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Band 3. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1859 + + ------------------ + + Dritter Band + + + + + +INHALT + + +Achzehntes Kapitel. +Neunzehntes Kapitel. +Zwanzigstes Kapitel. +Einundzwanzigstes Kapitel. +Zweiundzwanzigstes Kapitel. +Dreiundzwanzigstes Kapitel. +Liste explizit genannter Werke +Anmerkungen des Korrekturlesers + + + + + + +ACHZEHNTES KAPITEL. + + + San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der + Flüsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure. + + +Bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die großen +Flüsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach +bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der +tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen, +um jenseits des Apure die große Stadt des Dorado und das reiche Land +Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kühne Züge +waren nur in voller Kriegsrüstung auszuführen. Auch wurden die Waffen, die +nur die neuen Ansiedler schützen sollten, beständig wider die +unglücklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthätigkeit +und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei +mächtige indianische Volksstämme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco, +zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr +verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mönchen gestattet, südlich +von den Steppen den Fuß zu setzen. Jenseits des Uritucu begann für die +spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der +unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Küsten von Neu-Grenada +und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die +Wege, die von Coro an den Rio Meta führen. Das Küstenland von Venezuela +blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionäre von der +Gesellschaft Jesu wollte es nur längs der Ufer des Orinoco glücken. Diese +Väter waren bereits bis über die Katarakten von Atures und Maypures +hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Küste und den +Thälern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus +den verschiedenen Ordensregeln läßt sich ein solcher Contrast nicht wohl +erklären; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die +Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande, +in Gebirgen oder auf Steppen, überall, wo sie nicht am selben Flusse +fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, daß +die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fünfzig Meilen +von dem am frühesten bevölkerten Küstenstrich von Caracas liegt, erst im +Jahre 1789 gegründet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll +hübscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war +auf Ansuchen der Mönche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als +ein paar Rohrhütten um ein großes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz. +Da die Missionäre und die weltlichen obersten Behörden gleiches Interesse +haben, in Europa ihre Bemühungen für Förderung der Cultur und der +Bevölkerung in den Provinzen über dem Meer in übertriebenem Lichte +erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, daß Stadt- und Dorfnamen lange +vor der wirklichen Gründung in der Liste der neuen *Eroberungen* +aufgeführt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare +dergleichen Ortschaften nennen, die längst projektirt waren, aber nie +anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten. + +San Fernando, an einem großen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmündung +eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist für den Handel +ungemein günstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Häute, Cacao, +Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen über +diese Stadt nach den Mündungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen große +Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio +Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit +treten die Flüsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco +bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das über eine +Fläche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der +Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefälle der Gegenhänge +seinen Lauf ändert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines +Meridians zu verfolgen, ostwärts fließt. Betrachtet man die Erdoberfläche +als einen vielseitigen Körper mit verschieden geneigten Flächen, so +springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, daß zwischen +San Fernando am Apure, Caycara und der Mündung des Meta drei Gehänge, die +gegen Nord, West und Süd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine +bedeutende Bodensenkung entstehen mußte. In diesem Becken steht in der +Regenzeit das Wasser 12--14 Fuß hoch auf den Grasfluren, so daß sie einem +mächtigen See gleichen. Die Dörfer und Höfe, die gleichsam auf Untiefen +dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuß über dem Wasser. Alles erinnert +hier an die Ueberschwemmung in Unterägypten und an die Laguna de Xarayes, +die früher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein +paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flüsse Apure, Meta und +Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen +die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil +sie die Plateaus oder die gewölbten Erhöhungen in den Llanos nicht +erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Füllen, einen +Theil des Tags herumschwimmen und die Gräser abweiden, die nur mit den +Spitzen über das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen +angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren +von den Zähnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die +Aase von Pferden, Maulthieren und Kühen ziehen zahllose Geier herbei. Die +*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des +Landes. Sie haben ganz den Habitus des _‘Huhns der Pharaonen’_ und leisten +den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_ +den Egyptern. + +Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht +umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der +Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grönland +frißt der Hund die Abfälle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so +nährt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten, +dürren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt, +treten hier in den wilden Zustand zurück und fristen im heißen tropischen +Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von übermäßiger Dürre +und darauf von übermäßiger Nässe geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst +zu löschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flüchten sie +sich vor den Wassern der austretenden Flüsse, vor einem Feinde, der sie +von allen Seiten umzingelt. Den Tag über werden Pferde, Maulthiere und +Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren +Fledermäusen angefallen, die sich in ihren Rücken einkrallen und ihnen +desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bösartige +Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der großen Dürre benagen die +Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum +erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle +zu gelangen. Während der großen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere +wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und +Seekühen. Und dennoch erhält sich, nach den unabänderlichen Gesetzen der +Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen +Plagen und Gefahren. Fällt das Wasser wieder, kehren die Flüsse in ihre +Betten zurück, so überzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem +Gras, und im Herzen des heißen Landstrichs scheinen die Thiere des alten +Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des +neuen Frühlingsgrüns zu freuen. + +Während des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Länder, um die +starke Strömung und die gefährlichen Baumstämme, die sie treibt, zu +vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flußbetten hinauf, sondern fahren +über die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Dörfern San Juan +de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo, +wendet man sich gerade nach Süd, als führe man auf einem einzigen 20 +Meilen breiten Strome. Die Flüsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca +bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergießen, 160 Meilen von der Küste +von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der +alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Höhe des Quecksilbers im +Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefälle von +34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmündung des +Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben. +Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern überhaupt in allen Stücken an die +Savanen am untern Orinoco. + +Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir +wohnten beim Missionär, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom +Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die größte +Aufmerksamkeit und Gefälligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit +der Fluß den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwühlen könnte, und +er zog mich deßhalb zu Rath. Durch den Einfluß der Portuguesa in den Apure +wird dieser nach Südost gedrängt, und statt dem Fluß freieren Lauf zu +verschaffen, hatte man Dämme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war +leicht vorauszusagen, daß, wenn die Flüsse stark austraten, diese Wehren +um so schneller weggeschwemmt werden mußten, da man das Erdreich zu den +Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwächt hatte. + +San Fernando ist berüchtigt wegen der unmäßigen Hitze, die hier den +größten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt +auf den Strömen berichte, führe ich hier einige Beobachtungen an, welche +für die Meteorologie der Tropenländer nicht ohne Werth seyn mögen. Wir +begaben uns mit Thermometern aus das mit weißem Sand bedeckte Gestade am +Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand überall, wo er der Sonne +ausgesetzt war, 52°,5 [42° R]. In achtzehn Zoll Höhe über dem Sand stand +der Thermometer auf 42°, in sechs Fuß Höhe auf 38°,7. Die Lufttemperatur +im Schatten eines Ceibabaums war 36°,2. Diese Beobachtungen wurden bei +völlig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die +Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem +_‘Sandwind’_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark +erhitzten Boden in Berührung gewesen, oder durch welche _‘Sandhosen’_ +durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heißeste, +weil ihm die Luft zugeführt wird, welche bereits über die ganze dürre +Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den +östlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wüsten da bemerkt, wo +die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos +bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die +strahlende Wärme gegen den Erdboden zurückwirft. In dieser Zeit hört der +Seewind ganz auf, und nach POZO’s guten thermometrischen Beobachtungen +steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39°,5 [31°,2--31°,6 R], und +zwar noch über 15 Fuß vom Boden. Je näher wir den Flüssen Portugueza, +Apure und Apurito kamen, desto kühler wurde die Luft, in Folge der +Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Dieß ist besonders bei +Sonnenaufgang fühlbar; den Tag über werfen die mit weißem Sand bedeckten +Flußufer die Sonnenstrahlen auf unerträgliche Weise zurück, mehr als der +gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao. + +Am 28. März bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des +Apure zu messen. Sie beträgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es +war dieß das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluß +schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still, +und alsbald fingen große Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz +ähnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der +Wasserfläche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und träge, schienen die +Nähe dieser lärmenden, in ihren Bewegungen ungestümen Thiere zu scheuen; +wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Daß +Cetaceen so weit von der Küste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier +in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr +indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuß lang und zeigen, wenn +sie den Rücken krümmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten +schlagen, ein Stück des Rückens und der Rückenfloße. Ich konnte keines +Stücks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen +auf sie zu schießen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch +derselben. Gehören diese Cetaceen den großen Strömen Südamerikas +eigenthümlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER’s +anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Süßwassersäugethier* ist, +oder soll man annehmen, daß sie aus der See gegen die Strömung so weit +heraufkommen, wie in den asiatischen Flüssen der _Delphinapterus Beluga_ +zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der +Umstand, daß wir im Rio Atabapo, oberhalb der großen Fälle des Orinoco, +Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mündung des Amazonenstroms +her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und +Orinoco bis in das Herz von Südamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort +in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, daß sie zu +bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse. + +Während es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur +einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem +Zenith zuzogen. DELUC’s Hygrometer stand auf 53°, der Thermometer auf +23°,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von +Elektricität. Während das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des +Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstbläschen wurden sichtbar +und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei +bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wärme des Bodens zurückwirft. +Jetzt goß der Regen in Strömen nieder. Wir waren hinlänglich an das Klima +gewöhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fürchten zu +dürfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau +zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuß über dem Boden 20 Minuten lang in der +Hand und sah die Fliedermarkkügelchen meist nur wenige Secunden vor dem +Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb +sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer +Siegellackstange die Art der Elektricität zu untersuchen, und so sah ich +hier, wie später oft auf dem Rücken der Anden während eines Gewitters, daß +die Luftelektricität zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ +wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und +Harzelektricität) wiederholte sich öfters. Indessen zeigte der +Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive +Elektricität, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der +Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel +auf 22°, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wärmestrahlung +gegen den Himmel. + +Ich bin hier näher auf Einzelnes über elektrische Spannung der Luft +eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschränken, den +Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu +angekommenen Europäer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei große +Hälften zerfällt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie +die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und +in *Regenzeit*, ist es von großem Interesse, den Verlauf der +meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur +andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in +den Thälern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit +Anfang März wurde die Anhäufung sichtbarer Dunstbläschen und damit die +Anzeichen von Luftelektricität von Tag zu Tag stärker. Wir sahen gegen Süd +wetterleuchten und der VOLTA’sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang +fortwährend Glaselektricität. Mit Einbruch der Nacht wichen die +Fliedermarkkügelchen, die sich den Tag über nicht gerührt, 3--4 Linien +auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument +bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun +aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft völlig gestört. Stundenlang +war die Elektricität Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und +bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC’s Hygrometer zeigte +fortwährend große Trockenheit an, 33--35°, und dennoch schien die Luft +nicht mehr dieselbe. Während dieses beständigen Schwankens der +Luftelektricität fingen die kahlen Bäume bereits an frische Blätter zu +treiben, als hätten sie ein Vorgefühl vom nahenden Frühling. + +Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa +auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen +in wunderbarer Einförmigkeit auf einander, weil die lebendigen Kräfte der +Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschränken und im +Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwärts von den Cordilleren von +Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta, +zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober +beständig regnet und demnach die Zeit der größten Hitze, die im Juli und +August eintritt, in die Regenzeit fällt, nehmen die atmosphärischen +Erscheinungen folgenden Verlauf. + +Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar. +Der Himmel ist beständig wolkenlos, und zieht je Gewölk auf, so ist das +ein Phänomen, das die ganze Einwohnerschaft beschäftigt. Der Wind bläst +stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er beständig Luft von der gleichen +Temperatur herführt, so können die Dünste nicht durch Abkühlung sichtbar +werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang März ist das Blau des Himmels +nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmählig stärkere Feuchtigkeit +an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert, +ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder +bis zu 20 Grad über dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind +schwächer, unregelmäßiger, und es tritt öfter als zuvor völlige Windstille +ein. In Süd-Süd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge +mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lösen sie sich vom Horizont +ab und laufen über das Himmelsgewölbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem +schwachen Wind in den untern Luftschichten außer Verhältniß steht. Zu Ende +März wird das südliche Stück des Himmels von kleinen, leuchtenden +elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die +immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich +der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Südwest. +Es ist dieß ein sicheres Zeichen, daß die Regenzeit bevorsteht, die am +Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fängt an sich zu beziehen, +das Blau verschwindet und macht einem gleichförmigen Grau Platz. Zugleich +nimmt die Luftwärme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken +am Himmel, sondern verdichtete Wasserdünste hüllen ihn vollkommen ein. +Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brüllaffen ihr klägliches Geschrei. +Die Luftelektricität, die während der großen Dürre vom December bis März +bei Tag fast beständig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer +war, fängt mit dem März an äußerst veränderlich zu werden. Ganze Tage lang +ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkügelchen ein paar +Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricität, die in der +heißen wie in der gemäßigtenz Zone in der Regel Glaselektricität ist, +schlägt auf 8--10 Minuten in Harzelektricität um. Die Regenzeit ist die +Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniß meiner zahlreichen, +dreijährigen Beobachtungen, daß gerade in dieser Gewitterzeit die +elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die +Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der über einander gelagerten +Luftschichten? Was hindert die Elektricität in einer Luft, die schon seit +Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint +die Elektricität nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der +äußern Hülle, auf der Oberfläche der Wolken angehäuft zu seyn. Daß sich +das elektrische Fluidum an die Oberfläche der Wolke zieht, ist, nach +GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das +Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus, +also kurze Zeit nach dem Eintritt des täglichen Wärmemaximums unter den +Tropen. Im Binnenlande hört man bei Nacht oder Morgens äußerst selten +donnern; nächtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flußthälern vor, die +ein eigenthümliches Klima haben. + +Auf welchen Ursachen beruht es nun, daß das Gleichgewicht in der +elektrischen Spannung der Luft gestört wird, daß sich die Dünste +fortwährend zu Wasser verdichten, daß der Wind aufhört, daß die Regenzeit +eintritt und so lange anhält? Ich bezweifle, daß die Elektricität bei +Bildung der Dunstbläschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur +die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nördlich und südlich +vom Aequator kommen die Gewitter oder die großen Entladungen in der +gemäßigten und in der äquinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein +Moment, das durch das große Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her +wirkt? Wie läßt sich denken, daß in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne +sich immer so hoch über den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns +durch das Zenith bedeutenden Einfluß auf die Vorgänge in der Luft haben +sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das +Eintreten des Regens bedingt, keine örtliche, und das scheinbar so +verwickelte Problem würde sich wohl unschwer lösen, wenn wir mit den obern +Luftströmungen besser bekannt wären. Wir können nur beobachten, was in den +untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshöhe sind die Anden +fast unbewohnt, und in dieser Höhe äußern die Nähe des Bodens und die +Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden +Einfluß auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana +beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnähme, wenn man in +derselben Höhe in einem Luftballon über den Llanos oder über der +Meeresfläche schwebte. + +Wie wir gesehen haben, fällt in der nördlichen Aequinoctialzone der Anfang +der Regenniederschläge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne +durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhören der See- oder Nordostwinde, +mit dem häufigen Eintreten von Windstillen und _‘Bendavales’_, das heißt +heftigen Südost- und Südwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwärtigt +man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen, +aus denen unsere Atmosphäre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner +Ansicht, in den Momenten, daß der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol +herbläst, unterbrochen wird, daß die Luft in der heißen Zone sich nicht +mehr erneuert, und daß fortwährend ein feuchter Strom aufwärts geht, +einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So +lange nördlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft +bläst, läßt er die Luft über den tropischen Ländern und Meeren sich nicht +mit Wasserdunst sättigen. Die heiße, trockene Luft dieser Erdstriche +steigt aufwärts und fließt den Polen zu ab, während untere, trockenere und +kältere Luft herbeiführende Polarströmungen jeden Augenblick die +aufsteigenden Luftsäulen ersetzen. Bei diesem unaufhörlichen Spiel zweier +entgegengesetzten Luftströmungen kann sich die Feuchtigkeit in der +Aequatorialzone nicht anhäufen, sondern wird kalten und gemäßigten +Regionen zugeführt. Während dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die +Sonne in den südlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der +nördlichen Aequatorialzone beständig heiter. Die Dunstbläschen verdichten +sich nicht, weil die beständig erneuerte Luft weit vom Sättigungspunkt +entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nördlichen +Zeichen gegen das Zenith heraufrückt, desto mehr legt sich der Nordostwind +und hört nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den +Tropen und der nördlichen gemäßigten Zone ist jetzt der kleinstmögliche. +Es ist Sommer am Nordpol, und während die mittlere Wintertemperatur unter +dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die +Temperatur unter dem Aequator, beträgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6 +Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hört der Nordostwind auf, so +treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der +nördlichen Aequinoctialzone anhäufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die +Luftsäule über dieser Zone sättigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht +mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesättigten und durch +die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen +erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maaß als diese Luft sich verdünnt, +nimmt ihre Wärmecapacität zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der +Dunstbläschen häuft sich die Elektricität in den obern Luftregionen an. +Den Tag über schlagen sich die Dünste fortwährend nieder; bei Nacht hört +dieß meist auf, häufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengüsse +sind regelmäßig am stärksten und von elektrischen Entladungen begleitet, +kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser +Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die südlichen Zeichen tritt. +Jetzt beginnt in der nördlichen gemäßigten Zone die kalte Witterung. Von +nun an tritt die Luftströmung vom Nordpol her wieder ein, weil der +Unterschied zwischen den Wärmegraden im tropischen und im gemäßigten +Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind bläst stark, +die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sättigungspunkt nicht +mehr erreichen. Daher hört es auf zu regnen, die Dunstbläschen lösen sich +auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen +ist nichts mehr zu hören, ohne Zweifel weil die Elektricität in den hohen +Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstbläschen, fast hätte ich gesagt, +keine Wolkenhüllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhäufen +könnte. + +Wir haben das Aufhören des Nordostwinds als die Hauptursache der +tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so +lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muß +hier aber noch bemerkt werden, daß, wenn der Nordost aufhört, nicht immer +Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft häufig, besonders längs den +Westküsten von Amerika, durch _‘Bendavales’_, d. h. Südwest- und +Südostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf +hinzuweisen, daß die feuchten Luftsäulen, die im nördlichen äquatorialen +Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Südpol zuströmen. In der That hat in +den Ländern der heißen Zone nördlich und südlich vom Aequator in ihrem +Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen +ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht. +Die südliche gemäßigte Zone hat jetzt Winter, während es nördlich vom +Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad höher ist als in +der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Daß der Regen +fortdauert, während die Bendavales wehen, beweist, daß die Luftströmungen +vom entfernteren Pol her in der nördlichen Aequatorialzone nicht die +Wirkung äußern wie die vom benachbarten Pole her, weil die +Südpolarströmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strömung +herbeiführt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie +geht, bevor sie zum achten Grad nördlicher Breite gelangt, über die ganze +südliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so +kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger +geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu +erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Küsten, z. B. an denen von +Guatimala, als heftige Winde austreten, so rührt dieß ohne Zweifel daher, +daß sie nicht Folge eines allmähligen, regelmäßigen Absiusses der +tropischen Luft gegen den Südpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln, +von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre +Stoßwinde daraus hinweist, daß im Luftmeer eine Rückstauung, eine rasche, +vorübergehende Störung des Gleichgewichts stattgefunden hat. + +Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter +den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen +der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so äußert +sich auch die Wirkung der Polarluftströmungen unter verschiedenen +Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die +Gebirgsketten und das Küstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden +in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwähnen; +will man aber zur Erkenntniß der Naturgesetze gelangen, so muß man, bevor +man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren +Zustand* der Atmosphäre und die beständige Norm ihrer Veränderungen +kennen. + +Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricität und der Regenguß am +28. Merz verkündeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von +San Fernando am Apure noch über San Francisco de Capanaparo, über den Rio +Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kürzlich am Ufer des Meta +gegründeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas +oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg führt durch einen +ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pächter, Don +Francisco Sanchez, bot sich uns gefällig als Führer an. Seine Tracht war +ein sprechendes Bild der großen Sitteneinfalt in diesen entlegenen +Ländern. Er hatte ein Vermögen von mehr als hunderttausend Piastern, und +doch stieg er mit nackten Füßen, an die mächtige silberne Sporen +geschnallt waren, zu Pferde. Wir wußten aber aus mehrwöchentlicher +Erfahrung, wie traurig einförmig die Vegetation auf den Llanos ist, und +schlugen daher lieber den längeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco +ein. Wir wählten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier +_‘Lanchas’_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und +vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine +mit Coryphablättern gedeckte Hütte hergerichtet. Sie war so geräumig, daß +Tisch und Bänke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus über Rahmen von +Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhäuten. Ich führe +diese kleinen Umstände an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure +hatten, gegenüber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden +Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San +Fernando(2) gibt es Hühner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im +Ueberfluß. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und +Tamarinden zu kühlender Limonade. Es war vorauszusehen, daß ein Dach aus +Palmblättern sich im breiten Flußbett, wo man fast immer den senkrechten +Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mußte. Die Indianer +rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre +Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schießgewehre mit, die wir bis zu +den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, während weiter nach Süden die +Missionäre wegen der übermäßigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen +mehr führen können. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekühe und +Schildkröten, deren Eier allerdings nährend, aber keine sehr angenehme +Speise sind. Die Ufer sind mit unzähligen Vögelschaaren bevölkert. Die +ersprießlichsten für uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den +Truthahn und den Fasan des Landes nennen könnte. Ihr Fleisch kam mir +härter und nicht so weiß vor als das unserer hühnerartigen Vögel in +Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich stärker brauchen. Neben dem +Mundvorrath, dem Geräthe zum Fischfang und den Waffen vergaß man nicht ein +paar Fässer Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco +einzunehmen. + +Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr +starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34°, obgleich der +Wind stark aus Südost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir +keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und +Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz +Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kürzlich von Cadix angekommen war und +einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Länder kennen zu lernen, +die ein würdiges Ziel für die Wißbegierde des Europäers sind, entschloß er +sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos +wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswürdiges Wesen und +seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht +gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluß des Apurito +vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico +gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger +Landstrich, der von zwei großen Flüssen eingefaßt wird, die sich in +geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergießen, nachdem sie +bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich +vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen +breit. Sie wird durch den *Caño* de la Tigrera und den *Caño* del Manati +in drei Stücke getheilt, wovon die beiden äußersten Isla de Blanco und +Isla de las Garzilas heißen. Ich mache hier diese umständlichen Angaben, +weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der +Gewässer zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen. +Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut +als das linke, wo einige Hütten der Yaruros-Indianer aus Rohr und +Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind +besonders geübt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen +Tigerfelle bekannten Bälge vorzüglich durch sie in die spanischen Dörfer +kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine +christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhängig +bleiben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter der Zucht der +Missionäre im Dorfe Achaguas, südlich vom Rio Payara. Die Leute dieser +Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Züge +von der fälschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen +der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die +Länge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Länge +nach vorspringend. Sie sind größer, brauner und nicht so untersetzt wie +die Chaymas. Die Missionare rühmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die +früher eine mächtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren, +besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico. +Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung, +der Insel dieses Namens gegenüber. + +Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und +von dort nach der Stadt Angostura war ich bemüht, Tag für Tag, sey es im +Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes +vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von +denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit +nothwendig Lücken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergänzt habe. +Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht +der geschilderten Gegenstände niedergeschrieben ist, hat ein Gepräge von +Wahrhaftigkeit (ich möchte sagen von Individualität), das auch den +unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnöthige +Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch +eingetragen, was über die beschriebenen Gegenstände später zu meiner +Kenntniß gelangt ist. Je gewaltiger und großartiger die Natur in den von +ungeheuren Strömen durchzogenen Wäldern erscheint, desto strenger muß man +bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das +vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist. + +Am 31. März. Der widrige Wind nöthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben. +Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstört, der sich +aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden +Indianer zünden überall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in +der dürren Jahreszeit würden ganze Provinzen von diesen Bränden verheert, +wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bäume vor der gänzlichen +Zerstörung schützte. Wir fanden Stämme des Mahagonibaums (_caoba_) und von +Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren. + +Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und +_Chiguire_, einer großen Art von LINNÉs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier +sahen wir dichtgedrängte Vogelschwärme sich vom Himmel abheben, wie eine +schwärzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verändern. Der +Fluß wird allmählig breiter. Das eine Ufer ist meist dürr und sandigt, in +Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist höher und mit hochstämmigen +Bäumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluß zu beiden Seiten bewaldet +und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bäume +ist sehr merkwürdig. Vorne sieht man Büsche von _Sauso_ (_Hermesia +castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es +ist, als wäre diese künstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein +Gehölz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten; +man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten +Piritupalme. Die großen Vierfüßer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire +und Pecarischweine, haben Durchgänge in die eben beschriebene Sausohecke +gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht +viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuß, sie +langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen +Lücken im Gebüsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so +oft sie vorkamen, behielten immer großen Reiz für mich. Die Lust, die man +empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers, +sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooße der Cultur +aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer +wilden, ungezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der +Jaguar, der schöne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax +alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der +Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lösen einander ab. »_es +como in el Paraiso_« (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein +alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den +Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte ehrwürdige +Ueberlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das +gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, daß sie +einander fürchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in +diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange +traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, daß Sanftmuth und Stärke selten +beisammen sind. + +Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von +Sausobüschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man +Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die +Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne +irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden +Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht, +und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem männlichen und vielen +weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St. +Domingo so fleißig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Männchen sind +ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kämpfen unds sich ums +Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, daß auf dem +ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fünf oder sechs zu sehen +waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und +hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben. +Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das +der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuß 8 Zoll lang; einige Tage +später fand Bonpland ein anderes (männliches), das 22 Fuß 3 Zoll maß. +Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe +Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom +so häufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres +Krokodil mit an den äußern Rändern gezähnten Füßen, dem Nilkrokodil sehr +ähnlich. Bedenkt man, daß das männliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar +wird und daß es dann 8 Fuß lang ist, so läßt sich annehmen, daß das von +Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten +uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei +erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Fluß, von +diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen würden. Man erzählte uns die +Geschichte eines jungen Mädchens aus Uritucu, das sich durch seltene +Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils +gerettet. Sobald sie sich gepackt fühlte, griff sie nach den Augen des +Thiers und stieß ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, daß das Krokodil +vor Schmerz sie fahren ließ, nachdem es ihr den linken Vorderarm +abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit +der übrig gebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. In diesen +Einöden, wo der Mensch in beständigem Kampfe mit der Natur liegt, +unterhält man sich täglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa +oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rüstet sich +gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. »Ich wußte,« sagte das junge +Mädchen in Uritucu gelassen, »daß der Cayman abläßt, wenn man ihm die +Finger in die Augen drückt.« Lange nach meiner Rückkehr nach Europa erfuhr +ich, daß die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden. +Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Führer +des unglücklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu) +gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es +ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu +drücken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre +Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang. + +Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es +angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger +aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Läuft das Thier, so hört +man ein trockenes Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen +einander herzurühren scheint. Bei dieser Bewegung krümmt es den Rücken und +erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hörten wir am Ufer dieses +Rauschen der Platten ganz in der Nähe; es ist aber nicht wahr, was die +Indianer behaupten, daß die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier, +»ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen ausrichten können.« Die +Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein +Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung änderte; aber trotz der +kleinen Anhängsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und +die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, wenden die Krokodile ganz +gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen; +Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre +Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rührt dieß daher, daß +dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoßweise erfolgt. Die +Krokodile schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste +Strömung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flußabwärts +schwimmen, nicht wohl rasch umwenden könnten. Eines Tags wurde ein großer +Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im +Fluß von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm +und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwandte und auf +einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung +aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das +Ufer. + +Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia +Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stücken an den +Flußufern leben. Diese unglücklichen Thiere, von der Größe unserer +Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas +besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der +Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift +kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich +seyn können; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder +Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind. + +Unterhalb der Einmündung des Caño de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta +de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strömung an der +Oberfläche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuß in der Secunde, was 2,56 +Fuß mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhöhen ergaben, unter +Berücksichtigung der kleinen stündlichen Abweichungen, ein Gefälle von +kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das +Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers +im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die +beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf +dem Strand gegenüber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mächtiges +Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen: +Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem +Wasser zu, ohne daß die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den +Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich +aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure +und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen +will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den +Weg kommen. + +Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft großartig wild. Hier sahen +wir den größten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer +erstaunten über seine ungeheure Länge; er war größer als alle indischen +Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten +eines großen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine +Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die +Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten +verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom +Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergötzten uns nicht wenig durch den +seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuß +vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie +zurück. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nähe zu beobachten, +bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich führte. Sehr +selten greift der Tiger Kähne an, indem er darnach schwimmt, und dieß +kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim +Geräusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den +Sausobüschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten +sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der +Tiger machte, trotz der Nähe unseres Canoe, einen Satz unter sie und +schleppte zornerfüllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines +Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, daß sie +ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu +können. Sie sind an diese Waffe gewöhnt, und thaten wohl, sich nicht auf +unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft häufig +versagten. + +Im Weiterfahren flußabwärts sahen wir die große Heerde der Chiguire, die +der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stück geholt hatte. Die Thiere +sahen uns ganz ruhig landen. Manche saßen da und schienen uns zu +betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den +Menschen schienen sie sich nicht zu fürchten, aber beim Anblick unseres +großen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen +höher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen +aber dabei so wenig vorwärts, daß wir zwei fangen konnten. Der Chiguire, +der sehr fertig schwimmt, läßt im Laufen ein leises Seufzen hören, als ob +ihm das Athmen beschwerlich würde. Er ist das größte Thier in der Familie +der Nager; er setzt sich nur in der äußersten Noth zur Wehr, wenn er +umringt und verwundet ist. Da seine Backzähne, besonders die hinteren, +ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biß einem +Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuß zerreißen. Sein Fleisch hat einen +ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken +daraus, und dieß rechtfertigt gewissermaßen den Namen _‘Wasserschwein’_, +den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die +geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne +Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Gürtelthier, +das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkröten; +ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist, +die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den +Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Sümpfen und auf den +überschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge +vor, daß die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem +die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire) +heißt. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, daß das +Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10 +Minuten unter Wasser bleibt. + +Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf +einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz +nackt und schwärzlich braun wie ein Zambo, zählte sich aber nichts +destoweniger zum weißen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die +so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich +er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil +»an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen, +und an all den Geschichten dort drüben (_todas las cosas de allà_). Er +wußte, daß der König von Spanien bald zum Besuche »Ihrer Herrlichkeiten im +Lande Caracas« herüber kommen würde, setzte aber scherzhaft hinzu: »Da die +Hofleute nur Weizenbrod essen können, werden sie nie über die Stadt +Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.« +Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber +unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weiße Leute +wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _‘Indianerwildpret’_ +zu genießen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit +dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schießgewehr. + +Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehölze liege die Hütte +des Gehöftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine +Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mühe gegeben, aus +Palmblättern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere +Hängematten neben den seinigen zwischen zwei Bäumen befestigen zu lassen, +und versicherte uns mit selbstgefälliger Miene, wenn wir in der Regenzeit +den Fluß wieder heraufkämen, würden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_) +finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwünschen, die +der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen für alle Bequemlichkeiten +des Lebens gleichgültig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer +Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir +wurden bis auf die Haut durchnäßt. Während des Ungewitters versetzte uns +ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze +hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie +fiel in die Hängematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt +von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein +wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein +Geschrei hinzu und rißen ihn nur mit Mühe aus seinem Irrthum. Während es +auf unsere Hängematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in +Strömen regnete, wünschte uns Don Ignacio Glück, daß wir nicht am Ufer +geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befänden, »_entre gento blanca y +de trato_« (unter Weißen und Leuten von Stande). Durchnäßt wie wir waren, +fiel es uns denn doch schwer, uns zu überzeugen, daß wir es hier so +besonders gut haben, und wir hörten ziemlich widerwillig zu, wie unser +Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio +Meta erzählte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den +Guahibos gehalten, und »welche Dienste er Gott und seinem König geleistet, +indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die +Missionen vertheilt.« Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten +Einöde bei einem Manns der von europäischer Abkunft zu seyn glaubt und +kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle +Anmaaßung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten +Cultur anzutreffen! + +Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Señor Don +Ignacio und von Señora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war +abgekühlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35° stand, war auf +24° gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie +war fortwährend 26--27°. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstämme. +Man sollte meinen, auf einem völlig ebenen Boden, wo das Auge nicht die +geringste Erhöhung bemerkt, hätte sich der Fluß durch die Gewalt seiner +Strömung einen ganz geraden Canal graben müssen. Ein Blick auf die Carte, +die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compaß entworfen, zeigt das +Gegentheil. Das abspülende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben +Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhöhungen geben zu starken +Krümmungen Anlaß. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flußbett etwas breiter +wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen +scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bäumen beschattet ist. Dieses +Stück des Flusses heißt _Caño ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit. +Wir kamen an einer niedrigen Insel vorüber, auf der Flamingos, +rosenfarbige Löffelgänse, Reiher und Wasserhühner, die das mannigfaltigste +Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vögel waren so dicht an +einander gedrängt, daß man meinte, sie könnten sich gar nicht rühren. Die +Insel heißt *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo +der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch +bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer +kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen +erst 16 bis 18 Hütten aus Palmblättern; aber aus den statistischen +Tabellen, welche die Missionäre jährlich bei Hofe einreichen, wird diese +Gruppe von Hütten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgeführt. + +Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer seßhaft zu machen ist. +Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos +gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum +wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen völlig von einander ab. Diese +vier Stämme leben größtentheils von Fischfang und Jagd aus den häufig +überschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das +Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst +bedingt. Wir werden bald sehen, daß man, sobald man die Berge an den +Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares +sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Hütten große Reinlichkeit +findet. Auf dem Rücken der Gebirge, in undurchdringlichen Wäldern sieht +sich der Mensch genöthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen +Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung, wogegen +der Jäger in einem Lande, durch das keine andern Wege führen als die +Flüsse, ein hartes, mühseliges Leben führt. Die Guamos in der Mission +Santa Barbara konnten uns die Mundvorräthe, die wir gerne gehabt hätten, +nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen +gastfreundlich, und als wir in ihre Hütten traten, boten sie uns +getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war +in porösen Gefäßen abgekühlt. + +Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluß +ein neues Bett gegraben hatte, übernachteten wir auf einem dürren, sehr +breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten +wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu können, +wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nächtlichen Angriff des Tigers +sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestätigen; +dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen +Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt. + +Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile +lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, daß sie das Feuer sehen konnten. +Wir glauben bemerkt zu haben, daß der Glanz desselben sie herlockt, wie +die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns +im Sand die Fährten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne +Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluß +geführt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den +Boden und befestigten unsere Hängematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig +bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so +furchtbarer Lärm, daß man beinahe kein Auge schließen konnte. Unter den +vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere +Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hören ließen, namentlich +die leisen Flötentöne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brüllen +des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Löwen ohne Mähne, das +Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und +einiger andern hühnerartigen Vögel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich +näherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwährend gebellt hatte, an +zu heulen und suchte Schutz unter den Hängematten. Zuweilen, nachdem es +lange geschwiegen, erscholl das Brüllen der Tiger von den Bäumen herunter, +und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich +wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten. + +Ich schildere Zug für Zug diese nächtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang +unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewöhnt waren. Monate lang, +aller Orten, wo der Wald nahe an die Flußufer rückt, hatten wir sie zu +erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden +Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fürchten alle das Feuer und +greifen niemals einen Menschen in seiner Hängematte an. Und solche +Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen +Aufenthalt in Südamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo, +den Achaguas-Inseln gegenüber, ein Llanero in seiner Hängematte +zerfleischt gefunden wurde. + +Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden +einen so furchtbaren Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: »Sie +feiern den Vollmond.« Ich glaube, die Unruhe rührt meist daher, daß im +innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum +Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz +finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrängten Rudeln fliehend das +Gebüsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreißen. Die Affen, scheu und +furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab +das Geschrei der großen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel +auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden +bald sehen, daß dieser Lärm keineswegs nur bei schönem Mondschein, sondern +vorzugsweise während der Gewitter und starken Regengüsse unter den wilden +Thieren ausbricht. »Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns +andern!« sprach der Mönch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er, +todtmüde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war +allerdings seltsam, daß man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe +finden können. In den spanischen Herbergen fürchtet man sich vor den +schrillen Tönen der Guitarren im anstoßenden Zimmer; in denen am Orinoco, +das heißt auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum, +besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestört zu werden. + +Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war +schön und kühl, wie es Leuten vorkommt, die an die große Hitze in diesen +Ländern gewöhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28°, aber +der trockene, weiße Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen +wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36° behalten. Die Delphine +(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluß und das Ufer war mit +fischfangenden Vögeln bedeckt. Manche machen sich das Floßholz, das den +Fluß herabtreibt, zu Nutze und überraschen die Fische, die sich mitten in +der Strömung halten. Unser Canoe stieß im Laufe des Morgens mehrmals an. +Solche Stöße, wenn sie sehr heftig sind, können schwache Fahrzeuge +zertrümmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer großer Bäume auf, die +Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bäume +kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flußbett +dergestalt, daß die Piroguen stromaufwärts häufig zwischen den Untiefen +und überall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle +bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstämme aus dem Wasser +ragten. Sie saßen voll Vögeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr +nahe steht. Diese Vögel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die +Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt, +regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt. + +Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluß desto +auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein +Arm, kein natürlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der +Verlust rührt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten, +durchnäßten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel dieß ausmacht, +wenn man bedenkt, daß wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden +36--52, den Sand, über dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad +warm fanden. Das Flußwasser erwärmt sich dem Boden zu, so weit die +Sonnenstrahlen eindringen können, ohne beim Durchgang durch die über +einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwächt zu werden. Dabei +reicht die Einsickerung weit über das Flußbett hinaus und ist, so zu +sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Höhe +des Wasserspiegels mit Wasser getränkt. Fünfzig Toisen vom Fluß sahen wir +Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten; +dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand +wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung +vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht +durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich +am Abend die Luft abkühlt. Im Maaß, als das Gestade Wasser abgibt, zieht +es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, daß dieses fortwährende +Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluß ungeheure +Wassermassen entziehen muß, nur daß der Verlust schwer genau zu berechnen +ist. Die Zunahme dieses Verlustes wäre der Länge des Stromlaufes +proportional, wenn die Flüsse von der Quelle bis zur Mündung überall +gleiche Ufer hätten; da aber diese von den Anschwemmungen herrühren, und +die Gewässer, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fließen und +somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden +viele Flüsse im heißen Erdstrich ihrer Mündung zu seichter. BARROW hat +diese auffallende Wirkung des Sandes im östlichen Afrika an den Ufern des +Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen +über den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Erörterungen Anlaß. + +Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu +sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hübsche kleine pechschwarze +Affen, von der Größe des Saï, mit Wickelschwänzen. Ihrem Gesicht und ihren +Bewegungen nach konnte es weder der Coaïta, noch der Chamek, noch +überhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen +gesehen. In diesen Wäldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die +Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in +Rudeln lebenden und darum rührigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so +kommt es vor, daß bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren +Hütten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer +zeigten uns unsere Führer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang +waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die +Rückenstacheln, die großen ausgerichteten Schuppen, all die Anhängsel, die +dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuß lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen +geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse +fanden wir in allen sehr trockenen Ländern von angenehmem Geschmack, +selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist +sehr weiß und nach dem Fleisch des Tatu oder Gürtelthiers, das hier +_Cachicamo_ heißt, eines der besten, die man in den Hütten der +Eingeborenen findet. + +Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die +vollkommen den unsrigen glichen, über die Wasserfläche hin. Wir sahen +auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt +wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der +Raubvögel seltsam ab. Wir übernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in +der Nähe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische +Hütten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kündigte uns zum voraus an, daß +wir den Jaguar hier nicht würden brüllen hören, weil er, wenn er nicht +großen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. »Die +Menschen machen ihn übellaunig,« »_los hombres lo enfadan_« sagt das Volk +in den Missionen, ein spaßhafter, naiver Ausdruck für eine richtige +Beobachtung. + +Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe +auf dem schönen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am +Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande +_Caribe_ oder _Caribito_ heißt, weil keiner so blutgierig ist. Er fällt +die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reißt ihnen oft ansehnliche +Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt +man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu +tragen. Die Indianer fürchten diese Caraibenfische ungemein, und +verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe +Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrührten, die bei den Maypures +_Umati_ heißen. Sie leben auf dem Boden der Flüsse, gießt man aber ein +paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt +man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefräßigsten und +blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen +schneidenden, spitzen Zähne und ihr weites retractiles Maul, so wundert +man sich nicht, daß die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so +sehr fürchten. An Stellen, wo der Fluß ganz klar und kein Fisch zu sehen +war, warfen wir kleine blutige Fleischstücke ins Wasser. In wenigen +Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um +den Fraß. Der Fisch hat einen kantigen, sägenförmig gekerbten Bauch, ein +Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den +*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten +Rückenfloße und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander +stehenden, in der untern Kinnlade größeren Zähne gehört der Caribe zu den +Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten. +Der Körper ist am Rücken aschgrau, ins Grünliche spielend; aber Bauch, +Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloßen sind schön orangegelb. Im Orinoco +kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Größe +unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art +des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNÉ). Ich habe sie an Ort und +Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil +man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der größten +Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der +Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedürfniß machen. + +Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt. +Ich trennte mich von meinen Gefährten, während man das Fahrzeug ans Land +zog und das Mittagessen rüstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nähe +einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie +ihre mit breiten Platten belegten Schwänze auf einander legten. Kleine +schneeweiße Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rücken, sogar auf dem Kopf +herum, als wären es Baumstämme. Die Krokodile waren graugrün, halb mit +trockenem Schlamm überzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach +konnte man sie für Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wäre mir der +Spaziergang übel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin +gesehen, aber indem ich Glimmerblättchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte +ich die frische Fährte eines Tigers, die an ihrer Form und Größe so leicht +zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun +dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem +dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so groß +vorgekommen. + +Es gibt Vorfälle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hülfe ruft. +Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und +meiner Bewegungen, daß ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns +die Indianer schon oft für dergleichen Fälle ertheilt hatten. Ich ging +weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte +zu bemerken, daß der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde +Capybaras war, die über den Fluß schwammen. Jetzt kehrte ich um und +beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm +weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu können. Wie oft war ich in +Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glücklicherweise +gab ich diesem Drange erst sehr spät nach. Der Jaguar war ruhig liegen +geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande, +wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluß gibt, so gut +genährt, daß sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim +Schiffe an und erzählte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht +viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen +mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn +nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man +sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen +muß. + +Abends kamen wir an der Mündung des *Caño del Manati* vorüber, so genannt +wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jährlich hier +gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersäugethier, das die Indianer +_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuß lang und 500--800 +Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der +sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco +unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln +Carizales und Conserva sehr häufig. Wir fanden keine Spur von Nägeln auf +der äußern Fläche und am Rande der Schwimmfloßen, die ganz glatt sind; +zieht man aber die Haut der Floße ab, so zeigen sich an der dritten +Phalange kleine Nägelrudimente. Bei einem 9 Fuß langen Thier, das wir in +Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe +vier Zoll über die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut +bekleidet und dient als Rüßel oder Fühler zum Betasten der vorliegenden +Körper. Die Mundhöhle, die beim frisch getödteten Thier auffallend warm +ist, zeigt einen ganz eigenthümlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich; +aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf +und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Höhlung, die in einander +passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, daß wir sowohl den in +mehrere Fächer getheilten Magen, als den 108 Fuß langen Darm ganz damit +angefüllt fanden. Schneidet man das Thier am Rücken auf, so erstaunt man +über die Größe, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein große +Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuß lang. Mit +Luft gefüllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mußte +mich nur wundern, daß der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehältern so +oft an die Wasserfläche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus +irgend einem Vorurtheil, für ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend) +gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit +Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos +essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stämme vorzugsweise +mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedörrte Fleisch +wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Säugethier bei der Clerisei +für einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin +hat ein äußerst zähes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann, +schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Dieß +geschieht oft, wenn das Thier sehr groß ist, mitten auf dem Flusse, und +zwar so, daß man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser füllt, sie +unter das Thier schiebt und mit einer Kürbißflasche wieder ausschöpft. Am +leichtesten sind sie am Ende der großen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn +sie aus den Strömen in die umliegenden Seen und Sümpfe gerathen sind und +das Wasser schnell fällt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am +untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem +Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fuße des +Bergs, der. gegenwärtig *el Capuchino* heißt, eine große Seekuhjagd +anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den +Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den +widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit +Spritzlöchern. Die Haut der Seekuh, die über anderthalb Zoll dick ist, +wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die +Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den +Fehler, daß sie zu faulen anfängt. Man macht in den spanischen Colonien +Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_ +gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein +schreckliches Werkzeug zur Züchtigung der unglücklichen Sklaven, ja der +Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen +behandelt werden sollten. + +Wir übernachteten der Insel Conserva gegenüber. Als wir am Waldsaume +hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuß hoher, mit verästeten +Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es +ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne. +Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezündet; da fanden wir +wieder, daß sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine +(Toninas), deren Lärm uns nicht schlafen ließ, bis man das Feuer +auslöschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was +ich nur anführe, weil es ein paar Züge zum Bilde dieser Wildniß liefert. +Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am +Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume +Zeit hörten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen +Katze klang. Bald darauf wurde unsere große Dogge von ungeheuern +Fledermäusen, die um unsere Hängematten flattevten, vorne an der Schnauze +gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange +Schwänze wie die Molossen; ich glaube aber, daß es Phyllostomen waren, +deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend +verlängern können. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte +kläglich, sobald er den Biß fühlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil +er über die Fledermäuse, als sie unter unsern Hängematten hervorkamen, +erschrak. Dergleichen Fälle sind weit seltener, als man im Lande selbst +glaubt. Obgleich wir in Ländern, wo die Vampyre und ähnliche +Fledermausarten so häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel +geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem +ist der *Stich* keineswegs gefährlich und der Schmerz meist so +unbedeutend, daß man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits +davongemacht hat. + +Am 4. April. Dieß war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs +an den Ufern wurde immer einförmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit +der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequält zu +werden, die sich uns auf Gesicht und Hände setzten. Es waren keine +*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mücken von der Gattung _Simulium_ +haben,(7) sondern *Zancudos*, ächte Schnacken, aber von unserem _Culex +pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum +Vorschein; ihr Saugrüssel ist so lang, daß, wenn sie sich an die +Unterseite der Hängematte setzen, ihr Stachel durch die Hängematte und die +dicksten Kleider dringt. + +Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* übernachten, aber an diesem Strich +des Apure gibt es so viele Jaguars, daß unsere Indianer, als sie unsere +Hängematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm +versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser +Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluß in den Orinoco, +aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehört zu der Provinz Caracas, +dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte +Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bäume, um unsere +Hängematten zu befestigen, und mußten am Boden auf Ochsenhäuten schlafen. +Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als daß man darin +übernachten könnte. + +An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das +Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben +besprochenen Trägheit der hühnerartigen Vögel unter den Tropen. Die Hoccos +und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluß herunter, um +ihren Durst zu löschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge +dieser Vögel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem +Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschüssigen +Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flügel zu +brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier +entschließen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen. + +Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhöhe von α +des südlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluß des Apure liegt unter +7° 36′ 23″ der Breite. Pater GUMILLA gibt 5° 5′, D’ANVILLE 7° 3′, CAULIN +7° 26′ an. Die Länge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhöhen, die +ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69° 7′ 29″, oder 1° 12′ 41″ östlich +vom Meridian von San Fernando. + +*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist, +welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zuführt. Derselbe Strom, +der nach meinen Messungen beim *Caño ricco* noch 136 Toisen breit war, maß +an seiner Ausmündung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier +nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und +den Caño del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico +laufen; aber der größte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern +herzurühren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strömung +bei der Ausmündung war nur 3 Fuß in der Secunde, so daß ich die ganze +Wassermasse leicht berechnen könnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen +Abständen alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wären. Der Barometer, +der in San Fernando, 28 Fuß über dem mittleren Wasserstand des Apure, um +9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der +Ausmündung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die +ganze Länge des Wegs (die Krümmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94 +Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der +stündlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in +Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefälle von 13 Zoll auf die +Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL +glauben, daß der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich +kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile beträgt. + +Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die +Anschwemmungen sind beim Zusammenfluß der beiden Ströme ungeheuer groß. +Wir mußten uns längs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast +zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der +Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung +ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich +einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, über den Grasfluren steht! Gegen +Süd sahen wir die einzelnstehenden Hügel bei Coruato; im Osten fingen die +Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del +Tirano* an über den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefühl der +Rührung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die +Gewässer des Orinoco, an einem von der Meeresküste so weit entfernten +Punkte. + + ------------------ + + + + + + 1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im + Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoßen die + Stacheln mit den Füßen ab, und man sieht welche in Folge dieses + Verfahrens hinken. + + 2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco + (acht Tagereisen) 10 Piaster für die Lancha, und außerdem dem + Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der + indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn. + + 3 Es ist dieß der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren, + CUVIERs _Crocodilus acutus_. + + 4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberfläche zu ermitteln, + maaß ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuß ab und bemerkte + mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender + Körper brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen. + + 5 Eine Mimosenart. + +_ 6 Garzon Chico_. In Oberägypten glaubt man, die Reiher haben eine + Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu + Nutze machen, daß die Fische sich über das ungeheure Thier entsetzen + und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberfläche + heraufflüchten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem + Krokodil klüglich nicht zu nahe. + + 7 LATREILLE hat gefunden, daß die *Moustiques* in Süd-Carolina zur + Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehören. + + 8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so häufig als ersterer. + + 9 Dieß ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien + gegenüber. + + 10 Ich schätzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung. + + + + + +NEUNZEHNTES KAPITEL. + + + Zusammenfluß des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von + Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluß + des Meta. -- Die Insel Panumana. + + +Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land +versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure +Wasserfläche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei +der Reiher, Flamingos und Löffelgänse, wenn sie in langen Schwärmen von +einem Ufer zum andern ziehen, erfüllte nicht mehr die Luft. Vergeblich +sahen wir uns nach den Schwimmvögeln um, deren gewerbsmäszige Listen bei +jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt. +Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein großes +Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserfläche +schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgürtel begrenzt, aber +nirgends traten die Wälder bis ans Strombett vor. Breite, beständig der +Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und dürr wie der Meeresstrand, glichen +in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese +sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie für +das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung +rückten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg. + +Diese zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und +Großartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten +Ströme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewässer wie das Land ihren +eigenthümlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz +anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des +Amazonenstroms. Diese Unterschiede rühren nicht bloß von der Breite und +der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von +Verhältnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu +beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form +der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der +Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im +tropischen Strich des großen Oceans befindet. + +Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns günstig, um +stromaufwärts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue +leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, daß, wer gewöhnlich +seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluß sich sehr +unbehaglich fühlte. Das Scholken rührt daher, daß die Gewässer der beiden +Ströme beider Bereinigung auf einander stoßen. Dieser Stoß ist sehr stark, +aber lange nicht so gefährlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an +der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem +Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blöcken bestehenden Vorgebirge. +Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater +Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt. +Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuß desselben +rings von Wasser umgeben. Wegen dieses großen Uebelstandes und wegen der +Unzahl Moskitos und _‘Niguas’_,(11) von denen Missionäre und Indianer +geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er völlig +verlassen, während gegenüber auf dem linken Ufer in den Hügeln von Coruato +herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus +freien, den Mönchen nicht unterworfenen Stämmen ausgestoßen worden sind. + +Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmündung des Apure und dem +Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer +Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des +Orinoco war beim gegenwärtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber +in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hügel +Pocopocori Inseln sind, mögen es 5517 Toisen werden. Zum starken +Anschwellen des Orinoco trägt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der +nicht, wie andere Nebenflüsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen +spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmündet. Wir +maßen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers; +mitten im Thalweg, wo die Strömung am stärksten ist, betrug sie 28°,3, in +der Nähe der Ufer 29°,2. + +Wir fuhren zuerst gegen Südwest hinaus bis zum Gestade der +Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Süd. +Der Strom ist so breit, daß die Berge von Encaramada aus dem Wasser +emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie über dem Meereshorizont sähe. +Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und +je näher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese +Berge bestehen aus ungeheuren zerklüfteten, auf einander gethürmten +Granitblöcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blöcke ist eine Folge der +Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trägt besonders der +kräftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswände bedeckt und nur die +abgerundeten Gipfel frei läßt. Man meint, altes Gemäuer rage aus einem +Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano* +der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei +geneigt sind, während der dritte, unten schmälere und über 80 Fuß hohe, +senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die +*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert, +war früher ein Stück des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der +nicht geschichtete Granit das Eigenthümliche, daß er durch Verwitterung in +prismatische, cylindrische oder säulenförmige Blöcke zerfällt. + +Gegenüber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nähe eines andern, +ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten +in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen, +die man in Holland und Niederdeutschland _‘Hünenbetten’_ nennt. Der +Ufersand an diesem Stück des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er +besteht aus Thon und Glimmerblättchen in sehr dünnen Schichten, die meist +unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter +Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der +Ufer tritt schon weit oberhalb der Mündung des Apure ein; schon beim +Algodonal und beim Caño de Manati fingen wir in letzterem Flusse an +denselben zu bemerken. Die Glimmerblättchen kommen ohne Zweifel von den +Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost +findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Daß +Anschwemmungen von Süd nach Nord geführt werden, kann am Orinoco nicht +befremden; aber wie erklärt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure, +sieben Meilen westwärts von seiner Ausmündung? Beim gegenwärtigen Zustand +der Dinge läuft der Apure auch beim höchsten Wasserstand des Orinoco nie +so weit rückwärts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben, +muß man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit +niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen +Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war. + +Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist dieß eine Art +Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem +40--50 Fuß hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethürmten +Granitblöcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen +Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen +sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten, +sondern nur abgerundete Blöcke, Kerne, von denen das umhüllende Gestein +abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd +überzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das +röthlich weiß, grobkörnig ist und keine Hornblende enthält. + +Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind +_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist dieß das kleine Dorf, das im Jahr 1749 +vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell +Orinoco_, gegründet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte +Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der +Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie öde diese Landstriche sind, +wenn man hört, daß Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada +liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und daß er nie bis zu +dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er +sich gewagt hat. + +Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein +Cazike, der in seiner Pirogue zum berühmten Schildkröteneierfang den Fluß +hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo* +und führte ein kleineres Canoe, _‘Curiara’_ genannt, mit sich. Er saß +unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblättern +bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die +Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, daß man einen großen Herrn vor sich +hatte. Der Cazike trug sich übrigens ganz wie seine Indianer; alle waren +nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des +Rocou, bemalt. Häuptling, Dienerschaft, Geräthe, Fahrzeug, Segel, Alles +war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem +Wuchs; sie schienen uns weit höher gewachsen als die Indianer, die wir +bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den +Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefärbten Augenbrauen, ihr +finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas +ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein +paar Caraibenschädel von den Antillen gesehen und waren daher überrascht, +daß bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewölbter war, +als man sie uns beschrieben. Die sehr großen, aber ekelhaft schmutzigen +Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Die Ober- und +Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abständen mit breiten Binden +aus Baumwollenzeug eingeschnürt. Das Fleisch unter den Binden wird stark +zusammengepreßt und quillt in den Zwischenräumen heraus. Die Caraiben +verwenden meist auf ihr Aeußeres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als +nackte und roth bemalte Menschen nur immer können. Sie legen bedeutenden +Werth auf gewisse Körperformen, und eine Mutter würde gewissenloser +Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch +künstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer +Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von +Panapana nicht nach den Lagerplätzen erkundigen, wo man in dieser +Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkröteneier +zusammenkommt. + +Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir +übernachteten in einer Felsenbucht, gegenüber der Einmündung des Rio +Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaicà sich vereinigen, und den +manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den +Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schön; der Mond beschien +die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die +Wärme so gleichmäßig vertheilt, daß man kein Sternflimmern bemerkte, +selbst nicht 4 oder 5 Grad über dem Horizont. Das Licht der Planeten war +auffallend geschwächt, und ließe mich nicht die Kleinheit des scheinbaren +Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fürchten, so sagte +ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloßem Auge die Scheibe +Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er +führte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit +Dunst. Es traten starke Windstöße ein und machten uns für unsere Pirogue +besorgt. Wir hatten den ganzen Tag über nur sehr wenige Krokodile gesehen, +aber lauter ungewöhnlich große, 20--24 Fuß lange. Die Indianer +versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und +weniger breite und tiefe Flüsse auf; besonders in den Caños sind sie in +Menge zu finden, und man könnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den +Nilkrokodilen sagt, »sie wimmeln wie Würmer an den seichten Stromstellen +und im Schutz der unbewohnten Inseln.« + +Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Süd, dann gegen Südwest weiter den +Orinoco hinauf und bekamen den Südabhang der *Serrania* oder der Bergkette +Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluß am nächsten gelegene Strich ist nicht +mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhänge, die Lage mitten +in einer Savane; ihre in unförmliche Prismen zerklüfteten Felsgipfel +lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre größte Breite beträgt +nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie +gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den +nördlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des +Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluß des Rio +Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zügen +dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander +nicht ganz parallel, denn die nördlichsten ziehen sich von West nach Ost, +die südlichsten von Nordwest nach Südost. Aus dieser verschiedenen +Richtung erklärt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen +Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird. +Wenn wir einmal über die großen Katarakten von Atures und Maypures hinauf +gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen +sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana, +Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen +Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf +dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmäßig gruppirt +scheinen, eine Neigung zu regelmäßigen Formen. Jede Kette erscheint einem, +wenn man auf dem Orinoco fährt, im Querschnitt als ein einzelner Berg, +aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmäßigkeit im Streichen und +dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man +gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hängen mit denen des Mato +zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge +von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Ausläufer, die Granitberge +Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und +Ventuari. + +Ueber diese Berge, die von sanftmüthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt +sind, ließ bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh +gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden +sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten +den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mündet. Fährt man diese +beiden Flüsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne über +die großen Katarakten zu kommen, über welche Vieh hinaufzuschaffen so gut +wie unmöglich wäre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit +der Entdeckung von Amerika in so vorzüglichem Grade eigen war, lebte in +der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf, +als König Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen +kennen lernen wollte, und in den Wäldern von Guyana, dem classischen Lande +der Lüge und der mährchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer +die chimärische Vorstellung von den Schätzen des Dorado, welche die +Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschäftigt hatte, von +Neuem in Umlauf brachte. + +In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkörnige Granit, +keine Gänge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen, +welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so +großer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem +Theile von Amerika glaube ich, daß das Gold, wie das Zinn, zuweilen in +kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins +zerstreut ist, ohne daß man kleine verästete und in einander verschlungene +Gänge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in +der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien +Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung +war den Missionären noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb +alleinstehend. + +Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen, +ohne eines Umstandes zu erwähnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben +war und dessen man während unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco +häufig gegen uns erwähnte. Unter den Eingeborenen dieser Länder hat sich +die Sage erhalten, »beim großen Wasser, als ihre Väter das Canoe besteigen +mußten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen +des Meeres die Felsen der Encaramada bespült.« Diese Sage kommt nicht nur +bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehört zu einem Kreise +geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei +den Maypures an den großen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato, +der sich in den Caura ergießt, und fast bei allen Stämmen am obern Orinoco +finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese große +Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, überlebt habe, so sagen sie, +»ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu, +am Ufer des Asiveru, geflüchtet; da haben sie Früchte der Mauritiapalme +hinter sich über ihre Köpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen +Männlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevölkert.« In +solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Völkern eine Sage, welche +von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmückt worden +ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels, +der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf +Thierbilder und symbolische Zeichen, ähnlich denen, wie wir sie auf der +Rückfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt +Caycara gesehen. In Afrika heißen dergleichen Felsen bei den Reisenden +_‘Fetischsteine’_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am +Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die +wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen, +Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstände religiöser Verehrung +vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen +Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren +häufig sehr hoch oben in Felswände eingehauen, wohin man nur mittelst sehr +hoher Gerüste gelangen könnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es +möglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lächelnd, als +sprächen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weißer nicht bekannt seyn +kann, »zur Zeit des *großen Wassers* seyen ihre Väter so hoch oben im +Canoe gefahren.« + +Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trümmern eines +großen Schiffbruchs über den Erdball zerstreut finden, sind für die +Geschichtsphilosophie von höchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien +in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshöhen das Gepräge des +gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen +der Völker aller Orten denselben Charakter, eine Familienähnlichkeit, die +uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der +lebendigen Schöpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast +gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine örtliche Färbung. Auf den +großen Festländern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben +sich die übrig gebliebenen Menschen immer auf den höchsten Berg in der +Nähe geflüchtet, und das Ereigniß erscheint desto neuer, je roher die +Völker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit +zurückreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor +der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wälder am Orinoco, +sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europäischen +Niederlassungen sind und in welchen Zuständen die unabhängig gebliebenen +Stämme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene +Uebereinstimmung dem Einfluß der Missionare und des Christenthums auf die +Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die Völker +am Orinoco durch den Umstand, daß sie Meeresprodukte hoch oben in den +Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom großen Wasser gekommen seyn +sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde +vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare +und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine +Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundären +Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen. + +Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la +Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im +Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum +betrachten. Diese Insel ist berühmt wegen des Schildkrötenfangs, oder, wie +man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jährlich hier +gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Hütten +aus Palmblättern gelagert. Das Lager war über dreihundert Köpfe stark. +Seit San Fernando am Apure waren wir nur an öde Gestade gewöhnt, und so +fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Außer den Guamos und +Otomacos aus Uruana, die beide für wilde, unzähmbare Stämme gelten, waren +Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte +für sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt +war. Wir fanden in diesem lärmenden Haufen einige Weiße, namentlich +_‘Pulperos’_ oder Krämer aus Angostura, die den Fluß herausgekommen waren, +um von den Eingeborenen Schildkröteneieröl zu kaufen. Wir trafen auch den +Missionär von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebürtig war. Der Mann +verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere +Instrumente bewundert, entwarf er uns eine übertriebene Schilderung von +den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem +Orinoco bis über die Fälle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien +ihm in bedeutendes Dunkel gehüllt. »Wie soll einer glauben,« sagte er, +»daß ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den +Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht +gehört?« Zum Glück hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der +Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von +Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch +unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland +unter den Weißen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem +frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzählte uns, er sey mit den +Indianern über die »Eierernte« herübergekommen, »um jeden Morgen unter +freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel für die Altarlampe zu +verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_ +in Ordnung zu halten, in der jeder für sich allein haben wolle, was Gott +allen bescheert.« + +Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der +sich rühmte, daß er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca +de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stück des Orinoco, wie man bei uns +die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem +ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: »So weit das Auge an den Ufern hin +reicht, liegen Schildkröteneier unter einer Erdschicht.« Der Missionar +trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange +(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der +Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder +Steinkohle ermittelt. Stößt man die Vara senkrecht in den Boden, so spürt +man daran, daß der Widerstand auf einmal aufhört, daß man in die Höhlung +oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir +sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichförmig verbreitet, daß die Sonde +in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher +darauf stößt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie +wenn man ein Bodenstück, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und +ganz regelmäßig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht +die ganze Insel; sie hört überall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil +die Schildkröte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich +erzählte meinen Führern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater +GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkörner enthalten, als +der Strom Schildkröten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf +aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljährlich so viele tödteten. +»_Son cuentos de fraíles_« sagte der Krämer aus Angostura leise, denn da +arme Missionäre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man +hier »Pfaffenmährchen,« was man in Europa den Reisenden überhaupt +aufbürden würde. + +Die Indianer versicherten uns, von der Mündung des Orinoco bis zum Einfluß +des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade, +wo man Schildkröteneier in Masse sammeln könnte. Die große Schildkröte, +der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von +Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den +Kopf über das Wasser streckt und sich beim leisesten Geräusch versteckt. +Die Uferstrecken, wo fast sämmtliche Schildkröten des Orinoco sich +jährlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluß des +Orinoco und des Apure und den großen Fällen oder *Raudales*, das heißt +zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei +berühmten Fangplätze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder +_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die +Arrau-Schildkröte geht, wie es scheint, nicht über die Fälle hinauf, und +wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur +*Terekay*-Schildkröten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte über diese +beiden Arten und ihr Verhältniß zu den verschiedenen Familien der +Schildkröten zu sagen. + +Wir beginnen mit der Arrau-Schildkröte, welche die Spanier in den Colonien +kurzweg _‘Tortuga’_ nennen, und deren Geschlecht für die Völker am untern +Orinoco von so großer Bedeutung ist. Es ist eine große +Süßwasserschildkröte, mit Schwimmfüßen, sehr plattem Kopf, zwei +fleischigen, sehr spitzen Anhängen unter dem Kinn, mit fünf Zehen an den +Vorder- und vier an den Hinterfüßen, die unterhalb gefurcht sind. Der +Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist +oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Füße sind gleichfalls orangegelb +und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Nägel +sind sehr stark und gebogen. Die Afteröffnung befindet sich am letzten +Fünftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die +Eier, weit größer als Taubeneier, sind nicht so länglicht wie die Gier des +Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, daß die +Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen +können. Käme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen +die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern +dieser Schildkröte; man sah aber früher ganze Volksstämme von den Flüssen +Atabapo und Cassiquiare über die Raudales herabkommen, um am Fang bei +Uruana Theil zu nehmen. + +Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll +Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders +vertheilt. Ich zählte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige, +am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grüne +spielend; Füße und Nägel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist +olivengrün, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte +Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die +Terekays thun sich nicht in große Schwärme zusammen, wie die Arraus, um +ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay +haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch +Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der +Fälle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flüssen, +welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Füße und +des Kopfs, nach den Anhängen an Kinn und Hals und nach der Stellung der +Afteröffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine +neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wäre. Durch die +Anhänge und die Stellung des Afters nähern sie sich der _Emys nasuta_ +SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in französisch Guyana, unterscheiden sich +aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine +pyramidalischen Buckel haben. + +Die Zeit, wo die große Arrau-Schildkröte ihre Eier legt, fällt mit dem +niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frühlings-Tag- +und Nachtgleiche an zu steigen anfängt, so liegen von Anfang Januar bis +zum 20. oder 25. März die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus +sammeln sich schon im Januar in große Schwärme; sie gehen jetzt aus dem +Wasser und wärmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben, +das Thier bedürfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das +Liegen in der Sonne befördere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man +die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang März vereinigen +sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen +sie gewöhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkröte +jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen, +erscheinen viele tausend Schildkröten in langen Reihen an den Ufern der +Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den +Kopf über dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu +fürchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, daß die vereinigten +Schwärme auch beisammen bleiben, daß sich die Schildkröten nicht +zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen können, stellen längs des +Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu +halten und die Schildkröten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier +werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das +Thier gräbt mit seinen Hinterfüßen, die sehr lang sind und krumme Klauen +haben, ein drei Fuß weites und zwei Fuß tiefes Loch. Die Indianer +behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkröte +denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen, +wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _‘Eiernest’_, wie man hier sagt, +öffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, daß manche in die +von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefüllten Löcher +hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite +legen. Bei diesem stürmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier +zerbrochen. Der Missionär zeigte uns, indem er den Sand an mehreren +Stellen ausgrub, daß der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen +mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand +noch stärker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene +Eierschaalen in großen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der +Nacht am Ufer graben, sind so unermeßlich viele, daß manche der Tag +überrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der +doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Löcher +zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen möge. Die Schildkröten, die +sich verspätet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie +arbeiten unter den Augen der Indianer, die früh Morgens auf das Ufer +kommen. Man nennt sie _‘närrische Schildkröten.’_ Trotz ihrer ungestümen +Bewegungen fängt man sie leicht mit den Händen. + +Die drei Indianerlager an den oben erwähnten Orten werden Ende März und in +den ersten Tagen Aprils eröffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich +wie das andere, mit der Regelmäßigkeit, die bei Allem herrscht, was von +Mönchen ausgeht. Ehe die Missionäre an den Fluß kamen, beuteten die +Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fülle bietet, +in weit geringerem Maaße aus. Jeder Stamm durchwühlte das Ufer nach seiner +eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen, +weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen +konnte. Es war, als würde eine Erzgrube von ungeschickten Händen +ausgebeutet. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, daß sie die Ausbeutung +geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen +am Orinoco abgelöst haben, rühmen sich zwar, daß sie das Verfahren ihrer +Vorgänger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehörigen +Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, daß das ganze Ufer +ausgebeutet wurde; sie ließen ein Stück unberührt liegen, weil sie +besorgten, die Arrau-Schildkröten möchten, wenn nicht ausgerottet werden, +doch bedeutend abnehmen. Jetzt wühlt man das ganze Ufer rücksichtslos um, +und man meint auch zu bemerken, daß die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer +werden. + +Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionär von Uruana seinen +Stellvertreter oder den _‘Commissär’_, der den Landstrich, wo die Eier +liegen, nach der Zahl der Indianerstämme, die sich in die Ernte theilen, +in Loose zerlegt. Es sind lauter »Indianer aus den Missionen,« aber so +nackt und versunken, wie die »Indianer aus den Wäldern;« man nennt sie +_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke +zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen. + +Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschäft damit, daß er den Boden +sondirt. Mit einer langen hölzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit +einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die »Eierschicht« reicht. Nach +unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuß vom Ufer und +ist im Durchschnitt drei Fuß tief. Der Commissär steckt ab, wie weit jeder +Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hört man den Ertrag der Eierernte +gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schätzen. Es kam vor, daß ein +Areal genau hundertzwanzig Fuß lang und dreißig breit hundert Krüge oder +für tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Händen +auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _‘Mappiri’_ genannte Körbe, +tragen sie ins Lager und werfen sie in große mit Wasser gefüllte hölzerne +Tröge. In diesen Trögen werden die Eier mit Schaufeln zerdrückt und +umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der öligte Theil), das +obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser öligte Theil wird, wie er sich +auf dem Wasser sammelt, abgeschöpft und bei einem starken Feuer gekocht. +Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heißt, +soll sich desto besser halten, je stärker es gekocht wird. Gut zubereitet +ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionäre +schätzen es dem besten Olivenöl gleich, und man braucht es nicht nur zum +Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den +Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hält indessen schwer, +ganz reines Schildkrötenöl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten +Geruch, der davon herrührt, daß Eier darunter gerathen sind, in denen +sich, weil sie schon länger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen +Schildkröten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese +unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rückfahrt vom Rio +Negro, wo das flüssige Fett, das wir hatten, braun und übelriechend +geworden war. Die Gefäße hatten einen faserigen Bodensatz, und dieß ist +das Kennzeichen des unreinen Schildkrötenöls. + +Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle +aus dem Munde des Missionärs von Uruana, seines Commissärs und der Krämer +aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jährlich tausend +Botijas(14) oder Krüge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt +von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze +Ertrag der drei Uferstrecken, wo jährlich die _cosecha_ oder Ernte +gehalten wird, läßt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine +Weinflasche oder _‘limeta’_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen +Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkröte gebe 100--116 Eier, +und ein Drittheil werde während des Legens, namentlich von den +»närrischen« Schildkröten zerbrochen, so ergibt sich, daß, sollen jährlich +5000 Krüge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkröten, die zusammen +165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplätzen 33 Millionen Eier legen +müssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren +Zahl. Viele Schildkröten legen nur 60--70 Eier; viele werden im +Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die +Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu +essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlässigkeit. Die +Menge der Eier, die bereits ausgeschlüpft sind, ehe der Mensch darüber +kommt, ist so ungeheuer, daß ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer +des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkröten wimmeln sah, die +mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten. +Nimmt man noch hinzu, daß nicht alle Arraus zu den drei Lagerplätzen +kommen, daß viele zwischen der Mündung des Orinoco und dem Einfluß des +Apure einzeln und ein paar Wochen später legen, so kommt man nothwendig +zum Schluß, daß sich die Zahl der Schildkröten, welche jährlich an den +Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beläuft. +Dieß ist ausnehmend viel für ein Thier von beträchtlicher Größe, das einen +halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so +furchtbar aufräumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die +großen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen. + +Das Erntegeschäft und die Zubereitung des Oels währen drei Wochen. Nur um +diese Zeit stehen die Missionen mit der Küste und den benachbarten +civilisirten Ländern in Verkehr. Die Franciskaner, die südlich von den +Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu +verschaffen, als um *weiße Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu +hören, »ob der König sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhält, ob +die Klöster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob +der Türke sich noch immer ruhig verhält.« Das ist Alles, wofür ein Mönch +am Orinoco Sinn hat, Dinge, worüber die Krämer aus Angostura, die in die +Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben können. In diesen weit +entlegenen Ländern wird eine Neuigkeit, die ein Weißer aus der Hauptstadt +bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken, +und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen, +wenn man sein Lebenlang über die Hitze und die Stiche der Moskitos zu +klagen hat? + +Die Oelhändler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen +den Krug oder die Botija für einen harten Piaster an sie und die +Transportkosten machen für den Krug nur Zweifünftel Piaster. Die Indianer, +welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der +Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer +hatten immer welche in Körben oder kleinen Säcken von Baumwollenzeug. Der +Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man +zeigte uns große, von Jaguars geleerte Schildkrötenpanzer. Die Tiger gehen +den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie überfallen +sie auf dem Sand, und um sie gemächlich verzehren zu können, kehren sie +sie um, so daß der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage können die +Schildkröten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr +umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer +häufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze. + +Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Körper der +Schildkröte herausbringt, wenn er Rücken- und Brustschild nicht trennen +will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der +mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wären die Ansätze +der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger +verfolgt die Schildkröte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief +ist. Er gräbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern +und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlüpften +Schildkröten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma während der +Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, daß die Indianer in einer +einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuß lange, mit hakenförmigen Eisen +und Seekuhfleisch daran, fingen. Außer den eben erwähnten Waldthieren thun +auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die +ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _‘Schildkrötenregen’_ genannt, sich +einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tödten mit vergifteten +Pfeilen die Schildkröten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten +Tatzen sich sonnen. + +Die jungen Schildkröten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag, +man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlüpfen. Die +Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten +uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg +vom Ufer trägt und so an den Boden setzt, daß er dem Flusse den Rücken +kehrt, alsbald den kürzesten Weg zum Wasser einschlägt. Ich gestehe, daß +dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich +gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom +Ufer, selbst auf einer Insel, mit äußerst feinem Gefühl zu spüren, von +woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht +fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende +kleiner Schildkröten gleich nach dem Ausschlüpfen dem Wasser zugehen, so +läßt sich nicht wohl annehmen, daß so viele Schildkröten, die am selben +Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die +Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco führen können. Soviel ist aber +gewiß, daß das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen +zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das große Flußbett geht. Wie +finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen +Schildkröten hingeführt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoßen? +Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in +abgesonderte Löcher, und wir werden bald sehen, daß in dieser +Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt, +den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden +hilft. Die Arrau-Schildkröte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den +Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum +Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie könnte +sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits +wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkröten gesehen haben, +die eine ganze Menge junger Schildkröten hinter sich hatten. Dieß waren +vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem +sie wieder kommen konnten. Männliche Thiere sind unter den Schildkröten +sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund +dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen, +die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern. + +Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige +Mundvorräthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden +daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus +Weizenmehl. Unsere Indianer füllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf +mit jungen Schildkröten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir +vom Missionär, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet +hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies +frisch und in Stößen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes +befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Pirogue ein sehr +schlechtes Segelwerk führe; aber der »Patron« wollte den Indianern, die am +Ufer beisammen standen, zeigen, daß er, wenn er sich dicht am Wind halte, +mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen könne. Aber eben, als er +seine Geschicklichkeit und die Kühnheit seines Manövers pries, fuhr der +Wind so heftig in das Segel, daß wir beinahe gesunken wären. Der eine Bord +kam unter Wasser und dasselbe stürzte mit solcher Gewalt herein, daß wir +bis zu den Knieen darin standen. Es lief über ein Tischchen weg, an dem +ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein +Tagebuch, und im nächsten Augenblick sahen wir unsere Bücher, Papiere und +getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der +Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer +aufgeschreckt, übersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltblütigkeit, die +ihm unter allen Verhältnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende +Bord hob sich während der Windstöße von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er +das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen müssen, so +konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil +blicken ließ. Während wir so ängstlich gespannt waren, riß auf einmal das +Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half +uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den +Früchten der _Crescentia Cujete_ auszuschöpfen; das Segel wurde +ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder +weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöße, die mit +Windstillen wechseln, sind übrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge läuft, +sehr häufig und können überladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefährlich +werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann +verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig +schalt, daß er sich zu nahe am Wind gehalten. Er äußerte kaltblütig, »es +werde hier herum den weißen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre +Papiere* zu trocknen.« Wir hatten nur ein einziges Buch eingebüßt, und +zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser +gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige +wissenschaftliche Werke beschränkt ist. + +Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen +Insel mitten im Strome in der Nähe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem +Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen, +nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, daß wir +alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wäre, +der sich beim Schiffbruch allein gerettet hätte, wie er am öden Ufer auf +und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den +Orinoco läuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und +Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit +gefühlvollem Herzen weiß nicht, was aus seinen Unglücksgefährten geworden +ist, und ihr Loos bekümmert ihn mehr als das seine! Gerne überläßt man +sich solchen wehmüthigen Vorstellungen, weil einen nach einer +überstandenen Gefahr unwillkürlich nach starken Eindrücken fort verlangt. +Jeder von uns war innerlich mit dem beschäftigt, was sich eben vor unsern +Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne daß man +gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei +Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flüssen +voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu +Grund gegangen wären. + +Die Nacht war sehr schwül. Wir lagen am Boden auf Häuten, da wir keine +Bäume zum Befestigen der Hängematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde +mit jedem Tag ärger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß die +Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen über den Flußarm, +der uns vom Lande trennte, und Morgens hörten wir sie ganz in unserer Nähe +brüllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten, +herübergekommen. Die Indianer sagten uns, während der Eierernte zeigen +sich die Tiger an den Ufern hier immer häufiger als sonst, und sie seyen +um diese Zeit auch am kecksten. + +Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmündung des großen +Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vögeln berühmt ist, die auf +ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de +Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von +den Jesuiten gegründet und daselbst Otomaken und Caveres- oder +Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fuße eines aus Granitblöcken +bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heißt. Durch die +Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Höhlen, in +denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen +findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Züge in Reihen +eingehauen. Ich bezweifle indessen, daß diesen Zügen ein Alphabet zu +Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rückkehr vom Rio +Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die +Otomaken essen und über die in Europa so viel gestritten worden ist. + +Wir maßen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla +de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe +vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 französische Meilen von der +Mündung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die +Temperatur des Wassers an der Oberfläche war bei Uruana 27°,8; den Zaire- +oder Congofluß in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitän +TUCKEY im Juli und August nur 23°,9--25°,6 warm. Wir werden in der Folge +sehen, daß im Orinoco, sowohl in der Nähe der Ufer, wo er in dichtem +Schatten fließt, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des +Wassers aus 29°,5 [23°,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27°,5 herabgeht; +die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist +28--30°, bei Nacht 24--26°, während im Thal des Congo von acht Uhr Morgens +bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20°,6 und 26°,7 stand. + +Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis über den Einfluß des Meta +hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer näher an das +östliche Ufer herantreten. Da die Strömung stärker wird, je mehr das +Flußbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend +langsamer vorwärts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwärts, +aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann +brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren, +heftige, aber schnell vorübergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des +Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem großen +See Capanaparo gegenüber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die +Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluß und in den Rio Arauca +ausmündet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern +Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald +sie bei den ersten Regengüssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie +sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder +zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder +feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemäßigten +Erdstrich, reißt die wieder zunehmende Wärme die Thiere aus der Erstattung +oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwäche, in dem der Athmungsproceß +unterbrochen oder doch sehr stark beschränkt wird. Die Zeit der großen +Trockenheit, uneigentlich der _‘Sommer der heißen Zone’_ genannt, +entspricht dem Winter der gemäßigten Zone, und es ist physiologisch sehr +merkwürdig, daß in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kälte +wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre +*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, daß diese +derselben Familie angehörenden Thiere einmal in einem nördlicheren Lande +zusammen gelebt hätten, so könnte man glauben, sie fühlen, auch näher an +den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre +Muskeln gebraucht, das Bedürfniß auszuruhen und bleiben auch unter einem +neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem +Körperbau zusammenzuhängen scheint. + +Nachdem wir an der Mündung der Kanäle, die zum See Capanaparo führen, +vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstück, wo das Bett durch die Berge +des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpaß, der bis zum Einfluß +des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer +früher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluß des Arauca und dem des +Atabapo den Fluß *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Völkern große +Ströme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der +Paß von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen +senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach +Südost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten +Winkel durchbricht, so stellen sich die Höhen als freistehende Gipfel dar. +Die meisten sind nicht über 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten +einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhänge erhalten sie etwas +Großartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rändern abgerundete +Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, über einander gethürmt. Die +Blöcke sind häufig 80 Fuß lang und 20--30 breit. Man müßte glauben, sie +seyen durch eine äußere Gewalt übereinander gehäuft, wenn nicht ein ganz +gleichartiges, nicht in Blöcke getheiltes, aber von Gängen durchzogenes +Gestein anstände und deutlich verriethe, daß das Zerfallen in +Parallelipipede von atmosphärischen Einflüssen herrührt. Jene zwei bis +drei Zoll mächtigen Gänge bestehen aus einem quarzreichen, feinkörnigen +Granit im grobkörnigen, fast porphyrartigen, an schönen rothen +Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der +Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen +umgesehen, die für mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch +sind. + +Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu +messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluß, daß ich nur mit Mühe eine +Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen +breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge* +nennen kann, muß man bedenken, daß der Strom von Uruana bis zum Einfluß +des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, außerordentlich +heißen und trockenen Punkt maß ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und +fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl +höhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange +nicht so hoch, als die Missionäre angeben. + +In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von +Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts +als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit großer birnförmiger +Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda +salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit +breiten, häutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und +offenem Maul saßen die Eidechsen da und schienen sich von der heißen Luft +durchströmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg +auf 50°,2 [40°,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und +ab zu schwanken, während sich kein Lüftchen rührte. Die Sonne war nahe am +Zenith und ihr glänzendes, vom Spiegel des Stromes zurückgeworfenes Licht +stach scharf ab vom röthlichen Dunst, der alle Gegenstände in der Nähe +umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heißen Landstrichen +um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere +verbergen sich im Dickicht, die Vögel schlüpfen unter das Laub der Bäume +oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille +auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trägt, so vernimmt man +ein dumpfes Schwirren, ein beständiges Brausen und Summen der Insekten, +von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen +lebendiger vor die Seele führen, wie weit und wie gewaltig das Reich des +organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder +umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewächse. Ein wirres Getöne +dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstämmen, aus den Felsspalten, aus +dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfüße, Cäcilien ihre Gänge graben. Es +sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, daß Alles in der Natur athmet, +daß in tausendfältiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklüfteten Boden +waltet, so gut wie im Schooße der Wasser und in der Luft, die uns umgibt. +Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht +bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in +Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille, +dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft +auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des +Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamärops und der Dattelpalme +betritt. + +Wir übernachteten am östlichen Ufer des Orinoco am Fuße eines +Granithügels. An diesem öden Fleck lag früher die Mission San Regis. Gar +gerne hätten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flußwasser hatte +einen Bisamgeruch und einen süßlichten, äußerst unangenehmen Geschmack. +Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in +dieser Beziehung, am dürrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome +verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit +gallertigen Stoffen beladen. »Das macht die Rinde (die lederartige +Hautdecke) der faulenden Caymans,« sagen die Indianer. »Je älter der +Cayman, desto bitterer ist seine Rinde.« Ich bezweifle nicht, daß die Aase +dieser großen Reptilien, die der Seekühe, die 500 Pfund wiegen, und der +Umstand, daß die im Fluß lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben, +das Wasser verderben mögen, zumal in Buchten, wo die Strömung schwach ist. +Indessen waren die Punkte, wo man das übelriechendste Wasser antraf, nicht +immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in +diesem heißen Klima, wo man fortwährend vom Durst geplagt ist, Flußwasser +mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muß, so wünscht man +natürlich, daß ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens +geruchlos seyn möchte. + +Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmündungen des Suapure +oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluß +ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der +Suapure, der eine Menge kleiner Fälle bildet, ist bei den Indianern wegen +des vielen wilden Honigs berühmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen +hängen dort ihre ungeheuren Stöcke an die Baumäste. Pater GILI hat im Jahr +1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergießt, befahren. Er +fand dort Stämme der Nation der Areverier. Wir übernachteten ein wenig +unterhalb der Insel Macupina. + +Am 9. April. Wir langten früh Morgens am *Strande von Pararuma* an und +fanden daselbst ein Lager von Indianern, ähnlich dem, das wir an der _boca +de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die +Schildkröteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider +ein paar Tage zu spät daran. Die jungen Schildkröten waren ausgekrochen, +ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die +Krokodile und die *Garzes*, eine große weiße Reiherart, das Säumniß zu +Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkröten +sehr und verzehren unzählige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da +die Tortuguillos erst nach der Abenddämmerung aus dem Boden kriechen und +dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu träge [S. Band I. +Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den +Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Eßwaaren +zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heißhunger zu stillen, +nichts übrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll +lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwürdig anzusehen, wie schlau sich +die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen +ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfüßen auf, krümmen den +Rücken, strecken den Kopf aufwärts und reißen den Rachen weit auf. +Fortwährend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen +ihm die Zähne, die bei den eben ausgeschlüpften Thieren sehr lang und +spitz sind. Oft, während so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen +Krokodils in Anspruch nimmt, benützt ein anderer die gute Gelegenheit zu +einem unerwarteten Angriff. Er stößt auf das Thier nieder, packt es am +Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel +halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom +hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlüpfte +Krokodile in einem großen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen. + +Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weiße, die von Angostura +herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten +uns mit ihren Klagen über die »schlechte Ernte« und den Schaden, den die +Tiger während des Eierlegens angerichtet, und führten uns endlich unter +eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saßen die Missionäre von +Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen +rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Köpfen und +langen Bärten hätten wir sie für Orientalen gehalten! Die armen +Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle +Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren +Monaten am dreitägigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes +Aussehen überzeugte uns unschwer, daß in den Ländern, die wir zu betreten +im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefährdet sey. + +Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum +Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die +*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter +führen. Wir mußten uns seinem Willen fügen. Glücklicherweise fand sich der +Missionär von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hübsche +Pirogue abzutreten; ja der Missionär von Atures und Maypures bei den +großen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war, +uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die +Canoes über die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, daß +wir, hätten wir keinen Mönch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wären, +wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu müssen. +An den Ufern des Orinoco gelten die Wälder am Rio Negro für ein köstliches +Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt +im Fluß fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und +Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte, +wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit +wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der +Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht, +was in weiter Ferne liegt. + +Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel, +wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die +allmähliche Entwicklung unserer Geisteskräfte zu beobachten. Man sträubt +sich gegen die Vorstellung, daß wir in diesem gesellschaftlichen +Kindheitszustand, in diesem Haufen trübseliger, schweigsamer, +theilnahmloser Indianer das ursprüngliche Wesen unseres Geschlechts vor +uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande +liebenswürdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so +hinreißend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoßend +als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der +größte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten, +gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie +da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf +großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern +auf das Getränk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der +ursprüngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht, +die schwachen Ueberreste von Völkern, die versprengt lange in Wäldern +gelebt und am Ende in Barbarei zurückgesunken. + +Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und +es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der größeren oder +geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der +Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _‘Onoto’_, von den Spaniern +_‘Achote’_, von den Colonisten in Cayenne _‘Rocou’_ genannt. Es ist der +Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht. +Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der +Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und +lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig +absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit +den Händen ausgedrückt, mit Schildkröteneieröl geknetet und runde 3--4 +Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrötenöl +vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit +kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien +gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht +hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _‘Craviri’_, die Maypures +_‘Chirraviri’_. Sie klettert auf die höchsten Bäume und heftet sich mit +Ranken an. Die zweilippigen Blüthen sind einen Zoll lang, schön violett, +und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten +Blätter vertrocknen leicht und werden röthlich. Die Frucht ist eine zwei +Fuß lange Schote mit geflügelten Samen. Diese Bignonie wächst bei Maypures +in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des +Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida, +besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie +gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der +Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blättern. Er sondert +sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn +mit Schildkrötenöl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll +hohen, an den Rändern abgerundeten Broden. Erwärmt verbreiten diese Brode +einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica +keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Körper +wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsäure, selbst in den Alkalien löst er +sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack +ähnliche Farbe. Tränkt man Wolle damit, so könnte man sie mit Krapproth +verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Chica, der vor +unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nützlich verwenden +ließe: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Völkerschaften der +Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Völker am +Orinoco können mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben +die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem +Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte +gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschränkt sich auf die +Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussüßen der +stärkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien. + +Die meisten Missionäre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern +in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die +auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mönche nicht +Leinwand und Kleider an sie verkaufen können, so handeln sie mit rother +Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren +Hütten, die vornehm _Conventos_ heißen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen, +die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben, +welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich +hier, daß ein hochgewachsener Mann durch zwei wöchentliche Arbeit kaum +genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, daß er +sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemäßigten Ländern von einem +armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hört +man die Indianer am Orinoco sagen: »Der Mensch ist so elend, daß er sich +den Leib nicht einmal halb malen kann.« Der kleine Handel mit Chica wird +besonders mit den Stämmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die +Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wächst. Die Caraiben und +Otomaken färben sich bloß Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives +steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, daß sie den ganzen Körper damit +überziehen können. Wenn die Missionäre nach Angostura auf ihre Rechnung +kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro +machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten +Artikel, bei. Manche Leute europäischer Abkunft brauchen den Farbstoff, +mit Wasser angerührt, als ein vorzügliches harntreibendes Mittel. + +Der Brauch, den Körpers zu bemalen, ist nicht bei allen Völkern am Orinoco +gleich alt. Erst seit den häufigen Einfällen der mächtigen Nation der +Caraiben in diese Länder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und +Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefällig zu seyn, mußte man +sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der +Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flüssen Carony, +Cuyuni und Paraguamuzi beschränkt, aber die caraibische Mode, den ganzen +Körper zu färben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die +Eroberung. + +Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden +Völkern so häufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gründet er +sich vielleicht auf die Beobachtung, daß ein Ueberzug von färbenden und +öligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schützt? In den +Missionen am Orinoco und überall, wo die Luft von giftigen Insekten +wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft erörtern hören. Die Erfahrung +zeigt, daß der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos +und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe +aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst +zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch +angekommenen Europäern ein so unerträgliches Jucken verursachen. So lange +aber das Insekt den Saugrüssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der +Stich den Eingeborenen und den Weißen gleich sehr. Nach tausend andern +nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hände und Arme mit +Krokodilfett und Schildkröteneieröl eingerieben und davon nie die +geringste Erleichterung gespürt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich +weiß wohl, daß Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten +Schutzmittel gerühmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am +Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere +Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom +fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglücklichen Landeseinwohner +vor der Insektenplage schützte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wäre +der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden? +wie könnten so viele nackte Völker, die sich bloß das Gesicht bemalen, +dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Körper färben? + +Es erscheint auffallend, daß die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen +in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rührt diese +Vorliebe davon her, daß der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das +Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das möchte ich sehr be- +zweifeln. In einem großen Theil des tropischen Amerika wächst der Indigo +wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewächse, hätten den +Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu färben wie die alten +Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten +Stämme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht +dieß, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker, +Alles, was sie nationell auszeichnet, schön zu finden. Menschen, deren +Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit +niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren +Kindern die Stirne niederzudrücken. Unterscheiden sie sich von andern +Völkern durch sehr dünnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche +die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich für desto +schöner, je stärker sie die charakteristischen Züge ihres Stammes oder +ihrer Nationalbildung hervortreten lassen. + +Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, daß sehr alte +Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jüngsten. Wir +sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit +Schildkrötenöl einreiben und den Rücken mit Onoto und *Caruto* bemalen +ließ; zwei ihrer Töchter mußten dieses Geschäft verrichten. Die Malerei +bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf +rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt +gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehörte. Wir hatten sehr +lange botanisirt, und als wir zurückkamen, war die Malerei noch nicht halb +fertig. Man wundert sich über einen so umständlichen Putz um so mehr, wenn +man bedenkt, daß die Linien und Figuren nicht tätowirt werden, und daß das +so mühsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer +unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen +sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe +angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgänglich, +daß Männer und Weiber sich wohl weniger schämten, wenn sie sich ohne +*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken ließen. Die *Guayucos* +bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die +Männer tragen sie breiter als die Weiber, die überhaupt (wie die +Missionäre behaupten) weniger Schamgefühl haben. Schon Christoph Columbus +hat eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgültigkeit der +Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Völkern, deren Sitten doch nicht +sehr verdorben sind, nicht daher rühren, daß das andere Geschlecht in +Südamerika durch Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Männer so tief +herabgewürdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist? + +Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man +sich einen Menschen vor, der an Kopf und Gürtel mit schönen Arras-, +Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmückt ist. Von jeher gilt bei +unsern Malern und Bildhauern solcher Putz für das charakteristische +Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den +Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe +am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schönen Federbüsche, jene +Federschürzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary +heimbringen. Die meisten Völkerschaften in Guyana, selbst die, deren +Geisteskräfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und +Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die +Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiß, der den +Körper den ganzen Tag über und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede +Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche werden +nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbüsche der Guaypuñaves +sind wegen der Auswahl der schönen Manakin- und Papagayenfedern die +berühmtesten. + +Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenüberzug stehen; +zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den +Schnitt europäischer Kleidungsstücke nach. Wir sahen in Pararuma welche, +die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen. Die Missionäre +erzählten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura färben sich mit Onoto und +machen sich dem Körper entlang breite Querstreifen, auf die sie +silberfarbige Glimmerblättchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trügen +die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wären die *bemalten* +Völker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wäre man zum +Schlusse gelangt, daß beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der +Brauch von großer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel +der Laune erzeugt wird. + +Das Bemalen und Tätowiren ist in beiden Welten weder auf Einen +Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschränkt. Am häufigsten kommen +diese Arten von Putz bei Völkern malayischer und amerikanischer Race vor; +aber zur Zeit der Römer bestand die Sitte auch bei der weißen Race im +Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und +in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Tätowirung bei +den Insulanern der Südsee am höchsten ausgebildet. Manche bekleideten +Völker bemalen sich dabei doch Hände, Nägel und Gesicht. Die Bemalung +erscheint hier auf die Körpertheile beschränkt, die allein blos getragen +werden, und während die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit +erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in +manchen Städten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weiße Haut +durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Stärke, Eiweiß und +Mehl schöner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit +Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei +inmitten aller Gebräuche der gebildeten Welt nicht wenig auf. + +Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis +dahin nur von den europäischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal +lebend zu sehen. Die Missionäre treiben mit dergleichen kleinen Thieren +Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _‘Gallitos’_ (Felshühner), +*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Küsten sehr gesuchte Affen +tauschen sie Zeuge, Nägel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte +vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mönche +leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann +von den Mönchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der +Eierernte erlösen, ihr Fischergeräthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften +mehrere Thiere, die uns auf der übrigen Stromfahrt begleiteten und deren +Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in +einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben +Gegenständen zweimal handeln muß, beschränke ich mich hier auf ganz kurze +Angaben und füge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen +Reisetagebüchern aufstießen. + +Die *Gallitos* oder *Felshühner*, die man in Pararuma in niedlichen +kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des +Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit +seltener als in französisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der +Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fällen von Maypures. Ich +sage ausdrücklich in den Fällen; denn diese Vögel nisten gewöhnlich in den +Höhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und +so zahlreiche Wasserfälle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im +Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander +kämpfen, wobei sie wie unsere Hähne den doppelten beweglichen Kamm, der +ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten +erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Männchen geschätzt sind, +die vom dritten Jahre an prächtig goldgelb werden, so muß der Käufer auf +der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide +sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon +ganz jung durch seine Größe und seine gelben Füße aus. Die Henne bleibt +ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil +der Flügel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern +Sammlungen die schöne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man +dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als +bei andern Gattungen sperlingsartiger Vögel. Die jungen Hahnen haben, wie +die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so +ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die +Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei +den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen +gesehen zu haben. + +Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen +wir mehrere Spielarten des *Saï* [_Simia capucina_], der der kleinen +Gruppe der Winselaffen angehört, die in den spanischen Colonien *Matchi* +heißen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem +Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten +uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19) +BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia +Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi* +[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saïmiri der französischen Zoologen, +und diese Thiere dürfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen +spanischen Colonien heißen *Titi* Affen, die drei verschiedenen +Untergattungen angehören und in der Zahl der Backzähne von einander +abweichen. Nach dem eben Angeführten ist die Bemerkung fast überflüssig, +wie wünschenswerth es wäre, daß man in wissenschaftlichen Werken sich der +landesüblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt +werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klägliche +Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren. + +Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet, +indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heißt bei den +Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt südlich von den Katarakten sehr +häufig vor. Er hat ein weißes Gesicht und über Mund und Nasenspitze weg +einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am +schönsten gefärbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des +Cassiquiare. Die man am Guaviare fängt, sind groß und schwer zu zähmen. +Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so ähnlich wie der Titi; es +ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln: derselbe +rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine großen Augen füllen sich mit +Thränen, sobald er über etwas ängstlich wird. Er ist sehr lüstern nach +Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, daß ein +Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu +CUVIERs _Tableau élémentaire d’histoire naturelle_ ganz gut unterschied. +Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die +kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu +erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese +Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Köpfe von +Säugethieren, blieb er völlig gleichgültig.(20) Setzt man mehrere dieser +kleinen Affen, die im selben Käfigt beisammen sind, dem Regen aus, und +fällt die gewöhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie +sich den Schwanz, der übrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und +verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die +indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern häufig Haufen +von zehn, zwölf solcher Affen, die erbärmlich schreien, weil die auswärts +Stehenden in den Knäuel hinein möchten, um Wärme und Schutz zu finden. +Schießt man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdünntes Gift) +getaucht sind, auf einen solchen Knäuel, so fängt man viele junge Affen +auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter +hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von +Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Hütten +der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer +Mütter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten +Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand +der Gefangenschaft gewöhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame +kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Küsten +von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich +hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der +unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veränderung nicht +zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Licht, von der geringeren +Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an +der Küste herzurühren. + +Den Saïmiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon +lange in Europa bekannten Vierhändern steht in scharfem Abstich, nach +Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenüber, den +die Missionäre _‘Viudita’_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine +Thier hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine +weißlichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen. +Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast +ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weißen, zollbreiten +Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfüße oder vielmehr Hände +sind schwarz wie der übrige Körper, aber die Vorderhände sind außen weiß +und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten nun die +Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*. +Die Gemüthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den +Hinterbeinen ausrichtet, verräth sich durch seine Haltung nur sehr wenig. +Er sieht sanft und schüchtern aus; häufig berührt er das Fressen nicht, +das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne +in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samïri ansichtig +wird, läuft er davon. Sein Auge verräth große Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn +stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf Alles, was +um ihn vorging, achten. Aber diese Schüchternheit und Sanftmuth sind nur +scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst überlassen, so wird sie +wüthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und läuft dann mit +erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die +Katze, und erwürgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr +zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen +hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de +Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro +mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen. Will man +die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung, +sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in +Häusern, wo sie ihre natürliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den +Augen hat. + +Die neue für uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war, +wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehöhlter +Baumstamm, vierzig Fuß lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht +neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie +erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmäßige +Vertheilung der Last, daß man, wenn man einen Augenblick aufstehen will, +den Ruderern (_bogas_) zurufen muß, sich auf die entgegengesetzte Seite zu +lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig über den geneigten +Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie übel man auf +einem solchen elenden Fahrzeug daran ist. + +Der Missionär aus den *Raudales* betrieb die Zurüstungen zur Weiterfahrt +eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und +Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen +Kanälen und Wasserfällen, welche die Raudales oder Katarakten bilden, +bekannt wären; man legte daher die Nacht über zwei Indianer in den *Cepo*, +das heißt, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch +zwei Holzstücke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloß +legte. Am frühen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den +man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein +sehr verständiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste +leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission +Atures gebürtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der +Maypures; er war in die Wälder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar +Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich +mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionär brauchte ihn als +Dolmetscher. Nur mit Mühe brachten wir es dahin, daß der junge Mann +begnadigt wurde. »Ohne solche Strenge,« hieß es, »würde es euch an Allem +fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein +stärkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie +wissen wohl, daß sie in Angostura sehr gesucht sind. Ließe man sie machen, +so gingen sie alle den Fluß hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in +voller Freiheit unter den Weißen zu leben, und die Missionen stünden +leer.