behandelt wird. Das Mädchen saß +vor der Haustür auf der grüngestrichenen Bank und putzte Gemüse. Sie heißt +hier einfach „Hanne“. Einen Familiennamen führt sie nicht, ebensowenig wie +Anneliese, die sich in „Bärbel“ umgetauft hat. + +Am Hoftor blieb ich stehen. Ein liebliches Bild! Abendsonne bestrahlte das +schöne Mädchen, eine weiße Taube saß auf der Rückenlehne der Bank, ein +goldgefiederter Hahn blinzelte mit seinen Äuglein zu dem Mädchen empor, +wartend, ob für ihn etwas abfalle. Dann kam der große Zottelhund, wedelte +mit seinem buschigen Schwanz den Hahn gutmütig, aber bestimmt zur Seite, +nahm dessen Platz ein und saß in stummer Bewunderung vor der schönen Frau. + +Und noch ein anderer schaute verliebt zu dem Mädchen hin, das war +Piesecke, der an der Stalltür lehnte und eine Sense in der Hand hielt. Oh, +den armen Piesecke scheint es ganz arg erwischt zu haben. Er verdrehte die +Augen und seufzte einmal so laut, daß man es über den Hof hinweg hörte. +Ich ärgerte mich über den Menschen. + +Gleich wurde mir eine Genugtuung. Eine derbe Faust kam aus der Stalltür +heraus, gab dem träumenden Piesecke einen Stoß in den Rücken, daß er samt +seiner Sense in den Hof taumelte, und eine rauhe Stimme rief: + +„Schlaf nicht, du Döskopp! Mach, daß du aufs Kleefeld kommst!“ + +Die schöne Hanne blickte auf und lachte, Piesecke geriet in Wut, fuchtelte +mit seiner Sense ein wenig vor der inzwischen geschlossenen Stalltür herum +und ging dann niedergeschlagen über den Hof. Am Tor traf er mich. + +„Das ist eine Gemeinheit“, sagte er und hatte Tränen in den Augen. + +„Piesecke“, tröstete ich ihn, „ich bin Zeuge dessen gewesen, was jetzt +vorfiel. Das ist gegen jede Ordnung, ist gegen den Sinn unseres +Ferienheims. Der Knecht Ignaz hat sich gegen einen Kurgast solche +Frechheiten nicht herauszunehmen. Ich werde energisch mit dem Bauern +reden. Oder soll ich Sie auf einem anderen Hofe unterbringen?“ + +„Um Gottes willen nicht“, rief Piesecke erschrocken; „ich – ich – da +hielte ich’s ja gar nicht aus auf einem anderen Hofe ... ich – ich hab +mich ja schon so – so – an den Grobian gewöhnt.“ + +Und er ging gesenkten Hauptes mit seiner Sense davon. + +Ich begrüßte eben die blonde „Hanne“, da trat auch schon der Bauer Barthel +aus der Haustür. Das war mir nicht lieb, und so sagte ich ein bißchen +unwirsch: + +„Barthel, das geht aber nicht, daß Sie Knechte mieten, die unsere Kurgäste +verprügeln. Denken Sie mal, wenn das in der Öffentlichkeit bekannt würde! +Da käme niemand mehr zu uns. Den langen Ignaz müssen Sie entlassen.“ + +„Ich kann nich, Herr Dukter“, erwiderte Barthel achselzuckend. „Ma kriegt +so schwer ’n gutten Knecht. Kurgäste kriegt ma zehnmal leichter wie ’n +Knecht. Und a Ignaz, den kenn ich vu Jugend uff, das is a ganzer Kerle. +Der schofft’s! Wos sull ich machen, jetzt, wu die Ernte kummt? Ich kann +doch nich die Ernte mit ’m Piesecke machen! Se sullten mal zusehn, Herr +Dukter, wenn der Piesecke Gras haut. Bluß die Spitzen schneid’t a ab, de +Sense fuchtelt immer in der Luft ’rum. Oder sie bleibt in eem +Maulwurfhaufen stecken. Es ist jämmerlich!“ + +„Wie lange wird denn Herr Piesecke hierbleiben?“ fragte Hanne. + +„Das dürfte ich eigentlich nicht sagen“, erwiderte ich, „aber ich glaube +ein ganzes Jahr!“ + +„Um Gott’s willen!“ stöhnte Barthel. „A Jahr lang! Da hat mir der Kerl ’n +ganzen Hof ruiniert. Was soll ooch so’n Sargfabrikant von der +Bauernwirtschaft verstehen.“ + +„Wieso – Sargfabrikant?“ + +Barthel lächelte überlegen. + +„Eener vom Grundhofe kennt ihn. Piesecke is Sargfabrikant in Hannover und +heeßt eegentlich Robert Ebbing. Ich hab das vom Sargfabrikanten gleich +geglaubt; denn ’n sehr traurigen Eindruck macht a doch. Aber ich hab mir +gesagt, a muß doch da was von der Tischlerei verstehn. Da sollt a mir +vorgestern ’ne Kiste zunageln. Das hätten Se sehn müssen! Olle Nägel krumm +oder in die Luft gekloppt. Das weeß ich: in een Sarg, den der Piesecke +gemacht hat, leg ich mich amal nich! Eh da die Sänger mit ‚Es ist bestimmt +in Gottes Rat‘ fertig wären, bräch der Boden und ich läg draußen!“ + +„Also, das alles glaub ich nicht“, warf die blonde Hanne lachend ein; +„Piesecke stammt aus einer besseren Familie; das merkt man ihm schon an.“ + +Ich zuckte die Achseln. + +„Es darf hier ein jeder vermuten, was er will.“ + +„Meinetwegen mag er sein, was er Lust hat“, sagte Barthel brummig; +„Hauptsache, ich wär ihn los.“ + +„Geduld, Barthel, Geduld!“ + +„Geduld braucht ma mächtig viel mit den Städtern. Also fünfundzwanzig +Stück Kurgäste hab ich jetzt. Außer mit der kleen’n Bärbel hab ich mit +allen Schererei. Na, ich brumm nicht etwa, Herr Dukter; für die Ärgerei +mit a Städtern bin ich ja da und hab ich mein feines Auskumm’. Ich sag +bloß: Ärger machen se alle.“ + +„Aber doch nicht ich!“ rief Hanne. + +„Sie ooch“, sagte Barthel melancholisch; „meine Alte is uff Sie +eifersüchtig.“ + +„Barthel!“ + +Dem Mädchen blieb der hübsche Mund offenstehen. + +„Ja, ja, ich hab ihr zwar gutt zugeredt und gesagt: Alte Schraube, es paßt +sich nich, daß du uff deine alten Tage eifersüchtig wirst. Aber se sagt, +es paßt sich nich, daß ich su oft mit Ihn’n plaudere, und ich tät Augen +machen.“ + +„Was täten Sie machen?“ + +„Augen! Nu ja, ich kann doch nich als Blindekuh vor Ihn’n stehn!“ + +Das Mädchen machte ein erheuchelt ernstes Gesicht. + +„Also, Barthel, diese Augen lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich werde Ihre +Frau Gemahlin zur Rechenschaft ziehen.“ + +„Um Gottes willen nich! Wenn das ’rumkummt, schrei’n ja die Leute Feuer!“ + +Da trat Frau Susanne Barthel aus der Haustür. + +„Hatt’ ich mir’s nich geducht? Steht a nich schon wieder?“ sagte sie. + +„Ja, Frau Barthel“, rief Eva, „und er macht Augen auf mich!“ + +„Nich wahr, Fräulein Hanne, Sie haben ooch Ihren Spaß an dem alten Esel?“ + +Das Weiblein fing an zu lachen, daß ihr die Augen tränten. + +„Also, wenn der Augen macht“, schluchzte sie unter Lachen, „da kommt keen +gestoch’nes Kalb dagegen auf.“ + +„Weib“, schrie Barthel erbost; „du bist eifersüchtig. Du hast keen’n Grund +dazu!“ + +„Nee, nee“, schlenkerte die dicke Susanne prustend mit den Händen; „du +kannst um de ganze Welt ’rum Augen machen, ’s fällt keener druff ’rein!“ + +Und sie ging vergnügt ins Haus zurück. Barthel stopfte ob des +vernichtenden Urteils über seine männliche Anziehungskraft die Hände in +die Hosentaschen und sagte: + +„Das is eene Gemeinheit! Immer lacht se, schon wie se noch meine Braut +war, lacht se mich immer aus.“ + +„Seien Sie doch froh, Barthel, daß Sie eine so lustige Frau haben.“ + +„Nee, nee, Herr Dukter, olles mit Respekt gesagt, aber das verstehen Se +nich! Sie sind nicht verheirat’t. Sehn Se, wenn a Weib schimpft, oder wenn +se flennt, oder wenn se mit Tellern schmeißt, oder wenn sie furtlooft, +könn’n Se sich immer noch Ihren Kopp ufsetzen; aber wenn se lacht, sind Se +geliefert.“ + +Nach dieser Bemerkung hob der Philosoph aus dem Volke den Kopf und lachte +selber. Und ich benutzte die Gelegenheit und bat Barthel, mir seine +Meinung über seine Kurgäste mitzuteilen. Sowenig ich mich sonst um den +Stand der von mir persönlich nicht behandelten Kurgäste kümmere – wer auf +dem Forellenhof lebt, weiß ich. Ach, ich wollte es mir ja immer noch nicht +zugestehn, aber ich glaube oft, daß ich selbst „Augen“ auf die schöne Eva +Bunkert mache, die hier „Hanne“ heißt. Und wenn ich ehrlich sein will, ist +das auch der Grund, warum ich gerade die Besucherliste des Forellenhofes +kenne. Jetzt sagte ich gutgelaunt: + +„Also, Barthel, schießen Sie mal los mit Ihrem Ärger über unsere +Kurgäste.“ + +Ich hatte mich inzwischen zu Hanne auf die Bank gesetzt, Barthel hockte +auf einem umgekehrten Kartoffelkorbe uns gegenüber. Er machte sein +philosophisches Gesicht und sagte: + +„Ärger kann man’s eigentlich nich nennen, man muß mehr sagen, keen +richtigen Respekt nich. Also, vom Piesecke will ich nich reden, der ärgert +mich wirklich. Das is ’n Huhn! Wahrscheinlich hat a zuviel Särge gemacht, +zuviel Geld eingenummen, und da is es halt su geworden. Aber zum Beispiel +der Lempert. Also, in dessen Kurverordnung, die er mir als ’m Hausherrn +doch abgeben muß, steht: Aufstehn halb sechs. Um halb sechs geht der Ignaz +wecken. Lempert brummt nich amal. Um dreiviertel weckt Ignaz wieder. +Lempert schreit: a sull die Schnauze halten! Um sechse geh ich selber und +hau an die Tür. Lempert schmeißt seine Stiefel dagegen und schreit, ich +sull mich zum Teufel scheren. Um viertel sieben trommeln wir beide so an +die Tür, daß ’s ganze Haus wackelt, ’s rührt sich nischt. Um halb sieben +droh’n wir, die Tür einzuhauen. Da kummt Lempert hinter uns die Treppe +’rauf und fragt seelenvergnügt, warum wir eigentlich vor seiner Tür so +eenen Skandal machen; a wär doch schon lange munter. Is der Kerl heimlich +uffgestanden und hat die Tür von außen verschlossen. Nächsten Tag dieselbe +Chose. Um halb sechs Ignaz (Lempert brummt), um dreiviertel sechs Ignaz +(Schnauze halten!), um sechs ich (er schmeißt mit Stiefeln). ‚Jetzt, +Ignaz‘, sag ich, ‚is Schluß, jetzt steht er heimlich uff.‘ Um neune is ’n +Bote vom Rathaus bei mir, warum der Lempert nich zur Kur gekommen sei? +Schläft der Vagabund noch! Da soll ma sich nich ärgern!“ + +Lempert war ein Rechtsanwalt aus Leipzig. + +„Fahren Sie fort, Barthel. Schildern Sie mir noch einige Ihrer Kurgäste.“ + +„Also, da ist der Emmerich, der komponiert mir ’n ganzen Hof voll. Auf’m +neubehobelten Kartoffelwagen hat a ’n ganzes Brett vollkomponiert, er +komponiert die Hausflurwände voll, er komponiert ans Butterfaß, er +komponiert auf die Tischtücher, er hat sogar (entschuldigen, Fräulein +Hanne!) auf den Klosettdeckel einen Rundgesang komponiert. So ein +verrücktes Huhn is das! Ich hab’n gefragt, ob er Kapellmeister oder Kantor +war, da hat er gesagt: Nee, er wär Gesanglehrer in eener +Taubstummenanstalt. Von sein’n Schülern ließe er seine Kompositionen +aufführen. Das nennte sich primitive Kunst. Und gerade so ’n Schmierfinke +wie der Emmerich is der Maler Methusalem. Das is erst eine Nummer! Der +behauptet, er wäre 998 Jahre alt. In zwei Jahren zu Pfingsten feiert a +seinen tausendsten Geburtstag. Da will er uns alle einladen. Den nächsten +Tag tät er dann sterben, da könnten wir gleich zum Begräbnis dableiben. +Die Sache hätte sich so zugetragen, daß er vor etwa tausend Jahren ’n +mächtiger König gewesen wär; aber er hätt’ ’n Verbrechen begangen, und da +hätt’ ’n een sehr kräftiger Fluch getroffen, und da hätt’ er gleich nach +seinem Tode sich immer wieder aus ’m Grabe ’rausbuddeln und in anderer +Gestalt ’n neues Leben beginnen müssen, und es sei immer sehr bergab +gegangen mit sein’n diversen Leben, bis er zuletzt hätte als deutscher +Maler auf die Welt gemußt. Da sei das Maß seiner Buße voll geworden, und +er dürft jetzt definitiv sterben. Also – was hat dieser Methusalem +gemacht? Ich hab ein neues Schaff gekauft. ’s erstemal kommt’s in +Gebrauch. Schneeweißes Buchenholz. Da schüttet meine Frau Rüben in das +Schaff, pfeift ’m Methusalem und sagt: ‚Methusalem, stampfen Se mal die +Rüben hübsch klein!‘ Was macht er? Er beguckt sich das schöne weiße +Schaff, dreht’s um, schüttet die Rüben aufs Pflaster und malt auf ’n +auswendigen Boden vom Schaff meine Alte. Die is nu immer wieder +hergelaufen gekommen, hat gelacht und geschimpft auf den Methusalem, und +er hat sie immer angeguckt und drauflos gestrichelt. Da is se ausgerückt +und er ’s Schaff sich über’n Kopf gestülpt und immer hinter der Susanne +her. Und wo er sie erwischte, schnell ihr ins Gesicht geguckt und ’n paar +Striche gemacht. Und dann ging die Jagd von neuem an. Das nennt sich nu +landwirtschaftlicher Betrieb bei uns!“ + +„Hat denn der Methusalem die Zeichnung fertiggestellt?“ + +„Freilich! Fünf Tage lang is a mit sein’m Schaff auf ’m Kopp hinter der +Susanne wie wahnsinnig hergewest. Se is ganz außer Atem gekommen und hat +gesagt, a müßt wirklich ’n sehr schwerer Verbrecher sein. Aber das Bild is +nu fertig. Ich sag Ihn’n, su ’ne alte Eule haben Se Ihrer Lebtage noch +nicht gesehen.“ + +„Kann man das Bild nicht mal sehn? Sie haben dieses Schaff hoffentlich +nicht wieder als Schaff benutzt?“ + +„Nee! Meine Alte hat das Bild abscheuern woll’n, aber da haben alle +Kurgäste Lärm gemacht.“ + +„Die Zeichnung ist köstlich!“ warf Eva ein. + +„Wo ist denn das Schaff?“ + +„Oben in seiner Stube hat’s der Methusalem eingeschlossen. Aber ich hab ja +’n zweiten Schlüssel.“ + +„Holen Sie’s mal!“ + +„Wenn mich die Susanne erwischt, kommt sie gleich mit der Schmierseife und +der Scheuerbürste hinter mir hergesaust.“ + +„Holen Sie es. Wir stehen Posten.“ + +Ich wußte, daß dieser Methusalem ein bekannter ausgezeichneter +Karikaturist war. Als Barthel mit dem Schaff ankam und ich die Zeichnung +sah, war ich entzückt. Ich sah ein Meisterwerk! Diese ganze pfiffige, +durchtriebene, lachlustige, dicke Susanne lebte, atmete, schimpfte, +lachte, kommandierte, pfiff auf der Zeichnung. + +„Es ist herrlich“, rief ich; „es ist zum Küssen schön!“ + +„Weib!“ schrie da Barthel begeistert, „Weib, komm ’raus, der Doktor will +dir ’n Kuß geben.“ + +Susanne kam heraus, sah das Schaff, kreischte, versuchte einen wilden +Angriff auf ihr Bildnis und erstarrte, als ich ihr sagte, wenn Herr +Stefenson die Zeichnung sähe, würde er wahrscheinlich ein- oder +zweitausend Mark dafür zahlen. + +Die erblaßte Susanne rief: + +„Ich kann doch keene so scheußliche alte Schachtel sein wie die da!“ + +„Das ist keine scheußliche alte Schachtel“, sagte Eva freundlich; „das ist +eine sehr liebe, lustige Muttel!“ + +„Siehste, Alte“, höhnte Barthel, „wenn du um die ganze Welt reistest, ’s +könnte dich keen Maler schöner uffmalen, als du eben bist. Aber ich bin +nich eifersüchtig, wenn ooch der Methusalem fünf Tage hinter dir hergerast +is wie verrückt.“ + +Mit dieser rachsüchtigen Bemerkung schlug Barthel seine Gattin aus dem +Felde. + +„Holdrioho hoho!“ jodelte einer draußen vor dem Tore. + +„Um Himmels willen“, rief Barthel, „das is der Methusalem. Wenn der spürt, +daß ich in seiner Stube gewest bin! Der tausendjährige Kerl hat Kräfte wie +’n Bär.“ + +Und Barthel nahm das Schaff auf den Kopf und verschwand eilends im Hause. + +Eva-Hanne sagte: + +„Ich hab immer gern in meinem Leben gelacht, aber so viel wie in den drei +Wochen, da ich hier bin, noch nie.“ + +„Lachen ist gesund.“ + +„Ganz gewiß. Ich sehe, wie alle um mich her täglich gesünder und heiterer +werden. Heiter kann man es zwar nicht nennen, mehr ausgelassen.“ + +„Ja, sehen Sie, Eva, die Ausgelassenheit ist nur ein ansteigender Talweg +zu dem Berge der Gesundheit und des Glückes, die Heiterkeit ist der +letzte, klare Gipfel. Zu ihm gelangen wir spät, erst, wenn wir lange und +mühevoll gestiegen sind, erst, wenn es still und einsam um uns geworden +ist, erst, wenn unsere Augen weithin sehen können, über alle Tiefen, die +unter uns, und alle Höhen, die über uns waren.“ + +„Sind Sie selbst schon auf der Höhe?“ + +„Ich gewiß nicht. Ich bin nichts als ein Wegzeiger, der im Tale steht, die +Hand ausstreckt und sagt: Da geht es hinauf!“ + +„Vielleicht ist’s gut so“, meinte Eva nachdenklich; „wenn Sie selbst schon +oben ständen, könnten Sie nichts anderes als winken. Und da würde sich +mancher sagen: was will der winkende Mann auf dem steilen Gipfel; er ist +wohl in Not und fürchtet sich allein dort oben?“ + +„Ich finde, Fräulein Eva, daß wir uns gut verstehn!“ + +Ich sah ihr heiß in die Augen. Ihr Blick begegnete mir freundlich, aber +kühl. Dann senkte sie das Haupt und sah vor sich hin. Der lange Ignaz +schlurfte vorbei. Er brummte einen Gruß und rückte kaum am Hut. + +„Ein unfreundlicher Mensch“, sagte ich, nur um etwas zu reden. „Wenn er +nur nicht mal Unheil anrichtet!“ + +„Der Bauer braucht ihn. Aber er ist mir auch manchmal unheimlich.“ + +„Holdrioho hoho!“ jodelte es nun dicht vor dem Tore. Ein starker Kerl +erschien, der brachte eine dicke Weibsperson auf einem Schiebkarren +gefahren. + +„Das ist Methusalem“, belehrte mich Eva; „er bringt die dicke Cenzi vom +Felde heim.“ + +Cenzi war – wie ich wußte – die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem +Dirndlkostüm sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde +Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte „Alles aussteigen!“ und +kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, überkugelte sich zweimal, kam +dann jauchzend auf uns zu in einer merkwürdigen Gangart, die etwa so +aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und +sagte: + +„Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren fährt er mich, aber +zeichnen mag er mich nicht!“ Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr, +das deutlich ausdrückte: „Lohnt nicht den Faßboden!“ Dann sagte er: „Ich +bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist +wichtiger für Sie, Cenzi, als das Geporträtiertwerden. Sie haben drei +Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so +erschöpft, daß Sie per Achse nach Hause gebracht werden mußten.“ + +„Er ist über so viele Steine hinweggefahren“, klagte Cenzi; „ich bin +buchstäblich wie gerädert.“ + +„Das wird besser werden, Cenzi“, tröstete Methusalem, „wenn unser Vater +Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat. +Es ist ein Skandal, daß er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein +rückständiger Landwirt.“ + +„Oh, Sie Spötter!“ flötete Cenzi; „aber passen Sie auf, morgen habe ich +wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich +bei Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin.“ + +Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gesprächs über +ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie möge das alles +ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden. + +Ein Hilfsbriefträger erschien. Er übergab Eva einen Brief. Den Brief hatte +die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war +der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit „Hanne – Forellenhof“ +adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbriefträger überbracht. Er blieb +nach dieser Amtshandlung wartend stehen. + +„Nanu, Briefträger“, sagte Methusalem, „Sie warten wohl auf ’n Trinkgeld? +Sie wissen doch, daß wir alle in diesen gesegneten Landen nicht ’n roten +Heller in der Tasche haben.“ + +„Eine Zigarre möcht ich gern“, sagte der Briefträger. + +„Gibt’s nicht“, schimpfte Barthel aus der Haustür heraus. „Drei Stück sull +a bloß am Tage roochen, und die kriegt a ooch täglich geliefert. Nu is a +extra Briefträger geworden, daß a in a Höfen um Tabak rumschnorr’n kann.“ + +Der Briefträger (er war im Zivilleben Fabrikbesitzer im westfälischen +Industriebezirk) machte einen niedergeschlagenen Eindruck. + +„Drei Stück so leichte Zigarrchen ist ja nichts für einen, der ein starker +Raucher gewesen ist“, sagte er. + +„Die drei Dingerchen hole ich mir früh um sieben ab und verrauch sie alle +drei nach dem Frühstück. Und dann habe ich den ganzen Tag nichts.“ + +„Trösten Sie sich“, sagte Barthel grob, „vielleicht werden Sie ooch noch +gescheidt um ’n Kopp!“ + +Nur die dicke Cenzi war mitleidig. Sie hatte sich eben eine Zigarette +angesteckt und sagte: + +„Briefträger, ich krieg bloß zwei Stück am Tag. Aber Sie dürfen einmal +dran ziehen.“ + +Sie steckte dem Briefträger ihre Zigarette in den Mund, und der sog sich +gierig daran fest, blies den Rauch durch die Nase, sog so fest, daß er +binnen Sekunden die ganze Zigarette aufgefressen hätte, wenn Cenzi sie ihm +nicht entrissen hätte. + +„Den laß ich nie wieder ziehen!“ sagte sie empört. + +Eva hielt ihren Brief in der Hand. Sie war ein wenig unruhig geworden. + +„Er ist von meinem Vater“, sagte sie leise zu mir. + +„Begleiten Sie mich bis zum Tor!“ + +„Also“, fuhr sie fort, während wir langsam gingen und sie sich auf mich +stützte, „hat er meinen Aufenthaltsort erfahren. Ich mag den Brief jetzt +nicht lesen. Ich weiß, daß er nichts Erfreuliches enthält, und ich will +mir den schönen Abend nicht verderben.“ + +So war der alte Streit zwischen Waltersburg und Neustadt in einer ganz +neuen Form wieder ausgebrochen. Die Tochter des Konkurrenten war bei uns +zur Kur, und der Vater protestierte. Anders konnte es nicht sein. + +„Es wäre sehr, sehr schade, wenn Sie unser Heim verlassen müßten“, sagte +ich und fühlte, daß eine heiße Angst in mir aufstieg. + +Sie sah finster zu Boden. + +Dann riß sie den Brief auf. + +„Ich will nicht feig sein!“ + +Sie las – las – staunte. Dann reichte sie mir den Brief. + +„Oh! Das hätte ich nicht gedacht! Lesen Sie!“ + +„Liebes Kind! Es ist ja nicht nett von Dir, daß Du hinter meinem Rücken +ins Lager unseres sogenannten Feindes übergegangen bist. Aber die Sache +kann sich noch gut zurechtschieben. Die Neustädter, deren ganzer Sache ich +auf die Beine geholfen habe, machen mir schon seit langem das Leben sauer +und möchten mich nach und nach übrig machen. Nun erhielt ich gestern von +Mister Stefenson aus Amerika einen Brief, in dem er mich anfragt, ob ich +geneigt sei, den Bau der noch fehlenden zwanzig Höfe in der Waltersburger +Kuranstalt zu übernehmen und auch fernerhin die baulichen Unternehmungen +dort zu leiten. In diesem Falle möge ich mit der Waltersburger Direktion, +die verständigt sei, in Verbindung treten. Ich bin nach Lage der +Verhältnisse gar nicht abgeneigt, der Sache näherzutreten, und freue mich +jetzt, daß Du bereits Dein Interesse für das jedenfalls sehr +aussichtsreiche Waltersburger Unternehmen bekundet hast. In den nächsten +Tagen werden wir uns sehen.“ + +Ich gab Eva den Brief zurück. + +„Sie werden nicht glauben, daß ich eine Ahnung von diesen geschäftlichen +Dingen gehabt habe“, sagte sie ängstlich. + +„Gewiß nicht; ich habe selbst auch davon nichts gewußt.“ + +Ihre Stirn war finster. + +„Es ist schwer für mich, das zu sagen – aber Sie sollen mich nicht falsch +beurteilen; es gefällt mir nicht von meinem Vater, daß er von den +Neustädtern zu den Waltersburgern übergeht. Er hätte drüben Stange halten +müssen – jetzt erst recht!“ + +„Braves, liebes Mädel!“ dachte ich; doch ich sagte, um sie zu beruhigen: + +„Sie sind ja auch zu uns gekommen!“ + +„Das ist etwas anderes. Ich bin nicht Eva Bunkert, ich bin Hanne vom +Forellenhof. Ich schade den Neustädtern nichts. Aber mein Vater – der +Gründer von allem! Wenn der übertritt!“ + +„Fräulein Eva, Ihr Vater ist wohl längst da drüben nicht mehr ganz mit dem +Herzen dabei. Seine ursprünglichen Waldheime sind dem öden Hotelbetrieb +gewichen. Ich glaube, er mag darunter gelitten haben. Kaltherziger +Geschäftskonzern spricht allein in Neustadt. Wenn sich nun Ihrem Vater ein +Feld neuer Tätigkeit bietet, das ihn mehr befriedigt, ist es recht von +ihm, wenn er zusagt.“ + +„Sie sind ein lieber Mensch“, sagte sie dankbar, und meine Augen flammten +auf, und auf einen Augenblick war es mir, als flöge meine Seele einem +seligen Lande zu. Das Herz stockte, der Atem setzte auf Sekunden aus, ein +seliger Taumel faßte mich ... + +Draußen an der Tür erhob sich ein Singen: + + „Abend wird es wieder; + Über Wald und Feld + Säuselt Frieden nieder, + Und es ruht die Welt.“ + +Das alte Abendlied wurde von vierstimmigem Chor gesungen. Da öffnete der +lange Ignaz das Tor. Er hatte in der Nische gelehnt, und ich hatte ihn +vorher gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er alles gehört, was wir +gesprochen hatten. Jetzt blickte er mich mit finsterem Gesicht an. Aber +ich beachtete ihn gar nicht. Ich sah auf die Sänger, die durchs Tor zogen. +Sensen und Rechen trugen sie über die Schultern, alle mit Feldblumen +geschmückt, voran schritt Emmerich, der Chormeister, mit einem mit +Kornblumen geschmückten Taktstock: + + „Nur der Bach ergießet + Sich am Felsen dort, + Und er braust und fließet + Immer, immerfort. + + So in deinem Streben + Bist, mein Herz, auch du, + Gott nur kann dir geben + Wahre Abendruh!“ + +Als letzte in der Reihe kamen die kleine Luise und eine Frau, die das Kind +an der Hand führte. Diese Frau war wohl noch jung; sie war von hoher, +schöner Figur. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil das bunte +Kopftuch, das sie trug, weit vorgeschoben war. Luise, die jetzt sehr +häufig auf dem Forellenhofe war, schmiegte sich dicht an ihre Begleiterin. + +„Wie heißt die Frau, mit der Luise geht?“ fragte ich Eva. + +„Sie nennt sich Magdalena, ist sehr still und bleibt fast immer für sich +allein. Aber das Kind hängt an ihr.“ + +Behutsam zog ich mein Notizbuch. Dort hatte ich die Kurgäste des +Forellenhofes verzeichnet. + +„Magdalena ..., geschiedene Frau Kaufmann Agnes Blassing aus Aachen, +behandelnder Arzt Dr. Michael“, stand dort verzeichnet. + +Das Abendlied verklang; die Leute zerstreuten sich an der Brunnenröhre +oder am Bach; die meisten aber zogen doch vor, ihre Abendtoilette auf dem +Zimmer zu besorgen. + +Draußen auf der Straße knarrte noch ein Wagen. Trotzdem schloß der lange +Ignaz das Tor. Das war eine neue Heimtücke von ihm; denn vor dem Tor stand +Piesecke mit einem Fuder Klee und wußte nicht, wie er es anstellen solle, +die Zügel der Pferde, von denen eines sehr unruhig war, nicht loszulassen +und doch an das Tor zu klopfen. + +So schrie er: „Es ist zu! Es ist zu! Bitte, machen Sie gefälligst auf!“ +und es klang wie ein jammernder Hilferuf. Die Leute, die noch im Hofe +waren, lachten, und niemand dachte daran, Piesecke in seiner Not +beizustehen. Da eilte die kleine braune Anneliese über den Hof und +versuchte das schwere Tor zu öffnen. Ich half ihr dabei, und ich sah zum +erstenmal, wie reizend dieses Mädchen war. Wie eine süße, junge, rote +Rose! Ihre Sternenaugen grüßten mich wieder so freundlich, und ich +glaubte, zu ihrem Herzen würde ich den Weg wohl leichter finden als zum +Herzen dieser stolzen Eva. Und sah doch wieder zu dieser Eva hin. + +Nun sollte zur Abendmahlzeit gerufen werden. In anderen Höfen geschah das +durch eine Glocke. Hier im Forellenhof trat Emmerich mit seiner Leibgarde +auf. Vier Mann, zwei mit Becken, einer mit einer Trommel, einer mit einer +Pauke. Dieser Tischruf war so gewaltig, daß die Leute drunten in +Waltersburg wußten, wann im Forellenhof gegessen wurde. Damit aber auch +der lyrische Teil dieser Emmerichschen Kunstleistung nicht fehle, wurde +ein Kanon gesungen, den Emmerich gedichtet und komponiert hatte: + + „Lobt den Herrn, hat’s zu bedeuten, + Wenn zur Ruh die Glocken läuten, + Doch dabei nicht zu vergessen, + Kommt zum Essen! Kommt! Kommt!“ + +Die vier Sänger sangen diesen Kanon mit tiefem Gefühl. Bald sammelten sich +die Abendgäste an der großen Tafel im Garten. Emil Barthel saß an der +Spitze und präsidierte. Es gab Bratkartoffeln, Milch, Weißkäse, Butter und +Brot, grünen Salat, frische Kirschen und Haselnüsse. Dieses Abend-„Menu“ +habe ich glatt von Lahmann im „Weißen Hirsch“ übernommen, weil es kein +besseres gibt. + +Piesecke behauptete, wenn er Milch, Kirschen, grünen Kopfsalat und +Weißkäse zusammen äße, bekäme er auch zusammen die Ruhr, den Typhus und +die Cholera. Er war deshalb mit noch einem anderen Kurgast an einen +Extratisch gesetzt und bekam besondere Kost. Nach vierzehn Tagen, als +Piesecke sah, daß die Gäste am „Normaltisch“ sich sehr wohl fühlten, wurde +er seiner Einsamkeit überdrüssig und verlangte zu den anderen. + +Ich aß an diesem Abend mit im Forellenhof, und ich hatte große Freude, zu +sehen, wie herrlich es den Leuten schmeckte. Auch die Tischgespräche, die +geführt wurden, gefielen mir. Weit weg war alles gespreizte, verlogene +Getue, weit weg aller Phrasenklüngel, alles ästhetisierende Jongleurtum, +alle pseudophilosophische Geistreichelei, jede auch noch so versteckte +Prahlerei mit wirklichen oder vermeintlichen Werten aus dem früheren +Leben. + +Der dicke Franzel erzählte dem dürren Heinrich (einem Zoologen aus +München), daß er drei Maulwürfe erlegt habe, worauf Heinrich entrüstet +erklärte, das sei eine ungeheure Dummheit, da der Maulwurf als +Insektenvertilger und nachweislicher Nichtpflanzenfresser niemals ein +Würzelchen der Wiese, dagegen aber täglich so viel schädliche Engerlinge +verspeise, wie er selbst schwer sei. Vater Barthel, zum Schiedsrichter +angerufen, entschied: „Den Büchern nach ist der Maulwurf sehr nützlich, +aber dem Bauernverstande nach schlagen wir ihn tot. Von wegen seiner +Haufen!