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+Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Woher die Kindlein kommen
+
+Author: Dr. Hans Hoppeler
+
+Release Date: March 8, 2009 [EBook #28279]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Woher die Kindlein
+kommen.
+
+Der Jugend von 8-12 Jahren erzählt
+durch
++Dr. med.+ Hans Hoppeler
+
+Kinderheim Zürichberg.
+
+Sechzehntes bis zwanzigstes Tausend.
+
+[Illustration]
+
+Verlag: _Art. Institut Orell Füßli_, Zürich.
+
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
++Copyright 1916 by Art. Institut Orell Füssli, Zürich+
+
+
+
+
+Vorwort an die Eltern.
+
+
+Die Notwendigkeit, seine Kinder über die Entstehung des Lebens _selber_ zu
+belehren, statt diese Aufgabe dem Zufall und der Straße zu überlassen,
+wird heutzutage nur noch von wenigen Eltern bestritten. Und doch ergab
+kürzlich eine Rundfrage in meinem Kinderpflege-Kurse, daß von den vielen
+anwesenden Töchtern nicht einmal fünf Prozent durch ihre Eltern sexuelle
+Aufklärung empfangen hatten. Ursache dieser Erscheinung: es kommt vielen
+gar schwer vor, den geeigneten Moment, den richtigen Ton, die passenden
+Worte zu finden, und so wird die Sache wider besseres Wollen immer
+wieder verschoben, bis man plötzliche entdeckt, (-- oder auch jahrelang
+_nicht_ entdeckt --), daß Gassenbuben oder gute Kameraden längst einem
+zuvorgekommen sind. Wüßten aber die Mütter, _wie_ die Belehrung
+ausgefallen, sie würden sich entsetzen. Aus solcher Überlegung heraus
+entstand das vorliegende Büchlein, ein offenes Wort an Stelle geheimen
+Flüsterns und ungesunden Tuschelns hinter Eltern und Lehrern. Gebt es
+euern Kindern nicht zu spät, denn auch das harmloseste Gemüt kann durch
+unversehens eintretende unberufene Aufklärung Schaden leiden. -- Wer die
+Erzählung zu realistisch findet, bedenke, daß auf diesem Gebiete
+Verschleierung und allzu blumenreiche Poesie mit der Realistik der
+Straße niemals in Konkurrenz treten können.
+
+Möge die kleine Arbeit segensreich wirken und manchen Kindern ersparen,
+was leider vielen von uns Erwachsenen nicht erspart geblieben ist.
+
+_Zürich_, im Juni 1916
+
+ +Dr.+ Hans Hoppeler.
+
+
+
+
+Am Gartenzaune eines freundlichen Hauses an der Freien Straße in Zürich
+stand ein blonder etwa 40jähriger Herr in dunklem Überzieher, und
+blickte durch das kleine Vorgärtchen hinein in die geöffneten Fenster
+des Erdgeschosses. Er trug ein braunes Reisetäschlein in der Hand und
+kam offenbar vom Bahnhofe. Vielleicht hatte er eine weite Reise hinter
+sich, war hungrig und müde. Trotzdem schien er es nicht sehr eilig zu
+haben, an sein Ziel zu kommen; denn schon einige Minuten hatte er nun
+hier vor dem Hause gestanden, und noch immer machte er keine Anstalten,
+weiter zu gehen. Es war aber auch wirklich unterhaltsam und lustig, was
+er da drinnen sah. Eine große Zahl Kinder, wohl fünfzig mochten es sein,
+saßen da auf langen Bänken, alle mäuschenstill. Die Hände hielten sie
+alle auf dem Rücken verschränkt, und gespannt blickten sie nach vorn, um
+die prächtige Geschichte vom Zigeunerfriedel zu hören, die ihnen soeben
+Tante Emma erzählte. Und wie konnte diese herrliche Tante des
+Kindergartens erzählen! Grad' zu hören meinte man all' die Glocken,
+Pfeifen, Orgeln und Ausrufer, wenn sie den Jahrmarkt von Goßlingen
+schilderte, und Tränen des Mitleids liefen da und dort einem Kinde über
+die Wangen, wenn sie vom langen Balthasar berichtete, dem
+Zigeunerhauptmann mit dem furchtbar großen Schlapphut, der den Friedel
+plagte bei Tag und bei Nacht, bis er seine Seiltänzervorstellungen
+gelernt hatte. Auf der zweitvordersten Bank saß Hannchen. Ihre dunklen
+Augen funkelten und ihre kleinen Fäustchen waren fest geballt, sodaß die
+Fingernägelchen sich tief in die Handballen eingruben. Mit diesen
+Fingernägelchen hatte sie vorgestern den Armin gekratzt, als er in
+grober Weise ihr Brüderchen die Treppe hinuntergestoßen, und mit diesen
+Nägelchen hätte sie jetzt des Balthasars Gesicht furchtbar zugerichtet,
+wenn er zur Stelle gewesen wäre. Glühend rot waren ihre Wangen, und der
+Atem ging keuchend. Suchend wanderten ihre Augen umher, als ob sie den
+bösen Zigeuner irgendwo finden müßten. Da blieb ihr Blick haften an dem
+Mann auf der Straße, dem Mann mit dem dunklen Überzieher und dem
+Reisetäschchen. Wie gebannt schaute sie ihm einen Moment ins Angesicht.
+Da plötzlich fährt sie in die Höhe mit gellendem, jubelndem Schrei.
