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+The Project Gutenberg EBook of Ferien vom Ich by Paul Keller
+
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ferien vom Ich
+
+Author: Paul Keller
+
+Release Date: May 23, 2009 [Ebook #28938]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***
+
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+ Paul Keller / Ferien vom Ich
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+ _PAUL KELLER_
+
+ Ferien vom Ich
+
+ _ROMAN_
+
+
+ Deutsche Buch-Gemeinschaft
+ _GMBH_
+
+ _BERLIN_
+
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+
+
+
+ Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, der Verfilmung, der
+ Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk,
+ vorbehalten
+
+ _Copyright 1915_
+ _by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I_
+ _Printed in Germany_
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+ INHALTSVERZEICHNIS
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+ Nach meiner Heimkehr 5
+ Die feindlichen Städte 12
+ Das Modebad 28
+ Auf dem Weihnachtsberg 33
+ Luise 58
+ Samariterdienste 69
+ In den Tagen des Werdens 77
+ Das Kind 88
+ Vorarbeiten 95
+ Die „Neustädter Umschau“ 104
+ Joachim 116
+ Weihnachten 131
+ Fügung 136
+ Bauernanwerbung 142
+ Der Journalist 161
+ Die ersten Kurgäste 181
+ Sommerabend 197
+ Lorelei 220
+ Die „krummbeinige Medizin“ 227
+ In der Genovevenklause 233
+ Die Schlacht bei Waltersburg 241
+ Herbst 248
+ Von der weiblichen Putzsucht 271
+ und Herrn Pieseckes Leiden
+ Abschiedsabend 281
+ Gerichtliches 288
+ Aufklärungen 302
+ Vom Bruder und seiner Frau 320
+ Freund Stefenson 343
+ Der Fuchs und die Sibylle 355
+ Advent 367
+ Hochzeit und Ende 375
+
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+
+
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+ NACH MEINER HEIMKEHR
+
+
+Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das
+Bild des Täufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand hält,
+plätschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein
+heidnisches Heer an diesem Brunnen vorübergezogen sein; die Recken haben
+den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am nächsten Tage
+fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den
+dunklen Bäumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtückisch erschlagen
+wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weiße
+Schemen zum Stadttore herein, die hatten Kränze um die Stirnen und
+lächelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, ließ der heilige
+Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Hände; denn diese
+reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekränzten zogen
+langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf
+der goldglänzenden Höhe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und
+zogen dann fort, weit über die rote Sonne hinaus, und der Heilige am
+Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bückte er sich
+nach der verlorenen Taufschale, und nun hält er sie wieder in erhobener
+Hand seit vielen Jahrhunderten.
+
+Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die
+Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden
+Gauen und Städten; ihr romantisches Tal war immer so reich, daß sie
+Fremdes nicht nötig hatten.
+
+Der Johannisbrunnen! In seinem Becken ließ ich als Kind meine Schifflein
+schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins
+Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande saß,
+lächelte oft verächtlich über diese Reiserouten. Er war drei Jahre älter
+als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine
+Abcschützen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte
+nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein
+eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach
+ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte
+er: es läge am Wetter oder ich stände mit meinem infam weißen
+Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische.
+
+Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und
+oben auf dem grünen Balkon am Brunnenplatz saß unsere Mutter bei ihrer
+Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter.
+
+Wie kommt es doch, daß Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen
+können, daß er ihnen nicht lieber und größer ist als alle Küsten des
+Ozeans?
+
+Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem grünen
+Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmäßig zu
+den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine
+Ehe schloß mit jenem unselig schönen Mädchen, dem die Schönheit zum Fluche
+gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder
+einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage
+machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen,
+weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe.
+
+Nur meine Mutter und ich wußten, daß sie log. Der Flüchtige aber kam nicht
+heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, daß er
+außer gerichtlicher Verfolgung sei.
+
+Er floh nicht vor dem Gefängnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein
+junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage
+brachte, nicht tilgen konnte.
+
+Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am
+Balkonfenster und hörte auf das Plätschern des Johannisbrunnens. Sie
+träumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen würde, von
+Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnsüchtig hin
+und her gehenden Gedanken.
+
+Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich
+zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein.
+Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund.
+Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie
+sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen riß:
+
+„Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!“
+
+So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht
+Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt,
+jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle großen
+Häfen der Welt.
+
+Ich fand ihn erst im fünften Jahre meiner Wanderfahrt und wäre bei
+flüchtiger Begegnung wohl an dem veränderten harten Mann mit dem fremden
+Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und
+Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhält, und wurde meiner Sache
+gewiß, als der Fremdling sich plötzlich scheu verbarg und weder an Bord
+noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner
+Kajüte auf. Er öffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich
+sah. Ich drängte ihn ohne weiteres in die Kajüte und schloß die Tür.
+
+„Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim“, sagte ich und wunderte
+mich über meine ruhige Stimme; „du wirst es mir nicht abschlagen können,
+da ich an die fünf Jahre hinter dir her bin. Und daß ich auf dein Leben
+und deine Entschlüsse keinen Einfluß habe, weiß ich von vornherein. Also
+versteck dich nicht!“
+
+„Was willst du?“ fragte er mühsam heraus.
+
+„Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du möchtest von Zeit zu
+Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben.“
+
+Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde
+Kajütenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die
+rollende See.
+
+ *
+
+Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem
+silbernen Mütterchen. Ich muß schon „silbernes Mütterchen“ sagen; denn
+nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen
+Hände. Alles ist kostbar, edel und weiß an ihr.
+
+Sie fragte mich nur das eine: „Ist er gesund?“
+
+Ich sagte ihr, was ich wußte, auch daß er ein braver Mensch geblieben sei,
+woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, daß er in einer
+geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde.
+Darauf hörte sie kaum, sondern schlug die Händchen zusammen und jammerte:
+
+„Warum? Warum?“
+
+Das war die schwere Frage, über deren richtige Beantwortung ich mir auf
+der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in
+meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begründungen für eine
+Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er
+nicht zurück? Warum läßt er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und
+Qual?
+
+Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Sätze, die Joachim gesprochen:
+
+„Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber
+ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann
+schreibt ihr wieder, und dann halte ich’s nicht aus in der Fremde, dann
+muß ich zurück in diese verfluchte Heimat.“
+
+Sie war ein wenig betäubt über diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung
+auf in ihren Augen, und sie sagte:
+
+„Aber jetzt wird er schreiben?“
+
+„Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem
+langen Suchen erreicht habe.“
+
+„Ich danke dir, lieber Fritz“, sagte sie und drückte mir schüchtern die
+Hand.
+
+ *
+
+Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich glücklich zu
+fühlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen
+sind, gehört die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht bloß mir in meinem
+besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange draußen waren
+und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der
+Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes fließen zusammen wie in
+einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde
+Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Glücks auftauchen kann. Es
+gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder spränge. Ich
+habe in fremden Ländern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat
+zurückkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren –
+sie waren schüchtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit
+zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest
+auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie mußten sich alle
+in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natürlich: der
+Star, der aus dem Süden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht
+am ersten Tage. Er schüttelt in der entwöhnten Luft erst sein Gefieder
+zurecht.
+
+ *
+
+Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Briefträger aus.
+Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er könnte längst da sein.
+Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine
+Antwort.
+
+Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede,
+ein Brief könne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter
+schüttelte den Kopf und sagte:
+
+„Einen solchen Brief würde Gott behüten.“
+
+
+
+
+
+ DIE FEINDLICHEN STÄDTE
+
+
+Ich muß versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein
+junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in
+sehnsüchtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich
+heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die närrische
+Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustädter zu
+erzählen beginnen.
+
+Waltersburg ist eine in einem wunderschönen Talkessel gelegene Stadt von
+2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zählung. Der Personenstand
+wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Höhe auf; auf runde
+3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Bürgermeister, Herr Wilhelm
+Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der
+Waltersburg Anno 1904 geschenkt würde, solle eine goldene Uhr bekommen,
+Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein männliches oder ein weibliches
+Wesen beträfe, und diese Ehrengabe wolle er, der Bürgermeister, aus
+eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel
+bewundert. Im nächsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zählung
+wurde nicht bloß vom Magistrat, sondern auch von der Bürgerschaft sehr
+eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in
+der zweiten Hälfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke
+und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide
+hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am
+30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des
+blühenden Töchterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor
+Ärger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt
+aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn,
+und der entzückte Vater stürzte nach dem Rathause und schrie: „Der
+dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!“ Im Vorzimmer des
+Bürgermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt.
+Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes
+angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte
+gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht über
+diese so wenig vom Glück begünstigte Stadt.
+
+Der Bürgermeister hielt sein Angebot auch für das kommende Jahr aufrecht,
+und einige werdende Mütter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der
+Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner
+siebenköpfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste
+Ratsmann, Bäckermeister Schiebulke, es für den richtigen Zeitpunkt, sich
+als einen Gönner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits für den
+dreitausendsten Einwohner eine Prämie auszusetzen, und zwar ein neues
+Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins
+Stadtblatt, und die Bürger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein
+neugeborenes Kind könne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern
+vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind könne von einer Uhr die Zeit
+ablesen, gab Schiebulke giftig zurück. Da setzte der Wirt vom „Goldenen
+Löwen“, der ein reicher Mann und ein wenig ruhmsüchtig ist, einen
+erschrecklich hohen Trumpf auf:
+
+„Goldene Uhr und Fahrrad“, sagte er, „sind gute Dinge. Nur leider die
+Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein
+nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe
+beweisen und lege 5000 Mark in die städtische Sparkasse für den
+dreitausendsten Bürger, den Waltersburg in diesem Jahre erhält.“ So
+lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure
+Aufregung hervorrief.
+
+Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Fällen überhaupt meist etwas
+Unerwartetes geschieht.
+
+Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Höhe von 2993 erreicht, als
+der vor kurzem nach Neustadt übersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit
+seiner Frau und seinen fünf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte
+und glückstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fünftausend Mark
+für sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend
+erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den
+frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug,
+das gälte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der
+zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe,
+und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklärte im
+Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hören wollte, unter
+Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine
+öffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfüllt sei
+und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Prämien zufielen.
+
+Aller Ingrimm der Welt hätte an der Tatsache nichts geändert: Heilmann
+bekam die Preise.
+
+O unglückliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Haß,
+und alle Männer gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben
+oder die Haare schneiden zu lassen.
+
+Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschläger gar nicht, sondern er
+zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurück und
+nahm die Preise mit.
+
+Waltersburg zählte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden
+nicht erneuert. Das ist nun einer der Fälle, aus denen das feindselige
+Verhältnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon
+einigermaßen erhellt.
+
+ *
+
+Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden
+Städte Waltersburg und Neustadt nichts geändert. Und doch ist Neustadt
+eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie
+kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den mäßig hohen
+Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, daß die beiderseitigen
+Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei
+Stadtblättchen ständig befehden, der Haß gegen die Nachbarstadt bringt
+auch noch heute die Köpfe der Waltersburger Stammtischphilister in
+Gluthitze und überträgt sich sogar auf die Frauen und Kinder.
+
+Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg
+eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm
+vorbeigezogen, die Horden des Dreißigjährigen Krieges haben vergessen, die
+Stadt auszuplündern, so daß Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern
+nach dem Westfälischen Frieden eine der volkreichsten Städte Deutschlands
+war, ein Umstand, über den in der Stadtchronik des weiten und breiten
+geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei
+Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff für ein weiteres
+Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben
+keine besondere „_gloire_“ darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg
+zu berennen. So war das weiße Lamm in grünem Felde ein sehr angebrachtes
+Wappentier für die friedfertige Stadt, und es gehörte schon die ganze
+boshafte Niedertracht der Neustädter dazu, zu behaupten, weiland der
+geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. hätte den Waltersburgern das Lamm für
+ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentümliche und
+unausrottbare Schafköpfigkeit wohl erkannt habe.
+
+Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter
+Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede
+einmal auf den Bahnbau kommt.
+
+Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten
+wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Würmer, hatte die Regierung
+dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke über Waltersburg zu führen, ja
+die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte
+die Bürgerschaft in die allerschwerste Sorge gestürzt. Sie sandten zum
+Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater möge das
+schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg
+bedrohe, allergnädigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht
+empfangen, brachte aber in aller Stille ein kräftiges Wort mit heim, das
+ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht
+viel schmeichelhafter klang als die Neustädter Auslegung des Waltersburger
+Wappentieres.
+
+Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde
+jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt
+entfernt, vorbeigeführt. Daselbst wurde auch ein großer Bahnhof angelegt,
+da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte
+einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station führte, da sie doch
+benannt werden mußte, den Namen „Waltersburg-Neustadt“.
+
+Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber
+diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Später hat ein Dichter in der
+„Neustädter Umschau“ ein Poem veröffentlicht, in dem es hieß:
+
+ _„Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_
+ _Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_
+ _Sie haben eine Bahn, die woanders ’rum geht,_
+ _Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_
+ _Sie füttern der Hasen und Rehe wohl viel,_
+ _Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_
+ _Sie sperr’n ihren Fluß, daß kein Fisch hineinschwimmt_
+ _Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_
+ _Und wär’ mal ein Mäderle gerne geküßt,_
+ _Da wartet’s, bis auswärts ein Kirmestanz ist.“_
+
+Für dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustädtern viel Lob und von
+den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Prügel geerntet.
+
+Neustadt verdankte seine Gründung einem trutzigen Bürger von Waltersburg,
+dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt
+Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so günstige Gelegenheit,
+einen großen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er
+mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr,
+die bis zu persönlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit
+seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Bürgermeister von
+Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehörte, in bitterem
+Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Väter aus und baute
+jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein großes Hotel, dem er
+den Namen „Zur guten Hoffnung“ gab. Die „gute Hoffnung“ erwies sich
+zunächst als schlecht; denn da das Hotel auf bloßem Felde stand, alle
+Eisenbahnpassagiere aber fanden, daß sie in der menschenleeren Wald- und
+Wiesengegend nichts zu suchen hätten und darum immer schleunigst
+weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten
+abgerechnet, die am Abend ihr Schöpplein tranken, und an August Bunkert
+kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, daß der
+neuerungssüchtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu
+ihrer Ehre muß gesagt werden, daß Bunkert vielen leid tat und daß man dem
+verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art
+wieder auf die Beine geholfen hätte, wenn es dem Ausreißer nur eingefallen
+wäre, zurückzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art
+der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte.
+August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf
+einen Brief seines bürgermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er
+denn auch den Rest seines schönen väterlichen Erbes noch vollends
+verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal
+überlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich günstig. Die große
+Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert übertragen wurde, hielt ihn
+zunächst über Wasser, und endlich gelang ihm der große Schlag. Er brachte
+eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Großstadt zusammen und
+kaufte als deren Funktionär oder Generaldirektor, wie er sich lieber
+nannte, alles Waltersburger Gelände auf, das jenseits des Weihnachtsberges
+gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Hände über den Köpfen
+zusammen. Hundert Taler über den ortsüblichen Preis hinaus gab Bunkert für
+jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich,
+ihre entlegenen Ländereien unter so glänzenden Bedingungen loszuwerden.
+Innerhalb von eineinhalb Jahren besaß kein Waltersburger mehr jenseits des
+Berges auch nur einen Halm.
+
+Die ganz Gewissenhaften aber schüttelten die Köpfe und sagten: Dieser
+Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein
+Hochstapler, und man sollte doch sehr überlegen, ob man den unangebrachten
+Preis annehmen dürfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland
+nie und nimmer herauswirtschaften könnten. Doch auch diese ganz
+Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld.
+
+O du großmächtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August
+Bunkert erworben, an den grünen Wiesen, am Flußufer, den Weihnachtsberg
+hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen,
+Einfamilienhäuser, Sommerwohnungen, Baderäume, ein Kurhaus, eine
+„Wandelhalle“ bauten sich auf, ein Basar für Lebensmittel, ein anderer für
+„Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstände“ wurde errichtet, Hunderte und aber
+Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschäftigt. Und alle Häuser
+baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann.
+
+Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spöttisch und
+verächtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei
+sich: Was tut sich? Da erschien in den großen hauptstädtischen Blättern
+ein Inserat: „Waltersburg-Neustadt, entzückend am Südabhange des 450 Meter
+hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in grünes
+Wiesen- und Flußland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des
+Naturgenusses, bei vorläufig nur fünf Mark pro Quadratmeter Bauland
+(Anzahlung von 3000 Mark an) für alle, die sich ein Eigenheim gründen
+wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fünfviertel Stunden von
+der Hauptstadt entfernt. Großer Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller
+Schnellzüge. Täglich zwölfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an
+Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten.“
+
+Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so
+großen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute
+lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer
+Beklommenheit. Am Abend saß ein ganzer Stammtisch im „Goldenen Löwen“ mit
+der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen
+Land koste, wenn das Quadratmeter auf fünf Mark komme. Niemand kriegte es
+heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den
+Amtsrichter Knopf verließ seine akademische Bildung; er knurrte, er habe
+ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben könne überhaupt immer
+nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer
+Herder, und der erklärte:
+
+„Ein Morgen altes Maß ist ungefähr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat
+10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter groß.
+Kostet ein Quadratmeter fünf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel,
+also 12 500 Mark.“
+
+Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Männer,
+die noch mit am Tische saßen, heftig mit den Fäusten auf den Tisch, und
+zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er
+müsse sich täuschen. Der aber saß mit der Würde eines Mannes, der von der
+Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl überzeugt ist. Sein ganzes
+Wesen sagte: meine Rechnung stimmt.
+
+Da wurde zunächst eine große Stille. Dann sagte einer: „Wenn das wahr ist,
+sind die Kerle große Gauner; 1000 Mark haben sie für den Morgen gegeben,
+12 000 Mark verlangen sie.“
+
+Schweigen. Nach fünf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten
+Ziffern auf und sagte:
+
+„Sie arbeiten mit elf Prozent.“
+
+„Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu“, bemerkte der
+Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter.
+
+Der schüttelte den Kopf, was in diesem Falle „ja“ und „nein“ heißen
+konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte:
+
+„Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000
+Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent
+Gewinn.“
+
+Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Bäckermeister Schiebulke, der
+gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Grübeln. Seine
+Seele wanderte zurück bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er:
+
+„Ja, natürlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent.“
+
+Da hoben sich die Fäuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese
+Überraschung war zu groß und schwer; die Hände sanken still herab ...
+
+Was die allergrößte Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg
+zum großen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte,
+war auf dem besten Wege, ein aufblühender Badeort zu werden. Zwei
+„Quellen“ waren entdeckt worden, von denen die eine „Kaisersprudel“, die
+andere „Felsensprudel“ hieß, und die beide nach dem Gutachten eines
+sachverständigen Professors aus der Hauptstadt „hervorragend radioaktiv“
+waren. Die Neustädter feierten Siegesfeste, während die Waltersburger vier
+Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort „radioaktiv“ richtig aussprechen
+konnten, und natürlich auch dann noch nicht wußten, was das sei.
+
+Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung
+auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger
+heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im
+„Löwen“ statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe
+abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die
+Decke.
+
+„Wie – wie bei Champagner“, stammelte Herr Hirsemann.
+
+„Blödsinn“, knurrte der Amtsgerichtsrat; „das is Kohlensäure; die is dem
+Wasser eingepumpt; alles künstlich, nichts natürlich; ich kenn doch die
+Wasserpfützen drüben – Betrug is es, glatter Betrug!“ So wartete man, bis
+sich die Kohlensäure verflüchtet hatte, dann trank der Bäcker und sagte:
+
+„’s schmeckt ’n bissel salzig.“
+
+„Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben“, grollte der
+Richter.
+
+„Salzig kann man nicht sagen“, meinte der Getreidekaufmann Schneider,
+„sondern so mehr säuerlich!“
+
+„Ja, weil Sie von gestern noch ’ne saure Schnauze haben“, zürnte Herr
+Knopf.
+
+Unter solchen Umständen hätte der Löwenwirt, der auch mit probierte, mit
+seiner Äußerung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu
+schmecken, zurückhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr
+ihn an: „Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre
+eigenen Zigarren, muß Ihnen natürlich alles nach Schwefel schmecken.“
+Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere
+gewöhnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert.
+
+Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die
+Neustädter hatten sich für ihr Bad einen Propagandachef engagiert.
+
+„Propagandachef!“ – Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der
+Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustädter aber wußten
+nicht bloß, daß es so etwas gäbe, sie engagierten es sogar. Und der
+Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Bäcker
+abends im „Löwen“:
+
+„Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefühl.“
+
+Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsächlich deswegen, weil er
+immer widersprach:
+
+„Jude hin, Jude her! Es is ’n alter Witz, daß in den ganzen Antisemitismus
+nich eher ’n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst
+machen. Wenn die Neustädter ihre faule Sache deichseln wollen, mußten sie
+’n Juden nehmen, ’n Christ ist viel zu dämlich dazu.“
+
+Der Bäcker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden,
+verließ er das Lokal.
+
+Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt.
+Es war ein entzückend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit
+reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen
+pries Neustadt in so berückender Form, daß eigentlich jeder Mensch zu
+bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach
+Neustadt abreiste ...
+
+ *
+
+Die feindlichen Städte! Vielleicht, daß mir der lustige Hader die Zeit
+verkürzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch
+vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. „Ich kann
+nicht mehr schweigen; ich grüße dich und Fritz. Aber schreibt mir keine
+Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid.“
+
+Mit diesem Telegramm saß die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach
+Hause kam. Sie sprach nicht, sondern übergab mir nur wortlos die Depesche;
+aber sie sah mich stolz und verklärt an, als wollte sie sagen: „Sieh,
+solch einen guten Sohn habe ich!“ „Ich freue mich über Joachim“, sagte ich
+und ließ sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen
+hinunter, dessen Wasser einförmig rann.
+
+Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine
+Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hölle gewandeltes Paradies. Es
+gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit
+einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm näher stand als der
+Bruder, und es war eine schöne Stadt, die ihm lieber war als der
+Geburtsort; das war Heidelberg.
+
+In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen.
+
+Darüber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her
+fährt, nicht mehr hinweg.
+
+
+
+
+
+ DAS MODEBAD
+
+
+Dieser 5. April war ein sehr merkwürdiger Tag. Ich war drüben in Neustadt
+und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im
+klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des
+alten Sanitätsrats in Waltersburg übernehmen solle. Der Alte will sich zur
+Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein
+ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fällt es niemals ein, krank
+zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: „Wenn
+einer nicht gerade unverschuldet verunglückt, ist es eine Schweinerei,
+krank zu werden. Denn wenn einer vernünftig lebt, wird er eben nicht
+krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrißt.“ So
+erschien dem Pfarrer der Sanitätsrat immer höchst überflüssig, wie
+andererseits dem Sanitätsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer
+überflüssig erscheint. Persönlich aber vertragen sie sich recht gut,
+spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen
+gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der
+Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitätsrat beide für überflüssig halten;
+denn außer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand
+eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch höchstens drei
+Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem
+„Grüßfuß“, und der Sanitätsrat behauptet, daß der Richter seinem einzigen
+„Kunden“ immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also für einen, der keine
+Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu
+werden. Im Herzen wäre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg
+niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht
+traue, und mich also dort gewissermaßen mitschuldig zu machen, den Leuten
+das Geld aus der Tasche zu ziehen.
+
+Heute war ich drüben in Neustadt. Während der fünf Jahre meiner
+Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit
+amerikanischer Rapidität emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel über
+den „Sprudeln“, die „Promenade“ mit ihren unendlich gepflegten, unendlich
+bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das
+„Polnische Lied“, den „Einzug der Gäste in die Wartburg“, das
+„Frühlingslied“ von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein
+unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem
+Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und
+der Flötist an der Rampe des „Musikpavillons“ wie überall mit den
+vorbeiflanierenden Mägdelein liebäugelten; ich sah auf den Estraden leerer
+Restaurants Kellner lauern, die wie Bräutigame gekleidet waren oder wie
+Leichenbitter, fünfunddreißig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen
+sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte
+Köchin bereitet; ich sah eine „Wandelhalle“ mit Schauläden, in denen die
+schönen und ach so „preiswerten“ Broschen prangen, die man den
+Dienstmädchen als „Mitbringe“ schenkt und deren Goldglanz mindestens
+anhält, bis das Mädchen am nächsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte
+Gläser mit der Aufschrift „Zum Andenken“ oder „_Souvenir de Neustadt_“,
+Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei
+Bären auf einem Amboß pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele
+Kunstgegenstände, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkündete,
+daß ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter
+debütieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk „Geheimnisse von Neustadt“
+zur Aufführung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg
+Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bühne, die Hauptrolle
+kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in
+ein Café und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir
+das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der
+schon immerfort nervös hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie
+lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit
+Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzählte mit
+unerträglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner
+Krankheit, wofür sich dieser so interessierte, daß er während der Zeit des
+Zuhörens das ganze Mittagsblatt durchschmökerte; drüben an der Wand
+stritten zwei rote Köpfe laut über Nietzsche; eine vorübergehende Mutter
+machte ihrer bleichsüchtigen Tochter Vorwürfe, daß sie ihren Brunnen statt
+um fünf erst um fünfeinhalb Uhr getrunken habe, was natürlich furchtbar
+schaden könne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tänzelten vorüber, und
+in der Kapelle drüben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen:
+„Das Meer erglänzte weit hinaus im lichten Abendscheine“.
+
+„Auch Sie, Fräulein Trude“, hörte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu
+seiner sechzehnjährigen Begleiterin sagen, „haben mein Herz vergiftet,
+zwar nicht durch Ihre Tränen, wohl aber durch Ihr Lachen.“
+
+„Aber Herr Lempert“, sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh
+nach Waltersburg und ging. Draußen auf den Promenadengängen das gewohnte
+Publikum; die galizische Jüdin mit etwas schmierigen Spitzen am
+Halsausschnitt und den großen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem
+hocheleganten weißen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der
+„Künstler“, dessen Kraft wie bei Samson in der Fülle der Locken sitzt und
+der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen
+Mundwinkel eingeübt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders
+hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiß weder
+er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch);
+die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende
+Einsame, der keinen Anschluß findet; das laute Mädchen, das immer zehn
+Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschäftsfreunde, die
+auch hier über ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde
+Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die „Patienten“, die
+gewissenhaft aus geschliffenen Gläsern das Neustädter Wunderwasser
+schlürfen, als könnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen
+Jahren krank ward.
+
+Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach
+Hause und wählte als Heimweg den Pfad über den Weihnachtsberg, der als
+Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.
+
+
+
+
+
+ AUF DEM WEIHNACHTSBERG
+
+
+Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwürdiges Gasthaus. Es sieht aus wie
+eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbrücke,
+Butzenscheiben und was so dazu gehört. Das echteste von dem ganzen
+romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hieß, weil er einen langen
+Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er
+Eberhard hieß. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien
+Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Höhe so gute Tage,
+daß ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war für die
+Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie
+ängstlich, sehnsüchtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges
+hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den
+Gipfel hüllte, flammte da oben ein mächtiges Bergfeuer zum Himmel, und
+eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: „Vom Himmel hoch,
+da komm ich her.“
+
+„Er kommt, er kommt!“ stießen da die Kinder heraus, und die kleinsten
+zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Geläut
+der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis
+prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die
+wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und
+Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die
+reichen wie die armen, die großen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und
+Großmütter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam,
+winkten die Kinder mit den Händen, die Väter nahmen die Mützen ab, und die
+Tanten und Großmütter machten tiefe, ehrfürchtige Knickse. Der Knecht
+Ruprecht aber saß da auf seinem tannenbekränzten Thron wie ein König und
+nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und
+winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und
+Reichen, an die Gerechten und Ungerechten.
+
+Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die
+Fackelträger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans
+Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg
+hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich.
+
+Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustädter
+und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war,
+sein Gasthaus für einen guten Preis ab. Die Neustädter machten aus der
+alten edlen Burgherberge ein „Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm
+und im übrigem allem Komfort“. Es wurden hölzerne Veranden mit großen
+Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte öde
+Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der
+modernen Zeit.
+
+Daß schweres, reines Altgold in dünnes Flitterblech gewalzt wurde,
+empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend
+vergebens ausspähten nach dem leuchtenden Höhenfeuer und der süßen,
+verheißungsvollen Melodie: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“
+
+In Gedanken an alte, schöne Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So
+sentimental war ich aber nicht, um dem neuen „Etablissement“ auszuweichen;
+dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel
+Schifflein scheitern sehen, um so eine Unglücksstelle feig zu umsegeln.
+Ich kehrte in dem „Etablissement“ ein. In der großen Glasveranda waren
+drei Kellner und ein Gast anwesend.
+
+Dieser einzige Gast saß am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tür
+hereintrat. Daraus erkannte ich, daß er kein Deutscher war. Im übrigen
+genügte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den
+Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter
+den bunten Finken.
+
+Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen,
+wenn es gilt, einen „Uncle Sam“ zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den
+glattrasierten, rasiermesserdünnen Mund, die etwas schlottrige Figur mit
+den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den
+karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die
+Stube, stellte fest, daß achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war,
+und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenüber, ohne ihn zu
+grüßen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins
+Tal. Ich beachtete ihn auch nicht.
+
+Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz
+still.
+
+Endlich blickte der Mann mir gegenüber auf und sagte, indem er nach
+Neustadt hinunterwies:
+
+„Das ist ein sehr albernes Nest da unten!“
+
+Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch:
+
+„So kann man schon sagen. Es gefällt mir auch nicht.“
+
+„Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben.“
+
+„Woraus schließen Sie, daß ich in Amerika war?“
+
+„Ich denke es mir.“
+
+„So, so!“
+
+Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm „Uncle Sam“ das
+Gespräch wieder auf:
+
+„Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?“
+
+„‚Nichts‘ kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig
+unnütze. Das sage ich.“
+
+„Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?“
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+„Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die
+nötige Muße zu solchen Träumen hatte.“
+
+„Sie sind Schiffsarzt?“
+
+„Ich war es.“
+
+Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein
+wenig vom Stuhle auf und sagte:
+
+„Mister Stefenson. Öl und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und
+Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?“
+
+„Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrückte Idee!“
+
+„Verrückte Idee ist schön. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet
+einen sehr großen Mangel an verrückten Ideen. Es ist zu brav, es macht
+zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die überraschende Pointe.
+Der Amerikanismus ist besser.“
+
+„Das sagen Sie so!“
+
+„Es ist so.“
+
+Ich war verstimmt und schwieg.
+
+„Nun?“ fragte er ungeduldig.
+
+„Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, würden wir
+viel Zeit brauchen; am Schluß würden Sie mich doch nicht verstehen. So was
+liegt Ihnen nicht.“
+
+„Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir“, gab er zur
+Antwort.
+
+Da kam ich in Laune und sagte:
+
+„Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreißen. Ich will mal annehmen,
+meine Heilanstalt bestände schon und Mister Stefenson käme zu mir als
+Kurgast.“
+
+„Das ist gut! Das ist instruktiv!“ rief er. „Wie heißt Ihr Sanatorium?“
+
+„Ferien vom Ich.“
+
+„Wie?“
+
+„Ferien vom Ich.“
+
+„Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht
+nicht.“
+
+„Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde
+ich Ihnen kein Wort über meine Heilanstalt sagen. Daß Sie den Namen nicht
+ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute.“
+
+„_Well_; ich sage nichts mehr. Ich höre.“
+
+„Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses
+Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt ‚Ferien vom Ich‘.
+Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz
+zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehört und hauptsächlich darum,
+weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach
+Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern
+an.“
+
+Mein Gegenüber nickt.
+
+„Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser.“
+
+„Der Ankömmling findet in der Nähe von Waltersburg ein Gelände von Wald,
+Hügeln, Gärten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, über die kein
+Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt
+alle, hier ist eine Welt für sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor.
+‚Ferien vom Ich‘ steht darüber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen
+ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlägt einmal
+an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der öffnet das Tor. Er ist nicht
+in der weltüblichen Tracht, er trägt Pluderhosen, Sandalen an den Füßen,
+eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhäuptig. Vor
+Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: ‚Lieber Freund, Sie
+sind wohl wenig unterrichtet, sonst kämen Sie nicht mit solch unnötigem
+Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepäck
+unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und
+kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.‘
+
+Mister Stefenson ärgert sich nicht wenig über diese Ansprache des
+dienstbaren Geistes, aber er will hinter den ‚Trick‘ kommen, deshalb winkt
+er seinem Gefolge ab und geht in das große Ferienheim des Lebens. Die
+Pforte fällt hinter ihm zu. Sein Begleiter führt ihn eine Lindenallee
+bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstücke. Am
+Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine
+Einsiedlerhütte. Das Häuschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist
+bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte,
+aber geschmackvolle Möbel und gute Bilder an den Wänden. In dieses Zimmer
+führt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: ‚Hier bleiben Sie, lieber
+Freund, zwei Tage und zwei Nächte. Lesen Sie die wenigen Blätter, die auf
+dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens-
+und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst
+nicht gefällt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der
+Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den
+ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu
+helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden
+Sie sich mit den Blättern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab,
+können Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so
+hängt hier am Nagel an der Tür ein Schlüssel, der die Pforte unten an der
+Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schlüssel von innen stecken und schlagen
+Sie die Pforte von außen zu. Zu bezahlen haben Sie für das, was Sie
+inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, daß Sie einmal dagewesen
+sind.‘
+
+So sagt der Torwart, und dann läßt er den verwunderten Herrn Stefenson
+allein.
+
+Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen.
+Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Blätter aufsagen, sondern nur
+einige wenige Sätze hervorheben. ‚Betrachte dein Leben mit allem, was es
+gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genüssen, Sünden, als eine
+Anstrengung, die dich müde gemacht hat und deine Kräfte zermürben wird.
+Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Löse
+dich zunächst los von dem Götzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von
+dir so zärtlich geliebten Ich. Entkleide diesen Götzen allen Tandes, den
+du ihm mit großen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden
+Namens, seiner Genußsucht, seiner Herrschsucht über Geld und andere
+Machtmittel.‘“
+
+Hier unterbrach mich mein Zuhörer.
+
+„Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen
+Sie es einfacher und instruktiver!“
+
+„Schön! Nehmen wir also an, daß jener Herr Stefenson die zwei Tage und
+zwei Nächte in dem Einsiedlerhäuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen.
+Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und
+ohne jede Einleitung sagen: ‚Ich habe Ihre Blätter gelesen und muß Ihnen
+sagen, Herr Doktor, daß mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum
+Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem
+Ferienheim nicht mehr Stefenson heißen, sondern einen anderen Namen
+haben?‘
+
+‚Setzen Sie sich‘, wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die
+Bank neben der Haustür drücken.
+
+‚Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.‘
+
+Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr
+Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst über sein Leben
+niedergeschrieben hat. ‚Ich werde die Blätter mitnehmen‘, sagt der Doktor,
+‚und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript
+zurück und können es selbst vernichten.‘ ‚Das ist so ähnlich wie bei
+Lahmann‘, sagt Stefenson. ‚Ja‘, nickte der Doktor, ‚ich habe vieles von
+Lahmann, der wieder vieles von Prießnitz und anderen hat. Wenn einer
+hochkommen will, muß er immer auf die Schultern anderer steigen.‘
+
+Der Arzt unterhält sich nun lange mit Mister Stefenson und erklärt ihm
+auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. ‚Sie
+sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der – sagen
+wir – John heißt; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun.
+Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad,
+zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt,
+befeindet, belogen, betrogen – arbeitet und amüsiert sich halb zu Tode,
+hat mancherlei Schwächen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude
+am Leben verkürzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter
+Mensch, während dieser John hier keinen liebedienernden Troß, keinen
+vorteilssüchtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher
+unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten
+arbeitet, nicht weiß, ob dieser Mann draußen in der Welt ein Fürst oder
+Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz
+köstlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen
+abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den
+Großen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verrät sie nicht. Daß der
+Patient während der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist für den Erfolg
+für uns eine große Hauptsache. Der Name ist meist die stärkste Kette, die
+mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie muß in Ferientagen gelöst
+werden. Und wäre der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten
+Kaufmanns gewiß ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist – wer richtig
+ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der
+gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht
+zu werden. Und für uns hat es noch das eine Gute: Es hält uns alle
+albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk;
+wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst.
+Im übrigen hoffe ich, daß Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen
+wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr.
+
+Wovon Sie weiterhin erlöst werden müssen, ist das Geld. Sie haben während
+Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich
+tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis
+zu Ihrem Austritt, abzüglich des Betrages für Ihren Kuraufenthalt. John,
+der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen
+Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit glücklich, nicht den ganzen Tag
+über sich Hände entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie
+es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche
+schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche fürs Taschentuch
+– Geld hat er nicht, Schlüssel, Messer, Taschentoilette, Füllfederhalter,
+Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird über
+Bord geworfen.
+
+Auch die Uhr!
+
+Es geht John gar nichts an, wie spät es ist, es ist gänzlich ohne
+Interesse für ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr
+sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu ängstigen,
+er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht
+versäumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie
+werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal
+nach der Uhr sehen muß! Die Uhr, die über dem Herzen schlägt, schlägt
+schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer
+größerer Eile anspornen – und der Weg führt doch ans Ende des Lebens.
+Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher
+wird bei uns außer Tätigkeit gesetzt.
+
+Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn
+auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Großkaufmann von
+Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob
+Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im
+‚Völkerbund‘ für Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal
+das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist – kurz, John
+liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson,
+auszufüllen hatten, steht: ‚Wie lange lesen Sie durchschnittlich täglich
+über der Zeitung, wie lange also im Jahre?‘ Sie haben den täglichen
+Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jährlichen also auf 274 Stunden
+berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie
+aufs Zeitunglesen dreißig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres.
+Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: ‚Schreiben Sie kurz
+nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektüre aus dem vorigen und aus dem
+vorvorigen Jahre noch wissen!‘ Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen,
+steht auf fünf kleinen Blättern, und Sie geben es ehrlich an, daß es Ihnen
+schwere Mühe verursacht hat, diese fünf Blätter zu füllen. Vom vorvorigen
+Jahre wußten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz große Ereignisse
+standen noch im Gedächtnis. Nun ist ja sicher, daß durch das Zeitunglesen
+viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber
+Sie selbst müssen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines
+ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitökonomische geht uns
+übrigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf
+sich nicht das Frühstück verderben lassen, weil Herr Stefenson in
+ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen Ärger über einen
+Deputierten saugen würde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede
+gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darüber, daß
+einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist;
+John disputiert nicht eine Stunde lang darüber, ob das Bündnis zwischen
+den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet
+auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Für Herrn
+Stefenson aus Amerika mögen die nervenanstrengenden Dinge, die täglich in
+der Zeitung stehen, wichtig, ja unerläßlich sein; denn Herr Stefenson
+steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht
+drücken; aber ich – o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des
+Lebens geht mich rein gar nichts an.
+
+Es kommt noch eins hinzu – John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne
+ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist,
+behält er die Hauptfäden seiner geschäftlichen Angelegenheiten immer in
+der Hand. Er läßt sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen,
+er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch
+auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John
+sagt: Wenn Herr Stefenson tot wäre, ginge es auch; folglich geht es auch,
+wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als
+wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal
+gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand
+nehmen und sagen: Sei froh, daß du mal ausgeschieden warst, du hast
+inzwischen glänzende Geschäfte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt,
+wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten überläßt.
+
+Im Ferienheim gibt es täglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die
+Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schließt, daß er
+über einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben müsse, der geht in die
+Kanzlei, dort liegen dreißig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald
+beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verläßt er die
+Ferien und geht in die Lebensschule zurück. Bis jetzt sind nur drei
+Prozent unserer Feriengäste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu
+lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschläge. Sie sind zu
+ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie
+auf einige Zeit gar nichts an.
+
+Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen
+Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten
+treiben. Eine der allergrößten Hauptpersonen ist der Briefträger. Man kann
+sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten
+Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein
+paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, daß sich
+der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in
+menschenfresserischer Laune; das Töchterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch
+gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt
+befragen, was ohnehin natürlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die
+Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der
+Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurück und bricht fast
+in Tränen aus über die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der
+blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes
+Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das
+Schreiben eines ‚Freundes‘, das ihm suggeriert, seine Stellung sei
+erschüttert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. – Die
+Ärzte können sicher rechnen, daß das, was sie in einer Woche aufbauen,
+manchmal der Briefträger in zehn Minuten einreißen kann.
+
+Und deshalb wünscht das Ferienheim sehnlichst den Briefträger zum Kuckuck,
+weil er die Ferienruhe stört, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts
+anderes steckt, als ermüdende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb
+bitten wir unsere Feriengäste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns
+lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im
+Notfall an mich; alles Kleine laßt weg, erzählt es mir, wenn ich
+heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu
+gegeben wären. Bedenkt, daß mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich
+in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das
+Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht
+ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fuß sitzt.
+
+Das ist eine scheinbar harte Maßregel des Ferienheims, die viele gehindert
+hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung
+als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen großen Teil seines
+Erholungsaufenthaltes an ein Postbüro binden will, soll anderswo hingehen.
+
+Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres
+Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne
+Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unnütze Briefschreiben
+oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und
+Bekanntschaftsfesseln.
+
+Sie merken schon, Mister John, daß ich an alte Klosterideale angeknüpft
+habe. Nur, daß es sich eben nicht wie beim Kloster um die
+Lebenseinrichtung überhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens
+handelt, und daß wir nicht aus religiösen, sondern aus sanitären
+Beweggründen handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befähigt noch berufen.
+Aber – um auch diesen wichtigen Punkt zu berühren – wir empfehlen allen
+denen, die noch eine religiöse Anschauung haben, aus reinster
+Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen
+Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergrößte
+seelische und darum auch die allergrößte körperliche Wohltat. Ein Arzt,
+der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt außer
+acht ließe, wäre ein Stümper. Deshalb wird all unseren Feriengästen
+Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es bedürfen. Daß wir uns
+dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen
+enthalten, ist ganz selbstverständlich.
+
+Die ärztliche Behandlung wird natürlich für jeden Feriengast individuell
+sein; für Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr für die Müden, für
+die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, für die,
+die gern noch einmal mit frischen Kräften von vorn anfangen möchten.
+
+Für die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumsüchtigen hat man jetzt
+draußen Entziehungskuren, die großen Segen bewirken; wir wollen hier allen
+denen Entziehungskuren gewähren, die auf irgendeine Weise vom Leben
+vergiftet sind. Ganz generell werden alle erlöst von allem Eitlen und
+Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drückenden Last öffentlichen und
+privaten Lebens, von unnützen Bedürfnissen; individuell sollen sie erlöst
+werden von ihren Krankheiten, Lebenssünden und Lebensschwächen, von
+unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die
+kostbare Fähigkeit zur Freude wiedergewinnen.
+
+Wir scheiden aus dem Ferienheim die üblichen Vergnügungen aus. Sie finden
+bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Früh-, Mittags- und
+Abendkonzerte, keine Spielsäle, Taubenschießen, Theater- und
+Varietévorstellungen, keine prunkhaften Umzüge und italienischen Nächte –
+denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und
+betrügt alle die, die mit neuen Kräften nach Hause kommen wollen. Wir
+suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschäftigung in
+frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete
+umgraben müssen, auch werden Sie sich gelegentlich am Fällen eines Baumes
+oder am Holzsägen beteiligen müssen; es kann aber auch sein, daß Sie mal
+einen Hecht angeln oder ein paar Körbe Äpfel pflücken müssen. Da Sie, wie
+Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schöngeistiges Buch
+gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und
+einem Bändchen Lyrik nicht herumkommen. Während wir bei sogenannten
+Leseratten Entziehungskuren machen, muß bei Ihnen in diesem Falle eine Art
+Zwangsernährung einsetzen.