“ Heinrich zuckte die Schultern und sagte, es werde wohl auch in +diesen finsteren Aberglauben noch einmal Licht kommen. Vom Ausroden zweier +Weiden erzählte einer, vom Pflanzen von Sellerie ein Mädchen, von der +Aussaat von Winterrettich und Wirsing eine andere. Die meisten sprachen +von der lustigen Heuernte, von dem rotblühenden Kleefeld oder von dem +Wiesenwässerlein, über das eine neue schmale Brücke mit einem birkenen +Geländer gelegt worden war. Bäuerliche Themen, manchmal mehr altklug +behandelt, wie Kinder schwätzen, als wirklich erfahren, wie Vater Barthel +war, der aber sehr wohlwollend alles anhörte. Weil es an St. Barnabas +geregnet habe, erklärte ein Rheinländer, würden die Trauben dieses Jahr +von selbst ins Faß schwimmen, und wie das Wetter am Johannistag sei, so +würde es bis Michaeli sein, behauptete ein anderer. Ich sah mir die Leute +an, die so sprachen. Sie gehörten alle zu den gebildeten Schichten der +Bevölkerung. Würden sie je in ihrem eigenen Leben solche Unterhaltung +führen, so wären sie Sonderlinge, als komische Käuze, vielleicht als +albern gebrandmarkt. Hier wären sie lächerlich, wenn sie von hoher +Politik, von gesellschaftlichen Ereignissen und Beziehungen, von +künstlerischen oder philosophischen Streitfragen zu reden begännen. + +Diese Leute haben wirklich alle Ferien vom Ich gemacht. Und ich sehe, daß +ich meine Idee nicht bis in die Einzelheiten selber auszudenken brauche; +hier dichten alle mit an dem großen Sturmlied, das wir gegen den Jammer +unseres modernen Lebens anstimmen wollen; hier hilft jeder bauen an der +Brücke, die über den Strudel der Zeit zu dem stillen Eiland des Friedens +führt, hier stützt einer den andern. Betrachtet den Soldaten, der schwer +beladen sein junges Leben in täglich vielstündigem mühseligem Marsch gegen +die Feuerschlünde der Feinde schleppt – er würde auf seiner furchtbaren +Reise erlahmen, liegenbleiben, verzweifeln nach der dritten oder vierten +Stunde, wenn er allein wäre. Aber der Rhythmus der Masse hält seine +Glieder im Gang; am klingenden Bewußtsein der Gegenwart von tausend +anderen hält er sich aufrecht. + +So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine +Bauernstube, heiße ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das +Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja +mit Tausenden seinesgleichen aber ist er glücklich, legt er alle Tage +Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurück, deren er sonst nie fähig +wäre, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzärteltes, +tyrannisches Ich zum Siege. + + + + + + LORELEI + + +Mein Bruder Joachim guckte über den Gartenzaun. Und als sich die +Gesellschaft auflöste zum Abendspaziergang, fügte es sich leicht, daß Eva +und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der +Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Männer zur +Laute: + + „Rosenbusch holderblüh, + Wenn i mei Mädle g’sieh –“ + +Wir blieben stehen und hörten zu. Die Sänger reichten zwei volle Gläser +zum Fenster heraus, und unsere Mädchen nippten daran und lachten. + +Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon +aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der +fröhliche Singsang überging in „Drauß’ ist alles so prächtig, und es ist +mir so wohl“, bemerkte ich, daß Joachim heimlich nach Annelieses Hand +faßte, die ihm das Mädchen traumverloren überließ. + +Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die +Sinne. Glühwürmchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus +blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden +ich kenne, Eichendorffs traurige Weise: + + „Sie hat einen andern genommen, + Ich war draußen in Schlacht und Sieg, + Nun ist alles anders gekommen, + Ich wollt’, es wär’ wieder Krieg!“ + +Über die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die +sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und +eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine: + +„Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schön gesungen!“ + +Die Frau schüttelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es +auch schon dämmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich +sah, daß das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste +Frau, Luises Mutter, war. + +Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er +erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine +weltmüde und doch immer noch glücksuchende Rechte nach der kleinen +Anneliese keuscher Hand. + +„Magdalena, kommen Sie hierher!“ rief das Kind abermals und dringend. + +Die aber schüttelte den Kopf und ging davon. + +Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die +Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hörte aus dem +Klange des Hornes die Worte: + + „Ich aber war weit schon gegangen, + Jetzt sieht sie mich nimmermehr.“ + + ------------------------------------------------------- + +Die Nacht war schwüler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heiße +Gewitterluft über unsere Häupter getragen würde. Ich saß wach am Fenster. +Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er +machte mir Mitteilung, daß er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe +und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen übertragen +wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: „Ich verhehle Ihnen +nicht, lieber Freund, daß meine tiefe Neigung für Fräulein Eva Bunkert, +deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an +ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie – dessen versichert +mich Ihre ehrliche Freundschaft – immer Rechnung tragen.“ + +Wie schwül die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wünsche, +heißer Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schöne Traumbild +von Liebe und Glück von drohendem Wetterleuchten überstrahlt an meinem +Himmel stand. + +Da bäumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho, +mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu +befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher, +in dem du mich überbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave, +dem du befehlen kannst: Laß ab von jenem Mädchen, das ich für mich will! +Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in +der Welt Freundschaft stärker als Liebe, wo wäre sie im Kampfe mit ihr +nicht unterlegen? + +Komm nur zurück, alter Geschäftemacher, und kämpfe um die Braut! Wenn du +zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiß +nicht mehr entreißen. + +So wollte ich das Recht auf mein Lebensglück wahren. Aber neben dem Willen +saß der Zweifel. Ich wußte, daß Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte +als zu mir. Ich war wohl für das Glück der Liebe nicht bestimmt. Niemals +im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu +verträumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die +junge, rote Rose, hatte ich übersehen. + +Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des +Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin. + +Auch da fühlte ich ein böses Wetter aufsteigen. + + ------------------------------------------------------- + +Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern +machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das +dir den Tag grau färbt und deine Nächte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu +der herben, tüchtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen, +mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, daß du das Haupt hochheben und +tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du +einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen +tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tüchtige Frau, +sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedrängnis und dich +wieder auf eine feste Straße stellen; hast du Güter verloren, welcher Art +es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen +und leere Herzen immer neu zu füllen vermag; sind dir alle +Unterhalterinnen des Lebens überdrüssig geworden, laß die Arbeit an deinem +Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft! + +Denn sie ist deine beste Freundin; sie schützt deine Gesundheit, sie +stärkt deine Muskeln; sie würzt dir das Mahl und salzt es, daß es nicht +faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte über deinen Wert ins +Ohr und hütet dich doch vor Übermut durch kleine oder große Mißerfolge; +sie gibt dir für deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu +deinem Becher den rechten Durst und schließt dir alle Abende mit leisem +Finger die Lider! + + ------------------------------------------------------- + +So bin ich durch die Arbeit über meine Zweifel und Leiden hinweggekommen, +so sind meine Eigenwünsche still geworden und wie kleine Heimatbächlein +hineingerieselt in den großen Strom des Willens zum Dienst der +Allgemeinheit. + +Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes +Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der +starken Alltagswelle, die mein Schiff trägt. + +Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir +ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Männer wie Frauen. +Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluß die Lorelei und in dem +scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der +Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein „golden Haar“ kämmt, sondern +vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die +gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am +Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber +schönes Geschäft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die +Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein +pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe +verunglückte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem +kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem +Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwächen haben möge, und wird +die Frage ein wenig zähneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter, +bis sich ergibt, daß die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat, +eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte, +wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Unglücksfahrt eine Torheit +gewesen, nach welcher man klüger geworden und gottlob ans feste Land und +in trockene Kleider gekommen sei. + +In den meisten Fällen hilft meine Methode; sie führt durch das Türlein: +„Er ist es nicht wert, daß ich mich opfere“, in den Garten der Gesundung. + +Einige Fälle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, daß immer nur +auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt. +Die stehen dann wie verloren und verzürnt in dem lustigen Ferienheim vom +Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton +wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht hält, und +steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal +zurück. + + + + + + DIE „KRUMMBEINIGE MEDIZIN“ + + +Meine Kurmittel sind nicht ganz gewöhnlicher Art. Es gibt Ärzte, die den +Sitz alles Übels im Magen suchen; andere begeistern sich für die Leber; +wieder andere schwören auf warme Füße; ganz alte, bequeme Knaben geben +immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen, +außer mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei überhaupt nichts +anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren „Giftmischer“ genannt, und +alle werden von den Homöopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein; +ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am +meisten. + +Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine +Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner +hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfünfzig Fällen die Anschaffung +eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der +medizinischen Wissenschaft gewißlich ein Novum, aber er ist gleicherzeit – +das kühne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt – nichts anderes als +ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in +Amerika drüben nennen sie ihn _german __dog_), er heißt „Spezi“, weil er +mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die +gesundheitsfördernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als +daß ich in meiner Nächstenliebe nicht auch anderen das Glück eines solchen +Besitzes gönnen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier +nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift +dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase über den +„Chef“ rümpfen, der so viele „krummbeinige Medizin“ verordnet, daß neulich +sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung +abhielten und greulichen Unfug verübten. (Dr. Fristen hat mir damals +gekündigt mit der Begründung, daß er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und +ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spießer, die +nur ihr Schuleinmaleins ableiern können!) + +Einen Dackel verordne ich zunächst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel +seiner Leiden zu große Eigenliebe erkenne. Die gewöhnt ihm der Hund +alsbald gründlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet +auf die Dauer seinem Dackel gegenüber die „Herrchen“-Natur. + +Das „Herrchen“ ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es +nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken +versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende +Dackel – einen Igel erschnuppernd – biegt gen Süden ab. Der Philosoph wird +sich anfangs um den kläffenden Köter ganz und gar nicht kümmern; aber dann +wird er pfeifen – einmal, zweimal, dreimal leise – dann laut, immer lauter +rufen, drohen, die Fäuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn +geschleudert werden, umkehren, gen Süden wallen und Betrachtungen darüber +anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier +sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Höhe eisigen Denkens +ist durch einen Dackel ertrotzt. + +Gut so – in den Ferien vom Ich! + +Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines +elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenüber mit der +ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn +in hundert Runzeln, die Ohren hängend, den Schwanz melancholisch +eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd, +stöhnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen, +mit dem Vieh auf die Straße flüchten und sich nicht schlecht wundern, daß +der scheinheilige Jämmerling plötzlich wie ein Berserker der Lebenslust +umherrast. Etwas abfärben wird es schon. Das nächste Mal, wenn er und der +Dachs so trübselig einander gegenübersitzen, wird sich der Misanthrop +selbst nicht recht trauen und auf die Straße gehen. + +Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und +keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den +ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und füttern kann. + +Die kleinliche, ordnungswütige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines +Zigarrenstäubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte, +bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhält als +Antwort auf ihre entrüstete Klage, daß ihr das „entsetzliche Vieh“ die +Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch +geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die +Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur +nebensächlicher Bedeutung, und ohne Dackel könne sie nicht gesund werden. + +Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt +im verschlossenen Briefe mitteilte, sie brächte ihre Nachbarschaft durch +ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen +Dachshund verordnet. + +Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und +verheult, daß ihr die Drahtkommode zur Unmöglichkeit wurde. + +Allen den sehr nervösen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiß, +daß sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draußen in der Welt als +Richter oder Examinatoren auf arme Opferlämmer losgelassen werden, +verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner künftighin auch vor +ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde +ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen +Menschen ohne äußerste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch +so ruiniert sind. + +Ferien vom Ich! + +Das ist so die fieberstillende Wirkung der „krummbeinigen Medizin“. Aber +der Dachs wirkt auch stärkend und aufbauend. + +Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen +Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle +Kreaturen, ein „untreues Luder“. Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer +seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen täten! Vier +Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir: + +„Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich +zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit +schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er +treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauselöcher, +in die ich schnuppern möchte, aber es ist doch am schönsten bei dir! Das +ist immerhin eine gewisse Treue!“ + +Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes, +hoffärtiges Gebaren haben, denen, die „sich tun“, wie die Leute sagen. Es +sind ihrer sehr viele. Wer „tut sich“ heutzutage nicht? Der Dichterling, +der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen +nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt, +gleich ist ihre Hoheit dahin. + +Man kann nicht geziert, nicht unnatürlich tun und sein, wenn man mit einem +Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil, +zerrt einen widerwillig in die Natürlichkeit zurück. + +Gewiß, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein täppischer Biedermeier, +ein Kleinbürger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein +genialer Spötter. + +Ich wüßte nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei +Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte! + + + + + + IN DER GENOVEVENKLAUSE + + +Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer über wohnte eine Witwe +mit ihrem Söhnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres +Eheglücks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause +flüchtete. Das Häuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist +über dem Felsen, der Bach fließt vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner +Tür. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause +ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fußweg führt zu ihr hin, und es +ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso +still. + +Nun ist die Frau fortgezogen. Sie mußte in die Welt zurück und hatte +Tränen in den Augen, als sie Abschied nahm. + +„Wenn das Grab meines Gatten hier wäre, möchte ich nie mehr ausziehen aus +der lieben Klause“, sagte sie. + +„Sie müssen es wegen Ihres Sohnes“, entgegnete ich ihr; „Sie dürfen keinen +Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie müssen ihn +vorbereiten für das Leben.“ + +„Mir graut vor dem Leben“, sagte Frau Herzeleide und zog davon! ... + +Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich +mußte ein wenig warten. Da kam sie zur Tür herein – Magdalena vom +Forellenhof –, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak +sie und strebte zur Tür wieder hinaus. Ich hielt sie zurück. + +„Was wünschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein. +Warten Sie nur einige Minuten!“ + +Sie war äußerst verwirrt. + +„Ich wollte – ich möchte – ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht +möglich sei, daß ich in die Genovevenklause ziehen könnte, da sie frei +geworden ist.“ + +„Gefällt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?“ + +Sie wich aus. + +„Ich möchte sehr gern in tiefere Einsamkeit.“ + +„Ist Ihr Arzt damit einverstanden?“ + +„Ja.“ + +Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn +gefahren. + +„Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen +recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort +steht. Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie die Klause bekommen.“ + +„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich möchte Ihnen +meinetwegen den Weg nicht zumuten.“ + +„Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!“ + +Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blaß, und ihre +Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz +gefärbt; das veränderte sie am meisten. Aber auch der früher so rosige +Teint war verloren; die Haut schimmerte blaß und feucht; die Kinderaugen, +die so übermütig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare +Schönheit noch, aber sie blickten müde und traurig. + +Während wir so gingen, sprach ich über harmlose Dinge, über die Ernte, +über Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt +hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den +schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht +mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, daß ich voranschritt. + +So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erlösers, und ich dachte +an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und +mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich +nicht grausam sein. Diese Frau war so müde, so geschlagen; sie brauchte +keine Strafe mehr. + +„Magdalena“, sagte ich, „ich habe gehört, daß Sie gern mit unserer kleinen +Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen +hier nicht fehlen?“ + +Sie seufzte schwer. + +„Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das +junge Fräulein, die Bärbel, und mir hat Luise versprochen, daß sie mich +alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh.“ + +„Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzählt?“ + +„Ja, sie hört gerne Märchen.“ + +„Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?“ + +„Ja, ich tue das sehr gern.“ + +„Hm.“ + +Ich machte eine Pause. + +Dann sagte ich: + +„Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin +austoben. Aber als ständiges Unterkommen hätte ich für die Kleine gern ein +stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen +in Pflege.“ + +Da schrie sie kurz und jäh auf. + +„Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine große Gnade!“ + +Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: „Ich werde es tun.“ + +Nun faßte sie mich an den Händen; ihr ganzer Körper bebte. + +„Eine Gnade!“ wiederholte sie. „Ich bin so verlassen, und ich habe das +Kind so lieb!“ + +Sie ließ mich los, legte einen Arm über die Augen, trat ein wenig zurück +und stand so ein Weilchen still da. Plötzlich begann sie bitterlich zu +weinen. + +„Was ist Ihnen, Magdalena?“ + +„Es geht nicht; es geht nicht!“ schluchzte sie; „wenn Sie – wenn Sie +wüßten, wer ich bin, würden Sie mir das Kind nicht übergeben. Ich bin eine +– eine schlechte Frau!“ + +Ich ging zu der Unglücklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte +erschüttert: + +„Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiß, wer du bist!“ + +Sie prallte zurück. + +„Sie wissen – wer ich ...“ + +„Ja, Käthe, ich hab dich erkannt!“ + +Da warf sie die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und verschwand um +den Felsen in den Wald. + +Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mühe ein. + +„Wenn Joachim mich erkennt, schlägt er mich tot!“ wimmerte sie. + +„Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich außer mir. Und ich werde dich +schützen!“ + +Sie mußte sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurückführte. +Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustür und streichelte ihren +Scheitel. + +„Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir +kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen +früh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fürchten Sie +nichts, ängstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es +soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!“ + +Ich ließ sie allein. + + ------------------------------------------------------- + +Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher +Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat +keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie +auf, läßt sie leiden. + +Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich +glaube nicht, daß sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von +stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig. + +Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen. +Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz +nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte +die Mutter zu mir: + +„Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die +Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.“ + +„Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine +Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, daß +er überhaupt existiert.“ + +„Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!“ + +„Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muß!“ + +Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und +Trotz. + +„Ich werde Joachim aufklären!“ sagte sie bestimmt. + +„Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis +Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner +Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner +Tochter geworden ist. Laß ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig +verfehlten Ichleben.“ + +„Er ist schuldlos an seinem Unglück!“ + +„Nein! Er ist nicht ohne Schuld.“ + +„Fritz!“ + +„Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen +maßlosen Haß viel tiefer ins Unglück gebracht, als ein kluger Mensch, der +sich beherrschen kann, nötig hatte, und er hat sich gegen sein Kind +schäbig benommen.“ + +„Das ist unerhört, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim +bestimmt aufklären.“ + +„Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit +dem Kinde zusammenleben wollen.“ + +„Nun, so müßte man eben das Mädchen vorläufig noch nach einer guten +Pension bringen.“ + +„Das würde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung nötig wäre, würde +Luise hierbleiben, und Joachim würde von mir entlassen werden.“ + +„Entlassen?“ + +„Ja, es hat sich so gefügt, daß Joachim gegenwärtig mein Angestellter ist. +Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag.“ + +„Du bist maßlos hochmütig und lieblos!“ + +„Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben.“ + +„Berufe dich nicht auf dein Herz“, sagte sie, „du hast keines!