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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 3. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
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+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: , March 8, 2009 [Ebook #28280]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***
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+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
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+by Alexander von Humboldt
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+Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009)
+
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+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1859
+
+ ------------------
+
+ Dritter Band
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Achzehntes Kapitel.
+Neunzehntes Kapitel.
+Zwanzigstes Kapitel.
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+Liste explizit genannter Werke
+Anmerkungen des Korrekturlesers
+
+
+
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+
+
+ACHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
+ Flüsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.
+
+
+Bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die großen
+Flüsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
+bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
+tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
+um jenseits des Apure die große Stadt des Dorado und das reiche Land
+Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kühne Züge
+waren nur in voller Kriegsrüstung auszuführen. Auch wurden die Waffen, die
+nur die neuen Ansiedler schützen sollten, beständig wider die
+unglücklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthätigkeit
+und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
+mächtige indianische Volksstämme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
+zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
+verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mönchen gestattet, südlich
+von den Steppen den Fuß zu setzen. Jenseits des Uritucu begann für die
+spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
+unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Küsten von Neu-Grenada
+und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
+Wege, die von Coro an den Rio Meta führen. Das Küstenland von Venezuela
+blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionäre von der
+Gesellschaft Jesu wollte es nur längs der Ufer des Orinoco glücken. Diese
+Väter waren bereits bis über die Katarakten von Atures und Maypures
+hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Küste und den
+Thälern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
+den verschiedenen Ordensregeln läßt sich ein solcher Contrast nicht wohl
+erklären; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
+Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
+in Gebirgen oder auf Steppen, überall, wo sie nicht am selben Flusse
+fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, daß
+die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fünfzig Meilen
+von dem am frühesten bevölkerten Küstenstrich von Caracas liegt, erst im
+Jahre 1789 gegründet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
+hübscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
+auf Ansuchen der Mönche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
+ein paar Rohrhütten um ein großes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
+Da die Missionäre und die weltlichen obersten Behörden gleiches Interesse
+haben, in Europa ihre Bemühungen für Förderung der Cultur und der
+Bevölkerung in den Provinzen über dem Meer in übertriebenem Lichte
+erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, daß Stadt- und Dorfnamen lange
+vor der wirklichen Gründung in der Liste der neuen *Eroberungen*
+aufgeführt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
+dergleichen Ortschaften nennen, die längst projektirt waren, aber nie
+anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.
+
+San Fernando, an einem großen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmündung
+eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist für den Handel
+ungemein günstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Häute, Cacao,
+Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen über
+diese Stadt nach den Mündungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen große
+Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
+Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
+treten die Flüsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
+bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das über eine
+Fläche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
+Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefälle der Gegenhänge
+seinen Lauf ändert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
+Meridians zu verfolgen, ostwärts fließt. Betrachtet man die Erdoberfläche
+als einen vielseitigen Körper mit verschieden geneigten Flächen, so
+springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, daß zwischen
+San Fernando am Apure, Caycara und der Mündung des Meta drei Gehänge, die
+gegen Nord, West und Süd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
+bedeutende Bodensenkung entstehen mußte. In diesem Becken steht in der
+Regenzeit das Wasser 12--14 Fuß hoch auf den Grasfluren, so daß sie einem
+mächtigen See gleichen. Die Dörfer und Höfe, die gleichsam auf Untiefen
+dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuß über dem Wasser. Alles erinnert
+hier an die Ueberschwemmung in Unterägypten und an die Laguna de Xarayes,
+die früher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
+paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flüsse Apure, Meta und
+Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
+die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
+sie die Plateaus oder die gewölbten Erhöhungen in den Llanos nicht
+erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Füllen, einen
+Theil des Tags herumschwimmen und die Gräser abweiden, die nur mit den
+Spitzen über das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
+angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
+von den Zähnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
+Aase von Pferden, Maulthieren und Kühen ziehen zahllose Geier herbei. Die
+*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
+Landes. Sie haben ganz den Habitus des _‘Huhns der Pharaonen’_ und leisten
+den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
+den Egyptern.
+
+Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
+umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
+Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grönland
+frißt der Hund die Abfälle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
+nährt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
+dürren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
+treten hier in den wilden Zustand zurück und fristen im heißen tropischen
+Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von übermäßiger Dürre
+und darauf von übermäßiger Nässe geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
+zu löschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flüchten sie
+sich vor den Wassern der austretenden Flüsse, vor einem Feinde, der sie
+von allen Seiten umzingelt. Den Tag über werden Pferde, Maulthiere und
+Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
+Fledermäusen angefallen, die sich in ihren Rücken einkrallen und ihnen
+desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bösartige
+Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der großen Dürre benagen die
+Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
+erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
+zu gelangen. Während der großen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
+wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
+Seekühen. Und dennoch erhält sich, nach den unabänderlichen Gesetzen der
+Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
+Plagen und Gefahren. Fällt das Wasser wieder, kehren die Flüsse in ihre
+Betten zurück, so überzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
+Gras, und im Herzen des heißen Landstrichs scheinen die Thiere des alten
+Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
+neuen Frühlingsgrüns zu freuen.
+
+Während des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Länder, um die
+starke Strömung und die gefährlichen Baumstämme, die sie treibt, zu
+vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flußbetten hinauf, sondern fahren
+über die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Dörfern San Juan
+de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
+wendet man sich gerade nach Süd, als führe man auf einem einzigen 20
+Meilen breiten Strome. Die Flüsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
+bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergießen, 160 Meilen von der Küste
+von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
+alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Höhe des Quecksilbers im
+Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefälle von
+34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmündung des
+Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
+Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern überhaupt in allen Stücken an die
+Savanen am untern Orinoco.
+
+Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
+wohnten beim Missionär, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
+Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die größte
+Aufmerksamkeit und Gefälligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
+der Fluß den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwühlen könnte, und
+er zog mich deßhalb zu Rath. Durch den Einfluß der Portuguesa in den Apure
+wird dieser nach Südost gedrängt, und statt dem Fluß freieren Lauf zu
+verschaffen, hatte man Dämme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
+leicht vorauszusagen, daß, wenn die Flüsse stark austraten, diese Wehren
+um so schneller weggeschwemmt werden mußten, da man das Erdreich zu den
+Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwächt hatte.
+
+San Fernando ist berüchtigt wegen der unmäßigen Hitze, die hier den
+größten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
+auf den Strömen berichte, führe ich hier einige Beobachtungen an, welche
+für die Meteorologie der Tropenländer nicht ohne Werth seyn mögen. Wir
+begaben uns mit Thermometern aus das mit weißem Sand bedeckte Gestade am
+Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand überall, wo er der Sonne
+ausgesetzt war, 52°,5 [42° R]. In achtzehn Zoll Höhe über dem Sand stand
+der Thermometer auf 42°, in sechs Fuß Höhe auf 38°,7. Die Lufttemperatur
+im Schatten eines Ceibabaums war 36°,2. Diese Beobachtungen wurden bei
+völlig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
+Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
+_‘Sandwind’_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
+erhitzten Boden in Berührung gewesen, oder durch welche _‘Sandhosen’_
+durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heißeste,
+weil ihm die Luft zugeführt wird, welche bereits über die ganze dürre
+Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
+östlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wüsten da bemerkt, wo
+die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
+bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
+strahlende Wärme gegen den Erdboden zurückwirft. In dieser Zeit hört der
+Seewind ganz auf, und nach POZO’s guten thermometrischen Beobachtungen
+steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39°,5 [31°,2--31°,6 R], und
+zwar noch über 15 Fuß vom Boden. Je näher wir den Flüssen Portugueza,
+Apure und Apurito kamen, desto kühler wurde die Luft, in Folge der
+Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Dieß ist besonders bei
+Sonnenaufgang fühlbar; den Tag über werfen die mit weißem Sand bedeckten
+Flußufer die Sonnenstrahlen auf unerträgliche Weise zurück, mehr als der
+gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.
+
+Am 28. März bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
+Apure zu messen. Sie beträgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
+war dieß das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluß
+schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
+und alsbald fingen große Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
+ähnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
+Wasserfläche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und träge, schienen die
+Nähe dieser lärmenden, in ihren Bewegungen ungestümen Thiere zu scheuen;
+wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Daß
+Cetaceen so weit von der Küste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
+in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
+indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuß lang und zeigen, wenn
+sie den Rücken krümmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
+schlagen, ein Stück des Rückens und der Rückenfloße. Ich konnte keines
+Stücks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
+auf sie zu schießen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
+derselben. Gehören diese Cetaceen den großen Strömen Südamerikas
+eigenthümlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER’s
+anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Süßwassersäugethier* ist,
+oder soll man annehmen, daß sie aus der See gegen die Strömung so weit
+heraufkommen, wie in den asiatischen Flüssen der _Delphinapterus Beluga_
+zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
+Umstand, daß wir im Rio Atabapo, oberhalb der großen Fälle des Orinoco,
+Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mündung des Amazonenstroms
+her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
+Orinoco bis in das Herz von Südamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
+in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, daß sie zu
+bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.
+
+Während es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
+einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
+Zenith zuzogen. DELUC’s Hygrometer stand auf 53°, der Thermometer auf
+23°,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
+Elektricität. Während das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
+Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstbläschen wurden sichtbar
+und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
+bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wärme des Bodens zurückwirft.
+Jetzt goß der Regen in Strömen nieder. Wir waren hinlänglich an das Klima
+gewöhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fürchten zu
+dürfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
+zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuß über dem Boden 20 Minuten lang in der
+Hand und sah die Fliedermarkkügelchen meist nur wenige Secunden vor dem
+Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
+sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
+Siegellackstange die Art der Elektricität zu untersuchen, und so sah ich
+hier, wie später oft auf dem Rücken der Anden während eines Gewitters, daß
+die Luftelektricität zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
+wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
+Harzelektricität) wiederholte sich öfters. Indessen zeigte der
+Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
+Elektricität, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
+Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
+auf 22°, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wärmestrahlung
+gegen den Himmel.
+
+Ich bin hier näher auf Einzelnes über elektrische Spannung der Luft
+eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschränken, den
+Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
+angekommenen Europäer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei große
+Hälften zerfällt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
+die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
+in *Regenzeit*, ist es von großem Interesse, den Verlauf der
+meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
+andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
+den Thälern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
+Anfang März wurde die Anhäufung sichtbarer Dunstbläschen und damit die
+Anzeichen von Luftelektricität von Tag zu Tag stärker. Wir sahen gegen Süd
+wetterleuchten und der VOLTA’sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
+fortwährend Glaselektricität. Mit Einbruch der Nacht wichen die
+Fliedermarkkügelchen, die sich den Tag über nicht gerührt, 3--4 Linien
+auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
+bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
+aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft völlig gestört. Stundenlang
+war die Elektricität Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
+bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC’s Hygrometer zeigte
+fortwährend große Trockenheit an, 33--35°, und dennoch schien die Luft
+nicht mehr dieselbe. Während dieses beständigen Schwankens der
+Luftelektricität fingen die kahlen Bäume bereits an frische Blätter zu
+treiben, als hätten sie ein Vorgefühl vom nahenden Frühling.
+
+Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
+auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
+in wunderbarer Einförmigkeit auf einander, weil die lebendigen Kräfte der
+Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschränken und im
+Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwärts von den Cordilleren von
+Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
+zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
+beständig regnet und demnach die Zeit der größten Hitze, die im Juli und
+August eintritt, in die Regenzeit fällt, nehmen die atmosphärischen
+Erscheinungen folgenden Verlauf.
+
+Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
+Der Himmel ist beständig wolkenlos, und zieht je Gewölk auf, so ist das
+ein Phänomen, das die ganze Einwohnerschaft beschäftigt. Der Wind bläst
+stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er beständig Luft von der gleichen
+Temperatur herführt, so können die Dünste nicht durch Abkühlung sichtbar
+werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang März ist das Blau des Himmels
+nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmählig stärkere Feuchtigkeit
+an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
+ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
+bis zu 20 Grad über dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
+schwächer, unregelmäßiger, und es tritt öfter als zuvor völlige Windstille
+ein. In Süd-Süd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
+mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lösen sie sich vom Horizont
+ab und laufen über das Himmelsgewölbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
+schwachen Wind in den untern Luftschichten außer Verhältniß steht. Zu Ende
+März wird das südliche Stück des Himmels von kleinen, leuchtenden
+elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
+immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
+der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Südwest.
+Es ist dieß ein sicheres Zeichen, daß die Regenzeit bevorsteht, die am
+Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fängt an sich zu beziehen,
+das Blau verschwindet und macht einem gleichförmigen Grau Platz. Zugleich
+nimmt die Luftwärme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
+am Himmel, sondern verdichtete Wasserdünste hüllen ihn vollkommen ein.
+Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brüllaffen ihr klägliches Geschrei.
+Die Luftelektricität, die während der großen Dürre vom December bis März
+bei Tag fast beständig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
+war, fängt mit dem März an äußerst veränderlich zu werden. Ganze Tage lang
+ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkügelchen ein paar
+Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricität, die in der
+heißen wie in der gemäßigtenz Zone in der Regel Glaselektricität ist,
+schlägt auf 8--10 Minuten in Harzelektricität um. Die Regenzeit ist die
+Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniß meiner zahlreichen,
+dreijährigen Beobachtungen, daß gerade in dieser Gewitterzeit die
+elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
+Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der über einander gelagerten
+Luftschichten? Was hindert die Elektricität in einer Luft, die schon seit
+Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
+die Elektricität nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
+äußern Hülle, auf der Oberfläche der Wolken angehäuft zu seyn. Daß sich
+das elektrische Fluidum an die Oberfläche der Wolke zieht, ist, nach
+GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
+Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
+also kurze Zeit nach dem Eintritt des täglichen Wärmemaximums unter den
+Tropen. Im Binnenlande hört man bei Nacht oder Morgens äußerst selten
+donnern; nächtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flußthälern vor, die
+ein eigenthümliches Klima haben.
+
+Auf welchen Ursachen beruht es nun, daß das Gleichgewicht in der
+elektrischen Spannung der Luft gestört wird, daß sich die Dünste
+fortwährend zu Wasser verdichten, daß der Wind aufhört, daß die Regenzeit
+eintritt und so lange anhält? Ich bezweifle, daß die Elektricität bei
+Bildung der Dunstbläschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
+die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nördlich und südlich
+vom Aequator kommen die Gewitter oder die großen Entladungen in der
+gemäßigten und in der äquinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
+Moment, das durch das große Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
+wirkt? Wie läßt sich denken, daß in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
+sich immer so hoch über den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
+durch das Zenith bedeutenden Einfluß auf die Vorgänge in der Luft haben
+sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
+Eintreten des Regens bedingt, keine örtliche, und das scheinbar so
+verwickelte Problem würde sich wohl unschwer lösen, wenn wir mit den obern
+Luftströmungen besser bekannt wären. Wir können nur beobachten, was in den
+untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshöhe sind die Anden
+fast unbewohnt, und in dieser Höhe äußern die Nähe des Bodens und die
+Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
+Einfluß auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
+beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnähme, wenn man in
+derselben Höhe in einem Luftballon über den Llanos oder über der
+Meeresfläche schwebte.
+
+Wie wir gesehen haben, fällt in der nördlichen Aequinoctialzone der Anfang
+der Regenniederschläge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
+durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhören der See- oder Nordostwinde,
+mit dem häufigen Eintreten von Windstillen und _‘Bendavales’_, das heißt
+heftigen Südost- und Südwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwärtigt
+man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
+aus denen unsere Atmosphäre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
+Ansicht, in den Momenten, daß der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
+herbläst, unterbrochen wird, daß die Luft in der heißen Zone sich nicht
+mehr erneuert, und daß fortwährend ein feuchter Strom aufwärts geht,
+einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
+lange nördlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
+bläst, läßt er die Luft über den tropischen Ländern und Meeren sich nicht
+mit Wasserdunst sättigen. Die heiße, trockene Luft dieser Erdstriche
+steigt aufwärts und fließt den Polen zu ab, während untere, trockenere und
+kältere Luft herbeiführende Polarströmungen jeden Augenblick die
+aufsteigenden Luftsäulen ersetzen. Bei diesem unaufhörlichen Spiel zweier
+entgegengesetzten Luftströmungen kann sich die Feuchtigkeit in der
+Aequatorialzone nicht anhäufen, sondern wird kalten und gemäßigten
+Regionen zugeführt. Während dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
+Sonne in den südlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
+nördlichen Aequatorialzone beständig heiter. Die Dunstbläschen verdichten
+sich nicht, weil die beständig erneuerte Luft weit vom Sättigungspunkt
+entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nördlichen
+Zeichen gegen das Zenith heraufrückt, desto mehr legt sich der Nordostwind
+und hört nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
+Tropen und der nördlichen gemäßigten Zone ist jetzt der kleinstmögliche.
+Es ist Sommer am Nordpol, und während die mittlere Wintertemperatur unter
+dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
+Temperatur unter dem Aequator, beträgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
+Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hört der Nordostwind auf, so
+treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
+nördlichen Aequinoctialzone anhäufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
+Luftsäule über dieser Zone sättigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
+mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesättigten und durch
+die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
+erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maaß als diese Luft sich verdünnt,
+nimmt ihre Wärmecapacität zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
+Dunstbläschen häuft sich die Elektricität in den obern Luftregionen an.
+Den Tag über schlagen sich die Dünste fortwährend nieder; bei Nacht hört
+dieß meist auf, häufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengüsse
+sind regelmäßig am stärksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
+kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
+Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die südlichen Zeichen tritt.
+Jetzt beginnt in der nördlichen gemäßigten Zone die kalte Witterung. Von
+nun an tritt die Luftströmung vom Nordpol her wieder ein, weil der
+Unterschied zwischen den Wärmegraden im tropischen und im gemäßigten
+Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind bläst stark,
+die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sättigungspunkt nicht
+mehr erreichen. Daher hört es auf zu regnen, die Dunstbläschen lösen sich
+auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
+ist nichts mehr zu hören, ohne Zweifel weil die Elektricität in den hohen
+Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstbläschen, fast hätte ich gesagt,
+keine Wolkenhüllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhäufen
+könnte.
+
+Wir haben das Aufhören des Nordostwinds als die Hauptursache der
+tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
+lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muß
+hier aber noch bemerkt werden, daß, wenn der Nordost aufhört, nicht immer
+Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft häufig, besonders längs den
+Westküsten von Amerika, durch _‘Bendavales’_, d. h. Südwest- und
+Südostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
+hinzuweisen, daß die feuchten Luftsäulen, die im nördlichen äquatorialen
+Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Südpol zuströmen. In der That hat in
+den Ländern der heißen Zone nördlich und südlich vom Aequator in ihrem
+Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
+ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
+Die südliche gemäßigte Zone hat jetzt Winter, während es nördlich vom
+Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad höher ist als in
+der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Daß der Regen
+fortdauert, während die Bendavales wehen, beweist, daß die Luftströmungen
+vom entfernteren Pol her in der nördlichen Aequatorialzone nicht die
+Wirkung äußern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
+Südpolarströmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strömung
+herbeiführt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
+geht, bevor sie zum achten Grad nördlicher Breite gelangt, über die ganze
+südliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
+kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
+geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
+erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Küsten, z. B. an denen von
+Guatimala, als heftige Winde austreten, so rührt dieß ohne Zweifel daher,
+daß sie nicht Folge eines allmähligen, regelmäßigen Absiusses der
+tropischen Luft gegen den Südpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
+von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
+Stoßwinde daraus hinweist, daß im Luftmeer eine Rückstauung, eine rasche,
+vorübergehende Störung des Gleichgewichts stattgefunden hat.
+
+Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
+den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
+der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so äußert
+sich auch die Wirkung der Polarluftströmungen unter verschiedenen
+Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
+Gebirgsketten und das Küstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
+in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwähnen;
+will man aber zur Erkenntniß der Naturgesetze gelangen, so muß man, bevor
+man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
+Zustand* der Atmosphäre und die beständige Norm ihrer Veränderungen
+kennen.
+
+Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricität und der Regenguß am
+28. Merz verkündeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
+San Fernando am Apure noch über San Francisco de Capanaparo, über den Rio
+Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kürzlich am Ufer des Meta
+gegründeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
+oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg führt durch einen
+ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pächter, Don
+Francisco Sanchez, bot sich uns gefällig als Führer an. Seine Tracht war
+ein sprechendes Bild der großen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
+Ländern. Er hatte ein Vermögen von mehr als hunderttausend Piastern, und
+doch stieg er mit nackten Füßen, an die mächtige silberne Sporen
+geschnallt waren, zu Pferde. Wir wußten aber aus mehrwöchentlicher
+Erfahrung, wie traurig einförmig die Vegetation auf den Llanos ist, und
+schlugen daher lieber den längeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
+ein. Wir wählten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
+_‘Lanchas’_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
+vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
+mit Coryphablättern gedeckte Hütte hergerichtet. Sie war so geräumig, daß
+Tisch und Bänke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus über Rahmen von
+Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhäuten. Ich führe
+diese kleinen Umstände an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
+hatten, gegenüber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
+Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
+Fernando(2) gibt es Hühner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
+Ueberfluß. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
+Tamarinden zu kühlender Limonade. Es war vorauszusehen, daß ein Dach aus
+Palmblättern sich im breiten Flußbett, wo man fast immer den senkrechten
+Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mußte. Die Indianer
+rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
+Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schießgewehre mit, die wir bis zu
+den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, während weiter nach Süden die
+Missionäre wegen der übermäßigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
+mehr führen können. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekühe und
+Schildkröten, deren Eier allerdings nährend, aber keine sehr angenehme
+Speise sind. Die Ufer sind mit unzähligen Vögelschaaren bevölkert. Die
+ersprießlichsten für uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
+Truthahn und den Fasan des Landes nennen könnte. Ihr Fleisch kam mir
+härter und nicht so weiß vor als das unserer hühnerartigen Vögel in
+Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich stärker brauchen. Neben dem
+Mundvorrath, dem Geräthe zum Fischfang und den Waffen vergaß man nicht ein
+paar Fässer Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
+einzunehmen.
+
+Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
+starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34°, obgleich der
+Wind stark aus Südost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
+keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
+Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
+Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kürzlich von Cadix angekommen war und
+einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Länder kennen zu lernen,
+die ein würdiges Ziel für die Wißbegierde des Europäers sind, entschloß er
+sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
+wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswürdiges Wesen und
+seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
+gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluß des Apurito
+vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
+gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
+Landstrich, der von zwei großen Flüssen eingefaßt wird, die sich in
+geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergießen, nachdem sie
+bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
+vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
+breit. Sie wird durch den *Caño* de la Tigrera und den *Caño* del Manati
+in drei Stücke getheilt, wovon die beiden äußersten Isla de Blanco und
+Isla de las Garzilas heißen. Ich mache hier diese umständlichen Angaben,
+weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
+Gewässer zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
+Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
+als das linke, wo einige Hütten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
+Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
+besonders geübt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
+Tigerfelle bekannten Bälge vorzüglich durch sie in die spanischen Dörfer
+kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
+christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhängig
+bleiben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter der Zucht der
+Missionäre im Dorfe Achaguas, südlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
+Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Züge
+von der fälschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
+der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
+Länge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Länge
+nach vorspringend. Sie sind größer, brauner und nicht so untersetzt wie
+die Chaymas. Die Missionare rühmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
+früher eine mächtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
+besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
+Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
+der Insel dieses Namens gegenüber.
+
+Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
+von dort nach der Stadt Angostura war ich bemüht, Tag für Tag, sey es im
+Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
+vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
+denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
+nothwendig Lücken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergänzt habe.
+Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
+der geschilderten Gegenstände niedergeschrieben ist, hat ein Gepräge von
+Wahrhaftigkeit (ich möchte sagen von Individualität), das auch den
+unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnöthige
+Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
+eingetragen, was über die beschriebenen Gegenstände später zu meiner
+Kenntniß gelangt ist. Je gewaltiger und großartiger die Natur in den von
+ungeheuren Strömen durchzogenen Wäldern erscheint, desto strenger muß man
+bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
+vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.
+
+Am 31. März. Der widrige Wind nöthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
+Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstört, der sich
+aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
+Indianer zünden überall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
+der dürren Jahreszeit würden ganze Provinzen von diesen Bränden verheert,
+wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bäume vor der gänzlichen
+Zerstörung schützte. Wir fanden Stämme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
+Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.
+
+Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
+_Chiguire_, einer großen Art von LINNÉs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
+sahen wir dichtgedrängte Vogelschwärme sich vom Himmel abheben, wie eine
+schwärzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verändern. Der
+Fluß wird allmählig breiter. Das eine Ufer ist meist dürr und sandigt, in
+Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist höher und mit hochstämmigen
+Bäumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluß zu beiden Seiten bewaldet
+und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bäume
+ist sehr merkwürdig. Vorne sieht man Büsche von _Sauso_ (_Hermesia
+castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
+ist, als wäre diese künstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
+Gehölz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
+man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
+Piritupalme. Die großen Vierfüßer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
+und Pecarischweine, haben Durchgänge in die eben beschriebene Sausohecke
+gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
+viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuß, sie
+langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
+Lücken im Gebüsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
+oft sie vorkamen, behielten immer großen Reiz für mich. Die Lust, die man
+empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
+sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooße der Cultur
+aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
+wilden, ungezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der
+Jaguar, der schöne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
+alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
+Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lösen einander ab. »_es
+como in el Paraiso_« (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
+alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
+Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte ehrwürdige
+Ueberlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
+gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, daß sie
+einander fürchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
+diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange
+traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, daß Sanftmuth und Stärke selten
+beisammen sind.
+
+Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
+Sausobüschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
+Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
+Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
+irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
+Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
+und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem männlichen und vielen
+weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
+Domingo so fleißig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Männchen sind
+ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kämpfen unds sich ums
+Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, daß auf dem
+ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fünf oder sechs zu sehen
+waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
+hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
+Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
+der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuß 8 Zoll lang; einige Tage
+später fand Bonpland ein anderes (männliches), das 22 Fuß 3 Zoll maß.
+Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
+Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
+so häufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
+Krokodil mit an den äußern Rändern gezähnten Füßen, dem Nilkrokodil sehr
+ähnlich. Bedenkt man, daß das männliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
+wird und daß es dann 8 Fuß lang ist, so läßt sich annehmen, daß das von
+Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
+uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
+erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Fluß, von
+diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen würden. Man erzählte uns die
+Geschichte eines jungen Mädchens aus Uritucu, das sich durch seltene
+Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
+gerettet. Sobald sie sich gepackt fühlte, griff sie nach den Augen des
+Thiers und stieß ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, daß das Krokodil
+vor Schmerz sie fahren ließ, nachdem es ihr den linken Vorderarm
+abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
+der übrig gebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. In diesen
+Einöden, wo der Mensch in beständigem Kampfe mit der Natur liegt,
+unterhält man sich täglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
+oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rüstet sich
+gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. »Ich wußte,« sagte das junge
+Mädchen in Uritucu gelassen, »daß der Cayman abläßt, wenn man ihm die
+Finger in die Augen drückt.« Lange nach meiner Rückkehr nach Europa erfuhr
+ich, daß die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
+Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Führer
+des unglücklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
+gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
+ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
+drücken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
+Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.
+
+Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
+angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
+aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Läuft das Thier, so hört
+man ein trockenes Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
+einander herzurühren scheint. Bei dieser Bewegung krümmt es den Rücken und
+erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hörten wir am Ufer dieses
+Rauschen der Platten ganz in der Nähe; es ist aber nicht wahr, was die
+Indianer behaupten, daß die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
+»ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen ausrichten können.« Die
+Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
+Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung änderte; aber trotz der
+kleinen Anhängsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
+die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, wenden die Krokodile ganz
+gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen;
+Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
+Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rührt dieß daher, daß
+dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoßweise erfolgt. Die
+Krokodile schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste
+Strömung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flußabwärts
+schwimmen, nicht wohl rasch umwenden könnten. Eines Tags wurde ein großer
+Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
+Fluß von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
+und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwandte und auf
+einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung
+aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das
+Ufer.
+
+Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
+Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stücken an den
+Flußufern leben. Diese unglücklichen Thiere, von der Größe unserer
+Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
+besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
+Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
+kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
+seyn können; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
+Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.
+
+Unterhalb der Einmündung des Caño de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
+de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strömung an der
+Oberfläche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuß in der Secunde, was 2,56
+Fuß mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhöhen ergaben, unter
+Berücksichtigung der kleinen stündlichen Abweichungen, ein Gefälle von
+kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
+Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
+im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
+beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
+dem Strand gegenüber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mächtiges
+Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
+Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem
+Wasser zu, ohne daß die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
+Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
+aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure
+und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
+will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
+Weg kommen.
+
+Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft großartig wild. Hier sahen
+wir den größten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
+erstaunten über seine ungeheure Länge; er war größer als alle indischen
+Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
+eines großen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
+Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
+Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
+verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
+Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergötzten uns nicht wenig durch den
+seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuß
+vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
+zurück. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nähe zu beobachten,
+bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich führte. Sehr
+selten greift der Tiger Kähne an, indem er darnach schwimmt, und dieß
+kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
+Geräusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
+Sausobüschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
+sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
+Tiger machte, trotz der Nähe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
+schleppte zornerfüllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
+Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, daß sie
+ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
+können. Sie sind an diese Waffe gewöhnt, und thaten wohl, sich nicht auf
+unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft häufig
+versagten.
+
+Im Weiterfahren flußabwärts sahen wir die große Heerde der Chiguire, die
+der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stück geholt hatte. Die Thiere
+sahen uns ganz ruhig landen. Manche saßen da und schienen uns zu
+betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
+Menschen schienen sie sich nicht zu fürchten, aber beim Anblick unseres
+großen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
+höher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
+aber dabei so wenig vorwärts, daß wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
+der sehr fertig schwimmt, läßt im Laufen ein leises Seufzen hören, als ob
+ihm das Athmen beschwerlich würde. Er ist das größte Thier in der Familie
+der Nager; er setzt sich nur in der äußersten Noth zur Wehr, wenn er
+umringt und verwundet ist. Da seine Backzähne, besonders die hinteren,
+ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biß einem
+Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuß zerreißen. Sein Fleisch hat einen
+ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
+daraus, und dieß rechtfertigt gewissermaßen den Namen _‘Wasserschwein’_,
+den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
+geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
+Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Gürtelthier,
+das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkröten;
+ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
+die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
+Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Sümpfen und auf den
+überschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
+vor, daß die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
+die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
+heißt. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, daß das
+Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
+Minuten unter Wasser bleibt.
+
+Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
+einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
+nackt und schwärzlich braun wie ein Zambo, zählte sich aber nichts
+destoweniger zum weißen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
+so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
+er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
+»an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
+und an all den Geschichten dort drüben (_todas las cosas de allà_). Er
+wußte, daß der König von Spanien bald zum Besuche »Ihrer Herrlichkeiten im
+Lande Caracas« herüber kommen würde, setzte aber scherzhaft hinzu: »Da die
+Hofleute nur Weizenbrod essen können, werden sie nie über die Stadt
+Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.«
+Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
+unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weiße Leute
+wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _‘Indianerwildpret’_
+zu genießen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
+dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schießgewehr.
+
+Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehölze liege die Hütte
+des Gehöftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
+Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mühe gegeben, aus
+Palmblättern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
+Hängematten neben den seinigen zwischen zwei Bäumen befestigen zu lassen,
+und versicherte uns mit selbstgefälliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
+den Fluß wieder heraufkämen, würden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
+finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwünschen, die
+der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen für alle Bequemlichkeiten
+des Lebens gleichgültig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
+Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
+wurden bis auf die Haut durchnäßt. Während des Ungewitters versetzte uns
+ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
+hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
+fiel in die Hängematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
+von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
+wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
+Geschrei hinzu und rißen ihn nur mit Mühe aus seinem Irrthum. Während es
+auf unsere Hängematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
+Strömen regnete, wünschte uns Don Ignacio Glück, daß wir nicht am Ufer
+geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befänden, »_entre gento blanca y
+de trato_« (unter Weißen und Leuten von Stande). Durchnäßt wie wir waren,
+fiel es uns denn doch schwer, uns zu überzeugen, daß wir es hier so
+besonders gut haben, und wir hörten ziemlich widerwillig zu, wie unser
+Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
+Meta erzählte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
+Guahibos gehalten, und »welche Dienste er Gott und seinem König geleistet,
+indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
+Missionen vertheilt.« Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
+Einöde bei einem Manns der von europäischer Abkunft zu seyn glaubt und
+kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
+Anmaaßung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
+Cultur anzutreffen!
+
+Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Señor Don
+Ignacio und von Señora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
+abgekühlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35° stand, war auf
+24° gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
+war fortwährend 26--27°. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstämme.
+Man sollte meinen, auf einem völlig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
+geringste Erhöhung bemerkt, hätte sich der Fluß durch die Gewalt seiner
+Strömung einen ganz geraden Canal graben müssen. Ein Blick auf die Carte,
+die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compaß entworfen, zeigt das
+Gegentheil. Das abspülende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
+Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhöhungen geben zu starken
+Krümmungen Anlaß. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flußbett etwas breiter
+wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
+scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bäumen beschattet ist. Dieses
+Stück des Flusses heißt _Caño ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
+Wir kamen an einer niedrigen Insel vorüber, auf der Flamingos,
+rosenfarbige Löffelgänse, Reiher und Wasserhühner, die das mannigfaltigste
+Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vögel waren so dicht an
+einander gedrängt, daß man meinte, sie könnten sich gar nicht rühren. Die
+Insel heißt *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
+der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
+bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
+kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
+erst 16 bis 18 Hütten aus Palmblättern; aber aus den statistischen
+Tabellen, welche die Missionäre jährlich bei Hofe einreichen, wird diese
+Gruppe von Hütten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgeführt.
+
+Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer seßhaft zu machen ist.
+Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
+gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
+wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen völlig von einander ab. Diese
+vier Stämme leben größtentheils von Fischfang und Jagd aus den häufig
+überschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
+Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
+bedingt. Wir werden bald sehen, daß man, sobald man die Berge an den
+Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
+sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Hütten große Reinlichkeit
+findet. Auf dem Rücken der Gebirge, in undurchdringlichen Wäldern sieht
+sich der Mensch genöthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
+Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung, wogegen
+der Jäger in einem Lande, durch das keine andern Wege führen als die
+Flüsse, ein hartes, mühseliges Leben führt. Die Guamos in der Mission
+Santa Barbara konnten uns die Mundvorräthe, die wir gerne gehabt hätten,
+nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
+gastfreundlich, und als wir in ihre Hütten traten, boten sie uns
+getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
+in porösen Gefäßen abgekühlt.
+
+Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluß
+ein neues Bett gegraben hatte, übernachteten wir auf einem dürren, sehr
+breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
+wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu können,
+wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nächtlichen Angriff des Tigers
+sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestätigen;
+dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
+Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.
+
+Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
+lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, daß sie das Feuer sehen konnten.
+Wir glauben bemerkt zu haben, daß der Glanz desselben sie herlockt, wie
+die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
+im Sand die Fährten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
+Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluß
+geführt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
+Boden und befestigten unsere Hängematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
+bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
+furchtbarer Lärm, daß man beinahe kein Auge schließen konnte. Unter den
+vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
+Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hören ließen, namentlich
+die leisen Flötentöne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brüllen
+des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Löwen ohne Mähne, das
+Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
+einiger andern hühnerartigen Vögel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
+näherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwährend gebellt hatte, an
+zu heulen und suchte Schutz unter den Hängematten. Zuweilen, nachdem es
+lange geschwiegen, erscholl das Brüllen der Tiger von den Bäumen herunter,
+und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
+wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.
+
+Ich schildere Zug für Zug diese nächtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
+unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewöhnt waren. Monate lang,
+aller Orten, wo der Wald nahe an die Flußufer rückt, hatten wir sie zu
+erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
+Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fürchten alle das Feuer und
+greifen niemals einen Menschen in seiner Hängematte an. Und solche
+Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
+Aufenthalt in Südamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
+den Achaguas-Inseln gegenüber, ein Llanero in seiner Hängematte
+zerfleischt gefunden wurde.
+
+Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
+einen so furchtbaren Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: »Sie
+feiern den Vollmond.« Ich glaube, die Unruhe rührt meist daher, daß im
+innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
+Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
+finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrängten Rudeln fliehend das
+Gebüsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreißen. Die Affen, scheu und
+furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab
+das Geschrei der großen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel
+auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
+bald sehen, daß dieser Lärm keineswegs nur bei schönem Mondschein, sondern
+vorzugsweise während der Gewitter und starken Regengüsse unter den wilden
+Thieren ausbricht. »Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
+andern!« sprach der Mönch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
+todtmüde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
+allerdings seltsam, daß man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
+finden können. In den spanischen Herbergen fürchtet man sich vor den
+schrillen Tönen der Guitarren im anstoßenden Zimmer; in denen am Orinoco,
+das heißt auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
+besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestört zu werden.
+
+Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
+schön und kühl, wie es Leuten vorkommt, die an die große Hitze in diesen
+Ländern gewöhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28°, aber
+der trockene, weiße Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
+wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36° behalten. Die Delphine
+(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluß und das Ufer war mit
+fischfangenden Vögeln bedeckt. Manche machen sich das Floßholz, das den
+Fluß herabtreibt, zu Nutze und überraschen die Fische, die sich mitten in
+der Strömung halten. Unser Canoe stieß im Laufe des Morgens mehrmals an.
+Solche Stöße, wenn sie sehr heftig sind, können schwache Fahrzeuge
+zertrümmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer großer Bäume auf, die
+Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bäume
+kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flußbett
+dergestalt, daß die Piroguen stromaufwärts häufig zwischen den Untiefen
+und überall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
+bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstämme aus dem Wasser
+ragten. Sie saßen voll Vögeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
+nahe steht. Diese Vögel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
+Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
+regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.
+
+Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluß desto
+auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
+Arm, kein natürlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
+Verlust rührt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
+durchnäßten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel dieß ausmacht,
+wenn man bedenkt, daß wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
+36--52, den Sand, über dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
+warm fanden. Das Flußwasser erwärmt sich dem Boden zu, so weit die
+Sonnenstrahlen eindringen können, ohne beim Durchgang durch die über
+einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwächt zu werden. Dabei
+reicht die Einsickerung weit über das Flußbett hinaus und ist, so zu
+sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Höhe
+des Wasserspiegels mit Wasser getränkt. Fünfzig Toisen vom Fluß sahen wir
+Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
+dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
+wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
+vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
+durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
+am Abend die Luft abkühlt. Im Maaß, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
+es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, daß dieses fortwährende
+Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluß ungeheure
+Wassermassen entziehen muß, nur daß der Verlust schwer genau zu berechnen
+ist. Die Zunahme dieses Verlustes wäre der Länge des Stromlaufes
+proportional, wenn die Flüsse von der Quelle bis zur Mündung überall
+gleiche Ufer hätten; da aber diese von den Anschwemmungen herrühren, und
+die Gewässer, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fließen und
+somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
+viele Flüsse im heißen Erdstrich ihrer Mündung zu seichter. BARROW hat
+diese auffallende Wirkung des Sandes im östlichen Afrika an den Ufern des
+Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
+über den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Erörterungen Anlaß.
+
+Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
+sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hübsche kleine pechschwarze
+Affen, von der Größe des Saï, mit Wickelschwänzen. Ihrem Gesicht und ihren
+Bewegungen nach konnte es weder der Coaïta, noch der Chamek, noch
+überhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
+gesehen. In diesen Wäldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
+Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
+Rudeln lebenden und darum rührigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
+kommt es vor, daß bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
+Hütten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
+zeigten uns unsere Führer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
+waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
+Rückenstacheln, die großen ausgerichteten Schuppen, all die Anhängsel, die
+dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuß lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
+geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
+fanden wir in allen sehr trockenen Ländern von angenehmem Geschmack,
+selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
+sehr weiß und nach dem Fleisch des Tatu oder Gürtelthiers, das hier
+_Cachicamo_ heißt, eines der besten, die man in den Hütten der
+Eingeborenen findet.
+
+Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
+vollkommen den unsrigen glichen, über die Wasserfläche hin. Wir sahen
+auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
+wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
+Raubvögel seltsam ab. Wir übernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
+der Nähe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
+Hütten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kündigte uns zum voraus an, daß
+wir den Jaguar hier nicht würden brüllen hören, weil er, wenn er nicht
+großen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. »Die
+Menschen machen ihn übellaunig,« »_los hombres lo enfadan_« sagt das Volk
+in den Missionen, ein spaßhafter, naiver Ausdruck für eine richtige
+Beobachtung.
+
+Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
+auf dem schönen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
+Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
+_Caribe_ oder _Caribito_ heißt, weil keiner so blutgierig ist. Er fällt
+die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reißt ihnen oft ansehnliche
+Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
+man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
+tragen. Die Indianer fürchten diese Caraibenfische ungemein, und
+verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
+Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrührten, die bei den Maypures
+_Umati_ heißen. Sie leben auf dem Boden der Flüsse, gießt man aber ein
+paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
+man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefräßigsten und
+blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
+schneidenden, spitzen Zähne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
+man sich nicht, daß die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
+sehr fürchten. An Stellen, wo der Fluß ganz klar und kein Fisch zu sehen
+war, warfen wir kleine blutige Fleischstücke ins Wasser. In wenigen
+Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
+den Fraß. Der Fisch hat einen kantigen, sägenförmig gekerbten Bauch, ein
+Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
+*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
+Rückenfloße und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
+stehenden, in der untern Kinnlade größeren Zähne gehört der Caribe zu den
+Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
+Der Körper ist am Rücken aschgrau, ins Grünliche spielend; aber Bauch,
+Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloßen sind schön orangegelb. Im Orinoco
+kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Größe
+unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
+des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNÉ). Ich habe sie an Ort und
+Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
+man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der größten
+Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
+Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedürfniß machen.
+
+Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
+Ich trennte mich von meinen Gefährten, während man das Fahrzeug ans Land
+zog und das Mittagessen rüstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nähe
+einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
+ihre mit breiten Platten belegten Schwänze auf einander legten. Kleine
+schneeweiße Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rücken, sogar auf dem Kopf
+herum, als wären es Baumstämme. Die Krokodile waren graugrün, halb mit
+trockenem Schlamm überzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
+konnte man sie für Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wäre mir der
+Spaziergang übel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
+gesehen, aber indem ich Glimmerblättchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
+ich die frische Fährte eines Tigers, die an ihrer Form und Größe so leicht
+zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
+dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
+dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so groß
+vorgekommen.
+
+Es gibt Vorfälle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hülfe ruft.
+Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
+meiner Bewegungen, daß ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
+die Indianer schon oft für dergleichen Fälle ertheilt hatten. Ich ging
+weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
+zu bemerken, daß der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
+Capybaras war, die über den Fluß schwammen. Jetzt kehrte ich um und
+beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
+weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu können. Wie oft war ich in
+Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glücklicherweise
+gab ich diesem Drange erst sehr spät nach. Der Jaguar war ruhig liegen
+geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
+wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluß gibt, so gut
+genährt, daß sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
+Schiffe an und erzählte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
+viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
+mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
+nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
+sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
+muß.
+
+Abends kamen wir an der Mündung des *Caño del Manati* vorüber, so genannt
+wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jährlich hier
+gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersäugethier, das die Indianer
+_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuß lang und 500--800
+Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
+sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
+unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
+Carizales und Conserva sehr häufig. Wir fanden keine Spur von Nägeln auf
+der äußern Fläche und am Rande der Schwimmfloßen, die ganz glatt sind;
+zieht man aber die Haut der Floße ab, so zeigen sich an der dritten
+Phalange kleine Nägelrudimente. Bei einem 9 Fuß langen Thier, das wir in
+Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
+vier Zoll über die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
+bekleidet und dient als Rüßel oder Fühler zum Betasten der vorliegenden
+Körper. Die Mundhöhle, die beim frisch getödteten Thier auffallend warm
+ist, zeigt einen ganz eigenthümlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
+aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
+und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Höhlung, die in einander
+passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, daß wir sowohl den in
+mehrere Fächer getheilten Magen, als den 108 Fuß langen Darm ganz damit
+angefüllt fanden. Schneidet man das Thier am Rücken auf, so erstaunt man
+über die Größe, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein große
+Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuß lang. Mit
+Luft gefüllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mußte
+mich nur wundern, daß der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehältern so
+oft an die Wasserfläche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
+irgend einem Vorurtheil, für ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
+gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
+Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
+essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stämme vorzugsweise
+mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedörrte Fleisch
+wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Säugethier bei der Clerisei
+für einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
+hat ein äußerst zähes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
+schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Dieß
+geschieht oft, wenn das Thier sehr groß ist, mitten auf dem Flusse, und
+zwar so, daß man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser füllt, sie
+unter das Thier schiebt und mit einer Kürbißflasche wieder ausschöpft. Am
+leichtesten sind sie am Ende der großen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
+sie aus den Strömen in die umliegenden Seen und Sümpfe gerathen sind und
+das Wasser schnell fällt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
+untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
+Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fuße des
+Bergs, der. gegenwärtig *el Capuchino* heißt, eine große Seekuhjagd
+anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
+Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
+widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
+Spritzlöchern. Die Haut der Seekuh, die über anderthalb Zoll dick ist,
+wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
+Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
+Fehler, daß sie zu faulen anfängt. Man macht in den spanischen Colonien
+Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
+gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
+schreckliches Werkzeug zur Züchtigung der unglücklichen Sklaven, ja der
+Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
+behandelt werden sollten.
+
+Wir übernachteten der Insel Conserva gegenüber. Als wir am Waldsaume
+hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuß hoher, mit verästeten
+Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
+ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
+Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezündet; da fanden wir
+wieder, daß sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
+(Toninas), deren Lärm uns nicht schlafen ließ, bis man das Feuer
+auslöschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
+ich nur anführe, weil es ein paar Züge zum Bilde dieser Wildniß liefert.
+Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
+Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
+Zeit hörten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
+Katze klang. Bald darauf wurde unsere große Dogge von ungeheuern
+Fledermäusen, die um unsere Hängematten flattevten, vorne an der Schnauze
+gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
+Schwänze wie die Molossen; ich glaube aber, daß es Phyllostomen waren,
+deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
+verlängern können. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
+kläglich, sobald er den Biß fühlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
+er über die Fledermäuse, als sie unter unsern Hängematten hervorkamen,
+erschrak. Dergleichen Fälle sind weit seltener, als man im Lande selbst
+glaubt. Obgleich wir in Ländern, wo die Vampyre und ähnliche
+Fledermausarten so häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
+geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
+ist der *Stich* keineswegs gefährlich und der Schmerz meist so
+unbedeutend, daß man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
+davongemacht hat.
+
+Am 4. April. Dieß war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
+an den Ufern wurde immer einförmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
+der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequält zu
+werden, die sich uns auf Gesicht und Hände setzten. Es waren keine
+*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mücken von der Gattung _Simulium_
+haben,(7) sondern *Zancudos*, ächte Schnacken, aber von unserem _Culex
+pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
+Vorschein; ihr Saugrüssel ist so lang, daß, wenn sie sich an die
+Unterseite der Hängematte setzen, ihr Stachel durch die Hängematte und die
+dicksten Kleider dringt.
+
+Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* übernachten, aber an diesem Strich
+des Apure gibt es so viele Jaguars, daß unsere Indianer, als sie unsere
+Hängematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
+versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
+Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluß in den Orinoco,
+aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehört zu der Provinz Caracas,
+dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
+Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bäume, um unsere
+Hängematten zu befestigen, und mußten am Boden auf Ochsenhäuten schlafen.
+Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als daß man darin
+übernachten könnte.
+
+An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
+Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
+besprochenen Trägheit der hühnerartigen Vögel unter den Tropen. Die Hoccos
+und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluß herunter, um
+ihren Durst zu löschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
+dieser Vögel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
+Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschüssigen
+Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flügel zu
+brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
+entschließen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.
+
+Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhöhe von α
+des südlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluß des Apure liegt unter
+7° 36′ 23″ der Breite. Pater GUMILLA gibt 5° 5′, D’ANVILLE 7° 3′, CAULIN
+7° 26′ an. Die Länge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhöhen, die
+ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69° 7′ 29″, oder 1° 12′ 41″ östlich
+vom Meridian von San Fernando.
+
+*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
+welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zuführt. Derselbe Strom,
+der nach meinen Messungen beim *Caño ricco* noch 136 Toisen breit war, maß
+an seiner Ausmündung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
+nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
+den Caño del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
+laufen; aber der größte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
+herzurühren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strömung
+bei der Ausmündung war nur 3 Fuß in der Secunde, so daß ich die ganze
+Wassermasse leicht berechnen könnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
+Abständen alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wären. Der Barometer,
+der in San Fernando, 28 Fuß über dem mittleren Wasserstand des Apure, um
+9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
+Ausmündung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
+ganze Länge des Wegs (die Krümmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
+Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
+stündlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
+Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefälle von 13 Zoll auf die
+Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
+glauben, daß der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
+kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile beträgt.
+
+Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
+Anschwemmungen sind beim Zusammenfluß der beiden Ströme ungeheuer groß.
+Wir mußten uns längs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
+zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
+Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
+ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
+einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, über den Grasfluren steht! Gegen
+Süd sahen wir die einzelnstehenden Hügel bei Coruato; im Osten fingen die
+Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
+Tirano* an über den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefühl der
+Rührung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
+Gewässer des Orinoco, an einem von der Meeresküste so weit entfernten
+Punkte.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
+ Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoßen die
+ Stacheln mit den Füßen ab, und man sieht welche in Folge dieses
+ Verfahrens hinken.
+
+ 2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
+ (acht Tagereisen) 10 Piaster für die Lancha, und außerdem dem
+ Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
+ indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.
+
+ 3 Es ist dieß der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
+ CUVIERs _Crocodilus acutus_.
+
+ 4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberfläche zu ermitteln,
+ maaß ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuß ab und bemerkte
+ mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
+ Körper brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen.
+
+ 5 Eine Mimosenart.
+
+_ 6 Garzon Chico_. In Oberägypten glaubt man, die Reiher haben eine
+ Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu
+ Nutze machen, daß die Fische sich über das ungeheure Thier entsetzen
+ und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberfläche
+ heraufflüchten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem
+ Krokodil klüglich nicht zu nahe.
+
+ 7 LATREILLE hat gefunden, daß die *Moustiques* in Süd-Carolina zur
+ Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehören.
+
+ 8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so häufig als ersterer.
+
+ 9 Dieß ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien
+ gegenüber.
+
+ 10 Ich schätzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung.
+
+
+
+
+
+NEUNZEHNTES KAPITEL.
+
+
+ Zusammenfluß des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von
+ Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluß
+ des Meta. -- Die Insel Panumana.
+
+
+Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land
+versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure
+Wasserfläche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei
+der Reiher, Flamingos und Löffelgänse, wenn sie in langen Schwärmen von
+einem Ufer zum andern ziehen, erfüllte nicht mehr die Luft. Vergeblich
+sahen wir uns nach den Schwimmvögeln um, deren gewerbsmäszige Listen bei
+jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.
+Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein großes
+Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserfläche
+schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgürtel begrenzt, aber
+nirgends traten die Wälder bis ans Strombett vor. Breite, beständig der
+Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und dürr wie der Meeresstrand, glichen
+in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese
+sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie für
+das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung
+rückten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.
+
+Diese zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und
+Großartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten
+Ströme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewässer wie das Land ihren
+eigenthümlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz
+anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des
+Amazonenstroms. Diese Unterschiede rühren nicht bloß von der Breite und
+der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von
+Verhältnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu
+beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form
+der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der
+Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im
+tropischen Strich des großen Oceans befindet.
+
+Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns günstig, um
+stromaufwärts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue
+leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, daß, wer gewöhnlich
+seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluß sich sehr
+unbehaglich fühlte. Das Scholken rührt daher, daß die Gewässer der beiden
+Ströme beider Bereinigung auf einander stoßen. Dieser Stoß ist sehr stark,
+aber lange nicht so gefährlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an
+der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem
+Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blöcken bestehenden Vorgebirge.
+Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater
+Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.
+Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuß desselben
+rings von Wasser umgeben. Wegen dieses großen Uebelstandes und wegen der
+Unzahl Moskitos und _‘Niguas’_,(11) von denen Missionäre und Indianer
+geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er völlig
+verlassen, während gegenüber auf dem linken Ufer in den Hügeln von Coruato
+herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus
+freien, den Mönchen nicht unterworfenen Stämmen ausgestoßen worden sind.
+
+Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmündung des Apure und dem
+Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer
+Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des
+Orinoco war beim gegenwärtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber
+in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hügel
+Pocopocori Inseln sind, mögen es 5517 Toisen werden. Zum starken
+Anschwellen des Orinoco trägt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der
+nicht, wie andere Nebenflüsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen
+spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmündet. Wir
+maßen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;
+mitten im Thalweg, wo die Strömung am stärksten ist, betrug sie 28°,3, in
+der Nähe der Ufer 29°,2.
+
+Wir fuhren zuerst gegen Südwest hinaus bis zum Gestade der
+Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Süd.
+Der Strom ist so breit, daß die Berge von Encaramada aus dem Wasser
+emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie über dem Meereshorizont sähe.
+Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und
+je näher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese
+Berge bestehen aus ungeheuren zerklüfteten, auf einander gethürmten
+Granitblöcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blöcke ist eine Folge der
+Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trägt besonders der
+kräftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswände bedeckt und nur die
+abgerundeten Gipfel frei läßt. Man meint, altes Gemäuer rage aus einem
+Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*
+der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei
+geneigt sind, während der dritte, unten schmälere und über 80 Fuß hohe,
+senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die
+*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,
+war früher ein Stück des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der
+nicht geschichtete Granit das Eigenthümliche, daß er durch Verwitterung in
+prismatische, cylindrische oder säulenförmige Blöcke zerfällt.
+
+Gegenüber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nähe eines andern,
+ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten
+in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,
+die man in Holland und Niederdeutschland _‘Hünenbetten’_ nennt. Der
+Ufersand an diesem Stück des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er
+besteht aus Thon und Glimmerblättchen in sehr dünnen Schichten, die meist
+unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter
+Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der
+Ufer tritt schon weit oberhalb der Mündung des Apure ein; schon beim
+Algodonal und beim Caño de Manati fingen wir in letzterem Flusse an
+denselben zu bemerken. Die Glimmerblättchen kommen ohne Zweifel von den
+Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost
+findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Daß
+Anschwemmungen von Süd nach Nord geführt werden, kann am Orinoco nicht
+befremden; aber wie erklärt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,
+sieben Meilen westwärts von seiner Ausmündung? Beim gegenwärtigen Zustand
+der Dinge läuft der Apure auch beim höchsten Wasserstand des Orinoco nie
+so weit rückwärts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,
+muß man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit
+niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen
+Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.
+
+Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist dieß eine Art
+Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem
+40--50 Fuß hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethürmten
+Granitblöcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen
+Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen
+sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,
+sondern nur abgerundete Blöcke, Kerne, von denen das umhüllende Gestein
+abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd
+überzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das
+röthlich weiß, grobkörnig ist und keine Hornblende enthält.
+
+Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind
+_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist dieß das kleine Dorf, das im Jahr 1749
+vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell
+Orinoco_, gegründet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte
+Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der
+Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie öde diese Landstriche sind,
+wenn man hört, daß Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada
+liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und daß er nie bis zu
+dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er
+sich gewagt hat.
+
+Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein
+Cazike, der in seiner Pirogue zum berühmten Schildkröteneierfang den Fluß
+hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*
+und führte ein kleineres Canoe, _‘Curiara’_ genannt, mit sich. Er saß
+unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblättern
+bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die
+Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, daß man einen großen Herrn vor sich
+hatte. Der Cazike trug sich übrigens ganz wie seine Indianer; alle waren
+nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des
+Rocou, bemalt. Häuptling, Dienerschaft, Geräthe, Fahrzeug, Segel, Alles
+war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem
+Wuchs; sie schienen uns weit höher gewachsen als die Indianer, die wir
+bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den
+Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefärbten Augenbrauen, ihr
+finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas
+ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein
+paar Caraibenschädel von den Antillen gesehen und waren daher überrascht,
+daß bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewölbter war,
+als man sie uns beschrieben. Die sehr großen, aber ekelhaft schmutzigen
+Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Die Ober- und
+Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abständen mit breiten Binden
+aus Baumwollenzeug eingeschnürt. Das Fleisch unter den Binden wird stark
+zusammengepreßt und quillt in den Zwischenräumen heraus. Die Caraiben
+verwenden meist auf ihr Aeußeres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als
+nackte und roth bemalte Menschen nur immer können. Sie legen bedeutenden
+Werth auf gewisse Körperformen, und eine Mutter würde gewissenloser
+Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch
+künstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer
+Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von
+Panapana nicht nach den Lagerplätzen erkundigen, wo man in dieser
+Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkröteneier
+zusammenkommt.
+
+Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir
+übernachteten in einer Felsenbucht, gegenüber der Einmündung des Rio
+Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaicà sich vereinigen, und den
+manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den
+Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schön; der Mond beschien
+die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die
+Wärme so gleichmäßig vertheilt, daß man kein Sternflimmern bemerkte,
+selbst nicht 4 oder 5 Grad über dem Horizont. Das Licht der Planeten war
+auffallend geschwächt, und ließe mich nicht die Kleinheit des scheinbaren
+Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fürchten, so sagte
+ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloßem Auge die Scheibe
+Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er
+führte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit
+Dunst. Es traten starke Windstöße ein und machten uns für unsere Pirogue
+besorgt. Wir hatten den ganzen Tag über nur sehr wenige Krokodile gesehen,
+aber lauter ungewöhnlich große, 20--24 Fuß lange. Die Indianer
+versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und
+weniger breite und tiefe Flüsse auf; besonders in den Caños sind sie in
+Menge zu finden, und man könnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den
+Nilkrokodilen sagt, »sie wimmeln wie Würmer an den seichten Stromstellen
+und im Schutz der unbewohnten Inseln.«
+
+Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Süd, dann gegen Südwest weiter den
+Orinoco hinauf und bekamen den Südabhang der *Serrania* oder der Bergkette
+Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluß am nächsten gelegene Strich ist nicht
+mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhänge, die Lage mitten
+in einer Savane; ihre in unförmliche Prismen zerklüfteten Felsgipfel
+lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre größte Breite beträgt
+nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie
+gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den
+nördlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des
+Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluß des Rio
+Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zügen
+dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander
+nicht ganz parallel, denn die nördlichsten ziehen sich von West nach Ost,
+die südlichsten von Nordwest nach Südost. Aus dieser verschiedenen
+Richtung erklärt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen
+Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.
+Wenn wir einmal über die großen Katarakten von Atures und Maypures hinauf
+gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen
+sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,
+Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen
+Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf
+dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmäßig gruppirt
+scheinen, eine Neigung zu regelmäßigen Formen. Jede Kette erscheint einem,
+wenn man auf dem Orinoco fährt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,
+aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmäßigkeit im Streichen und
+dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man
+gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hängen mit denen des Mato
+zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge
+von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Ausläufer, die Granitberge
+Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und
+Ventuari.
+
+Ueber diese Berge, die von sanftmüthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt
+sind, ließ bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh
+gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden
+sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten
+den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mündet. Fährt man diese
+beiden Flüsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne über
+die großen Katarakten zu kommen, über welche Vieh hinaufzuschaffen so gut
+wie unmöglich wäre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit
+der Entdeckung von Amerika in so vorzüglichem Grade eigen war, lebte in
+der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,
+als König Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen
+kennen lernen wollte, und in den Wäldern von Guyana, dem classischen Lande
+der Lüge und der mährchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer
+die chimärische Vorstellung von den Schätzen des Dorado, welche die
+Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschäftigt hatte, von
+Neuem in Umlauf brachte.
+
+In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkörnige Granit,
+keine Gänge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,
+welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so
+großer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem
+Theile von Amerika glaube ich, daß das Gold, wie das Zinn, zuweilen in
+kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins
+zerstreut ist, ohne daß man kleine verästete und in einander verschlungene
+Gänge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in
+der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien
+Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung
+war den Missionären noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb
+alleinstehend.
+
+Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,
+ohne eines Umstandes zu erwähnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben
+war und dessen man während unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco
+häufig gegen uns erwähnte. Unter den Eingeborenen dieser Länder hat sich
+die Sage erhalten, »beim großen Wasser, als ihre Väter das Canoe besteigen
+mußten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen
+des Meeres die Felsen der Encaramada bespült.« Diese Sage kommt nicht nur
+bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehört zu einem Kreise
+geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei
+den Maypures an den großen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,
+der sich in den Caura ergießt, und fast bei allen Stämmen am obern Orinoco
+finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese große
+Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, überlebt habe, so sagen sie,
+»ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,
+am Ufer des Asiveru, geflüchtet; da haben sie Früchte der Mauritiapalme
+hinter sich über ihre Köpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen
+Männlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevölkert.« In
+solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Völkern eine Sage, welche
+von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmückt worden
+ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,
+der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf
+Thierbilder und symbolische Zeichen, ähnlich denen, wie wir sie auf der
+Rückfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt
+Caycara gesehen. In Afrika heißen dergleichen Felsen bei den Reisenden
+_‘Fetischsteine’_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am
+Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die
+wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,
+Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstände religiöser Verehrung
+vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen
+Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren
+häufig sehr hoch oben in Felswände eingehauen, wohin man nur mittelst sehr
+hoher Gerüste gelangen könnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es
+möglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lächelnd, als
+sprächen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weißer nicht bekannt seyn
+kann, »zur Zeit des *großen Wassers* seyen ihre Väter so hoch oben im
+Canoe gefahren.«
+
+Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trümmern eines
+großen Schiffbruchs über den Erdball zerstreut finden, sind für die
+Geschichtsphilosophie von höchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien
+in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshöhen das Gepräge des
+gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen
+der Völker aller Orten denselben Charakter, eine Familienähnlichkeit, die
+uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der
+lebendigen Schöpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast
+gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine örtliche Färbung. Auf den
+großen Festländern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben
+sich die übrig gebliebenen Menschen immer auf den höchsten Berg in der
+Nähe geflüchtet, und das Ereigniß erscheint desto neuer, je roher die
+Völker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit
+zurückreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor
+der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wälder am Orinoco,
+sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europäischen
+Niederlassungen sind und in welchen Zuständen die unabhängig gebliebenen
+Stämme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene
+Uebereinstimmung dem Einfluß der Missionare und des Christenthums auf die
+Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die Völker
+am Orinoco durch den Umstand, daß sie Meeresprodukte hoch oben in den
+Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom großen Wasser gekommen seyn
+sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde
+vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare
+und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine
+Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundären
+Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.
+
+Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la
+Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im
+Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum
+betrachten. Diese Insel ist berühmt wegen des Schildkrötenfangs, oder, wie
+man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jährlich hier
+gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Hütten
+aus Palmblättern gelagert. Das Lager war über dreihundert Köpfe stark.
+Seit San Fernando am Apure waren wir nur an öde Gestade gewöhnt, und so
+fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Außer den Guamos und
+Otomacos aus Uruana, die beide für wilde, unzähmbare Stämme gelten, waren
+Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte
+für sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt
+war. Wir fanden in diesem lärmenden Haufen einige Weiße, namentlich
+_‘Pulperos’_ oder Krämer aus Angostura, die den Fluß herausgekommen waren,
+um von den Eingeborenen Schildkröteneieröl zu kaufen. Wir trafen auch den
+Missionär von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebürtig war. Der Mann
+verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere
+Instrumente bewundert, entwarf er uns eine übertriebene Schilderung von
+den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem
+Orinoco bis über die Fälle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien
+ihm in bedeutendes Dunkel gehüllt. »Wie soll einer glauben,« sagte er,
+»daß ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den
+Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht
+gehört?« Zum Glück hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der
+Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von
+Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch
+unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland
+unter den Weißen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem
+frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzählte uns, er sey mit den
+Indianern über die »Eierernte« herübergekommen, »um jeden Morgen unter
+freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel für die Altarlampe zu
+verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_
+in Ordnung zu halten, in der jeder für sich allein haben wolle, was Gott
+allen bescheert.«
+
+Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der
+sich rühmte, daß er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca
+de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stück des Orinoco, wie man bei uns
+die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem
+ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: »So weit das Auge an den Ufern hin
+reicht, liegen Schildkröteneier unter einer Erdschicht.« Der Missionar
+trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange
+(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der
+Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder
+Steinkohle ermittelt. Stößt man die Vara senkrecht in den Boden, so spürt
+man daran, daß der Widerstand auf einmal aufhört, daß man in die Höhlung
+oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir
+sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichförmig verbreitet, daß die Sonde
+in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher
+darauf stößt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie
+wenn man ein Bodenstück, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und
+ganz regelmäßig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht
+die ganze Insel; sie hört überall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil
+die Schildkröte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich
+erzählte meinen Führern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater
+GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkörner enthalten, als
+der Strom Schildkröten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf
+aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljährlich so viele tödteten.
+»_Son cuentos de fraíles_« sagte der Krämer aus Angostura leise, denn da
+arme Missionäre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man
+hier »Pfaffenmährchen,« was man in Europa den Reisenden überhaupt
+aufbürden würde.
+
+Die Indianer versicherten uns, von der Mündung des Orinoco bis zum Einfluß
+des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,
+wo man Schildkröteneier in Masse sammeln könnte. Die große Schildkröte,
+der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von
+Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den
+Kopf über das Wasser streckt und sich beim leisesten Geräusch versteckt.
+Die Uferstrecken, wo fast sämmtliche Schildkröten des Orinoco sich
+jährlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluß des
+Orinoco und des Apure und den großen Fällen oder *Raudales*, das heißt
+zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei
+berühmten Fangplätze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder
+_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die
+Arrau-Schildkröte geht, wie es scheint, nicht über die Fälle hinauf, und
+wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur
+*Terekay*-Schildkröten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte über diese
+beiden Arten und ihr Verhältniß zu den verschiedenen Familien der
+Schildkröten zu sagen.
+
+Wir beginnen mit der Arrau-Schildkröte, welche die Spanier in den Colonien
+kurzweg _‘Tortuga’_ nennen, und deren Geschlecht für die Völker am untern
+Orinoco von so großer Bedeutung ist. Es ist eine große
+Süßwasserschildkröte, mit Schwimmfüßen, sehr plattem Kopf, zwei
+fleischigen, sehr spitzen Anhängen unter dem Kinn, mit fünf Zehen an den
+Vorder- und vier an den Hinterfüßen, die unterhalb gefurcht sind. Der
+Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist
+oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Füße sind gleichfalls orangegelb
+und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Nägel
+sind sehr stark und gebogen. Die Afteröffnung befindet sich am letzten
+Fünftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die
+Eier, weit größer als Taubeneier, sind nicht so länglicht wie die Gier des
+Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, daß die
+Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen
+können. Käme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen
+die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern
+dieser Schildkröte; man sah aber früher ganze Volksstämme von den Flüssen
+Atabapo und Cassiquiare über die Raudales herabkommen, um am Fang bei
+Uruana Theil zu nehmen.
+
+Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll
+Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders
+vertheilt. Ich zählte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,
+am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grüne
+spielend; Füße und Nägel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist
+olivengrün, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte
+Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die
+Terekays thun sich nicht in große Schwärme zusammen, wie die Arraus, um
+ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay
+haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch
+Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der
+Fälle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flüssen,
+welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Füße und
+des Kopfs, nach den Anhängen an Kinn und Hals und nach der Stellung der
+Afteröffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine
+neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wäre. Durch die
+Anhänge und die Stellung des Afters nähern sie sich der _Emys nasuta_
+SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in französisch Guyana, unterscheiden sich
+aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine
+pyramidalischen Buckel haben.
+
+Die Zeit, wo die große Arrau-Schildkröte ihre Eier legt, fällt mit dem
+niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frühlings-Tag-
+und Nachtgleiche an zu steigen anfängt, so liegen von Anfang Januar bis
+zum 20. oder 25. März die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus
+sammeln sich schon im Januar in große Schwärme; sie gehen jetzt aus dem
+Wasser und wärmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,
+das Thier bedürfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das
+Liegen in der Sonne befördere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man
+die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang März vereinigen
+sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen
+sie gewöhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkröte
+jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,
+erscheinen viele tausend Schildkröten in langen Reihen an den Ufern der
+Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den
+Kopf über dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu
+fürchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, daß die vereinigten
+Schwärme auch beisammen bleiben, daß sich die Schildkröten nicht
+zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen können, stellen längs des
+Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu
+halten und die Schildkröten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier
+werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das
+Thier gräbt mit seinen Hinterfüßen, die sehr lang sind und krumme Klauen
+haben, ein drei Fuß weites und zwei Fuß tiefes Loch. Die Indianer
+behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkröte
+denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,
+wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _‘Eiernest’_, wie man hier sagt,
+öffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, daß manche in die
+von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefüllten Löcher
+hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite
+legen. Bei diesem stürmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier
+zerbrochen. Der Missionär zeigte uns, indem er den Sand an mehreren
+Stellen ausgrub, daß der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen
+mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand
+noch stärker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene
+Eierschaalen in großen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der
+Nacht am Ufer graben, sind so unermeßlich viele, daß manche der Tag
+überrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der
+doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Löcher
+zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen möge. Die Schildkröten, die
+sich verspätet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie
+arbeiten unter den Augen der Indianer, die früh Morgens auf das Ufer
+kommen. Man nennt sie _‘närrische Schildkröten.’_ Trotz ihrer ungestümen
+Bewegungen fängt man sie leicht mit den Händen.
+
+Die drei Indianerlager an den oben erwähnten Orten werden Ende März und in
+den ersten Tagen Aprils eröffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich
+wie das andere, mit der Regelmäßigkeit, die bei Allem herrscht, was von
+Mönchen ausgeht. Ehe die Missionäre an den Fluß kamen, beuteten die
+Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fülle bietet,
+in weit geringerem Maaße aus. Jeder Stamm durchwühlte das Ufer nach seiner
+eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,
+weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen
+konnte. Es war, als würde eine Erzgrube von ungeschickten Händen
+ausgebeutet. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, daß sie die Ausbeutung
+geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen
+am Orinoco abgelöst haben, rühmen sich zwar, daß sie das Verfahren ihrer
+Vorgänger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehörigen
+Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, daß das ganze Ufer
+ausgebeutet wurde; sie ließen ein Stück unberührt liegen, weil sie
+besorgten, die Arrau-Schildkröten möchten, wenn nicht ausgerottet werden,
+doch bedeutend abnehmen. Jetzt wühlt man das ganze Ufer rücksichtslos um,
+und man meint auch zu bemerken, daß die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer
+werden.
+
+Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionär von Uruana seinen
+Stellvertreter oder den _‘Commissär’_, der den Landstrich, wo die Eier
+liegen, nach der Zahl der Indianerstämme, die sich in die Ernte theilen,
+in Loose zerlegt. Es sind lauter »Indianer aus den Missionen,« aber so
+nackt und versunken, wie die »Indianer aus den Wäldern;« man nennt sie
+_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke
+zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.
+
+Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschäft damit, daß er den Boden
+sondirt. Mit einer langen hölzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit
+einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die »Eierschicht« reicht. Nach
+unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuß vom Ufer und
+ist im Durchschnitt drei Fuß tief. Der Commissär steckt ab, wie weit jeder
+Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hört man den Ertrag der Eierernte
+gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schätzen. Es kam vor, daß ein
+Areal genau hundertzwanzig Fuß lang und dreißig breit hundert Krüge oder
+für tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Händen
+auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _‘Mappiri’_ genannte Körbe,
+tragen sie ins Lager und werfen sie in große mit Wasser gefüllte hölzerne
+Tröge. In diesen Trögen werden die Eier mit Schaufeln zerdrückt und
+umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der öligte Theil), das
+obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser öligte Theil wird, wie er sich
+auf dem Wasser sammelt, abgeschöpft und bei einem starken Feuer gekocht.
+Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heißt,
+soll sich desto besser halten, je stärker es gekocht wird. Gut zubereitet
+ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionäre
+schätzen es dem besten Olivenöl gleich, und man braucht es nicht nur zum
+Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den
+Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hält indessen schwer,
+ganz reines Schildkrötenöl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten
+Geruch, der davon herrührt, daß Eier darunter gerathen sind, in denen
+sich, weil sie schon länger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen
+Schildkröten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese
+unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rückfahrt vom Rio
+Negro, wo das flüssige Fett, das wir hatten, braun und übelriechend
+geworden war. Die Gefäße hatten einen faserigen Bodensatz, und dieß ist
+das Kennzeichen des unreinen Schildkrötenöls.
+
+Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle
+aus dem Munde des Missionärs von Uruana, seines Commissärs und der Krämer
+aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jährlich tausend
+Botijas(14) oder Krüge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt
+von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze
+Ertrag der drei Uferstrecken, wo jährlich die _cosecha_ oder Ernte
+gehalten wird, läßt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine
+Weinflasche oder _‘limeta’_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen
+Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkröte gebe 100--116 Eier,
+und ein Drittheil werde während des Legens, namentlich von den
+»närrischen« Schildkröten zerbrochen, so ergibt sich, daß, sollen jährlich
+5000 Krüge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkröten, die zusammen
+165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplätzen 33 Millionen Eier legen
+müssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren
+Zahl. Viele Schildkröten legen nur 60--70 Eier; viele werden im
+Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die
+Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu
+essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlässigkeit. Die
+Menge der Eier, die bereits ausgeschlüpft sind, ehe der Mensch darüber
+kommt, ist so ungeheuer, daß ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer
+des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkröten wimmeln sah, die
+mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.
+Nimmt man noch hinzu, daß nicht alle Arraus zu den drei Lagerplätzen
+kommen, daß viele zwischen der Mündung des Orinoco und dem Einfluß des
+Apure einzeln und ein paar Wochen später legen, so kommt man nothwendig
+zum Schluß, daß sich die Zahl der Schildkröten, welche jährlich an den
+Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beläuft.
+Dieß ist ausnehmend viel für ein Thier von beträchtlicher Größe, das einen
+halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so
+furchtbar aufräumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die
+großen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.
+
+Das Erntegeschäft und die Zubereitung des Oels währen drei Wochen. Nur um
+diese Zeit stehen die Missionen mit der Küste und den benachbarten
+civilisirten Ländern in Verkehr. Die Franciskaner, die südlich von den
+Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu
+verschaffen, als um *weiße Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu
+hören, »ob der König sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhält, ob
+die Klöster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob
+der Türke sich noch immer ruhig verhält.« Das ist Alles, wofür ein Mönch
+am Orinoco Sinn hat, Dinge, worüber die Krämer aus Angostura, die in die
+Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben können. In diesen weit
+entlegenen Ländern wird eine Neuigkeit, die ein Weißer aus der Hauptstadt
+bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,
+und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,
+wenn man sein Lebenlang über die Hitze und die Stiche der Moskitos zu
+klagen hat?
+
+Die Oelhändler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen
+den Krug oder die Botija für einen harten Piaster an sie und die
+Transportkosten machen für den Krug nur Zweifünftel Piaster. Die Indianer,
+welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der
+Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer
+hatten immer welche in Körben oder kleinen Säcken von Baumwollenzeug. Der
+Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man
+zeigte uns große, von Jaguars geleerte Schildkrötenpanzer. Die Tiger gehen
+den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie überfallen
+sie auf dem Sand, und um sie gemächlich verzehren zu können, kehren sie
+sie um, so daß der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage können die
+Schildkröten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr
+umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer
+häufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.
+
+Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Körper der
+Schildkröte herausbringt, wenn er Rücken- und Brustschild nicht trennen
+will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der
+mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wären die Ansätze
+der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger
+verfolgt die Schildkröte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief
+ist. Er gräbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern
+und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlüpften
+Schildkröten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma während der
+Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, daß die Indianer in einer
+einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuß lange, mit hakenförmigen Eisen
+und Seekuhfleisch daran, fingen. Außer den eben erwähnten Waldthieren thun
+auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die
+ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _‘Schildkrötenregen’_ genannt, sich
+einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tödten mit vergifteten
+Pfeilen die Schildkröten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten
+Tatzen sich sonnen.
+
+Die jungen Schildkröten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,
+man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlüpfen. Die
+Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten
+uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg
+vom Ufer trägt und so an den Boden setzt, daß er dem Flusse den Rücken
+kehrt, alsbald den kürzesten Weg zum Wasser einschlägt. Ich gestehe, daß
+dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich
+gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom
+Ufer, selbst auf einer Insel, mit äußerst feinem Gefühl zu spüren, von
+woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht
+fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende
+kleiner Schildkröten gleich nach dem Ausschlüpfen dem Wasser zugehen, so
+läßt sich nicht wohl annehmen, daß so viele Schildkröten, die am selben
+Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die
+Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco führen können. Soviel ist aber
+gewiß, daß das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen
+zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das große Flußbett geht. Wie
+finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen
+Schildkröten hingeführt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoßen?
+Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in
+abgesonderte Löcher, und wir werden bald sehen, daß in dieser
+Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,
+den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden
+hilft. Die Arrau-Schildkröte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den
+Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum
+Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie könnte
+sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits
+wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkröten gesehen haben,
+die eine ganze Menge junger Schildkröten hinter sich hatten. Dieß waren
+vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem
+sie wieder kommen konnten. Männliche Thiere sind unter den Schildkröten
+sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund
+dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,
+die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.
+
+Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige
+Mundvorräthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden
+daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus
+Weizenmehl. Unsere Indianer füllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf
+mit jungen Schildkröten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir
+vom Missionär, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet
+hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies
+frisch und in Stößen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes
+befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Pirogue ein sehr
+schlechtes Segelwerk führe; aber der »Patron« wollte den Indianern, die am
+Ufer beisammen standen, zeigen, daß er, wenn er sich dicht am Wind halte,
+mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen könne. Aber eben, als er
+seine Geschicklichkeit und die Kühnheit seines Manövers pries, fuhr der
+Wind so heftig in das Segel, daß wir beinahe gesunken wären. Der eine Bord
+kam unter Wasser und dasselbe stürzte mit solcher Gewalt herein, daß wir
+bis zu den Knieen darin standen. Es lief über ein Tischchen weg, an dem
+ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein
+Tagebuch, und im nächsten Augenblick sahen wir unsere Bücher, Papiere und
+getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der
+Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer
+aufgeschreckt, übersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltblütigkeit, die
+ihm unter allen Verhältnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende
+Bord hob sich während der Windstöße von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er
+das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen müssen, so
+konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil
+blicken ließ. Während wir so ängstlich gespannt waren, riß auf einmal das
+Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half
+uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den
+Früchten der _Crescentia Cujete_ auszuschöpfen; das Segel wurde
+ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder
+weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöße, die mit
+Windstillen wechseln, sind übrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge läuft,
+sehr häufig und können überladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefährlich
+werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann
+verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig
+schalt, daß er sich zu nahe am Wind gehalten. Er äußerte kaltblütig, »es
+werde hier herum den weißen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre
+Papiere* zu trocknen.« Wir hatten nur ein einziges Buch eingebüßt, und
+zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser
+gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige
+wissenschaftliche Werke beschränkt ist.
+
+Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen
+Insel mitten im Strome in der Nähe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem
+Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,
+nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, daß wir
+alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wäre,
+der sich beim Schiffbruch allein gerettet hätte, wie er am öden Ufer auf
+und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den
+Orinoco läuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und
+Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit
+gefühlvollem Herzen weiß nicht, was aus seinen Unglücksgefährten geworden
+ist, und ihr Loos bekümmert ihn mehr als das seine! Gerne überläßt man
+sich solchen wehmüthigen Vorstellungen, weil einen nach einer
+überstandenen Gefahr unwillkürlich nach starken Eindrücken fort verlangt.
+Jeder von uns war innerlich mit dem beschäftigt, was sich eben vor unsern
+Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne daß man
+gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei
+Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flüssen
+voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu
+Grund gegangen wären.
+
+Die Nacht war sehr schwül. Wir lagen am Boden auf Häuten, da wir keine
+Bäume zum Befestigen der Hängematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde
+mit jedem Tag ärger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß die
+Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen über den Flußarm,
+der uns vom Lande trennte, und Morgens hörten wir sie ganz in unserer Nähe
+brüllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,
+herübergekommen. Die Indianer sagten uns, während der Eierernte zeigen
+sich die Tiger an den Ufern hier immer häufiger als sonst, und sie seyen
+um diese Zeit auch am kecksten.
+
+Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmündung des großen
+Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vögeln berühmt ist, die auf
+ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de
+Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von
+den Jesuiten gegründet und daselbst Otomaken und Caveres- oder
+Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fuße eines aus Granitblöcken
+bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heißt. Durch die
+Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Höhlen, in
+denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen
+findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Züge in Reihen
+eingehauen. Ich bezweifle indessen, daß diesen Zügen ein Alphabet zu
+Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rückkehr vom Rio
+Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die
+Otomaken essen und über die in Europa so viel gestritten worden ist.
+
+Wir maßen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla
+de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe
+vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 französische Meilen von der
+Mündung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die
+Temperatur des Wassers an der Oberfläche war bei Uruana 27°,8; den Zaire-
+oder Congofluß in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitän
+TUCKEY im Juli und August nur 23°,9--25°,6 warm. Wir werden in der Folge
+sehen, daß im Orinoco, sowohl in der Nähe der Ufer, wo er in dichtem
+Schatten fließt, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des
+Wassers aus 29°,5 [23°,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27°,5 herabgeht;
+die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist
+28--30°, bei Nacht 24--26°, während im Thal des Congo von acht Uhr Morgens
+bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20°,6 und 26°,7 stand.
+
+Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis über den Einfluß des Meta
+hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer näher an das
+östliche Ufer herantreten. Da die Strömung stärker wird, je mehr das
+Flußbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend
+langsamer vorwärts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwärts,
+aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann
+brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,
+heftige, aber schnell vorübergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des
+Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem großen
+See Capanaparo gegenüber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die
+Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluß und in den Rio Arauca
+ausmündet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern
+Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald
+sie bei den ersten Regengüssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie
+sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder
+zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder
+feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemäßigten
+Erdstrich, reißt die wieder zunehmende Wärme die Thiere aus der Erstattung
+oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwäche, in dem der Athmungsproceß
+unterbrochen oder doch sehr stark beschränkt wird. Die Zeit der großen
+Trockenheit, uneigentlich der _‘Sommer der heißen Zone’_ genannt,
+entspricht dem Winter der gemäßigten Zone, und es ist physiologisch sehr
+merkwürdig, daß in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kälte
+wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre
+*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, daß diese
+derselben Familie angehörenden Thiere einmal in einem nördlicheren Lande
+zusammen gelebt hätten, so könnte man glauben, sie fühlen, auch näher an
+den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre
+Muskeln gebraucht, das Bedürfniß auszuruhen und bleiben auch unter einem
+neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem
+Körperbau zusammenzuhängen scheint.
+
+Nachdem wir an der Mündung der Kanäle, die zum See Capanaparo führen,
+vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstück, wo das Bett durch die Berge
+des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpaß, der bis zum Einfluß
+des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer
+früher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluß des Arauca und dem des
+Atabapo den Fluß *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Völkern große
+Ströme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der
+Paß von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen
+senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach
+Südost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten
+Winkel durchbricht, so stellen sich die Höhen als freistehende Gipfel dar.
+Die meisten sind nicht über 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten
+einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhänge erhalten sie etwas
+Großartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rändern abgerundete
+Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, über einander gethürmt. Die
+Blöcke sind häufig 80 Fuß lang und 20--30 breit. Man müßte glauben, sie
+seyen durch eine äußere Gewalt übereinander gehäuft, wenn nicht ein ganz
+gleichartiges, nicht in Blöcke getheiltes, aber von Gängen durchzogenes
+Gestein anstände und deutlich verriethe, daß das Zerfallen in
+Parallelipipede von atmosphärischen Einflüssen herrührt. Jene zwei bis
+drei Zoll mächtigen Gänge bestehen aus einem quarzreichen, feinkörnigen
+Granit im grobkörnigen, fast porphyrartigen, an schönen rothen
+Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der
+Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen
+umgesehen, die für mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch
+sind.
+
+Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu
+messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluß, daß ich nur mit Mühe eine
+Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen
+breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*
+nennen kann, muß man bedenken, daß der Strom von Uruana bis zum Einfluß
+des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, außerordentlich
+heißen und trockenen Punkt maß ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und
+fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl
+höhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange
+nicht so hoch, als die Missionäre angeben.
+
+In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von
+Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts
+als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit großer birnförmiger
+Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda
+salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit
+breiten, häutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und
+offenem Maul saßen die Eidechsen da und schienen sich von der heißen Luft
+durchströmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg
+auf 50°,2 [40°,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und
+ab zu schwanken, während sich kein Lüftchen rührte. Die Sonne war nahe am
+Zenith und ihr glänzendes, vom Spiegel des Stromes zurückgeworfenes Licht
+stach scharf ab vom röthlichen Dunst, der alle Gegenstände in der Nähe
+umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heißen Landstrichen
+um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere
+verbergen sich im Dickicht, die Vögel schlüpfen unter das Laub der Bäume
+oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille
+auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trägt, so vernimmt man
+ein dumpfes Schwirren, ein beständiges Brausen und Summen der Insekten,
+von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen
+lebendiger vor die Seele führen, wie weit und wie gewaltig das Reich des
+organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder
+umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewächse. Ein wirres Getöne
+dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstämmen, aus den Felsspalten, aus
+dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfüße, Cäcilien ihre Gänge graben. Es
+sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, daß Alles in der Natur athmet,
+daß in tausendfältiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklüfteten Boden
+waltet, so gut wie im Schooße der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.
+Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht
+bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in
+Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,
+dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft
+auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des
+Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamärops und der Dattelpalme
+betritt.
+
+Wir übernachteten am östlichen Ufer des Orinoco am Fuße eines
+Granithügels. An diesem öden Fleck lag früher die Mission San Regis. Gar
+gerne hätten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flußwasser hatte
+einen Bisamgeruch und einen süßlichten, äußerst unangenehmen Geschmack.
+Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in
+dieser Beziehung, am dürrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome
+verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit
+gallertigen Stoffen beladen. »Das macht die Rinde (die lederartige
+Hautdecke) der faulenden Caymans,« sagen die Indianer. »Je älter der
+Cayman, desto bitterer ist seine Rinde.« Ich bezweifle nicht, daß die Aase
+dieser großen Reptilien, die der Seekühe, die 500 Pfund wiegen, und der
+Umstand, daß die im Fluß lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,
+das Wasser verderben mögen, zumal in Buchten, wo die Strömung schwach ist.
+Indessen waren die Punkte, wo man das übelriechendste Wasser antraf, nicht
+immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in
+diesem heißen Klima, wo man fortwährend vom Durst geplagt ist, Flußwasser
+mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muß, so wünscht man
+natürlich, daß ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens
+geruchlos seyn möchte.
+
+Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmündungen des Suapure
+oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluß
+ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der
+Suapure, der eine Menge kleiner Fälle bildet, ist bei den Indianern wegen
+des vielen wilden Honigs berühmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen
+hängen dort ihre ungeheuren Stöcke an die Baumäste. Pater GILI hat im Jahr
+1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergießt, befahren. Er
+fand dort Stämme der Nation der Areverier. Wir übernachteten ein wenig
+unterhalb der Insel Macupina.
+
+Am 9. April. Wir langten früh Morgens am *Strande von Pararuma* an und
+fanden daselbst ein Lager von Indianern, ähnlich dem, das wir an der _boca
+de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die
+Schildkröteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider
+ein paar Tage zu spät daran. Die jungen Schildkröten waren ausgekrochen,
+ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die
+Krokodile und die *Garzes*, eine große weiße Reiherart, das Säumniß zu
+Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkröten
+sehr und verzehren unzählige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da
+die Tortuguillos erst nach der Abenddämmerung aus dem Boden kriechen und
+dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu träge [S. Band I.
+Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den
+Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Eßwaaren
+zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heißhunger zu stillen,
+nichts übrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll
+lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwürdig anzusehen, wie schlau sich
+die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen
+ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfüßen auf, krümmen den
+Rücken, strecken den Kopf aufwärts und reißen den Rachen weit auf.
+Fortwährend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen
+ihm die Zähne, die bei den eben ausgeschlüpften Thieren sehr lang und
+spitz sind. Oft, während so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen
+Krokodils in Anspruch nimmt, benützt ein anderer die gute Gelegenheit zu
+einem unerwarteten Angriff. Er stößt auf das Thier nieder, packt es am
+Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel
+halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom
+hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlüpfte
+Krokodile in einem großen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.
+
+Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weiße, die von Angostura
+herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten
+uns mit ihren Klagen über die »schlechte Ernte« und den Schaden, den die
+Tiger während des Eierlegens angerichtet, und führten uns endlich unter
+eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saßen die Missionäre von
+Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen
+rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Köpfen und
+langen Bärten hätten wir sie für Orientalen gehalten! Die armen
+Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle
+Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren
+Monaten am dreitägigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes
+Aussehen überzeugte uns unschwer, daß in den Ländern, die wir zu betreten
+im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefährdet sey.
+
+Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum
+Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die
+*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter
+führen. Wir mußten uns seinem Willen fügen. Glücklicherweise fand sich der
+Missionär von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hübsche
+Pirogue abzutreten; ja der Missionär von Atures und Maypures bei den
+großen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,
+uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die
+Canoes über die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, daß
+wir, hätten wir keinen Mönch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wären,
+wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu müssen.
+An den Ufern des Orinoco gelten die Wälder am Rio Negro für ein köstliches
+Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt
+im Fluß fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und
+Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,
+wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit
+wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der
+Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,
+was in weiter Ferne liegt.
+
+Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,
+wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die
+allmähliche Entwicklung unserer Geisteskräfte zu beobachten. Man sträubt
+sich gegen die Vorstellung, daß wir in diesem gesellschaftlichen
+Kindheitszustand, in diesem Haufen trübseliger, schweigsamer,
+theilnahmloser Indianer das ursprüngliche Wesen unseres Geschlechts vor
+uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande
+liebenswürdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so
+hinreißend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoßend
+als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der
+größte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,
+gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie
+da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf
+großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern
+auf das Getränk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der
+ursprüngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,
+die schwachen Ueberreste von Völkern, die versprengt lange in Wäldern
+gelebt und am Ende in Barbarei zurückgesunken.
+
+Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und
+es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der größeren oder
+geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der
+Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _‘Onoto’_, von den Spaniern
+_‘Achote’_, von den Colonisten in Cayenne _‘Rocou’_ genannt. Es ist der
+Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.
+Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der
+Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und
+lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig
+absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit
+den Händen ausgedrückt, mit Schildkröteneieröl geknetet und runde 3--4
+Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrötenöl
+vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit
+kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien
+gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht
+hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _‘Craviri’_, die Maypures
+_‘Chirraviri’_. Sie klettert auf die höchsten Bäume und heftet sich mit
+Ranken an. Die zweilippigen Blüthen sind einen Zoll lang, schön violett,
+und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten
+Blätter vertrocknen leicht und werden röthlich. Die Frucht ist eine zwei
+Fuß lange Schote mit geflügelten Samen. Diese Bignonie wächst bei Maypures
+in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des
+Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,
+besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie
+gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der
+Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blättern. Er sondert
+sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn
+mit Schildkrötenöl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll
+hohen, an den Rändern abgerundeten Broden. Erwärmt verbreiten diese Brode
+einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica
+keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Körper
+wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsäure, selbst in den Alkalien löst er
+sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack
+ähnliche Farbe. Tränkt man Wolle damit, so könnte man sie mit Krapproth
+verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Chica, der vor
+unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nützlich verwenden
+ließe: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Völkerschaften der
+Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Völker am
+Orinoco können mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben
+die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem
+Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte
+gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschränkt sich auf die
+Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussüßen der
+stärkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.
+
+Die meisten Missionäre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern
+in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die
+auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mönche nicht
+Leinwand und Kleider an sie verkaufen können, so handeln sie mit rother
+Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren
+Hütten, die vornehm _Conventos_ heißen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,
+die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,
+welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich
+hier, daß ein hochgewachsener Mann durch zwei wöchentliche Arbeit kaum
+genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, daß er
+sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemäßigten Ländern von einem
+armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hört
+man die Indianer am Orinoco sagen: »Der Mensch ist so elend, daß er sich
+den Leib nicht einmal halb malen kann.« Der kleine Handel mit Chica wird
+besonders mit den Stämmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die
+Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wächst. Die Caraiben und
+Otomaken färben sich bloß Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives
+steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, daß sie den ganzen Körper damit
+überziehen können. Wenn die Missionäre nach Angostura auf ihre Rechnung
+kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro
+machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten
+Artikel, bei. Manche Leute europäischer Abkunft brauchen den Farbstoff,
+mit Wasser angerührt, als ein vorzügliches harntreibendes Mittel.
+
+Der Brauch, den Körpers zu bemalen, ist nicht bei allen Völkern am Orinoco
+gleich alt. Erst seit den häufigen Einfällen der mächtigen Nation der
+Caraiben in diese Länder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und
+Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefällig zu seyn, mußte man
+sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der
+Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flüssen Carony,
+Cuyuni und Paraguamuzi beschränkt, aber die caraibische Mode, den ganzen
+Körper zu färben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die
+Eroberung.
+
+Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden
+Völkern so häufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gründet er
+sich vielleicht auf die Beobachtung, daß ein Ueberzug von färbenden und
+öligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schützt? In den
+Missionen am Orinoco und überall, wo die Luft von giftigen Insekten
+wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft erörtern hören. Die Erfahrung
+zeigt, daß der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos
+und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe
+aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst
+zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch
+angekommenen Europäern ein so unerträgliches Jucken verursachen. So lange
+aber das Insekt den Saugrüssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der
+Stich den Eingeborenen und den Weißen gleich sehr. Nach tausend andern
+nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hände und Arme mit
+Krokodilfett und Schildkröteneieröl eingerieben und davon nie die
+geringste Erleichterung gespürt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich
+weiß wohl, daß Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten
+Schutzmittel gerühmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am
+Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere
+Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom
+fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglücklichen Landeseinwohner
+vor der Insektenplage schützte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wäre
+der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?
+wie könnten so viele nackte Völker, die sich bloß das Gesicht bemalen,
+dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Körper färben?
+
+Es erscheint auffallend, daß die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen
+in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rührt diese
+Vorliebe davon her, daß der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das
+Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das möchte ich sehr be-
+zweifeln. In einem großen Theil des tropischen Amerika wächst der Indigo
+wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewächse, hätten den
+Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu färben wie die alten
+Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten
+Stämme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht
+dieß, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker,
+Alles, was sie nationell auszeichnet, schön zu finden. Menschen, deren
+Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit
+niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren
+Kindern die Stirne niederzudrücken. Unterscheiden sie sich von andern
+Völkern durch sehr dünnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche
+die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich für desto
+schöner, je stärker sie die charakteristischen Züge ihres Stammes oder
+ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.
+
+Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, daß sehr alte
+Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jüngsten. Wir
+sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit
+Schildkrötenöl einreiben und den Rücken mit Onoto und *Caruto* bemalen
+ließ; zwei ihrer Töchter mußten dieses Geschäft verrichten. Die Malerei
+bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf
+rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt
+gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehörte. Wir hatten sehr
+lange botanisirt, und als wir zurückkamen, war die Malerei noch nicht halb
+fertig. Man wundert sich über einen so umständlichen Putz um so mehr, wenn
+man bedenkt, daß die Linien und Figuren nicht tätowirt werden, und daß das
+so mühsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer
+unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen
+sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe
+angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgänglich,
+daß Männer und Weiber sich wohl weniger schämten, wenn sie sich ohne
+*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken ließen. Die *Guayucos*
+bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die
+Männer tragen sie breiter als die Weiber, die überhaupt (wie die
+Missionäre behaupten) weniger Schamgefühl haben. Schon Christoph Columbus
+hat eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgültigkeit der
+Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Völkern, deren Sitten doch nicht
+sehr verdorben sind, nicht daher rühren, daß das andere Geschlecht in
+Südamerika durch Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Männer so tief
+herabgewürdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?
+
+Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man
+sich einen Menschen vor, der an Kopf und Gürtel mit schönen Arras-,
+Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmückt ist. Von jeher gilt bei
+unsern Malern und Bildhauern solcher Putz für das charakteristische
+Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den
+Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe
+am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schönen Federbüsche, jene
+Federschürzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary
+heimbringen. Die meisten Völkerschaften in Guyana, selbst die, deren
+Geisteskräfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und
+Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die
+Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiß, der den
+Körper den ganzen Tag über und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede
+Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche werden
+nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbüsche der Guaypuñaves
+sind wegen der Auswahl der schönen Manakin- und Papagayenfedern die
+berühmtesten.
+
+Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenüberzug stehen;
+zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den
+Schnitt europäischer Kleidungsstücke nach. Wir sahen in Pararuma welche,
+die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen. Die Missionäre
+erzählten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura färben sich mit Onoto und
+machen sich dem Körper entlang breite Querstreifen, auf die sie
+silberfarbige Glimmerblättchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trügen
+die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wären die *bemalten*
+Völker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wäre man zum
+Schlusse gelangt, daß beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der
+Brauch von großer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel
+der Laune erzeugt wird.
+
+Das Bemalen und Tätowiren ist in beiden Welten weder auf Einen
+Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschränkt. Am häufigsten kommen
+diese Arten von Putz bei Völkern malayischer und amerikanischer Race vor;
+aber zur Zeit der Römer bestand die Sitte auch bei der weißen Race im
+Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und
+in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Tätowirung bei
+den Insulanern der Südsee am höchsten ausgebildet. Manche bekleideten
+Völker bemalen sich dabei doch Hände, Nägel und Gesicht. Die Bemalung
+erscheint hier auf die Körpertheile beschränkt, die allein blos getragen
+werden, und während die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit
+erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in
+manchen Städten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weiße Haut
+durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Stärke, Eiweiß und
+Mehl schöner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit
+Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei
+inmitten aller Gebräuche der gebildeten Welt nicht wenig auf.
+
+Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis
+dahin nur von den europäischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal
+lebend zu sehen. Die Missionäre treiben mit dergleichen kleinen Thieren
+Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _‘Gallitos’_ (Felshühner),
+*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Küsten sehr gesuchte Affen
+tauschen sie Zeuge, Nägel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte
+vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mönche
+leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann
+von den Mönchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der
+Eierernte erlösen, ihr Fischergeräthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften
+mehrere Thiere, die uns auf der übrigen Stromfahrt begleiteten und deren
+Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in
+einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben
+Gegenständen zweimal handeln muß, beschränke ich mich hier auf ganz kurze
+Angaben und füge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen
+Reisetagebüchern aufstießen.
+
+Die *Gallitos* oder *Felshühner*, die man in Pararuma in niedlichen
+kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des
+Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit
+seltener als in französisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der
+Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fällen von Maypures. Ich
+sage ausdrücklich in den Fällen; denn diese Vögel nisten gewöhnlich in den
+Höhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und
+so zahlreiche Wasserfälle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im
+Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander
+kämpfen, wobei sie wie unsere Hähne den doppelten beweglichen Kamm, der
+ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten
+erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Männchen geschätzt sind,
+die vom dritten Jahre an prächtig goldgelb werden, so muß der Käufer auf
+der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide
+sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon
+ganz jung durch seine Größe und seine gelben Füße aus. Die Henne bleibt
+ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil
+der Flügel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern
+Sammlungen die schöne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man
+dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als
+bei andern Gattungen sperlingsartiger Vögel. Die jungen Hahnen haben, wie
+die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so
+ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die
+Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei
+den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen
+gesehen zu haben.
+
+Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen
+wir mehrere Spielarten des *Saï* [_Simia capucina_], der der kleinen
+Gruppe der Winselaffen angehört, die in den spanischen Colonien *Matchi*
+heißen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem
+Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten
+uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)
+BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia
+Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*
+[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saïmiri der französischen Zoologen,
+und diese Thiere dürfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen
+spanischen Colonien heißen *Titi* Affen, die drei verschiedenen
+Untergattungen angehören und in der Zahl der Backzähne von einander
+abweichen. Nach dem eben Angeführten ist die Bemerkung fast überflüssig,
+wie wünschenswerth es wäre, daß man in wissenschaftlichen Werken sich der
+landesüblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt
+werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klägliche
+Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.
+
+Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,
+indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heißt bei den
+Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt südlich von den Katarakten sehr
+häufig vor. Er hat ein weißes Gesicht und über Mund und Nasenspitze weg
+einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am
+schönsten gefärbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des
+Cassiquiare. Die man am Guaviare fängt, sind groß und schwer zu zähmen.
+Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so ähnlich wie der Titi; es
+ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln: derselbe
+rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine großen Augen füllen sich mit
+Thränen, sobald er über etwas ängstlich wird. Er ist sehr lüstern nach
+Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, daß ein
+Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu
+CUVIERs _Tableau élémentaire d’histoire naturelle_ ganz gut unterschied.
+Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die
+kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu
+erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese
+Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Köpfe von
+Säugethieren, blieb er völlig gleichgültig.(20) Setzt man mehrere dieser
+kleinen Affen, die im selben Käfigt beisammen sind, dem Regen aus, und
+fällt die gewöhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie
+sich den Schwanz, der übrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und
+verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die
+indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern häufig Haufen
+von zehn, zwölf solcher Affen, die erbärmlich schreien, weil die auswärts
+Stehenden in den Knäuel hinein möchten, um Wärme und Schutz zu finden.
+Schießt man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdünntes Gift)
+getaucht sind, auf einen solchen Knäuel, so fängt man viele junge Affen
+auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter
+hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von
+Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Hütten
+der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer
+Mütter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten
+Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand
+der Gefangenschaft gewöhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame
+kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Küsten
+von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich
+hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der
+unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veränderung nicht
+zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Licht, von der geringeren
+Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an
+der Küste herzurühren.
+
+Den Saïmiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon
+lange in Europa bekannten Vierhändern steht in scharfem Abstich, nach
+Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenüber, den
+die Missionäre _‘Viudita’_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine
+Thier hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine
+weißlichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.
+Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast
+ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weißen, zollbreiten
+Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfüße oder vielmehr Hände
+sind schwarz wie der übrige Körper, aber die Vorderhände sind außen weiß
+und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten nun die
+Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.
+Die Gemüthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den
+Hinterbeinen ausrichtet, verräth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.
+Er sieht sanft und schüchtern aus; häufig berührt er das Fressen nicht,
+das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne
+in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samïri ansichtig
+wird, läuft er davon. Sein Auge verräth große Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn
+stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf Alles, was
+um ihn vorging, achten. Aber diese Schüchternheit und Sanftmuth sind nur
+scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst überlassen, so wird sie
+wüthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und läuft dann mit
+erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die
+Katze, und erwürgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr
+zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen
+hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de
+Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro
+mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen. Will man
+die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,
+sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in
+Häusern, wo sie ihre natürliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den
+Augen hat.
+
+Die neue für uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,
+wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehöhlter
+Baumstamm, vierzig Fuß lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht
+neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie
+erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmäßige
+Vertheilung der Last, daß man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,
+den Ruderern (_bogas_) zurufen muß, sich auf die entgegengesetzte Seite zu
+lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig über den geneigten
+Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie übel man auf
+einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.
+
+Der Missionär aus den *Raudales* betrieb die Zurüstungen zur Weiterfahrt
+eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und
+Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen
+Kanälen und Wasserfällen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,
+bekannt wären; man legte daher die Nacht über zwei Indianer in den *Cepo*,
+das heißt, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch
+zwei Holzstücke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloß
+legte. Am frühen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den
+man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein
+sehr verständiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste
+leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission
+Atures gebürtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der
+Maypures; er war in die Wälder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar
+Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich
+mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionär brauchte ihn als
+Dolmetscher. Nur mit Mühe brachten wir es dahin, daß der junge Mann
+begnadigt wurde. »Ohne solche Strenge,« hieß es, »würde es euch an Allem
+fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein
+stärkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie
+wissen wohl, daß sie in Angostura sehr gesucht sind. Ließe man sie machen,
+so gingen sie alle den Fluß hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in
+voller Freiheit unter den Weißen zu leben, und die Missionen stünden
+leer.«
+
+Diese Gründe mögen scheinbar etwas für sich haben, richtig sind sie nicht.
+Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genießen, so muß er
+allerdings seine natürlichen Rechte, seine frühere Unabhängigkeit zum
+Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht
+durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nährt der Wilde in
+seiner verständigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wälder
+zurückzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den
+Wäldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil
+er der Früchte seiner Arbeit nicht froh wird, deßhalb veröden die
+christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die
+Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die
+Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.
+
+Wenn man sagt, der Wilde müsse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten
+werden, so ist dieß ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco
+haben in den Aeußerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer
+Gemüthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs große Kinder,
+sowenig als die armen Bauern im östlichen Europa, die in der Barbarei des
+Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen können.
+Zwang, als hauptsächlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,
+erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Völker und
+bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief
+gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fähigkeit ist ganz erstorben. Die
+menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach
+verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwärtigen Zustand
+mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem
+Instinkt, sondern nach Rücksichten der Nützlichkeit. Unter allen Umständen
+kann Vernunft durch Vernunft aufgeklärt werden; die Entwicklung derselben
+wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur
+Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Völker berufen glauben, im
+hochmüthigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen
+herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,
+die allein keimende Fähigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften
+sänftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen können.
+
+Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur
+schwer gewöhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues
+Gefängniß war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des
+Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden
+Seiten über den Bord hinausreichte. Leider war das Blätterdach (_el
+toldo_) darüber so niedrig, daß man gebückt sitzen oder ausgestreckt
+liegen mußte, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die
+Stromschnellen, ja von einem Fluß zum andern schleppen muß, und weil man
+dem Wind zu viel Fläche böte, wenn man den _Toldo_ höher machte, so kann
+auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache
+nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war für vier Personen bestimmt,
+die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine
+reichen weit über das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum
+halben Leib durchnäßt. Dabei liegt man auf Ochsenhäuten oder Tigerfellen
+und die Baumzweige darunter drücken einen durch die dünne Decke gewaltig.
+Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die
+drei Fuß lange, löffelsörmige *Pagaies* führen. Sie sind ganz nackt,
+sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwürdig genau einhalten.
+Ihr Gesang ist trübselig, eintönig. Die kleinen Käfige mit unsern Vögeln
+und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am
+Toldo, theils am Vordertheil aufgehängt. Es war unsere Reisemenagerie.
+Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich
+zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rückkehr vom Cassiquiare noch
+vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen
+wollen, könnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstädten
+am Orinoco und Amazonenstrom, eigens für ihren Zweck Piroguen bauen
+lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth
+geschützter Käfige angebracht wären. Wenn wir unser Nachtlager
+aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der
+Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hängematten, dann die der Indianer, und
+zu äußerst die Feuer, die man für unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne
+zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der
+Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die
+einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der
+Freiheit genießen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmüthiges,
+Rührendes.
+
+Auf der überfüllten, keine drei Fuß breiten Pirogue blieb für die
+getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompaß
+und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem
+Gitter aus Zweigen, auf dem wir den größten Theil des Tags ausgestreckt
+liegen mußten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein
+Instrument gebrauchen, mußte man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen
+Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so
+niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblätter
+ausstrahlen, deren obere Fläche beständig der Sonnengluth ausgesetzt ist.
+Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage erträglicher zu machen, und
+immer vergeblich. Während der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich
+vor den Insekten zu schützen, verlangte der andere, man solle grünes Holz
+unter dem Toldo anzünden, um die Mücken durch den Rauch zu vertreiben.
+Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden
+Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit
+einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und
+Auge für die großartige Natur dieser weiten Stromthäler fällt es den
+Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit
+werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,
+geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und
+begreiflich zu machen, daß Bonpland und ich auf diesem Stück unserer Reise
+beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu
+denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung
+aufforderte.
+
+Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo früher die ums
+Jahr 1733 von den Jesuiten gegründete Mission Pararuma gestanden. Eine
+Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern große Verheerungen
+anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen
+Einwohner, welche die schreckliche Seuche überlebten, wurden im Dorfe
+Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war
+es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen
+Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Dieß ist so ziemlich
+der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres
+liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den
+Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshöhe [S. Band II Seite 156].
+Bildet sich der Hagel in derselben Höhe über Niederungen und Hochebenen,
+so muß man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten
+Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27°,5
+und 24° beträgt. Ich gestehe indessen, daß es beim jetzigen Stande der
+Meteorologie sehr schwer zu erklären ist, warum es in Philadelphia, Rom
+und Montpellier in den heißesten Monaten mit einer mittleren Temperatur
+von 25 bis 26° hagelt, während in Cumana, Guayra und überhaupt in den
+Niederungen in der Nähe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In
+den Vereinigten Staaten und im südlichen Europa (unter dem 40--43. Grad
+der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefähr eben
+so hoch als unter den Tropen. Auch die Wärmeabnahme ist nach meinen
+Untersuchungen nur wenig verschieden. Rührt nun der Umstand, daß in der
+heißen Zone kein Hagel fällt, davon her, daß die Hagelkörner beim
+Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muß man annehmen,
+daß die Körner im Moment der Bildung in der gemäßigten Zone größer sind
+als in der heißen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem
+Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, daß wir
+nicht zu beurtheilen vermögen, ob unter dem Aequator über den Niederungen
+dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, daß sich der Hagel immer
+in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und
+die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen
+man die Hagelkörner, bevor sie fallen, an einander schlagen hört, und die
+wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint
+begreiflich, daß in solch geringerer Höhe durch die Ausdehnung der
+aufsteigenden Luft, welche an Wärmecapacität zunimmt, durch Ströme kalter
+Luft aus einer höheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die
+Strahlung der obern Fläche der Wolken, eine ungewöhnliche Erkältung
+hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt
+zurückzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter
+denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshöhe Hagel und Graupen
+auftreten, und die Frage erörtert wird, ob man die Wolken, welche die
+Gebirge einhüllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht
+betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade über uns sich bilden
+sehen.
+
+Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fängt jetzt an sich in
+mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und
+Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der
+Insel Javanavo gegenüber sahen wir gegen Ost die Mündung des *Caño*
+Aujacoa. Zwischen diesem Caño und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das
+Land immer stärker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco
+steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,
+ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wände gegen zweihundert Fuß hoch sind.
+Den Gipfel, der über die höchsten Waldbäume emporragt, krönt eine ebene,
+wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionäre Pic oder
+_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bäume. Dieses großartig einfache
+Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf
+gezeichneter Umriß und oben darauf die Bäume und das Buschwerk heben sich
+vom blauen Himmel ab, ein Wald über einem Walde.
+
+Weiterhin beim Einfluß des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen
+Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge
+herantritt. Er ist gegen 300 Fuß hoch und diente den Jesuiten als fester
+Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien
+entthielt und in dem beständig ein Militärposten lag. In Carichana und
+Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die
+Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der
+Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstört, aber der Ort heißt noch el
+Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen
+entworfenen, nicht gestochenen Karte führt derselbe den seltsamen Namen
+_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mönchsdespotismus). In
+allen politischen Umwälzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der
+über die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.
+
+Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht
+allein die Missionen gegen die Einfälle der Caraiben schützen, sie diente
+auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen
+(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten
+Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfälle oder
+_Entradas_ auf das Gebiet unabhängiger Indianer. Man brachte um, was
+Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Hütten nieder, zerstörte die
+Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.
+Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern
+Orinoco vertheilt. Man wählte die entlegensten Orte, damit sie nicht in
+Versuchung kämen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses
+gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz
+verboten, wurde aber von den bürgerlichen Behörden geduldet und von den
+Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen
+förderlich, höchlich gepriesen. »Die Stimme des Evangeliums,« sagt ein
+Jesuit vom Orinoco in den »erbaulichen Briefen«(21) äußerst naiv, »wird
+nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hören (_el eco de
+la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Züchtigung
+erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen.« Dergleichen die
+Menschheit schändenden Grundsätze wurden sicher nicht von allen Gliedern
+einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und überall, wo die
+Erziehung ausschließlich in den Händen von Mönchen geblieben ist, der
+Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,
+die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem
+Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,
+unzertrennlicher Gräuel. Es thut dem Gemüthe wohl, daß die Franciskaner,
+Dominikaner und Augustiner, welche gegenwärtig einen großen Theil von
+Südamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart
+sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den
+mächtigsten Einfluß üben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfälle
+mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,
+werden sie von den Ordensobern mißbilligt. Wir wollen hier nicht
+ausmachen, ob diese Wendung des Mönchsregiments zum Bessern daher rührt,
+daß die frühere Thätigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz
+Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thäte, einen Beweis
+sehen soll, daß die Aufklärung zunimmt und eine höhere, dem wahren Geist
+des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.
+
+Vom Einfluß des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist
+voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*
+oder kleinen Fälle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der
+vielen Wirbel dem Reisenden bange machen können, aber in keiner Jahreszeit
+den Schiffen gefährlich sind. Man muß wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn
+man wie Pater GILI, der sonst so genau und verständig ist, sagen kann: »e
+terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.«
+Eine Reihe von Klippen, die fast über den ganzen Fluß läuft, heißt *Raudal
+de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurück, und zwar in einem
+schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestüm, wie siedend, unter der *Piedra
+de Marimara* heraufschießt, einer compakten Granitmasse, 80 Fuß hoch und
+300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluß tritt
+weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser
+Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heißt der *Hafen von Carichana*.
+Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine
+mächtigen Schatten über den Wasserspiegel und das Wasser erscheint
+schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon
+bemerkt, wegen der eigenen Färbung ihrer Oberfläche, bald wie Steinkohlen,
+bald wie Bleierz aussehen. Wir übernachteten im kleinen Dorfe Carichana,
+wo wir auf die Empfehlung des guten Missionärs Fray Jose Antonio de Torre
+im Pfarrhaus oder _‘Convento’_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast
+vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.
+
+Am 11. April. Um die für die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der
+Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel
+Meilen vom Fluß angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die
+ursprünglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des
+Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta
+und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwärtig findet man Salivas nicht
+nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in
+Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom
+Jesuiten Fray Manuel Roman gegründete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas
+sind ein geselliges, sanftes, fast schüchternes Volk, und leichter, ich
+sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am
+Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, ließen die
+Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen
+anzuschließen. Die Patres rühmen aber auch in ihren Schriften durchgängig
+ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben großen Hang zur
+Musik; seit den ältesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,
+die vier bis fünf Fuß lang sind und mehrere kugelförmige Erweiterungen
+haben, die durch enge Röhren zusammenhängen. Diese Trompeten geben sehr
+klägliche Töne. Die Jesuiten haben die natürliche Neigung der Salivas zur
+Instrumentalmusik mit Glück ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der
+Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco
+die schöne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort
+gepflegt. Erst kürzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die
+Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flöte spielen.
+
+In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so
+günstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der
+Bevölkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare
+und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit
+den Weißen im Dorf, die fast lauter _‘Flüchtlinge von Socorro’_(22) sind,
+sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Dörfer am Orinoco,
+Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,
+verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,
+als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch
+standen, zählte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr
+1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts übrig als einige
+Lehmhütten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.
+
+Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weißer Abkunft, die
+Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,
+wenn man mitten unter Völkern, deren Sprache man nicht versteht, einem
+Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede
+Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind
+Indianer, etwas weniger beschränkt als die andern, mittelst deren die
+Missionäre am Orinoco, die sich gegenwärtig nur selten die Mühe nehmen,
+die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese
+Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,
+aber sie können es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgültigkeit
+geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer
+mit gefälligem Lächeln zur Antwort: »Ja, Pater; nein, Pater.« Man begreift
+leicht, daß einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche
+Gespräche zu führen hat, statt über Gegenstände Auskunft zu erhalten, für
+die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst
+mehrerer Dolmetscher und so, daß derselbe Satz mehrmals übersetzt wurde,
+mit den Eingeborenen verkehren.
+
+»Von meiner Mission an,« sagte der gute Ordensmann in Uruana, »werdet ihr
+reisen wie Stumme.« Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfüllung
+gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr
+selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen
+zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, daß man sich keines
+Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man
+auf die Gegenstände deutet, so legt er seine gewöhnliche Stumpfheit ab und
+weiß sich mit merkwürdiger Gewandtheit verständlich zu machen. Er macht
+Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie
+unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, daß man ihn
+beachtet und sich von ihm belehren läßt. Diese Leichtigkeit, sich
+verständlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhängigen
+Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muß ich den
+Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die
+erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den
+Wald laufen, um ihrer früheren Freiheit zu genießen. Es unterliegt wohl
+keinem Zweifel, daß der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen
+belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.
+Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiß und
+dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt
+richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare
+und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, daß der Reisende
+selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich
+aneignen könnte, um sich längs der schiffbaren Ströme von Angostura bis
+zum Fort San Carlos am Rio Negro verständlich zu machen. In Peru und Quito
+kommt man mit der Kenntniß der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili
+mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich
+wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung verständlich machen. Ganz anders
+in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Völker
+verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wäre es nicht einmal
+genug, wenn man folgende Sprachen verstände: Caraibisch oder Carina,
+Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare
+und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt
+und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und
+Persisch.
+
+Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schön. Das
+kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von
+Encaramada bis über die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all
+den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der
+Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,
+von düsterer Färbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der
+Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthümlichen
+Charakter erhält die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbänke, die oft
+achthundert Fuß im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll über die
+umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwärtig einen Theil der Ebene
+aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewöhnliches
+stürmisches Ereigniß Dammerde und Gewächse weggerissen, oder ob der
+Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime
+des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe
+Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China
+vorzukommen. Diese in der Wüste zerstreuten Felsbänke heißen _‘Tsy’_. Es
+wären, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wären von der Ebene umher
+der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen
+angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr
+interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfängen durch die
+verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche
+das Gestein zerklüften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein
+wenig Quarzsand sich angehäuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich
+in Höhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und
+Blättern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrünes
+Buschwerk wächst. Handelte es sich hier von großartigen Natureffekten, so
+käme ich nicht auf unsere Gärten und die ängstlichen Künsteleien der
+Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blühendem
+Gesträuch, die Gruppen kleiner Bäume da und dort in der Savane erinnern
+unwillkürlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer
+Parke. Es ist als hätte hier der Mensch mit tiefem Gefühl für
+Naturschönheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.
+
+Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen
+durchzogenen Ebenen eine ebenso üppige als mannigfaltige Vegetation. Allen
+Dörfern oberhalb der großen Katarakten gegenüber kann man hier bei
+Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne daß man sich an die
+Flußufer hält und auf Wälder stößt, in die nicht einzudringen ist.
+Bonpland machte mehrere Ausflüge zu Pferd, auf denen er sehr viele
+Gewächse erbeutete. Ich erwähne nur den Paraguatan, eine sehr schöne Art
+von Macrocnemum, deren Rinde roth färbt, den Guaricamo mit giftiger
+Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der
+Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner
+aromatischen Frucht berühmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen
+die Wäsche legt, während man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder
+*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird für giftig gehalten. In
+der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthümliche Arom des
+vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom
+*Jape*; dieß ist aber unrichtig. Derselbe heißt in den Missionen
+*Simaruba*, ein Name, der zu argen Mißgriffen Anlaß geben kann, denn die
+ächte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und wächst in
+spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie
+*Achechari* nennen.
+
+In Carichana, auf dem großen Platz, fand ich die Inclination der
+Magnetnadel gleich 33°,70, die Intensität der magnetischen Kraft gleich
+227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der örtliche
+Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwärzten
+Granitblöcke wirken übrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer
+stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten
+30°,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26°,2; der Delucsche
+Hygrometer stand auf 46°.
+
+Am 10. April war der Fluß um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war
+den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich
+steigt, und man ganz daran gewöhnt ist, daß er im April ein paar Tage lang
+wieder fällt. Der Orinoco stand bereits drei Fuß über dem niedrigsten
+Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der
+gegenwärtigen Hochgewässer; sie standen nach unserer Messung 42 Fuß hoch,
+und dieß ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses
+Maaß wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend
+eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten.
+Man sieht leicht, daß das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder
+weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenflüsse, die das Regenwasser
+hereinführen, und die Länge der vom Fluß zurückgelegten Strecke auf die
+Wirkungen der Hochgewässer und auf ihre Höhe von bedeutendem Einfluß seyn
+müssen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen
+starken Eindruck, daß man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures,
+wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen
+hundert dreißig Fuß über dem höchsten gegenwärtigen Wasserstand schwarze
+Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, daß das Wasser einmal so
+hoch gestanden. So wäre denn dieser Orinocostrom, der uns so großartig und
+gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Ströme süßen
+Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch stärkeren
+Regenniederschlägen als den heutigen, überall von dichten Wäldern
+beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefaßt, welche der Verdunstung
+Vorschub leisten, das Land ostwärts von den Anden gleich Armen von
+Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande müssen sich damals diese
+Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die
+Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von
+Krokodilen, Seekühen und Boas müssen auf dem weiten Landstrich gelebt
+haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein
+ausgedörrter, von Sprüngen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in
+der wir leben, ist eine ungleich stürmischere vorangegangen. Auf den
+Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und
+amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay
+lebte das Megatherium. Gräbt man tiefer in die Erde, so findet man in
+hochgelegenen Thälern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen,
+Steinkohlenflötze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewächse
+begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die
+Familien der Gewächse anders vertheilt, wo die Thiere größer, die Ströme
+breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die
+Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das
+Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwärts von den
+Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstämme aufzuweisen hatte, bereits
+auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *großen
+Wasser*, die sich bei den Völkern am Orinoco, Erevato und Caura findet,
+andern Himmelsstrichen angehört, aus denen sie in diesen Theil des neuen
+Continents gewandert ist.
+
+Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags
+fanden wir im Bette immer mehr Granitblöcke, durch welche der Strom
+aufgehalten wird. Wir ließen den Caño Orupe westwärts und fuhren darauf am
+großen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der
+Strom ist hier so tief, daß ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht
+erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und düster, Windstöße und
+dazwischen ganz stille Luft verkündeten, daß ein Gewitter im Anzug war.
+Der Regen fiel in Strömen und das Blätterdach, unter dem wir lagen, bot
+wenig Schutz. Zum Glück vertrieben die Regenströme die Moskitos, die uns
+den Tag über grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns
+vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, daß
+wir nur mit Mühe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die
+Strömung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete
+Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und
+banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten
+Felsbank, auf der wir übernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht
+hinein an; der Fluß stieg bedeutend und man fürchtete mehreremale, die
+wilden Wogen möchten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreißen.
+
+Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen
+Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Töne, wie Orgelklang,
+vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _‘laxas de
+musica’_. »Es ist Hexenwerk« (_cosa de bruxas_) sagte unser junger
+indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese
+geheimnißvollen Töne niemals gehört, weder in Carichana, noch am obern
+Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwürdiger Zeugen läßt sich die
+Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem
+gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbänke sind voll feiner, sehr
+tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft
+ihre Temperatur bei Nacht an der Oberfläche 39°, während die der
+umgebenden Luft 28° betrug. Es leuchtet alsbald ein, daß der
+Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der äußern Luft sein
+Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom
+Maximum der Wärme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten
+nun die Orgeltöne, die man hört, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf
+dem Fels schläft, nicht von einem Luftstrom herrühren, der aus den Spalten
+dringt? Hilft nicht der Umstand, daß die Luft an die elastischen
+Glimmerblättchen stößt, welche in den Spalten hervorstehen, die Töne
+modificiren? Läßt sich nicht annehmen, daß die alten Egypter, die
+beständig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais
+dieselbe Beobachtung gemacht, und daß _‘die Musik der Felsen’_
+Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der
+Bildsäule Memnons trieben? Wenn die »rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem
+ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,«(23) so war diese Stimme
+vielleicht die eines unter dem Fußgestell der Bildsäule versteckten
+Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier
+die Rede ist, scheint ganz natürlich zu erklären, was zu dem Glauben der
+Egypter, ein Stein töne bei Sonnenaufgang, Anlaß gegeben.
+
+Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in
+Europa mittheilte, kamen französische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS
+und DEVILLIERS, auf ähnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten
+in den Tempelgebäuden von Karnak, hörten sie bei Sonnenaufgang ein
+Geräusch wie von einer reißenden Saite. Gerade denselben Vergleich
+brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die
+französischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der
+Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die
+egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht.
+
+Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionär sah voraus,
+daß wir Noth haben würden, über die Stromschnellen und den Einfluß des
+Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwölf und eine halbe Stunde ohne
+Unterlaß. Während dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und
+Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Strömung zu
+überwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiß man, daß die
+Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flußfahrten in
+dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr über
+die Körperkraft und über die Mäßigkeit dieser Menschen. Stärkmehl- und
+zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkröteneierfett ersetzen
+hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Säugethiere und
+Vögel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben.
+
+Wir fanden das Flußbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll
+Granitblöcken; dieß ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen
+durch Kanäle, die nicht fünf Fuß breit waren, und manchmal stak unsere
+Pirogue zwischen zwei Granitblöcken fest. Man suchte die Durchfahrten zu
+vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getöse stürzt. Es ist
+keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen
+Steuermann hat. Ist die Strömung nicht zu überwinden, so springen die
+Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die
+Pirogue heraus. Dieß geht sehr langsam vor sich, und wir benützten
+zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen
+wir staken. Es gibt ihrer von allen Größen; sie sind abgerundet, ganz
+schwarz, bleiglänzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwürdiger
+Anblick, wenn man auf einem der größten Ströme der Erde gleichsam das
+Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern
+Granitblöcke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den
+Stromschnellen sind die Kanäle zwischen den Felsen über 25 Faden tief, und
+sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten
+eingezogen ist und eine Wölbung über dem Flußspiegel bildet. Im Raudal von
+Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getöse der
+Katarakten zu scheuen.
+
+Von Cabruta bis zum Einfluß des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast
+zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco völlig unbewohnt; aber
+westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix
+Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe
+zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Mönche
+unmittelbar keinen Einfluß. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Don
+Felix mit den Missionären am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde
+lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den
+gegenwärtigen Verhältnissen in spanisch Amerika, dergleichen _‘Capitanes
+pobladores’_ und _‘fundadores’_ an die Stelle der Mönche treten können,
+und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und
+willkürlich. sind, für die armen Indianer die schlimmste ist.
+
+Um 9 Uhr langten wir an der Einmündung des Meta an, gegenüber dem Platze,
+wo früher die von den Jesuiten gegründete Mission Santa Teresa gestanden.
+Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenflüssen des
+Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Länge des
+Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft
+bis zu 84 Fuß tief. Die Vereinigung beider Ströme gewährt einen äußerst
+großartigen Anblick. Am östlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und
+aufeinander gethürmte Granitblöcke sehen von ferne wie verfallene Burgen
+aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der
+Wälder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln
+einzelne Palmen sich vom Himmel abheben.
+
+Wir brachten zwei Stunden auf einem großen Felsen mitten im Orinoco zu,
+auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluß
+hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel
+herauszukommen, der von diesem Felsen herrührt. Es gelang mir meine
+Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhöhen, die ich aufnahm,
+liegt der Einfluß des Meta unter 70° 4′ 29″ der Länge. Nach dieser
+chronometrischen Beobachtung ist D’ANVILLEs Karte von Südamerika, was
+diesen Punkt betrifft, in der Länge fast ganz richtig, während der Fehler
+in der Breite einen ganzen Grad beträgt.
+
+Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis
+zum Fuß der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muß einmal für die
+Bevölkerung von Guyana und Venezuela politisch von großer Bedeutung
+werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine
+Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de
+Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada
+hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Ländern
+unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander
+sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von
+Belang, daß man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht
+gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die
+Vereinigung zweier Flüsse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz
+herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro
+aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie
+vereinigen sich in der Nähe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la
+Cabulla, wo man den Rio Negro verläßt, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es
+nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus
+dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom
+Rio Meta benützt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES
+MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta
+bestätigt, sondern mir auch schätzbares Material zur Berichtigung meiner
+Arbeit geliefert. Von den Dörfern Xiramena und Cabullaro bis zu den
+Dörfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60
+Meilen, sind die Ufer des Meta stärker bewohnt als die des Orinoco. Es
+sind dort vierzehn zum Theil stark bevölkerte christliche Niederlassungen,
+aber vom Einfluß des Pauto und des Casanare an, über 50 Meilen weit,
+machen die wilden Guahibos den Meta unsicher.
+
+Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr
+1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit stärker als jetzt. Missionäre
+aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco.
+Die Dörfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana,
+Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegründet. Die Patres gingen
+damit um, vom Einfluß des Casanare in den Meta bis zum Einfluß des Meta in
+den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gründen, so daß ein schmaler
+Streif bebauten Landes über die weite Steppe zwischen den Wäldern von
+Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen wäre. Außer dem Mehl von
+Santa Fe gingen damals zur Zeit der »Schildkröteneierernte« das Salz von
+Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von
+Socorro den Fluß herunter. Um den Krämern, die diesen Binnenhandel
+trieben, einigermaßen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo*
+oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die
+Guahibos-Indianer.
+
+Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada
+förderte, das geschmuggelte Gut von der Küste von Guyana ins Land ging, so
+setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung
+durch, daß der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschränkt wurde.
+Derselbe Geist des Monopols schloß den Meta, den Rio Atracto und den
+Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der
+Mutterländer, zu glauben, es sey vortheilhaft, Länder, wo die Natur Keime
+der Fruchtbarkeit mit vollen Händen ausgestreut, unangebaut liegen zu
+lassen. Daß das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer
+aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Flüsse herangerückt, sie
+machen Angriffe auf die Vorüberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*,
+was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten,
+wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die
+Jesuiten folgten, an der Ausmündung des Meta unter dem Namen Villa de San
+Carlos eine Stadt bauen. Trägheit und die Furcht vor dem dreitägigen
+Fieber ließen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf
+einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was
+von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl,
+wie man behauptet, einige Tausende beträgt, sind so frech geworden, daß
+sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionär hatten ankündigen lassen,
+sie werden auf Flößen kommen und ihm sein Dorf anzünden. Diese Flöße
+(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuß breit und
+12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Flöße
+werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewächsen
+aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den
+Stromschnellen beisammen bleiben können. Viele aus den Dörfern am Casanare
+und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und
+ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht.
+Die Höfe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfälle der
+Indianer einen großen Theil ihres Hornviehs eingebüßt. Ihretwegen können
+auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluß des Casanare
+die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich
+häufig vor, daß Krämer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei
+Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen
+werden.
+
+Vom Einfluß des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und
+Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke.
+Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und
+uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belästigen. Gegen West lagen im
+Vorbeifahren die Caños Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir
+vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr
+wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an
+einem höchst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten
+Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermäusen staken. Die ganze
+Nacht über hörten wir den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und unser
+großer Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich,
+ob nicht die Sterne zum Vorschein kämen; der Himmel war grauenhaft
+schwarz. Das dumpfe Tosen der Fälle des Orinoco stach scharf ab vom
+Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hören ließ.
+
+Am 13. April. Wir fuhren am frühen Morgen die Stromschnellen von Tabaje
+hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und
+stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit
+zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden
+daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Häuser. Sie
+unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich
+großen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer
+in den übrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie
+wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Mädchen waren
+alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die
+Schönpflästerchen, mit denen früher die Weiber in Europa die Weiße ihrer
+Haut zu heben meinten. Am übrigen Körper waren die Guahibos nicht bemalt.
+Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faßten uns am Kinn
+und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind
+meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und
+Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco
+in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist düster,
+trübselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den
+christlichen Religionsgebräuchen (der Missionär von Carichana liest in San
+Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in
+der Kirche durchaus anständig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu
+geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwürfigkeit aller Art,
+wenn sie nur wissen, daß man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie
+einander Zeichen, daß jetzt der Priester den Kelch zum Munde führen werde.
+Diese Geberde ausgenommen, saßen sie da, ohne sich zu rühren, völlig
+theilnahmlos.
+
+Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war
+vielleicht Schuld daran, daß die Mission einging. Einige derselben, die
+lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf
+die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weißen würden wieder
+nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in
+Angostura als _‘Poitos’_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten,
+bis sie hörten, daß wir vom Rio Negro über den Cassiquiare zurückkamen,
+und als sie erfuhren, daß wir beim ersten großen Katarakt, bei Apures,
+angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am
+selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine
+Mission gegründet. Kein Stamm ist schwerer seßhaft zu machen als die
+Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfüßen und Würmern,
+als daß sie ein kleines Stück Land bebauen. Die andern Indianer sagen
+daher sprüchwörtlich: »Ein Guahibo ißt Alles auf der Erde und unter der
+Erde.«
+
+Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Süden, so nimmt die Hitze keineswegs
+zu, sondern wird im Gegentheil erträglicher. Die Lufttemperatur war bei
+Tag 26--27°,5 [20°,18--22° R], bei Nacht 23°,7 [19°6 R]. Das Wasser des
+Stroms behielt seine gewöhnliche Temperatur von 27°,7 [22°,2 R]. Aber
+trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu.
+Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen
+oder das Gesicht entblößen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen.
+Wir wunderten uns, daß wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad
+stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu glühen.
+Wir übernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen
+Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag über
+gesehen, waren alle außerordentlich groß, 22--24 Fuß lang.
+
+Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlaßte uns, schon um fünf Uhr
+Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht über dem Fluß selbst sind weniger
+Insekten als am Waldsaume. Zum Frühstück hielten wir an der Insel
+Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf
+dem Granit lagert. Der Sandstein enthält Quarz-, sogar Feldspathtrümmer
+und das Bindemittel ist verhärteter Thon. Es befinden sich darin kleine
+Gänge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblättert. Wir
+hatten dergleichen Blätter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am
+Ufer gefunden, und die Missionäre hatten dieselben bald für Gold-, bald
+für Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundäre Bildung früher
+ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Mündung des Rio
+Parueni vorüber, über welcher die Macos-Indianer wohnen, und übernachteten
+auf der Insel Panumana. Nicht ohne Mühe kam ich dazu, zur Bestimmung der
+Länge des Orts, bei dem der Fluß eine scharfe Wendung nach West macht,
+Höhenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an
+Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die
+Melastomenbüsche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in
+der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den großen
+Katarakten begrenzten den Horizont gegen Südost. Je weiter wir hinauf
+kamen, desto großartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 11 Die Sandflöhe (_pulex penetrans_, LINNÉ) die sich beim Menschen und
+ Affen unter die Nägel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier
+ legen.
+
+ 12 Die Namen der Missionen in Südamerika bestehen sämmtlich aus zwei
+ Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der
+ Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der
+ Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission
+ liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de
+ Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese
+ zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache
+ vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend
+ ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben
+ Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine
+ heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind
+ wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut.
+
+ 13 Der Begleiter des Diego de Ordaz.
+
+ 14 Die Botija hält 25 französische Flaschen; sie hat 1000--1200
+ Cubikzoll Inhalt.
+
+ 15 Kleine Wasserfälle, _chorros_, _raudalitos_.
+
+ 16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blättern,
+ von der unten die Rede seyn wird.
+
+ 17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und
+ leicht abführend.
+
+ 18 Der schwarze, ätzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_)
+ widersteht dem Wasser länger, wie wir zu unserem großen Verdruß an
+ uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und
+ machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah
+ dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schooße
+ europäischer Cultur waren.
+
+ 19 Einen schönen Saïmiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara
+ für 8 bis 9 Piaster; der Missionär bezahlt dem Indianer, der den
+ Affen gefangen und gezähmt, 1-1/2 Piaster.
+
+ 20 Ich führe bei dieser Gelegenheit an, daß ich niemals bemerkt habe,
+ daß ein Gemälde, auf dem Hasen und Rehe in natürlicher Größe und
+ vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der
+ Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht
+ hätte. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Porträt
+ seines Herrn in ganzer Figur erkannt hätte? In allen diesen Fällen
+ wird das Gesicht nicht vom Geruch unterstützt.
+
+_ 21 Cartas edificantes de la Compaña de Jesus_, 1757
+
+ 22 Die Stadt Socorro, südlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-östlich
+ von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr
+ 1781 im Königreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Vicekönig
+ Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der
+ Einführung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleißige
+ Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um
+ sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof
+ ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heißen
+ in den Missionen _Socorreños refugiados_.
+
+ 23 So heißt es in einer Inschrift, die bezeugt, daß am 13. des Monats
+ Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Töne vernommen worden.
+
+ 24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt
+ der Raudal de Tabaje unter 1° 4′ der Breite, was um 5° 10′ zu wenig
+ ist.
+
+
+
+
+
+ZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Die Mündung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission
+ Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln
+ Surupamana und Uirapuri.
+
+
+Auf seinem Lauf von Süd nach Nord streicht über den Orinocostrom eine
+Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich
+tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdämme bilden. Nichts
+großartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei
+Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren
+vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures
+und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man
+so, daß man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von
+den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstfläche
+mit Einem Blicke übersieht, so ist es, als sähe man den ganzen Strom über
+seinem Bette hängen.
+
+So ausgezeichnete Naturbildungen mußten schon seit Jahrhunderten bei den
+Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz,
+Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Mündung des Orinoco
+vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den großen Katarakten aus dem
+Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar
+mit weiter ostwärts, gelegenen Fällen. Wie sehr auch in der heißen Zone
+die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Völkern
+hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der großen Ströme bezieht,
+erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen
+von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen
+mit Wäldern bedeckten Landstrich, auf dem Völker hausen, die zum Theil
+Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die
+Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern
+dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanäle aufwärts ziehen; aber
+lange vor Einführung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich
+befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf
+tausend zufälligen Wegen die Kunde von außerordentlichen
+Naturerscheinungen, von Wasserfällen, vulkanischen Flammen, vom Schnee,
+der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den
+Küsten, im Herzen von Südamerika, unter Völkern, deren Wanderungen sich in
+den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean,
+findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich
+hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfälle, wie sie im
+Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher
+Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird
+ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _‘Poito’_ oder
+_‘Mero’_, das heißt als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale
+verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu
+den Seinigen zurück. Da erzählt er denn, was er gesehen, was er andere hat
+erzählen hören, deren Sprache er hat lernen müssen. So kommt es, daß man,
+wenn man eine Rippe findet, von den großen Thieren weit im innern Lande
+sprechen hört; so kommt es, daß man, wenn man das Thal eines großen
+Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar
+nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen.
+Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem
+Grade der Gedankenaustausch früher ein als der Tausch von Erzeugnissen.
+
+Die beiden großen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten,
+uralten Rufs genießen, entstehen dadurch, daß der Strom die Berge der
+Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heißen
+sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionäre haben dafür Atures und
+Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Stämme, die sie in den beiden
+den Fällen zunächst gelegenen Dörfern zusammengebracht. An den Küsten von
+Caracas nennt man die zwei großen Katarakten einfach: die zwei
+*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, daß man die andern
+Fälle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenüber den
+Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet.
+
+Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad nördlicher Breite, hundert Meilen
+westwärts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto
+Cabello, und nur zwölf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, daß
+D’ANVILLE nichts von denselben gewußt hat, da er doch auf seiner schönen
+großen Karte von Südamerika die unbedeutenden Fälle von Marimara und San
+Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die
+großen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch
+Guyana in zwei ungleiche Hälften. *Missionen am untern Orinoco* heißen die
+zwischen dem Raudal von Atures und der Strommündung; unter den *Missionen
+am obern Orinoco* sind die Dörfer zwischen dem Raudal von Maypures und den
+Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit
+LA CONDAMINE die Krümmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung
+schätzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad
+ostwärts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang.
+
+Jenseits der großen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein
+zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, über den die
+Nebenflüsse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des
+leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe
+vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehören. Keiner der
+Missionäre, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA,
+GILI und CANLIN, ist über den Raudal von Maypures hinaufgekommen.
+Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern
+Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von
+Militärs, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der großen
+Katarakten fanden wir längs des Orinoco auf einer Strecke von hundert
+Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum
+sechs bis acht Weiße, das heißt Menschen europäischer Abkunft. Es ist
+nicht zu verwundern, daß ein so ödes Land von jeher der classische Boden
+für Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionäre
+die Völker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund
+unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den
+Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboräern erzählen. Man thäte den
+schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionären Unrecht, wenn man
+glaubte, sie selbst haben diese übertriebenen Mähren erfunden; sie haben
+sie vielmehr großentheils den Indianergeschichten entnommen. In den
+Missionen erzählt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie überall, wo
+man sich langweilt. Ein Missionär ist schon nach Standesgebühr nicht zum
+Sceptirismus geneigt; er prägt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft
+vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurück, so
+findet er eine Entschädigung für seine Beschwerden in der Lust, durch die
+Erzählung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige
+Schilderung des im Raum so weit Entrückten, die Leute in Verwunderung zu
+setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer
+unwahrscheinlicher, je weiter man von den Wäldern am Orinoco weg den
+Küsten zu kommt, wo die Weißen wohnen. Läßt man in Cumana, Nueva Barcelona
+und in andern Seehäfen, die starken Verkehr mit den Missionen haben,
+einigen Unglauben merken, so schließt man einem den Mund mit den wenigen
+Worten: »Die Patres haben es gesehen, aber weit über den großen
+Katarakten, _mos ariba de los Raudales._«
+
+Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum
+Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gründe, meine
+Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen.
+Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was
+ich nach den Aussagen der Missionäre und Indianer berichte; er begleitet
+die Reisenden bei ihren täglichen Beschäftigungen; er sieht zugleich, wie
+wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu
+kämpfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger.
+
+Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus,
+zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war großentheils bedeckt und
+durch dickes, über 40 Grad hoch stehendes Gewölk fuhren Blitze. Wir
+wunderten uns, daß wir nicht donnern hörten: kam es daher, daß das
+Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als würden in Europa
+die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit
+unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit näher am Horizont gesehen.
+Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Wärme des Bodens zurückwarf, war
+die Hitze erstickend; kein Lüftchen bewegte das Laub der Bäume. Wie
+gewöhnlich waren die Jaguars über den Flußarm zwischen uns und dem Ufer
+herübergekommen, und wir hörten sie ganz in unserer Nähe brüllen. Im Lauf
+der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine
+verlassene Hütte zu ziehen, die zu den _‘Conucos’_ der Einwohner von
+Apures gehört; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich
+überflüssig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so häufig, daß vor
+zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den
+Conucos von Panumana, seine Hütte wieder aufsuchte, dieselbe von einem
+Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit
+mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Mühe brachte man sie hinaus,
+und erst nach hartnäckigem Kampfe konnte der Eigenthümer einziehen. Die
+Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung
+thut der einzelne Reisende meist klüger, unter freiem Himmel zwischen zwei
+Feuern zu übernachten, als in unbewohnten Hütten Schutz zu suchen.
+
+Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen
+Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionär, der bei uns war,
+ließ einige blinde Schüsse abfeuern, um sie einzuschüchtern, sagte er, und
+ihnen zu zeigen, daß wir uns wehren könnten. Die Wilden hatten ohne
+Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu
+Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluß des Rio Anaveni
+vorüber, der von den östlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer
+verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder
+Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage
+war so stark, daß wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der
+Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle
+fortbringen. Erst ganz spät langten wir unmittelbar unter dem großen
+Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_)
+heißt, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf
+schmalem Fußpfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flußufer. Man kommt
+dabei über eine mit großen Granitblöcken bedeckte Ebene.
+
+Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom
+Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwärts die
+letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegründete christliche
+Niederlassung. Die weiter nach Süd gelegenen Niederlassungen am Atabapo,
+Cassiquiare und Rio Negro rühren von den dem Franciskanerorden
+angehörenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muß srüher
+der Orinoco geflossen seyn, und die völlig, ebene Grasflur um das Dorf war
+ohne Zweifel ein Stück des Flußbetts. Oestlich von der Mission sah ich
+eine Felsreihe, die mir das alte Flußufer zu seyn schien. Im Lauf der
+Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinübergedrängt, weil den
+östlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die
+Anschwemmungen stärker sind. Der Katarakt heißt, wie oben bemerkt, Mapara,
+während das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt für
+ausgestorben hält. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich:
+»Insel und Katarakt *Athule*;« dieß ist *Atures* nach der Aussprache der
+Tamanacas, die, wie so viele Völker, die Consonanten l und r verwechseln.
+Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land
+in Europa so wenig bekannt, daß D’ANVILLE in der ersten Ausgabe seines
+_Südamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen
+läßt, der sich in den Amazonenstrom ergießt und der bei ihm Rio Negro
+heißt.
+
+Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission
+unter 1° 30′ der Breite; der Abbé GILI gibt 3° 30′ an. Nach Meridianhöhen
+des Canopus und des α des südlichen Kreuzes fand ich 5° 38′ 4″ Breite und
+durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Länge
+vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April
+30°25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Maß der Intensität der
+magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen.
+
+Wir fanden die kleine Mission in der kläglichsten Verfassung. Zur Zeit von
+SOLANOs Expedition, gewöhnlich _‘die Grenzexpedition’_ genannt, waren noch
+520 Indianer hier, und als wir über die Katarakten gingen, nur noch 47,
+und der Missionär versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme
+stärker. Er zeigte uns, daß in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins
+Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht
+catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und
+damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der
+Gründung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und
+Quirupas unter einander; statt dieser Stämme fanden wir nur Guahibos und
+ein paar Familien vom Stämme der Macos. Die Atures sind fast völlig
+verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Gräbern in der Höhle
+Ataruipe her, die an die Grabstätten der Guanchen aus Teneriffa erinnern.
+Wir hörten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den
+Macos oder Piaroas dem großen Völkerstamme der *Salivas* angehört, wogegen
+die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den
+*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel
+genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Völkerschaften, die einander so
+schroff gegenüberstehen, wie einst die Völker in Latium, Kleinasien und
+Sogdiana, läßt sich das Zusammengehörige im Allgemeinsten nur an der
+Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmäler,
+die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden
+gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und
+Zeit hindurchgegangen. So zäh und über so viele Strecken verbreitet
+erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten
+Völkern, als bei wandernden, halbwilden Stämmen, die auf der Flucht vor
+mächtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre
+Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Väter.
+
+Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur
+die Grenze zwischen dem großen Walde der Parime und den kahlen Savanen am
+Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener
+Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos,
+Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Völker, stolz auf ihre
+wilde Unabhängigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmäßige
+Arbeit zu gewöhnen. Die spanischen Missionäre bezeichnen sie ganz gut als
+_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom
+Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des
+Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas
+und Maquiritares, sanftmüthige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der
+Zucht in den Missionen zu unterwerfende Völker. Der *Indianer der Ebene*
+unterscheidet sich vom *Indianer der Wälder* durch Sprache, wie durch
+Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen,
+kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kürzer,
+leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und
+reicher an abgeleiteten Ausdrücken.
+
+In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen
+den Mündungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwähnten beiden
+Arten von Volksstämmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus
+den Wäldern und früher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios
+andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionär die Hütten der
+Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren
+zeigt sich mehr Sinn für Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die
+unabhängigen Macos (wilde möchte ich sie nicht nennen) haben ihre
+_‘Rochelas’_ oder festen Wohnplätze zwei bis drei Tagereisen östlich von
+Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr
+zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern
+Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in
+der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea
+gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen*
+Macos verließ mit der Genehmigung des Missionärs jedes Jahr das Dorf
+Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten
+in den Wäldern beim Dorfe der unabhängigen Macos besaß. In Folge dieses
+friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios
+monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer,
+Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdrücklichen Verbots
+der Ordensleute nicht als Halsbänder, sondern zum Aufputz des *Guayuco*
+(Gürtels) dienen. Nachdem sie das Gewünschte erhalten, gingen sie in die
+Wälder zurück, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte.
+Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig
+auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreißerei bei. Im Jahr 1799
+war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von
+Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten
+Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich
+will nicht sagen ein Unglück, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges
+zustößt. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender großer
+Trockenheit für immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als
+ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen hätte, wenn sie
+immer unabhängig geblieben wären.
+
+Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen großen Theil des Jahrs
+hindurch in den Dörfern Atures und Maypures an den zwei großen Katarakten
+des Orinoco herrschen und die Gegend für den europäischen Reisenden so
+gefährlich machen? Die große Hitze im Verein mit der außerordentlich
+starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den
+Eingeborenen glaubt, giftige Dünste, die sich aus den kahlen Felsen der
+Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien,
+vollkommen mit denen überein, die alle Jahre in der Nähe des Meeres
+zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in
+adynamische Fieber ausarten. »Ich habe mein kleines Fieber (_mi
+calenturita_) erst seit acht Monaten,« sagte der gute Missionär von
+Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem
+gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfälle waren heftig, aber von
+kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter
+von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heißen Sonne
+ausgesetzt war. Diese dreitägigen Fieber sind mit bedeutender Schwächung
+des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme
+Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_
+schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefährlich als
+bei kürzer dauernden Fiebern in gemäßigten Himmelsstrichen.
+
+Ich erwähnte eben, daß die Eingeborenen und sogar die Missionäre den
+kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluß auf die Salubrität der Luft
+zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer
+physikalischen Erscheinung zusammenhängt, die kürzlich in verschiedenen
+Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehörig erklärt ist. In den
+Katarakten und überall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana
+und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespült, ist dieses glatt,
+dunkelfarbig, wie mit Wasserblei überzogen. Die färbende Substanz dringt
+nicht in den Stein ein, der ein grobkörniger Granit ist, welcher hie und
+da Hornblendecrystalle enthält. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick
+und findet sich vorzüglich auf den quarzigen Stellen; die
+Feldspathcrystalle haben zuweilen äußerlich ihre röthlich weiße Farbe
+behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlägt man das
+Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiß, ohne Spur von
+Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten
+Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein
+eigen ist, wenn es sich in Blöcke sondert. Sie geben der Gegend etwas
+eigenthümlich Düsteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt,
+und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die
+Felsen seyen »von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt.« Wir sahen sie
+nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500
+Toisen vom gegenwärtigen Ufer in Höhen, bis wohin der Fluß beim höchsten
+Wasserstande jetzt nicht steigt.
+
+Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt
+sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des
+Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel
+zu denken? Vor allem ist zu bemerken, daß die Erscheinung nicht auf die
+Katarakten des Orinoco beschränkt ist, sondern in beiden Hemisphären
+vorkommt. Als ich, nach der Rückkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite
+von Atures und Maypures Roziere sehen ließ, der das Nilthal, die Küste des
+rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte
+Geolog, daß das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene,
+gerade wie das am Orinoco, eine glänzende, schwarzgraue, fast bleifarbige
+Oberfläche hat; manche Bruchstücke sehen aus wie mit Theer überzogen. Erst
+neuerlich, bei der unglücklichen Expedition des Capitän Tuckey, fiel
+dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas*
+(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluß
+verstopfen. Dr. KÖNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo
+Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen
+sind, die Bonpland und ich dem Präsidenten der Londoner königlichen
+Gesellschaft überreicht hatten. »Diese Handstücke,« sagt König, »sehen
+beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco
+wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse
+von Children, aus Eisen- und Manganoxyd.«
+
+Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio
+gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das
+Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz färbt, möchte außer dem
+Manganoxyd Kohle und überkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind
+40--50 Fuß dicke Granitmassen gleichförmig mit diesen Oxyden überzogen,
+und so dünn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche
+Mengen Eisen und Mangan, da sie über eine Quadratmeile Fläche haben.
+
+Es ist zu bemerken, daß alle diese Erscheinungen von Färbung des Gesteins
+bis jetzt nur in der heißen Zone beobachtet worden sind, an Flüssen, deren
+Temperatur gewöhnlich 24--28 Grad beträgt und die nicht über Sandstein
+oder Kalkstein, sondem über Granit, Gneiß und Hornblendegestein laufen.
+Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und
+Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde,
+besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20
+Procent vor. Die Hornblende enthält zudem Kohle, wie auch der lydische
+Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch
+eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluß der
+Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklären, daß die
+Oxyde sich so gleichförmig über die ganze Oberfläche des Gesteins
+verbreiten, daß um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon
+liegt als über dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschüssige
+Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden,
+haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde
+lassen vielmehr vermuthen, daß der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser
+des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von
+dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluß nur
+suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder
+wirklich chemisch ausgelöst? Der ersteren Annahme widerspricht der
+Umstand, daß die Rinde völlig homogen ist und neben den Oxyden weder
+Sandkörner noch Glimmerblättchen sich darin finden. Man muß daher
+annehmen, daß chemische Auflösung vorliegt, und die Vorgänge, die wir
+täglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser
+Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser großer Flüsse enthält
+Kohlensäure, und wäre es auch ganz rein, so könnte es doch immer in sehr
+großen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat auflösen, wenn
+dieselben auch für unauflöslich gelten. Im Nilschlamm, also im
+Niederschlag der im Fluß suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er
+enthält aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs
+schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft
+gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen
+von Syene nicht herrühren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde
+untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten
+vom Orinoco und Congo. Der berühmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde
+werden von den Flüssen nicht dem Boden entzogen, über den sie laufen, sie
+kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen
+dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Cämentation, in Folge
+eigenthümlicher Affinitäten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im
+Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des
+Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der
+Umstände, unter denen die Färbung auftritt, kann die Frage, die uns hier
+beschäftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die
+Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhängig? Ich beschränke
+mich auf die allgemeine Bemerkung, daß weder Granitmassen, die weit vom
+alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd
+befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den
+bräunlichen Wassern des Rio Negro bespült wird, äußerlich den
+Meteorsteinen ähnlich werden. Die Indianer sagen, »die Felsen seyen nur da
+schwarz, wo das Wasser weiß ist.« Sie sollten vielleicht weiter sagen: »wo
+das Wasser eine große Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am
+Ufer anprallt.« Die Cämentation scheint zu erklären, warum die Rinde so
+dünn bleibt.
+
+Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, daß in der Nähe des
+kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle,
+Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiß ich nicht
+zu sagen. In der heißen Zone werden noch mehr als anderswo die
+krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkührlich gehäuft. Man scheut
+sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht
+schiene; ebenso hält man es für bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit
+zu lagern, und man erzählt viele Fälle, wo Leute nach einer auf dem
+schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken
+Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der
+Missionäre und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch
+die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weißem Sand bedeckten
+Uferstrecken, wenn wir keine Bäume fanden, um unsere Hängematten zu
+befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um
+von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer
+Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenfläche aus kahlem
+Granitgestein besteht. Aus ähnlichen Gründen, die den Physikern in Europa
+als bloße Einbildungen erscheinen müssen, versetzten die Jesuiten Olmo,
+Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte
+zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese
+Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anführen zu müssen, da wir so
+gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die
+Luft ungesund wird. Läßt sich annehmen, daß unter dem Einfluß starker
+Hitze und beständiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die
+umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternäre Verbindungen von Kohlenstoff,
+Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am
+Orinoco enthält allerdings häufig Hornblende, und praktische Bergleute
+wissen wohl, daß die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die
+durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die
+Luft durch die kleinen Strömungen fortwährend erneuert wird, kann die
+Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube.
+
+Wahrscheinlich ist es nur deßhalb gefährlich, auf den _laxas negras_ zu
+schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behält. Ich
+fand dieselbe bei Tag 48°, während die Luft im Schatten 29°,7 warm war;
+bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36°, die Luft nur
+26°. Wenn die Wärmeanhänfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen
+ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefähr
+dieselbe Temperatur. Den Ueberschuß von Wärme, den sie bei Tag bekommen,
+verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Stärke von der
+Beschaffenheit der Oberfläche des strahlenden Körpers, von der Anordnung
+seiner Molecüle im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels
+abhängt, das heißt davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo
+der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr
+jeden Tag fast die gleiche Wärmemenge aus und das Gestein ist am Ende des
+Sommers nicht wärmer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum
+nicht überschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberfläche, noch
+seine Dichtigkeit, noch seine Wärmecapacität verändert hat. Steigt man am
+Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Hängematte und betritt den Felsboden
+mit bloßen Füßen, so ist die Wärme, die man empfindet, sehr auffallend.
+Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast
+immer, daß die _laxas negras_ bei Tag wärmer sind als der röthlich weiße
+Granit weitab vom Ufer, daß aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell
+abkühlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug
+den Wärmestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige
+Glimmerblätter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures
+zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethürmten
+Felsblöcken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als stände man
+vor der Mündung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen
+bewaldeten Ländern spürt) bringt statt Kühlung nur noch heißere Luft
+herbei, da er über Steinschichten und aufgethürmte Granitkugeln
+weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch
+ungesunder, als es ohnehin ist.
+
+Unter den Ursachen der Entvölkerung der Raudales habe ich die Blattern
+nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche
+Verheerungen anrichten, daß die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen,
+ihre Hütten anzünden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen.
+Am obern Orinoco weiß man von dieser Geißel so gut wie nichts, und käme
+sie je dahin, so ist zu hoffen, daß ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen
+man auf den Küsten von Terra Firma täglich empfindet, alsbald Schranken
+setzte. Die Ursachen der Entvölkerung in den christlichen Niederlassungen
+sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das
+ungesunde, zugleich heiße und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die
+Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schändliche Sitte
+der Mütter, giftige Kräuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger
+werden. Bei den barbarischen Völkern in Guyana, wie bei den halb
+civilisirten Bewohnern der Südseeinseln gibt es viele junge Weiber, die
+nicht Mütter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht
+allein den Gefahren des Lebens in der Wildniß, sondern noch manchen andern
+ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfließen. Sind es
+Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre,
+daß man eines der Kinder umbringe. »Zwillinge in die Welt setzen, heißt
+sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heißt es machen wie Ratten,
+Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft.«
+Aber noch mehr: »Zwei zugleich geborene Kinder können nicht von Einem
+Vater seyn.« Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und
+unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen
+Entwicklung sieht man, daß das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art
+zu eigen gemacht, zäher daran festhält, als die Unterrichteten, die ihn
+zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte
+Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der
+Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein
+Zwilling ist, irgend eine körperliche Mißbildung, so bringt ihn der Vater
+auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kräftige Kinder; denn bei
+den Mißbildungen hat der böse Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder
+der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben
+auch bloß sehr schwächliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater,
+was aus einem seiner Söhne geworden sey, so thut er, als wäre er ihm durch
+einen natürlichen Tod entrissen worden. Er verläugnet eine That, die er
+für tadelnswerth, aber nicht für strafbar hält. »Das arme _Mure_ (Kind)«,
+heißt es, »konnte nicht mit uns Schritt halten; man hätte jeden Augenblick
+auf es warten müssen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht
+dahin gekommen, wo wir geschlafen haben.« Dieß ist die Unschuld und
+Sitteneinfalt, dieß ist das gepriesene Glück des Menschen *im Urzustand!*
+Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen lächerlich zu werden,
+um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung
+auferlegen zu müssen.
+
+Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so häufig, als man glaubt;
+indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die
+Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _‘Conucos’_ in den nahen
+Wäldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der
+die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist
+allerdings das häusliche Glück und der Frieden in den Familien gefährdet,
+aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben
+die Morgenländer ihre Kinder zärtlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt
+der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Hängematte zu
+legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da
+sind, ihn zu bedienen. Die väterliche Zuneigung kommt erst dann zum
+Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, daß er an der Jagd,
+am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann.