+
+Die körperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natürlich gut
+und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot
+selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie überlassen. Im
+großen Küchen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben
+gegenwärtig einen Feriengast, der draußen in der Welt eine Schar von
+Dienern hat. Auch er muß sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst
+bereiten. Anfangs wußte er nichts anderes, als daß er sich Brotstullen
+schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter
+beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das nächste
+Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen
+Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann
+ergänzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nüsse
+und Früchte von den Bäumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst
+bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf
+sein Mahl und aß mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die
+vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden
+Sie sich z. B., wenn ein kühler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst
+anzünden und unterhalten müssen. Hobelspäne und Reisig können Sie sich
+leicht holen, das Holz müssen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister
+John, wie warm und goldig solch ein selbstentzündetes Feuer brennt, viel
+wohliger, als wenn es ein Diener angefacht hätte. Ein volles Dutzend Mal
+werden Sie die Kacheln abfühlen, wie sie nach und nach warm werden, mit
+einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar
+andere Feriengäste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie
+eigentlich heißen, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes
+bekannt ist, als daß es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu
+einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben – wie schön wird es sein,
+mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzählen und selbst auf das Feuer
+zu achten.
+
+Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hören bekommen; doch nicht oft und
+nicht viel. Aber zur Laute wird öfter gesungen werden, und manchmal wird
+irgendwo ein Bläserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der
+Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten,
+romantischen Tagen.
+
+Sport dürfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad,
+Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen dürfen Sie, aber ohne Geld;
+denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen
+Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel
+zwanzig, und würde alles hinterher in bare Münze sauber umgerechnet, so
+würde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest würde energisch
+ausgenommen werden.
+
+Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen
+scheinen, ganz nach ärztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange
+ein solcher Ferienaufenthalt währt, so muß ich Ihnen sagen, daß die
+kürzeste Frist sechs Wochen beträgt, daß es aber sehr viel günstiger ist,
+wenn die Ferienpause drei Monate oder noch länger dauert. Die ersten
+vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren,
+vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie
+müssen erst heimisch werden, müssen das große Ferienglück erst ganz
+fühlen, müssen die unaussprechlich süße Freude empfinden, wie Sie gesünder
+und fröhlicher werden, dann erst kommt das Heil.
+
+Aber wenn Sie dann in die große, schwere Schule zurückgehen, werden Sie
+mehr neue Kräfte, einen größeren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie
+unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen
+gelesen hätten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein
+Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung
+der Großstadt hinter seinen Aufgabenbüchern sitzt.‘
+
+Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der
+Tür des Einsiedlerhäuschens saß, seine Belehrung, und damit ende auch ich,
+Mister Stefenson, den Aufschluß über das Ferienheim des Lebens, das nur in
+meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird.“
+
+ *
+
+Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenüber am Gasthaustisch saß, schwieg
+auch. Er hatte die ganze Zeit, während der ich sprach, mit halb
+abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich
+stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: „Danke sehr! Guten
+Abend!“, nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner
+bezahlt hatte. Ich ließ ihn gehen.
+
+ *
+
+Am nächsten Tage ließ sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden.
+
+„Guten Morgen“, sagte er; „ich muß Ihnen sagen, daß mir das gar nicht
+paßt, daß ich John heißen soll.“
+
+„Wieso – wieso?“ fragte ich verwundert.
+
+„Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich nämlich mal
+furchtbar geärgert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte.
+Ich mag nicht John heißen. Ich habe mir ein Adreßbuch geben lassen und
+nach einem einfachen, aber nicht zu häufigen Namen gesucht. Ich will
+Zuschke heißen.“
+
+„Sie wollen Zuschke heißen? Warum – wieso – wo wollen Sie Zuschke heißen?“
+
+„In Ihrem Sanatorium natürlich – in Ihrem Ferienheim –“
+
+„Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein
+Phantasiegebilde – eine Utopie –“
+
+Da sah er mich fest an.
+
+„Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begründen.“
+
+Ich schlug die Hände zusammen.
+
+ *
+
+Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschäftsmäßig, trocken, sogar ein
+wenig mürrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die
+Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das
+viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere
+Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei für romantische
+Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte:
+
+„Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr
+sprechen.“
+
+Er nahm mich in den Bann der großen Kühnheit und Sicherheit seiner Seele,
+und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson:
+
+„Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die
+Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir
+ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt,
+und ich bin ein schlechter Geschäftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne
+gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander
+trennen.“
+
+Dann ging er. Ich saß an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal
+auf, trommelte mit den Händen, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa,
+rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernünftiges – ich ging an die
+frische Luft.
+
+So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Führung einer Kriegsarmee
+berufen wird, oder einem Dichter, dessen großes Stück über die Bühne gehen
+soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit
+einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schöner Traum war,
+mit einemmal vor die größte und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein –
+wo wäre ein berauschenderes Glück?
+
+Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein über deinen
+schrägen Dächern und alten Giebeln, wie schön singen die Spatzen am
+Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus!
+
+Warte nur, mein altes Waltersburg, für dich kommt, wie für das
+Dornröschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will
+dich küssen mit einem heißen, so lebenspendenden Kuß, daß alle Starrheit
+von dir fällt und du mitten in wonnigem Leben stehst!
+
+Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer
+weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen – der Träumerglanz
+soll in deinen Augen bleiben, der weiße Schimmer auf deiner Stirn, das
+schöne, stille Lächeln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen
+berühmt werden als eine Wohltäterin der Menschen.
+
+Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was
+wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draußen
+in der Welt, drüben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur,
+stehe ich vor der bunten Bühne, und weil ich so lange und so oft
+zuschaute, täuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiß, hinter den bemalten
+Wänden liegt unordentlich Gerümpel und geht rauhe Zugluft durch schlecht
+schließende Türen. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da
+keine Chaussee; eine alte Landstraße führt ins Grüne. Am Hasenhügel setze
+ich mich auf einen Stein. Mir gegenüber lag der Ostabhang des
+Weihnachtsberges. Über den Fluß ging der Blick auf ein Hochplateau von
+Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das wäre der rechte
+Ort für mein Ferienheim.
+
+Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort für mein Ferienheim finden, in
+dieser freundlichen, närrischen, gesunden Stadt!
+
+Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land.
+
+
+
+
+
+ LUISE
+
+
+Es ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages
+genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei
+dem Scheidungsprozeß wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er
+aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen
+überzähligen armen Würmern geschieht – es kam „in Pflege“. Ein
+„kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen
+lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige
+Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen“.
+
+Ich wußte, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie
+oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind.
+Und damals war es das erstemal, daß ich meine Mutter nicht verstand. Sie
+weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu
+erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes
+nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen
+wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich
+entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt
+in ihrer Frauenseele, sie haßte das Weib, das dieses Unheil angerichtet,
+zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als
+daß ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte
+finden können. Ja, sie sagte mir, daß sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem
+„Vaterunser“ gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich mußte hinter
+ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und
+ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen
+Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht
+weiter kümmern, ich wußte nur, daß eine entfernte Verwandte das Mädchen zu
+dem „kinderlieben“ Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten
+fünfzehntausend Mark „Erziehungsbeihilfe“ als einmalige Abfindung bezahlt
+und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und
+christliche Leute zu handeln.
+
+Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die
+schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er an
+die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, daß er eine der
+festverschlossenen Türen öffnen, und daß die Frage daraus hervortreten
+werde: „Lebt das Kind noch?“ Joachim stellte die Frage nicht, und als ich
+nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob
+die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: „Das
+weiß ich nicht!“
+
+Da fiel mir auf, daß die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich
+bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und
+ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht
+das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die
+Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.
+
+Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief
+geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr
+andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht
+geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich
+an mich genommen und ihn soeben gelesen.
+
+Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung
+und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte,
+Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte
+feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich
+aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die
+feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind
+aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige
+Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt
+sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das
+ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die
+anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bißchen
+Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und
+Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für
+Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe
+Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie
+müßten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das
+ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich
+auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien
+sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in
+Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.
+
+Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.
+
+„Lies den Brief!“ sagte ich.
+
+Sie schüttelte zornig den Kopf.
+
+„Du mußt ihn lesen, Mutter“, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.
+
+Sie starrte mich an und wurde blaß.
+
+Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.
+
+Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.
+
+Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.
+
+„Liebe, gute Mutter“, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten
+Scheitel.
+
+„Ändere es, Fritz“, sagte sie mühsam, „ändere es; tue, was du willst, aber
+ändere es – es ist entsetzlich!“
+
+Schmerz und Grauen schüttelten sie.
+
+Ich küßte ihr die Hand und sagte: „Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach
+Berlin.“
+
+ *
+
+Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet
+fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen
+schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen
+spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen
+Stimmung.
+
+Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine
+Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden
+Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen
+geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn
+nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu
+gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar?
+Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast
+der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle
+diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den
+Frieden gerettet, daß du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?
+
+Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er
+im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm
+durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu
+retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt,
+fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Haß verschollen ist –
+fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, daß dieser Mann einer großen
+Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, während ihm der Regen
+und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein
+Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger
+Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber
+eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen
+will und der selber dem Tode geweiht ist!
+
+ *
+
+Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr
+Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß
+Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine
+„Restauration“, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen.
+Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser
+Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale
+Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende
+Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer,
+der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den
+Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie
+wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler,
+dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann
+– Berlin N.
+
+Das war das „Milieu“, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war.
+Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An
+einer Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines,
+blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. „Wie
+heißt du denn?“
+
+Das Kind erschrak und sagte ängstlich: „Luise!“
+
+„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“
+
+Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur
+konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich
+eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am
+Arm.
+
+„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“
+
+Das Mädchen brach in Tränen aus.
+
+„Sperren Sie mich nicht ein!“
+
+„Warum soll ich dich denn einsperren?“
+
+„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“
+
+Das Kind weinte noch lauter.
+
+„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det
+Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“
+
+Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen
+eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:
+
+„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen
+verdient, feste zu nehmen ...“
+
+„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“
+
+Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein
+Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen
+mehrfachen Belagerungsring schloß.
+
+„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.
+
+„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat
+ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n
+Lump.“
+
+Der Schutzmann stand wie ein Fels.
+
+„Wer sind Sie?“
+
+Ich zog eine Legitimationskarte heraus.
+
+„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die
+Karte gelesen.
+
+„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel
+braucht er, det Schwein ...“
+
+„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“
+
+„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten,
+die die Sache nichts angeht.“
+
+Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.
+
+„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.
+
+„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.
+
+Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt.
+Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der
+Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem
+Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine
+kurze Aufklärung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte,
+sagte der Schutzmann:
+
+„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß
+Sie det Wurm da abkriejen.“
+
+Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch,
+ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich
+direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem
+Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die
+Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen
+von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter
+Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog
+wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er
+trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen,
+wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei
+irgendeiner neuen Sekte war.
+
+Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich
+wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte
+er:
+
+„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr
+Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich
+kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich
+verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig –
+aber sehen Sie, Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter
+Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der
+Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher
+Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein
+Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich
+Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu
+naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“
+
+Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.
+
+„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in
+die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem
+Aufräumen fertig ...“
+
+Da sprach ich endlich.
+
+„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen
+Luise.“
+
+„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“
+
+Er brach in ein meckeriges Lachen aus.
+
+„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich
+außer mir.
+
+„Sie wollen mich – was wollen Sie?“
+
+Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf
+seinen Zügen breit.
+
+„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und
+Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es
+mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für Sie nicht zu
+sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“
+
+Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde
+die kleine Luise drin zu schreien anfangen.
+
+Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.
+
+Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.
+
+
+
+
+
+ SAMARITERDIENSTE
+
+
+So lebte das einzige Kind meines Bruders! In einer Umgebung von Schmutz,
+Heuchelei, Armseligkeit, Roheit. Ein Glück, daß dem Weltverbesserer doch
+noch das Kehren vor der eigenen Tür einfiel, ehe er an die große Mission
+ging, anderen zu helfen.
+
+Fast in jeder Familie gibt es einen, auf den sich die anderen ganz
+besonders verlassen, zu dem sie in ihren Kümmernissen und Nöten kommen,
+dem sie es überlassen, zu ordnen, was sie selbst schlecht gemacht haben,
+der Geld borgen muß, wenn die andern nichts haben, der immer schieben,
+immer unterstützen, immer aushelfen muß. Den Starken als Stütze der
+Schwachen kann man ihn nennen, wenn man es ideal ausdrücken will; sonst
+kann man auch kurz sagen: der Lastesel. Nachgerade kam es mir vor, als ob
+ich in unserer Familie diesen Ehrenposten bekleidete.
+
+Ich kann nicht behaupten, daß ich mit Freundlichkeit an meinen Bruder
+dachte, als ich durch den Staub des Hofes nach der Straße zurückflüchtete.
+Was an diesem Kinde geschah, war jahrelange Sünde. Auch an die Mutter
+dachte ich nicht ohne Bitterkeit. Sie war in diesem Augenblick nicht mein
+silbernes Mütterchen, sie war eine reine, aber selbstgerechte Frau, die
+nicht stark genug war, der Schuld mit Herzenstapferkeit ins Auge zu sehen
+und auf dem Schlachtfeld der Sünde Samariterdienste zu tun, sondern eine,
+die sich ängstlich in ihrer wohlumhüteten Sauberkeit hielt, mehr bekümmert
+um sich selbst als um das, was draußen zugrunde ging. Jawohl, ich hatte
+nicht Lust, das alles so hinzunehmen, ich wollte meine Meinung sagen. Was
+sollte ich denn tun, ich einzelnstehender Mann? Es würde schwer genug
+halten, das Kind loszubekommen. Der ekle Kerl von Pflegevater war zum
+gesetzlichen Vormund und Pfleger bestellt, die Erziehungsrechte waren an
+ihn abgetreten. Um ihm das Kind in Güte gewissermaßen abzukaufen, dazu
+fehlte mir das Geld. Mit gesetzlichen Mitteln aber so einem abgefeimten
+Schuft an den Leib zu gehen, würde schwer genug sein. Das Nächste war,
+einen Anwalt zu befragen.
+
+ *
+
+In meinem Hotel suchte ich das Lesezimmer auf, setzte mich in eine Ecke
+und grübelte. Ich mochte wohl schon lange so gesessen haben, da tippte
+mich jemand auf die Schulter.
+
+„Sie sollten mal Ferien vom Ich machen, Sie haben es nötig!“
+
+Es war Mister Stefenson, der also zu mir sprach. Ich war ganz erstaunt,
+ihn so plötzlich hier in Berlin zu sehen.
+
+„Ferien vom Ich sollten Sie machen!“ wiederholte er.
+
+„Von wem erfuhren Sie denn, daß ich hier bin? Von meiner Mutter?“
+
+„Von wem anders sollte ich es wissen? Sie sind in Familienangelegenheiten
+hier – wegen einer kleinen Nichte – wollen sie in eine andere Pension
+bringen – ja, lieber Doktor, das gefällt mir nicht!“
+
+„Was gefällt Ihnen nicht?“
+
+„Daß Sie Ihre Zeit mit solchem Familienkrimskram vergeuden.“
+
+„Erlauben Sie, das ist doch wohl meine Sache.“
+
+„Ihre Sache und meine Sache. Sie haben jetzt keine Zeit für solche Dinge.
+Es paßt nicht in unser Programm. Sie haben selber gesagt, zu unserem
+Ferienheim gehöre vor allen Dingen die Erlösung von drückenden familiären
+Fesseln. Ist das keine Fessel, die Sie am Fuß schleppen? Jetzt, wo wir in
+der allerschwersten Gedankenarbeit stehen müßten, fahren Sie einem kleinen
+Mädel nach. Was liegt der Welt an dem kleinen Mädel? An Ihrem Ferienheim
+soll ihr etwas liegen.“
+
+„Ich glaube, Herr Stefenson, so eng sind wir denn doch noch nicht
+miteinander verbunden, daß Sie in dieser Weise mit mir reden dürfen.“
+
+„Ich darf“, sagte er phlegmatisch. „Ich habe in Ihnen so etwas wie einen
+Propheten gesehen – die Propheten gehen aber in die Wüste, ehe sie
+öffentlich auftreten, nicht nach Berlin – die Apostel verlassen Weib und
+Kind – der Soldat, der in den Krieg zieht, darf nicht rückwärts schauen,
+er sagt: Was schert mich Weib, was schert mich Kind? Der Familiensimpel
+bleibt immer ein mittelmäßiger Kerl.“
+
+Ich erhob mich und wollte ihm grob kommen. Aber ich setzte mich wieder,
+sah auf einen Augenblick in seine ehrlichen, quellklaren Augen und sagte
+dann: „Sie haben vielleicht in manchem recht, Mister Stefenson, aber im
+ganzen sind Sie doch im Unrecht. Wenn ein Soldat in den Kampf ziehen soll
+und am Fuß eine Beule hat, wird er danach trachten, daß ihm erst ein Arzt
+die Beule öffnet und die Wunde säubert und verbindet, ehe er marschiert.
+Sonst bleibt er eben am Wege liegen. So geht es mir auch. Ich muß mir erst
+diese Angelegenheit mit meiner kleinen Nichte vom Halse schaffen, ehe ich
+an unsere Aufgabe gehen kann.“
+
+„Gut, so schaffen Sie sich die Angelegenheit vom Halse – morgen vormittag
+zwischen neun und elf. Um elfeinhalb können wir dann unsere Beratung
+haben.“
+
+„So rasch geht das nicht.“
+
+„Wie lange kann es denn dauern?“
+
+„Wohl einige Wochen oder auch Monate.“
+
+Herr Stefenson lächelte sanftmütig.
+
+„Das ist sehr schön! Ja, dann sind Sie wohl so freundlich, mich nach
+einigen Monaten gelegentlich wissen zu lassen, mit wem Sie schließlich Ihr
+Sanatorium begründet haben. Ich bin gar nicht abgeneigt, mir dann einen
+Prospekt schicken zu lassen. Für jetzt, guten Abend!“
+
+Er verließ mich. Ich sah ihm nach, als er aus dem Zimmer ging, und wußte,
+daß es aus war mit meinem Lebenstraume. Ich saß ganz still, und ich weiß
+jetzt nicht mehr, was ich damals alles dachte. Ich wußte in jener Stunde
+nur, es war aus, um eines kleinen Mädchens willen, das ich kaum auf zwei
+Minuten lang gesehen hatte – aus! Dieser Mann, der vor zwei Tagen so viel
+Geld auf eine Idee von mir setzen wollte, hielt mich nun für einen
+Schwachkopf. Aber auf so elende Weise durften wir uns nicht trennen. Rasch
+warf ich einige Zeilen auf eine Karte, ich müsse Herrn Stefenson noch
+einmal sprechen, nicht um ihn umzustimmen, daran dächte ich nicht, sondern
+um nicht ganz ungerechtfertigt zu scheiden. Ich schickte Stefenson durch
+einen Kellner die Karte, und er kam auch bald persönlich.
+
+„Mister Stefenson – es ist nichts Geschäftliches mehr, nur etwas rein
+Menschliches. Es ist darum, daß wir uns jetzt ohne gegenseitige
+Hochachtung, aber doch auch ohne beleidigende Gesten trennen wollen, wie
+Sie selbst einmal gesagt haben. Haben Sie noch zehn Minuten Zeit für
+mich?“
+
+Er nickte, und ich erzählte ihm ohne alle Umschweife die Tragödie Joachims
+und seines Kindes, und wie ich das Mädchen heute draußen auf der
+Ackerstraße getroffen hatte. Mir wurde das Herz warm beim Erzählen, aber
+Stefenson blieb ganz gleichgültig. Zuletzt sagte er:
+
+„Es ist eine traurige Geschichte, die Sie da erzählt haben, aber sie kommt
+alle Tage vor. Es ist gar nichts Neues. Ich habe die Geschichte auch
+erlebt. Aber etwas Interessantes ist dabei: Sind Sie wirklich fünf Jahre
+lang hinter Ihrem Bruder her gewesen?“
+
+„Ja, ich fand ihn nicht eher.“
+
+„Hm! – Sagen Sie, wollen wir den Abend noch zusammenbleiben? Ich möchte
+den „Sommernachtstraum“ in der deutschen Aufführung ansehen. Kommen Sie
+mit? Sie haben es doch wohl nicht so eilig nach Hause?“
+
+Ich wußte, daß ich bei diesem Manne verspielt hatte, aber ich nahm die
+Einladung an. Er sagte, er habe nun noch Geschäfte, wir würden uns im
+Theater treffen. Damit händigte er mir eine Theaterkarte ein und verließ
+mich. –
+
+Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ huschte und zwitscherte an
+mir vorüber, Shakespeares unsterbliches Werk reinster Fröhlichkeit tat
+sich in glänzender Darstellung vor mir auf, aber ich saß wie ein
+Geistesabwesender auf meinem Platze. Der Stuhl neben mir war leer
+geblieben. Stefenson war nicht erschienen. Der Märchenwald, durch den die
+Elfen huschten, blaute vor meinen Augen; aber ich dachte an den Wald an
+dem Abhang des Waltersburger Weihnachtsberges.
+
+Pyramus und Thisbe trieben ihren grotesken Spaß. Da dröhnte von meiner
+Logentür her tiefes Gelächter. Stefenson stand dort. Er beachtete mich
+nicht, er schaute nur vergnügt nach der Bühne und lachte so laut, daß er
+die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog.
+
+Die nächste Pause kam. Da setzte sich Stefenson neben mich und sagte zur
+Entschuldigung seines späten Kommens:
+
+„Manche Geschäfte wickeln sich in Berlin sehr langsam ab.“
+
+Nach dem Theater fuhren wir nach einem Restaurant. Nachdem wir gegessen
+hatten, sagte Stefenson ganz unvermittelt:
+
+„Die Luise habe ich flottgemacht. Zuviel Schwierigkeiten habe ich mit dem
+alten Gauner nicht gehabt. Der Hauswirt war gerade bei ihm und drängte um
+die Miete; da machte es der Kerl um dreihundert Mark. Er gab alles
+schriftlich, was ich wünschte. Mit Anwälten ist das nichts. Das ist teuer
+und umständlich. Mit dreihundert Mark war alles in zwanzig Minuten
+gemacht, und ich hatte das Kind. Dann war ich um eine Pflegeschwester aus.
+Das hat länger gedauert. Das hat unsinnig lange gedauert. Die ganze schöne
+Eselsszene habe ich im Theater verpaßt. Die Pflegeschwester ist nun mit
+der Luise in unserem Hotel. Nummer 187 wohnen sie. Bald fahren sie nach
+einem Erziehungsinstitut in Thüringen. Es ist mir empfohlen worden. Da
+wird ja wohl die Luise körperlich und seelisch zurechtgestutzt werden.“
+
+Ich schlug wieder einmal die Hände zusammen.
+
+„Guter Herr Stefenson, das haben Sie getan?“
+
+„Ich bitte, exaltieren Sie sich nicht! Eine Zeitlang wird die Luise in dem
+Institut bleiben, und dann kann sie zu uns in das Ferienheim kommen – so
+als eine Art – als eine Art Einweihungsengel.“
+
+Mich würgte es in der Kehle.
+
+„Sie wollen das Heim doch mit mir gründen?“
+
+„Ja“, sagte er ganz ruhig, „ich will. Es hat mir was an Ihrer Geschichte
+gefallen. Natürlich nicht das Sentimentale, aber daß sie fünf Jahre lang
+die Jagd machten, das zeugt doch von einer gewissen Ausdauer. Und Ausdauer
+ist zu gebrauchen.“
+
+ *
+
+Ich bin wieder im stillen Waltersburg. Berlin N liegt hinter mir wie ein
+wüster Traum. Welch Gegensatz! Die kleine Luise ist gut untergebracht.
+
+Stefenson hat mir gestern schriftlich mitgeteilt, daß er mich für keinen
+Philosophen halte, auch nicht für das, was man einen lebensklugen Menschen
+nenne, und was ich als Arzt tauge, könne er nicht beurteilen. Er halte
+mich für einen Dichter. Meine ganze Idee sei weniger ärztliches Problem
+als vielmehr eine Dichtung. Aber Dichtung sei besser als Problem. Dichtung
+ist etwas Gezeugtes, Probleme sind etwas Konstruiertes, Dichtung ist
+Lebewesen, Problem ist Mechanik. Und so solle ich nur jetzt meine Dichtung
+ganz ausgestalten und ihm vertrauensvoll übergeben. Was ausführbar sei,
+werde ausgeführt werden, das andere werde als blauer Dampf in die Höhe
+ziehen und auch als Wölklein am Himmel noch schön sein.
+
+
+
+
+
+ IN DEN TAGEN DES WERDENS
+
+
+Beschaulichen und nachdenksamen Charakters ist Herr Stefenson nicht. Es
+geht alles so verblüffend schnell bei ihm, daß er, wenn ein anderer noch
+bei den ersten Erwägungen und Bedenken stände, schon am Ende ist. Freilich
+kommt dazu, daß er Glück hat. Das Gelände am Ostabhang des
+Weihnachtsberges steht zum Verkauf. Es gehört einem Manne, der, wie Hans
+im Glück, ständig seinen Besitz vertauschte. Dieses Gut hat er gegen
+große, sehr ertragreiche Steinbrüche umgetauscht, die Steinbrüche gegen
+eine Fabrik, die noch besser war, und so ist es langsam bergab gegangen,
+und Herr Stefenson mit seinem großen Geldbeutel hat wenig Schwierigkeiten
+gefunden. Achtundvierzig Stunden haben die Verhandlungen gedauert, dann
+war das Gut, das mit Wiese und Wald 2500 Hektar groß ist, von Stefenson
+gekauft. Um einen Preis, bei dessen Nennung einem früheren Schiffsarzt die
+Gänsehaut ankommt.
+
+„Nun ist das Gelände da, nun muß die Gemeinde errichtet werden“, sagte
+Stefenson sehr einfach. „In einem Jahre müssen sämtliche Häuser stehen.“
+
+„In einem Jahre?“
+
+„Ja! Die Deutschen brauchen, wenn sie einen Dom bauen wollen, vierhundert
+Jahre, der Amerikaner braucht, wenn er eine Stadt baut, sechs Monate.“
+
+„Es ist dann aber auch danach.“
+
+„Ob es danach ist oder nicht, ist gleich“, erwiderte Stefenson verdrossen.
+„Jedenfalls habe ich für die ganze Chose nicht mehr Zeit. Ich muß nach
+Neuyork, nach Milwaukee, nach Trinidad. Sehen Sie sich das Gelände an und
+machen Sie Ihren Plan. Ich werde auch einen Plan machen. Ich brauche drei
+Tage Zeit dazu.“
+
+„Ich würde drei Jahre dazu brauchen, aber um Ihretwillen werde ich in
+sechs Wochen mit meinem Plane fertig sein.“
+
+Er wandte sich finster ab. Drei Tage lang lief er auf dem erworbenen
+Gelände umher, zeichnete, machte Notizen und ging mir aus dem Wege. Am
+vierten Tage teilte er mir auf einer Postkarte mit, er habe einen kleinen
+Abstecher nach Sizilien unternommen. Ich war froh darüber und ging nun
+daran, mein Ferienheim im Plane zu entwerfen.
+
+Das Gelände kannte ich genau. Die meisten meiner Bubenstreiche hatten in
+jenem Walde gespielt; auf jenen Wiesenrainen war ich als Student
+tausendmal gegangen. Eines war zu vermeiden – alle Gleichförmigkeit. Eine
+Villa neben die andere zu bauen, ein Logierhaus wie das andere, alles in
+zimperlich geordneten Gärten, wo man kaum einen Fuß hineinzusetzen wagt
+wie in die gute Stube einer peinlichen, eitlen Hausfrau, das sollte uns
+gewiß nicht einfallen, ganz abgesehen von Basaren, Hotels, Restaurants,
+Plätzen und Straßen großstädtischer Art.
+
+Im Mittelpunkt der Ferienheimat soll das Rathaus liegen. Es soll ein
+großer, geräumiger Bau altdeutschen Stils sein. Der Bürgermeister wird
+darin wohnen; denn einen solchen wird uns wohl das Gesetz auferlegen; aber
+auch die Sprechzimmer der Ärzte sollen im Rathaus untergebracht sein,
+ebenso die Verwaltungsräume, die Kasse, die Nachtwächterstuben. Auch einen
+großen ehrwürdigen Saal soll das Rathaus haben, in dem die Feriengäste
+manchmal zu einer Feierstunde nationaler, künstlerischer oder geselliger
+Art geladen werden. In diesem Rathaus wird auch das „verbotene Zimmer“ mit
+den Zeitungen sein. Ein Posten wird davor Wache halten und nur diejenigen
+einlassen, die eine Karte vorzeigen, und eine solche Karte wird jedem
+während der Dauer des Ferienaufenthaltes nur zweimal gewährt werden.
+
+Das Rathaus wird am Lindenplatz liegen, dort, wo die große Linde mitten
+auf der Wiese steht. So oft auch die Dichter vom Platz unter der Linde und
+vom Tanz mit dem schönen Kinde und dem Traum im Abendwinde gesungen haben,
+mir ist die alte Weise nicht zu abgeleiert, ich will das fröhliche Glück
+vergangener Tage neu erstehen lassen.
+
+Am Lindenplatz, dem Rathaus gegenüber, soll die Lindenherberge liegen,
+unser größtes Gasthaus. Das Modell muß man in schönen deutschen Städten
+suchen, etwa in Rothenburg, Goslar, Wernigerode oder Hildesheim, und dann
+ist es für unsere Zwecke auszugestalten. Eine Bauernschenke denke ich mir,
+ein Herrenstübchen, einen Poetenwinkel mit Butzenscheiben, wo Lieder zur
+Laute gesungen werden. Öfter als einmal in der Woche darf sich niemand in
+einer der drei Stuben sehen lassen; denn dreimal in der Woche ins Gasthaus
+zu gehen, ist fürwahr genug für einen Kurgast. Es darf sich auch keiner
+einbilden, daß er etwa nur Bauer oder ein Herr oder nur Sänger zur Klampfe
+sei – er muß alles sein wollen und sein können, und wenn er dreimal in der
+Woche „ausgehen“ will, dann muß er eben jedesmal in eine andere Abteilung,
+und das Braunbier, das in der Bauernschenke ein biederer Wirt mit seiner
+Gattin ausschenkt, muß ihm ebenso munden wie der Wein, den ein schönes
+Mädchen im Poetenwinkel kredenzt.
+
+Ein Kaffeehaus werden wir auch haben; denn sonst bekämen wir keinen
+österreichischen Kurgast. In diesem Kaffeehaus wird alles zu haben sein,
+was ein Wiener Kaffeehaus auszeichnet, von der drangvollen Fülle bis zum
+Zigarettendampf, nur keine Zeitungen.
+
+Vielleicht wird mir mancher ob meiner großen Toleranz gegen Tabak und
+selbst gegen Alkohol zürnen, aber ich sorge dafür, daß alles im Lot
+bleibt.
+
+Da in den Wirtschaftsräumen umsonst nichts geschenkt wird, da aber auch
+keiner der Gäste einen Pfennig Geld in der Tasche hat, sind alle genötigt,
+ihre Zeche recht schön und breit an die schwarze Tafel ankreiden zu
+lassen, und das gibt nicht nur eine gute Selbstkontrolle, sondern
+garantiert auch eine gewisse öffentliche Aufsicht. Alle aber, denen der
+ärztliche Befund solche Genüsse verbietet, können sich unten am Fluß in
+der Fischerklause, dem zweiten Gasthaus, bei alkoholfreiem Getränk des
+Lebens freuen, und es stehen auch verschiedene Selter- und Milchhäuslein
+im Gelände, alle bedient von dazu verordneten Damen aus der
+Kurgesellschaft. Denn das ist eine wesentliche Seite meines
+Gesundungsheims, daß alle Kurgäste, soweit es ihr Zustand erlaubt und
+wünschenswert erscheinen läßt, arbeiten müssen. Aus faulem Nichtstun sproß
+noch in den allerseltensten Fällen ein Heil. Nein, es werden alle
+Mitglieder unserer Gemeinde tätig sein, und dadurch werden sich auch die
+Kosten vermindern, zu denen der einzelne beizutragen hat. Daß ein guter
+Bestand geübten Personals immer dasein muß, ist selbstverständlich. Aber
+wenn ich z. B. für den Poetenwinkel drei Kellnerinnen brauche, wird eine,
+die aufsichtführende und bestimmende, eine Berufskellnerin, die zwei
+Helferinnen werden Damen aus der Kurgesellschaft sein, und es wird mich
+gar nicht beirren, einer jungen Gräfin solchen Schankdienst auf eine Woche
+aufzuerlegen. Wem es nicht paßt, der geht! Wir werden alle unsere Gäste
+mit Liebe und Hochachtung behandeln, aber keinen umdienern und keinen
+anzulocken oder zu halten suchen. Wir werden mit dem Phlegma der Starken
+allen Widerständen begegnen.
+
+Jeder Kurgast wird sich wöchentlich mindestens einmal dem Arzt vorstellen
+und neben sonstiger Kurverordnung die Arbeit vorgeschrieben erhalten, die
+er in nächster Woche zu leisten hat. Die Verwaltung wird dem
+Ärztekollegium rechtzeitig etwa mitteilen: Wir brauchen für nächste Woche
+fünfundvierzig landwirtschaftliche Arbeiter und Arbeiterinnen, sechzehn
+Forstarbeiter, neun Gärtnergehilfen, vier Angler, zwei Jäger, neun
+Obstpflücker, vierzehn Erbsenleser, sechzehn Mann für Wegebesserung,
+sieben Viehhüter, ein Streichquartett, vierzehn Kellnerinnen und
+Milchverschleißerinnen, sechs Kegelaufsetzer, zehn Hilfskutscher, zwölf
+Wäschebleicherinnen, drei Nachtwächter, acht Frauen zum Spielen mit
+Kindern von vier Jahren aufwärts, _ad libitum_ Künstler und Artisten,
+Dichter, Rezitatoren, Musiker, Sänger, Schnellmaler, Turner,
+Zauberkünstler und ähnliches, 168 Küchengehilfen für je drei Stunden
+täglich, zwanzig Mann für Haushälterarbeiten (vier Stunden), fünf Boten
+(Radler), einen Mann für die Festrede am Sonntag, dazu einen gemischten
+Festchorus von beliebiger Stärke, zwei Laternenanzünder, zehn Frauen oder
+Männer für die Vorbereitung des nächsten Waldfestes, zehn
+Hilfsbriefträger, zwanzig Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen für die
+Anlegung und Bepflanzung des neuen Philosophenplatzes, sechs Damen, die
+das Kühemelken und Käsebereiten erlernen wollen, einen Vorsitzenden und
+vier Beisitzer (zwei männliche und zwei weibliche) für unser privates
+Friedensgericht.
+
+Solches etwa wird die Kurverwaltung beantragen. Was davon in Erfüllung
+geht, hängt natürlich nicht von den Bedürfnissen der Kurverwaltung,
+sondern von dem Befund des Ärztekollegiums ab, und der schönste Erfolg
+wird es sein, wenn alle Aufgaben durch freiwillige Meldung der Feriengäste
+gedeckt werden. Daß die Arbeit immer nur im Rahmen der eigentlichen Kur,
+immer nur stundenweise geleistet werden darf, ist selbstverständlich. Das
+Ferienheim ist ein Arbeitshaus idealster Art, es macht die Arbeit zur Lust
+und Quelle der Genesung und würgt den alten Drachen ab, dessen Pestatem
+die Welt vergiftet: daß körperliche Arbeit das Mal der Minderwertigkeit
+trage. Das Ferienheim wird das Gegenteil lehren und beweisen, indem es
+gerade durch körperliche Tätigkeit gesunde, glückliche Menschen schafft.
+So wird alle Verwaltungs- und Büroarbeit als viel zu anstrengend unseren
+Gästen niemals zugemutet werden. Aber mit den Muskeln arbeiten, tätig
+sein, sichtbare Werte mit seinen zehn Fingern schaffen sollen alle, und
+selbst den Faulenzern und Drohnen des Lebens, die vielleicht nur durch die
+Romantik des Heims, durch die Neugier angelockt werden, soll, wenn sie
+guten Willens sind, ein besseres Bild der Menschenfreude ins Herz geprägt
+werden.
+
+Hinter dem Rathause, von ihm durch einen kleinen Schlag schöner Tannen
+getrennt, beginnt die Bäderstraße. Es werden da in gesonderten Häusern die
+Wannen- und Schwimmbäder, die elektrischen und die Dampfbäder
+eingerichtet; an sie reihen sich in dichtem Kiefernwald die Luft- und
+Sonnenbäder und die Planschwiesen.
+
+Parallel mit der Bäderstraße geht der „Stille Weg“. Es stehen da
+freundliche Häuslein für solche Gäste, die einer größeren ärztlichen
+Beaufsichtigung und vermehrter Pflege bedürfen, die ihnen von
+Berufspflegerinnen zuteil wird. Alle anderen Gäste wohnen „draußen“. Es
+wird nicht zuviel auf Pülverlein und übermäßiges Wassergepansch, auch
+nicht arg viel auf Hantelturnen und Massage gegeben werden, sondern auf
+tüchtige körperliche Arbeit und frohen Sinn. Daher werden die meisten
+Kurgäste in Bauernwirtschaften wohnen. Wenn wir von diesem Riesengelände
+nur zwei Dritteile zur Feldbebauung anwenden, können wir sechzig große
+Bauernwirtschaften zu je hundert Morgen Land einrichten; auf jeder
+Besitzung können vier Pferde, dreißig Stück Rindvieh, Hühner, Gänse,
+Enten, Tauben, Kaninchen, Hunde, Katzen, Bienen sein, und alle diese Tiere
+sollen von den Feriengästen gepflegt werden, immer unter Leitung
+sachverständiger Personen. Denn der Herr und König des ganzen Hofes wird
+der Bauer sein. Möge es uns gelingen, tüchtige Bauern zu finden, die nicht
+nur den Pflug zu führen wissen, sondern die kernige Menschen sind voll
+Biederkeit und froher Laune, derber Herzlichkeit und aufrechten Sinnes.
+Wer nicht anderweitig abkommandiert ist, arbeitet auf dem Hofe, wo er
+wohnt, nach Anweisung des Bauern oder der Bäuerin, immer nur pflichtmäßig
+zwei bis vier Stunden am Tage. Wer etwas darüber tun will und darf, soll
+es tun.
+
+Oh, wie werden die Leute am „Stillen Weg“, die ihr Zustand vom Glück der
+Arbeit ausschließt, sich sehnen, „hinaus“zuziehen in die gesunde, frische,
+befreiende Tätigkeit; wie glücklich werden sie sein, wenn ihnen der Arzt
+eines Tages sagt: Mein Lieber, du bist nun so weit, als schwacher
+Hilfskämpe mitzutun, darfst auf einen Bauernhof, darfst zunächst mal die
+Tauben füttern, den Hühnerstall nach Eiern absuchen und den Hund prügeln,
+wenn er eine Wurst gestohlen hat, und wenn auch das zu schwer ist,
+aufpassen, ob in den Nistkästen Sperlinge oder Stare wohnen.
+
+ *
+
+An die Bauernhöfe knüpfe ich meine größte Hoffnung. Ich möchte die in
+glitzernde, entnervende Ferne Gewanderten zum Erdduft und zur Einfachheit
+wenigstens in Ferienwochen heimführen. Es soll und es muß gelingen. Alle,
+die einmal Ferien vom Ich machen, die als neue, als ganz andere Menschen,
+losgelöst von allem, was sie drückte und knickte, auf einige selige Wochen
+zum Ausgangspunkte, zum Mutterschoß unseres Kulturlebens zurückkehrten,
+zum Bauern-, Hirten- und Fischerleben – sie müssen mit gesünderem Herzblut
+in ihr Leben zurückkehren, sie müssen mehr gewinnen als durch
+Mineralwasser und Bäderzerstreuung.
+
+Die Hirten, Fischer und Jäger vergesse ich neben den Bauern nicht. Wenn da
+einer kommt, der vor dem Revolver stand, weil er überreizt war, der soll
+oben an der Ginsterheide die Kühe hüten. Den ganzen Tag wird er aufmerksam
+sein müssen, daß die Bullen sich nicht bekämpfen und daß glücksduselige
+Muttertiere mit ihren mutwilligen Kälbern nicht den nahen Klee
+zerstampfen, und abends wird der Mann einsam vor einem wohlig
+ausgestatteten Hirtenhäuslein sitzen, die wiederkäuenden Tiere werden um
+ihn sein, und die Sterne werden über ihm wandern und ewige Worte zu ihm
+reden; es wird aus Verlassenheit und Gram ganz mählich Ruhe und Frieden
+werden, und in den Menschenhaß wird sich die Sehnsucht einschleichen:
+„Nächsten Sonnabend, wenn ich Urlaub habe, gehe ich in die Lindenherberge
+und sehe lustigen Menschen zu!“
+
+Oh, wie ich nach guten Bauern, so werde ich nach guten Ärzten suchen
+müssen. Nicht ihr ärztliches Wissen ist für mich in der Hauptsache
+maßgebend. Ob sie gute Psychologen, ob sie tiefe Menschenfreunde sind,
+danach werde ich fragen. Die Jäger – ach, die Jäger, wird es wohl heißen,
+sind sowieso gesund. Die zu uns kommen, sind es nicht. Nur die
+Stubenhocker werde ich auf die Pürsche schicken und nur die Zappeligen und
+Unruhigen auf den Rehbock mit dem bestimmten Geheiß, einen zu erlegen. Wie
+sie da ruhig sitzen werden, heute drei, morgen fünf Stunden lang. Immer
+vergebens. Und die Mücken werden stechen, und der Tau wird fallen. Und sie
+werden nicht schimpfen dürfen, wie sie es sonst tun.
+
+So auch mit den Fischern. Die Aufgeregten werden so lange angeln, bis sie
+befriedigende Beute bringen. Wessen Aufmerksamkeit wochenlang auf eine
+Federspule gerichtet gewesen ist, der hat sich ausgeruht und singt abends
+im Poetenwinkel sein Lied als einer der Andächtigsten der Lebensfreude.
+
+Bauernhäuser, Fischerhütten, Jäger- und Hirtenhäuslein, das werden in der
+Hauptsache die Wohnstätten meines Ferienheims sein. Das ist eigentlich
+mein ganzes Programm. Ich kann es keiner hochmögenden Kommission
+einreichen, aber eben darum hoffe ich, daß es gut ist. Im übrigen bekenne
+ich frei, daß ich mich auf Architektenkunststücke nicht verstehe.
+
+Ich habe trotzdem auf einer großen Karte unser ganzes Gelände
+aufgezeichnet und überall vermerkt, wo ein Bauernhof stehen soll, auch die
+Grenzen seines Bezirks bestimmt; ich habe die Hirtenhäuslein, die
+Milchstuben, die Fischerbuden angegeben, und zwischen all dem Hin und Her
+führen Stege und Landstraßen, alle krumm und winkelig, aber angemessen
+dem, was an Hebung und Senkung des Terrains und was an Baumschlägen,
+Hecken, Bächlein, Wald und Wiesenland da ist. Eine Umwallung werden wir
+kaum brauchen, das Plateau hebt sich gen Waltersburg natürlich ab, nur an
+der einen Stelle, wo das Gelände nach der Stadt eben übergeht, wollen wir
+eine Mauer und eine Pforte errichten. Neben der Pforte soll unser
+„Zeughaus“ stehen. Dort wird der Ankömmling, der sich entschlossen hat,
+unsere Ferien zu üben, in seiner Zivilkleidung hineingehen, Kleider, Uhr,
+Geld, alles, was er bei sich trägt, auch seinen Namen, ablegen, als neuer
+Mensch, neugekleideter Feriengast ein neues Leben beginnen.
+
+Das ist mein Plan. Ich weiß nicht, ob er so ausgeführt werden kann, ich
+weiß nur, daß er so ausgeführt werden sollte.
+
+
+
+
+
+ DAS KIND
+
+
+Mitten in der Arbeit taucht viel öfter, als mir lieb ist, das Bild der
+kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das
+Kind im Hotel fand, war es ganz verängstigt, zitterte und weinte. Auf alle
+Fragen sagte es immer nur: „Ich will heim!“ Zu den Schindern ins Elend
+wollte es zurück, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir
+fürchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie
+sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich.
+Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Prügel bekommen. Ich
+sagte freundlich zu ihr:
+
+„Luise, fürchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich
+bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel.“
+
+Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm
+erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter
+oder eine Großmutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es
+war auch besser; denn ich hätte ihr sagen müssen: „Nein, das hast du alles
+nicht; du hast nur einen Onkel.“ Während ich mir noch vergeblich Mühe gab,
+ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit
+einem Diener, der ein großes Paket schleppte. Das Paket legte der
+Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte:
+
+„So, da habe ich dir ein bißchen Spielkram gekauft!“ Es war eine kleine
+Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege,
+Hampelmänner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und
+viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr
+ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Händchen, tastete
+schüchtern nach einer Puppe, zuckte aber zurück. Da fuhr sie Stefenson an:
+„Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das mußt du
+nehmen. Damit mußt du spielen, sonst setzt es was ab!“
+
+Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing
+gehorsam an zu spielen. Nach fünf Minuten kam ein leises Lachen, das
+Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim
+ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Züge, sah in Joachims Augen. Ich
+erinnere mich nicht, je ein kleines Mädchen gesehen zu haben, das so
+auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder ähnlich
+ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am
+fünften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte:
+
+„Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel wären, ob ich
+vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das fällt mir gar nicht
+ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn
+gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden.“
+
+Ich wußte schon, daß Luise in großer Liebe und Dankbarkeit an Stefenson
+hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Fürsorge tat
+ihr wohl.
+
+So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thüringen fahren und
+wir nach Waltersburg zurückkehren mußten, schmerzlich für das Kind. Nur
+der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise
+inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte.
+
+Als wir im Eisenbahnwagen saßen, sagte Stefenson: „Die Gefühlsduselei mit
+dem Kinde hört nun auf. Dazu haben wir keine Zeit.“
+
+Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter
+mit fragenden Augen entgegen.
+
+„Ich habe das Kind in saubere Verhältnisse gebracht“, sagte ich ihr und
+ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzählte
+nichts. Wir fühlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns
+aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben,
+es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen
+erzählte, dessen Schicksal mich nichts angehe.
+
+ *
+
+Die Zeichnungen, der Aufbau meines großen Ferienheims nahmen mich fortan
+ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glückstage, Tage voll
+Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefühl. Und doch stahl sich Luises Bild bei
+Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei
+verlorenen Arbeitstagen läge nicht viel, Stefenson säße sicher weit unten
+in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwägungen saß ich in
+einem Schnellzuge nach Thüringen.
+
+Ich hatte die Freude, daß mir Luise vertrauensvoll und dankbar
+entgegenkam, und daß sie sich schüchtern an mich schmiegte, als ich sie
+auf die Stirn küßte.
+
+Die würdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze
+Zeit, als daß das Kind sich schon in ihm völlig fremde Kultur ganz hätte
+fügen können; aber Luise zeige so gute körperliche und geistige Anlagen,
+daß sie hoffe, das Kind würde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt
+lag an der Promenade der hübschen thüringischen Stadt. Als ich das Haus
+verließ, saß gegenüber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es
+blieb mir gar keine Zeit, mich groß zu erstaunen, sondern er trat mir
+gleich entgegen und sagte mürrisch:
+
+„Ich finde das sehr merkwürdig von Ihnen, daß Sie auch jetzt noch Zeit zu
+solchen Exkursionen haben.“ „Ach, Mister Stefenson“, entgegnete ich
+heiter, „ich dachte, Sie wären Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach
+Sizilien.“
+
+„Sticheln Sie nicht“, entgegnete er finster; „ich bin nicht nach Sizilien
+gefahren zum Amüsement oder um einem kleinen Gänschen nachzureisen,
+sondern um in aller Ruhe die Pläne für unser Ferienheim machen zu können.
+Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plänen, die ich gemacht habe,
+weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt
+und den dritten in Luzern überhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte
+ich doch gehofft, Sie würden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu
+bleiben und zu arbeiten.“
+
+„Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig.“
+
+„Ah – das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?“
+
+„Was er kostet, wie er balanciert, weiß ich nicht. Das ist nicht meine
+Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofür sind Sie da?“
+
+„Fürs Geldgeben!“
+
+Er schüttelte melancholisch den Kopf.
+
+„Ihr Plan ist unrentabel“, sagte er düster.
+
+„Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzählen. Ein
+Schlächter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer
+führte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte
+der Schlächter: ‚Aber Mensch, wie kann ich Ihnen für ein so elendes Tier
+so viel Geld geben, wie Sie verlangen?‘ – ‚Sachte‘, sagte der Bauer, ‚das
+hier ist nur der Rübenraum, die Kuh steht erst hinter der nächsten Tür.‘“
+
+„Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?“ grollte Stefenson.
+
+„Fahren wir erst nach Hause“, entgegnete ich. „Und vorher können Sie ja
+mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus.“
+
+„Das fällt mir nicht ein“, sagte Stefenson kalt. „Ich hasse diese deutsche
+Sentimentalität.“
+
+So fuhren wir nach Hause. Ich übergab Stefenson meine Zeichnungen und
+schriftlichen Ausführungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer
+noch in einem Hotel wohnte. Nach fünf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es
+hieß, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich
+darüber nach, wohin Stefenson wohl sein könne. Dann telegraphierte ich an
+die Vorsteherin des Instituts in Thüringen:
+
+„Ist Mister Stefenson noch dort?“
+
+Am Abend kam die Antwort:
+
+„Stefenson war hier, ist aber eben zurückgereist.“
+
+Darauf machte ich mir das Vergnügen, zum Neustädter Bahnhof zu gehen und
+den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, daß er Herrn Stefenson
+mitführen würde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch
+festgestellt.
+
+Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm plötzlich entgegen,
+und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn plötzlich auf der
+Promenadenbank in Thüringen traf.
+
+„Guten Abend, Mister Stefenson“, sagte ich, „wie geht es der kleinen
+Luise?“
+
+„Wieso – wieso – Luise – was geht mich das Gänschen an?“ versuchte er sich
+herauszulügen.
+
+Ich blickte ihn freundlich an und sagte:
+
+„Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, daß Sie
+dort waren.“
+
+Da hustete er.
+
+„Wissen Sie was“, sagte er zornig, „es ist nicht schön, daß Sie mir
+nachspionieren. Was geht mich das Gänschen an? Aber da Sie schon mal so
+ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann für diese Schwäche nichts.
+Meine Mutter war eine Deutsche.“
+
+
+
+
+
+ VORARBEITEN
+
+
+Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein
+Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, daß ich
+ein Tagebuch führe und darin manches über den Ausbau unseres Ferienheims,
+aber auch über seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit
+quälte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektüre zu überlassen. Er war
+neugierig wie ein Backfisch, und es nützten mich alle Versuche nichts, ihm
+klarzumachen, daß es – gelinde gesagt – sehr indiskret sei, Einblick in
+ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die
+Aufzeichnungen in Händen hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches
+Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.
+
+Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurück und sagte, indem er
+ein sauersüßes Lächeln zwischen seinen dünnen Lippen zerquetschte: „Sie
+haben mich sehr schlecht charakterisiert.“
+
+„Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des
+Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen.“
+
+Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch
+nichts, und ging wieder nach seinem „Büro“. Dieses besteht aus einer
+Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstühle, ein
+Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausrüstung bilden. Der
+Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Pläne
+unserer Ferienhäuser, sind Aktenstöße, stehen Modelle. In einem Nebenraume
+klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal,
+Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schönste Musik.
+
+In dem Büro sind unsere Beratungen. Dorthin müssen Architekten,
+Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende
+zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den
+Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschließen oder mir doch eine rein
+zuhörende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine
+vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut
+für Engros-Schweineschlächterei, aber nicht für mein romantisches
+Ferienheim eignen möge, wurde er immer stiller und ließ mich nach und nach
+mit den Architekten selbständig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte
+er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von
+morgens fünf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermüdung zu zeigen.
+Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit
+entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt für
+Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das
+Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng
+verpönt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern
+planmäßige, geordnete Arbeit wird geleistet, Für und Wider werden kurz
+beleuchtet, Nebensächlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der
+Beschluß knapp und fast immer schriftlich gefaßt; dann wird aber auch im
+Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder
+zurückgegriffen. So wußte man am Schluß solcher Verhandlungen immer: das
+stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muß es
+ausgeführt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur,
+und etwas schwärmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken
+durcheinander purzeln, können viel von solchem Manne lernen. Nur darf
+Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge
+lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen
+die reinsten Antipoden; aber ich schätze es als Glück, mit einem so klaren
+Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn über
+seine Kaltschnäuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben
+Händel miteinander – je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn
+ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein größeres Unglück
+auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden,
+und kaum einen größeren Vorteil, als einen klugen Freund.
+
+ *
+
+Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger
+ungefähr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hört. Die Leute
+wunderten sich rasend. Sie steckten die Köpfe zusammen, redeten viel auf
+den Bierbänken und kamen doch, da sie immer nur Gerüchtsbrocken sammeln
+konnten, zu keinem klaren Bilde.
+
+Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geäußert
+hat: es scheine sich um eine Art Verrücktenanstalt im großen zu handeln;
+den nötigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu
+haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat
+an Tollheit ergänzt.
+
+Günstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu
+dem neidischen und verärgerten Gefühl, das einem unerwarteten Werk vom
+lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer
+Verdruß. Stefenson hatte erklärt, daß er eine ganz neue Gemeinde begründen
+werde mit einem eigenen Bürgermeister und einer Verwaltung, die alles im
+Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.
+
+Darüber waren die Waltersburger wütend. Nachdem ihnen schon die Neustädter
+untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig über den Kopf gewachsen
+waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden
+abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs
+verkürzte und die eigene Stadt in immer kümmerlichere Unberühmtheit
+drängte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmäßigen Anlagen, die
+sich ärgert, wenn ihre Töchter in der Gesellschaft Glück haben.
+
+Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild,
+das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begüterter Graf, der ehemals hier
+residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit
+des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht für die Waltersburger, die das
+Gemälde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, „das
+Färberchen“, hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stücken viel
+Mittelmäßiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein großes neues
+Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr
+Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttäuschung war
+groß; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem
+Handbuche überhaupt nicht erwähnt. Der Schrei der Empörung, den damals der
+gebildete Teil der Stadt ausstieß, hat noch heute ein Echo in vielen
+Herzen.
+
+Für uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem
+Saale des größten Waltersburger Hotels, den „Drei Raben“. Er lud zu dieser
+„freien Zusammenkunft, in der er Aufschlüsse über seine Neugründung geben
+werde“, nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen,
+sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bäcker, wie alle anderen
+Handwerkszweige mit ihren Frauen. „Es muß wie bei der Arche Noahs sein“,
+sagte er gut gelaunt, „von jeder Art ein Pärchen.“ Der Erfolg war schwach.
+Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten
+unparteiischen Art, aber andere rümpften außerordentlich stark die Nasen,
+und als die Versammlung begann, zeigte es sich, daß fast gar keine Frauen
+da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrüstet
+erklärt, man könne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen,
+und fast alle anderen „Damen der Gesellschaft“ hatten sich dieser
+Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich
+„geniert“, zu kommen. Aber auch die Männer waren nur in schwacher Anzahl
+erschienen. Der Magistrat ließ sich durch einen Beisitzer vertreten. Am
+meisten freute es mich, daß der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum
+Leiter der Versammlung gewählt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die
+deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter
+ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, daß
+Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war,
+daß aber sein Großvater bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in Hamburg
+gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hieß. Stefenson hat rein deutsches
+Blut in sich.
+
+Der „Mister“ sprach. Er sagte, über die Idee seiner geplanten Kuranstalt
+wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhörtes, geniales Problem (dabei
+trat er mich grob auf den Fuß!), daß er es im Rahmen einer so kurzen
+Aussprache nicht erläutern könne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend
+günstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der
+Umgebung wesentlich übertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein
+Freund und ärztlicher Beirat sei ja, wie alle wüßten, ein Waltersburger
+Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelände für die Ausführung
+seiner Idee gewählt. Er gehöre zu den Leuten, die sich eher das eigene
+Hemd ausziehen, als daß sie zugeben, daß der Freund friere. (Frau
+Postschaffner Hempel verließ entrüstet das Lokal.) „Kommen Sie gut nach
+Hause, Frauchen!“ ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm.
+Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrüstung: „Das ist
+ja kolossal!“ und stampft seiner Ehehälfte nach.) „Also“, fährt Stefenson
+ruhig fort, „was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige
+nicht, eine neue politische Gemeinde zu gründen; ich werde meine Siedelung
+unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen.“
+(Freudige Verblüffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit
+den Fingern auf den Tisch.) „Ja“, geht Stefensons Rede weiter, „wir werden
+unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen
+‚Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich‘ geben, und der Schnickschnack vom
+sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst
+zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugründung. (Der Beisitzer
+springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und
+stürmt aus dem Saal.) Mitbürger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von
+den Damen ist nur noch die phlegmatische Gärtnersfrau Bächel anwesend.) Es
+macht mich glücklich, daß Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas
+Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, daß binnen zwei Jahren
+unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern
+tragen wird, so daß Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig
+Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo.
+Bäckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stürzen im
+Geschwindschritt von Siegesboten auf die Straße.) Ja, aber, meine sehr
+teuren Mitbürger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen müssen.
+(Kunstpause des Redners. Bedrücktes Schweigen der Zuhörer.) Wir haben
+nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir
+müssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muß alles fix und
+fertig sein. Sie werden begreifen, daß dafür ein Heer von Architekten,
+Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Töpfern, Tischlern,
+Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gärtnern und
+Hilfsarbeitern aller Art nötig sein wird, nicht zu rechnen die Legion
+derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern,
+Schuhen, Mützen und Wäsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbürger, Ihre ganze
+prächtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muß ich mobil machen,
+um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb
+verzehnfachen müssen ...“
+
+Der Redner hielt inne; denn die Zuhörerschaft keuchte zu laut. Die
+Erregung stieg aufs höchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin
+gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlußbemerkung: „Ich möchte mit
+Waltersburger Bürgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so
+wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt
+werden.“
+
+Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gärtnersfrau wappelte
+sich empor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
+
+Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.
+
+„Das ist gut!“ rief er; „das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!“
+
+„Hoch!“ schrien die paar Männlein, die noch da waren. Im selben Augenblick
+stürzte der Beisitzer in den Saal.
+
+„Der Herr Bürgermeister“, keuchte er, „der Herr Bürgermeister, der bis
+jetzt leider verhindert war, kommt selbst.“
+
+Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe,
+Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine
+halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren,
+auch der Bürgermeister, sagte er:
+
+„Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine
+Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.“
+
+Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer
+glänzenden Erfassung der Situation sagte:
+
+„Ich schließe die Sitzung!“
+
+
+
+
+
+ DIE „NEUSTÄDTER UMSCHAU“
+
+
+In Neustadt erscheint ein Blättchen, die „Neustädter Umschau“. Es kommt
+wöchentlich zweimal heraus in einem Umfang, daß eine einzige Nummer
+genügt, ein Butterbrot gut zu verpacken. Als der Verleger einen neuen
+Redakteur suchte, versprach er einen Monatsgehalt von sechzig Mark. Es
+meldeten sich drei Doktoren, sechs Referendare, zwanzig Studenten, sieben
+ehemalige Lehrer, ein „sehr gebildeter“ Schlossermeister, davongejagte
+Seminaristen, freie Schriftsteller und ein paar schwankende Gestalten. Der
+Verleger wählte von der ganzen Rotte den Unfähigsten, einen
+herabgekommenen, versoffenen Kerl, der aber _Doctor juris_ war, was in der
+„Umschau“ mit Fettdruck angezeigt wurde. Dieser Mensch macht die „Umschau“
+in der Art, daß er in seiner nüchternen Tagesstunde, die vormittags nach
+seinem jeweiligen Aufstehen liegt, im Lesesaal des Neustädter Kurhauses
+den Stoff für die nächste Nummer aus großstädtischen Zeitungen abschreibt.
+Einen lokalen Teil hat die „Umschau“ kaum; jedenfalls war er stets äußerst
+jämmerlich. Desto mehr fiel es auf, als das Blatt auf einmal recht flotte,
+wenn auch dreist geschriebene Artikel gegen unser Waltersburger Ferienheim
+brachte.
+
+Der erste Artikel beschäftigte sich mit mir. Es wurde darin ausgeführt,
+daß ich nach meiner Promovierung (die, wie man erfahre, nicht ohne gewisse
+Schwierigkeiten vor sich gegangen sei) eiligst das Vaterland verlassen
+habe, um auf allen Meeren und unter allen Breitengraden der leidenden
+Menschheit meine ärztliche Kunst angedeihen zu lassen. Das einzige Leiden,
+mit dem ich zu tun gehabt hätte, wäre die Seekrankheit gewesen, und da
+sich gegen diese bekanntlich überhaupt nichts tun lasse, so sei ich ja
+sicher ganz am Platze gewesen. Mein Geist habe so ungeheuer viel Zeit zum
+Ausruhen gehabt, daß ich (wahrscheinlich unter dem verheerenden Einfluß
+der Tropensonne) auf die Idee meiner Anstalt „Ferien vom Ich“ gekommen
+sei. Neustadt solle jubeln und mir eine Dankadresse schicken, mir auch
+sonst alle mögliche Förderung angedeihen lassen; denn das moderne Weltbad
+spare sich durch meine Anstalt ein Hanswursttheater, und es wäre nur zu
+bedauern, wenn sich die Neugründung nicht bis zum nächsten Fasching
+hielte. In dem jederzeit reichhaltigen Vergnügungsprogramm von Neustadt
+würde es sich jedenfalls ganz gut ausnehmen, wenn es um die Faschingszeit
+hieße: Morgen Besichtigung der Waltersburger Kuranstalt „Ferien vom Ich“.
+Ängstliche seien versichert, daß ein Ausbruch von Irrsinn nicht zu
+befürchten ist, da sich dieser in der Waltersburger Anstalt nur ganz
+harmlos und kindlich äußere.
+
+ *
+
+Das war der Begrüßungsartikel, der meiner Gründung von dem
+freundnachbarlichen Neustadt zuteil wurde. Stefenson brachte ihn mir
+persönlich. Er beobachtete mich, als ich ihn las.
+
+„Niedlich!“ sagte ich; „ich hätte das den Kerlen gar nicht zugetraut.“
+
+„Na, sehen Sie“, atmete Stefenson auf, „es freut mich, daß Sie nicht
+entrüstet sind oder diesen braven Zeilenschinder etwa gar verklagen
+wollen. Der Artikel ist wirklich nett.“
+
+Eine der nächsten Nummern der „Umschau“ beschäftigte sich mit Mister
+Stefenson. Es hieß darin, nach authentischen Auskünften aus Amerika sei
+Mister Stefenson, der bekanntlich das Waltersburger
+Kuranstalts-Unternehmen finanziere, einer der merkwürdigsten
+Geschäftsleute aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Seine
+geschäftliche Laufbahn habe Stefenson als Küchenboy in einem Hotel vierten
+Grades begonnen. Als aber der einzige silberne Löffel, über den jenes
+Hotel verfügte, eines Tages verschwand und ganz zufällig in der
+Pappschachtel, die des jungen Stefenson Kleiderschrank darstellte,
+aufgefunden wurde, wohin er auf eine Herrn Stefenson auch jetzt noch ganz
+unerklärliche Art gekommen wäre, sei der vielversprechende junge Mann nach
+Texas ausgewandert. Aber auch dort sei er vom Unglück verfolgt worden.
+Denn obwohl der Strick, an den die Bewohner einer Farm den Jüngling wegen
+angeblichen Pferdediebstahls hingen, riß und also gewissermaßen ein
+Zeichen vom Himmel für die Unschuld des Gerichteten vorlag, hätten die
+barbarischen Urwaldsgesellen den Gast aus dem Norden so fürchterlich
+geprügelt, daß Stefenson zwei künstliche Rippen als Andenken an jenes
+Abenteuer behalten habe. Das weitere Leben des Mannes, den die
+Waltersburger im Begriff ständen, zu ihrem Ehrenbürger zu machen, sei
+ebenfalls recht bewegt und reich an Zwischenfällen gewesen. Stefenson sei
+einmal als Kutscher bei einem großen Petroleumtransport engagiert gewesen.
+Dieser Transport sei von Indianern überfallen, die ganze Begleitmannschaft
+tot- und sämtliche Petroleumfässer entzweigeschlagen worden. Nur Stefenson
+sei am Leben geblieben, da er so vorsichtig war, bei der herannahenden
+Gefahr als erster zu fliehen. Es habe sich nun so gefügt, daß Stefenson am
+nächsten Tage zwei abenteuernde, reiche, aber recht dumme Kerls in einer
+benachbarten Stadt getroffen und diese vertraulich auf ein Gelände
+aufmerksam gemacht habe, wo ohne Zweifel starke Petroleumquellen vorhanden
+seien. Diese beiden Burschen habe Stefenson, nachdem er die Spuren des
+Überfalls gründlich beseitigt hatte, auf das Gelände geführt, allwo noch
+ein penetranter Petroleumgeruch war, und die beiden Gimpelchen hätten sich
+bereit erklärt, an Stefenson zunächst mal fünfhundert Pfund zu zahlen,
+damit er alles Nötige für die Erschließung der Quellen in die Wege leite.
+Als sich aber Stefenson die Sache weiter bei sich selbst überlegt habe,
+hätte er sich gesagt, wenn er ehrlich sein wolle, müsse er an der
+Ergiebigkeit des Unternehmens zweifeln, er wolle also seinen Geldgebern
+lieber weitere unnötige Kosten ersparen und, ohne sich erst durch „Good
+bye“ und andere Abschiedsförmlichkeiten aufzuhalten, sofort nach Chikago
+verschwinden.
+
+Die fünfhundert Pfund (das seien nach deutschem Gelde zehntausend Mark),
+die Stefenson mitgenommen habe, hätten die Basis für seine weiteren
+geschäftlichen Unternehmungen gebildet, für Unternehmungen, die nicht
+weniger originell als die Petroleumgeschichte gewesen seien. So sei
+Stefenson nach und nach zu einem gewissen Vermögen gekommen. Da aber die
+engherzigen amerikanischen Richter öfters an Herrn Stefensons
+Geschäftsusancen Anstoß genommen und es dem sonst ganz anspruchslosen
+Manne trotz der geradezu luxuriösen Ausstattung der amerikanischen
+Gefängnisse in diesen gar nicht gefallen habe, so sei er auf den Einfall
+gekommen, sein Wirkungsfeld vorübergehend mal nach Deutschland zu
+verlegen, und seine Wahl sei auf Waltersburg gefallen, die Stadt, die das
+weiße Lamm im grünen Felde in ihrem Wappen führe.
+
+Als ich diesen Artikel gelesen hatte, geriet ich in große Aufregung.
+Stefenson verstand mich nicht.
+
+„Es ist wahr“, sagte er; „der Artikel könnte farbenreicher gehalten sein,
+die Geschehnisse sind etwas nüchtern gegeben, aber, mein Lieber, der
+heutige Geschmack verpönt das Allzukrasse. Ich finde den Artikel
+ausgezeichnet, viel, viel besser als den, der neulich über Sie in dieser
+Zeitung stand.“
+
+„Stefenson!“ schrie ich ihn an; „sehen Sie denn nicht ein, daß uns dieser
+Zeilenschmierer, dieser Süffling unmöglich macht? Jetzt bleibt nicht
+anderes mehr übrig, jetzt müssen Sie den Mann verklagen.“
+
+„Ja, glauben Sie, daß ich toll bin?“ entgegnete Stefenson. Ich erzählte
+ihm, was schon der Artikel über mich für allerhand Unheil angerichtet
+habe. Nicht bloß, daß sich meine Mutter fast die Augen aus dem Kopfe
+geweint habe, ich hätte gehört, wie die Leute hinter mir zischelten.
+„Stefenson, unseren guten Ruf müssen wir behalten, sonst sind wir
+ruiniert.“
+
+„Guten Ruf?“ verwunderte er sich. „Wie kann man seinen guten Ruf behalten,
+wenn man Geschäfte macht? Das ist doch unmöglich. Er wird einem doch
+selbstverständlich kaputt gemacht. Wenigstens äußerlich – in der
+gegnerischen Presse – das ist ja unausbleiblich. Darüber regt man sich
+doch nicht auf!“
+
+Ein Brüllen tönte von der Straße herauf.
+
+„Der Pferdedieb! – Der Löffelstehler! – Der Petroleumstänker! Raus, raus!“
+
+Stefenson lugte durch die Gardine.
+
+„Sechs oder sieben junge Burschen. Sie benehmen sich ganz weltstädtisch.
+Petroleumstänker ist bei der Kürze der Zeit schon ein ganz gut geprägter
+Zuruf!“
+
+„Stefenson, es geht nicht – Sie werden sehen, es geht bei uns nicht. Sie
+sind hier nicht in Amerika. Die ganze Stadt wird uns boykottieren.“
+
+„Desto besser.“
+
+„Die Geschäftsleute werden nicht mehr liefern.“
+
+„Gegen bar werden sie bestimmt liefern.“
+
+„Nein, unser ganzes Unternehmen wird scheitern, wenn Sie den infamen
+Artikel nicht Zeile für Zeile in öffentlichem Gerichtsverfahren als Lüge
+brandmarken.“
+
+„Das soll mir gewiß nicht einfallen“, lachte er.
+
+Es war in meiner Wohnung am Johannisplatz, wo diese Unterredung stattfand.
+Das Lärmen auf der Straße wurde indes lauter, die demonstrierende Schar
+wurde größer. Da verließ mich Stefenson. Den Kopf mit seinem grauen
+Zylinderhut bedeckt, schritt er seelenruhig durch die Menge. Diese schwieg
+betroffen und gab eine Gasse frei, dann lärmten die Leute hinter Stefenson
+her. Ich war so verbittert, daß ich wohl eine Stunde lang planlos vor der
+Stadt am Bache hin und her ging, ehe ich Stefensons Büro aufsuchte.
+
+„Wissen Sie, was unser erster Architekt gemacht hat?“ fragte er gleich bei
+meinem Eintritt. „Seinen Kontrakt mit mir hat er gelöst. Der Esel! Mir hat
+er einen großen Gefallen getan; denn ich weiß einen tüchtigeren und
+billigeren Mann, als er ist, und bin froh, daß ich ihn loswurde. Glück muß
+man haben!“ Er rieb sich die Hände.
+
+„Mister Stefenson“, sagte ich ernst; „wir werden wohl unsere Kontrakte
+alle lösen müssen. Denn obwohl ich natürlich von dem Schundartikel eines
+verkommenen Subjekts nicht ein Wort glaube, so sehe ich doch ganz klar,
+daß unsere Situation hier unhaltbar wird, wenn Sie sich nicht von dem
+Schmutz, der auf Sie geworfen wurde, reinigen. Wir vermögen nicht ohne die
+Achtung unserer Mitbürger zu bestehen. Wir werden unmöglich!“
+
+Stefenson ging mit großen Schritten auf und ab. Er kaute an seiner
+pechschwarzen Zigarre. Ganz milde sagte er dann:
+
+„Ja, sehen Sie, lieber Freund, Ihr Volk in Ehren – meine Mutter war ja
+auch ’ne Deutsche ...“
+
+„Und Ihr Großvater väterlicherseits war Georg Stefan aus Hamburg“, wollte
+ich dazwischenwerfen, verschluckte es aber.
+
+„Ja, also die Deutschen“, fuhr Stefenson fort, „bilden sich was ein auf
+den Humor, den sie haben, und den andere, z. B. die romanischen Völker,
+gar nicht haben. Schön – ich gebe zu, Sie haben Dichter, die
+ausgezeichneten Humor haben, und auch deutsche Geisteszivilisten sind
+vielfach mit einer beträchtlichen Dosis von Humor begabt. Aber das ist
+alles so – entschuldigen Sie – so sparsam, so auf Kleinbetrieb, auf
+Hausbedarf berechnet. Der Humor, der ins Große geht, der fehlt Ihren
+Leuten. Himmel, ist das nicht grandioser Humor, wenn ein anständiger Mann
+sein Geld und seine Zeit auf eine große, aber sehr wackelige Sache setzt,
+und es kommt so ’n Preßäffchen und kläfft was von Pferdedieb und
+Petroleumstänker? Das nenne ich Humor. Das liest sich doch nett. Da hat
+doch der Abonnent was von seinem Blatt. An die Geschichte glauben? Wenn
+der Leser nur ein bißchen Hirnschmalz hat, fällt’s ihm nicht ein, ein Wort
+zu glauben. Aber er tut so, als ob er’s glaubte, er mimt mit in der
+Maskerade und amüsiert sich dabei königlich. Und der, dem der Feldzug
+gilt, wird ein bekannter, ein berühmter, ein reicher Mann. So sind alle
+zufrieden: die Zeitung, die den Schwindel aufgebracht hat, die Leser, die
+eine amüsante Frühstückslektüre gehabt haben, und der Mann, der
+angegriffen worden ist und seinen Profit hat. Ich sage Ihnen, in Amerika
+ist es leichter, zehn Verbrechen wirklich zu begehen als eines zu
+erfinden, das originell genug ist, einem Manne der Öffentlichkeit
+angehangen zu werden. Und auch in Amerika lebt trotzdem jeder nur auf dem
+Grunde des Vertrauens seiner Mitbürger. Aber der Humor, Mensch, der Humor
+darf nicht fehlen!“
+
+„Wir in Deutschland haben einen anderen Humor“, sagte ich und war froh,
+daß es so ist.
+
+Da kam einer unserer Bauführer und meldete kleinlaut, daß wahrscheinlich
+fast alle unsere Arbeiter kündigen würden. Als er gegangen war, saß
+Stefenson gesenkten Hauptes am Tisch.
+
+„Werden Sie nun begreifen“, fragte ich, „daß Sie die gerichtliche Klage
+anstrengen _müssen_, daß es absolut Zwang für uns ist?“
+
+„Ich kann die Leute nicht verklagen“, sagte Stefenson schwermütig.
+
+„Sie können nicht?“ fragte ich betroffen. „Warum können Sie nicht?“
+
+„Weil ich den Artikel über Sie und über mich selbst geschrieben habe.“
+
+Ich sprang auf. Stefenson winkte sacht mit der Hand.
+
+„Ja, sehen Sie, das ist so gekommen: Ich dachte, wenn ich die Artikel in
+das Neustädter Blatt lanciere, gibt es Aufsehen in der Gegend. Und es ist
+billig. Mit hundert Mark war der Redakteur zufrieden, mit dreihundert der
+Verleger, so daß sie mir die Erlaubnis gaben, mich und meine Sache in
+ihrem Blatte recht kräftig zu beschimpfen. Na, ich wollte die Geschichte
+so durch zwei, drei Wochen fortsetzen, dann wollte ich das Waltersburger
+Stadtblatt ebenfalls gewinnen und darin Artikel gegen die Neustädter
+„Umschau“ loslassen. Das sollte so hübsch hinüber und herüber gehen, bis
+zuerst die Provinz- und dann die hauptstädtische Presse davon Notiz nahm
+und im bunten Teil Auszüge brächte, etwa unter der Überschrift: ‚Der Sturm
+im Wasserglase‘ oder ‚Krieg der Zaunkönige‘ oder ‚Ein Mordsskandal in
+Dingsda‘ oder so ähnlich. Da hätte nun das große Publikum auf einmal etwas
+von uns gehört, hätte die bittere Pille unserer Idee in der Verzuckerung
+sensationellen Humors geschluckt, und überall hätte man von uns und
+unserer originellen Kuranstalt gesprochen, und wir wären durchgewesen.
+Diese ganze schöne Propagandaidee hätte mich etwa lumpige tausend Mark
+gekostet, und nun fällt sie durch die Humorlosigkeit dieser Leute
+zusammen.“
+
+Ich kam aus der Verblüffung zuerst nicht heraus. Dann aber begriff ich,
+was zu tun sei.
+
+Es stellte sich heraus, daß Stefenson nach seiner Art mit dem schmierigen
+Zeitungsleiter von Neustadt alles schriftlich vereinbart hatte, daß also
+Beleg- und Beweismaterial da war. Das freute mich, und ich entwarf in Eile
+einen kurzen Artikel für unser „Waltersburger Tageblatt“. Er lautete:
+
+„Einen fürchterlichen Reinfall haben die Neustädter erlebt. Ihre
+weitverbreitete ‚Umschau‘ hat ihren sieben Lesern (bitte! sieben ist kein
+Druckfehler) Schauermären über die Unternehmer der in Waltersburg zu
+begründenden großen Kuranstalt aufgebunden, Geschichten von geradezu
+grotesker Dummheit. Während das gebildete Waltersburger Publikum diese
+klatschfetten Zeitungsenten als solche natürlich sofort erkannt hat,
+sollen sie gewissen Neustädter Kreisen über die Maßen gemundet haben. Denn
+der Haß gegen das aufblühende Waltersburg ist zu groß, als daß nicht auch
+die eselhafteste Lüge, wenn sie nur gegen die Nachbargemeinde gerichtet
+ist, in Neustadt Glauben fände. Wie schwer der Reinfall ist, möge
+folgender Aufschluß bekunden: Mister Stefenson hat der von ihm
+hochgeachteten Gemeinde Waltersburg, der vielgeschmähten Stadt ‚mit dem
+weißen Lamm als Wappentier‘, eine Genugtuung geben wollen, indem er die
+Neustädter Bevölkerung durch ihre eigene Zeitung aufsitzen ließ. Mister
+Stefenson hat – wie vorliegende Dokumente beweisen – die beiden
+aufsehenerregenden Artikel, die natürlich von A bis Z erfunden sind,
+nämlich selbst geschrieben und gegen Zahlung von hundert Mark an den Herrn
+Redakteur und Zahlung von dreihundert Mark an den Verleger in der
+‚Neustädter Umschau‘ veröffentlicht. So viel war ihm der Spaß wert. Die
+Neustädter aber mögen nun die Zoologie nach einem für sie passenden
+Wappentier gefälligst selbst durchforschen.“
+
+Als Stefenson dieses kleine Manuskript gelesen hatte, drückte er mir die
+Hand.
+
+„Ich danke Ihnen“, sagte er anerkennend; „Sie sind gar nicht so
+unamerikanisch.“
+
+ *
+
+Und ich bin doch ganz und gar unamerikanisch. Ich kann nicht einmal sagen,
+daß ich ein reines Glück im Herzen fühlte, als ich unser Ferienheim so
+fabelhaft schnell wachsen sah. Die Riesenscharen von Arbeitern bedrückten
+mich oft, und wenn ich sie abends in ihren großen Baracken lachen und
+lärmen hörte, dachte ich daran, wie schön es war, als noch die stillen
+Raine durch grüne Felder liefen. Überall Ziegelfuhren, aufgerissene Wege,
+Kalk, Staub, Steine, Unordnung. Ich fühlte mich auf diesen Bauplätzen
+außerordentlich unbehaglich, und wenn ein schöner Baum zum Opfer fallen
+muß, bereitet es mir Schmerz, als ob einem unschuldigen Freund ein großes
+Unrecht geschähe.
+
+Für den Architektenberuf bin ich verloren. Ich sehe nach dem Plane ein
+Haus immer ganz anders, als es vor mir steht, wenn es fertig ist. Ich
+glaube, ich sehe alles zu schön; es kann in Wirklichkeit nicht so werden,
+wie ich es träume. Ich sehe einen Bauplatz wie ein unordentliches Zimmer.
+Erst, wenn „aufgeräumt“ sein wird, wird es hoffentlich anfangen, mir zu
+gefallen.
+
+Die meisten Baulichkeiten sind unter Dach. Das Herbstwetter war heiter. Im
+Winter wird mit unverminderter Kraft an dem Innenausbau weitergeschafft
+werden.
+
+
+
+
+
+ JOACHIM
+
+
+Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: „Treffe drei Uhr fünfzig
+nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim.“ Das Telegramm war
+frühmorgens in Berlin aufgegeben.
+
+Erst langsam begriff ich, daß da etwas Wunderliches geschah, daß mein
+verschollener Bruder plötzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiß durchs
+Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzählen. Aber
+ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgültig:
+
+„Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab.“
+
+„Ich weiß nicht, wie ich’s mit der Mutter machen soll.“
+
+„Der Mutter würde ich vorläufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht,
+warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm.“
+
+Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof.
+Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief,
+war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm
+zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich:
+
+„Willkommen, Joachim; ich freue mich, daß du gekommen bist.“
+
+Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht.
+
+„Weiß es die Mutter?“
+
+„Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen.“
+
+„Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich
+heiße Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore.“
+
+Er sprach mit einem Gepäckträger; dann fuhren wir nach einem Hotel.
+
+Unterwegs fragte ich ihn:
+
+„Bist du gesund?“
+
+„Ja – oder auch nein – ach Gott, ich weiß es selbst nicht.“
+
+Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig
+auszuruhen, aber er nötigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem
+Reisekoffer saß er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit
+gepreßter, etwas stoßender Stimme:
+
+„Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich hätte es nie für möglich
+gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine
+Sicherheit – das Heimweh – das quälende Heimweh ...“
+
+Ich trat ans Fenster und sah auf die Straße.
+
+„Fritz!“
+
+Ich wandte mich ihm wieder zu.
+
+„Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat – nun ja, ich muß schon
+Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht – warum habt ihr
+eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?“
+
+„Was für eine Geschichte mit dem Tagebuch?“
+
+„Nun, daß du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir
+geschäftlich verbunden ist, dein Tagebuch über Waltersburg hast schicken
+lassen.“
+
+„Ich dir mein – hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?“
+
+„Ja, natürlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift.“
+
+„Oh, dieser Mensch – dieser Stefenson!“
+
+„Weißt du gar nichts darum?“
+
+„Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen
+Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus
+purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir
+geschickt.“
+
+„Ja. Ich bekam die Blätter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es
+ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie
+manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe
+sie endlich doch gelesen, täglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle
+war, so daß ich notdürftig meine Angelegenheiten ordnete, und – und nun
+eben da bin.“
+
+„Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?“ fragte ich
+verwundert.
+
+„Ja, du weißt nicht, was das heißt, keine Heimat mehr zu haben. Die
+anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue
+Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfühlen. Ich habe
+nichts von alledem gesucht und bin ganz losgelöst von aller Wurzelerde
+gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von
+dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte über die Mutter, selbst die
+Geschichten über das Spießertum in der Heimat haben eine – nun ja, ich
+gestehe es – eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann
+auch das – auch das – aber lassen wir das!“
+
+Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht über
+die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah,
+in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und hütete mich, dieses
+ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen.
+
+Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riß dann
+plötzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich
+mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend:
+
+„Ach Gott, ich bin doch froh, daß ich hier bin.“
+
+Wir reichten uns stumm die Hände.
+
+Dann sagte ich:
+
+„Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Männer beraten, was zu
+tun ist.“
+
+Er sah mich von der Seite an.
+
+„Du weißt wohl natürlich auch nicht, daß mich Mister Stefenson als zweiten
+Arzt für dein Sanatorium berufen hat?“
+
+„Hat er das?“
+
+„Ja, allerdings nur unter der Bedingung, daß mir deine Idee von den Ferien
+vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernünftig und
+fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!“
+
+Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht.
+
+„Schönen Dank, Joachim. Du weißt, wie sehr ich dich immer mir für
+überlegen gehalten habe.“
+
+Er winkte, schwermütig den Kopf schüttelnd, ab. Dann setzte er sich mir
+gegenüber und ergriff wieder meine Hand.
+
+„Sieh mal, Junge, daß du mich nun fünf Jahre lang gesucht hast – das – nun
+ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir
+wird, weiß ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal
+ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem
+Rat zugänglich sein. Aber ich möchte nicht erkannt werden; ich möchte
+nicht, daß all der Schwatz und Klatsch – ach, laß uns die heilige Stunde
+nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es möglich wäre, daß ich
+als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gälte, sähe ich mir gern
+auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag
+dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten,
+ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen
+Tag, jeder ist fern von dem glücksfeindlichen Schwarm, der einem aus der
+Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich möchte der erste sein,
+der in deiner Zufluchtsstätte Ferien macht von seinem Ich.“
+
+Beide Hände streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen
+himmlischen Segens für meine Gründung stand der langvermißte Bruder vor
+mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich
+ein Glück herrlicher fügen! In dem überströmenden Gefühl des Augenblicks
+sagte ich:
+
+„Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zürne mir nicht, wenn
+ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der
+kleinen Luise.“
+
+Da wurde sein Gesicht finster.
+
+„Ich kann noch nicht – laß mir Zeit!“
+
+Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die
+Fenster. Allmählich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen
+Pläne für die nächste Zukunft.
+
+ *
+
+Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, saß
+dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte:
+
+„Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der größten Prachtkerle
+der Welt. Da ist er – mein Bruder Joachim – den Sie heimgezaubert haben.“
+
+Stefenson antwortete mir nicht, schüttelte aber dem Bruder herzlich die
+Hand.
+
+„Das ist schön, daß Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar
+nicht; denn ein Mann wie Sie läßt sich nicht herzaubern. Aber daß Sie
+gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glück; denn
+Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften,
+aber im ganzen ist er ein Schwärmer.“
+
+„Danke, Mister Stefenson!“
+
+„O bitte!“
+
+Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschäftliche.
+
+„Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Bäder,
+überhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen
+wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis
+jetzt nur in den Außenumrissen fertiggestellt; die endgültige innere
+Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kämen; denn Sie haben in solchen
+Dingen große Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr
+bewährt haben.“
+
+„Woher wissen Sie das?“
+
+„Na, ich habe mich doch selbstverständlich in mehreren guten
+Auskunftsbüros über Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt hätten, hätte
+ich mich doch auch nicht um Sie bemüht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb
+schickte ich Ihnen das Tagebuch.“
+
+Verärgert fuhr ich den Krämer an:
+
+„Sie haben also wieder nur ans Geschäftliche gedacht?“
+
+„Na selbstverständlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man
+denken als ans Geschäftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter
+Kaufmann ist?“
+
+Joachim lächelte; mir aber stürzte wieder einmal ein gläsernes Tempelchen
+ein, in das ich meinen Götzen Stefenson gesetzt hatte.
+
+Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte über tausend
+Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, daß der durch
+die Heimkehr äußerst aufgeregte Bruder zunächst durch die trostlos
+nüchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.
+
+Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er
+erzählte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an
+einen gefühllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjährigen Knaben
+ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in
+Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heiße, mal probeweise zu sich
+nehmen; vielleicht, daß etwas aus ihm würde. Die Gründung einer so neuen
+Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran müsse ja auf einen Jungen einen
+tiefen Eindruck machen und ihm fürs ganze Leben einige stählerne
+Gerüstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug
+reisen, und er hätte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er
+wegen der Vertretung manches Geschäftliche mit mir noch zu erledigen habe,
+womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Straße waren,
+sagte Stefenson: „Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht
+hinterher wieder aus dem Häuschen fallen und alles verderben. Also, mein
+kleiner Neffe, der Georg, ist nämlich gar kein Junge, sondern ein Mädchen
+– er ist die kleine Luise.“
+
+„Stefenson, Sie sind toll!“
+
+„Nein. Ich bin vernünftig. Die kleine Luise muß Ferien von ihrem Ich
+machen. Als Mädel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die
+letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr
+Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll
+sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken
+abgewöhnen, wenn eine Hand nach ihr faßt; nein, sich selbst ’rumhauen mit
+Buben und Straßenbösewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte
+Behandlung haben.“
+
+Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Großes an
+meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum
+Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.
+
+Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in
+dem Thüringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es
+in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewußtsein
+seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.
+
+Ich wußte, daß Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je
+ein Vater oder Großvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter
+irgendeinem Vorwand einmal nach Thüringen verschwunden; das Mädchen hatte
+sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte,
+jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den
+wahrscheinlich nie eine zärtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese
+Kindesliebe so wohl, daß er diesmal auf allen kaufmännischen Vorteil
+vergaß und wie ein verliebter Narr handelte.
+
+Mochte er es tun!
+
+Stefenson reiste ab.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind
+zunächst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.
+
+Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.
+
+
+
+
+
+
+„Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben.