“ + +Und sie ging. + +Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter +wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch, +weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens +befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe +im Ichleben, im Familienjammer. + +Und da dämmerte mir, daß es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe, +daß ich in freiem, ungestörtem Zölibat meiner großen Idee am besten dienen +könne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glück bleiben würden, aber Arm +und Fuß frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum +Vorwärtsschreiten und Handeln. + +Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und +sagte ihr, daß ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstände. +Sie schüttelte zwar das schöne Köpfchen, aber sie ließ sich von mir +küssen, und ich stieg fröhlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange +traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich +abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel. + + + + + + DIE SCHLACHT BEI WALTERSBURG + + +Jeder deutsche Kurort hat seine „Sensation der Saison“, so wie jedes +Affentheater seine „größte Attraktion der Gegenwart“ hat. Auch unser +Ferienheim hatte seine Sensation. + +Anton, der älteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die älteste +Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heiße +Schlacht entsponnen. + +Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfräuliche +Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und +einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden +Kavaliere in die übliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter +Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin wäre alles in Ordnung +gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen +Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt +gewesen und hatte sein Rößlein in der kleinen Ausspannung des dortigen +Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefähr hatte er dann von der +Sommerlaube im Gärtchen aus das Gespräch zweier Neustädter Burschen +belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch +zwei anderen am nächsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie +in der Dämmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im +traulichen Gespräch mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen, +auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhaßten Waltersburg ihr +Mütchen zu kühlen. + +Als Piesecke solches hörte, kam sein fürstliches Blut in Wallung. +(Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgroßvater hatte als +General in fünf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Während er nun +gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem +Anschlag der Neustädter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu +retten sei. Er warb zunächst ein Heer. In dasselbe traten mit großer +Begeisterung außer dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler +Methusalem vom Forellenhof, auch der Sänger Hagen Korrundt, der immer noch +bei uns nachtwächterte, und die gegenwärtigen Insassen unserer +Räuberhöhle. Diese letzteren waren vier fragwürdige Gestalten, die sich +Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules, +unordentliches Leben führten und nun froh waren, daß sie einmal etwas +Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anführer gegen +fünf Neustädter – mit dieser beträchtlichen Übermacht, hauptsächlich aber +durch seine überlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des +Napoleonbekämpfers den Sieg zu erringen. + +In der Räuberhöhle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht +sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens überlasse ein guter +Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme +selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens könnte am Gartenzaun Vater +Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gäbe es ein Malheur. Anton +sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen +Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die nächste +Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden +Neustädtern angefallen würde. Alsbald würde er ihm mit noch sechs Mann zu +Hilfe eilen, die überraschten Neustädter würden – die Übermacht erkennend +und bedrückt durch ihr schlechtes Gewissen – die Flucht hinab gen +Waltersburg ergreifen wollen, aber da würden Moor und Schinderhannes, die +weiter unten in den Hinterhalt gelegt würden, hervorbrechen, den +Neustädtern den Weg verlegen und – die ganze Rasselbande sei gefangen. Er +wolle ein für die Neustädter sehr demütigendes Dokument aufsetzen, das die +Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre völlige Niederlage zugeben +müßten, und dieses Dokument solle in der Räuberhöhle unter Glas und Rahmen +aufbewahrt werden als ein Zeichen, daß der langjährige Kampf zwischen +Waltersburg und Neustadt mit dem endgültigen Sieg der Waltersburger +geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu +einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle wärmeren Gefühle, +die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch für den Gastwirt hegen sollte, +abgekühlt werden würden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen +bewegten Leben aus vielen Fällen, daß nichts so sicher die Liebe des +Weibes ertötet, als wenn der Geliebte vor ihr lächerlich wird. + +Während dieser Ausführungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen +Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weißgetünchten Wand +die Umrisse zu einem Triptychon großen Umfangs entworfen. Die Seitenteile +des Bildes sollten die „Tücke“ und der „Kampf“ heißen, das Mittelstück +aber „Der Sieg“. + +Die „Tücke“ würde Anton und Pauline im Dämmerlicht dahinwandelnd und von +den Neustädter Unholden belauert zeigen, der „Kampf“ eine besonders +dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstück den +Sieg Waltersburgs in großer Apotheose feiern. Das Mittelstück war schon +etwas ausgeführt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Roß Piesecke +als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Kränzen im +Haar; als nächstes Paar die Vertreter der Künste, Emmerich mit der Harfe +und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die +bärenhäutigen Kriegsgenossen. + +Und nun mußte die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da +der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen +Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte, +einzuüben. + +„So“, sagte nach einer Stunde Methusalem, „der Sieg ist ganz und die Tücke +teilweise gesichert; fehlt bloß der Kampf.“ + +„Der wird gigantisch!“ rief Piesecke. + +Die Sache verlief nicht ganz programmäßig. Zwar gingen die Neustädter +wirklich in die Falle und überfielen Anton zweihundert Meter jenseits der +Waldecke, aber die Kerle rissen nicht – wie vorausgesehen – durch die +Übermacht erschreckt und ihr böses Gewissen beunruhigt aus, sondern +blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die +Waltersburger jämmerlich. Das kam aber daher, daß sich die in Anrechnung +gebrachte Übermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minorität +verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der +Schlacht dadurch kampfunfähig gemacht, daß ihn ein riesenhafter Neustädter +Bräuknecht in die Höhe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an +dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene +mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch +verewigen mußte, und der Musiker Emmerich fühlte sich dazu berufen, +ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung +seiner Siegeshymne anzufeuern. So kämpften nur der Sänger Hagen Korrundt, +der Bräutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber – +da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren – gegen die rohe Gewalt +der Neustädter Raufer nicht aufkamen. Es gab fürchterliche Prügel, und der +Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, daß er +nachträglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen, +nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter +weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustädtern den Rückzug +abzuschneiden, hörten den Skandal, lugten um die Baumstämme, kamen aber +nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten. + +Wer weiß, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen +wäre, wenn nicht eine starke auswärtige Macht sich eingemischt hätte. +Durch den Wald erscholl plötzlich eine scharfe Stimme: + +„Pauline! Pauline!“ + +Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit +Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses +Männerwerk da für sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende +Stimme hörte, schrie sie: + +„Um Himmels willen, die Mutter! Macht, daß ihr fortkommt!“ + +Drauf rissen erst die beiden Bräutigame aus, und mit ihnen verlor sich +rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer +energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich „herumgetrieben“ habe; +alles Mannesvolk aber flüchtete gen Waltersburg. + +Und da hat es sich begeben, daß der Neustädter Gastwirt, der den Rückzug +der anderen deckte, als er sich außer Frau Susannes Ruf- und Sehweite +fühlte, doch noch in die Hände der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben +ihn gefangengenommen und ihn nochmals verprügeln wollen. Aber Methusalem +hat gesagt: + +„Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht +versündigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde +jetzt mit der schönen grünen Farbe, die ich in diesem Fläschchen habe, +einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen.“ + +Der Gastwirt hat mit Händen und Füßen geschlagen, aber sechs Kerle haben +ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn +gemalt. Mit Ölfarbe! + +Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen können und nach +drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel +geschickt, durch das er die unerwünschte Ehrung abwaschen konnte. + +Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schöne Bleistiftskizze +von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren +Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen, +die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat. + +Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor +Nässe, und alle Schwachheit und Feigheit der Kämpfenden sowie die +Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit +einem einzigen, aus seinem hochfürstlichen Mund hervorzischenden Wort +charakterisiert: + +„Plebs!“ + + + + + + HERBST + + +Das erste Halbjahr, da das Ferienheim in Betrieb ist, geht zu Ende. Wenn +ich es überschaue, erfüllt mein Herz rechte Befriedigung. Nicht nur der +äußeren Erfolge wegen. Unser Unternehmen steht glänzend da. Wir haben +lange nicht alle aufnehmen können, die zu uns kommen wollten. Die Ernte +auf den Feldern und in den Gärten war gut, unsere Bauern sind zufrieden, +und unsere Kassen und Kasten sind gefüllt. Vieles, ja das meiste, verdankt +dieser äußere Erfolg der glänzenden Organisation, die Stefenson dem Ganzen +gegeben hat und die er von Amerika aus geleitet und weiter ausgebaut hat, +wenn auch der Sonderling noch immer nicht nach Europa zurückgekehrt ist. + +Was mich als Arzt und Mensch am meisten freut, ist der Umstand, daß kaum +einer unserer Kurgäste ohne großen gesundheitlichen Gewinn von uns +fortgezogen ist. Das bestätigt meine eigene Erfahrung, das bestätigen +meine Kollegen, das sagen vor allem unsere Kurgäste selbst, die schweren +Herzens Abschied nehmen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Wenn sie nach dem +Rathaus kommen, ihre Uhr, ihr Geld zurückerhalten, liegen diese Dinge kalt +und fremd in ihren Händen, und wenn sie im „Zeughaus“ ihre eigenen Kleider +wieder anlegen und, ohne noch einmal umkehren zu dürfen, durch die große +Hinterpforte auf die Straße gelassen werden, wo der Wagen wartet, stehen +die meisten befangen da wie ängstliches Volk, das zum ersten Male in die +Welt zieht. So sicher, geborgen und heimisch haben sie sich in ihren +Ferien vom Ich gefühlt. + +Sie schreiben alle freundliche Briefe des Dankes und guten Erinnerns und +sagen, daß sie draußen unsere Anstalt preisen, und wenn sie dem oft +gehörten Einwand begegnen, es sei wohl doch eine etwas kindliche, +theatralische Sache, so beklagten sie alle diejenigen, die nicht wüßten, +wie herzstärkend und verjüngend die Rückkehr zu kindlicher Schlichtheit +sei und wie sie gerade vom Theatralischen erlöse, von der bösen, so +raffiniert eingeübten und so schwer zu spielenden, immer aber im tiefsten +Grunde erfolglosen Theaterei unseres Lebens ... + +Auch diejenigen, die organisch leidend waren, haben durch gewissenhafte +ärztliche Kunst sowie durch die Gemütsruhe und Herzensheiterkeit, die sie +umfing, die besten Erfolge gehabt. + +Der Sommer war gut; es mag Herbst werden. Die Fröhlichkeit stirbt deswegen +nicht aus. + +Diese großen Kinder der Welt fühlen hier alle die tiefe Schönheit des +Herbstes, von dem sie früher nichts wußten, als daß mit seiner Ankunft +„Neuanschaffungen“ nötig seien, die Gasrechnungen höher wurden und die +Theater- und Konzertsaison beginne. + + ------------------------------------------------------- + +Nach Andeutungen und Schilderungen eines unserer Kurgäste will ich +schildern, wie ein Herbstmorgen im Ferienheim verläuft. + +Der Herbstwind hat gesungen die ganze Nacht. Und wie er an den Fenstern +rüttelt und welkes Laub und dürre Zweige an die Scheiben warf, hat sich +das Menschlein fest in die Decke gehüllt und mit großen Augen ins Dunkle +gestarrt. Langsam ist seine Phantasie an Bord eines schwarzen +Wolkenschiffes gegangen, das durch das kalte Meer des Himmels fuhr zu +einem unbekannten Ziele. Ein schwarzer Mann stand am Steuer des Schiffes; +müde, schweigende Seelen lehnten oder saßen an seinen Bordwänden. Lautlos +glitt das Schiff. Nur der Sturm sang seine Melodie, und wilde Gänse +schrien ihr Sehnsuchtslied in den Wind. Sie folgten dem Schiff wie große +Möwen, und ihr weißes Gefieder zuckte gespenstisch durch die Nacht. Unter +dem Wolkenschiff war der große Ozean der Luft. Menschenhäuser lagen wie +Muscheln auf dem Meeresgrund, die Wälder standen wie seltsames wirres +Gewächs wilder Schlingpflanzen, manchmal ragte ein Berg auf wie eine +Insel, um die das Wolkenschiff herumschwimmen mußte. Von der Insel glimmte +das Licht einer Berghütte her wie der Schimmer einer Lampe aus einsamem +Strandhaus. Ein Felsen ragte auf wie eine Klippe, an der ein +unvorsichtiges Schiff zerschellen kann. Das Luftmeer rollte, grollte, +stampfte, es schleuderte die schwarze Flotte der Nacht hin und her. Die +wilde Fahrt war voll Grausen, aber auch voll Schönheit. Immerzu, immerzu +ging es vorwärts. Da drang ein Läuten aus der Tiefe. Irgendein Vineta lag +drunten auf dem Grund, da gingen die Glocken. Nun wurde ein lichter +Schimmer am Horizont sichtbar. Dort lagen die weißen Berge des Morgens. +Und im Morgenlande lag die Heimat. + +Da fielen dem Träumer die Augen zu – er stieg herab von dem dunklen Schiff +–, stieg ans lichte Land und war zu Hause. Weib und Kind waren bei ihm, +und die guten Freunde kamen und schüttelten ihm die Hände. + +Er erzählte ihnen, wo er gewesen sei. + +Da klopfte es an die Tür. + +„Gottfried, stehen Sie auf, es ist halb sieben Uhr!“ + +Gottfried rieb sich die Augen und besann sich. Richtig, er war nicht auf +einem Wolkenschiffe, er war auch nicht zu Hause, er war Kurgast im +Ferienheim, richtiger gesagt Bauernknecht auf dem Forellenhofe. + +Sechseinhalb! Es war noch ganz dunkel in der Stube. Und kalt war es. Ein +feiner Regen spritzte ans Fenster. Jetzt wäre es wohlig, noch eine oder +zwei Stunden zu schlafen. Ach, bloß noch ein paar Minuten! Sacht beginnt +„Gottfried“ wieder einzuschlafen. Aber in dem Augenblick, da sich das +Bewußtsein vom letzten Faden lösen will, schrickt er auf und springt mit +beiden Beinen aus dem Bett. Er wird sich doch nicht von dem Barthel – dem +Bauern – einen Meldezettel an den Arzt schreiben lassen wie ein +Schuljunge, der was „pexiert“ hat, von seinem Lehrer. Dieser Barthel ist +ein ganz netter Kerl, aber er „klemmt“ einen sofort, falls man über die +Hausordnung hinweggeht. Und es ist so blöd, sich dann beim Doktor +entschuldigen zu müssen. Unglaublich, wie leicht ein Mensch in die alten +Pennälerängste zurücksinken kann. Also aufstehen! Beim Anziehen hält man +sich hier nicht lange auf, es ist zu kalt in der Bude. Auch das +Waschwasser ist kalt. Warmes müßte extra verordnet werden. Und man schämt +sich hier unglaublich, wenn man so etwas wie verfeinerte Bedürfnisse +erkennen lassen will. Es paßt nicht zu einem, wenn man Gottfried Stumpe +heißt. Eigentlich war’s doch schön im Traume, so plötzlich zu Hause zu +sein. Wie sie alle zärtlich und besorgt waren und nach den Augen schauten, +ob da ein Wunsch abzulesen sei. Hier war das anders, hier hieß es nicht +wünschen, sondern gehorchen. Ein Wunder war’s ja nicht, wenn man manchmal +ein bißchen Heimweh hatte, zumal man fast gar nichts von Hause erfuhr. +Gestern war eine Postkarte gekommen, nach sechs Wochen die erste +Nachricht. „Lieber Mann! Bei uns sind alle wohl, und es ist alles in guter +Ordnung. Wir denken Deiner in Liebe und haben nur den einen Wunsch, daß Du +Dich völlig erholst. Mit treuen Grüßen Dein Weib und Deine Kinder.“ Das +war alles. Es war ja eigentlich genug, es war ganz nach dem Herzen der +Kurdirektion; aber Details fehlten gänzlich. Ob nun Fritzchen im +Griechischen auf das volle „Genügend“ gekommen war, ob Lenchen während der +Ferien zum Großvater reiste, ob der Kollege Neumann sich wirklich den +Adlerorden erschlichen hatte, wer Stadtverordnetenvorsteher geworden war, +wie die Elektrizitätsaktien standen – ah, kein Wort! Das ging ihn +wahrscheinlich nichts an, ihn, den Knecht Gottfried Stumpe. Auf die +gewohnte Anrede „Herr Amtsgerichtsrat“ hatte er beinahe völlig vergessen. +Sie war ihm wie ein Klang aus sagenhafter Zeit. Er war einfach Gottfried. + +„Gottfried“, hatte gestern die dicke Susanne gesagt, „helfen Se mir mal +meine Brille suchen; ich hab mir se verlegt und muß die Butterrechnung +schreiben.“ + +So wurde man sogar zu persönlichen Dienstleistungen herangezogen. „Man“, +der Herr Amtsgerichtsrat! Wie oft überhaupt dieses Weib, die Susanne, die +Brille verlegt, ist unglaublich. Methusalem hat ihr jetzt eine Art +Soldatengurt gestiftet, daran hängt wie eine kleine Säbelscheide das +Brillenfutteral. Da soll sie ihre Augenwaffe immer bei sich haben. Aber +sie trägt das Koppel nicht, sie hat es dem Methusalem um die Ohren +schlagen wollen. + +Dieser Methusalem ist ein ganz netter Kerl; nur, er erlaubt sich zuviel +Frechheiten. Ihn, den Amtsgerichtsrat, hat er gezeichnet. Aber nur von +hinten. Er sagt, er hätte einen interessanten Rücken. + +Das Waschwasser ist abscheulich kalt. Und der Spiegel ist klein. Von +ordentlichem Frisieren ist keine Rede. Den Nackenscheitel hat er längst +aufgegeben. + +Richtig, jetzt kommt noch das Schandvieh, der vom Doktor verordnete +Dackel, verbeißt sich in die herabhängenden Hosenträger und zieht und +zerrt daran. „Man“ macht eine Bewegung, wie Pferde, die nach hinten +ausschlagen wollen, verliert dabei seinen Pantoffel und bemerkt, daß der +Dackel die Hosenträger jählings losläßt, sich auf den Pantoffel stürzt und +mit ihm unter dem Bett verschwindet. Mag er. Mag er ihn zerfressen! Der +Pantoffel gehört der Kurverwaltung. Und der Dackel ist ihm oktroyiert. +Einfach oktroyiert! Er hat Hunde nie leiden mögen. Schon gar nicht als +Schlafkumpane. Er hat sie immer als wandelnde Flohfabriken verabscheut. +Methusalem hat neulich einen „wissenschaftlichen“ Vortrag im Rathaussaal +gehalten und vorher durch öffentlichen Anschlag angekündigt. Das Thema +lautete: „Kann der Mensch (_homo sapiens_) von dem Hunde (_canis +familiaris_) einen Floh (_pulex irretans_) erhalten?“ Er – Amtsgerichtsrat +_Dr._ – nein, Gottfried Stumpe, hat den Blödsinn nicht mitmachen wollen. +Zuletzt hat er gerade an dem Vortragsabend rein gar nichts vorgehabt und – +um die Zeit totzuschlagen – hingehen wollen. Aber da hat es geheißen: Der +Saal sei überfüllt, die Polizei lasse niemand mehr zu. Tags darauf hat am +Rathaus eine „Rezension“ des Methusalemschen Vortrags ausgehangen. Isidor +Karfunkelstein vom Grundhof hat sie geschrieben. Natürlich Blech! Am +Schluß hat es da geheißen: „So wies der Vortragende in seiner lichtvollen, +hinreißenden Art aufs überzeugendste nach, daß Hunde- und Menschenfloh +zwei ganz verschiedene Spezien sind, daß es einem Hundefloh niemals +einfalle, die schön behaarten Jagdgründe seiner tierischen Pfründe +freiwillig zu verlassen, um auf dem glatten Parkett der Menschenhaut +unglücklich zu debutieren; daß dem Hundefloh das tierische Blut viel +besser munde als das menschliche; daß ein bei einem Menschen gefundener +Hundefloh eine außerordentliche Ausnahme, einen armen Verirrten darstelle, +der höllisch an Heimweh leide, kurz, daß wohl ein Dackel von einem +Menschen einen Floh bekommen könne, aber nicht umgekehrt. Eine Resolution, +die darauf hinausging: die Mitglieder der Versammlung als Angehörige der +Kulturwelt seien fest entschlossen, den alten Aberglauben, daß ein _pulex +irretans_ vom _canis familiaris_ freiwillig zum _homo sapiens_ übergehe, +auszurotten, wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die +ohnmächtige geringe Opposition wurde ausgelacht.“ + +Das war also ein „wissenschaftlicher Vortrag“ in diesen Ferien vom Ich. + +Verrückt! Aber alles Volk lief hin, Herren und Damen! Rauften um die +Plätze! + +Nun hat das Beest, der Dackel, den Pantoffel wirklich zerfetzt. Er guckt – +mit elenden Plüschüberresten in der Schnauze – höchst durchtrieben unter +dem Bett hervor, und seine weit aufgerissenen Augen fragten: Gibt es nun +Keile oder nicht? + +Er schlägt ihn nicht. Mag Vater Barthel neue Pantoffeln besorgen. + +Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Früher würde er gekollert +haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten +sehr egal sind. + +Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter +dem Bett, dann kommt er näher, macht ein äußerst treuherziges Gesicht, +wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdächtigster +Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschließt, die abscheuliche +Heuchelei zu übersehen und sagt einfach und gelassen: + +„Du bist ein Schweinekerl!“ + +Der Dackel blinzelt nach dem Fuße, auf dem sein „Herrchen“ in bloßen +Socken steht, nimmt den „Schweinekerl“ als etwas ganz Selbstverständliches +hin und springt dann zärtlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in +die Höhe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so +lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug. + +„Gottfried, mähren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erkälten +sich!“ + +Das war Vater Barthel. „Mähren“ hatte er gesagt. Der Mann war nicht +satisfaktionsfähig. Wenn ihm früher mal einer „Mähren Sie nicht so lange“ +gesagt hätte! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel _contra_ Karsubke +wegen eines Objektes von drei Mark und fünfzig Pfennig neun Termine +ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte! + +Tja – Ferien vom Ich! + +Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen +erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum +ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen, +sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust – +halbbeleuchtete Höhlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Wänden +doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens, +ein Wissen und Bekennen: draußen ist Nacht. Alles andere grellere Licht +lügt den Tag vor. + +Im Hausflur unten sagt die hübsche Magd Emilie: „Hoppla!“, weil Herr +Gottfried an ihre Milchkanne stößt. Und dann tritt er in die große +Bauernstube. Da umfängt ihn das ganze große Behagen des zu früh Erwachten, +der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um +den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao, +andere löffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muß ihm den hübschen, +wahrhaft künstlerisch geformten Napf zweimal füllen. Die +Frühstücksunterhaltung ist spärlich und nüchtern wie überall. Zu Hause +würde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bißchen +Koffein würde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber daß er die Zeitung +wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknüllt an die Wand schmeißen würde +– das wäre schlimmer. Hier gibt’s keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten +Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist’s ihm völlig egal, +wer dabei zugrunde geht, gleichgültiger als der vom Dackel zernagte +Latschen. + +Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein „Sauwetter“ würde er zu +Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und +auf dem schnellsten Wege zur Straßenbahn trachten, um zum Gericht zu +fahren. + +Hier – Gottfried Stumpe – oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel +besser, und er hat Dünger fahren müssen. Die Arbeit verteilt Vater +Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls – +das steht fest – dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist’s schön und +warm, daß er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben +kann, geht er hinaus; regnet es und bläst der Wind, wird er zu häuslichen +Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr. +– nein, Gottfried Stumpe, hätte nie gedacht, es nötig zu haben, sich um +das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne +bemühen zu müssen. Er verschmäht auch alle Liebedienerei, um sich +Vergünstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem – er ist ja sonst ein +netter Kerl – ist schon fünf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher; +denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft +geschmeichelten Weise porträtiert haben, daß er, trotz gelegentlicher +Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild hängt +jetzt in einer Münchener Ausstellung; das schmeichelt natürlich solch +alter Schachtel gewaltig. + +Die dicke Lene drüben am Nachbartisch – Gottfried müßte sich furchtbar +täuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt +hätte – sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei über seine +Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet +hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und +sagt: + +„Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schön; aber Rüben abkloppen +müssen Sie heute trotzdem.“ + +„Es ist so furchtbar kalt!“ stöhnt die Dicke. + +„Lene“, belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; „es is kalt, das is wahr. +Aber Sie sind hier, um dünner zu werden, und Kälte zieht die Körper +zusammen.“ + +Sämtliche Frühstücksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als +er Dünger fahren mußte, hat er sich bloß damit getröstet, daß es die +Arbeiter auf dem Rübenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rüben aus +dem naßkalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu „klopfen“, +damit überflüssige Erde abfällt, und sie für den Wagen zu sammeln, ist an +solchen Regentagen keine schöne Arbeit und nichts weniger als Manikure. +Die Finger werden blaurot. Nur Pulswärmer helfen etwas. Scheußlich. Er – +Gottfried – freut sich auf seine Düngerfuhre. Da pendelt er so langsam +neben seinen beiden nachdenklichen Rößlein einher, und der Ammoniakgeruch, +den seine Ladung ausströmt, stört ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet +gesund für die Lungen sein. + +„Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!“ hört er Vater Barthel weiter +reden. + +Richtig! Es regnete – folglich blieb Methusalem im Trockenen. + +Gottfried haßte in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den +Kollegen gehaßt hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche +Leute verstehen es eben, immer „nach oben“ zu schielen. + +„Oben“ – das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne. + +Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei. + +„Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein +Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!“ + +Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern +fleißig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Briefträger in die +Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehängt, und in dieser Tasche +steckte ein einziger Brief. + +„Herrn Methusalem auf dem Forellenhof.“ + +Methusalem öffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie +ohnmächtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne. +Barthel hob den auf den Fußboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne +weiteres vor: + + + + + + + „Sehr geehrter Herr! + +Ihre von der gesamten Fachkritik glänzend beurteilte Zeichnung ‚Bäuerin +auf dem Schaffboden‘ ist heute für den Preis von fünftausend Mark verkauft +worden. + + Die Ausstellungsleitung.“ + + + + + + +Große allgemeine Verwundernis. + +Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschürze vors +Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte: + +„Mutter, schäm dich nich! Was kannst du dafür, daß du so ’ne interessante +Frau bist!“ + +Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers. + +„Kinder“, sprach er mit zerknirschter Stimme, „ihr alle kennt mich und +werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes +Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich bloß noch zu leben. Und nun +werd’ ich plötzlich ein Krösus. Daß ich in der kurzen Spanne Zeit meines +irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fünftausend Mark ausgeben +kann, werdet ihr einsehen. Und doch muß sie mangels jeglicher Leibeserben +weggeschafft werden. Ihr könnt glauben, daß dieser Fall mein Gemüt hart +bedrückt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu +feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erlöst bin.“ + +Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornsprühende Rede über +Sparsamkeit, Mäßigkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere +widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging +Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schämig flimmernden Augen hin +und her. + +„Denken Sie doch, Frau Susanne – fünftausend Mark – in München auf der +Ausstellung! Für Ihr Bild!“ + +„Ruhe!“ kommandierte Barthel. „Wir müssen wieder an ernste Dinge denken. +Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr’n ’runter nach Waltersburg +zum Kaufmann Scholz und hol’n das Fäßchen Heringe ab, das ich bestellt +hab. Lassen Sie sich’s aber recht festbinden, daß es nicht ’runterkugelt!“ + +„Jawohl!“ + +„Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen.“ + +Vierstimmiger piepsiger Frauenchor: + +„Jawohl!“ + +„Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann +Henschel werden Äppel pflücken. Bärbel und die Lustige Witwe werden die +Äppel nach der Äppelkammer tragen.“ + +Septett: „Jawohl!“ + +„Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im +Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt; +Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer, +Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias +Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen +helfen beim Rübenabkloppen. Fehlt noch jemand?