+»Onkel Theophil!« hallte es in mächtigen Tönen durchs Zimmer. Mit zwei
+Sprüngen ist Hannchen am Fenster, mit dem dritten steht sie oben auf dem
+Gesims, und jetzt -- Tante Emma, die eilends herzurannte, kam längst zu
+spät -- jetzt ist sie schon flink wie ein Eichhörnchen herunter
+geklettert und dem Onkel in die Arme geflogen. Droben an den Fenstern
+standen die Kinder Kopf an Kopf. Vergessen waren Karussel und
+Jahrmarktbuden, vergessen Balthasar und Zigeunerfriedel, vergessen ob
+dem einen großen Wort: Onkel Theophil! Hatte nicht Hannchen schon oft
+und erst gestern wieder von ihm erzählt? Erzählt von ihren prächtigen
+Ferien in Basel bei Onkel und Tante? Hatte es nicht einst die
+Photographie in die Schule bringen und ihn allen zeigen dürfen, den
+prächtigen Onkel? Hatten sie nicht alle einen ganz besonderen Respekt
+vor Hannchen und ihren zwei Brüdern, weil sie diesen Onkel besaßen, den
+Onkel Theophil? Und jetzt war er da! Und wie bestürzt er aussah, ganz
+verlegen und erschrocken. Er hatte ja gar nicht daran gedacht, daß die
+Kinder ihn sehen würden, und nun war eine so furchtbare Revolution im
+Kindergarten ausgebrochen, alles war außer Rand und Band gekommen nur
+wegen ihm. Das hatte er nicht beabsichtigt. Aber das große Durcheinander
+währte nicht lange. Tante Emma klatschte in die Hände, und im Nu gab es
+Ruhe. »Kinder, nun singen wir dem Onkel ein hübsches Liedchen, ja?«
+Begeistert stimmten die Kleinen zu, Tantes Stimmgabel gab den Ton an,
+und: »Mir sind chlini Musikante« tönte es alsbald lustig und fröhlich
+aus fünfzig kleinen Mäulchen, während hundert flinke Händchen dazu
+trompeteten, geigten und aus Leibeskräften trommelten. Kaum war der
+letzte Ton verklungen, so verkündete die Kreuzkirche mit vier lauten
+Schlägen, daß es Zeit sei, zu schließen. Wohl hätten die Kinder gar zu
+gerne noch die Geschichte vom Zigeunerfriedel gehört, aber doch mochten
+sie es kaum erwarten, den Onkel ganz aus der Nähe zu sehen. Darum waren
+sie alle zufrieden, als ihnen die Tante den Schluß der Geschichte für
+morgen in Aussicht stellte und sie nach kurzem entließ. Wie ein
+fröhlicher Bergbach stürmten sie zum Tore hinaus, und jedes wollte des
+freundlichen Mannes Hand drücken. Hannchen aber sorgte dafür, daß keines
+an derselben zu lange hängen blieb; mit großer Beharrlichkeit stieß es
+jedes der Kinder nach erfolgtem Gruße wieder weg, um zu zeigen, daß hier
+niemand als es das Recht habe, geführt zu werden. Der Trupp setzte sich
+in Bewegung, Hannchen immer an Onkels Seite, triumphierend bald links
+und bald rechts blickend, als wollte es sagen: »Gäll he, dä g'hört
+mine!« Die Gesellschaft wurde allmählich kleiner, indem bei jeder
+Wegkreuzung wieder einige Kinder abschwenken mußten, und endlich waren
+der Onkel und Hanni allein. Jetzt bogen sie in die Hofackerstraße ein,
+und schon sah man das elterliche Haus in der Nähe, als plötzlich in
+großen Sprüngen Hannchens siebenjähriger Bruder dahergerannt kam. »Ein
+Schwesterchen, ein Schwesterchen!« so rief er schon von weitem; »man
+kann nicht hinein, es ist geschlossen, es ist geschlossen, aber es ist
+wahr, der Storch hat es gebracht, und er hat die Mutter ins Bein
+gebissen, und die Frau Burkhard ist da, und der Herr Doktor ist schon
+wieder fort, und er hat eine gelbe Tasche gehabt mit etwas darin, aber
+ich weiß nicht was! Und zur Taufe, da dürfen wir Kutsche fahren, und
+dann sitze ich vorn auf dem Bock!« »Nein, da sitze ich, ich bin älter
+als du,« fiel plötzlich Walter ein, der soeben dazu gekommen war, und
+sicherlich hätte es einen artigen Streit abgesetzt, wenn nicht auf
+einmal beide den Onkel erkannt hätten. »Onkel Theophil«, jubelten sie,
+fielen ihm um den Hals und küßten ihn zum Willkomm. Derweil stob
+Hannchen mit Windeseile davon, auf das Haus zu. »O bleib nur da,« riefen
+ihm die Buben nach, »oben lassen sie dich doch nicht hinein!« Aber
+Hannchen hörte nichts und war schon hinter der Haustüre verschwunden.
+Ein neues Schwesterchen, ha wie fein, das mußte sie sehen!
