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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:37:57 -0700
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+Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Woher die Kindlein kommen
+
+Author: Dr. Hans Hoppeler
+
+Release Date: March 8, 2009 [EBook #28279]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
+
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Woher die Kindlein
+kommen.
+
+Der Jugend von 8-12 Jahren erzählt
+durch
++Dr. med.+ Hans Hoppeler
+
+Kinderheim Zürichberg.
+
+Sechzehntes bis zwanzigstes Tausend.
+
+[Illustration]
+
+Verlag: _Art. Institut Orell Füßli_, Zürich.
+
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
++Copyright 1916 by Art. Institut Orell Füssli, Zürich+
+
+
+
+
+Vorwort an die Eltern.
+
+
+Die Notwendigkeit, seine Kinder über die Entstehung des Lebens _selber_ zu
+belehren, statt diese Aufgabe dem Zufall und der Straße zu überlassen,
+wird heutzutage nur noch von wenigen Eltern bestritten. Und doch ergab
+kürzlich eine Rundfrage in meinem Kinderpflege-Kurse, daß von den vielen
+anwesenden Töchtern nicht einmal fünf Prozent durch ihre Eltern sexuelle
+Aufklärung empfangen hatten. Ursache dieser Erscheinung: es kommt vielen
+gar schwer vor, den geeigneten Moment, den richtigen Ton, die passenden
+Worte zu finden, und so wird die Sache wider besseres Wollen immer
+wieder verschoben, bis man plötzliche entdeckt, (-- oder auch jahrelang
+_nicht_ entdeckt --), daß Gassenbuben oder gute Kameraden längst einem
+zuvorgekommen sind. Wüßten aber die Mütter, _wie_ die Belehrung
+ausgefallen, sie würden sich entsetzen. Aus solcher Überlegung heraus
+entstand das vorliegende Büchlein, ein offenes Wort an Stelle geheimen
+Flüsterns und ungesunden Tuschelns hinter Eltern und Lehrern. Gebt es
+euern Kindern nicht zu spät, denn auch das harmloseste Gemüt kann durch
+unversehens eintretende unberufene Aufklärung Schaden leiden. -- Wer die
+Erzählung zu realistisch findet, bedenke, daß auf diesem Gebiete
+Verschleierung und allzu blumenreiche Poesie mit der Realistik der
+Straße niemals in Konkurrenz treten können.
+
+Möge die kleine Arbeit segensreich wirken und manchen Kindern ersparen,
+was leider vielen von uns Erwachsenen nicht erspart geblieben ist.
+
+_Zürich_, im Juni 1916
+
+ +Dr.+ Hans Hoppeler.
+
+
+
+
+Am Gartenzaune eines freundlichen Hauses an der Freien Straße in Zürich
+stand ein blonder etwa 40jähriger Herr in dunklem Überzieher, und
+blickte durch das kleine Vorgärtchen hinein in die geöffneten Fenster
+des Erdgeschosses. Er trug ein braunes Reisetäschlein in der Hand und
+kam offenbar vom Bahnhofe. Vielleicht hatte er eine weite Reise hinter
+sich, war hungrig und müde. Trotzdem schien er es nicht sehr eilig zu
+haben, an sein Ziel zu kommen; denn schon einige Minuten hatte er nun
+hier vor dem Hause gestanden, und noch immer machte er keine Anstalten,
+weiter zu gehen. Es war aber auch wirklich unterhaltsam und lustig, was
+er da drinnen sah. Eine große Zahl Kinder, wohl fünfzig mochten es sein,
+saßen da auf langen Bänken, alle mäuschenstill. Die Hände hielten sie
+alle auf dem Rücken verschränkt, und gespannt blickten sie nach vorn, um
+die prächtige Geschichte vom Zigeunerfriedel zu hören, die ihnen soeben
+Tante Emma erzählte. Und wie konnte diese herrliche Tante des
+Kindergartens erzählen! Grad' zu hören meinte man all' die Glocken,
+Pfeifen, Orgeln und Ausrufer, wenn sie den Jahrmarkt von Goßlingen
+schilderte, und Tränen des Mitleids liefen da und dort einem Kinde über
+die Wangen, wenn sie vom langen Balthasar berichtete, dem
+Zigeunerhauptmann mit dem furchtbar großen Schlapphut, der den Friedel
+plagte bei Tag und bei Nacht, bis er seine Seiltänzervorstellungen
+gelernt hatte. Auf der zweitvordersten Bank saß Hannchen. Ihre dunklen
+Augen funkelten und ihre kleinen Fäustchen waren fest geballt, sodaß die
+Fingernägelchen sich tief in die Handballen eingruben. Mit diesen
+Fingernägelchen hatte sie vorgestern den Armin gekratzt, als er in
+grober Weise ihr Brüderchen die Treppe hinuntergestoßen, und mit diesen
+Nägelchen hätte sie jetzt des Balthasars Gesicht furchtbar zugerichtet,
+wenn er zur Stelle gewesen wäre. Glühend rot waren ihre Wangen, und der
+Atem ging keuchend. Suchend wanderten ihre Augen umher, als ob sie den
+bösen Zigeuner irgendwo finden müßten. Da blieb ihr Blick haften an dem
+Mann auf der Straße, dem Mann mit dem dunklen Überzieher und dem
+Reisetäschchen. Wie gebannt schaute sie ihm einen Moment ins Angesicht.
+Da plötzlich fährt sie in die Höhe mit gellendem, jubelndem Schrei.
+»Onkel Theophil!« hallte es in mächtigen Tönen durchs Zimmer. Mit zwei
+Sprüngen ist Hannchen am Fenster, mit dem dritten steht sie oben auf dem
+Gesims, und jetzt -- Tante Emma, die eilends herzurannte, kam längst zu
+spät -- jetzt ist sie schon flink wie ein Eichhörnchen herunter
+geklettert und dem Onkel in die Arme geflogen. Droben an den Fenstern
+standen die Kinder Kopf an Kopf. Vergessen waren Karussel und
+Jahrmarktbuden, vergessen Balthasar und Zigeunerfriedel, vergessen ob
+dem einen großen Wort: Onkel Theophil! Hatte nicht Hannchen schon oft
+und erst gestern wieder von ihm erzählt? Erzählt von ihren prächtigen
+Ferien in Basel bei Onkel und Tante? Hatte es nicht einst die
+Photographie in die Schule bringen und ihn allen zeigen dürfen, den
+prächtigen Onkel? Hatten sie nicht alle einen ganz besonderen Respekt
+vor Hannchen und ihren zwei Brüdern, weil sie diesen Onkel besaßen, den
+Onkel Theophil? Und jetzt war er da! Und wie bestürzt er aussah, ganz
+verlegen und erschrocken. Er hatte ja gar nicht daran gedacht, daß die
+Kinder ihn sehen würden, und nun war eine so furchtbare Revolution im
+Kindergarten ausgebrochen, alles war außer Rand und Band gekommen nur
+wegen ihm. Das hatte er nicht beabsichtigt. Aber das große Durcheinander
+währte nicht lange. Tante Emma klatschte in die Hände, und im Nu gab es
+Ruhe. »Kinder, nun singen wir dem Onkel ein hübsches Liedchen, ja?«
+Begeistert stimmten die Kleinen zu, Tantes Stimmgabel gab den Ton an,
+und: »Mir sind chlini Musikante« tönte es alsbald lustig und fröhlich
+aus fünfzig kleinen Mäulchen, während hundert flinke Händchen dazu
+trompeteten, geigten und aus Leibeskräften trommelten. Kaum war der
+letzte Ton verklungen, so verkündete die Kreuzkirche mit vier lauten
+Schlägen, daß es Zeit sei, zu schließen. Wohl hätten die Kinder gar zu
+gerne noch die Geschichte vom Zigeunerfriedel gehört, aber doch mochten
+sie es kaum erwarten, den Onkel ganz aus der Nähe zu sehen. Darum waren
+sie alle zufrieden, als ihnen die Tante den Schluß der Geschichte für
+morgen in Aussicht stellte und sie nach kurzem entließ. Wie ein
+fröhlicher Bergbach stürmten sie zum Tore hinaus, und jedes wollte des
+freundlichen Mannes Hand drücken. Hannchen aber sorgte dafür, daß keines
+an derselben zu lange hängen blieb; mit großer Beharrlichkeit stieß es
+jedes der Kinder nach erfolgtem Gruße wieder weg, um zu zeigen, daß hier
+niemand als es das Recht habe, geführt zu werden. Der Trupp setzte sich
+in Bewegung, Hannchen immer an Onkels Seite, triumphierend bald links
+und bald rechts blickend, als wollte es sagen: »Gäll he, dä g'hört
+mine!« Die Gesellschaft wurde allmählich kleiner, indem bei jeder
+Wegkreuzung wieder einige Kinder abschwenken mußten, und endlich waren
+der Onkel und Hanni allein. Jetzt bogen sie in die Hofackerstraße ein,
+und schon sah man das elterliche Haus in der Nähe, als plötzlich in
+großen Sprüngen Hannchens siebenjähriger Bruder dahergerannt kam. »Ein
+Schwesterchen, ein Schwesterchen!« so rief er schon von weitem; »man
+kann nicht hinein, es ist geschlossen, es ist geschlossen, aber es ist
+wahr, der Storch hat es gebracht, und er hat die Mutter ins Bein
+gebissen, und die Frau Burkhard ist da, und der Herr Doktor ist schon
+wieder fort, und er hat eine gelbe Tasche gehabt mit etwas darin, aber
+ich weiß nicht was! Und zur Taufe, da dürfen wir Kutsche fahren, und
+dann sitze ich vorn auf dem Bock!« »Nein, da sitze ich, ich bin älter
+als du,« fiel plötzlich Walter ein, der soeben dazu gekommen war, und
+sicherlich hätte es einen artigen Streit abgesetzt, wenn nicht auf
+einmal beide den Onkel erkannt hätten. »Onkel Theophil«, jubelten sie,
+fielen ihm um den Hals und küßten ihn zum Willkomm. Derweil stob
+Hannchen mit Windeseile davon, auf das Haus zu. »O bleib nur da,« riefen
+ihm die Buben nach, »oben lassen sie dich doch nicht hinein!« Aber
+Hannchen hörte nichts und war schon hinter der Haustüre verschwunden.
+Ein neues Schwesterchen, ha wie fein, das mußte sie sehen!
+
+»Wann ist denn das Schwesterchen gekommen?« fragte unterdessen der Onkel
+die Knaben. »Heute mittag«, berichtete eifrig Walter, »grad vorhin
+kamen wir aus der Schule, da stand oben auf der Treppe die Luise, unser
+Mädchen, hob den Finger auf und machte: »Pst, ganz leise, sonst weckt
+ihr das neue Schwesterchen; vor einer Stunde hat der Storch es
+gebracht!« Und dann sagte sie noch, die Mutter sei krank, wir sollten
+nur gleich in den Garten und spielen, aber ohne zu lärmen.« »Ja, und
+jetzt sind wir sieben«, rief stolz der kleine Fritz, »sechs und eins
+sind sieben, das haben wir gestern in der Schule gelernt.« »Ruft nicht
+so laut,« mahnte der Onkel; »seht, da kommt Hannchen schon wieder.«
+Richtig, da kam sie, aber ganz mit gesenktem Köpfchen. Sie war wirklich
+nicht hineingelassen worden droben, Luise hatte sie wieder
+hinuntergeschickt in den Garten, gleich wie die andern. Große Tränen
+glänzten in ihren Augen, und als nun der Onkel seine kleine Nichte
+liebkosen und trösten wollte, da brach sie in heftiges Schluchzen aus.