“ + +Herr Amtsgerichtsrat Dr. – nein Gottfried Stumpe, erhob sich. + +„Ich!“ + +„Ach so – Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Rübenabkloppen.“ + +Gottfried erblaßte. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hörte nur noch mit +beißendem Ingrimm, daß Barthel den Methusalem aus Anlaß seines Briefes +einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurück. + +„Nimmermehr!“ rief er pathetisch, „denn sehen Sie, Vater Barthel, eine +ungeheure Lebenslust, ein Kraftüberschuß durchströmt plötzlich meinen fast +tausendjährigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fünfunddreißiger. Wo soll +ich hin mit der Freud? Austoben muß ich mich. Und das kann ich nur, wenn +ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!“ + +Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklärte Barthel das Frühstück für +aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den +Badehäusern, um ihre „Anwendungen“ zu machen. Auch Gottfried Stumpe +schritt hinaus in den fein sprühenden Regen. Er war sehr schlechter Laune. +Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des +Magens (er litt an Magennerven), dann ein Bürstbad mit nachfolgendem +kühlen Abguß. Was so die Nervösen bekommen! Früher war er auch massiert +worden und hatte im Gymnastiksaale turnen müssen. Jetzt fiel das weg. +Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anständiger Behandlung. +Jetzt mußte er einfach arbeiten. Rüben abkloppen. Mit Mägden und alten +Weibern zusammen. Scheußlich! + +Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen ließ. +Daß man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab! +Solche Schweinerei, wie Rüben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich +nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wußte, daß sich die Kurverwaltung +aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf +warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei +dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war +nicht zu leugnen, daß man hier absolut von Grund auf gesünder wurde. + +Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mußte er sich +nach der kühlen Abgießung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte +er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses +verpusten. + +Dann aber mußte er unwiderruflich aufs Feld. + +Rüben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprühregen aufhörte. Ein +einziger Trost war, daß bei solchem Wetter das Äpfelpflücken vom nassen +Baum auch kein Heidenspaß war. + +Wie kämen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel +dazu, daß sie ... + +Neid und Mißgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich +oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch +schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und +gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja +mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, das Klopfen des +Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt – wer diesen Dackel und diesen +Vater Barthel vertrug, ohne tobsüchtig zu werden, mußte schon sehr gesund +sein. + +Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom +Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem +er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen +an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Körbchen und einem Messer +bewaffnet, hatten einander gegenübergestanden und gelacht. Dann hatten sie +sich einander vorbestellt: „Emanuel Geibel vom Sonnenhof – Gottfried +Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!“ Und am sonnigen Waldrande +gesessen und geschwatzt. Allmählich aber waren sie in zivilisiertes +Gespräch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches, +auf hohe, schließlich auf ganz hohe Politik, dann noch höher hinauf auf +die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische +Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion +verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte +Gipfelhöhe der Menschheit gesetzt – auf den im Blauschnee glitzernden, +aller gewöhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der +heiligen Jurisprudenz. + +Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel +entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter +Verstandesmensch, als einer, der nicht nur über den Hanswurst, den +jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmaß die +Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern +der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Größen mit geradezu +souveräner Überlegenheit die Sonde legte. Wie er allein über Liszt +urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, daß der Mann, der sich unter dem +Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Größe der +Rechtswissenschaft war, hoffentlich der künftige Minister. Dann würde +vieles an den unhaltbaren verrotteten Zuständen der heutigen Rechtspflege +gebessert werden. So beschloß der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber +gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern +reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu +lassen, daß er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige +Gegenströmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaßen auch +etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als +Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das +alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brüderschaft +gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein +poetisches Gemüt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von +denen jedes mit Schwefelsäure getränkt war, konnte plötzlich +traumversunken stehenbleiben und seufzen: + + „Oh, darum ist der Lenz so schön + Mit Duft und Strahl und Lied, + Weil singend über Tal und Höh’n + So bald er weiterzieht.“ + +Oder, weil ihm eben einfiel, daß gar nicht Frühlingszeit sei: + + „Herbstlich sonnige Tage, + Mir beschieden zur Lust, + Euch mit leiserem Schlage + Grüßt die atmende Brust. + Oh, wie waltet die Stunde + Nun in seliger Ruh; + Jede schmerzende Wunde + Schließet leise sich zu.“ + +Der eiskalt schließende Jurist hatte sich ganz in die süßen, goldenen +Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des +Dichters Namen für seine Ferien vom Ich gewählt. Die Gegensätze berührten +sich auch hier. + +Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem +feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgießung „trocken lief“. Die Begegnung +war nicht ganz zufällig. Gottfried wußte, daß Emanuel abreiste. Er habe +nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er könne nicht länger +abkommen. Natürlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kräfte. + +Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum „Zeughaus“ hinunter. + +„Nun gehe ich da hinein“, sagte Emanuel traurig, „und komme nicht mehr +durch diese Tür in unser liebes Heim zurück, sondern trete auf der anderen +Seite in meinem Weltanzug auf die Straße hinaus, die ins kalte Leben +zurückführt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte, +wir wären jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern +gehabt.“ + +Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder +vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben: + + „Wenn sich zwei Herzen scheiden, + Die sich dereinst geliebt, + Das ist ein großes Leiden, + Wie’s größ’res nimmer gibt; + + Es klingt das Wort so traurig gar: + Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar! + Wenn sich zwei Herzen scheiden, + Die sich dereinst geliebt.“ + +Wohl verwunderte sich Gottfried über diese große Zartheit, aber sie packte +ihn, und die Augen wurden ihm feucht. + +Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite würde er nun +hinaus auf die Straße treten, die aus diesen friedlichen Ferien +zurückführt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus +herum und gelangte durch ein Seitenpförtlein ebenfalls hinaus auf die +Straße. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spät auf +Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei. + +Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast hätte ihn Gottfried in dem +nüchternen Reiseanzug nicht erkannt. + +„Ah, da bist du noch!“ + +„Ja, ich wollte dich noch einmal sehen.“ + +„Das ist lieb von dir!“ + +Emanuel zog die Uhr – eine einfache silberne Taschenuhr. + +„Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zählt +Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da dürfen einem +nur eine Glocke oder der Großknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spät +es ist. Und dann das Geld, das bedrückt mich am meisten. Was soll ich mit +den paar Kröten tun? Mir eine Burg des Glücks davon bauen? Lieber Gott!“ + +„Du wirst noch hoch hinauf kommen!“ tröstete ihn Gottfried. + +„Nein!“ sagte Emanuel bitter. „Da drinnen, da ist es ja geboten, über das +eigene Ich zu schweigen. Aber hier draußen auf der Landstraße will ich +mich dir gegenüber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Hätt’ gern +studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da mußte +ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretär +am Amtsgericht zu H.“ + +„Emanuel!“ + +Gottfried rang die Hände ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser +Ministerstürzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstürzler von +oben! Ein Sub – sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch +wüßte! + +„Emanuel!“ + +Gottfried stand so verdattert da, daß in die weichen Züge Emanuel Geibels +wieder die essigsaure Schärfe trat, die aber doch nur zu den resignierten +Worten führte: + +„Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel – wer wir +draußen sind, braucht uns nicht mehr zu kümmern, braucht Sie nicht zu +genieren.“ + +„Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein“, sagte Gottfried noch ganz benommen. + +„Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche +Kur zu wünschen“, sagte Emanuel höflich, verneigte sich, ergriff seine +kleine Handtasche und wollte gehen. + +Da aber hatte ihn Gottfried am Arm. + +„Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde – auch draußen –, verstehst du? +Von dem blödsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden.“ + +Emanuel setzte die Handtasche auf die Straße. + +„Ich danke dir!“ sagte er schlicht, aber in tiefer Freude. + +Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen, +das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Rübenfelde. +Da waren die Leute fleißig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen, +der auch zum Rüben „abkloppen“ kommandiert war, sprang in kühnen +Husarensprüngen über ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich +warm zu machen, in Wirklichkeit aber – wie der Amtsgerichtsrat mit +neidischem Grimm bei sich feststellte –, um sich von der Arbeit zu +drücken. + +Zehn Minuten später sprang er mit über das Feuer, bis von ferne die +Gestalt Barthels auftauchte. + +Da begaben sich die beiden Drückeberger schleunigst an die Arbeit. + + + + + + VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN + + +Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem +Haufen spielender Kinder trennte. + +„Willst du schon aufhören zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so +schön.“ + +„Ich will zu meiner Mamma.“ + +„Zu deiner Mamma?“ + +„Ja, nach Hause!“ + +„Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?“ + +„Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma +soll Magdalena sein.“ + +„Hast du deine Mamma lieb?“ + +„Lieber wie dich!“ + +Das klang nicht frech, nur tief überzeugt. + +„So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schön +zusammen?“ + +„Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid für mich. Aber es paßt immer +nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will +uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben.“ + +Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas +schwierige Alte. Das Mädchen ging neben mir her. Mit großer Munterkeit +sagte sie: + +„Wenn Pappa Stefenson da wäre, würde er die Selma mächtig ausschimpfen, +weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man für ein Kinderkleid vierzig Mark +verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schön! Wir +nähen alle Tage neue Schleifen dran.“ + +„Ich werde mit der Selma sprechen.“ + +„Ja? Wirst du wirklich? Fürchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir müssen +ein Meter schottische Seide haben und unten ein bißchen Pelzbesatz. Ich +hab mir’s so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen, +in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird +sehr fein!“ + +„Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?“ + +„Mamma will so, wie ich will.“ + +Das war das Mädel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstraße +Schnürbänder verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist +in ihr völlig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwünsche verstand +ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht +umher. Aber ein Mädchen hatte geprahlt, es hätte zu Hause ein +Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer +Seide großgetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in +Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen +Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt über die höchsten Mauern, die +man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen läßt sich nichts tun. Auch +unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten +„modernisiert“ und „stilisiert“. Was man allein mit einer heimlich +angebrachten Sicherheitsnadel alles „raffen“ kann, wieviel „Schick“ man +durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann, +grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim überhaupt mal ein +Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs +wollte ich für alle weiblichen Feriengäste ein und dieselbe Tracht. Aber +selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem +preußischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel „anprobiert“, weit +überlegen ist, kam mir schließlich mit dem Vorschlag, vier verschiedene +„Modelle“ müßten eingeführt werden, eines für die Dicken, eines für die +Dünnen, eines für die Langen, eines für die Kleinen. Damit habe ich mich +einverstanden erklärt; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden, +daß die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen. + +Für die kühlen Abende werden farbige Umschlagtücher geliefert. Oh, wie +groß sind die Wunder der Schöpfung! Manche unserer Damen drapieren das +Tuch vom Gürtel abwärts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch +rechts oder links über die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich +eine „ungarische Schürze“ daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den +Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte +Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur über dem Arm, +und einige wenige greifen auf den ursprünglichen Zweck zurück, die +schlagen das Tuch um die Schultern. + +Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen für eine unheilbare Krankheit +erklärt. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine +Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib muß sich putzen, so +wie sich das Kätzchen beschlecken muß. + + ------------------------------------------------------- + +Neulich kam Piesecke zu mir, außerhalb der Sprechstunde. Er war noch +erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunächst eine Menge wirres Zeug +durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, daß er der unglücklichste +Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn. + +„Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie +langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle +Umschweife, was los ist.“ + +Er rang die Hände ineinander und jammerte: + +„Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!“ + +„Wen? Mich?“ + +„Ach, doch nicht Sie, sondern sie!“ + +„Also Hanne vom Forellenhof.“ + +„Woher wissen Sie ...?“ + +„Ich weiß es. Sie haben sich oft genug auffällig benommen.“ + +„Und wissen Sie auch, daß sie fortzieht?“ + +„Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater +bekommen.“ + +„Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie +können machen mit mir, was Sie wollen, Sie können der beste Arzt der Welt +sein, Sie können hundert Sanatorien für mich bauen, wenn mich dieses +Mädchen verläßt, bin ich verloren.“ + +„Gruselig!“ + +„Was sagten Sie?“ + +„Gruselig!“ + +„Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich +nicht; er bedeutet mein Ende.“ + +„Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schöner Nekrolog über Sie +erscheinen.“ + +Er war empört. + +„Sie haben kein Herz für mich. Aber es ist gut, daß Sie von unserer +Landeszeitung gesprochen haben. Schließlich bin ich doch ein Prinz!“ + +„Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke.“ + +„Das weiß ich; aber ich vergesse nicht, was ich draußen bin. O nein! Sehen +Sie, und das habe ich ihr gesagt.“ + +„Was? Wem?“ + +„Der Hanne habe ich gesagt, daß ich ein Prinz bin.“ + +„Sie sind wohl verrückt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen +steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt.“ + +„Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft +worden.“ + +„Was hat denn Fräulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?“ + +„Ausgelacht hat sie mich. Sie hält mich für einen Sargfabrikanten aus +Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet für einen +Sargfabrikanten hält sie mich.“ + +„Das Geschäft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares.“ + +„Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze +Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Fräulein Hanne sagen, daß ich +wirklich ein Prinz bin und daß sie ein Engagement an unserer Hofoper +annehmen soll.“ + +„Was hätten denn Sie davon, wenn Fräulein Hanne in Ihrer Residenzstadt +sänge und Sie inzwischen hier bei uns Dünger fahren müßten?“ + +„Ich hatte gehofft, Sie würden mich für ein paar Wintermonate beurlauben.“ + +„Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer +Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn +Bruders, des regierenden Fürsten.“ + +Piesecke saß gebrochen vor mir. + +„Mit mir ist’s alle“, sagte er tonlos. + +„Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen +haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft +gesammelt.“ + +Er schüttelte trostlos den Kopf. + +„Wohl bin ich gesundheitlich vorwärts gekommen; aber das nützt mir alles +nichts mehr – ich muß sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht +verwinden kann.“ + +Ich stand auf. + +„Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich +hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich +wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!“ + +Da faßte ihn der Zorn. + +„O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach +‚Mahlzeit‘, wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose +Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da muß ich +Ihnen sagen, daß Ihr Sanatorium eine Mördergrube ist.“ + +„I, der Dauz!“ + +„Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue +Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?“ + +„Nein!“ + +„Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn +wiedererkannt; denn ich hatte früher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich +gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu überwachen. Denn er hat mich +früher schon mal überwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er +mir gesagt, daß er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er +wird den Beweis erbringen, daß Ignaz ein langgesuchter Raubmörder ist, ein +früherer Fleischergeselle.“ + +Ich setzte mich wieder. + +„Also, Piesecke, ist das wahr?“ + +„Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?“ + +„Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber täuscht sich auch Herr +Steiner nicht?“ + +„Das weiß ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab – ich glaube, +Fingerabdrücke oder so etwas – und dann will er zur Verhaftung schreiten.“ + +Mir wurde unbehaglich. + +„Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?“ + +„Jawohl. Er will mich umbringen.“ + +„Bitte, erzählen Sie!“ + +„Er hat mich schon immer verfolgt und gemißhandelt; er ist ein sehr roher +Kerl. Wie ich nun Fräulein Hanne das gesagt hab, daß – nun, daß ich eben +doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel +allein in der großen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem +Ofen hervor, hat grüngelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe +mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Fräulein Eva mir nicht geholfen +hätten, hätte mich der Kerl erwürgt. Wir haben dann den Mordgesellen zur +Tür hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen.“ + +„Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, daß mir dieser Knecht +Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft, +der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde +ich der erste sein, ihn den Behörden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn +er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch +entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen.“ Piesecke sank schon wieder in +sich zusammen. + +„Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich +soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es +wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat, +nicht einmal einen guten Freund!“ + +Da tat er mir leid. + +„Piesecke“, sagte ich, „das dürfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten +Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, daß ich +Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehört hat. Auch ich, Piesecke, +habe die schöne Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewünscht, +als daß sie meine Frau werde.“ + +Er starrte mich an. + +„Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?“ + +„Weil sie mich nicht will.“ + +„Sie nicht will?“ wiederholte er verwundert. „Sie will nicht mal Sie, und +da soll sie mich wollen?“ + +Es lag eine rührende Demut in dem Ton, in dem er das sagte. + +„Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an +sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du glücklich! Es ist etwas +Großes und Schönes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es +gibt Frauen, die das Glück oder vielmehr das Unglück haben, daß alle +Männer sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt +oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wünschen, daß sie glücklich +wird, und wir zwei wollen zusammenhalten.“ + +Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmütigen Augen schauten mich +feucht an. + +„Ich glaube, daß Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!“ + +„Ich habe Sie gern, Piesecke“, sagte ich und legte ihm fest die Hand auf +die Schulter. + + + + + + ABSCHIEDSABEND + + +Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied +von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen +wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun +nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur +nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich +hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen +herumlaufe. + +Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl +vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar +Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann +wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder +Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem +ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer +elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in +einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn +der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er +in Glanz und Lärm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern +nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt +hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen +Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß +das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. +Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; +nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff. + +Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine +Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter +singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende +gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein +idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von +allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch +selbst zu sehr in der alten Haut steckte ... + +Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte +Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von +Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem +Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein +Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, +Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, +außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in +irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn +photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim +Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei +tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. +Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit +aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt. + +Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es +hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen +in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende +Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der +Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein +entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift: + +„Die Sonne geht unter.“ + +Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein +wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. – + +Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie +sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre +Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte: + +„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese +Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle +sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem +einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“ + +Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die +Kacheln des Ofens. „So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, +sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen +darin. + +„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu +mir!“ + +Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast +„Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen +Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute. + +Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und +hielt eine Rede: + +„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern +anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb +hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er +Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir +verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“ + +Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, +daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand +nach den Augenwinkeln. + +„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – +ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir +eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was +ich mir schuldig bin!“ + +Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das +Taschentuch vor den Mund. + +„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das +ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die +hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr +faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam +zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, +die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“ + +Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes +Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen: + +„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“ + +Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von +Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel +unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. +Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, +lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und +bleiben wird: + + „Morgen muß ich fort von hier + Und muß Abschied nehmen –“ + +Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich +sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße +Mauer. + +Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch. + +Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem +Mädchen zu Füßen und rief: + +„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß +sonst sterben!