+
+Wenn nun aber auch der schändliche Brauch, durch gewisse Tränke Kinder
+abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Tränke die
+Gesundheit nicht so sehr an, daß nicht die jungen Weiber in reiferen
+Jahren wieder Mütter werden könnten. Diese physiologisch sehr merkwürdige
+Erscheinung ist den Mönchen in den Missionen längst aufgefallen. Der
+Jesuit GILI, der fünfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte
+gehört hat und sich rühmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen,
+äußert sich darüber mit verwunderlicher Naivetät. »In Europa,« sagt er,
+»fürchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht
+wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen
+Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie wählen die Zeit, wo sie
+Mütter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je
+nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten, diese oder
+jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die
+vorherrschende, es sey besser, man fange spät an Kinder zu bekommen, um
+sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus
+und Feld widmen zu können. Andere glauben im Gegentheil, es stärke die
+Gesundheit und verhelfe zu einem glücklichen Alter, wenn man sehr jung
+Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere
+System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern
+gebraucht.« Sieht man hier, wie selbstsüchtig der Wilde seine Berechnungen
+anstellt, so möchte man den civilisirten Völkern in Europa Glück wünschen,
+daß *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden,
+ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einführung von
+dergleichen Tränken würde vielleicht die Sittenverderbniß in den Städten
+noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von
+den Eltern verstoßen zu werden. Leicht möglich aber auch, daß die neuen
+Abtreibemittel in unserem Klima so gefährlich wären wie der Sevenbaum, die
+Aloe und das flüchtige Zimmt- und Gewürznelkenöl. Der kräftige Körper des
+Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhängiger von
+einander sind, widersteht besser und länger übermäßigen Reizen und den
+Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution
+des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr
+erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu müssen, weil sie
+auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande
+unseres Geschlechts, wie auf der höchsten Stufe der Cultur, die
+Bevölkerung kaum merkbar zunimmt.
+
+Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene.
+Im Collegium für die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die
+Bemerkung gemacht, daß in den an sehr trockenen Orten gelegenen
+Indianerdörfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den
+Dörfern an Flußufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am
+Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am
+kühlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwächen.
+
+Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die
+Bevölkerung in den beiden Dörfern an den Katarakten abnahm und schlug
+daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die
+Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race
+in heißem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier
+Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico
+gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater
+Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die
+Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen
+zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo
+entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich wäre der Plan ganz gut gelungen.
+Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es
+war Aussicht vorhanden, daß der Zustand der Schwarzen sich damit
+verbesserte und so das Christenthum zu seinem ursprünglichen Ziele,
+Förderung des Glücks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder
+hingeführt wurde. Ein kleines Mißverständniß vereitelte die Sache. Der
+Statthalter erwiderte den Mönchen: »Da man für das Leben der Neger so
+wenig bürgen könne, als für das der Indianer, so erscheine es nicht als
+gerecht, jene zur Niederlassung in den Dörfern bei den Katarakten zu
+zwingen.« Gegenwärtig hängt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an
+zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren
+von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden
+lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer,
+die der Missionszucht längst müde sind, dem Pater Zea davon, und an einem
+Punkt, den man als den Schlüssel des Orinoco betrachten kann, finden dann
+die Reisenden nichts mehr, was sie bedürfen, zumal keinen Steuermann, der
+die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort
+am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura wäre, wo nicht unterbrochen,
+doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniß der
+Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsblöcken zu
+wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen.
+
+Während man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo
+wir ans Ufer gelangen konnten, in der Nähe das ergreifende Schauspiel
+eines eingeengten und wie völlig in Schaum verwandelten großen Stromes.
+Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu
+schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so berühmt ist. Je
+großartiger, majestätischer die Gegenstände sind, desto wichtiger ist es,
+sie in ihren kleinsten Zügen aufzufassen, die Umrisse des Gemäldes, mit
+dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen,
+die bezeichnenden Merkmale der großen, unvergänglichen Denkmäler der Natur
+einfach zu schildern.
+
+Von seiner Mündung bis zum Einfluß des Anaveni, auf einer Strecke von 260
+Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei
+Muitaco, in einer Bucht, _‘Boca del infierno’_ genannt, sind Klippen und
+Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_);
+aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt
+eine Wasserstraße, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren können.
+
+Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur
+Eines gefährlich, die natürlichen Flöße aus Bäumen, die der Fluß
+entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht
+an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewächsen auffahren! Dasselbe
+ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi,
+schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die
+Indianer eine feindliche Horde überfallen wollen, binden sie mehrere
+Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kräutern und Baumzweigen
+und bilden so die Haufen von Bäumen nach, die der Orinoco auf seinem
+Thalweg abwärts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen früher in
+dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwärtig bedienen sich die
+spanischen Schmuggler in der Nähe von Angostura desselben Mittels, um die
+Zollaufseher hinter das Licht zu führen.
+
+Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt
+man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionäre
+gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden
+vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Großen ungefähr
+dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdämmen, aufeinander
+gethürmten, mit Palmen bewachsenen Granitblöcken löst sich einer der
+größten Ströme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung
+im Aussehen hat jeder der Fälle seinen eigenthümlichen Charakter. Der
+erste, nördliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim
+zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers
+lieber. Oberhalb Maypures und der Einmündung des Caño Cameji ist der
+Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die
+Nähe seiner Quellen, das heißt bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwärts
+vom Caño Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin.
+
+Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und
+es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich
+langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20
+auf den Grad) lang ist, sind die großen Fälle ziemlich nahe bei den
+Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Länge; fünf Sechstheile seines
+Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Fälle, weit ungünstiger
+für die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten
+Drittheils seiner Länge gelegen. Bei beiden Strömen werden die Fälle nicht
+durch die Berge, nicht durch die Stufen der über einander liegenden
+Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch
+andere über einander gelagerte Stufen, durch die sich die Ströme nach
+langem friedlichen Lauf Bahn brechen müssen, wobei sie sich von Staffel zu
+Staffel herabstürzen.
+
+Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man
+zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, daß überall, wo
+sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder
+Centralkette höher seyn müsse als die andern. Dieser große Strom
+entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwärts
+von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den
+Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der
+kleinen Flüsse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See
+Llauricocha kommt, der in einem Längenthale zwischen der westlichen und
+der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen
+Verhältnisse richtig aufzufassen, muß man sich vorstellen, daß der
+colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt.
+Die westlichste, höchste streicht unter dem Namen _Cordillera real de
+Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und
+Guangamarca) über die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und
+Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt
+Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewässer des oberen Amazonenstroms und
+des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst südlich von
+Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca über die Schneelinie
+empor. Er streicht zuerst nach Nord über Huacrachuco, Chachapoyas,
+Moyobamba und den Paramo von Piscoguañuna, dann fällt er allmählig ab,
+Peca, Copallin und der Mission San Yago am östlichen Ende der Provinz Jaen
+de Bracamoros zu. Die dritte, östlichste Kette zieht sich am rechten Ufer
+des Rio Guallaga hin und läuft unter dem 7. Grad der Breite in die
+Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Süd nach Nord im Längenthal
+zwischen zwei Gebirgszügen von ungleicher Höhe läuft (das heißt von den
+Höfen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hölzernen Brücken über den
+Fluß geht, bis zum Einfluß des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe
+weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Fälle fangen erst
+da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere
+Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stößt
+auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen
+Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit
+des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwärts von
+der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Hügel
+sich nur noch 40--60 Toisen über den Flußspiegel erheben. Den östlichen
+Zug, der an den Pampas von Sacramento hinläuft, erreicht der Fluß nicht.
+Von den Hügeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als
+750 französischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser
+raschen Uebersicht ergibt sich, daß der Marañon, hätte er nicht das
+Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden
+gehört, zu durchziehen, schiffbar wäre von seinem Ausfluß ins Meer bis
+Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner
+Quelle.
+
+Wir haben gesehen, daß sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die großen
+Fälle nicht in der Nähe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf
+von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwärts von
+Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die
+Flüsse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstärkt, biegt der Orinoco
+aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach
+Nord um und stößt auf dem Lauf über die _‘Land-Meerenge’_(27) in den
+Niederungen am Meta auf die Ausläufer der Cordillere der Parime. Und
+dadurch entstehen nun Fälle, die weit stärker sind und der Schifffahrt
+ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Marañon, weil sie,
+wie wir oben auseinandergesetzt, der Mündung des Flusses verhältnißmäßig
+näher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen,
+um am Beispiel der größten Ströme der neuen Welt zu zeigen: 1) daß sich
+nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshöhe angeben
+läßt, über welcher die Flüsse noch nicht schiffbar sind; 2) daß die
+Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbüchern der
+allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten
+Bergschwellen, bei den ersten Höhenzügen vorkommen, über welche die
+Gewässer in der Nähe ihrer Quellen zu laufen haben.
+
+Nur der nördliche der großen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu
+beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehört aber zu
+einem Landstrich, der westwärts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt,
+einen gegen 3000 Fuß hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden
+Felsmauer. Dadurch, daß er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser
+Pic noch großartiger und majestätischer aus. In der Nähe der Mission, auf
+dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen
+andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten,
+finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In
+der äußern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindrücke,
+das Nebeneinander des Großartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen
+eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genüsse.
+
+Ich nehme hier einige zerstreute Züge einer Schilderung auf, die ich kurz
+nach meiner Rückkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die
+mit zarten Kräutern und Gräsern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre
+Prärien, ähnlich unsern europäischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse
+überschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie
+umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintönig
+wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um übereinander gethürmte
+Granitblöcke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stößt
+man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt,
+auf Gründe, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen
+dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur
+entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen
+Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich
+sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im
+Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schooße dieses Gesteins vorbrechen,
+haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit
+geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere
+Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewächsen gefolgt, und jetzt bildet
+immergrünes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Blüthen,
+grüne Eilande inmitten der öden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder
+darauf zurück: die Bodenbildung, die über die Savanen zerstreuten Boskette
+aus kleinen Bäumen mit lederartigen, glänzenden Blättern, die kleinen
+Bäche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald über fruchtbares
+ebenes Land, bald über kahle Granitbänke schlängeln, Alles erinnert einen
+hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und
+Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst
+und Spuren von Cultur zu begegnen.
+
+Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunächst bei der Mission Atures
+erhält die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge,
+welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art
+ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist
+nur 7--800 Fuß über die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet,
+wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von
+Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich
+Federbüschen gekräuselte Blätter unter einem Winkel von 70 Grad
+majestätisch emporsteigen, stehen mitten unter Bäumen mit wagerechten
+Aesten; ihre nackten Stämme schießen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuß
+hohen Säulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, »ein
+Wald über dem Walde.« Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und
+die röthliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der
+Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Wäldern
+zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei
+des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der
+herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fühlte so
+recht, wie sehr die Gewächse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten
+einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer
+Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und
+Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze
+entworfen. Er wußte die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher
+kannte, sondern weil er für all ihre harmonischen Verhältnisse in
+Gestaltung, Farbe und innern Kräften ein tiefes Gefühl besaß.
+
+Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei
+Wälder von Laurineen und Palmen über einander stehen, erheben sich andere
+Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen
+besetzt, die wie Pfeiler über die Bäume und das Gebüsch emporragen. Diese
+Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im böhmischen Erzgebirge,
+in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich überall,
+wo in unbedeutender Meereshöhe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer
+Formation zu Tage kommt. Die in Abständen sich erhebenden Felsen bestehen
+entweder aus aufgethürmten Blöcken oder sind in regelmäßige, wagerechte
+Bänke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos,
+die *Soldados*(29) und andere fischfangende Vögel, und nehmen sich dann
+aus wie Menschen, die Wache stehen. Dieß ist zuweilen so täuschend, daß,
+wie mehrere Augenzeugen erzählen, die Einwohner von Angostura eines Tags
+kurz nach der Gründung der Stadt in die größte Bestürzung geriethen, als
+sich auf einmal auf einem Berge gegen Süd Reiher, *Soldados* und *Garzas*
+blicken ließen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios
+monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die
+mit dieser Täuschung bekannt waren, die Sache aufklärten, beruhigte sich
+das Volk nicht eher ganz, als bis die Vögel in die Luft stiegen und ihre
+Wanderung der Mündung des Orinoco zu fortsetzten.
+
+Die schöne Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde
+liegt, auch über die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser
+schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein
+eine Schichte weißen Sandes. Der Missionär versicherte uns, in der Nähe
+der Wasserfälle sey das Grün beständig frisch, in Folge des vielen
+Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in
+Strudel und Wasserfälle zerschlagenen Strom aussteigt.
+
+Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hören, und bereits zeigte die
+Vegetation aller Orten die kräftige Fülle und den Farbenglanz, wie man sie
+auf den Küsten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Bäume hingen
+voll prächtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen
+Blüthen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren
+mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem
+ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heißen Klimaten eigenen
+Schmarotzergewächsen sahen wir hier mitten in der heißen Zone und fast im
+Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den
+europäischen glichen. Beim großen Katarakt von Atures pflückten wir die
+schöne Grimmia-Art mit Fontinalis-Blättern, welche die Botaniker so sehr
+beschäftigt hat; sie hängt an den Aesten der höchsten Bäume. Unter den
+Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und
+Laurineen vor. Dieß ist um so charakteristischer, als nach BROWNs
+neuerlicher Beobachtung auf dem gegenüber liegenden Continent, im
+tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewächse,
+welche Feuchtigkeit lieben, schmücken die Ufer am Wasserfall. Man findet
+hier in den Niederungen Büsche von Heliconia und andern Scitamineen mit
+breiten glänzenden Blättern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*,
+*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die
+Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die berühmte
+Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges
+Gewächs. Sie hat handförmige Blätter und wächst nicht unter den Palmen mit
+gefiederten und gekräuselten Blättern, dem *Jagua*, der eine Art
+Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man
+neben die schöne Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den
+Fällen von Atures und Maypures die häufigste Palme, ist durch seinen
+Habitus ausgezeichnet. Seine Blätter oder vielmehr Wedel stehen auf einem
+80--100 Fuß hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand
+wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind
+wahre Federbüsche vom zartesten, frischesten Grün. Der Cucurito, der Seje,
+dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_
+von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die
+großartigsten Palmen der neuen Welt. Je näher man der gemäßigten Zone
+kommt, desto mehr nehmen die Gewächse dieser Familie an Größe und
+Schönheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwähnten Arten und
+der orientalischen Dattelpalme, die bei den europäischen Landschaftsmalern
+leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist!
+
+Es ist nicht zu verwundern, daß, wer nur das nördliche Afrika, Sicilien
+oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, daß unter allen großen
+Baumgestalten die Gestalt der Palme die großartigste und schönste seyn
+soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, daß sich der Europäer keine
+richtige Vorstellung vom Charakter der heißen Zone macht. Jedermann weiß
+zum Beispiel, daß die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die große
+Menge von Gewächsen mit gefiederten Blättern ein Hauptschmuck dieser Zone
+sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten
+Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben
+alle gefiederte Blätter mit mehr oder weniger großen, dünnen, lederartigen
+und glänzenden Blättchen. Vermag nun aber deßhalb eine Gruppe von Eschen,
+Vogelbeerbäumen oder Sumachbäumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt
+zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das
+Himmelsblau zwischen ihren kleinen, dünnen, zartgefiederten Blättern
+durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten
+Blick scheinen. Die Gestalten der Gewächse bestimmen die Physiognomie der
+Natur, und diese Physiognomie wirkt zurück auf die geistige Stimmung der
+Völker. Jeder Pflanzentypus zerfällt in Arten, die im allgemeinen
+Charakter mit einander übereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, daß
+dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die
+Scitamineen, die Malvaceen, die Bäume mit gefiederten Blättern sind nicht
+alle malerisch gleich schön, und meist, im Pflanzenreich wie im
+Thierreich, gehören die schönsten Arten eines jeden Typus dem tropischen
+Erdstrich an.
+
+Die Protaceen, Croton, Agaven und die große Sippe der Cactus, die
+ausschließlich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmählig,
+wenn man auf dem Orinoco über die Mündungen des Apure und des Meta
+hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit,
+als die Entfernung von den Küsten daran Schuld, wenn die Cactus nicht
+weiter nach Süden gehen. Wir haben östlich von den Anden, in der Provinz
+Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswälder, mit Croton
+dazwischen, große dürre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen
+an den Fällen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San
+Fernando de Atabapo, das heißt vor dem Einfluß des Guaviare in den
+Orinoco.
+
+Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von
+den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales
+liegen, wo das tief eingeschnittene Flußbett fast unzugängliche Ufer hat.
+Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um
+zwischen zwei Wasserfällen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu
+baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenäen, selbst in den
+Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des
+Bodens und der Spuren von Zerstörung, denen man bei jedem Schritte
+begegnet, vermöchte nach einer bloßen Beschreibung sich vom Zustand des
+Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke
+von mehr als fünf Seemeilen laufen unzählige Felsdämme quer darüber weg,
+eben so viele natürliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, ähnlich denen
+im Dnieper, welche bei den Alten _‘Phragmoi’_ hießen. Der Raum zwischen
+den Felsdämmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Größe gefüllt;
+manche sind hügligt, in verschiedene runde Erhöhungen getheilt und
+200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie bloße Klippen. Diese
+Inseln zerfällen den Fluß in zahlreiche reißende Betten, in denen das
+Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und
+Cucuritopalmen mit federbuschförmigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht
+mitten auf der schäumenden Wasserfläche. Die Indianer, welche die leeren
+Piroguen durch die Raudales schaffen, haben für jede Staffel, für jeden
+Felsen einen eigenen Namen. Von Süden her kommt man zuerst zum *Salto del
+Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und
+Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer
+Rückkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um
+unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem großen Theil trocken
+zu liegen. Granitblöcke sind auf einander gehäuft, wie in den Moränen,
+welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stürzt
+sich der Fluß in die Höhlen hinab, und in einer dieser Höhlen hörten wir
+das Wasser zugleich über unsern Köpfen und unter unsern Füßen rauschen.
+Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbäche getheilt, deren
+jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muß nur staunen,
+wie wenig Wasser man im Flußbett sieht, über die Menge Wasserstürze, die
+sich unter dem Boden verlieren, über den Donner der Wasser, die sich
+schäumend an den Felsen brechen.
+
+_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _
+_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _
+
+Ist man über den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten
+der Fälle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank
+zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Dämme
+oder natürlichen Wehre nur zwei, drei Fuß hoch, so wagen es die Indianer
+im Canoe hinabzufahren. Fluß aufwärts schwimmen sie voraus, bringen nach
+vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen über dem
+Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Höhe des Raudals. Während
+dieser mühseligen Arbeit füllt sich das Fahrzeug häufig mit Wasser;
+anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit
+zerschlagenem, blutendem Körper, reißen sich mit Noth aus dem Strudel und
+schwimmen an die nächste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr
+hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten
+Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumäste als Walzen darunter und schleppt sie
+bis an den Punkt, wo der Fluß wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser
+ist solches selten nöthig. Spricht man von den Wasserfällen des Orinoco,
+so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit über
+die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine
+Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist.
+Ich führe nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwärtigt, was man in
+Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage
+sieht. »Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das
+Schiff, der andere schöpft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reißenden
+Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tüchtig herumgeschaukelt
+worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanäle, durch die
+sie den Engpässen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Strömung
+niederstürzend, lenken sie den schießenden Nachen.«
+
+In den hydrographischen Beschreibungen der Länder werden meistens unter
+den unbestimmten Benennungen: »_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_,
+_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chûtes_, _Rapides_;
+Wasserfälle, Wasserstürze, Stromschnellen,« stürmische Bewegungen der
+Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen
+hervorgebracht werden. Zuweilen stürzt sich ein ganzer Fluß aus
+bedeutender Höhe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt völlig
+unterbrochen wird. Dahin gehört der prächtige Fall des Rio Tequendama, den
+ich in meinen _Vues des Cordillères_ abgebildet habe; dahin die Fälle des
+Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Höhe als durch die
+Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindämme in
+weiten Abständen hinter einander und bilden getrennte Wasserfälle; dahin
+gehören die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die
+_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom
+zwischen dem Einfluß des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der höchste
+und gefährlichste dieser Pongos, den man auf Flößen herunter fährt, der
+bei Mayafi, ist übrigens nur drei Fuß hoch. Noch anderemale liegen kleine
+Steindämme so nahe an einander, daß sie auf mehrere Meilen Erstreckung
+eine ununterbrochene Reihe von Fällen und Strudeln, _Chorros_ und
+_Remolinos_ bilden, und dieß nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_,
+Stromschnellen. Dahin gehören die *Yellalas*, die Stromschnellen des
+Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitän Tuckey kürzlich bekannt
+gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb
+Pella, und die vier Meilen langen Fälle des Missouri da, wo der Fluß aus
+den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehören nun auch die Fälle von
+Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen
+Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmückt sind. In
+allen Jahreszeiten gewähren sie den Anblick eigentlicher Wasserfälle und
+hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, während
+die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewässer
+kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der
+Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur
+anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt verändert; Stromschnellen
+dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit großen Bäumen besetzt
+sind, machen eine Landschaft meilenweit schön. Zuweilen rührt die
+stürmische Bewegung des Wassers nur daher, daß die Strombetten sehr
+eingeengt sind. Dahin gehört die Angostura de Carare im Magdalenenfluß,
+ein Engpaß, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Küste von
+Carthagena Eintrag thut; dahin gehört der Pongo von Manseriche im obern
+Amazonenstrom, den LA CONDAMINE für weit gefährlicher gehalten hat, als er
+in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muß, so oft er
+im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat.
+
+Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenflüsse des Amazonenstromes
+oder Marañon haben Fälle oder Stromschnellen entweder in der Nähe ihres
+Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke
+ihres Laufs auf andere Berge stoßen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser
+des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Mündung, mehr
+als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen
+ungemein großen Vortheil dem Umstand, daß er immer die gleiche Richtung
+einhält. Er fließt von Ost nach West über eine weite Ebene, die gleichsam
+ein Längenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem großen
+brasilianischen Gebirgsstock bildet.
+
+Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, daß die
+Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man über eine Meile weit hört,
+und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbäumen und
+Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Länge schwerlich mehr
+als 28 Fuß senkrechte Höhe haben. Bei näherer Ueberlegung zeigt es sich,
+daß dieß für Stromschnellen viel ist. während es für einen einzelnen
+Wasserfall sehr wenig wäre. Bei den Yellalas im Congofluß, in der
+Einschnürung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der
+Höhenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit
+bedeutender; BARROW bemerkt aber, daß sich hier unter den vielen
+Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuß hoch ist. Andererseits
+haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so
+gefährlich ist, die Fälle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur
+ein paar Fuß senkrechte Höhe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiß,
+welche Wirkung in einem großen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat.
+Das Toben des Wassers und die Wirbel werden überall keineswegs allein von
+der Höhe der einzelnen Fälle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die
+Fälle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendämme,
+von den sogenannten _‘lames de réflexion’_ die in einander stoßen und über
+einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der
+Richtung der Gegenströmungen, von den Krümmungen und engen Stellen in den
+Kanälen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn
+bricht. Von zwei gleich breiten Flüssen kann der eine Fälle haben, die
+nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefährlicher und
+tobender.
+
+Meine obige Angabe über die senkrechte Höhe der Raudales des Orinoco
+lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl*
+gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission
+Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede
+beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig,
+wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt. Durch kleine
+Unregelmäßigkeiten in der stündlichen Schwankung (Unregelmäßigkeiten, die
+sich mehr auf das Maaß der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird
+das Ergebniß zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte
+ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben
+Linie auffassen soll.
+
+Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten
+geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen
+die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsächlich, weil
+viel Wasser in unterirdische Höhlungen versinkt. Dieser Verlust ist
+übrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die
+Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluß des Rio Anaveni
+davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, daß unter
+den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Höhlungen liegen
+müssen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein
+Wasserfall heißen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehörig
+ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all
+seinem Treibholz.
+
+Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdämme, an denen sich
+der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Fälle im Lauf der
+Jahrhunderte nach Gestaltung und Höhe sich verändern werden. Ich bin nicht
+sehr geneigt, dem Stoß des Wassers gegen Granitblöcke und dem Zerfressen
+kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten
+sich verengenden Löcher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei
+so vielen Wasserfällen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung
+des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe
+gesehen, welche die Strömung am Boden der Trichter beständig herumwirbelt
+und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des
+Amazonenstroms sind leicht zerstörlich, da die Felsdämme nicht aus Granit
+bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkörnigem Sandstein. Der
+Pongo von Rentama stürzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das
+Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flußbett ein
+paar Stunden trocken, zur großen Verwunderung der Einwohner des Dorfes
+Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestürzten Pongo. Die Indianer in
+Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters
+CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die
+einzelnen Strömungen, in die der große Strom zerschlagen wird, ändern beim
+Durchgang durch die aufgehäuften Granitblöcke ihre Richtung und werfen
+bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die
+Ursachen dieses Wechsels können den Katarakten sehr ferne liegen; denn in
+den Flüssen, die auf der Erdoberfläche Leben verbreiten, wie die Adern in
+den organischen Körpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort.
+Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze
+flüssige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben.
+
+Ich weiß wohl, daß, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen
+bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den
+großartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett
+die Wirkungen der Auswaschungen, überhaupt die gewaltigen Einflüsse des
+strömenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die
+Bildung der Thäler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren
+befriedigend erklären zu können meinte. Diese Ansicht wird durch den
+Augenschein keineswegs unterstützt. Wir stellen nicht in Abrede, daß die
+Ströme, überhaupt fließende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in
+secundäre Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausüben.
+Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden
+von Jahren an absoluter Höhe so wenig abgenommen, als der Gipfel des
+Montblanc und des Canigou. Hat man die großen Naturscenerien in
+verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung
+gedrängt, daß jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten,
+jene zerstreuten Blöcke, all die Spuren einer allgemeinen Umwälzung
+Wirkungen außergewöhnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im
+gegenwärtigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberfläche
+thätig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom
+Granit wegführt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten
+Gestein zerstört, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann
+nicht glauben, daß, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und
+der Pyrenäen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gründen am
+Fuße der Gebirge aufhäufen. Im Nil wie im Orinoco können die
+Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne daß die Felsdämme
+merkbar anders werden. Die relative Höhe der Fälle kann durch die
+Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen.
+
+Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht über die anziehende
+Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die übertriebenen
+Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf
+uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber
+nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall übertragen haben, was sie
+vom Hörensagen von den obern Fällen des Flusses in Nubien und Dongola
+wußten, die zahlreicher und gefährlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze
+des römischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im
+Raume, wie in den Schöpfungen des menschlichen Geistes fangen die
+phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhören.
+
+Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionäre in
+ihren Schriften sagen mögen, vom Tosen der großen Katarakte so wenig taub
+als die Catadupen am Nil. Hört man das Getöse auf der Ebene bei der
+Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Nähe einer felsigten
+Meeresküste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal stärker
+als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag
+wohl diese Verstärkung des Schalls in einer Einöde rühren, wo sonst
+nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die
+Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der
+Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwächer, wenn
+ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch
+Verdünnung der Luft; der Schall ist schwächer in hohen Luftregionen als in
+tiefen, wo die Zahl der erschütterten Lufttheilchen in jedem Strahl größer
+ist. Die Stärke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst
+vermengter Luft gleich groß, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als
+in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssätzen
+(und es sind die einzigen einigermaßen zuverläßigen) hält es schwer, eine
+Erscheinung zu erklären, die man bei jedem Wasserfall in Europa
+beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionären
+und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um
+drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit
+bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter.
+Wir haben aber eben gesehen, daß der hygroscopische Zustand der Luft aus
+die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluß hat, und daß die Abkühlung
+der Luft die Geschwindigkeit vermindert.
+
+Man könnte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag
+das Sumsen der Insekten, der Gesang der Vögel, das Rauschen des Laubs beim
+leisesten Luftzug ein verworrenes Getöne hervor, das wir um so weniger
+wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwährend zu unserem
+Ohre dringt. Dieses Getöse, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings
+einen stärkeren Schall schwächen, und diese Schwächung kann wegfallen,
+wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Vögel, das Sumsen der Insekten
+und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhören. Wäre aber diese
+Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Wälder am
+Orinoco, wo die Luft fortwährend von zahllosen Moskitoschwärmen erfüllt
+ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit stärker ist als bei Tag,
+wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht.
+
+Ich bin vielmehr der Ansicht, daß, so lange die Sonne am Himmel steht, der
+Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwächt wird, weil die Luftströme
+von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphäre
+in Folge der ungleichen Erwärmung der verschiedenen Bodenstücke,
+Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit
+gleichförmig vertheilten Dunstbläschen erfüllt, pflanzt sich die
+Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von
+kleinen Strömen wärmerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo
+die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich
+lokale Echos, die den Schall schwächen, weil eine der Wellen zurückläuft:
+es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in jüngster Zeit von
+POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung
+wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, daß
+durch die Ortsveränderung der im Luftstrome von unten nach oben
+aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Strömungen ein
+Stoß ausgeübt würde. Ein Stoß auf die Oberfläche einer Flüssigkeit bringt
+Kreise um den Mittelpunkt der Erschütterung hervor, selbst wenn die
+Flüssigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen können sich im
+Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu
+stören; kleine Bewegungen schieben sich übereinander, und die wahre
+Ursache der geringeren Stärke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, daß
+das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag ändert sich die
+Dichtigkeit rasch überall, wo kleine Luftzüge von hoher Temperatur über
+ungleich erwärmten Bodenstücken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich,
+wie die Lichtstrahlen sich brechen, und überall, wo Luftschichten von
+verschiedener Dichtigkeit sich berühren, tritt *Spiegelung* ein. Der
+Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende
+geschlossenen Röhre eine Schicht Wasserstoffgas über eine Schicht
+atmosphärischer Luft aufsteigen läßt, und BIOT erklärt den Umstand, daß
+ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die
+Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, daß die Bläschen von
+kohlensaurem Gas die Flüssigkeit ungleichförmig machen.
+
+Für diese Ansichten könnte ich mich fast auf die Autorität eines
+Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschätzig
+behandeln, während die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als
+Beobachter längst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Warum,« sagt
+ARISTOTELES in seiner merkwürdigen Schrift von den _Problemen_, »hört man
+bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist,
+da die Wärme fehlt. Dadurch wird überhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne
+ist es, die Alles bewegt.«(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre
+Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die
+Bewegung der Luft dem Stoß der kleinsten Theilchen derselben zu, was
+vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich berührenden
+Luftschichten zuzuschreiben seyn möchte.
+
+Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in
+weniger als sechs Stunden über die Stromschnellen geschafft worden und
+liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*,
+genannt. »Eure Pirogue wird nicht in Stücken gehen, weil ihr kein
+Kaufmannsgut führt und der Mönch aus den Raudales mit euch reist,« so
+hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der
+Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geäußert. Es war ein
+Schildkrötenölhändler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr
+und eben kein Freund der Missionare war. »Die Fahrzeuge, die leicht
+zerbrechen,« fuhr er fort, »sind die der *Catalonier*, die mit einem
+Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung
+des Präsidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben
+wollen. Man läßt unsere Piroguen in den Raudales, die der Schlüssel sind
+zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu
+Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach
+Carichana zurück und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben.«
+Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Länder kann
+ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht
+beitreten. Der gegenwärtige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann,
+die Plackereien, über welche die catalonischen Krämer klagen, sich zu
+Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, weßhalb das Regiment in
+den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gründlich verhaßt ist?
+Verläumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco
+vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine
+Ziege, kaum eine Kuh, während ihre Ordensbrüder, die Kapuziner in den
+Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stücken besitzen. Der Groll der
+arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der
+Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen
+Bemühungen, ihr Gebiet gegen die Weißen abzusperren, den Hindernissen, die
+sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empört sich
+das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die
+materiellen Lebensbedürfnisse Einfluß äußern, sondern auch wenn sich ein
+Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmaßt, allein die
+Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu
+sagen zu civilisiren.
+
+Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom
+einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem
+Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art würde
+allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muß aber hier zur
+Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwähnen, daß sie keine Diebe sind, wie
+die lange nicht so rohen Bewohner der Südseeinseln. Jene haben große
+Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Eßwaaren, Fischangeln
+und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiß man nichts von
+Schlössern an den Thüren; sie werden eingeführt werden, sobald Weiße und
+Mischlinge sich in den Missionen niederlassen.
+
+Die Indianer in Atures sind gutmüthig, leidenschaftslos, Dank ihrer
+Trägheit an die größten Entbehrungen gewöhnt Die Jesuiten früher trieben
+sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die
+Patres bauten Mais, Bohnen und andere europäische Gemüse; sie pflanzten um
+das Dorf her sogar süße Orangen und Tamarinden, sie besaßen in den
+Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreißigtausend Pferde und
+Stücke Rindvieh. Sie hielten für die Heerden eine Menge Sklaven und
+Knechte (_peones_). Gegenwärtig wird nichts gebaut als etwas Manioc und
+Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, daß ich in Atures an einem
+einzigen Pisangbüschel 108 Früchte zählte, deren 4--5 fast zur täglichen
+Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gänzlich
+vernachläßigt, Rosse und Kühe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal
+heißt noch *Passo del ganado* (Viehfurth), während die Nachkommen der
+Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegründet, vom Hornvieh wie
+von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den
+Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die
+letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwärtig diese weiten
+Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten.
+Während eines achtzehnjährigen Interregnums wurden die Missionen nur von
+Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen königlicher
+Commissäre verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Höfe
+der Jesuiten, aber schändlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Häute
+zu verkaufen, viele jüngere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch
+viel mehr gingen an den Bissen der Fledermäuse zu Grunde, die an den
+Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der
+Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San
+Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgeführt, weil die Portugiesen dort
+Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom
+und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der
+Jesuiten gänzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des früheren
+Anbaus dieser Länder und der wirthschaftlichen Thätigkeit der ersten
+Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Bäumen
+einen Orangen- oder Tamarindenstamm.
+
+Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefährlich sind als die
+Fledermäuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern
+die Schweine. Der Missionär erzählte uns ein auffallendes Beispiel von der
+Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer
+Ankunft hatte ein Jaguar, den man für ein junges Thier hielt, obgleich er
+groß war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag
+sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und
+Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die für die Sittengeschichte der
+Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis
+neun Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, saßen bei Atures mitten in einer
+Savane, über die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags,
+da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend
+umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit
+gekrümmtem Rücken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere
+Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und
+wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlägt.
+Erst schlägt er sachte, dann immer stärker; die Krallen verwunden das Kind
+und es blutet stark. Da nimmt das kleine Mädchen einen Baumzweig, schlägt
+das Thier, und dieses läuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder
+kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an
+keine Gegenwehr dachte, in Sprüngen sich davon machen.
+
+Man führte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die
+Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und
+eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese
+muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu
+zähmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man
+auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer
+gespielt, wie unsere Katzen mit Vögeln mit beschnittenen Flügeln spielen,
+wie soll man es sich erklären, daß ein großer Jaguar so duldsam ist, daß
+er vor einem kleinen Mädchen davonläuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht
+her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Haß der
+Thiere ist manches Geheimnißvolle. Wir haben gesehen, wie Löwen drei, vier
+Hunde, die man in ihren Käfigt setzte, umbrachten und einen fünften, der
+weniger furchtsam den König der Thiere an der Mähne packte, vom ersten
+Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeußerungen jenes Instinkts, der
+dem Menschen ein Räthsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr für
+sich einnähme, je zutraulicher er ist.
+
+Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen
+werden. Außer den gemeinen Schweinen von europäischer Race gibt es in
+diesen Ländern verschiedene Arten von Pecaris mit Drüsen an den Leisten,
+von denen nur zwei den europäischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer
+nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch
+_Chacharo_; _Apida_ aber heißt bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel
+haben soll und größer, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch
+entlang weiß ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm
+wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch
+nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und
+dem der Wiederkäuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere
+Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stücken. Man hört es schon
+von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen,
+rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie
+ungestüm das Gebüsch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim
+Botanisiren sein indianischer Führer zu, er solle sich hinter einen Baum
+verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del
+monte_) ganz nahe an sich vorüberkommen. Der Rudel zog in dicht gedrängten
+Reihen, die männlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen
+hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes
+Fleisch; sie werden übrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit
+kleinen an Stricke gebundenen Spießen erlegen. Man versicherte uns in
+Atures, der Tiger fürchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von
+Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrückt zu werden,
+auf einen Baum zu flüchten. Ist das nun eine Jägergeschichte oder eine
+wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, daß in manchen Ländern von
+Amerika die Jäger an die Existenz eines _‘Javali’_ oder einheimischen
+Ebers mit nach außen gekrümmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen
+gesehen, die amerikanischen Missionäre führen ihn aber in ihren Schriften
+auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthält neben
+den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen.
+
+Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden
+wir eine neue Art aus der Sippe der *Saïs* oder *Sajous*, von den
+Hispano-Amerikanern gewöhnlich _‘Machis’_ genannt. Es ist dieß der
+*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und bläulichem
+Gesicht. Augenränder und Stirne sind schneeweiß, und dadurch unterscheidet
+er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_,
+_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis
+jetzt so große Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmüthig
+als häßlich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und
+blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, während es auf den
+Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Rücken einer großen Katze,
+die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war.
+
+In den Katarakten hörten wir auch zum erstenmal von dem behaarten
+Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entführt,
+Hütten baut und zuweilen Menschenfleisch frißt. Die Tamanacas nennen ihn
+_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den großen Teufel. Die Eingeborenen
+und die Missionäre zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenähnlichen
+Affen, vor dem sie sich sehr fürchten. Pater GILI erzählt in vollem Ernst
+eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem
+Waldmenschen wegen seiner Gutmüthigkeit und Zuvorkommenheit das beste
+Zeugniß gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und ließ sich von
+Jägern nur deßhalb wieder in den Schooß ihrer Familie bringen, »weil sie,
+nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der
+heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte.« Bei aller
+Leichtgläubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer
+auftreiben können, der ausdrücklich gesagt hätte, er habe den *Salvaje*
+mit eigenen Augen gesehen. Dieses Mährchen, das ohne Zweifel von den
+Missionären, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit
+verschiedenen Zügen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko
+oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fünf Jahre lang
+in der nördlichen wie in der südlichen Halbkugel verfolgt, und überall,
+selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es übel, daß wir allein uns
+herausnahmen, daran zu zweifeln, daß es in Amerika einen großen
+menschenähnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunächst, daß in gewissen
+Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so
+namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den
+Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am.
+Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen
+Orten kann man hören, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fußstapfen,
+denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen
+Continent einen Affen von ansehnlicher Größe, wie kommt es, daß sich seit
+dreihundert Jahren kein glaubwürdiger Mann das Fell desselben hat
+verschaffen können? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlaß
+gegeben haben mag, darüber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen.
+Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_],
+dessen Hundszähne über sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel
+menschenähnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart
+mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Mährchen vom Salvaje
+veranlaßt haben? Allerdings ist er nicht so groß als der Coaïta (_Simia
+paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm
+sieht, könnte man ihn leicht für ein menschliches Wesen halten. Es wäre
+auch möglich (und dieß scheint mir das wahrscheinlichste), daß der
+Waldmensch einer der großen Bären ist, deren Fußspur der menschlichen
+ähnlich ist und von denen man in allen Ländern glaubt, daß sie Weiber
+anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuß der Berge von Merida
+geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der
+Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Bär mit
+schwarzem, glänzendem Pelz. Unser Reisegefährte Don Nicolas Sotto hat
+denselben näher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem
+Sohlengänger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rückwärts ginge,
+sollte sie etwa daher rühren, daß die wahren wilden Waldmenschen, die
+schwächsten, furchtsamsten Indianerstämme, den Brauch haben, wenn sie in
+den Wald oder über einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu
+machen, daß sie ihre Fußstapfen mit Sand bedecken oder rückwärts gehen?
+
+Ich habe angegeben, weßhalb zu bezweifeln ist, daß es eine unbekannte
+große Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhänder aus der
+Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen.
+Es ist aber nicht zu vergessen, daß jeder, auch der abgeschmackteste
+Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefaßten Naturverhältnissen
+beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschätzung ab, so
+kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Fährte einer
+Entdeckung verlieren. Wir erklären daher auch keineswegs mit einem
+spanischen Schriftsteller das Mährchen vom Waldmenschen für eine pfiffige
+Erfindung der indianischen Weiber, die entführt worden seyn wollen, wenn
+sie hinter ihren Männern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die
+Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen
+hinsichtlich des Salvaje oder großen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu
+ermitteln, ob eine unbekannte Bärenart oder ein sehr seltener, der _Simia
+chiropotes_ oder _Simia Satanas_ ähnlicher Affe so seltsame Mährchen
+veranlaßt haben mag.
+
+Nach zweitägigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh,
+unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu können, wo der
+Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der
+Hitze, die uns drückte, kam uns die Temperatur noch weit höher vor. Wenn
+die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig übereinstimmten, so
+rührte dieß vom beständigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von
+giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heißer vor, als
+sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet,
+wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78°2;
+bei Nacht, im Maximum, 81°5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als
+die mittlere Feuchtigkeit an der Küste von Cumana, aber um 10 Grad stärker
+als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die
+Wasserfälle und die dichten Wälder steigern die Menge des in der Luft
+enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag über wurden wir von den Moskitos und
+den *Jejen*, kleinen giftigen Mücken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar
+geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer großen Schnakenart, vor denen
+sich selbst die Eingeborenen fürchten. Unsere Hände fingen an stark zu
+schwellen und die Geschwulst nahm täglich zu, bis wir an die Ufer des Temi
+kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht,
+sind sehr merkwürdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben
+unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf
+einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier
+athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere
+Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionär hatte
+die richtige Beobachtung gemacht, daß die Insekten in der tiefsten
+Luftschicht am Boden, 15--20 Fuß hoch, am häufigsten sind. In Maypures
+gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln
+mitten in den Wasserfällen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos
+eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden
+wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch
+weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwärts
+fährt.
+
+Wer die großen Ströme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den
+Magdalenenfluß nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne
+Unterlaß, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft
+schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite
+Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewöhnt seyn
+mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der
+Gegenstand, den man eben beobachtet, beschäftigen mag, unvermeidlich wird
+man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und
+*Tempraneros* einem Hände und Gesicht bedecken, einen mit ihrem
+Saugrüssel, der in einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durch
+stechen, und in Nase und Mund kriechen, so daß man husten und nießen muß,
+sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen
+von unermeßlichen Wäldern umgebenen Dörfern am Stromufer, ist aber auch
+die _plaga de los moscos_ ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung.
+Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: »_Que le han
+parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht
+gefunden?« -- »_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den
+Moskitos?« Diese Fragen erinnern an eine chinesische Höflichkeitsformel,
+die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden
+seyn mag, zurückweist. Man begrüßte sich früher im himmlischen Reich mit
+den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt
+worden?« Wir werden bald sehen, daß am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom,
+besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem
+Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze
+wäre.
+
+Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten
+aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwürdige
+Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloß von der Hitze,
+der großen Feuchtigkeit und den dichten Wäldern abzuhängen, sondern auch
+von schwer zu ermittelnden örtlichen Verhältnissen. Vorab ist zu bemerken,
+daß die Plage der Moskitos und Zancudos in der heißen Zone nicht so
+allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400
+Toisen über dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den
+großen Strömen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend
+mehr Schnaken als in dem am stärksten bevölkerten Theile Europas. In Nueva
+Barcelona dagegen und weiter westwärts an der Küste, die gegen Cap Codera
+läuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote
+und der Mündung des Rio Unare haben die unglücklichen Einwohner den
+Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief
+in den Sand zu begraben, so daß nur der Kopf frei bleibt, den sie mit
+einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, daß es leicht
+zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter
+und von Cabruta gegen Uruana hinauffährt, zwischen dem siebenten und
+achten Grad der Breite. Aber über dem Einfluß des Rio Arauca, wenn man
+durch den Engpaß beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von
+nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus
+DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als hätte er die _‘Città
+dolente’_ betreten, als ständen an den Felswänden beim Baraguan die
+merkwürdigen Verse aus dem dritten Buch der Hölle geschrieben:
+
+_ Noi sem venuti al luogo, ov’i’t’ho detto _
+_ Che tu vedrai le genti dolorose. _
+[_Inferno_. C. III. 16.]
+
+Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuß Höhe sind mit
+giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefüllt. Stellt man sich
+an einen dunkeln Ort, z. B. in die Höhlen, die in den Katarakten durch die
+aufgethürmten Granitblöcke gebildet werden, und blickt man gegen die von
+der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr
+oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen
+und taktmäßigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der
+Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in
+Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures
+erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, daß es ein Land
+auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier
+in der Regenzeit. Kommt man über den fünften Breitegrad hinaus, wird man
+etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche
+schmerzlicher, weil bei der Hitze und der völligen Windstille die Luft
+glühender ist und die Haut, wo sie dieselbe berührt, mehr reizt.
+
+»Wie gut muß im Mond wohnen seyn!« sagte ein Saliva-Indianer zu Pater
+Gumilla. »Er ist so schön und hell, daß es dort gewiß keine Moskitos
+gibt.« Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehören, sind sehr
+merkwürdig. Ueberall ist der Trabant der Erde für den wilden Amerikaner
+der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, für den
+eine Planke, ein Baumstamm, den die Strömung an eine pflanzenlose Küste
+geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer
+in den Wäldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie
+von Moskitos gestochen werden.
+
+Weiterhin gegen Süd, wo das System der braungelben Gewässer beginnt,
+gemeinhin _‘schwarze Wasser’_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des
+Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich
+hätte bald gesagt eines Glücks, wie wir es gar nicht erwartet hatten.
+Diese Flüsse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Wälder; aber die
+Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _‘schwarzen Wassern’_
+ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulä und Schnaken,
+die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewässern,
+die ein wenig kühler sind als die weißen und sich chemisch anders
+verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flüsse, deren Wasser entweder
+dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine
+Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, daß es über _‘schwarzem
+Wasser’_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flüssen wimmelt es davon, und
+selbst die Indianer machten uns auf die räthselhafte Erscheinung
+aufmerksam und ließen uns über deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren
+auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Dörfern Maroa, Davipe und San
+Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer
+Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir
+in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am östlichen Ende des obern
+Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die
+Moskitowolken fast so dick wie bei den großen Katarakten. In Mandavaca
+fanden wir einen alten Missionär, der mit jammervoller Miene gegen uns
+äußerte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rücken* (_ya tengo
+mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu
+betrachten, damit wir eines Tags _‘por alla’_ (über dem Meer) davon zu
+sagen wüßten, was die armen Missionäre in den Wäldern am Cassiquiare
+auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt
+zurückläßt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken
+geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der
+*weißes Wasser* hat, wimmelt es von Mücken aus der Gattung _Simulium_,
+aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehörig, sind desto seltener;
+man sieht fast keine, während auf den Flüssen mit schwarzem Wasser meist
+einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben
+bemerkt, daß wenn bei den kleinen Revolutionen im Schooße des Ordens der
+Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rächen will, er
+ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere
+Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*.
+
+Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, daß in diesem
+Labyrinth weißer und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der
+giftigen Insekten eine sehr ungleichförmige ist. Es wäre zu wünschen, daß
+ein tüchtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede
+dieser bösartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone
+eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten könnte.
+Sehr merkwürdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionären wohl
+bekannt ist, daß die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und
+daß man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten
+gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven
+Ausdruck der Missionäre, andere Insekten »auf die Wache ziehen,« hat man
+ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen
+Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle.
+Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fünf Uhr Abends wimmelt die Luft von
+Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist,
+unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Mücke gleichen. Es
+sind dieß Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach
+LATREILLEs System. Ihr Stich hinterläßt einen kleinen braunrothen Punkt,
+weil da, wo der Rüssel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und
+geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von
+einer kleinen Schnakenart abgelöst, _‘Tempraneros’_(41) genannt, weil sie
+sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und
+verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier
+sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fühlt
+man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr
+langen Füßen. Der Zancudo, dessen Rüssel eine stechende Saugröhre enthält,
+verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche
+folgt, hält mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer
+europäischen Schnaken, nur ist es stärker und anhaltender. Die Indianer
+wollen *Zancudos* und *Tempraneros* »am Gesang« unterscheiden können;
+letztere sind wahre Dämmerungsinsekten, während die Zancudos meist
+*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden.
+
+Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die
+Beobachtung, daß zwischen Mompox und Honda im Thal des großen
+Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht
+die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden
+lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll
+Heißhunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von
+Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen müde? Am Orinoco
+sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, während man auf dem
+Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von
+Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Flüsse
+verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art
+vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern?
+
+Wir haben gesehen, daß die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres
+Auftretens und Verschwindens überall einen gewissen Typus befolgen. In
+derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhält die Luft zu
+bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevölkerung;
+und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles
+mit so bewundernswürdiger Regelmäßigkeit auf einander folgt, könnte man
+beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des
+Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zurückläßt, wieder anders schmerzen,
+Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist.
+
+Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft
+war, warf man häufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen
+zusammen. In Japan, auf dem Rücken der Anden und an der Magellanschen
+Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten
+und Schnaken des nördlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente,
+berühmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heißen Zone sey die
+Schnake unserer Sümpfe, nur kräftiger, gefräßiger, schädlicher in Folge
+des heißen Klimas; dieß ist aber ein großer Irrthum. Ich habe die
+Zancudos, von denen man am ärgsten gequält wird, an Ort und Stelle
+sorgfältig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluß und im Guayaquil
+gibt es allein fünf ganz verschiedene Arten.
+
+Die *Culex*arten in Südamerika sind meist geflügelt, Bruststück und Füße
+sind blau, geringelt, mit metallisch glänzenden Flecken und daher
+schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Männchen, die sich durch ihre
+gefiederten Fühlhörner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur
+von Weibchen gestochen. Aus dem großen Uebergewicht dieses Geschlechts
+erklärt sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere
+hundert Eier legt. Fährt man einen der großen amerikanischen Ströme
+hinauf, so bemerkt man, daß sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart
+schließen läßt, daß bald wieder ein Nebenfluß hereinkommt. Ich führe ein
+Beispiel dieser merkwürdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen
+Heimath der Caño Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms
+nur bis auf eine Meile nördlich vom Zusammenfluß der beiden Gewässer an;
+derselbe geht den großen Strom hinauf, aber nicht hinab; in ähnlicher
+Weise verkündigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in
+der Gangmasse dem Bergmann die Nähe eines secundären Ganges, der sich mit
+jenem verbindet.
+
+Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir,
+daß unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der
+Cordilleren(43) nicht in die gemäßigte Region hinausgehen, wo die mittlere
+Temperatur weniger als 19--20 Grad beträgt;(44) daß sie mit wenigen
+Ausnahmen die *schwarzen Gewässer* und trockene, baumlose Landstriche
+meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern,
+weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter
+kahler Uferstrich zwischen dem Fluß und dem Waldsaum liegt. Mit dem
+Seichterwerden der Gewässer und der Ausrodung der Wälder nehmen die
+Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren
+Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Städte
+Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den
+Straßen, den Plätzen und in den Höfen der Häuser das Buschwerk wuchern
+läßt, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen.
+
+Alle im Lande Geborenen, Weiße, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom
+Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes
+nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht,
+sich in Ländern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn
+anders durch Lage und Regierungsweise die Verhältnisse für Handel und
+Gewerbfleiß günstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga,
+del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses beständigen
+Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die
+Handelsstädte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewöhnt
+man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, daß
+die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem
+hyperbolischen Ausdruck der Mönche, »mehr Mücken als Luft« gibt (_mas
+moscas que ayre_), unzweifelhaft blühende Städte würden, wenn der Orinoco
+den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewährte,
+wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt,
+nimmt zwar die Bevölkerung langsamer zu, aber gänzlicher Stillstand tritt
+deßhalb doch nicht ein; die Weißen lassen sich aus diesem Grunde nur da
+nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhältnissen des
+Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht.
+
+Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwürdigen Umstandes Erwähnung
+gethan, daß die in der heißen Zone geborenen Weißen barfuß ungestraft in
+demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europäer
+Gefahr läuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandflöhe (_Pulex penetrans_) zu
+bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennägel
+ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am
+Bauche des Insekts liegenden Eier, so groß wie eine kleine Erbse. Die
+*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht
+vermöchte, Zellgewebe und Blut eines Europäers von dem eines weißen
+Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darüber an den
+Küsten von Südamerika hört, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut
+an wie die Europäer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden
+Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Flüssigkeit, in die Haut eines
+kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch
+angekommenen Weißen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst
+hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzündete Beulen, die mehrere
+Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die
+Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr
+oder weniger reizbar sind.