+
+»Wann ist denn das Schwesterchen gekommen?« fragte unterdessen der Onkel
+die Knaben. »Heute mittag«, berichtete eifrig Walter, »grad vorhin
+kamen wir aus der Schule, da stand oben auf der Treppe die Luise, unser
+Mädchen, hob den Finger auf und machte: »Pst, ganz leise, sonst weckt
+ihr das neue Schwesterchen; vor einer Stunde hat der Storch es
+gebracht!« Und dann sagte sie noch, die Mutter sei krank, wir sollten
+nur gleich in den Garten und spielen, aber ohne zu lärmen.« »Ja, und
+jetzt sind wir sieben«, rief stolz der kleine Fritz, »sechs und eins
+sind sieben, das haben wir gestern in der Schule gelernt.« »Ruft nicht
+so laut,« mahnte der Onkel; »seht, da kommt Hannchen schon wieder.«
+Richtig, da kam sie, aber ganz mit gesenktem Köpfchen. Sie war wirklich
+nicht hineingelassen worden droben, Luise hatte sie wieder
+hinuntergeschickt in den Garten, gleich wie die andern. Große Tränen
+glänzten in ihren Augen, und als nun der Onkel seine kleine Nichte
+liebkosen und trösten wollte, da brach sie in heftiges Schluchzen aus.
+»Ich mag den Storch nicht, nie, nie soll er mir kommen, was braucht er
+der Mutter weh zu tun?« »Ja, er hat sie ins Bein gebissen,« berichtete
+nochmals Fritz. Aber der Onkel schüttelte den Kopf: »Das glaube ich
+nicht; wer hat es dir denn gesagt?« »Die Frau Weber im Stockwerk unter
+uns, und sie hat ihn ja gesehen.« »Nein, Fritzchen, Frau Weber hat ihn
+_nicht_ gesehen,« erwiderte jetzt sehr bestimmt der Onkel. Und, als fiele
+ihm plötzlich etwas ein, fuhr er fort: »Kinder wißt ihr was, wir gehen
+miteinander ins Gartenhäuschen, ich will euch etwas erzählen, denn laut
+spielen und lärmen dürft ihr jetzt doch nicht!« »O ja, o ja, eine
+Geschichte, eine Geschichte!« Jubelnd geleiteten die Kinder den Onkel
+durch den hübschen Garten zu einem aus leichten Holzlatten gezimmerten
+Häuschen, das mit seinem prächtigen grünen Laubdach und den hübschen
+grünen Stühlen rings um den runden Gartentisch ein reizendes Plätzchen
+war, wie geschaffen zum Geschichten-Erzählen. Aber siehe da, der Tisch
+war schon besetzt: Ruth, Elsa und Karl, die drei größeren der sechs
+Geschwister, saßen rings herum, und außerdem noch Frieda und Hedwig, die
+beiden Cousinen und unzertrennlichen Gefährtinnen der Kinder. Sie
+spielten zu Vieren »Eile mit Weile,« während Elsa als fünfte eifrig den
+Kampf der Farben verfolgte und jedesmal laut herauslachte, wenn wieder
+eines »heimgejagt« wurde. Jetzt sah Elsa auf, erblickte den Onkel, und
+mit einem Sprung hing sie ihm am Halse; die andern folgten, und jetzt
+wäre der gute Onkel beinahe erstickt unter der Zahl der Arme, die ihn
+von allen Seiten umfingen, und unter den Küssen, mit denen ihn seine
+zärtlichen kleinen Neffen und Nichten begrüßten. Da schüttelte er mit
+einem Ruck alle die krabbligen Kletterer von sich ab, gratulierte ihnen
+herzlich zum neuen Schwesterlein, und dann hieß er alle achte absitzen,
+während er selbst oben am Tische Platz nahm.
+
+»Onkel, nun erzähl' uns ein Märchen!« rief Walter. »Nein, lieber eine
+wahre Geschichte,« übertönte ihn Fritz. »Vor allem wünsche ich, daß ihr
+hübsch ruhig seid, während ich rede,« nahm nun der Onkel das Wort. »Ich
+erzähle euch heute eine wahre Geschichte, etwas Hohes und Ernstes, etwas
+Uraltes und doch immer wieder Neues; ich will euch erzählen, _wie der
+liebe Gott die Kinder erschafft_!«
+
+Da wurden die Kinder plötzlich ganz still! Sie dachten an ihr neues
+Schwesterlein droben im zarten Bettchen, das sie heute abend zum ersten
+Male sehen sollten, und nun durften sie hören, wie der liebe Gott das
+kleine Kindlein erschaffen habe. Und nicht von einem Jungen oder Mädchen
+sollten sie es vernehmen, sondern vom Onkel, der nie etwas Unwahres
+sagte, auf dessen Worte man sich verlassen konnte, wie auf Felsen.
+»Wirklich Onkel, das willst du uns erzählen? Weißt du es denn auch ganz
+sicher?« fragte ganz glücklich Frieda. »Aber Frieda«, erwiderte
+vorwurfsvoll ihre Schwester, »der Onkel weiß doch alles!« »Ich weiß es
+auch«, rief fröhlich der kleine Fritz, »der Storch bringt sie!« Da
+mußten die Großen herzlich lachen. »O du Dummerle,« meinte Karl, »ein
+Storch kann doch gar nicht ein sechs Pfund schweres Kindlein im Schnabel
+tragen, er muß froh sein, wenn er stark genug ist, ein fettes,
+zappelndes Fröschlein zu halten. Und denke doch vom Himmel bis nach
+Zürich, das wäre doch ein furchtbar weiter Weg!« Jetzt aber wehrte sich
+Walter wacker für den Storch: »Der Storch bringt sie sicher, ich weiß
+es; Tante Selma hat in ihrem Album eine Karte, da sieht man's gemalt.
+Aber er trägt das Kind nicht im Schnabel, es reitet auf seinem Rücken!«
+Da lachten aber die Großen noch mehr als zuvor. »Ein ganz Kleines kann
+ja noch gar nicht sitzen,« versicherten sie; »sogar der Ruedi Brenner
+sitzt noch nicht einmal allein, und der ist doch sieben Monate alt.« Da
+wurden der Walter und die übrigen Anhänger des Storches ganz kleinlaut
+und sagten nichts mehr.
