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+ The Project Gutenberg eBook of Ins neue Land by Gabriele Reuter.
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+The Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Ins neue Land
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+Author: Gabriele Reuter
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+Release Date: February 1, 2009 [EBook #27959]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<div class="titlepage">
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+<!-- <h1>Ins neue Land</h1> -->
+
+
+<hr />
+
+<h2>Ullstein-Bücher</h2>
+
+<h3>Eine Sammlung<br />
+zeitgenössischer Romane</h3>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- [Illustration] -->
+<p class="illustration">
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+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<p class="publisher">Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr />
+<p>&nbsp;</p>
+ <h1>Ins neue Land</h1>
+
+<h2>Von<br />
+Gabriele Reuter</h2>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- [Illustration] -->
+<p class="illustration">
+<img src = "images/logo.png" alt= "Verlags-Logo"/>
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="publisher">Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
+
+Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein &amp; Co, Berlin.</p>
+
+</div>
+
+
+<hr />
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p><!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5"> 5</a></span>
+<span class="bigletter">D</span>ie Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem
+Parterresaal der Verwundetenbaracke.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wie geht&rsquo;s unserm Finsteren?&laquo; fragte der junge Doktor im wei&szlig;en
+Operationsmantel, mit der unpers&ouml;nlichen Heiterkeit, die &Auml;rzten und
+Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur
+Gewohnheit geworden ist.</p>
+
+<p>&raquo;Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere
+Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch
+mal mit ihm, Herr Doktor&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das will ich, Schwester&nbsp;... Sonderbar, gerade den Gebildeten
+unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an,
+<!-- Page 6 --><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6"> 6</a></span>
+sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben eben die gr&ouml;&szlig;ere Denkf&auml;higkeit, um sich alle
+Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,&laquo;
+antwortete die Schwester. &raquo;Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn
+unseres Finsteren geachtet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was Ihnen noch alles auff&auml;llt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester&nbsp;...
+Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Arzt &ouml;ffnete die Glast&uuml;r. Aus langen Reihen
+wei&szlig;er Eisenbetten gr&uuml;&szlig;ten ihn die Augen von
+b&auml;rtigen und unb&auml;rtigen, jungen und alten
+M&auml;nnerk&ouml;pfen. Feine wie stumpfe, t&ouml;richte wie kluge
+Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese Krieger,
+welche ihr Leben r&uuml;cksichtslos dem Tode entgegengeworfen hatten,
+waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen N&auml;chten so m&uuml;rbe
+geworden, da&szlig; sie von einem blonden
+<!-- Page 7 --><span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7"> 7</a></span>
+fr&ouml;hlich blickenden jungen Manne im wei&szlig;en Kittel
+sehns&uuml;chtig irgendeine Linderung ihrer Leiden, irgendeinen Trost
+f&uuml;r unertr&auml;gliche Pein des K&ouml;rpers oder der Seele
+erwarteten.</p>
+
+<p>Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte
+sich f&uuml;r einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, f&uuml;r eingetroffene
+Briefe wie f&uuml;r die Fiebertabellen zu H&auml;upten der Verwundeten und f&uuml;r
+ihre Verb&auml;nde. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der,
+aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er
+z&auml;rtlich, wie einem jungen Bruder &uuml;ber den kurzgeschorenen Kopf.
+&raquo;Weiterschlafen, &#8211; ruhig weiterschlafen!&laquo;</p>
+
+<p>Der &raquo;Finstere&laquo;, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in
+reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf
+ausgepr&auml;gtes Gesicht mit gro&szlig;er Hakennase und dunklem Bartgestoppel um
+das energische <!-- Page 8 --><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8"> 8</a></span>
+Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken
+Verb&auml;nden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.</p>
+
+<p>&raquo;Damit k&ouml;nnen wir jetzt aufh&ouml;ren,&laquo; sagte der Arzt. Er l&ouml;ste mit Hilfe
+der Schwester die Binden und Geh&auml;nge. &raquo;Es hat keinen Zweck mehr. Die
+Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl ertr&auml;glicher,
+seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? &#8211; &#8211; Was?&laquo;</p>
+
+<p>Ein bitterer Zug, der ein L&auml;cheln vorstellen sollte, verzog den Mund
+des Mannes. Er brummte etwas Unverst&auml;ndliches.</p>
+
+<p>&raquo;Nun hei&szlig;t es nur, auch den Allgemeinzustand heben,&laquo; fuhr der junge
+Arzt fort. &raquo;Dazu k&ouml;nnen Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber
+Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben &#8211; &#8211; wird schon alles
+wieder werden! Der Staat sorgt f&uuml;r seine Verteidiger &#8211; &#8211;, na und
+einem Manne wie Sie <!-- Page 9 --><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9"> 9</a></span>
+wird es ja nicht schwer werden, wenn&rsquo;s sein mu&szlig;,
+sich in einen andern Beruf einzuarbeiten&nbsp;... Sie leben doch &#8211; &#8211;
+werden wieder gesund&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tr&ouml;ster, scharf,
+durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, da&szlig; er verlegen
+schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir die Zukunft,&laquo; sagte der Verst&uuml;mmelte herrisch. &raquo;W&auml;re es
+nicht m&ouml;glich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte,
+oben sei eins frei geworden&nbsp;... Wenn Sie das einrichten k&ouml;nnten, w&auml;r&rsquo;
+ich Ihnen dankbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gewi&szlig; &#8211; &#8211; das l&auml;&szlig;t sich tun!
+Nur, ich wei&szlig; nicht, ob Ihnen
+jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung,
+Ablenkung&nbsp;... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen
+Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!&laquo;
+<!-- Page 10 --><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10"> 10</a></span>
+Als der andre nicht antwortete, fuhr er z&ouml;gernd fort:
+&raquo;K&ouml;nnte nicht jemand von Ihrer Familie Sie mal
+besuchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Familie,&laquo; sagte der Mann schroff. &raquo;Bitte nur um das
+Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich daf&uuml;r
+aufkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde es besorgen,&laquo; sagte er in einem Ton, der pl&ouml;tzlich
+bescheiden und beinahe sch&uuml;chtern geworden war. &raquo;Schwester, &#8211; &#8211; der
+Patient hier soll auf Nummer sechsunddrei&szlig;ig umgebettet werden. Sie
+k&ouml;nnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?&laquo; Er ging hinaus, die
+Schwester folgte ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist der Mann eigentlich, &#8211; &#8211; ich meine, seiner b&uuml;rgerlichen
+Stellung nach?&laquo; fragte er drau&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, K&uuml;nstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie &uuml;ber sich.
+Man kommt ihm nicht
+<!-- Page 11 --><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11"> 11</a></span>
+n&auml;her. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott,&laquo; murmelte der Doktor bek&uuml;mmert, &raquo;wenn
+man immer w&uuml;&szlig;te &#8211; &#8211; es ist so
+schwer&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den
+Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu
+vollenden.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">F</span>ranz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die
+seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden
+Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu
+den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den
+verschiedenen Anf&auml;llen seiner K&ouml;rperpein, nur um sein Denken nicht auf
+das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her
+waren Beine zerschmettert, Ged&auml;rme zerrissen, Lungen durchbohrt,
+<!-- Page 12 --><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12"> 12</a></span>
+Sch&auml;del zertr&uuml;mmert worden&nbsp;... alles h&auml;tte er mit Mut und Freude
+erlitten. &#8211; &#8211; Nur nicht die Augen, &#8211; &#8211; nicht Hand und Arm. Doch
+gerade das &#8211; &#8211; das Schwerste wurde von ihm gefordert.</p>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertr&uuml;mmerten Welt
+einige Bilder nicht gemalt wurden&nbsp;... In der Theorie war ihm das klar
+&#8211; &#8211; selbstverst&auml;ndlich klar.</p>
+
+<p>Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die
+M&ouml;glichkeit in der Phantasie aufgestiegen &#8211; &#8211; er hatte sie mit
+Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewu&szlig;tseins
+hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.</p>
+
+<p>Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender
+Traum.</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung&nbsp;... &#8211; Er sah
+es zuweilen
+<!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13"> 13</a></span>
+vor sich, wenn er des Nachts erwachte. F&uuml;hlte wieder
+genau, wie alles sich f&uuml;r ihn abgespielt hatte. &#8211; Das Boot des
+norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Sch&auml;reninsel, wo er
+malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu
+bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von &Auml;rger:
+&raquo;Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann&nbsp;...&laquo; Und:
+Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so.
+Vor allem, sich nicht st&ouml;ren lassen in der Arbeit&nbsp;... Nun schrie ihm
+der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und
+schwenkte die Drucksachen wild in die L&uuml;fte.</p>
+
+<p>...&nbsp;Zun&auml;chst ein Verstummen &#8211; ein Versagen jeglichen Gef&uuml;hls.
+Pl&ouml;tzlich diese f&uuml;rchterliche Selbstverst&auml;ndlichkeit des
+Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendf&auml;ltiger blitzartiger
+Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte
+<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14"> 14</a></span>
+seines Ich die dunkle verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an&nbsp;...</p>
+
+<p>Rolfers hatte niemals gedient. Milit&auml;risches Wesen lag v&ouml;llig
+au&szlig;erhalb seiner Lebenssph&auml;re. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte
+das Entsetzen w&uuml;ten &#8211; wenn er wollte, konnte er morgen weiter
+arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand w&uuml;rde ihn hier in
+seiner Nordlandeinsamkeit hindern.</p>
+
+<p>Auf dem schwarzen sonndurchw&auml;rmten Granitfelsen sa&szlig; er abends, schaute
+&uuml;ber die wogenden Gew&auml;sser, die von lila und flaschengr&uuml;nen Streifen
+durchzogen waren und in einem milchigen Wei&szlig; verd&auml;mmerten. Geruhsam
+klatschte das Wasser regelm&auml;&szlig;ig gegen den Stein, den die Umw&auml;lzungen
+von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.</p>
+
+<p>Da kam es pl&ouml;tzlich&nbsp;...: Aus dem langsamen N&auml;herrollen der fernen
+gro&szlig;en Wellen
+<!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15"> 15</a></span>
+wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden&nbsp;...
+Aus den t&uuml;ckischen Stimmen der Tiefe drang das b&ouml;se Gemurmel ihres
+Hasses in sein Bewu&szlig;tsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher
+Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut&nbsp;...