+
+Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, daß die
+Indianer, überhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weißen Schmerz
+empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst
+während des Ruderns, schlagen sich die Indianer beständig mit der flachen
+Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf
+schlagen sie, ungestüm in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre
+Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das
+persische Mährchen vom Bären, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der
+Stirne seines schlafenden Herrn todtschlägt. Bei Maypures sahen wir junge
+Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander
+grausam den Rücken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die
+kupfersarbige Race fähig ist, waren indianische Weiber beschäftigt, mit
+einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden
+Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der
+barbarischsten Völker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der
+_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben
+werden. Wir haben oben gesehen, daß die Farbigen in Higuerote an der Küste
+von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Dörfern am
+Magdalenenfluß forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der
+Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhäute zu legen. Man hatte daselbst
+alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Nähe desselben
+findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und
+am Cassiquiare sahen, daß Bonpland wegen der unaufhörlichen Moskitoplage
+seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre
+_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heißen kleine Gemächer ohne Thüre und
+Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche
+kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch
+gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschließt dann die Oeffnung des
+Ofens. Daß man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer;
+denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen
+beleuchtet, wird es entsetzlich heiß darin. Bonpland hat mit einem Muth
+und einer Geduld, die das höchste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in
+diesen Hornitos der Indianer getrocknet.
+
+Die Mühe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern,
+beweist hinlänglich, daß der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen
+Organisation seiner Haut, für die Mückenstiche empfindlich ist, so gut wie
+der Weiße; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz
+nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge,
+die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der
+Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand
+versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen
+Amerika geborenen Weißen und die Europäer, die sehr lange in den Missionen
+in der Nähe der Wälder und an den großen Flüssen gelebt, haben weit mehr
+zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene
+Europäer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die
+Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhält, mehr
+oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht deßhalb weniger
+Geschwulst und Entzündung ein, weil ihre Haut eigenthümlich organisirt
+ist; vielmehr hängen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des
+Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr
+warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getränke, durch das Kratzen
+an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf
+meiner eigenen Erfahrung, durch zu häufiges Baden. An Orten, wo man in den
+Fluß kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die
+Erfahrung, daß das Baden, wenn man es übertreibt, zwar den Schmerz der
+alten Schnakenstiche linderte, aber uns für neue Stiche weit empfindlicher
+machte. Badet man mehr als zweimal täglich, so versetzt man die Haut in
+einen Zustand nervöser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen
+Begriff machen kann. Es ist einem, als zöge sich alle Empfindung in die
+Hautdecken.
+
+Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser
+zubringen, so ist es nicht zu verwundern, daß in den von großen Flüssen
+durchzogenen Wäldern diese bösartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg,
+desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten
+aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie
+ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewöhnen sich auch die
+wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den
+Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage
+auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen.
+Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die
+Wälder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich
+Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In
+Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der
+schönen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so
+könnten sie freier athmen und fänden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die
+Mückenwolke -- so sagen die Mönche -- schwebt nur über dem Orinoco und
+seinen Nebenflüssen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von
+den Flüssen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von
+Guyana und Brasilien, wenn man den großen, 400 Meilen breiten Wald
+zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den
+Flußthälern beurtheilte, die dadurch hinziehen.
+
+Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern
+von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten.
+Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten
+erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem
+Magdalenenfluß erfuhren wir, in Simiti habe man früher keine andere
+Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen
+kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die große Schnake mit
+blauen Flügeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, daß
+die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe
+verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanälen (_esteros_) auf der Insel
+Baru bei Carthagena lebt eine kleine weißlichte Mücke, *Cafasi* genannt.
+Sie ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar und verursacht doch äußerst
+schmerzhafte Geschwülste. Man muß die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die
+als Mückennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den
+gekreuzten Fäden durchschlüpfen kann. Dieses zum Glück sonst ziemlich
+seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis
+Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Mücken der
+Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr.
+
+Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Mücken-
+und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem
+schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugrüssel ergießen, Einfluß zu
+äußern. Am Orinoco sind die lästigsten oder, wie die Creolen sagen, die
+wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den großen Katarakten, in
+Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_
+besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefürchtet. Er ist dort
+größer und stärker und seine Beine sind schwärzer. Man kann sich des
+Lächelns nicht enthalten, wenn man die Missionäre über Größe und
+Gefräßigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses
+streiten hört. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiß, was in der
+übrigen Welt vorgeht, ist dieß das Lieblingsthema der Unterhaltung. »Wie
+sehr bedaure ich Euch!« sagte beim Abschied der Missionär aus den Raudales
+zu dem am Cassiquiare. »Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der
+Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heißer ist es
+auch; was aber meine Mücken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich
+rühmen, daß ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage.«
+
+Diese Gefräßigkeit der Insekten an gewißen Orten, diese Blutgier, womit
+sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei
+derselben Art sind sehr merkwürdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen
+jedoch andere aus den Classen der großen Thiere zur Seite. In Angostura
+greift das Krokodil den Menschen an, während man in Nueva Barcelona im Rio
+Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die
+Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig
+denen am obern Orinoco gegenüber. Die Indianer wissen recht gut, daß die
+Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zähmen sind, während Individuen
+derselben Art, die man anderswo fängt, lieber Hungers sterben, als sich in
+die Gefangenschaft ergeben.
+
+Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und
+der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in
+Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in
+den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfällt, ganz und
+gar. Am Magdalenenfluß findet man die vielen Moskitos lästig, aber sie
+gelten für sehr gesund. »Diese Thiere,« sagen die Leute, »machen uns
+kleine Aderläßen und schützen uns in einem so furchtbar heißen Land vor
+dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzündlichen
+Krankheiten.« Am Orinoco, dessen Ufer höchst ungesund sind, schreiben die
+Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. »Diese Insekten entstehen aus
+der Fäulniß und vermehren sie; sie entzünden das Blut (_vician y incienden
+la sangre_).« Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch örtliche
+Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in
+Europa wissen die Bewohner sumpfigter Länder gar wohl, daß die Insekten
+das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen,
+die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzündliche
+Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert.
+
+Die Menge der Schnaken und Mücken deutet nur insofern auf die Ungesundheit
+einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von
+denselben Ursachen abhängen, aus denen Miasmen entstehen. Diese lästigen
+Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes
+Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend
+suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht,
+Wärmestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitäten Vorschub
+leistet und damit die Fäulniß organischer Substanzen beschleunigt. Tragen
+die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, daß bis
+auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuß Luft häufig eine Million geflügelter
+Insekten(46) enthalten ist, die eine ätzende, giftige Flüssigkeit bei sich
+führen; daß mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststücks (die
+Füße ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich daß in dem Schnaken- und
+Mückenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfüllt, sich eine Menge todter
+Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch
+seitliche, durch die ungleiche Erwärmung des Bodens erzeugte Ströme
+fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhäufung von
+thierischen Stoffen in der Luft nicht zur örtlichen Bildung von Miasmen
+Anlaß geben muß? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft
+als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine
+Behauptung aufzustellen. Von den vielen Räthseln, welche das Ungesundseyn
+der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines gelöst; sie hat uns nur
+soviel gelehrt, daß wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fünfzehn
+Jahren Dank den sinnreichen Träumen der alten Eudiometrie zu wissen
+meinten.
+
+Nicht so ungewiß und fast durch tägliche Erfahrung bestätigt ist der
+Umstand, daß am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, überall wo die Luft
+sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur
+Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den
+Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte
+Aufregung und schwächt, in Folge des schon so frühe erkannten Antagonismus
+zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens.
+Man fängt an schwer zu verdauen, die Entzündung der Haut veranlaßt profuse
+Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig
+zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine
+geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr
+heftig einwirken. Gegenwärtig sind es nicht mehr die Gefahren der
+Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die
+Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf
+dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdrücken,
+_el sudar y las moscas_ (der Schweiß und die Mücken). Es ist zu hoffen,
+daß der Mensch, indem er die Bodenfläche umgestaltet, damit auch die
+Beschaffenheit der Luft allmälig umändert. Die Insekten werden sich
+vermindern, wenn einmal die alten Bäume im Wald verschwunden sind und man
+in diesen öden Ländern die Stromufer mit Dörfern besetzt, die Ebenen mit
+Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht.
+
+Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Ländern gelebt hat, wird gleich
+uns die Erfahrung gemacht haben, daß es gegen die Insektenplage kein
+Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkrötenfett
+beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand
+auf Schultern, Rücken und Beine, ungefähr wie wenn sie gar nicht *bemalt*
+wären. Es ist überhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung
+verschafft; soviel ist aber gewiß, daß es nicht schützt. Die Europäer, die
+eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio
+Chagre kommen (ich nenne hier die vier Flüsse, wo die Insekten am
+furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Hände; bald aber
+fühlen sie eine unerträgliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts
+thun können, drückt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Hände
+frei. Wer bei der Flußschifffahrt auf jede Beschäftigung verzichten
+wollte, könnte aus Europa eine eigens verfertigte, sackförmige Kleidung
+mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden
+aufmachte; der Sack müßte durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine
+bloße Maske und Handschuhe wären nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf
+Häuten oder in Hängematten lagen, hätten wir uns auf dem Orinoco der
+Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen können. Der Toldo leistet nur dann
+gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet,
+daß auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake
+schlüpfen könnte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfüllen, und gelingt
+es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo
+man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muß man, um nicht vor Hitze zu
+ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein
+schwacher Wind, Rauch, starke Gerüche helfen an Orten, wo die Insekten
+sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Fälschlich behauptet
+man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthümlichen Geruch, den das
+Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda
+wurden wir jämmerlich zerstochen, während wir ein eilf Fuß langes Krokodil
+zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den
+Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei,
+so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie,
+wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen
+Entladungen keine Regengüsse folgen.
+
+Alles was um Kopf und Hände flattert, hilft die Insekten verscheuchen. »Je
+mehr ihr euch rührt, desto weniger werdet ihr gestochen,« sagen die
+Missionäre. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er
+dann einmal Vertrauen gefaßt, hat er einmal angefangen, seinen Saugrüssel
+einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Flügel berühren,
+ohne daß er sich verscheuchen läßt. Er streckt während dessen seine beiden
+Hinterfüße in die Luft, und läßt man ihn ungestört sich satt saugen, so
+bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen
+Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an
+uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Flüssigkeit
+erst im Augenblick ergießt, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob
+es die Flüssigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen läßt, soviel es
+will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn hält man
+dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handrücken hin, so ist der Schmerz
+anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt
+fortsaugt, und hört ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich
+habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit
+zerdrückten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber
+keine Geschwulst darauf. Die reizende Flüssigkeit der _Diptera Nemocera_
+die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine
+Säure verhält, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in
+eigenen Drüsen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verdünnt und
+damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrückten Thiere
+reibt.
+
+Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf
+unsern Reisen über Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher
+von der Naturforschung auffallend vernachlässigt wurden, obgleich sie auf
+das Wohl der Bevölkerung, die Gesundheit der Länder und die Gründung neuer
+Colonien an den Strömen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluß
+sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich diesen Gegenstand mit
+einer Umständlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen könnte,
+fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen
+Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Großen stark angeregt,
+und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir
+haben gesehen, wie geflügelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem
+Saugrüssel eine die Haut reizende Flüssigkeit bergen, große Länder fast
+unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten
+(_Comejen_), setzen in mehreren heißen und gemäßigten Ländern des
+tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende
+Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe,
+Pergament; sie zerstören Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von
+spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt
+wäre. Wie soll sich die Cultur bei den Völkern entwickeln, wenn nichts
+Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, wenn man die Niederlagen
+menschlicher Kenntnisse öfters erneuern muß, wenn die geistige
+Errungenschaft der Nachwelt nicht überliefert werden kann?
+
+Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr
+schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft,
+und die Insekten stören nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann
+man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefährlichen
+Termiten. In 200 Toisen Meereshöhe fürchtet man die Mücken nicht mehr; die
+Termiten sind in 300 Toisen Höhe noch sehr häufig, aber in Mexico, Santa
+Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen großen
+Hauptstädten auf dem Rücken der Cordilleren findet man Bibliotheken und
+Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner täglich
+vermehren. Zu diesen Verhältnissen, die ich hier nur flüchtig berühre,
+kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht über die
+niedern Regionen des heißen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten
+Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwälzungen, die der
+Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den
+Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so läßt sich noch weit
+bestimmter annehmen, daß diese Berge, die Wiege so vieler und so
+verschiedener Völker, in der heißen Zone für alle Zeit der Mittelpunkt der
+Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemäßigten Hochebenen,
+von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklärung und der Segen
+gesellschaftlicher Einrichtungen über die unermeßlichen Wälder am Fuße der
+Anden verbreiten, die jetzt noch von Stämmen bewohnt sind, welche eben die
+Fülle der Natur in Trägheit niedergehalten hat.
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+
+
+ 25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_.
+
+ 26 Schwimmende Gärten.
+
+ 27 Diese Landenge, von der schon öfters die Rede war, wird von den
+ Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der
+ Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379.
+
+_ 28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage,
+ Bd. 1. S. 249.
+
+ 29 Eine große Reiherart.
+
+ 30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132.
+
+* 31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden
+ ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz,
+ Portage.
+
+_ 32 Nat. Quaest._ IV. c. 2.
+
+ 33 Der *Chellal* zwischen Philä und Syene hat zehn Staffeln, die
+ zusammen einen 5 bis 7 Fuß hohen Fall bilden, je nach dem tiefen
+ oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang.
+
+ 34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als
+ genau erscheint. Nach ihm hätte seit dem ersten Jahrhundert vor
+ unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen
+ und seine Richtung sich verändert. Damals ging man den Chellal auf
+ beiden Seiten hinauf, gegenwärtig ist nur auf Einer Seite eine
+ Wasserstraße; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar
+ geworden.
+
+ 35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den großen Katarakten
+ des östlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die über
+ 200 Fuß hoch sind?
+
+_ 36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Philä*
+ findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens)
+ wieder.
+
+ 37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß, so mangelhaft noch die
+ Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich
+ mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern
+ Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de
+ musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_),
+ im fünften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklärung
+ der Verstärkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der
+ Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des
+ PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgespräche_, Buch VIII. Frage 3), welche
+ die angeführte des Aristoteles unterstützt. -- Boethus, der erste
+ der Disputirenden, behauptet, die Kälte bei Nacht ziehe die Luft
+ zusammen und verdichte sie, und man höre den Schall bei Tag nicht so
+ gut, weil dann weniger Zwischenräume zwischen den Atomen seyen. Der
+ zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Räume, wie
+ Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde
+ von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt;
+ man höre bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein
+ herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Geräusch verursachen;
+ des Nachts aber höre diese Bewegung auf und folglich auch das damit
+ verbundene Geräusch. Boethus versichert, daß er keineswegs
+ Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten
+ Theile müsse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das
+ Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die
+ Luft macht den Körper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also
+ ruhig und beständig, so läßt sie auch die Theile und Schwingungen
+ des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderniß fortgehen und
+ befördert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle günstig,
+ Erschütterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft
+ verhindert, daß von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Töne
+ zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und
+ vielfachen ihnen etwas zuzuführen pflegt. Die Sonne, dieser große
+ und mächtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten
+ Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und
+ belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung;
+ Humboldt hat die alte französische Uebersetzung des Amyot
+ ausgezogen. Anm. des Herausgebers).
+
+ 38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenfluß einen Eber mit
+ gekrümmten Hauern und Längsstreifen auf dem Rücken geschossen.
+ Sollte es dort verwilderte europäische Schweine gehen?
+
+ 39 Im Gesammtausdruck der Züge, nicht der Stirne nach.
+
+_ 40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine
+ Mücke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen
+ spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet »Langfuß,« _qui
+ tiene las zancas largas_.
+
+ 41 »Die früh auf sind,« _temprano_.
+
+ 42 Durch die ausnehmende Regelmäßigkeit im stündlichen Wechsel des
+ Luftdrucks.
+
+ 43 Der europäische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie
+ die Culexarten der heißen Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in
+ Grönland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland
+ kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshöhe bei einer
+ mittleren Temperatur von 11--12° vor.
+
+ 44 Weniger als 15°,2 und 16° Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur
+ von Montpellier und Rom.
+
+ 45 Diese Gefräßigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst
+ von Pflanzensäften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat
+ allerdings etwas Auffallendes. »Was fräßen die Thiere, wenn wir
+ nicht hier vorüberkämen?« sagen oft die Creolen auf dem Wege durch
+ ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und
+ behaarte Affen gibt.
+
+ 46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, daß der
+ Cubikfuß 2,985,984 Cubiklinien enthält.
+
+
+
+
+
+EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von
+ Quittuna. -- Der Einfluß des Vichada und Zama. -- Der Fels
+ Aricagua. -- Siquita.
+
+
+Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von
+Atures, dem Einfluß des Rio Cataniapo gegenüber; wir brachen dahin auf.
+Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze führt, sahen wir den Pic
+Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine über dem Horizont der Ebenen
+aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuß dieser Gebirge
+umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom
+Fluß die Felsen bei der Höhle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit,
+diese Grabstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir
+bedauerten dieß um so mehr, da Pater Zea nicht müde wurde, uns von den mit
+Onoto bemalten Skeletten in der Höhle, von den großen Gefäßen aus
+gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen
+scheinen, und von vielen andern merkwürdigen Dingen zu erzählen, so daß
+wir uns vornahmen, dieselben auf der Rückreise vom Rio Negro in
+Augenschein zu nehmen. »Sie werden es kaum glauben,« sagte der Missionär,
+»daß diese Gerippe, diese bemalten Töpfe, diese Dinge, von denen wir
+meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem
+Missionär von Carichana, Unglück gebracht haben. Sie haben gesehen, wie
+elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht
+einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem
+Lande gefunden. Ein Weißer, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem
+Apure lebt, hat kürzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht,
+ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionär von Carichana gefunden,
+unter den Gräbern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in
+Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewußt, daß die Gesellschaft werde
+aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefäße bei
+Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada
+an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den
+Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner
+Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas führte beim
+Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persönlich zu
+erscheinen. Wir mußten ganz umsonst eine Reise von hundert fünfzig Meilen
+machen, und es half nichts, daß wir erklärten, wir haben in den Höhlen
+nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermäuse;
+man ernannte mit großer Wichtigkeit Commissäre, die sich hieher begeben
+und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten
+vorhanden sey. Aber wir können lange auf die Commissäre warten. Wenn sie
+auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos
+Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mückenwolke (_nube de
+moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen.«
+
+Diese Geschichte des Missionärs wurde uns später in Angostura aus dem
+Munde des Statthalters vollkommen bestätigt. Zufällige Umstände geben zu
+den seltsamsten Vermuthungen Anlaß. In den Höhlen, wo die Mumien und
+Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den
+unzugänglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit
+eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europäischen Werkzeugen, Resten
+von Kleidungsstücken, Rosenkränzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die
+Gegenstände haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und
+Gran-Para angehört, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco über
+Trageplätze und die Flußverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und
+mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen
+den Seuchen, die in den Raudales so häufig sind, erlegen und ihre Kisten
+den Indianern in die Hände gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich
+mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besaßen, beerdigen lassen. Nach
+diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Mährchen von einem versteckten
+Schätze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Trümmern liegende
+Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die französischen
+Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, für ein _Inca pilca_,
+das heißt für ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene
+Schatz nur einem Orden gehört haben, der ohne Zweifel die Missionen besser
+verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen
+Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr übertrieben worden
+sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen
+keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren
+von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen
+sollten. Man zog daraus den falschen Schluß, die Schätze seyen allerdings
+vorhanden gewesen, aber treuen Indianern überantwortet und in den
+Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens
+versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniß beibringen, aus dem
+unzweifelhaft hervorgeht, daß der Vicekönig von Neu-Grenada die Jesuiten
+vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco,
+ein spanischer Genieofficier, erzählte mir in Angostura, er habe mit Don
+Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionäre in Carichana zu
+verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den
+Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine
+der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach
+langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem
+der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionäre am
+Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in
+Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei
+Vorsichtsmaßregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der
+Regierung, deren Befehle mit unnöthiger, unvernünftiger Strenge vollzogen
+wurden.
+
+Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales
+geschafft; sie schienen mit dem mäßigen Lohne, der ihnen gereicht wurde
+[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschäft bringt ihnen
+wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jämmerlichen Zuständen
+und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben,
+merke ich hier an, daß der Missionar in drei Jahren, außer den Fahrzeugen,
+welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jährlich nach Angostura
+schickt, um die Löhnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fünf Piroguen
+vom obern Orinoco, die zur Schildkröteneierernte fuhren, und acht mit
+Handelsgut beladene Canoes sah.
+
+Am 17. April. Nach dreistündigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens
+bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea ließ mit unsern Instrumenten den
+wenigen Mundvorrath einschiffen, den man für die Reise, die er mit uns
+fortsetzen sollte, hatte auftreiben können: ein paar Bananenbüschel,
+Manioc und Hühner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluß des
+Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen
+weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur großen Familie der
+Salivas-Völker gehören. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre
+Gutmüthigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu rühmen.
+
+Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen
+Stunden gingen wir über den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei
+Hochwasser leicht zu überwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette
+Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiß, nicht aus geschichtetem Granit
+besteht. Auffallend war uns eine Reihe großer Löcher mehr als 180 Fuß über
+dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen
+scheinen. Wir werden später sehen, daß diese Erscheinung beinahe in
+derselben Höhe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50
+Meilen gegen Ost beim Einfluß des Rio Jao vorkommt. Wir übernachteten im
+Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schön
+und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, daß ich mit dem
+Nivellement des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um
+die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont wäre mir auf dieser
+Reise von großem Nutzen gewesen.
+
+Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor
+Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten
+Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluß des Rio Tomo an; die Indianer
+lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es
+war gegen fünf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine
+geringe Aufgabe, die Strömung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu
+überwinden, die sich von einer mehrere Fuß hohen Gneißbank stürzt. Ein
+Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Hälften theilt; man
+band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe
+genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere
+getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures
+hatten auftreiben können, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, daß auf
+dem natürlichen Wehr, über das sich der Strom stürzt, ein beträchtliches
+Stück Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere
+Pirogue heraufschaffen.
+
+Der Gneißfels hat kreisrunde Löcher, von denen die größten 4 Fuß tief und
+18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen
+durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Körper entstanden zu seyn.
+Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht
+gefährlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um
+ihm den quälenden Durst zu löschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in
+einem der Felslöcher einen kühlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von
+Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und
+Grenadillen oder Früchten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_
+genannt, mitgenommen. Da wir gar kein großes Gefäß hatten, in dem man
+Flüssigkeiten mischen konnte, so goß man mit einer _Tutuma_ (Frucht der
+_Crescentia Cujete_) Flußwasser in eines der Löcher und that den Zucker
+und den Saft der sauren Früchte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir
+ein treffliches Getränke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren
+Ort; aber der Drang des Bedürfnisses machte uns von Tag zu Tag
+erfinderischer.
+
+Nachdem wir unsern Durst gelöscht, hatten wir große Lust zu baden. Wir
+untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und
+bemerkten, daß er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen
+das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim
+Getöse des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwähne dieser
+kleinen Umstände, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern,
+und dann weil sie allen, die große Reisen zu unternehmen gedenken,
+augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umständen im Leben sich Genuß
+verschaffen kann.
+
+Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue über den Raudal
+heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorräthe wieder ein und wir
+eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt,
+die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluß ist 800 Toisen breit, und wir
+mußten oberhalb des Katarakts schief darüber fahren, an einem Punkt, wo
+das Wasser, weil das Bett stärker fällt, dem Wehr zu, über das es sich
+stürzt, mit großer Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter
+überrascht, bei dem zum Glück kein starker Wind ging, aber der Regen goß
+in Strömen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der
+Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal
+näher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die
+Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfänglichen
+Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und
+wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an.
+
+Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei
+Blitzschläge waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz
+hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich führe diesen Fall an,
+weil man in diesen Ländern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf
+ihrer Oberfläche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, daß der Blitz
+seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster.
+Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis
+auf die Haut durchnäßt. Wie der Regen nachließ, kamen auch die Zancudos
+wieder mit dem Heißhunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer
+zeigen. Meine Gefährten waren unschlüssig, ob wir im Hafen im Freien
+lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuß fortsetzen sollten.
+Pater Zea, der in beiden Raudales Missionär ist, wollte durchaus noch nach
+Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission
+ein großes Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. »Sie finden dort,«
+meinte er naiv, »dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich
+weder Tisch noch Bank, aber Sie hätten nicht so viel von den Mücken zu
+leiden; denn so unverschämt sind sie in der Mission doch nicht wie am
+Fluß.«
+
+Wir folgten dem Rath des Missionärs und er ließ Copalfackeln anzünden, von
+denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefüllte Röhren von
+Baumwurzeln. Wir gingen anfangs über kahle, glätte Felsbänke und dann
+kamen wir in sehr dichtes Palmgehölz. Zweimal mußten wir auf Baumstämmen
+über einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind
+wunderlich zusammengesetzt (der hölzerne Docht umgibt das Harz), geben
+mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefährte, Don Nicolas
+Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm über den
+Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wußten,
+wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glück war der Grund nicht tief und
+er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich
+ziemlich fertig auf spanisch ausdrückte, ermangelte nicht, davon zu
+sprechen, daß wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern
+angegriffen werden könnten. Solches ist eigentlich die obligate
+Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die
+Indianer glauben, wenn sie dem europäischen Reisenden Angst einjagen, sich
+nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der
+plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie
+überall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und
+Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da
+etwas quälerischen Regiment der Mönche sucht er seine Lage durch die
+kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und
+jeder physischen und geistigen Schwäche sind.
+
+Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel
+uns der Anblick und die Verödung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen
+im tiefsten Schlaf; man hörte nichts als das Geschrei der Nachtvögel und
+das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen
+Ruhe der Natur hat das eintönige Brausen eines Wasserfalls etwas
+Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem
+kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegründet
+wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt
+als Atures.
+
+Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht,
+wie alle Wasserfälle, durch den Widerstand den der Fluß findet, indem er
+sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den
+Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den
+ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas
+den Beweis zu liefern, daß sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt
+bedeutend erleichtern ließe, wenn man zwischen zwei Nebenflüssen des
+Orinoco, in einem Thal, das früher das Strombett gewesen zu seyn scheint,
+einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den
+Quellen der Flüsse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette
+von Granithügeln aus. Von dieser Kette kommen drei Flüßchen herab, die den
+Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, nämlich am östlichen Ufer der
+Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures
+gegenüber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurück und bilden, wie eine
+felsigte Küste, eine nach Südwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluß des
+Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses großartigen
+Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt.
+
+Gegenwärtig fließt der Orinoco am Fuß der östlichen Bergkette. Vom
+westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem
+tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum
+dreißig Fuß über dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem
+trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstämmen die
+kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Hütten. Im trockenen
+Grund, der in gerader Linie von Süd nach Nord läuft, vom Cameji zum
+Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithügel, ganz ähnlich
+denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz
+ähnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im
+verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und
+Camanitamini verglich, die östlich von der Mission gleich alten Burgen
+mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das
+inselhafte Ansehen auch der vom gegenwärtigen Stromufer entlegensten
+Hügel, die Löcher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespült zu haben
+scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie
+die Höhlungen an der Insel Ouvitari gegenüber -- alle diese Umstände
+zusammen beweisen, daß diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter
+Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es
+wegen des Dammes gegen Nord nicht abfließen konnte; als aber dieser Damm
+durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine
+ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann
+annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefüllt, den
+wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als
+das Wasser allmälig fiel, zog es sich ganz gegen die östliche Kette und
+ließ den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze
+Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herrührt, scheinen die
+Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem
+Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, daß hier
+einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluß hinauf, so ladet man die
+Fahrzeuge am Einfluß des Toparo in den Orinoco aus und übergibt sie den
+Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, daß sie für jede Staffel
+einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluß des
+Cameji, wo die Gefahr für überstanden gilt.
+
+Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei
+Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren
+beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von
+Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke
+von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdämmen zwischen
+diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Dämmen oder natürlichen Wehren
+sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der
+Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Süd nach
+Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen
+neun Fuß hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall.
+Aber, ich muß das wiederholen: das Getöse, mit dem die Wasser
+niederstürzen, gegen einander stoßen und zerstäuben, hängt nicht sowohl
+von der absoluten Höhe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr
+von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuß
+der Raudalitos oder partiellen Fälle, von der größeren oder geringeren
+Weite der Kanäle, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuß breit ist.
+Die östliche Hälfte der Katarakten von Maypures ist weit gefährlicher als
+die westliche, weßhalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes
+vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei
+niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muß man die
+Piroguen *tragen*, das heißt auf Walzen oder runden Baumstämmen schleppen.
+Wir haben schon oben bemerkt, daß bei Hochwasser (aber nur dann) der
+Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures.
+
+Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Großartigkeit mit Einem Blicke
+zu umfassen, muß man sich auf den Hügel Manimi stellen, einen Granitgrat,
+der nördlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts
+ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi
+besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an
+diesem außerordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel.
+Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile
+weit, eine Schaumfläche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen
+eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen,
+abgerundete Massen, Basalthügeln ähnlich; andere gleichen Thürmen,
+Castellen, zerfallenen Gebäuden. Ihre düstere Färbung hebt sich scharf vom
+Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen
+kräftiger Bäume bewachsen. Vom Fuß dieser Felsen an schwebt, so weit das
+Auge reicht, eine dichte Dunstmasse über dem Strom, und über den
+weißlichen Nebel schießt der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese
+großartigen Gewächse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der
+_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm über 80 Fuß
+hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blätter dieser Palme sind sehr
+glänzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich
+die Schaumfläche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die
+Palmen ihre gewaltigen Schatten darüber, bald bricht sich der Strahl der
+untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhüllt.
+Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im
+Spiel der Lüfte schwebt ihr Bild über der Fläche.
+
+Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Hügel Manimi vor
+einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole,
+was ich schon einmal geäußert: weder die Zeit, noch der Anblick der
+Cordilleren und der Aufenthalt in den gemäßigten Thälern von Mexico haben
+den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich
+gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren
+Hauptreize strömende Wasser und ein kräftiger Pflanzenwuchs sind, so
+schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen über einer
+Dunstschicht emporragen. Es ist mit den großartigen Naturscenen, wie mit
+dem Höchsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurück, die
+immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung
+mischen, so oft etwas Großes und Schönes uns die Seele bewegt.
+
+Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz,
+wie er diesem Himmelsstriche eigenthümlich ist. Nie bewegt hier ein
+Windhauch das Laub der Bäume, nie trübt eine Wolke den Glanz des blauen
+Himmelsgewölbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet,
+über dem Boden, den Gewächse mit glänzenden Blättern bedecken, über dem
+Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat für den
+Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes.
+Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu
+Fels niederstürzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft
+der Donner aus dem Gewölk mit dem Donner der Wasserfälle sich mischt, wo
+am düstern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in
+den Wipfeln der Tannen hängen. In den Niederungen der Festländer unter den
+Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine
+Großartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verläugnet, wo eines
+der Elemente mit unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen hat. In der Nähe
+des Aequators kommen heftige Stürme und Ungewitter nur auf den Inseln, in
+pflanzenlosen Wüsten, kurz überall da vor, wo die Luft auf Flächen mit
+sehr abweichender Strahlung ruht.
+
+Der Hügel Manimi bildet die östliche Grenze einer Ebene, aus der man
+dieselben, für die Geschichte der Vegetation, das heißt ihrer allmähligen
+Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen
+beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der
+Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen,
+dessen kahle Bänke wagerecht daliegen. Diese mit den schönsten,
+wohlriechendsten Gewächsen geschmückten Landeilande gleichen den mit
+Blumen bedeckten Granitblöcken, welche die Alpenbewohner Jardins oder
+Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen.
+Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugänglichen Klippen wächst
+die Vanille. Bonpland hat ungemein gewürzreiche und außerordentlich lange
+Schoten gebrochen.
+
+An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuß des Felsen
+Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuß lange
+Schlange todt, die wir mit Muße untersuchen konnten. Die Macos nannten sie
+_Camudu_; der Rücken hatte auf schön gelbem Grunde theils schwarze, theils
+braungrüne Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten
+rautenförmige Flecken. Es war ein schönes, nicht giftiges Thier, das, wie
+die Eingeborenen behaupten, über 15 Fuß lang wird. Ich hielt den Camudu
+Anfangs für eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, daß bei ihm die
+Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine
+Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht,
+denn große Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, daß alle Pythons
+der alten, alle Boas der neuen Welt angehören. Da die Boa des Plinius(47)
+eine afrikanische und südeuropäische Schlange war, so hätte DAUDIN wohl
+die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen
+sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar
+große Vierfüßer packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen
+zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und
+von der Küste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewöhnt man
+sich doch nur schwer daran, daß es in der Halbkugel, in der Virgil die
+Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage
+weit südlicheren Völkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll.
+Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue
+Vorschläge zur Abänderung vermehren, und bemerke nur, daß, wo nicht der
+große Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionäre und die
+*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut
+die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, ächte Boas mit einfachen
+Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu ähnlichen
+Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die
+Traga Venadas haben auf dem Rücken keine Querstreifen, sondern eine Kette
+rautenförmiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise
+an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder
+_Culebras de agua_.
+
+Geht man nach Westen, so sieht man die runden Hügel oder Eilande im
+verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen
+in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im
+Lande berühmt wegen eines weißen, weithin glänzenden Flecks, in dem die
+Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile
+Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weiße Fleck ein
+mächtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gänge sie im Granit, der in
+Gneiß übergeht, häufig bilden. Gegenüber dem Keri oder *Mondfelsen*, am
+Zwillingshügel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist,
+zeigen einem die Indianer mit geheimnißvoller Wichtigkeit einen ähnlichen
+weißen Fleck. Derselbe ist scheibenförmig, und sie sagen, es sey das Bild
+der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden
+Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen
+Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die ältesten
+geschichtlichen Denkmäler der Völker sind, so haben die Sprachforscher die
+Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_,
+das in einem semitischen Dialekt ursprünglich Sonne bedeutet zu haben
+scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen
+Anlaß gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott
+der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen
+gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus
+sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel
+alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen,
+zufälligen Lautähnlichkeit in Sprachen schließen, die sonst nichts mit
+einander gemein haben?
+
+Betrachtet man die Namen der von den spanischen Mönchen gestifteten
+Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevölkerungselemente,
+mit denen sie gegründet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die
+Jesuiten, als sie diese Dörfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die
+Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegründet,
+vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen
+und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und
+vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovölker angehören. Zur
+Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich;
+sie zählte 600 Einwohner, darunter mehrere weiße Familien. Unter der
+Verwaltung der Observanten ist die Bevölkerung auf weniger als 60
+herabgesunken. Man kann überhaupt annehmen, daß in diesem Theile von
+Südamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurückgegangen ist,
+während wir jenseits der Wälder, in den Provinzen in der Nähe der See,
+Dörfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind
+ein sanftmüthiges, mäßiges Volk, das sich auch durch große Reinlichkeit
+auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wüsten Hang zu
+geistigen Getränken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos,
+Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den
+übermäßigen Genuß der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getränke,
+die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfrüchten zu bereiten
+wissen; die Reisenden haben aber, wie gewöhnlich, für allgemeine Sitte
+ausgegeben, was nur einzelnen Stämmen zukommt. Sehr oft konnten wir
+Guahibos oder Macos-Piaroas, die für uns arbeiteten und sehr erschöpft
+schienen, nicht vermögen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die
+Europäer müssen erst länger in diesen Ländern gesessen haben, ehe sich die
+Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Küsten bereits so gemein
+sind. In Maypures fanden wir in den Hütten der Eingeborenen eine Ordnung
+und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Häusern der Missionäre
+selten begegnet.
+
+Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund
+Manioc in Kuchen oder dünnen Scheiben, das landesübliche Brod, kosten
+sechs Silberrealen, ungefähr vier Franken. Wie die meisten Indianer am
+Orinoco haben auch die in Maypures Getränke, die man nahrhafte nennen
+kann. Eines dieser Getränke, das im Lande sehr berühmt ist, wird von einer
+Palme gewonnen, die in der Nähe der Mission, am Ufer des Auvana wild
+wächst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Blüthentraube 44,000
+Blüthen geschätzt; der Früchte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es
+ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten
+lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das
+zuckersüß ist, und sofort in einem großen Gefäß mit Wasser zerstampft und
+zerrieben wird. Der kalte Aufguß gibt eine gelblichte Flüssigkeit, die wie
+Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der
+Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei
+Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken
+Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in
+die Wälder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen
+Trompete). »Dadurch«, sagen sie, »wird der Baum gezwungen im folgenden
+Jahr reichen Ertrag zu geben.« Das Volk bezahlt für diese Ceremonie, wie
+man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Völkern noch näher bei uns,
+Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafür bezahlt, daß sie
+mit Zaubersprüchen oder Gebeten die weißen Ameisen und die Heuschrecken
+vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung
+der Jahreszeiten verkehren.
+
+»_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._« (ich habe in meinem Dorfe eine
+Steingutfabrik), sprach Pater Zea und führte uns zu einer indianischen
+Familie, die beschäftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von
+Strauchwerk große, zwei und einen halben Fuß hohe Thongefäße zu brennen.
+Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des großen Volksstamms der
+Maypures eigenthümlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit
+zu treiben. Ueberall in den Wäldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz,
+stößt man, wenn man den Boden aufgräbt, auf Scherben von Töpfen und
+bemaltem Steingut. Die Liebhaberei für diese Arbeit scheint früher unter
+den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn.
+Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Trümmern einer aztekischen
+Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhügeln der Miamis, in
+Florida und überall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der
+Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und höchst auffallend ist die
+durchgängige große Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche
+civilisirten Völker, die durch ihre staatlichen und religiösen
+Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren,
+(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen,
+an einem eigenthümlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach
+denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren
+sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den
+Befestigungslinien und in den Ringwällen gefunden, die von einem
+unbekannten, gänzlich ausgestorbenen Volke herrühren. Die Malereien auf
+diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die
+Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon
+anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen
+Verzierungen, ganz wie wir sie in der Höhle von Ataruipe auf den Gefäßen
+gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre
+»_‘Grecques’_« Mäanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von
+einem großen vierfüßigen Thier, von dem ich nicht wußte, was es vorstellen
+soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich könnte bei dieser
+Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenrüssel gedenken, den ich im
+Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemälde gefunden; ich
+könnte keck die Hypothese aufstellen, das große vierfüßige Thier auf den
+Töpfen der Maypures gehöre einem andern Lande an und der Typus desselben
+habe sich auf der großen Wanderung der amerikanischen Völker von Nordwest
+nach Süd und Südost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei
+so schwankenden, auf nichts sich stützenden Vermuthungen aufhalten? Ich
+möchte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir
+vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers
+sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick
+und Zufall Figuren erzeugt, über deren Herkunft wir gar ernsthaft
+verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine
+Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde.
+
+Am geschicktesten führen die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach
+combinirten Linien aus, wie wir sie auf den großgriechischen Vasen, auf
+den mexicanischen Gebäuden in Mitla und auf den Werken so vieler Völker
+sehen, die, ohne daß sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches
+Vergnügen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die
+Arabesken, die Mäander vergnügen unser Auge, weil die Elemente, aus denen
+die Bänder bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das
+Auge verhält sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr
+derselben Formen wie das Ohr zur taktmäßigen Aufeinanderfolge von Tönen
+und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, daß beim Menschen das Gefühl
+für den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten
+Anfängen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt?
+
+Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das
+Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu
+Cylindern und arbeiten mit den Händen die größten Gefäße aus; Der
+amerikanische Indianer weiß nichts von der Töpferscheibe, die sich bei den
+Völkern des Orients aus dem frühesten Alterthum herschreibt. Man kann sich
+nicht wundern, daß die Missionäre die Eingeborenen am Orinoco nicht mit
+diesem einfachen, nützlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man
+bedenkt, daß es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf
+der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenüber, gedrungen ist.[S.
+Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde,
+besonders gelber und rother Ocker, der in Höhlungen des Sandsteins
+vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an,
+nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man
+überzieht die Malerei mit einem Firniß von _Algarobo_, dem durchsichtigen
+Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die großen Gefäße zur Aufbewahrung der
+_Chiza_ heißen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der
+Küste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiß man am Orinoco nicht allein
+von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und
+selbst von den Guamos, daß sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Früher
+war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA
+fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu
+seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren.
+
+Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleißes bei Völkern, die
+wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem übergehe,
+mache ich noch eine Bemerkung, die über die Geschichte der amerikanischen
+Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten,
+ostwärts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den großen
+canadischen Seen, findet man im Boden fast überall bemalte Topfscherben
+und daneben kupferne Werkzeuge. Dieß erscheint auffallend in einem Lande,
+wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europäer mit dem Gebrauch der
+Metalle unbekannt waren. In den Wäldern von Südamerika, die sich vom
+Aequator bis zum achten Grad nördlicher Breite, das heißt vom Fuße der
+Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte
+Töpfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur künstlich
+durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat
+man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden,
+obgleich man in den Gebirgen an der Küste und auf dem Rücken der
+Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur
+Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher rührt
+dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemäßigten und der heißen Zone? Die
+peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den
+Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre
+Sprache auf einem beschränkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint
+die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in
+Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Völker von Guyana irgend einen
+merklichen Einfluß geäußert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen
+dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die
+Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen möchten, aus
+Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Mörtel zehn bis fünfzehn Fuß
+hohe und sieben bis achttausend Fuß lange Mauern gebaut. Diese
+räthselhaften Ringwälle und Ringmauern umschließen oft gegen 150 Morgen
+Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der
+Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur
+westwärts auf dem Rücken der Gebirge; aber der Orinoco und die Länder
+zwischen diesem großen Fluß und dem Amazonenstrom scheinen niemals von
+Völkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit
+widerstanden hätten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins härteste
+Felsgestein eingegraben, so hat man doch südlich vom achten Breitengrade
+bis jetzt nie weder einen Grabhügel, noch einen Ringwall, noch Erddämme
+gefunden, wie sie weiter nordwärts auf den Ebenen von Barinas und Canagua
+vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den östlichen Stücken der
+beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von
+Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer
+ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die
+Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Völker, deren
+Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila
+entgegen treten, mochten einzelne Stämme gegen Ost in die offenen Fluren
+am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als
+in Neu-Mexico; aber in Südamerika, wo die große Völkerströmung von Nord
+nach Süd ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Rücken der
+tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben,
+in die glühend heißen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Flüssen
+überschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heißen
+Zone die Ueberfülle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und
+Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschränkten,
+Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes bedürfen, nicht aufkommen
+ließen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden
+verewigten.
+
+Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Mönche sie
+eingeführt, wieder rückwärts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der
+Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu
+machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend
+vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am
+Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur
+die schwarzen und weißen Schweine (letztere heißen französische Schweine,
+_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen)
+haben trotz der reißenden Thiere ausgedauert. Mit großem Interesse sahen
+wir um die Hütten der Indianer _‘Guacamayas’_ oder zahme Aras, die auf den
+Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist dieß die größte und
+prächtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern
+Reisen angetroffen. Sie mißt mit dem Schwanz 2 Fuß 3 Zoll, und wir haben
+sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_
+-- so heißt hier der Vogel -- das häufig gegessen wird, ist schwarz und
+etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben,
+purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine große Zierde der
+indianischen Hühnerhöfe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen,
+Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Vögel aus einer dem
+Hühnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon
+CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte
+er beobachtet, daß die Eingeborenen auf den Antillen statt Hühner Aras
+oder große Papagaien aßen.
+
+Beim kleinen Dorfe Maypures wächst ein prächtiger, über 60 Fuß hoher Baum,
+den die Colonisten _‘Frutta de Burro’_ nennen. Es ist eine neue Gattung
+_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich
+früher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und
+stehen pyramidalisch aufwärts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi,
+fälschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist berühmt, weil seine
+aromatischen Früchte, als Ausguß gebraucht, ein wirksames Fiebermittel
+sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den größten Theil des Jahres am
+dreitägigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Säckchen mit
+_fruttas de Burro_ bei sich zu führen. Unter den Tropen braucht man meist
+lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_
+oder die Fruchthülle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der
+_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von
+Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil
+gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo
+dieses herrliche Heilmittel wächst, sucht man die Fieber durch Aufgüsse
+von _Scoparia dulcis_ _‘abzuschneiden’_, oder auch durch warme Limonade
+aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde öligt und
+aromatisch zugleich ist.
+
+Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht günstig; indessen
+erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender
+Sonnenhöhen, nach denen der Chronometer für die Mission Maypures
+70° 37′ 33″ Länge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns
+gegen Norden gleich 59° 13′ 57″ gefunden. Die neuesten Karten sind in der
+Länge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie mühsam und
+qualvoll diese nächtlichen Beobachtungen waren, vermöchte ich kaum zu
+beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete
+ein paar Fuß über dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer
+dichter, je näher man gegen den künstlichen Horizont hinleuchtete. Die
+meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den
+Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere
+machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Hütten an und hängen ihre Matten
+mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29°, bei
+Tag auf 30°. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen,
+grobkörnigen Granitsand 60°,3 [48°,2 Reaumur, Gräser von frischestem Grün
+wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weißen, aber feinkörnigen und
+dichteren Granitsand 52°,5 heiß; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen
+war 47°,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuß über dem Boden
+im Schatten 29°,6, in der Sonne 36°,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang
+zeigte der grobe Sand 32°, der Granitfels 38°,8, die Luft 28°,6, das
+Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberfläche, 27°,6, das Wasser einer
+schönen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt,
+27°,8. Es ist dieß vielleicht etwas weniger als die mittlere
+Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in
+Maypures betrug 31°,10, also 1°,15 weniger als im Dorfe Atures, das um
+25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt.
+
+Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im
+kleinen Dorfe Maypures neben dem obern großen Katarakt schifften wir uns
+um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionär
+von Carichana uns überlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und
+durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich
+beschädigt; aber ihrer warteten noch größere Fahrlichkeiten. Sie mußte vom
+Rio Tuamini zum Rio Negro über eine Landenge 36,000 Fuß weit geschleppt
+werden, sie mußte über den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und
+zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und
+Seitenwände der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise
+auszuhalten.
+
+Sobald man über die großen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer
+neuen Welt; man fühlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die
+Natur selbst zwischen den cultivirten Küstenstrichen und den wilden,
+unbekannten Ländern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in
+blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami;
+ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin
+bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic
+Calitamini (so heißt dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von
+röthlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch
+ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht über 600 Toisen hoch ist.(51)
+Ich glaube, dieser gewöhnlich röthliche, zuweilen silberweiße Schimmer ist
+ein Reflex von großen Talgblättern oder von Gneiß, der in Glimmerschiefer
+übergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort,
+auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztrümmern
+und Brauneisenstein aufgelagert ist.
+
+Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der
+Bäume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schöne Färbung
+ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Rücken und Kopf schön
+sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weißer Streif lief von
+der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang,
+nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn
+man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt,
+macht, daß die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg
+entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr
+merkwürdig ist, Räderspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem
+unbekannten Geschöpf, von den Thieren mit großen Hörnern, welche zur Zeit
+der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo
+zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Mühe des
+Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures
+wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie
+die Römer über die _‘lucanischen Ochsen’_ (die Elephanten im Heere des
+Pyrrhus).
+
+Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zöge, der die kleinen Flüsse
+Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die
+Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den
+ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitän von Caracas, Guevara
+Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt
+von Maypures sind die Bodenverhältnisse so günstig, wie man sie bei Atures
+vergeblich suchte. Der Canal würde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem
+man ihn nahe an der Mündung der beiden Flüßchen oder weiter ihren Quellen
+zu anfangen ließe. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Süd Süd Ost
+nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der
+Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer
+Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden
+Nebenflüsse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen läßt. Die
+Ausführung dieses Plans wäre durchaus nicht kostspielig, da die Landenge
+größtentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver hätte man dabei
+gar nicht nöthig. Dieser Canal, der nicht über zehn Fuß breit zu seyn
+brauchte, wäre als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es
+bedürfte keiner Schleuße, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco
+gehen, würden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen
+im Raudal beschädigt; man zöge sie hinauf, und da man die Waaren nicht
+mehr auszuladen brauchte, würde viel Zeit erspart. Man hat die Frage
+erörtert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte.
+Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem
+Ministerium ertheilt habe: »Auf den Bau eines Canals bei Maypures und
+eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der
+Voraussetzung Gewicht, daß die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiß
+am obern Orinoco ernstlich beschäftigen wollte. Unter den gegenwärtigen
+Verhältnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestätischen Stromes
+gänzlich vernachlässigt bleiben sollen, wären Canäle allerdings so gut wie
+überflüssig.«
+
+Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit
+ziemlicher Beschwerde über den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei
+sehr hohem Wasserstand für gefährlich. Jenseits des Raudals fanden wir den
+Strom spiegelglatt. Wir übernachteten auf einer felsigten Insel, genannt
+Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier
+wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung
+begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem
+Felsboden, wovon schon öfters die Rede war. Ich konnte in der Nacht
+mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich
+5° 4′ 51″, ihre Länge gleich 70° 57′. Ich konnte die im Strom reflektirten
+Sternbilder benützen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die
+Moskitowolke so dick, daß ich nicht die Geduld hatte, den künstlichen
+Horizont zu richten.
+
+Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der
+Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lüftchen ließ sich spüren, denn
+südlich von Atures und Maypures herrscht beständig Windstille. Am Rio
+Negro und Cassiquiare, am Fuß des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara
+hörten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heißen Ländern einen
+ganz eigenthümlichen Reiz hat. Die Krümmungen des Stroms, die schützenden
+Berge, die undurchdringlichen Wälder und der Regen, der einen bis zwei
+Grade nördlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, mögen diese
+Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthümlich ist.
+
+In dem unter südlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen
+Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der
+Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen
+die Strömung und wird nur im Flußbett selbst gespürt. Unterhalb San Borja
+ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord
+Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herrührende
+Wind, der aber durch kleine örtliche Verhältnisse bald diese, bald jene
+Richtung bekommt. Mit diesem beständigen Wind segelt man von Gran Para bis
+Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de
+Bracamoros, am Fuß des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom
+atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm
+auf. Wenn man auf das Flußufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen
+halten; so auffallend anders sind die Verhältnisse am obern Orinoco und am
+obern Amazonenstrom.
+
+Sehr wahrscheinlich ist es diesem beständig wehenden Winde zuzuschreiben,
+daß der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am
+obern Orinoco sind die chemischen Affinitäten eingreifender und es
+entwickeln sich mehr schädliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des
+Amazonenstroms wären eben so ungesund, wenn nicht der Fluß, gleich dem
+Niger, seiner ungeheuren Länge nach von West nach Ost, also in der
+Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms
+ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe
+rückt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent
+trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuß über den Spiegel des
+atlantischen Meeres. Der obere Orinoco läuft Anfangs von Ost nach West,
+und dann von Nord nach Süd. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms
+ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein
+sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des holländischen
+und französischen Guyana, und läßt den Rotationswind nicht nach Esmeralda
+kommen; erst vom Einfluß des Apure an, von wo der untere Orinoco von West
+nach Ost über eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene läuft,
+fängt der Wind an kräftig aufzutreten; dieses Stromstück ist daher auch
+nicht so ungesund als der obere Orinoco.
+
+Als dritten Vergleichungspunkt führe ich das Thal des Magdalenenstromes
+an. Derselbe behält, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber
+sie ist ungünstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfällt,
+sondern von Süd nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde
+gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere
+Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich südlich von der Stadt
+Mompox, spürten wir niemals etwas von Wind, außer beim Anzug nächtlicher
+Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluß über Honda hinauf, so findet man
+die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im
+Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiß weit berufen. Man mag es
+anfangs auffallend finden, daß die Windstille aufhört, wenn man im obern
+Stromlauf dem Gebirge näher kommt; aber es erscheint erklärlich, wenn man
+bedenkt, daß die trockenen heißen Winde in den Llanos am Neiva von
+niedergehenden Luftströmungen herrühren. Kalte Luftsäulen stürzen von den
+*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern
+Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der
+gemäßigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwärmung des Bodens und
+durch die Nähe schneebedeckter Gebirge örtliche Luftströmungen. Jene sehr
+starken Winde am Neiva kommen nicht daher, daß die Passatwinde
+zurückgeworfen würden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht
+gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Bäumen bewachsenen Berge am
+obern Orinoco höher wären, so würden sie in der Luft dieselben raschen
+Gleichgewichtsstörungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von
+Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche
+Zusammenhang zwischen der Richtung der Ströme, der Höhe und Stellung der
+anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphäre und der Salubrität des
+Klima verdient die größte Aufmerksamkeit. Wie ermüdend und unfruchtbar
+wäre doch das Studium der Erdoberfläche und ihrer Unebenheiten, wenn es
+nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefaßt würde!
+
+Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwärts die Mündung
+des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwärts die Mündung
+des Rio Vichada. In der Nähe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser
+einen kleinen Fall, einen _‘Raudalito’_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im
+Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber,
+kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im südlichen Theil trägt
+dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des
+Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der über der Mission
+Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die höchsten in der
+ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die
+schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Süd Süd Ost nach Nord Nord
+West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethürmte Granitblöcke
+bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am
+Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der
+Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt
+der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgrüne, ins Bräunlichte
+spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Bäume mit lederartigen
+Blättern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen über die anstoßende
+Ebene und stechen ab vom glänzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft
+und auf der Wasserfläche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn
+die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kräftigen Schatten
+allmählig und die ganze Kette hüllt sich in einen leisen Dust, der weit
+satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewölbes. In diesem um
+den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die
+Lichteffekte gedämpft, und so erhält die Landschaft das Gepräge der Ruhe
+und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und
+POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt.