+Denn sie will nicht. Sie heult, daß sie ein Junge werden soll. Auch die
+Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise
+bleibt ein Mädel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu
+schlecht. Ich will mal sehen, daß ich das Kind zunächst in Neustadt
+unterbringen kann. Ich weiß da eine gute Familie, die mir den Gefallen
+gegen Entschädigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung täglich
+beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der
+mir für die Erziehung des nur außerordentlich geschickt zu behandelnden
+Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am
+Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.
+
+ Stefenson.“
+
+
+
+
+
+
+ *
+
+Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte
+versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.
+
+Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte
+aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann
+machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die
+Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens
+zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz
+in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder
+in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.
+
+Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter
+hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte.
+Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe
+Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu
+sein. Endlich sagte ich mir, daß ich ein Geselle von kindischer Eifersucht
+sei, und ging in das Zimmer der Mutter.
+
+„Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!“ sagte ich, und
+die nervöse Frau erschrak natürlich aufs schwerste.
+
+„Es handelt sich um Joachim!“
+
+„Um Gottes willen – ist ihm etwas passiert – ist er in Not – willst du zu
+ihm fahren?“
+
+Ich mußte lächeln. Zu ihm fahren! – Daß ich damit mein Lebenswerk
+aufgegeben hätte, daran dachte die Mutter nicht.
+
+„Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von
+Joachim zu sagen habe.“
+
+„Sage es mir, Fritz, will er – will er nach Hause kommen?“
+
+„Ja, er kommt schon heute.“
+
+Da stieß sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die
+Händchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der
+ihr das größte Glück beschieden habe, das es für sie gebe. Als sie etwas
+ruhiger wurde, fragte sie:
+
+„Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal
+geschrieben, daß er kommen soll?“
+
+Ich schüttelte den Kopf.
+
+„Ganz von selbst gekommen“, sagte sie selig; „der treue Sohn!“
+
+In trockenem Tone entgegnete ich:
+
+„Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in
+Neustadt abhole. Erst in der Dämmerung kommen wir. Inzwischen rege dich
+nicht allzusehr auf und vergiß nicht, deinen Baldriantee zu trinken.“
+
+Das nahm sie ungnädig auf.
+
+„Baldriantee – wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natürlich
+mit nach Neustadt fahren.“
+
+„Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, daß er von
+den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine
+Kuranstalt eintreten.“
+
+„Und nicht bei mir wohnen?“
+
+„Nein, er wird im Ferienheim wohnen.“
+
+„O – o du nimmst ihn mir?“
+
+„Ich nehme ihn dir nicht –“, entgegnete ich unwillig; „mache mit Joachim
+selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen.“
+
+Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draußen im Winterwalde wurde mein
+Herz wieder warm; ich war glücklich. Immer, wenn ich mich glücklich fühle,
+habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als
+daß ich bald eine Anzahl von Futterplätzen und Nistkästen für die Vögel in
+meinem Ferienheim anbringen würde, auch auf die Gefahr hin, als Gäste
+lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.
+
+Die Mutter! – Nun würde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und
+alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich
+würde sie meine beiden geräumigen Zimmer für Joachim einrichten und mich
+nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersüchtig und
+voll häßlichen Mißtrauens, und es fiel mir ein, daß es besser wäre, sich
+auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf
+die Spatzen ...
+
+Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht
+einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte
+ihr Haupt verhüllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und
+betreten neben mir her, fast wie ein Sünder. Er war auch ein solcher; denn
+er hatte sein Herz verhärtet, und alle Herzensverhärtung ist Sünde.
+
+ „Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand
+ Kommt wieder heim aus fremdem Land.
+ Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt,
+ Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?“
+
+Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hübschen Gedichte schildert: die
+Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten
+Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar
+nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dünn und sein
+Bart dicht wurde und die Zeit die große Retouche an seinem Gesicht vollzog
+– er war ein anderer geworden.
+
+In sieben Jahren soll sich der Körper des Menschen ganz erneuern. So
+wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurück, was vor
+sieben Jahren auszog. Hätte Joachim keine Seele gehabt, so wäre wirklich
+ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bäcker
+Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt
+fühlte er sich geehrt, daß ich ihn auf der Straße anhielt, und eilte gewiß
+alsbald ins nächste Gasthaus mit der Kunde, daß ein Dr. Harton aus Neuyork
+angekommen sei als zweiter Arzt für das Ferienheim, und es müßten doch
+schon massenhaft Kurgäste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten
+Arzt brauche.
+
+Auch der alte Sanitätsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf
+mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrüßte den
+„Herrn Kollegen von drüben“, den ich ihm vorstellte.
+
+Auch die Frau Provisor, von der erzählt wurde, sie hätte, als sich Joachim
+verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhölzer
+abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den
+ehemals Heißbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorüber.
+
+So näherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner
+und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand
+wohl jetzt der Mond; denn der Nebel über dem Johannisplatz war
+durchsichtig und silberhell.
+
+„Der alte Brunnen!“ sagte Joachim leise; „es ist merkwürdig, daß meine
+Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat
+dachte.“
+
+Nun näherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte
+wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.
+
+Joachim stützte sich auf das Gemäuer, und weiße Tropfen aus der Schale
+Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das
+Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.
+
+Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und öffnete nach leisem Klopfen die
+Tür zur Mutter.
+
+Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten,
+schloß die Tür und blieb draußen.
+
+
+
+
+
+ WEIHNACHTEN
+
+
+Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf
+meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich
+nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; hätte ich mich früher nicht
+um das Kind gekümmert, wo es das Mädel nötig gehabt hätte, so sei meine
+Anteilnahme jetzt völlig überflüssig. Das gleiche könne er auch nur mit
+Bezug auf meinen Bruder sagen; er hätte sich jetzt schon Vorwürfe über
+dessen Berufung gemacht. Da könnten bloß Schwierigkeiten entstehen.
+
+„Mister Stefenson“, sagte ich, „Sie benehmen sich wie ein Drache, der die
+verwunschene Jungfrau behütet.“
+
+„Drache hin, Drache her; ich geb’ sie nicht heraus“, knurrte er.
+
+„Das sollen Sie ja gar nicht; wir überlassen Ihnen ja das Kind.“
+
+„Wirklich?“
+
+„Wirklich!“
+
+„Na, dann ist es gut!“
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im großen Theatersaal
+des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden,
+obwohl wir keinen eigenen Bürgermeister haben werden). Dieser Theatersaal
+ist Hals über Kopf fertiggestellt worden. Er könnte schöner sein. Aber er
+ist geräumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hübsche
+Liebhaberbühne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es
+gehörte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wände, Kalkkübel und
+Schutthaufen zu maskieren, die in der Nähe des Treppenhauses einen
+unschönen Anblick bieten.
+
+Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet,
+komponiert und malt. Über braven Dilettantismus geht es bei Herder
+nirgends hinaus, aber er schafft für den Hausbedarf brauchbare, gefällige
+Sächelchen.
+
+Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept:
+„Von jeder Art zwei Pärchen.“ Dazu sind alle Kinder geladen, die zum
+großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, daß die Kleinen auf
+Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen
+gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.
+
+Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die
+große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht.
+
+Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die
+dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der
+gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es
+wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt
+mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter
+geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte.
+
+Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige
+Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt,
+daß nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson
+eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich
+verbarg mühsam meinen Schrecken.
+
+Herder erzählte weiter:
+
+„Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des
+amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine
+allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.“
+
+Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.
+
+„Es ist unerhört ...“
+
+Er wußte augenblicklich, was ich meinte.
+
+„Gar nichts ist unerhört“, unterbrach er mich rauh. „Die Nichte von Mister
+Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muß auftreten, sie
+muß ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner
+Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.“
+
+Was hatte es für Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun mußte eben
+durchgehalten werden ...
+
+Die Mutter saß mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an
+der Bühne. Ich sah und hörte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel
+von Zwergen, Kobolden, Nußknackern, Pfefferkuchenmännlein, Tiergestalten,
+Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum üblichen
+Weihnachtsstück gehören; ich wartete mit Herzklopfen auf den
+Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miß Stefenson aus Chikago auf dem
+riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte
+„Bild“ übrig, nun mußte Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.
+
+Der Vorhang hob sich. – Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit
+ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Könige; rings in Anbetung
+versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmännlein. Es war alles
+in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.
+
+Da erschien plötzlich ein Licht über der Grotte, ein wunderschönes
+Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:
+
+ „Vom Himmel hoch, da komm ich her
+ Und bring euch allen frohe Mär:
+ Geboren ist in Davids Stadt
+ Er, der des Lebens Fülle hat.“
+
+Die Mutter saß wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und
+drückte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die
+ganze Gemeinde saß in Andacht.
+
+Joachim war ganz gleichmütig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:
+
+„Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!“
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm
+in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe
+angezündet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.
+
+„Fritz – das Kind – dieses Kind ...“
+
+Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.
+
+„Fritz – sage mir – ist es – ist es? ...“
+
+„Ja. Es ist Luise.“
+
+Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne
+Bitterkeit sagte ich:
+
+„Mutter, du brauchst dich nicht zu ängstigen, das Kind wird dir nie
+Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut
+aufgehoben.“
+
+So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am
+Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hören war als das leise
+Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stützte die Mutter den
+Kopf auf den Tisch und sagte müde:
+
+„Das Kind ist Joachim ähnlicher, als er sich jetzt selbst ist!“
+
+Nach einem Weilchen meinte sie:
+
+„Es wird wohl keine Möglichkeit geben, daß ich das Kind zu mir nehme?“
+
+„Nein, Mutter, es gibt keine solche Möglichkeit mehr!“ Damit ging ich nach
+meinem Zimmer.
+
+
+
+
+
+ FÜGUNG ...!
+
+
+Joachim wohnt jetzt in der Lindenherberge, wo schon einige Zimmer
+fertiggestellt sind und auch der Küchenbetrieb schon im Gange ist. Im
+Rathaus gegenüber haust Stefenson. Er hat seine Arbeitstätigkeit noch
+vermehrt und, wie er mir sagte, keine Zeit mehr, Luises willen täglich
+nach Neustadt zu fahren und sich um das „Gänschen“ zu kümmern. So wolle er
+das Mädel lieber zu sich nehmen. Das sei ihm zwar sehr störend, aber was
+wolle er machen? Er hätte auch gefunden, daß die Pflegeeltern in Neustadt
+die Sache mit Luise nicht recht verständen. Ich grunzte. Sonst sagte ich
+nichts ...
+
+Die weitere Ausgestaltung unserer Riesenanstalt schritt mit größter
+Schnelligkeit vor sich. Da sagte Mister Stefenson eines Tages zu mir:
+
+„Und nun, mein Lieber, ist es die allerhöchste Zeit, daß wir an die
+Bauernrequirierung gehen. Zehn Höfe sind fast fertig, das Vieh ist rasch
+zu beschaffen, ebenso die Haus- und Ackergeräte, aber das Bauernvolk, das
+uns einpaßt, das will gesucht sein. Ich hatte anfangs an Agenten gedacht,
+aber das ist nichts; die gehen bloß auf ihre Provision aus und schicken
+uns Schinder und Plunder auf den Hals. Haben Sie also die Freundlichkeit,
+sich in einen Vieh- oder Getreidehändler oder, wenn Ihnen das besser
+liegt, in einen Gütermakler zu verwandeln und mich morgen auf der
+Bauernsuche zu begleiten.“
+
+Nun, diese Aufgabe paßte mir, zumal ich Stefenson bereit fand, unser Glück
+zunächst in Schlesien zu probieren. Ich bestimmte die Ausrüstung.
+Schaftstiefel, englische Lederhosen, eine Joppe aus grauem Tuch mit
+Hirschhornknöpfen und grüner Tascheneinfassung, ein Vorhemd ohne Schlips,
+ein seidenes Tüchlein um den Hals, eine Lodenmütze, das war meine
+Ausrüstung. Solcher Kleidung bringen die Bauern Zutrauen entgegen, da
+vermuten sie keine verkniffenen Städter, keine „Juden oder
+Winkeladvokaten“, die sie übers Ohr hauen wollen.
+
+Es wäre alles gut gewesen, wenn nicht Stefenson am nächsten Morgen, als
+die Reise losgehen sollte, die kleine Luise mitgebracht hätte.
+
+Ich schlug Skandal. Was er sich einbilde, ein so kleines Kind auf so lange
+Reise mitzuschleppen? Ob er denn nicht bedächte, daß uns das Mädel nur
+stören und aufhalten würde? Es war alles umsonst; Luise fuhr mit.
+
+„Pappa hat mehr zu sagen als der Onkel“, sagte die Kleine mit einem Anflug
+von schnippischem Ton.
+
+„Sie macht sich heraus; sie fängt an, Courage zu kriegen“, sagte der
+„Pappa“ anerkennend.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Auf einer größeren Station stiegen wir während des Zugaufenthaltes aus, um
+dem Kinde Orangen zu kaufen. Noch als wir am Stande des Obsthändlers
+waren, näherte sich uns eiligen Schrittes eine Frau. Sie starrte erst mich
+an, dann das Kind, faßte es blitzschnell an der Hand, riß es an sich und
+küßte es wie rasend.
+
+Das Mädel schrie erschrocken auf, Stefenson sagte betroffen: „Aber Madame,
+was tun Sie?“, und ich wand der Frau das Kind aus den Armen. Neugierige
+Leute eilten herbei; es gab gewaltiges Aufsehen.
+
+„Zurück in den Wagen!“ rief ich Stefenson zu, der mir verwirrt folgte.
+Bald saßen wir im Abteil, und die Tür flog zu.
+
+Draußen schrie eine gellende Stimme:
+
+„Es ist mein Kind – es ist mein Kind – laßt mich zu meinem Kinde! Luise!
+Luise!“
+
+Die Leute hielten die Frau, die sich verzweifelt wehrte, an den Armen
+fest; der aufsichtführende Beamte eilte an unser Abteil und begehrte
+Auskunft. Ich stieg aus, stellte mich vor und sprach einige aufklärende
+Sätze. Zuletzt sagte ich:
+
+„Herr Vorsteher, fragen Sie die Frau, ob sie gesetzlichen Anspruch auf
+dieses Kind habe!“
+
+Er entfernte sich, ging zu der Frau, wies alle Leute beiseite und sprach
+leise auf sie ein. Sie stand tiefgesenkten Hauptes mit herabhängenden
+Armen, heftig schluchzend vor ihm. Nun tat er wohl die Frage: „Haben Sie
+einen gesetzlichen Anspruch auf jenes Mädchen?“
+
+Da schüttelte sie den Kopf. Ein Blick voll Wehes traf noch unser
+Wagenfenster, dann verließ die Frau den Bahnhof.
+
+„Wer war die böse Frau?“ fragte Luise verängstigt.
+
+„Eine Verrückte“, sagte Stefenson rauh.
+
+„Wird sie nie wieder zu mir kommen?“
+
+„Nein, nie wieder!“
+
+Wie lange doch der Aufenthalt noch währte! Die Leute spazierten draußen
+und gafften neugierig nach unserem Fenster. Ich zog den Vorhang vor.
+Endlich setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Aber kaum hatte er
+den Bahnhof verlassen und fuhr noch nicht mit voller Geschwindigkeit, da
+gab es einen gewaltigen Ruck und Stoß, und der Zug stand.
+
+Ich riß das Fenster auf. Von der Lokomotive sprang der Heizer ab,
+Schaffner eilten den Bahnsteig entlang – ein Schaffner kam zurück und gab
+uns Auskunft ...
+
+Über das Feld rannte jene Frau ...
+
+Das Weib hatte sich dicht hinter dem Bahnhof auf die Schienen geworfen,
+und der Lokomotivführer hatte den Zug noch rechtzeitig zum Stehen
+gebracht.
+
+Luise war auf die Sitzbank geklettert und schaute durchs Fenster.
+
+„Da rennt sie – da rennt die böse Frau!“ rief das Kind.
+
+„Laß das verrückte Weib!“ knirschte Stefenson.
+
+Wir fuhren weiter. Grauer Nebel zog über die Fluren, frierende Vögel saßen
+auf den Telegraphendrähten, alles, was draußen war, fror, die Bäume und
+die Berge, die Tiere und die Menschen.
+
+Die eine irrte nun allein mit dem aufgeschreckten Weh verschmähter
+Mutterliebe im Herzen durch die kalte Flur, das Kind hatte sich vor ihr
+entsetzt, und selbst der Tod hatte sie verschmäht.
+
+Stefenson saß finster in seiner Ecke.
+
+Das Kind begann wieder zu sprechen.
+
+„Alle verrückten Menschen sind sehr böse.“
+
+Da brummte sie Stefenson an:
+
+„Das kann man nicht sagen, du Gänschen! Manche Menschen können nicht mal
+richtig dafür, daß sie verrückt sind.“
+
+„Wieso nicht?“
+
+„Das verstehst du nicht. Das versteht selbst unter den großen Menschen von
+Tausenden kaum einer richtig.“
+
+„Du hast aber gesagt, sie ist verrückt, und du hast es böse gesagt“,
+verharrte das Kind.
+
+„Dann habe ich eben eine Dummheit gesagt. Denn ich kenne die Frau nicht
+und kann daher auch nicht wissen, ob sie verrückt oder böse ist.“
+
+„Böse ist sie“, wiederholte Luise; „denn sie hat mich sehr gequetscht und
+mich auch in die Wange gebissen. Sie soll nicht wiederkommen.“
+
+Grau rann der Regen über das Wagenfenster.
+
+All unsere frohe Laune war dahin. Schwache, gedrückte Menschen, saßen wir
+da im Zuge, der uns schnell davonführte und eine große Strecke zwischen
+uns und die Sünderin legte, die uns gestört hatte in unserer
+Behaglichkeit, und die wir daher nicht rasch und rauh genug abschütteln
+konnten.
+
+Der göttliche Freund Mariens von Magdala fiel mir ein. Wie hätte er wohl
+gehandelt in meinem Falle? Hätte er die Arme beiseitegestoßen, sich einen
+Beamten kommen lassen und sich hinter „gesetzliches Recht“ verschanzt?
+Wäre er dann weitergefahren, fast hinweg über den zuckenden Leib, und
+hätte er der Fliehenden nachgeschaut vom sicheren Fenster aus, mit
+hochmütigem Abscheu in der Seele? Oder wäre ihr der Meister nachgegangen,
+hätte sie an der Hand genommen und ihr, wenn sie guten Willens war, ein
+Zweiglein vom verlorenen Mutterkranz wieder versprochen, ihr ein klein
+wenig goldene Kindesliebe für die Zukunft verheißen?
+
+Ferien vom Ich!
+
+Ich werde mich vor allen Dingen erlösen müssen von allem kalten Hochmut
+des Herzens und allem auch noch so „gesetzmäßigen“ Zurückstoßen der
+Schwachen und Schuldigen ...
+
+
+
+
+
+ BAUERNANWERBUNG
+
+
+In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar
+ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine
+Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber
+eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch
+allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden
+hatte.
+
+Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges
+Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war
+einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht
+wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine
+Landwirte mußten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches
+Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.
+
+Stefenson hielt das Pferd an.
+
+„Wollen Sie mitfahren?“
+
+„Nee!“ antwortete der Bauer.
+
+„Warum denn nicht?“
+
+Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.
+
+„Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg’ ’n Zentner!“
+
+„Sie haben wohl schönere Pferde?“
+
+„Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben
+se ooch.“
+
+„Hören Sie mal, Gevatter“, sagte ich, „Sie foppen uns. Das Pferd hat viel
+Geld gekostet.“
+
+Er meckerte.
+
+„Na, da mußt ihr schöne tumme Kerle sein.“
+
+Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig
+über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern
+ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.
+
+„Nu“, sagte er, „das kann ich schon. Aber ich sag’s Ihn’ gleich ehrlich:
+zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen
+hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene
+alten Schränke und zinnernen Teller.“
+
+„Warum vermuten Sie denn, daß wir Ihnen was abschachern wollen?“
+
+„Ja, da müßt man doch euch Stadtjuden nich kenn’. Umsunst gebt ihr doch
+eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.“
+
+„Da haben Sie ganz recht“, sagte Stefenson; „wir wollen etwas von Ihnen.
+Wir wollen _alles_ von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und
+Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.“
+
+Der Bauer brach in helles Gelächter aus.
+
+„Hatt’ ich mir’s doch gleich gedacht, daß Sie der Menschenfresser sind.“
+
+„Also den nehmen wir bestimmt!“ sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware
+zum Verkauf stände.
+
+„Mich nehmen Sie?“ vergnügte sich der Bauer. „Sie sein ja der ulkigste
+Kerle von der Welt.“
+
+Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an
+dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und
+sagte:
+
+„Wie heißen Sie?“
+
+„Ich? – Mit’m Familiennam’ su wie mei Vater und mit’m Vornamen wie
+Napoleon.“
+
+„Mensch, wie heißen Sie! Ich muß das wissen. Es handelt sich um eine
+Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon
+alles erfahren. Also, wie heißen Sie?“
+
+„Wie heißen _Sie_ denn?“ fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde
+ungeduldig.
+
+„Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika,
+ein sehr reicher Mann.“
+
+„Da könn’ Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so’n scheenes
+Pferd.“
+
+„Dummer Kerl!“ sagte Stefenson verdrossen und stand auf.
+
+Der Bauer lachte.
+
+„Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.“
+
+Es war Zeit, daß ich mich ins Mittel legte. Der Mann mußte wissen, um was
+es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht
+leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen.
+Ich versuchte das auf folgende Weise:
+
+„He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt,
+der richtig arbeitet?“
+
+„Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn’ Heringe oder Leinwand
+oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten
+könn’ se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben.“
+
+„Da haben Sie recht. Und glauben Sie, daß so ein Leben, wie es die Städter
+führen, gesund ist?“
+
+„Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und
+Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.“
+
+„Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun
+wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.“
+
+„Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich
+lieber zu Hause.“
+
+„Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man
+nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind,
+nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen
+wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten
+müßten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?“
+
+„Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und
+arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm’n, saufen se einem bloß die gute Milch
+weg und fressen die scheensten Birn’ von a Bäumen. Sonst tun se nischt.“
+
+„Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der
+Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden
+wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.“
+
+„Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.“
+
+„Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der
+versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt
+gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die
+Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener
+Herr dort.“
+
+„Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?“
+
+„Doch – doch – ich werd’ Sie doch nicht belügen.“
+
+„Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!“
+
+Er lachte über seinen Witz.
+
+„Mister bedeutet ‚Herr‘. Weil er eben ein Amerikaner ist.“
+
+Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch
+der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.
+
+„Sie, Herr Mister, komm’n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!“
+
+Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf
+schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.
+
+„Bitte!“ sagte er phlegmatisch.
+
+Der Bauer rührte sich nicht.
+
+„Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!“ ermunterte ich ihn.
+
+„Ich werd’ mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!“
+
+Mißtrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der
+Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune
+Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er
+rückte beiseite.
+
+„Wenn Se su reiche Herr’n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen
+Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.“
+
+Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde
+gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als
+Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten
+Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise
+abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein
+König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner
+Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte
+heraus, daß der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt
+war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und
+zwei Töchter besaß, daß von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst
+standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und
+ernähren konnte.
+
+„Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei
+sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was
+zurückzulegen.“
+
+Er saß nachdenklich da.
+
+„Stoppen Se mich wirklich nich aus?“
+
+„Ich denke nicht daran.“
+
+„Wie kommen Se denn gerade auf mich?“
+
+„Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.“
+
+„Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.“
+
+„Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen
+müssen. Das gehört zur Kur.“
+
+„Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?“
+
+„Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.“
+
+„’n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!“
+
+„Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so ’n
+halber Schäfer.“
+
+„Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub’s nich; ich kann’s nich
+glauben!“
+
+Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.
+
+„Jetzt werd’ ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist
+ein Wohnhaus.“
+
+„Das? – Das is ja ’n Schloß!“
+
+„Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht
+allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin
+Platz haben.“
+
+„Dunnerwetter!“
+
+„Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die
+Scheuer.“
+
+Er atmete schwer.
+
+„Wie groß ist denn die Wirtschaft?“
+
+„Hundert Morgen.“
+
+Da verdüsterte sich seine Stirn.
+
+„Warum halten Sie mich denn zum Affen? So ’ne große Sache kann ich doch
+nich pachten; da gehört doch Geld dazu.“
+
+„Gar kein Geld! Nur, daß Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten.
+Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die
+Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen
+die Kurgäste.“
+
+„Nu ja, die werd’n ja überall behumpst.“
+
+Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm
+ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu
+fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.
+
+Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast
+nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte
+nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es
+war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein
+behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen
+kletterte:
+
+„Nee, Emil“, sagte sie, „da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und
+kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol’n.“
+
+„Mutter“, meinte Emil, „wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste
+kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene.
+Aber ’s sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und
+lauter Schlösser.“
+
+Susanne lachte gutmütig.
+
+„A hat een’ sitzen“, meinte sie. „Na, kumm ock rein!“
+
+„Frau Barthel“, rief ich ihr zu, „Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen
+haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt
+ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir
+müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.“
+
+Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst
+ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl
+bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil
+Barthel.
+
+„Nee, komm’n Se wirklich?“ fragte er; „ich hatte gedacht, ’s wär alles
+bloß Ulk.“
+
+Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes
+buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer
+Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, daß sie aus dem
+Dorfkramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude
+sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach
+der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug
+heranmachte.
+
+„Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es
+handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns
+wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.“
+
+„Also ist es tatsächlich wahr?“ sagte Barthel und trommelte auf den Tisch.
+Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:
+
+„Sehn Sie, meine Herr’n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben –
+man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muß ich
+Ihn’n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute
+werd’n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll’n –
+woll’n se sich amüsieren. Da woll’n se doch nich Kühe melken und ackern.
+Meine Herr’n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor
+solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den
+Fall, se kämen doch – da wär’s noch viel schlechter. Denn warum? Die
+Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, daß die mir auf dem Hofe was
+helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege ’rum. Die quatschten
+und quasselten doch bloß.“
+
+„Die fielen einem ja in die Puttermilch!“ lachte Frau Susanne.
+
+„Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh’n machen woll’n“, ergänzte der
+Mann.
+
+„Donner!“ schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch,
+daß aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, „nun ist’s
+aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen?
+Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite
+ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...“
+
+„Das allerbeste is, Se gehn wieder!“ sagte Barthel seelenruhig. Und nun
+wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen
+worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und
+zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige
+Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man
+das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die
+Kleinere sagte, daß sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört
+habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, daß gerade Besuch da sei,
+und wolle nicht stören.
+
+Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei
+ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen
+hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter
+Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. „Das ist nämlich
+unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.“
+
+Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen braunen Augen, und
+ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt,
+das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich
+acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand
+ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich
+sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und
+große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre
+Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine
+kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu
+machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.
+
+Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:
+
+„Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium
+Ferien vom Ich?“
+
+„Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.“
+
+Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.
+
+„Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich
+sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und
+Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.“
+
+„Ich freue mich, daß ich Ihnen so interessant bin“, sagte ich.
+
+„Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt
+fehlte bloß noch, daß jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika
+wäre.“
+
+„Das ist er!“ mischte sich Emil Barthel ein, „es ist der Herr Mister aus
+Amerika.“
+
+Stefenson verneigte sich phlegmatisch.
+
+„Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, daß wir uns etwas
+zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.“
+
+Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese
+von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte
+sich aber selbst vor.
+
+„Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte
+Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin
+Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes
+Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck
+genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter
+des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.“
+
+Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen
+Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach
+wieder in fröhliches Lachen aus.
+
+„Es scheint, daß wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.“
+
+„Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt
+aufeinanderplatzen?“
+
+Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel
+sagte:
+
+„Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt,
+höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder
+mal recht gehabt.“
+
+„Und nun, Herrschaften“, rief Fräulein Bunkert, „es mag so indiskret sein,
+wie es wolle, ich muß wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu
+tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.“
+
+Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem
+Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei „sein Typ“. Groß, schlank,
+blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich ’raus.
+
+Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes
+wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des
+Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den
+biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den
+Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer
+Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei
+diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund
+gewaltig in die Breite.) Daß er, Stefenson, in einer so öden
+Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie
+dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der
+Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende
+Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching _ad
+infinitum_.
+
+Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ
+Stefenson über sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er
+lächelte ... der Verräter.
+
+„Meine Gnädige“, warf ich dazwischen, „Sie dürften über unser Ferienheim
+denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.“
+
+„Ja, gerade, daß Sie es ernst meinen, ist ja das Gute“, erwiderte sie.
+„Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.“
+
+„Das ist eine sehr kluge Sentenz“, stimmte der verräterische Stefenson
+bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste,
+blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott
+das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.
+
+Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie
+war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch
+in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während
+Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter
+unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von
+ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der
+schlichten Bauernstube.
+
+„Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?“ fragte ich.
+
+„Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.“
+
+„Glauben Sie, daß es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?“
+
+„Ich werde ihnen gut zureden, daß sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiß
+beide Teile nicht reuen.“
+
+„Ich danke Ihnen!“
+
+„Also, hören Sie, Herr Mister Barthel“, lachte unterdes Eva Bunkert; „wenn
+Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit
+Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins
+Haus.“
+
+Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.
+
+„Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...“
+
+„Gar nischt sagt sie“, fuhr Frau Barthel dazwischen, „aber er – er hat die
+Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt ’rausschmeißen wollen.“
+
+Emil Barthel schwur, daß das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es
+gab einen ehelichen Streit.
+
+Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.
+
+„Jees, jees“, jammerte es, „die Emma hat su viel Hitze und klagt immer
+mehr über a Hals.“
+
+Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, daß das Kind über
+Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann,
+Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die
+Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.
+
+„Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde“, bat mich Anneliese, „es
+sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt
+haben wir hier nicht.“
+
+So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das
+Kind in hohem Fieber lag.
+
+Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige
+Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im
+nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte.
+Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet
+worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil
+er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete,
+einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.
+
+Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir
+Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das
+erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon
+wieder.
+
+Eva hatte mit Stefenson verabredet, daß sie mit Anneliese gleich nach der
+Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen
+wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß
+bis ersten April, und daß sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege,
+sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.
+
+„Und Ihr Vater?“ fragte ich.
+
+„Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf
+Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, daß er
+meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau
+Emilie Knautschke sein.“
+
+Ich beschloß, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft
+zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere
+große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.
+
+Wie ich das tun sollte, wußte ich nicht.
+
+Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen
+zirpte herein:
+
+„Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muß immerfort allein in dem dummen
+Gasthaus sitzen.“
+
+Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.
+
+Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.
+
+„Kindchen, auf dich hatt’ ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In
+diesem Haus ist Diphtherie.“
+
+Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas
+ernster.
+
+„Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?“
+
+Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.
+
+Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach
+Hause zu gehen.
+
+Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der
+Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an
+und schmollte mit ihrem „lieben Pappa“, der sie im Stiche gelassen hatte.
+
+Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr
+und sagte vor den Ohren des Kindes: „Ich bin nicht ihr Vater!“
+
+Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben
+hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.
+
+Als wir allein waren, sagte Stefenson:
+
+„Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepaßt, und nun ist nichts
+zum Abschluß gekommen.“
+
+Ich erwiderte:
+
+„Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie
+würde unserer Sache schaden.“
+
+„Schaden?“ fuhr er auf. „Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten
+Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben
+Sie, daß ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des
+Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre
+Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit
+noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die
+Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.“
+
+Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder.
+Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der
+schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.
+
+
+
+
+
+ DER JOURNALIST
+
+
+Nun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen
+Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang
+Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da
+höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und
+bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der
+Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut
+vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen
+dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.
+
+Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach
+den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten,
+ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und
+zwar nicht nur wegen des Kindes.
+
+„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen
+werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte,
+Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“
+
+Ich lächelte.
+
+„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte?
+Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“
+
+„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder
+in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir
+diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich
+überlassen.“
+
+„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und
+feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück
+sein.
+
+Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald
+zurückkommen ...
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und
+seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am
+Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen
+bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie
+Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden
+in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste
+erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter
+unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon
+gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die
+Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der
+andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus
+bewirtschaftet.
+
+Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo
+– Geld da ist.
+
+Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof,
+Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch
+eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine
+Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über
+den sieben Bergen“, ein „_Old Nigger home_“ (nach Stefensons Wunsch), eine
+Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein
+Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine
+Räuberhöhle.
+
+Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen
+Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk
+ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen,
+daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen
+werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand
+einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer
+legten.
+
+Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des
+erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im
+Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.
+
+Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung
+unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in
+der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die
+Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum
+erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten
+schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein
+paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.
+
+Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie
+konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an
+Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine
+einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich
+„Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer
+täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit
+Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifende Xanthippen mit den holden
+Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.
+
+Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie
+betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem
+Seufzer:
+
+„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe
+glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten
+kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“
+
+„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist
+so etwas viel zu teuer.“
+
+„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom
+Ich haben – Weltstadtleben, Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das
+haben, was einem fehlt.“
+
+„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.
+
+Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus,
+nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause,
+und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das
+Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung
+zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im
+Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer
+Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei
+aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde
+überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht
+abweisen, und als er mich erblickte, rief er:
+
+„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den
+Diener beiseite und kam auf mich zu.
+
+„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“
+
+„Sie sehen, ich habe Besuch!“
+
+„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur
+eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown,
+Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund
+Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen
+dieses Schreiben zu überreichen.“
+
+Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und
+stellenweise vorlas:
+
+
+
+
+
+
+ „Neuyork, den 25. März.
+ Mein Lieber!
+
+Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn
+ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen
+prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen
+Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen
+Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch
+unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den
+Herrschaften zu empfehlen.
+
+Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht
+rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade
+Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der
+einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus
+Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas
+merkwürdige Anstalt recht nötig haben.
+
+Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen
+sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.
+
+ Stefenson.“
+
+
+
+
+
+
+Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen
+Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart
+sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas
+geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig
+geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner
+heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich
+fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den
+ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine
+Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.
+
+Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung
+in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das
+überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären,
+daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in
+unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie
+auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown
+zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben
+darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge
+seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.
+
+Brown schüttelte den Kopf.
+
+„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“
+
+„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit
+unverhohlenem Interesse.
+
+„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in
+Neuyork und den Staaten kennen muß.“
+
+„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“
+
+„Ja, er gehört dazu.“
+
+Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich
+schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat
+nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte
+außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich
+in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte.
+Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen
+Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den
+Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.
+
+„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.
+
+Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme
+über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:
+
+ _„Way down upon Swaney ribber_
+ _Far far away ..._
+ _There’s, where my heart is turning ebber,_
+ _There’s, where the old folks stay ...“_
+
+Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer
+Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu,
+so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der
+Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele
+im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden
+regungslos, und die großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der
+matten Lampen ...
+
+Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große
+Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze
+Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die
+Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die
+Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das
+große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit.
+Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein
+Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern
+Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.
+
+„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden
+immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut;
+schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“
+
+Ich war ihr dankbar und sagte:
+
+„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht
+glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden
+sind.“
+
+„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel
+Kindliches.“
+
+„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister
+Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das
+Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen
+Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an,
+es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und
+alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“
+
+„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.
+
+„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug;
+der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der
+Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“
+
+Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:
+
+„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber
+Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich
+möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und
+Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“
+
+„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown
+gerührt.
+
+„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie
+ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines
+Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich
+nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern
+können.“
+
+Da wurde auch die kleine Braune munter.
+
+„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist!
+Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“
+
+„Du Plappermaul!“ zürnte Eva, reckte aber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne
+es nicht: der Mann gefällt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom
+Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“
+
+„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.
+
+„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich
+will einen Mann heiraten!“
+
+„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown
+ein.
+
+„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“
+
+„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson
+für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich
+habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz
+gleichgültig.“
+
+„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.
+
+Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken
+aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar,
+in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von
+hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle
+überlief, was oft genug geschah.
+
+Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein
+amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer
+vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich
+sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr
+los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so
+entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bißchen
+Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.
+
+Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.
+
+„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist,
+ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er
+mein Freund ist – ungeheuer eitel!“
+
+„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele
+Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es
+gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was
+heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten,
+auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde
+Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“
+
+Da lachte Mister Brown.
+
+„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn
+er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine
+Verneigung macht, ehe er sich einseift.“
+
+„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief
+Eva verärgert.
+
+„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so
+zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres
+Geschäftsfreundes.“
+
+„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“
+
+Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das
+Dümmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger
+auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her
+wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht
+scheren.
+
+Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.
+
+„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht
+Luise?“
+
+Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer
+seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht
+zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte.
+So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich
+Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.
+
+„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt
+Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus
+mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war
+auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“
+
+„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch
+erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.
+
+„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich
+leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“
+
+„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein
+einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu
+machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“
+
+„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich
+ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben
+Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem
+Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig
+eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam
+sie auf mich zugestürmt.
+
+„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen
+gerade Haschen.“
+
+Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß
+es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.
+
+„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der
+Mutter sein.“
+
+„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des
+Vaters.“
+
+„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.
+
+Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um
+den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser
+wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur
+eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden
+da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“
+plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu
+verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich
+dachte. Mister Brown legte ohne jede wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die
+Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:
+
+„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von
+dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“
+
+„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.
+
+„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“
+
+„Wieso? Ich bin nie krank!“
+
+„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“
+
+„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine
+einzige Stunde krank.“
+
+„Hm!“
+
+Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des
+blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die
+Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown
+in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.
+
+„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und
+meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase,
+dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu
+räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“
+
+„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal
+gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und
+halb geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich
+anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch
+niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir
+etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“
+
+Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch
+glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß
+dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde
+ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht
+erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er
+stehen, sah mich an und sagte:
+
+„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer
+Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich
+zuzumuten, he?“
+
+„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“
+
+„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“
+sagte Brown vergnügt.
+
+Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.
+
+Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein
+Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:
+
+„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner
+Bank. Stefenson.“
+
+Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet
+hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und
+dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee und nicht
+in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich
+gespielt ...
+
+Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war
+Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den
+Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange
+Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte,
+kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:
+
+„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“
+
+„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte
+das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:
+
+„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie
+waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug
+aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in
+Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“
+
+„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister
+Brown.“
+
+„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir
+Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich
+informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren
+werde, was ich nicht gesehen habe.“
+
+Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn
+zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.
+
+„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson
+erinnert.“
+
+„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch
+ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“
+
+„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“
+
+„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder
+ins Grübeln.
+
+„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem
+man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute
+werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig,
+ängstlich, unsicher werden?“
+
+„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte
+Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“
+
+„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt.
+„Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“
+
+„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er
+heute früh dort an mich aufgab.“
+
+„Gott sei Dank!“
+
+„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim
+verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen
+wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,
+wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird
+den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit,
+sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt.
+Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie
+ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen
+dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche
+Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“
+
+„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten
+Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“
+
+„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der
+Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare
+Wahrheit werden lassen.“
+
+„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese
+und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.
+
+Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin.
+Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.
+
+Die Mädchen blieben im Forellenhofe.
+
+Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich
+auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich
+dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über
+der Frage: War er’s? War er’s nicht?
+
+Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe
+Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus
+Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die
+Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa
+zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den
+Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach
+Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme
+bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.
+
+Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen
+glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen
+Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz
+feststellen können.
+
+Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:
+
+„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“
+
+
+
+
+
+ DIE ERSTEN KURGÄSTE
+
+
+Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eröffnet worden. Die Feier war schlicht.
+Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu
+dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus
+Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und
+fünfzehn Kurgästen. Von diesen fünfzehn Kurgästen genießen zehn Freikur,
+und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement.
+Stefenson sandte ein längeres Glückwunschtelegramm aus St. Louis.
+
+Fünfzehn Kurgäste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame,
+die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klägliche Ergebnis nach
+Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: „Hatte ich mir gedacht!“
+
+Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln über die Höfe zu verstreuen,
+sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschölzerei
+zu geben. Die Schauspieler aber schwärmten nicht für Feld- und Waldarbeit;
+sie wünschten mehr dekorative Posten. Fünf von den sieben wollten
+Nachtwächter sein, einer bot sich als Hilfsbriefträger an, wobei seine
+Tätigkeit gleich Null gewesen wäre, und einer sagte mit mildem
+Augenaufschlag, er könne sich nur als Krankenpfleger glücklich fühlen. Wir
+hatten aber keine Kranken.
+
+Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Großknecht,
+den er bereits hatte, dem „langen Ignaz“, noch einen zweiten Knecht ein
+und sagte zu mir: „Ich hab es Ihn’n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute
+sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen.“
+
+„Geduld, Barthel, Geduld!“
+
+Der Anfang war wirklich kläglich. Zwar sang Egin Harold, der als
+Nachtwächter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsänger
+war), das
+
+ „Hört, ihr Herr’n, und laßt euch sagen,
+ Die Uhr hat eben zehn geschlagen!“
+
+mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel
+empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine hübsche blonde Magd
+hatte: „Gute Nacht, du mein herziges Kindl“, um 1 Uhr droben am Hange:
+„Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...“;
+um 2 Uhr: „Steh ich in finstrer Mitternacht“, und von 3 Uhr an:
+„Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ...“
+
+Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesänge so tief ergriffen, daß
+sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde über
+den Nachtwächter wegen nächtlicher Ruhestörung. Als nun Egin Harold von
+dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den
+Hofhund loslassen, wenn der Wächter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der
+Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Künstler seinen Posten und
+übergab die Abzeichen seiner Würde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten
+Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abänderung des Lohengrintextes sang:
+
+ „Den Spieß, dies Horn, den Pelz will ich dir geben.
+ Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken,
+ Der Spieß im wilden Kampf dir Mut verleiht,
+ Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken,
+ Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit.“
+
+Die „Schmach und Not“, aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand
+darin, daß er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem
+Waldschölzer hatte helfen müssen, Bäume zu fällen. Jetzt war er als
+Nachtwächter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen
+einen großen Granitblock, den er den „Fafnerstein“ getauft hatte, stand
+malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spieße
+und seinem funkelnden Horn, sang mit dröhnendem Baß die Stunde, kletterte
+dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen.
+
+Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzählte mir in der
+Sprechstunde, daß er früher an einem chronischen Hungergefühl, das
+wahrscheinlich auf nervöser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber
+bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Köchin
+in der Waldschölzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte:
+
+„Er frißt!“ –
+
+Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard
+Käsenapf heißt. Als Künstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da
+er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream.
+
+Dieser Knut Waterstream ist dünner als ein Regengerinnsel. Ich schickte
+ihn zur Arbeit in die Gärtnerei. Einiges erzählte mir der Gärtner, einiges
+beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte dürres Laub
+zusammenrechen und flüsterte den braunen Blättern zu:
+
+ „So wie ein Blatt vom Wipfel fällt,
+ So geht ein Leben aus der Welt,
+ Die Vögel singen weiter!“
+
+Stützte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in
+melancholischer Betrachtung über die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer
+irdischer Dinge. Darauf übergab er dem Gärtner den Rechen und sagte:
+
+„Tun _Sie_ dieses Totengräbergeschäft; ich vermag es nicht!“
+
+Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjäten. Er ging siebenmal mit düsterem
+Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger über dies neue
+verruchte Arbeitsfeld und deklamierte:
+
+ „Giftiges Kraut, gesäet mitten unter den Weizen,
+ O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut!
+ Satanas hat sich dein Korn in höllischen Scheuern gestapelt,
+ Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet,
+ Daß du nun wucherst und wächst; dem güldenen Weizen zum Schaden,
+ Daß du die Sonne ihm stiehlst, den nächtlichen Tau der Gestirne.
+ Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden,
+ Krieche zur Hölle zurück, zum Satan, von dem du gekommen,
+ Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge,
+ Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!“
+
+Daraufhin hat der Gärtner Herrn Knut Waterstream belehrt, daß das, was er
+als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und daß sich
+gegen das Unkraut mit Beschwörungen nichts ausrichten lasse. Man müsse das
+Zeug Stück für Stück mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe
+es nicht.
+
+„Lieber Freund“, hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme
+erwidert, „wir verstehen uns nicht!“
+
+Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen.