+»Ich mag den Storch nicht, nie, nie soll er mir kommen, was braucht er
+der Mutter weh zu tun?« »Ja, er hat sie ins Bein gebissen,« berichtete
+nochmals Fritz. Aber der Onkel schüttelte den Kopf: »Das glaube ich
+nicht; wer hat es dir denn gesagt?« »Die Frau Weber im Stockwerk unter
+uns, und sie hat ihn ja gesehen.« »Nein, Fritzchen, Frau Weber hat ihn
+_nicht_ gesehen,« erwiderte jetzt sehr bestimmt der Onkel. Und, als fiele
+ihm plötzlich etwas ein, fuhr er fort: »Kinder wißt ihr was, wir gehen
+miteinander ins Gartenhäuschen, ich will euch etwas erzählen, denn laut
+spielen und lärmen dürft ihr jetzt doch nicht!« »O ja, o ja, eine
+Geschichte, eine Geschichte!« Jubelnd geleiteten die Kinder den Onkel
+durch den hübschen Garten zu einem aus leichten Holzlatten gezimmerten
+Häuschen, das mit seinem prächtigen grünen Laubdach und den hübschen
+grünen Stühlen rings um den runden Gartentisch ein reizendes Plätzchen
+war, wie geschaffen zum Geschichten-Erzählen. Aber siehe da, der Tisch
+war schon besetzt: Ruth, Elsa und Karl, die drei größeren der sechs
+Geschwister, saßen rings herum, und außerdem noch Frieda und Hedwig, die
+beiden Cousinen und unzertrennlichen Gefährtinnen der Kinder. Sie
+spielten zu Vieren »Eile mit Weile,« während Elsa als fünfte eifrig den
+Kampf der Farben verfolgte und jedesmal laut herauslachte, wenn wieder
+eines »heimgejagt« wurde. Jetzt sah Elsa auf, erblickte den Onkel, und
+mit einem Sprung hing sie ihm am Halse; die andern folgten, und jetzt
+wäre der gute Onkel beinahe erstickt unter der Zahl der Arme, die ihn
+von allen Seiten umfingen, und unter den Küssen, mit denen ihn seine
+zärtlichen kleinen Neffen und Nichten begrüßten. Da schüttelte er mit
+einem Ruck alle die krabbligen Kletterer von sich ab, gratulierte ihnen
+herzlich zum neuen Schwesterlein, und dann hieß er alle achte absitzen,
+während er selbst oben am Tische Platz nahm.
+
+»Onkel, nun erzähl' uns ein Märchen!« rief Walter. »Nein, lieber eine
+wahre Geschichte,« übertönte ihn Fritz. »Vor allem wünsche ich, daß ihr
+hübsch ruhig seid, während ich rede,« nahm nun der Onkel das Wort. »Ich
+erzähle euch heute eine wahre Geschichte, etwas Hohes und Ernstes, etwas
+Uraltes und doch immer wieder Neues; ich will euch erzählen, _wie der
+liebe Gott die Kinder erschafft_!«
+
+Da wurden die Kinder plötzlich ganz still! Sie dachten an ihr neues
+Schwesterlein droben im zarten Bettchen, das sie heute abend zum ersten
+Male sehen sollten, und nun durften sie hören, wie der liebe Gott das
+kleine Kindlein erschaffen habe. Und nicht von einem Jungen oder Mädchen
+sollten sie es vernehmen, sondern vom Onkel, der nie etwas Unwahres
+sagte, auf dessen Worte man sich verlassen konnte, wie auf Felsen.
+»Wirklich Onkel, das willst du uns erzählen? Weißt du es denn auch ganz
+sicher?« fragte ganz glücklich Frieda. »Aber Frieda«, erwiderte
+vorwurfsvoll ihre Schwester, »der Onkel weiß doch alles!« »Ich weiß es
+auch«, rief fröhlich der kleine Fritz, »der Storch bringt sie!« Da
+mußten die Großen herzlich lachen. »O du Dummerle,« meinte Karl, »ein
+Storch kann doch gar nicht ein sechs Pfund schweres Kindlein im Schnabel
+tragen, er muß froh sein, wenn er stark genug ist, ein fettes,
+zappelndes Fröschlein zu halten. Und denke doch vom Himmel bis nach
+Zürich, das wäre doch ein furchtbar weiter Weg!« Jetzt aber wehrte sich
+Walter wacker für den Storch: »Der Storch bringt sie sicher, ich weiß
+es; Tante Selma hat in ihrem Album eine Karte, da sieht man's gemalt.
+Aber er trägt das Kind nicht im Schnabel, es reitet auf seinem Rücken!«
+Da lachten aber die Großen noch mehr als zuvor. »Ein ganz Kleines kann
+ja noch gar nicht sitzen,« versicherten sie; »sogar der Ruedi Brenner
+sitzt noch nicht einmal allein, und der ist doch sieben Monate alt.« Da
+wurden der Walter und die übrigen Anhänger des Storches ganz kleinlaut
+und sagten nichts mehr.
+
+Dafür meldete sich jetzt Hannchen zum Wort. »Ich weiß es; der liebe
+Gott hat im Himmel eine große Maschine, mit der macht er die Kinder; und
+dann bringen die Engel des Nachts die Kindlein auf die Erde, in alle
+Häuser, wo die Leute darum gebeten haben. In unserer Wohnstube hängt ein
+Bild, da sieht man gerade, wie ein schöner Engel mit einem Kleinen
+hinunterfliegt.«
+
+Und so berichteten die Kinder noch manches, rieten hin und her, aber
+keines wußte es recht, wie der liebe Gott die Kindlein macht. Darum
+rückte jetzt der Onkel seinen Stuhl zurecht, und indem er freundlich
+rings im Kreise herumblickte, wo lauter erwartungsvolle Gesichter auf
+ihn gerichtet waren, begann er mit klarer Stimme seine Erzählung und
+sagte:
+
+»Zuerst müßt ihr wissen, daß wirklich der Storch keine Kinder bringt.
+Ihr kennt ja alle die Geschichte vom Rotkäppchen; aber sie ist nur ein
+Märchen, denn ein Wolf kann doch keine Großmutter hinunterschlucken. Und
+ihr kennt die Geschichte vom gestiefelten Kater, aber auch sie ist ein
+Märchen, denn eine Katze kann doch keine Schuhe anziehen und darin
+herumspringen. Und gerade so ist auch die Geschichte vom Storch ein
+Märchen, denn ein Storch kann doch keine Kindlein tragen. Man erzählt
+das nur zum Spaß den Kleinen, weil sie gerne Märchen hören; aber wenn
+die Kinder größer werden, dann sagt man ihnen, daß es nur ein Spaß war.
+Es ist grad wie mit dem St. Niklaus. Die Kleinen meinen, der alte Mann
+mit dem langen weißen Barte wohne draußen im Walde, und fürchten sich
+sehr vor ihm. Aber die größeren Kinder, so wie ihr seid, die wissen
+schon, daß es ja gar keinen Niklaus gibt im Walde, und daß das alles
+nur Märlein sind.
+
+Also der Storch bringt die Kinder nicht. Aber wer denn? Vielleicht doch
+die Engel? Nein, auch die Engel nicht, sonst hätten wir sie sicher schon
+oft über den Häusern schweben sehen, denn es kommen ja alle Tage viele
+Kindlein zur Welt. Natürlich hätte der liebe Gott Englein genug, aber er
+braucht sie zu andern Dingen, und hat eine viel bessere Weise ersonnen,
+den Menschen Kindlein zu schenken. Er dachte nämlich: was man geschenkt
+bekommt, das freut einen, was man aber selber verdient hat, das freut
+einen noch viel mehr. Darum will ich den Menschen die Kindlein nicht
+einfach wie ein Geschenk auf den Tisch legen, sondern sie sollen sich
+die Kindlein selber verdienen, dann werden sie um so größere Freude an
+ihnen haben. Und ihr werdet gleich merken, wie recht der liebe Gott
+hatte, als er so dachte.
+
+Denkt euch einmal zwei Knaben, die auf dem Gipfel eines hohen Berges die
+Aussicht bewundern. Der eine ist mit der Bahn hinaufgefahren; der andere
+aber hat den ganzen langen, steilen Weg zu Fuß gemacht. Welcher von
+beiden wird wohl die größere Freude an der prächtigen Aussicht
+empfinden? Gewiß der zweite Knabe; denn er hat durch viele Anstrengung
+und manchen Schweißtropfen die prächtige Aussicht sozusagen verdient,
+sie kommt ihm vor wie ein reicher Lohn für die gehabte Mühe. -- Oder
+denkt euch zwei Freunde, von denen jeder eine wertvolle Markensammlung
+besitzt. Welcher wird mehr Freude an derselben haben, derjenige, der sie
+vom Großvater geschenkt bekommen, oder der, welcher sie selber im Laufe
+von Jahren durch viel Fleiß und manchen ersparten Batzen
+zusammengetragen hat? Ihr denkt doch auch der letztere, nicht wahr? Und
+ihr glaubt doch auch, daß es schöner sein muß, ein Häuschen als eigen zu
+besitzen, für das man zwanzig Jahre lang gearbeitet und gespart, als
+wenn man es von einem reichen Vetter geerbt hat? Und so könnten wir noch
+manche Beispiele nennen, die alle uns dasselbe lehren: _Was wir selber
+erarbeitet, durch Anstrengung erworben haben, macht uns größere und
+tiefere Freude, als was uns mühelos in den Schoß gefallen ist._
+
+Das weiß nun unser Vater im Himmel, von dem ja alle guten Gaben kommen,
+sehr wohl, und darum legt er den Menschen die herrlichsten Gaben, die er
+zu schenken hat, die kleinen Kindlein, nicht einfach in den Schoß,
+sondern sie müssen sich dieselben verdienen. Zwar nicht so, wie ein
+Arbeiter seinen Taglohn verdient; denn ein einziges Kindlein mit seiner
+unsterblichen Seele ist viel wertvoller und kostbarer, als alle Arbeit,
+die ein Mensch leisten kann. Aber doch so, daß ein Vater und eine Mutter
+viel bezahlen müssen, um ein Kindlein zu haben.
+
+Nun fragt ihr aber ganz verwundert: bezahlen? Kann man denn kleine
+Kinder um Geld kaufen? Ja wohl, bezahlen müssen die Eltern! Zwar nicht
+Geld, aber viel Arbeit, Mühe und Schmerzen! Drum kommen die Kinder nicht
+wie die Sechsjährigen auf die Welt, die schon allein essen, springen und
+zur Schule gehen können, sondern Gott gibt sie den Eltern klein und ganz
+unbeholfen. Ein junges Hühnchen schlüpft aus dem Ei und springt gleich
+davon, ein junges Menschlein aber braucht ein ganzes Jahr, bis es die
+ersten Schritte wagt. Da muß die Mutter es herumtragen, ausfahren,
+trocken legen, ihm die Nahrung reichen und hunderterlei andere kleine
+Dienste erweisen, und wenn es endlich allein gehen kann, dann müssen
+Vater und Mutter ihm erst recht auf Schritt und Tritt nachgehen, und oft
+in tausend Ängsten sein, damit ihm ja nichts Böses zustoße.
+
+Seht ihr's jetzt, wie die Eltern _Mühe_ und _Arbeit_ bezahlen müssen, bis
+sie ein großes Kind haben? Aber wir haben gehört, daß es auch _Schmerzen_
+kostet, ein Kindlein zu bekommen, und von diesen Schmerzen wollen wir
+auch noch reden.
+
+Zuerst aber muß ich euch etwas ganz Wunderbares sagen. Ihr wißt, wie es
+zugeht, wenn ein junges Vögelchen entsteht. Das Vogel-Weibchen legt ein
+Ei, setzt sich eine Zeitlang darauf, und wenn es inwendig im Ei schön
+warm geworden ist, hört man auf einmal ein ganz kleines Schnäbelchen
+gegen die Schale picken, ein Löchlein entsteht, und schwipps, schlüpft
+das junge Vögelchen heraus.
+
+Und nun denkt euch: _auch die kleinen Kindlein schlüpfen aus einem Ei!_
+Ist das nicht wunderbar? Nun meint ihr aber: o, das kann nicht möglich
+sein, denn noch nie sahen wir ein solches Ei!
+
+Aber hört nur weiter. Niemand kann dieses Eilein sehen, denn es liegt an
+einem ganz stillen, traulichen Örtlein verborgen: im Schoße der Mutter!