+
+Dafür meldete sich jetzt Hannchen zum Wort. »Ich weiß es; der liebe
+Gott hat im Himmel eine große Maschine, mit der macht er die Kinder; und
+dann bringen die Engel des Nachts die Kindlein auf die Erde, in alle
+Häuser, wo die Leute darum gebeten haben. In unserer Wohnstube hängt ein
+Bild, da sieht man gerade, wie ein schöner Engel mit einem Kleinen
+hinunterfliegt.«
+
+Und so berichteten die Kinder noch manches, rieten hin und her, aber
+keines wußte es recht, wie der liebe Gott die Kindlein macht. Darum
+rückte jetzt der Onkel seinen Stuhl zurecht, und indem er freundlich
+rings im Kreise herumblickte, wo lauter erwartungsvolle Gesichter auf
+ihn gerichtet waren, begann er mit klarer Stimme seine Erzählung und
+sagte:
+
+»Zuerst müßt ihr wissen, daß wirklich der Storch keine Kinder bringt.
+Ihr kennt ja alle die Geschichte vom Rotkäppchen; aber sie ist nur ein
+Märchen, denn ein Wolf kann doch keine Großmutter hinunterschlucken. Und
+ihr kennt die Geschichte vom gestiefelten Kater, aber auch sie ist ein
+Märchen, denn eine Katze kann doch keine Schuhe anziehen und darin
+herumspringen. Und gerade so ist auch die Geschichte vom Storch ein
+Märchen, denn ein Storch kann doch keine Kindlein tragen. Man erzählt
+das nur zum Spaß den Kleinen, weil sie gerne Märchen hören; aber wenn
+die Kinder größer werden, dann sagt man ihnen, daß es nur ein Spaß war.
+Es ist grad wie mit dem St. Niklaus. Die Kleinen meinen, der alte Mann
+mit dem langen weißen Barte wohne draußen im Walde, und fürchten sich
+sehr vor ihm. Aber die größeren Kinder, so wie ihr seid, die wissen
+schon, daß es ja gar keinen Niklaus gibt im Walde, und daß das alles
+nur Märlein sind.
+
+Also der Storch bringt die Kinder nicht. Aber wer denn? Vielleicht doch
+die Engel? Nein, auch die Engel nicht, sonst hätten wir sie sicher schon
+oft über den Häusern schweben sehen, denn es kommen ja alle Tage viele
+Kindlein zur Welt. Natürlich hätte der liebe Gott Englein genug, aber er
+braucht sie zu andern Dingen, und hat eine viel bessere Weise ersonnen,
+den Menschen Kindlein zu schenken. Er dachte nämlich: was man geschenkt
+bekommt, das freut einen, was man aber selber verdient hat, das freut
+einen noch viel mehr. Darum will ich den Menschen die Kindlein nicht
+einfach wie ein Geschenk auf den Tisch legen, sondern sie sollen sich
+die Kindlein selber verdienen, dann werden sie um so größere Freude an
+ihnen haben. Und ihr werdet gleich merken, wie recht der liebe Gott
+hatte, als er so dachte.
+
+Denkt euch einmal zwei Knaben, die auf dem Gipfel eines hohen Berges die
+Aussicht bewundern. Der eine ist mit der Bahn hinaufgefahren; der andere
+aber hat den ganzen langen, steilen Weg zu Fuß gemacht. Welcher von
+beiden wird wohl die größere Freude an der prächtigen Aussicht
+empfinden? Gewiß der zweite Knabe; denn er hat durch viele Anstrengung
+und manchen Schweißtropfen die prächtige Aussicht sozusagen verdient,
+sie kommt ihm vor wie ein reicher Lohn für die gehabte Mühe. -- Oder
+denkt euch zwei Freunde, von denen jeder eine wertvolle Markensammlung
+besitzt. Welcher wird mehr Freude an derselben haben, derjenige, der sie
+vom Großvater geschenkt bekommen, oder der, welcher sie selber im Laufe
+von Jahren durch viel Fleiß und manchen ersparten Batzen
+zusammengetragen hat? Ihr denkt doch auch der letztere, nicht wahr? Und
+ihr glaubt doch auch, daß es schöner sein muß, ein Häuschen als eigen zu
+besitzen, für das man zwanzig Jahre lang gearbeitet und gespart, als
+wenn man es von einem reichen Vetter geerbt hat? Und so könnten wir noch
+manche Beispiele nennen, die alle uns dasselbe lehren: _Was wir selber
+erarbeitet, durch Anstrengung erworben haben, macht uns größere und
+tiefere Freude, als was uns mühelos in den Schoß gefallen ist._
+
+Das weiß nun unser Vater im Himmel, von dem ja alle guten Gaben kommen,
+sehr wohl, und darum legt er den Menschen die herrlichsten Gaben, die er
+zu schenken hat, die kleinen Kindlein, nicht einfach in den Schoß,
+sondern sie müssen sich dieselben verdienen. Zwar nicht so, wie ein
+Arbeiter seinen Taglohn verdient; denn ein einziges Kindlein mit seiner
+unsterblichen Seele ist viel wertvoller und kostbarer, als alle Arbeit,
+die ein Mensch leisten kann. Aber doch so, daß ein Vater und eine Mutter
+viel bezahlen müssen, um ein Kindlein zu haben.