+
+ *
+
+Es soll der Sänger mit dem König gehen. Sänger hatten wir von Anfang an
+genug; am 10. Mai kam der König an. Ein wirklicher König war es zwar
+nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fürsten, eine Hoheit. Um
+diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz
+an dreihundert Zeitungen:
+
+„Der Andrang nach der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ zu Waltersburg, der
+besten und originellsten Heilstätte der Welt, ist enorm. Die ermüdete
+Intelligenz flüchtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt
+kommen auf ein Weilchen zurück ins grünbelaubte Mutterhaus der Natur.
+Künstler von Weltruf, Mitglieder europäischer Regentenhäuser sind bei uns
+eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergötterte Liebling
+allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer
+und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet,
+die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer
+heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie
+rührend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermüdender
+Emsigkeit seine Gärtnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der
+Allerhöchstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen
+Stimmungen die Welt achtet, im demütigen Bauernkleide, von niemand
+erkannt, seiner ländlichen Tätigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt
+‚Ferien vom Ich‘ ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg über das
+Unglück, ist ein Paradies auf Erden!“
+
+Als ich diesen Erguß in den Zeitungen las, wußte ich: auch unser Levisohn
+war ein Dichter. Einer von blühender Phantasie.
+
+Hoheit kam zu mir und fragte:
+
+„Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Männchen, die hier bei
+Ihnen ’rumkrauchen, etwa der König von England oder von Italien drunter?“
+
+„Gewiß nicht, Hoheit.“
+
+„Ja, wer ist denn da mit dem Allerhöchstgeborenen Herrn gemeint, auf
+dessen Stimmungen die Welt achtet?“
+
+„Ew. Hoheit selbst.“
+
+Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten
+Hoheit:
+
+„Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!“ –
+
+Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden
+achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich über
+dreitausend Kurgäste an. Ob der nachtwächternde Heldentenor oder der
+ackerbauende Fürst die größere Anziehung ausübte, war nicht zu
+entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz:
+
+„Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘, Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen,
+die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit können
+wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gäste nicht aufnehmen, da jeder
+unserer Feriengäste ganz individuell behandelt werden muß. Vornotierungen
+aber zulässig.“
+
+Diese hochmütige Kürze tat noch größere Wunder. Unser Büro konnte die
+Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewältigen. Ich
+telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf
+die Antwort ein: „Hatte ich mir gedacht!“
+
+ *
+
+Hoheit ist ein recht liebenswürdiger Kurgast. Hoheit ist überhaupt einer,
+der seiner zu großen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner
+Nerven verdankt. Wir Ärzte drücken das höflich aus: Er hat zu konzentriert
+gelebt. Es ist schön, daß wir unsere fachmännischen Ausdrucksformen haben;
+denn es würde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit
+ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bißchen Schweinekerl und
+Liederjan!
+
+Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns
+gekommen, weil sie hier ein Feld für originelle Extravaganzen wittert.
+Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere
+Familienratsbeschlüsse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige
+Verwendung in den Kolonien, Aussöhnung mit dem Familienchef, abermaliges
+Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden,
+Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehört.
+
+Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen
+Lebensbericht eingereicht, über dem mir die Haare zu Berge gestanden
+haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und
+prüde bin. Am Schluß stand: er habe sich eigentlich erschießen wollen,
+aber er könne ja noch mal diese „neue Chose“ probieren, ob ihm noch ein
+bißchen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig
+und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, für den man keine
+Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle
+Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am
+wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr
+und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf
+Sekunden das Gefühl gehabt, daß er und sein Leben noch ernst genommen
+werden können. Heißen wolle er Max Piesecke. –
+
+„Also, lieber Piesecke“, sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; „daß Sie
+ein großer Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu
+sagen. Höchstwahrscheinlich läßt sich mit Ihnen nichts mehr anfangen.
+Erschießen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber
+miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden
+die Wände auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie – ich
+glaube, ungefällig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn für Humor.
+Nun, Piesecke, es wäre doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal
+ein brauchbarer Kerl würde! He? Sie müssen selbst darüber lachen! Und für
+mich wäre es gut – wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir’s halt.
+Gelingt’s, freue ich mich; gelingt’s nicht, schmeiße ich Sie ’raus!“
+
+„Wahrscheinlich werden Sie mich ’rausschmeißen!“ sagte Piesecke
+nachdenklich.
+
+„Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein
+bißchen Philosophie im Leibe hätten, müßten sie wissen: es gibt keinen
+grimmigeren Spaß, als ein Pessimist zu sein und über den Pessimismus zu
+lachen!“
+
+„Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!“
+
+„Gern!“
+
+Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, übergab ihn Piesecke und sagte:
+
+„Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie
+es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden
+höchstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreißen wollen. Sie sind
+gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben
+durchzuführen. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht
+unnützerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir
+einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und
+lauten:
+
+Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim ‚Ferien vom Ich‘
+aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht füge,
+zahle ich eine Million Mark Reugeld.“
+
+„Was?“ schrie Max Piesecke. „Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfährt
+es, schlägt er mich tot!“
+
+„Schön! Dann habe ich nicht mehr nötig, Sie zu kurieren.“
+
+Piesecke sank in sich zusammen.
+
+„Ich bin immer Erpressern in die Hände gefallen“, jammerte er.
+
+„Morgen nachmittag 4½ Uhr wird der Notar hier sein“, entgegnete ich ruhig;
+„Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen
+oder Ihrer Wege gehen.“
+
+„Ferien vom Ich!“ stöhnte Piesecke; „ich habe gar keinen Willen mehr.“
+
+Am nächsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem
+Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewünschte Abkommen mit seinem
+hochfürstlichen Namen.
+
+„Nun passen Sie mal auf, Piesecke“, sagte ich, „jetzt wird noch was aus
+Ihnen!“
+
+ -------------------------------------------------------
+
+All unsere Höfe sind mit Kurgästen besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen,
+daß wir die Wahl hätten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der
+Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von früh bis spät Arbeit,
+obwohl unser Ärztekollegium immer größer wird. Es lastet zuviel
+Geschäftliches auf mir. Das drückt auf die Seele; denn ich bin kein
+Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, daß er gerade jetzt, wo er
+hier am nötigsten wäre, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an
+ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurück. Immer die gleiche
+Antwort: „Ich bin hier noch unabkömmlich.“
+
+Unser Direktor – ein früherer Offizier – ist zum Glück ein tüchtiger Mann.
+Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spürsinn. Wie ein
+guter Jagdhund ist er, er hat’s in der Nase, wenn er über das weite
+Gelände unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen
+Furche ein verborgener Erfolg aufzustöbern ist. Er ist aus dem Holz, aus
+dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die
+leitet alle ein unfaßbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere
+Leute nicht haben.
+
+Der Direktor heißt von Brüsen und wird wegen seines würdevollen Auftretens
+von den Kurgästen „der Herr Präsident“, von den Angestellten aber „der
+Direks“ genannt. Oft habe ich bei seinen Maßnahmen das Gefühl: genau so
+würde Stefenson gehandelt haben. Brüsen ist auch von Stefenson angestellt
+worden. Mein Geschäftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo
+kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei – wie er
+schrieb – gefunden, „daß sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf
+einmal vorstellen könne, was nur sehr wenig Menschen vermöchten“, daß er
+ferner „zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben“, daß er nicht in den
+Doppelsohlenstiefeln ängstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von
+hundert Schnellfüßlern überholt werde, und daß er von guter, zäher
+Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn
+gemerkt und ihn für uns nun an den Tag gezogen.
+
+Es ist ein Glück, daß dieser Direktor da ist. Was täte ich ohne ihn? Einen
+Entscheid fällt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere
+Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden
+Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er
+entscheidet immer so, wie ich annehmen möchte, daß Stefenson entschieden
+haben würde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig,
+so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so
+fest steht, daß er weiß: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein
+paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ...
+
+Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Bäuchlein
+war bestimmt nicht der große, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten
+Brown hätte ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown.
+
+Ich muß mich wahrhaftig erst in die Ausführung meiner eigenen Idee von der
+Unpersönlichkeit meiner Kurgäste gewöhnen. Es wird mir schwer, in dem
+Nachtwächter Korrundt nicht den Opernsänger zu sehen, ja, es wird mir
+sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist
+doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekümmere mich
+absichtlich nicht um die Personalien der Kurgäste, die ich nicht selbst
+behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als
+leitender Arzt tun muß. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe
+Leute in unseren Gärten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich
+nicht weiß, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir
+nur bekannt ist, daß sie aus einer drückenden Enge entflohen sind in das
+Reich unserer grünen Gesundheit.
+
+Der Sekretär, der unsere Statistik macht, sagte mir, daß neunzig Prozent
+unserer Kurgäste aus Großstädten kommen. Ich glaube das gern. Die
+Großstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Hände zu steinern
+hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu
+flunkerig, sind ihre Wünsche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den
+Engrosramsch der Genüsse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den
+wahren Bedürfnissen ihrer Kinder. Von den Palasträumen ihrer Verwaltung
+aus regiert diese Stiefmutter Großstadt ihre Familie, die zum größten Teil
+in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schläft; in ihren glänzenden
+Parkanlagen dürfen barfüßige Jungen und zerlumpte Mädchen spazierengehen.
+Wie die niederträchtigste Amme, die ihren unruhigen Zögling mit Schnaps
+betäubt, errichtet sie in all ihren Vorstädten Destille neben Destille.
+Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt
+ihnen diese „Mutter“ Großstadt einige Bonbons „öffentlicher Fürsorge“ oder
+billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen
+können, sondern nur den Magen ansäuern und die Zähne des Willens und
+Charakters verderben.
+
+Wann endlich wird die Menschheit des trügerischen Schimmers müde sein, in
+Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Großstadt und
+im großen Ferien machen von diesem jammervollen Ich?
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Heut ist ein Unglück passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten
+als Kurgäste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte
+seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht,
+der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit
+will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefährt
+auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem
+Rückwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade
+dort, wo der Weg eine steile Böschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den
+Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu
+gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift
+und greulich zugerichtet.
+
+Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst
+erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die
+Wahlstatt überschaut und darauf zunächst mal dem unglücklichen Piesecke
+ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden
+nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich überzeugt, daß mit dem
+Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurückgekehrt.
+Annelies ist außer dem Schreck nichts passiert, die schöne Eva hat sich
+einen Fuß verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kräftigen
+Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt.
+Piesecke hat nichts zu sagen gewußt als: „Pardon, pardon, es ist mir
+dieses alles sehr fatal.“
+
+Schließlich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie
+hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten.
+
+Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen
+Beschwerde zu führen. Er sei – so sagte er – immerhin ein Kurgast, und
+Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er müsse gegen solche Behandlung Protest
+einlegen.
+
+Ich aber sagte: „Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, daß ich mich
+wirklich nicht darum kümmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher
+prügeln.“
+
+Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: „Jawohl, ich sehe es
+ein! Wenn ich mich körperlich werde gekräftigt haben, werde ich ihm die
+Ohrfeigen zurückgeben.“
+
+„Das müssen Sie“, erwiderte ich; „das gebe ich Ihnen auf; das werde ich
+Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!“
+
+
+
+
+
+ SOMMERABEND
+
+
+Die Arbeit war getan; ich war frei. Eigentlich wollte ich ja hinauf zum
+Hirtenhaus, aber ehe ich mich’s versah, schlenderte ich doch wieder zum
+Forellenbauer hinab. Ich redete mir ein, ich müsse mich um mein Sorgenkind
+Piesecke bekümmern, und so nebenbei könne ich ja nach Eva fragen, deren
+kranker Fuß allerdings von einem Kollegen behandelt wird. Das Mädchen saß
+vor der Haustür auf der grüngestrichenen Bank und putzte Gemüse. Sie heißt
+hier einfach „Hanne“. Einen Familiennamen führt sie nicht, ebensowenig wie
+Anneliese, die sich in „Bärbel“ umgetauft hat.
+
+Am Hoftor blieb ich stehen. Ein liebliches Bild! Abendsonne bestrahlte das
+schöne Mädchen, eine weiße Taube saß auf der Rückenlehne der Bank, ein
+goldgefiederter Hahn blinzelte mit seinen Äuglein zu dem Mädchen empor,
+wartend, ob für ihn etwas abfalle. Dann kam der große Zottelhund, wedelte
+mit seinem buschigen Schwanz den Hahn gutmütig, aber bestimmt zur Seite,
+nahm dessen Platz ein und saß in stummer Bewunderung vor der schönen Frau.
+
+Und noch ein anderer schaute verliebt zu dem Mädchen hin, das war
+Piesecke, der an der Stalltür lehnte und eine Sense in der Hand hielt. Oh,
+den armen Piesecke scheint es ganz arg erwischt zu haben. Er verdrehte die
+Augen und seufzte einmal so laut, daß man es über den Hof hinweg hörte.
+Ich ärgerte mich über den Menschen.
+
+Gleich wurde mir eine Genugtuung. Eine derbe Faust kam aus der Stalltür
+heraus, gab dem träumenden Piesecke einen Stoß in den Rücken, daß er samt
+seiner Sense in den Hof taumelte, und eine rauhe Stimme rief:
+
+„Schlaf nicht, du Döskopp! Mach, daß du aufs Kleefeld kommst!“
+
+Die schöne Hanne blickte auf und lachte, Piesecke geriet in Wut, fuchtelte
+mit seiner Sense ein wenig vor der inzwischen geschlossenen Stalltür herum
+und ging dann niedergeschlagen über den Hof. Am Tor traf er mich.
+
+„Das ist eine Gemeinheit“, sagte er und hatte Tränen in den Augen.
+
+„Piesecke“, tröstete ich ihn, „ich bin Zeuge dessen gewesen, was jetzt
+vorfiel. Das ist gegen jede Ordnung, ist gegen den Sinn unseres
+Ferienheims. Der Knecht Ignaz hat sich gegen einen Kurgast solche
+Frechheiten nicht herauszunehmen. Ich werde energisch mit dem Bauern
+reden. Oder soll ich Sie auf einem anderen Hofe unterbringen?“
+
+„Um Gottes willen nicht“, rief Piesecke erschrocken; „ich – ich – da
+hielte ich’s ja gar nicht aus auf einem anderen Hofe ... ich – ich hab
+mich ja schon so – so – an den Grobian gewöhnt.“
+
+Und er ging gesenkten Hauptes mit seiner Sense davon.
+
+Ich begrüßte eben die blonde „Hanne“, da trat auch schon der Bauer Barthel
+aus der Haustür. Das war mir nicht lieb, und so sagte ich ein bißchen
+unwirsch:
+
+„Barthel, das geht aber nicht, daß Sie Knechte mieten, die unsere Kurgäste
+verprügeln. Denken Sie mal, wenn das in der Öffentlichkeit bekannt würde!
+Da käme niemand mehr zu uns. Den langen Ignaz müssen Sie entlassen.“
+
+„Ich kann nich, Herr Dukter“, erwiderte Barthel achselzuckend. „Ma kriegt
+so schwer ’n gutten Knecht. Kurgäste kriegt ma zehnmal leichter wie ’n
+Knecht. Und a Ignaz, den kenn ich vu Jugend uff, das is a ganzer Kerle.
+Der schofft’s! Wos sull ich machen, jetzt, wu die Ernte kummt? Ich kann
+doch nich die Ernte mit ’m Piesecke machen! Se sullten mal zusehn, Herr
+Dukter, wenn der Piesecke Gras haut. Bluß die Spitzen schneid’t a ab, de
+Sense fuchtelt immer in der Luft ’rum. Oder sie bleibt in eem
+Maulwurfhaufen stecken. Es ist jämmerlich!“
+
+„Wie lange wird denn Herr Piesecke hierbleiben?“ fragte Hanne.
+
+„Das dürfte ich eigentlich nicht sagen“, erwiderte ich, „aber ich glaube
+ein ganzes Jahr!“
+
+„Um Gott’s willen!“ stöhnte Barthel. „A Jahr lang! Da hat mir der Kerl ’n
+ganzen Hof ruiniert. Was soll ooch so’n Sargfabrikant von der
+Bauernwirtschaft verstehen.“
+
+„Wieso – Sargfabrikant?“
+
+Barthel lächelte überlegen.
+
+„Eener vom Grundhofe kennt ihn. Piesecke is Sargfabrikant in Hannover und
+heeßt eegentlich Robert Ebbing. Ich hab das vom Sargfabrikanten gleich
+geglaubt; denn ’n sehr traurigen Eindruck macht a doch. Aber ich hab mir
+gesagt, a muß doch da was von der Tischlerei verstehn. Da sollt a mir
+vorgestern ’ne Kiste zunageln. Das hätten Se sehn müssen! Olle Nägel krumm
+oder in die Luft gekloppt. Das weeß ich: in een Sarg, den der Piesecke
+gemacht hat, leg ich mich amal nich! Eh da die Sänger mit ‚Es ist bestimmt
+in Gottes Rat‘ fertig wären, bräch der Boden und ich läg draußen!“
+
+„Also, das alles glaub ich nicht“, warf die blonde Hanne lachend ein;
+„Piesecke stammt aus einer besseren Familie; das merkt man ihm schon an.“
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+„Es darf hier ein jeder vermuten, was er will.“
+
+„Meinetwegen mag er sein, was er Lust hat“, sagte Barthel brummig;
+„Hauptsache, ich wär ihn los.“
+
+„Geduld, Barthel, Geduld!“
+
+„Geduld braucht ma mächtig viel mit den Städtern. Also fünfundzwanzig
+Stück Kurgäste hab ich jetzt. Außer mit der kleen’n Bärbel hab ich mit
+allen Schererei. Na, ich brumm nicht etwa, Herr Dukter; für die Ärgerei
+mit a Städtern bin ich ja da und hab ich mein feines Auskumm’. Ich sag
+bloß: Ärger machen se alle.“
+
+„Aber doch nicht ich!“ rief Hanne.
+
+„Sie ooch“, sagte Barthel melancholisch; „meine Alte is uff Sie
+eifersüchtig.“
+
+„Barthel!“
+
+Dem Mädchen blieb der hübsche Mund offenstehen.
+
+„Ja, ja, ich hab ihr zwar gutt zugeredt und gesagt: Alte Schraube, es paßt
+sich nich, daß du uff deine alten Tage eifersüchtig wirst. Aber se sagt,
+es paßt sich nich, daß ich su oft mit Ihn’n plaudere, und ich tät Augen
+machen.“
+
+„Was täten Sie machen?“
+
+„Augen! Nu ja, ich kann doch nich als Blindekuh vor Ihn’n stehn!“
+
+Das Mädchen machte ein erheuchelt ernstes Gesicht.
+
+„Also, Barthel, diese Augen lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich werde Ihre
+Frau Gemahlin zur Rechenschaft ziehen.“
+
+„Um Gottes willen nich! Wenn das ’rumkummt, schrei’n ja die Leute Feuer!“
+
+Da trat Frau Susanne Barthel aus der Haustür.
+
+„Hatt’ ich mir’s nich geducht? Steht a nich schon wieder?“ sagte sie.
+
+„Ja, Frau Barthel“, rief Eva, „und er macht Augen auf mich!“
+
+„Nich wahr, Fräulein Hanne, Sie haben ooch Ihren Spaß an dem alten Esel?“
+
+Das Weiblein fing an zu lachen, daß ihr die Augen tränten.
+
+„Also, wenn der Augen macht“, schluchzte sie unter Lachen, „da kommt keen
+gestoch’nes Kalb dagegen auf.“
+
+„Weib“, schrie Barthel erbost; „du bist eifersüchtig. Du hast keen’n Grund
+dazu!“
+
+„Nee, nee“, schlenkerte die dicke Susanne prustend mit den Händen; „du
+kannst um de ganze Welt ’rum Augen machen, ’s fällt keener druff ’rein!“
+
+Und sie ging vergnügt ins Haus zurück. Barthel stopfte ob des
+vernichtenden Urteils über seine männliche Anziehungskraft die Hände in
+die Hosentaschen und sagte:
+
+„Das is eene Gemeinheit! Immer lacht se, schon wie se noch meine Braut
+war, lacht se mich immer aus.“
+
+„Seien Sie doch froh, Barthel, daß Sie eine so lustige Frau haben.“
+
+„Nee, nee, Herr Dukter, olles mit Respekt gesagt, aber das verstehen Se
+nich! Sie sind nicht verheirat’t. Sehn Se, wenn a Weib schimpft, oder wenn
+se flennt, oder wenn se mit Tellern schmeißt, oder wenn sie furtlooft,
+könn’n Se sich immer noch Ihren Kopp ufsetzen; aber wenn se lacht, sind Se
+geliefert.“
+
+Nach dieser Bemerkung hob der Philosoph aus dem Volke den Kopf und lachte
+selber. Und ich benutzte die Gelegenheit und bat Barthel, mir seine
+Meinung über seine Kurgäste mitzuteilen. Sowenig ich mich sonst um den
+Stand der von mir persönlich nicht behandelten Kurgäste kümmere – wer auf
+dem Forellenhof lebt, weiß ich. Ach, ich wollte es mir ja immer noch nicht
+zugestehn, aber ich glaube oft, daß ich selbst „Augen“ auf die schöne Eva
+Bunkert mache, die hier „Hanne“ heißt. Und wenn ich ehrlich sein will, ist
+das auch der Grund, warum ich gerade die Besucherliste des Forellenhofes
+kenne. Jetzt sagte ich gutgelaunt:
+
+„Also, Barthel, schießen Sie mal los mit Ihrem Ärger über unsere
+Kurgäste.“
+
+Ich hatte mich inzwischen zu Hanne auf die Bank gesetzt, Barthel hockte
+auf einem umgekehrten Kartoffelkorbe uns gegenüber. Er machte sein
+philosophisches Gesicht und sagte:
+
+„Ärger kann man’s eigentlich nich nennen, man muß mehr sagen, keen
+richtigen Respekt nich. Also, vom Piesecke will ich nich reden, der ärgert
+mich wirklich. Das is ’n Huhn! Wahrscheinlich hat a zuviel Särge gemacht,
+zuviel Geld eingenummen, und da is es halt su geworden. Aber zum Beispiel
+der Lempert. Also, in dessen Kurverordnung, die er mir als ’m Hausherrn
+doch abgeben muß, steht: Aufstehn halb sechs. Um halb sechs geht der Ignaz
+wecken. Lempert brummt nich amal. Um dreiviertel weckt Ignaz wieder.
+Lempert schreit: a sull die Schnauze halten! Um sechse geh ich selber und
+hau an die Tür. Lempert schmeißt seine Stiefel dagegen und schreit, ich
+sull mich zum Teufel scheren. Um viertel sieben trommeln wir beide so an
+die Tür, daß ’s ganze Haus wackelt, ’s rührt sich nischt. Um halb sieben
+droh’n wir, die Tür einzuhauen. Da kummt Lempert hinter uns die Treppe
+’rauf und fragt seelenvergnügt, warum wir eigentlich vor seiner Tür so
+eenen Skandal machen; a wär doch schon lange munter. Is der Kerl heimlich
+uffgestanden und hat die Tür von außen verschlossen. Nächsten Tag dieselbe
+Chose. Um halb sechs Ignaz (Lempert brummt), um dreiviertel sechs Ignaz
+(Schnauze halten!), um sechs ich (er schmeißt mit Stiefeln). ‚Jetzt,
+Ignaz‘, sag ich, ‚is Schluß, jetzt steht er heimlich uff.‘ Um neune is ’n
+Bote vom Rathaus bei mir, warum der Lempert nich zur Kur gekommen sei?
+Schläft der Vagabund noch! Da soll ma sich nich ärgern!“
+
+Lempert war ein Rechtsanwalt aus Leipzig.
+
+„Fahren Sie fort, Barthel. Schildern Sie mir noch einige Ihrer Kurgäste.“
+
+„Also, da ist der Emmerich, der komponiert mir ’n ganzen Hof voll. Auf’m
+neubehobelten Kartoffelwagen hat a ’n ganzes Brett vollkomponiert, er
+komponiert die Hausflurwände voll, er komponiert ans Butterfaß, er
+komponiert auf die Tischtücher, er hat sogar (entschuldigen, Fräulein
+Hanne!) auf den Klosettdeckel einen Rundgesang komponiert. So ein
+verrücktes Huhn is das! Ich hab’n gefragt, ob er Kapellmeister oder Kantor
+war, da hat er gesagt: Nee, er wär Gesanglehrer in eener
+Taubstummenanstalt. Von sein’n Schülern ließe er seine Kompositionen
+aufführen. Das nennte sich primitive Kunst. Und gerade so ’n Schmierfinke
+wie der Emmerich is der Maler Methusalem. Das is erst eine Nummer! Der
+behauptet, er wäre 998 Jahre alt. In zwei Jahren zu Pfingsten feiert a
+seinen tausendsten Geburtstag. Da will er uns alle einladen. Den nächsten
+Tag tät er dann sterben, da könnten wir gleich zum Begräbnis dableiben.
+Die Sache hätte sich so zugetragen, daß er vor etwa tausend Jahren ’n
+mächtiger König gewesen wär; aber er hätt’ ’n Verbrechen begangen, und da
+hätt’ ’n een sehr kräftiger Fluch getroffen, und da hätt’ er gleich nach
+seinem Tode sich immer wieder aus ’m Grabe ’rausbuddeln und in anderer
+Gestalt ’n neues Leben beginnen müssen, und es sei immer sehr bergab
+gegangen mit sein’n diversen Leben, bis er zuletzt hätte als deutscher
+Maler auf die Welt gemußt. Da sei das Maß seiner Buße voll geworden, und
+er dürft jetzt definitiv sterben. Also – was hat dieser Methusalem
+gemacht? Ich hab ein neues Schaff gekauft. ’s erstemal kommt’s in
+Gebrauch. Schneeweißes Buchenholz. Da schüttet meine Frau Rüben in das
+Schaff, pfeift ’m Methusalem und sagt: ‚Methusalem, stampfen Se mal die
+Rüben hübsch klein!‘ Was macht er? Er beguckt sich das schöne weiße
+Schaff, dreht’s um, schüttet die Rüben aufs Pflaster und malt auf ’n
+auswendigen Boden vom Schaff meine Alte. Die is nu immer wieder
+hergelaufen gekommen, hat gelacht und geschimpft auf den Methusalem, und
+er hat sie immer angeguckt und drauflos gestrichelt. Da is se ausgerückt
+und er ’s Schaff sich über’n Kopf gestülpt und immer hinter der Susanne
+her. Und wo er sie erwischte, schnell ihr ins Gesicht geguckt und ’n paar
+Striche gemacht. Und dann ging die Jagd von neuem an. Das nennt sich nu
+landwirtschaftlicher Betrieb bei uns!“
+
+„Hat denn der Methusalem die Zeichnung fertiggestellt?“
+
+„Freilich! Fünf Tage lang is a mit sein’m Schaff auf ’m Kopp hinter der
+Susanne wie wahnsinnig hergewest. Se is ganz außer Atem gekommen und hat
+gesagt, a müßt wirklich ’n sehr schwerer Verbrecher sein. Aber das Bild is
+nu fertig. Ich sag Ihn’n, su ’ne alte Eule haben Se Ihrer Lebtage noch
+nicht gesehen.“
+
+„Kann man das Bild nicht mal sehn? Sie haben dieses Schaff hoffentlich
+nicht wieder als Schaff benutzt?“
+
+„Nee! Meine Alte hat das Bild abscheuern woll’n, aber da haben alle
+Kurgäste Lärm gemacht.“
+
+„Die Zeichnung ist köstlich!“ warf Eva ein.
+
+„Wo ist denn das Schaff?“
+
+„Oben in seiner Stube hat’s der Methusalem eingeschlossen. Aber ich hab ja
+’n zweiten Schlüssel.“
+
+„Holen Sie’s mal!“
+
+„Wenn mich die Susanne erwischt, kommt sie gleich mit der Schmierseife und
+der Scheuerbürste hinter mir hergesaust.“
+
+„Holen Sie es. Wir stehen Posten.“
+
+Ich wußte, daß dieser Methusalem ein bekannter ausgezeichneter
+Karikaturist war. Als Barthel mit dem Schaff ankam und ich die Zeichnung
+sah, war ich entzückt. Ich sah ein Meisterwerk! Diese ganze pfiffige,
+durchtriebene, lachlustige, dicke Susanne lebte, atmete, schimpfte,
+lachte, kommandierte, pfiff auf der Zeichnung.
+
+„Es ist herrlich“, rief ich; „es ist zum Küssen schön!“
+
+„Weib!“ schrie da Barthel begeistert, „Weib, komm ’raus, der Doktor will
+dir ’n Kuß geben.“
+
+Susanne kam heraus, sah das Schaff, kreischte, versuchte einen wilden
+Angriff auf ihr Bildnis und erstarrte, als ich ihr sagte, wenn Herr
+Stefenson die Zeichnung sähe, würde er wahrscheinlich ein- oder
+zweitausend Mark dafür zahlen.
+
+Die erblaßte Susanne rief:
+
+„Ich kann doch keene so scheußliche alte Schachtel sein wie die da!“
+
+„Das ist keine scheußliche alte Schachtel“, sagte Eva freundlich; „das ist
+eine sehr liebe, lustige Muttel!“
+
+„Siehste, Alte“, höhnte Barthel, „wenn du um die ganze Welt reistest, ’s
+könnte dich keen Maler schöner uffmalen, als du eben bist. Aber ich bin
+nich eifersüchtig, wenn ooch der Methusalem fünf Tage hinter dir hergerast
+is wie verrückt.“
+
+Mit dieser rachsüchtigen Bemerkung schlug Barthel seine Gattin aus dem
+Felde.
+
+„Holdrioho hoho!“ jodelte einer draußen vor dem Tore.
+
+„Um Himmels willen“, rief Barthel, „das is der Methusalem. Wenn der spürt,
+daß ich in seiner Stube gewest bin! Der tausendjährige Kerl hat Kräfte wie
+’n Bär.“
+
+Und Barthel nahm das Schaff auf den Kopf und verschwand eilends im Hause.
+
+Eva-Hanne sagte:
+
+„Ich hab immer gern in meinem Leben gelacht, aber so viel wie in den drei
+Wochen, da ich hier bin, noch nie.“
+
+„Lachen ist gesund.“
+
+„Ganz gewiß. Ich sehe, wie alle um mich her täglich gesünder und heiterer
+werden. Heiter kann man es zwar nicht nennen, mehr ausgelassen.“
+
+„Ja, sehen Sie, Eva, die Ausgelassenheit ist nur ein ansteigender Talweg
+zu dem Berge der Gesundheit und des Glückes, die Heiterkeit ist der
+letzte, klare Gipfel. Zu ihm gelangen wir spät, erst, wenn wir lange und
+mühevoll gestiegen sind, erst, wenn es still und einsam um uns geworden
+ist, erst, wenn unsere Augen weithin sehen können, über alle Tiefen, die
+unter uns, und alle Höhen, die über uns waren.“
+
+„Sind Sie selbst schon auf der Höhe?“
+
+„Ich gewiß nicht. Ich bin nichts als ein Wegzeiger, der im Tale steht, die
+Hand ausstreckt und sagt: Da geht es hinauf!“
+
+„Vielleicht ist’s gut so“, meinte Eva nachdenklich; „wenn Sie selbst schon
+oben ständen, könnten Sie nichts anderes als winken. Und da würde sich
+mancher sagen: was will der winkende Mann auf dem steilen Gipfel; er ist
+wohl in Not und fürchtet sich allein dort oben?“
+
+„Ich finde, Fräulein Eva, daß wir uns gut verstehn!“
+
+Ich sah ihr heiß in die Augen. Ihr Blick begegnete mir freundlich, aber
+kühl. Dann senkte sie das Haupt und sah vor sich hin. Der lange Ignaz
+schlurfte vorbei. Er brummte einen Gruß und rückte kaum am Hut.
+
+„Ein unfreundlicher Mensch“, sagte ich, nur um etwas zu reden. „Wenn er
+nur nicht mal Unheil anrichtet!“
+
+„Der Bauer braucht ihn. Aber er ist mir auch manchmal unheimlich.“
+
+„Holdrioho hoho!“ jodelte es nun dicht vor dem Tore. Ein starker Kerl
+erschien, der brachte eine dicke Weibsperson auf einem Schiebkarren
+gefahren.
+
+„Das ist Methusalem“, belehrte mich Eva; „er bringt die dicke Cenzi vom
+Felde heim.“
+
+Cenzi war – wie ich wußte – die Gattin eines Berliner Bankiers. In ihrem
+Dirndlkostüm sah sie ein wenig schnurrig aus. Methusalem fuhr seine holde
+Last bis in die Mitte des Hofes, kommandierte „Alles aussteigen!“ und
+kippte den Schubkarren um. Cenzi quiekte, überkugelte sich zweimal, kam
+dann jauchzend auf uns zu in einer merkwürdigen Gangart, die etwa so
+aussah, wie wenn eine Ente den Trippelschritt einer Taube versucht, und
+sagte:
+
+„Denken Sie, der schlechte Mensch; auf dem Schubkarren fährt er mich, aber
+zeichnen mag er mich nicht!“ Methusalem schnitt ein Gesicht hinter ihr,
+das deutlich ausdrückte: „Lohnt nicht den Faßboden!“ Dann sagte er: „Ich
+bin kein Zeichner; ich bin ein Feldarbeiter. Und das Schubkarrenfahren ist
+wichtiger für Sie, Cenzi, als das Geporträtiertwerden. Sie haben drei
+Heukappen auf einen Platz zusammengetragen und waren daher mit Recht so
+erschöpft, daß Sie per Achse nach Hause gebracht werden mußten.“
+
+„Er ist über so viele Steine hinweggefahren“, klagte Cenzi; „ich bin
+buchstäblich wie gerädert.“
+
+„Das wird besser werden, Cenzi“, tröstete Methusalem, „wenn unser Vater
+Barthel erst einen Schubkarren mit Federung und Gummirad angeschafft hat.
+Es ist ein Skandal, daß er noch keinen solchen besitzt. Er ist ein
+rückständiger Landwirt.“
+
+„Oh, Sie Spötter!“ flötete Cenzi; „aber passen Sie auf, morgen habe ich
+wieder drei Pfund abgenommen. Denken Sie, Herr Doktor, neun Pfund habe ich
+bei Ihnen in zwei Wochen abgenommen, und das ohne jede Medizin.“
+
+Sie setzte sich zu mir und wollte mich in den Zauber eines Gesprächs über
+ihren Gesundheitszustand verwickeln; ich aber sagte, sie möge das alles
+ihrem Arzt in der Sprechstunde mitteilen. Da war sie denn auch zufrieden.
+
+Ein Hilfsbriefträger erschien. Er übergab Eva einen Brief. Den Brief hatte
+die Reichspost mit der richtigen Adresse im Rathaus abgegeben. Dort war
+der Brief in einen neuen Umschlag gesteckt und mit „Hanne – Forellenhof“
+adressiert worden. So hatte ihn der Hilfsbriefträger überbracht. Er blieb
+nach dieser Amtshandlung wartend stehen.
+
+„Nanu, Briefträger“, sagte Methusalem, „Sie warten wohl auf ’n Trinkgeld?
+Sie wissen doch, daß wir alle in diesen gesegneten Landen nicht ’n roten
+Heller in der Tasche haben.“
+
+„Eine Zigarre möcht ich gern“, sagte der Briefträger.
+
+„Gibt’s nicht“, schimpfte Barthel aus der Haustür heraus. „Drei Stück sull
+a bloß am Tage roochen, und die kriegt a ooch täglich geliefert. Nu is a
+extra Briefträger geworden, daß a in a Höfen um Tabak rumschnorr’n kann.“
+
+Der Briefträger (er war im Zivilleben Fabrikbesitzer im westfälischen
+Industriebezirk) machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
+
+„Drei Stück so leichte Zigarrchen ist ja nichts für einen, der ein starker
+Raucher gewesen ist“, sagte er.
+
+„Die drei Dingerchen hole ich mir früh um sieben ab und verrauch sie alle
+drei nach dem Frühstück. Und dann habe ich den ganzen Tag nichts.“
+
+„Trösten Sie sich“, sagte Barthel grob, „vielleicht werden Sie ooch noch
+gescheidt um ’n Kopp!“
+
+Nur die dicke Cenzi war mitleidig. Sie hatte sich eben eine Zigarette
+angesteckt und sagte:
+
+„Briefträger, ich krieg bloß zwei Stück am Tag. Aber Sie dürfen einmal
+dran ziehen.“
+
+Sie steckte dem Briefträger ihre Zigarette in den Mund, und der sog sich
+gierig daran fest, blies den Rauch durch die Nase, sog so fest, daß er
+binnen Sekunden die ganze Zigarette aufgefressen hätte, wenn Cenzi sie ihm
+nicht entrissen hätte.
+
+„Den laß ich nie wieder ziehen!“ sagte sie empört.
+
+Eva hielt ihren Brief in der Hand. Sie war ein wenig unruhig geworden.
+
+„Er ist von meinem Vater“, sagte sie leise zu mir.
+
+„Begleiten Sie mich bis zum Tor!“
+
+„Also“, fuhr sie fort, während wir langsam gingen und sie sich auf mich
+stützte, „hat er meinen Aufenthaltsort erfahren. Ich mag den Brief jetzt
+nicht lesen. Ich weiß, daß er nichts Erfreuliches enthält, und ich will
+mir den schönen Abend nicht verderben.“
+
+So war der alte Streit zwischen Waltersburg und Neustadt in einer ganz
+neuen Form wieder ausgebrochen. Die Tochter des Konkurrenten war bei uns
+zur Kur, und der Vater protestierte. Anders konnte es nicht sein.
+
+„Es wäre sehr, sehr schade, wenn Sie unser Heim verlassen müßten“, sagte
+ich und fühlte, daß eine heiße Angst in mir aufstieg.
+
+Sie sah finster zu Boden.
+
+Dann riß sie den Brief auf.
+
+„Ich will nicht feig sein!“
+
+Sie las – las – staunte. Dann reichte sie mir den Brief.
+
+„Oh! Das hätte ich nicht gedacht! Lesen Sie!“
+
+„Liebes Kind! Es ist ja nicht nett von Dir, daß Du hinter meinem Rücken
+ins Lager unseres sogenannten Feindes übergegangen bist. Aber die Sache
+kann sich noch gut zurechtschieben. Die Neustädter, deren ganzer Sache ich
+auf die Beine geholfen habe, machen mir schon seit langem das Leben sauer
+und möchten mich nach und nach übrig machen. Nun erhielt ich gestern von
+Mister Stefenson aus Amerika einen Brief, in dem er mich anfragt, ob ich
+geneigt sei, den Bau der noch fehlenden zwanzig Höfe in der Waltersburger
+Kuranstalt zu übernehmen und auch fernerhin die baulichen Unternehmungen
+dort zu leiten. In diesem Falle möge ich mit der Waltersburger Direktion,
+die verständigt sei, in Verbindung treten. Ich bin nach Lage der
+Verhältnisse gar nicht abgeneigt, der Sache näherzutreten, und freue mich
+jetzt, daß Du bereits Dein Interesse für das jedenfalls sehr
+aussichtsreiche Waltersburger Unternehmen bekundet hast. In den nächsten
+Tagen werden wir uns sehen.“
+
+Ich gab Eva den Brief zurück.
+
+„Sie werden nicht glauben, daß ich eine Ahnung von diesen geschäftlichen
+Dingen gehabt habe“, sagte sie ängstlich.
+
+„Gewiß nicht; ich habe selbst auch davon nichts gewußt.“
+
+Ihre Stirn war finster.
+
+„Es ist schwer für mich, das zu sagen – aber Sie sollen mich nicht falsch
+beurteilen; es gefällt mir nicht von meinem Vater, daß er von den
+Neustädtern zu den Waltersburgern übergeht. Er hätte drüben Stange halten
+müssen – jetzt erst recht!“
+
+„Braves, liebes Mädel!“ dachte ich; doch ich sagte, um sie zu beruhigen:
+
+„Sie sind ja auch zu uns gekommen!“
+
+„Das ist etwas anderes. Ich bin nicht Eva Bunkert, ich bin Hanne vom
+Forellenhof. Ich schade den Neustädtern nichts. Aber mein Vater – der
+Gründer von allem! Wenn der übertritt!“
+
+„Fräulein Eva, Ihr Vater ist wohl längst da drüben nicht mehr ganz mit dem
+Herzen dabei. Seine ursprünglichen Waldheime sind dem öden Hotelbetrieb
+gewichen. Ich glaube, er mag darunter gelitten haben. Kaltherziger
+Geschäftskonzern spricht allein in Neustadt. Wenn sich nun Ihrem Vater ein
+Feld neuer Tätigkeit bietet, das ihn mehr befriedigt, ist es recht von
+ihm, wenn er zusagt.“
+
+„Sie sind ein lieber Mensch“, sagte sie dankbar, und meine Augen flammten
+auf, und auf einen Augenblick war es mir, als flöge meine Seele einem
+seligen Lande zu. Das Herz stockte, der Atem setzte auf Sekunden aus, ein
+seliger Taumel faßte mich ...
+
+Draußen an der Tür erhob sich ein Singen:
+
+ „Abend wird es wieder;
+ Über Wald und Feld
+ Säuselt Frieden nieder,
+ Und es ruht die Welt.“
+
+Das alte Abendlied wurde von vierstimmigem Chor gesungen. Da öffnete der
+lange Ignaz das Tor. Er hatte in der Nische gelehnt, und ich hatte ihn
+vorher gar nicht gesehen. Vielleicht hatte er alles gehört, was wir
+gesprochen hatten. Jetzt blickte er mich mit finsterem Gesicht an. Aber
+ich beachtete ihn gar nicht. Ich sah auf die Sänger, die durchs Tor zogen.
+Sensen und Rechen trugen sie über die Schultern, alle mit Feldblumen
+geschmückt, voran schritt Emmerich, der Chormeister, mit einem mit
+Kornblumen geschmückten Taktstock:
+
+ „Nur der Bach ergießet
+ Sich am Felsen dort,
+ Und er braust und fließet
+ Immer, immerfort.
+
+ So in deinem Streben
+ Bist, mein Herz, auch du,
+ Gott nur kann dir geben
+ Wahre Abendruh!“
+
+Als letzte in der Reihe kamen die kleine Luise und eine Frau, die das Kind
+an der Hand führte. Diese Frau war wohl noch jung; sie war von hoher,
+schöner Figur. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, weil das bunte
+Kopftuch, das sie trug, weit vorgeschoben war. Luise, die jetzt sehr
+häufig auf dem Forellenhofe war, schmiegte sich dicht an ihre Begleiterin.
+
+„Wie heißt die Frau, mit der Luise geht?“ fragte ich Eva.
+
+„Sie nennt sich Magdalena, ist sehr still und bleibt fast immer für sich
+allein. Aber das Kind hängt an ihr.“
+
+Behutsam zog ich mein Notizbuch. Dort hatte ich die Kurgäste des
+Forellenhofes verzeichnet.
+
+„Magdalena ..., geschiedene Frau Kaufmann Agnes Blassing aus Aachen,
+behandelnder Arzt Dr. Michael“, stand dort verzeichnet.
+
+Das Abendlied verklang; die Leute zerstreuten sich an der Brunnenröhre
+oder am Bach; die meisten aber zogen doch vor, ihre Abendtoilette auf dem
+Zimmer zu besorgen.
+
+Draußen auf der Straße knarrte noch ein Wagen. Trotzdem schloß der lange
+Ignaz das Tor. Das war eine neue Heimtücke von ihm; denn vor dem Tor stand
+Piesecke mit einem Fuder Klee und wußte nicht, wie er es anstellen solle,
+die Zügel der Pferde, von denen eines sehr unruhig war, nicht loszulassen
+und doch an das Tor zu klopfen.
+
+So schrie er: „Es ist zu! Es ist zu! Bitte, machen Sie gefälligst auf!“
+und es klang wie ein jammernder Hilferuf. Die Leute, die noch im Hofe
+waren, lachten, und niemand dachte daran, Piesecke in seiner Not
+beizustehen. Da eilte die kleine braune Anneliese über den Hof und
+versuchte das schwere Tor zu öffnen. Ich half ihr dabei, und ich sah zum
+erstenmal, wie reizend dieses Mädchen war. Wie eine süße, junge, rote
+Rose! Ihre Sternenaugen grüßten mich wieder so freundlich, und ich
+glaubte, zu ihrem Herzen würde ich den Weg wohl leichter finden als zum
+Herzen dieser stolzen Eva. Und sah doch wieder zu dieser Eva hin.