+Ihr wißt ja, wie es inwendig im Menschen viele merkwürdige Dinge hat,
+und ihr würdet staunen, wenn ihr irgendwo ein Deckelchen öffnen und
+hineingucken könntet. Da würdet ihr bei eurer Mutter oben im Kopfe
+jenen wunderbaren Nervenapparat sehen, mit dem sie an euch denkt und
+sinnt; weiter unten, im Brustraume, da könntet ihr das Herz betrachten,
+das Tag und Nacht so treu für euch schlägt; und noch etwas tiefer, da
+würdet ihr zwei wunderbare Kästlein finden, und in diesen eine Anzahl
+allerliebster runder Eierchen, aus denen neue Kindlein werden. Die
+Kästchen sind verschlossen, und ratet mal, wer darf sie wohl öffnen? Der
+Vater! Durch seine große Liebe zu der Mutter tut sich das Türchen auf,
+ein Eilein kommt heraus, setzt sich auf ein hübsches, weiches
+Polsterchen ganz tief im Schoße der Mutter, und fängt nun an, zu
+wachsen.
+
+Zuerst ist es kaum so groß, wie ein Stecknadelkopf. Nach und nach aber
+wird es immer größer, zuletzt wie eine große Puppe. Die Schale des Eies
+ist ganz weich, wie Sammt, und unter ihr schlummert mit geschlossenen
+Äuglein das neue Kindlein.
+
+Dann fragt vielleicht ein Mädchen:
+
+»Mutter, warum bist du auch nicht mehr dünn und schlank wie früher, und
+hast einen so großen Leib?« Und die Mutter sagt: »Weil's da ein
+Brüderchen oder Schwesterchen für dich drinnen hat; das ist schon groß
+und braucht viel Platz.« »War ich denn auch da drinnen, liebe Mutter?«
+fragt das Mädchen weiter. »Gewiß, du kleiner Schelm, und zwar so groß
+und schwer, ich mochte dich kaum tragen!« Da lacht die Kleine lustig: »O
+Mutter, ich freue mich, bis ich ein Schwesterchen oder Brüderchen habe;
+geht's wohl noch lange?«
+
+Aber es geht nicht mehr lange. Denn wenn das Kindchen fertig gewachsen
+an seinem warmen Plätzchen, dann legt sich die Mutter zu Bette, und
+durch eine kleine Öffnung schlüpft das neue Menschlein auf die Welt. Das
+nennt man die _Geburt_, und der Tag, an dem ihr euer Mütterchen verlassen
+habt und auf die Welt gekommen seid, ist euer _Geburtstag_.
+
+Oft hat die Mutter tüchtige Schmerzen dabei, drum ist sie nachher müde
+und muß einige Tage zu Bette bleiben, damit sie ausruhen kann. Dann
+sagen manche Leute: »Schaut her, der Storch hat eure Mutter ins Bein
+gebissen, darum ist sie nun krank.« Ihr aber wißt jetzt, daß das gar
+nicht wahr ist, sondern daß die Mutter bloß zum Ausruhen einige Zeit
+liegen muß, weil ihr die Geburt Schmerzen verursacht hat.
+
+Darum ist jetzt auch Frau Burkhard da, die Walter oben gesehen hat. Sie
+ist die _Hebamme_, das heißt eine Frau, die man jedesmal ruft, wenn eine
+Geburt herannaht. Sie hilft den Müttern in ihrer schweren Stunde,
+lindert ihnen die Schmerzen so gut sie kann, und nimmt das neugeborene
+Kindlein in Empfang, um es sorgsam in das bereitgehaltene Bettchen zu
+legen. Euch alle hat Frau Burkhard in ihren Armen gehalten, als ihr kaum
+den ersten Atemzug getan; darum ist sie euch allen so anhänglich und
+freut sich eures gesunden und kräftigen Heranwachsens.
+
+Bisweilen wenn die Schmerzen der Mutter sehr stark sind oder sonst ein
+wichtiger Rat nötig ist, ruft die Hebamme noch den Arzt herbei. Ihr habt
+ja fast alle schon drunten am Kreuzplatz an dem großen Eckhause die
+Tafel gelesen: +Dr.+ Fretz, Arzt und Geburtshelfer. Oft muß er seinen
+Schlaf brechen und mitten in der Nacht an ein Geburtslager eilen. Aber
+sowohl er, wie Frau Burkhard tun es mit Freuden, weil sie es für eine
+hohe Ehre halten, einem neuen Kindlein ins Dasein zu helfen. Sie dürfen
+mitwirken an der wunderbarsten Tat unseres Vaters im Himmel, an der
+Erschaffung der Menschen.« --
+
+Der Onkel machte eine Pause. Träumerisch blickte er hin nach dem rot
+glühenden Abendhimmel, wo sich eben die Sonne, die Fürstin und Spenderin
+alles Lebens, zum Untergehen anschickte. Auch die Kinder saßen
+regungslos still, kaum hörte man sie atmen. Ihre Gedanken schweiften
+hinauf zum Mütterlein, dem sie ihr Leben verdankten, das eben jetzt mit
+Schmerzen ihnen wieder ein Schwesterlein geschenkt hatte. O wie schön
+war, was der Onkel ihnen erzählt hatte, wie unendlich viel schöner, als
+das Märlein vom Storche! Beim Mütterlein waren sie gewesen, lange bevor
+sie zur Welt gekommen, unter ihrem treuen Herzen hatten sie geruht, wie
+zarte keimende Pflänzlein in weicher Erde!
+
+Mild flutete das Licht der Abendsonne durch die Blätter der kühler
+werdenden Laube und beleuchtete die nachdenklichen Kindergesichter mit
+lieblichem Glanze.
+
+»Seht Kinder«, fuhr jetzt langsam der Onkel fort, »so wie jetzt dieser
+Tag zur Neige geht, so geht auch unser irdisches Leben, das so wundersam
+begonnen, einst zu Ende. Freudig und jubelnd stehen die Menschen am
+Bettchen des Neugeborenen und lauschen entzückt seinem ersten Atem;
+traurig und weinend stehen sie nach Jahren um das Lager des gleichen
+Menschen, nachdem er seinen letzten Hauch getan. Und dann legt man den
+still und kalt gewordenen Körper in die Erde. O wie weh tut es einem
+Mutterherzen, wenn sie ihr Kindlein nach kurzem Dasein wieder verlieren
+muß; wenn das Leben entflieht, das sie mit Wonne ihm einst gegeben.
+
+Aber schaut, liebe Kinder, dort die untergehende Sonne spendet uns Trost
+in solchem Leide, sie hält uns eine mächtige Predigt von der
+Unvergänglichkeit des Lebens. Denn so wie sie jetzt niedersinkt und
+Dunkelheit zurückläßt, aber strahlend am Morgen wieder emporsteigt zum
+neuen Tage, so wird auch ein verstorbenes Kindlein neu erwachen zu
+schönerem Leben. Und gleich wie die Sonne nach langem Winterschlafe
+neues Leben aus der toten Erde hervorzaubert, so daß Blättlein und
+Blümlein sprießen überall, so wird auch Gott die in ihm Entschlafenen
+erwecken zu herrlichem, ewigem Leben.
+
+Und die Sonne, die das zu stande bringt, ist unser Herr Jesus Christus.
+Er selber ist das Leben, durch ihn hat Gott die Welt und auch uns
+erschaffen, und seine Verheißung lautet: Ich lebe, und ihr sollt auch
+leben! Und nun denkt euch, wiewohl er der Sohn des allmächtigen Gottes
+ist, ist er doch ein armes kleines Kindlein geworden, wie wir. Mit
+Schmerzen hat ihn Maria geboren, und nicht in vornehmem, prächtigem
+Haus, sondern in einem Stall zu Bethlehem. Bleich und müde lag sie da,
+als die Hirten kamen, um das Jesuskindlein anzubeten. Und so ist durch
+das Wunder der Geburt der Herr Jesus unser Bruder geworden, unser
+wahrhaftiger und leiblicher Bruder. War schon vorher die Geburt eines
+Menschen etwas Hohes und Heiliges, so ist sie es noch viel mehr, seit
+der Herr Jesus als kleines Kindlein zur Welt gekommen. Und bedeutete es
+schon vorher eine hohe Ehre und Würde für die Frauen, dem lieben Gott
+helfen zu dürfen bei der Erschaffung neuer Menschen, so jetzt noch viel
+mehr, seit Maria gewürdigt wurde, den König aller Könige unter ihrem
+Herzen zu tragen!« --
+
+Unterdessen war die Dämmerung hereingebrochen. Die Kinder saßen da in
+tiefem Entzücken. Noch nie hatte ihnen jemand so herrliche Dinge
+erzählt. »O Onkel, wenn du nur immer da bleiben würdest!« brach jetzt
+Hannchen das Schweigen. Es schlang seine Ärmchen kosend um den Onkel und
+wollte ihm auf die Knie klettern. Er aber stellte die Kleine sanft auf
+den Boden und erhob sich. »Bleibt ruhig da,« mahnte er, »ich gehe jetzt
+leise hinauf, und wenn euer Mütterchen es erlaubt und wohl genug ist,
+will ich euch alle rufen.«
+
+Mit großer Herzlichkeit wurde er droben empfangen und gleich zum Bett
+seiner Schwester, die die Mutter der Kinder war, geführt. »Ist alles gut
+gegangen?« war seine erste Frage. »Gott sei Dank,« antwortete sie
+freudig, »der Arzt ist sehr zufrieden. Wir haben ihn zur Vorsorge kommen
+lassen, aber er brauchte nicht einzugreifen. -- Aber nun hör' mal,
+Theophil, seit wann bist du eigentlich hier, dein Zug kam doch vor vier
+Uhr an, und jetzt ist's bald sieben?« Der Onkel lächelte schalkhaft und
+sagte: »In eurer prächtigen Gartenlaube bin ich gesessen, da ist es so
+schön!« »Ganz allein?« »Ganz allein mit deinen sechs Kindern und ihren
+Cousinen. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt!« -- »O, du goldiger
+Bruder, drum war es so still seit zwei Stunden; nicht einmal von
+Hannchen, dem Wildfang, habe ich einen Laut gehört. Was erzähltest du
+denn?« »Etwas sehr Schönes: Wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!«
+
+Groß und verwundert blickte Frau Hotze ihren Bruder an; »ist es dein
+Ernst, Theophil?« »Mein völliger Ernst! Du kennst ja seit langem meine
+Überzeugung in dieser Hinsicht; wir wollen unsern Kleinen das köstliche
+Geheimnis nicht so lange vorenthalten, bis Kameraden auf der Straße es
+ihnen, vielleicht auf eine gar unschöne Weise, beibringen. Und da ich
+wußte, daß du erst kürzlich die gleiche Ansicht geäußert, habe ich die
+Gelegenheit ergriffen und den Kindern erzählt von den Wundern des
+Lebens!«
+
+Da verklärte dankbare Freude der Mutter Antlitz. »O du lieber Bruder,
+komm her, daß ich dir danke. Welch großen Dienst hast du mir getan.
+Schon lange paßte ich auf eine Gelegenheit, meine Kinder in dieses
+Geheimnis einzuweihen, aber sie wollte sich nie bieten. Dazu braucht es
+eine ruhige Stunde, aber wo findet man die in unserm lebhaften,
+arbeitsreichen Haushalt? Habe herzlichen Dank! Doch nun bring mir die
+Kinder, die lieben, damit sie ihr Schwesterchen sehen und ich sie
+umarme, denn nun verlangt es mich doppelt nach ihnen.«
+
+Das ließ sich der Onkel nicht zweimal sagen, und bald stand er wieder
+vor der Laube im Garten, wo die Kinder eifrig flüsternd im Halbdunkel
+saßen und klopfenden Herzens auf den großen Moment warteten, da man sie
+rufen würde. »Nun dürft ihr alle kommen«, sagte er mit gedämpfter
+Stimme, »aber seid ja recht ruhig!«
+
+Das letztere hätte der Onkel nicht zu sagen brauchen, denn ganz von
+selbst gingen alle auf den Zehenspitzen über die Kieswege, dann leise
+über die Treppen hinauf, und jetzt standen sie vor der geheimnisvollen
+Türe. Keines wagte zu öffnen, fast hörbar klopften die Herzen. Da drehte
+sachte der Onkel den Riegel, und im stillen Gänsemarsch traten sie über
+die Schwelle und sahen die Mutter, etwas bleicher als sonst, in den
+Kissen liegen.