+
+Nun fragt ihr aber ganz verwundert: bezahlen? Kann man denn kleine
+Kinder um Geld kaufen? Ja wohl, bezahlen müssen die Eltern! Zwar nicht
+Geld, aber viel Arbeit, Mühe und Schmerzen! Drum kommen die Kinder nicht
+wie die Sechsjährigen auf die Welt, die schon allein essen, springen und
+zur Schule gehen können, sondern Gott gibt sie den Eltern klein und ganz
+unbeholfen. Ein junges Hühnchen schlüpft aus dem Ei und springt gleich
+davon, ein junges Menschlein aber braucht ein ganzes Jahr, bis es die
+ersten Schritte wagt. Da muß die Mutter es herumtragen, ausfahren,
+trocken legen, ihm die Nahrung reichen und hunderterlei andere kleine
+Dienste erweisen, und wenn es endlich allein gehen kann, dann müssen
+Vater und Mutter ihm erst recht auf Schritt und Tritt nachgehen, und oft
+in tausend Ängsten sein, damit ihm ja nichts Böses zustoße.
+
+Seht ihr's jetzt, wie die Eltern _Mühe_ und _Arbeit_ bezahlen müssen, bis
+sie ein großes Kind haben? Aber wir haben gehört, daß es auch _Schmerzen_
+kostet, ein Kindlein zu bekommen, und von diesen Schmerzen wollen wir
+auch noch reden.
+
+Zuerst aber muß ich euch etwas ganz Wunderbares sagen. Ihr wißt, wie es
+zugeht, wenn ein junges Vögelchen entsteht. Das Vogel-Weibchen legt ein
+Ei, setzt sich eine Zeitlang darauf, und wenn es inwendig im Ei schön
+warm geworden ist, hört man auf einmal ein ganz kleines Schnäbelchen
+gegen die Schale picken, ein Löchlein entsteht, und schwipps, schlüpft
+das junge Vögelchen heraus.
+
+Und nun denkt euch: _auch die kleinen Kindlein schlüpfen aus einem Ei!_
+Ist das nicht wunderbar? Nun meint ihr aber: o, das kann nicht möglich
+sein, denn noch nie sahen wir ein solches Ei!
+
+Aber hört nur weiter. Niemand kann dieses Eilein sehen, denn es liegt an
+einem ganz stillen, traulichen Örtlein verborgen: im Schoße der Mutter!
+Ihr wißt ja, wie es inwendig im Menschen viele merkwürdige Dinge hat,
+und ihr würdet staunen, wenn ihr irgendwo ein Deckelchen öffnen und
+hineingucken könntet. Da würdet ihr bei eurer Mutter oben im Kopfe
+jenen wunderbaren Nervenapparat sehen, mit dem sie an euch denkt und
+sinnt; weiter unten, im Brustraume, da könntet ihr das Herz betrachten,
+das Tag und Nacht so treu für euch schlägt; und noch etwas tiefer, da
+würdet ihr zwei wunderbare Kästlein finden, und in diesen eine Anzahl
+allerliebster runder Eierchen, aus denen neue Kindlein werden. Die
+Kästchen sind verschlossen, und ratet mal, wer darf sie wohl öffnen? Der
+Vater! Durch seine große Liebe zu der Mutter tut sich das Türchen auf,
+ein Eilein kommt heraus, setzt sich auf ein hübsches, weiches
+Polsterchen ganz tief im Schoße der Mutter, und fängt nun an, zu
+wachsen.
+
+Zuerst ist es kaum so groß, wie ein Stecknadelkopf. Nach und nach aber
+wird es immer größer, zuletzt wie eine große Puppe. Die Schale des Eies
+ist ganz weich, wie Sammt, und unter ihr schlummert mit geschlossenen
+Äuglein das neue Kindlein.
+
+Dann fragt vielleicht ein Mädchen:
+
+»Mutter, warum bist du auch nicht mehr dünn und schlank wie früher, und
+hast einen so großen Leib?« Und die Mutter sagt: »Weil's da ein
+Brüderchen oder Schwesterchen für dich drinnen hat; das ist schon groß
+und braucht viel Platz.« »War ich denn auch da drinnen, liebe Mutter?«
+fragt das Mädchen weiter. »Gewiß, du kleiner Schelm, und zwar so groß
+und schwer, ich mochte dich kaum tragen!« Da lacht die Kleine lustig: »O
+Mutter, ich freue mich, bis ich ein Schwesterchen oder Brüderchen habe;
+geht's wohl noch lange?«
+
+Aber es geht nicht mehr lange. Denn wenn das Kindchen fertig gewachsen
+an seinem warmen Plätzchen, dann legt sich die Mutter zu Bette, und
+durch eine kleine Öffnung schlüpft das neue Menschlein auf die Welt. Das
+nennt man die _Geburt_, und der Tag, an dem ihr euer Mütterchen verlassen
+habt und auf die Welt gekommen seid, ist euer _Geburtstag_.
+
+Oft hat die Mutter tüchtige Schmerzen dabei, drum ist sie nachher müde
+und muß einige Tage zu Bette bleiben, damit sie ausruhen kann. Dann
+sagen manche Leute: »Schaut her, der Storch hat eure Mutter ins Bein
+gebissen, darum ist sie nun krank.« Ihr aber wißt jetzt, daß das gar
+nicht wahr ist, sondern daß die Mutter bloß zum Ausruhen einige Zeit
+liegen muß, weil ihr die Geburt Schmerzen verursacht hat.