+
+Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der mächtige Häuptling
+der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen
+zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer
+versicherten uns, in den Wäldern am Sipapo wachse in Menge der _‘Vehuco de
+Maimure’_. Dieses Schlinggewächs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie
+Körbe und Matten daraus verfertigen. Die Wälder am Sipapo sind völlig
+unbekannt, und die Missionäre versetzen hieher das Volk der _‘Rayas’_,(52)
+»die den Mund am Nabel haben.« Ein alter Indianer, den wir in Carichana
+antrafen und der sich rühmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte
+diese kopflosen Menschen »mit eigenen Augen« gesehen. Diese abgeschmackten
+Mährchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht
+immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In
+allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefährtin der
+Leichtgläubigkeit, und man könnte meinen, die Hirngespinnste der alten
+Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn
+man nicht wüßte, daß die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie
+die Naturbildungen, überall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse
+Aehnlichkeit zeigen.
+
+Bei der Mündung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die
+Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist höchst merkwürdig;
+der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei
+auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie
+verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fünfzehn bis zwanzig Fuß hohe
+Thürmchen aus. Die einen sind von den Bäumen des Waldes beschattet, bei
+andern ist der Gipfel von Palmen gekrönt. Die Felsen sind Granit, der in
+Gneiß übergeht. Befände man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man
+glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Böhmen oder von Streitberg und
+Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundärer Kalkstein können
+keine groteskeren Formen annehmen. An der Mündung des Vichada sind die
+Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit
+Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia
+pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im nördlichen Europa so häufig
+vorkommen. Wir konnten kaum glauben, daß wir uns keine hundert Toisen über
+dem Meer, unter dem fünften Breitegrad mitten in der heißen Zone befanden,
+von der man so lange glaubte, daß keine kryptogamischen Gewächse in ihr
+vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes
+beträgt wahrscheinlich über 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In
+Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns
+über das schöne Grün der Wälder. Dieser Umstand ist für das obere
+Orinocothal charakteristisch; an der Küste von Caracas und in den Llanos
+werfen die Bäume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur
+gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden
+Felsen wuchsen mehrere große Stämme Säulencactus (_Cactus
+septemangularis_), was südlich von den Katarakten von Atures und Maypures
+eine große Seltenheit ist.
+
+Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glück, mehrere Stämme von
+_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewürzreichen Zimmtbaumes,
+der am Orinoco unter dem Namen _‘Varimacu’_ und _‘Canelilla’_ bekannt
+ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie
+bei Esmeralda und östlich von den großen Katarakten vor. Der Jesuit
+FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den
+Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis
+in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder
+*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu
+verwechseln. Diese gewürzhaften Rinden und Früchte, der Zimmt, die
+Muskatnuß, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ wären wichtige
+Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika
+bereits an die Gewürze und Wohlgerüche Ostindiens gewöhnt gewesen wäre.
+Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen
+Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingeführt hat, sind übrigens
+weniger gewürzhaft als der Ceylonzimmt, und wären solches selbst dann,
+wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet würden.
+
+Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewächsen, und es erklärt sich
+keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika
+keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekräuter hervorbringt, warum es
+in der südlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem
+indischen Festlande das Gefieder der Vögel nicht so glänzend ist wie in
+den heißen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das
+Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der
+Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehören zu den Räthseln, welche die
+Naturphilosophie nicht zu lösen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen
+hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach
+denen die Wesen über den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was
+ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in
+verschiedenen Höhen und bei verschiedenen Wärmegraden neben einander
+vorkommen; sie erforscht die Verhältnisse, unter denen sich dieser oder
+jener Organismus kräftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt;
+aber sie rührt nicht an Fragen, die unmöglich zu lösen sind, weil sie mit
+der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhängen. Ferner
+ist zu bemerken, daß die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem
+Erdball allein aus dem Einfluß der Klimate zu erklären, einer Zeit
+angehören, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man
+fortwährend an vermeintlichen Gegensätzen beider Welten festhielt und sich
+vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wüsten Egyptens und den
+Sümpfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkührlich
+angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiß
+man auch, daß die beiden Continente in ihrer unermeßlichen Ausdehnung
+Bodenstücke mit völlig übereinstimmenden Naturverhältnissen aufzuweisen
+haben. Amerika hat so dürre und glühend heiße Landstriche als das innere
+Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewürze erzeugen, zeichnen sich
+keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist
+durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum
+auf dem neuen Continent die schönen Laurineen- und Myristiceenarten nicht
+vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben
+einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Ländern des neuen
+Continents der ächte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf
+dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas,
+_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten,
+die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla
+von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die
+Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht
+für einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft
+der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen
+Pflanzenarten förderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten
+Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluß der anhaltenden
+tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_)
+am besten, dessen Frucht häufig so scharf und beißend ist als der
+ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1)
+Der neue Continent besitzt sehr starke Gewürze, Arome und vegetabilische
+Gifte, die ihm allein angehören, sich aber specifisch von denen der alten
+Welt unterscheiden; 2) die ursprüngliche Vertheilung der Arten in der
+heißen Zone ist allein aus dem Einfluß des Klimas, aus der Vertheilung der
+Wärme, wie sie im gegenwärtigen Zustand unseres Planeten stattfindet,
+nicht zu erklären, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns
+begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen
+Oertlichkeit kräftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von
+einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, daß sie
+wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmöglich sehr
+kalten Landstrichen angehören können; wir vermögen aber nicht zu erklären,
+warum keine Art aus der Familie der Melastomeen nördlich vom dreißigsten
+Breitegrad wächst, warum keine einzige Rosenart der südlichen Halbkugel
+angehört. Häufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne daß
+die Erzeugnisse gleichartig wären.
+
+Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluß mit dem Orinoco
+einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der
+bedeutendste unter den aus Westen kommenden Flüssen. Seit vierzig Jahren
+hat kein Europäer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich
+nichts in Erfahrung bringen können; ich vermuthe sie mit denen des Tomo
+auf den Ebenen südwärts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht
+zweifelhaft, daß die frühesten Missionen an den Ufern des Vichada von
+Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegründet worden sind. Noch in
+neuester Zeit sah man flüchtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna,
+einem Dorf am Meta, über den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures
+kommen, was darauf hinweist, daß die Quellen desselben nicht sehr weit vom
+Meta seyn können. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und
+spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt öden Ufern
+des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religiösen Eifers
+fielen.
+
+Nachdem wir zuerst gegen Ost am Caño Pirajavi, sodann gegen West an einem
+kleinen Fluß vorübergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem
+See Namens Nao entspringt, übernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim
+Einfluß des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist
+als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel
+von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schön; in den niedern
+Luftregionen wehte kein Lüftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke
+Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim
+Niedergehen gegen den Horizont vor die großen Nebelflecken im Schützen
+oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind
+nie lichtstärker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind.
+Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstraße, beim
+Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und
+Untergang an dem Stück des Himmels, das weiß wird aus Ursachen, welche die
+Physik noch nicht gehörig ermittelt hat.
+
+Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und
+Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, daß hier wilde
+Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die glücklicherweise keine Canoes
+bauen. Früher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit
+ihren Geschwadern von Flößen und Piroguen hier umherzogen, wäre es
+unvorsichtig gewesen, an der Mündung eines Flusses zu übernachten, der aus
+Westen kommt. Gegenwärtig, da die kleinen Niederlassungen der Europäer die
+unabhängigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdrängt haben, ist
+dieser Landstrich so öde, daß uns von Carichana bis Javita und von
+Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen
+nicht ein einziges Fahrzeug begegnete.
+
+Mit der Mündung des Rio Zama betraten wir ein Flußsystem, das große
+Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini,
+der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das
+heißt, ihr Wasser, in großen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder
+grünlich schwarz, und doch sind es die schönsten, klarsten,
+wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwähnt, daß die Krokodile
+und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast überall die
+schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser bräunen
+das Gestein nicht, und die weißen Flüsse haben schwarze, die schwarzen
+Flüsse weiße Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den
+die Europäer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, häufig blendend weiße
+Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des
+Mataveni ziemlich weiß, das des Atabapo aber behält einen braungelblichen
+Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _‘schwarzen Flüsse’_
+kräuselt, so erscheinen sie schön wiesengrün wie die Schweizer Seen. Im
+Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz.
+Diese Erscheinungen sind so auffallend, daß die Indianer aller Orten die
+Gewässer in schwarze und weiße eintheilen. Erstere haben mir häufig als
+künstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf
+zurück.
+
+Die Farbe des Quellwassers, Flußwassers und Seewassers gehört zu den
+physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar
+nicht zu lösen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz
+andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine große Masse
+Flüssigkeit durchgeht. Fände keine Absorption der Strahlen statt, so hätte
+das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementäre des
+reflektirten Lichtes wäre, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in
+einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch.
+Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den
+innern Schichten der Flüssigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht
+derselben.
+
+Berühmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so
+wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo
+keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die
+eigenthümliche Farbe des Wassers möchte blau oder grün seyn. In der That
+ist durch nichts erwiesen, daß das Wasser von Natur weiß ist und immer ein
+Farbstoff im Spiele seyn muß, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht
+gesehen, eine Färbung zeigt. Wo Flüsse wirklich einen färbenden Stoff
+enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, daß er sich jeder
+chemischen Untersuchung entzieht. Die Färbung des Meeres scheint häufig
+weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und
+der Wolken abzuhängen. Ein großer Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn,
+die verschiedene Färbung der Meere könnte daher rühren, daß das Jod in
+verschiedenen Verhältnissen darin enthalten ist.
+
+Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, daß bereits den Griechen die
+blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der
+heißen Bäder von Astyra, Lesbos gegenüber, aufgefallen waren. Manche
+Flüsse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das
+Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgrün seyn, in
+wiesengrün übergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind bräunlich, ja
+fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei
+Gewässern vor, welche für die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr
+an auf Analogien gegründete Schlüsse als an die unmittelbare Analyse
+halten müssen, um über diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu
+verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flußsystem, das wir bereist -- und
+dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _‘schwarzen
+Wasser’_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Nähe des Aequators vor. Um
+den fünften Grad nördlicher Breite fängt man an sie anzutreffen, und sie
+sind über den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad südlicher Breite
+sehr häufig. Die Mündung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3° 9′ der
+Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Wäldern und auf
+den Grasfluren weiße und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor,
+daß man nicht weiß, welcher Ursache man die Färbung des Wassers
+zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergießt, hat
+weißes Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei
+Nebenflüssen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist
+der eine weiß, der andere schwarz.
+
+Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Färbung, so
+lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von
+physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das
+Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionäre, so sprechen
+sie, als hätten sie die strengsten Beweise für ihre Behauptung, »das
+Wasser färbe sich, wenn es über Sarsaparillewurzeln laufe.« Die Smilaceen
+sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr häufig, und ihre
+Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten
+Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbüsche haben wir an Orten gesehen, wo
+die Wasser ganz weiß sind! Wie kommt es, daß wir im sumpfigten Wald, durch
+den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Caño Pimichin und an den Rio
+Negro schleppen mußten, auf demselben Landstrich jetzt durch Bäche mit
+weißem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man
+niemals einen Fluß gefunden, der seiner Quelle zu weiß und im untern Stück
+seines Laufes schwarz war? Ich weiß nicht, ob der Rio Negro seine
+braungelbe Farbe bis zur Mündung behält, obgleich ihm durch den
+Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weißes Wasser zufließt. Da LA
+CONDAMINE den Fluß nordwärts vom Aequator nicht sah, konnte er vom
+Unterschied in der Farbe nicht urtheilen.
+
+Die Vegetation ist wegen der Regenfülle ganz in der Nähe des Aequators
+allerdings kräftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Süd; es läßt sich
+aber keineswegs behaupten, daß die Flüsse mit schwarzem Wasser
+vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Wäldern entspringen. Im
+Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren,
+die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf
+einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar
+vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir
+auf, daß die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero*
+ganz ähnlich gefärbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum
+Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus
+Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fünf
+Fuß tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark
+nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden
+Arum- und Heliconienstauden herrührte, die auf den Lachen schwammen. Das
+Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei
+reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe rührt ohne Zweifel von gekohltem
+Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Düngerwasser, das unsere
+Gärtner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfließt. Läßt sich
+demnach nicht annehmen, daß auch die schwarzen Flüsse, der Atabapo, der
+Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und
+Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefärbt werden?
+Der starke Regen unter dem Aequator trägt ohne Zweifel zur Färbung bei,
+indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese
+Gedanken nur als Vermuthung. Die färbende Substanz scheint in sehr
+geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia
+oder Rio Negro sieden läßt, sah ich es nicht braun werden wie andere
+Flüssigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten.
+
+Es erscheint übrigens sehr merkwürdig, daß diese _‘schwarzen Wasser’_, von
+denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heißen Zone
+beschränkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der
+Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Königreich Quito von drei
+Bächen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die
+zwei ersteren sind weiß, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie
+das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blaßgelb bei durchgehendem
+Licht. Es ist sehr schön, und die Einwohner von Cuenca, die es
+vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille
+zu, die am Rio Yanuncai sehr häufig wachsen soll.
+
+Am 23. April. Wir brachen von der Mündung des Zama um drei Uhr Morgens
+auf. Auf beiden Seiten lief fortwährend dicker Wald am Strom hin. Die
+Berge im Osten schienen immer weiter wegzurücken. Wir kamen zuerst am
+Einfluß des Rio Mataveni, und dann an einer merkwürdig gestalteten Insel
+vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem
+Wasser empor; die Missionäre nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen
+Streifen daran sollte man schließen, daß der Orinoco, wenn er anschwillt,
+an dieser Stelle nicht über 8 Fuß steigt, und daß die hohen Wasserstände,
+die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenflüssen herrühren, die
+nördlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir
+übernachteten am rechten Ufer, der Mündung des Rio Siucurivapu gegenüber,
+bei einem Felsen, der Aricagua heißt. In der Nacht kamen zahllose
+Fledermäuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Hängematten. Ich
+habe früher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden
+anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren.
+
+Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr früh Morgens die
+Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mußten einige
+Bücher zurücklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua
+nicht finden konnten. Der Strom läuft ganz gerade von Süd nach Nord; die
+Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Wäldern beschattet. Wir
+kamen an den Mündungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorüber.
+Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _‘Conucos de Siquita’_ aus,
+Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute
+hätten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in
+der Secunde fünf Fuß zurücklegt. Dieß ist das Ergebniß einer Messung, bei
+der ich die Zeit schätzte, die ein schwimmender Körper braucht, um eine
+gegebene Strecke zurückzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die
+Mündung des Guaviare ein, fuhren über den Zusammenfluß des Atabapo mit dem
+Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir
+erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heißt im Hause des
+Missionärs, der von unserem unerwarteten Besuch höchlich überrascht war,
+uns aber nichts desto weniger mit der liebenswürdigsten Gastlichkeit
+aufnahm.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python,
+ ähnlich dem, der vom Heere des Regulus getödtet worden?
+
+ 48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel:
+ _Untersuchungen, über die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren
+ der phönicischen Sprache_.
+
+ 49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die
+ Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die
+ freie Entwicklung der Geistesthätigkeit in den Individuen
+ niederhielt.
+
+ 50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am großen Miami, aus Sandstein
+ am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen
+ lang ist.
+
+ 51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten.
+
+* 52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses
+ Namens, bei dem der Mund am Körper herabgerückt scheint.
+
+ 53 In der Jahreszeit, die man in Südamerika nördlich vom Aequator
+ Sommer heißt.
+
+ 54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_
+ (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehört zu den
+ wenigen, die seit dem höchsten Alterthum aus dem Phönicischen (einer
+ semitischen Sprache) in die abendländischen Sprachen übergegangen
+ sind.
+
+
+
+
+
+ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Flüsse Temi und
+ Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio
+ Negro.
+
+
+Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewässer des Orinoco verlassen
+und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer
+eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hören,
+und auf dem wir über den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der
+Grenze Brasiliens gelangen sollten. »Sie müssen,« sagte uns der Präsident
+der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, »zuerst den Atabapo,
+dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Können Sie bei der
+starken Strömung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so führt
+man Sie vom Flußbett weg durch die Wälder, die Sie unter Wasser finden
+werden. Auf diesem wüsten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben
+nur zwei Mönche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue
+vier Tagereisen weit über Land zum Caño Pimichin ziehen zu zu lassen.
+Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von
+Nordwest nach Südost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den
+Cassiquiare (von Süd nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist über den
+obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando.« Diesen Plan
+entwarf man uns für unsere Flußfahrt, und wir führten ihn, nicht ohne
+Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreißig Tagen
+aus. Die Krümmungen in diesem Flußlabyrinth sind so stark, daß man sich
+ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der
+Küste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania
+General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen
+könnte. Für diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen
+viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, daß der
+Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West,
+von San Fernando, also vom Zusammenfluß des Atabapo und des Guaviare an,
+bis zum Einfluß des Apure von Süd nach Nord fließt und auf dieser Strecke
+die großen Katarakten bildet, daß er endlich vom Einfluß des Apure bis
+Angostura und zur Seeküste von West nach Ost läuft. Auf der ersten
+Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die berühmte Gabelung,
+welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst
+durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco,
+der Cassiquiare, der von Nord nach Süd fließt, ergießt sich in den Guainia
+oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom fällt.
+Der natürlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para wäre also den
+Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und
+Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich
+sehr den Quellen einiger Flüsse nähert, die sich bei San Fernando de
+Atabapo in den Orinoco ergießen (am Punkte, wo der Orinoco aus der
+Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord umbiegt), so
+kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flußstrecke zwischen San
+Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San
+Fernando vom Orinoco ab, fährt die zusammenhängenden kleinen schwarzen
+Flüsse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und läßt die Pirogue über eine
+6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Caño Pimichin)
+tragen, der in den Rio Negro fällt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und
+der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von
+Guyana war, gebräuchlich geworden, ist so kurz, daß jetzt ein Bote von San
+Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt,
+während er früher über den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann
+also über den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne
+den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Strömung, des
+Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Für französische
+Leser führe ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte
+Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine
+will, könnte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der
+Cassiquiare, zwei Flußsysteme verbindet, von den Zuflüssen der Loire zu
+denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er könnte die Nièvre
+hinauffahren, über eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die
+Yonne hinab in die Seine gelangen.
+
+Wir werden bald sehen, welche Vortheile es hätte, wenn man über den
+sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal
+zöge. Käme dieser Plan einmal zur Ausführung, so hätte die Fahrt vom Fort
+San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio
+Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es
+auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwärts. Ueber den
+Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit
+unangenehmer und um die Hälfte länger als über Javita und den Caño
+Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein
+astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds
+Chronometer und durch Meridianhöhen von Gestirnen Länge und Breite von San
+Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen
+Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene
+Karte hat somit die Zweifel über die gegenseitigen Entfernungen der
+christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als
+auf vielgekrümmten, verschlungenen Gewässern, wenn in dichten Wäldern nur
+kleine Dörfer stecken, wenn auf völlig ebenem Lande kein Berg, kein
+erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur
+am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Ländern
+der heißen Zone fühlt man mehr als anderswo das Bedürfniß astronomischer
+Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nützliche Hülfsmittel, um
+Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des
+Terrains von vorne herein unerläßlich.
+
+Der Missionär von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, führt
+den Titel eines Präsidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und
+zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura
+und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem
+Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des
+_‘Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide’_. Sein Dorf sah
+etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege
+angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon
+öfters bemerkt, daß die Missionen in der Nähe der Küsten, die gleichfalls
+unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui,
+zwischen 800 und 2000 Einwohnern zählen. Es sind größere und schönere
+Dörfer als in den cultivirtesten Ländern Europas. Man versicherte uns, die
+Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gründung eine stärkere
+Bevölkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rückreise vom Rio Negro noch
+einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen,
+die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal für den Handel und
+die Gewerbe der Colonien von großer Bedeutung werden kann.
+
+San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei große Flüsse, der
+Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist
+ähnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluß des Missouri und
+des Ohio in den Mississippi. Je größeren Aufschwung der Handel in diesen
+von ungeheuren Strömen durchzogenen Ländern nimmt, desto mehr werden die
+Städte, die an zwei Flüssen liegen, von selbst Schiffsstationen,
+Stapelplätze für die Handelsgüter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater
+GUMILLA gesteht, daß zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco
+oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewußt habe. Er sagt ferner
+sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch
+dazu unsichere Auskunft über den obern Orinoco wenden müssen. Heutzutage
+erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem
+Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater
+Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen
+des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stück des letzteren
+Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet
+ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man müsse, um oberhalb der
+Katarakten und der Einmündungen des Vichada und Guaviare den Orinoco
+weiter hinaufzukommen, sich nach Südwest wenden. Zu jener Zeit hatten die
+Geographen die Quellen des Orinoco in die Nähe der Quellen des Putumayo
+und Caqueta an den östlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan
+gesetzt, also nach meinen Längenbestimmungen auf dem Rücken der
+Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige
+Angaben LA CONDAMINEs über die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs
+Annahmen Bestätigung zu finden schienen, haben Irrthümer verbreiten
+helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe
+seiner großen Karte von Südamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf
+der großen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D’ANVILLE den Rio
+Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den
+Einflüssen des Meta und des Vichada, in der Nähe des Katarakts von *los
+Astures* (Atures) abgeht. Diesem großen Geographen war damals die Existenz
+des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er ließ den Orinoco
+oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta
+entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und
+SOLANOs wurde das wahre Verhältniß bekannt. Solano war als Ingenieur bei
+der Expedition und ging im Jahr 1756 über die großen Katarakten bis zum
+Einfluß des Guaviare hinauf. Er sah, daß man, um auf dem Orinoco weiter
+hinaufzukommen, sich ostwärts wenden müsse, und daß die Wasser des
+Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da
+hereinkommen, wo der Strom unter 4° 4′ der Breite die große Wendung macht.
+Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als
+möglich zu kommen, so entschloß er sich, gegen Süd vorzudringen. Er fand
+am Zusammenfluß des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen
+Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich
+und gründete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung
+sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa*
+betitelte.
+
+Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu würdigen, muß man die
+damaligen Machtverhältnisse zwischen den kleinen Indianerstämmen in Guyana
+ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz
+der blutigen Kämpfe zwischen zwei mächtigen Völkern, den Cabres und den
+Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des
+siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des
+Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den großen
+Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfälle in die Länder am
+obern Orinoco, und zwar über die *Trageplätze* zwischen dem Paruspa und
+dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi.
+Niemand wußte so gut, wie sich die Flüsse verzweigen, wo die Nebenflüsse
+zur Hand sind, wie man auf dem kürzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben
+hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber
+Herren am untern Orinoco, so stießen sie auf Widerstand bei den
+Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und
+neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die ärgsten Anthropophagen in
+diesem Landstrich sind. Sie waren ursprünglich am großen Fluß Inirida bei
+seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore
+zu Hause. Um das Jahr 1744 hieß ihr Häuptling oder, wie die Eingeborenen
+sagen, ihr _‘Apoto’_ (König), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth
+gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo
+gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwürdigen Zug vom Orinoco an
+den Rio Negro machte, gestattete Macapu, daß der Missionar einige Familien
+Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures
+anzusiedeln. Diese Nation gehört der Sprache nach dem großen Volksstamm
+der Maypures an; sie ist gewerbfleißiger, man könnte beinahe sagen,
+civilisirter als die andern Völker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der
+Missionäre waren die Guaypunabis, als sie in diesen Ländern die Herren
+spielten, fast alle bekleidet und besaßen ansehnliche Dörfer. Nach Macapus
+Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger über, auf Cuseru, von den
+Spaniern Capitän Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien
+und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfähle waren über
+sechzehn Fuß hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage
+von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so
+wilden Lande merkwürdigen Anlagen.
+
+Am Rio Negro waren die Stämme der Marepizanas und Manitivitanos die
+mächtigsten. Die Häuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger
+Namens Imu und Cajamu; der König der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen
+wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner
+Zeit lebte noch seine Schwester in der Nähe der Mission Maypure. Man
+lächelt, wenn man hört, daß Männer wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande
+so berühmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die mächtigsten
+Fürsten. Die Häuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit
+kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde
+verwüsteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fünfzehn bis
+zwanzig spanische Soldaten zur Verfügung hatten. Horden, wegen ihrer
+Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich verächtlich, verbreiteten
+einen Schrecken, als wären es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur
+dadurch, ihre Missionen zu retten, daß sie List wider Gewalt setzten. Sie
+zogen einige mächtige Häuptlinge in ihr Interesse und schwächten die
+Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den
+Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfällen der Caraiben nichts
+mehr zu befürchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo
+niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Völker vom
+obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos,
+fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Führung von Zeit zu Zeit in das Land
+nordwärts von den großen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggründe zur
+Feindseligkeit als Haß. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es früher bei den
+Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald
+lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Holländern oder _Paranaquiri_
+(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder
+_Jaranavi_ (*Musikantensöhne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die
+Habsucht der Europäer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen
+gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251]
+Ueberall führt der Verkehr zwischen Völkern auf sehr verschiedenen
+Bildungsstufen zum Mißbrauch der physischen Gewalt und der geistigen
+Ueberlegenheit. Phönizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in
+Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Ländern,
+wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es
+dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die
+Erzeugnisse seines Gewerbfleißes zuführt.
+
+Ich habe hier treu berichtet, was ich über die Zustände eines Landes in
+Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Völker nach und nach absterben
+und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer
+Sprache, welche die siegenden Völker in die ihrige aufnehmen. Wir haben
+gesehen, daß im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die
+Cabres, südwärts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die
+Marepizanos und Manitivitanos die mächtigsten Nationen waren. Der lange
+Widerstand, den die unter einem tapfern Führer vereinigten Cabres den
+Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht.
+Sie hatten ihre Feinde an der Mündung des Rio Caura geschlagen; eine Menge
+Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des
+Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden
+verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie
+sie den Völkern Süd- wie Nordamerikas eigen ist, ließen sie Einen Caraiben
+am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum
+steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon überbringen mußte. Der
+Siegesrausch Teps, des Häuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die
+Caraiben kamen in solcher Masse wieder, daß nur kümmerliche Reste der
+menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero übrig blieben.
+
+Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen
+einander, als Solano an der Mündung des Guaviare erschien. Ersterer hatte
+für die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der
+Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die
+christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren.
+Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im
+Gefecht an seine linke Hüfte ein Crucifix gebunden, das die Missionäre ihm
+geschenkt und mit dem er sich für unverletzlich hielt. Man erzählte uns
+eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit
+ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Häuptlings vom Rio
+Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater
+erklärte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib
+gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da
+nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und
+schoß ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer
+kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen
+Häuptling der Guaypunabis in üble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf
+ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu
+verstehen, wie es sein Vortheil wäre, sich mit den Christen zu vertragen.
+Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man köderte ihn mit
+Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, daß man nächstens seinen
+Feinden den Garaus machen werde. Er war König gewesen, nunmehr ward er
+Dorfschulze und ließ sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen
+Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende
+nahmen meist jene Häuptlinge, welche bei Reisenden und Missionären
+indianische Fürsten heißen. »In meiner Mission,« sagt der gute Pater GILI,
+»hatte ich fünf _‘Neyecillos’_ (kleine Könige) der Tamanacos, Avarigotos,
+Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben
+einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti,
+dem Könige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gründung des
+Dorfs unterstützt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung.« Wir
+sind auch Pater Gili’s Meinung, daß ehemalige, von ihrer Höhe
+herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen
+sind.
+
+Als Cuseru, der Häuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch
+die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am
+Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das
+denn auch nicht ausblieb. »Laßt mich,« sagte Cuseru zu den Jesuiten, »mit
+den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so
+habt ihr später mit so vielen Leuten zu leben.« Solano, in seiner
+Ungeduld, weiter vorzudringen, hörte nicht auf den Rath des indianischen
+Häuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen
+Schrecknissen der Hungersnoth. Man ließ mit großen Kosten zu Schiff auf
+dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorräthe langten
+aber zu spät an, und viele Europäer und Indianer erlagen den Krankheiten,
+die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen
+moralischen Kraft sind.
+
+Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat
+eine kleine Pflanzung von Cacaobäumen. Die Bäume tragen vom fünften Jahr
+an reichlich, aber sie hören damit früher auf als in den Thälern von
+Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzüglicher Güte. Gin _Almuda_, deren
+zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa
+4 Franken, an den Küsten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission
+erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Mißbrauch, die
+Missionäre am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so
+wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von
+dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar
+Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kühe darauf,
+Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land
+gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern
+Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der
+eingeborenen Race.
+
+Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der
+Landschaft einen eigenthümlichen Charakter gibt, das ist die _‘Pihiguao’_-
+oder _‘Pirijao’_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist über sechzig
+Fuß hoch; die Blätter sind gefiedert, sehr schmal, wellenförmig und an den
+Spitzen gekräuselt. Höchst merkwürdig sind die Früchte des Baumes; jede
+Traube trägt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth,
+sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur
+Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschließlich der neuen
+Welt angehören und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_
+aufgezählt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so außerordentlich stark
+entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthält einen mehligten, eigelben,
+nicht stark süßen, sehr nahrhaften Stoff. Man ißt sie wie die Banane und
+die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so
+gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionäre erschöpfen
+sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _‘Pfirsichpalme’_ nennen
+könnte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, überall,
+wohin wir nach Süd und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge
+angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkührlich
+der Behauptung LINNÉs, die Palmenregion sey die ursprüngliche Heimath
+unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein
+_‘Palmfruchtesser’_.(56) Mustert man die Vorräthe in den Hütten der
+Indianer, so sieht man, daß mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des
+Pirijao für sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die
+Banane. Der Baum trägt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also
+150--200 Früchte.
+
+San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die
+bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den
+benachbarten Dörfern San Balthasar und Javita, fanden wir hübsche
+Pfarrhäuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gärten umgeben. Die
+schlanken Stämme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde
+dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergängen erzählte uns der Pater
+Präsident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach
+davon, wie sehr sich die Indianer auf Züge »zur Eroberung von Seelen«
+freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen.
+Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf
+entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjährige Kinder fort und
+vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder
+_Poitos_. Die Reisetagebücher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefällig
+mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter
+unten, wenn von den Hauptnebenflüssen des Orinoco die Rede wird, vom
+Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht
+dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, daß es, nach meinen astronomischen
+Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der
+Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten
+Dörfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als
+107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die früher westlich von
+der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie
+haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heißen) auf dem
+Guaviare bis über die _Angostura_ (den Engpaß) und den Hauptwasserfall
+hinauf, in drei Tagereisen Entfernung bärtige und bekleidete Männer
+getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkröte suchten. Darüber waren die
+Indianer so erschrocken, daß sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare
+wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weißen, bärtigen Männer
+aus den Dörfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Flüsse Ariari und
+Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, daß die
+Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe
+sie bei den Missionären von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In
+diesen öden Landstrichen kann man nur durch Längenbeobachtungen die wahren
+Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und
+den Erkundigungen, die ich in den Klöstern zu Popayan und Pasto westwärts
+von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen
+Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am
+Atabapo, Guayavero und Caqueta.
+
+So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die
+Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Bäume am
+Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken
+mit langen Füßen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb
+der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser
+des Orinoco ist trübe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es
+wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Körper einen
+bisamartigen, süßlichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu können,
+mußten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo
+dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei
+reflektirtem Licht bräunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt
+dasselbe »leicht,« im Gegensatz zum trüben, schweren Orinocowasser. Es ist
+meist um 2°, der Einmündung des Rio Temi zu um 3° kühler als der obere
+Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad
+[22°,4--22°,8 Reaumur] trinken muß, hat man schon bei ein paar Graden
+weniger ein äußerst angenehmes Gefühl. Diese geringere Temperatur rührt
+wohl daher, daß der Fluß nicht so breit ist, daß er keine sandigten Ufer
+hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und daß der
+Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Wäldern beschattet
+sind.
+
+Daß die schwarzen Wasser ungemein rein seyn müssen, das zeigt ihre
+Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die
+umgebenden Gegenstände nach Umriß und Färbung darin spiegeln. Auf 20--30
+Fuß tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf
+den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der
+Farbe des Flusses, gelblich oder bräunlich, sondern blendend weißer Quarz-
+und Granitsand. Nichts geht über die Schönheit der Ufer des Atabapo; ihr
+üppiger Pflanzenwuchs, über den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft
+steigen, spiegelt sich im Fluß. Das Grün am reflektirten Bilde ist ganz so
+satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die
+Wasserfläche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Trümmern, die
+auf der Oberfläche minder heller Flüsse Streifen und Unebenheiten bilden.
+
+Wo man vom Orinoco abfährt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, über mehrere
+kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergießt sich, wie die
+Missionäre annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht
+ergießt sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen
+sollte man der Flußstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben.
+Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weißes Wasser und
+der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsänger, seine
+Fische, die großen Krokodile, die darin hausen, machen, daß er dem Orinoco
+weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda
+herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich
+breiten Flüsse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als
+die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch
+heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider läuft. Sie
+behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Flüssen, aus dem Guaviare und
+dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von
+San Fernando und Santa Barbara bis über Esmeralda hinauf. Dieser Annahme
+zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio
+Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, daß diese
+Benennungen völlig willkührlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen
+Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der
+Flüsse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan,
+Flüsse, die unter einander zusammenhängen und Ein System bilden, durch
+eine Gebirgskette getrennt seyn läßt. Will man einen der beiden Zweige,
+die einen großen Fluß bilden, nach dem letzteren benennen, so muß man den
+Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten,
+wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen
+Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als wäre
+letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern
+Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga
+und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben
+bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein
+willkührlich angenommene Flußnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren,
+schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und
+den spanischen Geographen den Fluß bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder
+obern Orinoco, bemerke aber, daß, wenn man den Orinoco von San Fernando de
+Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenüber bildet, als
+eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stück des obern Orinoco zwischen
+Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluß betrachtete,
+der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang
+der Anden bis zu seiner Mündung eine gleichförmigere und natürlichere
+Richtung von Südwest nach Nordost hätte.
+
+Der Rio Paragua, oder das Stück des Orinoco, auf dem man ostwärts von der
+Mündung des Guaviare hinauffährt, hat klareres, durchsichtigeres und
+reineres Wasser als das Stück unterhalb San Fernando. Das Wasser des
+Guaviare dagegen ist weiß und trüb; es hat, nach dem Ausspruch der
+Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geübt sind, denselben Geschmack
+wie das Wasser des Orinoco in den großen Katarakten. »Gebt mir,« sagte ein
+alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, »Wasser aus drei, vier
+großen Flüssen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack
+zuverlässig, wo das Wasser geschöpft worden, ob aus einem weißen oder
+einem schwarzen Fluß, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua
+oder dem Guaviare.« Auch die großen Krokodile und die Delphine (Toninas)
+haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese
+Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco
+zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Dieß sind doch sehr
+auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewässer
+und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie
+aufzuzählen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, daß der obere Orinoco
+östlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergießender
+Fluß, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu
+suchen sey. Die europäischen Geographen haben sicher unrecht, daß sie die
+Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natürlichen Geographen
+ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht
+selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch
+selbst beizubehalten.
+
+Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir
+die Breite nicht so bestimmt, als zu wünschen war. Der Himmel war bewölkt
+und ich konnte nur ein paar Höhen von α im Centaur und dem schönen Stern
+am Fuß des südlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Höhen schien mir die
+Breite der Mission San Fernando gleich 4° 2′ 48″; Pater CAULIN gibt auf
+der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt,
+4° 4′ an. Diese Uebereinstimmung spricht für die Richtigkeit meiner
+Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Höhen ziemlich weit vom
+Meridian gründet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir für
+San Fernando 4° 2′. (GUMILLA setzte den Zusammenfluß des Atabapo und
+Guaviare unter 0° 30′, D’ANVILLE unter 2° 51′). Die Länge konnte ich auf
+der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rückweg von diesem Fluß sehr genau
+bestimmen: sie ist 70° 30′ 46″ (oder 4° 0′ westlich vom Meridian von
+Cumana). Der Gang des Chronometers war während der Fahrt im Canoe so
+regelmäßig, daß er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden
+abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfältig rectificirte
+Inclination der Magnetnadel gleich 29° 70, die Intensität der Kraft 219.
+Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem
+Breitenunterschied von 1° 11′ beträchtlich kleiner und weniger geworden.
+Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschüssiger Sandstein, sondern
+Granit, in Gneiß übergehend.
+
+Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurück und lagerten zur
+Nacht auf einem Felsen in der Nähe der indianischen Pflanzungen oder
+Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der
+Fluß, wenn er anschwillt, sich in die Wälder verläuft, kann man nur da
+landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich über das Wasser erhebt.
+Der Atabapo hat überall ein eigenthümliches Ansehen; das eigentliche Ufer,
+das aus einer acht bis zehn Fuß hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es
+versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Bäumen mit sehr
+dünnen Stämmen, deren Wurzeln vom Wasser bespült werden. Vom Punkt, wo man
+vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile,
+und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, daß dieses Flußstück zum
+Guaviare, nicht zum Atabapo gehört. Im eigentlichen Bett des letzteren
+oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da
+einen *Bava* an und viele *Süßwasser-Delphine*, aber keine Seekühe. Man
+sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder großen
+Brüllaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube,
+den sogenannten _‘Guacharaca’_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der
+*Boa* gleich, sind leider sehr häufig und werden den Indianern beim Baden
+gefährlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer
+Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuß lang waren. Die Jaguars am Atabapo
+und Temi sind groß und gut genährt, sie sollen aber lange nicht so keck
+seyn als die am Orinoco.
+
+Am 27. April. Die Nacht war schön, schwärzlichte Wolken liefen von Zeit zu
+Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der
+Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in
+tausend Toisen Höhe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir
+bemerkten, war keine Folge von Gegenströmungen (von West nach Ost), wie
+man sie zuweilen in der heißen Zone auf den höchsten Gebirgen der
+Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie rührte vielmehr von einer
+eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhöhe von α im
+südlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um
+8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3° 53′ 55″. Das
+schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese
+Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnügen, als wir auf den Flüssen
+mit weißem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar
+zerstochen worden waren, während Bonpland die Zeit am Chronometer
+beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den
+Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Süden hinauf und sahen
+den Fluß oder vielmehr den von Bäumen freien Theil seines Bettes immer
+schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an
+diese Wälder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht
+gewöhnt, und so wunderten wir uns beinahe, daß wir die Araguatos nicht
+mehr brüllen hörten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe.
+Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Süßwasser-Delphin
+der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen;
+aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es
+nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Mündung des Orinoco über 320.
+
+Gegen Mittag lag gegen Ost die Mündung des kleinen Flusses Ipurichapano,
+und später kamen wir am Granithügel vorbei, der unter dem Namen *piedra
+del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuß hoch
+und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fünften Grad der
+Breite, etwas südlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das südliche
+Ende der *Kette der Katarakten*, für die ich in einer im Jahr 1800
+veröffentlichten Abhandlung den Namen _‘Kette der Parime’_ in Vorschlag
+gebracht habe. Unter 4° 20′ streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost
+und Ost-Süd-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und
+dem Amazonenstrom, über den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen,
+ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene
+Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schlösser. Wir
+bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu
+haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes,
+freies Stück Land, groß genug, um unser Feuer anzünden und unsere
+Instrumente und Hängematten unterbringen zu können.
+
+Am 28. April. Der Regen goß seit Sonnenuntergang in Strömen; wir
+fürchteten unsere Sammlungen möchten beschädigt werden. Der arme Missionär
+bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht
+weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den
+Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem östlichen Ufer, ist eine kahle,
+mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte
+mich in das nördliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiß- und
+Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien
+schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_
+und _L. polymorphus_ Linnés. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma
+hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer
+Rechten die Trümmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem
+andern, östlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen
+riesenhaften Käsebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den
+Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war
+gegen 120 Fuß hoch und hatte 14--15 Fuß Durchmesser. Ein so
+außerordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am
+Atabapo nur kleine Bäume mit dünnem Stamm, von weitem jungen Kirschbäumen
+ähnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese
+kleinen Bäume eine nur wenig verbreitete Gewächsgruppe. Sie werden durch
+das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen
+am Atabapo, Temi und Tuamini wächst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese
+Wälder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen
+unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige
+Vorstellung machen will), diese Wälder erstrecken sich nicht ohne
+Unterbrechung ostwärts und westwärts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es
+liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida
+dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Mühe gegen die Strömung vorwärts,
+und wir übernachteten in einem Gehölz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist
+wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht läuft; wir fanden eine
+Gruppe schöner schwarzer Schörlkrystalle darin.
+
+Am 29. April. Die Luft war kühler; keine Zancudos, aber der Himmel
+fortwährend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern
+Orinoco zu wünschen. Bei der starken Strömung kamen wir wieder nur langsam
+vorwärts. Einen großen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu
+suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen,
+oder, wie die Mönche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen
+Häuptlings ist), in der Mission _‘la divina Pastora de Balthasar de
+Atabapo’_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionär, einem muntern
+liebenswürdigen Mann, der hier in der Wildniß ganz die seinem Volksstamm
+eigenthümliche Thätigkeit entwickelte. Er hatte einen schönen Garten
+angelegt, wo der europäische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem
+Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmäßigen Plan gebaut,
+wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den
+Gemeinden der mährischen Brüder sieht. Die Pflanzungen der Indianer
+schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal
+den weißen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _‘Dapicho’_ und
+_‘Zapis’_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, daß derselbe mit dem
+»elastischen Harz« Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch
+Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir,
+bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* möchte ein *fossiles
+Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in
+Derbyshire. In der Hütte des Missionärs saß ein Poimisano-Indianer an
+einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte
+mehrere Stücke auf ein dünnes Holz gespießt und briet dieselben wie
+Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwärzt
+es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Hütte erfüllte,
+rührt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, daß eine Verbindung
+von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird,
+während der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte
+die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenförmigen Stück
+Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser
+und ließ ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie
+es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch außen meist etwas klebrig. Man
+braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den
+Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man
+schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stöpsel zu gebrauchen, die noch
+weit besser sind als Korkstöpsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns
+desto interessanter, da uns der Mangel europäischer Stöpsel oft in große
+Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nützlich der Kork ist, fühlt man
+erst in Ländern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Südamerika
+kommt nirgends, selbst nicht auf dem Rücken der Anden, eine Eichenart vor,
+die dem _Quercus suber_ nahe stände, und weder das leichte Holz der
+Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln,
+deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stöpsel vollkommen. Der
+Missionär zeigte uns vor der _‘Casa de los Solteros’_ (Haus, wo sich die
+jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem
+zwei Fuß langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man
+schlug dieselbe mit großen Stücken Dapicho, wie mit Trommelschlägeln; sie
+hatte Löcher, die man mit der Hand schließen konnte, um höhere oder
+tiefere Töne hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stützen. Wilde
+Völker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder
+Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuß lange Röhren, die sich an mehreren
+Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche
+Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen.
+
+Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schön, so daß ich die Meridianhöhen
+des α im südlichen Kreuz und der zwei großen Sterne in den Füßen des
+Centauren beobachten konnte. Ich fand für San Balthasar eine Breite von
+3° 14′ 23″. Als Länge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem
+Chronometer 70° 14′ 21″. Die Inclination der Magnetnadel war 27′ 80. Wir
+verließen die Mission Morgens ziemlich spät und fuhren den Atabapo noch
+fünf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo
+er Atacavi heißt, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir
+an die Mündung desselben kamen, beim Einfluß des Guasacavi, wurden wir auf
+eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heißt der *Fels
+der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_.
+Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea
+konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen später
+erzählte uns ein anderer Missionär einen Vorfall, den ich in meinem
+Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns
+machte. Wenn der Mensch in diesen Einöden kaum eine Spur seines Daseyns
+hinter sich läßt, so ist es für den Europäer doppelt demüthigend, daß
+durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergänglichen Denkmale der
+Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an
+den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des
+civilisirten Menschen verewigt wird.
+
+Der Missionär von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den
+Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfälle zu machen, welche
+sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in
+einer Hütte eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von
+denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An
+Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so
+suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum
+hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der
+Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weißen und
+die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluß
+geschleppt. Der Ordensmann saß in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition
+harrend, die für ihn sehr gefahrlos war. Hätte sich die Mutter zu stark
+gewehrt, so wäre sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist
+erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will
+besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als
+Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen
+nach San Fernando und meinte, die Mutter könnte zu Land sich nicht wieder
+in ihre Heimath zurückfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am
+Tage ihrer Entführung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die
+höchste Verzweiflung. Sie beschloß, die Kinder, die in der Gewalt des
+Missionärs waren, zur Familie zurückzubringen; sie lief mit ihnen mehrere
+male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern
+gepackt, und nachdem der Missionär sie unbarmherzig hatte peitschen
+lassen, faßte er den grausamen Entschluß, die Mutter von den beiden
+Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man führte sie allein
+den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden saß sie
+auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches
+Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, daß sie
+immer weiter von ihrer Hütte und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich
+ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluß und schwamm dem linken
+Ufer des Atabapo zu. Die Strömung trug sie an eine Felsbank, die noch
+heute ihren Namen trägt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber
+der Präsident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und
+den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurückgebracht, auf
+den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die
+hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer
+versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem unglücklichen Weibe
+mit starken Mavacureranken die Hände aus den Rücken und brachte sie in die
+Mission Javita.
+
+Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_
+nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Wälder, die man
+bis da für undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie
+breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als
+die Flüsse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum
+andern zu gehen, und lägen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber
+solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern
+getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muß
+zu ihnen, sie muß sie aus den Händen der Christen befreien, sie muß sie
+dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai
+nachläßig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die
+Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionärs und des Alcaden die
+Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zähnen vollends loszumachen,
+und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal
+aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Hütte
+schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. »Was dieses Weib ausgeführt«,
+sagte der Missionär, der uns diese traurige Geschichte erzählte, »der
+kräftigste Indianer hätte sich nicht getraut es zu unternehmen.« Sie ging
+durch die Wälder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken
+bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein
+kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles
+überschwemmt war, mußte sie sich weit von den Flußufern, mitten in den
+Wäldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft
+mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um
+die von ihnen umschlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mußte
+sie über die Bäche schwimmen, die sich in den Atabapo ergießen! Man fragte
+das unglückliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genährt; sie sagte,
+völlig erschöpft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen können als
+die großen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zügen an
+den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu hängen. Wir
+wollten durchaus vom Missionär wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des
+Glückes habe genießen können, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich
+bereut habe, daß man sich so maßlos vergangen? Er fand nicht für gut,
+unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rückreise vom Rio Negro
+hörten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden
+zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine
+Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und
+starb, wie die Indianer in großem Jammer thun.
+
+Dieß ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an
+der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner
+Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner
+Unglücksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo es
+Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen Völkern
+leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, wehrlose
+Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Länder, die ich bereist,
+beschränke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den bürgerlichen und
+religiösen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich
+erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* länger verweilt habe, geschah
+es nur, um ein rührendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart
+beizubringen, die man so lange verläumdet hat, und weil es mir nicht ohne
+Nutzen schien, einen Vorfall zu veröffentlichen, den ich aus dem Munde von
+Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, daß das Auge
+des Gesetzgebers über dem Regiment der Missionäre wacht.
+
+Oberhalb dem Einfluß des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von
+Süd nach Nord läuft. Wären wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so wären
+wir gegen Ost-Süd-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist
+nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana wäre dieß
+noch immer ein bedeutender Fluß. Das Land ist äußerst einförmig, nichts
+als Wald auf völlig ebenem Boden. Die schöne Pirijaopalme mit Früchten wie
+Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm
+ragen hoch über den kleineren Bäumen, deren Wachsthum, wie es scheint,
+durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia
+aculeata_ heißt bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat
+fächerförmige, gegen den Boden gesenkte Blätter; auf jedem Blatte sieht
+man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des
+Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die
+Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese
+wie ein Pfauenschweif gefärbten Blätter sitzen auf kurzen, sehr dicken
+Stämmen. Die Stacheln sind nicht lang und dünn, wie beim Corozo und andern
+stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die
+Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des
+Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwölf bis fünfzehn
+Stämmen, die sich so nah an einander drängen, als kämen sie aus Einer
+Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blätter gleichen
+diese Bäume den Fächerpalmen und Chamärops der alten Welt. Wir bemerkten,
+daß einige Juriastämme gar keine Früchte trugen, während andere davon ganz
+voll hingen; dieß scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu
+deuten.
+
+Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald über eine halbe
+Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Krümmungen zu vermeiden und
+schneller vorwärts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam
+betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flußbett ab, und wir fuhren südwärts
+durch den Wald auf sogenannten _‘Sendas’_, das heißt vier bis fünf Fuß
+breiten, offenen Canälen. Das Wasser ist selten über einen halben Faden
+tief. Diese *Sendas* bilden sich im überschwemmten Wald, wie auf trockenem
+Boden die Fußsteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern
+mit ihren Canoes wo möglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr
+gering ist, so stößt man bei der üppigen Vegetation zuweilen unerwartet
+auf Hindernisse. Deßhalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein großes
+Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und
+hieb fortwährend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals
+kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen
+sonderbaren Lärm. Wir schlugen an die Büsche, und da kam ein Schwarm vier
+Fuß langer *Toninas* (Süßwasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser
+Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Käsebaums oder _Bombax
+Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen
+dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen
+Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heißen. Ein
+sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den
+Mündungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiß wohl, daß Fische
+von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der
+Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, daß
+die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von
+den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den
+ungeheuren Strömen Südamerikas und in den großen Seen Nordamerikas scheint
+die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine
+Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht über Biana und
+Metonbis, Selamoun zu, hinauf.
+
+Gegen fünf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Mühe in das eigentliche
+Flußbett zurück. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei
+Baumstämmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine
+Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canäle sich kreuzten, und der
+Steuermann wußte nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben
+oben gesehen, daß man in der Provinz Varinas im Canoe über die offenen
+Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca fährt; hier fuhren wir
+durch einen Wald, der so dicht ist, daß man sich weder nach der Sonne noch
+nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, daß
+es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom
+sechsten Grad nördlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem
+Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen
+Farn ist ein nicht so heißes Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus
+von 300 Toisen Höhe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewächse
+gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, über welches der
+Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie
+zu meiden. Wir übernachteten an einem Felsen, den die Missionäre Piedra de
+Astor nennen. Von der Mündung des Guaviare an ist der geologische
+Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende
+Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine
+Hügel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder
+zerfallenen Gebäuden gleichen.
+
+Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen.
+Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern
+wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem
+nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Nächte immer finsterer, je
+näher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im
+Flußbett, bis der Tag anbrach; man hätte besorgen müssen, sich unter den
+Bäumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um
+der starken Strömung auszuweichen, durch den überschwemmten Wald. So kamen
+wir an den Zusammenfluß des Temi mit einem andern kleinen Fluß, dem
+Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren
+gegen Südwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am
+Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die
+erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro
+schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr
+Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie
+ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Mündung des
+Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Lärm, den die Spritzfische machen,
+hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese
+Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt,
+so kostete es Mühe, ihn zu retten.
+
+Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen,
+vernünftigen und gefälligen Mönch. Wir mußten uns vier bis fünf Tage in
+seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs über
+den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benützten diese Zeit
+nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von
+einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten
+sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrücken. Der
+Missionär sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut
+gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weißlichte
+Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heißt das Insekt der *Ackerer*. Man
+ließ eine Mulattin kommen, die sich rühmte, all die kleinen Thiere, welche
+sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya*
+und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _‘Curandera’_,
+der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches
+Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an
+der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte
+damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen
+verkündete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da
+sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei
+einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores
+heraus hätte, sollte ich mich erleichtert fühlen. Da ich an beiden Händen
+die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld über der Operation aus,
+die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns
+ein Indianer aus Javita radical und überraschend schnell. Er brachte uns
+einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der
+Cassia ähnlichen, stark lederartigen, glänzenden Blättern. Er machte von
+der Rinde einen kalten Aufguß, der bläulich aussah und wie Süßholz
+(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches
+Waschen mit dem Uzaowasser hörte das Jucken von den Aradores auf. Wir
+konnten vom Uzao weder Blüthe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint
+der Familie der Schotengewächse anzugehören, deren chemische Eigenschaften
+so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt,
+hatte uns so ängstlich gemacht, daß wir bis San Carlos immer ein paar
+Uzaozweige im Canoe mitführten; der Strauch wächst am Pimichin in Menge.
+Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen
+der Zancudos herrührt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die
+_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen?
+
+Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewöhnlich Solanos Expedition
+genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San
+Balthasar als zu Brasilien gehörig betrachtet. Die Portugiesen waren vom
+Rio Negro über den Trageplatz beim Caño Pimichin bis an den Temi
+vorgedrungen. Ein indianischer Häuptling, Javita, berühmt wegen seines
+Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbündet.