+
+Aber jetzt konnte sich Hannchen nicht länger halten. Mit einem
+Jubelschrei stürzte es sich an das Bett, kletterte wie ein Kätzlein
+hinauf und umarmte stürmisch die Mutter, als wollte es sie nie mehr
+loslassen. »Mutti, hast du stark Schmerzen gehabt?« fragte die Kleine.
+»Nein Herzchen, diesmal nicht so sehr, das letztemal war es schlimmer!«
+»Das letztemal? O Mutti! das war ja ich! aber ich kann ganz sicher
+nichts dafür. Und gleichwohl hast du mich lieb?« »Erst recht, mein
+Hannchen; alle hab' ich euch mit Schmerzen geboren, drum seid ihr alle
+mir so lieb.« Und eins ums andere kam, um die Mutter zu küssen, und
+mehrmals war die Wange ganz naß, die die Kinder an das Angesicht ihres
+Mütterchens schmiegten.
+
+Jetzt aber kam das Schwesterchen an die Reihe. Winzig klein, die Äuglein
+geschlossen, lag es warm eingehüllt in seinem Korbe und hatte keine
+Ahnung, daß es von vielen neugierigen Kinderaugen liebend betrachtet
+werde. Keines wagte sich ganz nahe, nur Hannchen streckte ihren rechten
+Zeigefinger aus und tupfte ganz sachte an das Näslein der Kleinen, um zu
+sehen, ob es auch wirklich warm und lebendig sei. Dann kam Frau Burkhard
+und führte die Kinder hinaus. Luise gab ihnen das Nachtessen, und bald
+lag jedes sanft schlafend in seinem Nestchen, nachdem noch der Onkel
+statt der Mutter die Runde gemacht und ihnen den Gute-Nacht-Kuß gegeben
+hatte. --
+
+Am andern Vormittag durften alle Kinder ins Schlafzimmer, um zu sehen,
+wie Julchen -- so mußte das neue Schwesterchen heißen -- den ersten
+Schoppen bekam an der Brust seiner Mutter. Hannchen stand zur Erlangung
+besserer Übersicht auf den Schemel und war ganz entzückt über die
+lustige Weise, wie Julchen seinen kleinen niedlichen Mund spitzte zum
+Saugen.
+
+»Aber Mutter, warum gibst du dem Kinde nicht aus der Flasche, wie Tante
+Gertrud?« fragte Hannchen ganz erstaunt; »habe ich denn auch an deiner
+Brust getrunken, als ich klein war?« »Natürlich, mein Kind,« antwortete
+die Mutter, »euch allen habe ich von meiner Milch geben können. Denn der
+liebe Gott schafft nicht nur die Kinder im Schoß der Mutter, sondern er
+gibt ihr auch eine Nahrung in ihre Brust, von der das Kind trinken soll
+nach der Geburt, manchen Monat lang, bis es seine Zähne bekommt und
+sitzen kann.« --
+
+Nach dem Mittagessen erschien der Vater, der von einer großen
+Geschäftsreise heimkam und nicht wenig erstaunt war über das
+vorgefallene große Ereignis, das er erst für die nächste Woche erwartet
+hatte. Hannchen wich nicht von seiner Seite und erzählte ihm alles
+genau, so daß ihr Plaudermäulchen keinen Moment stille stand. »Und weißt
+du,« berichtete der kleine Wildfang eifrig, »Mutti gibt dem Julchen
+selber zu trinken, sie braucht gar keine Flasche, und Julchen kann
+schon ordentlich saugen, ganz von selbst, es hat ihm's niemand gezeigt.
+Ich will schnell Mutti fragen, ob du auch mal zusehen darfst; wenn du
+auf den Schemel stehst, siehst du es sehr gut!« --
+
+Abends mußte dann der Onkel verreisen, die drei Großen begleiteten ihn
+auf den Bahnhof. Als aber vier Wochen um waren, an einem prächtigen
+Sonntage, da kam er wieder, diesmal samt seiner Frau, der Tante, und
+zwar zu Julchens Taufe als Pate. Groß war die Freude im Hause Hotze! Und
+als nun gar zwei große Landauer vorfuhren, das Julchen im prächtigen
+Paradetuch hineingetragen wurde, und auch Muttchen, das längst wieder
+auf den Beinen war, einstieg, da war der Jubel unbeschreiblich. Karl
+durfte vorne und Fritz bei der hintern Kutsche auf den Bock steigen,
+Hannchen aber dem Vater auf den Schoß sitzen. Die drei Großen fuhren mit
+Onkel und Tante im zweiten Wagen. Kein Wölklein trübte den herrlichen
+Tag, wie im Fluge gingen nach der ernsten kirchlichen Feier die schönen
+Stunden zu Hause dahin.
+
+Um sechs Uhr mußten die Basler Abschied nehmen, zum großen Leidwesen
+aller. Hannchen hätte sicherlich geweint, wenn nicht schnell die Mutter
+ihm versprochen hätte, es dürfe heute Abend dem Julchen das neue
+Schlüttli, das die Tante gebracht, ganz alleine anziehen. Das wirkte,
+und tapfer schluckte es seine Tränen hinunter.
+
+»War's nicht ein schöner Tag, Kinderchen?« fragte der Onkel beim
+Abschied. »Ja«, riefen sie alle, »aber halt am allerschönsten war es vor
+vier Wochen im Gartenhäuschen, als du uns erzähltest, wie der liebe Gott
+die Kindlein erschafft!«
+
+
+
+
+Schlußwort
+
+an alle Kinder, welche diese Erzählung gelesen haben.
+
+
+So, nun wißt auch Ihr, wie die Kindlein zur Welt kommen, denn es ist
+wirklich genau so, wie der Onkel berichtete. Nun braucht Ihr nicht mehr
+die Köpfe zu strecken, wenn ein Bub in der Schulpause ganz leise vom
+Werden der Kindlein berichtet, oder wenn ein Mädchen auf dem Heimwege
+meldet, es wolle Euch etwas sagen, aber kein Mensch dürfe es wissen --
+und dann erzählt es, wie die Kinder geboren werden. Da sagt Ihr dann
+einfach: O, das wissen wir schon lange, das hat uns ja die Mutter zu
+lesen gegeben! Nie werdet Ihr von nun an dabei sein, wenn über diese
+ernsten Dinge heimlich und unschön geredet wird, und nie werdet Ihr
+mithelfen, wenn Kameraden lachen über eine Frau, weil man merkt, sie
+werde bald ein Kindlein haben. Von einer solchen Frau sagt man: sie ist
+»in gesegneten Umständen«, weil Gott einen großen Segen auf sie gelegt
+hat; darum sollen wir sie mit Achtung, ja mit Ehrfurcht grüßen. Ist Euch
+noch etwas nicht klar, so fragt Eure Eltern, die wissen es besser, als
+vorwitzige Schulkinder. --
+
+So recht werdet Ihr dies allerdings erst verstehen, wenn Ihr groß seid.
+Vielleicht wird dann dem einen oder andern von Euch auch ein liebes
+Kindlein geschenkt, und dann werdet Ihr an den Onkel denken im
+Gartenhäuschen und mit ihm sagen: es ist etwas Herrliches und
+Wunderbares, wenn der liebe Gott neues Leben erschafft!
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Chief Executive and Director
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+Literary Archive Foundation
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+ The Project Gutenberg eBook of Woher die Kindlein kommen, by Dr. med. Hans Hoppeler
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+Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Woher die Kindlein kommen
+
+Author: Dr. Hans Hoppeler
+
+Release Date: March 8, 2009 [EBook #28279]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
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+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1>Woher die Kindlein kommen.</h1>
+
+<p class="titlepage">Der Jugend von 8-12 Jahren erz&auml;hlt<br />
+durch<br />
+<span class="f">Dr. med.</span> Hans Hoppeler<br />
+Kinderheim Z&uuml;richberg.</p>
+
+<p class="titlepage">Sechzehntes bis zwanzigstes Tausend.</p>
+
+<div class="figcenter pad">
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+ alt="Kindlein im Kinderwagen" />
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+<p class="titlepage">Verlag: <span class="g">Art. Institut Orell F&uuml;&szlig;li</span>, Z&uuml;rich.</p>
+
+
+<p class="titlepage">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+<p class="titlepage"><span class="f">Copyright 1916 by Art. Institut Orell F&uuml;ssli, Z&uuml;rich</span></p>
+
+
+
+<h2>Vorwort an die Eltern.<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></h2>
+
+
+<p>Die Notwendigkeit, seine Kinder &uuml;ber die Entstehung des Lebens <span class="g">selber</span> zu
+belehren, statt diese Aufgabe dem Zufall und der Stra&szlig;e zu &uuml;berlassen,
+wird heutzutage nur noch von wenigen Eltern bestritten. Und doch ergab
+k&uuml;rzlich eine Rundfrage in meinem Kinderpflege-Kurse, da&szlig; von den vielen
+anwesenden T&ouml;chtern nicht einmal f&uuml;nf Prozent durch ihre Eltern sexuelle
+Aufkl&auml;rung empfangen hatten. Ursache dieser Erscheinung: es kommt vielen
+gar schwer vor, den geeigneten Moment, den richtigen Ton, die passenden
+Worte zu finden, und so wird die Sache wider besseres Wollen immer
+wieder verschoben, bis man pl&ouml;tzliche entdeckt, (&mdash; oder auch jahrelang
+<span class="g">nicht</span> entdeckt&nbsp;&mdash;), da&szlig; Gassenbuben oder gute Kameraden l&auml;ngst einem
+zuvorgekommen sind. W&uuml;&szlig;ten aber die M&uuml;tter, <span class="g">wie</span> die Belehrung
+ausgefallen, sie w&uuml;rden sich entsetzen. Aus solcher &Uuml;berlegung heraus
+entstand das vorliegende B&uuml;chlein, ein offenes Wort an Stelle geheimen
+Fl&uuml;sterns und ungesunden Tuschelns hinter Eltern und Lehrern. Gebt es
+euern Kindern nicht zu sp&auml;t, denn auch das harmloseste Gem&uuml;t kann durch
+unversehens eintretende unberufene Aufkl&auml;rung Schaden leiden. &mdash; Wer die
+Erz&auml;hlung zu realistisch findet, bedenke, da&szlig; auf diesem Gebiete
+Verschleierung und allzu blumenreiche Poesie mit der Realistik der
+Stra&szlig;e niemals in Konkurrenz treten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>M&ouml;ge die kleine Arbeit segensreich wirken und manchen Kindern ersparen,
+was leider vielen von uns Erwachsenen nicht erspart geblieben ist.</p>
+
+<p><span class="g">Z&uuml;rich</span>, im Juni 1916</p>
+
+<p class="right"><span class="f">Dr.</span> Hans Hoppeler.</p>
+
+
+<hr />
+
+<p class="newsection"><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>Am Gartenzaune eines freundlichen Hauses an der Freien Stra&szlig;e in Z&uuml;rich
+stand ein blonder etwa 40j&auml;hriger Herr in dunklem &Uuml;berzieher, und
+blickte durch das kleine Vorg&auml;rtchen hinein in die ge&ouml;ffneten Fenster
+des Erdgeschosses. Er trug ein braunes Reiset&auml;schlein in der Hand und
+kam offenbar vom Bahnhofe. Vielleicht hatte er eine weite Reise hinter
+sich, war hungrig und m&uuml;de. Trotzdem schien er es nicht sehr eilig zu
+haben, an sein Ziel zu kommen; denn schon einige Minuten hatte er nun
+hier vor dem Hause gestanden, und noch immer machte er keine Anstalten,
+weiter zu gehen. Es war aber auch wirklich unterhaltsam und lustig, was
+er da drinnen sah. Eine gro&szlig;e Zahl Kinder, wohl f&uuml;nfzig mochten es sein,
+sa&szlig;en da auf langen B&auml;nken, alle m&auml;uschenstill. Die H&auml;nde hielten sie
+alle auf dem R&uuml;cken verschr&auml;nkt, und gespannt blickten sie nach vorn, um
+die pr&auml;chtige Geschichte vom Zigeunerfriedel zu h&ouml;ren, die ihnen soeben
+Tante Emma erz&auml;hlte. Und wie konnte diese herrliche Tante des
+Kindergartens erz&auml;hlen! Grad' zu h&ouml;ren meinte man all' die Glocken,
+Pfeifen, Orgeln und Ausrufer, wenn sie den Jahrmarkt von Go&szlig;lingen
+schilderte, und Tr&auml;nen des Mitleids liefen da und dort einem Kinde &uuml;ber
+die Wangen, wenn sie vom langen Balthasar berichtete, dem
+Zigeunerhauptmann mit dem furchtbar gro&szlig;en Schlapphut, der den Friedel
+plagte bei Tag und bei Nacht, bis er seine Seilt&auml;nzervorstellungen
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>gelernt hatte. Auf der zweitvordersten Bank sa&szlig; Hannchen. Ihre dunklen
+Augen funkelten und ihre kleinen F&auml;ustchen waren fest geballt, soda&szlig; die
+Fingern&auml;gelchen sich tief in die Handballen eingruben. Mit diesen
+Fingern&auml;gelchen hatte sie vorgestern den Armin gekratzt, als er in
+grober Weise ihr Br&uuml;derchen die Treppe hinuntergesto&szlig;en, und mit diesen
+N&auml;gelchen h&auml;tte sie jetzt des Balthasars Gesicht furchtbar zugerichtet,
+wenn er zur Stelle gewesen w&auml;re. Gl&uuml;hend rot waren ihre Wangen, und der
+Atem ging keuchend. Suchend wanderten ihre Augen umher, als ob sie den
+b&ouml;sen Zigeuner irgendwo finden m&uuml;&szlig;ten. Da blieb ihr Blick haften an dem
+Mann auf der Stra&szlig;e, dem Mann mit dem dunklen &Uuml;berzieher und dem
+Reiset&auml;schchen. Wie gebannt schaute sie ihm einen Moment ins Angesicht.