+Und umringt von ihnen ein Weib&nbsp;... gewaltig &#8211; &uuml;berlebensgro&szlig; an Formen
+und Gestalt&nbsp;... Doch auf dem Antlitz Angst und Not&nbsp;... Er sah ihre
+Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gew&auml;nder wehen in der
+Eile der Flucht&nbsp;... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen
+Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalm&uuml;ckengesichter, verzerrt von
+einer dumpfen tierischen Wut&nbsp;... Kosakenpeitschen wurden gegen sie
+geschwungen, sausten klatschend &uuml;ber ihre edle Stirne, da&szlig; Blut
+herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen&nbsp;... Und die Meute
+gr&auml;&szlig;licher Gestalten raste &uuml;ber sie dahin, immer teuflischer,
+<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16"> 16</a></span>
+immer grauenvoller an Aussehen und Geb&auml;rden&nbsp;... Schwarze
+Rauchgespenster w&auml;lzten sich &uuml;ber den Himmel, Feuergarben
+schossen auf&nbsp;... Ein Lachen, wie er es nie geh&ouml;rt&nbsp;... War es um sie
+geschehen? Die Angst erstickte ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug
+mit gewaltigen Schl&auml;gen, die Brust war ganz erf&uuml;llt von diesem
+Pochen und H&auml;mmern&nbsp;... Gott &#8211; Gott &#8211; sie erhob sich
+&#8211; blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schwei&szlig; bedeckt
+&#8211; Sie sah auf ihn &#8211; auf ihn, Franz Rolfers &#8211; aus
+unergr&uuml;ndlichen Augen&nbsp;... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als
+sie sterben mu&szlig;te&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">E</span>ine Stunde sp&auml;ter waren seine paar Malerger&auml;tschaften
+zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz
+eines Goldst&uuml;ckes und der Macht seiner herrischen Person bestochen,
+ihn hin&uuml;berzurudern
+<!-- Page 17 --><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17"> 17</a></span>
+zum Festland. Das Boot glitt durch die helle
+nordische Nacht, in der alle Zauber g&ouml;ttlicher Friedenssch&ouml;nheit &uuml;ber
+den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. &Uuml;ber &ouml;de Heidefl&auml;chen,
+durch Ginster und Wacholdergestr&uuml;pp, durch Birkenw&auml;lder und
+Felsenwildnisse stundenweit zur n&auml;chsten Bahnstation gelaufen. In
+atemloser Hast den Schnellzug genommen &#8211; hinein gest&uuml;rmt in den sich
+heimw&auml;rts ergie&szlig;enden Schwall von Reisenden. Angeh&ouml;rige aller
+europ&auml;ischen V&ouml;lker in engsten R&auml;umen zusammengepre&szlig;t einer neuen
+Trennung der St&auml;mme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen
+mu&szlig;te mit der Sch&auml;rfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen&nbsp;...
+Gep&auml;ckst&uuml;cke waren sie alle, nichts weiter, die bef&ouml;rdert wurden,
+liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede R&uuml;cksicht auf
+menschliche Bed&uuml;rfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und
+N&auml;sse, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen
+<!-- Page 18 --><span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18"> 18</a></span>
+schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefa&szlig;ten oder
+aufgeregt redenden M&auml;nnern &#8211; bis man in einer unbegreiflichen Weise
+zum Ziele kam und die deutsche Grenze &uuml;berschritt.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Von Milit&auml;rbeh&ouml;rde zu Milit&auml;rbeh&ouml;rde. Hier zur&uuml;ckgewiesen, dort
+vertr&ouml;stet, &#8211; endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie
+Tausende von andern M&auml;nnern und jungen Knaben. Eingeordnet in die
+ungeheure, bewunderungsw&uuml;rdig genau arbeitende Maschine des deutschen
+Heerwesens.</p>
+
+<p>Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich f&uuml;r
+ihn und noch f&uuml;r manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr
+jungen M&auml;nner. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem
+Machtbewu&szlig;tsein ihrer Herrschaft &uuml;ber die F&uuml;lle von Kraft, Geist und
+gelassener Vornehmheit, die ihnen
+<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19"> 19</a></span>
+so pl&ouml;tzlich zur Verf&uuml;gung gestellt
+wurde. Aufgaben, f&uuml;r die in gew&ouml;hnlichen Zeiten Jahre vorgesehen
+waren, mu&szlig;ten in Wochen bew&auml;ltigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit
+in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine
+k&ouml;rperliche Abh&auml;rtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert
+abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. &Uuml;brigens ging
+alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind
+heran&nbsp;... Nur ihn endlich fassen d&uuml;rfen&nbsp;... Hinaus &#8211; hinaus ins Feld,
+an die Front&nbsp;...!</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tr&auml;nen, Singen, Jubeln,
+flatternde T&uuml;cher, winkende H&auml;nde, brausende Musik&nbsp;... Rolfers
+marschierte, von einigen Sch&uuml;lern begleitet, die dem gleichen Los mit
+Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu.
+Ein Gef&uuml;hl in
+<!-- Page 20 --><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20"> 20</a></span>
+ihnen allen&nbsp;... Das Pers&ouml;nliche in dieser Stunde v&ouml;llig
+ausgel&ouml;scht &#8211; himmelhoch aufschlagend die Flamme <em class="gesperrt">eines</em>
+Wollens in Millionen&nbsp;... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht f&uuml;r
+ihn, den Einsiedler, der im Kampf um seine Kunst auf innere
+Menschengemeinschaft l&auml;ngst verzichtet hatte. Heut empfand er das
+Untertauchen im Gef&uuml;hl aller als etwas K&ouml;stliches, als einen
+hehren und fl&uuml;chtigen Besitz.</p>
+
+<p>Er kannte sich. Bald genug w&uuml;rden Kritik und Zweifelsucht und das
+innerliche Zur&uuml;ckweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das
+begann schon w&auml;hrend der langen Eisenbahnfahrten unter all den
+schwitzenden, stinkenden M&auml;nnern mit ihren plumpen Sp&auml;&szlig;en, ihren
+t&ouml;richten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden
+Singen, Schreien, Begr&uuml;&szlig;en an den Bahnh&ouml;fen. Doch herrschte ein
+Unbekanntes in ihm. Es war die &Uuml;berzeugung
+<!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21"> 21</a></span>
+von der v&ouml;lligen
+Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers f&uuml;hlte und
+dachte. Das waren nur noch &uuml;briggebliebene Fetzen aus einem abgetanen
+und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichg&uuml;ltig wie den
+andern.</p>
+
+<p>Nur vorw&auml;rts, vorw&auml;rts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>M&auml;rsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten
+vor Schmerzen, bei denen der Schwei&szlig; am K&ouml;rper niedertroff und ihn in
+ekle D&uuml;nste h&uuml;llte, bei denen man mit entz&uuml;ndeten Augenlidern im
+Sonnenbrand, unter dicken wei&szlig;en Staubschichten, Staub in der
+ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend
+helle Landstra&szlig;en entlang trabte. Dann wieder in finsteren
+Regenn&auml;chten durch unergr&uuml;ndlichen z&auml;hen Schlamm vorw&auml;rts torkelnd,
+kaum den Vordermann zu unterscheiden verm&ouml;gend
+<!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22"> 22</a></span>
+und doch mit ihm die dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich
+ausstrecken &#8211; schlafen &#8211; fressen&nbsp;...</p>
+
+<p>Manchem zarten Jungen liefen die Tr&auml;nen stromweis &uuml;ber die Backen in
+&Uuml;berreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der K&ouml;rper
+herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich &#8211;
+nur vorw&auml;rts &#8211; vorw&auml;rts &#8211; vorw&auml;rts!</p>
+
+<p>Der Hunger w&uuml;hlte und ri&szlig; in den Eingeweiden, qu&auml;lte die
+ersch&ouml;pfte Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des
+Vaterlandes versank in tr&uuml;ben Nebeln. Hartn&auml;ckig stiegen
+alberne Vorstellungen auf. Rolfers&rsquo; Sehnsucht kreiste um ein lindes
+Leinenlaken, er besch&auml;ftigte sich mit einer Daunendecke von
+violetter Seide, k&uuml;hl und zart anzuf&uuml;hlen, in die er einst
+nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer Freundin
+<!-- Page 23 --><span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23"> 23</a></span>
+die Glieder hatte h&uuml;llen d&uuml;rfen. Er sah das Monogramm, das
+er einmal gezeichnet, in dem &Uuml;berschlag, die Freiherrenkrone &uuml;ber den
+Buchstaben&nbsp;... Schwerer roter Burgunder gl&uuml;hte in gro&szlig;en
+Kristallkelchen &#8211; immer hatte er eine Vorliebe gehabt f&uuml;r edles
+Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen &#8211; er sp&uuml;rte den
+Geschmack des Weines auf der Zunge &#8211; Fasanenpastete reichte der
+Diener&nbsp;... Er roch den feinen Duft der Tr&uuml;ffeln &#8211; widerlich, da&szlig; man
+von den dummen Erinnerungen nicht loskam&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Verflucht feine Kl&ouml;&szlig;e konnte meine Olle kochen,&laquo; h&ouml;rte er eine
+brummige Stimme hinter sich&nbsp;... &raquo;ick sage schon, wenn ick davon &rsquo;ne
+Sch&uuml;ssel hier h&auml;tte &#8211; mit Speckstippe&nbsp;... Dunnerschlag ja&nbsp;...!&laquo;</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Franz Rolfers mu&szlig;te lachen &#8211; laut und erl&ouml;send. Hatte er das
+Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?
+</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24"> 24</a></span>
+<span class="bigletter">E</span>s kam keine gro&szlig;e Schlacht f&uuml;r sie, keine der gewaltigen Taten mit
+Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes &#8211; mit
+schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den
+leichen&uuml;bers&auml;ten Feldern.</p>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment.
+Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch &uuml;ber ihren K&ouml;pfen
+vernahmen sie die kleinen V&ouml;gel, die so seltsam fein und scharf
+sangen, wenn man sie am Ohr vor&uuml;berfliegen h&ouml;rte&nbsp;... Hier &#8211; dort
+streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte
+vorw&auml;rts &#8211; sank in sich zusammen.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">D</span>ie erste Zeit im Sch&uuml;tzengraben&nbsp;... Strenges Verbot zu feuern,
+nachdem einige der in den Gr&auml;ben vor dem ihren liegenden Kameraden
+getroffen worden waren. Unt&auml;tiges
+<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25"> 25</a></span>
+Liegen. &#8211; Warten. &#8211; Tage und
+N&auml;chte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige
+Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden
+Gliedma&szlig;en zusammen. Knattern, Sausen, Br&uuml;llen, Dr&ouml;hnen, Donnern &#8211;
+die Luft auf Meilen ringsum von Get&ouml;se erf&uuml;llt. Ein Heulen in letzter
+Todesqual &#8211; Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen &#8211; obsz&ouml;ne Scherze
+&#8211; krampfiges Gel&auml;chter &#8211; betende Hilferufe, abgel&ouml;st von starrem
+Schweigen hinter zusammengebissenen Z&auml;hnen, w&auml;hrend die Granaten in
+ihren Reihen w&uuml;teten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers
+lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedr&uuml;ckt, den
+Tornister zum Schutz auf den Nacken ger&uuml;ckt. Pl&ouml;tzlich f&uuml;hlte er sich
+erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken
+&#8211; erkannte, da&szlig; er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der
+explodierenden Geschosse.