+
+Darum ist jetzt auch Frau Burkhard da, die Walter oben gesehen hat. Sie
+ist die _Hebamme_, das heißt eine Frau, die man jedesmal ruft, wenn eine
+Geburt herannaht. Sie hilft den Müttern in ihrer schweren Stunde,
+lindert ihnen die Schmerzen so gut sie kann, und nimmt das neugeborene
+Kindlein in Empfang, um es sorgsam in das bereitgehaltene Bettchen zu
+legen. Euch alle hat Frau Burkhard in ihren Armen gehalten, als ihr kaum
+den ersten Atemzug getan; darum ist sie euch allen so anhänglich und
+freut sich eures gesunden und kräftigen Heranwachsens.
+
+Bisweilen wenn die Schmerzen der Mutter sehr stark sind oder sonst ein
+wichtiger Rat nötig ist, ruft die Hebamme noch den Arzt herbei. Ihr habt
+ja fast alle schon drunten am Kreuzplatz an dem großen Eckhause die
+Tafel gelesen: +Dr.+ Fretz, Arzt und Geburtshelfer. Oft muß er seinen
+Schlaf brechen und mitten in der Nacht an ein Geburtslager eilen. Aber
+sowohl er, wie Frau Burkhard tun es mit Freuden, weil sie es für eine
+hohe Ehre halten, einem neuen Kindlein ins Dasein zu helfen. Sie dürfen
+mitwirken an der wunderbarsten Tat unseres Vaters im Himmel, an der
+Erschaffung der Menschen.« --
+
+Der Onkel machte eine Pause. Träumerisch blickte er hin nach dem rot
+glühenden Abendhimmel, wo sich eben die Sonne, die Fürstin und Spenderin
+alles Lebens, zum Untergehen anschickte. Auch die Kinder saßen
+regungslos still, kaum hörte man sie atmen. Ihre Gedanken schweiften
+hinauf zum Mütterlein, dem sie ihr Leben verdankten, das eben jetzt mit
+Schmerzen ihnen wieder ein Schwesterlein geschenkt hatte. O wie schön
+war, was der Onkel ihnen erzählt hatte, wie unendlich viel schöner, als
+das Märlein vom Storche! Beim Mütterlein waren sie gewesen, lange bevor
+sie zur Welt gekommen, unter ihrem treuen Herzen hatten sie geruht, wie
+zarte keimende Pflänzlein in weicher Erde!
+
+Mild flutete das Licht der Abendsonne durch die Blätter der kühler
+werdenden Laube und beleuchtete die nachdenklichen Kindergesichter mit
+lieblichem Glanze.
+
+»Seht Kinder«, fuhr jetzt langsam der Onkel fort, »so wie jetzt dieser
+Tag zur Neige geht, so geht auch unser irdisches Leben, das so wundersam
+begonnen, einst zu Ende. Freudig und jubelnd stehen die Menschen am
+Bettchen des Neugeborenen und lauschen entzückt seinem ersten Atem;
+traurig und weinend stehen sie nach Jahren um das Lager des gleichen
+Menschen, nachdem er seinen letzten Hauch getan. Und dann legt man den
+still und kalt gewordenen Körper in die Erde. O wie weh tut es einem
+Mutterherzen, wenn sie ihr Kindlein nach kurzem Dasein wieder verlieren
+muß; wenn das Leben entflieht, das sie mit Wonne ihm einst gegeben.
+
+Aber schaut, liebe Kinder, dort die untergehende Sonne spendet uns Trost
+in solchem Leide, sie hält uns eine mächtige Predigt von der
+Unvergänglichkeit des Lebens. Denn so wie sie jetzt niedersinkt und
+Dunkelheit zurückläßt, aber strahlend am Morgen wieder emporsteigt zum
+neuen Tage, so wird auch ein verstorbenes Kindlein neu erwachen zu
+schönerem Leben. Und gleich wie die Sonne nach langem Winterschlafe
+neues Leben aus der toten Erde hervorzaubert, so daß Blättlein und
+Blümlein sprießen überall, so wird auch Gott die in ihm Entschlafenen
+erwecken zu herrlichem, ewigem Leben.
+
+Und die Sonne, die das zu stande bringt, ist unser Herr Jesus Christus.