+Da pl&ouml;tzlich f&auml;hrt sie in die H&ouml;he mit gellendem, jubelndem Schrei.
+&raquo;Onkel Theophil!&laquo; hallte es in m&auml;chtigen T&ouml;nen durchs Zimmer. Mit zwei
+Spr&uuml;ngen ist Hannchen am Fenster, mit dem dritten steht sie oben auf dem
+Gesims, und jetzt &mdash; Tante Emma, die eilends herzurannte, kam l&auml;ngst zu
+sp&auml;t &mdash; jetzt ist sie schon flink wie ein Eichh&ouml;rnchen herunter
+geklettert und dem Onkel in die Arme geflogen. Droben an den Fenstern
+standen die Kinder Kopf an Kopf. Vergessen waren Karussel und
+Jahrmarktbuden, vergessen Balthasar und Zigeunerfriedel, vergessen ob
+dem einen gro&szlig;en Wort: Onkel Theophil! Hatte nicht Hannchen schon oft
+und erst gestern wieder von ihm erz&auml;hlt? Erz&auml;hlt von ihren pr&auml;chtigen
+Ferien in Basel bei Onkel und Tante? Hatte es nicht einst die
+Photographie in die Schule bringen und ihn allen zeigen d&uuml;rfen, den
+pr&auml;chtigen Onkel? Hatten sie nicht alle einen ganz besonderen Respekt
+vor Hannchen<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> und ihren zwei Br&uuml;dern, weil sie diesen Onkel besa&szlig;en, den
+Onkel Theophil? Und jetzt war er da! Und wie best&uuml;rzt er aussah, ganz
+verlegen und erschrocken. Er hatte ja gar nicht daran gedacht, da&szlig; die
+Kinder ihn sehen w&uuml;rden, und nun war eine so furchtbare Revolution im
+Kindergarten ausgebrochen, alles war au&szlig;er Rand und Band gekommen nur
+wegen ihm. Das hatte er nicht beabsichtigt. Aber das gro&szlig;e Durcheinander
+w&auml;hrte nicht lange. Tante Emma klatschte in die H&auml;nde, und im Nu gab es
+Ruhe. &raquo;Kinder, nun singen wir dem Onkel ein h&uuml;bsches Liedchen, ja?&laquo;
+Begeistert stimmten die Kleinen zu, Tantes Stimmgabel gab den Ton an,
+und: &raquo;Mir sind chlini Musikante&laquo; t&ouml;nte es alsbald lustig und fr&ouml;hlich
+aus f&uuml;nfzig kleinen M&auml;ulchen, w&auml;hrend hundert flinke H&auml;ndchen dazu
+trompeteten, geigten und aus Leibeskr&auml;ften trommelten. Kaum war der
+letzte Ton verklungen, so verk&uuml;ndete die Kreuzkirche mit vier lauten
+Schl&auml;gen, da&szlig; es Zeit sei, zu schlie&szlig;en. Wohl h&auml;tten die Kinder gar zu
+gerne noch die Geschichte vom Zigeunerfriedel geh&ouml;rt, aber doch mochten
+sie es kaum erwarten, den Onkel ganz aus der N&auml;he zu sehen. Darum waren
+sie alle zufrieden, als ihnen die Tante den Schlu&szlig; der Geschichte f&uuml;r
+morgen in Aussicht stellte und sie nach kurzem entlie&szlig;. Wie ein
+fr&ouml;hlicher Bergbach st&uuml;rmten sie zum Tore hinaus, und jedes wollte des
+freundlichen Mannes Hand dr&uuml;cken. Hannchen aber sorgte daf&uuml;r, da&szlig; keines
+an derselben zu lange h&auml;ngen blieb; mit gro&szlig;er Beharrlichkeit stie&szlig; es
+jedes der Kinder nach erfolgtem Gru&szlig;e wieder weg, um zu zeigen, da&szlig; hier
+niemand als es das Recht habe, gef&uuml;hrt zu werden. Der Trupp setzte sich
+in Bewegung,<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> Hannchen immer an Onkels Seite, triumphierend bald links
+und bald rechts blickend, als wollte es sagen: &raquo;G&auml;ll he, d&auml; g'h&ouml;rt
+mine!&laquo; Die Gesellschaft wurde allm&auml;hlich kleiner, indem bei jeder
+Wegkreuzung wieder einige Kinder abschwenken mu&szlig;ten, und endlich waren
+der Onkel und Hanni allein. Jetzt bogen sie in die Hofackerstra&szlig;e ein,
+und schon sah man das elterliche Haus in der N&auml;he, als pl&ouml;tzlich in
+gro&szlig;en Spr&uuml;ngen Hannchens siebenj&auml;hriger Bruder dahergerannt kam. &raquo;Ein
+Schwesterchen, ein Schwesterchen!&laquo; so rief er schon von weitem; &raquo;man
+kann nicht hinein, es ist geschlossen, es ist geschlossen, aber es ist
+wahr, der Storch hat es gebracht, und er hat die Mutter ins Bein
+gebissen, und die Frau Burkhard ist da, und der Herr Doktor ist schon
+wieder fort, und er hat eine gelbe Tasche gehabt mit etwas darin, aber
+ich wei&szlig; nicht was! Und zur Taufe, da d&uuml;rfen wir Kutsche fahren, und
+dann sitze ich vorn auf dem Bock!&laquo; &raquo;Nein, da sitze ich, ich bin &auml;lter
+als du,&laquo; fiel pl&ouml;tzlich Walter ein, der soeben dazu gekommen war, und
+sicherlich h&auml;tte es einen artigen Streit abgesetzt, wenn nicht auf
+einmal beide den Onkel erkannt h&auml;tten. &raquo;Onkel Theophil&laquo;, jubelten sie,
+fielen ihm um den Hals und k&uuml;&szlig;ten ihn zum Willkomm. Derweil stob
+Hannchen mit Windeseile davon, auf das Haus zu. &raquo;O bleib nur da,&laquo; riefen
+ihm die Buben nach, &raquo;oben lassen sie dich doch nicht hinein!&laquo; Aber
+Hannchen h&ouml;rte nichts und war schon hinter der Haust&uuml;re verschwunden.
+Ein neues Schwesterchen, ha wie fein, das mu&szlig;te sie sehen!</p>
+
+<p>&raquo;Wann ist denn das Schwesterchen gekommen?&laquo; fragte unterdessen der Onkel
+die Knaben. &raquo;Heute mittag&laquo;, berichtete<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> eifrig Walter, &raquo;grad vorhin
+kamen wir aus der Schule, da stand oben auf der Treppe die Luise, unser
+M&auml;dchen, hob den Finger auf und machte: &raquo;Pst, ganz leise, sonst weckt
+ihr das neue Schwesterchen; vor einer Stunde hat der Storch es
+gebracht!&laquo; Und dann sagte sie noch, die Mutter sei krank, wir sollten
+nur gleich in den Garten und spielen, aber ohne zu l&auml;rmen.&laquo; &raquo;Ja, und
+jetzt sind wir sieben&laquo;, rief stolz der kleine Fritz, &raquo;sechs und eins
+sind sieben, das haben wir gestern in der Schule gelernt.&laquo; &raquo;Ruft nicht
+so laut,&laquo; mahnte der Onkel; &raquo;seht, da kommt Hannchen schon wieder.&laquo;
+Richtig, da kam sie, aber ganz mit gesenktem K&ouml;pfchen. Sie war wirklich
+nicht hineingelassen worden droben, Luise hatte sie wieder
+hinuntergeschickt in den Garten, gleich wie die andern. Gro&szlig;e Tr&auml;nen
+gl&auml;nzten in ihren Augen, und als nun der Onkel seine kleine Nichte
+liebkosen und tr&ouml;sten wollte, da brach sie in heftiges Schluchzen aus.
+&raquo;Ich mag den Storch nicht, nie, nie soll er mir kommen, was braucht er
+der Mutter weh zu tun?&laquo; &raquo;Ja, er hat sie ins Bein gebissen,&laquo; berichtete
+nochmals Fritz. Aber der Onkel sch&uuml;ttelte den Kopf: &raquo;Das glaube ich
+nicht; wer hat es dir denn gesagt?&laquo; &raquo;Die Frau Weber im Stockwerk unter
+uns, und sie hat ihn ja gesehen.&laquo; &raquo;Nein, Fritzchen, Frau Weber hat ihn
+<span class="g">nicht</span> gesehen,&laquo; erwiderte jetzt sehr bestimmt der Onkel. Und, als fiele
+ihm pl&ouml;tzlich etwas ein, fuhr er fort: &raquo;Kinder wi&szlig;t ihr was, wir gehen
+miteinander ins Gartenh&auml;uschen, ich will euch etwas erz&auml;hlen, denn laut
+spielen und l&auml;rmen d&uuml;rft ihr jetzt doch nicht!&laquo; &raquo;O ja, o ja, eine
+Geschichte, eine Geschichte!&laquo; Jubelnd geleiteten die Kinder den Onkel<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+durch den h&uuml;bschen Garten zu einem aus leichten Holzlatten gezimmerten
+H&auml;uschen, das mit seinem pr&auml;chtigen gr&uuml;nen Laubdach und den h&uuml;bschen
+gr&uuml;nen St&uuml;hlen rings um den runden Gartentisch ein reizendes Pl&auml;tzchen
+war, wie geschaffen zum Geschichten-Erz&auml;hlen. Aber siehe da, der Tisch
+war schon besetzt: Ruth, Elsa und Karl, die drei gr&ouml;&szlig;eren der sechs
+Geschwister, sa&szlig;en rings herum, und au&szlig;erdem noch Frieda und Hedwig, die
+beiden Cousinen und unzertrennlichen Gef&auml;hrtinnen der Kinder. Sie
+spielten zu Vieren &raquo;Eile mit Weile,&laquo; w&auml;hrend Elsa als f&uuml;nfte eifrig den
+Kampf der Farben verfolgte und jedesmal laut herauslachte, wenn wieder
+eines &raquo;heimgejagt&laquo; wurde. Jetzt sah Elsa auf, erblickte den Onkel, und
+mit einem Sprung hing sie ihm am Halse; die andern folgten, und jetzt
+w&auml;re der gute Onkel beinahe erstickt unter der Zahl der Arme, die ihn
+von allen Seiten umfingen, und unter den K&uuml;ssen, mit denen ihn seine
+z&auml;rtlichen kleinen Neffen und Nichten begr&uuml;&szlig;ten. Da sch&uuml;ttelte er mit
+einem Ruck alle die krabbligen Kletterer von sich ab, gratulierte ihnen
+herzlich zum neuen Schwesterlein, und dann hie&szlig; er alle achte absitzen,
+w&auml;hrend er selbst oben am Tische Platz nahm.</p>
+
+<p>&raquo;Onkel, nun erz&auml;hl' uns ein M&auml;rchen!&laquo; rief Walter. &raquo;Nein, lieber eine
+wahre Geschichte,&laquo; &uuml;bert&ouml;nte ihn Fritz. &raquo;Vor allem w&uuml;nsche ich, da&szlig; ihr
+h&uuml;bsch ruhig seid, w&auml;hrend ich rede,&laquo; nahm nun der Onkel das Wort. &raquo;Ich
+erz&auml;hle euch heute eine wahre Geschichte, etwas Hohes und Ernstes, etwas
+Uraltes und doch immer wieder Neues; ich will euch erz&auml;hlen, <span class="g">wie der
+liebe Gott die Kinder erschafft</span>!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span></p>
+
+<p>Da wurden die Kinder pl&ouml;tzlich ganz still! Sie dachten an ihr neues
+Schwesterlein droben im zarten Bettchen, das sie heute abend zum ersten
+Male sehen sollten, und nun durften sie h&ouml;ren, wie der liebe Gott das
+kleine Kindlein erschaffen habe. Und nicht von einem Jungen oder M&auml;dchen
+sollten sie es vernehmen, sondern vom Onkel, der nie etwas Unwahres
+sagte, auf dessen Worte man sich verlassen konnte, wie auf Felsen.