+<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26"> 26</a></span>
+An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken
+ein schweres Schnarchen anderer todersch&ouml;pfter M&auml;nner. Er &#8211; Franz
+Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte
+&#8211; nur einer von vielen &#8211; vom Todesgrauen in Bleischlaf gest&uuml;rzt &#8211;
+wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf
+schlaftrunken an seine Schulter
+<ins class="correction" title="Punkt ergänzt">dr&auml;ngte.</ins></p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als der Morgen d&auml;mmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stie&szlig;
+er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern,
+sprang, schlich, st&uuml;rzte, sprang wieder in weiten S&auml;tzen, wie sie die
+Sehnen nur leisten konnten, &uuml;ber die glitschigen Lehmschollen, die
+faulenden Bl&auml;tter der R&uuml;benfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder
+springen mit dem schweren Tornister auf dem R&uuml;cken, das Gewehr mit
+aufgepflanztem Bajonett schwingend, &#8211; ja, wie sie br&uuml;llten
+<!-- Page 27 --><span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27"> 27</a></span>
+schrien, tobten &#8211; die Gesichter blaurot &#8211; die Augen aus den H&ouml;hlen gequollen,
+kein menschlicher Ausdruck mehr &#8211; vom Blutrausch ergriffen, eine
+Schar von Teufeln, von Vernichtern&nbsp;... Und im Nebel auftauchend die
+blutigroten Flecken der Franzosenhosen &#8211; die feindlichen Gestalten,
+die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenst&uuml;rzten
+&#8211; im grauen klatschenden Regen&nbsp;... Im Nahkampf sich packten mit
+F&auml;usten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette
+sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfont&auml;nen spritzten in die
+L&uuml;fte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den H&ouml;hlen &#8211; die
+Nase f&uuml;llte sich mit dem Gestank des Todes&nbsp;... Keiner &#8211; nicht Freund
+noch Feind &#8211; mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden
+&#8211; nur noch ungeheure Gewalten, in w&uuml;tender Wollust und grausiger
+Umarmung gegeneinander
+<!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28"> 28</a></span>
+ringend &#8211; in jedem Blutstropfen nur noch das
+Leben des Vaterlandes sp&uuml;rend&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Vernichtet, zerstampft mu&szlig;te sie werden, die feindliche Gewalt,
+wie Hirnmasse und Sch&auml;deldecken zerstampft wurden in den grausamen
+K&auml;mpfen&nbsp;... Rolfers raste, tobte, scho&szlig;, schlug, haute um sich,
+br&uuml;llte und w&uuml;rgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern.
+Vernichtet mu&szlig;te sie werden, die franz&ouml;sische Kultur, die er studiert,
+zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge
+auf Erden. Notwendigste Erg&auml;nzung des eigenen Besitzes war ihm
+Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen&nbsp;... Welch
+ein wahnsinniger Traum&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Viele N&auml;chte in Kellern oder zerschossenen Bauernh&uuml;tten, wo man
+in der n&auml;chsten Sekunde in Flammen eingeh&uuml;llt sein konnte, mit Gestank
+und Ungeziefer,
+<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29"> 29</a></span>
+zwischen einer feindlichen Bev&ouml;lkerung, von der man
+sich aller Greuel und jeder Heimt&uuml;cke zu versehen hatte. Ihm kam die
+Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdr&uuml;cken
+zugute &#8211; er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er
+H&auml;ndel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur
+gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Mi&szlig;verst&auml;ndnissen
+hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, fa&szlig;ten
+trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er
+sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg &uuml;ber alle diese
+Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den
+Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz
+f&uuml;hlte er nur: auch sie morden ja f&uuml;r den einen g&ouml;ttlichen Begriff:
+Vaterland &#8211; Heimat!
+</p>
+
+<p><!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30"> 30</a></span>
+Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie &uuml;berall
+sonst zwischen Menschen: er geno&szlig; Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne
+geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den
+Kameraden verband, blieb eine k&uuml;hle Ferne zwischen Rolfers und den
+Mannschaften. Das &auml;nderte sich auch nicht durch die br&uuml;derliche
+Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die
+Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur,
+die sich warm erschlie&szlig;en konnte, oder die &Ouml;ffnung andrer Herzen zu
+erwecken vermochte. Fr&uuml;her hatte er diesen Mangel schmerzlichst
+beklagt, sp&auml;ter nahm er ihn als unab&auml;nderlichen Teil seines Wesens.
+D&uuml;rstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach
+zu ihm, wie nur zu Auserw&auml;hlten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie
+intimste Reize erschlo&szlig;, den sie trunken machen
+<!-- Page 31 --><span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31"> 31</a></span>
+konnte mit einem Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete
+Rolfers, da&szlig; auch unter Offizieren wie Soldaten manche
+w&auml;hrend dieses Feldzuges die R&uuml;ckkehr in den Zustand des
+wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen Lust genossen. &#8211; W&uuml;rde
+solche erstaunliche Ver&auml;nderung Fr&uuml;chte tragen in einem
+Frieden, der h&ouml;chst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar schien?
+... W&uuml;rde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und
+Empfindungen eine Neugestaltung &uuml;berfeinerter Kultur bewirken
+k&ouml;nnen? Oder w&uuml;rde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb
+der schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln
+Gr&uuml;nde, die unter dem wachen Bewu&szlig;tsein schlummern,
+zur&uuml;ckgeworfen und dem Vergessen &uuml;berantwortet werden?</p>
+
+<p>Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in m&uuml;&szlig;igen Stunden nach.
+Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich
+<!-- Page 32 --><span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32"> 32</a></span>
+alles in str&ouml;mender Bewegung, in f&uuml;rchterlicher
+Aufw&uuml;hlung von unm&ouml;glichen Gegens&auml;tzen, in denen zu jeder
+Stunde R&uuml;ckf&auml;lle in Barbarentum und Tierheit mit den
+strahlendsten Beweisen h&ouml;chsten Menschentums zusammenstie&szlig;en.
+Gleicherweise bei Freund und Feind.</p>
+
+<p>In all den fremdartigen Lebensumst&auml;nden geleitete doch ein
+tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers.
+Gleich den Blutstr&ouml;men in seinem Adergeflecht, die unempfunden in
+steter gleichm&auml;&szlig;iger T&auml;tigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder
+zur&uuml;ck den Weg durch Lunge und K&ouml;rper nahmen, ihn mit tausend
+geheimnisvollen Kr&auml;ften n&auml;hrend, blieb der starke Strom seines
+Kunstgef&uuml;hls zu jeder Sekunde in ihm rege t&auml;tig. Ohne da&szlig; die Gedanken
+teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern
+unaufh&ouml;rlich getr&auml;nkt mit Farben,
+<!-- Page 33 --><span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33"> 33</a></span>
+Linien, mit Gruppen und Geb&auml;rden
+von Menschen, die gro&szlig;, einfach und gewaltig waren, wie er nichts
+&Auml;hnliches fr&uuml;her je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von
+Pferden und M&auml;nnern, die alles Glaubhafte weit hinter sich lie&szlig;en,
+wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Unget&uuml;me von
+Haubitzen eine Anh&ouml;he hinauf zu zerren suchten oder das Gesch&uuml;tz, den
+Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende
+Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne
+Ertragen w&uuml;tenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen,
+gegen die antike Masken von Kriegern gleichg&uuml;ltig wurden. Alles, alles
+war zum &Auml;u&szlig;ersten gesteigert: Ausbr&uuml;che der Freude, der Wut, der
+Liebe, der Fr&ouml;mmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden
+aus Urschl&uuml;nden und Abgr&uuml;nden ferner Zeiten, da Mensch und
+<!-- Page 34 --><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34"> 34</a></span>
+Tier begann zu werden&nbsp;... Und wieder Sommer- und Herbstn&auml;chte voll
+der s&uuml;&szlig;esten Sch&ouml;nheit und friedevoller Einsamkeit mit
+allen Lauten, T&ouml;nen, D&uuml;ften, die ihn zauberisch erquickten,
+weil sie das Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach
+verkn&uuml;pften, da&szlig; es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm
+aufspeicherte zu unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">E</span>in Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal &#8211; der
+Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages
+eine Schie&szlig;erei in dem Gel&auml;nde stattgefunden, die Rothosen waren
+&uuml;berw&auml;ltigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig
+zur&uuml;ckgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos
+vom Feind ges&auml;ubert war. Man fand nichts Verd&auml;chtiges, kehrte,
+vorsichtig am Waldrand entlang schleichend,
+<!-- Page 35 --><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35"> 35</a></span>
+zur&uuml;ck. Der Offizier und die Mehrzahl der Leute waren schon ein
+St&uuml;ck weit voran, als Rolfers seinen Nebenmann auf ein dunkles
+Etwas aufmerksam machte, das im tiefen Baumschatten neben ihrem Wege
+lag.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ein Toter oder Verwundeter,&laquo; fl&uuml;sterte er seinem Nachbar zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, schnell vorw&auml;rts,&laquo; murrte der. &raquo;Wir verlieren den Anschlu&szlig;,
+und wer wei&szlig;, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.&laquo;</p>
+
+<p>Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen
+fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen
+in der finsteren Regennacht. Er hielt die M&uuml;tze vor und leuchtete mit
+der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob
+sich m&uuml;hsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung
+&#8211; in demselben Moment krachte der Schu&szlig;.
+</p>
+
+<p><!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36"> 36</a></span>
+Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers &#8211; er st&uuml;rzte wie ein St&uuml;ck Vieh
+quer &uuml;ber den Franzosen.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls er erwachte, schien der Mond still durch die B&auml;ume. Er bewegte den
+Kopf, blickte aus n&auml;chster N&auml;he in ein gelbes Totengesicht. Die Augen,
+deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Ged&auml;chtnis
+trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der
+Mund war wie von einem m&uuml;den Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges,
+feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Rolfers suchte sich zu erheben &#8211; da packte ihn w&uuml;tender Schmerz in
+Arm und Schulter und atemlose Angst&nbsp;... War&rsquo;s m&ouml;glich, war&rsquo;s nur zu
+denken, da&szlig; das Schlimmste getragen werden mu&szlig;te?</p>
+
+<p>Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen &#8211; auf den starren
+K&ouml;rper des Knaben,
+<!-- Page 37 --><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37"> 37</a></span>
+der ihm das getan&nbsp;... Die Nacht verging in halber
+Bewu&szlig;tlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten &Auml;ngsten. Bei
+grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanit&auml;tssoldaten, die von den
+Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.</p>
+
+<p>Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser
+heimt&uuml;ckisch im Innern des K&ouml;rpers platzenden Geschosse.</p>
+
+<p>Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.</p>
+
+<p>Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, da&szlig; der Stabsarzt
+begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch
+zahllose m&uuml;hselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu
+entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mu&szlig;te. Die
+w&uuml;tenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten,
+<!-- Page 38 --><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38"> 38</a></span>
+unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von
+Hoffnung und Verzweiflung.</p>
+
+<p>In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er
+sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf
+einem gef&auml;llten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der l&auml;ssigen Grazie,
+die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde
+Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe
+Wange beschattet, ein lauernd grausames L&auml;cheln um den roten
+Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers
+arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen
+seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung
+&uuml;ben sollte, von der in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben mit woll&uuml;stigem Vergn&uuml;gen
+geredet wurde.