+Seine Streifzüge gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der großen
+Nebenflüsse des Amazonenstromes über den Rio Uaupe und Xie, bis zu den
+schwarzen Gewässern des Temi und Tuamini, über hundert Meilen weit. Er war
+mit einem Patent versehen, das ihn ermächtigte, »Indianer aus dem Wald zu
+holen, zur Eroberung der Seelen.« Er machte von dieser Befugniß
+reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfällen etwas, das
+nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die
+Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der
+Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, ließ er Capitän Javita
+aus einem seiner Streifzüge am Temi festnehmen. Er behandelte ihn
+freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten
+wurden, für die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die
+bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegründet hatten, wurden bis
+an den untern Rio Negro zurückgedrängt, und die Mission San Antonio, die
+gewöhnlich nach ihrem indianischen Gründer Javita heißt, weiter nördlich
+von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte
+Capitän Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein
+Indianer von bedeutender Geistes- und Körperkraft. Er spricht geläufig
+spanisch und hat einen gewissen Einfluß auf die benachbarten Völker
+behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns
+mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schätzten, da die Missionäre ihn
+für sehr zuverlässig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast
+alle Indianerstämme, welche auf dem großen Landstrich zwischen dem obern
+Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch
+essen sehen. Er hält die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos für
+die stärksten Anthropophagen. Er hält diesen abscheulichen Brauch bei
+ihnen nur für ein Stück systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde,
+die im Gefecht in ihre Hände gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in
+der Grausamkeit so weit geht, daß er seine Nächsten, sein Weib, eine
+ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr
+selten. Auch weiß man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der
+scythischen und massagetischen Völker, der Capanaguas am Rio Ucayale und
+der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum
+Theil aßen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Völkern
+vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf
+Haiti (St. Domingo) hätte geglaubt dem Andenken eines Angehörigen die
+Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer
+Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getränk geworfen
+hätte. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, »am
+seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey
+von allen Thieren der Mensch.«
+
+Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man
+über den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man
+selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das
+ganze Jahr und der Himmel ist beständig bedeckt. Da in diesem
+unermeßlichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spüren ist und die
+Polarströme nicht hieher reichen, so wird die Luftsäule, die auf dieser
+Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der
+Wasserdunst, mit dem sie gesättigt ist, verdichtet sich zu äquatorialen
+Regengüssen. Der Missionär versicherte uns, er habe hier oft vier, fünf
+Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich maß den Regen, der am ersten
+Mai innerhalb fünf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten
+Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu
+beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz
+gewöhnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen
+Monaten, selbst in den nassesten, März, Juli und September, nur 28 bis 30
+Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regengüsse vor, bei denen in
+der Stunde über einen Zoll Wasser fällt, man darf aber nur den mittleren
+Zustand der Atmosphäre in der gemäßigten und in der heißen Zone
+vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von
+Guayaquil an der Südsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshöhe
+angestellt, scheint hervorzugehen, daß gewöhnlich auf dem Rücken der Anden
+in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser fällt als im Niveau des
+Meeres. Es regnet im Gebirge öfter, dabei fällt aber in einer gegebenen
+Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel
+bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied rührt
+nach meiner Ansicht daher, daß dort die Savanen am untern Rio Negro in der
+Nähe liegen, über die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre
+Strahlung einen stärkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als
+bewaldetes Land.
+
+Es ist in Javita kühler als in Maypures, aber bedeutend heißer als am Rio
+Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27°, bei
+Nacht auf 21°; nördlich von den Katarakten, besonders nördlich von der
+Mündung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30°, bei Nacht
+25--26°. Diese Abnahme der Wärme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro rührt
+ohne Zweifel davon her, daß bei dem beständig bedeckten Himmel die Sonne
+so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist.
+Ich spreche nicht vom erkältenden Einfluß der Wälder, wo die zahllosen
+Blätter eben so viele dünne Flächen sind, die sich durch Strahlung gegen
+den Himmel abkühlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses
+Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshöhe von Javita etwas
+dazu beizutragen, daß die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt
+wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen über
+dem Meer. Da die kleine atmosphärische Ebbe und Fluth an der Küste (in
+Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das
+Unglück hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See
+kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlässig. Als ich in Javita die
+stündlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, daß eine
+kleine Luftblase die Quecksilbersäule zum Theil sperrte(59) und durch ihre
+thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluß äußerte. Auf
+den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwängt waren, ließ sich der
+Barometer fast unmöglich senkrecht oder doch stark aufwärts geneigt
+halten. Ich benützte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument
+auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehörig
+rertificirt, stand der Thermometer bei 23°,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr
+325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es
+für die Kenntniß der Bodenbildung eines Continents von größerem Belang
+ist, die Meereshöhe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Küste
+zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische
+Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von
+Khoten und Hami wären für die Geologie wichtiger als die Bestimmung der
+Höhe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stündlichen Variationen
+des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Küsten
+und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshöhe hing.
+Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai
+sogar fast 2 Linien. Der Deluc’sche auf den Saussure’schen reducirte
+Hygrometer stand fortwährend im Schatten zwischen 84 und 92°, wobei nur
+die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht
+regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den großen Katarakten bedeutend
+zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von
+Aequatorialregen überflutheten Lande fast so groß wie auf der See.
+
+Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig
+werden, um die Länge zu bestimmen. Ich blieb ganze Nächte wach, um die
+Methode der doppelten Höhen anzuwenden; all mein Bemühen war vergeblich.
+Die Nebel im nördlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana
+in der Nähe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum
+Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die
+Länge von Javita gleich 70° 22′ oder 1° 1′ 5″ weiter nach West als die
+Länge der Einmündung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniß ist von
+Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gänzlich
+unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben
+können, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die
+Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26°,40; sie hatte demnach
+seit dem großen nördlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von
+3° 50′, um 5° 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensität der magnetischen
+Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita
+nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten.
+
+Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwärtig größtentheils
+Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu
+Stämme einer großen Lorbeerart, von den Missionären _‘Sassafras’_(60)
+genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushöhlt. Diese Bäume sind
+über hundert Fuß hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im
+Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando,
+in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen für den
+Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Wälder die dicksten
+Sassafrasstämme liefern. Man bezahlt den Indianern für die halbe Toise
+oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heißt für den untern,
+hauptsächlichen Theil (der aus einem ausgehöhlten Stamm besteht), einen
+harten Piaster, so daß ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des
+Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Nägeln und den
+Seitenwänden, durch die man das Fahrzeug geräumiger macht, kommt es
+doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken
+für eine 48 Fuß lange Pirogue bezahlen.
+
+Im Walde zwischen Javita und dem Caño Pimichin wächst eine erstaunliche
+Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und ächte Lorbeeren (die dritte
+Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen
+Meereshöhe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum
+secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist
+wie Brasilholz, der Guamufate mit schönen, 7--8 Zoll langen, denen des
+Calophyllum ähnlichen Blättern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle
+diese Bäume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren
+hundert bis hundert zehn Fuß hoch. Da die Aeste erst in der Nähe des
+Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Mühe, sich Blätter und Blüthen
+zu verschaffen. Letztere lagen häufig unter den Bäumen am Boden; da aber
+in diesen Wäldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und
+jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich
+allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns
+versicherten, die Blüthen gehören diesem oder jenem Baum an. In der Fülle
+der Naturschätze machte uns das Botanisiren mehr Verdruß als Vergnügen.
+Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was
+wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten
+unaufhörlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit künstlicher
+Wärme zu trocknen suchte, größtentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten
+erst, wie sie gewöhnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die
+Blätter wußten sie besser zu unterscheiden als Blüthen und Früchte. Da sie
+nur Bauholz (Stämme zu Piroguen) suchen, kümmern sie sich wenig um den
+Blüthenstand. »Alle diese großen Bäume tragen weder Blüthen noch Früchte,«
+so lautete fortwährend ihr Bescheid. Gleich den Kräuterkennern im
+Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Mühe werth gesunden zu
+untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits
+uns ärgerlich.
+
+Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, daß zuweilen dieselben
+chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen
+Pflanzenfamilien zukommen, so daß diese Familien in verschiedenen Klimaten
+einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika
+gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt.
+Was die Nadelhölzer für die gemäßigte Zone, das sind die Terebenthaceen
+und Guttiferen für die heiße. In diesen Wäldern des heißen Erdstrichs, wo
+es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus
+gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-,
+Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein
+Erwerbszweig für das Dorf Javita. Das berühmteste Harz heißt *Mani*; wir
+sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder
+Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und
+den Bonpland für die _Moronobea coccinea_ hält, liefert nur einen sehr
+kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste
+kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich
+auffallend, daß der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der
+Galibis-Indianer in Cayenne gehört hat, uns in Javita, 300 Meilen von
+französisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei
+Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes,
+schneeweißes Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt.
+
+Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport
+unseres Fahrzeugs zu Land vorwärts ging. Drei und zwanzig Indianer waren
+angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumäste als
+Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb
+Tagen aus dem Tuamini in den Caño Pimichin, der in den Rio Negro fällt;
+aber unsere Pirogue war sehr groß, und da sie noch einmal durch die
+Katarakten mußte, bedurfte es besonderer Vorsichtsmaßregeln, um die
+Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport währte auch über vier Tage.
+Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer
+in Javita haben denselben zur Hälfte vollendet, die andere Hälfte haben
+die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio
+Cereso maß den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich
+0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man
+statt des »Trageplatzes« einen Canal an, wie ich dem Ministerium König
+Karls IV. vorgeschlagen, so würde die Verbindung zwischen dem Rio Negro
+und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen
+Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen
+dann von San Carlos nicht mehr über den Cassiquiare, der eine Menge
+Krümmungen hat und wegen der starken Strömung gerne gemieden wird; sie
+gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de
+Atabapo hinunter. Die Bergfahrt wäre über den Rio Negro und den Caño
+Pimichin um die Hälfte kürzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es über
+den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwärts bis Angostura. Ich glaube,
+man könnte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die
+Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter
+gewöhnlichen Umständen 10 Tage weniger und der Weg wäre für die Ruderer
+(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Strömung
+anfahren muß, als auf dem Cassiquiare. Fährt man aber den Orinoco herauf,
+geht man von Angostura an den Rio Negro, so beträgt der Unterschied in der
+Zeit kaum ein paar Tage; denn über den Pimichin muß man dann die kleinen
+Flüsse hinauf, während man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter
+fährt. Wie lange die Fahrt von der Mündung des Orinoco nach San Carlos
+dauert, hängt begreiflich von mehreren wechselnden Umständen ab, ob die
+Brise zwischen Angostura und Carichana stärker oder schwächer weht, wie in
+den Katarakten von Atures und Maypures und in den Flüssen überhaupt der
+Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kräftig
+und die Strömung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Flüsse haben
+dann so wenig Wasser, daß man jeden Augenblick Gefahr läuft aufzufahren.
+Die Missionäre reisen am liebsten im April, zur Zeit der
+Schildkröteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco
+einiges Leben kommt. Man fürchtet dann auch die Moskitos weniger, der
+Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt
+leicht durch die großen Katarakten.
+
+Aus den Barometerhöhen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am
+Pimichin beobachtet, geht hervor, daß der Canal im Durchschnitt von Nord
+nach Süd einen Fall von 30--40 Toisen hätte. Daher laufen auch die vielen
+Bäche, über die man die Piroguen schleppen muß, alle dem Pimichin zu. Wir
+bemerkten mit Ueberraschung, daß unter diesen Bächen mit schwarzem Wasser
+sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiß war als
+das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied rühren? Alle diese Quellen
+entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Sümpfen im Walde. Pater
+Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist
+zu weit nach Ost gekommen, der Canal würde daher nicht 6000 Toisen lang.
+Ich steckte den kürzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie
+und da in die ältesten Waldbäume Marken. Der Boden ist völlig eben; auf
+fünf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhöhung. Wie die
+Verhältnisse jetzt sind, sollte man das »Tragen« wenigstens dadurch
+erleichtern, daß man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen führte und
+Brücken über die Bäche schlüge, durch welche die Indianer oft Tage lang
+aufgehalten werden.
+
+In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft über das
+vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der
+alte Kapitän Javita führte uns an einen Bach, der in den Tuamini fällt. Er
+zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich
+zwei, drei Fuß zwischen den Wurzeln zweier Bäume, des *Jacio* und des
+*Curvana* graben muß. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der
+neueren Botaniker, von der, wie man weiß, das Cautschuc kommt, das in
+Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blätter;
+sein Saft ist milchigt, aber sehr dünn und fast gar nicht klebrigt. Das
+Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, daß der Saft aus den Wurzeln
+austritt, und dieß geschieht besonders, wenn die Bäume sehr alt sind und
+der Stamm hohl zu werden anfängt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so
+erfolgt auf natürlichem Wege, was der Mensch künstlich thut, um den
+Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbäume
+in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons
+in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald
+darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so daß diese von
+oben am Stamm bis nahe über der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt
+zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo
+das Thongefäß steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer
+in Carichana sahen wir ungefähr eben so verfahren.
+
+Wenn, wie ich vermuthe, die Anhäufung und das Austreten der Milch beim
+*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muß der
+Proceß zuweilen durch die Spitzen der längsten Wurzeln vor sich gehen;
+denn wir fanden zwei Fuß breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht
+Fuß vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Bäumen
+vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch grünenden Hevea- oder
+Jaciostämmen. Die Substanz ist weiß, korkartig, zerbrechlich und gleicht
+durch die aufeinander liegenden Blätter und die gewellten Ränder dem
+_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit
+erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, daß in Folge eines
+eigenthümlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich
+verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt;
+es ist ein eigenthümlich beschaffenes, ich möchte fast sagen »vergeiltes«
+Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte
+Ansehen der Ränder des Dapicho und seine Blätterung zu erklären.
+
+Ich habe in Peru oft beobachtet, daß, wenn man den Milchsaft der Hevea
+oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser gießt, das Gerinsel
+wellenförmige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloß in dem
+Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier
+gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, daß man in französisch Guyana,
+wenn man unter den Wurzeln und alten Stämmen der Hevea nachsuchte,
+zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc
+fände, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung,
+daß, wenn die Blätter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es
+wäre interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsäfte
+der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten
+gleichfalls abwärts gehen. Trotz der großen Gleichförmigkeit der
+Temperatur durchlaufen die Bäume in der heißen Zone einen
+Vegetationscyclus, unterliegen Veränderungen mit periodischer Wiederkehr.
+Das Dapicho ist wichtiger für die Pflanzenphysiologie als für die
+organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs über den Unterschied
+zwischen dem Cautschuc in seinem gewöhnlichen Zustande und der bei Javita
+gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte.
+Gegenwärtig kommt im Handel ein gelblich weißes Cautschuc vor, das man
+leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch
+zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glänzend und seifenartig. Ich sah
+kürzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das
+Pfund im Preise standen. Dieses weiße, fett anzufühlende Cautschuc kommt
+aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter
+oben von einer Mischung von Käsestoff und Eiweißstoff abgeleitet habe.
+Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewächse
+Cautschuc geben, so muß man bedauern, daß dieser so nützliche Stoff bei
+uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Bäume mit Milchsaft gar nicht
+künstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco ließe sich so
+viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer bedürfen mag. Im
+Königreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glück versucht worden, aus
+dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den
+amerikanischen Völkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am
+besten auf die Verarbeitung des Cautschuc.
+
+Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den
+Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. »Es fehlt Ihnen
+an nichts in meiner Mission,« sagte Pater Cereso; »Sie haben Bananen und
+Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je
+länger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, daß Ihnen auch noch die
+Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim
+»Tragen«, so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, daß ich
+ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe.«(61) Trotz unserer
+Ungeduld, hörten wir die Schilderungen des guten Missionärs mit großem
+Interesse an. Er bestätigte Alles, was wir bereits über die sittlichen
+Zustände der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben
+in einzelnen Horden von 40 bis 50 Köpfen unter einem Familienhaupte; einen
+gemeinsamen Häuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald
+sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Mißtrauen ist
+bei diesen Horden um so stärker, da selbst die, welche einander zunächst
+hausen, gänzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder
+in Ländern mit Grasfluren halten sich die Völkerschaften gerne nach der
+Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebräuche und Mundarten
+zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man große
+Völkerfamilien in mehreren Marschcolonnen über schwach bewaldete, leicht
+zugängliche Länder fortziehen. Der Art waren die Züge der toltekischen und
+aztekischen Race über die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum
+eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die
+Völkerströmung, in der sich die kleinen Stämme in Canada, die Mengwe
+(Irokesen) oder fünf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die
+Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermeßliche
+Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald
+ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flußverzweigungen
+nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens nöthigte sie mehr oder
+weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Flüsse, daß
+die Familien sich niederließen, ohne zu wissen, welche Menschenart
+zunächst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg,
+ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren
+müßten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur
+schon vorgeschrittenen Ländern Flußverbindungen mächtig auf Verschmelzung
+der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den
+undurchdringlichen Wäldern des heißen Landstrichs, wie im rohen Urzustand
+unseres Geschlechts, zerschlagen sie große Völker in Bruchstücke, lassen
+sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, nähren
+sie das Mißtrauen und den Haß unter den Völkern. Zwischen dem Caura und
+dem Padamo trägt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwäche. Die
+Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen
+sich, weil sie einander fürchten.
+
+Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt
+man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmählig bevölkerte;
+man meint die frühesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen
+entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die
+Jägervölker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns
+vergeblich nach dieser allmähligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe-
+und Haltpunkten im Leben der Völker. Der üppige Pflanzenwuchs ist den
+Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Ströme Meeresarmen gleichen,
+so hört des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten
+von Wiederkäuern, die der kostbarste Besitz der Völker der alten Welt
+sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals
+Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos führte nicht
+zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemäßigten Zone, an den Ufern des
+Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein
+Jäger; in der heißen Zone dagegen, in den Wäldern von Guyana pflanzt er
+Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so überschwenglich
+freigebig, daß die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, daß
+das Urbarmachen darin besteht, daß man die Sträucher wegbrennt, das Ackern
+darin, daß man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So
+weit man sich in Gedanken in der Zeit zurückversetzt, nie kann man in
+diesen dicken Wäldern die Völker anders denken als so, daß ihnen der Boden
+vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten
+Fläche fast ohne Arbeit so reichlich trägt, so hat man sich wiederum
+vorzustellen, daß diese Völker immer einem und demselben Gewässer entlang
+häufig ihre Wohnplätze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert
+ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung
+(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlägt rund die Weide
+wechselt. Die Menge von Culturgewächsen, die man mitten im Walde wild
+findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer
+Lebensweise hin. Kann man sich wundern, daß bei solchen Sitten vom Segen
+der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flächen und viel
+mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts übrig bleibt?
+
+Die Völker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den
+alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkräfte.
+Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der große
+Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Früchte reifen läßt. Neben dem
+Cachimana steht ein böses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so mächtig
+ist, aber schlauer und besonders rühriger. Die Indianer aus den Wäldern,
+wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, können sich von einem Tempel
+oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. »Die guten Leute,«
+sagte der Missionär, »lieben Processionen nur im Freien. Jüngst beim Fest
+meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von
+Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: »Euer Gott schließt sich in
+ein Haus ein, als wäre er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem
+Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt.« Bei zahlreicheren und
+eben deßhalb weniger barbarischen Völkerschaften bilden sich seltsame
+religiöse Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die göttlichen Dinge
+tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das berühmte
+*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den
+Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Früchte tragen. An den Ufern des
+Orinoco gibt es kein Götzenbild, wie bei allen Völkern, die beim
+ursprünglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*,
+die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die
+Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muß man rein von Sitten und
+unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geißelung, dem
+Fasten und andern angreifenden Andachtsübungen. Dieser heiligen Trompeten
+sind nur ganz wenige und die altberühmteste befindet sich auf einem Hügel
+beim Zusammenfluß des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini
+und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehört werden.
+Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio
+Tomo so, als wäre derselbe für mehrere Völkerschaften in der Nähe ein
+Gegenstand der Verehrung. Man stellt Früchte und berauschende Getränke
+neben die heilige Trompete. Bald bläst der Große Geist (Cachimana) selbst
+die Trompete, bald läßt er nur seinen Willen durch den kund thun, der das
+heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von
+den Vätern unserer Väter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu
+verwundern, daß es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben;
+aber diese Ungläubigen äußern nur ganz leise, was sie von den Mysterien
+des Botuto halten. Die Weiber dürfen das wunderbare Instrument gar nicht
+sehen; sie sind überhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine
+das Unglück, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht.
+Der Missionär erzählte uns, im Jahr 1798 habe er das Glück gehabt, ein
+junges Mädchen zu retten, der ein eifersüchtiger, rachsüchtiger Liebhaber
+Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in
+den Pflanzungen den Botuto bliesen. »Oeffentlich hätte man sie nicht
+umgebracht,« sagte Pater Cereso, »aber wie sollte man sie vor dem
+Fanatismus der Eingebornen schützen, da es hier zu Lande so leicht ist,
+einem Gift beizubringen? Das Mädchen äußerte solche Besorgniß gegen mich
+und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco.« Wären die Völker
+in Guyana Herren dieses großen Landes geblieben, könnten sie, ungehindert
+von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebräuche frei
+entwickeln, « so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische
+Bedeutung. Dieser geheimnißvolle Verein von Eingeweihten, diese Hüter der
+heiligen Trompete würden zu einer mächtigen Priesterkaste und das Orakel
+am Rio Tomo schlänge nach und nach ein Band um benachbarte Völker. Auf
+diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_),
+durch religiöse Gebräuche und Mysterien so viele Völker der alten Welt
+einander näher gebracht, mit einander versöhnt und vielleicht der
+Gesittung zugeführt worden.
+
+Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen
+unserer Pirogue an den Pimichin beschäftigt war, sey von einer Natter
+gebissen worden. Der große starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand
+in die Mission gebracht. Er war bewußtlos rücklings zu Boden gestürzt, und
+auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf
+gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so berühmt geworden,
+und die das sicherste Mittel gegen den Biß giftiger Schlangen ist, war
+hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Hütte des
+Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguß von *Raiz de Mato*. Wir können
+nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift
+kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruß, daß er von den
+nutzbarsten Gewächsen weder Blüthe noch Frucht zu Gesicht bekommt, während
+er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften
+rauszeichnen, täglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die
+*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera
+thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder
+_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiß brauchen. Eine
+der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet
+in Indien denselben Dienst. Ziemlich häufig findet man in derselben
+Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biß der
+Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder
+wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden
+Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen,
+Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten
+Blüthen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen.
+
+In der Hütte des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden
+wir 2--3 Zoll große Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _‘Chivi’_
+genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfältig zubereitet wird. In
+Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem
+Hochgewässer in sein Bett zurückkehrt, auf dem Gestein sitzen läßt. In
+Javita bereitet man Salz durch Einäscherung des Blüthenkolbens und der
+Früchte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schöne Palme, die am Ufer des
+Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr
+häufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist
+das in der gemeinen Cocosnuß eingeschlossene Wasser häufig salzigt, selbst
+wenn der Baum weit von der Meeresküste wächst. Auf Madagascar gewinnt man
+Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Außer den Blüthenkolben und
+den Früchten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche
+des vielberufenen Schlinggewächses *Cupana* aus. Es ist dieß eine neue Art
+der Gattung Paullinia, also eine von LINNÉs Cupania sehr verschiedene
+Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ein Missionär selten auf
+die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen.
+Diese Zubereitung erfordert große Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den
+Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblätter und
+lassen sie im Wasser gähren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig
+wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen genießt man ihn
+Morgens statt Thee. Das Getränk ist bitter und magenstärkend, ich fand
+aber den Geschmack sehr widrig.
+
+Am Niger und in einem großen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr
+selten ist, heißt es von einem reichen Mann: »Es geht ihm so gut, daß er
+Salz zu seinen Speisen ißt.« Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas
+nicht allzu häufig. Nur die Weißen, besonders die Soldaten im Fort San
+Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Küste von
+Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus
+dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch
+und verbrauchen fast kein Salz. Daher trägt auch die Salzsteuer aller
+Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlägt, wie in Mexico
+und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein
+Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und
+verschiedenen erdigten Salzen. Man löst ein ganz klein wenig davon in
+Wasser auf, füllt mit der Auflösung ein dütenförmig aufgewickeltes
+Heliconienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar
+Tropfen auf die Speisen fallen.
+
+Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß aus den Weg, um unsere Pirogue
+einzuholen, die endlich über den Trageplatz im Caño Pimichin angelangt
+war. Wir mußten über eine Menge Bäche waten, und es ist dabei wegen der
+Nattern, von denen die Sümpfe wimmeln, einige Vorsicht nöthig. Die
+Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Fährte der kleinen schwarzen
+Bären, die am Temi so häufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens
+in der Größe vom _Ursus americanus_; die Missionäre nennen sie _Osso
+carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und
+dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht
+übel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen
+sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heißt bei den Indianern
+*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier
+ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige
+Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugänglicher er
+wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit
+Blüthen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung für sich), die
+_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit
+zusammengesetzter Blüthe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer
+sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betäuben, endlich die hier
+*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift
+*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie
+WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich
+ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen
+Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist.
+Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der
+Missionäre gefördert sähe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und
+ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco
+zubrächte, könnte er gewiß die Zahl der von AUBLET und RICHARD
+beschriebenen Gattungen verdreifachen.
+
+Auch im Walde am Pimichin haben die Bäume die riesige Höhe von 80--120
+Fuß. Es sind dieß die Laurineen und Amyris, die in diesen heißen
+Himmelsstrichen das schöne Bauholz liefern, das man an der Nordwestküste
+von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter
+Null fällt, in der Familie der Nadelhölzer findet. In Amerika ist unter
+allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft
+so ausnehmend stark, daß unter dem 57 Grad nördlicher Breite, auf
+derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus
+canadensis_ 150 Fuß hohe und 6 Fuß dicke Stämme hat.(62) Wir kamen gegen
+Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am
+Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, »wo
+ein armer Missionär, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden.« Ich
+spreche dieß dem Mönch in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier
+zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von
+diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heißen
+Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfälle fast so heftig
+wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen
+eintreten. Der Tod des armen Mönchs wird wohl eher eine Folge der
+Erschöpfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel
+der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer große Furcht haben. Diese
+Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche
+die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem
+Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Hände
+setzten.
+
+Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von
+Cacaobäumen. Die Bäume sind sehr kräftig und hier wie am Altabapo und Rio
+Negro in allen Jahreszeiten mit Blüthen und Früchten bedeckt. Sie fangen
+im vierten Jahr an zu tragen, auf der Küste von Caracas erst im sechsten
+bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin überall, wo er nicht
+sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man,
+daß der Cacaobaum in diesen Wäldern der Parime, südlich vom sechsten
+Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und daß das nasse Klima am obern
+Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den
+Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so
+muß man bedauern, daß dieses schöne Stück Erde in den Händen von Mönchen
+ist, von denen keinerlei Cultur befördert wird. Die Missionen der
+Observanten allein könnten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen,
+dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe.
+Um die Conugos am Pimichin wächst wild der *Igua*, ein Baum, ähnlich dem
+_Caryocar nuciferum_ den man in holländisch und französisch Guyana baut,
+und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_),
+dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom
+Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Südamerika kommen. Die Früchte
+des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den
+Küsten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Früchte des
+_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einführten. Diese
+Bäume werden hundert Fuß hoch und nehmen sich mit ihrer schönen
+Blumenkrone und ihren vielen Staubfäden prachtvoll aus. Ich müßte den
+Leser ermüden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese großen
+Wälder auszuweisen haben, noch weiter herzählen. Ihre erstaunliche
+Mannigfaltigkeit rührt daher, daß hier auf kleiner Bodenfläche so viele
+Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und daß bei dem mächtigen Reiz
+von Licht und Wärme die Säfte, die in diesen riesenhaften Gewächsen
+circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden.
+
+Wir übernachteten in einer Hütte, welche erst seit kurzem verlassen stand.
+Eine indianische Familie hatte darin Fischergeräthe zurückgelassen,
+irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen
+Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekümmerten Menschenart.
+Große Vorräthe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der
+_Amyris_ Caraña) lagen um die Hütte. Die Indianer bedienen sich desselben
+hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des
+knöchernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Näpfe voll
+vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als
+_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem
+klebrichten Saft das Geräthe, dem man eine schöne weiße Farbe geben will.
+An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen
+bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist
+das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses
+Gerinsel nun, diese weiße Haut, die glänzt, als wäre sie mit Copalfirniß
+überzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Könnte man
+diesem milchigten Firniß verschiedene Farben geben, so hätte man damit,
+sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer
+Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen
+Verhältnisse der Gewächse der heißen Zone kennen lernt, desto mehr wird
+man hie und da an abgelegenen, aber dem europäischen Handel zugänglichen
+Orten in den Organen gewisser Gewächse halbfertige Stoffe entdecken, die
+nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehören, oder die wir auf
+künstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und mühsamem Wege
+hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der
+Anden von Quindiu überzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch
+des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den käseartigen Stoff im
+fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen
+werden sich häufen, wenn, wie nach den gegenwärtigen politischen
+Verhältnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europäische Cultur
+großentheils in die Aequinoctialländer des neuen Continents überfließt.
+
+Wie ich oben erwähnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem
+Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande berüchtigt.
+Bevor wir von der verlassenen Hütte Besitz nahmen, schlugen die Indianer
+zwei große, 4--5 Fuß lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von
+derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist
+ein schönes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiß, auf dem Rücken braun
+und roth gefleckt. Da in der Hütte eine Menge Kraut lag und wir am Boden
+schliefen (die Hängematten ließen sich nicht befestigen), so war man in
+der Nacht nicht ohne Besorgniß; auch fand man Morgens, als man das
+Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine
+große Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in
+ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den
+Menschen, weil sie der Wärme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich
+eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen
+Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier
+keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das läßt sich
+behaupten, wären diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt,
+so hätte in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den
+feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen müssen.
+
+Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden
+unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim »Tragen« wohl dünner
+geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug könne die
+dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf
+und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl
+aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Caño) heißt, ist so breit wie
+die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenüber, aber kleine, gerne im
+Wasser wachsende Bäume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so
+ein, daß nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehört
+mit dem Rio Chagre zu den Gewässern, die in Amerika wegen ihrer Krümmungen
+berüchtigt sind. Man zählt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend
+verlängert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke
+von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Längenunterschied zwischen dem
+Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu
+bestimmen, nahm ich mit dem Compaß den Lauf des Caño Pimichin auf und
+bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Strömung war nur
+2,4 Fuß in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuß
+zurück. Meiner Schätzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100
+Toisen westwärts von seiner Mündung und 0° 2′ westwärts von der Mission
+Javita. Der Caño ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen
+*Raudal*, über den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind
+niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fünftehalb Stunden lang den Krümmungen
+des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio
+Negro ein.
+
+Der Morgen war kühl und schön. Sechs und dreißig Tage waren wir in einem
+schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, daß es umgeschlagen
+hätte, wäre man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern
+Bord zuzurufen, sich überzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir
+hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima
+hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, über eine ganze
+Menge Wasserfälle und Flußdämme gekommen, welche die Stromfahrt sehr
+beschwerlich und oft gefährlicher machen als lange Seereisen. Nach allem,
+was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn
+auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, daß wir die Nebenflüsse des
+Amazonenstroms erreicht, daß wir die Landenge zwischen zwei großen
+Flußsystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung
+des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen
+Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergießt, und
+dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder
+in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern
+Auge gehabt, wächst uns an Bedeutung, je näher wir ihm kommen. Jene
+unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare
+beschäftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der
+Culturvölker hochberühmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten
+des neuen Continents, gewöhnt man sich beinahe daran, den Menschen als
+etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehört. Der
+Boden ist dicht bedeckt mit Gewächsen, und ihre freie Entwicklung findet
+nirgends ein Hinderniß. Eine mächtige Schicht Dammerde weist darauf hin,
+daß die organischen Kräfte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet
+haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der
+Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und
+ohne Gefährde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser
+Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas
+Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande
+Afrika’s gewöhnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts
+an unsere Felder, unsere Gehölze und Bäche erinnert, die weite Einöde,
+durch die man sich bewegt, nicht so stark auffällt. Hier, in einem
+fruchtbaren Lande, geschmückt mit unvergänglichem Grün, sieht man sich
+umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt
+sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der
+sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war
+einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in
+der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage über die
+Größe der Sterne, über die Mondsbewohner, über tausend Dinge, von denen
+ich so viel wußte als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht
+genügen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: »Was die Menschen
+anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen
+hättet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen wäret. In
+den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras
+und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fließt.« Mit diesen
+Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintönige Anblick dieser
+Einöde hervorbringt. Möchte diese Eintönigkeit nicht auch auf das Tagebuch
+unserer Flußfahrt übergehen! Möchten Leser, die an die Beschreibung der
+Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents
+gewöhnt sind, es nicht ermüdend finden!
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 55 Die wilden Völker bezeichnen jedes europäische Handelsvolk mit
+ Beinamen, die ganz zufällig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe
+ schon oben bemerkt, daß die Spanier vorzugsweise *bekleidete
+ Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heißen.
+
+_ 56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus;
+ __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._
+
+ 57 Einer der Vorgänger des Geistlichen, den wir in San Fernando als
+ Präsidenten der Missionen fanden.
+
+ 58 Die Delphine, welche in die Nilmündung kommen, fielen indessen den
+ Alten so auf, daß sie auf einer Büste des Flußgottes aus Syenit im
+ Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind.
+
+ 59 Ich führe diesen geringfügigen Umstand hier an, um die Reisenden
+ darauf aufmerksam zu machen, wie nöthig es ist, nur solche Barometer
+ zu haben, bei denen die Röhre der ganzen Länge nach sichtbar ist.
+ Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz
+ sperren, ohne daß der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende
+ der Röhre sich veränderte.
+
+_ 60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in
+ Nordamerika.
+
+ 61 »Mit weißen und vernünftigen Menschen.« Die europäische Eigenliebe
+ stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_
+ einander gegenüber.
+
+ 62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem
+ Stück 50 Fuß lang, 4 1/2 :breit und an den Rändern 3 Fuß hoch; sie
+ faßten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen
+ um Norfolkbucht ungeheuer hoch.
+
+ 63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund.
+
+
+
+
+
+DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+ Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze.
+
+
+Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco
+gegenüber nur ein Fluß zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit
+Jahrhunderten für die spanische Regierung von großer politischer
+Wichtigkeit, weil er für einen eifersüchtigen Nachbar, für Portugal, eine
+offene Straße ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudrängen und die
+südlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen.
+Dreihundert Jahre verflossen über zu nichts führenden Grenzstreitigkeiten.
+Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Völker hielt man sich
+bald an die Autorität des heiligen Vaters, bald an die Hülfsmittel der
+Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu
+verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die
+Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Proceß gewonnen. Es
+ist bekannt, daß durch die Bullen der Päpste Nicolaus V. und
+Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit,
+eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Längen zu
+lösen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu
+vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Händel in
+Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento für die beiden Höfe zu
+Madrid und Lissabon Sachen von großem Belang wurden, schickte man
+Grenzcommissäre an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la
+Plata.
+
+Unter den Müßiggängern, welche die Archive mit Verrechnungen und
+Protokollen füllten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter
+Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit
+von den Küsten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wußte. Das
+Wenige, was wir am Schluß des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen
+Geographie des neuen Continents wußten, verdankt man diesen achtbaren,
+fleißigen Männern, den französischen und spanischen Akademikern, die in
+Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach
+Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschließen.
+Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufällig
+durch jene »Grenzcommissionen« gefördert worden sind, die für den Staat
+eine große Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch öfter
+vergessen als ausgelöst wurden.
+
+Weiß man, wie unzuverlässig die Karten von Amerika sind, kennt man aus
+eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio
+Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Küste von Cayenne,
+die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht,
+so kann man sich über die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar
+Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen
+Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wüsten, deren
+Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den berühmten Conferenzen in Puente de
+Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage
+verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische
+Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezählt.] westwärts von
+den Inseln des grünen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian
+solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der
+portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San
+Antonio gezählt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos
+Expedition, unterhandelte man über den Besitz der damals völlig
+unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stück Sumpfland, über das wir
+zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester
+Zeit wollten die spanischen Commissäre die Scheidungslinie an die
+Einmündung des Apoporis in den Jupura legen, während die portugiesischen
+Astronomen sie bis zum Salto Grande zurückschoben. Die Missionäre und das
+Publikum überhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen
+Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien
+beschuldigt man die Regierung der Gleichgültigkeit und Lässigkeit.
+Ueberall wo die Völker keine Verfassung haben, deren Grundlage die
+Freiheit ist, gerathen die Gemüther nur dann in Aufregung, wenn es sich
+davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen.
+
+Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenflüsse des Amazonenstromes,
+die in Länge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern
+gehört, während der untere in den Händen der Portugiesen ist. An diesen
+zwei majestätischen Strömen hat sich die Bevölkerung nur in der Nähe des
+ältesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern
+Jupura oder Caqueta wurden von Missionären cultivirt, die aus den
+Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum
+Einfluß des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, während
+am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Dörfer gegründet haben. Am
+Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun.
+Wie kann man sich auf eine Bevölkerung stützen, wenn sie so weit abliegt
+als die in der Provinz Caracas? Fast völlig unbewohnte Steppen und Wälder
+liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Küstenstrich und den
+vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche
+die spanischen Franciscaner längs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei
+den Portugiesen in Brasilien hat das militärische Regiment, das System der
+_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenüber die
+Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur
+Einmündung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der
+bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal
+von West nach Ost gerade fortläuft, konnte sich die portugiesische
+Bevölkerung längs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern
+Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte
+da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmückt mit reichem Anbau und
+mit zahlreichen Städten und ansehnlichen Dörfern bedeckt.
+
+An diese Betrachtungen über die örtlichen Verhältnisse reihen sich andere
+an, die sich auf die moralische Verfassung der Völker beziehen. Auf der
+Nordwestküste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen
+Niederlassungen außer den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe
+die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West
+den Küstenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad
+lange die castilianischen Mönche und die sibirischen Jäger(64) getrennt,
+ließen sich letztere südlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in
+Neucalifornien die Missionäre vom Orden des heiligen Franz, deren
+Lebenswandel und deren Eifer für den Ackerbau alle Achtung verdienen,
+nicht wenig erstaunt, als sie hörten, in ihrer Nachbarschaft seyen
+griechische Priester eingetroffen, so daß die beiden Völker, welche das
+Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Küsten Amerikas, China
+gegenüber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die
+Verhältnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben
+Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung
+einen der edelsten Reste des römischen Europa bilden, die aber durch das
+Mißtrauen, wie es aus Ungleichheit der Kräfte und allzu naher Berührung
+geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersüchtigen
+Macht geworden waren. Geht man von der Küste von Venezuela (wo, wie in der
+Havana und auf den Antillen überhaupt, die europäische Handelpolitik der
+tägliche Gegenstand des Interesses ist) nach Süd, so fühlt man sich mit
+jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrückt, was mit
+dem Mutterlande zusammenhängt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den
+mit Ochsenhäuten gedeckten Hütten inmitten wilder Heerden unterhält man
+sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des
+Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermäuse an
+Färsen und Füllen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen
+in den Wäldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen
+beschäftigt, mit der Unzuverlässigkeit der Indianer, die aus den Dörfern
+fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkröteneier,
+mit den Beschwerden eines heißen, ungesunden Klimas. Kommen die Mönche
+über der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man
+sich leise über den Präsidenten der Missionen, so seufzt man über die
+Verblendung der Leute, die im nächsten Capitel den Gardian des Klosters in
+Nueva Barcelona wieder wählen wollen. Alles hat hier ein rein örtliches
+Interesse, und zwar beschränkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des
+Ordens, »auf diese Wälder, wie die Mönche sagen, _estas selvas_, die Gott
+uns zum Wohnsitz angewiesen.« Dieser etwas enge, aber ziemlich trübselige
+Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro
+kommt und sich der Grenze Brasiliens nähert. Hier scheinen alle Köpfe vom
+Dämon europäischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des
+Amazonenstroms heißt in der Sprache der spanischen Missionen weder
+Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die
+kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos
+zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*.
+Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Küste von Cumana, und mit
+Behagen erzählt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines
+alten, aus den Bergen von Bierzo gebürtigen Commandanten von Vieja Guayana
+angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, daß er zur See
+habe an den Orinoco kommen müssen. »Ist es wahr,« sprach er, »wie ich hier
+höre, daß spanisch Guyana, diese große Provinz, sich bis nach Portugal
+erstreckt (zu _los Portugueses_), so möchte ich wissen, warum der Hof mich
+in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich hätte gerne ein paar Meilen
+weiter zu Lande gemacht.« Diese Aeußerung von naiver Unwissenheit erinnert
+an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Prälat, der
+übrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer
+Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Königs von Spanien in
+Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr nördliches Ende liegt unter 37° 48′
+der Breite) »hängen über Land mit Sibirien zusammen.«
+
+Wenn zwei Völker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und
+Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so
+verdanken sie dieses Verhältniß, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem
+Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres
+kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Größe entwickelt. Die
+castilianische Sprache wird gegenwärtig in Süd- und Nordamerika auf einer
+1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Südamerika für
+sich, so zeigt sich, daß das Portugiesische über einen größeren
+Flächenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen
+wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schönen Sprachen
+eines Camoens und Lope de Vega verknüpft, hat, sollte man meinen, Völker,
+die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht.
+Der Nationalhaß richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in
+Abstammung, Sitten und Culturstufe; überall, wo er sehr stark
+ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhältnisse
+und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich
+etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich
+Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu
+verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben
+einander-lebender Völker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern
+Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist.
+
+Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander
+gehenden Politik der beiden Höfe von Lissabon und Madrid, das
+systematische Mißtrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen
+Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch stärker als
+gewöhnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen
+herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer
+Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte »die Garnison« mit
+Sicherheitsmaßregeln, welche »der Ernst der Lage« erforderlich machte, und
+im Fall eines Angriffs hoffte er »den Feind zu umzingeln.« Sprachen wir
+davon, daß die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Dörfer,
+welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr
+wenig beachte, so fühlten sich die Leute durch die Gründe, mit denen wir
+sie beruhigen wollten, nur verletzt. Völkern, die durch alle Wechsel im
+Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhaß ungeschwächt erhalten haben, ist
+jede Gelegenheit erwünscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen
+ist bei Allein wohl, was sein Gemüth aufregt, was ihm eine lebhafte
+Empfindung zum Bewußtseyn bringt, sey es nun ein Gefühl der Zuneigung,
+oder jener eifersüchtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen
+entspringt. Die ganze Persönlichkeit der Völker ist aus dem Mutterlande in
+die entlegensten Colonien übergegangen, und der gegenseitige Widerwille
+der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluß der gleichen
+Sprache wegfällt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht,
+daß der Haß zweier flüchtigen Matrosen, eines Franzosen und eines
+Engländers, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der
+Marquesasinseln Anlaß gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro können die
+Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Dörfern
+einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische
+Sprachen, sie wissen gar nicht, was »am andern Ufer des Oceans, drüben
+über der großen Salzlache« vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionäre sind
+von verschiedener Farbe, und dieß mißfällt ihnen im höchsten Grade.
+
+Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den
+kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu können.
+Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluß auf den Umstand gewesen, daß
+unsere geographische Kunde von den Nebenflüssen des Amazonenstromes bis
+jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt
+ist, und die eine Nation an der Mündung, die andere im obern Flußgebiet
+sitzt, so fällt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen
+einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die
+Trageplätze, über die man die Canoes von einem Nebenfluß zum andern
+schafft, dessen Quellen in der Nähe liegen, verleiten zur Annahme von
+Gabelungen und Verzweigungen der Flüsse, die in Wahrheit nicht bestehen.
+Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich
+(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und
+Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits über die Trageplätze
+zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern
+Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu
+sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche
+Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den
+Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die
+Missionäre sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten
+kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen über vermeintliche
+Flußverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht
+zu sagen, was er ganz gut weiß, und der Hang zu allem Geheimnißvollen, der
+bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu,
+um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen
+Indianerstämme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Flüssen
+ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche
+»Wasser, großes Wasser, Strömung« bedeuten, unkenntlich gemacht und
+verlängert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschäft, die Synonymie der
+Flüsse ins Reine zu bringen, in größter Verlegenheit gewesen, wenn ich die
+gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers
+über die Zahl der Nebenflüsse, die Quellen und die Trageplätze befragte!
+Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so hält es
+sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten
+wimmeln von willkürlich abgekürzten oder entstellten Namen. Um
+herauszubringen, was darauf richtig ist, muß man sich von der
+geographischen Lage der Nebenflüsse, fast möchte ich sagen von einem
+gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der
+portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der
+Eingeborenen. Der Anava der älteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu,
+und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man ließ nicht gerne einen
+leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen möchten, und so
+erschuf man Flüsse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, daß
+dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die
+Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf
+ankommt, daß man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des
+berühmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See
+Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstörers des
+Reichs der Incas, zu erkennen.
+
+Die großen Nebenflüsse des Amazonenstroms heißen, selbst bei den
+Missionären von europäischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im
+untern. Der Jça heißt weiter oben Putumayo; der Jupura führt seinen
+Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich
+nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte dieß um so weniger
+zu etwas führen, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte.
+In Javita, Maroa und San Carlos hörte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY,
+der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich überall sehr genau
+fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus
+meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdrücklich, der Rio
+Negro heiße auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder
+Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt
+Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne
+Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem
+letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle
+alten Geographen durch ein komisches Mißverständniß ihren _‘Europa
+fluvius’_ gemacht.
+
+Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, über
+welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage
+erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines
+mächtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie hängt mit
+einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des
+Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und
+mit dem *örtlichen Mythus* vom Dorado, früher Enim oder das Reich des
+Großen Paytiti geheißen. Studirt man die alten Karten dieser Länder und
+die Geschichte der geographischen Irrthümer genau, so sieht man, wie der
+Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmählich nach Westen
+rückt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie
+ich später nachweisen werde, im Südwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere
+PHILIPP DE URRE ging, um die große Stadt Manoa zu entdecken, über den
+Guaviare. Noch jetzt erzählen die Indianer in San Jose de Maravitanos,
+»fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so
+komme man zu einer berühmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und
+so groß sey, daß man das Ufer gegenüber nicht sehen könne. Ein wildes
+Volk, die Guanes, leide nicht, daß man im Sandboden um den See Gold
+sammle.« Pater ACUÑA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura
+und den Rio Negro. Manaos-Indianer (dieß ist das Wort Manoa mit
+Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Völkern
+vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blätter geschlagenen
+Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga
+und Moreira bekannt ist, saß am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA
+CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem
+Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des
+Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuña
+und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Flüssen Urubaxi und Iguari der
+handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze
+und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit
+vielen Jahren habe ich nach den ältesten Karten und einem ansehnlichen,
+von mir gesammelten, nicht veröffentlichten Material mit anhaltendem Eifer
+Untersuchungen über die Geographie Südamerikas nördlich vom Amazonenstrom
+angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen
+Werkes bewahren möchte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenständen zu
+handeln, über die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, nämlich von
+den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser
+Flüsse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den
+Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thränen gekostet hat.
+Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem
+Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am
+lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen müßte,
+wenn ich alle Beweise für meine Ausstellungen beibringen wollte, so
+beschränke ich mich hier darauf, die hauptsächlichsten Ergebnisse
+mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausführung auf die »_Analyse des
+Cartes_« und den »_Essai sur la géographie astronomique du
+Nouveau-Continent_«, welche den geographischen Atlas eröffnen sollen.
+
+Diese meine Untersuchungen führen zum allgemeinen Schluß, daß die Natur
+bei der Vertheilung der fließenden Gewässer auf der Erdoberfläche, wie
+beim Bau der organischen Körper, lange nicht nach einem so verwickelten
+Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluß unbestimmter Anschauungen
+und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor,
+daß alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der
+Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; daß in
+der alten Welt beim Lauf fließender Gewässer gleich außerordentliche
+Erscheinungen vorkommen, daß aber diese Erscheinungen vermöge ihres
+unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn
+ungeheure Ströme betrachtet werden können als aus mehreren, unter einander
+parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Ströme nicht
+in Thäler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines großen Festlandes
+so eben ist als bei uns das Meeresufer, so müssen die Verzweigungen, die
+Gabelungen, die netzförmigen Verschlingungen sich ins Unendliche häufen.
+Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht
+glauben, daß die neue Welt später als die alte dem Schooß des Wassers
+entstiegen, daß das organische Leben in ihr jünger, frischer seyn sollte;
+wenn man aber auch keine Gegensätze zwischen den zwei Halbkugeln desselben
+Planeten gelten läßt, so begreift sich doch, daß auf derjenigen, welche
+die größte Wasserfülle hat, die verschiedenen Flußsysteme längere Zeit
+gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig völlig
+unabhängig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich überall bilden, wo
+fließendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei,
+die großen Strombetten zu erhöhen und die Ueberschwemmungen stärker zu
+machen; aber auf die Länge werden die Flußarme und schmalen Kanäle, welche
+benachbarte Flüsse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz
+verstopft. Was das Regenwasser zusammenspült, bildet, indem es sich
+aushäuft, Schwellen, _‘isthmes d’attérissement’_, Wasserscheiden, die
+zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, daß die natürlichen,
+ursprünglichen Verbindungscanäle nach und nach in zwei Wasserläufe
+zerfallen, und durch die Aufhöhung des Bodens in der Quere zwei Gefälle
+nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers fällt
+in den Hauptwasserbehälter zurück, und zwischen zwei parallelen Becken
+erhebt sich eine Böschung, so daß die ehemalige Verbindung spurlos
+verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flußsystemen keine
+Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der großen Ueberschwemmungen noch
+immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehälter nur weg, um nach
+größeren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurückzukehren. Die Gebiete,
+deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schließen sich nach
+und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der
+Erdoberfläche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die
+Flußbetten zu trennen, wie die großen Seen in mehrere zerfallen und die
+Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65)
+
+Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung
+gewonnen hatten, daß in Südamerika zwischen verschiedenen Flußsystemen
+Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhängig
+machen, so nahmen sie an, daß die fünf großen Nebenflüsse des Orinoco und
+des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura,
+und Putumayo oder Iça unter einander zusammenhängen. Diese Hypothesen,
+welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind,
+entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem
+Rücken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota über
+Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hört man die Gebirgsbewohner
+behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen
+Friedens), des Iscancè und Aponte entspringen alle Flüsse, die zwischen
+dem Meta und dem Putumayo durch die Wälder von Guyana ziehen. Da man die
+Nebenflüsse für den Hauptstrom hält und man alle Flüsse rückwärts bis zur
+Bergkette reichen läßt, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio
+Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr
+schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den
+Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig
+Interesse, die Flüsse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu
+lernen: durch all diese Umstände ist die geographische Verwirrung noch
+größer geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den
+Weg, der über die Dörfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum
+Landungsplatz am Rio Meta führt. Erst in neuester Zeit konnte ich die
+Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebüchern_ des CANONICUS CORTES
+MADARIAGA und nach den Ermittlungen während des Unabhängigkeitskriegs in
+Venezuela berichtigen.
+
+Ueber die Lage der Quellen am Fuß der Cordilleren zwischen dem 4° 20′ und
+1° 10′ nördlicher Breite wissen wir zuverlässig, was folgt. Hinter dem
+Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt
+der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay
+den *Meta* bildet; weiter nach Süden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluß
+des *Guaviare*, dessen Mündung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen.
+Geht man auf dem Rücken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo
+von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo
+vorbeiläuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung
+bekommen die Flüsse den Namen *Guaviare*. Südwestlich vom Paramo de Aponte
+entspringen am Fuß der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der
+Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung
+eine große Rolle spielt. Diese beiden Flüsse, die sich etwas oberhalb der
+Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder
+*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene
+der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und
+dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jça entspringt. Der
+Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen
+großen Flüsse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe,
+Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio
+Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwärts
+bis zum Gebirge fortführen, entspringen weit weg von demselben entweder in
+den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach
+den Aussagen der Eingeborenen, fünf, sechs Tagereisen westwärts von den
+Missionen am Javita und Maroa anfängt und sich als Sierra Tunuhy jenseits
+des Xiè dem Issana zu erstreckt.
+
+Es erscheint ziemlich auffallend, daß dieser Kamm der Cordillere, dem so
+viele majestätische Flüsse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta,
+Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge,
+aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewässer,
+die über die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der
+Anden kommt, einen noch thätigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester
+Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja über den Rio Fragua an
+den Caqueta herunterkommen. Nordöstlich von der Mission Santa Rosa,
+westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Hügel, der
+Tag und Nacht Rauch ausstößt. Es rührt dieß von einem Seitenausbruch der
+Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die
+gleichfalls am Fuß des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbrüchen
+des Vulkansystems von Quito herrühren. Ist man mit den Ufern des Orinoco
+und des Rio Negro bekannt, wo überall das Granitgestein zu Tage kommt,
+bedenkt man, daß in Brasilien, in Guyana, auf dem Küstenland von
+Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwärts von den Anden,
+sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thätigen Vulkane
+an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr
+interessant.