+&raquo;Wirklich Onkel, das willst du uns erz&auml;hlen? Wei&szlig;t du es denn auch ganz
+sicher?&laquo; fragte ganz gl&uuml;cklich Frieda. &raquo;Aber Frieda&laquo;, erwiderte
+vorwurfsvoll ihre Schwester, &raquo;der Onkel wei&szlig; doch alles!&laquo; &raquo;Ich wei&szlig; es
+auch&laquo;, rief fr&ouml;hlich der kleine Fritz, &raquo;der Storch bringt sie!&laquo; Da
+mu&szlig;ten die Gro&szlig;en herzlich lachen. &raquo;O du Dummerle,&laquo; meinte Karl, &raquo;ein
+Storch kann doch gar nicht ein sechs Pfund schweres Kindlein im Schnabel
+tragen, er mu&szlig; froh sein, wenn er stark genug ist, ein fettes,
+zappelndes Fr&ouml;schlein zu halten. Und denke doch vom Himmel bis nach
+Z&uuml;rich, das w&auml;re doch ein furchtbar weiter Weg!&laquo; Jetzt aber wehrte sich
+Walter wacker f&uuml;r den Storch: &raquo;Der Storch bringt sie sicher, ich wei&szlig;
+es; Tante Selma hat in ihrem Album eine Karte, da sieht man's gemalt.
+Aber er tr&auml;gt das Kind nicht im Schnabel, es reitet auf seinem R&uuml;cken!&laquo;
+Da lachten aber die Gro&szlig;en noch mehr als zuvor. &raquo;Ein ganz Kleines kann
+ja noch gar nicht sitzen,&laquo; versicherten sie; &raquo;sogar der Ruedi Brenner
+sitzt noch nicht einmal allein, und der ist doch sieben Monate alt.&laquo; Da
+wurden der Walter und die &uuml;brigen Anh&auml;nger des Storches ganz kleinlaut
+und sagten nichts mehr.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r meldete sich jetzt Hannchen zum Wort. &raquo;Ich<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> wei&szlig; es; der liebe
+Gott hat im Himmel eine gro&szlig;e Maschine, mit der macht er die Kinder; und
+dann bringen die Engel des Nachts die Kindlein auf die Erde, in alle
+H&auml;user, wo die Leute darum gebeten haben. In unserer Wohnstube h&auml;ngt ein
+Bild, da sieht man gerade, wie ein sch&ouml;ner Engel mit einem Kleinen
+hinunterfliegt.&laquo;</p>
+
+<p>Und so berichteten die Kinder noch manches, rieten hin und her, aber
+keines wu&szlig;te es recht, wie der liebe Gott die Kindlein macht. Darum
+r&uuml;ckte jetzt der Onkel seinen Stuhl zurecht, und indem er freundlich
+rings im Kreise herumblickte, wo lauter erwartungsvolle Gesichter auf
+ihn gerichtet waren, begann er mit klarer Stimme seine Erz&auml;hlung und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Zuerst m&uuml;&szlig;t ihr wissen, da&szlig; wirklich der Storch keine Kinder bringt.
+Ihr kennt ja alle die Geschichte vom Rotk&auml;ppchen; aber sie ist nur ein
+M&auml;rchen, denn ein Wolf kann doch keine Gro&szlig;mutter hinunterschlucken. Und
+ihr kennt die Geschichte vom gestiefelten Kater, aber auch sie ist ein
+M&auml;rchen, denn eine Katze kann doch keine Schuhe anziehen und darin
+herumspringen. Und gerade so ist auch die Geschichte vom Storch ein
+M&auml;rchen, denn ein Storch kann doch keine Kindlein tragen. Man erz&auml;hlt
+das nur zum Spa&szlig; den Kleinen, weil sie gerne M&auml;rchen h&ouml;ren; aber wenn
+die Kinder gr&ouml;&szlig;er werden, dann sagt man ihnen, da&szlig; es nur ein Spa&szlig; war.
+Es ist grad wie mit dem St. Niklaus. Die Kleinen meinen, der alte Mann
+mit dem langen wei&szlig;en Barte wohne drau&szlig;en im Walde, und f&uuml;rchten sich
+sehr vor ihm. Aber die gr&ouml;&szlig;eren Kinder, so wie ihr seid, die wissen
+schon, da&szlig; es ja gar keinen Niklaus<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> gibt im Walde, und da&szlig; das alles
+nur M&auml;rlein sind.</p>
+
+<p>Also der Storch bringt die Kinder nicht. Aber wer denn? Vielleicht doch
+die Engel? Nein, auch die Engel nicht, sonst h&auml;tten wir sie sicher schon
+oft &uuml;ber den H&auml;usern schweben sehen, denn es kommen ja alle Tage viele
+Kindlein zur Welt. Nat&uuml;rlich h&auml;tte der liebe Gott Englein genug, aber er
+braucht sie zu andern Dingen, und hat eine viel bessere Weise ersonnen,
+den Menschen Kindlein zu schenken. Er dachte n&auml;mlich: was man geschenkt
+bekommt, das freut einen, was man aber selber verdient hat, das freut
+einen noch viel mehr. Darum will ich den Menschen die Kindlein nicht
+einfach wie ein Geschenk auf den Tisch legen, sondern sie sollen sich
+die Kindlein selber verdienen, dann werden sie um so gr&ouml;&szlig;ere Freude an
+ihnen haben. Und ihr werdet gleich merken, wie recht der liebe Gott
+hatte, als er so dachte.</p>
+
+<p>Denkt euch einmal zwei Knaben, die auf dem Gipfel eines hohen Berges die
+Aussicht bewundern. Der eine ist mit der Bahn hinaufgefahren; der andere
+aber hat den ganzen langen, steilen Weg zu Fu&szlig; gemacht. Welcher von
+beiden wird wohl die gr&ouml;&szlig;ere Freude an der pr&auml;chtigen Aussicht
+empfinden? Gewi&szlig; der zweite Knabe; denn er hat durch viele Anstrengung
+und manchen Schwei&szlig;tropfen die pr&auml;chtige Aussicht sozusagen verdient,
+sie kommt ihm vor wie ein reicher Lohn f&uuml;r die gehabte M&uuml;he. &mdash; Oder
+denkt euch zwei Freunde, von denen jeder eine wertvolle Markensammlung
+besitzt. Welcher wird mehr Freude an derselben haben, derjenige, der sie
+vom Gro&szlig;vater geschenkt bekommen, oder der, welcher sie selber im Laufe
+von Jahren durch<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> viel Flei&szlig; und manchen ersparten Batzen
+zusammengetragen hat? Ihr denkt doch auch der letztere, nicht wahr? Und
+ihr glaubt doch auch, da&szlig; es sch&ouml;ner sein mu&szlig;, ein H&auml;uschen als eigen zu
+besitzen, f&uuml;r das man zwanzig Jahre lang gearbeitet und gespart, als
+wenn man es von einem reichen Vetter geerbt hat? Und so k&ouml;nnten wir noch
+manche Beispiele nennen, die alle uns dasselbe lehren: <span class="g">Was wir selber
+erarbeitet, durch Anstrengung erworben haben, macht uns gr&ouml;&szlig;ere und
+tiefere Freude, als was uns m&uuml;helos in den Scho&szlig; gefallen ist.</span></p>
+
+<p>Das wei&szlig; nun unser Vater im Himmel, von dem ja alle guten Gaben kommen,
+sehr wohl, und darum legt er den Menschen die herrlichsten Gaben, die er
+zu schenken hat, die kleinen Kindlein, nicht einfach in den Scho&szlig;,
+sondern sie m&uuml;ssen sich dieselben verdienen. Zwar nicht so, wie ein
+Arbeiter seinen Taglohn verdient; denn ein einziges Kindlein mit seiner
+unsterblichen Seele ist viel wertvoller und kostbarer, als alle Arbeit,
+die ein Mensch leisten kann. Aber doch so, da&szlig; ein Vater und eine Mutter
+viel bezahlen m&uuml;ssen, um ein Kindlein zu haben.</p>
+
+<p>Nun fragt ihr aber ganz verwundert: bezahlen? Kann man denn kleine
+Kinder um Geld kaufen? Ja wohl, bezahlen m&uuml;ssen die Eltern! Zwar nicht
+Geld, aber viel Arbeit, M&uuml;he und Schmerzen! Drum kommen die Kinder nicht
+wie die Sechsj&auml;hrigen auf die Welt, die schon allein essen, springen und
+zur Schule gehen k&ouml;nnen, sondern Gott gibt sie den Eltern klein und ganz
+unbeholfen. Ein junges H&uuml;hnchen schl&uuml;pft aus dem Ei und springt gleich
+davon, ein junges Menschlein aber braucht ein ganzes Jahr, bis<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> es die
+ersten Schritte wagt. Da mu&szlig; die Mutter es herumtragen, ausfahren,
+trocken legen, ihm die Nahrung reichen und hunderterlei andere kleine
+Dienste erweisen, und wenn es endlich allein gehen kann, dann m&uuml;ssen
+Vater und Mutter ihm erst recht auf Schritt und Tritt nachgehen, und oft
+in tausend &Auml;ngsten sein, damit ihm ja nichts B&ouml;ses zusto&szlig;e.</p>
+
+<p>Seht ihr's jetzt, wie die Eltern <span class="g">M&uuml;he</span> und <span class="g">Arbeit</span> bezahlen m&uuml;ssen, bis
+sie ein gro&szlig;es Kind haben? Aber wir haben geh&ouml;rt, da&szlig; es auch <span class="g">Schmerzen</span>
+kostet, ein Kindlein zu bekommen, und von diesen Schmerzen wollen wir
+auch noch reden.</p>
+
+<p>Zuerst aber mu&szlig; ich euch etwas ganz Wunderbares sagen. Ihr wi&szlig;t, wie es
+zugeht, wenn ein junges V&ouml;gelchen entsteht. Das Vogel-Weibchen legt ein
+Ei, setzt sich eine Zeitlang darauf, und wenn es inwendig im Ei sch&ouml;n
+warm geworden ist, h&ouml;rt man auf einmal ein ganz kleines Schn&auml;belchen
+gegen die Schale picken, ein L&ouml;chlein entsteht, und schwipps, schl&uuml;pft
+das junge V&ouml;gelchen heraus.</p>
+
+<p>Und nun denkt euch: <span class="g">auch die kleinen Kindlein schl&uuml;pfen aus einem Ei!</span>
+Ist das nicht wunderbar? Nun meint ihr aber: o, das kann nicht m&ouml;glich
+sein, denn noch nie sahen wir ein solches Ei!</p>
+
+<p>Aber h&ouml;rt nur weiter. Niemand kann dieses Eilein sehen, denn es liegt an
+einem ganz stillen, traulichen &Ouml;rtlein verborgen: im Scho&szlig;e der Mutter!