« + +Diese Gründe mögen scheinbar etwas für sich haben, richtig sind sie nicht. +Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genießen, so muß er +allerdings seine natürlichen Rechte, seine frühere Unabhängigkeit zum +Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht +durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nährt der Wilde in +seiner verständigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wälder +zurückzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den +Wäldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil +er der Früchte seiner Arbeit nicht froh wird, deßhalb veröden die +christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die +Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die +Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung. + +Wenn man sagt, der Wilde müsse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten +werden, so ist dieß ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco +haben in den Aeußerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer +Gemüthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs große Kinder, +sowenig als die armen Bauern im östlichen Europa, die in der Barbarei des +Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen können. +Zwang, als hauptsächlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden, +erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Völker und +bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief +gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fähigkeit ist ganz erstorben. Die +menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach +verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwärtigen Zustand +mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem +Instinkt, sondern nach Rücksichten der Nützlichkeit. Unter allen Umständen +kann Vernunft durch Vernunft aufgeklärt werden; die Entwicklung derselben +wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur +Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Völker berufen glauben, im +hochmüthigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen +herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel, +die allein keimende Fähigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften +sänftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen können. + +Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur +schwer gewöhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues +Gefängniß war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des +Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden +Seiten über den Bord hinausreichte. Leider war das Blätterdach (_el +toldo_) darüber so niedrig, daß man gebückt sitzen oder ausgestreckt +liegen mußte, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die +Stromschnellen, ja von einem Fluß zum andern schleppen muß, und weil man +dem Wind zu viel Fläche böte, wenn man den _Toldo_ höher machte, so kann +auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache +nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war für vier Personen bestimmt, +die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine +reichen weit über das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum +halben Leib durchnäßt. Dabei liegt man auf Ochsenhäuten oder Tigerfellen +und die Baumzweige darunter drücken einen durch die dünne Decke gewaltig. +Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die +drei Fuß lange, löffelsörmige *Pagaies* führen. Sie sind ganz nackt, +sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwürdig genau einhalten. +Ihr Gesang ist trübselig, eintönig. Die kleinen Käfige mit unsern Vögeln +und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am +Toldo, theils am Vordertheil aufgehängt. Es war unsere Reisemenagerie. +Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich +zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rückkehr vom Cassiquiare noch +vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen +wollen, könnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstädten +am Orinoco und Amazonenstrom, eigens für ihren Zweck Piroguen bauen +lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth +geschützter Käfige angebracht wären. Wenn wir unser Nachtlager +aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der +Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hängematten, dann die der Indianer, und +zu äußerst die Feuer, die man für unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne +zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der +Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die +einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der +Freiheit genießen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmüthiges, +Rührendes. + +Auf der überfüllten, keine drei Fuß breiten Pirogue blieb für die +getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompaß +und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem +Gitter aus Zweigen, auf dem wir den größten Theil des Tags ausgestreckt +liegen mußten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein +Instrument gebrauchen, mußte man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen +Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so +niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblätter +ausstrahlen, deren obere Fläche beständig der Sonnengluth ausgesetzt ist. +Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage erträglicher zu machen, und +immer vergeblich. Während der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich +vor den Insekten zu schützen, verlangte der andere, man solle grünes Holz +unter dem Toldo anzünden, um die Mücken durch den Rauch zu vertreiben. +Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden +Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit +einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und +Auge für die großartige Natur dieser weiten Stromthäler fällt es den +Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit +werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe, +geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und +begreiflich zu machen, daß Bonpland und ich auf diesem Stück unserer Reise +beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu +denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung +aufforderte. + +Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo früher die ums +Jahr 1733 von den Jesuiten gegründete Mission Pararuma gestanden. Eine +Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern große Verheerungen +anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen +Einwohner, welche die schreckliche Seuche überlebten, wurden im Dorfe +Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war +es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen +Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Dieß ist so ziemlich +der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres +liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den +Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshöhe [S. Band II Seite 156]. +Bildet sich der Hagel in derselben Höhe über Niederungen und Hochebenen, +so muß man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten +Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27°,5 +und 24° beträgt. Ich gestehe indessen, daß es beim jetzigen Stande der +Meteorologie sehr schwer zu erklären ist, warum es in Philadelphia, Rom +und Montpellier in den heißesten Monaten mit einer mittleren Temperatur +von 25 bis 26° hagelt, während in Cumana, Guayra und überhaupt in den +Niederungen in der Nähe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In +den Vereinigten Staaten und im südlichen Europa (unter dem 40--43. Grad +der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefähr eben +so hoch als unter den Tropen. Auch die Wärmeabnahme ist nach meinen +Untersuchungen nur wenig verschieden. Rührt nun der Umstand, daß in der +heißen Zone kein Hagel fällt, davon her, daß die Hagelkörner beim +Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muß man annehmen, +daß die Körner im Moment der Bildung in der gemäßigten Zone größer sind +als in der heißen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem +Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, daß wir +nicht zu beurtheilen vermögen, ob unter dem Aequator über den Niederungen +dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, daß sich der Hagel immer +in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und +die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen +man die Hagelkörner, bevor sie fallen, an einander schlagen hört, und die +wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint +begreiflich, daß in solch geringerer Höhe durch die Ausdehnung der +aufsteigenden Luft, welche an Wärmecapacität zunimmt, durch Ströme kalter +Luft aus einer höheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die +Strahlung der obern Fläche der Wolken, eine ungewöhnliche Erkältung +hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt +zurückzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter +denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshöhe Hagel und Graupen +auftreten, und die Frage erörtert wird, ob man die Wolken, welche die +Gebirge einhüllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht +betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade über uns sich bilden +sehen. + +Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fängt jetzt an sich in +mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und +Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der +Insel Javanavo gegenüber sahen wir gegen Ost die Mündung des *Caño* +Aujacoa. Zwischen diesem Caño und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das +Land immer stärker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco +steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler, +ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wände gegen zweihundert Fuß hoch sind. +Den Gipfel, der über die höchsten Waldbäume emporragt, krönt eine ebene, +wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionäre Pic oder +_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bäume. Dieses großartig einfache +Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf +gezeichneter Umriß und oben darauf die Bäume und das Buschwerk heben sich +vom blauen Himmel ab, ein Wald über einem Walde. + +Weiterhin beim Einfluß des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen +Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge +herantritt. Er ist gegen 300 Fuß hoch und diente den Jesuiten als fester +Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien +entthielt und in dem beständig ein Militärposten lag. In Carichana und +Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die +Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der +Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstört, aber der Ort heißt noch el +Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen +entworfenen, nicht gestochenen Karte führt derselbe den seltsamen Namen +_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mönchsdespotismus). In +allen politischen Umwälzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der +über die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus. + +Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht +allein die Missionen gegen die Einfälle der Caraiben schützen, sie diente +auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen +(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten +Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfälle oder +_Entradas_ auf das Gebiet unabhängiger Indianer. Man brachte um, was +Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Hütten nieder, zerstörte die +Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort. +Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern +Orinoco vertheilt. Man wählte die entlegensten Orte, damit sie nicht in +Versuchung kämen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses +gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz +verboten, wurde aber von den bürgerlichen Behörden geduldet und von den +Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen +förderlich, höchlich gepriesen. »Die Stimme des Evangeliums,« sagt ein +Jesuit vom Orinoco in den »erbaulichen Briefen«(21) äußerst naiv, »wird +nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hören (_el eco de +la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Züchtigung +erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen.« Dergleichen die +Menschheit schändenden Grundsätze wurden sicher nicht von allen Gliedern +einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und überall, wo die +Erziehung ausschließlich in den Händen von Mönchen geblieben ist, der +Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*, +die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem +Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam, +unzertrennlicher Gräuel. Es thut dem Gemüthe wohl, daß die Franciskaner, +Dominikaner und Augustiner, welche gegenwärtig einen großen Theil von +Südamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart +sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den +mächtigsten Einfluß üben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfälle +mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen, +werden sie von den Ordensobern mißbilligt. Wir wollen hier nicht +ausmachen, ob diese Wendung des Mönchsregiments zum Bessern daher rührt, +daß die frühere Thätigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz +Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thäte, einen Beweis +sehen soll, daß die Aufklärung zunimmt und eine höhere, dem wahren Geist +des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift. + +Vom Einfluß des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist +voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen* +oder kleinen Fälle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der +vielen Wirbel dem Reisenden bange machen können, aber in keiner Jahreszeit +den Schiffen gefährlich sind. Man muß wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn +man wie Pater GILI, der sonst so genau und verständig ist, sagen kann: »e +terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.« +Eine Reihe von Klippen, die fast über den ganzen Fluß läuft, heißt *Raudal +de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurück, und zwar in einem +schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestüm, wie siedend, unter der *Piedra +de Marimara* heraufschießt, einer compakten Granitmasse, 80 Fuß hoch und +300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluß tritt +weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser +Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heißt der *Hafen von Carichana*. +Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine +mächtigen Schatten über den Wasserspiegel und das Wasser erscheint +schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon +bemerkt, wegen der eigenen Färbung ihrer Oberfläche, bald wie Steinkohlen, +bald wie Bleierz aussehen. Wir übernachteten im kleinen Dorfe Carichana, +wo wir auf die Empfehlung des guten Missionärs Fray Jose Antonio de Torre +im Pfarrhaus oder _‘Convento’_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast +vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen. + +Am 11. April. Um die für die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der +Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel +Meilen vom Fluß angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die +ursprünglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des +Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta +und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwärtig findet man Salivas nicht +nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in +Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom +Jesuiten Fray Manuel Roman gegründete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas +sind ein geselliges, sanftes, fast schüchternes Volk, und leichter, ich +sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am +Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, ließen die +Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen +anzuschließen. Die Patres rühmen aber auch in ihren Schriften durchgängig +ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben großen Hang zur +Musik; seit den ältesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde, +die vier bis fünf Fuß lang sind und mehrere kugelförmige Erweiterungen +haben, die durch enge Röhren zusammenhängen. Diese Trompeten geben sehr +klägliche Töne. Die Jesuiten haben die natürliche Neigung der Salivas zur +Instrumentalmusik mit Glück ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der +Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco +die schöne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort +gepflegt. Erst kürzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die +Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flöte spielen. + +In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so +günstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der +Bevölkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare +und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit +den Weißen im Dorf, die fast lauter _‘Flüchtlinge von Socorro’_(22) sind, +sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Dörfer am Orinoco, +Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana, +verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759, +als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch +standen, zählte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr +1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts übrig als einige +Lehmhütten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen. + +Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weißer Abkunft, die +Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude, +wenn man mitten unter Völkern, deren Sprache man nicht versteht, einem +Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede +Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind +Indianer, etwas weniger beschränkt als die andern, mittelst deren die +Missionäre am Orinoco, die sich gegenwärtig nur selten die Mühe nehmen, +die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese +Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch, +aber sie können es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgültigkeit +geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer +mit gefälligem Lächeln zur Antwort: »Ja, Pater; nein, Pater.« Man begreift +leicht, daß einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche +Gespräche zu führen hat, statt über Gegenstände Auskunft zu erhalten, für +die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst +mehrerer Dolmetscher und so, daß derselbe Satz mehrmals übersetzt wurde, +mit den Eingeborenen verkehren. + +»Von meiner Mission an,« sagte der gute Ordensmann in Uruana, »werdet ihr +reisen wie Stumme.« Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfüllung +gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr +selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen +zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, daß man sich keines +Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man +auf die Gegenstände deutet, so legt er seine gewöhnliche Stumpfheit ab und +weiß sich mit merkwürdiger Gewandtheit verständlich zu machen. Er macht +Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie +unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, daß man ihn +beachtet und sich von ihm belehren läßt. Diese Leichtigkeit, sich +verständlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhängigen +Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muß ich den +Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die +erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den +Wald laufen, um ihrer früheren Freiheit zu genießen. Es unterliegt wohl +keinem Zweifel, daß der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen +belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S. +Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiß und +dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt +richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare +und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, daß der Reisende +selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich +aneignen könnte, um sich längs der schiffbaren Ströme von Angostura bis +zum Fort San Carlos am Rio Negro verständlich zu machen. In Peru und Quito +kommt man mit der Kenntniß der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili +mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich +wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung verständlich machen. Ganz anders +in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Völker +verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wäre es nicht einmal +genug, wenn man folgende Sprachen verstände: Caraibisch oder Carina, +Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare +und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt +und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und +Persisch. + +Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schön. Das +kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von +Encaramada bis über die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all +den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der +Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet, +von düsterer Färbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der +Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthümlichen +Charakter erhält die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbänke, die oft +achthundert Fuß im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll über die +umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwärtig einen Theil der Ebene +aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewöhnliches +stürmisches Ereigniß Dammerde und Gewächse weggerissen, oder ob der +Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime +des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe +Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China +vorzukommen. Diese in der Wüste zerstreuten Felsbänke heißen _‘Tsy’_. Es +wären, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wären von der Ebene umher +der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen +angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr +interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfängen durch die +verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche +das Gestein zerklüften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein +wenig Quarzsand sich angehäuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich +in Höhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und +Blättern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrünes +Buschwerk wächst. Handelte es sich hier von großartigen Natureffekten, so +käme ich nicht auf unsere Gärten und die ängstlichen Künsteleien der +Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blühendem +Gesträuch, die Gruppen kleiner Bäume da und dort in der Savane erinnern +unwillkürlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer +Parke. Es ist als hätte hier der Mensch mit tiefem Gefühl für +Naturschönheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen. + +Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen +durchzogenen Ebenen eine ebenso üppige als mannigfaltige Vegetation. Allen +Dörfern oberhalb der großen Katarakten gegenüber kann man hier bei +Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne daß man sich an die +Flußufer hält und auf Wälder stößt, in die nicht einzudringen ist. +Bonpland machte mehrere Ausflüge zu Pferd, auf denen er sehr viele +Gewächse erbeutete. Ich erwähne nur den Paraguatan, eine sehr schöne Art +von Macrocnemum, deren Rinde roth färbt, den Guaricamo mit giftiger +Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der +Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner +aromatischen Frucht berühmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen +die Wäsche legt, während man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder +*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird für giftig gehalten. In +der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthümliche Arom des +vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom +*Jape*; dieß ist aber unrichtig. Derselbe heißt in den Missionen +*Simaruba*, ein Name, der zu argen Mißgriffen Anlaß geben kann, denn die +ächte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und wächst in +spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie +*Achechari* nennen. + +In Carichana, auf dem großen Platz, fand ich die Inclination der +Magnetnadel gleich 33°,70, die Intensität der magnetischen Kraft gleich +227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der örtliche +Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwärzten +Granitblöcke wirken übrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer +stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten +30°,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26°,2; der Delucsche +Hygrometer stand auf 46°. + +Am 10. April war der Fluß um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war +den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich +steigt, und man ganz daran gewöhnt ist, daß er im April ein paar Tage lang +wieder fällt. Der Orinoco stand bereits drei Fuß über dem niedrigsten +Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der +gegenwärtigen Hochgewässer; sie standen nach unserer Messung 42 Fuß hoch, +und dieß ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses +Maaß wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend +eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten. +Man sieht leicht, daß das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder +weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenflüsse, die das Regenwasser +hereinführen, und die Länge der vom Fluß zurückgelegten Strecke auf die +Wirkungen der Hochgewässer und auf ihre Höhe von bedeutendem Einfluß seyn +müssen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen +starken Eindruck, daß man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures, +wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen +hundert dreißig Fuß über dem höchsten gegenwärtigen Wasserstand schwarze +Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, daß das Wasser einmal so +hoch gestanden. So wäre denn dieser Orinocostrom, der uns so großartig und +gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Ströme süßen +Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch stärkeren +Regenniederschlägen als den heutigen, überall von dichten Wäldern +beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefaßt, welche der Verdunstung +Vorschub leisten, das Land ostwärts von den Anden gleich Armen von +Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande müssen sich damals diese +Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die +Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von +Krokodilen, Seekühen und Boas müssen auf dem weiten Landstrich gelebt +haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein +ausgedörrter, von Sprüngen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in +der wir leben, ist eine ungleich stürmischere vorangegangen. Auf den +Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und +amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay +lebte das Megatherium. Gräbt man tiefer in die Erde, so findet man in +hochgelegenen Thälern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen, +Steinkohlenflötze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewächse +begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die +Familien der Gewächse anders vertheilt, wo die Thiere größer, die Ströme +breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die +Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das +Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwärts von den +Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstämme aufzuweisen hatte, bereits +auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *großen +Wasser*, die sich bei den Völkern am Orinoco, Erevato und Caura findet, +andern Himmelsstrichen angehört, aus denen sie in diesen Theil des neuen +Continents gewandert ist. + +Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags +fanden wir im Bette immer mehr Granitblöcke, durch welche der Strom +aufgehalten wird. Wir ließen den Caño Orupe westwärts und fuhren darauf am +großen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der +Strom ist hier so tief, daß ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht +erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und düster, Windstöße und +dazwischen ganz stille Luft verkündeten, daß ein Gewitter im Anzug war. +Der Regen fiel in Strömen und das Blätterdach, unter dem wir lagen, bot +wenig Schutz. Zum Glück vertrieben die Regenströme die Moskitos, die uns +den Tag über grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns +vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, daß +wir nur mit Mühe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die +Strömung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete +Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und +banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten +Felsbank, auf der wir übernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht +hinein an; der Fluß stieg bedeutend und man fürchtete mehreremale, die +wilden Wogen möchten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreißen. + +Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen +Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Töne, wie Orgelklang, +vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _‘laxas de +musica’_. »Es ist Hexenwerk« (_cosa de bruxas_) sagte unser junger +indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese +geheimnißvollen Töne niemals gehört, weder in Carichana, noch am obern +Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwürdiger Zeugen läßt sich die +Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem +gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbänke sind voll feiner, sehr +tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft +ihre Temperatur bei Nacht an der Oberfläche 39°, während die der +umgebenden Luft 28° betrug. Es leuchtet alsbald ein, daß der +Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der äußern Luft sein +Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom +Maximum der Wärme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten +nun die Orgeltöne, die man hört, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf +dem Fels schläft, nicht von einem Luftstrom herrühren, der aus den Spalten +dringt? Hilft nicht der Umstand, daß die Luft an die elastischen +Glimmerblättchen stößt, welche in den Spalten hervorstehen, die Töne +modificiren? Läßt sich nicht annehmen, daß die alten Egypter, die +beständig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais +dieselbe Beobachtung gemacht, und daß _‘die Musik der Felsen’_ +Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der +Bildsäule Memnons trieben? Wenn die »rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem +ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,«(23) so war diese Stimme +vielleicht die eines unter dem Fußgestell der Bildsäule versteckten +Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier +die Rede ist, scheint ganz natürlich zu erklären, was zu dem Glauben der +Egypter, ein Stein töne bei Sonnenaufgang, Anlaß gegeben. + +Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in +Europa mittheilte, kamen französische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS +und DEVILLIERS, auf ähnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten +in den Tempelgebäuden von Karnak, hörten sie bei Sonnenaufgang ein +Geräusch wie von einer reißenden Saite. Gerade denselben Vergleich +brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die +französischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der +Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die +egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht. + +Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionär sah voraus, +daß wir Noth haben würden, über die Stromschnellen und den Einfluß des +Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwölf und eine halbe Stunde ohne +Unterlaß. Während dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und +Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Strömung zu +überwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiß man, daß die +Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flußfahrten in +dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr über +die Körperkraft und über die Mäßigkeit dieser Menschen. Stärkmehl- und +zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkröteneierfett ersetzen +hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Säugethiere und +Vögel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben. + +Wir fanden das Flußbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll +Granitblöcken; dieß ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen +durch Kanäle, die nicht fünf Fuß breit waren, und manchmal stak unsere +Pirogue zwischen zwei Granitblöcken fest. Man suchte die Durchfahrten zu +vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getöse stürzt. Es ist +keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen +Steuermann hat. Ist die Strömung nicht zu überwinden, so springen die +Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die +Pirogue heraus. Dieß geht sehr langsam vor sich, und wir benützten +zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen +wir staken. Es gibt ihrer von allen Größen; sie sind abgerundet, ganz +schwarz, bleiglänzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwürdiger +Anblick, wenn man auf einem der größten Ströme der Erde gleichsam das +Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern +Granitblöcke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den +Stromschnellen sind die Kanäle zwischen den Felsen über 25 Faden tief, und +sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten +eingezogen ist und eine Wölbung über dem Flußspiegel bildet. Im Raudal von +Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getöse der +Katarakten zu scheuen. + +Von Cabruta bis zum Einfluß des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast +zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco völlig unbewohnt; aber +westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix +Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe +zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Mönche +unmittelbar keinen Einfluß. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Don +Felix mit den Missionären am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde +lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den +gegenwärtigen Verhältnissen in spanisch Amerika, dergleichen _‘Capitanes +pobladores’_ und _‘fundadores’_ an die Stelle der Mönche treten können, +und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und +willkürlich. sind, für die armen Indianer die schlimmste ist. + +Um 9 Uhr langten wir an der Einmündung des Meta an, gegenüber dem Platze, +wo früher die von den Jesuiten gegründete Mission Santa Teresa gestanden. +Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenflüssen des +Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Länge des +Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft +bis zu 84 Fuß tief. Die Vereinigung beider Ströme gewährt einen äußerst +großartigen Anblick. Am östlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und +aufeinander gethürmte Granitblöcke sehen von ferne wie verfallene Burgen +aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der +Wälder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln +einzelne Palmen sich vom Himmel abheben. + +Wir brachten zwei Stunden auf einem großen Felsen mitten im Orinoco zu, +auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluß +hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel +herauszukommen, der von diesem Felsen herrührt. Es gelang mir meine +Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhöhen, die ich aufnahm, +liegt der Einfluß des Meta unter 70° 4′ 29″ der Länge. Nach dieser +chronometrischen Beobachtung ist D’ANVILLEs Karte von Südamerika, was +diesen Punkt betrifft, in der Länge fast ganz richtig, während der Fehler +in der Breite einen ganzen Grad beträgt. + +Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis +zum Fuß der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muß einmal für die +Bevölkerung von Guyana und Venezuela politisch von großer Bedeutung +werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine +Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de +Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada +hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Ländern +unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander +sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von +Belang, daß man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht +gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die +Vereinigung zweier Flüsse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz +herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro +aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie +vereinigen sich in der Nähe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la +Cabulla, wo man den Rio Negro verläßt, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es +nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus +dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom +Rio Meta benützt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES +MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta +bestätigt, sondern mir auch schätzbares Material zur Berichtigung meiner +Arbeit geliefert. Von den Dörfern Xiramena und Cabullaro bis zu den +Dörfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60 +Meilen, sind die Ufer des Meta stärker bewohnt als die des Orinoco. Es +sind dort vierzehn zum Theil stark bevölkerte christliche Niederlassungen, +aber vom Einfluß des Pauto und des Casanare an, über 50 Meilen weit, +machen die wilden Guahibos den Meta unsicher. + +Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr +1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit stärker als jetzt. Missionäre +aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco. +Die Dörfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana, +Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegründet. Die Patres gingen +damit um, vom Einfluß des Casanare in den Meta bis zum Einfluß des Meta in +den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gründen, so daß ein schmaler +Streif bebauten Landes über die weite Steppe zwischen den Wäldern von +Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen wäre. Außer dem Mehl von +Santa Fe gingen damals zur Zeit der »Schildkröteneierernte« das Salz von +Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von +Socorro den Fluß herunter. Um den Krämern, die diesen Binnenhandel +trieben, einigermaßen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo* +oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die +Guahibos-Indianer. + +Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada +förderte, das geschmuggelte Gut von der Küste von Guyana ins Land ging, so +setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung +durch, daß der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschränkt wurde. +Derselbe Geist des Monopols schloß den Meta, den Rio Atracto und den +Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der +Mutterländer, zu glauben, es sey vortheilhaft, Länder, wo die Natur Keime +der Fruchtbarkeit mit vollen Händen ausgestreut, unangebaut liegen zu +lassen. Daß das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer +aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Flüsse herangerückt, sie +machen Angriffe auf die Vorüberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*, +was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten, +wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die +Jesuiten folgten, an der Ausmündung des Meta unter dem Namen Villa de San +Carlos eine Stadt bauen. Trägheit und die Furcht vor dem dreitägigen +Fieber ließen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf +einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was +von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl, +wie man behauptet, einige Tausende beträgt, sind so frech geworden, daß +sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionär hatten ankündigen lassen, +sie werden auf Flößen kommen und ihm sein Dorf anzünden. Diese Flöße +(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuß breit und +12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Flöße +werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewächsen +aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den +Stromschnellen beisammen bleiben können. Viele aus den Dörfern am Casanare +und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und +ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht. +Die Höfe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfälle der +Indianer einen großen Theil ihres Hornviehs eingebüßt. Ihretwegen können +auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluß des Casanare +die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich +häufig vor, daß Krämer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei +Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen +werden. + +Vom Einfluß des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und +Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke. +Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und +uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belästigen. Gegen West lagen im +Vorbeifahren die Caños Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir +vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr +wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an +einem höchst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten +Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermäusen staken. Die ganze +Nacht über hörten wir den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und unser +großer Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich, +ob nicht die Sterne zum Vorschein kämen; der Himmel war grauenhaft +schwarz. Das dumpfe Tosen der Fälle des Orinoco stach scharf ab vom +Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hören ließ. + +Am 13. April. Wir fuhren am frühen Morgen die Stromschnellen von Tabaje +hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und +stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit +zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden +daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Häuser. Sie +unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich +großen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer +in den übrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie +wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Mädchen waren +alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die +Schönpflästerchen, mit denen früher die Weiber in Europa die Weiße ihrer +Haut zu heben meinten. Am übrigen Körper waren die Guahibos nicht bemalt. +Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faßten uns am Kinn +und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind +meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und +Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco +in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist düster, +trübselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den +christlichen Religionsgebräuchen (der Missionär von Carichana liest in San +Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in +der Kirche durchaus anständig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu +geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwürfigkeit aller Art, +wenn sie nur wissen, daß man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie +einander Zeichen, daß jetzt der Priester den Kelch zum Munde führen werde. +Diese Geberde ausgenommen, saßen sie da, ohne sich zu rühren, völlig +theilnahmlos. + +Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war +vielleicht Schuld daran, daß die Mission einging. Einige derselben, die +lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf +die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weißen würden wieder +nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in +Angostura als _‘Poitos’_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten, +bis sie hörten, daß wir vom Rio Negro über den Cassiquiare zurückkamen, +und als sie erfuhren, daß wir beim ersten großen Katarakt, bei Apures, +angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am +selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine +Mission gegründet. Kein Stamm ist schwerer seßhaft zu machen als die +Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfüßen und Würmern, +als daß sie ein kleines Stück Land bebauen. Die andern Indianer sagen +daher sprüchwörtlich: »Ein Guahibo ißt Alles auf der Erde und unter der +Erde.« + +Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Süden, so nimmt die Hitze keineswegs +zu, sondern wird im Gegentheil erträglicher. Die Lufttemperatur war bei +Tag 26--27°,5 [20°,18--22° R], bei Nacht 23°,7 [19°6 R]. Das Wasser des +Stroms behielt seine gewöhnliche Temperatur von 27°,7 [22°,2 R]. Aber +trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu. +Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen +oder das Gesicht entblößen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen. +Wir wunderten uns, daß wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad +stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu glühen. +Wir übernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen +Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag über +gesehen, waren alle außerordentlich groß, 22--24 Fuß lang. + +Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlaßte uns, schon um fünf Uhr +Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht über dem Fluß selbst sind weniger +Insekten als am Waldsaume. Zum Frühstück hielten wir an der Insel +Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf +dem Granit lagert. Der Sandstein enthält Quarz-, sogar Feldspathtrümmer +und das Bindemittel ist verhärteter Thon. Es befinden sich darin kleine +Gänge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblättert. Wir +hatten dergleichen Blätter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am +Ufer gefunden, und die Missionäre hatten dieselben bald für Gold-, bald +für Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundäre Bildung früher +ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Mündung des Rio +Parueni vorüber, über welcher die Macos-Indianer wohnen, und übernachteten +auf der Insel Panumana. Nicht ohne Mühe kam ich dazu, zur Bestimmung der +Länge des Orts, bei dem der Fluß eine scharfe Wendung nach West macht, +Höhenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an +Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die +Melastomenbüsche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in +der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den großen +Katarakten begrenzten den Horizont gegen Südost. Je weiter wir hinauf +kamen, desto großartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco. + + ------------------ + + + + + + 11 Die Sandflöhe (_pulex penetrans_, LINNÉ) die sich beim Menschen und + Affen unter die Nägel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier + legen. + + 12 Die Namen der Missionen in Südamerika bestehen sämmtlich aus zwei + Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der + Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der + Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission + liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de + Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese + zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache + vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend + ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben + Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine + heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind + wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut. + + 13 Der Begleiter des Diego de Ordaz. + + 14 Die Botija hält 25 französische Flaschen; sie hat 1000--1200 + Cubikzoll Inhalt. + + 15 Kleine Wasserfälle, _chorros_, _raudalitos_. + + 16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blättern, + von der unten die Rede seyn wird. + + 17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und + leicht abführend. + + 18 Der schwarze, ätzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_) + widersteht dem Wasser länger, wie wir zu unserem großen Verdruß an + uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und + machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah + dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schooße + europäischer Cultur waren. + + 19 Einen schönen Saïmiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara + für 8 bis 9 Piaster; der Missionär bezahlt dem Indianer, der den + Affen gefangen und gezähmt, 1-1/2 Piaster. + + 20 Ich führe bei dieser Gelegenheit an, daß ich niemals bemerkt habe, + daß ein Gemälde, auf dem Hasen und Rehe in natürlicher Größe und + vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der + Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht + hätte. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Porträt + seines Herrn in ganzer Figur erkannt hätte? In allen diesen Fällen + wird das Gesicht nicht vom Geruch unterstützt. + +_ 21 Cartas edificantes de la Compaña de Jesus_, 1757 + + 22 Die Stadt Socorro, südlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-östlich + von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr + 1781 im Königreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Vicekönig + Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der + Einführung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleißige + Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um + sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof + ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heißen + in den Missionen _Socorreños refugiados_. + + 23 So heißt es in einer Inschrift, die bezeugt, daß am 13. des Monats + Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Töne vernommen worden. + + 24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt + der Raudal de Tabaje unter 1° 4′ der Breite, was um 5° 10′ zu wenig + ist. + + + + + +ZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Die Mündung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission + Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln + Surupamana und Uirapuri. + + +Auf seinem Lauf von Süd nach Nord streicht über den Orinocostrom eine +Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich +tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdämme bilden. Nichts +großartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei +Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren +vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures +und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man +so, daß man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von +den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstfläche +mit Einem Blicke übersieht, so ist es, als sähe man den ganzen Strom über +seinem Bette hängen. + +So ausgezeichnete Naturbildungen mußten schon seit Jahrhunderten bei den +Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz, +Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Mündung des Orinoco +vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den großen Katarakten aus dem +Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar +mit weiter ostwärts, gelegenen Fällen. Wie sehr auch in der heißen Zone +die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Völkern +hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der großen Ströme bezieht, +erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen +von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen +mit Wäldern bedeckten Landstrich, auf dem Völker hausen, die zum Theil +Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die +Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern +dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanäle aufwärts ziehen; aber +lange vor Einführung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich +befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf +tausend zufälligen Wegen die Kunde von außerordentlichen +Naturerscheinungen, von Wasserfällen, vulkanischen Flammen, vom Schnee, +der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den +Küsten, im Herzen von Südamerika, unter Völkern, deren Wanderungen sich in +den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean, +findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich +hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfälle, wie sie im +Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher +Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird +ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _‘Poito’_ oder +_‘Mero’_, das heißt als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale +verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu +den Seinigen zurück. Da erzählt er denn, was er gesehen, was er andere hat +erzählen hören, deren Sprache er hat lernen müssen. So kommt es, daß man, +wenn man eine Rippe findet, von den großen Thieren weit im innern Lande +sprechen hört; so kommt es, daß man, wenn man das Thal eines großen +Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar +nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen. +Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem +Grade der Gedankenaustausch früher ein als der Tausch von Erzeugnissen. + +Die beiden großen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten, +uralten Rufs genießen, entstehen dadurch, daß der Strom die Berge der +Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heißen +sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionäre haben dafür Atures und +Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Stämme, die sie in den beiden +den Fällen zunächst gelegenen Dörfern zusammengebracht. An den Küsten von +Caracas nennt man die zwei großen Katarakten einfach: die zwei +*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, daß man die andern +Fälle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenüber den +Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet. + +Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad nördlicher Breite, hundert Meilen +westwärts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto +Cabello, und nur zwölf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, daß +D’ANVILLE nichts von denselben gewußt hat, da er doch auf seiner schönen +großen Karte von Südamerika die unbedeutenden Fälle von Marimara und San +Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die +großen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch +Guyana in zwei ungleiche Hälften. *Missionen am untern Orinoco* heißen die +zwischen dem Raudal von Atures und der Strommündung; unter den *Missionen +am obern Orinoco* sind die Dörfer zwischen dem Raudal von Maypures und den +Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit +LA CONDAMINE die Krümmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung +schätzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad +ostwärts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang. + +Jenseits der großen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein +zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, über den die +Nebenflüsse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des +leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe +vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehören. Keiner der +Missionäre, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA, +GILI und CANLIN, ist über den Raudal von Maypures hinaufgekommen. +Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern +Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von +Militärs, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der großen +Katarakten fanden wir längs des Orinoco auf einer Strecke von hundert +Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum +sechs bis acht Weiße, das heißt Menschen europäischer Abkunft. Es ist +nicht zu verwundern, daß ein so ödes Land von jeher der classische Boden +für Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionäre +die Völker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund +unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den +Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboräern erzählen. Man thäte den +schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionären Unrecht, wenn man +glaubte, sie selbst haben diese übertriebenen Mähren erfunden; sie haben +sie vielmehr großentheils den Indianergeschichten entnommen. In den +Missionen erzählt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie überall, wo +man sich langweilt. Ein Missionär ist schon nach Standesgebühr nicht zum +Sceptirismus geneigt; er prägt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft +vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurück, so +findet er eine Entschädigung für seine Beschwerden in der Lust, durch die +Erzählung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige +Schilderung des im Raum so weit Entrückten, die Leute in Verwunderung zu +setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer +unwahrscheinlicher, je weiter man von den Wäldern am Orinoco weg den +Küsten zu kommt, wo die Weißen wohnen. Läßt man in Cumana, Nueva Barcelona +und in andern Seehäfen, die starken Verkehr mit den Missionen haben, +einigen Unglauben merken, so schließt man einem den Mund mit den wenigen +Worten: »Die Patres haben es gesehen, aber weit über den großen +Katarakten, _mos ariba de los Raudales._« + +Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum +Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gründe, meine +Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen. +Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was +ich nach den Aussagen der Missionäre und Indianer berichte; er begleitet +die Reisenden bei ihren täglichen Beschäftigungen; er sieht zugleich, wie +wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu +kämpfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger. + +Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus, +zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war großentheils bedeckt und +durch dickes, über 40 Grad hoch stehendes Gewölk fuhren Blitze. Wir +wunderten uns, daß wir nicht donnern hörten: kam es daher, daß das +Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als würden in Europa +die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit +unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit näher am Horizont gesehen. +Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Wärme des Bodens zurückwarf, war +die Hitze erstickend; kein Lüftchen bewegte das Laub der Bäume. Wie +gewöhnlich waren die Jaguars über den Flußarm zwischen uns und dem Ufer +herübergekommen, und wir hörten sie ganz in unserer Nähe brüllen. Im Lauf +der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine +verlassene Hütte zu ziehen, die zu den _‘Conucos’_ der Einwohner von +Apures gehört; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich +überflüssig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so häufig, daß vor +zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den +Conucos von Panumana, seine Hütte wieder aufsuchte, dieselbe von einem +Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit +mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Mühe brachte man sie hinaus, +und erst nach hartnäckigem Kampfe konnte der Eigenthümer einziehen. Die +Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung +thut der einzelne Reisende meist klüger, unter freiem Himmel zwischen zwei +Feuern zu übernachten, als in unbewohnten Hütten Schutz zu suchen. + +Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen +Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionär, der bei uns war, +ließ einige blinde Schüsse abfeuern, um sie einzuschüchtern, sagte er, und +ihnen zu zeigen, daß wir uns wehren könnten. Die Wilden hatten ohne +Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu +Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluß des Rio Anaveni +vorüber, der von den östlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer +verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder +Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage +war so stark, daß wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der +Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle +fortbringen. Erst ganz spät langten wir unmittelbar unter dem großen +Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_) +heißt, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf +schmalem Fußpfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flußufer. Man kommt +dabei über eine mit großen Granitblöcken bedeckte Ebene. + +Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom +Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwärts die +letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegründete christliche +Niederlassung. Die weiter nach Süd gelegenen Niederlassungen am Atabapo, +Cassiquiare und Rio Negro rühren von den dem Franciskanerorden +angehörenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muß srüher +der Orinoco geflossen seyn, und die völlig, ebene Grasflur um das Dorf war +ohne Zweifel ein Stück des Flußbetts. Oestlich von der Mission sah ich +eine Felsreihe, die mir das alte Flußufer zu seyn schien. Im Lauf der +Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinübergedrängt, weil den +östlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die +Anschwemmungen stärker sind. Der Katarakt heißt, wie oben bemerkt, Mapara, +während das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt für +ausgestorben hält. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich: +»Insel und Katarakt *Athule*;« dieß ist *Atures* nach der Aussprache der +Tamanacas, die, wie so viele Völker, die Consonanten l und r verwechseln. +Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land +in Europa so wenig bekannt, daß D’ANVILLE in der ersten Ausgabe seines +_Südamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen +läßt, der sich in den Amazonenstrom ergießt und der bei ihm Rio Negro +heißt. + +Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission +unter 1° 30′ der Breite; der Abbé GILI gibt 3° 30′ an. Nach Meridianhöhen +des Canopus und des α des südlichen Kreuzes fand ich 5° 38′ 4″ Breite und +durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Länge +vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April +30°25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Maß der Intensität der +magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen. + +Wir fanden die kleine Mission in der kläglichsten Verfassung. Zur Zeit von +SOLANOs Expedition, gewöhnlich _‘die Grenzexpedition’_ genannt, waren noch +520 Indianer hier, und als wir über die Katarakten gingen, nur noch 47, +und der Missionär versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme +stärker. Er zeigte uns, daß in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins +Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht +catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und +damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der +Gründung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und +Quirupas unter einander; statt dieser Stämme fanden wir nur Guahibos und +ein paar Familien vom Stämme der Macos. Die Atures sind fast völlig +verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Gräbern in der Höhle +Ataruipe her, die an die Grabstätten der Guanchen aus Teneriffa erinnern. +Wir hörten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den +Macos oder Piaroas dem großen Völkerstamme der *Salivas* angehört, wogegen +die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den +*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel +genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Völkerschaften, die einander so +schroff gegenüberstehen, wie einst die Völker in Latium, Kleinasien und +Sogdiana, läßt sich das Zusammengehörige im Allgemeinsten nur an der +Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmäler, +die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden +gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und +Zeit hindurchgegangen. So zäh und über so viele Strecken verbreitet +erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten +Völkern, als bei wandernden, halbwilden Stämmen, die auf der Flucht vor +mächtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre +Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Väter. + +Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur +die Grenze zwischen dem großen Walde der Parime und den kahlen Savanen am +Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener +Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos, +Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Völker, stolz auf ihre +wilde Unabhängigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmäßige +Arbeit zu gewöhnen. Die spanischen Missionäre bezeichnen sie ganz gut als +_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom +Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des +Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas +und Maquiritares, sanftmüthige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der +Zucht in den Missionen zu unterwerfende Völker. Der *Indianer der Ebene* +unterscheidet sich vom *Indianer der Wälder* durch Sprache, wie durch +Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen, +kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kürzer, +leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und +reicher an abgeleiteten Ausdrücken. + +In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen +den Mündungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwähnten beiden +Arten von Volksstämmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus +den Wäldern und früher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios +andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionär die Hütten der +Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren +zeigt sich mehr Sinn für Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die +unabhängigen Macos (wilde möchte ich sie nicht nennen) haben ihre +_‘Rochelas’_ oder festen Wohnplätze zwei bis drei Tagereisen östlich von +Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr +zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern +Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in +der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea +gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen* +Macos verließ mit der Genehmigung des Missionärs jedes Jahr das Dorf +Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten +in den Wäldern beim Dorfe der unabhängigen Macos besaß. In Folge dieses +friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios +monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer, +Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdrücklichen Verbots +der Ordensleute nicht als Halsbänder, sondern zum Aufputz des *Guayuco* +(Gürtels) dienen. Nachdem sie das Gewünschte erhalten, gingen sie in die +Wälder zurück, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte. +Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig +auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreißerei bei. Im Jahr 1799 +war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von +Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten +Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich +will nicht sagen ein Unglück, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges +zustößt. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender großer +Trockenheit für immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als +ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen hätte, wenn sie +immer unabhängig geblieben wären. + +Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen großen Theil des Jahrs +hindurch in den Dörfern Atures und Maypures an den zwei großen Katarakten +des Orinoco herrschen und die Gegend für den europäischen Reisenden so +gefährlich machen? Die große Hitze im Verein mit der außerordentlich +starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den +Eingeborenen glaubt, giftige Dünste, die sich aus den kahlen Felsen der +Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien, +vollkommen mit denen überein, die alle Jahre in der Nähe des Meeres +zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in +adynamische Fieber ausarten. »Ich habe mein kleines Fieber (_mi +calenturita_) erst seit acht Monaten,« sagte der gute Missionär von +Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem +gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfälle waren heftig, aber von +kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter +von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heißen Sonne +ausgesetzt war. Diese dreitägigen Fieber sind mit bedeutender Schwächung +des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme +Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_ +schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefährlich als +bei kürzer dauernden Fiebern in gemäßigten Himmelsstrichen. + +Ich erwähnte eben, daß die Eingeborenen und sogar die Missionäre den +kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluß auf die Salubrität der Luft +zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer +physikalischen Erscheinung zusammenhängt, die kürzlich in verschiedenen +Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehörig erklärt ist. In den +Katarakten und überall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana +und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespült, ist dieses glatt, +dunkelfarbig, wie mit Wasserblei überzogen. Die färbende Substanz dringt +nicht in den Stein ein, der ein grobkörniger Granit ist, welcher hie und +da Hornblendecrystalle enthält. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick +und findet sich vorzüglich auf den quarzigen Stellen; die +Feldspathcrystalle haben zuweilen äußerlich ihre röthlich weiße Farbe +behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlägt man das +Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiß, ohne Spur von +Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten +Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein +eigen ist, wenn es sich in Blöcke sondert. Sie geben der Gegend etwas +eigenthümlich Düsteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt, +und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die +Felsen seyen »von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt.« Wir sahen sie +nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500 +Toisen vom gegenwärtigen Ufer in Höhen, bis wohin der Fluß beim höchsten +Wasserstande jetzt nicht steigt. + +Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt +sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des +Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel +zu denken? Vor allem ist zu bemerken, daß die Erscheinung nicht auf die +Katarakten des Orinoco beschränkt ist, sondern in beiden Hemisphären +vorkommt. Als ich, nach der Rückkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite +von Atures und Maypures Roziere sehen ließ, der das Nilthal, die Küste des +rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte +Geolog, daß das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene, +gerade wie das am Orinoco, eine glänzende, schwarzgraue, fast bleifarbige +Oberfläche hat; manche Bruchstücke sehen aus wie mit Theer überzogen. Erst +neuerlich, bei der unglücklichen Expedition des Capitän Tuckey, fiel +dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas* +(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluß +verstopfen. Dr. KÖNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo +Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen +sind, die Bonpland und ich dem Präsidenten der Londoner königlichen +Gesellschaft überreicht hatten. »Diese Handstücke,« sagt König, »sehen +beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco +wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse +von Children, aus Eisen- und Manganoxyd.« + +Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio +gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das +Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz färbt, möchte außer dem +Manganoxyd Kohle und überkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind +40--50 Fuß dicke Granitmassen gleichförmig mit diesen Oxyden überzogen, +und so dünn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche +Mengen Eisen und Mangan, da sie über eine Quadratmeile Fläche haben. + +Es ist zu bemerken, daß alle diese Erscheinungen von Färbung des Gesteins +bis jetzt nur in der heißen Zone beobachtet worden sind, an Flüssen, deren +Temperatur gewöhnlich 24--28 Grad beträgt und die nicht über Sandstein +oder Kalkstein, sondem über Granit, Gneiß und Hornblendegestein laufen. +Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und +Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde, +besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20 +Procent vor. Die Hornblende enthält zudem Kohle, wie auch der lydische +Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch +eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluß der +Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklären, daß die +Oxyde sich so gleichförmig über die ganze Oberfläche des Gesteins +verbreiten, daß um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon +liegt als über dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschüssige +Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden, +haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde +lassen vielmehr vermuthen, daß der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser +des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von +dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluß nur +suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder +wirklich chemisch ausgelöst? Der ersteren Annahme widerspricht der +Umstand, daß die Rinde völlig homogen ist und neben den Oxyden weder +Sandkörner noch Glimmerblättchen sich darin finden. Man muß daher +annehmen, daß chemische Auflösung vorliegt, und die Vorgänge, die wir +täglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser +Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser großer Flüsse enthält +Kohlensäure, und wäre es auch ganz rein, so könnte es doch immer in sehr +großen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat auflösen, wenn +dieselben auch für unauflöslich gelten. Im Nilschlamm, also im +Niederschlag der im Fluß suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er +enthält aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs +schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft +gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen +von Syene nicht herrühren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde +untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten +vom Orinoco und Congo. Der berühmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde +werden von den Flüssen nicht dem Boden entzogen, über den sie laufen, sie +kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen +dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Cämentation, in Folge +eigenthümlicher Affinitäten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im +Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des +Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der +Umstände, unter denen die Färbung auftritt, kann die Frage, die uns hier +beschäftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die +Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhängig? Ich beschränke +mich auf die allgemeine Bemerkung, daß weder Granitmassen, die weit vom +alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd +befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den +bräunlichen Wassern des Rio Negro bespült wird, äußerlich den +Meteorsteinen ähnlich werden. Die Indianer sagen, »die Felsen seyen nur da +schwarz, wo das Wasser weiß ist.« Sie sollten vielleicht weiter sagen: »wo +das Wasser eine große Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am +Ufer anprallt.« Die Cämentation scheint zu erklären, warum die Rinde so +dünn bleibt. + +Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, daß in der Nähe des +kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle, +Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiß ich nicht +zu sagen. In der heißen Zone werden noch mehr als anderswo die +krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkührlich gehäuft. Man scheut +sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht +schiene; ebenso hält man es für bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit +zu lagern, und man erzählt viele Fälle, wo Leute nach einer auf dem +schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken +Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der +Missionäre und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch +die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weißem Sand bedeckten +Uferstrecken, wenn wir keine Bäume fanden, um unsere Hängematten zu +befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um +von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer +Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenfläche aus kahlem +Granitgestein besteht. Aus ähnlichen Gründen, die den Physikern in Europa +als bloße Einbildungen erscheinen müssen, versetzten die Jesuiten Olmo, +Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte +zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese +Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anführen zu müssen, da wir so +gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die +Luft ungesund wird. Läßt sich annehmen, daß unter dem Einfluß starker +Hitze und beständiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die +umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternäre Verbindungen von Kohlenstoff, +Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am +Orinoco enthält allerdings häufig Hornblende, und praktische Bergleute +wissen wohl, daß die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die +durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die +Luft durch die kleinen Strömungen fortwährend erneuert wird, kann die +Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube. + +Wahrscheinlich ist es nur deßhalb gefährlich, auf den _laxas negras_ zu +schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behält. Ich +fand dieselbe bei Tag 48°, während die Luft im Schatten 29°,7 warm war; +bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36°, die Luft nur +26°. Wenn die Wärmeanhänfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen +ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefähr +dieselbe Temperatur. Den Ueberschuß von Wärme, den sie bei Tag bekommen, +verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Stärke von der +Beschaffenheit der Oberfläche des strahlenden Körpers, von der Anordnung +seiner Molecüle im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels +abhängt, das heißt davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo +der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr +jeden Tag fast die gleiche Wärmemenge aus und das Gestein ist am Ende des +Sommers nicht wärmer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum +nicht überschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberfläche, noch +seine Dichtigkeit, noch seine Wärmecapacität verändert hat. Steigt man am +Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Hängematte und betritt den Felsboden +mit bloßen Füßen, so ist die Wärme, die man empfindet, sehr auffallend. +Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast +immer, daß die _laxas negras_ bei Tag wärmer sind als der röthlich weiße +Granit weitab vom Ufer, daß aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell +abkühlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug +den Wärmestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige +Glimmerblätter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures +zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethürmten +Felsblöcken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als stände man +vor der Mündung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen +bewaldeten Ländern spürt) bringt statt Kühlung nur noch heißere Luft +herbei, da er über Steinschichten und aufgethürmte Granitkugeln +weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch +ungesunder, als es ohnehin ist. + +Unter den Ursachen der Entvölkerung der Raudales habe ich die Blattern +nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche +Verheerungen anrichten, daß die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen, +ihre Hütten anzünden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen. +Am obern Orinoco weiß man von dieser Geißel so gut wie nichts, und käme +sie je dahin, so ist zu hoffen, daß ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen +man auf den Küsten von Terra Firma täglich empfindet, alsbald Schranken +setzte. Die Ursachen der Entvölkerung in den christlichen Niederlassungen +sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das +ungesunde, zugleich heiße und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die +Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schändliche Sitte +der Mütter, giftige Kräuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger +werden. Bei den barbarischen Völkern in Guyana, wie bei den halb +civilisirten Bewohnern der Südseeinseln gibt es viele junge Weiber, die +nicht Mütter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht +allein den Gefahren des Lebens in der Wildniß, sondern noch manchen andern +ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfließen. Sind es +Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre, +daß man eines der Kinder umbringe. »Zwillinge in die Welt setzen, heißt +sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heißt es machen wie Ratten, +Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft.« +Aber noch mehr: »Zwei zugleich geborene Kinder können nicht von Einem +Vater seyn.« Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und +unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen +Entwicklung sieht man, daß das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art +zu eigen gemacht, zäher daran festhält, als die Unterrichteten, die ihn +zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte +Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der +Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein +Zwilling ist, irgend eine körperliche Mißbildung, so bringt ihn der Vater +auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kräftige Kinder; denn bei +den Mißbildungen hat der böse Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder +der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben +auch bloß sehr schwächliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater, +was aus einem seiner Söhne geworden sey, so thut er, als wäre er ihm durch +einen natürlichen Tod entrissen worden. Er verläugnet eine That, die er +für tadelnswerth, aber nicht für strafbar hält. »Das arme _Mure_ (Kind)«, +heißt es, »konnte nicht mit uns Schritt halten; man hätte jeden Augenblick +auf es warten müssen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht +dahin gekommen, wo wir geschlafen haben.« Dieß ist die Unschuld und +Sitteneinfalt, dieß ist das gepriesene Glück des Menschen *im Urzustand!* +Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen lächerlich zu werden, +um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung +auferlegen zu müssen. + +Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so häufig, als man glaubt; +indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die +Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _‘Conucos’_ in den nahen +Wäldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der +die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist +allerdings das häusliche Glück und der Frieden in den Familien gefährdet, +aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben +die Morgenländer ihre Kinder zärtlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt +der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Hängematte zu +legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da +sind, ihn zu bedienen. Die väterliche Zuneigung kommt erst dann zum +Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, daß er an der Jagd, +am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann. + +Wenn nun aber auch der schändliche Brauch, durch gewisse Tränke Kinder +abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Tränke die +Gesundheit nicht so sehr an, daß nicht die jungen Weiber in reiferen +Jahren wieder Mütter werden könnten. Diese physiologisch sehr merkwürdige +Erscheinung ist den Mönchen in den Missionen längst aufgefallen. Der +Jesuit GILI, der fünfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte +gehört hat und sich rühmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen, +äußert sich darüber mit verwunderlicher Naivetät. »In Europa,« sagt er, +»fürchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht +wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen +Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie wählen die Zeit, wo sie +Mütter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je +nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten, diese oder +jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die +vorherrschende, es sey besser, man fange spät an Kinder zu bekommen, um +sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus +und Feld widmen zu können. Andere glauben im Gegentheil, es stärke die +Gesundheit und verhelfe zu einem glücklichen Alter, wenn man sehr jung +Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere +System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern +gebraucht.« Sieht man hier, wie selbstsüchtig der Wilde seine Berechnungen +anstellt, so möchte man den civilisirten Völkern in Europa Glück wünschen, +daß *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden, +ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einführung von +dergleichen Tränken würde vielleicht die Sittenverderbniß in den Städten +noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von +den Eltern verstoßen zu werden. Leicht möglich aber auch, daß die neuen +Abtreibemittel in unserem Klima so gefährlich wären wie der Sevenbaum, die +Aloe und das flüchtige Zimmt- und Gewürznelkenöl. Der kräftige Körper des +Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhängiger von +einander sind, widersteht besser und länger übermäßigen Reizen und den +Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution +des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr +erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu müssen, weil sie +auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande +unseres Geschlechts, wie auf der höchsten Stufe der Cultur, die +Bevölkerung kaum merkbar zunimmt. + +Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene. +Im Collegium für die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die +Bemerkung gemacht, daß in den an sehr trockenen Orten gelegenen +Indianerdörfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den +Dörfern an Flußufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am +Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am +kühlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwächen. + +Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die +Bevölkerung in den beiden Dörfern an den Katarakten abnahm und schlug +daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die +Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race +in heißem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier +Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico +gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater +Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die +Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen +zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo +entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich wäre der Plan ganz gut gelungen. +Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es +war Aussicht vorhanden, daß der Zustand der Schwarzen sich damit +verbesserte und so das Christenthum zu seinem ursprünglichen Ziele, +Förderung des Glücks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder +hingeführt wurde. Ein kleines Mißverständniß vereitelte die Sache. Der +Statthalter erwiderte den Mönchen: »Da man für das Leben der Neger so +wenig bürgen könne, als für das der Indianer, so erscheine es nicht als +gerecht, jene zur Niederlassung in den Dörfern bei den Katarakten zu +zwingen.« Gegenwärtig hängt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an +zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren +von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden +lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer, +die der Missionszucht längst müde sind, dem Pater Zea davon, und an einem +Punkt, den man als den Schlüssel des Orinoco betrachten kann, finden dann +die Reisenden nichts mehr, was sie bedürfen, zumal keinen Steuermann, der +die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort +am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura wäre, wo nicht unterbrochen, +doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniß der +Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsblöcken zu +wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen. + +Während man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo +wir ans Ufer gelangen konnten, in der Nähe das ergreifende Schauspiel +eines eingeengten und wie völlig in Schaum verwandelten großen Stromes. +Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu +schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so berühmt ist. Je +großartiger, majestätischer die Gegenstände sind, desto wichtiger ist es, +sie in ihren kleinsten Zügen aufzufassen, die Umrisse des Gemäldes, mit +dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen, +die bezeichnenden Merkmale der großen, unvergänglichen Denkmäler der Natur +einfach zu schildern. + +Von seiner Mündung bis zum Einfluß des Anaveni, auf einer Strecke von 260 +Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei +Muitaco, in einer Bucht, _‘Boca del infierno’_ genannt, sind Klippen und +Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_); +aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt +eine Wasserstraße, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren können. + +Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur +Eines gefährlich, die natürlichen Flöße aus Bäumen, die der Fluß +entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht +an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewächsen auffahren! Dasselbe +ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi, +schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die +Indianer eine feindliche Horde überfallen wollen, binden sie mehrere +Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kräutern und Baumzweigen +und bilden so die Haufen von Bäumen nach, die der Orinoco auf seinem +Thalweg abwärts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen früher in +dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwärtig bedienen sich die +spanischen Schmuggler in der Nähe von Angostura desselben Mittels, um die +Zollaufseher hinter das Licht zu führen. + +Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt +man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionäre +gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden +vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Großen ungefähr +dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdämmen, aufeinander +gethürmten, mit Palmen bewachsenen Granitblöcken löst sich einer der +größten Ströme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung +im Aussehen hat jeder der Fälle seinen eigenthümlichen Charakter. Der +erste, nördliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim +zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers +lieber. Oberhalb Maypures und der Einmündung des Caño Cameji ist der +Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die +Nähe seiner Quellen, das heißt bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwärts +vom Caño Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin. + +Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und +es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich +langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20 +auf den Grad) lang ist, sind die großen Fälle ziemlich nahe bei den +Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Länge; fünf Sechstheile seines +Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Fälle, weit ungünstiger +für die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten +Drittheils seiner Länge gelegen. Bei beiden Strömen werden die Fälle nicht +durch die Berge, nicht durch die Stufen der über einander liegenden +Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch +andere über einander gelagerte Stufen, durch die sich die Ströme nach +langem friedlichen Lauf Bahn brechen müssen, wobei sie sich von Staffel zu +Staffel herabstürzen. + +Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man +zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, daß überall, wo +sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder +Centralkette höher seyn müsse als die andern. Dieser große Strom +entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwärts +von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den +Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der +kleinen Flüsse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See +Llauricocha kommt, der in einem Längenthale zwischen der westlichen und +der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen +Verhältnisse richtig aufzufassen, muß man sich vorstellen, daß der +colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt. +Die westlichste, höchste streicht unter dem Namen _Cordillera real de +Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und +Guangamarca) über die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und +Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt +Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewässer des oberen Amazonenstroms und +des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst südlich von +Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca über die Schneelinie +empor. Er streicht zuerst nach Nord über Huacrachuco, Chachapoyas, +Moyobamba und den Paramo von Piscoguañuna, dann fällt er allmählig ab, +Peca, Copallin und der Mission San Yago am östlichen Ende der Provinz Jaen +de Bracamoros zu. Die dritte, östlichste Kette zieht sich am rechten Ufer +des Rio Guallaga hin und läuft unter dem 7. Grad der Breite in die +Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Süd nach Nord im Längenthal +zwischen zwei Gebirgszügen von ungleicher Höhe läuft (das heißt von den +Höfen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hölzernen Brücken über den +Fluß geht, bis zum Einfluß des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe +weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Fälle fangen erst +da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere +Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stößt +auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen +Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit +des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwärts von +der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Hügel +sich nur noch 40--60 Toisen über den Flußspiegel erheben. Den östlichen +Zug, der an den Pampas von Sacramento hinläuft, erreicht der Fluß nicht. +Von den Hügeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als +750 französischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser +raschen Uebersicht ergibt sich, daß der Marañon, hätte er nicht das +Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden +gehört, zu durchziehen, schiffbar wäre von seinem Ausfluß ins Meer bis +Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner +Quelle. + +Wir haben gesehen, daß sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die großen +Fälle nicht in der Nähe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf +von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwärts von +Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die +Flüsse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstärkt, biegt der Orinoco +aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach +Nord um und stößt auf dem Lauf über die _‘Land-Meerenge’_(27) in den +Niederungen am Meta auf die Ausläufer der Cordillere der Parime. Und +dadurch entstehen nun Fälle, die weit stärker sind und der Schifffahrt +ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Marañon, weil sie, +wie wir oben auseinandergesetzt, der Mündung des Flusses verhältnißmäßig +näher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen, +um am Beispiel der größten Ströme der neuen Welt zu zeigen: 1) daß sich +nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshöhe angeben +läßt, über welcher die Flüsse noch nicht schiffbar sind; 2) daß die +Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbüchern der +allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten +Bergschwellen, bei den ersten Höhenzügen vorkommen, über welche die +Gewässer in der Nähe ihrer Quellen zu laufen haben. + +Nur der nördliche der großen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu +beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehört aber zu +einem Landstrich, der westwärts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt, +einen gegen 3000 Fuß hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden +Felsmauer. Dadurch, daß er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser +Pic noch großartiger und majestätischer aus. In der Nähe der Mission, auf +dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen +andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten, +finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In +der äußern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindrücke, +das Nebeneinander des Großartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen +eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genüsse. + +Ich nehme hier einige zerstreute Züge einer Schilderung auf, die ich kurz +nach meiner Rückkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die +mit zarten Kräutern und Gräsern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre +Prärien, ähnlich unsern europäischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse +überschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie +umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintönig +wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um übereinander gethürmte +Granitblöcke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stößt +man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt, +auf Gründe, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen +dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur +entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen +Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich +sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im +Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schooße dieses Gesteins vorbrechen, +haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit +geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere +Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewächsen gefolgt, und jetzt bildet +immergrünes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Blüthen, +grüne Eilande inmitten der öden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder +darauf zurück: die Bodenbildung, die über die Savanen zerstreuten Boskette +aus kleinen Bäumen mit lederartigen, glänzenden Blättern, die kleinen +Bäche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald über fruchtbares +ebenes Land, bald über kahle Granitbänke schlängeln, Alles erinnert einen +hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und +Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst +und Spuren von Cultur zu begegnen. + +Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunächst bei der Mission Atures +erhält die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge, +welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art +ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist +nur 7--800 Fuß über die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet, +wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von +Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich +Federbüschen gekräuselte Blätter unter einem Winkel von 70 Grad +majestätisch emporsteigen, stehen mitten unter Bäumen mit wagerechten +Aesten; ihre nackten Stämme schießen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuß +hohen Säulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, »ein +Wald über dem Walde.« Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und +die röthliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der +Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Wäldern +zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei +des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der +herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fühlte so +recht, wie sehr die Gewächse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten +einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer +Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und +Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze +entworfen. Er wußte die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher +kannte, sondern weil er für all ihre harmonischen Verhältnisse in +Gestaltung, Farbe und innern Kräften ein tiefes Gefühl besaß. + +Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei +Wälder von Laurineen und Palmen über einander stehen, erheben sich andere +Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen +besetzt, die wie Pfeiler über die Bäume und das Gebüsch emporragen. Diese +Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im böhmischen Erzgebirge, +in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich überall, +wo in unbedeutender Meereshöhe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer +Formation zu Tage kommt. Die in Abständen sich erhebenden Felsen bestehen +entweder aus aufgethürmten Blöcken oder sind in regelmäßige, wagerechte +Bänke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos, +die *Soldados*(29) und andere fischfangende Vögel, und nehmen sich dann +aus wie Menschen, die Wache stehen. Dieß ist zuweilen so täuschend, daß, +wie mehrere Augenzeugen erzählen, die Einwohner von Angostura eines Tags +kurz nach der Gründung der Stadt in die größte Bestürzung geriethen, als +sich auf einmal auf einem Berge gegen Süd Reiher, *Soldados* und *Garzas* +blicken ließen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios +monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die +mit dieser Täuschung bekannt waren, die Sache aufklärten, beruhigte sich +das Volk nicht eher ganz, als bis die Vögel in die Luft stiegen und ihre +Wanderung der Mündung des Orinoco zu fortsetzten. + +Die schöne Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde +liegt, auch über die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser +schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein +eine Schichte weißen Sandes. Der Missionär versicherte uns, in der Nähe +der Wasserfälle sey das Grün beständig frisch, in Folge des vielen +Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in +Strudel und Wasserfälle zerschlagenen Strom aussteigt. + +Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hören, und bereits zeigte die +Vegetation aller Orten die kräftige Fülle und den Farbenglanz, wie man sie +auf den Küsten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Bäume hingen +voll prächtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen +Blüthen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren +mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem +ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heißen Klimaten eigenen +Schmarotzergewächsen sahen wir hier mitten in der heißen Zone und fast im +Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den +europäischen glichen. Beim großen Katarakt von Atures pflückten wir die +schöne Grimmia-Art mit Fontinalis-Blättern, welche die Botaniker so sehr +beschäftigt hat; sie hängt an den Aesten der höchsten Bäume. Unter den +Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und +Laurineen vor. Dieß ist um so charakteristischer, als nach BROWNs +neuerlicher Beobachtung auf dem gegenüber liegenden Continent, im +tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewächse, +welche Feuchtigkeit lieben, schmücken die Ufer am Wasserfall. Man findet +hier in den Niederungen Büsche von Heliconia und andern Scitamineen mit +breiten glänzenden Blättern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*, +*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die +Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die berühmte +Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges +Gewächs. Sie hat handförmige Blätter und wächst nicht unter den Palmen mit +gefiederten und gekräuselten Blättern, dem *Jagua*, der eine Art +Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man +neben die schöne Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den +Fällen von Atures und Maypures die häufigste Palme, ist durch seinen +Habitus ausgezeichnet. Seine Blätter oder vielmehr Wedel stehen auf einem +80--100 Fuß hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand +wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind +wahre Federbüsche vom zartesten, frischesten Grün. Der Cucurito, der Seje, +dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_ +von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die +großartigsten Palmen der neuen Welt. Je näher man der gemäßigten Zone +kommt, desto mehr nehmen die Gewächse dieser Familie an Größe und +Schönheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwähnten Arten und +der orientalischen Dattelpalme, die bei den europäischen Landschaftsmalern +leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist! + +Es ist nicht zu verwundern, daß, wer nur das nördliche Afrika, Sicilien +oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, daß unter allen großen +Baumgestalten die Gestalt der Palme die großartigste und schönste seyn +soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, daß sich der Europäer keine +richtige Vorstellung vom Charakter der heißen Zone macht. Jedermann weiß +zum Beispiel, daß die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die große +Menge von Gewächsen mit gefiederten Blättern ein Hauptschmuck dieser Zone +sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten +Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben +alle gefiederte Blätter mit mehr oder weniger großen, dünnen, lederartigen +und glänzenden Blättchen. Vermag nun aber deßhalb eine Gruppe von Eschen, +Vogelbeerbäumen oder Sumachbäumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt +zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das +Himmelsblau zwischen ihren kleinen, dünnen, zartgefiederten Blättern +durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten +Blick scheinen. Die Gestalten der Gewächse bestimmen die Physiognomie der +Natur, und diese Physiognomie wirkt zurück auf die geistige Stimmung der +Völker. Jeder Pflanzentypus zerfällt in Arten, die im allgemeinen +Charakter mit einander übereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, daß +dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die +Scitamineen, die Malvaceen, die Bäume mit gefiederten Blättern sind nicht +alle malerisch gleich schön, und meist, im Pflanzenreich wie im +Thierreich, gehören die schönsten Arten eines jeden Typus dem tropischen +Erdstrich an. + +Die Protaceen, Croton, Agaven und die große Sippe der Cactus, die +ausschließlich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmählig, +wenn man auf dem Orinoco über die Mündungen des Apure und des Meta +hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit, +als die Entfernung von den Küsten daran Schuld, wenn die Cactus nicht +weiter nach Süden gehen. Wir haben östlich von den Anden, in der Provinz +Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswälder, mit Croton +dazwischen, große dürre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen +an den Fällen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San +Fernando de Atabapo, das heißt vor dem Einfluß des Guaviare in den +Orinoco. + +Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von +den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales +liegen, wo das tief eingeschnittene Flußbett fast unzugängliche Ufer hat. +Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um +zwischen zwei Wasserfällen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu +baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenäen, selbst in den +Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des +Bodens und der Spuren von Zerstörung, denen man bei jedem Schritte +begegnet, vermöchte nach einer bloßen Beschreibung sich vom Zustand des +Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke +von mehr als fünf Seemeilen laufen unzählige Felsdämme quer darüber weg, +eben so viele natürliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, ähnlich denen +im Dnieper, welche bei den Alten _‘Phragmoi’_ hießen. Der Raum zwischen +den Felsdämmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Größe gefüllt; +manche sind hügligt, in verschiedene runde Erhöhungen getheilt und +200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie bloße Klippen. Diese +Inseln zerfällen den Fluß in zahlreiche reißende Betten, in denen das +Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und +Cucuritopalmen mit federbuschförmigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht +mitten auf der schäumenden Wasserfläche. Die Indianer, welche die leeren +Piroguen durch die Raudales schaffen, haben für jede Staffel, für jeden +Felsen einen eigenen Namen. Von Süden her kommt man zuerst zum *Salto del +Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und +Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer +Rückkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um +unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem großen Theil trocken +zu liegen. Granitblöcke sind auf einander gehäuft, wie in den Moränen, +welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stürzt +sich der Fluß in die Höhlen hinab, und in einer dieser Höhlen hörten wir +das Wasser zugleich über unsern Köpfen und unter unsern Füßen rauschen. +Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbäche getheilt, deren +jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muß nur staunen, +wie wenig Wasser man im Flußbett sieht, über die Menge Wasserstürze, die +sich unter dem Boden verlieren, über den Donner der Wasser, die sich +schäumend an den Felsen brechen. + +_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _ +_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _ + +Ist man über den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten +der Fälle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank +zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Dämme +oder natürlichen Wehre nur zwei, drei Fuß hoch, so wagen es die Indianer +im Canoe hinabzufahren. Fluß aufwärts schwimmen sie voraus, bringen nach +vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen über dem +Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Höhe des Raudals. Während +dieser mühseligen Arbeit füllt sich das Fahrzeug häufig mit Wasser; +anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit +zerschlagenem, blutendem Körper, reißen sich mit Noth aus dem Strudel und +schwimmen an die nächste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr +hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten +Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumäste als Walzen darunter und schleppt sie +bis an den Punkt, wo der Fluß wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser +ist solches selten nöthig. Spricht man von den Wasserfällen des Orinoco, +so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit über +die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine +Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist. +Ich führe nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwärtigt, was man in +Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage +sieht. »Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das +Schiff, der andere schöpft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reißenden +Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tüchtig herumgeschaukelt +worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanäle, durch die +sie den Engpässen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Strömung +niederstürzend, lenken sie den schießenden Nachen.« + +In den hydrographischen Beschreibungen der Länder werden meistens unter +den unbestimmten Benennungen: »_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_, +_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chûtes_, _Rapides_; +Wasserfälle, Wasserstürze, Stromschnellen,« stürmische Bewegungen der +Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen +hervorgebracht werden. Zuweilen stürzt sich ein ganzer Fluß aus +bedeutender Höhe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt völlig +unterbrochen wird. Dahin gehört der prächtige Fall des Rio Tequendama, den +ich in meinen _Vues des Cordillères_ abgebildet habe; dahin die Fälle des +Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Höhe als durch die +Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindämme in +weiten Abständen hinter einander und bilden getrennte Wasserfälle; dahin +gehören die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die +_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom +zwischen dem Einfluß des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der höchste +und gefährlichste dieser Pongos, den man auf Flößen herunter fährt, der +bei Mayafi, ist übrigens nur drei Fuß hoch. Noch anderemale liegen kleine +Steindämme so nahe an einander, daß sie auf mehrere Meilen Erstreckung +eine ununterbrochene Reihe von Fällen und Strudeln, _Chorros_ und +_Remolinos_ bilden, und dieß nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_, +Stromschnellen. Dahin gehören die *Yellalas*, die Stromschnellen des +Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitän Tuckey kürzlich bekannt +gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb +Pella, und die vier Meilen langen Fälle des Missouri da, wo der Fluß aus +den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehören nun auch die Fälle von +Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen +Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmückt sind. In +allen Jahreszeiten gewähren sie den Anblick eigentlicher Wasserfälle und +hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, während +die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewässer +kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der +Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur +anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt verändert; Stromschnellen +dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit großen Bäumen besetzt +sind, machen eine Landschaft meilenweit schön. Zuweilen rührt die +stürmische Bewegung des Wassers nur daher, daß die Strombetten sehr +eingeengt sind. Dahin gehört die Angostura de Carare im Magdalenenfluß, +ein Engpaß, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Küste von +Carthagena Eintrag thut; dahin gehört der Pongo von Manseriche im obern +Amazonenstrom, den LA CONDAMINE für weit gefährlicher gehalten hat, als er +in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muß, so oft er +im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat. + +Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenflüsse des Amazonenstromes +oder Marañon haben Fälle oder Stromschnellen entweder in der Nähe ihres +Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke +ihres Laufs auf andere Berge stoßen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser +des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Mündung, mehr +als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen +ungemein großen Vortheil dem Umstand, daß er immer die gleiche Richtung +einhält. Er fließt von Ost nach West über eine weite Ebene, die gleichsam +ein Längenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem großen +brasilianischen Gebirgsstock bildet. + +Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, daß die +Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man über eine Meile weit hört, +und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbäumen und +Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Länge schwerlich mehr +als 28 Fuß senkrechte Höhe haben. Bei näherer Ueberlegung zeigt es sich, +daß dieß für Stromschnellen viel ist. während es für einen einzelnen +Wasserfall sehr wenig wäre. Bei den Yellalas im Congofluß, in der +Einschnürung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der +Höhenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit +bedeutender; BARROW bemerkt aber, daß sich hier unter den vielen +Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuß hoch ist. Andererseits +haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so +gefährlich ist, die Fälle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur +ein paar Fuß senkrechte Höhe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiß, +welche Wirkung in einem großen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat. +Das Toben des Wassers und die Wirbel werden überall keineswegs allein von +der Höhe der einzelnen Fälle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die +Fälle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendämme, +von den sogenannten _‘lames de réflexion’_ die in einander stoßen und über +einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der +Richtung der Gegenströmungen, von den Krümmungen und engen Stellen in den +Kanälen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn +bricht. Von zwei gleich breiten Flüssen kann der eine Fälle haben, die +nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefährlicher und +tobender. + +Meine obige Angabe über die senkrechte Höhe der Raudales des Orinoco +lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl* +gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission +Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede +beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig, +wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt. Durch kleine +Unregelmäßigkeiten in der stündlichen Schwankung (Unregelmäßigkeiten, die +sich mehr auf das Maaß der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird +das Ergebniß zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte +ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben +Linie auffassen soll. + +Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten +geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen +die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsächlich, weil +viel Wasser in unterirdische Höhlungen versinkt. Dieser Verlust ist +übrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die +Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluß des Rio Anaveni +davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, daß unter +den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Höhlungen liegen +müssen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein +Wasserfall heißen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehörig +ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all +seinem Treibholz. + +Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdämme, an denen sich +der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Fälle im Lauf der +Jahrhunderte nach Gestaltung und Höhe sich verändern werden. Ich bin nicht +sehr geneigt, dem Stoß des Wassers gegen Granitblöcke und dem Zerfressen +kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten +sich verengenden Löcher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei +so vielen Wasserfällen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung +des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe +gesehen, welche die Strömung am Boden der Trichter beständig herumwirbelt +und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des +Amazonenstroms sind leicht zerstörlich, da die Felsdämme nicht aus Granit +bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkörnigem Sandstein. Der +Pongo von Rentama stürzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das +Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flußbett ein +paar Stunden trocken, zur großen Verwunderung der Einwohner des Dorfes +Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestürzten Pongo. Die Indianer in +Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters +CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die +einzelnen Strömungen, in die der große Strom zerschlagen wird, ändern beim +Durchgang durch die aufgehäuften Granitblöcke ihre Richtung und werfen +bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die +Ursachen dieses Wechsels können den Katarakten sehr ferne liegen; denn in +den Flüssen, die auf der Erdoberfläche Leben verbreiten, wie die Adern in +den organischen Körpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort. +Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze +flüssige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben. + +Ich weiß wohl, daß, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen +bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den +großartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett +die Wirkungen der Auswaschungen, überhaupt die gewaltigen Einflüsse des +strömenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die +Bildung der Thäler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren +befriedigend erklären zu können meinte. Diese Ansicht wird durch den +Augenschein keineswegs unterstützt. Wir stellen nicht in Abrede, daß die +Ströme, überhaupt fließende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in +secundäre Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausüben. +Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden +von Jahren an absoluter Höhe so wenig abgenommen, als der Gipfel des +Montblanc und des Canigou. Hat man die großen Naturscenerien in +verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung +gedrängt, daß jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten, +jene zerstreuten Blöcke, all die Spuren einer allgemeinen Umwälzung +Wirkungen außergewöhnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im +gegenwärtigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberfläche +thätig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom +Granit wegführt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten +Gestein zerstört, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann +nicht glauben, daß, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und +der Pyrenäen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gründen am +Fuße der Gebirge aufhäufen. Im Nil wie im Orinoco können die +Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne daß die Felsdämme +merkbar anders werden. Die relative Höhe der Fälle kann durch die +Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen. + +Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht über die anziehende +Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die übertriebenen +Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf +uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber +nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall übertragen haben, was sie +vom Hörensagen von den obern Fällen des Flusses in Nubien und Dongola +wußten, die zahlreicher und gefährlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze +des römischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im +Raume, wie in den Schöpfungen des menschlichen Geistes fangen die +phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhören. + +Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionäre in +ihren Schriften sagen mögen, vom Tosen der großen Katarakte so wenig taub +als die Catadupen am Nil. Hört man das Getöse auf der Ebene bei der +Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Nähe einer felsigten +Meeresküste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal stärker +als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag +wohl diese Verstärkung des Schalls in einer Einöde rühren, wo sonst +nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die +Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der +Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwächer, wenn +ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch +Verdünnung der Luft; der Schall ist schwächer in hohen Luftregionen als in +tiefen, wo die Zahl der erschütterten Lufttheilchen in jedem Strahl größer +ist. Die Stärke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst +vermengter Luft gleich groß, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als +in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssätzen +(und es sind die einzigen einigermaßen zuverläßigen) hält es schwer, eine +Erscheinung zu erklären, die man bei jedem Wasserfall in Europa +beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionären +und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um +drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit +bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter. +Wir haben aber eben gesehen, daß der hygroscopische Zustand der Luft aus +die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluß hat, und daß die Abkühlung +der Luft die Geschwindigkeit vermindert. + +Man könnte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag +das Sumsen der Insekten, der Gesang der Vögel, das Rauschen des Laubs beim +leisesten Luftzug ein verworrenes Getöne hervor, das wir um so weniger +wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwährend zu unserem +Ohre dringt. Dieses Getöse, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings +einen stärkeren Schall schwächen, und diese Schwächung kann wegfallen, +wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Vögel, das Sumsen der Insekten +und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhören. Wäre aber diese +Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Wälder am +Orinoco, wo die Luft fortwährend von zahllosen Moskitoschwärmen erfüllt +ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit stärker ist als bei Tag, +wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht. + +Ich bin vielmehr der Ansicht, daß, so lange die Sonne am Himmel steht, der +Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwächt wird, weil die Luftströme +von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphäre +in Folge der ungleichen Erwärmung der verschiedenen Bodenstücke, +Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit +gleichförmig vertheilten Dunstbläschen erfüllt, pflanzt sich die +Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von +kleinen Strömen wärmerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo +die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich +lokale Echos, die den Schall schwächen, weil eine der Wellen zurückläuft: +es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in jüngster Zeit von +POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung +wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, daß +durch die Ortsveränderung der im Luftstrome von unten nach oben +aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Strömungen ein +Stoß ausgeübt würde. Ein Stoß auf die Oberfläche einer Flüssigkeit bringt +Kreise um den Mittelpunkt der Erschütterung hervor, selbst wenn die +Flüssigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen können sich im +Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu +stören; kleine Bewegungen schieben sich übereinander, und die wahre +Ursache der geringeren Stärke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, daß +das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag ändert sich die +Dichtigkeit rasch überall, wo kleine Luftzüge von hoher Temperatur über +ungleich erwärmten Bodenstücken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich, +wie die Lichtstrahlen sich brechen, und überall, wo Luftschichten von +verschiedener Dichtigkeit sich berühren, tritt *Spiegelung* ein. Der +Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende +geschlossenen Röhre eine Schicht Wasserstoffgas über eine Schicht +atmosphärischer Luft aufsteigen läßt, und BIOT erklärt den Umstand, daß +ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die +Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, daß die Bläschen von +kohlensaurem Gas die Flüssigkeit ungleichförmig machen. + +Für diese Ansichten könnte ich mich fast auf die Autorität eines +Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschätzig +behandeln, während die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als +Beobachter längst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Warum,« sagt +ARISTOTELES in seiner merkwürdigen Schrift von den _Problemen_, »hört man +bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist, +da die Wärme fehlt. Dadurch wird überhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne +ist es, die Alles bewegt.«(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre +Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die +Bewegung der Luft dem Stoß der kleinsten Theilchen derselben zu, was +vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich berührenden +Luftschichten zuzuschreiben seyn möchte. + +Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in +weniger als sechs Stunden über die Stromschnellen geschafft worden und +liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*, +genannt. »Eure Pirogue wird nicht in Stücken gehen, weil ihr kein +Kaufmannsgut führt und der Mönch aus den Raudales mit euch reist,« so +hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der +Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geäußert. Es war ein +Schildkrötenölhändler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr +und eben kein Freund der Missionare war. »Die Fahrzeuge, die leicht +zerbrechen,« fuhr er fort, »sind die der *Catalonier*, die mit einem +Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung +des Präsidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben +wollen. Man läßt unsere Piroguen in den Raudales, die der Schlüssel sind +zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu +Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach +Carichana zurück und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben.« +Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Länder kann +ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht +beitreten. Der gegenwärtige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann, +die Plackereien, über welche die catalonischen Krämer klagen, sich zu +Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, weßhalb das Regiment in +den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gründlich verhaßt ist? +Verläumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco +vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine +Ziege, kaum eine Kuh, während ihre Ordensbrüder, die Kapuziner in den +Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stücken besitzen. Der Groll der +arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der +Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen +Bemühungen, ihr Gebiet gegen die Weißen abzusperren, den Hindernissen, die +sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empört sich +das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die +materiellen Lebensbedürfnisse Einfluß äußern, sondern auch wenn sich ein +Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmaßt, allein die +Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu +sagen zu civilisiren. + +Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom +einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem +Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art würde +allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muß aber hier zur +Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwähnen, daß sie keine Diebe sind, wie +die lange nicht so rohen Bewohner der Südseeinseln. Jene haben große +Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Eßwaaren, Fischangeln +und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiß man nichts von +Schlössern an den Thüren; sie werden eingeführt werden, sobald Weiße und +Mischlinge sich in den Missionen niederlassen. + +Die Indianer in Atures sind gutmüthig, leidenschaftslos, Dank ihrer +Trägheit an die größten Entbehrungen gewöhnt Die Jesuiten früher trieben +sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die +Patres bauten Mais, Bohnen und andere europäische Gemüse; sie pflanzten um +das Dorf her sogar süße Orangen und Tamarinden, sie besaßen in den +Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreißigtausend Pferde und +Stücke Rindvieh. Sie hielten für die Heerden eine Menge Sklaven und +Knechte (_peones_). Gegenwärtig wird nichts gebaut als etwas Manioc und +Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, daß ich in Atures an einem +einzigen Pisangbüschel 108 Früchte zählte, deren 4--5 fast zur täglichen +Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gänzlich +vernachläßigt, Rosse und Kühe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal +heißt noch *Passo del ganado* (Viehfurth), während die Nachkommen der +Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegründet, vom Hornvieh wie +von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den +Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die +letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwärtig diese weiten +Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten. +Während eines achtzehnjährigen Interregnums wurden die Missionen nur von +Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen königlicher +Commissäre verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Höfe +der Jesuiten, aber schändlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Häute +zu verkaufen, viele jüngere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch +viel mehr gingen an den Bissen der Fledermäuse zu Grunde, die an den +Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der +Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San +Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgeführt, weil die Portugiesen dort +Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom +und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der +Jesuiten gänzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des früheren +Anbaus dieser Länder und der wirthschaftlichen Thätigkeit der ersten +Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Bäumen +einen Orangen- oder Tamarindenstamm. + +Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefährlich sind als die +Fledermäuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern +die Schweine. Der Missionär erzählte uns ein auffallendes Beispiel von der +Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer +Ankunft hatte ein Jaguar, den man für ein junges Thier hielt, obgleich er +groß war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag +sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und +Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die für die Sittengeschichte der +Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis +neun Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, saßen bei Atures mitten in einer +Savane, über die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags, +da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend +umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit +gekrümmtem Rücken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere +Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und +wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlägt. +Erst schlägt er sachte, dann immer stärker; die Krallen verwunden das Kind +und es blutet stark. Da nimmt das kleine Mädchen einen Baumzweig, schlägt +das Thier, und dieses läuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder +kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an +keine Gegenwehr dachte, in Sprüngen sich davon machen. + +Man führte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die +Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und +eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese +muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu +zähmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man +auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer +gespielt, wie unsere Katzen mit Vögeln mit beschnittenen Flügeln spielen, +wie soll man es sich erklären, daß ein großer Jaguar so duldsam ist, daß +er vor einem kleinen Mädchen davonläuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht +her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Haß der +Thiere ist manches Geheimnißvolle. Wir haben gesehen, wie Löwen drei, vier +Hunde, die man in ihren Käfigt setzte, umbrachten und einen fünften, der +weniger furchtsam den König der Thiere an der Mähne packte, vom ersten +Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeußerungen jenes Instinkts, der +dem Menschen ein Räthsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr für +sich einnähme, je zutraulicher er ist. + +Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen +werden. Außer den gemeinen Schweinen von europäischer Race gibt es in +diesen Ländern verschiedene Arten von Pecaris mit Drüsen an den Leisten, +von denen nur zwei den europäischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer +nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch +_Chacharo_; _Apida_ aber heißt bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel +haben soll und größer, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch +entlang weiß ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm +wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch +nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und +dem der Wiederkäuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere +Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stücken. Man hört es schon +von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen, +rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie +ungestüm das Gebüsch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim +Botanisiren sein indianischer Führer zu, er solle sich hinter einen Baum +verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del +monte_) ganz nahe an sich vorüberkommen. Der Rudel zog in dicht gedrängten +Reihen, die männlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen +hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes +Fleisch; sie werden übrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit +kleinen an Stricke gebundenen Spießen erlegen. Man versicherte uns in +Atures, der Tiger fürchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von +Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrückt zu werden, +auf einen Baum zu flüchten. Ist das nun eine Jägergeschichte oder eine +wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, daß in manchen Ländern von +Amerika die Jäger an die Existenz eines _‘Javali’_ oder einheimischen +Ebers mit nach außen gekrümmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen +gesehen, die amerikanischen Missionäre führen ihn aber in ihren Schriften +auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthält neben +den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen. + +Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden +wir eine neue Art aus der Sippe der *Saïs* oder *Sajous*, von den +Hispano-Amerikanern gewöhnlich _‘Machis’_ genannt. Es ist dieß der +*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und bläulichem +Gesicht. Augenränder und Stirne sind schneeweiß, und dadurch unterscheidet +er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_, +_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis +jetzt so große Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmüthig +als häßlich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und +blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, während es auf den +Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Rücken einer großen Katze, +die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war. + +In den Katarakten hörten wir auch zum erstenmal von dem behaarten +Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entführt, +Hütten baut und zuweilen Menschenfleisch frißt. Die Tamanacas nennen ihn +_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den großen Teufel. Die Eingeborenen +und die Missionäre zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenähnlichen +Affen, vor dem sie sich sehr fürchten. Pater GILI erzählt in vollem Ernst +eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem +Waldmenschen wegen seiner Gutmüthigkeit und Zuvorkommenheit das beste +Zeugniß gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und ließ sich von +Jägern nur deßhalb wieder in den Schooß ihrer Familie bringen, »weil sie, +nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der +heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte.« Bei aller +Leichtgläubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer +auftreiben können, der ausdrücklich gesagt hätte, er habe den *Salvaje* +mit eigenen Augen gesehen. Dieses Mährchen, das ohne Zweifel von den +Missionären, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit +verschiedenen Zügen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko +oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fünf Jahre lang +in der nördlichen wie in der südlichen Halbkugel verfolgt, und überall, +selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es übel, daß wir allein uns +herausnahmen, daran zu zweifeln, daß es in Amerika einen großen +menschenähnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunächst, daß in gewissen +Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so +namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den +Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am. +Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen +Orten kann man hören, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fußstapfen, +denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen +Continent einen Affen von ansehnlicher Größe, wie kommt es, daß sich seit +dreihundert Jahren kein glaubwürdiger Mann das Fell desselben hat +verschaffen können? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlaß +gegeben haben mag, darüber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen. +Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_], +dessen Hundszähne über sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel +menschenähnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart +mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Mährchen vom Salvaje +veranlaßt haben? Allerdings ist er nicht so groß als der Coaïta (_Simia +paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm +sieht, könnte man ihn leicht für ein menschliches Wesen halten. Es wäre +auch möglich (und dieß scheint mir das wahrscheinlichste), daß der +Waldmensch einer der großen Bären ist, deren Fußspur der menschlichen +ähnlich ist und von denen man in allen Ländern glaubt, daß sie Weiber +anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuß der Berge von Merida +geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der +Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Bär mit +schwarzem, glänzendem Pelz. Unser Reisegefährte Don Nicolas Sotto hat +denselben näher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem +Sohlengänger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rückwärts ginge, +sollte sie etwa daher rühren, daß die wahren wilden Waldmenschen, die +schwächsten, furchtsamsten Indianerstämme, den Brauch haben, wenn sie in +den Wald oder über einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu +machen, daß sie ihre Fußstapfen mit Sand bedecken oder rückwärts gehen? + +Ich habe angegeben, weßhalb zu bezweifeln ist, daß es eine unbekannte +große Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhänder aus der +Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen. +Es ist aber nicht zu vergessen, daß jeder, auch der abgeschmackteste +Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefaßten Naturverhältnissen +beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschätzung ab, so +kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Fährte einer +Entdeckung verlieren. Wir erklären daher auch keineswegs mit einem +spanischen Schriftsteller das Mährchen vom Waldmenschen für eine pfiffige +Erfindung der indianischen Weiber, die entführt worden seyn wollen, wenn +sie hinter ihren Männern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die +Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen +hinsichtlich des Salvaje oder großen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu +ermitteln, ob eine unbekannte Bärenart oder ein sehr seltener, der _Simia +chiropotes_ oder _Simia Satanas_ ähnlicher Affe so seltsame Mährchen +veranlaßt haben mag. + +Nach zweitägigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh, +unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu können, wo der +Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der +Hitze, die uns drückte, kam uns die Temperatur noch weit höher vor. Wenn +die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig übereinstimmten, so +rührte dieß vom beständigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von +giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heißer vor, als +sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet, +wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78°2; +bei Nacht, im Maximum, 81°5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als +die mittlere Feuchtigkeit an der Küste von Cumana, aber um 10 Grad stärker +als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die +Wasserfälle und die dichten Wälder steigern die Menge des in der Luft +enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag über wurden wir von den Moskitos und +den *Jejen*, kleinen giftigen Mücken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar +geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer großen Schnakenart, vor denen +sich selbst die Eingeborenen fürchten. Unsere Hände fingen an stark zu +schwellen und die Geschwulst nahm täglich zu, bis wir an die Ufer des Temi +kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht, +sind sehr merkwürdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben +unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf +einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier +athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere +Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionär hatte +die richtige Beobachtung gemacht, daß die Insekten in der tiefsten +Luftschicht am Boden, 15--20 Fuß hoch, am häufigsten sind. In Maypures +gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln +mitten in den Wasserfällen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos +eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden +wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch +weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwärts +fährt. + +Wer die großen Ströme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den +Magdalenenfluß nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne +Unterlaß, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft +schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite +Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewöhnt seyn +mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der +Gegenstand, den man eben beobachtet, beschäftigen mag, unvermeidlich wird +man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und +*Tempraneros* einem Hände und Gesicht bedecken, einen mit ihrem +Saugrüssel, der in einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durch +stechen, und in Nase und Mund kriechen, so daß man husten und nießen muß, +sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen +von unermeßlichen Wäldern umgebenen Dörfern am Stromufer, ist aber auch +die _plaga de los moscos_ ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung. +Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: »_Que le han +parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht +gefunden?« -- »_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den +Moskitos?« Diese Fragen erinnern an eine chinesische Höflichkeitsformel, +die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden +seyn mag, zurückweist. Man begrüßte sich früher im himmlischen Reich mit +den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt +worden?« Wir werden bald sehen, daß am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom, +besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem +Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze +wäre. + +Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten +aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwürdige +Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloß von der Hitze, +der großen Feuchtigkeit und den dichten Wäldern abzuhängen, sondern auch +von schwer zu ermittelnden örtlichen Verhältnissen. Vorab ist zu bemerken, +daß die Plage der Moskitos und Zancudos in der heißen Zone nicht so +allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400 +Toisen über dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den +großen Strömen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend +mehr Schnaken als in dem am stärksten bevölkerten Theile Europas. In Nueva +Barcelona dagegen und weiter westwärts an der Küste, die gegen Cap Codera +läuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote +und der Mündung des Rio Unare haben die unglücklichen Einwohner den +Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief +in den Sand zu begraben, so daß nur der Kopf frei bleibt, den sie mit +einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, daß es leicht +zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter +und von Cabruta gegen Uruana hinauffährt, zwischen dem siebenten und +achten Grad der Breite. Aber über dem Einfluß des Rio Arauca, wenn man +durch den Engpaß beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von +nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus +DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als hätte er die _‘Città +dolente’_ betreten, als ständen an den Felswänden beim Baraguan die +merkwürdigen Verse aus dem dritten Buch der Hölle geschrieben: + +_ Noi sem venuti al luogo, ov’i’t’ho detto _ +_ Che tu vedrai le genti dolorose. _ +[_Inferno_. C. III. 16.] + +Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuß Höhe sind mit +giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefüllt. Stellt man sich +an einen dunkeln Ort, z. B. in die Höhlen, die in den Katarakten durch die +aufgethürmten Granitblöcke gebildet werden, und blickt man gegen die von +der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr +oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen +und taktmäßigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der +Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in +Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures +erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, daß es ein Land +auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier +in der Regenzeit. Kommt man über den fünften Breitegrad hinaus, wird man +etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche +schmerzlicher, weil bei der Hitze und der völligen Windstille die Luft +glühender ist und die Haut, wo sie dieselbe berührt, mehr reizt. + +»Wie gut muß im Mond wohnen seyn!« sagte ein Saliva-Indianer zu Pater +Gumilla. »Er ist so schön und hell, daß es dort gewiß keine Moskitos +gibt.« Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehören, sind sehr +merkwürdig. Ueberall ist der Trabant der Erde für den wilden Amerikaner +der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, für den +eine Planke, ein Baumstamm, den die Strömung an eine pflanzenlose Küste +geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer +in den Wäldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie +von Moskitos gestochen werden. + +Weiterhin gegen Süd, wo das System der braungelben Gewässer beginnt, +gemeinhin _‘schwarze Wasser’_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des +Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich +hätte bald gesagt eines Glücks, wie wir es gar nicht erwartet hatten. +Diese Flüsse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Wälder; aber die +Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _‘schwarzen Wassern’_ +ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulä und Schnaken, +die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewässern, +die ein wenig kühler sind als die weißen und sich chemisch anders +verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flüsse, deren Wasser entweder +dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine +Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, daß es über _‘schwarzem +Wasser’_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flüssen wimmelt es davon, und +selbst die Indianer machten uns auf die räthselhafte Erscheinung +aufmerksam und ließen uns über deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren +auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Dörfern Maroa, Davipe und San +Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer +Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir +in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am östlichen Ende des obern +Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die +Moskitowolken fast so dick wie bei den großen Katarakten. In Mandavaca +fanden wir einen alten Missionär, der mit jammervoller Miene gegen uns +äußerte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rücken* (_ya tengo +mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu +betrachten, damit wir eines Tags _‘por alla’_ (über dem Meer) davon zu +sagen wüßten, was die armen Missionäre in den Wäldern am Cassiquiare +auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt +zurückläßt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken +geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der +*weißes Wasser* hat, wimmelt es von Mücken aus der Gattung _Simulium_, +aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehörig, sind desto seltener; +man sieht fast keine, während auf den Flüssen mit schwarzem Wasser meist +einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben +bemerkt, daß wenn bei den kleinen Revolutionen im Schooße des Ordens der +Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rächen will, er +ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere +Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*. + +Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, daß in diesem +Labyrinth weißer und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der +giftigen Insekten eine sehr ungleichförmige ist. Es wäre zu wünschen, daß +ein tüchtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede +dieser bösartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone +eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten könnte. +Sehr merkwürdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionären wohl +bekannt ist, daß die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und +daß man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten +gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven +Ausdruck der Missionäre, andere Insekten »auf die Wache ziehen,« hat man +ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen +Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle. +Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fünf Uhr Abends wimmelt die Luft von +Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist, +unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Mücke gleichen. Es +sind dieß Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach +LATREILLEs System. Ihr Stich hinterläßt einen kleinen braunrothen Punkt, +weil da, wo der Rüssel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und +geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von +einer kleinen Schnakenart abgelöst, _‘Tempraneros’_(41) genannt, weil sie +sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und +verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier +sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fühlt +man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr +langen Füßen. Der Zancudo, dessen Rüssel eine stechende Saugröhre enthält, +verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche +folgt, hält mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer +europäischen Schnaken, nur ist es stärker und anhaltender. Die Indianer +wollen *Zancudos* und *Tempraneros* »am Gesang« unterscheiden können; +letztere sind wahre Dämmerungsinsekten, während die Zancudos meist +*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden. + +Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die +Beobachtung, daß zwischen Mompox und Honda im Thal des großen +Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht +die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden +lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll +Heißhunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von +Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen müde? Am Orinoco +sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, während man auf dem +Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von +Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Flüsse +verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art +vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern? + +Wir haben gesehen, daß die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres +Auftretens und Verschwindens überall einen gewissen Typus befolgen. In +derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhält die Luft zu +bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevölkerung; +und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles +mit so bewundernswürdiger Regelmäßigkeit auf einander folgt, könnte man +beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des +Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zurückläßt, wieder anders schmerzen, +Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist. + +Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft +war, warf man häufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen +zusammen. In Japan, auf dem Rücken der Anden und an der Magellanschen +Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten +und Schnaken des nördlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente, +berühmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heißen Zone sey die +Schnake unserer Sümpfe, nur kräftiger, gefräßiger, schädlicher in Folge +des heißen Klimas; dieß ist aber ein großer Irrthum. Ich habe die +Zancudos, von denen man am ärgsten gequält wird, an Ort und Stelle +sorgfältig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluß und im Guayaquil +gibt es allein fünf ganz verschiedene Arten. + +Die *Culex*arten in Südamerika sind meist geflügelt, Bruststück und Füße +sind blau, geringelt, mit metallisch glänzenden Flecken und daher +schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Männchen, die sich durch ihre +gefiederten Fühlhörner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur +von Weibchen gestochen. Aus dem großen Uebergewicht dieses Geschlechts +erklärt sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere +hundert Eier legt. Fährt man einen der großen amerikanischen Ströme +hinauf, so bemerkt man, daß sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart +schließen läßt, daß bald wieder ein Nebenfluß hereinkommt. Ich führe ein +Beispiel dieser merkwürdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen +Heimath der Caño Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms +nur bis auf eine Meile nördlich vom Zusammenfluß der beiden Gewässer an; +derselbe geht den großen Strom hinauf, aber nicht hinab; in ähnlicher +Weise verkündigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in +der Gangmasse dem Bergmann die Nähe eines secundären Ganges, der sich mit +jenem verbindet. + +Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir, +daß unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der +Cordilleren(43) nicht in die gemäßigte Region hinausgehen, wo die mittlere +Temperatur weniger als 19--20 Grad beträgt;(44) daß sie mit wenigen +Ausnahmen die *schwarzen Gewässer* und trockene, baumlose Landstriche +meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern, +weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter +kahler Uferstrich zwischen dem Fluß und dem Waldsaum liegt. Mit dem +Seichterwerden der Gewässer und der Ausrodung der Wälder nehmen die +Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren +Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Städte +Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den +Straßen, den Plätzen und in den Höfen der Häuser das Buschwerk wuchern +läßt, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen. + +Alle im Lande Geborenen, Weiße, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom +Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes +nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht, +sich in Ländern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn +anders durch Lage und Regierungsweise die Verhältnisse für Handel und +Gewerbfleiß günstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga, +del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses beständigen +Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die +Handelsstädte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewöhnt +man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, daß +die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem +hyperbolischen Ausdruck der Mönche, »mehr Mücken als Luft« gibt (_mas +moscas que ayre_), unzweifelhaft blühende Städte würden, wenn der Orinoco +den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewährte, +wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt, +nimmt zwar die Bevölkerung langsamer zu, aber gänzlicher Stillstand tritt +deßhalb doch nicht ein; die Weißen lassen sich aus diesem Grunde nur da +nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhältnissen des +Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht. + +Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwürdigen Umstandes Erwähnung +gethan, daß die in der heißen Zone geborenen Weißen barfuß ungestraft in +demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europäer +Gefahr läuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandflöhe (_Pulex penetrans_) zu +bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennägel +ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am +Bauche des Insekts liegenden Eier, so groß wie eine kleine Erbse. Die +*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht +vermöchte, Zellgewebe und Blut eines Europäers von dem eines weißen +Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darüber an den +Küsten von Südamerika hört, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut +an wie die Europäer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden +Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Flüssigkeit, in die Haut eines +kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch +angekommenen Weißen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst +hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzündete Beulen, die mehrere +Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die +Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr +oder weniger reizbar sind. + +Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, daß die +Indianer, überhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weißen Schmerz +empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst +während des Ruderns, schlagen sich die Indianer beständig mit der flachen +Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf +schlagen sie, ungestüm in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre +Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das +persische Mährchen vom Bären, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der +Stirne seines schlafenden Herrn todtschlägt. Bei Maypures sahen wir junge +Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander +grausam den Rücken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die +kupfersarbige Race fähig ist, waren indianische Weiber beschäftigt, mit +einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden +Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der +barbarischsten Völker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der +_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben +werden. Wir haben oben gesehen, daß die Farbigen in Higuerote an der Küste +von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Dörfern am +Magdalenenfluß forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der +Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhäute zu legen. Man hatte daselbst +alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Nähe desselben +findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und +am Cassiquiare sahen, daß Bonpland wegen der unaufhörlichen Moskitoplage +seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre +_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heißen kleine Gemächer ohne Thüre und +Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche +kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch +gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschließt dann die Oeffnung des +Ofens. Daß man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer; +denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen +beleuchtet, wird es entsetzlich heiß darin. Bonpland hat mit einem Muth +und einer Geduld, die das höchste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in +diesen Hornitos der Indianer getrocknet. + +Die Mühe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern, +beweist hinlänglich, daß der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen +Organisation seiner Haut, für die Mückenstiche empfindlich ist, so gut wie +der Weiße; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz +nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge, +die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der +Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand +versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen +Amerika geborenen Weißen und die Europäer, die sehr lange in den Missionen +in der Nähe der Wälder und an den großen Flüssen gelebt, haben weit mehr +zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene +Europäer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die +Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhält, mehr +oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht deßhalb weniger +Geschwulst und Entzündung ein, weil ihre Haut eigenthümlich organisirt +ist; vielmehr hängen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des +Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr +warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getränke, durch das Kratzen +an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf +meiner eigenen Erfahrung, durch zu häufiges Baden. An Orten, wo man in den +Fluß kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die +Erfahrung, daß das Baden, wenn man es übertreibt, zwar den Schmerz der +alten Schnakenstiche linderte, aber uns für neue Stiche weit empfindlicher +machte. Badet man mehr als zweimal täglich, so versetzt man die Haut in +einen Zustand nervöser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen +Begriff machen kann. Es ist einem, als zöge sich alle Empfindung in die +Hautdecken. + +Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser +zubringen, so ist es nicht zu verwundern, daß in den von großen Flüssen +durchzogenen Wäldern diese bösartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg, +desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten +aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie +ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewöhnen sich auch die +wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den +Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage +auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen. +Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die +Wälder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich +Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In +Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der +schönen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so +könnten sie freier athmen und fänden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die +Mückenwolke -- so sagen die Mönche -- schwebt nur über dem Orinoco und +seinen Nebenflüssen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von +den Flüssen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von +Guyana und Brasilien, wenn man den großen, 400 Meilen breiten Wald +zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den +Flußthälern beurtheilte, die dadurch hinziehen. + +Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern +von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten. +Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten +erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem +Magdalenenfluß erfuhren wir, in Simiti habe man früher keine andere +Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen +kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die große Schnake mit +blauen Flügeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, daß +die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe +verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanälen (_esteros_) auf der Insel +Baru bei Carthagena lebt eine kleine weißlichte Mücke, *Cafasi* genannt. +Sie ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar und verursacht doch äußerst +schmerzhafte Geschwülste. Man muß die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die +als Mückennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den +gekreuzten Fäden durchschlüpfen kann. Dieses zum Glück sonst ziemlich +seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis +Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Mücken der +Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr. + +Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Mücken- +und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem +schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugrüssel ergießen, Einfluß zu +äußern. Am Orinoco sind die lästigsten oder, wie die Creolen sagen, die +wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den großen Katarakten, in +Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_ +besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefürchtet. Er ist dort +größer und stärker und seine Beine sind schwärzer. Man kann sich des +Lächelns nicht enthalten, wenn man die Missionäre über Größe und +Gefräßigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses +streiten hört. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiß, was in der +übrigen Welt vorgeht, ist dieß das Lieblingsthema der Unterhaltung. »Wie +sehr bedaure ich Euch!« sagte beim Abschied der Missionär aus den Raudales +zu dem am Cassiquiare. »Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der +Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heißer ist es +auch; was aber meine Mücken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich +rühmen, daß ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage.« + +Diese Gefräßigkeit der Insekten an gewißen Orten, diese Blutgier, womit +sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei +derselben Art sind sehr merkwürdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen +jedoch andere aus den Classen der großen Thiere zur Seite. In Angostura +greift das Krokodil den Menschen an, während man in Nueva Barcelona im Rio +Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die +Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig +denen am obern Orinoco gegenüber. Die Indianer wissen recht gut, daß die +Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zähmen sind, während Individuen +derselben Art, die man anderswo fängt, lieber Hungers sterben, als sich in +die Gefangenschaft ergeben. + +Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und +der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in +Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in +den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfällt, ganz und +gar. Am Magdalenenfluß findet man die vielen Moskitos lästig, aber sie +gelten für sehr gesund. »Diese Thiere,« sagen die Leute, »machen uns +kleine Aderläßen und schützen uns in einem so furchtbar heißen Land vor +dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzündlichen +Krankheiten.« Am Orinoco, dessen Ufer höchst ungesund sind, schreiben die +Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. »Diese Insekten entstehen aus +der Fäulniß und vermehren sie; sie entzünden das Blut (_vician y incienden +la sangre_).« Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch örtliche +Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in +Europa wissen die Bewohner sumpfigter Länder gar wohl, daß die Insekten +das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen, +die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzündliche +Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert. + +Die Menge der Schnaken und Mücken deutet nur insofern auf die Ungesundheit +einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von +denselben Ursachen abhängen, aus denen Miasmen entstehen. Diese lästigen +Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes +Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend +suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht, +Wärmestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitäten Vorschub +leistet und damit die Fäulniß organischer Substanzen beschleunigt. Tragen +die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, daß bis +auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuß Luft häufig eine Million geflügelter +Insekten(46) enthalten ist, die eine ätzende, giftige Flüssigkeit bei sich +führen; daß mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststücks (die +Füße ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich daß in dem Schnaken- und +Mückenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfüllt, sich eine Menge todter +Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch +seitliche, durch die ungleiche Erwärmung des Bodens erzeugte Ströme +fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhäufung von +thierischen Stoffen in der Luft nicht zur örtlichen Bildung von Miasmen +Anlaß geben muß? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft +als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine +Behauptung aufzustellen. Von den vielen Räthseln, welche das Ungesundseyn +der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines gelöst; sie hat uns nur +soviel gelehrt, daß wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fünfzehn +Jahren Dank den sinnreichen Träumen der alten Eudiometrie zu wissen +meinten. + +Nicht so ungewiß und fast durch tägliche Erfahrung bestätigt ist der +Umstand, daß am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, überall wo die Luft +sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur +Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den +Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte +Aufregung und schwächt, in Folge des schon so frühe erkannten Antagonismus +zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens. +Man fängt an schwer zu verdauen, die Entzündung der Haut veranlaßt profuse +Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig +zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine +geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr +heftig einwirken. Gegenwärtig sind es nicht mehr die Gefahren der +Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die +Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf +dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdrücken, +_el sudar y las moscas_ (der Schweiß und die Mücken). Es ist zu hoffen, +daß der Mensch, indem er die Bodenfläche umgestaltet, damit auch die +Beschaffenheit der Luft allmälig umändert. Die Insekten werden sich +vermindern, wenn einmal die alten Bäume im Wald verschwunden sind und man +in diesen öden Ländern die Stromufer mit Dörfern besetzt, die Ebenen mit +Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht. + +Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Ländern gelebt hat, wird gleich +uns die Erfahrung gemacht haben, daß es gegen die Insektenplage kein +Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkrötenfett +beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand +auf Schultern, Rücken und Beine, ungefähr wie wenn sie gar nicht *bemalt* +wären. Es ist überhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung +verschafft; soviel ist aber gewiß, daß es nicht schützt. Die Europäer, die +eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio +Chagre kommen (ich nenne hier die vier Flüsse, wo die Insekten am +furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Hände; bald aber +fühlen sie eine unerträgliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts +thun können, drückt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Hände +frei. Wer bei der Flußschifffahrt auf jede Beschäftigung verzichten +wollte, könnte aus Europa eine eigens verfertigte, sackförmige Kleidung +mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden +aufmachte; der Sack müßte durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine +bloße Maske und Handschuhe wären nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf +Häuten oder in Hängematten lagen, hätten wir uns auf dem Orinoco der +Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen können. Der Toldo leistet nur dann +gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet, +daß auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake +schlüpfen könnte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfüllen, und gelingt +es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo +man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muß man, um nicht vor Hitze zu +ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein +schwacher Wind, Rauch, starke Gerüche helfen an Orten, wo die Insekten +sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Fälschlich behauptet +man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthümlichen Geruch, den das +Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda +wurden wir jämmerlich zerstochen, während wir ein eilf Fuß langes Krokodil +zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den +Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei, +so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie, +wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen +Entladungen keine Regengüsse folgen. + +Alles was um Kopf und Hände flattert, hilft die Insekten verscheuchen. »Je +mehr ihr euch rührt, desto weniger werdet ihr gestochen,« sagen die +Missionäre. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er +dann einmal Vertrauen gefaßt, hat er einmal angefangen, seinen Saugrüssel +einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Flügel berühren, +ohne daß er sich verscheuchen läßt. Er streckt während dessen seine beiden +Hinterfüße in die Luft, und läßt man ihn ungestört sich satt saugen, so +bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen +Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an +uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Flüssigkeit +erst im Augenblick ergießt, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob +es die Flüssigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen läßt, soviel es +will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn hält man +dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handrücken hin, so ist der Schmerz +anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt +fortsaugt, und hört ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich +habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit +zerdrückten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber +keine Geschwulst darauf. Die reizende Flüssigkeit der _Diptera Nemocera_ +die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine +Säure verhält, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in +eigenen Drüsen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verdünnt und +damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrückten Thiere +reibt. + +Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf +unsern Reisen über Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher +von der Naturforschung auffallend vernachlässigt wurden, obgleich sie auf +das Wohl der Bevölkerung, die Gesundheit der Länder und die Gründung neuer +Colonien an den Strömen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluß +sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich diesen Gegenstand mit +einer Umständlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen könnte, +fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen +Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Großen stark angeregt, +und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir +haben gesehen, wie geflügelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem +Saugrüssel eine die Haut reizende Flüssigkeit bergen, große Länder fast +unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten +(_Comejen_), setzen in mehreren heißen und gemäßigten Ländern des +tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende +Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe, +Pergament; sie zerstören Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von +spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt +wäre. Wie soll sich die Cultur bei den Völkern entwickeln, wenn nichts +Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, wenn man die Niederlagen +menschlicher Kenntnisse öfters erneuern muß, wenn die geistige +Errungenschaft der Nachwelt nicht überliefert werden kann? + +Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr +schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft, +und die Insekten stören nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann +man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefährlichen +Termiten. In 200 Toisen Meereshöhe fürchtet man die Mücken nicht mehr; die +Termiten sind in 300 Toisen Höhe noch sehr häufig, aber in Mexico, Santa +Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen großen +Hauptstädten auf dem Rücken der Cordilleren findet man Bibliotheken und +Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner täglich +vermehren. Zu diesen Verhältnissen, die ich hier nur flüchtig berühre, +kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht über die +niedern Regionen des heißen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten +Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwälzungen, die der +Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den +Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so läßt sich noch weit +bestimmter annehmen, daß diese Berge, die Wiege so vieler und so +verschiedener Völker, in der heißen Zone für alle Zeit der Mittelpunkt der +Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemäßigten Hochebenen, +von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklärung und der Segen +gesellschaftlicher Einrichtungen über die unermeßlichen Wälder am Fuße der +Anden verbreiten, die jetzt noch von Stämmen bewohnt sind, welche eben die +Fülle der Natur in Trägheit niedergehalten hat. + + ------------------ + + + + + + 25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_. + + 26 Schwimmende Gärten. + + 27 Diese Landenge, von der schon öfters die Rede war, wird von den + Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der + Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379. + +_ 28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage, + Bd. 1. S. 249. + + 29 Eine große Reiherart. + + 30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132. + +* 31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden + ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz, + Portage. + +_ 32 Nat. Quaest._ IV. c. 2. + + 33 Der *Chellal* zwischen Philä und Syene hat zehn Staffeln, die + zusammen einen 5 bis 7 Fuß hohen Fall bilden, je nach dem tiefen + oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang. + + 34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als + genau erscheint. Nach ihm hätte seit dem ersten Jahrhundert vor + unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen + und seine Richtung sich verändert. Damals ging man den Chellal auf + beiden Seiten hinauf, gegenwärtig ist nur auf Einer Seite eine + Wasserstraße; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar + geworden. + + 35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den großen Katarakten + des östlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die über + 200 Fuß hoch sind? + +_ 36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Philä* + findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens) + wieder. + + 37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß, so mangelhaft noch die + Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich + mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern + Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de + musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_), + im fünften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklärung + der Verstärkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der + Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des + PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgespräche_, Buch VIII. Frage 3), welche + die angeführte des Aristoteles unterstützt. -- Boethus, der erste + der Disputirenden, behauptet, die Kälte bei Nacht ziehe die Luft + zusammen und verdichte sie, und man höre den Schall bei Tag nicht so + gut, weil dann weniger Zwischenräume zwischen den Atomen seyen. Der + zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Räume, wie + Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde + von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt; + man höre bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein + herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Geräusch verursachen; + des Nachts aber höre diese Bewegung auf und folglich auch das damit + verbundene Geräusch. Boethus versichert, daß er keineswegs + Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten + Theile müsse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das + Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die + Luft macht den Körper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also + ruhig und beständig, so läßt sie auch die Theile und Schwingungen + des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderniß fortgehen und + befördert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle günstig, + Erschütterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft + verhindert, daß von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Töne + zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und + vielfachen ihnen etwas zuzuführen pflegt. Die Sonne, dieser große + und mächtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten + Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und + belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung; + Humboldt hat die alte französische Uebersetzung des Amyot + ausgezogen. Anm. des Herausgebers). + + 38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenfluß einen Eber mit + gekrümmten Hauern und Längsstreifen auf dem Rücken geschossen. + Sollte es dort verwilderte europäische Schweine gehen? + + 39 Im Gesammtausdruck der Züge, nicht der Stirne nach. + +_ 40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine + Mücke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen + spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet »Langfuß,« _qui + tiene las zancas largas_. + + 41 »Die früh auf sind,« _temprano_. + + 42 Durch die ausnehmende Regelmäßigkeit im stündlichen Wechsel des + Luftdrucks. + + 43 Der europäische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie + die Culexarten der heißen Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in + Grönland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland + kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshöhe bei einer + mittleren Temperatur von 11--12° vor. + + 44 Weniger als 15°,2 und 16° Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur + von Montpellier und Rom. + + 45 Diese Gefräßigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst + von Pflanzensäften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat + allerdings etwas Auffallendes. »Was fräßen die Thiere, wenn wir + nicht hier vorüberkämen?« sagen oft die Creolen auf dem Wege durch + ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und + behaarte Affen gibt. + + 46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, daß der + Cubikfuß 2,985,984 Cubiklinien enthält. + + + + + +EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von + Quittuna. -- Der Einfluß des Vichada und Zama. -- Der Fels + Aricagua. -- Siquita. + + +Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von +Atures, dem Einfluß des Rio Cataniapo gegenüber; wir brachen dahin auf. +Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze führt, sahen wir den Pic +Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine über dem Horizont der Ebenen +aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuß dieser Gebirge +umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom +Fluß die Felsen bei der Höhle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit, +diese Grabstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir +bedauerten dieß um so mehr, da Pater Zea nicht müde wurde, uns von den mit +Onoto bemalten Skeletten in der Höhle, von den großen Gefäßen aus +gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen +scheinen, und von vielen andern merkwürdigen Dingen zu erzählen, so daß +wir uns vornahmen, dieselben auf der Rückreise vom Rio Negro in +Augenschein zu nehmen. »Sie werden es kaum glauben,« sagte der Missionär, +»daß diese Gerippe, diese bemalten Töpfe, diese Dinge, von denen wir +meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem +Missionär von Carichana, Unglück gebracht haben. Sie haben gesehen, wie +elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht +einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem +Lande gefunden. Ein Weißer, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem +Apure lebt, hat kürzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht, +ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionär von Carichana gefunden, +unter den Gräbern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in +Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewußt, daß die Gesellschaft werde +aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefäße bei +Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada +an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den +Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner +Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas führte beim +Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persönlich zu +erscheinen. Wir mußten ganz umsonst eine Reise von hundert fünfzig Meilen +machen, und es half nichts, daß wir erklärten, wir haben in den Höhlen +nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermäuse; +man ernannte mit großer Wichtigkeit Commissäre, die sich hieher begeben +und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten +vorhanden sey. Aber wir können lange auf die Commissäre warten. Wenn sie +auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos +Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mückenwolke (_nube de +moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen.« + +Diese Geschichte des Missionärs wurde uns später in Angostura aus dem +Munde des Statthalters vollkommen bestätigt. Zufällige Umstände geben zu +den seltsamsten Vermuthungen Anlaß. In den Höhlen, wo die Mumien und +Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den +unzugänglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit +eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europäischen Werkzeugen, Resten +von Kleidungsstücken, Rosenkränzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die +Gegenstände haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und +Gran-Para angehört, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco über +Trageplätze und die Flußverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und +mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen +den Seuchen, die in den Raudales so häufig sind, erlegen und ihre Kisten +den Indianern in die Hände gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich +mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besaßen, beerdigen lassen. Nach +diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Mährchen von einem versteckten +Schätze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Trümmern liegende +Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die französischen +Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, für ein _Inca pilca_, +das heißt für ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene +Schatz nur einem Orden gehört haben, der ohne Zweifel die Missionen besser +verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen +Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr übertrieben worden +sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen +keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren +von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen +sollten. Man zog daraus den falschen Schluß, die Schätze seyen allerdings +vorhanden gewesen, aber treuen Indianern überantwortet und in den +Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens +versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniß beibringen, aus dem +unzweifelhaft hervorgeht, daß der Vicekönig von Neu-Grenada die Jesuiten +vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco, +ein spanischer Genieofficier, erzählte mir in Angostura, er habe mit Don +Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionäre in Carichana zu +verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den +Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine +der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach +langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem +der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionäre am +Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in +Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei +Vorsichtsmaßregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der +Regierung, deren Befehle mit unnöthiger, unvernünftiger Strenge vollzogen +wurden. + +Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales +geschafft; sie schienen mit dem mäßigen Lohne, der ihnen gereicht wurde +[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschäft bringt ihnen +wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jämmerlichen Zuständen +und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben, +merke ich hier an, daß der Missionar in drei Jahren, außer den Fahrzeugen, +welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jährlich nach Angostura +schickt, um die Löhnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fünf Piroguen +vom obern Orinoco, die zur Schildkröteneierernte fuhren, und acht mit +Handelsgut beladene Canoes sah. + +Am 17. April. Nach dreistündigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens +bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea ließ mit unsern Instrumenten den +wenigen Mundvorrath einschiffen, den man für die Reise, die er mit uns +fortsetzen sollte, hatte auftreiben können: ein paar Bananenbüschel, +Manioc und Hühner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluß des +Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen +weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur großen Familie der +Salivas-Völker gehören. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre +Gutmüthigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu rühmen. + +Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen +Stunden gingen wir über den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei +Hochwasser leicht zu überwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette +Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiß, nicht aus geschichtetem Granit +besteht. Auffallend war uns eine Reihe großer Löcher mehr als 180 Fuß über +dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen +scheinen. Wir werden später sehen, daß diese Erscheinung beinahe in +derselben Höhe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50 +Meilen gegen Ost beim Einfluß des Rio Jao vorkommt. Wir übernachteten im +Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schön +und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, daß ich mit dem +Nivellement des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um +die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont wäre mir auf dieser +Reise von großem Nutzen gewesen. + +Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor +Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten +Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluß des Rio Tomo an; die Indianer +lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es +war gegen fünf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine +geringe Aufgabe, die Strömung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu +überwinden, die sich von einer mehrere Fuß hohen Gneißbank stürzt. Ein +Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Hälften theilt; man +band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe +genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere +getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures +hatten auftreiben können, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, daß auf +dem natürlichen Wehr, über das sich der Strom stürzt, ein beträchtliches +Stück Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere +Pirogue heraufschaffen. + +Der Gneißfels hat kreisrunde Löcher, von denen die größten 4 Fuß tief und +18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen +durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Körper entstanden zu seyn. +Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht +gefährlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um +ihm den quälenden Durst zu löschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in +einem der Felslöcher einen kühlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von +Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und +Grenadillen oder Früchten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_ +genannt, mitgenommen. Da wir gar kein großes Gefäß hatten, in dem man +Flüssigkeiten mischen konnte, so goß man mit einer _Tutuma_ (Frucht der +_Crescentia Cujete_) Flußwasser in eines der Löcher und that den Zucker +und den Saft der sauren Früchte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir +ein treffliches Getränke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren +Ort; aber der Drang des Bedürfnisses machte uns von Tag zu Tag +erfinderischer. + +Nachdem wir unsern Durst gelöscht, hatten wir große Lust zu baden. Wir +untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und +bemerkten, daß er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen +das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim +Getöse des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwähne dieser +kleinen Umstände, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern, +und dann weil sie allen, die große Reisen zu unternehmen gedenken, +augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umständen im Leben sich Genuß +verschaffen kann. + +Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue über den Raudal +heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorräthe wieder ein und wir +eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt, +die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluß ist 800 Toisen breit, und wir +mußten oberhalb des Katarakts schief darüber fahren, an einem Punkt, wo +das Wasser, weil das Bett stärker fällt, dem Wehr zu, über das es sich +stürzt, mit großer Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter +überrascht, bei dem zum Glück kein starker Wind ging, aber der Regen goß +in Strömen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der +Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal +näher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die +Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfänglichen +Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und +wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an. + +Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei +Blitzschläge waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz +hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich führe diesen Fall an, +weil man in diesen Ländern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf +ihrer Oberfläche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, daß der Blitz +seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster. +Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis +auf die Haut durchnäßt. Wie der Regen nachließ, kamen auch die Zancudos +wieder mit dem Heißhunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer +zeigen. Meine Gefährten waren unschlüssig, ob wir im Hafen im Freien +lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuß fortsetzen sollten. +Pater Zea, der in beiden Raudales Missionär ist, wollte durchaus noch nach +Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission +ein großes Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. »Sie finden dort,« +meinte er naiv, »dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich +weder Tisch noch Bank, aber Sie hätten nicht so viel von den Mücken zu +leiden; denn so unverschämt sind sie in der Mission doch nicht wie am +Fluß.« + +Wir folgten dem Rath des Missionärs und er ließ Copalfackeln anzünden, von +denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefüllte Röhren von +Baumwurzeln. Wir gingen anfangs über kahle, glätte Felsbänke und dann +kamen wir in sehr dichtes Palmgehölz. Zweimal mußten wir auf Baumstämmen +über einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind +wunderlich zusammengesetzt (der hölzerne Docht umgibt das Harz), geben +mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefährte, Don Nicolas +Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm über den +Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wußten, +wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glück war der Grund nicht tief und +er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich +ziemlich fertig auf spanisch ausdrückte, ermangelte nicht, davon zu +sprechen, daß wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern +angegriffen werden könnten. Solches ist eigentlich die obligate +Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die +Indianer glauben, wenn sie dem europäischen Reisenden Angst einjagen, sich +nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der +plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie +überall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und +Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da +etwas quälerischen Regiment der Mönche sucht er seine Lage durch die +kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und +jeder physischen und geistigen Schwäche sind. + +Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel +uns der Anblick und die Verödung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen +im tiefsten Schlaf; man hörte nichts als das Geschrei der Nachtvögel und +das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen +Ruhe der Natur hat das eintönige Brausen eines Wasserfalls etwas +Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem +kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegründet +wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt +als Atures. + +Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht, +wie alle Wasserfälle, durch den Widerstand den der Fluß findet, indem er +sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den +Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den +ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas +den Beweis zu liefern, daß sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt +bedeutend erleichtern ließe, wenn man zwischen zwei Nebenflüssen des +Orinoco, in einem Thal, das früher das Strombett gewesen zu seyn scheint, +einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den +Quellen der Flüsse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette +von Granithügeln aus. Von dieser Kette kommen drei Flüßchen herab, die den +Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, nämlich am östlichen Ufer der +Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures +gegenüber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurück und bilden, wie eine +felsigte Küste, eine nach Südwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluß des +Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses großartigen +Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt. + +Gegenwärtig fließt der Orinoco am Fuß der östlichen Bergkette. Vom +westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem +tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum +dreißig Fuß über dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem +trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstämmen die +kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Hütten. Im trockenen +Grund, der in gerader Linie von Süd nach Nord läuft, vom Cameji zum +Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithügel, ganz ähnlich +denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz +ähnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im +verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und +Camanitamini verglich, die östlich von der Mission gleich alten Burgen +mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das +inselhafte Ansehen auch der vom gegenwärtigen Stromufer entlegensten +Hügel, die Löcher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespült zu haben +scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie +die Höhlungen an der Insel Ouvitari gegenüber -- alle diese Umstände +zusammen beweisen, daß diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter +Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es +wegen des Dammes gegen Nord nicht abfließen konnte; als aber dieser Damm +durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine +ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann +annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefüllt, den +wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als +das Wasser allmälig fiel, zog es sich ganz gegen die östliche Kette und +ließ den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze +Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herrührt, scheinen die +Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem +Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, daß hier +einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluß hinauf, so ladet man die +Fahrzeuge am Einfluß des Toparo in den Orinoco aus und übergibt sie den +Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, daß sie für jede Staffel +einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluß des +Cameji, wo die Gefahr für überstanden gilt. + +Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei +Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren +beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von +Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke +von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdämmen zwischen +diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Dämmen oder natürlichen Wehren +sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der +Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Süd nach +Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen +neun Fuß hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall. +Aber, ich muß das wiederholen: das Getöse, mit dem die Wasser +niederstürzen, gegen einander stoßen und zerstäuben, hängt nicht sowohl +von der absoluten Höhe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr +von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuß +der Raudalitos oder partiellen Fälle, von der größeren oder geringeren +Weite der Kanäle, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuß breit ist. +Die östliche Hälfte der Katarakten von Maypures ist weit gefährlicher als +die westliche, weßhalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes +vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei +niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muß man die +Piroguen *tragen*, das heißt auf Walzen oder runden Baumstämmen schleppen. +Wir haben schon oben bemerkt, daß bei Hochwasser (aber nur dann) der +Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures. + +Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Großartigkeit mit Einem Blicke +zu umfassen, muß man sich auf den Hügel Manimi stellen, einen Granitgrat, +der nördlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts +ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi +besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an +diesem außerordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel. +Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile +weit, eine Schaumfläche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen +eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen, +abgerundete Massen, Basalthügeln ähnlich; andere gleichen Thürmen, +Castellen, zerfallenen Gebäuden. Ihre düstere Färbung hebt sich scharf vom +Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen +kräftiger Bäume bewachsen. Vom Fuß dieser Felsen an schwebt, so weit das +Auge reicht, eine dichte Dunstmasse über dem Strom, und über den +weißlichen Nebel schießt der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese +großartigen Gewächse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der +_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm über 80 Fuß +hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blätter dieser Palme sind sehr +glänzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich +die Schaumfläche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die +Palmen ihre gewaltigen Schatten darüber, bald bricht sich der Strahl der +untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhüllt. +Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im +Spiel der Lüfte schwebt ihr Bild über der Fläche. + +Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Hügel Manimi vor +einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole, +was ich schon einmal geäußert: weder die Zeit, noch der Anblick der +Cordilleren und der Aufenthalt in den gemäßigten Thälern von Mexico haben +den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich +gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren +Hauptreize strömende Wasser und ein kräftiger Pflanzenwuchs sind, so +schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen über einer +Dunstschicht emporragen. Es ist mit den großartigen Naturscenen, wie mit +dem Höchsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurück, die +immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung +mischen, so oft etwas Großes und Schönes uns die Seele bewegt. + +Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz, +wie er diesem Himmelsstriche eigenthümlich ist. Nie bewegt hier ein +Windhauch das Laub der Bäume, nie trübt eine Wolke den Glanz des blauen +Himmelsgewölbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet, +über dem Boden, den Gewächse mit glänzenden Blättern bedecken, über dem +Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat für den +Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes. +Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu +Fels niederstürzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft +der Donner aus dem Gewölk mit dem Donner der Wasserfälle sich mischt, wo +am düstern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in +den Wipfeln der Tannen hängen. In den Niederungen der Festländer unter den +Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine +Großartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verläugnet, wo eines +der Elemente mit unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen hat. In der Nähe +des Aequators kommen heftige Stürme und Ungewitter nur auf den Inseln, in +pflanzenlosen Wüsten, kurz überall da vor, wo die Luft auf Flächen mit +sehr abweichender Strahlung ruht. + +Der Hügel Manimi bildet die östliche Grenze einer Ebene, aus der man +dieselben, für die Geschichte der Vegetation, das heißt ihrer allmähligen +Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen +beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der +Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen, +dessen kahle Bänke wagerecht daliegen. Diese mit den schönsten, +wohlriechendsten Gewächsen geschmückten Landeilande gleichen den mit +Blumen bedeckten Granitblöcken, welche die Alpenbewohner Jardins oder +Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen. +Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugänglichen Klippen wächst +die Vanille. Bonpland hat ungemein gewürzreiche und außerordentlich lange +Schoten gebrochen. + +An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuß des Felsen +Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuß lange +Schlange todt, die wir mit Muße untersuchen konnten. Die Macos nannten sie +_Camudu_; der Rücken hatte auf schön gelbem Grunde theils schwarze, theils +braungrüne Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten +rautenförmige Flecken. Es war ein schönes, nicht giftiges Thier, das, wie +die Eingeborenen behaupten, über 15 Fuß lang wird. Ich hielt den Camudu +Anfangs für eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, daß bei ihm die +Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine +Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht, +denn große Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, daß alle Pythons +der alten, alle Boas der neuen Welt angehören. Da die Boa des Plinius(47) +eine afrikanische und südeuropäische Schlange war, so hätte DAUDIN wohl +die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen +sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar +große Vierfüßer packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen +zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und +von der Küste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewöhnt man +sich doch nur schwer daran, daß es in der Halbkugel, in der Virgil die +Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage +weit südlicheren Völkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll. +Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue +Vorschläge zur Abänderung vermehren, und bemerke nur, daß, wo nicht der +große Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionäre und die +*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut +die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, ächte Boas mit einfachen +Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu ähnlichen +Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die +Traga Venadas haben auf dem Rücken keine Querstreifen, sondern eine Kette +rautenförmiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise +an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder +_Culebras de agua_. + +Geht man nach Westen, so sieht man die runden Hügel oder Eilande im +verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen +in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im +Lande berühmt wegen eines weißen, weithin glänzenden Flecks, in dem die +Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile +Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weiße Fleck ein +mächtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gänge sie im Granit, der in +Gneiß übergeht, häufig bilden. Gegenüber dem Keri oder *Mondfelsen*, am +Zwillingshügel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist, +zeigen einem die Indianer mit geheimnißvoller Wichtigkeit einen ähnlichen +weißen Fleck. Derselbe ist scheibenförmig, und sie sagen, es sey das Bild +der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden +Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen +Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die ältesten +geschichtlichen Denkmäler der Völker sind, so haben die Sprachforscher die +Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_, +das in einem semitischen Dialekt ursprünglich Sonne bedeutet zu haben +scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen +Anlaß gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott +der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen +gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus +sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel +alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen, +zufälligen Lautähnlichkeit in Sprachen schließen, die sonst nichts mit +einander gemein haben? + +Betrachtet man die Namen der von den spanischen Mönchen gestifteten +Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevölkerungselemente, +mit denen sie gegründet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die +Jesuiten, als sie diese Dörfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die +Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegründet, +vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen +und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und +vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovölker angehören. Zur +Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich; +sie zählte 600 Einwohner, darunter mehrere weiße Familien. Unter der +Verwaltung der Observanten ist die Bevölkerung auf weniger als 60 +herabgesunken. Man kann überhaupt annehmen, daß in diesem Theile von +Südamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurückgegangen ist, +während wir jenseits der Wälder, in den Provinzen in der Nähe der See, +Dörfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind +ein sanftmüthiges, mäßiges Volk, das sich auch durch große Reinlichkeit +auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wüsten Hang zu +geistigen Getränken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos, +Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den +übermäßigen Genuß der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getränke, +die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfrüchten zu bereiten +wissen; die Reisenden haben aber, wie gewöhnlich, für allgemeine Sitte +ausgegeben, was nur einzelnen Stämmen zukommt. Sehr oft konnten wir +Guahibos oder Macos-Piaroas, die für uns arbeiteten und sehr erschöpft +schienen, nicht vermögen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die +Europäer müssen erst länger in diesen Ländern gesessen haben, ehe sich die +Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Küsten bereits so gemein +sind. In Maypures fanden wir in den Hütten der Eingeborenen eine Ordnung +und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Häusern der Missionäre +selten begegnet. + +Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund +Manioc in Kuchen oder dünnen Scheiben, das landesübliche Brod, kosten +sechs Silberrealen, ungefähr vier Franken. Wie die meisten Indianer am +Orinoco haben auch die in Maypures Getränke, die man nahrhafte nennen +kann. Eines dieser Getränke, das im Lande sehr berühmt ist, wird von einer +Palme gewonnen, die in der Nähe der Mission, am Ufer des Auvana wild +wächst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Blüthentraube 44,000 +Blüthen geschätzt; der Früchte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es +ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten +lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das +zuckersüß ist, und sofort in einem großen Gefäß mit Wasser zerstampft und +zerrieben wird. Der kalte Aufguß gibt eine gelblichte Flüssigkeit, die wie +Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der +Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei +Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken +Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in +die Wälder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen +Trompete). »Dadurch«, sagen sie, »wird der Baum gezwungen im folgenden +Jahr reichen Ertrag zu geben.« Das Volk bezahlt für diese Ceremonie, wie +man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Völkern noch näher bei uns, +Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafür bezahlt, daß sie +mit Zaubersprüchen oder Gebeten die weißen Ameisen und die Heuschrecken +vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung +der Jahreszeiten verkehren. + +»_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._« (ich habe in meinem Dorfe eine +Steingutfabrik), sprach Pater Zea und führte uns zu einer indianischen +Familie, die beschäftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von +Strauchwerk große, zwei und einen halben Fuß hohe Thongefäße zu brennen. +Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des großen Volksstamms der +Maypures eigenthümlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit +zu treiben. Ueberall in den Wäldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz, +stößt man, wenn man den Boden aufgräbt, auf Scherben von Töpfen und +bemaltem Steingut. Die Liebhaberei für diese Arbeit scheint früher unter +den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn. +Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Trümmern einer aztekischen +Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhügeln der Miamis, in +Florida und überall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der +Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und höchst auffallend ist die +durchgängige große Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche +civilisirten Völker, die durch ihre staatlichen und religiösen +Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren, +(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen, +an einem eigenthümlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach +denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren +sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den +Befestigungslinien und in den Ringwällen gefunden, die von einem +unbekannten, gänzlich ausgestorbenen Volke herrühren. Die Malereien auf +diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die +Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon +anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen +Verzierungen, ganz wie wir sie in der Höhle von Ataruipe auf den Gefäßen +gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre +»_‘Grecques’_« Mäanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von +einem großen vierfüßigen Thier, von dem ich nicht wußte, was es vorstellen +soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich könnte bei dieser +Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenrüssel gedenken, den ich im +Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemälde gefunden; ich +könnte keck die Hypothese aufstellen, das große vierfüßige Thier auf den +Töpfen der Maypures gehöre einem andern Lande an und der Typus desselben +habe sich auf der großen Wanderung der amerikanischen Völker von Nordwest +nach Süd und Südost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei +so schwankenden, auf nichts sich stützenden Vermuthungen aufhalten? Ich +möchte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir +vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers +sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick +und Zufall Figuren erzeugt, über deren Herkunft wir gar ernsthaft +verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine +Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde. + +Am geschicktesten führen die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach +combinirten Linien aus, wie wir sie auf den großgriechischen Vasen, auf +den mexicanischen Gebäuden in Mitla und auf den Werken so vieler Völker +sehen, die, ohne daß sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches +Vergnügen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die +Arabesken, die Mäander vergnügen unser Auge, weil die Elemente, aus denen +die Bänder bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das +Auge verhält sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr +derselben Formen wie das Ohr zur taktmäßigen Aufeinanderfolge von Tönen +und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, daß beim Menschen das Gefühl +für den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten +Anfängen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt? + +Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das +Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu +Cylindern und arbeiten mit den Händen die größten Gefäße aus; Der +amerikanische Indianer weiß nichts von der Töpferscheibe, die sich bei den +Völkern des Orients aus dem frühesten Alterthum herschreibt. Man kann sich +nicht wundern, daß die Missionäre die Eingeborenen am Orinoco nicht mit +diesem einfachen, nützlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man +bedenkt, daß es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf +der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenüber, gedrungen ist.[S. +Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde, +besonders gelber und rother Ocker, der in Höhlungen des Sandsteins +vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an, +nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man +überzieht die Malerei mit einem Firniß von _Algarobo_, dem durchsichtigen +Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die großen Gefäße zur Aufbewahrung der +_Chiza_ heißen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der +Küste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiß man am Orinoco nicht allein +von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und +selbst von den Guamos, daß sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Früher +war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA +fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu +seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren. + +Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleißes bei Völkern, die +wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem übergehe, +mache ich noch eine Bemerkung, die über die Geschichte der amerikanischen +Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten, +ostwärts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den großen +canadischen Seen, findet man im Boden fast überall bemalte Topfscherben +und daneben kupferne Werkzeuge. Dieß erscheint auffallend in einem Lande, +wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europäer mit dem Gebrauch der +Metalle unbekannt waren. In den Wäldern von Südamerika, die sich vom +Aequator bis zum achten Grad nördlicher Breite, das heißt vom Fuße der +Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte +Töpfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur künstlich +durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat +man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden, +obgleich man in den Gebirgen an der Küste und auf dem Rücken der +Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur +Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher rührt +dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemäßigten und der heißen Zone? Die +peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den +Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre +Sprache auf einem beschränkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint +die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in +Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Völker von Guyana irgend einen +merklichen Einfluß geäußert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen +dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die +Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen möchten, aus +Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Mörtel zehn bis fünfzehn Fuß +hohe und sieben bis achttausend Fuß lange Mauern gebaut. Diese +räthselhaften Ringwälle und Ringmauern umschließen oft gegen 150 Morgen +Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der +Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur +westwärts auf dem Rücken der Gebirge; aber der Orinoco und die Länder +zwischen diesem großen Fluß und dem Amazonenstrom scheinen niemals von +Völkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit +widerstanden hätten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins härteste +Felsgestein eingegraben, so hat man doch südlich vom achten Breitengrade +bis jetzt nie weder einen Grabhügel, noch einen Ringwall, noch Erddämme +gefunden, wie sie weiter nordwärts auf den Ebenen von Barinas und Canagua +vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den östlichen Stücken der +beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von +Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer +ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die +Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Völker, deren +Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila +entgegen treten, mochten einzelne Stämme gegen Ost in die offenen Fluren +am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als +in Neu-Mexico; aber in Südamerika, wo die große Völkerströmung von Nord +nach Süd ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Rücken der +tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben, +in die glühend heißen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Flüssen +überschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heißen +Zone die Ueberfülle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und +Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschränkten, +Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes bedürfen, nicht aufkommen +ließen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden +verewigten. + +Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Mönche sie +eingeführt, wieder rückwärts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der +Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu +machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend +vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am +Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur +die schwarzen und weißen Schweine (letztere heißen französische Schweine, +_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen) +haben trotz der reißenden Thiere ausgedauert. Mit großem Interesse sahen +wir um die Hütten der Indianer _‘Guacamayas’_ oder zahme Aras, die auf den +Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist dieß die größte und +prächtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern +Reisen angetroffen. Sie mißt mit dem Schwanz 2 Fuß 3 Zoll, und wir haben +sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_ +-- so heißt hier der Vogel -- das häufig gegessen wird, ist schwarz und +etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben, +purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine große Zierde der +indianischen Hühnerhöfe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen, +Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Vögel aus einer dem +Hühnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon +CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte +er beobachtet, daß die Eingeborenen auf den Antillen statt Hühner Aras +oder große Papagaien aßen. + +Beim kleinen Dorfe Maypures wächst ein prächtiger, über 60 Fuß hoher Baum, +den die Colonisten _‘Frutta de Burro’_ nennen. Es ist eine neue Gattung +_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich +früher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und +stehen pyramidalisch aufwärts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi, +fälschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist berühmt, weil seine +aromatischen Früchte, als Ausguß gebraucht, ein wirksames Fiebermittel +sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den größten Theil des Jahres am +dreitägigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Säckchen mit +_fruttas de Burro_ bei sich zu führen. Unter den Tropen braucht man meist +lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_ +oder die Fruchthülle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der +_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von +Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil +gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo +dieses herrliche Heilmittel wächst, sucht man die Fieber durch Aufgüsse +von _Scoparia dulcis_ _‘abzuschneiden’_, oder auch durch warme Limonade +aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde öligt und +aromatisch zugleich ist. + +Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht günstig; indessen +erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender +Sonnenhöhen, nach denen der Chronometer für die Mission Maypures +70° 37′ 33″ Länge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns +gegen Norden gleich 59° 13′ 57″ gefunden. Die neuesten Karten sind in der +Länge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie mühsam und +qualvoll diese nächtlichen Beobachtungen waren, vermöchte ich kaum zu +beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete +ein paar Fuß über dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer +dichter, je näher man gegen den künstlichen Horizont hinleuchtete. Die +meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den +Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere +machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Hütten an und hängen ihre Matten +mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29°, bei +Tag auf 30°. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen, +grobkörnigen Granitsand 60°,3 [48°,2 Reaumur, Gräser von frischestem Grün +wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weißen, aber feinkörnigen und +dichteren Granitsand 52°,5 heiß; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen +war 47°,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuß über dem Boden +im Schatten 29°,6, in der Sonne 36°,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang +zeigte der grobe Sand 32°, der Granitfels 38°,8, die Luft 28°,6, das +Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberfläche, 27°,6, das Wasser einer +schönen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt, +27°,8. Es ist dieß vielleicht etwas weniger als die mittlere +Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in +Maypures betrug 31°,10, also 1°,15 weniger als im Dorfe Atures, das um +25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt. + +Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im +kleinen Dorfe Maypures neben dem obern großen Katarakt schifften wir uns +um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionär +von Carichana uns überlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und +durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich +beschädigt; aber ihrer warteten noch größere Fahrlichkeiten. Sie mußte vom +Rio Tuamini zum Rio Negro über eine Landenge 36,000 Fuß weit geschleppt +werden, sie mußte über den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und +zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und +Seitenwände der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise +auszuhalten. + +Sobald man über die großen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer +neuen Welt; man fühlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die +Natur selbst zwischen den cultivirten Küstenstrichen und den wilden, +unbekannten Ländern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in +blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami; +ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin +bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic +Calitamini (so heißt dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von +röthlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch +ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht über 600 Toisen hoch ist.(51) +Ich glaube, dieser gewöhnlich röthliche, zuweilen silberweiße Schimmer ist +ein Reflex von großen Talgblättern oder von Gneiß, der in Glimmerschiefer +übergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort, +auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztrümmern +und Brauneisenstein aufgelagert ist. + +Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der +Bäume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schöne Färbung +ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Rücken und Kopf schön +sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weißer Streif lief von +der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang, +nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn +man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt, +macht, daß die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg +entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr +merkwürdig ist, Räderspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem +unbekannten Geschöpf, von den Thieren mit großen Hörnern, welche zur Zeit +der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo +zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Mühe des +Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures +wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie +die Römer über die _‘lucanischen Ochsen’_ (die Elephanten im Heere des +Pyrrhus). + +Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zöge, der die kleinen Flüsse +Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die +Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den +ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitän von Caracas, Guevara +Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt +von Maypures sind die Bodenverhältnisse so günstig, wie man sie bei Atures +vergeblich suchte. Der Canal würde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem +man ihn nahe an der Mündung der beiden Flüßchen oder weiter ihren Quellen +zu anfangen ließe. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Süd Süd Ost +nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der +Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer +Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden +Nebenflüsse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen läßt. Die +Ausführung dieses Plans wäre durchaus nicht kostspielig, da die Landenge +größtentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver hätte man dabei +gar nicht nöthig. Dieser Canal, der nicht über zehn Fuß breit zu seyn +brauchte, wäre als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es +bedürfte keiner Schleuße, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco +gehen, würden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen +im Raudal beschädigt; man zöge sie hinauf, und da man die Waaren nicht +mehr auszuladen brauchte, würde viel Zeit erspart. Man hat die Frage +erörtert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte. +Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem +Ministerium ertheilt habe: »Auf den Bau eines Canals bei Maypures und +eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der +Voraussetzung Gewicht, daß die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiß +am obern Orinoco ernstlich beschäftigen wollte. Unter den gegenwärtigen +Verhältnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestätischen Stromes +gänzlich vernachlässigt bleiben sollen, wären Canäle allerdings so gut wie +überflüssig.« + +Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit +ziemlicher Beschwerde über den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei +sehr hohem Wasserstand für gefährlich. Jenseits des Raudals fanden wir den +Strom spiegelglatt. Wir übernachteten auf einer felsigten Insel, genannt +Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier +wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung +begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem +Felsboden, wovon schon öfters die Rede war. Ich konnte in der Nacht +mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich +5° 4′ 51″, ihre Länge gleich 70° 57′. Ich konnte die im Strom reflektirten +Sternbilder benützen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die +Moskitowolke so dick, daß ich nicht die Geduld hatte, den künstlichen +Horizont zu richten. + +Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der +Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lüftchen ließ sich spüren, denn +südlich von Atures und Maypures herrscht beständig Windstille. Am Rio +Negro und Cassiquiare, am Fuß des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara +hörten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heißen Ländern einen +ganz eigenthümlichen Reiz hat. Die Krümmungen des Stroms, die schützenden +Berge, die undurchdringlichen Wälder und der Regen, der einen bis zwei +Grade nördlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, mögen diese +Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthümlich ist. + +In dem unter südlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen +Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der +Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen +die Strömung und wird nur im Flußbett selbst gespürt. Unterhalb San Borja +ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord +Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herrührende +Wind, der aber durch kleine örtliche Verhältnisse bald diese, bald jene +Richtung bekommt. Mit diesem beständigen Wind segelt man von Gran Para bis +Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de +Bracamoros, am Fuß des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom +atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm +auf. Wenn man auf das Flußufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen +halten; so auffallend anders sind die Verhältnisse am obern Orinoco und am +obern Amazonenstrom. + +Sehr wahrscheinlich ist es diesem beständig wehenden Winde zuzuschreiben, +daß der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am +obern Orinoco sind die chemischen Affinitäten eingreifender und es +entwickeln sich mehr schädliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des +Amazonenstroms wären eben so ungesund, wenn nicht der Fluß, gleich dem +Niger, seiner ungeheuren Länge nach von West nach Ost, also in der +Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms +ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe +rückt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent +trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuß über den Spiegel des +atlantischen Meeres. Der obere Orinoco läuft Anfangs von Ost nach West, +und dann von Nord nach Süd. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms +ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein +sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des holländischen +und französischen Guyana, und läßt den Rotationswind nicht nach Esmeralda +kommen; erst vom Einfluß des Apure an, von wo der untere Orinoco von West +nach Ost über eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene läuft, +fängt der Wind an kräftig aufzutreten; dieses Stromstück ist daher auch +nicht so ungesund als der obere Orinoco. + +Als dritten Vergleichungspunkt führe ich das Thal des Magdalenenstromes +an. Derselbe behält, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber +sie ist ungünstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfällt, +sondern von Süd nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde +gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere +Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich südlich von der Stadt +Mompox, spürten wir niemals etwas von Wind, außer beim Anzug nächtlicher +Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluß über Honda hinauf, so findet man +die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im +Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiß weit berufen. Man mag es +anfangs auffallend finden, daß die Windstille aufhört, wenn man im obern +Stromlauf dem Gebirge näher kommt; aber es erscheint erklärlich, wenn man +bedenkt, daß die trockenen heißen Winde in den Llanos am Neiva von +niedergehenden Luftströmungen herrühren. Kalte Luftsäulen stürzen von den +*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern +Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der +gemäßigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwärmung des Bodens und +durch die Nähe schneebedeckter Gebirge örtliche Luftströmungen. Jene sehr +starken Winde am Neiva kommen nicht daher, daß die Passatwinde +zurückgeworfen würden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht +gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Bäumen bewachsenen Berge am +obern Orinoco höher wären, so würden sie in der Luft dieselben raschen +Gleichgewichtsstörungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von +Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche +Zusammenhang zwischen der Richtung der Ströme, der Höhe und Stellung der +anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphäre und der Salubrität des +Klima verdient die größte Aufmerksamkeit. Wie ermüdend und unfruchtbar +wäre doch das Studium der Erdoberfläche und ihrer Unebenheiten, wenn es +nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefaßt würde! + +Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwärts die Mündung +des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwärts die Mündung +des Rio Vichada. In der Nähe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser +einen kleinen Fall, einen _‘Raudalito’_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im +Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber, +kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im südlichen Theil trägt +dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des +Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der über der Mission +Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die höchsten in der +ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die +schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Süd Süd Ost nach Nord Nord +West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethürmte Granitblöcke +bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am +Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der +Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt +der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgrüne, ins Bräunlichte +spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Bäume mit lederartigen +Blättern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen über die anstoßende +Ebene und stechen ab vom glänzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft +und auf der Wasserfläche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn +die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kräftigen Schatten +allmählig und die ganze Kette hüllt sich in einen leisen Dust, der weit +satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewölbes. In diesem um +den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die +Lichteffekte gedämpft, und so erhält die Landschaft das Gepräge der Ruhe +und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und +POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt. + +Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der mächtige Häuptling +der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen +zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer +versicherten uns, in den Wäldern am Sipapo wachse in Menge der _‘Vehuco de +Maimure’_. Dieses Schlinggewächs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie +Körbe und Matten daraus verfertigen. Die Wälder am Sipapo sind völlig +unbekannt, und die Missionäre versetzen hieher das Volk der _‘Rayas’_,(52) +»die den Mund am Nabel haben.