+</p>
+
+<p><!-- Page 39 --><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39"> 39</a></span>
+Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz
+seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von &Uuml;berfeinerung und
+Verruchtheit eines todgeweihten Volkes &#8211; aber zugleich versank in ihm
+die Hoffnung tiefer und tiefer, da&szlig; er jemals wieder Stift und Pinsel
+f&uuml;hren k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung
+eines gro&szlig;en Chirurgen in Berlin ausgef&uuml;hrt werden. Der Lazarettzug
+trug ihn mit vielen Leidensgef&auml;hrten durchs deutsche Land.</p>
+
+<p>Einmal, w&auml;hrend sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in
+langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren
+Fieberzust&auml;nden heraus, in denen die Dinge urpl&ouml;tzlich so
+geheimnisvolle Bedeutungen annehmen k&ouml;nnen, einen Anblick, der ihn
+grenzenlos ersch&uuml;tterte.</p>
+
+<p><!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40"> 40</a></span>
+Auf dem Bahndamm, hoch &uuml;ber dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau.
+Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme
+steil gen Himmel, faltete die H&auml;nde und beugte sich tief, bis zur Erde
+nieder.</p>
+
+<p>Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Gr&ouml;&szlig;e und Inbrunst
+geschaut. Ihm war zumute, als gr&uuml;&szlig;e in der Gestalt dieser Bauersfrau
+Germania selbst ihre geopferten S&ouml;hne.</p>
+
+<p>Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er f&uuml;hlte sich mit
+einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schl&uuml;nde des Todes
+hinabsinken, gegr&uuml;&szlig;t von jener g&ouml;ttlich-hohen, inbr&uuml;nstig-dem&uuml;tigen
+Geb&auml;rde.</p>
+
+<p>Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des
+brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu
+lassen.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 41 --><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41"> 41</a></span>
+<span class="bigletter">O</span>hne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen
+Wunsch, seine k&uuml;nftigen Tage hinschleppen zu m&uuml;ssen&nbsp;... Konnte das
+Pflicht sein? &#8211; Unsinn!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er hatte seine Pflicht geleistet, r&uuml;cksichtslos, instinktiv, wie alle
+Volksgenossen. &#8211; &#8211; Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz
+Rolfers, an. Er war aus einem St&uuml;ck der Allgemeinheit wieder zur
+Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen
+fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt
+verlassen w&uuml;rde, mu&szlig;te die Erl&ouml;sungsstunde f&uuml;r ihn kommen. Dies hatte
+er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entr&uuml;ckt
+den Interessen der Kameraden.</p>
+
+<p>Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten f&uuml;r andere sich
+hinzugeben, diesen letzten Trost der Verst&uuml;mmelten, das lag ihm nicht.
+Er ha&szlig;te Heuchelei &#8211; auch gegen sich selbst.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42"> 42</a></span>
+<span class="bigletter">B</span>esuchsstunde. Neben den wei&szlig;en Betten, auf den kleinen Glastischen
+Blumen oder Fr&uuml;chte: Trauben, Birnen, &Auml;pfel auf Tellern, in braunen
+T&uuml;ten, wei&szlig;e K&auml;stchen mit Konfekt, Marmeladet&ouml;pfchen, B&uuml;cher und
+Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen
+Kinder, Frauen, M&uuml;tterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein
+Lachen, Schwatzen, Scherzen erf&uuml;llte den hohen Saal. Verstohlen
+wischte hie und da eine Frauenhand niederst&uuml;rzende Tr&auml;nen von der
+Wange. Ein altes J&uuml;ngferchen, d&uuml;rftig gekleidet, mit einem lieben
+L&auml;cheln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit s&uuml;&szlig;em
+roten Gelee und wei&szlig;er Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. F&uuml;r
+mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam
+t&auml;glich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten
+sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut
+<!-- Page 43 --><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43"> 43</a></span>
+mit ihr. Bisweilen rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und
+Reiherh&uuml;ten durch das bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett
+zu Bett, verteilten Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den
+wei&szlig;en H&auml;ubchen, den hellen Kleidern eilten hin und wieder,
+Ordnung zu halten, riefen ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Alles in allem h&auml;tte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben
+k&ouml;nnen, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem wei&szlig;en, von
+heiterem Stimmenwirrwarr erf&uuml;llten Saal ausgefochten wurde.</p>
+
+<p>Rolfers t&ouml;nten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine
+Gef&uuml;hle waren zwiesp&auml;ltig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und
+opferwilligen G&uuml;te, die sich in den kurzen Stunden ringsumher
+bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz &uuml;ber die Anmutlosigkeit
+der Geb&auml;rden, der Erscheinungsform
+<!-- Page 44 --><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44"> 44</a></span>
+dieser Liebe, &uuml;ber die Torheit der
+Gespr&auml;che, die Zudringlichkeit der Wohlt&auml;terinnen.</p>
+
+<p>Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Pr&uuml;fung seiner krankhaft
+gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme
+beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine
+Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit m&ouml;glichst wenig auf seine
+Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, da&szlig; eine
+h&uuml;bsche, sehr elegante junge Dame bei der Besch&auml;ftigung, riesige
+St&uuml;cke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager pl&ouml;tzlich gestutzt
+hatte und dann einen Schrei tat: &raquo;Meister&nbsp;&#8211;! Ja, Meister Rolfers,
+sind Sie&rsquo;s oder sind Sie&rsquo;s nicht? Und Berlin wei&szlig; nicht, da&szlig; Sie hier
+liegen? Aber das ist ja unerh&ouml;rt &#8211; aber da mu&szlig; ich doch gleich&nbsp;...
+Was kann ich nur f&uuml;r Sie tun?&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45"> 45</a></span>
+&raquo;Nichts, gn&auml;dige Frau, als zu schweigen!&laquo; hatte Rolfers geantwortet.
+Dies war freilich das st&auml;rkste Verlangen, was man an die
+liebensw&uuml;rdige Schw&auml;tzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen
+Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem
+Lackschuh &#8211; jede Ber&uuml;hrung seines Lagers verursachte ihm noch immer
+unertr&auml;gliche Pein &#8211; und hatte ihm versichert, da&szlig; er ganz der Alte
+geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben
+d&uuml;rfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine &Uuml;berf&uuml;hrung in das
+Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit
+haben w&uuml;rde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere
+F&uuml;rsorge.</p>
+
+<p>Rolfers sah, w&auml;hrend die junge Frau so plauderte, auf den bla&szlig;roten
+Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen
+waren, und der unter dem wei&szlig;en
+<!-- Page 46 --><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46"> 46</a></span>
+Schleier eigent&uuml;mlich reizvoll
+bl&uuml;hte. Es fiel ihm ein, da&szlig; er diesen Mund einmal in der Nachtlaune
+eines K&uuml;nstlerfestes sehr lange und innig gek&uuml;&szlig;t hatte. Er dachte
+daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im
+Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Portr&auml;t gehabt.
+Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich w&auml;re
+ihm auch das reiche M&auml;dchen nicht unzug&auml;nglich gewesen, doch nach dem
+Ku&szlig; auf den bl&uuml;henden bla&szlig;roten Mund packte ihn pl&ouml;tzlich ein Grauen
+vor all dieser wohlarrangierten B&uuml;rgerlichkeit, und er hatte sich j&auml;h
+zur&uuml;ckgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm
+aufs freundlichste ihre Gaben. Wie v&ouml;llig belanglos schien ihm auch
+dies und jede Hoffnung, die sich daran kn&uuml;pfen mochte. &#8211; Widerw&auml;rtige
+Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu ben&uuml;tzen, um als
+Kr&uuml;ppel &uuml;ber
+<!-- Page 47 --><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47"> 47</a></span>
+einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten
+obzusiegen&nbsp;...</p>
+
+<p>Der jungen Frau wurde mit einem h&ouml;flichen L&auml;cheln ablehnend gedankt
+f&uuml;r all ihre g&uuml;tigen Pl&auml;ne. Als trotzdem am folgenden Tage eine
+Fruchtschale und Rosen von wundervollster &Uuml;ppigkeit eintrafen, lie&szlig;
+Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht
+wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang best&auml;rkte ihn nur in
+dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er f&uuml;r solche Besuche
+unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch
+wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die
+steigende K&uuml;hle ihm gegen&uuml;ber mit Humor.</p>
+
+<p>Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz
+menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und
+seine Pers&ouml;nlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens
+<!-- Page 48 --><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48"> 48</a></span>
+zur&uuml;ckgenommen hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz
+Rolfers nannte und die nur durch Hand und Arm f&uuml;r die Menschheit
+Wert gehabt, aus selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte
+sich wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu k&uuml;mmern, wie
+er auf seine Umgebung wirken mochte.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&raquo;&#8211; &#8211; Fr&auml;ulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle,
+Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,&laquo; h&ouml;rte Rolfers
+eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er &#8211;
+oder t&auml;uschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, da&szlig; er die Stimme
+geh&ouml;rt hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm&nbsp;... Erinnerungen kamen
+ihm &#8211; das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme
+heller und fr&ouml;hlicher als heut hatte neben sich schwatzen h&ouml;ren, und
+<!-- Page 49 --><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49"> 49</a></span>
+leise Liebesworte plaudern&nbsp;... Er beobachtete hinter seiner Zeitung
+verborgen die mittelgro&szlig;e, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu
+Bett ging, mit den Sch&uuml;sselchen, die sonst von dem alten Fr&auml;ulein
+verteilt wurden.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&#8211; &#8211; Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt
+... wie h&uuml;bsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den
+hellen Augen &#8211; lieber Gott &#8211; nun sah sie aus wie irgend jemand&nbsp;...
+farblos &#8211; das war wohl heut die Formel f&uuml;r sie&nbsp;...</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte nicht das mindeste Bed&uuml;rfnis nach einer neuen
+Erkennungsszene &#8211; aber im Grunde war es ja vollkommen gleichg&uuml;ltig,
+und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn
+es einmal nicht zu umgehen war.</p>
+
+<p>Die Frau n&auml;herte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: &raquo;Das
+tut mir nun leid &#8211; f&uuml;r Sie habe ich nichts mehr.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50"> 50</a></span>
+&raquo;Der Herr liebt sowieso keine s&uuml;&szlig;en Speisen!&laquo; bemerkte bissig eine
+junge Pflegerin, die vor&uuml;berlief.</p>
+
+<p>Rolfers legte die Zeitung beiseite. &raquo;Die Schwester hat recht &#8211; machen
+Sie sich also keine Sorge,&laquo; sagte er h&ouml;flich und hielt die Frau, die
+an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen.
+&raquo;Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nichts Ernstes &#8211; nur eine Erk&auml;ltung,&laquo; antwortete die Frau.
+Ein Err&ouml;ten stieg ihr vom Hals hinauf, lief &uuml;ber Wangen und Stirn.
+Ihre Augen bekamen, w&auml;hrend sie Rolfers anschauten, einen hilflosen
+Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue
+zu fl&uuml;chten versuchte. Tr&auml;nen quollen empor, verh&uuml;llten die
+hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen
+Schleier, bis sie langsam &uuml;ber die Wangen niedertropften.