+
+Nun sollte zur Abendmahlzeit gerufen werden. In anderen Höfen geschah das
+durch eine Glocke. Hier im Forellenhof trat Emmerich mit seiner Leibgarde
+auf. Vier Mann, zwei mit Becken, einer mit einer Trommel, einer mit einer
+Pauke. Dieser Tischruf war so gewaltig, daß die Leute drunten in
+Waltersburg wußten, wann im Forellenhof gegessen wurde. Damit aber auch
+der lyrische Teil dieser Emmerichschen Kunstleistung nicht fehle, wurde
+ein Kanon gesungen, den Emmerich gedichtet und komponiert hatte:
+
+ „Lobt den Herrn, hat’s zu bedeuten,
+ Wenn zur Ruh die Glocken läuten,
+ Doch dabei nicht zu vergessen,
+ Kommt zum Essen! Kommt! Kommt!“
+
+Die vier Sänger sangen diesen Kanon mit tiefem Gefühl. Bald sammelten sich
+die Abendgäste an der großen Tafel im Garten. Emil Barthel saß an der
+Spitze und präsidierte. Es gab Bratkartoffeln, Milch, Weißkäse, Butter und
+Brot, grünen Salat, frische Kirschen und Haselnüsse. Dieses Abend-„Menu“
+habe ich glatt von Lahmann im „Weißen Hirsch“ übernommen, weil es kein
+besseres gibt.
+
+Piesecke behauptete, wenn er Milch, Kirschen, grünen Kopfsalat und
+Weißkäse zusammen äße, bekäme er auch zusammen die Ruhr, den Typhus und
+die Cholera. Er war deshalb mit noch einem anderen Kurgast an einen
+Extratisch gesetzt und bekam besondere Kost. Nach vierzehn Tagen, als
+Piesecke sah, daß die Gäste am „Normaltisch“ sich sehr wohl fühlten, wurde
+er seiner Einsamkeit überdrüssig und verlangte zu den anderen.
+
+Ich aß an diesem Abend mit im Forellenhof, und ich hatte große Freude, zu
+sehen, wie herrlich es den Leuten schmeckte. Auch die Tischgespräche, die
+geführt wurden, gefielen mir. Weit weg war alles gespreizte, verlogene
+Getue, weit weg aller Phrasenklüngel, alles ästhetisierende Jongleurtum,
+alle pseudophilosophische Geistreichelei, jede auch noch so versteckte
+Prahlerei mit wirklichen oder vermeintlichen Werten aus dem früheren
+Leben.
+
+Der dicke Franzel erzählte dem dürren Heinrich (einem Zoologen aus
+München), daß er drei Maulwürfe erlegt habe, worauf Heinrich entrüstet
+erklärte, das sei eine ungeheure Dummheit, da der Maulwurf als
+Insektenvertilger und nachweislicher Nichtpflanzenfresser niemals ein
+Würzelchen der Wiese, dagegen aber täglich so viel schädliche Engerlinge
+verspeise, wie er selbst schwer sei. Vater Barthel, zum Schiedsrichter
+angerufen, entschied: „Den Büchern nach ist der Maulwurf sehr nützlich,
+aber dem Bauernverstande nach schlagen wir ihn tot. Von wegen seiner
+Haufen!“ Heinrich zuckte die Schultern und sagte, es werde wohl auch in
+diesen finsteren Aberglauben noch einmal Licht kommen. Vom Ausroden zweier
+Weiden erzählte einer, vom Pflanzen von Sellerie ein Mädchen, von der
+Aussaat von Winterrettich und Wirsing eine andere. Die meisten sprachen
+von der lustigen Heuernte, von dem rotblühenden Kleefeld oder von dem
+Wiesenwässerlein, über das eine neue schmale Brücke mit einem birkenen
+Geländer gelegt worden war. Bäuerliche Themen, manchmal mehr altklug
+behandelt, wie Kinder schwätzen, als wirklich erfahren, wie Vater Barthel
+war, der aber sehr wohlwollend alles anhörte. Weil es an St. Barnabas
+geregnet habe, erklärte ein Rheinländer, würden die Trauben dieses Jahr
+von selbst ins Faß schwimmen, und wie das Wetter am Johannistag sei, so
+würde es bis Michaeli sein, behauptete ein anderer. Ich sah mir die Leute
+an, die so sprachen. Sie gehörten alle zu den gebildeten Schichten der
+Bevölkerung. Würden sie je in ihrem eigenen Leben solche Unterhaltung
+führen, so wären sie Sonderlinge, als komische Käuze, vielleicht als
+albern gebrandmarkt. Hier wären sie lächerlich, wenn sie von hoher
+Politik, von gesellschaftlichen Ereignissen und Beziehungen, von
+künstlerischen oder philosophischen Streitfragen zu reden begännen.
+
+Diese Leute haben wirklich alle Ferien vom Ich gemacht. Und ich sehe, daß
+ich meine Idee nicht bis in die Einzelheiten selber auszudenken brauche;
+hier dichten alle mit an dem großen Sturmlied, das wir gegen den Jammer
+unseres modernen Lebens anstimmen wollen; hier hilft jeder bauen an der
+Brücke, die über den Strudel der Zeit zu dem stillen Eiland des Friedens
+führt, hier stützt einer den andern. Betrachtet den Soldaten, der schwer
+beladen sein junges Leben in täglich vielstündigem mühseligem Marsch gegen
+die Feuerschlünde der Feinde schleppt – er würde auf seiner furchtbaren
+Reise erlahmen, liegenbleiben, verzweifeln nach der dritten oder vierten
+Stunde, wenn er allein wäre. Aber der Rhythmus der Masse hält seine
+Glieder im Gang; am klingenden Bewußtsein der Gegenwart von tausend
+anderen hält er sich aufrecht.
+
+So ist es hier auch. Nimm den einzelnen Kulturmenschen, setze ihn in eine
+Bauernstube, heiße ihn leben und arbeiten, wie es ein Bauer tut, und das
+Heimweh packt ihn am achten Tage und treibt ihn davon. Mit Hunderten, ja
+mit Tausenden seinesgleichen aber ist er glücklich, legt er alle Tage
+Strecken auf dem Wege der Gesundheit zurück, deren er sonst nie fähig
+wäre, kommt er trotz aller Anfeindung durch sein bequemes, verzärteltes,
+tyrannisches Ich zum Siege.
+
+
+
+
+
+ LORELEI
+
+
+Mein Bruder Joachim guckte über den Gartenzaun. Und als sich die
+Gesellschaft auflöste zum Abendspaziergang, fügte es sich leicht, daß Eva
+und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der
+Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Männer zur
+Laute:
+
+ „Rosenbusch holderblüh,
+ Wenn i mei Mädle g’sieh –“
+
+Wir blieben stehen und hörten zu. Die Sänger reichten zwei volle Gläser
+zum Fenster heraus, und unsere Mädchen nippten daran und lachten.
+
+Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon
+aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der
+fröhliche Singsang überging in „Drauß’ ist alles so prächtig, und es ist
+mir so wohl“, bemerkte ich, daß Joachim heimlich nach Annelieses Hand
+faßte, die ihm das Mädchen traumverloren überließ.
+
+Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die
+Sinne. Glühwürmchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus
+blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden
+ich kenne, Eichendorffs traurige Weise:
+
+ „Sie hat einen andern genommen,
+ Ich war draußen in Schlacht und Sieg,
+ Nun ist alles anders gekommen,
+ Ich wollt’, es wär’ wieder Krieg!“
+
+Über die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die
+sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und
+eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine:
+
+„Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schön gesungen!“
+
+Die Frau schüttelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es
+auch schon dämmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich
+sah, daß das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste
+Frau, Luises Mutter, war.
+
+Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er
+erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine
+weltmüde und doch immer noch glücksuchende Rechte nach der kleinen
+Anneliese keuscher Hand.
+
+„Magdalena, kommen Sie hierher!“ rief das Kind abermals und dringend.
+
+Die aber schüttelte den Kopf und ging davon.
+
+Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die
+Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hörte aus dem
+Klange des Hornes die Worte:
+
+ „Ich aber war weit schon gegangen,
+ Jetzt sieht sie mich nimmermehr.“
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Die Nacht war schwüler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heiße
+Gewitterluft über unsere Häupter getragen würde. Ich saß wach am Fenster.
+Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er
+machte mir Mitteilung, daß er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe
+und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen übertragen
+wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: „Ich verhehle Ihnen
+nicht, lieber Freund, daß meine tiefe Neigung für Fräulein Eva Bunkert,
+deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an
+ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie – dessen versichert
+mich Ihre ehrliche Freundschaft – immer Rechnung tragen.“
+
+Wie schwül die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wünsche,
+heißer Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schöne Traumbild
+von Liebe und Glück von drohendem Wetterleuchten überstrahlt an meinem
+Himmel stand.
+
+Da bäumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho,
+mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu
+befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher,
+in dem du mich überbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave,
+dem du befehlen kannst: Laß ab von jenem Mädchen, das ich für mich will!
+Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in
+der Welt Freundschaft stärker als Liebe, wo wäre sie im Kampfe mit ihr
+nicht unterlegen?
+
+Komm nur zurück, alter Geschäftemacher, und kämpfe um die Braut! Wenn du
+zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiß
+nicht mehr entreißen.
+
+So wollte ich das Recht auf mein Lebensglück wahren. Aber neben dem Willen
+saß der Zweifel. Ich wußte, daß Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte
+als zu mir. Ich war wohl für das Glück der Liebe nicht bestimmt. Niemals
+im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu
+verträumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die
+junge, rote Rose, hatte ich übersehen.
+
+Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des
+Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin.
+
+Auch da fühlte ich ein böses Wetter aufsteigen.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern
+machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das
+dir den Tag grau färbt und deine Nächte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu
+der herben, tüchtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen,
+mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, daß du das Haupt hochheben und
+tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du
+einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen
+tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tüchtige Frau,
+sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedrängnis und dich
+wieder auf eine feste Straße stellen; hast du Güter verloren, welcher Art
+es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen
+und leere Herzen immer neu zu füllen vermag; sind dir alle
+Unterhalterinnen des Lebens überdrüssig geworden, laß die Arbeit an deinem
+Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft!
+
+Denn sie ist deine beste Freundin; sie schützt deine Gesundheit, sie
+stärkt deine Muskeln; sie würzt dir das Mahl und salzt es, daß es nicht
+faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte über deinen Wert ins
+Ohr und hütet dich doch vor Übermut durch kleine oder große Mißerfolge;
+sie gibt dir für deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu
+deinem Becher den rechten Durst und schließt dir alle Abende mit leisem
+Finger die Lider!
+
+ -------------------------------------------------------
+
+So bin ich durch die Arbeit über meine Zweifel und Leiden hinweggekommen,
+so sind meine Eigenwünsche still geworden und wie kleine Heimatbächlein
+hineingerieselt in den großen Strom des Willens zum Dienst der
+Allgemeinheit.
+
+Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes
+Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der
+starken Alltagswelle, die mein Schiff trägt.
+
+Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir
+ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Männer wie Frauen.
+Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluß die Lorelei und in dem
+scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der
+Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein „golden Haar“ kämmt, sondern
+vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die
+gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am
+Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber
+schönes Geschäft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die
+Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein
+pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe
+verunglückte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem
+kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem
+Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwächen haben möge, und wird
+die Frage ein wenig zähneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter,
+bis sich ergibt, daß die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat,
+eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte,
+wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Unglücksfahrt eine Torheit
+gewesen, nach welcher man klüger geworden und gottlob ans feste Land und
+in trockene Kleider gekommen sei.
+
+In den meisten Fällen hilft meine Methode; sie führt durch das Türlein:
+„Er ist es nicht wert, daß ich mich opfere“, in den Garten der Gesundung.
+
+Einige Fälle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, daß immer nur
+auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt.
+Die stehen dann wie verloren und verzürnt in dem lustigen Ferienheim vom
+Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton
+wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht hält, und
+steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal
+zurück.
+
+
+
+
+
+ DIE „KRUMMBEINIGE MEDIZIN“
+
+
+Meine Kurmittel sind nicht ganz gewöhnlicher Art. Es gibt Ärzte, die den
+Sitz alles Übels im Magen suchen; andere begeistern sich für die Leber;
+wieder andere schwören auf warme Füße; ganz alte, bequeme Knaben geben
+immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen,
+außer mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei überhaupt nichts
+anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren „Giftmischer“ genannt, und
+alle werden von den Homöopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein;
+ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am
+meisten.
+
+Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine
+Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner
+hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfünfzig Fällen die Anschaffung
+eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der
+medizinischen Wissenschaft gewißlich ein Novum, aber er ist gleicherzeit –
+das kühne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt – nichts anderes als
+ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in
+Amerika drüben nennen sie ihn _german __dog_), er heißt „Spezi“, weil er
+mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die
+gesundheitsfördernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als
+daß ich in meiner Nächstenliebe nicht auch anderen das Glück eines solchen
+Besitzes gönnen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier
+nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift
+dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase über den
+„Chef“ rümpfen, der so viele „krummbeinige Medizin“ verordnet, daß neulich
+sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung
+abhielten und greulichen Unfug verübten. (Dr. Fristen hat mir damals
+gekündigt mit der Begründung, daß er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und
+ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spießer, die
+nur ihr Schuleinmaleins ableiern können!)
+
+Einen Dackel verordne ich zunächst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel
+seiner Leiden zu große Eigenliebe erkenne. Die gewöhnt ihm der Hund
+alsbald gründlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet
+auf die Dauer seinem Dackel gegenüber die „Herrchen“-Natur.
+
+Das „Herrchen“ ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es
+nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken
+versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende
+Dackel – einen Igel erschnuppernd – biegt gen Süden ab. Der Philosoph wird
+sich anfangs um den kläffenden Köter ganz und gar nicht kümmern; aber dann
+wird er pfeifen – einmal, zweimal, dreimal leise – dann laut, immer lauter
+rufen, drohen, die Fäuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn
+geschleudert werden, umkehren, gen Süden wallen und Betrachtungen darüber
+anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier
+sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Höhe eisigen Denkens
+ist durch einen Dackel ertrotzt.
+
+Gut so – in den Ferien vom Ich!
+
+Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines
+elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenüber mit der
+ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn
+in hundert Runzeln, die Ohren hängend, den Schwanz melancholisch
+eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd,
+stöhnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen,
+mit dem Vieh auf die Straße flüchten und sich nicht schlecht wundern, daß
+der scheinheilige Jämmerling plötzlich wie ein Berserker der Lebenslust
+umherrast. Etwas abfärben wird es schon. Das nächste Mal, wenn er und der
+Dachs so trübselig einander gegenübersitzen, wird sich der Misanthrop
+selbst nicht recht trauen und auf die Straße gehen.
+
+Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und
+keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den
+ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und füttern kann.
+
+Die kleinliche, ordnungswütige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines
+Zigarrenstäubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte,
+bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhält als
+Antwort auf ihre entrüstete Klage, daß ihr das „entsetzliche Vieh“ die
+Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch
+geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die
+Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur
+nebensächlicher Bedeutung, und ohne Dackel könne sie nicht gesund werden.
+
+Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt
+im verschlossenen Briefe mitteilte, sie brächte ihre Nachbarschaft durch
+ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen
+Dachshund verordnet.
+
+Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und
+verheult, daß ihr die Drahtkommode zur Unmöglichkeit wurde.
+
+Allen den sehr nervösen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiß,
+daß sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draußen in der Welt als
+Richter oder Examinatoren auf arme Opferlämmer losgelassen werden,
+verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner künftighin auch vor
+ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde
+ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen
+Menschen ohne äußerste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch
+so ruiniert sind.
+
+Ferien vom Ich!
+
+Das ist so die fieberstillende Wirkung der „krummbeinigen Medizin“. Aber
+der Dachs wirkt auch stärkend und aufbauend.
+
+Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen
+Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle
+Kreaturen, ein „untreues Luder“. Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer
+seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen täten! Vier
+Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir:
+
+„Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich
+zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit
+schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er
+treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauselöcher,
+in die ich schnuppern möchte, aber es ist doch am schönsten bei dir! Das
+ist immerhin eine gewisse Treue!“
+
+Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes,
+hoffärtiges Gebaren haben, denen, die „sich tun“, wie die Leute sagen. Es
+sind ihrer sehr viele. Wer „tut sich“ heutzutage nicht? Der Dichterling,
+der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen
+nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt,
+gleich ist ihre Hoheit dahin.
+
+Man kann nicht geziert, nicht unnatürlich tun und sein, wenn man mit einem
+Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil,
+zerrt einen widerwillig in die Natürlichkeit zurück.
+
+Gewiß, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein täppischer Biedermeier,
+ein Kleinbürger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein
+genialer Spötter.
+
+Ich wüßte nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei
+Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte!
+
+
+
+
+
+ IN DER GENOVEVENKLAUSE
+
+
+Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer über wohnte eine Witwe
+mit ihrem Söhnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres
+Eheglücks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause
+flüchtete. Das Häuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist
+über dem Felsen, der Bach fließt vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner
+Tür. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause
+ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fußweg führt zu ihr hin, und es
+ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso
+still.
+
+Nun ist die Frau fortgezogen. Sie mußte in die Welt zurück und hatte
+Tränen in den Augen, als sie Abschied nahm.
+
+„Wenn das Grab meines Gatten hier wäre, möchte ich nie mehr ausziehen aus
+der lieben Klause“, sagte sie.
+
+„Sie müssen es wegen Ihres Sohnes“, entgegnete ich ihr; „Sie dürfen keinen
+Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie müssen ihn
+vorbereiten für das Leben.“
+
+„Mir graut vor dem Leben“, sagte Frau Herzeleide und zog davon! ...
+
+Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich
+mußte ein wenig warten. Da kam sie zur Tür herein – Magdalena vom
+Forellenhof –, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak
+sie und strebte zur Tür wieder hinaus. Ich hielt sie zurück.
+
+„Was wünschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein.
+Warten Sie nur einige Minuten!“
+
+Sie war äußerst verwirrt.
+
+„Ich wollte – ich möchte – ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht
+möglich sei, daß ich in die Genovevenklause ziehen könnte, da sie frei
+geworden ist.“
+
+„Gefällt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?“
+
+Sie wich aus.
+
+„Ich möchte sehr gern in tiefere Einsamkeit.“
+
+„Ist Ihr Arzt damit einverstanden?“
+
+„Ja.“
+
+Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn
+gefahren.
+
+„Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen
+recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort
+steht. Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie die Klause bekommen.“
+
+„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich möchte Ihnen
+meinetwegen den Weg nicht zumuten.“
+
+„Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!“
+
+Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blaß, und ihre
+Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz
+gefärbt; das veränderte sie am meisten. Aber auch der früher so rosige
+Teint war verloren; die Haut schimmerte blaß und feucht; die Kinderaugen,
+die so übermütig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare
+Schönheit noch, aber sie blickten müde und traurig.
+
+Während wir so gingen, sprach ich über harmlose Dinge, über die Ernte,
+über Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt
+hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den
+schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht
+mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, daß ich voranschritt.
+
+So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erlösers, und ich dachte
+an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und
+mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich
+nicht grausam sein. Diese Frau war so müde, so geschlagen; sie brauchte
+keine Strafe mehr.
+
+„Magdalena“, sagte ich, „ich habe gehört, daß Sie gern mit unserer kleinen
+Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen
+hier nicht fehlen?“
+
+Sie seufzte schwer.
+
+„Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das
+junge Fräulein, die Bärbel, und mir hat Luise versprochen, daß sie mich
+alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh.“
+
+„Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzählt?“
+
+„Ja, sie hört gerne Märchen.“
+
+„Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?“
+
+„Ja, ich tue das sehr gern.“
+
+„Hm.“
+
+Ich machte eine Pause.
+
+Dann sagte ich:
+
+„Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin
+austoben. Aber als ständiges Unterkommen hätte ich für die Kleine gern ein
+stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen
+in Pflege.“
+
+Da schrie sie kurz und jäh auf.
+
+„Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine große Gnade!“
+
+Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: „Ich werde es tun.“
+
+Nun faßte sie mich an den Händen; ihr ganzer Körper bebte.
+
+„Eine Gnade!“ wiederholte sie. „Ich bin so verlassen, und ich habe das
+Kind so lieb!“
+
+Sie ließ mich los, legte einen Arm über die Augen, trat ein wenig zurück
+und stand so ein Weilchen still da. Plötzlich begann sie bitterlich zu
+weinen.
+
+„Was ist Ihnen, Magdalena?“
+
+„Es geht nicht; es geht nicht!“ schluchzte sie; „wenn Sie – wenn Sie
+wüßten, wer ich bin, würden Sie mir das Kind nicht übergeben. Ich bin eine
+– eine schlechte Frau!“
+
+Ich ging zu der Unglücklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte
+erschüttert:
+
+„Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiß, wer du bist!“
+
+Sie prallte zurück.
+
+„Sie wissen – wer ich ...“
+
+„Ja, Käthe, ich hab dich erkannt!“
+
+Da warf sie die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und verschwand um
+den Felsen in den Wald.
+
+Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mühe ein.
+
+„Wenn Joachim mich erkennt, schlägt er mich tot!“ wimmerte sie.
+
+„Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich außer mir. Und ich werde dich
+schützen!“
+
+Sie mußte sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurückführte.
+Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustür und streichelte ihren
+Scheitel.
+
+„Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir
+kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen
+früh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fürchten Sie
+nichts, ängstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es
+soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!“
+
+Ich ließ sie allein.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher
+Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat
+keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie
+auf, läßt sie leiden.
+
+Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich
+glaube nicht, daß sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von
+stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig.
+
+Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen.
+Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz
+nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte
+die Mutter zu mir:
+
+„Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die
+Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.“
+
+„Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine
+Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, daß
+er überhaupt existiert.“
+
+„Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!“
+
+„Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muß!“
+
+Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und
+Trotz.
+
+„Ich werde Joachim aufklären!“ sagte sie bestimmt.
+
+„Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis
+Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner
+Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner
+Tochter geworden ist. Laß ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig
+verfehlten Ichleben.“
+
+„Er ist schuldlos an seinem Unglück!“
+
+„Nein! Er ist nicht ohne Schuld.“
+
+„Fritz!“
+
+„Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen
+maßlosen Haß viel tiefer ins Unglück gebracht, als ein kluger Mensch, der
+sich beherrschen kann, nötig hatte, und er hat sich gegen sein Kind
+schäbig benommen.“
+
+„Das ist unerhört, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim
+bestimmt aufklären.“
+
+„Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit
+dem Kinde zusammenleben wollen.“
+
+„Nun, so müßte man eben das Mädchen vorläufig noch nach einer guten
+Pension bringen.“
+
+„Das würde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung nötig wäre, würde
+Luise hierbleiben, und Joachim würde von mir entlassen werden.“
+
+„Entlassen?“
+
+„Ja, es hat sich so gefügt, daß Joachim gegenwärtig mein Angestellter ist.
+Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag.“
+
+„Du bist maßlos hochmütig und lieblos!“
+
+„Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben.“
+
+„Berufe dich nicht auf dein Herz“, sagte sie, „du hast keines!“
+
+Und sie ging.
+
+Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter
+wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch,
+weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens
+befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe
+im Ichleben, im Familienjammer.
+
+Und da dämmerte mir, daß es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe,
+daß ich in freiem, ungestörtem Zölibat meiner großen Idee am besten dienen
+könne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glück bleiben würden, aber Arm
+und Fuß frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum
+Vorwärtsschreiten und Handeln.
+
+Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und
+sagte ihr, daß ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstände.
+Sie schüttelte zwar das schöne Köpfchen, aber sie ließ sich von mir
+küssen, und ich stieg fröhlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange
+traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich
+abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel.
+
+
+
+
+
+ DIE SCHLACHT BEI WALTERSBURG
+
+
+Jeder deutsche Kurort hat seine „Sensation der Saison“, so wie jedes
+Affentheater seine „größte Attraktion der Gegenwart“ hat. Auch unser
+Ferienheim hatte seine Sensation.
+
+Anton, der älteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die älteste
+Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heiße
+Schlacht entsponnen.
+
+Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfräuliche
+Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und
+einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden
+Kavaliere in die übliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter
+Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin wäre alles in Ordnung
+gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen
+Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt
+gewesen und hatte sein Rößlein in der kleinen Ausspannung des dortigen
+Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefähr hatte er dann von der
+Sommerlaube im Gärtchen aus das Gespräch zweier Neustädter Burschen
+belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch
+zwei anderen am nächsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie
+in der Dämmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im
+traulichen Gespräch mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen,
+auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhaßten Waltersburg ihr
+Mütchen zu kühlen.
+
+Als Piesecke solches hörte, kam sein fürstliches Blut in Wallung.
+(Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgroßvater hatte als
+General in fünf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Während er nun
+gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem
+Anschlag der Neustädter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu
+retten sei. Er warb zunächst ein Heer. In dasselbe traten mit großer
+Begeisterung außer dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler
+Methusalem vom Forellenhof, auch der Sänger Hagen Korrundt, der immer noch
+bei uns nachtwächterte, und die gegenwärtigen Insassen unserer
+Räuberhöhle. Diese letzteren waren vier fragwürdige Gestalten, die sich
+Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules,
+unordentliches Leben führten und nun froh waren, daß sie einmal etwas
+Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anführer gegen
+fünf Neustädter – mit dieser beträchtlichen Übermacht, hauptsächlich aber
+durch seine überlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des
+Napoleonbekämpfers den Sieg zu erringen.
+
+In der Räuberhöhle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht
+sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens überlasse ein guter
+Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme
+selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens könnte am Gartenzaun Vater
+Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gäbe es ein Malheur. Anton
+sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen
+Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die nächste
+Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden
+Neustädtern angefallen würde. Alsbald würde er ihm mit noch sechs Mann zu
+Hilfe eilen, die überraschten Neustädter würden – die Übermacht erkennend
+und bedrückt durch ihr schlechtes Gewissen – die Flucht hinab gen
+Waltersburg ergreifen wollen, aber da würden Moor und Schinderhannes, die
+weiter unten in den Hinterhalt gelegt würden, hervorbrechen, den
+Neustädtern den Weg verlegen und – die ganze Rasselbande sei gefangen. Er
+wolle ein für die Neustädter sehr demütigendes Dokument aufsetzen, das die
+Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre völlige Niederlage zugeben
+müßten, und dieses Dokument solle in der Räuberhöhle unter Glas und Rahmen
+aufbewahrt werden als ein Zeichen, daß der langjährige Kampf zwischen
+Waltersburg und Neustadt mit dem endgültigen Sieg der Waltersburger
+geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu
+einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle wärmeren Gefühle,
+die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch für den Gastwirt hegen sollte,
+abgekühlt werden würden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen
+bewegten Leben aus vielen Fällen, daß nichts so sicher die Liebe des
+Weibes ertötet, als wenn der Geliebte vor ihr lächerlich wird.
+
+Während dieser Ausführungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen
+Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weißgetünchten Wand
+die Umrisse zu einem Triptychon großen Umfangs entworfen. Die Seitenteile
+des Bildes sollten die „Tücke“ und der „Kampf“ heißen, das Mittelstück
+aber „Der Sieg“.
+
+Die „Tücke“ würde Anton und Pauline im Dämmerlicht dahinwandelnd und von
+den Neustädter Unholden belauert zeigen, der „Kampf“ eine besonders
+dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstück den
+Sieg Waltersburgs in großer Apotheose feiern. Das Mittelstück war schon
+etwas ausgeführt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Roß Piesecke
+als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Kränzen im
+Haar; als nächstes Paar die Vertreter der Künste, Emmerich mit der Harfe
+und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die
+bärenhäutigen Kriegsgenossen.
+
+Und nun mußte die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da
+der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen
+Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte,
+einzuüben.
+
+„So“, sagte nach einer Stunde Methusalem, „der Sieg ist ganz und die Tücke
+teilweise gesichert; fehlt bloß der Kampf.“
+
+„Der wird gigantisch!“ rief Piesecke.
+
+Die Sache verlief nicht ganz programmäßig. Zwar gingen die Neustädter
+wirklich in die Falle und überfielen Anton zweihundert Meter jenseits der
+Waldecke, aber die Kerle rissen nicht – wie vorausgesehen – durch die
+Übermacht erschreckt und ihr böses Gewissen beunruhigt aus, sondern
+blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die
+Waltersburger jämmerlich. Das kam aber daher, daß sich die in Anrechnung
+gebrachte Übermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minorität
+verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der
+Schlacht dadurch kampfunfähig gemacht, daß ihn ein riesenhafter Neustädter
+Bräuknecht in die Höhe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an
+dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene
+mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch
+verewigen mußte, und der Musiker Emmerich fühlte sich dazu berufen,
+ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung
+seiner Siegeshymne anzufeuern. So kämpften nur der Sänger Hagen Korrundt,
+der Bräutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber –
+da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren – gegen die rohe Gewalt
+der Neustädter Raufer nicht aufkamen. Es gab fürchterliche Prügel, und der
+Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, daß er
+nachträglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen,
+nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter
+weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustädtern den Rückzug
+abzuschneiden, hörten den Skandal, lugten um die Baumstämme, kamen aber
+nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten.
+
+Wer weiß, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen
+wäre, wenn nicht eine starke auswärtige Macht sich eingemischt hätte.
+Durch den Wald erscholl plötzlich eine scharfe Stimme:
+
+„Pauline! Pauline!“
+
+Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit
+Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses
+Männerwerk da für sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende
+Stimme hörte, schrie sie:
+
+„Um Himmels willen, die Mutter! Macht, daß ihr fortkommt!“
+
+Drauf rissen erst die beiden Bräutigame aus, und mit ihnen verlor sich
+rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer
+energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich „herumgetrieben“ habe;
+alles Mannesvolk aber flüchtete gen Waltersburg.
+
+Und da hat es sich begeben, daß der Neustädter Gastwirt, der den Rückzug
+der anderen deckte, als er sich außer Frau Susannes Ruf- und Sehweite
+fühlte, doch noch in die Hände der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben
+ihn gefangengenommen und ihn nochmals verprügeln wollen. Aber Methusalem
+hat gesagt:
+
+„Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht
+versündigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde
+jetzt mit der schönen grünen Farbe, die ich in diesem Fläschchen habe,
+einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen.“
+
+Der Gastwirt hat mit Händen und Füßen geschlagen, aber sechs Kerle haben
+ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn
+gemalt. Mit Ölfarbe!
+
+Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen können und nach
+drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel
+geschickt, durch das er die unerwünschte Ehrung abwaschen konnte.
+
+Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schöne Bleistiftskizze
+von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren
+Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen,
+die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat.
+
+Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor
+Nässe, und alle Schwachheit und Feigheit der Kämpfenden sowie die
+Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit
+einem einzigen, aus seinem hochfürstlichen Mund hervorzischenden Wort
+charakterisiert:
+
+„Plebs!“
+
+
+
+
+
+ HERBST
+
+
+Das erste Halbjahr, da das Ferienheim in Betrieb ist, geht zu Ende. Wenn
+ich es überschaue, erfüllt mein Herz rechte Befriedigung. Nicht nur der
+äußeren Erfolge wegen. Unser Unternehmen steht glänzend da. Wir haben
+lange nicht alle aufnehmen können, die zu uns kommen wollten. Die Ernte
+auf den Feldern und in den Gärten war gut, unsere Bauern sind zufrieden,
+und unsere Kassen und Kasten sind gefüllt. Vieles, ja das meiste, verdankt
+dieser äußere Erfolg der glänzenden Organisation, die Stefenson dem Ganzen
+gegeben hat und die er von Amerika aus geleitet und weiter ausgebaut hat,
+wenn auch der Sonderling noch immer nicht nach Europa zurückgekehrt ist.
+
+Was mich als Arzt und Mensch am meisten freut, ist der Umstand, daß kaum
+einer unserer Kurgäste ohne großen gesundheitlichen Gewinn von uns
+fortgezogen ist. Das bestätigt meine eigene Erfahrung, das bestätigen
+meine Kollegen, das sagen vor allem unsere Kurgäste selbst, die schweren
+Herzens Abschied nehmen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Wenn sie nach dem
+Rathaus kommen, ihre Uhr, ihr Geld zurückerhalten, liegen diese Dinge kalt
+und fremd in ihren Händen, und wenn sie im „Zeughaus“ ihre eigenen Kleider
+wieder anlegen und, ohne noch einmal umkehren zu dürfen, durch die große
+Hinterpforte auf die Straße gelassen werden, wo der Wagen wartet, stehen
+die meisten befangen da wie ängstliches Volk, das zum ersten Male in die
+Welt zieht. So sicher, geborgen und heimisch haben sie sich in ihren
+Ferien vom Ich gefühlt.
+
+Sie schreiben alle freundliche Briefe des Dankes und guten Erinnerns und
+sagen, daß sie draußen unsere Anstalt preisen, und wenn sie dem oft
+gehörten Einwand begegnen, es sei wohl doch eine etwas kindliche,
+theatralische Sache, so beklagten sie alle diejenigen, die nicht wüßten,
+wie herzstärkend und verjüngend die Rückkehr zu kindlicher Schlichtheit
+sei und wie sie gerade vom Theatralischen erlöse, von der bösen, so
+raffiniert eingeübten und so schwer zu spielenden, immer aber im tiefsten
+Grunde erfolglosen Theaterei unseres Lebens ...
+
+Auch diejenigen, die organisch leidend waren, haben durch gewissenhafte
+ärztliche Kunst sowie durch die Gemütsruhe und Herzensheiterkeit, die sie
+umfing, die besten Erfolge gehabt.
+
+Der Sommer war gut; es mag Herbst werden. Die Fröhlichkeit stirbt deswegen
+nicht aus.
+
+Diese großen Kinder der Welt fühlen hier alle die tiefe Schönheit des
+Herbstes, von dem sie früher nichts wußten, als daß mit seiner Ankunft
+„Neuanschaffungen“ nötig seien, die Gasrechnungen höher wurden und die
+Theater- und Konzertsaison beginne.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Nach Andeutungen und Schilderungen eines unserer Kurgäste will ich
+schildern, wie ein Herbstmorgen im Ferienheim verläuft.
+
+Der Herbstwind hat gesungen die ganze Nacht. Und wie er an den Fenstern
+rüttelt und welkes Laub und dürre Zweige an die Scheiben warf, hat sich
+das Menschlein fest in die Decke gehüllt und mit großen Augen ins Dunkle
+gestarrt. Langsam ist seine Phantasie an Bord eines schwarzen
+Wolkenschiffes gegangen, das durch das kalte Meer des Himmels fuhr zu
+einem unbekannten Ziele. Ein schwarzer Mann stand am Steuer des Schiffes;
+müde, schweigende Seelen lehnten oder saßen an seinen Bordwänden. Lautlos
+glitt das Schiff. Nur der Sturm sang seine Melodie, und wilde Gänse
+schrien ihr Sehnsuchtslied in den Wind. Sie folgten dem Schiff wie große
+Möwen, und ihr weißes Gefieder zuckte gespenstisch durch die Nacht. Unter
+dem Wolkenschiff war der große Ozean der Luft. Menschenhäuser lagen wie
+Muscheln auf dem Meeresgrund, die Wälder standen wie seltsames wirres
+Gewächs wilder Schlingpflanzen, manchmal ragte ein Berg auf wie eine
+Insel, um die das Wolkenschiff herumschwimmen mußte. Von der Insel glimmte
+das Licht einer Berghütte her wie der Schimmer einer Lampe aus einsamem
+Strandhaus. Ein Felsen ragte auf wie eine Klippe, an der ein
+unvorsichtiges Schiff zerschellen kann. Das Luftmeer rollte, grollte,
+stampfte, es schleuderte die schwarze Flotte der Nacht hin und her. Die
+wilde Fahrt war voll Grausen, aber auch voll Schönheit. Immerzu, immerzu
+ging es vorwärts. Da drang ein Läuten aus der Tiefe. Irgendein Vineta lag
+drunten auf dem Grund, da gingen die Glocken. Nun wurde ein lichter
+Schimmer am Horizont sichtbar. Dort lagen die weißen Berge des Morgens.
+Und im Morgenlande lag die Heimat.
+
+Da fielen dem Träumer die Augen zu – er stieg herab von dem dunklen Schiff
+–, stieg ans lichte Land und war zu Hause. Weib und Kind waren bei ihm,
+und die guten Freunde kamen und schüttelten ihm die Hände.
+
+Er erzählte ihnen, wo er gewesen sei.
+
+Da klopfte es an die Tür.
+
+„Gottfried, stehen Sie auf, es ist halb sieben Uhr!“
+
+Gottfried rieb sich die Augen und besann sich. Richtig, er war nicht auf
+einem Wolkenschiffe, er war auch nicht zu Hause, er war Kurgast im
+Ferienheim, richtiger gesagt Bauernknecht auf dem Forellenhofe.
+
+Sechseinhalb! Es war noch ganz dunkel in der Stube. Und kalt war es. Ein
+feiner Regen spritzte ans Fenster. Jetzt wäre es wohlig, noch eine oder
+zwei Stunden zu schlafen. Ach, bloß noch ein paar Minuten! Sacht beginnt
+„Gottfried“ wieder einzuschlafen. Aber in dem Augenblick, da sich das
+Bewußtsein vom letzten Faden lösen will, schrickt er auf und springt mit
+beiden Beinen aus dem Bett. Er wird sich doch nicht von dem Barthel – dem
+Bauern – einen Meldezettel an den Arzt schreiben lassen wie ein
+Schuljunge, der was „pexiert“ hat, von seinem Lehrer. Dieser Barthel ist
+ein ganz netter Kerl, aber er „klemmt“ einen sofort, falls man über die
+Hausordnung hinweggeht. Und es ist so blöd, sich dann beim Doktor
+entschuldigen zu müssen. Unglaublich, wie leicht ein Mensch in die alten
+Pennälerängste zurücksinken kann. Also aufstehen! Beim Anziehen hält man
+sich hier nicht lange auf, es ist zu kalt in der Bude. Auch das
+Waschwasser ist kalt. Warmes müßte extra verordnet werden. Und man schämt
+sich hier unglaublich, wenn man so etwas wie verfeinerte Bedürfnisse
+erkennen lassen will. Es paßt nicht zu einem, wenn man Gottfried Stumpe
+heißt. Eigentlich war’s doch schön im Traume, so plötzlich zu Hause zu
+sein. Wie sie alle zärtlich und besorgt waren und nach den Augen schauten,
+ob da ein Wunsch abzulesen sei. Hier war das anders, hier hieß es nicht
+wünschen, sondern gehorchen. Ein Wunder war’s ja nicht, wenn man manchmal
+ein bißchen Heimweh hatte, zumal man fast gar nichts von Hause erfuhr.
+Gestern war eine Postkarte gekommen, nach sechs Wochen die erste
+Nachricht. „Lieber Mann! Bei uns sind alle wohl, und es ist alles in guter
+Ordnung. Wir denken Deiner in Liebe und haben nur den einen Wunsch, daß Du
+Dich völlig erholst. Mit treuen Grüßen Dein Weib und Deine Kinder.“ Das
+war alles. Es war ja eigentlich genug, es war ganz nach dem Herzen der
+Kurdirektion; aber Details fehlten gänzlich. Ob nun Fritzchen im
+Griechischen auf das volle „Genügend“ gekommen war, ob Lenchen während der
+Ferien zum Großvater reiste, ob der Kollege Neumann sich wirklich den
+Adlerorden erschlichen hatte, wer Stadtverordnetenvorsteher geworden war,
+wie die Elektrizitätsaktien standen – ah, kein Wort! Das ging ihn
+wahrscheinlich nichts an, ihn, den Knecht Gottfried Stumpe. Auf die
+gewohnte Anrede „Herr Amtsgerichtsrat“ hatte er beinahe völlig vergessen.
+Sie war ihm wie ein Klang aus sagenhafter Zeit. Er war einfach Gottfried.
+
+„Gottfried“, hatte gestern die dicke Susanne gesagt, „helfen Se mir mal
+meine Brille suchen; ich hab mir se verlegt und muß die Butterrechnung
+schreiben.“
+
+So wurde man sogar zu persönlichen Dienstleistungen herangezogen. „Man“,
+der Herr Amtsgerichtsrat! Wie oft überhaupt dieses Weib, die Susanne, die
+Brille verlegt, ist unglaublich. Methusalem hat ihr jetzt eine Art
+Soldatengurt gestiftet, daran hängt wie eine kleine Säbelscheide das
+Brillenfutteral. Da soll sie ihre Augenwaffe immer bei sich haben. Aber
+sie trägt das Koppel nicht, sie hat es dem Methusalem um die Ohren
+schlagen wollen.
+
+Dieser Methusalem ist ein ganz netter Kerl; nur, er erlaubt sich zuviel
+Frechheiten. Ihn, den Amtsgerichtsrat, hat er gezeichnet. Aber nur von
+hinten. Er sagt, er hätte einen interessanten Rücken.
+
+Das Waschwasser ist abscheulich kalt. Und der Spiegel ist klein. Von
+ordentlichem Frisieren ist keine Rede. Den Nackenscheitel hat er längst
+aufgegeben.
+
+Richtig, jetzt kommt noch das Schandvieh, der vom Doktor verordnete
+Dackel, verbeißt sich in die herabhängenden Hosenträger und zieht und
+zerrt daran. „Man“ macht eine Bewegung, wie Pferde, die nach hinten
+ausschlagen wollen, verliert dabei seinen Pantoffel und bemerkt, daß der
+Dackel die Hosenträger jählings losläßt, sich auf den Pantoffel stürzt und
+mit ihm unter dem Bett verschwindet. Mag er. Mag er ihn zerfressen! Der
+Pantoffel gehört der Kurverwaltung. Und der Dackel ist ihm oktroyiert.
+Einfach oktroyiert! Er hat Hunde nie leiden mögen. Schon gar nicht als
+Schlafkumpane. Er hat sie immer als wandelnde Flohfabriken verabscheut.
+Methusalem hat neulich einen „wissenschaftlichen“ Vortrag im Rathaussaal
+gehalten und vorher durch öffentlichen Anschlag angekündigt. Das Thema
+lautete: „Kann der Mensch (_homo sapiens_) von dem Hunde (_canis
+familiaris_) einen Floh (_pulex irretans_) erhalten?“ Er – Amtsgerichtsrat
+_Dr._ – nein, Gottfried Stumpe, hat den Blödsinn nicht mitmachen wollen.
+Zuletzt hat er gerade an dem Vortragsabend rein gar nichts vorgehabt und –
+um die Zeit totzuschlagen – hingehen wollen. Aber da hat es geheißen: Der
+Saal sei überfüllt, die Polizei lasse niemand mehr zu. Tags darauf hat am
+Rathaus eine „Rezension“ des Methusalemschen Vortrags ausgehangen. Isidor
+Karfunkelstein vom Grundhof hat sie geschrieben. Natürlich Blech! Am
+Schluß hat es da geheißen: „So wies der Vortragende in seiner lichtvollen,
+hinreißenden Art aufs überzeugendste nach, daß Hunde- und Menschenfloh
+zwei ganz verschiedene Spezien sind, daß es einem Hundefloh niemals
+einfalle, die schön behaarten Jagdgründe seiner tierischen Pfründe
+freiwillig zu verlassen, um auf dem glatten Parkett der Menschenhaut
+unglücklich zu debutieren; daß dem Hundefloh das tierische Blut viel
+besser munde als das menschliche; daß ein bei einem Menschen gefundener
+Hundefloh eine außerordentliche Ausnahme, einen armen Verirrten darstelle,
+der höllisch an Heimweh leide, kurz, daß wohl ein Dackel von einem
+Menschen einen Floh bekommen könne, aber nicht umgekehrt. Eine Resolution,
+die darauf hinausging: die Mitglieder der Versammlung als Angehörige der
+Kulturwelt seien fest entschlossen, den alten Aberglauben, daß ein _pulex
+irretans_ vom _canis familiaris_ freiwillig zum _homo sapiens_ übergehe,
+auszurotten, wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die
+ohnmächtige geringe Opposition wurde ausgelacht.“
+
+Das war also ein „wissenschaftlicher Vortrag“ in diesen Ferien vom Ich.