+Ihr wi&szlig;t ja, wie es inwendig im Menschen viele merkw&uuml;rdige Dinge hat,
+und ihr w&uuml;rdet staunen, wenn ihr irgendwo ein Deckelchen &ouml;ffnen und
+hineingucken k&ouml;nntet. Da w&uuml;rdet ihr bei eurer<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> Mutter oben im Kopfe
+jenen wunderbaren Nervenapparat sehen, mit dem sie an euch denkt und
+sinnt; weiter unten, im Brustraume, da k&ouml;nntet ihr das Herz betrachten,
+das Tag und Nacht so treu f&uuml;r euch schl&auml;gt; und noch etwas tiefer, da
+w&uuml;rdet ihr zwei wunderbare K&auml;stlein finden, und in diesen eine Anzahl
+allerliebster runder Eierchen, aus denen neue Kindlein werden. Die
+K&auml;stchen sind verschlossen, und ratet mal, wer darf sie wohl &ouml;ffnen? Der
+Vater! Durch seine gro&szlig;e Liebe zu der Mutter tut sich das T&uuml;rchen auf,
+ein Eilein kommt heraus, setzt sich auf ein h&uuml;bsches, weiches
+Polsterchen ganz tief im Scho&szlig;e der Mutter, und f&auml;ngt nun an, zu
+wachsen.</p>
+
+<p>Zuerst ist es kaum so gro&szlig;, wie ein Stecknadelkopf. Nach und nach aber
+wird es immer gr&ouml;&szlig;er, zuletzt wie eine gro&szlig;e Puppe. Die Schale des Eies
+ist ganz weich, wie Sammt, und unter ihr schlummert mit geschlossenen
+&Auml;uglein das neue Kindlein.</p>
+
+<p>Dann fragt vielleicht ein M&auml;dchen:</p>
+
+<p>&raquo;Mutter, warum bist du auch nicht mehr d&uuml;nn und schlank wie fr&uuml;her, und
+hast einen so gro&szlig;en Leib?&laquo; Und die Mutter sagt: &raquo;Weil's da ein
+Br&uuml;derchen oder Schwesterchen f&uuml;r dich drinnen hat; das ist schon gro&szlig;
+und braucht viel Platz.&laquo; &raquo;War ich denn auch da drinnen, liebe Mutter?&laquo;
+fragt das M&auml;dchen weiter. &raquo;Gewi&szlig;, du kleiner Schelm, und zwar so gro&szlig;
+und schwer, ich mochte dich kaum tragen!&laquo; Da lacht die Kleine lustig: &raquo;O
+Mutter, ich freue mich, bis ich ein Schwesterchen oder Br&uuml;derchen habe;
+geht's wohl noch lange?&laquo;</p>
+
+<p>Aber es geht nicht mehr lange. Denn wenn das Kindchen<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> fertig gewachsen
+an seinem warmen Pl&auml;tzchen, dann legt sich die Mutter zu Bette, und
+durch eine kleine &Ouml;ffnung schl&uuml;pft das neue Menschlein auf die Welt. Das
+nennt man die <span class="g">Geburt</span>, und der Tag, an dem ihr euer M&uuml;tterchen verlassen
+habt und auf die Welt gekommen seid, ist euer <span class="g">Geburtstag</span>.</p>
+
+<p>Oft hat die Mutter t&uuml;chtige Schmerzen dabei, drum ist sie nachher m&uuml;de
+und mu&szlig; einige Tage zu Bette bleiben, damit sie ausruhen kann. Dann
+sagen manche Leute: &raquo;Schaut her, der Storch hat eure Mutter ins Bein
+gebissen, darum ist sie nun krank.&laquo; Ihr aber wi&szlig;t jetzt, da&szlig; das gar
+nicht wahr ist, sondern da&szlig; die Mutter blo&szlig; zum Ausruhen einige Zeit
+liegen mu&szlig;, weil ihr die Geburt Schmerzen verursacht hat.</p>
+
+<p>Darum ist jetzt auch Frau Burkhard da, die Walter oben gesehen hat. Sie
+ist die <span class="g">Hebamme</span>, das hei&szlig;t eine Frau, die man jedesmal ruft, wenn eine
+Geburt herannaht. Sie hilft den M&uuml;ttern in ihrer schweren Stunde,
+lindert ihnen die Schmerzen so gut sie kann, und nimmt das neugeborene
+Kindlein in Empfang, um es sorgsam in das bereitgehaltene Bettchen zu
+legen. Euch alle hat Frau Burkhard in ihren Armen gehalten, als ihr kaum
+den ersten Atemzug getan; darum ist sie euch allen so anh&auml;nglich und
+freut sich eures gesunden und kr&auml;ftigen Heranwachsens.</p>
+
+<p>Bisweilen wenn die Schmerzen der Mutter sehr stark sind oder sonst ein
+wichtiger Rat n&ouml;tig ist, ruft die Hebamme noch den Arzt herbei. Ihr habt
+ja fast alle schon drunten am Kreuzplatz an dem gro&szlig;en Eckhause die
+Tafel gelesen: <span class="f">Dr.</span> Fretz, Arzt und Geburtshelfer. Oft mu&szlig; er seinen
+Schlaf<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> brechen und mitten in der Nacht an ein Geburtslager eilen. Aber
+sowohl er, wie Frau Burkhard tun es mit Freuden, weil sie es f&uuml;r eine
+hohe Ehre halten, einem neuen Kindlein ins Dasein zu helfen. Sie d&uuml;rfen
+mitwirken an der wunderbarsten Tat unseres Vaters im Himmel, an der
+Erschaffung der Menschen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Onkel machte eine Pause. Tr&auml;umerisch blickte er hin nach dem rot
+gl&uuml;henden Abendhimmel, wo sich eben die Sonne, die F&uuml;rstin und Spenderin
+alles Lebens, zum Untergehen anschickte. Auch die Kinder sa&szlig;en
+regungslos still, kaum h&ouml;rte man sie atmen. Ihre Gedanken schweiften
+hinauf zum M&uuml;tterlein, dem sie ihr Leben verdankten, das eben jetzt mit
+Schmerzen ihnen wieder ein Schwesterlein geschenkt hatte. O wie sch&ouml;n
+war, was der Onkel ihnen erz&auml;hlt hatte, wie unendlich viel sch&ouml;ner, als
+das M&auml;rlein vom Storche! Beim M&uuml;tterlein waren sie gewesen, lange bevor
+sie zur Welt gekommen, unter ihrem treuen Herzen hatten sie geruht, wie
+zarte keimende Pfl&auml;nzlein in weicher Erde!</p>
+
+<p>Mild flutete das Licht der Abendsonne durch die Bl&auml;tter der k&uuml;hler
+werdenden Laube und beleuchtete die nachdenklichen Kindergesichter mit
+lieblichem Glanze.</p>
+
+<p>&raquo;Seht Kinder&laquo;, fuhr jetzt langsam der Onkel fort, &raquo;so wie jetzt dieser
+Tag zur Neige geht, so geht auch unser irdisches Leben, das so wundersam
+begonnen, einst zu Ende. Freudig und jubelnd stehen die Menschen am
+Bettchen des Neugeborenen und lauschen entz&uuml;ckt seinem ersten Atem;
+traurig und weinend stehen sie nach Jahren um das Lager des gleichen
+Menschen, nachdem er seinen letzten Hauch getan.<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> Und dann legt man den
+still und kalt gewordenen K&ouml;rper in die Erde. O wie weh tut es einem
+Mutterherzen, wenn sie ihr Kindlein nach kurzem Dasein wieder verlieren
+mu&szlig;; wenn das Leben entflieht, das sie mit Wonne ihm einst gegeben.</p>
+
+<p>Aber schaut, liebe Kinder, dort die untergehende Sonne spendet uns Trost
+in solchem Leide, sie h&auml;lt uns eine m&auml;chtige Predigt von der
+Unverg&auml;nglichkeit des Lebens. Denn so wie sie jetzt niedersinkt und
+Dunkelheit zur&uuml;ckl&auml;&szlig;t, aber strahlend am Morgen wieder emporsteigt zum
+neuen Tage, so wird auch ein verstorbenes Kindlein neu erwachen zu
+sch&ouml;nerem Leben. Und gleich wie die Sonne nach langem Winterschlafe
+neues Leben aus der toten Erde hervorzaubert, so da&szlig; Bl&auml;ttlein und
+Bl&uuml;mlein sprie&szlig;en &uuml;berall, so wird auch Gott die in ihm Entschlafenen
+erwecken zu herrlichem, ewigem Leben.</p>
+
+<p>Und die Sonne, die das zu stande bringt, ist unser Herr Jesus Christus.
+Er selber ist das Leben, durch ihn hat Gott die Welt und auch uns
+erschaffen, und seine Verhei&szlig;ung lautet: Ich lebe, und ihr sollt auch
+leben! Und nun denkt euch, wiewohl er der Sohn des allm&auml;chtigen Gottes
+ist, ist er doch ein armes kleines Kindlein geworden, wie wir. Mit
+Schmerzen hat ihn Maria geboren, und nicht in vornehmem, pr&auml;chtigem
+Haus, sondern in einem Stall zu Bethlehem. Bleich und m&uuml;de lag sie da,
+als die Hirten kamen, um das Jesuskindlein anzubeten. Und so ist durch
+das Wunder der Geburt der Herr Jesus unser Bruder geworden, unser
+wahrhaftiger und leiblicher Bruder. War schon vorher die Geburt eines
+Menschen etwas Hohes und Heiliges,<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> so ist sie es noch viel mehr, seit
+der Herr Jesus als kleines Kindlein zur Welt gekommen. Und bedeutete es
+schon vorher eine hohe Ehre und W&uuml;rde f&uuml;r die Frauen, dem lieben Gott
+helfen zu d&uuml;rfen bei der Erschaffung neuer Menschen, so jetzt noch viel
+mehr, seit Maria gew&uuml;rdigt wurde, den K&ouml;nig aller K&ouml;nige unter ihrem
+Herzen zu tragen!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Unterdessen war die D&auml;mmerung hereingebrochen. Die Kinder sa&szlig;en da in
+tiefem Entz&uuml;cken. Noch nie hatte ihnen jemand so herrliche Dinge
+erz&auml;hlt. &raquo;O Onkel, wenn du nur immer da bleiben w&uuml;rdest!&laquo; brach jetzt
+Hannchen das Schweigen. Es schlang seine &Auml;rmchen kosend um den Onkel und
+wollte ihm auf die Knie klettern. Er aber stellte die Kleine sanft auf
+den Boden und erhob sich. &raquo;Bleibt ruhig da,&laquo; mahnte er, &raquo;ich gehe jetzt
+leise hinauf, und wenn euer M&uuml;tterchen es erlaubt und wohl genug ist,
+will ich euch alle rufen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gro&szlig;er Herzlichkeit wurde er droben empfangen und gleich zum Bett
+seiner Schwester, die die Mutter der Kinder war, gef&uuml;hrt. &raquo;Ist alles gut
+gegangen?&laquo; war seine erste Frage. &raquo;Gott sei Dank,&laquo; antwortete sie
+freudig, &raquo;der Arzt ist sehr zufrieden. Wir haben ihn zur Vorsorge kommen
+lassen, aber er brauchte nicht einzugreifen. &mdash; Aber nun h&ouml;r' mal,
+Theophil, seit wann bist du eigentlich hier, dein Zug kam doch vor vier
+Uhr an, und jetzt ist's bald sieben?&laquo; Der Onkel l&auml;chelte schalkhaft und
+sagte: &raquo;In eurer pr&auml;chtigen Gartenlaube bin ich gesessen, da ist es so
+sch&ouml;n!&laquo; &raquo;Ganz allein?&laquo; &raquo;Ganz allein mit deinen sechs Kindern und ihren
+Cousinen. Ich habe ihnen eine Geschichte erz&auml;hlt!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> &mdash; &raquo;O, du goldiger
+Bruder, drum war es so still seit zwei Stunden; nicht einmal von
+Hannchen, dem Wildfang, habe ich einen Laut geh&ouml;rt. Was erz&auml;hltest du
+denn?&laquo; &raquo;Etwas sehr Sch&ouml;nes: Wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!&laquo;</p>
+
+<p>Gro&szlig; und verwundert blickte Frau Hotze ihren Bruder an; &raquo;ist es dein
+Ernst, Theophil?&laquo; &raquo;Mein v&ouml;lliger Ernst! Du kennst ja seit langem meine
+&Uuml;berzeugung in dieser Hinsicht; wir wollen unsern Kleinen das k&ouml;stliche
+Geheimnis nicht so lange vorenthalten, bis Kameraden auf der Stra&szlig;e es
+ihnen, vielleicht auf eine gar unsch&ouml;ne Weise, beibringen. Und da ich
+wu&szlig;te, da&szlig; du erst k&uuml;rzlich die gleiche Ansicht ge&auml;u&szlig;ert, habe ich die
+Gelegenheit ergriffen und den Kindern erz&auml;hlt von den Wundern des
+Lebens!&laquo;</p>
+
+<p>Da verkl&auml;rte dankbare Freude der Mutter Antlitz. &raquo;O du lieber Bruder,
+komm her, da&szlig; ich dir danke. Welch gro&szlig;en Dienst hast du mir getan.