+</p>
+
+<p><!-- Page 51 --><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51"> 51</a></span>
+&raquo;&#8211; Ja, Martha,&laquo; sagte der Mann sanft, &raquo;so steht es nun mit mir.&laquo;</p>
+
+<p>Sie nahm hastig ihr Tuch und verh&uuml;llte ihr Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, setze dich, es ist nicht gerade n&ouml;tig, da&szlig; die Menschen auf uns
+merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm &#8211; Es ist lieb, da&szlig;
+das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht
+anders&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl,
+den sie ein wenig von seinem Bette fortr&uuml;ckte. Sie blickte ihn mit
+ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren R&auml;nder nun
+leicht ger&ouml;tet waren, aufmerksam an. &raquo;Hast du viel Schmerzen gehabt?&laquo;
+fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die
+sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 52 --><span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52"> 52</a></span>
+&lsquo;... Sie ist alt geworden,&rsquo; dachte er. &lsquo;Merkw&uuml;rdig, wie schnell das
+bei blonden Frauen geht. Wie die Z&uuml;ge sich ver&auml;ndern, alle festen
+Formen verlieren.&rsquo; &#8211; &#8211; &raquo;Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,&laquo;
+sagte er laut. &raquo;Aber das ist ja gleichg&uuml;ltig. Das Schlimmste ist
+&uuml;berstanden. &#8211; &#8211; Wie lebst du, Martha?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie immer &#8211; ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein
+Brot. Wird der Chef eingezogen, wei&szlig; ich freilich nicht, wie es gehen
+soll&nbsp;... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,&laquo;
+f&uuml;gte sie eilig hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Und der Junge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein gro&szlig;er Kerl &#8211; schon in Obertertia.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mich gefreut, da&szlig; du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich
+w&auml;chst er dir nicht zu sehr &uuml;ber den Kopf, qu&auml;lt dich
+<ins class="correction" title="Auslassungspunkt erg&auml;nzt">nicht&nbsp;...&laquo;</ins>
+</p>
+
+<p><!-- Page 53 --><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53"> 53</a></span>
+&raquo;O nein,&laquo; entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen
+begannen zu gl&auml;nzen. &raquo;Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge
+und begabt! Hat f&uuml;r alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.&laquo; Kaum
+h&ouml;rbar fl&uuml;sterte sie: &raquo;Ich bin dir dankbar, da&szlig; ich ihn aufs Gymnasium
+schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch nur selbstverst&auml;ndlich!&laquo; antwortete Rolfers ablehnend,
+seine Brauen zogen sich zusammen.</p>
+
+<p>Martha Lebus erhob sich sofort. &raquo;Ich mu&szlig; nun gehen,&laquo; sagte sie scheu,
+und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und
+mitleiderweckend. &raquo;Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers l&auml;chelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr
+bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden
+Frau.</p>
+
+<p><!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54"> 54</a></span>
+&raquo;Gewi&szlig;, Martha, das ist h&uuml;bsch. Komm nur!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte seine Hand gefa&szlig;t, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie
+zu dr&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen
+werde. Du findest mich allein, und wir k&ouml;nnen freier miteinander
+plaudern. Lebe wohl, Martha.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal.
+An der T&uuml;r blickte sie noch einmal zur&uuml;ck und nickte Rolfers zu. Er
+gr&uuml;&szlig;te mit der linken Hand.</p>
+
+<p>Die Klingel t&ouml;nte, die Besucher, m&auml;nnliche und weibliche, entfernten
+sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam
+das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der
+Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur allt&auml;glichen
+Ordnung zur&uuml;ck. Die meisten der Verwundeten waren m&uuml;de von
+<!-- Page 55 --><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55"> 55</a></span>
+den ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit
+geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.</p>
+
+<p>&lsquo;... Es scheint, da&szlig; ich noch einmal einen &Uuml;berblick
+&uuml;ber mein ganzes Leben bekommen soll,&rsquo; dachte er. &lsquo;Ob ich sie
+auf der Stra&szlig;e wiedererkannt h&auml;tte? Arme kleine Martha
+&#8211; Die Zeit ist doch grausam gegen die Frauen&rsquo;&nbsp;... Das war
+Jugend, als sie beide in dem kahlen verstaubten Atelier hausten, die
+unm&ouml;glichsten Gerichte auf dem Spirituskocher fabrizierten, im
+Sommer auf den Studienfahrten in den unm&ouml;glichsten Wirtschaften
+n&auml;chtigten&nbsp;... Die Winterabende, an denen man bis zum Morgengrauen
+mit den Freunden stritt, sich die K&ouml;pfe hei&szlig; und die Kehlen
+trocken redete &uuml;ber lauter Kunstfragen, die er heute
+bel&auml;chelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das
+so schlicht an ihrer schlanken M&auml;dchengestalt niederfiel, ging, von
+all dem
+<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56"> 56</a></span>
+Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel geh&uuml;llt, hin und
+wieder und legte Kohlen in das eiserne &Ouml;fchen, bis es rot gl&uuml;hte,
+oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus
+dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen
+Bewegungen, die ihn uns&auml;glich r&uuml;hrten. &#8211; &#8211; Wie vorsichtig sie
+heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu ber&uuml;hren&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">W</span>arum hatte er sie am Ende verlassen?
+Er konnte sich keiner bestimmten Ursache f&uuml;r den Bruch mehr
+erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein Bruch gewesen. Mehr ein
+Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner Entwicklung.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der
+sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht
+zur&uuml;ck zu ihr. Das Atelier als
+<!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57"> 57</a></span>
+Kinderstube eingerichtet &#8211; was er an
+ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerst&ouml;rt
+&#8211; all das Armselige, L&auml;cherliche einer Familienwirtschaft ohne Geld
+... Es graute ihm davor. &#8211; Er f&uuml;hlte sich nicht im mindesten reif f&uuml;r
+die Pflichten eines Vaters.</p>
+
+<p>Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es
+gelassen und nat&uuml;rlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verst&auml;ndigkeit
+zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gest&ouml;rt, die ihn leicht ein
+wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der
+D&auml;mon seiner Kunst herrschte immer st&auml;rker &uuml;ber ihn. &#8211; Die
+regelm&auml;&szlig;igen Zahlungen f&uuml;r den Jungen, die von ihm erh&ouml;ht wurden, als
+er besser verdiente, lie&szlig; er durch seinen Bankier &uuml;bermitteln. Er
+selbst wollte m&ouml;glichst wenig und selten an diese Jugendepisode
+gemahnt werden.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 58 --><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58"> 58</a></span>
+<span class="bigletter">M</span>artha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die
+er gerne h&ouml;rte. &#8211; Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, da&szlig; sie
+t&auml;glich am Nachmittag f&uuml;r einige Stunden bei ihm war, Auftr&auml;ge f&uuml;r ihn
+besorgte, Briefe f&uuml;r ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand
+ging. Sie tat dies alles in einer selbstverst&auml;ndlichen schlichten
+Weise, so da&szlig; es ihm nicht in den Sinn gekommen w&auml;re, ihre Dienste
+abzulehnen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sie nannte Richard oft und erz&auml;hlte diesen oder jenen Zug von dem
+Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und F&uuml;hlen besch&auml;ftigte
+sich mit ihm. Rolfers h&ouml;rte h&ouml;flich zu, ohne w&auml;rmere Anteilnahme zu
+zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht
+einmal mitbringen d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Die Frage ber&uuml;hrte ihn peinlich. &#8211; Sein Sohn? &#8211; Ein St&uuml;ck seiner
+eigenen Pers&ouml;nlichkeit zu einem fremden Leben erwacht?
+<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59"> 59</a></span>
+Keine Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine
+<ins class="correction" title="Original: &Uuml;berrraschung">&Uuml;berraschung</ins>
+pr&auml;gte ihn als ein neues Ereignis in sein
+Geschick. Er hatte ja immer gewu&szlig;t, da&szlig; da irgendwo ein Sohn
+von ihm lebe und von der Mutter sicherlich gut und t&uuml;chtig erzogen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung.
+Als er die traurige entt&auml;uschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur
+Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Martha &#8211; Kind &#8211; was hat es denn f&uuml;r einen Sinn? Der Junge wird kaum
+sehr freundliche Gef&uuml;hle f&uuml;r mich haben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darum eben dachte ich&nbsp;...,&laquo; stotterte sie verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Frauen denkt immer, das Unm&ouml;gliche geht &#8211; weil ihr es w&uuml;nscht.
+Wozu den armen Kerl qu&auml;len mit unangenehmen Situationen? Ja, &#8211; wenn
+er nie von mir geh&ouml;rt h&auml;tte&nbsp;...
+<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60"> 60</a></span>
+Aber er ist doch wohl alt genug, um
+sich bereits Gedanken &uuml;ber seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht
+&#8211; desto besser f&uuml;r ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neugierig schon&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier
+eines Buben zu befriedigen!&laquo; sagte Rolfers schroff.</p>
+
+<p>Martha lie&szlig; das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett
+bringen d&uuml;rfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich f&uuml;r die Linke
+zurecht und winkte ihm mit freundlichem L&auml;cheln zu beginnen.</p>
+
+<p>&lsquo;Jetzt h&auml;tten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tr&auml;nen und
+Vorw&uuml;rfen,&rsquo; dachte Rolfers. &lsquo;Ob das Leben sie so gleichg&uuml;ltig hat werden
+lassen? &#8211; Fr&uuml;her konnte sie doch genug Temperament aufweisen &#8211; Oder
+nennt man das nun weibliches Heldentum?&rsquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 61 --><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61"> 61</a></span>
+Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn
+ein D&auml;mon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller
+als sonst.</p>
+
+<p>&lsquo;So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel
+verfolgt,&rsquo; &uuml;berlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen
+die Gedanken ungest&ouml;rt nach allen Seiten wandern und Umschau halten
+konnten. &lsquo;Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich
+bin hilflos, pflegebed&uuml;rftig&nbsp;... Sie sieht, da&szlig; mir ihre Dienste nicht
+unangenehm sind&nbsp;... Wollte ich &uuml;berhaupt leben &#8211; warum dann nicht
+ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft &#8211; die
+schlie&szlig;lich dieselben W&uuml;nsche und Pl&auml;ne haben w&uuml;rde &#8211; und ohne ihre
+Berechtigung. Sie will mich einfangen &#8211; zweifellos &#8211; das Muttertier
+k&auml;mpft f&uuml;r ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden
+hat &#8211; tausendmal bewies
+<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62"> 62</a></span>
+sie es &#8211;, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit
+einfach erw&uuml;rgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege
+steht!&rsquo;</p>
+
+<p>Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne R&uuml;hrung nach. Es war eine
+gleichm&uuml;tig-philosophische R&uuml;hrung.</p>
+
+<p>Lieben kann sie mich kaum noch &#8211; so wenig, wie ich sie noch liebe.