“ + +Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz +umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte +Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten +Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und +verschwand mit ihm durch die Tür. + +„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter +Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den +zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen +Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein +körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen +Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich +sagte: + +„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel +schnüren. Dafür werde ich sorgen!“ + +Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück +und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und +ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit +den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der +weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte +in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat +auf den Knecht zu und sagte: + +„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“ + +Die Umstehenden starrten den Sprecher an. + +„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken. + +„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine +Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, +den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz +aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu +transportieren.“ + +Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich +schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand +blitzschnell im dunklen Hofe. + +„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter +Raubmörder!“ + +Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte +meinem Grimme Luft. + +„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst +unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von +Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“ + +„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, +„ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel. + + + + + + GERICHTLICHES + + +Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. +Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe +öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei +ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber +kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer +wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen +jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die +Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert +den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, +taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie +konnten. + +Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, +sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos +sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war +nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am +Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, +nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. +Immer dasselbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen +Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder +Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter +Verhaftung entwichen.“ + +Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen +Verhaftung. + +Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der +immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ +telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande +meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte +sich an mich. + +„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“ + +„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“ + +„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“ + +„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“ + +„Wo ist der Direktor?“ + +„Ich weiß es nicht.“ + +„Wo ist Mister Stefenson?“ + +„In Amerika.“ + +Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch. + +„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr +Doktor?“ + +Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark +unsympathisch gewesen sei, daß ich aber – außer einigen Grobheiten oder +auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den +Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem +ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen +Menschen. + +„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“ + +„Jawohl, Ignaz Scholz.“ + +„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der +Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie +bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“ + +„Das soll doch nicht heißen ...“ + +„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“ + +Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich +ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir +ausbreitete. + +„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo +niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger +Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“ + +Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia +sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen +könne? Ich unterließ es. + +„Kommen Sie!“ + +Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein +strenges Wort sagen, da wurde die Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. +Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke +sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war +schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine +echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß +ich seine Stimme nicht wiedererkannte: + +„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“ + +„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem +Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen +Meister ermordet und beraubt hat.“ + +„Woher wissen Sie das?“ + +„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes +stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“ + +Piesecke sah den Mann durchdringend an. + +„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da +sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch +jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie +gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das +ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit +dem Knecht ist nur Ausrede.“ + +„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“ + +Piesecke lachte verächtlich. + +„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, +habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also +berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder +nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und +Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“ + +Der Polizeimann wurde dunkelrot. + +„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“ + +„Zu Befehl, Hoheit!“ + +„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, +hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie +die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“ + +„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die +nötigen Vollmachten.“ + +„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“ + +Diese Frage war an mich gerichtet. + +„Nein – nichts!“ + +„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“ + +„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich +fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu +bereiten.“ + +„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist +doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von +Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“ + +„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben +sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage +das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier +aus nichts verschleiert wird.“ + +Der Kommissar verneigte sich. + +„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander. + +„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik +erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein +naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. +Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig +übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer +Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich +Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“ + +„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder +eventuell ebenfalls zu verhaften.“ + +„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“ + +„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“ + +Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig +vornehmer Haltung an ihm vorbei. + +Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die +Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute +mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine +Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich hätte +das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt. + +Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und +krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. +Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den +Wänden hingen die Asternkränze. + +„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva. + +Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der +lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer +besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte: + +„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden +telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend +verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“ + +Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er: + +„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts +mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“ + +Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich: + +„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten +Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden +Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die +Anstalt zu verlassen.“ + +Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor +der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all +diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst +daran; denn er sagte: + +„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl +überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“ + +Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose. + +Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar +sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. +Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das +Zimmer verlassen mußten. + +Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf +die Bank am Ofen. + +„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“ + +Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör. + +„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. +Ist das wahr?“ + +Barthel rührte sich nicht. + +„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“ + +In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg. + +„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“ + +Keine Antwort. + +„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“ + +„Ich kann nicht!“ + +Nun wandte ich mich an Barthel. + +„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf +unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum +bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“ + +Da begann er zu weinen. + +„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“ + +Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. +Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger +Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die +anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben +unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte +man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war +noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen +Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der +Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von +dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach +zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt. + +„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist +soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig +Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet +worden ...“ + +Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach +Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß +Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten. + +Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der +„Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten +Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“ + +Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses +Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle +Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln +beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer +Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte +lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete +schließlich mit einer schamlosen Denunziation: + +„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, +zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge +ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen +zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort +lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende +Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des +‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst +allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, +denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“ + +Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in +der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da +wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet +wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich +behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht +Ignaz Scholz zu sein. + +Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, +mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes +Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, +nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit +Prinz Ernst Friedrich von ...“ + +„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne +Bewegung. + +„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke +hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses +Wappen?“ + +Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich +tief. + +Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten. + + ------------------------------------------------------- + +Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der +da eintrat, war – Mister Stefenson. + +„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“ + +„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der +Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und +sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“ + +„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich. + +„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres +Ferienheims“, brachte ich heraus. + +Ich mußte mich setzen. + +„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“ + +„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen; +„allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als +Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich +habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und +heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn +Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit +etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“ + +Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen: + +„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und +hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf +aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger +Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen +läßt.“ + +Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem +Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef +Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen +Kompagnon John Stefenson wiedererkenne. + +„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen +aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“ + +„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das +mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika +telegraphisch und brieflich verhandelt.“ + +„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte +weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“ + +„Jawohl!“ + +„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt. + +Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich: + +„Das ist Geschäftsgeheimnis!“ + +„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst, +„und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“ + +Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der +Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn +Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte: + +„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der +zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß +der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß +seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. +Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich +der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen +hat.“ + +Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes +Gesicht. + +Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, +Stefenson eingeschlossen, entlassen. + + + + + + AUFKLÄRUNGEN + + +Auf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte: + +„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“ + +Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter. + +„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen +Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die +Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein +lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist +gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in +Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel +Vergnügen!“ + +Der Kommissar reiste ab ... + +Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war +zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen +Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn +warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das +Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der +Bewunderung bis zum Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich +konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger +Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft +anzusagen. + +Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob +er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme: + +„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger +Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In +meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“ + +„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst +geschrieben?“ + +„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so +unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion +des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und +natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich +da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als +die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen +schuldig.“ + +Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über +mir, und ich sagte: + +„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu +geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr +mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“ + +„Ein Extrablatt!“ + +Ein Bote stürmte ins Zimmer. + +„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig. + +Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein +halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht: + +„_Ehrenerklärung._ + +Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu +schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige +Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als +‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche +Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein +anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, +Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes +reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr +Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, +hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den +ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und +Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um +unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als +Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her +sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß +Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter +Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit alle verdiente Anerkennung. +Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der +unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut +amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns +Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern +auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson +identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ +ist, scheut sich nicht – _errare humanum est_ – ihren gestrigen Artikel +Wort für Wort zurückzunehmen.“ + +„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz. + +Stefenson nickte. + +„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich +hierherkam.“ + +„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie +mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so +miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, +direkt auf den Mist. Ist das anständig?“ + +Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme: + +„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber +noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! +Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten anderen. +Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht +gefallen lassen.“ + +„Hinter Ihrer Braut?“ + +„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich +heute oder morgen verloben.“ + +Piesecke prustete los und sagte lachend: + +„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst +heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben! +Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“ + +„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich. + +„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte +ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich +noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“ + +„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“ + +„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“ + +„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe +erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz +wiedergekommen.“ + +„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“ + +„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den +beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so +hätte ich eben den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“ + +„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich +schreiben, da Sie doch bei uns waren?“ + +„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu +schreiben ist.“ + +„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur +wenige in Maschinenschrift.“ + +„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine +Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu +unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein +goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst +gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen +Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er +handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo +Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime +Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, +die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und +Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle +offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins +da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt +und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“ + +„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer +aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt, +„brauchen Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie +waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; +deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“ + +„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein +schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte +zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal – +fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren +läßt.“ + +„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“ + +„Nein. Auch Susanne nicht.“ + +„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich +wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir +alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“ + +„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit +leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage +eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel +und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die +kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“ + +Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, +das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich +nur kühl und gemessen: + +„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit +uns gespielt haben?“ + +„Komödie?“ verwunderte er sich; „wieso Komödie? Darf in den Ferien vom Ich +nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und +was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die +ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson +dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen +Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten +Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können. +Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man +Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich +wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft +von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, +unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück +zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute +geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich +mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als +ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“ + +„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich. + +„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück +müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich +das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen +Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je gemacht +habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich +hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim +ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein +Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten +nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem +ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als +meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem +Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren +können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein +halbes Jahr Bauernarbeit.