« Ein alter Indianer, den wir in Carichana +antrafen und der sich rühmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte +diese kopflosen Menschen »mit eigenen Augen« gesehen. Diese abgeschmackten +Mährchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht +immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In +allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefährtin der +Leichtgläubigkeit, und man könnte meinen, die Hirngespinnste der alten +Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn +man nicht wüßte, daß die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie +die Naturbildungen, überall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse +Aehnlichkeit zeigen. + +Bei der Mündung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die +Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist höchst merkwürdig; +der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei +auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie +verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fünfzehn bis zwanzig Fuß hohe +Thürmchen aus. Die einen sind von den Bäumen des Waldes beschattet, bei +andern ist der Gipfel von Palmen gekrönt. Die Felsen sind Granit, der in +Gneiß übergeht. Befände man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man +glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Böhmen oder von Streitberg und +Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundärer Kalkstein können +keine groteskeren Formen annehmen. An der Mündung des Vichada sind die +Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit +Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia +pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im nördlichen Europa so häufig +vorkommen. Wir konnten kaum glauben, daß wir uns keine hundert Toisen über +dem Meer, unter dem fünften Breitegrad mitten in der heißen Zone befanden, +von der man so lange glaubte, daß keine kryptogamischen Gewächse in ihr +vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes +beträgt wahrscheinlich über 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In +Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns +über das schöne Grün der Wälder. Dieser Umstand ist für das obere +Orinocothal charakteristisch; an der Küste von Caracas und in den Llanos +werfen die Bäume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur +gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden +Felsen wuchsen mehrere große Stämme Säulencactus (_Cactus +septemangularis_), was südlich von den Katarakten von Atures und Maypures +eine große Seltenheit ist. + +Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glück, mehrere Stämme von +_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewürzreichen Zimmtbaumes, +der am Orinoco unter dem Namen _‘Varimacu’_ und _‘Canelilla’_ bekannt +ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie +bei Esmeralda und östlich von den großen Katarakten vor. Der Jesuit +FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den +Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis +in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder +*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu +verwechseln. Diese gewürzhaften Rinden und Früchte, der Zimmt, die +Muskatnuß, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ wären wichtige +Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika +bereits an die Gewürze und Wohlgerüche Ostindiens gewöhnt gewesen wäre. +Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen +Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingeführt hat, sind übrigens +weniger gewürzhaft als der Ceylonzimmt, und wären solches selbst dann, +wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet würden. + +Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewächsen, und es erklärt sich +keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika +keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekräuter hervorbringt, warum es +in der südlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem +indischen Festlande das Gefieder der Vögel nicht so glänzend ist wie in +den heißen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das +Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der +Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehören zu den Räthseln, welche die +Naturphilosophie nicht zu lösen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen +hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach +denen die Wesen über den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was +ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in +verschiedenen Höhen und bei verschiedenen Wärmegraden neben einander +vorkommen; sie erforscht die Verhältnisse, unter denen sich dieser oder +jener Organismus kräftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt; +aber sie rührt nicht an Fragen, die unmöglich zu lösen sind, weil sie mit +der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhängen. Ferner +ist zu bemerken, daß die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem +Erdball allein aus dem Einfluß der Klimate zu erklären, einer Zeit +angehören, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man +fortwährend an vermeintlichen Gegensätzen beider Welten festhielt und sich +vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wüsten Egyptens und den +Sümpfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkührlich +angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiß +man auch, daß die beiden Continente in ihrer unermeßlichen Ausdehnung +Bodenstücke mit völlig übereinstimmenden Naturverhältnissen aufzuweisen +haben. Amerika hat so dürre und glühend heiße Landstriche als das innere +Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewürze erzeugen, zeichnen sich +keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist +durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum +auf dem neuen Continent die schönen Laurineen- und Myristiceenarten nicht +vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben +einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Ländern des neuen +Continents der ächte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf +dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas, +_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten, +die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla +von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die +Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht +für einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft +der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen +Pflanzenarten förderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten +Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluß der anhaltenden +tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_) +am besten, dessen Frucht häufig so scharf und beißend ist als der +ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1) +Der neue Continent besitzt sehr starke Gewürze, Arome und vegetabilische +Gifte, die ihm allein angehören, sich aber specifisch von denen der alten +Welt unterscheiden; 2) die ursprüngliche Vertheilung der Arten in der +heißen Zone ist allein aus dem Einfluß des Klimas, aus der Vertheilung der +Wärme, wie sie im gegenwärtigen Zustand unseres Planeten stattfindet, +nicht zu erklären, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns +begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen +Oertlichkeit kräftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von +einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, daß sie +wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmöglich sehr +kalten Landstrichen angehören können; wir vermögen aber nicht zu erklären, +warum keine Art aus der Familie der Melastomeen nördlich vom dreißigsten +Breitegrad wächst, warum keine einzige Rosenart der südlichen Halbkugel +angehört. Häufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne daß +die Erzeugnisse gleichartig wären. + +Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluß mit dem Orinoco +einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der +bedeutendste unter den aus Westen kommenden Flüssen. Seit vierzig Jahren +hat kein Europäer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich +nichts in Erfahrung bringen können; ich vermuthe sie mit denen des Tomo +auf den Ebenen südwärts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht +zweifelhaft, daß die frühesten Missionen an den Ufern des Vichada von +Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegründet worden sind. Noch in +neuester Zeit sah man flüchtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna, +einem Dorf am Meta, über den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures +kommen, was darauf hinweist, daß die Quellen desselben nicht sehr weit vom +Meta seyn können. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und +spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt öden Ufern +des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religiösen Eifers +fielen. + +Nachdem wir zuerst gegen Ost am Caño Pirajavi, sodann gegen West an einem +kleinen Fluß vorübergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem +See Namens Nao entspringt, übernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim +Einfluß des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist +als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel +von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schön; in den niedern +Luftregionen wehte kein Lüftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke +Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim +Niedergehen gegen den Horizont vor die großen Nebelflecken im Schützen +oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind +nie lichtstärker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind. +Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstraße, beim +Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und +Untergang an dem Stück des Himmels, das weiß wird aus Ursachen, welche die +Physik noch nicht gehörig ermittelt hat. + +Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und +Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, daß hier wilde +Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die glücklicherweise keine Canoes +bauen. Früher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit +ihren Geschwadern von Flößen und Piroguen hier umherzogen, wäre es +unvorsichtig gewesen, an der Mündung eines Flusses zu übernachten, der aus +Westen kommt. Gegenwärtig, da die kleinen Niederlassungen der Europäer die +unabhängigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdrängt haben, ist +dieser Landstrich so öde, daß uns von Carichana bis Javita und von +Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen +nicht ein einziges Fahrzeug begegnete. + +Mit der Mündung des Rio Zama betraten wir ein Flußsystem, das große +Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini, +der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das +heißt, ihr Wasser, in großen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder +grünlich schwarz, und doch sind es die schönsten, klarsten, +wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwähnt, daß die Krokodile +und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast überall die +schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser bräunen +das Gestein nicht, und die weißen Flüsse haben schwarze, die schwarzen +Flüsse weiße Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den +die Europäer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, häufig blendend weiße +Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des +Mataveni ziemlich weiß, das des Atabapo aber behält einen braungelblichen +Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _‘schwarzen Flüsse’_ +kräuselt, so erscheinen sie schön wiesengrün wie die Schweizer Seen. Im +Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz. +Diese Erscheinungen sind so auffallend, daß die Indianer aller Orten die +Gewässer in schwarze und weiße eintheilen. Erstere haben mir häufig als +künstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf +zurück. + +Die Farbe des Quellwassers, Flußwassers und Seewassers gehört zu den +physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar +nicht zu lösen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz +andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine große Masse +Flüssigkeit durchgeht. Fände keine Absorption der Strahlen statt, so hätte +das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementäre des +reflektirten Lichtes wäre, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in +einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch. +Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den +innern Schichten der Flüssigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht +derselben. + +Berühmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so +wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo +keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die +eigenthümliche Farbe des Wassers möchte blau oder grün seyn. In der That +ist durch nichts erwiesen, daß das Wasser von Natur weiß ist und immer ein +Farbstoff im Spiele seyn muß, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht +gesehen, eine Färbung zeigt. Wo Flüsse wirklich einen färbenden Stoff +enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, daß er sich jeder +chemischen Untersuchung entzieht. Die Färbung des Meeres scheint häufig +weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und +der Wolken abzuhängen. Ein großer Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn, +die verschiedene Färbung der Meere könnte daher rühren, daß das Jod in +verschiedenen Verhältnissen darin enthalten ist. + +Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, daß bereits den Griechen die +blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der +heißen Bäder von Astyra, Lesbos gegenüber, aufgefallen waren. Manche +Flüsse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das +Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgrün seyn, in +wiesengrün übergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind bräunlich, ja +fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei +Gewässern vor, welche für die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr +an auf Analogien gegründete Schlüsse als an die unmittelbare Analyse +halten müssen, um über diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu +verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flußsystem, das wir bereist -- und +dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _‘schwarzen +Wasser’_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Nähe des Aequators vor. Um +den fünften Grad nördlicher Breite fängt man an sie anzutreffen, und sie +sind über den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad südlicher Breite +sehr häufig. Die Mündung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3° 9′ der +Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Wäldern und auf +den Grasfluren weiße und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor, +daß man nicht weiß, welcher Ursache man die Färbung des Wassers +zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergießt, hat +weißes Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei +Nebenflüssen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist +der eine weiß, der andere schwarz. + +Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Färbung, so +lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von +physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das +Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionäre, so sprechen +sie, als hätten sie die strengsten Beweise für ihre Behauptung, »das +Wasser färbe sich, wenn es über Sarsaparillewurzeln laufe.« Die Smilaceen +sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr häufig, und ihre +Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten +Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbüsche haben wir an Orten gesehen, wo +die Wasser ganz weiß sind! Wie kommt es, daß wir im sumpfigten Wald, durch +den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Caño Pimichin und an den Rio +Negro schleppen mußten, auf demselben Landstrich jetzt durch Bäche mit +weißem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man +niemals einen Fluß gefunden, der seiner Quelle zu weiß und im untern Stück +seines Laufes schwarz war? Ich weiß nicht, ob der Rio Negro seine +braungelbe Farbe bis zur Mündung behält, obgleich ihm durch den +Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weißes Wasser zufließt. Da LA +CONDAMINE den Fluß nordwärts vom Aequator nicht sah, konnte er vom +Unterschied in der Farbe nicht urtheilen. + +Die Vegetation ist wegen der Regenfülle ganz in der Nähe des Aequators +allerdings kräftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Süd; es läßt sich +aber keineswegs behaupten, daß die Flüsse mit schwarzem Wasser +vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Wäldern entspringen. Im +Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren, +die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf +einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar +vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir +auf, daß die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero* +ganz ähnlich gefärbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum +Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus +Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fünf +Fuß tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark +nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden +Arum- und Heliconienstauden herrührte, die auf den Lachen schwammen. Das +Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei +reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe rührt ohne Zweifel von gekohltem +Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Düngerwasser, das unsere +Gärtner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfließt. Läßt sich +demnach nicht annehmen, daß auch die schwarzen Flüsse, der Atabapo, der +Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und +Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefärbt werden? +Der starke Regen unter dem Aequator trägt ohne Zweifel zur Färbung bei, +indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese +Gedanken nur als Vermuthung. Die färbende Substanz scheint in sehr +geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia +oder Rio Negro sieden läßt, sah ich es nicht braun werden wie andere +Flüssigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten. + +Es erscheint übrigens sehr merkwürdig, daß diese _‘schwarzen Wasser’_, von +denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heißen Zone +beschränkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der +Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Königreich Quito von drei +Bächen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die +zwei ersteren sind weiß, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie +das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blaßgelb bei durchgehendem +Licht. Es ist sehr schön, und die Einwohner von Cuenca, die es +vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille +zu, die am Rio Yanuncai sehr häufig wachsen soll. + +Am 23. April. Wir brachen von der Mündung des Zama um drei Uhr Morgens +auf. Auf beiden Seiten lief fortwährend dicker Wald am Strom hin. Die +Berge im Osten schienen immer weiter wegzurücken. Wir kamen zuerst am +Einfluß des Rio Mataveni, und dann an einer merkwürdig gestalteten Insel +vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem +Wasser empor; die Missionäre nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen +Streifen daran sollte man schließen, daß der Orinoco, wenn er anschwillt, +an dieser Stelle nicht über 8 Fuß steigt, und daß die hohen Wasserstände, +die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenflüssen herrühren, die +nördlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir +übernachteten am rechten Ufer, der Mündung des Rio Siucurivapu gegenüber, +bei einem Felsen, der Aricagua heißt. In der Nacht kamen zahllose +Fledermäuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Hängematten. Ich +habe früher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden +anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren. + +Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr früh Morgens die +Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mußten einige +Bücher zurücklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua +nicht finden konnten. Der Strom läuft ganz gerade von Süd nach Nord; die +Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Wäldern beschattet. Wir +kamen an den Mündungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorüber. +Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _‘Conucos de Siquita’_ aus, +Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute +hätten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in +der Secunde fünf Fuß zurücklegt. Dieß ist das Ergebniß einer Messung, bei +der ich die Zeit schätzte, die ein schwimmender Körper braucht, um eine +gegebene Strecke zurückzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die +Mündung des Guaviare ein, fuhren über den Zusammenfluß des Atabapo mit dem +Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir +erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heißt im Hause des +Missionärs, der von unserem unerwarteten Besuch höchlich überrascht war, +uns aber nichts desto weniger mit der liebenswürdigsten Gastlichkeit +aufnahm. + + ------------------ + + + + + + 47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python, + ähnlich dem, der vom Heere des Regulus getödtet worden? + + 48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel: + _Untersuchungen, über die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren + der phönicischen Sprache_. + + 49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die + Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die + freie Entwicklung der Geistesthätigkeit in den Individuen + niederhielt. + + 50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am großen Miami, aus Sandstein + am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen + lang ist. + + 51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten. + +* 52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses + Namens, bei dem der Mund am Körper herabgerückt scheint. + + 53 In der Jahreszeit, die man in Südamerika nördlich vom Aequator + Sommer heißt. + + 54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_ + (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehört zu den + wenigen, die seit dem höchsten Alterthum aus dem Phönicischen (einer + semitischen Sprache) in die abendländischen Sprachen übergegangen + sind. + + + + + +ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Flüsse Temi und + Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio + Negro. + + +Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewässer des Orinoco verlassen +und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer +eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hören, +und auf dem wir über den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der +Grenze Brasiliens gelangen sollten. »Sie müssen,« sagte uns der Präsident +der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, »zuerst den Atabapo, +dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Können Sie bei der +starken Strömung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so führt +man Sie vom Flußbett weg durch die Wälder, die Sie unter Wasser finden +werden. Auf diesem wüsten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben +nur zwei Mönche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue +vier Tagereisen weit über Land zum Caño Pimichin ziehen zu zu lassen. +Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von +Nordwest nach Südost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den +Cassiquiare (von Süd nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist über den +obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando.« Diesen Plan +entwarf man uns für unsere Flußfahrt, und wir führten ihn, nicht ohne +Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreißig Tagen +aus. Die Krümmungen in diesem Flußlabyrinth sind so stark, daß man sich +ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der +Küste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania +General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen +könnte. Für diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen +viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, daß der +Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West, +von San Fernando, also vom Zusammenfluß des Atabapo und des Guaviare an, +bis zum Einfluß des Apure von Süd nach Nord fließt und auf dieser Strecke +die großen Katarakten bildet, daß er endlich vom Einfluß des Apure bis +Angostura und zur Seeküste von West nach Ost läuft. Auf der ersten +Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die berühmte Gabelung, +welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst +durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco, +der Cassiquiare, der von Nord nach Süd fließt, ergießt sich in den Guainia +oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom fällt. +Der natürlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para wäre also den +Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und +Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich +sehr den Quellen einiger Flüsse nähert, die sich bei San Fernando de +Atabapo in den Orinoco ergießen (am Punkte, wo der Orinoco aus der +Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord umbiegt), so +kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flußstrecke zwischen San +Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San +Fernando vom Orinoco ab, fährt die zusammenhängenden kleinen schwarzen +Flüsse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und läßt die Pirogue über eine +6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Caño Pimichin) +tragen, der in den Rio Negro fällt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und +der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von +Guyana war, gebräuchlich geworden, ist so kurz, daß jetzt ein Bote von San +Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt, +während er früher über den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann +also über den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne +den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Strömung, des +Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Für französische +Leser führe ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte +Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine +will, könnte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der +Cassiquiare, zwei Flußsysteme verbindet, von den Zuflüssen der Loire zu +denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er könnte die Nièvre +hinauffahren, über eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die +Yonne hinab in die Seine gelangen. + +Wir werden bald sehen, welche Vortheile es hätte, wenn man über den +sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal +zöge. Käme dieser Plan einmal zur Ausführung, so hätte die Fahrt vom Fort +San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio +Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es +auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwärts. Ueber den +Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit +unangenehmer und um die Hälfte länger als über Javita und den Caño +Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein +astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds +Chronometer und durch Meridianhöhen von Gestirnen Länge und Breite von San +Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen +Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene +Karte hat somit die Zweifel über die gegenseitigen Entfernungen der +christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als +auf vielgekrümmten, verschlungenen Gewässern, wenn in dichten Wäldern nur +kleine Dörfer stecken, wenn auf völlig ebenem Lande kein Berg, kein +erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur +am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Ländern +der heißen Zone fühlt man mehr als anderswo das Bedürfniß astronomischer +Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nützliche Hülfsmittel, um +Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des +Terrains von vorne herein unerläßlich. + +Der Missionär von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, führt +den Titel eines Präsidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und +zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura +und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem +Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des +_‘Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide’_. Sein Dorf sah +etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege +angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon +öfters bemerkt, daß die Missionen in der Nähe der Küsten, die gleichfalls +unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui, +zwischen 800 und 2000 Einwohnern zählen. Es sind größere und schönere +Dörfer als in den cultivirtesten Ländern Europas. Man versicherte uns, die +Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gründung eine stärkere +Bevölkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rückreise vom Rio Negro noch +einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen, +die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal für den Handel und +die Gewerbe der Colonien von großer Bedeutung werden kann. + +San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei große Flüsse, der +Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist +ähnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluß des Missouri und +des Ohio in den Mississippi. Je größeren Aufschwung der Handel in diesen +von ungeheuren Strömen durchzogenen Ländern nimmt, desto mehr werden die +Städte, die an zwei Flüssen liegen, von selbst Schiffsstationen, +Stapelplätze für die Handelsgüter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater +GUMILLA gesteht, daß zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco +oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewußt habe. Er sagt ferner +sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch +dazu unsichere Auskunft über den obern Orinoco wenden müssen. Heutzutage +erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem +Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater +Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen +des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stück des letzteren +Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet +ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man müsse, um oberhalb der +Katarakten und der Einmündungen des Vichada und Guaviare den Orinoco +weiter hinaufzukommen, sich nach Südwest wenden. Zu jener Zeit hatten die +Geographen die Quellen des Orinoco in die Nähe der Quellen des Putumayo +und Caqueta an den östlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan +gesetzt, also nach meinen Längenbestimmungen auf dem Rücken der +Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige +Angaben LA CONDAMINEs über die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs +Annahmen Bestätigung zu finden schienen, haben Irrthümer verbreiten +helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe +seiner großen Karte von Südamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf +der großen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D’ANVILLE den Rio +Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den +Einflüssen des Meta und des Vichada, in der Nähe des Katarakts von *los +Astures* (Atures) abgeht. Diesem großen Geographen war damals die Existenz +des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er ließ den Orinoco +oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta +entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und +SOLANOs wurde das wahre Verhältniß bekannt. Solano war als Ingenieur bei +der Expedition und ging im Jahr 1756 über die großen Katarakten bis zum +Einfluß des Guaviare hinauf. Er sah, daß man, um auf dem Orinoco weiter +hinaufzukommen, sich ostwärts wenden müsse, und daß die Wasser des +Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da +hereinkommen, wo der Strom unter 4° 4′ der Breite die große Wendung macht. +Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als +möglich zu kommen, so entschloß er sich, gegen Süd vorzudringen. Er fand +am Zusammenfluß des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen +Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich +und gründete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung +sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa* +betitelte. + +Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu würdigen, muß man die +damaligen Machtverhältnisse zwischen den kleinen Indianerstämmen in Guyana +ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz +der blutigen Kämpfe zwischen zwei mächtigen Völkern, den Cabres und den +Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des +siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des +Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den großen +Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfälle in die Länder am +obern Orinoco, und zwar über die *Trageplätze* zwischen dem Paruspa und +dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi. +Niemand wußte so gut, wie sich die Flüsse verzweigen, wo die Nebenflüsse +zur Hand sind, wie man auf dem kürzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben +hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber +Herren am untern Orinoco, so stießen sie auf Widerstand bei den +Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und +neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die ärgsten Anthropophagen in +diesem Landstrich sind. Sie waren ursprünglich am großen Fluß Inirida bei +seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore +zu Hause. Um das Jahr 1744 hieß ihr Häuptling oder, wie die Eingeborenen +sagen, ihr _‘Apoto’_ (König), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth +gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo +gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwürdigen Zug vom Orinoco an +den Rio Negro machte, gestattete Macapu, daß der Missionar einige Familien +Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures +anzusiedeln. Diese Nation gehört der Sprache nach dem großen Volksstamm +der Maypures an; sie ist gewerbfleißiger, man könnte beinahe sagen, +civilisirter als die andern Völker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der +Missionäre waren die Guaypunabis, als sie in diesen Ländern die Herren +spielten, fast alle bekleidet und besaßen ansehnliche Dörfer. Nach Macapus +Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger über, auf Cuseru, von den +Spaniern Capitän Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien +und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfähle waren über +sechzehn Fuß hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage +von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so +wilden Lande merkwürdigen Anlagen. + +Am Rio Negro waren die Stämme der Marepizanas und Manitivitanos die +mächtigsten. Die Häuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger +Namens Imu und Cajamu; der König der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen +wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner +Zeit lebte noch seine Schwester in der Nähe der Mission Maypure. Man +lächelt, wenn man hört, daß Männer wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande +so berühmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die mächtigsten +Fürsten. Die Häuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit +kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde +verwüsteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fünfzehn bis +zwanzig spanische Soldaten zur Verfügung hatten. Horden, wegen ihrer +Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich verächtlich, verbreiteten +einen Schrecken, als wären es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur +dadurch, ihre Missionen zu retten, daß sie List wider Gewalt setzten. Sie +zogen einige mächtige Häuptlinge in ihr Interesse und schwächten die +Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den +Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfällen der Caraiben nichts +mehr zu befürchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo +niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Völker vom +obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos, +fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Führung von Zeit zu Zeit in das Land +nordwärts von den großen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggründe zur +Feindseligkeit als Haß. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es früher bei den +Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald +lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Holländern oder _Paranaquiri_ +(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder +_Jaranavi_ (*Musikantensöhne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die +Habsucht der Europäer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen +gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251] +Ueberall führt der Verkehr zwischen Völkern auf sehr verschiedenen +Bildungsstufen zum Mißbrauch der physischen Gewalt und der geistigen +Ueberlegenheit. Phönizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in +Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Ländern, +wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es +dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die +Erzeugnisse seines Gewerbfleißes zuführt. + +Ich habe hier treu berichtet, was ich über die Zustände eines Landes in +Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Völker nach und nach absterben +und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer +Sprache, welche die siegenden Völker in die ihrige aufnehmen. Wir haben +gesehen, daß im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die +Cabres, südwärts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die +Marepizanos und Manitivitanos die mächtigsten Nationen waren. Der lange +Widerstand, den die unter einem tapfern Führer vereinigten Cabres den +Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht. +Sie hatten ihre Feinde an der Mündung des Rio Caura geschlagen; eine Menge +Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des +Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden +verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie +sie den Völkern Süd- wie Nordamerikas eigen ist, ließen sie Einen Caraiben +am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum +steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon überbringen mußte. Der +Siegesrausch Teps, des Häuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die +Caraiben kamen in solcher Masse wieder, daß nur kümmerliche Reste der +menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero übrig blieben. + +Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen +einander, als Solano an der Mündung des Guaviare erschien. Ersterer hatte +für die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der +Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die +christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren. +Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im +Gefecht an seine linke Hüfte ein Crucifix gebunden, das die Missionäre ihm +geschenkt und mit dem er sich für unverletzlich hielt. Man erzählte uns +eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit +ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Häuptlings vom Rio +Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater +erklärte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib +gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da +nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und +schoß ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer +kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen +Häuptling der Guaypunabis in üble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf +ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu +verstehen, wie es sein Vortheil wäre, sich mit den Christen zu vertragen. +Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man köderte ihn mit +Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, daß man nächstens seinen +Feinden den Garaus machen werde. Er war König gewesen, nunmehr ward er +Dorfschulze und ließ sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen +Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende +nahmen meist jene Häuptlinge, welche bei Reisenden und Missionären +indianische Fürsten heißen. »In meiner Mission,« sagt der gute Pater GILI, +»hatte ich fünf _‘Neyecillos’_ (kleine Könige) der Tamanacos, Avarigotos, +Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben +einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti, +dem Könige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gründung des +Dorfs unterstützt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung.« Wir +sind auch Pater Gili’s Meinung, daß ehemalige, von ihrer Höhe +herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen +sind. + +Als Cuseru, der Häuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch +die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am +Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das +denn auch nicht ausblieb. »Laßt mich,« sagte Cuseru zu den Jesuiten, »mit +den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so +habt ihr später mit so vielen Leuten zu leben.« Solano, in seiner +Ungeduld, weiter vorzudringen, hörte nicht auf den Rath des indianischen +Häuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen +Schrecknissen der Hungersnoth. Man ließ mit großen Kosten zu Schiff auf +dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorräthe langten +aber zu spät an, und viele Europäer und Indianer erlagen den Krankheiten, +die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen +moralischen Kraft sind. + +Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat +eine kleine Pflanzung von Cacaobäumen. Die Bäume tragen vom fünften Jahr +an reichlich, aber sie hören damit früher auf als in den Thälern von +Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzüglicher Güte. Gin _Almuda_, deren +zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa +4 Franken, an den Küsten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission +erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Mißbrauch, die +Missionäre am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so +wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von +dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar +Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kühe darauf, +Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land +gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern +Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der +eingeborenen Race. + +Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der +Landschaft einen eigenthümlichen Charakter gibt, das ist die _‘Pihiguao’_- +oder _‘Pirijao’_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist über sechzig +Fuß hoch; die Blätter sind gefiedert, sehr schmal, wellenförmig und an den +Spitzen gekräuselt. Höchst merkwürdig sind die Früchte des Baumes; jede +Traube trägt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth, +sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur +Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschließlich der neuen +Welt angehören und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_ +aufgezählt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so außerordentlich stark +entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthält einen mehligten, eigelben, +nicht stark süßen, sehr nahrhaften Stoff. Man ißt sie wie die Banane und +die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so +gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionäre erschöpfen +sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _‘Pfirsichpalme’_ nennen +könnte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, überall, +wohin wir nach Süd und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge +angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkührlich +der Behauptung LINNÉs, die Palmenregion sey die ursprüngliche Heimath +unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein +_‘Palmfruchtesser’_.(56) Mustert man die Vorräthe in den Hütten der +Indianer, so sieht man, daß mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des +Pirijao für sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die +Banane. Der Baum trägt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also +150--200 Früchte. + +San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die +bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den +benachbarten Dörfern San Balthasar und Javita, fanden wir hübsche +Pfarrhäuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gärten umgeben. Die +schlanken Stämme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde +dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergängen erzählte uns der Pater +Präsident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach +davon, wie sehr sich die Indianer auf Züge »zur Eroberung von Seelen« +freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen. +Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf +entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjährige Kinder fort und +vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder +_Poitos_. Die Reisetagebücher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefällig +mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter +unten, wenn von den Hauptnebenflüssen des Orinoco die Rede wird, vom +Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht +dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, daß es, nach meinen astronomischen +Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der +Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten +Dörfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als +107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die früher westlich von +der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie +haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heißen) auf dem +Guaviare bis über die _Angostura_ (den Engpaß) und den Hauptwasserfall +hinauf, in drei Tagereisen Entfernung bärtige und bekleidete Männer +getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkröte suchten. Darüber waren die +Indianer so erschrocken, daß sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare +wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weißen, bärtigen Männer +aus den Dörfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Flüsse Ariari und +Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, daß die +Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe +sie bei den Missionären von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In +diesen öden Landstrichen kann man nur durch Längenbeobachtungen die wahren +Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und +den Erkundigungen, die ich in den Klöstern zu Popayan und Pasto westwärts +von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen +Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am +Atabapo, Guayavero und Caqueta. + +So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die +Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Bäume am +Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken +mit langen Füßen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb +der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser +des Orinoco ist trübe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es +wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Körper einen +bisamartigen, süßlichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu können, +mußten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo +dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei +reflektirtem Licht bräunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt +dasselbe »leicht,« im Gegensatz zum trüben, schweren Orinocowasser. Es ist +meist um 2°, der Einmündung des Rio Temi zu um 3° kühler als der obere +Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad +[22°,4--22°,8 Reaumur] trinken muß, hat man schon bei ein paar Graden +weniger ein äußerst angenehmes Gefühl. Diese geringere Temperatur rührt +wohl daher, daß der Fluß nicht so breit ist, daß er keine sandigten Ufer +hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und daß der +Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Wäldern beschattet +sind. + +Daß die schwarzen Wasser ungemein rein seyn müssen, das zeigt ihre +Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die +umgebenden Gegenstände nach Umriß und Färbung darin spiegeln. Auf 20--30 +Fuß tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf +den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der +Farbe des Flusses, gelblich oder bräunlich, sondern blendend weißer Quarz- +und Granitsand. Nichts geht über die Schönheit der Ufer des Atabapo; ihr +üppiger Pflanzenwuchs, über den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft +steigen, spiegelt sich im Fluß. Das Grün am reflektirten Bilde ist ganz so +satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die +Wasserfläche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Trümmern, die +auf der Oberfläche minder heller Flüsse Streifen und Unebenheiten bilden. + +Wo man vom Orinoco abfährt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, über mehrere +kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergießt sich, wie die +Missionäre annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht +ergießt sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen +sollte man der Flußstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben. +Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weißes Wasser und +der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsänger, seine +Fische, die großen Krokodile, die darin hausen, machen, daß er dem Orinoco +weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda +herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich +breiten Flüsse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als +die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch +heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider läuft. Sie +behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Flüssen, aus dem Guaviare und +dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von +San Fernando und Santa Barbara bis über Esmeralda hinauf. Dieser Annahme +zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio +Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, daß diese +Benennungen völlig willkührlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen +Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der +Flüsse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan, +Flüsse, die unter einander zusammenhängen und Ein System bilden, durch +eine Gebirgskette getrennt seyn läßt. Will man einen der beiden Zweige, +die einen großen Fluß bilden, nach dem letzteren benennen, so muß man den +Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten, +wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen +Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als wäre +letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern +Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga +und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben +bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein +willkührlich angenommene Flußnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren, +schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und +den spanischen Geographen den Fluß bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder +obern Orinoco, bemerke aber, daß, wenn man den Orinoco von San Fernando de +Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenüber bildet, als +eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stück des obern Orinoco zwischen +Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluß betrachtete, +der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang +der Anden bis zu seiner Mündung eine gleichförmigere und natürlichere +Richtung von Südwest nach Nordost hätte. + +Der Rio Paragua, oder das Stück des Orinoco, auf dem man ostwärts von der +Mündung des Guaviare hinauffährt, hat klareres, durchsichtigeres und +reineres Wasser als das Stück unterhalb San Fernando. Das Wasser des +Guaviare dagegen ist weiß und trüb; es hat, nach dem Ausspruch der +Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geübt sind, denselben Geschmack +wie das Wasser des Orinoco in den großen Katarakten. »Gebt mir,« sagte ein +alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, »Wasser aus drei, vier +großen Flüssen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack +zuverlässig, wo das Wasser geschöpft worden, ob aus einem weißen oder +einem schwarzen Fluß, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua +oder dem Guaviare.« Auch die großen Krokodile und die Delphine (Toninas) +haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese +Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco +zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Dieß sind doch sehr +auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewässer +und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie +aufzuzählen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, daß der obere Orinoco +östlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergießender +Fluß, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu +suchen sey. Die europäischen Geographen haben sicher unrecht, daß sie die +Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natürlichen Geographen +ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht +selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch +selbst beizubehalten. + +Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir +die Breite nicht so bestimmt, als zu wünschen war. Der Himmel war bewölkt +und ich konnte nur ein paar Höhen von α im Centaur und dem schönen Stern +am Fuß des südlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Höhen schien mir die +Breite der Mission San Fernando gleich 4° 2′ 48″; Pater CAULIN gibt auf +der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt, +4° 4′ an. Diese Uebereinstimmung spricht für die Richtigkeit meiner +Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Höhen ziemlich weit vom +Meridian gründet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir für +San Fernando 4° 2′. (GUMILLA setzte den Zusammenfluß des Atabapo und +Guaviare unter 0° 30′, D’ANVILLE unter 2° 51′). Die Länge konnte ich auf +der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rückweg von diesem Fluß sehr genau +bestimmen: sie ist 70° 30′ 46″ (oder 4° 0′ westlich vom Meridian von +Cumana). Der Gang des Chronometers war während der Fahrt im Canoe so +regelmäßig, daß er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden +abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfältig rectificirte +Inclination der Magnetnadel gleich 29° 70, die Intensität der Kraft 219. +Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem +Breitenunterschied von 1° 11′ beträchtlich kleiner und weniger geworden. +Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschüssiger Sandstein, sondern +Granit, in Gneiß übergehend. + +Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurück und lagerten zur +Nacht auf einem Felsen in der Nähe der indianischen Pflanzungen oder +Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der +Fluß, wenn er anschwillt, sich in die Wälder verläuft, kann man nur da +landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich über das Wasser erhebt. +Der Atabapo hat überall ein eigenthümliches Ansehen; das eigentliche Ufer, +das aus einer acht bis zehn Fuß hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es +versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Bäumen mit sehr +dünnen Stämmen, deren Wurzeln vom Wasser bespült werden. Vom Punkt, wo man +vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile, +und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, daß dieses Flußstück zum +Guaviare, nicht zum Atabapo gehört. Im eigentlichen Bett des letzteren +oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da +einen *Bava* an und viele *Süßwasser-Delphine*, aber keine Seekühe. Man +sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder großen +Brüllaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube, +den sogenannten _‘Guacharaca’_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der +*Boa* gleich, sind leider sehr häufig und werden den Indianern beim Baden +gefährlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer +Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuß lang waren. Die Jaguars am Atabapo +und Temi sind groß und gut genährt, sie sollen aber lange nicht so keck +seyn als die am Orinoco. + +Am 27. April. Die Nacht war schön, schwärzlichte Wolken liefen von Zeit zu +Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der +Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in +tausend Toisen Höhe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir +bemerkten, war keine Folge von Gegenströmungen (von West nach Ost), wie +man sie zuweilen in der heißen Zone auf den höchsten Gebirgen der +Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie rührte vielmehr von einer +eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhöhe von α im +südlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um +8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3° 53′ 55″. Das +schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese +Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnügen, als wir auf den Flüssen +mit weißem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar +zerstochen worden waren, während Bonpland die Zeit am Chronometer +beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den +Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Süden hinauf und sahen +den Fluß oder vielmehr den von Bäumen freien Theil seines Bettes immer +schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an +diese Wälder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht +gewöhnt, und so wunderten wir uns beinahe, daß wir die Araguatos nicht +mehr brüllen hörten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe. +Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Süßwasser-Delphin +der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen; +aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es +nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Mündung des Orinoco über 320. + +Gegen Mittag lag gegen Ost die Mündung des kleinen Flusses Ipurichapano, +und später kamen wir am Granithügel vorbei, der unter dem Namen *piedra +del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuß hoch +und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fünften Grad der +Breite, etwas südlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das südliche +Ende der *Kette der Katarakten*, für die ich in einer im Jahr 1800 +veröffentlichten Abhandlung den Namen _‘Kette der Parime’_ in Vorschlag +gebracht habe. Unter 4° 20′ streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost +und Ost-Süd-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und +dem Amazonenstrom, über den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen, +ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene +Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schlösser. Wir +bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu +haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes, +freies Stück Land, groß genug, um unser Feuer anzünden und unsere +Instrumente und Hängematten unterbringen zu können. + +Am 28. April. Der Regen goß seit Sonnenuntergang in Strömen; wir +fürchteten unsere Sammlungen möchten beschädigt werden. Der arme Missionär +bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht +weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den +Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem östlichen Ufer, ist eine kahle, +mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte +mich in das nördliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiß- und +Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien +schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_ +und _L. polymorphus_ Linnés. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma +hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer +Rechten die Trümmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem +andern, östlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen +riesenhaften Käsebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den +Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war +gegen 120 Fuß hoch und hatte 14--15 Fuß Durchmesser. Ein so +außerordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am +Atabapo nur kleine Bäume mit dünnem Stamm, von weitem jungen Kirschbäumen +ähnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese +kleinen Bäume eine nur wenig verbreitete Gewächsgruppe. Sie werden durch +das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen +am Atabapo, Temi und Tuamini wächst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese +Wälder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen +unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige +Vorstellung machen will), diese Wälder erstrecken sich nicht ohne +Unterbrechung ostwärts und westwärts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es +liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida +dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Mühe gegen die Strömung vorwärts, +und wir übernachteten in einem Gehölz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist +wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht läuft; wir fanden eine +Gruppe schöner schwarzer Schörlkrystalle darin. + +Am 29. April. Die Luft war kühler; keine Zancudos, aber der Himmel +fortwährend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern +Orinoco zu wünschen. Bei der starken Strömung kamen wir wieder nur langsam +vorwärts. Einen großen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu +suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen, +oder, wie die Mönche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen +Häuptlings ist), in der Mission _‘la divina Pastora de Balthasar de +Atabapo’_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionär, einem muntern +liebenswürdigen Mann, der hier in der Wildniß ganz die seinem Volksstamm +eigenthümliche Thätigkeit entwickelte. Er hatte einen schönen Garten +angelegt, wo der europäische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem +Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmäßigen Plan gebaut, +wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den +Gemeinden der mährischen Brüder sieht. Die Pflanzungen der Indianer +schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal +den weißen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _‘Dapicho’_ und +_‘Zapis’_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, daß derselbe mit dem +»elastischen Harz« Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch +Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir, +bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* möchte ein *fossiles +Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in +Derbyshire. In der Hütte des Missionärs saß ein Poimisano-Indianer an +einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte +mehrere Stücke auf ein dünnes Holz gespießt und briet dieselben wie +Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwärzt +es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Hütte erfüllte, +rührt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, daß eine Verbindung +von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird, +während der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte +die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenförmigen Stück +Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser +und ließ ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie +es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch außen meist etwas klebrig. Man +braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den +Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man +schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stöpsel zu gebrauchen, die noch +weit besser sind als Korkstöpsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns +desto interessanter, da uns der Mangel europäischer Stöpsel oft in große +Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nützlich der Kork ist, fühlt man +erst in Ländern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Südamerika +kommt nirgends, selbst nicht auf dem Rücken der Anden, eine Eichenart vor, +die dem _Quercus suber_ nahe stände, und weder das leichte Holz der +Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln, +deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stöpsel vollkommen. Der +Missionär zeigte uns vor der _‘Casa de los Solteros’_ (Haus, wo sich die +jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem +zwei Fuß langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man +schlug dieselbe mit großen Stücken Dapicho, wie mit Trommelschlägeln; sie +hatte Löcher, die man mit der Hand schließen konnte, um höhere oder +tiefere Töne hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stützen. Wilde +Völker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder +Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuß lange Röhren, die sich an mehreren +Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche +Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen. + +Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schön, so daß ich die Meridianhöhen +des α im südlichen Kreuz und der zwei großen Sterne in den Füßen des +Centauren beobachten konnte. Ich fand für San Balthasar eine Breite von +3° 14′ 23″. Als Länge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem +Chronometer 70° 14′ 21″. Die Inclination der Magnetnadel war 27′ 80. Wir +verließen die Mission Morgens ziemlich spät und fuhren den Atabapo noch +fünf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo +er Atacavi heißt, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir +an die Mündung desselben kamen, beim Einfluß des Guasacavi, wurden wir auf +eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heißt der *Fels +der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_. +Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea +konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen später +erzählte uns ein anderer Missionär einen Vorfall, den ich in meinem +Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns +machte. Wenn der Mensch in diesen Einöden kaum eine Spur seines Daseyns +hinter sich läßt, so ist es für den Europäer doppelt demüthigend, daß +durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergänglichen Denkmale der +Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an +den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des +civilisirten Menschen verewigt wird. + +Der Missionär von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den +Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfälle zu machen, welche +sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in +einer Hütte eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von +denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An +Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so +suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum +hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der +Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weißen und +die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluß +geschleppt. Der Ordensmann saß in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition +harrend, die für ihn sehr gefahrlos war. Hätte sich die Mutter zu stark +gewehrt, so wäre sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist +erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will +besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als +Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen +nach San Fernando und meinte, die Mutter könnte zu Land sich nicht wieder +in ihre Heimath zurückfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am +Tage ihrer Entführung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die +höchste Verzweiflung. Sie beschloß, die Kinder, die in der Gewalt des +Missionärs waren, zur Familie zurückzubringen; sie lief mit ihnen mehrere +male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern +gepackt, und nachdem der Missionär sie unbarmherzig hatte peitschen +lassen, faßte er den grausamen Entschluß, die Mutter von den beiden +Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man führte sie allein +den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden saß sie +auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches +Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, daß sie +immer weiter von ihrer Hütte und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich +ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluß und schwamm dem linken +Ufer des Atabapo zu. Die Strömung trug sie an eine Felsbank, die noch +heute ihren Namen trägt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber +der Präsident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und +den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurückgebracht, auf +den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die +hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer +versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem unglücklichen Weibe +mit starken Mavacureranken die Hände aus den Rücken und brachte sie in die +Mission Javita. + +Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_ +nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Wälder, die man +bis da für undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie +breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als +die Flüsse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum +andern zu gehen, und lägen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber +solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern +getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muß +zu ihnen, sie muß sie aus den Händen der Christen befreien, sie muß sie +dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai +nachläßig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die +Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionärs und des Alcaden die +Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zähnen vollends loszumachen, +und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal +aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Hütte +schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. »Was dieses Weib ausgeführt«, +sagte der Missionär, der uns diese traurige Geschichte erzählte, »der +kräftigste Indianer hätte sich nicht getraut es zu unternehmen.« Sie ging +durch die Wälder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken +bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein +kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles +überschwemmt war, mußte sie sich weit von den Flußufern, mitten in den +Wäldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft +mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um +die von ihnen umschlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mußte +sie über die Bäche schwimmen, die sich in den Atabapo ergießen! Man fragte +das unglückliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genährt; sie sagte, +völlig erschöpft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen können als +die großen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zügen an +den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu hängen. Wir +wollten durchaus vom Missionär wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des +Glückes habe genießen können, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich +bereut habe, daß man sich so maßlos vergangen? Er fand nicht für gut, +unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rückreise vom Rio Negro +hörten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden +zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine +Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und +starb, wie die Indianer in großem Jammer thun. + +Dieß ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an +der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner +Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner +Unglücksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo es +Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen Völkern +leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, wehrlose +Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Länder, die ich bereist, +beschränke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den bürgerlichen und +religiösen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich +erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* länger verweilt habe, geschah +es nur, um ein rührendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart +beizubringen, die man so lange verläumdet hat, und weil es mir nicht ohne +Nutzen schien, einen Vorfall zu veröffentlichen, den ich aus dem Munde von +Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, daß das Auge +des Gesetzgebers über dem Regiment der Missionäre wacht. + +Oberhalb dem Einfluß des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von +Süd nach Nord läuft. Wären wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so wären +wir gegen Ost-Süd-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist +nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana wäre dieß +noch immer ein bedeutender Fluß. Das Land ist äußerst einförmig, nichts +als Wald auf völlig ebenem Boden. Die schöne Pirijaopalme mit Früchten wie +Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm +ragen hoch über den kleineren Bäumen, deren Wachsthum, wie es scheint, +durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia +aculeata_ heißt bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat +fächerförmige, gegen den Boden gesenkte Blätter; auf jedem Blatte sieht +man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des +Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die +Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese +wie ein Pfauenschweif gefärbten Blätter sitzen auf kurzen, sehr dicken +Stämmen. Die Stacheln sind nicht lang und dünn, wie beim Corozo und andern +stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die +Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des +Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwölf bis fünfzehn +Stämmen, die sich so nah an einander drängen, als kämen sie aus Einer +Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blätter gleichen +diese Bäume den Fächerpalmen und Chamärops der alten Welt. Wir bemerkten, +daß einige Juriastämme gar keine Früchte trugen, während andere davon ganz +voll hingen; dieß scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu +deuten. + +Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald über eine halbe +Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Krümmungen zu vermeiden und +schneller vorwärts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam +betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flußbett ab, und wir fuhren südwärts +durch den Wald auf sogenannten _‘Sendas’_, das heißt vier bis fünf Fuß +breiten, offenen Canälen. Das Wasser ist selten über einen halben Faden +tief. Diese *Sendas* bilden sich im überschwemmten Wald, wie auf trockenem +Boden die Fußsteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern +mit ihren Canoes wo möglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr +gering ist, so stößt man bei der üppigen Vegetation zuweilen unerwartet +auf Hindernisse. Deßhalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein großes +Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und +hieb fortwährend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals +kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen +sonderbaren Lärm. Wir schlugen an die Büsche, und da kam ein Schwarm vier +Fuß langer *Toninas* (Süßwasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser +Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Käsebaums oder _Bombax +Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen +dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen +Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heißen. Ein +sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den +Mündungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiß wohl, daß Fische +von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der +Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, daß +die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von +den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den +ungeheuren Strömen Südamerikas und in den großen Seen Nordamerikas scheint +die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine +Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht über Biana und +Metonbis, Selamoun zu, hinauf. + +Gegen fünf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Mühe in das eigentliche +Flußbett zurück. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei +Baumstämmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine +Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canäle sich kreuzten, und der +Steuermann wußte nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben +oben gesehen, daß man in der Provinz Varinas im Canoe über die offenen +Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca fährt; hier fuhren wir +durch einen Wald, der so dicht ist, daß man sich weder nach der Sonne noch +nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, daß +es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom +sechsten Grad nördlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem +Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen +Farn ist ein nicht so heißes Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus +von 300 Toisen Höhe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewächse +gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, über welches der +Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie +zu meiden. Wir übernachteten an einem Felsen, den die Missionäre Piedra de +Astor nennen. Von der Mündung des Guaviare an ist der geologische +Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende +Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine +Hügel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder +zerfallenen Gebäuden gleichen. + +Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen. +Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern +wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem +nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Nächte immer finsterer, je +näher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im +Flußbett, bis der Tag anbrach; man hätte besorgen müssen, sich unter den +Bäumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um +der starken Strömung auszuweichen, durch den überschwemmten Wald. So kamen +wir an den Zusammenfluß des Temi mit einem andern kleinen Fluß, dem +Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren +gegen Südwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am +Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die +erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro +schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr +Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie +ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Mündung des +Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Lärm, den die Spritzfische machen, +hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese +Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt, +so kostete es Mühe, ihn zu retten. + +Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen, +vernünftigen und gefälligen Mönch. Wir mußten uns vier bis fünf Tage in +seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs über +den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benützten diese Zeit +nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von +einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten +sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrücken. Der +Missionär sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut +gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weißlichte +Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heißt das Insekt der *Ackerer*. Man +ließ eine Mulattin kommen, die sich rühmte, all die kleinen Thiere, welche +sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya* +und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _‘Curandera’_, +der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches +Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an +der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte +damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen +verkündete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da +sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei +einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores +heraus hätte, sollte ich mich erleichtert fühlen. Da ich an beiden Händen +die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld über der Operation aus, +die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns +ein Indianer aus Javita radical und überraschend schnell. Er brachte uns +einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der +Cassia ähnlichen, stark lederartigen, glänzenden Blättern. Er machte von +der Rinde einen kalten Aufguß, der bläulich aussah und wie Süßholz +(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches +Waschen mit dem Uzaowasser hörte das Jucken von den Aradores auf. Wir +konnten vom Uzao weder Blüthe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint +der Familie der Schotengewächse anzugehören, deren chemische Eigenschaften +so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt, +hatte uns so ängstlich gemacht, daß wir bis San Carlos immer ein paar +Uzaozweige im Canoe mitführten; der Strauch wächst am Pimichin in Menge. +Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen +der Zancudos herrührt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die +_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen? + +Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewöhnlich Solanos Expedition +genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San +Balthasar als zu Brasilien gehörig betrachtet. Die Portugiesen waren vom +Rio Negro über den Trageplatz beim Caño Pimichin bis an den Temi +vorgedrungen. Ein indianischer Häuptling, Javita, berühmt wegen seines +Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbündet. +Seine Streifzüge gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der großen +Nebenflüsse des Amazonenstromes über den Rio Uaupe und Xie, bis zu den +schwarzen Gewässern des Temi und Tuamini, über hundert Meilen weit. Er war +mit einem Patent versehen, das ihn ermächtigte, »Indianer aus dem Wald zu +holen, zur Eroberung der Seelen.