+Das Aufflackern solcher Gef&uuml;hle, die einmal ausgesch&ouml;pft und ausgelebt
+wurden, kommt wohl &uuml;berhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite
+w&uuml;rde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu
+bef&uuml;rchten sein&nbsp;...</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te noch einmal eine m&ouml;gliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich
+einen Tag, der noch zu leben sei &#8211; ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den
+tiefen Rausch des Schaffens&nbsp;... zerlegte ihn in seine einzelnen
+Bestandteile und erkannte schaudernd, da&szlig; f&uuml;r solches im Jahre 365 mal
+sich wiederholendes Martyrium
+<!-- Page 63 --><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63"> 63</a></span>
+seine ethische Kraft bei weitem nicht ausreichen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Wie in das Gl&uuml;ck eines s&uuml;&szlig;en Bet&auml;ubungstrankes versanken seine Sinne
+in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angef&uuml;llt mit
+den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund
+gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des
+Vergehens &uuml;ber die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach
+Tod ergriff st&auml;rker als jemals sein ganzes Wesen und l&ouml;ste seine
+Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, sp&uuml;lte sie gleichsam hinweg,
+wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und
+versp&uuml;len, da&szlig; der Boden glatt, wei&szlig;, unber&uuml;hrt daliegt, wie am ersten
+Sch&ouml;pfungstag.</p>
+
+<p>Als Franz Rolfers am n&auml;chsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis
+aller Nachttr&auml;ume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt
+<!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64"> 64</a></span>
+kommen zu lassen und sein Testament aufzusetzen. Die H&auml;lfte dessen,
+was die wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte,
+sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen
+ein gut Teil in sich tragen mu&szlig;te, die Zukunft sichern, dem Jungen
+vor allem die M&ouml;glichkeit einer weiteren Ausbildung geben. &#8211;
+Die andere H&auml;lfte wollte er zu jeweiligen Unterst&uuml;tzungen an
+junge K&uuml;nstler von Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten,
+angelegt wissen. Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um
+so etwas wie Kunst in diesen wilden Zeitl&auml;uften ein ingrimmiges
+L&auml;cheln nicht unterdr&uuml;cken konnte.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">A</span>us solchen Erw&auml;gungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie
+das n&auml;chste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu
+einem Beruf zeige.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65"> 65</a></span>
+&raquo;Er wird Maler wie du,&laquo; antwortete sie ohne sichtliche Freude oder
+Abneigung.</p>
+
+<p>&raquo;Ein zeitgem&auml;&szlig;er Plan,&laquo; h&ouml;hnte Rolfers. &raquo;Waffenfabrikant soll er
+werden. Etwas anderes wird in den n&auml;chsten f&uuml;nfzig Jahren bei uns kaum
+in Ehren stehen. Nat&uuml;rlich hast du dem Bengel die Kateridee
+beigebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,&laquo; sagte Martha.</p>
+
+<p>Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: &raquo;Ihr Frauen seid
+unbegreifliche Gesch&ouml;pfe. Ich erinnere mich gut, da&szlig; du meine Kunst im
+Grunde immer ha&szlig;test &#8211; wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen
+konntest. Bei Gelegenheit brach&rsquo;s doch durch. Ganz elementar. War ja
+auch f&uuml;r dich eine fragw&uuml;rdige feindliche Macht. W&auml;re ich einfacher
+B&uuml;rger gewesen, h&auml;tte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben
+handelte&nbsp;... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art
+<!-- Page 66 --><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66"> 66</a></span>
+von sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm
+vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte
+Verst&auml;ndigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zw&ouml;lf
+Jahr&rsquo;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; vierzehn,&laquo; berichtigte sie mit zitterndem Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, so alt schon&nbsp;...? Ja &#8211; verzeih &#8211; ich habe Tage und Jahre
+niemals nachgez&auml;hlt!&laquo; Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit
+einem eigent&uuml;mlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick
+ernst und ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollten von dem Jungen sprechen,&laquo; sagte er nach einer Weile k&uuml;hl.
+&raquo;Du hast mir neulich angedeutet, da&szlig; er nicht gerade von liebevollen
+Gef&uuml;hlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht
+verdenken kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,&laquo;
+verteidigte sich Martha.</p>
+
+<p><!-- Page 67 --><span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67"> 67</a></span>
+&raquo;Das traue ich dir zu. Aber der Junge m&uuml;&szlig;te doch ein Schlappinsky
+erster G&uuml;te sein, wenn er nicht einen ehrlichen Ha&szlig; gegen mich h&auml;tte
+&#8211; Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle&nbsp;... Kennt er denn
+Bilder von mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Au&szlig;er der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei
+uns h&auml;ngt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie
+zu gehen und die &lsquo;D&uuml;ne im Sturm&rsquo; zu sehen, die sie dort von dir
+angekauft haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; dann verstehe ich aber noch weniger&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er will auch gar nicht Maler werden. Er ha&szlig;t alle K&uuml;nstler &#8211;
+&lsquo;verachtet&rsquo; sie, wie er sich ausdr&uuml;ckt. Er hat ja nie einen gesehen
+und gesprochen &#8211;,&laquo; f&uuml;gte sie mit einem kleinen Lachen ein&nbsp;... &raquo;Er
+will Jura studieren und Rechtsanwalt werden &#8211; weil er geh&ouml;rt hat,
+<!-- Page 68 --><span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68"> 68</a></span>
+die verdienten unter den Juristen am meisten Geld&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So so &#8211; also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er will dir dann die Kosten f&uuml;r seine Erziehung mit Zinsen
+zur&uuml;ckgeben, hat er mir gesagt,&laquo; antwortete die Mutter und reckte sich
+in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter! Das ist ungew&ouml;hnlich!&laquo; rief Rolfers verbl&uuml;fft.</p>
+
+<p>&raquo;Er will dir nichts zu verdanken haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Famos &#8211; famos! &#8211; Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken
+haben, was er mir nicht gut zur&uuml;ckgeben kann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, einen harten Willen hat er!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also &#8211; was ist&rsquo;s dann mit dem Gefasel von der K&uuml;nstlerschaft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden.
+Ich mu&szlig; dir einmal
+<!-- Page 69 --><span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69"> 69</a></span>
+seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du
+wenigstens sehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, tue das &#8211; morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,&laquo; rief
+Rolfers, und seine dunkeln Augen spr&uuml;hten Feuer.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">A</span>ls Martha am folgenden Tage mit der ungef&uuml;gen
+Mappe aus grauem Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem
+Erstaunen au&szlig;er Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er
+es zu tragen liebte, statt des blau- und wei&szlig;gestreiften
+Lazarettanzuges hatte er die feldgraue Uniform angelegt. Der rechte
+&Auml;rmel hing lose herab. Das Gesicht war noch schmaler als sonst, der
+feine Knochenbau des Kopfes erschien nur wie von ganz d&uuml;nner
+wachsgelber Haut &uuml;berzogen, unter der jede Form sich scharf und
+hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in einem Korbstuhl gesessen und
+erhob sich, als Martha nach
+<!-- Page 70 --><span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70"> 70</a></span>
+fl&uuml;chtigem Klopfen eintrat. Er
+kam ihr entgegen, ein L&auml;cheln auf den Lippen, ein freundliches
+Gl&auml;nzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in braunen
+Schatten liegenden Augen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Der Frau schossen die Tr&auml;nen unter die Wimpern. Sie f&uuml;hlte mit j&auml;her
+Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger,
+dem sie unpers&ouml;nlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat &#8211;
+der f&uuml;r sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer
+geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste
+Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>Sie stand rot und hei&szlig; und sch&auml;mte sich, denn es war ja das
+Unpassendste, was sie h&auml;tte tun k&ouml;nnen. Doch verstand er sie, und
+wenngleich das L&auml;cheln von seinem Gesicht verschwand und es noch um
+einen Schatten bleicher
+<!-- Page 71 --><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71"> 71</a></span>
+wurde, sagte er doch kein mahnendes oder
+bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als
+scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverst&auml;ndliches.</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du die Mappe,&laquo; sagte er, &raquo;das ist ja gut &#8211; ich hatte beinahe
+Furcht, der Bengel w&uuml;rde sie nicht herausr&uuml;cken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wei&szlig; gar nicht, da&szlig; ich sie nahm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So &#8211; desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster
+r&uuml;cken, bitte &#8211; da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich,
+mir die Bl&auml;tter zu geben. Danke &#8211; ja &#8211; so ist&rsquo;s gut. Das ist ja eine
+Menge! Flei&szlig;ig scheint er zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun
+die Mutter mit Fingern, die zuweilen nerv&ouml;s zitterten, vor ihn
+hinlegte. Kohle- und R&ouml;telzeichnungen,
+<!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72"> 72</a></span>
+dann ausgef&uuml;hrtere Aquarelle,
+auch einige Versuche in &Ouml;l. Landschaftsstudien, ein einzelner
+Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein St&uuml;ckchen &Auml;hrenfeld, ein
+toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu
+fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von
+Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in
+Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur
+in ein paar Linien f&uuml;r das Ged&auml;chtnis festgehalten.</p>
+
+<p>&raquo;Doll &#8211; ganz doll,&laquo; murmelte Rolfers ein paarmal. &raquo;Was der Kerl
+riskiert &#8211; eine unversch&auml;mte Keckheit &#8211;&laquo; Er sch&uuml;ttelte den Kopf,
+hielt ein Blatt lange vor sich hin. &raquo;Wieder mal recht kindlich &#8211;
+Dieses hier ist mi&szlig;lungen, &#8211; das auch, &#8211; das &#8211; &#8211; nee, wahrhaftig,
+er f&auml;ngt die Geschichte nochmals an&nbsp;... Armer Kerl, der mag sich
+innerlich gebost haben. &#8211; &#8211; Dies ist nun geradezu unglaublich&nbsp;&#8211;!
+<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73"> 73</a></span>
+Dieser Sinn f&uuml;r Raumverteilung &#8211; K&ouml;stlich &#8211; jetzt kommen wohl die
+Schulzeichnungen? So &rsquo;n ganz andres Kaliber! Na ja &#8211; hier schludert
+er richtig und macht so was f&uuml;r den Lehrer zurecht. <em class="antiqua">Ia</em>.