+Er selber ist das Leben, durch ihn hat Gott die Welt und auch uns
+erschaffen, und seine Verheißung lautet: Ich lebe, und ihr sollt auch
+leben! Und nun denkt euch, wiewohl er der Sohn des allmächtigen Gottes
+ist, ist er doch ein armes kleines Kindlein geworden, wie wir. Mit
+Schmerzen hat ihn Maria geboren, und nicht in vornehmem, prächtigem
+Haus, sondern in einem Stall zu Bethlehem. Bleich und müde lag sie da,
+als die Hirten kamen, um das Jesuskindlein anzubeten. Und so ist durch
+das Wunder der Geburt der Herr Jesus unser Bruder geworden, unser
+wahrhaftiger und leiblicher Bruder. War schon vorher die Geburt eines
+Menschen etwas Hohes und Heiliges, so ist sie es noch viel mehr, seit
+der Herr Jesus als kleines Kindlein zur Welt gekommen. Und bedeutete es
+schon vorher eine hohe Ehre und Würde für die Frauen, dem lieben Gott
+helfen zu dürfen bei der Erschaffung neuer Menschen, so jetzt noch viel
+mehr, seit Maria gewürdigt wurde, den König aller Könige unter ihrem
+Herzen zu tragen!« --
+
+Unterdessen war die Dämmerung hereingebrochen. Die Kinder saßen da in
+tiefem Entzücken. Noch nie hatte ihnen jemand so herrliche Dinge
+erzählt. »O Onkel, wenn du nur immer da bleiben würdest!« brach jetzt
+Hannchen das Schweigen. Es schlang seine Ärmchen kosend um den Onkel und
+wollte ihm auf die Knie klettern. Er aber stellte die Kleine sanft auf
+den Boden und erhob sich. »Bleibt ruhig da,« mahnte er, »ich gehe jetzt
+leise hinauf, und wenn euer Mütterchen es erlaubt und wohl genug ist,
+will ich euch alle rufen.«
+
+Mit großer Herzlichkeit wurde er droben empfangen und gleich zum Bett
+seiner Schwester, die die Mutter der Kinder war, geführt. »Ist alles gut
+gegangen?« war seine erste Frage. »Gott sei Dank,« antwortete sie
+freudig, »der Arzt ist sehr zufrieden. Wir haben ihn zur Vorsorge kommen
+lassen, aber er brauchte nicht einzugreifen. -- Aber nun hör' mal,
+Theophil, seit wann bist du eigentlich hier, dein Zug kam doch vor vier
+Uhr an, und jetzt ist's bald sieben?« Der Onkel lächelte schalkhaft und
+sagte: »In eurer prächtigen Gartenlaube bin ich gesessen, da ist es so
+schön!« »Ganz allein?« »Ganz allein mit deinen sechs Kindern und ihren
+Cousinen. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt!« -- »O, du goldiger
+Bruder, drum war es so still seit zwei Stunden; nicht einmal von
+Hannchen, dem Wildfang, habe ich einen Laut gehört. Was erzähltest du
+denn?« »Etwas sehr Schönes: Wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!«
+
+Groß und verwundert blickte Frau Hotze ihren Bruder an; »ist es dein
+Ernst, Theophil?« »Mein völliger Ernst! Du kennst ja seit langem meine
+Überzeugung in dieser Hinsicht; wir wollen unsern Kleinen das köstliche
+Geheimnis nicht so lange vorenthalten, bis Kameraden auf der Straße es
+ihnen, vielleicht auf eine gar unschöne Weise, beibringen. Und da ich
+wußte, daß du erst kürzlich die gleiche Ansicht geäußert, habe ich die
+Gelegenheit ergriffen und den Kindern erzählt von den Wundern des
+Lebens!«
+
+Da verklärte dankbare Freude der Mutter Antlitz. »O du lieber Bruder,
+komm her, daß ich dir danke. Welch großen Dienst hast du mir getan.
+Schon lange paßte ich auf eine Gelegenheit, meine Kinder in dieses
+Geheimnis einzuweihen, aber sie wollte sich nie bieten. Dazu braucht es
+eine ruhige Stunde, aber wo findet man die in unserm lebhaften,
+arbeitsreichen Haushalt? Habe herzlichen Dank! Doch nun bring mir die
+Kinder, die lieben, damit sie ihr Schwesterchen sehen und ich sie
+umarme, denn nun verlangt es mich doppelt nach ihnen.«
+
+Das ließ sich der Onkel nicht zweimal sagen, und bald stand er wieder
+vor der Laube im Garten, wo die Kinder eifrig flüsternd im Halbdunkel
+saßen und klopfenden Herzens auf den großen Moment warteten, da man sie
+rufen würde. »Nun dürft ihr alle kommen«, sagte er mit gedämpfter
+Stimme, »aber seid ja recht ruhig!«
+
+Das letztere hätte der Onkel nicht zu sagen brauchen, denn ganz von
+selbst gingen alle auf den Zehenspitzen über die Kieswege, dann leise
+über die Treppen hinauf, und jetzt standen sie vor der geheimnisvollen
+Türe. Keines wagte zu öffnen, fast hörbar klopften die Herzen. Da drehte
+sachte der Onkel den Riegel, und im stillen Gänsemarsch traten sie über
+die Schwelle und sahen die Mutter, etwas bleicher als sonst, in den
+Kissen liegen.
+
+Aber jetzt konnte sich Hannchen nicht länger halten. Mit einem
+Jubelschrei stürzte es sich an das Bett, kletterte wie ein Kätzlein
+hinauf und umarmte stürmisch die Mutter, als wollte es sie nie mehr
+loslassen. »Mutti, hast du stark Schmerzen gehabt?« fragte die Kleine.
+»Nein Herzchen, diesmal nicht so sehr, das letztemal war es schlimmer!«
+»Das letztemal? O Mutti! das war ja ich! aber ich kann ganz sicher
+nichts dafür. Und gleichwohl hast du mich lieb?« »Erst recht, mein
+Hannchen; alle hab' ich euch mit Schmerzen geboren, drum seid ihr alle
+mir so lieb.« Und eins ums andere kam, um die Mutter zu küssen, und
+mehrmals war die Wange ganz naß, die die Kinder an das Angesicht ihres
+Mütterchens schmiegten.
+
+Jetzt aber kam das Schwesterchen an die Reihe. Winzig klein, die Äuglein
+geschlossen, lag es warm eingehüllt in seinem Korbe und hatte keine
+Ahnung, daß es von vielen neugierigen Kinderaugen liebend betrachtet
+werde. Keines wagte sich ganz nahe, nur Hannchen streckte ihren rechten
+Zeigefinger aus und tupfte ganz sachte an das Näslein der Kleinen, um zu
+sehen, ob es auch wirklich warm und lebendig sei. Dann kam Frau Burkhard
+und führte die Kinder hinaus. Luise gab ihnen das Nachtessen, und bald
+lag jedes sanft schlafend in seinem Nestchen, nachdem noch der Onkel
+statt der Mutter die Runde gemacht und ihnen den Gute-Nacht-Kuß gegeben
+hatte. --
+
+Am andern Vormittag durften alle Kinder ins Schlafzimmer, um zu sehen,
+wie Julchen -- so mußte das neue Schwesterchen heißen -- den ersten
+Schoppen bekam an der Brust seiner Mutter. Hannchen stand zur Erlangung
+besserer Übersicht auf den Schemel und war ganz entzückt über die
+lustige Weise, wie Julchen seinen kleinen niedlichen Mund spitzte zum
+Saugen.