« Er machte von dieser Befugniß +reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfällen etwas, das +nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die +Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der +Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, ließ er Capitän Javita +aus einem seiner Streifzüge am Temi festnehmen. Er behandelte ihn +freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten +wurden, für die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die +bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegründet hatten, wurden bis +an den untern Rio Negro zurückgedrängt, und die Mission San Antonio, die +gewöhnlich nach ihrem indianischen Gründer Javita heißt, weiter nördlich +von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte +Capitän Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein +Indianer von bedeutender Geistes- und Körperkraft. Er spricht geläufig +spanisch und hat einen gewissen Einfluß auf die benachbarten Völker +behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns +mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schätzten, da die Missionäre ihn +für sehr zuverlässig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast +alle Indianerstämme, welche auf dem großen Landstrich zwischen dem obern +Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch +essen sehen. Er hält die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos für +die stärksten Anthropophagen. Er hält diesen abscheulichen Brauch bei +ihnen nur für ein Stück systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde, +die im Gefecht in ihre Hände gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in +der Grausamkeit so weit geht, daß er seine Nächsten, sein Weib, eine +ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr +selten. Auch weiß man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der +scythischen und massagetischen Völker, der Capanaguas am Rio Ucayale und +der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum +Theil aßen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Völkern +vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf +Haiti (St. Domingo) hätte geglaubt dem Andenken eines Angehörigen die +Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer +Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getränk geworfen +hätte. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, »am +seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey +von allen Thieren der Mensch.« + +Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man +über den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man +selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das +ganze Jahr und der Himmel ist beständig bedeckt. Da in diesem +unermeßlichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spüren ist und die +Polarströme nicht hieher reichen, so wird die Luftsäule, die auf dieser +Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der +Wasserdunst, mit dem sie gesättigt ist, verdichtet sich zu äquatorialen +Regengüssen. Der Missionär versicherte uns, er habe hier oft vier, fünf +Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich maß den Regen, der am ersten +Mai innerhalb fünf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten +Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu +beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz +gewöhnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen +Monaten, selbst in den nassesten, März, Juli und September, nur 28 bis 30 +Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regengüsse vor, bei denen in +der Stunde über einen Zoll Wasser fällt, man darf aber nur den mittleren +Zustand der Atmosphäre in der gemäßigten und in der heißen Zone +vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von +Guayaquil an der Südsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshöhe +angestellt, scheint hervorzugehen, daß gewöhnlich auf dem Rücken der Anden +in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser fällt als im Niveau des +Meeres. Es regnet im Gebirge öfter, dabei fällt aber in einer gegebenen +Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel +bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied rührt +nach meiner Ansicht daher, daß dort die Savanen am untern Rio Negro in der +Nähe liegen, über die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre +Strahlung einen stärkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als +bewaldetes Land. + +Es ist in Javita kühler als in Maypures, aber bedeutend heißer als am Rio +Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27°, bei +Nacht auf 21°; nördlich von den Katarakten, besonders nördlich von der +Mündung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30°, bei Nacht +25--26°. Diese Abnahme der Wärme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro rührt +ohne Zweifel davon her, daß bei dem beständig bedeckten Himmel die Sonne +so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist. +Ich spreche nicht vom erkältenden Einfluß der Wälder, wo die zahllosen +Blätter eben so viele dünne Flächen sind, die sich durch Strahlung gegen +den Himmel abkühlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses +Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshöhe von Javita etwas +dazu beizutragen, daß die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt +wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen über +dem Meer. Da die kleine atmosphärische Ebbe und Fluth an der Küste (in +Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das +Unglück hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See +kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlässig. Als ich in Javita die +stündlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, daß eine +kleine Luftblase die Quecksilbersäule zum Theil sperrte(59) und durch ihre +thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluß äußerte. Auf +den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwängt waren, ließ sich der +Barometer fast unmöglich senkrecht oder doch stark aufwärts geneigt +halten. Ich benützte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument +auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehörig +rertificirt, stand der Thermometer bei 23°,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr +325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es +für die Kenntniß der Bodenbildung eines Continents von größerem Belang +ist, die Meereshöhe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Küste +zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische +Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von +Khoten und Hami wären für die Geologie wichtiger als die Bestimmung der +Höhe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stündlichen Variationen +des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Küsten +und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshöhe hing. +Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai +sogar fast 2 Linien. Der Deluc’sche auf den Saussure’schen reducirte +Hygrometer stand fortwährend im Schatten zwischen 84 und 92°, wobei nur +die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht +regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den großen Katarakten bedeutend +zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von +Aequatorialregen überflutheten Lande fast so groß wie auf der See. + +Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig +werden, um die Länge zu bestimmen. Ich blieb ganze Nächte wach, um die +Methode der doppelten Höhen anzuwenden; all mein Bemühen war vergeblich. +Die Nebel im nördlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana +in der Nähe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum +Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die +Länge von Javita gleich 70° 22′ oder 1° 1′ 5″ weiter nach West als die +Länge der Einmündung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniß ist von +Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gänzlich +unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben +können, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die +Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26°,40; sie hatte demnach +seit dem großen nördlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von +3° 50′, um 5° 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensität der magnetischen +Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita +nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten. + +Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwärtig größtentheils +Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu +Stämme einer großen Lorbeerart, von den Missionären _‘Sassafras’_(60) +genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushöhlt. Diese Bäume sind +über hundert Fuß hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im +Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando, +in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen für den +Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Wälder die dicksten +Sassafrasstämme liefern. Man bezahlt den Indianern für die halbe Toise +oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heißt für den untern, +hauptsächlichen Theil (der aus einem ausgehöhlten Stamm besteht), einen +harten Piaster, so daß ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des +Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Nägeln und den +Seitenwänden, durch die man das Fahrzeug geräumiger macht, kommt es +doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken +für eine 48 Fuß lange Pirogue bezahlen. + +Im Walde zwischen Javita und dem Caño Pimichin wächst eine erstaunliche +Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und ächte Lorbeeren (die dritte +Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen +Meereshöhe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum +secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist +wie Brasilholz, der Guamufate mit schönen, 7--8 Zoll langen, denen des +Calophyllum ähnlichen Blättern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle +diese Bäume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren +hundert bis hundert zehn Fuß hoch. Da die Aeste erst in der Nähe des +Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Mühe, sich Blätter und Blüthen +zu verschaffen. Letztere lagen häufig unter den Bäumen am Boden; da aber +in diesen Wäldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und +jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich +allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns +versicherten, die Blüthen gehören diesem oder jenem Baum an. In der Fülle +der Naturschätze machte uns das Botanisiren mehr Verdruß als Vergnügen. +Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was +wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten +unaufhörlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit künstlicher +Wärme zu trocknen suchte, größtentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten +erst, wie sie gewöhnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die +Blätter wußten sie besser zu unterscheiden als Blüthen und Früchte. Da sie +nur Bauholz (Stämme zu Piroguen) suchen, kümmern sie sich wenig um den +Blüthenstand. »Alle diese großen Bäume tragen weder Blüthen noch Früchte,« +so lautete fortwährend ihr Bescheid. Gleich den Kräuterkennern im +Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Mühe werth gesunden zu +untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits +uns ärgerlich. + +Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, daß zuweilen dieselben +chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen +Pflanzenfamilien zukommen, so daß diese Familien in verschiedenen Klimaten +einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika +gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt. +Was die Nadelhölzer für die gemäßigte Zone, das sind die Terebenthaceen +und Guttiferen für die heiße. In diesen Wäldern des heißen Erdstrichs, wo +es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus +gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-, +Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein +Erwerbszweig für das Dorf Javita. Das berühmteste Harz heißt *Mani*; wir +sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder +Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und +den Bonpland für die _Moronobea coccinea_ hält, liefert nur einen sehr +kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste +kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich +auffallend, daß der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der +Galibis-Indianer in Cayenne gehört hat, uns in Javita, 300 Meilen von +französisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei +Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes, +schneeweißes Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt. + +Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport +unseres Fahrzeugs zu Land vorwärts ging. Drei und zwanzig Indianer waren +angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumäste als +Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb +Tagen aus dem Tuamini in den Caño Pimichin, der in den Rio Negro fällt; +aber unsere Pirogue war sehr groß, und da sie noch einmal durch die +Katarakten mußte, bedurfte es besonderer Vorsichtsmaßregeln, um die +Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport währte auch über vier Tage. +Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer +in Javita haben denselben zur Hälfte vollendet, die andere Hälfte haben +die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio +Cereso maß den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich +0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man +statt des »Trageplatzes« einen Canal an, wie ich dem Ministerium König +Karls IV. vorgeschlagen, so würde die Verbindung zwischen dem Rio Negro +und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen +Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen +dann von San Carlos nicht mehr über den Cassiquiare, der eine Menge +Krümmungen hat und wegen der starken Strömung gerne gemieden wird; sie +gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de +Atabapo hinunter. Die Bergfahrt wäre über den Rio Negro und den Caño +Pimichin um die Hälfte kürzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es über +den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwärts bis Angostura. Ich glaube, +man könnte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die +Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter +gewöhnlichen Umständen 10 Tage weniger und der Weg wäre für die Ruderer +(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Strömung +anfahren muß, als auf dem Cassiquiare. Fährt man aber den Orinoco herauf, +geht man von Angostura an den Rio Negro, so beträgt der Unterschied in der +Zeit kaum ein paar Tage; denn über den Pimichin muß man dann die kleinen +Flüsse hinauf, während man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter +fährt. Wie lange die Fahrt von der Mündung des Orinoco nach San Carlos +dauert, hängt begreiflich von mehreren wechselnden Umständen ab, ob die +Brise zwischen Angostura und Carichana stärker oder schwächer weht, wie in +den Katarakten von Atures und Maypures und in den Flüssen überhaupt der +Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kräftig +und die Strömung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Flüsse haben +dann so wenig Wasser, daß man jeden Augenblick Gefahr läuft aufzufahren. +Die Missionäre reisen am liebsten im April, zur Zeit der +Schildkröteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco +einiges Leben kommt. Man fürchtet dann auch die Moskitos weniger, der +Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt +leicht durch die großen Katarakten. + +Aus den Barometerhöhen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am +Pimichin beobachtet, geht hervor, daß der Canal im Durchschnitt von Nord +nach Süd einen Fall von 30--40 Toisen hätte. Daher laufen auch die vielen +Bäche, über die man die Piroguen schleppen muß, alle dem Pimichin zu. Wir +bemerkten mit Ueberraschung, daß unter diesen Bächen mit schwarzem Wasser +sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiß war als +das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied rühren? Alle diese Quellen +entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Sümpfen im Walde. Pater +Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist +zu weit nach Ost gekommen, der Canal würde daher nicht 6000 Toisen lang. +Ich steckte den kürzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie +und da in die ältesten Waldbäume Marken. Der Boden ist völlig eben; auf +fünf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhöhung. Wie die +Verhältnisse jetzt sind, sollte man das »Tragen« wenigstens dadurch +erleichtern, daß man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen führte und +Brücken über die Bäche schlüge, durch welche die Indianer oft Tage lang +aufgehalten werden. + +In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft über das +vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der +alte Kapitän Javita führte uns an einen Bach, der in den Tuamini fällt. Er +zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich +zwei, drei Fuß zwischen den Wurzeln zweier Bäume, des *Jacio* und des +*Curvana* graben muß. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der +neueren Botaniker, von der, wie man weiß, das Cautschuc kommt, das in +Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blätter; +sein Saft ist milchigt, aber sehr dünn und fast gar nicht klebrigt. Das +Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, daß der Saft aus den Wurzeln +austritt, und dieß geschieht besonders, wenn die Bäume sehr alt sind und +der Stamm hohl zu werden anfängt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so +erfolgt auf natürlichem Wege, was der Mensch künstlich thut, um den +Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbäume +in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons +in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald +darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so daß diese von +oben am Stamm bis nahe über der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt +zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo +das Thongefäß steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer +in Carichana sahen wir ungefähr eben so verfahren. + +Wenn, wie ich vermuthe, die Anhäufung und das Austreten der Milch beim +*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muß der +Proceß zuweilen durch die Spitzen der längsten Wurzeln vor sich gehen; +denn wir fanden zwei Fuß breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht +Fuß vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Bäumen +vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch grünenden Hevea- oder +Jaciostämmen. Die Substanz ist weiß, korkartig, zerbrechlich und gleicht +durch die aufeinander liegenden Blätter und die gewellten Ränder dem +_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit +erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, daß in Folge eines +eigenthümlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich +verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt; +es ist ein eigenthümlich beschaffenes, ich möchte fast sagen »vergeiltes« +Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte +Ansehen der Ränder des Dapicho und seine Blätterung zu erklären. + +Ich habe in Peru oft beobachtet, daß, wenn man den Milchsaft der Hevea +oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser gießt, das Gerinsel +wellenförmige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloß in dem +Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier +gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, daß man in französisch Guyana, +wenn man unter den Wurzeln und alten Stämmen der Hevea nachsuchte, +zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc +fände, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung, +daß, wenn die Blätter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es +wäre interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsäfte +der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten +gleichfalls abwärts gehen. Trotz der großen Gleichförmigkeit der +Temperatur durchlaufen die Bäume in der heißen Zone einen +Vegetationscyclus, unterliegen Veränderungen mit periodischer Wiederkehr. +Das Dapicho ist wichtiger für die Pflanzenphysiologie als für die +organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs über den Unterschied +zwischen dem Cautschuc in seinem gewöhnlichen Zustande und der bei Javita +gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte. +Gegenwärtig kommt im Handel ein gelblich weißes Cautschuc vor, das man +leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch +zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glänzend und seifenartig. Ich sah +kürzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das +Pfund im Preise standen. Dieses weiße, fett anzufühlende Cautschuc kommt +aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter +oben von einer Mischung von Käsestoff und Eiweißstoff abgeleitet habe. +Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewächse +Cautschuc geben, so muß man bedauern, daß dieser so nützliche Stoff bei +uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Bäume mit Milchsaft gar nicht +künstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco ließe sich so +viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer bedürfen mag. Im +Königreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glück versucht worden, aus +dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den +amerikanischen Völkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am +besten auf die Verarbeitung des Cautschuc. + +Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den +Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. »Es fehlt Ihnen +an nichts in meiner Mission,« sagte Pater Cereso; »Sie haben Bananen und +Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je +länger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, daß Ihnen auch noch die +Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim +»Tragen«, so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, daß ich +ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe.«(61) Trotz unserer +Ungeduld, hörten wir die Schilderungen des guten Missionärs mit großem +Interesse an. Er bestätigte Alles, was wir bereits über die sittlichen +Zustände der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben +in einzelnen Horden von 40 bis 50 Köpfen unter einem Familienhaupte; einen +gemeinsamen Häuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald +sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Mißtrauen ist +bei diesen Horden um so stärker, da selbst die, welche einander zunächst +hausen, gänzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder +in Ländern mit Grasfluren halten sich die Völkerschaften gerne nach der +Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebräuche und Mundarten +zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man große +Völkerfamilien in mehreren Marschcolonnen über schwach bewaldete, leicht +zugängliche Länder fortziehen. Der Art waren die Züge der toltekischen und +aztekischen Race über die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum +eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die +Völkerströmung, in der sich die kleinen Stämme in Canada, die Mengwe +(Irokesen) oder fünf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die +Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermeßliche +Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald +ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flußverzweigungen +nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens nöthigte sie mehr oder +weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Flüsse, daß +die Familien sich niederließen, ohne zu wissen, welche Menschenart +zunächst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg, +ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren +müßten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur +schon vorgeschrittenen Ländern Flußverbindungen mächtig auf Verschmelzung +der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den +undurchdringlichen Wäldern des heißen Landstrichs, wie im rohen Urzustand +unseres Geschlechts, zerschlagen sie große Völker in Bruchstücke, lassen +sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, nähren +sie das Mißtrauen und den Haß unter den Völkern. Zwischen dem Caura und +dem Padamo trägt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwäche. Die +Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen +sich, weil sie einander fürchten. + +Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt +man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmählig bevölkerte; +man meint die frühesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen +entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die +Jägervölker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns +vergeblich nach dieser allmähligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe- +und Haltpunkten im Leben der Völker. Der üppige Pflanzenwuchs ist den +Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Ströme Meeresarmen gleichen, +so hört des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten +von Wiederkäuern, die der kostbarste Besitz der Völker der alten Welt +sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals +Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos führte nicht +zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemäßigten Zone, an den Ufern des +Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein +Jäger; in der heißen Zone dagegen, in den Wäldern von Guyana pflanzt er +Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so überschwenglich +freigebig, daß die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, daß +das Urbarmachen darin besteht, daß man die Sträucher wegbrennt, das Ackern +darin, daß man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So +weit man sich in Gedanken in der Zeit zurückversetzt, nie kann man in +diesen dicken Wäldern die Völker anders denken als so, daß ihnen der Boden +vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten +Fläche fast ohne Arbeit so reichlich trägt, so hat man sich wiederum +vorzustellen, daß diese Völker immer einem und demselben Gewässer entlang +häufig ihre Wohnplätze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert +ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung +(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlägt rund die Weide +wechselt. Die Menge von Culturgewächsen, die man mitten im Walde wild +findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer +Lebensweise hin. Kann man sich wundern, daß bei solchen Sitten vom Segen +der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flächen und viel +mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts übrig bleibt? + +Die Völker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den +alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkräfte. +Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der große +Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Früchte reifen läßt. Neben dem +Cachimana steht ein böses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so mächtig +ist, aber schlauer und besonders rühriger. Die Indianer aus den Wäldern, +wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, können sich von einem Tempel +oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. »Die guten Leute,« +sagte der Missionär, »lieben Processionen nur im Freien. Jüngst beim Fest +meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von +Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: »Euer Gott schließt sich in +ein Haus ein, als wäre er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem +Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt.« Bei zahlreicheren und +eben deßhalb weniger barbarischen Völkerschaften bilden sich seltsame +religiöse Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die göttlichen Dinge +tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das berühmte +*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den +Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Früchte tragen. An den Ufern des +Orinoco gibt es kein Götzenbild, wie bei allen Völkern, die beim +ursprünglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*, +die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die +Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muß man rein von Sitten und +unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geißelung, dem +Fasten und andern angreifenden Andachtsübungen. Dieser heiligen Trompeten +sind nur ganz wenige und die altberühmteste befindet sich auf einem Hügel +beim Zusammenfluß des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini +und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehört werden. +Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio +Tomo so, als wäre derselbe für mehrere Völkerschaften in der Nähe ein +Gegenstand der Verehrung. Man stellt Früchte und berauschende Getränke +neben die heilige Trompete. Bald bläst der Große Geist (Cachimana) selbst +die Trompete, bald läßt er nur seinen Willen durch den kund thun, der das +heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von +den Vätern unserer Väter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu +verwundern, daß es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben; +aber diese Ungläubigen äußern nur ganz leise, was sie von den Mysterien +des Botuto halten. Die Weiber dürfen das wunderbare Instrument gar nicht +sehen; sie sind überhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine +das Unglück, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht. +Der Missionär erzählte uns, im Jahr 1798 habe er das Glück gehabt, ein +junges Mädchen zu retten, der ein eifersüchtiger, rachsüchtiger Liebhaber +Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in +den Pflanzungen den Botuto bliesen. »Oeffentlich hätte man sie nicht +umgebracht,« sagte Pater Cereso, »aber wie sollte man sie vor dem +Fanatismus der Eingebornen schützen, da es hier zu Lande so leicht ist, +einem Gift beizubringen? Das Mädchen äußerte solche Besorgniß gegen mich +und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco.« Wären die Völker +in Guyana Herren dieses großen Landes geblieben, könnten sie, ungehindert +von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebräuche frei +entwickeln, « so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische +Bedeutung. Dieser geheimnißvolle Verein von Eingeweihten, diese Hüter der +heiligen Trompete würden zu einer mächtigen Priesterkaste und das Orakel +am Rio Tomo schlänge nach und nach ein Band um benachbarte Völker. Auf +diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_), +durch religiöse Gebräuche und Mysterien so viele Völker der alten Welt +einander näher gebracht, mit einander versöhnt und vielleicht der +Gesittung zugeführt worden. + +Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen +unserer Pirogue an den Pimichin beschäftigt war, sey von einer Natter +gebissen worden. Der große starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand +in die Mission gebracht. Er war bewußtlos rücklings zu Boden gestürzt, und +auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf +gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so berühmt geworden, +und die das sicherste Mittel gegen den Biß giftiger Schlangen ist, war +hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Hütte des +Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguß von *Raiz de Mato*. Wir können +nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift +kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruß, daß er von den +nutzbarsten Gewächsen weder Blüthe noch Frucht zu Gesicht bekommt, während +er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften +rauszeichnen, täglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die +*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera +thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder +_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiß brauchen. Eine +der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet +in Indien denselben Dienst. Ziemlich häufig findet man in derselben +Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biß der +Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder +wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden +Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen, +Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten +Blüthen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen. + +In der Hütte des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden +wir 2--3 Zoll große Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _‘Chivi’_ +genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfältig zubereitet wird. In +Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem +Hochgewässer in sein Bett zurückkehrt, auf dem Gestein sitzen läßt. In +Javita bereitet man Salz durch Einäscherung des Blüthenkolbens und der +Früchte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schöne Palme, die am Ufer des +Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr +häufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist +das in der gemeinen Cocosnuß eingeschlossene Wasser häufig salzigt, selbst +wenn der Baum weit von der Meeresküste wächst. Auf Madagascar gewinnt man +Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Außer den Blüthenkolben und +den Früchten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche +des vielberufenen Schlinggewächses *Cupana* aus. Es ist dieß eine neue Art +der Gattung Paullinia, also eine von LINNÉs Cupania sehr verschiedene +Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ein Missionär selten auf +die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen. +Diese Zubereitung erfordert große Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den +Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblätter und +lassen sie im Wasser gähren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig +wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen genießt man ihn +Morgens statt Thee. Das Getränk ist bitter und magenstärkend, ich fand +aber den Geschmack sehr widrig. + +Am Niger und in einem großen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr +selten ist, heißt es von einem reichen Mann: »Es geht ihm so gut, daß er +Salz zu seinen Speisen ißt.« Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas +nicht allzu häufig. Nur die Weißen, besonders die Soldaten im Fort San +Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Küste von +Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus +dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch +und verbrauchen fast kein Salz. Daher trägt auch die Salzsteuer aller +Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlägt, wie in Mexico +und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein +Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und +verschiedenen erdigten Salzen. Man löst ein ganz klein wenig davon in +Wasser auf, füllt mit der Auflösung ein dütenförmig aufgewickeltes +Heliconienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar +Tropfen auf die Speisen fallen. + +Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß aus den Weg, um unsere Pirogue +einzuholen, die endlich über den Trageplatz im Caño Pimichin angelangt +war. Wir mußten über eine Menge Bäche waten, und es ist dabei wegen der +Nattern, von denen die Sümpfe wimmeln, einige Vorsicht nöthig. Die +Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Fährte der kleinen schwarzen +Bären, die am Temi so häufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens +in der Größe vom _Ursus americanus_; die Missionäre nennen sie _Osso +carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und +dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht +übel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen +sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heißt bei den Indianern +*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier +ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige +Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugänglicher er +wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit +Blüthen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung für sich), die +_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit +zusammengesetzter Blüthe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer +sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betäuben, endlich die hier +*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift +*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie +WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich +ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen +Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist. +Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der +Missionäre gefördert sähe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und +ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco +zubrächte, könnte er gewiß die Zahl der von AUBLET und RICHARD +beschriebenen Gattungen verdreifachen. + +Auch im Walde am Pimichin haben die Bäume die riesige Höhe von 80--120 +Fuß. Es sind dieß die Laurineen und Amyris, die in diesen heißen +Himmelsstrichen das schöne Bauholz liefern, das man an der Nordwestküste +von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter +Null fällt, in der Familie der Nadelhölzer findet. In Amerika ist unter +allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft +so ausnehmend stark, daß unter dem 57 Grad nördlicher Breite, auf +derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus +canadensis_ 150 Fuß hohe und 6 Fuß dicke Stämme hat.(62) Wir kamen gegen +Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am +Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, »wo +ein armer Missionär, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden.« Ich +spreche dieß dem Mönch in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier +zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von +diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heißen +Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfälle fast so heftig +wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen +eintreten. Der Tod des armen Mönchs wird wohl eher eine Folge der +Erschöpfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel +der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer große Furcht haben. Diese +Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche +die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem +Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Hände +setzten. + +Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von +Cacaobäumen. Die Bäume sind sehr kräftig und hier wie am Altabapo und Rio +Negro in allen Jahreszeiten mit Blüthen und Früchten bedeckt. Sie fangen +im vierten Jahr an zu tragen, auf der Küste von Caracas erst im sechsten +bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin überall, wo er nicht +sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man, +daß der Cacaobaum in diesen Wäldern der Parime, südlich vom sechsten +Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und daß das nasse Klima am obern +Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den +Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so +muß man bedauern, daß dieses schöne Stück Erde in den Händen von Mönchen +ist, von denen keinerlei Cultur befördert wird. Die Missionen der +Observanten allein könnten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen, +dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe. +Um die Conugos am Pimichin wächst wild der *Igua*, ein Baum, ähnlich dem +_Caryocar nuciferum_ den man in holländisch und französisch Guyana baut, +und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_), +dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom +Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Südamerika kommen. Die Früchte +des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den +Küsten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Früchte des +_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einführten. Diese +Bäume werden hundert Fuß hoch und nehmen sich mit ihrer schönen +Blumenkrone und ihren vielen Staubfäden prachtvoll aus. Ich müßte den +Leser ermüden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese großen +Wälder auszuweisen haben, noch weiter herzählen. Ihre erstaunliche +Mannigfaltigkeit rührt daher, daß hier auf kleiner Bodenfläche so viele +Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und daß bei dem mächtigen Reiz +von Licht und Wärme die Säfte, die in diesen riesenhaften Gewächsen +circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden. + +Wir übernachteten in einer Hütte, welche erst seit kurzem verlassen stand. +Eine indianische Familie hatte darin Fischergeräthe zurückgelassen, +irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen +Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekümmerten Menschenart. +Große Vorräthe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der +_Amyris_ Caraña) lagen um die Hütte. Die Indianer bedienen sich desselben +hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des +knöchernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Näpfe voll +vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als +_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem +klebrichten Saft das Geräthe, dem man eine schöne weiße Farbe geben will. +An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen +bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist +das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses +Gerinsel nun, diese weiße Haut, die glänzt, als wäre sie mit Copalfirniß +überzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Könnte man +diesem milchigten Firniß verschiedene Farben geben, so hätte man damit, +sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer +Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen +Verhältnisse der Gewächse der heißen Zone kennen lernt, desto mehr wird +man hie und da an abgelegenen, aber dem europäischen Handel zugänglichen +Orten in den Organen gewisser Gewächse halbfertige Stoffe entdecken, die +nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehören, oder die wir auf +künstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und mühsamem Wege +hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der +Anden von Quindiu überzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch +des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den käseartigen Stoff im +fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen +werden sich häufen, wenn, wie nach den gegenwärtigen politischen +Verhältnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europäische Cultur +großentheils in die Aequinoctialländer des neuen Continents überfließt. + +Wie ich oben erwähnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem +Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande berüchtigt. +Bevor wir von der verlassenen Hütte Besitz nahmen, schlugen die Indianer +zwei große, 4--5 Fuß lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von +derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist +ein schönes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiß, auf dem Rücken braun +und roth gefleckt. Da in der Hütte eine Menge Kraut lag und wir am Boden +schliefen (die Hängematten ließen sich nicht befestigen), so war man in +der Nacht nicht ohne Besorgniß; auch fand man Morgens, als man das +Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine +große Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in +ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den +Menschen, weil sie der Wärme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich +eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen +Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier +keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das läßt sich +behaupten, wären diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt, +so hätte in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den +feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen müssen. + +Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden +unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim »Tragen« wohl dünner +geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug könne die +dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf +und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl +aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Caño) heißt, ist so breit wie +die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenüber, aber kleine, gerne im +Wasser wachsende Bäume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so +ein, daß nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehört +mit dem Rio Chagre zu den Gewässern, die in Amerika wegen ihrer Krümmungen +berüchtigt sind. Man zählt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend +verlängert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke +von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Längenunterschied zwischen dem +Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu +bestimmen, nahm ich mit dem Compaß den Lauf des Caño Pimichin auf und +bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Strömung war nur +2,4 Fuß in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuß +zurück. Meiner Schätzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100 +Toisen westwärts von seiner Mündung und 0° 2′ westwärts von der Mission +Javita. Der Caño ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen +*Raudal*, über den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind +niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fünftehalb Stunden lang den Krümmungen +des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio +Negro ein. + +Der Morgen war kühl und schön. Sechs und dreißig Tage waren wir in einem +schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, daß es umgeschlagen +hätte, wäre man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern +Bord zuzurufen, sich überzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir +hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima +hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, über eine ganze +Menge Wasserfälle und Flußdämme gekommen, welche die Stromfahrt sehr +beschwerlich und oft gefährlicher machen als lange Seereisen. Nach allem, +was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn +auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, daß wir die Nebenflüsse des +Amazonenstroms erreicht, daß wir die Landenge zwischen zwei großen +Flußsystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung +des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen +Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergießt, und +dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder +in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern +Auge gehabt, wächst uns an Bedeutung, je näher wir ihm kommen. Jene +unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare +beschäftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der +Culturvölker hochberühmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten +des neuen Continents, gewöhnt man sich beinahe daran, den Menschen als +etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehört. Der +Boden ist dicht bedeckt mit Gewächsen, und ihre freie Entwicklung findet +nirgends ein Hinderniß. Eine mächtige Schicht Dammerde weist darauf hin, +daß die organischen Kräfte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet +haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der +Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und +ohne Gefährde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser +Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas +Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande +Afrika’s gewöhnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts +an unsere Felder, unsere Gehölze und Bäche erinnert, die weite Einöde, +durch die man sich bewegt, nicht so stark auffällt. Hier, in einem +fruchtbaren Lande, geschmückt mit unvergänglichem Grün, sieht man sich +umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt +sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der +sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war +einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in +der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage über die +Größe der Sterne, über die Mondsbewohner, über tausend Dinge, von denen +ich so viel wußte als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht +genügen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: »Was die Menschen +anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen +hättet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen wäret. In +den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras +und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fließt.« Mit diesen +Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintönige Anblick dieser +Einöde hervorbringt. Möchte diese Eintönigkeit nicht auch auf das Tagebuch +unserer Flußfahrt übergehen! Möchten Leser, die an die Beschreibung der +Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents +gewöhnt sind, es nicht ermüdend finden! + + ------------------ + + + + + + 55 Die wilden Völker bezeichnen jedes europäische Handelsvolk mit + Beinamen, die ganz zufällig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe + schon oben bemerkt, daß die Spanier vorzugsweise *bekleidete + Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heißen. + +_ 56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus; + __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._ + + 57 Einer der Vorgänger des Geistlichen, den wir in San Fernando als + Präsidenten der Missionen fanden. + + 58 Die Delphine, welche in die Nilmündung kommen, fielen indessen den + Alten so auf, daß sie auf einer Büste des Flußgottes aus Syenit im + Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind. + + 59 Ich führe diesen geringfügigen Umstand hier an, um die Reisenden + darauf aufmerksam zu machen, wie nöthig es ist, nur solche Barometer + zu haben, bei denen die Röhre der ganzen Länge nach sichtbar ist. + Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz + sperren, ohne daß der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende + der Röhre sich veränderte. + +_ 60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in + Nordamerika. + + 61 »Mit weißen und vernünftigen Menschen.« Die europäische Eigenliebe + stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_ + einander gegenüber. + + 62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem + Stück 50 Fuß lang, 4 1/2 :breit und an den Rändern 3 Fuß hoch; sie + faßten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen + um Norfolkbucht ungeheuer hoch. + + 63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund. + + + + + +DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. + + + Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze. + + +Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco +gegenüber nur ein Fluß zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit +Jahrhunderten für die spanische Regierung von großer politischer +Wichtigkeit, weil er für einen eifersüchtigen Nachbar, für Portugal, eine +offene Straße ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudrängen und die +südlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen. +Dreihundert Jahre verflossen über zu nichts führenden Grenzstreitigkeiten. +Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Völker hielt man sich +bald an die Autorität des heiligen Vaters, bald an die Hülfsmittel der +Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu +verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die +Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Proceß gewonnen. Es +ist bekannt, daß durch die Bullen der Päpste Nicolaus V. und +Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit, +eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Längen zu +lösen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu +vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Händel in +Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento für die beiden Höfe zu +Madrid und Lissabon Sachen von großem Belang wurden, schickte man +Grenzcommissäre an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la +Plata. + +Unter den Müßiggängern, welche die Archive mit Verrechnungen und +Protokollen füllten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter +Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit +von den Küsten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wußte. Das +Wenige, was wir am Schluß des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen +Geographie des neuen Continents wußten, verdankt man diesen achtbaren, +fleißigen Männern, den französischen und spanischen Akademikern, die in +Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach +Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschließen. +Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufällig +durch jene »Grenzcommissionen« gefördert worden sind, die für den Staat +eine große Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch öfter +vergessen als ausgelöst wurden. + +Weiß man, wie unzuverlässig die Karten von Amerika sind, kennt man aus +eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio +Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Küste von Cayenne, +die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht, +so kann man sich über die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar +Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen +Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wüsten, deren +Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den berühmten Conferenzen in Puente de +Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage +verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische +Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezählt.] westwärts von +den Inseln des grünen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian +solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der +portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San +Antonio gezählt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos +Expedition, unterhandelte man über den Besitz der damals völlig +unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stück Sumpfland, über das wir +zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester +Zeit wollten die spanischen Commissäre die Scheidungslinie an die +Einmündung des Apoporis in den Jupura legen, während die portugiesischen +Astronomen sie bis zum Salto Grande zurückschoben. Die Missionäre und das +Publikum überhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen +Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien +beschuldigt man die Regierung der Gleichgültigkeit und Lässigkeit. +Ueberall wo die Völker keine Verfassung haben, deren Grundlage die +Freiheit ist, gerathen die Gemüther nur dann in Aufregung, wenn es sich +davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen. + +Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenflüsse des Amazonenstromes, +die in Länge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern +gehört, während der untere in den Händen der Portugiesen ist. An diesen +zwei majestätischen Strömen hat sich die Bevölkerung nur in der Nähe des +ältesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern +Jupura oder Caqueta wurden von Missionären cultivirt, die aus den +Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum +Einfluß des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, während +am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Dörfer gegründet haben. Am +Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun. +Wie kann man sich auf eine Bevölkerung stützen, wenn sie so weit abliegt +als die in der Provinz Caracas? Fast völlig unbewohnte Steppen und Wälder +liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Küstenstrich und den +vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche +die spanischen Franciscaner längs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei +den Portugiesen in Brasilien hat das militärische Regiment, das System der +_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenüber die +Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur +Einmündung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der +bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal +von West nach Ost gerade fortläuft, konnte sich die portugiesische +Bevölkerung längs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern +Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte +da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmückt mit reichem Anbau und +mit zahlreichen Städten und ansehnlichen Dörfern bedeckt. + +An diese Betrachtungen über die örtlichen Verhältnisse reihen sich andere +an, die sich auf die moralische Verfassung der Völker beziehen. Auf der +Nordwestküste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen +Niederlassungen außer den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe +die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West +den Küstenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad +lange die castilianischen Mönche und die sibirischen Jäger(64) getrennt, +ließen sich letztere südlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in +Neucalifornien die Missionäre vom Orden des heiligen Franz, deren +Lebenswandel und deren Eifer für den Ackerbau alle Achtung verdienen, +nicht wenig erstaunt, als sie hörten, in ihrer Nachbarschaft seyen +griechische Priester eingetroffen, so daß die beiden Völker, welche das +Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Küsten Amerikas, China +gegenüber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die +Verhältnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben +Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung +einen der edelsten Reste des römischen Europa bilden, die aber durch das +Mißtrauen, wie es aus Ungleichheit der Kräfte und allzu naher Berührung +geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersüchtigen +Macht geworden waren. Geht man von der Küste von Venezuela (wo, wie in der +Havana und auf den Antillen überhaupt, die europäische Handelpolitik der +tägliche Gegenstand des Interesses ist) nach Süd, so fühlt man sich mit +jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrückt, was mit +dem Mutterlande zusammenhängt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den +mit Ochsenhäuten gedeckten Hütten inmitten wilder Heerden unterhält man +sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des +Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermäuse an +Färsen und Füllen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen +in den Wäldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen +beschäftigt, mit der Unzuverlässigkeit der Indianer, die aus den Dörfern +fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkröteneier, +mit den Beschwerden eines heißen, ungesunden Klimas. Kommen die Mönche +über der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man +sich leise über den Präsidenten der Missionen, so seufzt man über die +Verblendung der Leute, die im nächsten Capitel den Gardian des Klosters in +Nueva Barcelona wieder wählen wollen. Alles hat hier ein rein örtliches +Interesse, und zwar beschränkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des +Ordens, »auf diese Wälder, wie die Mönche sagen, _estas selvas_, die Gott +uns zum Wohnsitz angewiesen.« Dieser etwas enge, aber ziemlich trübselige +Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro +kommt und sich der Grenze Brasiliens nähert. Hier scheinen alle Köpfe vom +Dämon europäischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des +Amazonenstroms heißt in der Sprache der spanischen Missionen weder +Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die +kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos +zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*. +Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Küste von Cumana, und mit +Behagen erzählt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines +alten, aus den Bergen von Bierzo gebürtigen Commandanten von Vieja Guayana +angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, daß er zur See +habe an den Orinoco kommen müssen. »Ist es wahr,« sprach er, »wie ich hier +höre, daß spanisch Guyana, diese große Provinz, sich bis nach Portugal +erstreckt (zu _los Portugueses_), so möchte ich wissen, warum der Hof mich +in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich hätte gerne ein paar Meilen +weiter zu Lande gemacht.« Diese Aeußerung von naiver Unwissenheit erinnert +an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Prälat, der +übrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer +Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Königs von Spanien in +Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr nördliches Ende liegt unter 37° 48′ +der Breite) »hängen über Land mit Sibirien zusammen.« + +Wenn zwei Völker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und +Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so +verdanken sie dieses Verhältniß, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem +Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres +kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Größe entwickelt. Die +castilianische Sprache wird gegenwärtig in Süd- und Nordamerika auf einer +1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Südamerika für +sich, so zeigt sich, daß das Portugiesische über einen größeren +Flächenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen +wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schönen Sprachen +eines Camoens und Lope de Vega verknüpft, hat, sollte man meinen, Völker, +die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht. +Der Nationalhaß richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in +Abstammung, Sitten und Culturstufe; überall, wo er sehr stark +ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhältnisse +und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich +etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich +Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu +verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben +einander-lebender Völker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern +Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist. + +Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander +gehenden Politik der beiden Höfe von Lissabon und Madrid, das +systematische Mißtrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen +Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch stärker als +gewöhnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen +herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer +Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte »die Garnison« mit +Sicherheitsmaßregeln, welche »der Ernst der Lage« erforderlich machte, und +im Fall eines Angriffs hoffte er »den Feind zu umzingeln.« Sprachen wir +davon, daß die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Dörfer, +welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr +wenig beachte, so fühlten sich die Leute durch die Gründe, mit denen wir +sie beruhigen wollten, nur verletzt. Völkern, die durch alle Wechsel im +Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhaß ungeschwächt erhalten haben, ist +jede Gelegenheit erwünscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen +ist bei Allein wohl, was sein Gemüth aufregt, was ihm eine lebhafte +Empfindung zum Bewußtseyn bringt, sey es nun ein Gefühl der Zuneigung, +oder jener eifersüchtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen +entspringt. Die ganze Persönlichkeit der Völker ist aus dem Mutterlande in +die entlegensten Colonien übergegangen, und der gegenseitige Widerwille +der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluß der gleichen +Sprache wegfällt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht, +daß der Haß zweier flüchtigen Matrosen, eines Franzosen und eines +Engländers, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der +Marquesasinseln Anlaß gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro können die +Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Dörfern +einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische +Sprachen, sie wissen gar nicht, was »am andern Ufer des Oceans, drüben +über der großen Salzlache« vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionäre sind +von verschiedener Farbe, und dieß mißfällt ihnen im höchsten Grade. + +Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den +kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu können. +Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluß auf den Umstand gewesen, daß +unsere geographische Kunde von den Nebenflüssen des Amazonenstromes bis +jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt +ist, und die eine Nation an der Mündung, die andere im obern Flußgebiet +sitzt, so fällt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen +einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die +Trageplätze, über die man die Canoes von einem Nebenfluß zum andern +schafft, dessen Quellen in der Nähe liegen, verleiten zur Annahme von +Gabelungen und Verzweigungen der Flüsse, die in Wahrheit nicht bestehen. +Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich +(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und +Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits über die Trageplätze +zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern +Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu +sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche +Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den +Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die +Missionäre sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten +kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen über vermeintliche +Flußverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht +zu sagen, was er ganz gut weiß, und der Hang zu allem Geheimnißvollen, der +bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu, +um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen +Indianerstämme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Flüssen +ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche +»Wasser, großes Wasser, Strömung« bedeuten, unkenntlich gemacht und +verlängert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschäft, die Synonymie der +Flüsse ins Reine zu bringen, in größter Verlegenheit gewesen, wenn ich die +gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers +über die Zahl der Nebenflüsse, die Quellen und die Trageplätze befragte! +Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so hält es +sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten +wimmeln von willkürlich abgekürzten oder entstellten Namen. Um +herauszubringen, was darauf richtig ist, muß man sich von der +geographischen Lage der Nebenflüsse, fast möchte ich sagen von einem +gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der +portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der +Eingeborenen. Der Anava der älteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu, +und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man ließ nicht gerne einen +leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen möchten, und so +erschuf man Flüsse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, daß +dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die +Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf +ankommt, daß man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des +berühmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See +Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstörers des +Reichs der Incas, zu erkennen. + +Die großen Nebenflüsse des Amazonenstroms heißen, selbst bei den +Missionären von europäischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im +untern. Der Jça heißt weiter oben Putumayo; der Jupura führt seinen +Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich +nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte dieß um so weniger +zu etwas führen, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte. +In Javita, Maroa und San Carlos hörte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY, +der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich überall sehr genau +fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus +meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdrücklich, der Rio +Negro heiße auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder +Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt +Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne +Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem +letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle +alten Geographen durch ein komisches Mißverständniß ihren _‘Europa +fluvius’_ gemacht. + +Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, über +welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage +erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines +mächtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie hängt mit +einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des +Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und +mit dem *örtlichen Mythus* vom Dorado, früher Enim oder das Reich des +Großen Paytiti geheißen. Studirt man die alten Karten dieser Länder und +die Geschichte der geographischen Irrthümer genau, so sieht man, wie der +Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmählich nach Westen +rückt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie +ich später nachweisen werde, im Südwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere +PHILIPP DE URRE ging, um die große Stadt Manoa zu entdecken, über den +Guaviare. Noch jetzt erzählen die Indianer in San Jose de Maravitanos, +»fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so +komme man zu einer berühmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und +so groß sey, daß man das Ufer gegenüber nicht sehen könne. Ein wildes +Volk, die Guanes, leide nicht, daß man im Sandboden um den See Gold +sammle.« Pater ACUÑA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura +und den Rio Negro. Manaos-Indianer (dieß ist das Wort Manoa mit +Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Völkern +vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blätter geschlagenen +Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga +und Moreira bekannt ist, saß am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA +CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem +Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des +Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuña +und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Flüssen Urubaxi und Iguari der +handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze +und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit +vielen Jahren habe ich nach den ältesten Karten und einem ansehnlichen, +von mir gesammelten, nicht veröffentlichten Material mit anhaltendem Eifer +Untersuchungen über die Geographie Südamerikas nördlich vom Amazonenstrom +angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen +Werkes bewahren möchte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenständen zu +handeln, über die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, nämlich von +den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser +Flüsse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den +Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thränen gekostet hat. +Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem +Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am +lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen müßte, +wenn ich alle Beweise für meine Ausstellungen beibringen wollte, so +beschränke ich mich hier darauf, die hauptsächlichsten Ergebnisse +mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausführung auf die »_Analyse des +Cartes_« und den »_Essai sur la géographie astronomique du +Nouveau-Continent_«, welche den geographischen Atlas eröffnen sollen. + +Diese meine Untersuchungen führen zum allgemeinen Schluß, daß die Natur +bei der Vertheilung der fließenden Gewässer auf der Erdoberfläche, wie +beim Bau der organischen Körper, lange nicht nach einem so verwickelten +Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluß unbestimmter Anschauungen +und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor, +daß alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der +Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; daß in +der alten Welt beim Lauf fließender Gewässer gleich außerordentliche +Erscheinungen vorkommen, daß aber diese Erscheinungen vermöge ihres +unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn +ungeheure Ströme betrachtet werden können als aus mehreren, unter einander +parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Ströme nicht +in Thäler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines großen Festlandes +so eben ist als bei uns das Meeresufer, so müssen die Verzweigungen, die +Gabelungen, die netzförmigen Verschlingungen sich ins Unendliche häufen. +Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht +glauben, daß die neue Welt später als die alte dem Schooß des Wassers +entstiegen, daß das organische Leben in ihr jünger, frischer seyn sollte; +wenn man aber auch keine Gegensätze zwischen den zwei Halbkugeln desselben +Planeten gelten läßt, so begreift sich doch, daß auf derjenigen, welche +die größte Wasserfülle hat, die verschiedenen Flußsysteme längere Zeit +gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig völlig +unabhängig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich überall bilden, wo +fließendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei, +die großen Strombetten zu erhöhen und die Ueberschwemmungen stärker zu +machen; aber auf die Länge werden die Flußarme und schmalen Kanäle, welche +benachbarte Flüsse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz +verstopft. Was das Regenwasser zusammenspült, bildet, indem es sich +aushäuft, Schwellen, _‘isthmes d’attérissement’_, Wasserscheiden, die +zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, daß die natürlichen, +ursprünglichen Verbindungscanäle nach und nach in zwei Wasserläufe +zerfallen, und durch die Aufhöhung des Bodens in der Quere zwei Gefälle +nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers fällt +in den Hauptwasserbehälter zurück, und zwischen zwei parallelen Becken +erhebt sich eine Böschung, so daß die ehemalige Verbindung spurlos +verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flußsystemen keine +Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der großen Ueberschwemmungen noch +immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehälter nur weg, um nach +größeren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurückzukehren. Die Gebiete, +deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schließen sich nach +und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der +Erdoberfläche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die +Flußbetten zu trennen, wie die großen Seen in mehrere zerfallen und die +Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65) + +Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung +gewonnen hatten, daß in Südamerika zwischen verschiedenen Flußsystemen +Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhängig +machen, so nahmen sie an, daß die fünf großen Nebenflüsse des Orinoco und +des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura, +und Putumayo oder Iça unter einander zusammenhängen. Diese Hypothesen, +welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind, +entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem +Rücken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota über +Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hört man die Gebirgsbewohner +behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen +Friedens), des Iscancè und Aponte entspringen alle Flüsse, die zwischen +dem Meta und dem Putumayo durch die Wälder von Guyana ziehen. Da man die +Nebenflüsse für den Hauptstrom hält und man alle Flüsse rückwärts bis zur +Bergkette reichen läßt, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio +Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr +schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den +Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig +Interesse, die Flüsse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu +lernen: durch all diese Umstände ist die geographische Verwirrung noch +größer geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den +Weg, der über die Dörfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum +Landungsplatz am Rio Meta führt. Erst in neuester Zeit konnte ich die +Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebüchern_ des CANONICUS CORTES +MADARIAGA und nach den Ermittlungen während des Unabhängigkeitskriegs in +Venezuela berichtigen. + +Ueber die Lage der Quellen am Fuß der Cordilleren zwischen dem 4° 20′ und +1° 10′ nördlicher Breite wissen wir zuverlässig, was folgt. Hinter dem +Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt +der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay +den *Meta* bildet; weiter nach Süden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluß +des *Guaviare*, dessen Mündung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen. +Geht man auf dem Rücken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo +von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo +vorbeiläuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung +bekommen die Flüsse den Namen *Guaviare*. Südwestlich vom Paramo de Aponte +entspringen am Fuß der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der +Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung +eine große Rolle spielt. Diese beiden Flüsse, die sich etwas oberhalb der +Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder +*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene +der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und +dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jça entspringt. Der +Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen +großen Flüsse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe, +Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio +Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwärts +bis zum Gebirge fortführen, entspringen weit weg von demselben entweder in +den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach +den Aussagen der Eingeborenen, fünf, sechs Tagereisen westwärts von den +Missionen am Javita und Maroa anfängt und sich als Sierra Tunuhy jenseits +des Xiè dem Issana zu erstreckt. + +Es erscheint ziemlich auffallend, daß dieser Kamm der Cordillere, dem so +viele majestätische Flüsse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta, +Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge, +aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewässer, +die über die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der +Anden kommt, einen noch thätigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester +Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja über den Rio Fragua an +den Caqueta herunterkommen. Nordöstlich von der Mission Santa Rosa, +westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Hügel, der +Tag und Nacht Rauch ausstößt. Es rührt dieß von einem Seitenausbruch der +Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die +gleichfalls am Fuß des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbrüchen +des Vulkansystems von Quito herrühren. Ist man mit den Ufern des Orinoco +und des Rio Negro bekannt, wo überall das Granitgestein zu Tage kommt, +bedenkt man, daß in Brasilien, in Guyana, auf dem Küstenland von +Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwärts von den Anden, +sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thätigen Vulkane +an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr +interessant. + +Die imposante Größe des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr +1539 bei seinem Einfluß in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_; +aber erst ein Jahrhundert später suchten die Geographen seine Quellen am +Abhang der Cordilleren auf. ACUÑAs Reise gab Anlaß zu Hypothesen, die sich +bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D’ANVILLE +maßlos gehäuft wurden. ACUÑA hatte im Jahr 1638 an der Einmündung des Rio +Negro gehört, einer seiner Zweige stehe mit einem andern großen Strom in +Verbindung, an dem die Holländer sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt +scharfsinnig, daß man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Küste +gewußt, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den +barbarischen Völkern dieser Länder (besonders unter denen von caraibischem +Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuña Rede +standen, den Cassiquiare meinten, den natürlichen Canal zwischen Orinoco +und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin, +oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplätze zwischen den Quellen des +Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuña selbst dachte +nicht daran, daß der große Strom, dessen Mündung die Holländer besaßen, +der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe +an, der westlich vom Cap Nord ins Meer fällt, und auf dem nach seiner +Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flußfahrt beschlossen +hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in +seinem närrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, »er wisse nicht, +wie er und die Seinigen aus der großen Wassermasse herausgekommen.« [S. +Bd. I. Seite 233]. + +Bis zu Acuñas Reise und den schwankenden Angaben, die er über Verbindungen +mit einem andern großen Fluß nordwärts vom Amazonenstrom erhielt, sahen +die unterrichtetsten Missionare den Orinoco für eine Fortsetzung des +Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. »Dieser Strom,« sagte Fray PEDRO SIMON im +Jahr 1625, »entspringt am Westabhang des Paramo d’Iscancè. Er nimmt den +Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heißt nach +einander Rio Iscancè, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der +Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco.« Nach der Lage des Paramo +d’Iscancè, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy +und an den schönen Ufern des Mayo gesehen, muß in dieser Beschreibung der +Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit +dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den +ritterlichen Zügen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die +beiden Kriegsmänner kamen an den Papamene erst, nachdem sie über den +Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am +nördlichen Ufer des Caqueta eine der stärksten Nationen; es ist also nicht +zu verwundern, daß, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluß Rio Tama +genannt wurde. Da die Quellen der Nebenflüsse des Caqueta und die +Nebenflüsse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der +großen Flüsse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem +Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de +Iscancè und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und +derselbe Fluß. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren, +sonst hätte man gesehen, daß der Fluß, der weiter unten Jupupa heißt, eben +der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevölkerung +dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb +des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht, +muß auch zu der Meinung beigetragen haben, daß der Orinoco am Abhang der +Gebirge von Pasto entspringe. + +Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta +laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem großen Orinocobecken zu. +Hätte man genauer auf die Richtung dieser Nebenflüsse geachtet, so wäre +man gewahr geworden, daß allerdings das ganze Land im Großen nach Osten +abfällt, daß aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen, +schiefe Flächen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Südost +geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide läuft unter dem zweiten +Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und +dem Caño Pimichin, über die unsere Pirogue geschafft worden. Nördlich vom +Parallel von Timana laufen die Gewässer [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama, +Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenflüsse des +Orinoco oder die Nebenflüsse seiner Nebenflüsse. Aber südlich vom Parallel +von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu +gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jça, +der Napo, der Pastaça und der Morona nach Südost und Süd-Südost und +ergießen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwürdig, +daß diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen +erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto +gefunden. Zieht man den Landhöhen nach eine Linie über Ceja (etwas südlich +von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen +1° 45′ und 2° 20′ der Breite, in 970 Toisen Meereshöhe, so findet man die +_‘divortia aquarum’_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen +Ocean. + +Vor Acuñas Reise herrschte bei den Missionären die Ansicht, Caqueta, +Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses; +aber der Geograph SANSON ließ auf den Karten, die er nach ACUÑAs +Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer +der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese +Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON, +CORONELLI, DU VAL und DE L’ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese +Weise die Verbindungen zwischen den großen Strömen zu erklären, von denen +Acuña die erste Kunde von der Mündung des Rio Negro mitgebracht, und man +ahnte nicht, daß der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen ließ +man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluß, der sich gabelt, Rio +Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hieß. DE L’ISLE ließ in +seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum großen Verdruß +LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu völlig +unabhängigen Flüssen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung +zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden +Strömen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und +zur Zeit des Hondius galt es für das wahrscheinlichste. + +LA CONDAMINEs Reise, die über verschiedene Striche Amerikas so viel Licht +verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco +und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der berühmte Gelehrte sah +allerdings wohl, daß der Caqueta (bei Mocoa) der Fluß ist, der am +Amazonenstrom Jupura heißt; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese +an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei. +Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab; +eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten +theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Flüsse, den Orinoco und den +Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe +von D’ANVILLEs schöner Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich +daraus, daß der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der großen Katarakten +abgeht, und daß man, um an die Mündung des Guaviare zu kommen, den Caqueta +über die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muß. Als LA +CONDAMINE erfuhr, daß der Orinoco keineswegs am Fuß der Anden von Pasto, +sondern auf der Rückseite der Berge von Cayenne entspringe, änderte er +seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt +nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Mündung +des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D’ANVILLES zweiter +Karte ungefähr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des +Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von +Pater CAULIN gut geheißen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf +allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese +Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel +Anziehendes, wie die Flüsse im Innern Nigritiens; es knüpfen sich eben +keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen +Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen +Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weißen Nil, des Gambaro, des Joliba +und des Zaïre. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang +ab; die Probleme sind bündiger gefaßt und das alte Stück Geographie, das +man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen +könnte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen. + +Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue +Auskunft über die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in +den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen +Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der +Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die +mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schätzt dieselbe in der +Nähe der Ausmündung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200 +Toisen; der Fluß wäre also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um +1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie +zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist, +versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fünf Tagereisen zu +Wasser nordwestwärts von der Mündung des Pimichin in einem bergigten +Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare +von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen +hinauffährt, so kann man fünf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so +starke Strömung zu etwas über einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung +annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Längenbeobachtungen +in Javita und San Carlos, unter 71° 35′ westlich vom Meridian von Paris zu +liegen kämen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen +übereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die +Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flußbett es gestattet. Nach der +Analogie der europäischen Flüsse läßt sich das Verhältniß zwischen der +Breite und Länge des obern Flußstücks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In +Amerika nimmt häufig die Wassermasse in den Flüssen auf kurzen Strecken +sehr auffallend zu. + +Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzüglich dadurch ausgezeichnet, daß +er keine Krümmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch +einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluß die Richtung verändert, +liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch, +aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgänge +durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Fährt man den Guainia +nach Nordwest hinauf, so wird die Strömung mit jeder Tagreise reißender. +Die Flußufer sind unbewohnt; erst in der Nähe der Quellen (_las +cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder +Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der +Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es ließe +sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hörte in Cabruta aus dem +Munde eines indianischen Häuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe +beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluß des +Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen +nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten +portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist +wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange +die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, ließen sie den +Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita +nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen +des Inirida und Guainia nicht höher als der Baraguan, der nach meiner +Messung 120 Toisen hoch ist. + +Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im +hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestätigen, +was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier +Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem +Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser +Nebenflüsse als einen unabhängigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita +weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2° 15′ westwärts vom Meridian +von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluß des Guainia, scheint viel weiter +aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so, +daß kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen könnte, ohne ihn zu +schneiden. Ich bringe zum Schluß dieser Erörterung einen Beweis bei, der +direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der +Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden +entspringen soll. + +Während meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des +Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswürdiger, +verständiger Mann, zuverlässige Mittheilungen über die Missionen der +Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche +Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre) +und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europäer durch dieses +unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am +Flusse dieses Namens, der in den Caqueta fällt, über eine unermeßliche, +völlig baumlose Savane, in deren östlichem Striche die Tamas- und +Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstägigem Marsch nordwärts kam er in +einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom +Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den großen Guaviarestrom bilden. +Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San +Juan de los Llanos. Pater Pugnet hörte dort von den großen Katarakten des +Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Präsident der Missionen am +Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf +gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo +über keinen Fluß. Es ist also erwiesen, daß unter dem 75. Grad der Länge, +auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio +Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden +sind und daß diese drei Flüsse ostwärts von diesem Meridian entspringen. +Diese Angaben sind von großem Werth; denn im innern Afrika ist die +Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen +des Meta, Guaviare und Caqueta. »Man glaubt es kaum,« sagt CALDAS in einer +wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, »daß +wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge +beginnen, die wir täglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen +Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiß, wie breit die +Cordilleren sind, noch wie die Flüsse laufen, die in den Orinoco und in +den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben +auf diesen Nebenflüssen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem +Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay +verkehren.« + +Ich weiß wohl, daß in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der +Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluß des Rio Fragua und +des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der +Einmündung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese +Meinung stützt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche +häufig Trageplätze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten +an der Mündung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch +»Murcielagos« (Fledermäuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut +aussaugen, können die spanischen Missionäre nicht den Caqueta hinabfahren. +Nie hat ein weißer Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluß des +Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission +fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0° 36′ +südlicher Breite, dann den Rio de los Engaños (den trügerischen Fluß) und +den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0° 28′ nördlicher Breite +hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwärts keinen Arm vom Caqueta +abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind +Flüßchen, die in den Rio de los Engaños und mit diesem in den Caqueta +fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so wäre sie nur auf +der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluß des Payoya und dem zweiten +Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Engaños zu suchen; aber, +ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis +und des Uaupes könnte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum +obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, daß +zwischen den Zuflüssen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine +Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir +für das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshöhe gefunden. Vorausgesetzt, +das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen über Javita, +so folgt daraus, daß das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens +200 Toisen über dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem +Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de +Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von +Tomependa bis zum Meridian von 75° fällt und wie weit es von den Missionen +am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, daß das Bett +des Caqueta unterhalb der Mündungen des Caguan und des Payoya viel tiefer +liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers +abgeben soll. Ueberdieß ist das Wasser des Caqueta durchaus weiß, das des +Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, daß +ein weißer Fluß auf seinem Laufe schwarz würde. Der obere Guainia kann +also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, daß man Grund hat +anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhängigen Wasserbehälter, +komme südwärts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu. + +Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen +lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die +sich südwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Länge, unter der sie +liegt, könnte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die +Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die großen Katarakten des +Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart +wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden +vor? Gibt es vielleicht weiter nach Süden, dem Uaupes zu, am Iquiare +(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwäschen? Dort +suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer +Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene +Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften, +so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, daß geschichtliche +Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens über den Guaviare und +den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa +die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heißt; man erinnert +sich, daß Pater Acuña den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluß* nennt, und +daß fünfzig Jahre später Pater FRITZ, ein sehr glaubwürdiger Missionär, in +seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit +Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und +dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Flüsse, die am Ostabhang der Anden +entspringen, (z. B. der Napo) führen viel Gold, auch wenn ihre Quellen im +Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwärts von den Cordilleren nicht +so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwärts bei Sonora, +Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses +Landstrichs übertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht für +berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur +deßhalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land +keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, daß die Eingeborenen am +Orinoco in ihren Sprachen ein Wort für Gold haben (caraibisch Carucuru, +tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), während das Wort, das sie +für Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die +Nachrichten über Goldwäschen südlich und nördlich vom Rio Uaupes, die +Acuña, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem überein, +was ich über die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So +stark man sich auch den Verkehr unter den Völkern am Orinoco vor der +Ankunft der Europäer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiß nicht +vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben, +zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in +den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein. +Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwärts von den +Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission +Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern, +daß man, sobald sich Europäer in diesen Einöden niederlassen, weniger von +Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hört, die man sich +früher von den Caraiben und andern umherziehenden Völkern im Tauschhandel +verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und +Amazonenstrom nie sehr häufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die +Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen über weite Strecken +ein Ende macht. + +Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiß, vielleicht auch etwas +weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai +23°,9 [19°,2 Reaumur] warm, während der Thermometer in der Luft bei Tag +auf 22°,7, bei Nacht auf 21°,8 stand. Diese Kühle des Wassers, die fast +ebenso beim Congofluß beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1° 53′ +bis 2° 15′ nördliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem +vierten und achten Grad der Breite meist 27°,5 bis 29°,5 warm. Die +Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27°,8. Diese +Abnahme der Wärme dem Aequator zu stimmt merkwürdig mit den Hypothesen +einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine örtliche +Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshöhe, des Landstrichs, +als vielmehr des beständig bedeckten, regnerischen Himmels, der +Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Wälder, der starken Ausdünstung der +Gewächse und des Umstandes, daß kein sandiges Ufer den Wärmestoff anzieht +und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluß eines bezogenen +Himmels zeigt sich recht deutlich am Küstenstrich in Peru, wo niemals +Regen fällt und die Sonne einen großen Theil des Jahres, zur Zeit der +*Garua* (Nebel), dem bloßen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort, +zwischen dem 10. und 12. Grad südlicher Breite ist die mittlere Temperatur +kaum höher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze +Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen +Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter +einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto größer, da sonst das +Jahr über die Einwohner sich bei Nacht über Frost beklagen, obgleich die +Temperatur immer noch 21° beträgt. Ich stellte in San Carlos, wie früher +in Javita, Beobachtungen über die Regenmenge an, die in einer gegebenen +Zeit fällt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon +handelt, die ungeheure Anschwellung der Flüsse in der Nähe des Aequators +zu erklären, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren +mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden +7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen. +Da es unaufhörlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so +können, glaube ich, in diesen Wäldern jährlich nicht wohl unter 90 bis 100 +Zoll Wasser fallen. So außerordentlich viel dieß auch scheinen mag, so +wird diese Schätzung doch durch die sorgfältigen Beobachtungen des +Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestätigt. In Vera-Cruz fielen +allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im +ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der +dürren, kahlen mexicanischen Küsten und dem Klima in den Wäldern ist ein +großer Unterschied. Auf jenen Küsten fällt in den Monaten December und +Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur +2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter +einander, als ob die Luft sich in Wasser auflöste. In diesem nassen +Himmelsstriche würde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der +Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuß hohen Wasserschicht bedeckt. +Diese Aequatorialregen, welche die majestätischen Ströme Amerikas speisen, +sind von elektrischen Entladungen begleitet, und während man am Ende +desselben Continents, auf der Westküste von Grönland,(71) in fünf und +sechs Jahren nicht Einmal donnern hört, toben in der Nähe des Aequators +die Gewitter fast Tag für Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen +Entladungen und der Regengüsse unterstützt übrigens keineswegs die alte +Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und +Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Höhe vergeblich +Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesättigten Luft enthaltenen +Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad. +Unter der heißen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen +einzigen Grad abkühlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der +gemäßigten. Eine durch die Strömungen fortwährend erneuerte Luft kann +somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen fällt und dem +Physiker so erstaunlich groß dünkt. + +Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe +als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weißen Wassers, die der +Cassiquiare hereinbringt, ändert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig +an der Farbe, daß es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne +du Brésil_ sagt ganz richtig, der Fluß habe überall, wo er nicht tief sey, +eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es +schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen +den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia +oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft +Gran-Para für ein so wichtiges Moment, daß der Rio das Amazonas westlich +vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimöes heißt +(eigentlich Sorimöes, mit Anspielung auf das Gift der Nation der +Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio +Maranhao oder Marañon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen +ungleich weniger von Wasservögeln bevölkert als die des Cassiquiare, Meta +und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute für die europäischen +Sammlungen finden. Daß diese Thiere so selten sind, rührt ohne Zweifel +daher, daß der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie +von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner +Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem +nähren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von +Zugvögeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen. +Wenn der Orinoco zu steigen anfängt, also nach der Frühlings-Tag- und +Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwärmen +vom 8. bis 3. Grad nördlicher zum 1. bis 4. Grad südlicher Breite gegen +Süd-Süd-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco, +ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade überfluthet, +keine Fische, Wasserinsekten und Würmer mehr fangen können. Man erlegt sie +zu Tausenden, wenn sie über den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum +Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn +der Orinoco fällt und in sein Bett zurücktritt, ziehen die Enten, ob sie +nun der Ruf der erfahrensten Zugvögel dazu antreibt, oder jenes innere +Gefühl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklären ist, vom +Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als +daß die Indianer am Rio Negro lüstern darnach wären, und sie entgehen +ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen +wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die +Eingeborenen im März Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht +sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und +warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio +Branco nicht begleiten. Dieses regelmäßige Ziehen der Vögel aus einem +Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr über +dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So +kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die großen Flüsse austreten, +viele Schwärme von Wasservögeln vom Orinoco und seinen Nebenflüssen an die +Südküsten der Antillen. Man muß annehmen, daß unter den Tropen der Wechsel +von Trockenheit und Nässe auf die Sitten der Thiere denselben Einfluß hat, +wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwärme +und die Insektenjagd locken in den nördlichen Ländern der Vereinigten +Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin +herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvögel und +die Stelzenläufer von Nord nach Süd, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts +ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die +Wanderungen der Vögel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem +Endziel. + +Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen +Katarakt am Zusammenfluß gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die +Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und +wohlhabend aus, daß es angenehm auffällt. Wir kauften daselbst schöne +lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Vögel, bei +denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt. +Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluß des Aquio, dann an dem +des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer, +von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe. +Derselbe ist ferner dadurch interessant, daß er den heimlichen Verkehr mit +den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf +seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen +zuweilen flüchtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir +betraten die Mission nicht, Pater Zea erzählte uns aber lächelnd, die +Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil +man sie zwingen wollte, den vielberufenen »Teufelstanz« zu tanzen. Der +Missionär hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*, +die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den bösen Geist +*Jolokiamo* beschwören, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt +den »Teufelstanz« für ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten +darzuthun, daß Jolokiamo keine Gewalt mehr über sie habe. Einige junge +Indianer ließen sich durch die Versprechungen des Missionärs bewegen, die +Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben +Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwänzen +umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen +der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der +Kirche auf und führte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber +hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des bösen Geistes +nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann +die Oberhand; eine abergläubische Angst kam über sie, alle wollten _al +monte_ laufen, und der Missionär legte seinen Plan, den Teufel der +Eingeborenen lächerlich zu machen, zurück. Was für wunderliche Einfälle +doch einem müßigen Mönche kommen, der sein Leben in den Wäldern zubringt, +fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen könnte! Daß man in +Tomo den geheimnißvollen Teufelstanz mit aller Gewalt öffentlich wollte +aufführen lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionären +geschriebenen Büchern davon die Rede ist, wie sie sich bemüht, das; keine +Tänze aufgeführt werden, keine »Todtentänze«, keine »Tänze der heiligen +Trompete,« auch nicht der alte »Schlangentanz«, der _‘Queti’_, bei dem +vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit +den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu +entführen. + +Nach zweistündiger Fahrt kamen wir von der Mündung des Tomo zu der kleinen +Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Mönchen, sondern +von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegründet worden. Der +Missionär Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns +sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als +Tafelluxus wäre uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Länge fällt es +einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getränke. Durch +die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den +Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon +arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionäre Bedenken, ob sie +mit Maderawein das Meßopfer verrichten dürften; sie hielten denselben für +ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getränk, wie Palmwein, und +forderten den Gardian der Missionen auf, sich darüber auszusprechen, ob +der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft +eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die +Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem +gegohrenen, dem Traubenwein ähnlichen Saft das Meßopfer zu verrichten. Wie +vorauszusehen, wurde die Frage verneint. + +Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Hühner und ein +Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon +lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie drängten zum Aufbruch, damit +wir zeitig auf die Insel Dapa kämen, wo das Schwein geschlachtet und in +der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster +(_convento_) große Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der +Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente. +Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der +Flußfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muß man es, wenn es +halten soll, öfter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne +aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur +Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am +spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benützen, einer +Palme mit gefiederten Blättern, von der wir weder Blüthen noch Früchte zu +Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weiße Mensch, der, +um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony +zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den +portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt +gemacht und führte, als er vom Amazonenstrom zurückkam, den Gewerbszweig +in den Missionen in Guyana ein. Es wäre zu wünschen, daß am Rio Negro und +Cassiquiare große Seilbahnen angelegt werden könnten, um diese Taue in den +europäischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura +auf die Antillen ausgeführt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als +Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benützt, müßten sie angepflanzt und +cultivirt werden. + +Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des +Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flußverzweigungen eine +merkwürdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht nördlich von Vasiva unter dem +Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, läuft 25 Meilen lang durch ein ebenes, +fast ganz unbewohntes Land und fällt unter dem Namen Conorichite in den +Rio Negro. Er schien mir an der Mündung über 120 Toisen breit und bringt +eine bedeutende Masse weißen Wassers in das schwarze Gewässer. Obgleich +die Strömung im Conorichite sehr stark ist, kürzt dieser natürliche Kanal +dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte +Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn +man weiß, wie viele Flüsse in Amerika beim Zusammenfluß mit andern Delta’s +bilden. So ergießen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen +Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluß des Jupura +kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluß sich mit dem +Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehälter, drei +Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum +Nebenfluß. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand außer +Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er +diesen seinen Nebenfluß selbst aufnimmt. + +Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte früher im Sklavenhandel, den +die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die +Sklavenhändler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Caño Mee in den +Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen über einen Trageplatz +zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe +diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schändliche +Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung +der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von +Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen +(wie Verlust bürgerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbuße), »Eingeborene +durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;« +aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio +Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE +ausdrückt, für die europäische Politik nur in sofern Interesse, als er die +*Entradas* oder feindlichen Einfälle erleichterte und dem Sklavenhandel +Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von +den Portugiesen und den Holländern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und +Glaswaaren aller Art. Dafür hetzten sie die indianischen Häuptlinge gegen +einander auf, so daß es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen +ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in +den Weg kam. Diese Streifzüge der Caraiben erstreckten sich über ein +ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem +Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Süd dem Rio Branco zu, +andererseits nach Südwest über die Trageplätze zwischen dem Rio Paragua, +dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen +Völkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden +und kamen über den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen +Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den +Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die unglücklichen Eingeborenen die +Nachbarschaft der Europäer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in +Berührung kamen. Dieselben Ursachen haben überall dieselben Folgen. Der +barbarische Handel, den die civilisirten Völker an der afrikanischen Küste +trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Länder +zurück, wo man vom Daseyn weißer Menschen gar nichts weiß. + +Nachdem wir von der Mündung des Conorichite und der Mission Davipe +aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die +ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer +nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstücke und auf einem +kleinen Hügel eine indianische Hütte. Vier Eingeborene saßen um ein Feuer +von Buschwerk und aßen eine Art weißen, schwarz gefleckten Teigs, der +unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, große Ameisen, +deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet +und vom Rauch geschwärzt. Wir sahen mehrere Säcke voll über dem Feuer +hängen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der +engen Hütte mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Hängematten über +einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit großen +Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache +mehr Soldaten als am Orinoco, und überall, wo Soldaten und Mönche sich die +Herrschaft über die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung +zu den Mönchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Hängematten, um uns +Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der +Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe +schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben. +Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung. +Man ißt die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionäre +sagen, das *Ameisenfett* (der weiße Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft +ist. Als die Casavekuchen fertig waren, ließ sich Pater Zea, bei dem das +Fieber die Eßlust vielmehr zu reizen als zu schwächen schien, einen +kleinen Sack voll geräucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrückten +Insekten mit Maniocmehl und ließ nicht nach, bis wir davon kosteten. Es +schmeckte ungefähr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc +schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europäisches +Vorurtheil an, daß wir mit dem guten Missionär, wenn er das Ding eine +vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten. + +Da der Regen in Strömen herabgoß, mußten wir in der überfüllten Hütte +übernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die übrige +Zeit schwatzten sie in ihren Hängematten, bereiteten ihr bitteres Getränk +Cupana, schürten das Feuer und klagten über die Kälte, obgleich die +Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fünf Stunden Vor +Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern +in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den »Entradas« die Eingeborenen +überraschen will, wählt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe +liegen, von neun Uhr bis Mitternacht. + +Wir verließen die Insel Dapa lange vor der Morgendämmerung und kamen trotz +der starken Strömung und des Fleißes unserer Ruderer erst nach +zwölfstündiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links +ließen wir die Einmündung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel +Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator; +aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter +1° 54′ 11″. Jede Nation hat die Neigung, den Flächenraum ihrer Besitzungen +auf den Karten zu vergrößern und die Grenzen hinauszurücken. Da man es +versäumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu +reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die +Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose +de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Küste +von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Süd schieben. Dieß gilt von +allen Karten der Colonieen. Weiß man, wo sie gezeichnet worden und in +welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiß man zum voraus, nach +welcher Seite hin die Irrthümer in Länge und Breite laufen. + +In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem +Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr hübsche +Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom läuft +geradeaus von Nord nach Süd, als wäre sein Bett von Menschenhand gegraben. +Der beständig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten, +finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastämme; es ist dieß +das majestätische Gewächs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die +man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter +dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Bäume werden in +acht Jahren dreißig Fuß hoch. + +Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon +zehn zum Schutz der Missionäre in der Nachbarschaft detachirt waren. Die +Luft ist so feucht, daß nicht vier Gewehre schußfertig sind. Die +Portugiesen haben fünf und zwanzig bis dreißig besser gekleidete und +bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission +San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebäude aus +ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstücke standen. Die Schanze, +oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San +Carlos gegenüber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug +Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern +Pässen stand wohl, daß ich sollte Berge messen und überall im Lande, wo es +mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen dürfen, aber vom +Besehen fester Plätze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don +Nicolas Soto, war als spanischer Offizier glücklicher als wir. Man +erlaubte ihm, über den Fluß zu gehen, und er fand auf einer kleinen +abgeholzten Ebene die Anfänge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet +wäre, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte +Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fünf Fuß hoch +und mit großen Steinen verstärkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in +denen man vier bis fünf Stücke aufstellen könnte. Im ganzen Werk sind +14--15 Geschütze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die +Schanze her stehen drei oder vier indianische Hütten. Dieß heißt das Dorf +San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr +diese christlichen Niederlassungen gedeihen, führt man für das angebliche +Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem +Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, daß es überall +um die Festung ruhig scheine; dieß erinnerte mich an die Schanzen an der +Küste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum +Schutz der europäischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis +fünf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser +daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. überall an so +entlegenen Punkten herrschen dieselben Mißbräuche in der +Militärverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird, +bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen +zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura +fürchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio +Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, daß die Truppen sehr +schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer, +weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle +schwarzen, klaren Gewässer) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von +den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer +und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den +Portugiesen jährlich kaum für 3000 Piaster Waaren eingeführt. + +Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit +Ausrodung der Wälder die übermäßige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens +abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blätter der krautartigen +Gewächse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwärtigen Zustand des +Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den +Küsten von Caracas von ausgezeichneter Güte und sehr gesucht ist, kann +eigentlich nur aus alten Baustätten, bei zerfallenen Hütten, bei _‘pueblo +viejo’_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der +Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustätten, wo der Boden +umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne daß etwas darauf +wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Wäldern gepflanzt wird, ist +wässrigt und ohne Arom. Bei den Dörfern Maroa, Davipe und Tomo ist der +Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande +getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und +Reis im Ueberfluß erzeugen. + +Da man von der Mündung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen fährt, +so hätten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Küste von Brasilien nicht +viel mehr Zeit gebraucht, als um über den Cassiquiare und den Orinoco an +die Nordküste von Caracas zurückzukehren. Wir hörten in San Carlos, der +politischen Verhältnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen +Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach +unserer Rückkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr +wir uns ausgesetzt hätten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen wären. Man +hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender, +unüberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren, +ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natürlichen Canal +untersuchen, der zwei große Stromsysteme verbindet. In diesen öden Wäldern +hatte man Instrumente nie anders als in den Händen der Grenzcommission +gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis +dahin so wenig als der gute Missionär, von dem in einem früheren Capitel +die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernünftiger Mensch eine lange +beschwerliche Reise unternehmen kann, »um Land zu vermessen, das nicht +sein gehört.« Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner +Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse +astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so +schwer gefährden könnten. Man hätte uns auf dem Amazonenfluß nach +Gran-Para geführt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese +Absichten, die, wären sie in Erfüllung gegangen, eine aus fünf Jahre +berechnete Reise stark gefährdet hätten, erwähne ich hier nur, um zu +zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist +herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das +Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt, +erließ es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stören, im +Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch +einen Theil der portugiesischen Besitzungen käme. Von diesem aufgeklärten +Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Rücksicht man +mir zugedacht, um die ich mich in so großer Entfernung nicht hatte +bewerben können. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen, +befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach +Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich über den +Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem +Amazonenstrom über den Einfluß des Cababuri herauf, der wegen der +Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit +über die Geographie dieser Länder veröffentlicht worden, selbst was von +Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren. + +Weiter den Rio Negro hinab läßt man rechts den Caño Maliapo, links die +Caños Dariba und Guy. Fünf Meilen weiter, also etwa unter 1° 38′ +nördlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in +diesem endlosen Grenzproceß ist Alles provisorisch) als südlicher Endpunkt +der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem +Ort, wo es viele verwilderte Orangebäume gibt, zeigt man einen kleinen, +200 Fuß hohen Felsen mit einer Höhle, welche bei den Missionären »Cocuys +*Glorieta*« heißt. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort +Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier +hatte Cocuy, der Häuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war +[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles +zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schönsten und fettesten seiner +Weiber. Ich zweifle nicht, daß Cocuy allerdings ein wenig ein +Menschenfresser war; »es ist dieß,« sagt Pater Gili mit der Naivität eines +amerikanischen Missionärs, »eine üble Gewohnheit dieser Völker in Guyana, +die sonst so sanft und gutmüthig sind;« aber zur Steuer der Wahrheit muß +ich hinzufügen, daß die Sage vom Harem und den abscheulichen +Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio +Negro. Ja in San Carlos läßt man nicht einmal den Verdacht gelten, als +hätte er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht +solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein +verständiger, civilisirter Mensch schien, gegenwärtig Hauptmann der +Indianer in San Carlos ist? + +Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San +Josef de Maravitanos, die Dörfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino +(beim Einfluß des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa +Senhora da Guya, Boavista am Rio Içanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne +beim Einfluß des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367], +Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las +Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zähle +diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen +die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von +Brasilien gegründet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf +Dörfer, und bis zum Ausfluß des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere, +außer den sechs Dörfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo +ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio +Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so +große Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses +Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevölkerter als +die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo +und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs +bloß auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, daß +der Rio Negro, weil er fortwährend von Nordwest nach Südost läuft, +leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen +Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die +Indianer unter Civil- und Militärbehörden und unter den Mönchen vom Berge +Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt +sich unabhängig erhält. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen +am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie +die andere dieser Regierungsweisen ist drückend in mehr als Einer +Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird für den Verlust der +Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz +geleistet. + +Unter den Zuflüssen, die der Rio Negro von Norden her erhält, nehmen drei +besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer +Verzweigungen, ihrer Trageplätze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft +verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen. +Die am weitesten südwärts gelegenen dieser Nebenflüsse sind der Rio +Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem +Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem +Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwärts von der Mission Esmeralda +in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem +Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt +sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluß des Rio Negro, dem +Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in +hydrographischer Beziehung und für den Sarsaparillehandel gleich wichtig +sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in +seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Süden +ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser +gebirgigte Landstrich ist nicht sehr groß, aber reich an vegetabilischen +Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des +Curaregiftes dienen, an Mandelbäumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_), +aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide +zwischen den Gewässern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den +Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fließen der Mavaca und +der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni, +nach Süden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere +theilt sich in der Nähe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der +westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San +Francisco Solano gaben uns die Indianer die umständlichsten Nachrichten +über seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, daß zu +einem untern Zufluß das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern +daß im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der +Richtung des Hauptwasserbehälters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich +habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenströmungen, dieses +scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flußgabelungen, deren Kenntniß für +die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas +zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, daß man nicht geradezu Alles +für Fabel erklären darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach +Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberfläche +umfassen. + +Der Cababuri fällt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio +Negro; aber die Flüsse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen +auch mit dem Cababuri in Verbindung, so daß von der Schanze San Gabriel de +Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den +portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet +der spanischen Missionen sich einschleichen können. Wenn ich sage Gebiet, +so brauche ich den ungewöhnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer +zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Ländern gründet, +deren natürliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren +versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr +Gebiet erstrecke sich überall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluß, +dessen Mündung in portugiesischem Besitz ist, gelangen können. Aber +Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein +Eigenthumsrecht begründet, und nach den obigen Bemerkungen über die +vielfachen Verzweigungen der Flüsse dürfte es für die Höfe von Madrid und +Lissabon gleich gefährlich seyn, diesen seltsamen Satz der +Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen. + +Der Hauptzweck bei den Einfällen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille +und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu +sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen +von Esmeralda an einen See nördlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar +über die Trageplätze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und +dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von +diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva +Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _‘Zarza del Rio +Negro’_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man +zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von +Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfältig getrocknet und absichtlich dem +Rauch ausgesetzt, damit sie schwärzer wird. Diese Schlingpflanze wächst in +Menge an den feuchten Abhängen der Berge Unturan und Achivaquery. DE +CANDOLLE vermuthet mit Recht, daß verschiedene Arten von Smilax unter dem +Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwölf neue Arten, von +denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom +Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten +sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weißen und Farbigen so +gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr +bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus +den Werken des CLUSIUS, daß Europa in den ersten Zeiten der Eroberung +diese heilsame Arznei von der mexicanischen Küste bei Honduras und aus dem +Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwärtig ist der Handel mit *Zarza* +lebhafter in den Häfen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom +Verbindungen haben. + +Versuche, die in mehreren botanischen Gärten in Europa angestellt worden, +thun dar, daß _Smilax glauca_ aus Virginien, die man für LINNÉ _Smilax +Sarsaparilla_ erklärt, überall im Freien gebaut werden kann, wo die +mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen +Thermometers beträgt;(73) aber die wirksamsten Arten gehören +ausschließlich der heißen Zone an und verlangen einen weit höheren +Wärmegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in +unsern Handbüchern der _materia medica_ ein Gewächs der Vereinigten +Staaten für den ältesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt. + +Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der grünen Steine, die +unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach +einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der »Weiber ohne +Männer« (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein +leben). In San Carlos und den benachbarten Dörfern nannte man uns die +Quellen des Orinoco östlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und +in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natürlichen Lagerstätten +der grünen Steine. Diese Angaben bestätigen den Bericht eines alten +Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und +demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwärts von den +Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am +Amazonenstrom, 5 Grad ostwärts vom Einfluß des Rio Negro, besaßen früher +ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her +bekommen, das heißt aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben, +und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo, +des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder +sind diese Steine aus dem Süden gekommen, über den Rio Topayos, der von +der großen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt +diesen Steinen große Wichtigkeit bei; man trägt sie als Amulette am Hals, +denn sie schützen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem +Biß giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den +Eingeborenen nördlich und südlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch +die Caraiben, die für die Bokharen der neuen Welt gelten können, lernte +man sie an der Küste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich +dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation +gewandert sind, so kann es wohl seyn, daß sie sich nicht vermehren und daß +man ihre Lagerstätte nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor +wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlaß eines +lebhaften Streites über die einheimische China, allen Ernstes die grünen +Steine vom Orinoco als ein kräftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht; +wenn man der Leichtgläubigkeit der Europäer soviel zutraut, kann es nicht +Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel +halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft +werden.(74) Gewöhnlich gibt man ihnen die Form der der Länge nach +durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen +Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief +versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte +Körper durchbohrt und Figuren von Thieren und Früchten daraus geschnitten. +Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen +Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen, +weisen auf eine frühere Cultur zurück. Die gegenwärtigen Bewohner dieser +Länder, besonders der heißen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie +man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall) +schneiden kann, daß sie sich vorstellen, der »grüne Stein« komme +ursprünglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er +bearbeitet worden. + +Aus dem hier Angeführten erhellt, daß der Amazonenstein nicht im Thale des +Amazonenstromes selbst vorkommt, und daß er keineswegs von diesem Flusse +den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer +Weiber, welche Pater Acuña und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal +Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern +Sammlungen unter dem falschen Namen »Amazonenstein« sieht, ist weder +Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgrüner Feldspath, +der vom Ural am Onegasee in Rußland kommt und den ich im Granitgebirg von +Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so +seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange +nicht so zäh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist +zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich +oryctognostisch dem dichten Feldspath nähert und ein Bestandtheil des +*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schöne Politur an +und geht vom Apfelgrünen ins Smaragdgrüne über; er ist an den Rändern +durchscheinend, ungemein zäh und klingend, so daß von den Eingeborenen in +alter Zeit geschliffene, sehr dünne, in, der Mitte durchbohrte Platten, +wenn man sie an einem Faden aufhängt · und mit einem andern harten +Körper(77) anschlägt, fast einen metallischen Ton geben. + +Bei den Völkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der +erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe für gewisse Steine, nicht +allein für solche, die dem Menschen wegen ihrer Härte als schneidende +Werkzeuge dienen können, sondern auch für Mineralien, die der Mensch wegen +ihrer Farbe oder wegen ihrer natürlichen Form mit organischen +Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgängen verknüpft glaubt. Dieser +uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits +und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der +Wälder Thraciens, die wir wegen der ehrwürdigen Institutionen des Orpheus +und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen können. +Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch näher steht, empfindet sich als +Autochthone; er fühlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die +sie in ihrem Schooße birgt. Die Naturkräfte, und mehr noch die +zerstörenden als die erhaltenden, sind die frühesten Gegenstände seiner +Verehrung. Und diese Kräfte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im +Getöse, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose +Fels, die glänzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden +Berge wirken auf die jugendlichen Gemüther mit einer Gewalt, von der wir +bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser +Steincultus einmal, so erhält er sich auch fort neben späteren +Cultusformen, und aus einem Gegenstand religiöser Verehrung wird ein +Gegenstand abergläubischen Vertrauens. Aus Göttersteinen werden Amulette, +die vor allen Leiden Körpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem +Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fünfhundert +Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen +den wilden Völkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiß, fand +doch in der ersten Zeit der Eroberung der Mönch BERNHARD VON SAHAGUN in +Cholula *grüne Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehört, und die als +Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnißvolle Person ist der Buddha +der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten +religiösen Vereine und führte eine Regierungsweise ein, die mit der in +Meroe und Japan Aehnlichkeit hat. + +Die Geschichte des Nephrits oder grünen Steins in Guyana steht in inniger +Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die +Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen. +LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstützung dieser Sage bei. +Seit meiner Rückkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft +gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich +mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den +_‘Cougnantainsecouima’_ den unabhängigen Weibern, die nur im Monat April +Männer unter sich aufnahmen, nur deßhalb das Wort geredet, um in einer +öffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern +etwas Neues hört, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen +über eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um +so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen +über den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der +Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt +hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben +ohne Zweifel dazu beigetragen, daß ORELLANAs erste Berichte so wichtig +genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS, +GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man überall der +Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu +entdeckten Völkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten +Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und +Afrikaner erzählen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere +Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die längst dahin +sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja +für Europa »eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenüber +stehen.« Was damals nur Stylblume und Geistesergötzlichkeit war, ist +heutzutage zum Gegenstand ernster Erörterungen geworden. In einer in +Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie, +die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und +einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt. + +Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit +dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu müssen +glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen +Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Königin Elisabeth +auf das große *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England +erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Königs* +(_‘el dorado’_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit +wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den +Goldstaub auf den Leibblasen; nichts mußte aber die Einbildungskraft +Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne +Männer, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute +hiemit die Gründe an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen +Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verführt haben; +aber diese Gründe berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage, +die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden +Völkern verbreitet ist, gänzlich zu verwerfen. + +Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwürdig; er hat +dieselben sehr umständlich bekannt gemacht, und mit Vergnügen bemerke ich +noch, daß dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England für einen +Mann von der unermüdlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er +beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht. +Dreißig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den +Amazonenstrom und seine nördlichen Nebenflüsse befahren, RIBEIRO, Alles, +was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestätigt +gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto +unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere +Völkerschaft gebildet hätten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am +Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der +Volkssagen von den *Weibern ohne Männer* und der Herkunft der *grünen +Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in +Erfahrung bringen. Ich führe aber ein neueres Zeugniß an, das nicht ohne +Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionär sagt: »Ich +fragte einen Quaqua-Indianer, welche Völker am Rio Cuchivero lebten, und +er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut +tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar: +es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein +leben*. Der Indianer bestätigte dieß auch und erzählte, die Aikeam-benanos +seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes +Kriegsgeräthe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Männer vom +anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied +Blaserohre zum Geschenk. Alle männlichen Kinder, welche in dieser +Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht.« Diese +Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am +Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem +Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit +Weißen verkehrt und wußte sicher nicht, daß es südlich vom Orinoco einen +andern Fluß gibt, der der Fluß der Aikeam-benanos oder der Amazonen heißt. + +Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionärs von Encaramada? +Keineswegs, daß es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, daß in +verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, müde der Sklavendienste, zu +denen die Männer sie verurtheilen, sich wie die flüchtigen Neger in ein +*Palenque* zusammengethan; daß der Trieb, sich die Unabhängigkeit zu +erhalten, sie kriegerisch gemacht; daß sie von einer befreundeten Horde in +der Nähe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in +der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu +einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfälle, +wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster +gemodelt und übertrieben. Dieß ist ja der eigentliche Charakter der Sage, +und hätte der große Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II. +Seite 354.], nicht auf der Küste von Venezuela, sondern mitten im +Continent stattgefunden, so hätte das leichtgläubige Volk in jedem +*Palenque* von Marronnegern den Hof des Königs Miguel, seinen Staatsrath +und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma +standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und höchst wahrscheinlich +haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden +verbreitet. Schon vor Orellanas Flußfahrt glaubte Christoph Columbus auf +den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzählte dem großen Manne, +die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern +bewohnt, die den größten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Männern +hätten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo +sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Männer ihre Hütten +vertheidigten, oder auch -- und dieses Mißverständniß ist schwerer zu +entschuldigen -- jene religiösen Vereine, jene Klöster mexicanischer +Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Männer bei sich aufnahmen, sondern +nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung +brachte es mit sich, daß von den vielen Reisenden, die nach einander in +der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben +berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgänger gemeldet +hatten. + +Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Nächte zu. Ich zähle die +Nächte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den +Meridian beobachten zu können, fast ganz durchwachte. Um mir keinen +Vorwurf machen zu dürfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung +hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Höhen bekommen, um +nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast +zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig +heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick +umzogen wie auf den Faröerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verließ +die Schanze San Carlos mit desto größerem Verdruß, da ich keine Aussicht +hatte, in der Nähe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu können. +Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20° 60; 216 +Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maaß der magnetischen Kraft. Da +die magnetischen Parallelen gegen West aufwärts gehen und ich auf dem +Rücken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben +Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro, +so sind diese Beobachtungen für die Theorie der *Linien von gleicher ** +Intensität* oder *isodynamischen Linien* von großer Bedeutung geworden. +Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist +die magnetische Inclination am ersteren Ort 26° 40, am zweiten 14° 85. +Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins +an, so ergibt sich für Cumana 1,1779, für Carichana 1,1575, für Javita +1,0675, für San Carlos 1,0480. In diesem Verhältniß nimmt die Kraft von +Nord nach Süd auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad +westlicher Länge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die +Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des +Erdmagnetismus große Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine +*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Prüfung unterworfen und +gefunden, daß die Intensität der Kraft auf demselben magnetischen Parallel +nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und daß die scheinbaren Anomalien +der Erscheinung größtentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt. +Im Allgemeinen steht fest, was für mich aus der ganzen Reihe meiner +Beobachtungen hervorgeht, daß die Intensität der Kraft vom magnetischen +Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter +verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn +zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensität westwärts vom +Meridian, der mitten durch Südamerika läuft, am stärksten, und sie nimmt +unter demselben Parallel ostwärts, Europa zu ab. In der südlichen +Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostküste von Afrika zu erreichen; +sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin +wieder zu. Ich fand die Intensität der Kraft in Mexico beinahe so groß wie +in Paris, aber der Unterschied in der Inclination beträgt mehr als 31 +Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal +schwang, hätte unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen +nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt +sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensität in Santa +Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre früher +gemacht. + +Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf +einem großen Festland bekannt geworden, die nächsten am magnetischen +Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen, +über den ich weiter westwärts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa +und Caxamarca unter dem 7. Grad südlicher Breite gegangen bin. Der +magnetische Parallel von San Carlos (der von 22° 60) läuft durch Popayan +und in die Südsee an einem Punkt (unter 3° 12′ nördlicher Breite und +89° 36′ westlicher Länge), wo ich so glücklich war, bei ganz stiller Luft +beobachten zu können. + + ------------------ + + + + + + 64 Diese Jäger gehören zu Militärposten und hängen von der russischen + Gesellschaft ab, deren Hauptactionäre in Irkutsk sind. Im Jahr 1804 + war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600 + Meilen von den nördlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt. + + 65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwärtigen + Verschiedenheit in der Höhe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten, + daß in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer + und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der + Ausfluß des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar + jünger und unabhängig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), über + die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues + Licht verbreitet hat. + + 66 Dieß ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer + Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro fällt. + + 67 Den berühmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen + Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit + Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre. + + 68 Dieß ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_ + + 69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in + gerader Richtung mehr als zwei Grade. + + 70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_ + + 71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad + gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur + Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Küste + von Grönland verwechselt man häufig das Getöse der Lawinen oder + stürzender Eismassen mit dem Donner. + + 72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fuß) lang und 5 Zoll 4 Linien im + Durchmesser, kostet den Missionär 12 harte Piaster und es wird in + Angostura für 25 Piaster verkauft. Ein Stück von einem Zoll + Durchmesser, 70 Varas (182 Fuß) lang, wird in den Missionen für + 3 Piaster, an der Küste für 5 verkauft. + + 73 Wintertemperatur in London und Paris 4°,2 und 3°,7, in Montpellier + 7°,7, in Rom 7°,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir + die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den + spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben + wachsen sehen, 20--26°. + + 74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster. + + 75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinäxte, die man in Amerika, + z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter + Feldspath. + +_ 76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und + _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietäten des + Varioliths nach WERNER. + + 77 Brongniart, dem ich nach meiner Rückkehr nach Europa solche Platten + zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den + klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen + Instrumenten, den sogenannten King, verwenden. + +* 78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den + *Vergoldeten*, _‘el rey dorado’_ + + + + + + +LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE + + +Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt. + +ACUÑA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _ +Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen +enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P. +Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf +Befehl Philippi des vierdten Königs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der +Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu +besserer Erläuterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten +derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in +Paraquaria neubekehrten Völcker, samt einem ausführlichen Bericht von dem +Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in +der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Französischen in das Teutsche +übersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729 +551-772 +ACUÑA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas. +Por el Padre Chrstoval de Acuña, Religioso de la Compañia de Iesus, y +Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por +Orden de su Magestad, el año de 1639. Por la Provincia de Qvito en los +Reynos del Perù al Excelentissimo Señor Conde Duque de Oliuares (Escudo de +la Compañía de Jesús, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del +Reyno 1641 +CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva +Andalucia, Provincias de Cumaná, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco, +Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos +vezes Prov.l de los Observantes de Granada. Dada á luz de orden y a +Expensas de S. M. año de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779 +GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem +Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt +Philip Salvator Gilii Auszugsweise übersetzt._ Matthias Christian Sprengel +Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S. +GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia +naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di +Terra-ferma nell¿ America meridionale descritta dall¿ Abbate Filippo +Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4 +GUMILLA, JOSÉ _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil +y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno, +Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y útiles +noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Raíces +medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares à N. +Santa Fé, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph +Gumilla, de la Compañia de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones +del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal +de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo +Obispado, Provincial que fuè de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y +actual Procurador à emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y +Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y +dividida en dos partes. (Dos volúmenes)._ Madrid Por Manuel Fernández, +Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda +Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745 +LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjährigen Reisen der +Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn +de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne +ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwärtigen Beschaffenheit der +spanischen Colonien in America, und einer vollständigen Beschreibung des +berühmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere +Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre +befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern +begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763 +LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abrégée d¿un Voyage fait dans +l¿Interieur de l¿Amerique Méridionale. Depuis la Côte de la Mer du Sud, +jusqu¿ aux Côtes du Brésil & de la Guiane, en descendant La Riviere des +Amazones; Lûe à l¿Assemblée publique de l¿Academie des Sciences, le 28. +Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la même Académie._ Paris la Veuve +Pissot 1745 +OVIEDO Y BAÑOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Población de la +Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Baños Vecino de +la Ciudad de Santiago de León de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su +Hermano el Señor D. Diego Antonio de Oviedo y Baños, Oydor de las reales +Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y México, del Consejo de su +Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con +Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle +de los Jardines 1723 +SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788 +RALEGH, SIR WALTER _Die Fünffte Kurtze Wunderbare Beschreibung deß +Goldreichen Königsreichs Guianæ in America oder newen Welt unter der linea +Æquinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem +Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht +worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Büchlein beschrieben, +darauss Jodocus Hondius, eine schöne Landt Tafel, mit einer +Niderländischen Erklärung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht, +vnd auß vnterschiedlichen Authoribus erkläret._ Frankfurt (Main) Leuini +Hulsii Wittibe 1612 +RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl +Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa, +(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria, +Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning. +Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her +Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse +Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson +1598 +THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocatæ Quæstiones physicæ nunquam +antehac editæ. Eiusdem, Epistolæ morales, rusticæ, amatoriæ. Cassii +Quæstiones medicæ. Iuliani Imp. Galli Cæs. Basilij, & Greg. Nazianzeni +Epistolæ aliquot nunc primu¿m editæ; opera Bon. Vulcanii Brugensis._ +Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII. + + + + + +ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS + + +Vom Korrekturleser wurden mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen. +Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes +ändern, wurden im Text belassen. + +Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden +geänderten Fassung. + + + + die berühmte Sagopalme der Guaraons-Indianer; + die berühmte Sagopalme der Guaranos-Indianer; + + wenn es sich von ganz unbedeutenden Höhenunterschieden handelt. + wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt. + + trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zanducos an, + trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zancudos an, + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.*** + + + + +CREDITS + + +March 8, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan + + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 28280-0.txt or 28280-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/8/2/8/28280/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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