+
+Verrückt! Aber alles Volk lief hin, Herren und Damen! Rauften um die
+Plätze!
+
+Nun hat das Beest, der Dackel, den Pantoffel wirklich zerfetzt. Er guckt –
+mit elenden Plüschüberresten in der Schnauze – höchst durchtrieben unter
+dem Bett hervor, und seine weit aufgerissenen Augen fragten: Gibt es nun
+Keile oder nicht?
+
+Er schlägt ihn nicht. Mag Vater Barthel neue Pantoffeln besorgen.
+
+Er regt sich nicht auf. Dazu ist er nicht da. Früher würde er gekollert
+haben. Jetzt nicht mehr. Er ist Gottfried Stumpe, dem solche Kleinigkeiten
+sehr egal sind.
+
+Der Dackel versteckt inzwischen die Zeichen seiner Schandtat weit unter
+dem Bett, dann kommt er näher, macht ein äußerst treuherziges Gesicht,
+wedelt mit dem Schwanze und bietet das Bild unverdächtigster
+Harmlosigkeit. Gottfried sieht ihn an, beschließt, die abscheuliche
+Heuchelei zu übersehen und sagt einfach und gelassen:
+
+„Du bist ein Schweinekerl!“
+
+Der Dackel blinzelt nach dem Fuße, auf dem sein „Herrchen“ in bloßen
+Socken steht, nimmt den „Schweinekerl“ als etwas ganz Selbstverständliches
+hin und springt dann zärtlich an dem von ihm liebreich geneckten Manne in
+die Höhe. Und der schabt ihm freundlich den Nacken, dort, wo das Fell so
+lose sitzt wie ein viel zu weiter Anzug.
+
+„Gottfried, mähren Sie nicht wieder so lange beim Anziehen! Sie erkälten
+sich!“
+
+Das war Vater Barthel. „Mähren“ hatte er gesagt. Der Mann war nicht
+satisfaktionsfähig. Wenn ihm früher mal einer „Mähren Sie nicht so lange“
+gesagt hätte! Zum Beispiel, als er in Sachen Pimpel _contra_ Karsubke
+wegen eines Objektes von drei Mark und fünfzig Pfennig neun Termine
+ansetzte, von dem der letzte drei Stunden dauerte!
+
+Tja – Ferien vom Ich!
+
+Der Treppenflur ist durch den gelbroten Schein von Petroleumlampen
+erleuchtet. Petroleum ist ein Licht, das aus der Erde gequollen ist. Darum
+ist es wahrscheinlich so warm. Leute, die um eine Petroleumlampe sitzen,
+sehen alle aus wie Bergvolk, das im Innern der Erde haust –
+halbbeleuchtete Höhlengesichter, die sich an den dunkel bleibenden Wänden
+doch hell abheben. Alles im Zauberschein stillen, trauten Zusammenhockens,
+ein Wissen und Bekennen: draußen ist Nacht. Alles andere grellere Licht
+lügt den Tag vor.
+
+Im Hausflur unten sagt die hübsche Magd Emilie: „Hoppla!“, weil Herr
+Gottfried an ihre Milchkanne stößt. Und dann tritt er in die große
+Bauernstube. Da umfängt ihn das ganze große Behagen des zu früh Erwachten,
+der in eine warme Stube tritt. Alle Glieder dehnen sich in Wohligkeit. Um
+den Tisch sitzen schon die Genossen und Genossinnen. Viele trinken Kakao,
+andere löffeln Milchsuppe. Er suppt. Susanne muß ihm den hübschen,
+wahrhaft künstlerisch geformten Napf zweimal füllen. Die
+Frühstücksunterhaltung ist spärlich und nüchtern wie überall. Zu Hause
+würde er jetzt Kaffee trinken und die Zeitung dazu lesen. Das bißchen
+Koffein würde ihm wahrscheinlich nichts schaden; aber daß er die Zeitung
+wieder mal auf den Tisch hauen oder zerknüllt an die Wand schmeißen würde
+– das wäre schlimmer. Hier gibt’s keine Zeitung. Es geht auch so. Sollten
+Amerika und Japan inzwischen Krieg bekommen haben, ist’s ihm völlig egal,
+wer dabei zugrunde geht, gleichgültiger als der vom Dackel zernagte
+Latschen.
+
+Der Regen spritzt noch immer an die Scheiben. Ein „Sauwetter“ würde er zu
+Hause sagen, die Gummischuhe anziehen, den Mantelkragen hochschlagen und
+auf dem schnellsten Wege zur Straßenbahn trachten, um zum Gericht zu
+fahren.
+
+Hier – Gottfried Stumpe – oh weh! Gestern war das Wetter nicht viel
+besser, und er hat Dünger fahren müssen. Die Arbeit verteilt Vater
+Barthel. Gottfried glaubt, der Bauer habe etwas gegen ihn. Jedenfalls –
+das steht fest – dieser Methusalem wird immer bevorzugt. Ist’s schön und
+warm, daß er auf dem Kartoffelfelde Allotria mit dem Weibsvolk treiben
+kann, geht er hinaus; regnet es und bläst der Wind, wird er zu häuslichen
+Arbeiten verwandt. Alles Protektion auf der Welt! Herr Amtsgerichtsrat Dr.
+– nein, Gottfried Stumpe, hätte nie gedacht, es nötig zu haben, sich um
+das besondere Wohlwollen eines Bauern Barthel oder einer Frau Susanne
+bemühen zu müssen. Er verschmäht auch alle Liebedienerei, um sich
+Vergünstigungen zu verschaffen. Dieser Methusalem – er ist ja sonst ein
+netter Kerl – ist schon fünf Monate hier, aber eigentlich ein Kriecher;
+denn er soll Frau Susanne auf einem Schaffboden in einer fabelhaft
+geschmeichelten Weise porträtiert haben, daß er, trotz gelegentlicher
+Anrempelung, lieb Kind im Hause ist und bleibt. Denn Susannes Bild hängt
+jetzt in einer Münchener Ausstellung; das schmeichelt natürlich solch
+alter Schachtel gewaltig.
+
+Die dicke Lene drüben am Nachbartisch – Gottfried müßte sich furchtbar
+täuschen, wenn er in ihr nicht die Gattin des Juweliers Rosenbaum erkannt
+hätte – sagt eben Vater Barthel eine plumpe Schmeichelei über seine
+Uhrkette, die ein klobiges Ding ist und vielleicht einen Taler gekostet
+hat. Aber Barthel, der ein geriebener Patron ist, merkt den Braten und
+sagt:
+
+„Ja, ja, Lene, meine Uhrkette is zwar sehr schön; aber Rüben abkloppen
+müssen Sie heute trotzdem.“
+
+„Es ist so furchtbar kalt!“ stöhnt die Dicke.
+
+„Lene“, belehrte sie Vater Barthel wohlwollend; „es is kalt, das is wahr.
+Aber Sie sind hier, um dünner zu werden, und Kälte zieht die Körper
+zusammen.“
+
+Sämtliche Frühstücksleute grinsen. Auch Gottfried freut sich. Gestern, als
+er Dünger fahren mußte, hat er sich bloß damit getröstet, daß es die
+Arbeiter auf dem Rübenstande noch schlimmer hatten als er. Die Rüben aus
+dem naßkalten, manschigen Acker zu nehmen, sie aneinander zu „klopfen“,
+damit überflüssige Erde abfällt, und sie für den Wagen zu sammeln, ist an
+solchen Regentagen keine schöne Arbeit und nichts weniger als Manikure.
+Die Finger werden blaurot. Nur Pulswärmer helfen etwas. Scheußlich. Er –
+Gottfried – freut sich auf seine Düngerfuhre. Da pendelt er so langsam
+neben seinen beiden nachdenklichen Rößlein einher, und der Ammoniakgeruch,
+den seine Ladung ausströmt, stört ihn nicht. Der soll sogar ausgezeichnet
+gesund für die Lungen sein.
+
+„Methusalem, Sie werden heute Holz hacken!“ hört er Vater Barthel weiter
+reden.
+
+Richtig! Es regnete – folglich blieb Methusalem im Trockenen.
+
+Gottfried haßte in diesem Augenblick den Methusalem, wie er zu Hause den
+Kollegen gehaßt hatte, der den Adlerorden erschleichen wollte. Solche
+Leute verstehen es eben, immer „nach oben“ zu schielen.
+
+„Oben“ – das waren hier Vater Barthel und Frau Susanne.
+
+Barthel tat so, als ob er unparteiisch sei.
+
+„Das sage ich Ihnen aber, Methusalem, gravieren Sie mir heute wieder ein
+Bild auf die Axt, haben Sie das letztemal Holz gehackt!“
+
+Methusalem gelobte, keine Barthelsche Holzaxt mehr zu verunzieren, sondern
+fleißig Holz zu hacken. In diesem Augenblick trat der Briefträger in die
+Stube. Er hatte eine riesige Tasche umgehängt, und in dieser Tasche
+steckte ein einziger Brief.
+
+„Herrn Methusalem auf dem Forellenhof.“
+
+Methusalem öffnete den Brief, las und sank mit einem Seufzer wie
+ohnmächtig auf die Ofenbank. Die Weiber quiekten, am lautesten Susanne.
+Barthel hob den auf den Fußboden gefallenen Brief auf und las ihn ohne
+weiteres vor:
+
+
+
+
+
+
+ „Sehr geehrter Herr!
+
+Ihre von der gesamten Fachkritik glänzend beurteilte Zeichnung ‚Bäuerin
+auf dem Schaffboden‘ ist heute für den Preis von fünftausend Mark verkauft
+worden.
+
+ Die Ausstellungsleitung.“
+
+
+
+
+
+
+Große allgemeine Verwundernis.
+
+Frau Susanne wurde knallrot. Dann hielt sie sich die Leinwandschürze vors
+Gesicht. Barthel aber klopfte sie auf die Schulter und sagte:
+
+„Mutter, schäm dich nich! Was kannst du dafür, daß du so ’ne interessante
+Frau bist!“
+
+Methusalem erholte sich, stand auf und bot ein Bild des Jammers.
+
+„Kinder“, sprach er mit zerknirschter Stimme, „ihr alle kennt mich und
+werdet daher Mitleid mit mir haben. Neunhundertachtundneunzigeinhalbes
+Jahr bin ich alt; eineinhalb Jahr habe ich bloß noch zu leben. Und nun
+werd’ ich plötzlich ein Krösus. Daß ich in der kurzen Spanne Zeit meines
+irdischen Wallens nicht die Riesensumme von fünftausend Mark ausgeben
+kann, werdet ihr einsehen. Und doch muß sie mangels jeglicher Leibeserben
+weggeschafft werden. Ihr könnt glauben, daß dieser Fall mein Gemüt hart
+bedrückt. Doch werden wir Mittel und Wege finden, hier so lange Feste zu
+feiern, bis ich von dem Alp des Geldes erlöst bin.“
+
+Gegen diese Auffassung hielt nun Barthel eine zornsprühende Rede über
+Sparsamkeit, Mäßigkeit und Unvernunft. Manche stimmten ihm zu, andere
+widersprachen ihm, es gab ein erhebliches Durcheinander. Inzwischen ging
+Frau Susanne immerfort mit roten Wangen und schämig flimmernden Augen hin
+und her.
+
+„Denken Sie doch, Frau Susanne – fünftausend Mark – in München auf der
+Ausstellung! Für Ihr Bild!“
+
+„Ruhe!“ kommandierte Barthel. „Wir müssen wieder an ernste Dinge denken.
+Ekkehard, Sie nehmen einen Schubkarren, fahr’n ’runter nach Waltersburg
+zum Kaufmann Scholz und hol’n das Fäßchen Heringe ab, das ich bestellt
+hab. Lassen Sie sich’s aber recht festbinden, daß es nicht ’runterkugelt!“
+
+„Jawohl!“
+
+„Thusnelda, Emilie-Karlotti, Strunzel und Eva helfen beim Buttermachen.“
+
+Vierstimmiger piepsiger Frauenchor:
+
+„Jawohl!“
+
+„Knusperhase, Friedrich Schiller, Li-hung-tschang, Mussolini und Fuhrmann
+Henschel werden Äppel pflücken. Bärbel und die Lustige Witwe werden die
+Äppel nach der Äppelkammer tragen.“
+
+Septett: „Jawohl!“
+
+„Der Alte Dessauer hat Jagdurlaub bis zum Abendbrot; das Veilchen im
+Winkel wird helfen, die Heringe einmarinieren, die Ekkehard bringt;
+Piesecke kommt zwei Stunden lang an die Jauchenpumpe; Andreas Hofer,
+Moritz Arndt, Fitzlibutzli, der Knecht Elieser, Ali-Baba und Jeremias
+Gotthelf gehen zum Ackern aufs Feld. Lene und Joachim Hans von Ziethen
+helfen beim Rübenabkloppen. Fehlt noch jemand?“
+
+Herr Amtsgerichtsrat Dr. – nein Gottfried Stumpe, erhob sich.
+
+„Ich!“
+
+„Ach so – Sie, Gottfried! Nu, Sie helfen auch beim Rübenabkloppen.“
+
+Gottfried erblaßte. Zu widersprechen wagte er nicht. Er hörte nur noch mit
+beißendem Ingrimm, daß Barthel den Methusalem aus Anlaß seines Briefes
+einen Tag beurlauben wollte. Methusalem aber wies die Ehre zurück.
+
+„Nimmermehr!“ rief er pathetisch, „denn sehen Sie, Vater Barthel, eine
+ungeheure Lebenslust, ein Kraftüberschuß durchströmt plötzlich meinen fast
+tausendjährigen Leib. Ich komme mir vor wie ein Fünfunddreißiger. Wo soll
+ich hin mit der Freud? Austoben muß ich mich. Und das kann ich nur, wenn
+ich Holz hacke. Ich will keinen Urlaub, ich hacke Holz!“
+
+Punkt ein Viertel nach sieben Uhr erklärte Barthel das Frühstück für
+aufgehoben. Nun gingen alle ihre Wege, die meisten hinauf nach den
+Badehäusern, um ihre „Anwendungen“ zu machen. Auch Gottfried Stumpe
+schritt hinaus in den fein sprühenden Regen. Er war sehr schlechter Laune.
+Auf seinem Kurzettel stand heute ein zehn Minuten langes Bedampfen des
+Magens (er litt an Magennerven), dann ein Bürstbad mit nachfolgendem
+kühlen Abguß. Was so die Nervösen bekommen! Früher war er auch massiert
+worden und hatte im Gymnastiksaale turnen müssen. Jetzt fiel das weg.
+Wahrscheinlich war er schon zu gesund zu solch anständiger Behandlung.
+Jetzt mußte er einfach arbeiten. Rüben abkloppen. Mit Mägden und alten
+Weibern zusammen. Scheußlich!
+
+Es war ein reines Wunder, wie man sich das als Kulturmensch gefallen ließ.
+Daß man nicht einfach sagte: Rutscht mir den Buckel lang; ich reise ab!
+Solche Schweinerei, wie Rüben, die im Dreck liegen, abzukloppen, mache ich
+nicht mit! Man reiste aber nicht ab. Man wußte, daß sich die Kurverwaltung
+aus einer Abreise rein gar nichts machte, weil schon immer Hunderte darauf
+warteten, neu eingereiht zu werden. Alle Widerstandskraft verliert man bei
+dem Gedanken: sie brauchen dich nicht, du aber brauchst sie. Denn es war
+nicht zu leugnen, daß man hier absolut von Grund auf gesünder wurde.
+
+Also bis acht Uhr war er mit seinen Anwendungen fertig; dann mußte er sich
+nach der kühlen Abgießung eine halbe Stunde lang warm laufen; dann durfte
+er eine halbe Stunde lang in irgendeinem bequemen Lehnstuhl des Kurhauses
+verpusten.
+
+Dann aber mußte er unwiderruflich aufs Feld.
+
+Rüben abkloppen! Wenn nur inzwischen der elende Sprühregen aufhörte. Ein
+einziger Trost war, daß bei solchem Wetter das Äpfelpflücken vom nassen
+Baum auch kein Heidenspaß war.
+
+Wie kämen sonst gerade Friedrich Schiller, Mussolini und Fuhrmann Henschel
+dazu, daß sie ...
+
+Neid und Mißgunst plagten ihn immer noch etwas; auch war er noch reichlich
+oft schlechter Laune. Das kam wahrscheinlich vom Magen. Aber es war doch
+schon zehnmal besser mit ihm als zu Hause. Wie hatte er da oft getobt und
+gekollert, mit dem Gerichtsdiener, mit den Angeklagten, mit den Zeugen, ja
+mit Weib und Kind. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, das Klopfen des
+Regens ans Fenster regte ihn auf. Jetzt – wer diesen Dackel und diesen
+Vater Barthel vertrug, ohne tobsüchtig zu werden, mußte schon sehr gesund
+sein.
+
+Bei seinem Spaziergange traf Gottfried seinen Freund Emanuel Geibel vom
+Sonnenhof. Das war der Mann, mit dem er sich am besten verstand, mit dem
+er wirklich befreundet war. Sie hatten sich eines Tages beim Pilzesuchen
+an einem Waldrande getroffen, jeder mit einem Körbchen und einem Messer
+bewaffnet, hatten einander gegenübergestanden und gelacht. Dann hatten sie
+sich einander vorbestellt: „Emanuel Geibel vom Sonnenhof – Gottfried
+Stumpe vom Forellenhof. Freut mich! Freut mich!“ Und am sonnigen Waldrande
+gesessen und geschwatzt. Allmählich aber waren sie in zivilisiertes
+Gespräch gekommen, auf Hygiene im allgemeinen, auf Volkswirtschaftliches,
+auf hohe, schließlich auf ganz hohe Politik, dann noch höher hinauf auf
+die Kunst, haben sogar einen etwas torkeligen Aufstieg in metaphysische
+Gebiete versucht, sich in die Firnenzonen der Philosophie und Religion
+verklettert und sind dann mit einem waghalsigen Sprung auf die letzte
+Gipfelhöhe der Menschheit gesetzt – auf den im Blauschnee glitzernden,
+aller gewöhnlichen Sterblichkeit ewig unerreichbaren Gaurisankar der
+heiligen Jurisprudenz.
+
+Da ist dem Amtsgerichtsrat etwas schwindelig geworden. Emanuel Geibel
+entpuppte sich als ein hervorragender Jurist, als eiskalter
+Verstandesmensch, als einer, der nicht nur über den Hanswurst, den
+jetzigen Justizminister, spottete, der mit seinem geistigen Zwergenmaß die
+Riesenschleppe des Ministertalars gar zu possierlich schleifte, sondern
+der auch an die Dogmen der anerkanntesten juristischen Größen mit geradezu
+souveräner Überlegenheit die Sonde legte. Wie er allein über Liszt
+urteilte. Dem Amtsgerichtsrat war klar, daß der Mann, der sich unter dem
+Namen Emanuel Geibel versteckte, eine eminente Größe der
+Rechtswissenschaft war, hoffentlich der künftige Minister. Dann würde
+vieles an den unhaltbaren verrotteten Zuständen der heutigen Rechtspflege
+gebessert werden. So beschloß der Amtsrichter dreierlei: erstens lieber
+gar keine, als eine dumme Bemerkung zu machen, sondern zumeist den andern
+reden zu lassen und ihm zuzustimmen; zweitens ganz leise durchschimmern zu
+lassen, daß er durch ein ungerechtes Schicksal, vielmehr durch widrige
+Gegenströmungen ins Dunkle gestellt worden sei und gewissermaßen auch
+etwas mit der Jurisprudenz zu tun habe; drittens privatim sich als
+Gottfried Stumpe treuherzig die Sympathie Emanuel Geibels zu erwerben. Das
+alles ist gelungen. Eines Tages hat Geibel sogar mit ihm Brüderschaft
+gemacht. Denn Emanuel hatte bei allem messerscharfen Verstand ein
+poetisches Gemüt, und der Mann, der eben noch Worte gesprochen hatte, von
+denen jedes mit Schwefelsäure getränkt war, konnte plötzlich
+traumversunken stehenbleiben und seufzen:
+
+ „Oh, darum ist der Lenz so schön
+ Mit Duft und Strahl und Lied,
+ Weil singend über Tal und Höh’n
+ So bald er weiterzieht.“
+
+Oder, weil ihm eben einfiel, daß gar nicht Frühlingszeit sei:
+
+ „Herbstlich sonnige Tage,
+ Mir beschieden zur Lust,
+ Euch mit leiserem Schlage
+ Grüßt die atmende Brust.
+ Oh, wie waltet die Stunde
+ Nun in seliger Ruh;
+ Jede schmerzende Wunde
+ Schließet leise sich zu.“
+
+Der eiskalt schließende Jurist hatte sich ganz in die süßen, goldenen
+Melodien Geibelscher Lyrik eingesponnen. Und darum wohl hatte er des
+Dichters Namen für seine Ferien vom Ich gewählt. Die Gegensätze berührten
+sich auch hier.
+
+Diesem Emanuel Geibel begegnete nun Gottfried Stumpe, als er sich an jenem
+feuchtkalten Herbstmorgen nach der Abgießung „trocken lief“. Die Begegnung
+war nicht ganz zufällig. Gottfried wußte, daß Emanuel abreiste. Er habe
+nur sechs Wochen Urlaub, hatte Geibel ihm gesagt, er könne nicht länger
+abkommen. Natürlich, es gab eben im Justizdienst unersetzliche Kräfte.
+
+Wortkarg stiegen die beiden Freunde miteinander zum „Zeughaus“ hinunter.
+
+„Nun gehe ich da hinein“, sagte Emanuel traurig, „und komme nicht mehr
+durch diese Tür in unser liebes Heim zurück, sondern trete auf der anderen
+Seite in meinem Weltanzug auf die Straße hinaus, die ins kalte Leben
+zurückführt. Ach, mein Freund, mir ist sehr schwer ums Herz. Ich wollte,
+wir wären jetzt oben im Walde und suchten Pilze. Ich hab dich gern
+gehabt.“
+
+Gottfried Stumpe wandte sich zur Seite. Emanuels Seele aber wurde wieder
+vom Geiste seines Meisters umfangen, und er sagte mit leisem Beben:
+
+ „Wenn sich zwei Herzen scheiden,
+ Die sich dereinst geliebt,
+ Das ist ein großes Leiden,
+ Wie’s größ’res nimmer gibt;
+
+ Es klingt das Wort so traurig gar:
+ Fahr wohl, fahr wohl auf immerdar!
+ Wenn sich zwei Herzen scheiden,
+ Die sich dereinst geliebt.“
+
+Wohl verwunderte sich Gottfried über diese große Zartheit, aber sie packte
+ihn, und die Augen wurden ihm feucht.
+
+Der Freund ging hinein ins Zeughaus. Auf der anderen Seite würde er nun
+hinaus auf die Straße treten, die aus diesen friedlichen Ferien
+zurückführt in die harte Schule des Lebens. Gottfried ging um das Zeughaus
+herum und gelangte durch ein Seitenpförtlein ebenfalls hinaus auf die
+Straße. Er wollte den Freund noch einmal sehen. Mochte er zu spät auf
+Barthels Feld kommen, es war ihm einerlei.
+
+Nach einer Viertelstunde kam Emanuel. Fast hätte ihn Gottfried in dem
+nüchternen Reiseanzug nicht erkannt.
+
+„Ah, da bist du noch!“
+
+„Ja, ich wollte dich noch einmal sehen.“
+
+„Das ist lieb von dir!“
+
+Emanuel zog die Uhr – eine einfache silberne Taschenuhr.
+
+„Ganz fremd mutet mich das Ding an. Es ist so grausam pedantisch. Es zählt
+Minuten und Sekunden. Drinnen in der Heimat ist es besser, da dürfen einem
+nur eine Glocke oder der Großknecht oder Mond und Sterne sagen, wie spät
+es ist. Und dann das Geld, das bedrückt mich am meisten. Was soll ich mit
+den paar Kröten tun? Mir eine Burg des Glücks davon bauen? Lieber Gott!“
+
+„Du wirst noch hoch hinauf kommen!“ tröstete ihn Gottfried.
+
+„Nein!“ sagte Emanuel bitter. „Da drinnen, da ist es ja geboten, über das
+eigene Ich zu schweigen. Aber hier draußen auf der Landstraße will ich
+mich dir gegenüber nicht verbergen. Ich hab Pech gehabt. Hätt’ gern
+studiert. Aber wie ich in der Unterprima war, starb der Vater. Da mußte
+ich abgehen von der Schule. Wurde ein Subalternbeamter. Ich bin Sekretär
+am Amtsgericht zu H.“
+
+„Emanuel!“
+
+Gottfried rang die Hände ineinander. Ein Subalternbeamter! Dieser
+Ministerstürzer! Dieser Liszt-Kritiker! Dieser gewaltige Umstürzler von
+oben! Ein Sub – sein Duzbruder! Wenn das sein akademischer Stammtisch
+wüßte!
+
+„Emanuel!“
+
+Gottfried stand so verdattert da, daß in die weichen Züge Emanuel Geibels
+wieder die essigsaure Schärfe trat, die aber doch nur zu den resignierten
+Worten führte:
+
+„Gottfried! Sie waren da drinnen Gottfried und ich Emanuel – wer wir
+draußen sind, braucht uns nicht mehr zu kümmern, braucht Sie nicht zu
+genieren.“
+
+„Ich bin Amtsgerichtsrat Dr. Stein“, sagte Gottfried noch ganz benommen.
+
+„Dann erlaube ich mir, dem Herrn Amtsgerichtsrat eine weitere erfolgreiche
+Kur zu wünschen“, sagte Emanuel höflich, verneigte sich, ergriff seine
+kleine Handtasche und wollte gehen.
+
+Da aber hatte ihn Gottfried am Arm.
+
+„Nein, lieber Emanuel, wir bleiben Freunde – auch draußen –, verstehst du?
+Von dem blödsinnigen Kastengeist bin ich im Ferienheim befreit worden.“
+
+Emanuel setzte die Handtasche auf die Straße.
+
+„Ich danke dir!“ sagte er schlicht, aber in tiefer Freude.
+
+Sie schieden voneinander. Der Amtsgerichtsrat ging mit beklommenem Herzen,
+das jeder hat, der von einem Freunde Abschied nahm, nach dem Rübenfelde.
+Da waren die Leute fleißig an der Arbeit. Nur Joachim Hans von Ziethen,
+der auch zum Rüben „abkloppen“ kommandiert war, sprang in kühnen
+Husarensprüngen über ein lustig brennendes Feldfeuerchen hinweg, um sich
+warm zu machen, in Wirklichkeit aber – wie der Amtsgerichtsrat mit
+neidischem Grimm bei sich feststellte –, um sich von der Arbeit zu
+drücken.
+
+Zehn Minuten später sprang er mit über das Feuer, bis von ferne die
+Gestalt Barthels auftauchte.
+
+Da begaben sich die beiden Drückeberger schleunigst an die Arbeit.
+
+
+
+
+
+ VON DER WEIBLICHEN PUTZSUCHT UND HERRN PIESECKES LEIDEN
+
+
+Gestern vormittag traf ich die kleine Luise, die sich eben von einem
+Haufen spielender Kinder trennte.
+
+„Willst du schon aufhören zu spielen, Luise? Die Sonne scheint doch so
+schön.“
+
+„Ich will zu meiner Mamma.“
+
+„Zu deiner Mamma?“
+
+„Ja, nach Hause!“
+
+„Sagst du zu Magdalena jetzt Mamma?“
+
+„Ja. Alle Kinder haben eine Mamma. Ich will auch eine haben. Meine Mamma
+soll Magdalena sein.“
+
+„Hast du deine Mamma lieb?“
+
+„Lieber wie dich!“
+
+Das klang nicht frech, nur tief überzeugt.
+
+„So. Hm. Lieber wie mich! Das glaube ich gern. Ihr spielt wohl schön
+zusammen?“
+
+„Nein, wir schneidern. Wir machen ein Kleid für mich. Aber es paßt immer
+nicht richtig, weil Mamma das Schneidern nicht gelernt hat, und da will
+uns jetzt die Selma kein neues Zeug mehr geben.“
+
+Selma ist die Beherrscherin unserer weiblichen Schneiderei, eine etwas
+schwierige Alte. Das Mädchen ging neben mir her. Mit großer Munterkeit
+sagte sie:
+
+„Wenn Pappa Stefenson da wäre, würde er die Selma mächtig ausschimpfen,
+weil sie sagt, es ist zu teuer, wenn man für ein Kinderkleid vierzig Mark
+verbuttert und nichts zustande kriegt. Ach, es wird doch so schön! Wir
+nähen alle Tage neue Schleifen dran.“
+
+„Ich werde mit der Selma sprechen.“
+
+„Ja? Wirst du wirklich? Fürchtest du dich nicht? Dann sage ihr, wir müssen
+ein Meter schottische Seide haben und unten ein bißchen Pelzbesatz. Ich
+hab mir’s so ausgedacht: oben an dem Kleid will ich einen Matrosenkragen,
+in der Mitte will ich schottische Seide und unten Pelzbesatz. Das wird
+sehr fein!“
+
+„Ja, das glaube ich. Will das deine Mamma auch so?“
+
+„Mamma will so, wie ich will.“
+
+Das war das Mädel, das vor einem Jahr in der Berliner Ackerstraße
+Schnürbänder verkaufte! Die Erinnerung an diese elende Vergangenheit ist
+in ihr völlig erloschen. Gut so! Und auch ihre Kleiderwünsche verstand
+ich. Die Kinder hupfen bei uns alle in einer gesunden, einfachen Tracht
+umher. Aber ein Mädchen hatte geprahlt, es hätte zu Hause ein
+Matrosenkleid, ein anderes hatte sich mit einem Kleide mit schottischer
+Seide großgetan, ein drittes sogar von Pelzbesatz gefabelt. So war in
+Luise der Wunsch entstanden, alle diese Herrlichkeit in einem einzigen
+Kleid zu vereinigen. Die Weibermode setzt über die höchsten Mauern, die
+man um ein Ferienheim ziehen kann. Dagegen läßt sich nichts tun. Auch
+unsere weibliche Ferienkleidung wird mit tausend Spitzfindigkeiten
+„modernisiert“ und „stilisiert“. Was man allein mit einer heimlich
+angebrachten Sicherheitsnadel alles „raffen“ kann, wieviel „Schick“ man
+durch solch einfache Mittel in die vorgeschriebene Gewandung bringen kann,
+grenzt ans Wunderbare. Wenn in meinem Ferienheim überhaupt mal ein
+Aufstand entstehen sollte, wird es eine Frauenrevolution sein. Anfangs
+wollte ich für alle weiblichen Feriengäste ein und dieselbe Tracht. Aber
+selbst Selma, die, eine Aszetin an Einfachheit und an Grobheit, einem
+preußischen Kammerunteroffizier, der Helme und Stiefel „anprobiert“, weit
+überlegen ist, kam mir schließlich mit dem Vorschlag, vier verschiedene
+„Modelle“ müßten eingeführt werden, eines für die Dicken, eines für die
+Dünnen, eines für die Langen, eines für die Kleinen. Damit habe ich mich
+einverstanden erklärt; inzwischen ist bereits noch durchgesetzt worden,
+daß die Blonden blaue, die Schwarzen rote Blusen bekommen.
+
+Für die kühlen Abende werden farbige Umschlagtücher geliefert. Oh, wie
+groß sind die Wunder der Schöpfung! Manche unserer Damen drapieren das
+Tuch vom Gürtel abwärts um den Kleiderrock, die meisten tragen das Tuch
+rechts oder links über die Schulter malerisch geworfen, andere machen sich
+eine „ungarische Schürze“ daraus, wieder andere eine Muff; Turbane um den
+Kopf werden ebenso geschickt aus dem Tuch hergestellt wie schlichte
+Nonnenschleier; einige tragen das zusammengelegte Tuch nur über dem Arm,
+und einige wenige greifen auf den ursprünglichen Zweck zurück, die
+schlagen das Tuch um die Schultern.
+
+Dr. Michael hat die Putzsucht der Frauen für eine unheilbare Krankheit
+erklärt. Ich bin nicht seiner Meinung. Diese Putzsucht ist keine
+Krankheit, sondern eine Naturnotwendigkeit; das Weib muß sich putzen, so
+wie sich das Kätzchen beschlecken muß.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Neulich kam Piesecke zu mir, außerhalb der Sprechstunde. Er war noch
+erregter, als er sonst oft ist, und sprach zunächst eine Menge wirres Zeug
+durcheinander, aus dem hervorgehen sollte, daß er der unglücklichste
+Mensch der Welt sei. Ich unterbrach ihn.
+
+„Piesecke, ich glaube jedes Wort, was Sie sagen, aber sprechen Sie
+langsamer! Sprechen Sie recht gelassen! Sagen Sie mir ohne alle
+Umschweife, was los ist.“
+
+Er rang die Hände ineinander und jammerte:
+
+„Ach Gott, ich liebe sie, ich liebe sie!“
+
+„Wen? Mich?“
+
+„Ach, doch nicht Sie, sondern sie!“
+
+„Also Hanne vom Forellenhof.“
+
+„Woher wissen Sie ...?“
+
+„Ich weiß es. Sie haben sich oft genug auffällig benommen.“
+
+„Und wissen Sie auch, daß sie fortzieht?“
+
+„Ja, morgen nachmittag. Sie hat ein gutes Engagement an ein Stadttheater
+bekommen.“
+
+„Ich ertrag es nicht; oh, ich ertrag es nicht. Sehen Sie, Herr Doktor, Sie
+können machen mit mir, was Sie wollen, Sie können der beste Arzt der Welt
+sein, Sie können hundert Sanatorien für mich bauen, wenn mich dieses
+Mädchen verläßt, bin ich verloren.“
+
+„Gruselig!“
+
+„Was sagten Sie?“
+
+„Gruselig!“
+
+„Herr Doktor, spotten Sie nicht! Diesen Verlust ertrage ich wirklich
+nicht; er bedeutet mein Ende.“
+
+„Dann wird in Ihrer Landeszeitung ein schöner Nekrolog über Sie
+erscheinen.“
+
+Er war empört.
+
+„Sie haben kein Herz für mich. Aber es ist gut, daß Sie von unserer
+Landeszeitung gesprochen haben. Schließlich bin ich doch ein Prinz!“
+
+„Hier nicht! Hier sind Sie Piesecke.“
+
+„Das weiß ich; aber ich vergesse nicht, was ich draußen bin. O nein! Sehen
+Sie, und das habe ich ihr gesagt.“
+
+„Was? Wem?“
+
+„Der Hanne habe ich gesagt, daß ich ein Prinz bin.“
+
+„Sie sind wohl verrückt geworden, Piesecke. Auf solche Indiskretionen
+steht die Strafe der Entlassung aus unserer Anstalt.“
+
+„Schimpfen Sie nicht, Herr Doktor; ich bin heute schon genug ausgeschimpft
+worden.“
+
+„Was hat denn Fräulein Hanne zu Ihrer Quasselei gesagt?“
+
+„Ausgelacht hat sie mich. Sie hält mich für einen Sargfabrikanten aus
+Hannover. Stellen Sie sich vor, Herr Doktor, ausgerechnet für einen
+Sargfabrikanten hält sie mich.“
+
+„Das Geschäft eines Sargfabrikanten ist ein sehr ehrbares.“
+
+„Ach Gott, nun sind Sie auch noch gegen mich. Und ich hatte meine ganze
+Hoffnung auf Sie gesetzt. Sie sollten ja Fräulein Hanne sagen, daß ich
+wirklich ein Prinz bin und daß sie ein Engagement an unserer Hofoper
+annehmen soll.“
+
+„Was hätten denn Sie davon, wenn Fräulein Hanne in Ihrer Residenzstadt
+sänge und Sie inzwischen hier bei uns Dünger fahren müßten?“
+
+„Ich hatte gehofft, Sie würden mich für ein paar Wintermonate beurlauben.“
+
+„Daran denke ich nicht im Traume. Bis zum Mai bleiben Sie laut unserer
+Abmachung hier. Das entspricht auch ganz den Intentionen Ihres Herrn
+Bruders, des regierenden Fürsten.“
+
+Piesecke saß gebrochen vor mir.
+
+„Mit mir ist’s alle“, sagte er tonlos.
+
+„Mit Ihnen war es alle, mein Lieber, als Sie zu uns kamen. Inzwischen
+haben Sie sich aber bei uns einen ganz netten Fonds neuer Lebenskraft
+gesammelt.“
+
+Er schüttelte trostlos den Kopf.
+
+„Wohl bin ich gesundheitlich vorwärts gekommen; aber das nützt mir alles
+nichts mehr – ich muß sterben. Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht
+verwinden kann.“
+
+Ich stand auf.
+
+„Entschuldigen Sie, Piesecke, aber das Mittagessen wartet auf mich. Ich
+hab Hunger. Wenn Sie also aus dem Leben scheiden wollen, gehaben Sie sich
+wohl! Es freut mich, Sie mal kennengelernt zu haben. Mahlzeit!“
+
+Da faßte ihn der Zorn.
+
+„O nein, Herr Doktor, so entkommen Sie mir nicht! So mit einfach
+‚Mahlzeit‘, wenn es um mein Leben geht! Ich bin nicht mehr der willenlose
+Mensch, der ich im Mai war. Ich wehre mich meiner Haut. Und da muß ich
+Ihnen sagen, daß Ihr Sanatorium eine Mördergrube ist.“
+
+„I, der Dauz!“
+
+„Jawohl, Dauz! Ich werde Sie schon bedauzen! Wissen Sie, wer der neue
+Kurgast auf dem Forellenhof ist, der sich Fritz Steiner nennt?“
+
+„Nein!“
+
+„Ein Geheimpolizist aus meiner Vaterstadt ist er. Ich habe ihn
+wiedererkannt; denn ich hatte früher mal mit ihm zu tun. Nun habe ich
+gedacht, er sei hergeschickt, um mich zu überwachen. Denn er hat mich
+früher schon mal überwacht. Aber nein, wie ich ihn gestellt habe, hat er
+mir gesagt, daß er auf den langen Ignaz auf dem Forellenhof abzielt. Er
+wird den Beweis erbringen, daß Ignaz ein langgesuchter Raubmörder ist, ein
+früherer Fleischergeselle.“
+
+Ich setzte mich wieder.
+
+„Also, Piesecke, ist das wahr?“
+
+„Habe ich Sie je belogen, Herr Doktor?“
+
+„Nein, Piesecke, belogen haben Sie mich nie. Aber täuscht sich auch Herr
+Steiner nicht?“
+
+„Das weiß ich nicht. Er wartet noch etwas vom Gericht ab – ich glaube,
+Fingerabdrücke oder so etwas – und dann will er zur Verhaftung schreiten.“
+
+Mir wurde unbehaglich.
+
+„Haben Sie auch eine Auseinandersetzung mit dem langen Ignaz gehabt?“
+
+„Jawohl. Er will mich umbringen.“
+
+„Bitte, erzählen Sie!“
+
+„Er hat mich schon immer verfolgt und gemißhandelt; er ist ein sehr roher
+Kerl. Wie ich nun Fräulein Hanne das gesagt hab, daß – nun, daß ich eben
+doch ein Prinz bin, glaubte ich, ich sei mit ihr und mit Vater Barthel
+allein in der großen Stube. Auf einmal kommt der lange Ignaz hinter dem
+Ofen hervor, hat grüngelbe Augen und packt mich an der Kehle. Ich habe
+mich gewehrt; aber wenn Vater Barthel und Fräulein Eva mir nicht geholfen
+hätten, hätte mich der Kerl erwürgt. Wir haben dann den Mordgesellen zur
+Tür hinausgeworfen, aber er hat gedroht, er werde mich schon erwischen.“
+
+„Hm. Also, lieber Piesecke, ich gebe Ihnen gern zu, daß mir dieser Knecht
+Ignaz auch in hohem Grade unheimlich und widerlich ist. Ist er ein Schuft,
+der sich in mein ehrliches, sauberes Heim eingeschlichen hat, dann werde
+ich der erste sein, ihn den Behörden ausliefern zu helfen. Aber auch wenn
+er nicht der von den Gerichten Gesuchte ist, wird der brutale Mensch
+entfernt werden. Das verspreche ich Ihnen.“ Piesecke sank schon wieder in
+sich zusammen.
+
+„Ach, selbst dieser Raubgesell ist in die blonde Eva verliebt. Und ich
+soll sie verlieren! Mag mich doch der Ignaz umbringen. Dann ist es
+wenigstens alle mit mir. Ich habe niemand, niemand, der mich gern hat,
+nicht einmal einen guten Freund!“
+
+Da tat er mir leid.
+
+„Piesecke“, sagte ich, „das dürfen Sie nicht sagen. Sie haben einen guten
+Freund. Und das bin ich. Ich will Ihnen das dadurch beweisen, daß ich
+Ihnen etwas sage, was noch niemand von mir gehört hat. Auch ich, Piesecke,
+habe die schöne Eva sehr liebgehabt und mir nichts sehnlicher gewünscht,
+als daß sie meine Frau werde.“
+
+Er starrte mich an.
+
+„Auch Sie, Herr Doktor? Und warum haben Sie die Eva nicht genommen?“
+
+„Weil sie mich nicht will.“
+
+„Sie nicht will?“ wiederholte er verwundert. „Sie will nicht mal Sie, und
+da soll sie mich wollen?“
+
+Es lag eine rührende Demut in dem Ton, in dem er das sagte.
+
+„Sehen Sie, Piesecke, wenn man jemand wirklich liebhat, darf man nicht an
+sich selbst denken, soll man nur denken: Werde du glücklich! Es ist etwas
+Großes und Schönes um das Verzichten! Wir werden es zusammen tragen. Es
+gibt Frauen, die das Glück oder vielmehr das Unglück haben, daß alle
+Männer sich in sie verlieben, und gerade das Leben solcher Frauen bleibt
+oftmals ganz leer. Wir wollen unserer Eva wünschen, daß sie glücklich
+wird, und wir zwei wollen zusammenhalten.“
+
+Seine leichtsinnigen und doch so grundgutmütigen Augen schauten mich
+feucht an.
+
+„Ich glaube, daß Sie es gut mit mir meinen, Herr Doktor!“
+
+„Ich habe Sie gern, Piesecke“, sagte ich und legte ihm fest die Hand auf
+die Schulter.
+
+
+
+
+
+ ABSCHIEDSABEND
+
+
+Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied
+von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen
+wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun
+nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur
+nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich
+hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen
+herumlaufe.
+
+Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl
+vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar
+Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann
+wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder
+Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem
+ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer
+elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in
+einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn
+der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er
+in Glanz und Lärm hinein. _Variatio delectat._ Ich nehme es unseren Bauern
+nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt
+hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen
+Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß
+das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat.
+Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch;
+nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.
+
+Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine
+Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter
+singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende
+gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein
+idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von
+allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch
+selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...
+
+Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte
+Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von
+Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem
+Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein
+Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen,
+Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind,
+außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in
+irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn
+photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim
+Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei
+tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert.
+Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit
+aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.
+
+Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es
+hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen
+in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende
+Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der
+Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein
+entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:
+
+„Die Sonne geht unter.“
+
+Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein
+wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –
+
+Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie
+sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre
+Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:
+
+„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese
+Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle
+sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem
+einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“
+
+Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die
+Kacheln des Ofens. „So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“,
+sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen
+darin.
+
+„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu
+mir!“
+
+Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast
+„Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen
+Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.
+
+Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und
+hielt eine Rede:
+
+„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern
+anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb
+hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er
+Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir
+verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“
+
+Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig,
+daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand
+nach den Augenwinkeln.