“ + +Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich. +Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur +an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“ + +„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“ + +Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig +Piesecke. + + ------------------------------------------------------- + +Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. +Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt +unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht +überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut +ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr +gewußt hatten als ich. Eine Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte +ich nicht mehr gelten lassen. + +Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin +Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, +wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der +„Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof +wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser +Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren +entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle +Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit +wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise +verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare +Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von +Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine +Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene +gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den +Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern +dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das +sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein +einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer +Mensch „ja“ zu sagen vermag. + +Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie +erlernen. Rasse! Vererbung von Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das +ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde +durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen +wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte +nicht – er hielt Cercle. + +Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem +heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich +erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte +bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, +der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig. + +Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An +Piesecke dachte kein Mensch ... + +Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen +worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei +nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder. + +„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, +weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger +tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, +Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson +an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste +ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein +eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über +den Weg! Aber jetzt laß ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem +Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“ + +Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden +Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild +zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie +müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie. + +„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. +„Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich +eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber +in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche +Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, +indem ich sie meines Wohlwollens versicherte. + + ------------------------------------------------------- + +Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht +kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte +– war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen, +sollte ich zürnen? + +Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog? + +Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr +Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte? + +Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen +war? + +Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, +liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein +Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn +es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher +Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und +widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann +ihn nur glätten. + +Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes +Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du +bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin +getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich +heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am +nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz +nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als +ich es je gesehen. + +„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“ + +„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“ + +Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich +hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es +nicht. + +„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier +war?“ + +Sie nickte. + +„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“ + +Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie: + +„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu +bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn +kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen +Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein +kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt; +er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine +der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die +heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte, +geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung +bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn +die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine +Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern +können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß +das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt +sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände. +Sonst ...“ + +Sie sank weinend auf den Stuhl zurück. + +Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen +Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In +plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände. + +Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine +unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich +die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange so mit +dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich +nicht. Da hörte ich Evas Stimme. + +„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“ + +„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, +ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das +man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer +aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht. + +„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“ + +Da erhob ich mich. + +„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig +auseinandersetzen.“ + +Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer +Magister sprach ich: + +„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den +Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die +Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei +aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich +liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er +fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt +vorsichtig.“ + +„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre +Art, so zu sprechen!“ + +„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen +ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen, +sondern auch mich, auch unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich +drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das +ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine +Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch +das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, +in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses +dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“ + +In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien. + +„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der +Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher +Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann, +der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte. +Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“ + +„Bitte!“ + +„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr +guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen +schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege +gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt +herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu +benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem +schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel +bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn man zum Beispiel +in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins +Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem +ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein +außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme +Schlucker können es leugnen. + +Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als +dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein. + +Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen +weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig +Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem +Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“ + +Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der +unwiderlegbare Behauptungen aufstellt. + +Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen. + +Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl: + +„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber +ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“ + +Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach. + +Sie gab keine Antwort mehr. + +Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und +sagte nach einer Weile: + +„Das ist daneben gegangen!“ + +„Ja, ganz daneben!“ + +„Sie freuen sich wohl?“ + +„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“ + +„Das kann ich mir denken!“ + +Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber +und rauchten dicke Wolken. + +„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson. + +„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“ + + + + + + VOM BRUDER UND SEINER FRAU + + +Mit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend +hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe +sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte +ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da +die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir. + +Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder +übermorgen.“ + +„Fort? Wohin?“ + +„Wieder hinüber.“ + +„Nach Amerika?“ + +„Ja.“ + +Ich sah ihn schweigend an. + +Da sagte er: + +„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. +Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese +Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“ + +„Ist es aus zwischen euch?“ + +„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige +Hochzeit. Da hielt ich mich gestern für verpflichtet, ihr mein Leben zu +schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere +gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie +bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht +heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“ + +„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“ + +Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und +toben. + +Zuletzt sagte er: + +„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“ + +Ich blieb still. + +„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“ + +„Sie lebt.“ + +Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft +hatte. + +„Und – das Kind, wo ist es?“ + +„Es ist bei seiner Mutter.“ + +„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“ + +„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“ + +Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine +Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor: + +„Wo hält sich das Scheusal auf?“ + +„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“ + +„Das _mußt_ du mir sagen!“ + +„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“ + +Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme +schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton: + +„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“ + +Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die +Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt +nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine +solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das +Fenster, um ihm nachzurufen. + +Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging +schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz +benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber +die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte +keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte +nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie +gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde +wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war +aller Familiensimpelei müde geworden. + +Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor +entlang eilen. + +Die Tür wurde aufgerissen. + +Magdalena stand vor mir. + +Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört. + +„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“ + +„Was? Was sagst du, Käthe?“ + +„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“ + +„Wer hat es genommen?“ + +„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das +Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“ + +Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen. + +„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen +gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort +sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – +schnell!“ + +Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie +durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte +ihm den Weg gewiesen? + +Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu +verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo +das Kind war, fanden sie auch die Frau. + +Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte. + +„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“ + +„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“ + +Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem +Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale +Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf. + +„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“ + +„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. +Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“ + +Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir. + +Ich zog mir den Mantel an. + +„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde +mich sofort auf die Suche machen.“ + +„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“ + +Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an. + +„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter +gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm +abrechnen.“ + +„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“ + +„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann +ich dir nicht helfen!“ + +Da senkte sie stumm den Kopf. + +Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der +Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu +warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den +Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte. + +Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich +eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, +ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In +offener Feindseligkeit blickten wir uns an. + +„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“ + +„Nicht hier.“ + +„Wo ist die Mutter?“ + +„Auch nicht hier.“ + +„Willst du mir sagen, wo beide sind?“ + +„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des +Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung +genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das +ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“ + +Ich konnte vor Zorn kaum sprechen. + +„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser +einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“ + +„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal +zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon +jetzt nach auswärts.“ + +„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest +nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein +Bandit!“ + +„Hüte dich nur!“ + +„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir +beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer +verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es +höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“ + +„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“ + +„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig +sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“ + +„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich +auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber. + +„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina +hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß +sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“ + +„Hör auf damit!“ + +„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem +Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du +einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die +Kleiderrockfalten der Mutter.“ + +Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich. + +„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, +Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle +blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu +betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“ + +Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster. + +„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“ + +„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem +jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“ + +„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“ + +„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie +ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren +stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht +davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das +Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem +Freunde ...“ + +„Hör auf – ich ertrage das nicht!“ + +„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die +eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine +wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. +Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier +fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, +ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, +der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“ + +Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig +die Abrechnung fort. + +„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den +Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs +Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du +warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und +aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis +sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere +Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten +Willen‘.“ + +Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und +leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert. + +„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. +Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte +Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich +in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife +ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von +Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. +Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die +Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir +schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? +Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die +Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen? + +Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß, +nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie +habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst +jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die +Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag +und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in +der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen +Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst +deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein +hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“ + +Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er +reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und +fuhr fort: + +„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch +gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto +belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu +sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg +benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm +die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene +Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht +einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen +Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er +verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein +besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich +genommen.“ + +„Die Mutter ...“, ächzte Joachim. + +„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei +gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, +daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir +wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich +hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern +sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst +jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, +die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu +beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder +deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt +unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als +deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das +Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues +zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist +enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten +Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann +es nicht geben!“ + +Joachim erhob sich. + +„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“ + +„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“ + +„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“ + +„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“ + +„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“ + +„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal +zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten +selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“ + +Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe +hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine +klare Rechenschaft geben. + +Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz +abräumen gekonnt. + +Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl +eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. +Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort +ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls +für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, +aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich +dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte +sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen +miteinander. + +Ich riß das Fenster auf. + +„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“ + +Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter mit ihm, und +ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab +Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über +den niederen Brunnenrand ins Wasser. + +Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; +dann beugte er sich über das Becken. + +Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon. + +Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos +zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim +stand noch am alten Fleck. + +„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, +ich hätte das Weib ertränken wollen.“ + +„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie +ist unglücklich gefallen.“ + +„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure +Komödien verfangen nicht bei mir!“ + +„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“ + +„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“ + +„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist +halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück +passieren!“ + +Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich +sah ihm nach, hörte, wie er von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann +eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden +sehen. + +Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die +Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. +Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah +ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach +unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die +Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und +noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen +Richtungen auf die Suche. + +Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren +auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina +entdeckt ... + +Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau +gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, +hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung +erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf +das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke +zugedeckt. + +Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ +schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das +Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir +verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe +standen. Sämtliche Männer, die um das traurige Vorkommnis wußten, auch der +Bauer, gelobten Stillschweigen. + +Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug +sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung +war, und sagte: + +„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“ + +Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue. + +„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, +ist sie zu mir gekommen.“ + +Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit. + +Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und +rang die Händchen ineinander. + +„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“ + +Ich sah sie streng an. + +„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind +zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim +in die Klause eindringen wollte?“ + +„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts +erfahren, bis er Luise brachte.“ + +„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“ + +„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir +wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim +wollte auch bald am Morgen fort.“ + +Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche +Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie +zusammengebrochen. + +„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“ + +„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder +schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, +wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“ + +Die Mutter weinte. + +„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. +Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach +geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein +Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“ + +Ich lachte. + +„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“ + +„Ihr werdet euch nie verstehen.“ + +„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen +da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch +nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ... + +Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende +Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens +fast alle Hoffnung. + +Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas +Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel: + +„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“ + +Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles +Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den +Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf. + +Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu. + +„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“ + +Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu: + +„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen +Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider +freiwillig her.