+Schon lange pa&szlig;te ich auf eine Gelegenheit, meine Kinder in dieses
+Geheimnis einzuweihen, aber sie wollte sich nie bieten. Dazu braucht es
+eine ruhige Stunde, aber wo findet man die in unserm lebhaften,
+arbeitsreichen Haushalt? Habe herzlichen Dank! Doch nun bring mir die
+Kinder, die lieben, damit sie ihr Schwesterchen sehen und ich sie
+umarme, denn nun verlangt es mich doppelt nach ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Das lie&szlig; sich der Onkel nicht zweimal sagen, und bald stand er wieder
+vor der Laube im Garten, wo die Kinder eifrig fl&uuml;sternd im Halbdunkel
+sa&szlig;en und klopfenden Herzens auf den gro&szlig;en Moment warteten, da man sie
+rufen w&uuml;rde. &raquo;Nun d&uuml;rft ihr alle kommen&laquo;, sagte er mit ged&auml;mpfter
+Stimme, &raquo;aber seid ja recht ruhig!&laquo;<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span></p>
+
+<p>Das letztere h&auml;tte der Onkel nicht zu sagen brauchen, denn ganz von
+selbst gingen alle auf den Zehenspitzen &uuml;ber die Kieswege, dann leise
+&uuml;ber die Treppen hinauf, und jetzt standen sie vor der geheimnisvollen
+T&uuml;re. Keines wagte zu &ouml;ffnen, fast h&ouml;rbar klopften die Herzen. Da drehte
+sachte der Onkel den Riegel, und im stillen G&auml;nsemarsch traten sie &uuml;ber
+die Schwelle und sahen die Mutter, etwas bleicher als sonst, in den
+Kissen liegen.</p>
+
+<p>Aber jetzt konnte sich Hannchen nicht l&auml;nger halten. Mit einem
+Jubelschrei st&uuml;rzte es sich an das Bett, kletterte wie ein K&auml;tzlein
+hinauf und umarmte st&uuml;rmisch die Mutter, als wollte es sie nie mehr
+loslassen. &raquo;Mutti, hast du stark Schmerzen gehabt?&laquo; fragte die Kleine.
+&raquo;Nein Herzchen, diesmal nicht so sehr, das letztemal war es schlimmer!&laquo;
+&raquo;Das letztemal? O Mutti! das war ja ich! aber ich kann ganz sicher
+nichts daf&uuml;r. Und gleichwohl hast du mich lieb?&laquo; &raquo;Erst recht, mein
+Hannchen; alle hab' ich euch mit Schmerzen geboren, drum seid ihr alle
+mir so lieb.&laquo; Und eins ums andere kam, um die Mutter zu k&uuml;ssen, und
+mehrmals war die Wange ganz na&szlig;, die die Kinder an das Angesicht ihres
+M&uuml;tterchens schmiegten.</p>
+
+<p>Jetzt aber kam das Schwesterchen an die Reihe. Winzig klein, die &Auml;uglein
+geschlossen, lag es warm eingeh&uuml;llt in seinem Korbe und hatte keine
+Ahnung, da&szlig; es von vielen neugierigen Kinderaugen liebend betrachtet
+werde. Keines wagte sich ganz nahe, nur Hannchen streckte ihren rechten
+Zeigefinger aus und tupfte ganz sachte an das N&auml;slein der Kleinen, um zu
+sehen, ob es auch wirklich warm und lebendig sei. Dann kam Frau Burkhard
+und f&uuml;hrte die<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> Kinder hinaus. Luise gab ihnen das Nachtessen, und bald
+lag jedes sanft schlafend in seinem Nestchen, nachdem noch der Onkel
+statt der Mutter die Runde gemacht und ihnen den Gute-Nacht-Ku&szlig; gegeben
+hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Am andern Vormittag durften alle Kinder ins Schlafzimmer, um zu sehen,
+wie Julchen &mdash; so mu&szlig;te das neue Schwesterchen hei&szlig;en &mdash; den ersten
+Schoppen bekam an der Brust seiner Mutter. Hannchen stand zur Erlangung
+besserer &Uuml;bersicht auf den Schemel und war ganz entz&uuml;ckt &uuml;ber die
+lustige Weise, wie Julchen seinen kleinen niedlichen Mund spitzte zum
+Saugen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Mutter, warum gibst du dem Kinde nicht aus der Flasche, wie Tante
+Gertrud?&laquo; fragte Hannchen ganz erstaunt; &raquo;habe ich denn auch an deiner
+Brust getrunken, als ich klein war?&laquo; &raquo;Nat&uuml;rlich, mein Kind,&laquo; antwortete
+die Mutter, &raquo;euch allen habe ich von meiner Milch geben k&ouml;nnen. Denn der
+liebe Gott schafft nicht nur die Kinder im Scho&szlig; der Mutter, sondern er
+gibt ihr auch eine Nahrung in ihre Brust, von der das Kind trinken soll
+nach der Geburt, manchen Monat lang, bis es seine Z&auml;hne bekommt und
+sitzen kann.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen erschien der Vater, der von einer gro&szlig;en
+Gesch&auml;ftsreise heimkam und nicht wenig erstaunt war &uuml;ber das
+vorgefallene gro&szlig;e Ereignis, das er erst f&uuml;r die n&auml;chste Woche erwartet
+hatte. Hannchen wich nicht von seiner Seite und erz&auml;hlte ihm alles
+genau, so da&szlig; ihr Plauderm&auml;ulchen keinen Moment stille stand. &raquo;Und wei&szlig;t
+du,&laquo; berichtete der kleine Wildfang eifrig, &raquo;Mutti gibt dem Julchen
+selber zu trinken, sie braucht gar keine Flasche, und<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> Julchen kann
+schon ordentlich saugen, ganz von selbst, es hat ihm's niemand gezeigt.
+Ich will schnell Mutti fragen, ob du auch mal zusehen darfst; wenn du
+auf den Schemel stehst, siehst du es sehr gut!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abends mu&szlig;te dann der Onkel verreisen, die drei Gro&szlig;en begleiteten ihn
+auf den Bahnhof. Als aber vier Wochen um waren, an einem pr&auml;chtigen
+Sonntage, da kam er wieder, diesmal samt seiner Frau, der Tante, und
+zwar zu Julchens Taufe als Pate. Gro&szlig; war die Freude im Hause Hotze! Und
+als nun gar zwei gro&szlig;e Landauer vorfuhren, das Julchen im pr&auml;chtigen
+Paradetuch hineingetragen wurde, und auch Muttchen, das l&auml;ngst wieder
+auf den Beinen war, einstieg, da war der Jubel unbeschreiblich. Karl
+durfte vorne und Fritz bei der hintern Kutsche auf den Bock steigen,
+Hannchen aber dem Vater auf den Scho&szlig; sitzen. Die drei Gro&szlig;en fuhren mit
+Onkel und Tante im zweiten Wagen. Kein W&ouml;lklein tr&uuml;bte den herrlichen
+Tag, wie im Fluge gingen nach der ernsten kirchlichen Feier die sch&ouml;nen
+Stunden zu Hause dahin.</p>
+
+<p>Um sechs Uhr mu&szlig;ten die Basler Abschied nehmen, zum gro&szlig;en Leidwesen
+aller. Hannchen h&auml;tte sicherlich geweint, wenn nicht schnell die Mutter
+ihm versprochen h&auml;tte, es d&uuml;rfe heute Abend dem Julchen das neue
+Schl&uuml;ttli, das die Tante gebracht, ganz alleine anziehen. Das wirkte,
+und tapfer schluckte es seine Tr&auml;nen hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;War's nicht ein sch&ouml;ner Tag, Kinderchen?&laquo; fragte der Onkel beim
+Abschied. &raquo;Ja&laquo;, riefen sie alle, &raquo;aber halt am allersch&ouml;nsten war es vor
+vier Wochen im Gartenh&auml;uschen, als du uns erz&auml;hltest, wie der liebe Gott
+die Kindlein erschafft!&laquo;</p>
+
+
+<h2><a name="Schlusswort" id="Schlusswort"></a>Schlu&szlig;wort<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span><br />
+<span style="font-size: smaller;">an alle Kinder, welche diese Erz&auml;hlung gelesen haben.</span></h2>
+
+
+<p>So, nun wi&szlig;t auch Ihr, wie die Kindlein zur Welt kommen, denn es ist
+wirklich genau so, wie der Onkel berichtete. Nun braucht Ihr nicht mehr
+die K&ouml;pfe zu strecken, wenn ein Bub in der Schulpause ganz leise vom
+Werden der Kindlein berichtet, oder wenn ein M&auml;dchen auf dem Heimwege
+meldet, es wolle Euch etwas sagen, aber kein Mensch d&uuml;rfe es wissen &mdash;
+und dann erz&auml;hlt es, wie die Kinder geboren werden. Da sagt Ihr dann
+einfach: O, das wissen wir schon lange, das hat uns ja die Mutter zu
+lesen gegeben! Nie werdet Ihr von nun an dabei sein, wenn &uuml;ber diese
+ernsten Dinge heimlich und unsch&ouml;n geredet wird, und nie werdet Ihr
+mithelfen, wenn Kameraden lachen &uuml;ber eine Frau, weil man merkt, sie
+werde bald ein Kindlein haben. Von einer solchen Frau sagt man: sie ist
+&raquo;in gesegneten Umst&auml;nden&laquo;, weil Gott einen gro&szlig;en Segen auf sie gelegt
+hat; darum sollen wir sie mit Achtung, ja mit Ehrfurcht gr&uuml;&szlig;en. Ist Euch
+noch etwas nicht klar, so fragt Eure Eltern, die wissen es besser, als
+vorwitzige Schulkinder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>So recht werdet Ihr dies allerdings erst verstehen, wenn Ihr gro&szlig; seid.
+Vielleicht wird dann dem einen oder andern von Euch auch ein liebes
+Kindlein geschenkt, und dann werdet Ihr an den Onkel denken im
+Gartenh&auml;uschen und mit ihm sagen: es ist etwas Herrliches und
+Wunderbares, wenn der liebe Gott neues Leben erschafft!</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOHER DIE KINDLEIN KOMMEN ***
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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