+
+„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang –
+ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir
+eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was
+ich mir schuldig bin!“
+
+Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das
+Taschentuch vor den Mund.
+
+„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das
+ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die
+hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr
+faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam
+zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne,
+die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“
+
+Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes
+Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:
+
+„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“
+
+Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von
+Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel
+unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen.
+Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten,
+lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und
+bleiben wird:
+
+ „Morgen muß ich fort von hier
+ Und muß Abschied nehmen –“
+
+Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich
+sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße
+Mauer.
+
+Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.
+
+Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem
+Mädchen zu Füßen und rief:
+
+„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß
+sonst sterben!“
+
+Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz
+umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte
+Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten
+Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und
+verschwand mit ihm durch die Tür.
+
+„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter
+Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den
+zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen
+Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein
+körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen
+Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich
+sagte:
+
+„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel
+schnüren. Dafür werde ich sorgen!“
+
+Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück
+und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und
+ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit
+den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der
+weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte
+in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat
+auf den Knecht zu und sagte:
+
+„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“
+
+Die Umstehenden starrten den Sprecher an.
+
+„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.
+
+„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine
+Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird,
+den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz
+aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu
+transportieren.“
+
+Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich
+schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand
+blitzschnell im dunklen Hofe.
+
+„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter
+Raubmörder!“
+
+Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte
+meinem Grimme Luft.
+
+„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst
+unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von
+Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“
+
+„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel,
+„ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.
+
+
+
+
+
+ GERICHTLICHES
+
+
+Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es.
+Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe
+öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei
+ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber
+kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer
+wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen
+jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die
+Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert
+den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen,
+taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie
+konnten.
+
+Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht,
+sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos
+sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war
+nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am
+Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof,
+nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt.
+Immer dasselbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen
+Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder
+Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter
+Verhaftung entwichen.“
+
+Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen
+Verhaftung.
+
+Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der
+immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“
+telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande
+meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte
+sich an mich.
+
+„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“
+
+„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“
+
+„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“
+
+„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“
+
+„Wo ist der Direktor?“
+
+„Ich weiß es nicht.“
+
+„Wo ist Mister Stefenson?“
+
+„In Amerika.“
+
+Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.
+
+„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr
+Doktor?“
+
+Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark
+unsympathisch gewesen sei, daß ich aber – außer einigen Grobheiten oder
+auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den
+Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem
+ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen
+Menschen.
+
+„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“
+
+„Jawohl, Ignaz Scholz.“
+
+„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der
+Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie
+bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“
+
+„Das soll doch nicht heißen ...“
+
+„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“
+
+Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich
+ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir
+ausbreitete.
+
+„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo
+niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger
+Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“
+
+Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia
+sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen
+könne? Ich unterließ es.
+
+„Kommen Sie!“
+
+Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein
+strenges Wort sagen, da wurde die Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein.
+Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke
+sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war
+schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine
+echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß
+ich seine Stimme nicht wiedererkannte:
+
+„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“
+
+„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem
+Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen
+Meister ermordet und beraubt hat.“
+
+„Woher wissen Sie das?“
+
+„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes
+stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“
+
+Piesecke sah den Mann durchdringend an.
+
+„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da
+sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch
+jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie
+gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das
+ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit
+dem Knecht ist nur Ausrede.“
+
+„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“
+
+Piesecke lachte verächtlich.
+
+„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren,
+habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also
+berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder
+nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und
+Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“
+
+Der Polizeimann wurde dunkelrot.
+
+„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“
+
+„Zu Befehl, Hoheit!“
+
+„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu,
+hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie
+die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“
+
+„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die
+nötigen Vollmachten.“
+
+„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“
+
+Diese Frage war an mich gerichtet.
+
+„Nein – nichts!“
+
+„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“
+
+„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich
+fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu
+bereiten.“
+
+„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist
+doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von
+Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“
+
+„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben
+sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage
+das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier
+aus nichts verschleiert wird.“
+
+Der Kommissar verneigte sich.
+
+„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.
+
+„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik
+erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein
+naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat.
+Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig
+übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer
+Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich
+Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“
+
+„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder
+eventuell ebenfalls zu verhaften.“
+
+„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“
+
+„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“
+
+Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig
+vornehmer Haltung an ihm vorbei.
+
+Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die
+Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute
+mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine
+Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich hätte
+das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.
+
+Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und
+krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie.
+Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den
+Wänden hingen die Asternkränze.
+
+„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.
+
+Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der
+lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer
+besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:
+
+„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden
+telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend
+verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“
+
+Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:
+
+„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts
+mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“
+
+Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:
+
+„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten
+Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden
+Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die
+Anstalt zu verlassen.“
+
+Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor
+der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all
+diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst
+daran; denn er sagte:
+
+„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl
+überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“
+
+Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.
+
+Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar
+sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite.
+Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das
+Zimmer verlassen mußten.
+
+Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf
+die Bank am Ofen.
+
+„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“
+
+Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.
+
+„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen.
+Ist das wahr?“
+
+Barthel rührte sich nicht.
+
+„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“
+
+In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.
+
+„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“
+
+Keine Antwort.
+
+„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“
+
+„Ich kann nicht!“
+
+Nun wandte ich mich an Barthel.
+
+„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf
+unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum
+bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“
+
+Da begann er zu weinen.
+
+„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“
+
+Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren.
+Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger
+Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die
+anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben
+unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte
+man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war
+noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen
+Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der
+Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von
+dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach
+zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.
+
+„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist
+soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig
+Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet
+worden ...“
+
+Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach
+Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß
+Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.
+
+Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der
+„Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten
+Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“
+
+Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses
+Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle
+Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln
+beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer
+Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte
+lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete
+schließlich mit einer schamlosen Denunziation:
+
+„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns,
+zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge
+ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen
+zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort
+lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende
+Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des
+‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst
+allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben,
+denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“
+
+Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in
+der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da
+wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet
+wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich
+behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht
+Ignaz Scholz zu sein.
+
+Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig,
+mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes
+Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand,
+nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit
+Prinz Ernst Friedrich von ...“
+
+„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne
+Bewegung.
+
+„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke
+hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses
+Wappen?“
+
+Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich
+tief.
+
+Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der
+da eintrat, war – Mister Stefenson.
+
+„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“
+
+„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der
+Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und
+sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“
+
+„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.
+
+„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres
+Ferienheims“, brachte ich heraus.
+
+Ich mußte mich setzen.
+
+„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“
+
+„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen;
+„allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als
+Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich
+habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und
+heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn
+Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit
+etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“
+
+Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:
+
+„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und
+hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf
+aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger
+Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen
+läßt.“
+
+Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem
+Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef
+Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen
+Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.
+
+„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen
+aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“
+
+„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das
+mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika
+telegraphisch und brieflich verhandelt.“
+
+„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte
+weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“
+
+„Jawohl!“
+
+„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.
+
+Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:
+
+„Das ist Geschäftsgeheimnis!“
+
+„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst,
+„und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“
+
+Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der
+Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn
+Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:
+
+„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der
+zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß
+der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß
+seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt.
+Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich
+der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen
+hat.“
+
+Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes
+Gesicht.
+
+Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle,
+Stefenson eingeschlossen, entlassen.
+
+
+
+
+
+ AUFKLÄRUNGEN
+
+
+Auf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:
+
+„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“
+
+Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.
+
+„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen
+Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die
+Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein
+lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist
+gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in
+Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel
+Vergnügen!“
+
+Der Kommissar reiste ab ...
+
+Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war
+zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen
+Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn
+warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das
+Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der
+Bewunderung bis zum Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich
+konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger
+Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft
+anzusagen.
+
+Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob
+er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:
+
+„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger
+Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In
+meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“
+
+„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst
+geschrieben?“
+
+„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so
+unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion
+des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und
+natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich
+da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als
+die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen
+schuldig.“
+
+Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über
+mir, und ich sagte:
+
+„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu
+geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr
+mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“
+
+„Ein Extrablatt!“
+
+Ein Bote stürmte ins Zimmer.
+
+„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.
+
+Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein
+halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:
+
+„_Ehrenerklärung._
+
+Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu
+schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige
+Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als
+‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche
+Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein
+anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst,
+Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes
+reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr
+Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist,
+hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den
+ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und
+Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um
+unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als
+Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her
+sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß
+Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter
+Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit alle verdiente Anerkennung.
+Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der
+unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut
+amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns
+Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern
+auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson
+identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘
+ist, scheut sich nicht – _errare humanum est_ – ihren gestrigen Artikel
+Wort für Wort zurückzunehmen.“
+
+„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.
+
+Stefenson nickte.
+
+„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich
+hierherkam.“
+
+„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie
+mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so
+miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen,
+direkt auf den Mist. Ist das anständig?“
+
+Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:
+
+„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber
+noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil!
+Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten anderen.
+Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht
+gefallen lassen.“
+
+„Hinter Ihrer Braut?“
+
+„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich
+heute oder morgen verloben.“
+
+Piesecke prustete los und sagte lachend:
+
+„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst
+heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben!
+Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“
+
+„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.
+
+„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte
+ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich
+noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“
+
+„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“
+
+„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“
+
+„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe
+erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz
+wiedergekommen.“
+
+„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“
+
+„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den
+beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so
+hätte ich eben den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“
+
+„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich
+schreiben, da Sie doch bei uns waren?“
+
+„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu
+schreiben ist.“
+
+„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur
+wenige in Maschinenschrift.“
+
+„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine
+Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu
+unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein
+goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst
+gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen
+Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er
+handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo
+Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime
+Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute,
+die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und
+Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle
+offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins
+da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt
+und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“
+
+„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer
+aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt,
+„brauchen Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie
+waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf;
+deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“
+
+„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein
+schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte
+zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal –
+fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren
+läßt.“
+
+„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“
+
+„Nein. Auch Susanne nicht.“
+
+„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich
+wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir
+alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“
+
+„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit
+leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage
+eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel
+und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die
+kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“
+
+Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort,
+das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich
+nur kühl und gemessen:
+
+„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit
+uns gespielt haben?“
+
+„Komödie?“ verwunderte er sich; „wieso Komödie? Darf in den Ferien vom Ich
+nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und
+was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die
+ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson
+dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen
+Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten
+Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können.
+Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man
+Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich
+wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft
+von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch,
+unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück
+zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute
+geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich
+mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als
+ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“
+
+„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich.
+
+„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück
+müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich
+das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen
+Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je gemacht
+habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich
+hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim
+ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein
+Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten
+nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem
+ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als
+meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem
+Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren
+können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein
+halbes Jahr Bauernarbeit.“
+
+Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich.
+Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur
+an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“
+
+„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“
+
+Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig
+Piesecke.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles.
+Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt
+unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht
+überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut
+ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr
+gewußt hatten als ich. Eine Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte
+ich nicht mehr gelten lassen.
+
+Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin
+Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe,
+wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der
+„Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof
+wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser
+Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren
+entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle
+Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit
+wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise
+verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare
+Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von
+Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine
+Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene
+gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den
+Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern
+dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das
+sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein
+einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer
+Mensch „ja“ zu sagen vermag.
+
+Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie
+erlernen. Rasse! Vererbung von Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das
+ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde
+durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen
+wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte
+nicht – er hielt Cercle.
+
+Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem
+heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich
+erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte
+bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater,
+der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.
+
+Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An
+Piesecke dachte kein Mensch ...
+
+Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen
+worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei
+nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.
+
+„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist,
+weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger
+tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist,
+Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson
+an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste
+ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein
+eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über
+den Weg! Aber jetzt laß ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem
+Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“
+
+Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden
+Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild
+zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie
+müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.
+
+„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau.
+„Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich
+eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber
+in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche
+Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden,
+indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht
+kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte
+– war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen,
+sollte ich zürnen?
+
+Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?
+
+Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr
+Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?
+
+Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen
+war?
+
+Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute,
+liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein
+Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn
+es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher
+Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und
+widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann
+ihn nur glätten.
+
+Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes
+Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du
+bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin
+getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich
+heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am
+nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz
+nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als
+ich es je gesehen.
+
+„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“
+
+„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“
+
+Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich
+hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es
+nicht.
+
+„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier
+war?“
+
+Sie nickte.
+
+„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“
+
+Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie:
+
+„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu
+bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn
+kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen
+Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein
+kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt;
+er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine
+der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die
+heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte,
+geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung
+bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn
+die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine
+Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern
+können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß
+das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt
+sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände.
+Sonst ...“
+
+Sie sank weinend auf den Stuhl zurück.
+
+Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen
+Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In
+plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände.
+
+Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine
+unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich
+die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange so mit
+dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich
+nicht. Da hörte ich Evas Stimme.
+
+„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“
+
+„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern,
+ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das
+man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer
+aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht.
+
+„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“
+
+Da erhob ich mich.
+
+„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig
+auseinandersetzen.“
+
+Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer
+Magister sprach ich:
+
+„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den
+Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die
+Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei
+aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich
+liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er
+fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt
+vorsichtig.“
+
+„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre
+Art, so zu sprechen!“
+
+„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen
+ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen,
+sondern auch mich, auch unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich
+drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das
+ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine
+Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch
+das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe,
+in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses
+dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“
+
+In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien.
+
+„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der
+Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher
+Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann,
+der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte.
+Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“
+
+„Bitte!“
+
+„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr
+guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen
+schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege
+gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt
+herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu
+benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem
+schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel
+bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn man zum Beispiel
+in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins
+Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem
+ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein
+außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme
+Schlucker können es leugnen.
+
+Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als
+dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein.
+
+Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen
+weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig
+Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem
+Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“
+
+Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der
+unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.
+
+Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.
+
+Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl:
+
+„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber
+ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“
+
+Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.
+
+Sie gab keine Antwort mehr.
+
+Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und
+sagte nach einer Weile:
+
+„Das ist daneben gegangen!“
+
+„Ja, ganz daneben!“
+
+„Sie freuen sich wohl?“
+
+„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“
+
+„Das kann ich mir denken!“
+
+Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber
+und rauchten dicke Wolken.
+
+„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson.
+
+„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“
+
+
+
+
+
+ VOM BRUDER UND SEINER FRAU
+
+
+Mit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend
+hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe
+sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte
+ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da
+die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.
+
+Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder
+übermorgen.“
+
+„Fort? Wohin?“
+
+„Wieder hinüber.“
+
+„Nach Amerika?“
+
+„Ja.“
+
+Ich sah ihn schweigend an.
+
+Da sagte er:
+
+„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte.
+Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese
+Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“
+
+„Ist es aus zwischen euch?“
+
+„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige
+Hochzeit. Da hielt ich mich gestern für verpflichtet, ihr mein Leben zu
+schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere
+gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie
+bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht
+heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“
+
+„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“
+
+Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und
+toben.
+
+Zuletzt sagte er:
+
+„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“
+
+Ich blieb still.
+
+„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“
+
+„Sie lebt.“
+
+Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft
+hatte.
+
+„Und – das Kind, wo ist es?“
+
+„Es ist bei seiner Mutter.“
+
+„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“
+
+„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“
+
+Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine
+Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:
+
+„Wo hält sich das Scheusal auf?“
+
+„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“
+
+„Das _mußt_ du mir sagen!“
+
+„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“
+
+Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme
+schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:
+
+„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“
+
+Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die
+Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt
+nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine
+solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das
+Fenster, um ihm nachzurufen.
+
+Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging
+schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz
+benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber
+die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte
+keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte
+nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie
+gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde
+wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war
+aller Familiensimpelei müde geworden.
+
+Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor
+entlang eilen.
+
+Die Tür wurde aufgerissen.
+
+Magdalena stand vor mir.
+
+Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.
+
+„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“
+
+„Was? Was sagst du, Käthe?“
+
+„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“
+
+„Wer hat es genommen?“
+
+„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das
+Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“
+
+Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.
+
+„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen
+gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort
+sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell –
+schnell!“
+
+Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie
+durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte
+ihm den Weg gewiesen?
+
+Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu
+verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo
+das Kind war, fanden sie auch die Frau.
+
+Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte.
+
+„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“
+
+„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“
+
+Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem
+Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale
+Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf.
+
+„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“
+
+„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte.
+Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“
+
+Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.
+
+Ich zog mir den Mantel an.
+
+„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde
+mich sofort auf die Suche machen.“
+
+„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“
+
+Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.
+
+„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter
+gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm
+abrechnen.“
+
+„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“
+
+„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann
+ich dir nicht helfen!“
+
+Da senkte sie stumm den Kopf.
+
+Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der
+Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu
+warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den
+Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte.
+
+Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich
+eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein,
+ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In
+offener Feindseligkeit blickten wir uns an.
+
+„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“
+
+„Nicht hier.“
+
+„Wo ist die Mutter?“
+
+„Auch nicht hier.“
+
+„Willst du mir sagen, wo beide sind?“
+
+„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des
+Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung
+genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das
+ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“
+
+Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.
+
+„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser
+einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“
+
+„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal
+zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon
+jetzt nach auswärts.“
+
+„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest
+nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein
+Bandit!“
+
+„Hüte dich nur!“
+
+„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir
+beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer
+verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es
+höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“
+
+„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“
+
+„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig
+sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“
+
+„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich
+auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.
+
+„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina
+hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß
+sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“
+
+„Hör auf damit!“
+
+„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem
+Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du
+einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die
+Kleiderrockfalten der Mutter.“
+
+Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.
+
+„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand,
+Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle
+blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu
+betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“
+
+Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.
+
+„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“
+
+„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem
+jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“
+
+„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“
+
+„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie
+ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren
+stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht
+davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das
+Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem
+Freunde ...“
+
+„Hör auf – ich ertrage das nicht!“
+
+„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die
+eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine
+wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht.
+Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier
+fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid,
+ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder,
+der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“
+
+Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig
+die Abrechnung fort.
+
+„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den
+Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs
+Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du
+warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und
+aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis
+sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere
+Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten
+Willen‘.“
+
+Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und
+leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert.
+
+„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde.
+Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte
+Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich
+in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife
+ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von
+Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel.
+Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die
+Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir
+schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte?
+Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die
+Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?
+
+Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß,
+nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie
+habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst
+jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die
+Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag
+und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in
+der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen
+Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst
+deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein
+hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“
+
+Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er
+reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und
+fuhr fort:
+
+„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch
+gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto
+belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu
+sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg
+benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm
+die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene
+Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht
+einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen
+Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er
+verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein
+besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich
+genommen.“
+
+„Die Mutter ...“, ächzte Joachim.
+
+„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei
+gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich,
+daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir
+wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich
+hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern
+sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst
+jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge,
+die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu
+beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder
+deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt
+unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als
+deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das
+Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues
+zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist
+enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten
+Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann
+es nicht geben!“
+
+Joachim erhob sich.
+
+„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“
+
+„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“
+
+„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“
+
+„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“
+
+„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“
+
+„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal
+zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten
+selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“
+
+Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe
+hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine
+klare Rechenschaft geben.
+
+Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz
+abräumen gekonnt.
+
+Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl
+eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war.
+Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort
+ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls
+für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen,
+aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich
+dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte
+sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen
+miteinander.
+
+Ich riß das Fenster auf.
+
+„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“
+
+Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter mit ihm, und
+ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab
+Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über
+den niederen Brunnenrand ins Wasser.
+
+Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang;
+dann beugte er sich über das Becken.
+
+Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.
+
+Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos
+zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim
+stand noch am alten Fleck.
+
+„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten,
+ich hätte das Weib ertränken wollen.“
+
+„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie
+ist unglücklich gefallen.“
+
+„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure
+Komödien verfangen nicht bei mir!“
+
+„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“
+
+„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“
+
+„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist
+halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück
+passieren!“
+
+Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich
+sah ihm nach, hörte, wie er von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann
+eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden
+sehen.
+
+Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die
+Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts.
+Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah
+ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach
+unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die
+Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und
+noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen
+Richtungen auf die Suche.
+
+Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren
+auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina
+entdeckt ...
+
+Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau
+gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte,
+hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung
+erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf
+das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke
+zugedeckt.
+
+Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“
+schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das
+Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir
+verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe
+standen. Sämtliche Männer, die um das traurige Vorkommnis wußten, auch der
+Bauer, gelobten Stillschweigen.
+
+Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug
+sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung
+war, und sagte:
+
+„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“
+
+Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.
+
+„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel,
+ist sie zu mir gekommen.“
+
+Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.
+
+Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und
+rang die Händchen ineinander.
+
+„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“
+
+Ich sah sie streng an.
+
+„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind
+zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim
+in die Klause eindringen wollte?“
+
+„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts
+erfahren, bis er Luise brachte.“
+
+„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“
+
+„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir
+wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim
+wollte auch bald am Morgen fort.“
+
+Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche
+Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie
+zusammengebrochen.
+
+„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“
+
+„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder
+schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben,
+wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“
+
+Die Mutter weinte.
+
+„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten.
+Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach
+geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein
+Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“
+
+Ich lachte.
+
+„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“
+
+„Ihr werdet euch nie verstehen.“
+
+„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen
+da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch
+nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...
+
+Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende
+Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens
+fast alle Hoffnung.
+
+Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas
+Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:
+
+„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“
+
+Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles
+Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den
+Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.
+
+Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.
+
+„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“
+
+Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:
+
+„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen
+Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider
+freiwillig her.“
+
+Das Kind klammerte sich an mich.
+
+„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen.
+Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“
+
+Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt
+Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist.
+Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich
+schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um
+einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im
+Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt
+er sich Jahr für Jahr.
+
+„Kommt der böse Mann wieder?“
+
+„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“
+
+„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der
+Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof
+ziehen.“
+
+„Hast du Magdalena lieb, Luise?“
+
+„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“
+
+„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“
+
+„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.
+
+„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen
+Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...
+
+Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht
+wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo
+Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die
+Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist
+Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von
+allem Frieden und allem Glück.
+
+In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der
+röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand
+hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue
+Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:
+
+„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue
+dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“
+
+Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...
+
+In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:
+
+„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“
+
+Und sie jammerte nach dem Kinde.
+
+Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick
+in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als:
+„Luise ist fort!“
+
+Da sah ich sie lächelnd an.
+
+„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du
+bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“
+
+„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“
+
+Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.
+
+„Ich bilde es mir bloß ein!“
+
+„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“
+
+„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei
+mir?“
+
+„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch,
+wie es lärmt.“
+
+„Es ist so schön, wenn es lärmt!“
+
+Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden
+schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder
+war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält,
+dann ...“
+
+Ja, wenn!
+
+Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl
+vorbereitet.
+
+„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz
+leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und
+sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“
+
+So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in
+ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.
+
+Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper
+des Weibes:
+
+„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt –
+Luise ist wirklich da ...!“
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich
+würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung
+nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr
+stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.
+
+Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er
+gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.
+
+„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den
+Augen.
+
+„Ja, es ist überwunden!“
+
+Da atmete er auf.
+
+„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend;
+„deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch
+deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“
+
+Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:
+
+„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für
+angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen;
+du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen
+Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne
+Feindschaft aneinander denken wollen.“
+
+Ich wandte den Kopf zur Seite.
+
+„Und Luise?“
+
+„Luise werde ich ihr lassen.“
+
+Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:
+
+„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer.
+Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten,
+wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens
+annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache
+übernehmen?“
+
+„Ja.“
+
+„Ich danke dir!“
+
+Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.
+
+„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“
+
+Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:
+
+„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“
+
+Ich blieb stehen.
+
+„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat
+es von selbst gewollt.“
+
+„Ja, ich kann es mir denken.“
+
+Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.
+
+„Wann wollt ihr denn fort?“
+
+„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden
+kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“
+
+Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:
+
+„Ja, ich werde kommen.“
+
+Joachim blieb stehen.
+
+„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir
+verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören,
+werde ich schon fort sein.“
+
+Es wurde ihm schwer.
+
+„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für
+alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du
+neulich so mit mir gesprochen hast.“
+
+Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich
+sagte:
+
+„Behüte dich Gott, Joachim!“
+
+Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte,
+erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.
+
+Joachim wandte sich noch einmal um.
+
+„Ist sie das?“
+
+Ich nickte mit dem Kopf.
+
+Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg
+hinab.
+
+Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.
+
+
+
+
+
+ FREUND STEFENSON
+
+
+Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf.
+Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst
+nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur
+Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.
+
+Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen
+Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter
+verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne
+Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte
+Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch
+die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am
+Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens
+lauschen.
+
+Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein
+Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.
+
+Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.
+
+Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes
+Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein
+verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke
+Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.
+
+Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande
+Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte,
+aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige
+spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.
+
+Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:
+
+„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen
+Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um
+Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie
+brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich
+bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen
+Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch
+bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine,
+sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist
+Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr
+das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht
+einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem
+Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer,
+feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio
+de Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden
+die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im
+Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh
+bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen –
+auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine
+Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und
+da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird.
+Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist;
+lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen
+aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten,
+auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter
+halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“
+
+„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“
+
+Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem
+Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich
+verändertem Tone:
+
+„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so
+’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen
+Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein
+wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie
+wenigstens zustimmen müssen, und da ist es mir natürlich verdrießlich,
+wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“
+
+„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“
+
+„Ja, nur deswegen!“
+
+Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.
+
+„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre
+Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend
+Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder
+haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen
+oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei
+Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen
+Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen
+oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“
+
+Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.
+
+Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:
+
+„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um
+was für ein Geschäft es sich handelt.“
+
+„So sagen Sie es mir – bitte!“
+
+Er war verstimmt.
+
+„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern
+zurückkaufen.“
+
+„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“
+
+„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges
+ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“
+
+„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“
+
+„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei
+Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß
+sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil
+der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht
+bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter
+nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind
+bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern
+einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute
+Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser
+verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die
+Konkurrenz drüben stärken würde.“
+
+„Was bezwecken Sie damit?“
+
+„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der
+Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen,
+denke ich, können wir oben einziehen.“
+
+Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab.
+Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich
+zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber
+Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort
+sagte Stefenson:
+
+„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da
+unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich
+erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten
+Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten.
+Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und
+mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los
+von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens
+einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“
+
+„Und welcher von uns beiden soll das sein?“
+
+„Sie!“
+
+Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.
+
+„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon
+ohne Familie.“
+
+„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“
+
+„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“
+
+Er lachte.
+
+„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva
+einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern
+nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie
+solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als
+Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um
+sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache
+keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und
+überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief
+habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch
+ein sehr günstiges Zeichen.“
+
+„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“
+
+„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal,
+hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib,
+sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein
+braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“
+
+„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“
+
+„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper
+gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas
+mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe
+den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich
+–, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er
+Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper
+unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem
+Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat
+mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine
+Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein
+außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie
+auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen
+Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“
+
+„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“
+
+„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch
+ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“
+
+So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten
+Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf
+erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins
+Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu
+schaffen.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem
+Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter
+Umschau“.
+
+„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung.
+Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat
+ans Fenster.
+
+„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.
+
+„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar
+nicht hineingeschaut.“
+
+„Da – da ...“
+
+Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:
+
+„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen
+Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn
+des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine
+rasche Künstlerkarriere!“
+
+„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch
+gegangen.“
+
+„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen
+wissen?“ brüllte Stefenson.
+
+„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich
+leid um Sie!“
+
+„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu
+tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los
+bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses
+flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer
+zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich
+bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen
+kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte
+Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten
+wollte, gibt sie auf!“
+
+Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.
+
+„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut,
+wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen,
+klaren Blick ...“
+
+„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab
+ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen.
+Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“
+
+Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte
+mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:
+
+„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl
+verlangen.“
+
+„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß
+selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“
+
+„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt
+nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn,
+daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein
+wird?“
+
+„Das kann ich nicht beurteilen.“
+
+„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche
+sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause
+ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen
+oder _sub_ Luder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig
+sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen
+wird.“
+
+„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt
+ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte
+Wahrsagerin unten in Waltersburg.“
+
+„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre
+Freundschaft?“ Er war wütend.
+
+„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt
+sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich
+etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können,
+wissen Sie ja doch!“
+
+„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“
+
+Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab
+schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder
+fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:
+
+„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“
+
+„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten
+Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger
+Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie
+nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie
+ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den
+Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“
+
+„Und stimmt es, was sie sagt?“
+
+„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft
+nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig
+Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt,
+wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch
+eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig
+zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“
+
+Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge
+Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es
+beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer
+ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus
+Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis,
+sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:
+
+„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu
+erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“
+
+„Gewiß – gewiß!“
+
+Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.
+
+„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten,
+sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen
+wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten
+wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt
+denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich
+eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht
+Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von
+diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental.
+Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird
+gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“
+
+Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.
+
+
+
+
+
+ DER FUCHS UND DIE SIBYLLE
+
+
+Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe
+windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum
+Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und
+unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich
+eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer,
+dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine
+Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken,
+auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem
+trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.
+
+„Wird er kommen?“ fragte sie.
+
+„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig
+eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten
+Sie sich genau an unsere Abmachungen.“
+
+„Jawohl!“ nickte das Weib.
+
+Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte,
+beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin
+angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in
+denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen
+waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten
+verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und
+vorsichtig umherspähen.
+
+„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre
+Sache gut.“
+
+Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.
+
+„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie
+brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch
+etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen
+Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“
+
+Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in
+ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen
+grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das
+alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte
+kein Wort.
+
+„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.
+
+Keine Antwort.
+
+„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner
+auf.
+
+„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.
+
+„Wa–as?“
+
+„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.
+
+„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich
+hier!“
+
+Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah
+mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte,
+ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem
+Guckloche königlich.
+
+Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte
+mit erzwungener Höflichkeit:
+
+„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“
+
+„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.
+
+Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten.
+Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück
+und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet
+fünfundzwanzig Pfennig.“
+
+„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie
+mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte
+wütend:
+
+„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“
+
+Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig
+auf den Tisch.
+
+„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit
+Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und
+steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal
+abheben und sagte:
+
+„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“
+
+Stefenson lachte ärgerlich.
+
+„Neununddreißig bin ich.“
+
+„So sehen Sie nicht aus!“
+
+Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.
+
+„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.
+
+„Am 14. April geboren.“
+
+„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.
+
+„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.
+
+„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht
+aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“
+
+Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.
+
+„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher
+werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“
+
+„Ja“, murmelte Stefenson.
+
+„Ihre Braut heiratet einen anderen.“
+
+„Ist das wahr?“
+
+„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt
+und sie betrogen.“
+
+Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:
+
+„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie
+ihn töten.“
+
+„A–ah!“
+
+„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist,
+und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“
+
+„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.
+
+„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen
+wäre sie unglücklich geworden.“
+
+„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.
+
+„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche
+Amerikanerin heiraten werden.“
+
+„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten.
+Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“
+
+„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die
+Karten zusammen.
+
+„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.
+
+Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.
+
+„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig
+bezahlt.“
+
+Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.
+
+In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in
+den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die
+Vorderstube.
+
+Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.
+
+„Sie – Doktor?“
+
+„Sie – Stefenson?“
+
+Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur
+der Wissenschaft halber ...“
+
+„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon
+dran?“
+
+„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat
+sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr
+erfahren.“
+
+„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“
+
+Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich
+auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging;
+es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen
+Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein
+Gekrabbele.
+
+„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.
+
+„Jawohl!“ antwortete Stefenson.
+
+Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:
+
+„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie
+Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“
+
+„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“
+widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch
+auf einige Fragen Auskunft.“
+
+„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“
+
+Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen
+strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.
+
+„Eva!“
+
+„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.
+
+„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den
+Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter,
+brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:
+
+„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“
+
+Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden,
+staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in
+der Stimme:
+
+„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine
+kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl
+verdient.“
+
+„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff
+ich ein.
+
+„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt
+Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet!
+Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva
+selbst.“
+
+„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“
+
+„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr
+Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“
+
+Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.
+
+„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit
+mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein,
+da ich erst heute morgen in der Zeitung –“
+
+Ich griff wieder ein.
+
+„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten,
+verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich
+geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die
+ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei
+mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel
+eine kleine Änderung gemacht worden.“
+
+„So ist wohl alles gar nicht wahr?“
+
+„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als
+Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne
+noch schief ausgehen, und sagte deshalb:
+
+„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da
+wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der
+Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown.
+Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List
+eine äußerst gelinde Strafe ist.“
+
+„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“
+
+„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns
+existieren doch gar nicht.“
+
+„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin
+waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie
+haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine
+große Schauspielerin.“
+
+Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:
+
+„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die
+Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das
+Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch
+selbstverständlich.“
+
+Seine Augen irrten umher.
+
+„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten.
+Man sollte sie jetzt herunterrufen.“
+
+Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In
+diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte
+albern und blinzelte verlangend mit den Augen.
+
+„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon
+bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“
+
+Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte
+unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen wir hinaus!“ sagte ich. Ich
+half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war.
+Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll
+auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine
+eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen
+die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam
+den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte,
+ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um
+Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg
+angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen
+Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen
+selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und
+ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun
+scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und
+fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein
+Kollern.
+
+„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der
+Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt,
+was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner,
+bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und
+erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“
+
+Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah
+ich in ihnen ein glückliches Paar.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste
+noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der
+Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher
+zu mir:
+
+„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten
+Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre
+auch genug gewesen.“
+
+„Woher wissen Sie den Preis?“
+
+„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“
+
+„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“
+
+„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘
+die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger
+Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel
+heraus.“
+
+„Das ist infam!“ rief ich.
+
+„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.
+
+„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt
+zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der
+so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch
+durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was
+dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und
+ich ging zu der alten Sibylle.“
+
+„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“
+
+„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große
+Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden.
+Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine
+schrecklichere Theaterhexe gesehen.“
+
+„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die
+furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was
+vormachen!“
+
+„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß,
+daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich
+mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“
+
+Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich
+so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.
+
+
+
+
+
+ ADVENT
+
+
+Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um
+in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er
+wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord
+gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im
+Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel
+hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und
+steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte
+Friede ist wiedergekehrt.
+
+Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen
+Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen
+müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom
+Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte
+mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und
+wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein
+leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht
+wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.
+
+„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir, „wenn mich die kleine
+Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen
+im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und
+eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich
+möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich
+verloren.“
+
+„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“
+
+„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.
+
+„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber
+Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“
+
+Da fügte er sich. –
+
+Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen
+Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die
+Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde.
+Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe
+durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise
+ganz allein sein.
+
+Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht,
+zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber
+das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen
+Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten,
+die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht
+selbst das Lernen zur Lust.
+
+Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe.
+Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir,
+wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben
+werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen,
+daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein
+heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.
+
+Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva
+schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr
+dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind
+zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen
+Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte
+Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein.
+Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine
+Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft
+kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein
+Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über
+das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich
+nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht
+sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim
+gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...
+
+Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München:
+
+
+
+
+
+
+ „Lieber Doktor!
+
+Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz
+vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut,
+die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen.
+Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was
+sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und
+dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die
+bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines
+deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem
+Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein.
+Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt
+und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil.
+Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen
+deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste
+Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon
+morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne,
+durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu
+heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß
+einzutreten.
+
+ Ihr getreuer Methusalem.
+
+Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten
+Waltersburg zurückkehren zu können, bereits fünf Purzelbäume in meinem
+Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!
+
+ Methusalem.“
+
+
+
+
+
+
+Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft
+verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann
+ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch
+ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.
+
+Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.
+
+„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm
+Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der
+mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine
+Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich
+anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die
+traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“
+
+„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was
+Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch
+zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden.
+Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und
+schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der
+andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide
+nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest
+aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen
+gebe ich Ihnen zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein
+Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie
+hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“
+
+„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben
+recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“
+
+Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und
+Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste
+„Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem,
+Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine
+beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt
+worden.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage
+war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz
+vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an
+Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig
+bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden
+und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen
+viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion
+aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße
+Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem
+Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit
+Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von
+denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt
+stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle
+Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen
+hätten.
+
+Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der
+Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen
+Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor
+dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete
+herbei – Grüße aus der Heimat.
+
+Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.
+
+Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein
+Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:
+
+„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und
+die Heimat. Eure Mutter.“
+
+Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster,
+spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten,
+darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem
+Tale klangen.
+
+Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein
+wenig rot im Gesicht.
+
+„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.
+
+„Ich habe es dir ja gebracht.“
+
+Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.
+
+Da sagte sie im Laufe des Abends:
+
+„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber
+sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“
+
+„Bestimmt, Käthe.“
+
+Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.
+
+„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“
+
+
+
+
+
+ HOCHZEIT UND ENDE
+
+
+Stefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages
+in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich
+waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz,
+sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von
+Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten
+wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert
+war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte
+wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer
+stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde.
+
+Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und
+wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das
+Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen
+geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei
+Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das
+Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim
+anwesender Dichter geschaffen hatte:
+
+ „Alles Wünschen geht zur Ruh:
+ Du bist ich, und ich bin du!
+ All dein Schmerz und Leid ist mein,
+ All mein Gut und Glück sind dein!
+ Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,
+ Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;
+ Deine Blumen pflanze ich,
+ Deine Tänze tanze ich;
+ Ich will deinen Kummer klagen,
+ Du sollst meine Kränze tragen;
+ Ich kann nimmer müde sein,
+ Ehe du nicht schlummerst ein;
+ Ja, mein Gott grüßt mich von fern,
+ Strahlt auf dich ein goldner Stern.“
+
+So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.
+
+Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte.
+Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter
+der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar
+Freundesworte.
+
+Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er
+sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er
+drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier
+habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen
+wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse
+jetzt, da er die Frau seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück
+ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine
+Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach
+Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.
+
+ *
+
+„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den
+Weihnachtsberg.“
+
+Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber
+Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte.
+Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige,
+ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen
+Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom
+Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial
+gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems.
+
+Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit
+transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als
+tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von
+einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen,
+Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in
+zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah,
+Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen, Levisohn mit einer
+riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott Mars in furchtbarer Rüstung,
+schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein
+Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln
+lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und
+Vergnügungsleiters Methusalem.
+
+Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen
+Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom
+grauen Turme herab:
+
+ „O du fröhliche, o du selige,
+ Gnadenbringende Weihnachtszeit.“
+
+Gleich hinterher aber:
+
+ „Wenn Weihnachten ist,
+ Wenn Weihnachten ist,
+ Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;
+ Bringt jedem eine Muh,
+ Bringt jedem eine Mäh,
+ Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“
+
+Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die
+Weihnachtsburg ein.
+
+Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte
+sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach
+etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore.
+Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan und waren in phantastischen
+Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem!
+
+Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig
+lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich
+Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron
+stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als
+„Kammerherr“ neben Stefenson plaziert.
+
+Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das
+schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm
+erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der
+Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem
+sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er
+entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der
+Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des
+Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen
+verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und
+unwiderruflich folgendes:
+
+Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne,
+wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen
+wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der
+Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten
+bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern
+zugute komme; das dritte und letzte Drittel aber ist zu
+Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von
+welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar
+ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den
+ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“
+
+Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.
+
+Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu:
+
+„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“
+
+„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“
+
+Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur!
+
+Methusalem fuhr fort:
+
+„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank.
+Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er
+mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm
+Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle,
+daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde
+und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen,
+einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe
+in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und
+wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war
+Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede.
+Methusalem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit
+und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute
+macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“
+
+Das Volk staunte.
+
+„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir.
+
+„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für
+Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht
+eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“
+
+Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.
+
+„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt
+hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die
+Stiftung.“
+
+Bestürzung. Schweigen.
+
+„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem
+Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich
+nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“
+
+Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut
+stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten;
+die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den
+Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast
+weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör.
+
+„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen,
+alles andere bleibt, wie es der weise Methusalem angeordnet hat, die
+Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“
+
+Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er
+fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe
+neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie
+ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger
+gelegentlich mal heult.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die
+Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als
+sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute
+mit dem Nachtzuge davon.
+
+Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren
+da.
+
+Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:
+
+„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame
+Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute
+Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“
+
+Ich schlug in die dargereichte Hand.
+
+„Wann kommst du wieder?“
+
+„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme.
+Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen.
+Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein
+Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste bekannt vor.
+Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese
+meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum
+Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht,
+eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“
+
+Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden
+paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib.
+
+„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine
+Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu
+uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin,
+wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem
+stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche
+Leben wieder schmackhaft sein.“
+
+„Ja, so wollen wir es halten!“
+
+„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“
+
+Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam
+wieder die alte Geschäftsmiene.
+
+„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz
+von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die
+Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig
+Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher
+fünfundzwanzig Pfennig abziehen wollen, und wir haben so lange gestritten,
+bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht
+der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht
+zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig
+Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig
+umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt
+15, drei Stiegen.“
+
+Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.
+
+„Was lachen Sie denn, Piesecke?“
+
+„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken
+und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das –
+das ist – Pardon – merkwürdig!“
+
+„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf
+die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich
+dreihunderttausend Mark verschenken.“
+
+„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“
+
+„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“
+
+Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der
+rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander
+geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit
+einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand.
+
+ -------------------------------------------------------
+
+Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das
+Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen
+Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am
+Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im
+Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die
+kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte?
+
+Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den
+alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und
+es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause
+gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das
+Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich
+die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe
+aus und tappe die Treppe hinab ...
+
+Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der
+Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die
+anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und
+ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte
+Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande.
+
+Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die
+stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein,
+zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine
+Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem verlassenen Gebirgsdorfe
+lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird?
+Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter
+Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie
+ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von
+neuem.
+
+So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu
+meinem Werk.
+
+Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden
+Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen
+kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder
+rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin
+ich zu Hause.
+
+In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am
+Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane
+fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit
+gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein
+wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags,
+will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub.
+
+Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr
+verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last
+des Lebens zu erleichtern.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde von der letzten Seite an den Beginn versetzt.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter in Antiqua
+(bis auf den Titel „Dr.“ und römische Zahlen) und gesperrte Wörter sind
+durch Unterstrich („_“) gekennzeichnet.
+
+Korrektur offensichtlicher Druckfehler:
+
+ Seite 27: doppeltes „freue“ entfernt.
+ Seite 43: „Stefensohn“ in „Stefenson“ geändert.
+ Seite 75: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Die Luise habe
+ ich flottgemacht.“).
+ Seite 91: „mit“ in „mir“ geändert.
+ Seite 97: „philantropische“ in „philanthropische“ geändert.
+ Seite 101: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „des Magistrats
+ von Waltersburg stellen“)
+ Seite 103: doppeltes „und“ entfernt (vor „in einer glänzenden
+ Erfassung“)
+ Seite 118: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Das haben“).
+ Seite 128: „umqartieren“ in „umquartieren“ geändert.
+ Seite 145: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „bis um
+ sieben.“)
+ Seite 164: „Xantippen“ in „Xanthippen“ geändert.
+ Seite 170: „reckt“ in „reckte“ geändert.
+ Seite 238: „Widersehen“ in „Wiedersehen“ geändert.
+ Seite 243: „Rauberhöhle“ in „Räuberhöhle“ geändert.
+ Seite 244: „Apothese“ in „Apotheose“ und „den“ in „der“ (nach
+ „Vertreter“) geändert.
+ Seite 254: „überzeugenste“ in „überzeugendste“ geändert.
+ Seite 261: „Hentschel“ in „Henschel“ geändert.
+ Seite 309: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (vor „Wieso
+ Komödie?“)
+ Seite 347: fehlendes Anführungszeichen ergänzt (nach „stärken
+ würde.“)
+ Seite 377: „Lewinsohn“ in „Levisohn“ geändert.
+
+Nicht korrigiert wurden Varianten wie „Chicago“/“Chikago“,
+„debutieren“/„debütieren“, „Annelies“/„Anneliese“ oder „anderen“/„andern“.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN VOM ICH***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+May 23, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Norbert H. Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 28938-0.txt or 28938-0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/9/3/28938/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
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+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
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+ 1.E.2.
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+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
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+phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+ 1.E.3.
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+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
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+other work associated with Project Gutenberg™.
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+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
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+
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+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
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+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
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+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
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+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
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+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
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+
+
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+
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+
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+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
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+
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+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
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