“ + +Das Kind klammerte sich an mich. + +„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. +Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“ + +Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt +Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. +Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich +schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um +einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im +Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt +er sich Jahr für Jahr. + +„Kommt der böse Mann wieder?“ + +„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“ + +„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der +Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof +ziehen.“ + +„Hast du Magdalena lieb, Luise?“ + +„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“ + +„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“ + +„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich. + +„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen +Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ... + +Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht +wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo +Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die +Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist +Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von +allem Frieden und allem Glück. + +In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der +röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand +hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue +Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim: + +„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue +dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“ + +Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ... + +In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder: + +„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“ + +Und sie jammerte nach dem Kinde. + +Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick +in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: +„Luise ist fort!“ + +Da sah ich sie lächelnd an. + +„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du +bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“ + +„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“ + +Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund. + +„Ich bilde es mir bloß ein!“ + +„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“ + +„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei +mir?“ + +„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, +wie es lärmt.“ + +„Es ist so schön, wenn es lärmt!“ + +Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein. + + ------------------------------------------------------- + +Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden +schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder +war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, +dann ...“ + +Ja, wenn! + +Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl +vorbereitet. + +„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz +leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und +sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“ + +So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in +ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände. + +Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper +des Weibes: + +„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – +Luise ist wirklich da ...!“ + + ------------------------------------------------------- + +Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich +würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung +nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr +stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte. + +Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er +gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten. + +„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den +Augen. + +„Ja, es ist überwunden!“ + +Da atmete er auf. + +„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; +„deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch +deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“ + +Ich antwortete nicht. Er fuhr fort: + +„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für +angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; +du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen +Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne +Feindschaft aneinander denken wollen.“ + +Ich wandte den Kopf zur Seite. + +„Und Luise?“ + +„Luise werde ich ihr lassen.“ + +Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er: + +„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. +Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, +wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens +annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache +übernehmen?“ + +„Ja.“ + +„Ich danke dir!“ + +Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter. + +„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“ + +Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus: + +„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“ + +Ich blieb stehen. + +„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat +es von selbst gewollt.“ + +„Ja, ich kann es mir denken.“ + +Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele. + +„Wann wollt ihr denn fort?“ + +„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden +kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“ + +Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich: + +„Ja, ich werde kommen.“ + +Joachim blieb stehen. + +„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir +verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, +werde ich schon fort sein.“ + +Es wurde ihm schwer. + +„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für +alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du +neulich so mit mir gesprochen hast.“ + +Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich +sagte: + +„Behüte dich Gott, Joachim!“ + +Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, +erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises. + +Joachim wandte sich noch einmal um. + +„Ist sie das?“ + +Ich nickte mit dem Kopf. + +Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg +hinab. + +Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her. + + + + + + FREUND STEFENSON + + +Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. +Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst +nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur +Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen. + +Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen +Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter +verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne +Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte +Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch +die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am +Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens +lauschen. + +Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein +Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen. + +Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein. + +Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes +Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein +verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke +Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so. + +Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande +Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, +aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige +spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog. + +Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie: + +„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen +Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um +Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie +brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich +bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen +Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch +bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, +sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist +Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr +das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht +einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem +Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, +feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio +de Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden +die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im +Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh +bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – +auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine +Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und +da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. +Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; +lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen +aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, +auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter +halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“ + +„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“ + +Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem +Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich +verändertem Tone: + +„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so +’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen +Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein +wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie +wenigstens zustimmen müssen, und da ist es mir natürlich verdrießlich, +wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“ + +„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“ + +„Ja, nur deswegen!“ + +Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost. + +„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre +Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend +Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder +haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen +oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei +Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen +Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen +oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“ + +Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts. + +Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen: + +„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um +was für ein Geschäft es sich handelt.“ + +„So sagen Sie es mir – bitte!“ + +Er war verstimmt. + +„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern +zurückkaufen.“ + +„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“ + +„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges +ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“ + +„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“ + +„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei +Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß +sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil +der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht +bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter +nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind +bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern +einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute +Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser +verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die +Konkurrenz drüben stärken würde.“ + +„Was bezwecken Sie damit?“ + +„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der +Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, +denke ich, können wir oben einziehen.“ + +Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. +Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich +zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber +Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort +sagte Stefenson: + +„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da +unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich +erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten +Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. +Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und +mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los +von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens +einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“ + +„Und welcher von uns beiden soll das sein?“ + +„Sie!“ + +Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen. + +„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon +ohne Familie.“ + +„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“ + +„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“ + +Er lachte. + +„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva +einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern +nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie +solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als +Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um +sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache +keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und +überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief +habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch +ein sehr günstiges Zeichen.“ + +„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“ + +„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, +hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, +sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein +braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“ + +„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“ + +„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper +gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas +mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe +den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich +–, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er +Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper +unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem +Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat +mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine +Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein +außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie +auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen +Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“ + +„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“ + +„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch +ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“ + +So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten +Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf +erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins +Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu +schaffen. + + ------------------------------------------------------- + +Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem +Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter +Umschau“. + +„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. +Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat +ans Fenster. + +„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt. + +„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar +nicht hineingeschaut.“ + +„Da – da ...“ + +Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las: + +„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen +Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn +des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine +rasche Künstlerkarriere!“ + +„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch +gegangen.“ + +„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen +wissen?“ brüllte Stefenson. + +„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich +leid um Sie!“ + +„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu +tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los +bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses +flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer +zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich +bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen +kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte +Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten +wollte, gibt sie auf!“ + +Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl. + +„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, +wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, +klaren Blick ...“ + +„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab +ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. +Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“ + +Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte +mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er: + +„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl +verlangen.“ + +„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß +selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“ + +„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt +nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, +daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein +wird?“ + +„Das kann ich nicht beurteilen.“ + +„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche +sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause +ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen +oder _sub_ Luder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig +sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen +wird.“ + +„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt +ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte +Wahrsagerin unten in Waltersburg.“ + +„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre +Freundschaft?“ Er war wütend. + +„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt +sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich +etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, +wissen Sie ja doch!“ + +„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“ + +Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab +schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder +fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er: + +„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“ + +„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten +Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger +Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie +nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie +ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den +Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“ + +„Und stimmt es, was sie sagt?“ + +„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft +nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig +Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, +wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch +eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig +zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“ + +Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge +Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es +beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer +ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus +Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, +sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte: + +„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu +erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“ + +„Gewiß – gewiß!“ + +Er versank wieder in tiefe Traurigkeit. + +„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, +sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen +wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten +wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt +denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich +eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht +Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von +diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. +Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird +gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“ + +Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn. + + + + + + DER FUCHS UND DIE SIBYLLE + + +Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe +windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum +Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und +unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich +eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, +dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine +Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, +auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem +trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor. + +„Wird er kommen?“ fragte sie. + +„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig +eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten +Sie sich genau an unsere Abmachungen.“ + +„Jawohl!“ nickte das Weib. + +Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, +beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin +angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in +denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen +waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten +verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und +vorsichtig umherspähen. + +„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre +Sache gut.“ + +Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten. + +„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie +brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch +etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen +Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“ + +Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in +ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen +grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das +alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte +kein Wort. + +„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig. + +Keine Antwort. + +„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner +auf. + +„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte. + +„Wa–as?“ + +„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe. + +„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich +hier!“ + +Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah +mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, +ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem +Guckloche königlich. + +Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte +mit erzwungener Höflichkeit: + +„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“ + +„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe. + +Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. +Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück +und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet +fünfundzwanzig Pfennig.“ + +„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie +mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte +wütend: + +„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“ + +Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig +auf den Tisch. + +„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit +Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und +steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal +abheben und sagte: + +„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“ + +Stefenson lachte ärgerlich. + +„Neununddreißig bin ich.“ + +„So sehen Sie nicht aus!“ + +Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet. + +„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin. + +„Am 14. April geboren.“ + +„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft. + +„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte. + +„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht +aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“ + +Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl. + +„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher +werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“ + +„Ja“, murmelte Stefenson. + +„Ihre Braut heiratet einen anderen.“ + +„Ist das wahr?“ + +„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt +und sie betrogen.“ + +Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort: + +„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie +ihn töten.“ + +„A–ah!“ + +„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, +und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“ + +„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson. + +„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen +wäre sie unglücklich geworden.“ + +„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson. + +„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche +Amerikanerin heiraten werden.“ + +„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. +Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“ + +„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die +Karten zusammen. + +„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam. + +Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu. + +„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig +bezahlt.“ + +Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor. + +In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in +den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die +Vorderstube. + +Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück. + +„Sie – Doktor?“ + +„Sie – Stefenson?“ + +Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur +der Wissenschaft halber ...“ + +„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon +dran?“ + +„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat +sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr +erfahren.“ + +„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“ + +Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich +auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; +es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen +Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein +Gekrabbele. + +„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle. + +„Jawohl!“ antwortete Stefenson. + +Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte: + +„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie +Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“ + +„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ +widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch +auf einige Fragen Auskunft.“ + +„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“ + +Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen +strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf. + +„Eva!“ + +„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte. + +„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den +Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, +brach in Gelächter aus und schrie jubelnd: + +„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“ + +Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, +staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in +der Stimme: + +„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine +kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl +verdient.“ + +„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff +ich ein. + +„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt +Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! +Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva +selbst.“ + +„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“ + +„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr +Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“ + +Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva. + +„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit +mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, +da ich erst heute morgen in der Zeitung –“ + +Ich griff wieder ein. + +„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, +verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich +geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die +ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei +mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel +eine kleine Änderung gemacht worden.“ + +„So ist wohl alles gar nicht wahr?“ + +„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als +Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne +noch schief ausgehen, und sagte deshalb: + +„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da +wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der +Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. +Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List +eine äußerst gelinde Strafe ist.