+Selbstverst&auml;ndlich! Schweinerei!&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete m&uuml;hsam mit der Linken eine
+&raquo;<em class="antiqua">4b</em>&laquo; neben die Schulnote.</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du nicht auch, da&szlig; er Talent hat?&laquo; fragte Martha zaghaft.</p>
+
+<p>Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.</p>
+
+<p>&raquo;Talent &#8211; Talent hat heut jeder Lausejunge &#8211; fragt sich, ob er den
+Charakter hat, ein K&ouml;nner zu werden!&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers zog zwei Bl&auml;tter aus den &uuml;brigen hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter &#8211; was ist denn hier &#8211; freie Phantasien&nbsp;...&laquo; Mit den
+Seitenstreifen
+<!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74"> 74</a></span>
+von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen die Unterschriften:
+&raquo;Der Schlafende&laquo; &#8211;&raquo;Der Erwachte&laquo;. In
+k&uuml;hnen kr&auml;ftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben
+leicht get&ouml;nt, zeigten sie eine ganz eigent&uuml;mliche und
+pers&ouml;nliche Technik. Eine Bank auf einer Anh&ouml;he unter einem
+Baum, der ungef&auml;hr eine Eiche vorstellen mochte. Hier sa&szlig; ein
+nackter Mann, einen alten ungef&uuml;gen Kavalleries&auml;bel &uuml;ber
+den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, in Schlaf versunken. Vor
+sich eine helle Landschaft, mit Obstb&auml;umen, gr&uuml;nen und gelben
+Feldern, einem zierlich ausgetuschten D&ouml;rfchen im Hintergrunde. Zur
+rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen kleine Gruppen von
+Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen, ein paar Kinder, die
+mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen, Soldaten spielten. Das
+zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft verfinstert
+
+<!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75"> 75</a></span>
+und wildverst&ouml;rt, das D&ouml;rfchen in gelb und roten Flammen,
+die Obstb&auml;ume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch
+das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom
+Sturm durchw&uuml;hlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer
+Silhouette mit m&auml;chtigem Schritt die Anh&ouml;he hinab, den S&auml;bel gewaltig
+schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme
+nach ihm aus.</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; &#8211; Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?&laquo; fragte
+Rolfers lebhaft&nbsp;... &raquo;Das ist ja famos! die Gel&ouml;stheit der Glieder im
+Schlaf &#8211; die Macht des Schreitens &#8211; das ist einfach verbl&uuml;ffend &#8211;
+die Majest&auml;t der aufgereckten Haltung &#8211; das soll erst mal einer von
+uns &Auml;lteren rauskriegen, was dem Bengel da gegl&uuml;ckt ist&nbsp;... Ha &#8211; hier
+kommen die Studien &#8211; wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also &#8211;
+die Badeanstalt!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 76 --><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76"> 76</a></span>
+&raquo;Ja &#8211; von dort kam er immer zu sp&auml;t heim &#8211; da hat er Stunden und
+Stunden verhockt &#8211; und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die
+Sachen entdeckte.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers vertiefte sich mit zusammengefa&szlig;ter Aufmerksamkeit in die
+Skizzen.</p>
+
+<p>&raquo;Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. &#8211; Na ja &#8211; Anatomie
+fehlt noch &#8211; aber die Auffassung der menschlichen Gestalt&nbsp;...
+merkw&uuml;rdig &#8211; h&ouml;chst merkw&uuml;rdig.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich lehnte er sich zur&uuml;ck und lachte herzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Der Bengel will Rechtsanwalt werden &#8211; richtig so &rsquo;ne ausgekl&uuml;gelte
+Chose&nbsp;&#8211;! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander
+bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verw&uuml;stung
+ab!&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Du &#8211; schade eigentlich, da&szlig; du ihm gesagt hast&nbsp;... w&uuml;&szlig;te er nicht,
+da&szlig; ich sein Vater bin, &#8211; den Kerl h&auml;tte ich gern zum Sch&uuml;ler
+<!-- Page 77 --><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77"> 77</a></span> gehabt
+&#8211; aus dem lie&szlig;e sich was machen&nbsp;... Teufel ja &#8211; das k&ouml;nnte mich
+reizen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Marthas Blick glitt &uuml;ber ihn hin &#8211; er f&uuml;hlte ihn, sah auf, traf den
+Ausdruck eines ersch&uuml;tterten Mitleids in ihren Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; Ja &#8211; du hast ja recht&nbsp;... ich hatte vergessen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Heftig stie&szlig; er den Stuhl zur&uuml;ck, sprang auf, schritt mit starken
+Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich pl&ouml;tzlich taumelnd auf
+den Bettrand, wei&szlig;, hohl&auml;ugig &#8211; mit gezerrten Z&uuml;gen, wie ein
+Sterbender anzuschauen.</p>
+
+<p>Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der N&auml;he stand. Er
+trank das Glas leer und belebte sich allm&auml;hlich wieder. Die Frau stand
+neben ihm und strich ihm zaghaft tr&ouml;stend &uuml;ber das Haar. Er lehnte den
+Kopf an ihren Arm, schlo&szlig; die Augen und murmelte: &raquo;Wie gut du bist.
+Aber geh jetzt
+<!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78"> 78</a></span>
+&#8211; ruf mir die Schwester &#8211; ich mu&szlig; mich hinlegen &#8211;man
+ist ja zu nichts mehr n&uuml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Marthchen &#8211; erholen&nbsp;... wozu&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>Er starrte in Gedanken vor sich nieder, w&auml;hrend sie die Bl&auml;tter wieder
+in die Mappe legte, die B&auml;nder zukn&uuml;pfte, ihren Hut aufsetzte, sich
+still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.</p>
+
+<p>&raquo;Sag&rsquo; dem Jungen vorl&auml;ufig nichts davon, da&szlig; ich die Zeichnungen
+gesehen habe,&laquo; sagte Rolfers, &raquo;wenn sich&rsquo;s tun l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht &#8211; obschon es ihn nat&uuml;rlich doch
+begl&uuml;cken w&uuml;rde &#8211; aber es war ja eigentlich ein
+Vertrauensbruch, da&szlig; ich sie ohne sein Wissen mitbrachte.&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, den Vertrauensbruch k&ouml;nnen wir verantworten,&laquo; sagte
+Rolfers.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 79 --><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79"> 79</a></span>
+<span class="bigletter">W</span>ieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und
+Stille ausgefochten werden mu&szlig;te und zu keinem Siege, zu keiner
+Klarheit f&uuml;hrte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in
+ihm, w&auml;hrend er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gef&uuml;hl
+der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf
+sich geladen hatte. Dar&uuml;ber kam er nicht hinweg. Er wu&szlig;te, da&szlig; er im
+gleichen Falle wieder genau so handeln w&uuml;rde, wie er gehandelt hatte.
+Aber das Wissen nahm das Schuldgef&uuml;hl nicht von ihm. Zwei M&auml;chte
+rangen um seine Seele &#8211; gleich an Kraft und gleich in ihrer
+unerbittlichen Forderung an den Menschen, mu&szlig;ten sie sich ewig
+feindlich einander gegen&uuml;berstehen: das Individuelle und das Soziale.
+&#8211; Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen
+verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der
+<!-- Page 80 --><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80"> 80</a></span>
+Steigerung seiner einen pers&ouml;nlichen Kunst willen, tausendmal zuvor
+am Sozialen ges&uuml;ndigt, hatte es tausendmal verneint &#8211; weil er
+an die ewige Herrlichkeit seiner G&ouml;ttin mit blindem Fanatismus
+geglaubt hatte&nbsp;... Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in
+gewaltiger Jugend und Sch&ouml;ne hinaus &uuml;ber alle Kriege,
+&uuml;ber alle blutr&uuml;nstigen Zerfleischungen und
+Wahnsinnsanf&auml;lle des Menschengeschlechtes &#8211; war sie nicht
+unverg&auml;nglicher als alle Vaterl&auml;nder und alle nationalen
+Ideen? Die Staaten zerfielen &#8211; die Rassen ver&auml;nderten sich
+und versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen
+Forderungen und Idealen &#8211; die Kunst l&auml;chelte ernst und heiter
+hinweg &uuml;ber sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben
+geborenes Kind begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben
+die Welt aufs neue zu erobern &#8211; die selbe Welt, in der ihre
+h&ouml;chsten<!-- Page 81 --><span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81"> 81</a></span>
+Offenbarungen r&uuml;cksichtslos zerstampft und verw&uuml;stet dem Sozialen zum Opfer fielen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Rolfers wu&szlig;te, warum er sterben wollte: In seiner v&ouml;lligen Opferung
+sah er einzig die S&uuml;hne f&uuml;r eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen
+m&uuml;ssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer
+einzigen Idee &#8211; der kann nicht mit zerkl&uuml;fteter Seele armselig dumpf
+sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten
+Krankenhaus, das angef&uuml;llt war bis unter das Dach mit den mannigfachen
+Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der
+ihn ganz verstanden h&auml;tte. Wohl ihnen, da&szlig; die soziale Kraft in ihnen
+allen so &uuml;berm&auml;chtig geworden war &#8211; wie h&auml;tten sie anders ihr
+Riesenwerk vollbringen k&ouml;nnen? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers
+unter ihnen wieder als der Einsame gef&uuml;hlt, der er immer gewesen.</p>
+
+<p><!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82"> 82</a></span>
+Nur heut war ein Funke in ihm aufgespr&uuml;ht, der eine fl&uuml;chtige
+leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem
+andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach
+hei&szlig;en oder nicht &#8211; gleichviel &#8211; da war ein Gesch&ouml;pf auf Erden, in
+dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartn&auml;ckige Wille lebte, der
+ihn erf&uuml;llte &#8211; ein Wille, den er aufstacheln, bewu&szlig;t machen, auf
+dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. &#8211; Und
+das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch
+geben?&nbsp;... Marthas Mitleid brannte ihn wie gl&uuml;hend Eisen, das sich
+tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft b&auml;umte
+sich auf gegen das Mitleid &#8211; in sich sp&uuml;rte er ein wildes Tier, das
+die Z&auml;hne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich
+mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes
+<!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83"> 83</a></span>
+Weib! Wie er sie ha&szlig;te, weil sie seine Schw&auml;che gesehen
+hatte! Wie sich die Flamme seines Lebenswillens von Minute zu Minute
+st&auml;rker entfachte, wenn er sich ihres barmherzig-wehmutsvollen
+Blickes erinnerte&nbsp;... Da &#8211; da &#8211; bei dem Knaben! Da war
+S&uuml;hnung und neuer Beginn! Er ahnte, da&szlig; in ihm das
+Unvereinbare zu verkn&uuml;pfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf dem
+er nicht selbst ein K&auml;mpfer in den ersten Reihen vorw&auml;rts
+schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer &#8211; Weiser
+&#8211; H&uuml;ter sein durfte &#8211; desto eigensinniger sein
+Verlangen, das Ungewohnte zu ertrotzen.</p>
+</div>
+
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">M</span>artha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren,
+da&szlig; Rolfers in den n&auml;chsten Tagen entlassen w&uuml;rde. Die
+Trennung stand vor der T&uuml;r, schneller, als sie es erwartet hatte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84"> 84</a></span>
+&raquo;Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?&laquo; so fragte sie
+beklommen, weil sie sich nicht st&auml;rker &uuml;ber seine Genesung zu freuen
+vermochte.</p>
+
+<p>&raquo;In Berlin? Auf keinen Fall!&laquo; antwortete Rolfers heftig. &raquo;Sich hier
+als Kr&uuml;ppel anstaunen zu lassen &#8211; nein, das w&auml;re das letzte, was ich
+ertragen k&ouml;nnte. Ich habe in Holstein so ein kleines H&auml;uschen &#8211;
+dorthin will ich mich verkriechen. Es geh&ouml;rte fr&uuml;her meinem Freunde
+P&ouml;tsch. Du hast ihn doch auch gekannt &#8211; den P&ouml;tsch, der die
+Moorbilder malte &#8211; immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht
+weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du
+nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht
+weiter mit deiner Malerei. Na &#8211; und daraufhin habe ich ihm die
+Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram,
+B&uuml;cher, Bilder und Skizzen
+<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85"> 85</a></span>
+sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar
+h&auml;lt mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau
+kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben.