+
+Die imposante Größe des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr
+1539 bei seinem Einfluß in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_;
+aber erst ein Jahrhundert später suchten die Geographen seine Quellen am
+Abhang der Cordilleren auf. ACUÑAs Reise gab Anlaß zu Hypothesen, die sich
+bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D’ANVILLE
+maßlos gehäuft wurden. ACUÑA hatte im Jahr 1638 an der Einmündung des Rio
+Negro gehört, einer seiner Zweige stehe mit einem andern großen Strom in
+Verbindung, an dem die Holländer sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt
+scharfsinnig, daß man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Küste
+gewußt, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den
+barbarischen Völkern dieser Länder (besonders unter denen von caraibischem
+Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuña Rede
+standen, den Cassiquiare meinten, den natürlichen Canal zwischen Orinoco
+und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin,
+oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplätze zwischen den Quellen des
+Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuña selbst dachte
+nicht daran, daß der große Strom, dessen Mündung die Holländer besaßen,
+der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe
+an, der westlich vom Cap Nord ins Meer fällt, und auf dem nach seiner
+Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flußfahrt beschlossen
+hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in
+seinem närrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, »er wisse nicht,
+wie er und die Seinigen aus der großen Wassermasse herausgekommen.« [S.
+Bd. I. Seite 233].
+
+Bis zu Acuñas Reise und den schwankenden Angaben, die er über Verbindungen
+mit einem andern großen Fluß nordwärts vom Amazonenstrom erhielt, sahen
+die unterrichtetsten Missionare den Orinoco für eine Fortsetzung des
+Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. »Dieser Strom,« sagte Fray PEDRO SIMON im
+Jahr 1625, »entspringt am Westabhang des Paramo d’Iscancè. Er nimmt den
+Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heißt nach
+einander Rio Iscancè, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der
+Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco.« Nach der Lage des Paramo
+d’Iscancè, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy
+und an den schönen Ufern des Mayo gesehen, muß in dieser Beschreibung der
+Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit
+dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den
+ritterlichen Zügen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die
+beiden Kriegsmänner kamen an den Papamene erst, nachdem sie über den
+Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am
+nördlichen Ufer des Caqueta eine der stärksten Nationen; es ist also nicht
+zu verwundern, daß, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluß Rio Tama
+genannt wurde. Da die Quellen der Nebenflüsse des Caqueta und die
+Nebenflüsse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der
+großen Flüsse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem
+Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de
+Iscancè und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und
+derselbe Fluß. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren,
+sonst hätte man gesehen, daß der Fluß, der weiter unten Jupupa heißt, eben
+der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevölkerung
+dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb
+des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht,
+muß auch zu der Meinung beigetragen haben, daß der Orinoco am Abhang der
+Gebirge von Pasto entspringe.
+
+Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta
+laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem großen Orinocobecken zu.
+Hätte man genauer auf die Richtung dieser Nebenflüsse geachtet, so wäre
+man gewahr geworden, daß allerdings das ganze Land im Großen nach Osten
+abfällt, daß aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen,
+schiefe Flächen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Südost
+geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide läuft unter dem zweiten
+Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und
+dem Caño Pimichin, über die unsere Pirogue geschafft worden. Nördlich vom
+Parallel von Timana laufen die Gewässer [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama,
+Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenflüsse des
+Orinoco oder die Nebenflüsse seiner Nebenflüsse. Aber südlich vom Parallel
+von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu
+gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jça,
+der Napo, der Pastaça und der Morona nach Südost und Süd-Südost und
+ergießen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwürdig,
+daß diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen
+erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto
+gefunden. Zieht man den Landhöhen nach eine Linie über Ceja (etwas südlich
+von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen
+1° 45′ und 2° 20′ der Breite, in 970 Toisen Meereshöhe, so findet man die
+_‘divortia aquarum’_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen
+Ocean.
+
+Vor Acuñas Reise herrschte bei den Missionären die Ansicht, Caqueta,
+Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses;
+aber der Geograph SANSON ließ auf den Karten, die er nach ACUÑAs
+Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer
+der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese
+Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON,
+CORONELLI, DU VAL und DE L’ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese
+Weise die Verbindungen zwischen den großen Strömen zu erklären, von denen
+Acuña die erste Kunde von der Mündung des Rio Negro mitgebracht, und man
+ahnte nicht, daß der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen ließ
+man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluß, der sich gabelt, Rio
+Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hieß. DE L’ISLE ließ in
+seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum großen Verdruß
+LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu völlig
+unabhängigen Flüssen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung
+zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden
+Strömen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und
+zur Zeit des Hondius galt es für das wahrscheinlichste.
+
+LA CONDAMINEs Reise, die über verschiedene Striche Amerikas so viel Licht
+verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco
+und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der berühmte Gelehrte sah
+allerdings wohl, daß der Caqueta (bei Mocoa) der Fluß ist, der am
+Amazonenstrom Jupura heißt; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese
+an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei.
+Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab;
+eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten
+theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Flüsse, den Orinoco und den
+Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe
+von D’ANVILLEs schöner Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich
+daraus, daß der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der großen Katarakten
+abgeht, und daß man, um an die Mündung des Guaviare zu kommen, den Caqueta
+über die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muß. Als LA
+CONDAMINE erfuhr, daß der Orinoco keineswegs am Fuß der Anden von Pasto,
+sondern auf der Rückseite der Berge von Cayenne entspringe, änderte er
+seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt
+nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Mündung
+des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D’ANVILLES zweiter
+Karte ungefähr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des
+Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von
+Pater CAULIN gut geheißen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf
+allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese
+Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel
+Anziehendes, wie die Flüsse im Innern Nigritiens; es knüpfen sich eben
+keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen
+Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen
+Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weißen Nil, des Gambaro, des Joliba
+und des Zaïre. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang
+ab; die Probleme sind bündiger gefaßt und das alte Stück Geographie, das
+man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen
+könnte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen.
+
+Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue
+Auskunft über die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in
+den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen
+Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der
+Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die
+mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schätzt dieselbe in der
+Nähe der Ausmündung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200
+Toisen; der Fluß wäre also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um
+1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie
+zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist,
+versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fünf Tagereisen zu
+Wasser nordwestwärts von der Mündung des Pimichin in einem bergigten
+Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare
+von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen
+hinauffährt, so kann man fünf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so
+starke Strömung zu etwas über einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung
+annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Längenbeobachtungen
+in Javita und San Carlos, unter 71° 35′ westlich vom Meridian von Paris zu
+liegen kämen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen
+übereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die
+Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flußbett es gestattet. Nach der
+Analogie der europäischen Flüsse läßt sich das Verhältniß zwischen der
+Breite und Länge des obern Flußstücks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In
+Amerika nimmt häufig die Wassermasse in den Flüssen auf kurzen Strecken
+sehr auffallend zu.
+
+Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzüglich dadurch ausgezeichnet, daß
+er keine Krümmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch
+einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluß die Richtung verändert,
+liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch,
+aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgänge
+durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Fährt man den Guainia
+nach Nordwest hinauf, so wird die Strömung mit jeder Tagreise reißender.
+Die Flußufer sind unbewohnt; erst in der Nähe der Quellen (_las
+cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder
+Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der
+Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es ließe
+sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hörte in Cabruta aus dem
+Munde eines indianischen Häuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe
+beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluß des
+Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen
+nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten
+portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist
+wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange
+die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, ließen sie den
+Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita
+nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen
+des Inirida und Guainia nicht höher als der Baraguan, der nach meiner
+Messung 120 Toisen hoch ist.
+
+Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im
+hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestätigen,
+was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier
+Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem
+Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser
+Nebenflüsse als einen unabhängigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita
+weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2° 15′ westwärts vom Meridian
+von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluß des Guainia, scheint viel weiter
+aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so,
+daß kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen könnte, ohne ihn zu
+schneiden. Ich bringe zum Schluß dieser Erörterung einen Beweis bei, der
+direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der
+Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden
+entspringen soll.
+
+Während meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des
+Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswürdiger,
+verständiger Mann, zuverlässige Mittheilungen über die Missionen der
+Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche
+Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre)
+und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europäer durch dieses
+unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am
+Flusse dieses Namens, der in den Caqueta fällt, über eine unermeßliche,
+völlig baumlose Savane, in deren östlichem Striche die Tamas- und
+Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstägigem Marsch nordwärts kam er in
+einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom
+Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den großen Guaviarestrom bilden.
+Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San
+Juan de los Llanos. Pater Pugnet hörte dort von den großen Katarakten des
+Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Präsident der Missionen am
+Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf
+gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo
+über keinen Fluß. Es ist also erwiesen, daß unter dem 75. Grad der Länge,
+auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio
+Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden
+sind und daß diese drei Flüsse ostwärts von diesem Meridian entspringen.
+Diese Angaben sind von großem Werth; denn im innern Afrika ist die
+Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen
+des Meta, Guaviare und Caqueta. »Man glaubt es kaum,« sagt CALDAS in einer
+wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, »daß
+wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge
+beginnen, die wir täglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen
+Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiß, wie breit die
+Cordilleren sind, noch wie die Flüsse laufen, die in den Orinoco und in
+den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben
+auf diesen Nebenflüssen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem
+Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay
+verkehren.«
+
+Ich weiß wohl, daß in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der
+Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluß des Rio Fragua und
+des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der
+Einmündung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese
+Meinung stützt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche
+häufig Trageplätze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten
+an der Mündung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch
+»Murcielagos« (Fledermäuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut
+aussaugen, können die spanischen Missionäre nicht den Caqueta hinabfahren.
+Nie hat ein weißer Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluß des
+Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission
+fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0° 36′
+südlicher Breite, dann den Rio de los Engaños (den trügerischen Fluß) und
+den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0° 28′ nördlicher Breite
+hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwärts keinen Arm vom Caqueta
+abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind
+Flüßchen, die in den Rio de los Engaños und mit diesem in den Caqueta
+fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so wäre sie nur auf
+der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluß des Payoya und dem zweiten
+Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Engaños zu suchen; aber,
+ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis
+und des Uaupes könnte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum
+obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, daß
+zwischen den Zuflüssen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine
+Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir
+für das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshöhe gefunden. Vorausgesetzt,
+das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen über Javita,
+so folgt daraus, daß das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens
+200 Toisen über dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem
+Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de
+Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von
+Tomependa bis zum Meridian von 75° fällt und wie weit es von den Missionen
+am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, daß das Bett
+des Caqueta unterhalb der Mündungen des Caguan und des Payoya viel tiefer
+liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers
+abgeben soll. Ueberdieß ist das Wasser des Caqueta durchaus weiß, das des
+Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, daß
+ein weißer Fluß auf seinem Laufe schwarz würde. Der obere Guainia kann
+also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, daß man Grund hat
+anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhängigen Wasserbehälter,
+komme südwärts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu.
+
+Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen
+lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die
+sich südwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Länge, unter der sie
+liegt, könnte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die
+Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die großen Katarakten des
+Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart
+wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden
+vor? Gibt es vielleicht weiter nach Süden, dem Uaupes zu, am Iquiare
+(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwäschen? Dort
+suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer
+Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene
+Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften,
+so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, daß geschichtliche
+Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens über den Guaviare und
+den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa
+die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heißt; man erinnert
+sich, daß Pater Acuña den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluß* nennt, und
+daß fünfzig Jahre später Pater FRITZ, ein sehr glaubwürdiger Missionär, in
+seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit
+Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und
+dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Flüsse, die am Ostabhang der Anden
+entspringen, (z. B. der Napo) führen viel Gold, auch wenn ihre Quellen im
+Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwärts von den Cordilleren nicht
+so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwärts bei Sonora,
+Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses
+Landstrichs übertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht für
+berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur
+deßhalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land
+keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, daß die Eingeborenen am
+Orinoco in ihren Sprachen ein Wort für Gold haben (caraibisch Carucuru,
+tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), während das Wort, das sie
+für Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die
+Nachrichten über Goldwäschen südlich und nördlich vom Rio Uaupes, die
+Acuña, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem überein,
+was ich über die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So
+stark man sich auch den Verkehr unter den Völkern am Orinoco vor der
+Ankunft der Europäer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiß nicht
+vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben,
+zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in
+den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein.
+Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwärts von den
+Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission
+Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern,
+daß man, sobald sich Europäer in diesen Einöden niederlassen, weniger von
+Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hört, die man sich
+früher von den Caraiben und andern umherziehenden Völkern im Tauschhandel
+verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und
+Amazonenstrom nie sehr häufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die
+Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen über weite Strecken
+ein Ende macht.
+
+Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiß, vielleicht auch etwas
+weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai
+23°,9 [19°,2 Reaumur] warm, während der Thermometer in der Luft bei Tag
+auf 22°,7, bei Nacht auf 21°,8 stand. Diese Kühle des Wassers, die fast
+ebenso beim Congofluß beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1° 53′
+bis 2° 15′ nördliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem
+vierten und achten Grad der Breite meist 27°,5 bis 29°,5 warm. Die
+Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27°,8. Diese
+Abnahme der Wärme dem Aequator zu stimmt merkwürdig mit den Hypothesen
+einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine örtliche
+Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshöhe, des Landstrichs,
+als vielmehr des beständig bedeckten, regnerischen Himmels, der
+Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Wälder, der starken Ausdünstung der
+Gewächse und des Umstandes, daß kein sandiges Ufer den Wärmestoff anzieht
+und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluß eines bezogenen
+Himmels zeigt sich recht deutlich am Küstenstrich in Peru, wo niemals
+Regen fällt und die Sonne einen großen Theil des Jahres, zur Zeit der
+*Garua* (Nebel), dem bloßen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort,
+zwischen dem 10. und 12. Grad südlicher Breite ist die mittlere Temperatur
+kaum höher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze
+Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen
+Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter
+einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto größer, da sonst das
+Jahr über die Einwohner sich bei Nacht über Frost beklagen, obgleich die
+Temperatur immer noch 21° beträgt. Ich stellte in San Carlos, wie früher
+in Javita, Beobachtungen über die Regenmenge an, die in einer gegebenen
+Zeit fällt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon
+handelt, die ungeheure Anschwellung der Flüsse in der Nähe des Aequators
+zu erklären, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren
+mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden
+7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen.
+Da es unaufhörlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so
+können, glaube ich, in diesen Wäldern jährlich nicht wohl unter 90 bis 100
+Zoll Wasser fallen. So außerordentlich viel dieß auch scheinen mag, so
+wird diese Schätzung doch durch die sorgfältigen Beobachtungen des
+Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestätigt. In Vera-Cruz fielen
+allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im
+ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der
+dürren, kahlen mexicanischen Küsten und dem Klima in den Wäldern ist ein
+großer Unterschied. Auf jenen Küsten fällt in den Monaten December und
+Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur
+2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter
+einander, als ob die Luft sich in Wasser auflöste. In diesem nassen
+Himmelsstriche würde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der
+Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuß hohen Wasserschicht bedeckt.
+Diese Aequatorialregen, welche die majestätischen Ströme Amerikas speisen,
+sind von elektrischen Entladungen begleitet, und während man am Ende
+desselben Continents, auf der Westküste von Grönland,(71) in fünf und
+sechs Jahren nicht Einmal donnern hört, toben in der Nähe des Aequators
+die Gewitter fast Tag für Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen
+Entladungen und der Regengüsse unterstützt übrigens keineswegs die alte
+Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und
+Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Höhe vergeblich
+Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesättigten Luft enthaltenen
+Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad.
+Unter der heißen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen
+einzigen Grad abkühlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der
+gemäßigten. Eine durch die Strömungen fortwährend erneuerte Luft kann
+somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen fällt und dem
+Physiker so erstaunlich groß dünkt.
+
+Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe
+als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weißen Wassers, die der
+Cassiquiare hereinbringt, ändert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig
+an der Farbe, daß es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne
+du Brésil_ sagt ganz richtig, der Fluß habe überall, wo er nicht tief sey,
+eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es
+schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen
+den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia
+oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft
+Gran-Para für ein so wichtiges Moment, daß der Rio das Amazonas westlich
+vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimöes heißt
+(eigentlich Sorimöes, mit Anspielung auf das Gift der Nation der
+Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio
+Maranhao oder Marañon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen
+ungleich weniger von Wasservögeln bevölkert als die des Cassiquiare, Meta
+und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute für die europäischen
+Sammlungen finden. Daß diese Thiere so selten sind, rührt ohne Zweifel
+daher, daß der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie
+von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner
+Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem
+nähren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von
+Zugvögeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen.
+Wenn der Orinoco zu steigen anfängt, also nach der Frühlings-Tag- und
+Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwärmen
+vom 8. bis 3. Grad nördlicher zum 1. bis 4. Grad südlicher Breite gegen
+Süd-Süd-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco,
+ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade überfluthet,
+keine Fische, Wasserinsekten und Würmer mehr fangen können. Man erlegt sie
+zu Tausenden, wenn sie über den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum
+Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn
+der Orinoco fällt und in sein Bett zurücktritt, ziehen die Enten, ob sie
+nun der Ruf der erfahrensten Zugvögel dazu antreibt, oder jenes innere
+Gefühl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklären ist, vom
+Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als
+daß die Indianer am Rio Negro lüstern darnach wären, und sie entgehen
+ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen
+wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die
+Eingeborenen im März Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht
+sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und
+warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio
+Branco nicht begleiten. Dieses regelmäßige Ziehen der Vögel aus einem
+Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr über
+dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So
+kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die großen Flüsse austreten,
+viele Schwärme von Wasservögeln vom Orinoco und seinen Nebenflüssen an die
+Südküsten der Antillen. Man muß annehmen, daß unter den Tropen der Wechsel
+von Trockenheit und Nässe auf die Sitten der Thiere denselben Einfluß hat,
+wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwärme
+und die Insektenjagd locken in den nördlichen Ländern der Vereinigten
+Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin
+herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvögel und
+die Stelzenläufer von Nord nach Süd, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts
+ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die
+Wanderungen der Vögel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem
+Endziel.
+
+Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen
+Katarakt am Zusammenfluß gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die
+Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und
+wohlhabend aus, daß es angenehm auffällt. Wir kauften daselbst schöne
+lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Vögel, bei
+denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt.
+Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluß des Aquio, dann an dem
+des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer,
+von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe.
+Derselbe ist ferner dadurch interessant, daß er den heimlichen Verkehr mit
+den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf
+seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen
+zuweilen flüchtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir
+betraten die Mission nicht, Pater Zea erzählte uns aber lächelnd, die
+Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil
+man sie zwingen wollte, den vielberufenen »Teufelstanz« zu tanzen. Der
+Missionär hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*,
+die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den bösen Geist
+*Jolokiamo* beschwören, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt
+den »Teufelstanz« für ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten
+darzuthun, daß Jolokiamo keine Gewalt mehr über sie habe. Einige junge
+Indianer ließen sich durch die Versprechungen des Missionärs bewegen, die
+Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben
+Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwänzen
+umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen
+der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der
+Kirche auf und führte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber
+hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des bösen Geistes
+nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann
+die Oberhand; eine abergläubische Angst kam über sie, alle wollten _al
+monte_ laufen, und der Missionär legte seinen Plan, den Teufel der
+Eingeborenen lächerlich zu machen, zurück. Was für wunderliche Einfälle
+doch einem müßigen Mönche kommen, der sein Leben in den Wäldern zubringt,
+fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen könnte! Daß man in
+Tomo den geheimnißvollen Teufelstanz mit aller Gewalt öffentlich wollte
+aufführen lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionären
+geschriebenen Büchern davon die Rede ist, wie sie sich bemüht, das; keine
+Tänze aufgeführt werden, keine »Todtentänze«, keine »Tänze der heiligen
+Trompete,« auch nicht der alte »Schlangentanz«, der _‘Queti’_, bei dem
+vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit
+den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu
+entführen.
+
+Nach zweistündiger Fahrt kamen wir von der Mündung des Tomo zu der kleinen
+Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Mönchen, sondern
+von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegründet worden. Der
+Missionär Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns
+sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als
+Tafelluxus wäre uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Länge fällt es
+einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getränke. Durch
+die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den
+Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon
+arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionäre Bedenken, ob sie
+mit Maderawein das Meßopfer verrichten dürften; sie hielten denselben für
+ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getränk, wie Palmwein, und
+forderten den Gardian der Missionen auf, sich darüber auszusprechen, ob
+der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft
+eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die
+Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem
+gegohrenen, dem Traubenwein ähnlichen Saft das Meßopfer zu verrichten. Wie
+vorauszusehen, wurde die Frage verneint.
+
+Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Hühner und ein
+Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon
+lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie drängten zum Aufbruch, damit
+wir zeitig auf die Insel Dapa kämen, wo das Schwein geschlachtet und in
+der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster
+(_convento_) große Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der
+Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente.
+Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der
+Flußfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muß man es, wenn es
+halten soll, öfter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne
+aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur
+Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am
+spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benützen, einer
+Palme mit gefiederten Blättern, von der wir weder Blüthen noch Früchte zu
+Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weiße Mensch, der,
+um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony
+zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den
+portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt
+gemacht und führte, als er vom Amazonenstrom zurückkam, den Gewerbszweig
+in den Missionen in Guyana ein. Es wäre zu wünschen, daß am Rio Negro und
+Cassiquiare große Seilbahnen angelegt werden könnten, um diese Taue in den
+europäischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura
+auf die Antillen ausgeführt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als
+Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benützt, müßten sie angepflanzt und
+cultivirt werden.
+
+Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des
+Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flußverzweigungen eine
+merkwürdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht nördlich von Vasiva unter dem
+Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, läuft 25 Meilen lang durch ein ebenes,
+fast ganz unbewohntes Land und fällt unter dem Namen Conorichite in den
+Rio Negro. Er schien mir an der Mündung über 120 Toisen breit und bringt
+eine bedeutende Masse weißen Wassers in das schwarze Gewässer. Obgleich
+die Strömung im Conorichite sehr stark ist, kürzt dieser natürliche Kanal
+dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte
+Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn
+man weiß, wie viele Flüsse in Amerika beim Zusammenfluß mit andern Delta’s
+bilden. So ergießen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen
+Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluß des Jupura
+kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluß sich mit dem
+Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehälter, drei
+Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum
+Nebenfluß. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand außer
+Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er
+diesen seinen Nebenfluß selbst aufnimmt.
+
+Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte früher im Sklavenhandel, den
+die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die
+Sklavenhändler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Caño Mee in den
+Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen über einen Trageplatz
+zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe
+diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schändliche
+Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung
+der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von
+Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen
+(wie Verlust bürgerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbuße), »Eingeborene
+durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;«
+aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio
+Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE
+ausdrückt, für die europäische Politik nur in sofern Interesse, als er die
+*Entradas* oder feindlichen Einfälle erleichterte und dem Sklavenhandel
+Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von
+den Portugiesen und den Holländern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und
+Glaswaaren aller Art. Dafür hetzten sie die indianischen Häuptlinge gegen
+einander auf, so daß es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen
+ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in
+den Weg kam. Diese Streifzüge der Caraiben erstreckten sich über ein
+ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem
+Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Süd dem Rio Branco zu,
+andererseits nach Südwest über die Trageplätze zwischen dem Rio Paragua,
+dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen
+Völkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden
+und kamen über den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen
+Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den
+Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die unglücklichen Eingeborenen die
+Nachbarschaft der Europäer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in
+Berührung kamen. Dieselben Ursachen haben überall dieselben Folgen. Der
+barbarische Handel, den die civilisirten Völker an der afrikanischen Küste
+trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Länder
+zurück, wo man vom Daseyn weißer Menschen gar nichts weiß.
+
+Nachdem wir von der Mündung des Conorichite und der Mission Davipe
+aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die
+ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer
+nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstücke und auf einem
+kleinen Hügel eine indianische Hütte. Vier Eingeborene saßen um ein Feuer
+von Buschwerk und aßen eine Art weißen, schwarz gefleckten Teigs, der
+unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, große Ameisen,
+deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet
+und vom Rauch geschwärzt. Wir sahen mehrere Säcke voll über dem Feuer
+hängen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der
+engen Hütte mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Hängematten über
+einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit großen
+Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache
+mehr Soldaten als am Orinoco, und überall, wo Soldaten und Mönche sich die
+Herrschaft über die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung
+zu den Mönchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Hängematten, um uns
+Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der
+Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe
+schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben.
+Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung.
+Man ißt die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionäre
+sagen, das *Ameisenfett* (der weiße Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft
+ist. Als die Casavekuchen fertig waren, ließ sich Pater Zea, bei dem das
+Fieber die Eßlust vielmehr zu reizen als zu schwächen schien, einen
+kleinen Sack voll geräucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrückten
+Insekten mit Maniocmehl und ließ nicht nach, bis wir davon kosteten. Es
+schmeckte ungefähr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc
+schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europäisches
+Vorurtheil an, daß wir mit dem guten Missionär, wenn er das Ding eine
+vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten.
+
+Da der Regen in Strömen herabgoß, mußten wir in der überfüllten Hütte
+übernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die übrige
+Zeit schwatzten sie in ihren Hängematten, bereiteten ihr bitteres Getränk
+Cupana, schürten das Feuer und klagten über die Kälte, obgleich die
+Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fünf Stunden Vor
+Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern
+in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den »Entradas« die Eingeborenen
+überraschen will, wählt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe
+liegen, von neun Uhr bis Mitternacht.
+
+Wir verließen die Insel Dapa lange vor der Morgendämmerung und kamen trotz
+der starken Strömung und des Fleißes unserer Ruderer erst nach
+zwölfstündiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links
+ließen wir die Einmündung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel
+Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator;
+aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter
+1° 54′ 11″. Jede Nation hat die Neigung, den Flächenraum ihrer Besitzungen
+auf den Karten zu vergrößern und die Grenzen hinauszurücken. Da man es
+versäumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu
+reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die
+Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose
+de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Küste
+von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Süd schieben. Dieß gilt von
+allen Karten der Colonieen. Weiß man, wo sie gezeichnet worden und in
+welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiß man zum voraus, nach
+welcher Seite hin die Irrthümer in Länge und Breite laufen.
+
+In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem
+Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr hübsche
+Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom läuft
+geradeaus von Nord nach Süd, als wäre sein Bett von Menschenhand gegraben.
+Der beständig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten,
+finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastämme; es ist dieß
+das majestätische Gewächs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die
+man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter
+dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Bäume werden in
+acht Jahren dreißig Fuß hoch.
+
+Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon
+zehn zum Schutz der Missionäre in der Nachbarschaft detachirt waren. Die
+Luft ist so feucht, daß nicht vier Gewehre schußfertig sind. Die
+Portugiesen haben fünf und zwanzig bis dreißig besser gekleidete und
+bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission
+San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebäude aus
+ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstücke standen. Die Schanze,
+oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San
+Carlos gegenüber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug
+Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern
+Pässen stand wohl, daß ich sollte Berge messen und überall im Lande, wo es
+mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen dürfen, aber vom
+Besehen fester Plätze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don
+Nicolas Soto, war als spanischer Offizier glücklicher als wir. Man
+erlaubte ihm, über den Fluß zu gehen, und er fand auf einer kleinen
+abgeholzten Ebene die Anfänge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet
+wäre, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte
+Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fünf Fuß hoch
+und mit großen Steinen verstärkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in
+denen man vier bis fünf Stücke aufstellen könnte. Im ganzen Werk sind
+14--15 Geschütze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die
+Schanze her stehen drei oder vier indianische Hütten. Dieß heißt das Dorf
+San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr
+diese christlichen Niederlassungen gedeihen, führt man für das angebliche
+Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem
+Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, daß es überall
+um die Festung ruhig scheine; dieß erinnerte mich an die Schanzen an der
+Küste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum
+Schutz der europäischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis
+fünf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser
+daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. überall an so
+entlegenen Punkten herrschen dieselben Mißbräuche in der
+Militärverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird,
+bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen
+zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura
+fürchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio
+Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, daß die Truppen sehr
+schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer,
+weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle
+schwarzen, klaren Gewässer) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von
+den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer
+und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den
+Portugiesen jährlich kaum für 3000 Piaster Waaren eingeführt.
+
+Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit
+Ausrodung der Wälder die übermäßige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens
+abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blätter der krautartigen
+Gewächse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwärtigen Zustand des
+Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den
+Küsten von Caracas von ausgezeichneter Güte und sehr gesucht ist, kann
+eigentlich nur aus alten Baustätten, bei zerfallenen Hütten, bei _‘pueblo
+viejo’_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der
+Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustätten, wo der Boden
+umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne daß etwas darauf
+wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Wäldern gepflanzt wird, ist
+wässrigt und ohne Arom. Bei den Dörfern Maroa, Davipe und Tomo ist der
+Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande
+getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und
+Reis im Ueberfluß erzeugen.
+
+Da man von der Mündung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen fährt,
+so hätten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Küste von Brasilien nicht
+viel mehr Zeit gebraucht, als um über den Cassiquiare und den Orinoco an
+die Nordküste von Caracas zurückzukehren. Wir hörten in San Carlos, der
+politischen Verhältnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen
+Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach
+unserer Rückkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr
+wir uns ausgesetzt hätten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen wären. Man
+hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender,
+unüberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren,
+ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natürlichen Canal
+untersuchen, der zwei große Stromsysteme verbindet. In diesen öden Wäldern
+hatte man Instrumente nie anders als in den Händen der Grenzcommission
+gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis
+dahin so wenig als der gute Missionär, von dem in einem früheren Capitel
+die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernünftiger Mensch eine lange
+beschwerliche Reise unternehmen kann, »um Land zu vermessen, das nicht
+sein gehört.« Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner
+Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse
+astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so
+schwer gefährden könnten. Man hätte uns auf dem Amazonenfluß nach
+Gran-Para geführt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese
+Absichten, die, wären sie in Erfüllung gegangen, eine aus fünf Jahre
+berechnete Reise stark gefährdet hätten, erwähne ich hier nur, um zu
+zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist
+herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das
+Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt,
+erließ es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stören, im
+Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch
+einen Theil der portugiesischen Besitzungen käme. Von diesem aufgeklärten
+Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Rücksicht man
+mir zugedacht, um die ich mich in so großer Entfernung nicht hatte
+bewerben können. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen,
+befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach
+Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich über den
+Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem
+Amazonenstrom über den Einfluß des Cababuri herauf, der wegen der
+Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit
+über die Geographie dieser Länder veröffentlicht worden, selbst was von
+Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren.
+
+Weiter den Rio Negro hinab läßt man rechts den Caño Maliapo, links die
+Caños Dariba und Guy. Fünf Meilen weiter, also etwa unter 1° 38′
+nördlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in
+diesem endlosen Grenzproceß ist Alles provisorisch) als südlicher Endpunkt
+der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem
+Ort, wo es viele verwilderte Orangebäume gibt, zeigt man einen kleinen,
+200 Fuß hohen Felsen mit einer Höhle, welche bei den Missionären »Cocuys
+*Glorieta*« heißt. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort
+Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier
+hatte Cocuy, der Häuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war
+[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles
+zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schönsten und fettesten seiner
+Weiber. Ich zweifle nicht, daß Cocuy allerdings ein wenig ein
+Menschenfresser war; »es ist dieß,« sagt Pater Gili mit der Naivität eines
+amerikanischen Missionärs, »eine üble Gewohnheit dieser Völker in Guyana,
+die sonst so sanft und gutmüthig sind;« aber zur Steuer der Wahrheit muß
+ich hinzufügen, daß die Sage vom Harem und den abscheulichen
+Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio
+Negro. Ja in San Carlos läßt man nicht einmal den Verdacht gelten, als
+hätte er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht
+solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein
+verständiger, civilisirter Mensch schien, gegenwärtig Hauptmann der
+Indianer in San Carlos ist?
+
+Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San
+Josef de Maravitanos, die Dörfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino
+(beim Einfluß des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa
+Senhora da Guya, Boavista am Rio Içanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne
+beim Einfluß des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367],
+Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las
+Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zähle
+diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen
+die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von
+Brasilien gegründet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf
+Dörfer, und bis zum Ausfluß des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere,
+außer den sechs Dörfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo
+ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio
+Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so
+große Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses
+Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevölkerter als
+die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo
+und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs
+bloß auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, daß
+der Rio Negro, weil er fortwährend von Nordwest nach Südost läuft,
+leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen
+Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die
+Indianer unter Civil- und Militärbehörden und unter den Mönchen vom Berge
+Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt
+sich unabhängig erhält. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen
+am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie
+die andere dieser Regierungsweisen ist drückend in mehr als Einer
+Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird für den Verlust der
+Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz
+geleistet.
+
+Unter den Zuflüssen, die der Rio Negro von Norden her erhält, nehmen drei
+besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer
+Verzweigungen, ihrer Trageplätze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft
+verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen.
+Die am weitesten südwärts gelegenen dieser Nebenflüsse sind der Rio
+Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem
+Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem
+Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwärts von der Mission Esmeralda
+in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem
+Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt
+sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluß des Rio Negro, dem
+Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in
+hydrographischer Beziehung und für den Sarsaparillehandel gleich wichtig
+sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in
+seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Süden
+ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser
+gebirgigte Landstrich ist nicht sehr groß, aber reich an vegetabilischen
+Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des
+Curaregiftes dienen, an Mandelbäumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_),
+aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide
+zwischen den Gewässern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den
+Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fließen der Mavaca und
+der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni,
+nach Süden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere
+theilt sich in der Nähe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der
+westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San
+Francisco Solano gaben uns die Indianer die umständlichsten Nachrichten
+über seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, daß zu
+einem untern Zufluß das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern
+daß im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der
+Richtung des Hauptwasserbehälters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich
+habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenströmungen, dieses
+scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flußgabelungen, deren Kenntniß für
+die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas
+zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, daß man nicht geradezu Alles
+für Fabel erklären darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach
+Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberfläche
+umfassen.
+
+Der Cababuri fällt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio
+Negro; aber die Flüsse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen
+auch mit dem Cababuri in Verbindung, so daß von der Schanze San Gabriel de
+Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den
+portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet
+der spanischen Missionen sich einschleichen können. Wenn ich sage Gebiet,
+so brauche ich den ungewöhnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer
+zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Ländern gründet,
+deren natürliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren
+versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr
+Gebiet erstrecke sich überall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluß,
+dessen Mündung in portugiesischem Besitz ist, gelangen können. Aber
+Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein
+Eigenthumsrecht begründet, und nach den obigen Bemerkungen über die
+vielfachen Verzweigungen der Flüsse dürfte es für die Höfe von Madrid und
+Lissabon gleich gefährlich seyn, diesen seltsamen Satz der
+Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen.
+
+Der Hauptzweck bei den Einfällen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille
+und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu
+sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen
+von Esmeralda an einen See nördlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar
+über die Trageplätze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und
+dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von
+diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva
+Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _‘Zarza del Rio
+Negro’_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man
+zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von
+Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfältig getrocknet und absichtlich dem
+Rauch ausgesetzt, damit sie schwärzer wird. Diese Schlingpflanze wächst in
+Menge an den feuchten Abhängen der Berge Unturan und Achivaquery. DE
+CANDOLLE vermuthet mit Recht, daß verschiedene Arten von Smilax unter dem
+Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwölf neue Arten, von
+denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom
+Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten
+sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weißen und Farbigen so
+gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr
+bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus
+den Werken des CLUSIUS, daß Europa in den ersten Zeiten der Eroberung
+diese heilsame Arznei von der mexicanischen Küste bei Honduras und aus dem
+Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwärtig ist der Handel mit *Zarza*
+lebhafter in den Häfen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom
+Verbindungen haben.
+
+Versuche, die in mehreren botanischen Gärten in Europa angestellt worden,
+thun dar, daß _Smilax glauca_ aus Virginien, die man für LINNÉ _Smilax
+Sarsaparilla_ erklärt, überall im Freien gebaut werden kann, wo die
+mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen
+Thermometers beträgt;(73) aber die wirksamsten Arten gehören
+ausschließlich der heißen Zone an und verlangen einen weit höheren
+Wärmegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in
+unsern Handbüchern der _materia medica_ ein Gewächs der Vereinigten
+Staaten für den ältesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt.
+
+Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der grünen Steine, die
+unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach
+einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der »Weiber ohne
+Männer« (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein
+leben). In San Carlos und den benachbarten Dörfern nannte man uns die
+Quellen des Orinoco östlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und
+in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natürlichen Lagerstätten
+der grünen Steine. Diese Angaben bestätigen den Bericht eines alten
+Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und
+demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwärts von den
+Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am
+Amazonenstrom, 5 Grad ostwärts vom Einfluß des Rio Negro, besaßen früher
+ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her
+bekommen, das heißt aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben,
+und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo,
+des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder
+sind diese Steine aus dem Süden gekommen, über den Rio Topayos, der von
+der großen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt
+diesen Steinen große Wichtigkeit bei; man trägt sie als Amulette am Hals,
+denn sie schützen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem
+Biß giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den
+Eingeborenen nördlich und südlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch
+die Caraiben, die für die Bokharen der neuen Welt gelten können, lernte
+man sie an der Küste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich
+dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation
+gewandert sind, so kann es wohl seyn, daß sie sich nicht vermehren und daß
+man ihre Lagerstätte nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor
+wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlaß eines
+lebhaften Streites über die einheimische China, allen Ernstes die grünen
+Steine vom Orinoco als ein kräftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht;
+wenn man der Leichtgläubigkeit der Europäer soviel zutraut, kann es nicht
+Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel
+halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft
+werden.(74) Gewöhnlich gibt man ihnen die Form der der Länge nach
+durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen
+Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief
+versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte
+Körper durchbohrt und Figuren von Thieren und Früchten daraus geschnitten.
+Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen
+Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen,
+weisen auf eine frühere Cultur zurück. Die gegenwärtigen Bewohner dieser
+Länder, besonders der heißen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie
+man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall)
+schneiden kann, daß sie sich vorstellen, der »grüne Stein« komme
+ursprünglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er
+bearbeitet worden.
+
+Aus dem hier Angeführten erhellt, daß der Amazonenstein nicht im Thale des
+Amazonenstromes selbst vorkommt, und daß er keineswegs von diesem Flusse
+den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer
+Weiber, welche Pater Acuña und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal
+Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern
+Sammlungen unter dem falschen Namen »Amazonenstein« sieht, ist weder
+Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgrüner Feldspath,
+der vom Ural am Onegasee in Rußland kommt und den ich im Granitgebirg von
+Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so
+seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange
+nicht so zäh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist
+zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich
+oryctognostisch dem dichten Feldspath nähert und ein Bestandtheil des
+*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schöne Politur an
+und geht vom Apfelgrünen ins Smaragdgrüne über; er ist an den Rändern
+durchscheinend, ungemein zäh und klingend, so daß von den Eingeborenen in
+alter Zeit geschliffene, sehr dünne, in, der Mitte durchbohrte Platten,
+wenn man sie an einem Faden aufhängt · und mit einem andern harten
+Körper(77) anschlägt, fast einen metallischen Ton geben.
+
+Bei den Völkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der
+erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe für gewisse Steine, nicht
+allein für solche, die dem Menschen wegen ihrer Härte als schneidende
+Werkzeuge dienen können, sondern auch für Mineralien, die der Mensch wegen
+ihrer Farbe oder wegen ihrer natürlichen Form mit organischen
+Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgängen verknüpft glaubt. Dieser
+uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits
+und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der
+Wälder Thraciens, die wir wegen der ehrwürdigen Institutionen des Orpheus
+und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen können.
+Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch näher steht, empfindet sich als
+Autochthone; er fühlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die
+sie in ihrem Schooße birgt. Die Naturkräfte, und mehr noch die
+zerstörenden als die erhaltenden, sind die frühesten Gegenstände seiner
+Verehrung. Und diese Kräfte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im
+Getöse, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose
+Fels, die glänzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden
+Berge wirken auf die jugendlichen Gemüther mit einer Gewalt, von der wir
+bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser
+Steincultus einmal, so erhält er sich auch fort neben späteren
+Cultusformen, und aus einem Gegenstand religiöser Verehrung wird ein
+Gegenstand abergläubischen Vertrauens. Aus Göttersteinen werden Amulette,
+die vor allen Leiden Körpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem
+Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fünfhundert
+Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen
+den wilden Völkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiß, fand
+doch in der ersten Zeit der Eroberung der Mönch BERNHARD VON SAHAGUN in
+Cholula *grüne Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehört, und die als
+Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnißvolle Person ist der Buddha
+der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten
+religiösen Vereine und führte eine Regierungsweise ein, die mit der in
+Meroe und Japan Aehnlichkeit hat.
+
+Die Geschichte des Nephrits oder grünen Steins in Guyana steht in inniger
+Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die
+Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen.
+LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstützung dieser Sage bei.
+Seit meiner Rückkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft
+gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich
+mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den
+_‘Cougnantainsecouima’_ den unabhängigen Weibern, die nur im Monat April
+Männer unter sich aufnahmen, nur deßhalb das Wort geredet, um in einer
+öffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern
+etwas Neues hört, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen
+über eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um
+so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen
+über den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der
+Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt
+hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben
+ohne Zweifel dazu beigetragen, daß ORELLANAs erste Berichte so wichtig
+genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS,
+GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man überall der
+Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu
+entdeckten Völkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten
+Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und
+Afrikaner erzählen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere
+Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die längst dahin
+sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja
+für Europa »eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenüber
+stehen.« Was damals nur Stylblume und Geistesergötzlichkeit war, ist
+heutzutage zum Gegenstand ernster Erörterungen geworden. In einer in
+Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie,
+die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und
+einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt.
+
+Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit
+dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu müssen
+glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen
+Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Königin Elisabeth
+auf das große *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England
+erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Königs*
+(_‘el dorado’_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit
+wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den
+Goldstaub auf den Leibblasen; nichts mußte aber die Einbildungskraft
+Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne
+Männer, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute
+hiemit die Gründe an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen
+Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verführt haben;
+aber diese Gründe berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage,
+die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden
+Völkern verbreitet ist, gänzlich zu verwerfen.
+
+Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwürdig; er hat
+dieselben sehr umständlich bekannt gemacht, und mit Vergnügen bemerke ich
+noch, daß dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England für einen
+Mann von der unermüdlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er
+beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht.
+Dreißig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den
+Amazonenstrom und seine nördlichen Nebenflüsse befahren, RIBEIRO, Alles,
+was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestätigt
+gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto
+unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere
+Völkerschaft gebildet hätten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am
+Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der
+Volkssagen von den *Weibern ohne Männer* und der Herkunft der *grünen
+Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in
+Erfahrung bringen. Ich führe aber ein neueres Zeugniß an, das nicht ohne
+Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionär sagt: »Ich
+fragte einen Quaqua-Indianer, welche Völker am Rio Cuchivero lebten, und
+er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut
+tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar:
+es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein
+leben*. Der Indianer bestätigte dieß auch und erzählte, die Aikeam-benanos
+seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes
+Kriegsgeräthe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Männer vom
+anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied
+Blaserohre zum Geschenk. Alle männlichen Kinder, welche in dieser
+Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht.« Diese
+Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am
+Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem
+Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit
+Weißen verkehrt und wußte sicher nicht, daß es südlich vom Orinoco einen
+andern Fluß gibt, der der Fluß der Aikeam-benanos oder der Amazonen heißt.
+
+Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionärs von Encaramada?
+Keineswegs, daß es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, daß in
+verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, müde der Sklavendienste, zu
+denen die Männer sie verurtheilen, sich wie die flüchtigen Neger in ein
+*Palenque* zusammengethan; daß der Trieb, sich die Unabhängigkeit zu
+erhalten, sie kriegerisch gemacht; daß sie von einer befreundeten Horde in
+der Nähe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in
+der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu
+einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfälle,
+wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster
+gemodelt und übertrieben. Dieß ist ja der eigentliche Charakter der Sage,
+und hätte der große Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II.
+Seite 354.], nicht auf der Küste von Venezuela, sondern mitten im
+Continent stattgefunden, so hätte das leichtgläubige Volk in jedem
+*Palenque* von Marronnegern den Hof des Königs Miguel, seinen Staatsrath
+und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma
+standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und höchst wahrscheinlich
+haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden
+verbreitet. Schon vor Orellanas Flußfahrt glaubte Christoph Columbus auf
+den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzählte dem großen Manne,
+die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern
+bewohnt, die den größten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Männern
+hätten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo
+sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Männer ihre Hütten
+vertheidigten, oder auch -- und dieses Mißverständniß ist schwerer zu
+entschuldigen -- jene religiösen Vereine, jene Klöster mexicanischer
+Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Männer bei sich aufnahmen, sondern
+nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung
+brachte es mit sich, daß von den vielen Reisenden, die nach einander in
+der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben
+berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgänger gemeldet
+hatten.
+
+Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Nächte zu. Ich zähle die
+Nächte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den
+Meridian beobachten zu können, fast ganz durchwachte. Um mir keinen
+Vorwurf machen zu dürfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung
+hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Höhen bekommen, um
+nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast
+zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig
+heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick
+umzogen wie auf den Faröerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verließ
+die Schanze San Carlos mit desto größerem Verdruß, da ich keine Aussicht
+hatte, in der Nähe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu können.
+Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20° 60; 216
+Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maaß der magnetischen Kraft. Da
+die magnetischen Parallelen gegen West aufwärts gehen und ich auf dem
+Rücken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben
+Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro,
+so sind diese Beobachtungen für die Theorie der *Linien von gleicher **
+Intensität* oder *isodynamischen Linien* von großer Bedeutung geworden.
+Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist
+die magnetische Inclination am ersteren Ort 26° 40, am zweiten 14° 85.
+Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins
+an, so ergibt sich für Cumana 1,1779, für Carichana 1,1575, für Javita
+1,0675, für San Carlos 1,0480. In diesem Verhältniß nimmt die Kraft von
+Nord nach Süd auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad
+westlicher Länge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die
+Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des
+Erdmagnetismus große Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine
+*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Prüfung unterworfen und
+gefunden, daß die Intensität der Kraft auf demselben magnetischen Parallel
+nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und daß die scheinbaren Anomalien
+der Erscheinung größtentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt.
+Im Allgemeinen steht fest, was für mich aus der ganzen Reihe meiner
+Beobachtungen hervorgeht, daß die Intensität der Kraft vom magnetischen
+Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter
+verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn
+zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensität westwärts vom
+Meridian, der mitten durch Südamerika läuft, am stärksten, und sie nimmt
+unter demselben Parallel ostwärts, Europa zu ab. In der südlichen
+Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostküste von Afrika zu erreichen;
+sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin
+wieder zu. Ich fand die Intensität der Kraft in Mexico beinahe so groß wie
+in Paris, aber der Unterschied in der Inclination beträgt mehr als 31
+Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal
+schwang, hätte unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen
+nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt
+sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensität in Santa
+Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre früher
+gemacht.
+
+Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf
+einem großen Festland bekannt geworden, die nächsten am magnetischen
+Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen,
+über den ich weiter westwärts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa
+und Caxamarca unter dem 7. Grad südlicher Breite gegangen bin. Der
+magnetische Parallel von San Carlos (der von 22° 60) läuft durch Popayan
+und in die Südsee an einem Punkt (unter 3° 12′ nördlicher Breite und
+89° 36′ westlicher Länge), wo ich so glücklich war, bei ganz stiller Luft
+beobachten zu können.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 64 Diese Jäger gehören zu Militärposten und hängen von der russischen
+ Gesellschaft ab, deren Hauptactionäre in Irkutsk sind. Im Jahr 1804
+ war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600
+ Meilen von den nördlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt.
+
+ 65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwärtigen
+ Verschiedenheit in der Höhe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten,
+ daß in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer
+ und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der
+ Ausfluß des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar
+ jünger und unabhängig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), über
+ die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues
+ Licht verbreitet hat.
+
+ 66 Dieß ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer
+ Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro fällt.
+
+ 67 Den berühmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen
+ Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit
+ Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre.
+
+ 68 Dieß ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_
+
+ 69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in
+ gerader Richtung mehr als zwei Grade.
+
+ 70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_
+
+ 71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad
+ gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur
+ Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Küste
+ von Grönland verwechselt man häufig das Getöse der Lawinen oder
+ stürzender Eismassen mit dem Donner.
+
+ 72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fuß) lang und 5 Zoll 4 Linien im
+ Durchmesser, kostet den Missionär 12 harte Piaster und es wird in
+ Angostura für 25 Piaster verkauft. Ein Stück von einem Zoll
+ Durchmesser, 70 Varas (182 Fuß) lang, wird in den Missionen für
+ 3 Piaster, an der Küste für 5 verkauft.
+
+ 73 Wintertemperatur in London und Paris 4°,2 und 3°,7, in Montpellier
+ 7°,7, in Rom 7°,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir
+ die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den
+ spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben
+ wachsen sehen, 20--26°.
+
+ 74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster.
+
+ 75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinäxte, die man in Amerika,
+ z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter
+ Feldspath.
+
+_ 76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und
+ _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietäten des
+ Varioliths nach WERNER.
+
+ 77 Brongniart, dem ich nach meiner Rückkehr nach Europa solche Platten
+ zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den
+ klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen
+ Instrumenten, den sogenannten King, verwenden.
+
+* 78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den
+ *Vergoldeten*, _‘el rey dorado’_
+
+
+
+
+
+
+LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE
+
+
+Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.
+
+ACUÑA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _
+Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen
+enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P.
+Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf
+Befehl Philippi des vierdten Königs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der
+Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu
+besserer Erläuterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten
+derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in
+Paraquaria neubekehrten Völcker, samt einem ausführlichen Bericht von dem
+Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in
+der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Französischen in das Teutsche
+übersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729
+551-772
+ACUÑA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas.
+Por el Padre Chrstoval de Acuña, Religioso de la Compañia de Iesus, y
+Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por
+Orden de su Magestad, el año de 1639. Por la Provincia de Qvito en los
+Reynos del Perù al Excelentissimo Señor Conde Duque de Oliuares (Escudo de
+la Compañía de Jesús, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del
+Reyno 1641
+CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva
+Andalucia, Provincias de Cumaná, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco,
+Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos
+vezes Prov.l de los Observantes de Granada. Dada á luz de orden y a
+Expensas de S. M. año de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779
+GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem
+Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt
+Philip Salvator Gilii Auszugsweise übersetzt._ Matthias Christian Sprengel
+Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S.
+GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia
+naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di
+Terra-ferma nell¿ America meridionale descritta dall¿ Abbate Filippo
+Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4
+GUMILLA, JOSÉ _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil
+y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno,
+Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y útiles
+noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Raíces
+medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares à N.
+Santa Fé, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph
+Gumilla, de la Compañia de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones
+del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal
+de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo
+Obispado, Provincial que fuè de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y
+actual Procurador à emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y
+Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y
+dividida en dos partes. (Dos volúmenes)._ Madrid Por Manuel Fernández,
+Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda
+Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745
+LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjährigen Reisen der
+Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn
+de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne
+ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwärtigen Beschaffenheit der
+spanischen Colonien in America, und einer vollständigen Beschreibung des
+berühmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere
+Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre
+befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern
+begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763
+LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abrégée d¿un Voyage fait dans
+l¿Interieur de l¿Amerique Méridionale. Depuis la Côte de la Mer du Sud,
+jusqu¿ aux Côtes du Brésil & de la Guiane, en descendant La Riviere des
+Amazones; Lûe à l¿Assemblée publique de l¿Academie des Sciences, le 28.
+Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la même Académie._ Paris la Veuve
+Pissot 1745
+OVIEDO Y BAÑOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Población de la
+Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Baños Vecino de
+la Ciudad de Santiago de León de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su
+Hermano el Señor D. Diego Antonio de Oviedo y Baños, Oydor de las reales
+Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y México, del Consejo de su
+Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con
+Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle
+de los Jardines 1723
+SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788
+RALEGH, SIR WALTER _Die Fünffte Kurtze Wunderbare Beschreibung deß
+Goldreichen Königsreichs Guianæ in America oder newen Welt unter der linea
+Æquinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem
+Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht
+worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Büchlein beschrieben,
+darauss Jodocus Hondius, eine schöne Landt Tafel, mit einer
+Niderländischen Erklärung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht,
+vnd auß vnterschiedlichen Authoribus erkläret._ Frankfurt (Main) Leuini
+Hulsii Wittibe 1612
+RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl
+Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa,
+(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria,
+Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning.
+Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her
+Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse
+Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson
+1598
+THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocatæ Quæstiones physicæ nunquam
+antehac editæ. Eiusdem, Epistolæ morales, rusticæ, amatoriæ. Cassii
+Quæstiones medicæ. Iuliani Imp. Galli Cæs. Basilij, & Greg. Nazianzeni
+Epistolæ aliquot nunc primu¿m editæ; opera Bon. Vulcanii Brugensis._
+Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII.
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS
+
+
+Vom Korrekturleser wurden mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen.
+Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
+ändern, wurden im Text belassen.
+
+Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
+geänderten Fassung.
+
+
+
+ die berühmte Sagopalme der Guaraons-Indianer;
+ die berühmte Sagopalme der Guaranos-Indianer;
+
+ wenn es sich von ganz unbedeutenden Höhenunterschieden handelt.
+ wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt.
+
+ trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zanducos an,
+ trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zancudos an,
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***
+
+
+
+
+CREDITS
+
+
+March 8, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan
+
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+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+1.E.5.
+
+
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
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+
+1.E.6.
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+Section 2.
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+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
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+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+
+Section 5.
+
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+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
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