“ + +„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“ + +„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns +existieren doch gar nicht.“ + +„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin +waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie +haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine +große Schauspielerin.“ + +Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte: + +„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die +Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das +Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch +selbstverständlich.“ + +Seine Augen irrten umher. + +„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. +Man sollte sie jetzt herunterrufen.“ + +Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In +diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte +albern und blinzelte verlangend mit den Augen. + +„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon +bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“ + +Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte +unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen wir hinaus!“ sagte ich. Ich +half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. +Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll +auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine +eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen +die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam +den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, +ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um +Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg +angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen +Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen +selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und +ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun +scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren. + + ------------------------------------------------------- + +Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und +fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein +Kollern. + +„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der +Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, +was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, +bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und +erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“ + +Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah +ich in ihnen ein glückliches Paar. + + ------------------------------------------------------- + +Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste +noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der +Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher +zu mir: + +„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten +Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre +auch genug gewesen.“ + +„Woher wissen Sie den Preis?“ + +„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“ + +„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“ + +„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ +die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger +Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel +heraus.“ + +„Das ist infam!“ rief ich. + +„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva. + +„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt +zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der +so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch +durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was +dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und +ich ging zu der alten Sibylle.“ + +„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“ + +„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große +Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. +Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine +schrecklichere Theaterhexe gesehen.“ + +„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die +furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was +vormachen!“ + +„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, +daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich +mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“ + +Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich +so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte. + + + + + + ADVENT + + +Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um +in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er +wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord +gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im +Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel +hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und +steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte +Friede ist wiedergekehrt. + +Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen +Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen +müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom +Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte +mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und +wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein +leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht +wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe. + +„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir, „wenn mich die kleine +Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen +im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und +eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich +möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich +verloren.“ + +„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“ + +„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt. + +„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber +Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“ + +Da fügte er sich. – + +Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen +Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die +Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. +Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe +durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise +ganz allein sein. + +Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, +zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber +das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen +Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, +die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht +selbst das Lernen zur Lust. + +Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. +Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, +wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben +werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, +daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein +heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut. + +Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva +schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr +dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind +zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen +Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte +Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. +Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine +Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft +kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein +Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über +das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich +nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht +sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim +gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ... + +Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München: + + + + + + + „Lieber Doktor! + +Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz +vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, +die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. +Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was +sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und +dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die +bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines +deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem +Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. +Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt +und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. +Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen +deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste +Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon +morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, +durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu +heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß +einzutreten. + + Ihr getreuer Methusalem. + +Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten +Waltersburg zurückkehren zu können, bereits fünf Purzelbäume in meinem +Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein! + + Methusalem.“ + + + + + + +Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft +verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann +ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch +ständig ärgert und über den sie ständig schimpft. + +Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten. + +„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm +Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der +mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine +Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich +anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die +traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“ + +„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was +Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch +zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden. +Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und +schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der +andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide +nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest +aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen +gebe ich Ihnen zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein +Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie +hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“ + +„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben +recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“ + +Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und +Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste +„Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem, +Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine +beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt +worden. + + ------------------------------------------------------- + +Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage +war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz +vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an +Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig +bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden +und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen +viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion +aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße +Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem +Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit +Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von +denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt +stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle +Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen +hätten. + +Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der +Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen +Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor +dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete +herbei – Grüße aus der Heimat. + +Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt. + +Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein +Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio: + +„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und +die Heimat. Eure Mutter.“ + +Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, +spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, +darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem +Tale klangen. + +Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein +wenig rot im Gesicht. + +„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie. + +„Ich habe es dir ja gebracht.“ + +Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten. + +Da sagte sie im Laufe des Abends: + +„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber +sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“ + +„Bestimmt, Käthe.“ + +Da trat ein Lächeln auf ihre Züge. + +„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“ + + + + + + HOCHZEIT UND ENDE + + +Stefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages +in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich +waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz, +sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von +Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten +wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert +war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte +wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer +stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde. + +Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und +wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das +Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen +geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei +Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das +Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim +anwesender Dichter geschaffen hatte: + + „Alles Wünschen geht zur Ruh: + Du bist ich, und ich bin du! + All dein Schmerz und Leid ist mein, + All mein Gut und Glück sind dein! + Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel, + Was zum Dienst dir, ist mein Spiel; + Deine Blumen pflanze ich, + Deine Tänze tanze ich; + Ich will deinen Kummer klagen, + Du sollst meine Kränze tragen; + Ich kann nimmer müde sein, + Ehe du nicht schlummerst ein; + Ja, mein Gott grüßt mich von fern, + Strahlt auf dich ein goldner Stern.“ + +So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar. + +Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte. +Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter +der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar +Freundesworte. + +Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er +sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er +drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier +habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen +wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse +jetzt, da er die Frau seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück +ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine +Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach +Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei. + + * + +„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den +Weihnachtsberg.“ + +Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber +Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. +Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, +ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen +Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom +Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial +gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems. + +Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit +transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als +tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von +einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen, +Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in +zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah, +Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen, Levisohn mit einer +riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott Mars in furchtbarer Rüstung, +schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein +Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln +lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und +Vergnügungsleiters Methusalem. + +Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen +Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom +grauen Turme herab: + + „O du fröhliche, o du selige, + Gnadenbringende Weihnachtszeit.“ + +Gleich hinterher aber: + + „Wenn Weihnachten ist, + Wenn Weihnachten ist, + Dann kommt zu uns der heil’ge Christ; + Bringt jedem eine Muh, + Bringt jedem eine Mäh, + Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“ + +Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die +Weihnachtsburg ein. + +Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte +sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach +etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. +Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan und waren in phantastischen +Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem! + +Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig +lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich +Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron +stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als +„Kammerherr“ neben Stefenson plaziert. + +Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das +schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm +erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der +Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem +sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er +entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der +Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des +Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen +verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und +unwiderruflich folgendes: + +Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, +wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen +wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der +Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten +bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern +zugute komme; das dritte und letzte Drittel aber ist zu +Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von +welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar +ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den +ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“ + +Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal. + +Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu: + +„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“ + +„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“ + +Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur! + +Methusalem fuhr fort: + +„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. +Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er +mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm +Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle, +daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde +und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen, +einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe +in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und +wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war +Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. +Methusalem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit +und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute +macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“ + +Das Volk staunte. + +„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir. + +„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für +Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht +eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“ + +Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille. + +„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt +hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die +Stiftung.“ + +Bestürzung. Schweigen. + +„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem +Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich +nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“ + +Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut +stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten; +die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den +Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast +weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör. + +„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, +alles andere bleibt, wie es der weise Methusalem angeordnet hat, die +Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“ + +Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er +fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe +neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie +ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger +gelegentlich mal heult. + + ------------------------------------------------------- + +Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die +Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als +sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute +mit dem Nachtzuge davon. + +Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren +da. + +Zum Abschied sagte Stefenson zu mir: + +„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame +Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute +Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“ + +Ich schlug in die dargereichte Hand. + +„Wann kommst du wieder?“ + +„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme. +Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. +Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein +Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste bekannt vor. +Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese +meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum +Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, +eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“ + +Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden +paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib. + +„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine +Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu +uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, +wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem +stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche +Leben wieder schmackhaft sein.“ + +„Ja, so wollen wir es halten!“ + +„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“ + +Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam +wieder die alte Geschäftsmiene. + +„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz +von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die +Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig +Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher +fünfundzwanzig Pfennig abziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, +bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht +der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht +zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig +Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig +umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt +15, drei Stiegen.“ + +Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa. + +„Was lachen Sie denn, Piesecke?“ + +„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken +und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das – +das ist – Pardon – merkwürdig!“ + +„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf +die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich +dreihunderttausend Mark verschenken.“ + +„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“ + +„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“ + +Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der +rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander +geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit +einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand. + + ------------------------------------------------------- + +Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das +Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen +Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am +Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im +Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die +kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte? + +Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den +alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und +es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause +gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das +Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich +die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe +aus und tappe die Treppe hinab ... + +Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der +Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die +anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und +ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte +Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande. + +Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die +stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, +zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine +Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem verlassenen Gebirgsdorfe +lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird? +Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter +Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie +ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von +neuem. + +So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu +meinem Werk. + +Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden +Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen +kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder +rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin +ich zu Hause. + +In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am +Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane +fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit +gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein +wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags, +will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub. + +Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr +verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last +des Lebens zu erleichtern. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde von der letzten Seite an den Beginn versetzt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter in Antiqua +(bis auf den Titel „Dr.“ und römische Zahlen) und gesperrte Wörter sind +durch Unterstrich („_“) gekennzeichnet. + +Korrektur offensichtlicher Druckfehler: + + Seite 27: doppeltes „freue“ entfernt. + Seite 43: „Stefensohn“ in „Stefenson“ geändert. + Seite 75: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Die Luise habe + ich flottgemacht.“). + Seite 91: „mit“ in „mir“ geändert. + Seite 97: „philantropische“ in „philanthropische“ geändert. + Seite 101: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „des Magistrats + von Waltersburg stellen“) + Seite 103: doppeltes „und“ entfernt (vor „in einer glänzenden + Erfassung“) + Seite 118: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Das haben“). + Seite 128: „umqartieren“ in „umquartieren“ geändert. + Seite 145: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „bis um + sieben.“) + Seite 164: „Xantippen“ in „Xanthippen“ geändert. + Seite 170: „reckt“ in „reckte“ geändert. + Seite 238: „Widersehen“ in „Wiedersehen“ geändert. + Seite 243: „Rauberhöhle“ in „Räuberhöhle“ geändert. + Seite 244: „Apothese“ in „Apotheose“ und „den“ in „der“ (nach + „Vertreter“) geändert. + Seite 254: „überzeugenste“ in „überzeugendste“ geändert. + Seite 261: „Hentschel“ in „Henschel“ geändert. + Seite 309: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Wieso + Komödie?“) + Seite 347: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „stärken + würde.“) + Seite 377: „Lewinsohn“ in „Levisohn“ geändert. + +Nicht korrigiert wurden Varianten wie „Chicago“/“Chikago“, +„debutieren“/„debütieren“, „Annelies“/„Anneliese“ oder „anderen“/„andern“. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH*** + + + + CREDITS + + +May 23, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Norbert H. Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 28938-0.txt or 28938-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/9/3/28938/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. 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