+
+»Aber Mutter, warum gibst du dem Kinde nicht aus der Flasche, wie Tante
+Gertrud?« fragte Hannchen ganz erstaunt; »habe ich denn auch an deiner
+Brust getrunken, als ich klein war?« »Natürlich, mein Kind,« antwortete
+die Mutter, »euch allen habe ich von meiner Milch geben können. Denn der
+liebe Gott schafft nicht nur die Kinder im Schoß der Mutter, sondern er
+gibt ihr auch eine Nahrung in ihre Brust, von der das Kind trinken soll
+nach der Geburt, manchen Monat lang, bis es seine Zähne bekommt und
+sitzen kann.« --
+
+Nach dem Mittagessen erschien der Vater, der von einer großen
+Geschäftsreise heimkam und nicht wenig erstaunt war über das
+vorgefallene große Ereignis, das er erst für die nächste Woche erwartet
+hatte. Hannchen wich nicht von seiner Seite und erzählte ihm alles
+genau, so daß ihr Plaudermäulchen keinen Moment stille stand. »Und weißt
+du,« berichtete der kleine Wildfang eifrig, »Mutti gibt dem Julchen
+selber zu trinken, sie braucht gar keine Flasche, und Julchen kann
+schon ordentlich saugen, ganz von selbst, es hat ihm's niemand gezeigt.
+Ich will schnell Mutti fragen, ob du auch mal zusehen darfst; wenn du
+auf den Schemel stehst, siehst du es sehr gut!« --
+
+Abends mußte dann der Onkel verreisen, die drei Großen begleiteten ihn
+auf den Bahnhof. Als aber vier Wochen um waren, an einem prächtigen
+Sonntage, da kam er wieder, diesmal samt seiner Frau, der Tante, und
+zwar zu Julchens Taufe als Pate. Groß war die Freude im Hause Hotze! Und
+als nun gar zwei große Landauer vorfuhren, das Julchen im prächtigen
+Paradetuch hineingetragen wurde, und auch Muttchen, das längst wieder
+auf den Beinen war, einstieg, da war der Jubel unbeschreiblich. Karl
+durfte vorne und Fritz bei der hintern Kutsche auf den Bock steigen,
+Hannchen aber dem Vater auf den Schoß sitzen. Die drei Großen fuhren mit
+Onkel und Tante im zweiten Wagen. Kein Wölklein trübte den herrlichen
+Tag, wie im Fluge gingen nach der ernsten kirchlichen Feier die schönen
+Stunden zu Hause dahin.
+
+Um sechs Uhr mußten die Basler Abschied nehmen, zum großen Leidwesen
+aller. Hannchen hätte sicherlich geweint, wenn nicht schnell die Mutter
+ihm versprochen hätte, es dürfe heute Abend dem Julchen das neue
+Schlüttli, das die Tante gebracht, ganz alleine anziehen. Das wirkte,
+und tapfer schluckte es seine Tränen hinunter.
+
+»War's nicht ein schöner Tag, Kinderchen?« fragte der Onkel beim
+Abschied. »Ja«, riefen sie alle, »aber halt am allerschönsten war es vor
+vier Wochen im Gartenhäuschen, als du uns erzähltest, wie der liebe Gott
+die Kindlein erschafft!«
+
+
+
+
+Schlußwort
+
+an alle Kinder, welche diese Erzählung gelesen haben.
+
+
+So, nun wißt auch Ihr, wie die Kindlein zur Welt kommen, denn es ist
+wirklich genau so, wie der Onkel berichtete. Nun braucht Ihr nicht mehr
+die Köpfe zu strecken, wenn ein Bub in der Schulpause ganz leise vom
+Werden der Kindlein berichtet, oder wenn ein Mädchen auf dem Heimwege
+meldet, es wolle Euch etwas sagen, aber kein Mensch dürfe es wissen --
+und dann erzählt es, wie die Kinder geboren werden. Da sagt Ihr dann
+einfach: O, das wissen wir schon lange, das hat uns ja die Mutter zu
+lesen gegeben! Nie werdet Ihr von nun an dabei sein, wenn über diese
+ernsten Dinge heimlich und unschön geredet wird, und nie werdet Ihr
+mithelfen, wenn Kameraden lachen über eine Frau, weil man merkt, sie
+werde bald ein Kindlein haben. Von einer solchen Frau sagt man: sie ist
+»in gesegneten Umständen«, weil Gott einen großen Segen auf sie gelegt
+hat; darum sollen wir sie mit Achtung, ja mit Ehrfurcht grüßen. Ist Euch
+noch etwas nicht klar, so fragt Eure Eltern, die wissen es besser, als
+vorwitzige Schulkinder. --
+
+So recht werdet Ihr dies allerdings erst verstehen, wenn Ihr groß seid.
+Vielleicht wird dann dem einen oder andern von Euch auch ein liebes
+Kindlein geschenkt, und dann werdet Ihr an den Onkel denken im
+Gartenhäuschen und mit ihm sagen: es ist etwas Herrliches und
+Wunderbares, wenn der liebe Gott neues Leben erschafft!
+
+
+
+
+
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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