+Ja &#8211; nun wollte ich dich bitten, den Brief an L&uuml;tjes zu schreiben,
+sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorr&auml;te
+anschaffen, damit wir&rsquo;s gem&uuml;tlich finden, wenn wir hinkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Martha blickte hastig auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich f&uuml;r eine Weile zu
+begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Junge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der kommt nat&uuml;rlich mit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er mu&szlig; doch in die Schule!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der n&auml;chsten Stadt ist ein Gymnasium. L&uuml;tje f&auml;hrt ihn hin, bis er
+die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor mu&szlig; in seinem
+Alter sein. Die Jungens k&ouml;nnen sich
+<!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86"> 86</a></span>
+zusammentun. Das w&auml;re kein Hinderungsgrund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das lie&szlig;e sich machen,&laquo;
+antwortete Martha &#8211; &raquo;Nur&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; Du hast mir neulich angedeutet,&laquo;
+sagte Rolfers bed&auml;chtig, &raquo;da&szlig;
+deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich mu&szlig; jemand
+haben, der mir hilft. Es ist doch auch gesch&auml;ftlich immerfort etwas zu
+erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische
+Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas
+&Auml;hnliches gedacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zuweilen habe ich daran gedacht,&laquo; gestand die Frau z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&raquo;Also! &#8211; Ohne Verbindlichkeiten f&uuml;r die Zukunft, so wenig von deiner
+wie von meiner Seite.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; rief Martha hastig. &raquo;Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht
+dazu entschlie&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87"> 87</a></span>
+&raquo;Sage mir offen deine Gr&uuml;nde &#8211; wir reden ruhig dar&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschr&auml;nktes Leben ist
+mir wert geworden. Ich mag&rsquo;s nicht aufgeben. Wie es war, war&rsquo;s
+harmonisch &#8211; friedlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. F&uuml;r
+Kampf bin ich nicht mehr gestimmt &#8211; wenigstens nicht f&uuml;r einen Kampf
+mit dir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Franz &#8211; das sagt man so. Nachher ist&rsquo;s doch anders. Jeder will
+etwas f&uuml;r sich und der andre wei&szlig; nichts davon und will das Gegenteil.
+Und so qu&auml;lt man sich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen eben nicht zu viel wollen &#8211; wir beiden Alten,&laquo; sagte
+Rolfers und l&auml;chelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig k&uuml;hl
+und sp&ouml;ttisch.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Jungen ist&rsquo;s anders. Der soll
+<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88"> 88</a></span>
+nur wollen! F&uuml;r ihn f&auml;llt doch manches Gute dabei heraus. Die
+neue Umgebung &#8211; Ein frisches St&uuml;ck Welt&nbsp;... Etwas sperren
+wird er sich anfangs&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,&laquo;
+antwortete Martha in gl&uuml;cklichem Mutterstolz.</p>
+
+<p>&raquo;Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,&laquo; sagte Rolfers. &raquo;Ein
+besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die gr&ouml;&szlig;ten
+P&auml;dagogen niemals angestrebt. Ich w&uuml;nsche dir Gl&uuml;ck dazu! &#8211; Nun
+wollen wir den Brief an L&uuml;tjes aufsetzen&nbsp;... Es sind zwei h&uuml;bsche
+Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie f&uuml;r dich und Richard
+herrichten! Pa&szlig; auf &#8211; es gef&auml;llt dir, mal wieder auf dem Lande zu
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird mir schon gefallen,&laquo; sagte Martha Lebus, und &uuml;ber ihr Gesicht
+verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89"> 89</a></span>
+<span class="bigletter">D</span>ie erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der
+Abreise in Berlin statt. Sie begr&uuml;&szlig;ten einander auf dem Bahnhof wie
+zwei Fremde, die durch &auml;u&szlig;ere Zuf&auml;lle gezwungen sind, miteinander zu
+verkehren. W&auml;hrend der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der
+hartn&auml;ckig aus dem Fenster schaute. Er lie&szlig; es ruhig geschehen, da&szlig;
+Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, &raquo;Herr
+Professor&laquo; oder &raquo;Herr Rolfers&laquo; nannte. Es widerstrebte ihm durchaus,
+Anspr&uuml;che auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine
+Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, g&auml;nzlich au&szlig;er acht
+gelassen hatte. Er h&auml;tte auch kaum gewu&szlig;t, wie er Vaterw&uuml;rde
+darstellen sollte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Zun&auml;chst entt&auml;uschte ihn Richards &Auml;u&szlig;eres ziemlich stark. Er hatte
+unwillk&uuml;rlich ein Abbild der eigenen Pers&ouml;nlichkeit erwartet, nur
+<!-- Page 90 --><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90"> 90</a></span> mit
+dem Reiz der Jugend neugeschm&uuml;ckt &#8211;: eine schlanke geschmeidige
+Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur
+eben mittelgro&szlig;, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch
+ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der
+etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute
+L&auml;cheln, das eigent&uuml;mlich sonnig zuweilen &uuml;ber sein stubenblasses
+Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergn&uuml;gen,
+da&szlig; er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise
+gef&auml;llig erwies. Das war ihm vorl&auml;ufig wertvoller, als h&auml;tte sich
+Richard ihm gegen&uuml;ber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den
+Stolz seiner Zur&uuml;ckhaltung.</p>
+
+<p>Bei der langen Schlittenfahrt &uuml;ber die sturmumsauste Landstra&szlig;e und
+sp&auml;ter durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und gesch&uuml;tzten
+Hohlwege, die Knicks der holsteinischen
+<!-- Page 91 --><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91"> 91</a></span>
+Gegend, weilte sein Auge doch
+h&auml;ufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm
+gegen&uuml;ber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportm&uuml;tze &uuml;ber
+die Ohren gezogen, auf dem schmalen R&uuml;cksitz das Gleichgewicht zu
+halten suchte, und sich nicht r&uuml;hrte, wenn dem Professor die
+sch&uuml;tzende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft
+werden mu&szlig;te. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig
+h&uuml;bschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen
+h&auml;tte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.</p>
+
+<p>&#8211; Ob das st&ouml;rrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in
+diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen z&auml;hen
+Kampf wird&rsquo;s kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn
+immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin w&uuml;rde man auch wissen, ob
+Deutschland in seinem Gigantenkampf
+<!-- Page 92 --><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92"> 92</a></span>
+Sieger bleiben w&uuml;rde. Ehe man nicht diese <em class="gesperrt">eine</em> von allen
+Gewi&szlig;heiten mit sich nehmen konnte, eher h&auml;tte man doch nicht
+von hinnen gehen k&ouml;nnen.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">S</span>o zog denn eine schweigsame Gesellschaft
+in das am Ende des Dorfesgelegene Landhaus. Seine Fenster blickten &uuml;ber
+einen schmalen Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von
+hohem Heckengestr&uuml;pp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie
+wei&szlig;e Blumen in dem d&uuml;rren Ge&auml;st. Das Haus wagte
+keineswegs den Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein
+niederes K&auml;tnerhaus mit einem h&ouml;heren, mehrere ger&auml;umige
+Zimmer und eine Glasveranda enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles
+&uuml;berwuchs, verband die beiden Geb&auml;ude zu gr&uuml;ner Einheit.
+Rolfers f&uuml;hrte Martha in die f&uuml;r sie bestimmten
+<!-- Page 93 --><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93"> 93</a></span>
+Zimmer und erg&ouml;tzte sich an ihrer durch Befangenheit
+schimmernde Freude &uuml;ber die h&uuml;bschen, behaglich eingerichteten R&auml;ume.
+Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und
+streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen
+Tannen, hohen Lebensb&auml;umen und immergr&uuml;nen Stechpalmengeb&uuml;schen.
+Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten,
+buntgefleckten Stamm und die sch&ouml;ngebaute Krone vornehm, ungehemmt in
+die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen
+Gem&uuml;sebeete, von gradlinigem, buchsbaumums&auml;umtem Weg durchschnitten.
+Hinter der abschlie&szlig;enden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das
+fr&uuml;here K&auml;tnerhaus barg nur die K&uuml;che und zwei Wohnr&auml;ume f&uuml;r das
+Ehepaar L&uuml;tje. Vor seiner niederen T&uuml;r gab es noch einen uralten
+moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits
+<!-- Page 94 --><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94"> 94</a></span>
+des Hofes fand er den Stall f&uuml;r
+das braune Pferd, f&uuml;r ein paar Schweinchen, f&uuml;r H&uuml;hner und Enten,
+deren Zucht das besondere T&auml;tigkeitsfeld der alten Frau mit dem
+schwarzen Tuch um den wei&szlig;en Scheitel und dem winzigen Z&ouml;pfchen am
+Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, w&auml;hrend Richard dort stand,
+mit einem Napf voll Futter f&uuml;r das Federvieh und nickte dem Jungen
+freundlich zu, w&auml;hrend er aufmerksam das eifrige Get&uuml;mmel der Hennen
+um die ausgestreuten K&ouml;rner beobachtete. In der Scheune stand zwischen
+Hafers&auml;cken, Zaumzeug und Gartenger&auml;tschaften ein leichtes
+Sommerw&auml;gelchen. L&uuml;tje putzte den Schlitten, der sie von der
+Bahnstation hergef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&#8211; &#8211; Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu
+einer &Uuml;bersiedelung in Rolfers&rsquo; Haus zu bewegen. Sie mu&szlig;te
+<!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95"> 95</a></span> sich
+fragen, ob sie ihren Einflu&szlig; auf ihn nicht bedeutend &uuml;bersch&auml;tzt habe.
+Er war emp&ouml;rt und z&uuml;rnte tief mit seiner Mutter, da&szlig; sie hinter seinem
+R&uuml;cken die alten Beziehungen wieder angekn&uuml;pft und sogar gepflegt
+hatte. Er nannte sie schwach und erb&auml;rmlich, von Rolfers auch nur ein
+St&uuml;ck Brot anzunehmen! Was&nbsp;&#8211;? sie sollten ihm so geradehin gehorchen,
+dem Manne, der sie schm&auml;hlich verlassen hatte, nun er sie herrisch
+wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte
+sich f&ouml;rmlich an zornigen h&ouml;hnischen Worten, &#8211; seine Mutter hatte ihn
+noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte
+ja ein m&auml;chtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die
+Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig
+sei, und vor der jede, aber auch jede pers&ouml;nliche Empfindlichkeit zu
+schweigen habe. Vor diesem Einwurf mu&szlig;te er
+<!-- Page 96 --><span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96"> 96</a></span>
+verstummen, hier lag der
+Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht l&auml;nger zu widersetzen.
+Keinesfalls wollte er sich aber durch die gr&ouml;&szlig;ere Bequemlichkeit der
+Lebensf&uuml;hrung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche
+Erb&auml;rmlichkeiten verf&uuml;hren lassen, aus herber Abgeschlossenheit
+herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa
+einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. &Uuml;brigens
+handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde
+als l&auml;stiges Anh&auml;ngsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich
+emp&ouml;rend. Er beobachtete Rolfers mi&szlig;trauisch, konnte aber nichts
+andres bemerken als eine gleichm&auml;&szlig;ige H&ouml;flichkeit im Betragen gegen
+die Mutter. Donnerwetter, w&auml;r&rsquo;s anders gewesen, er war zu manchem
+f&auml;hig und h&auml;tte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es
+w&uuml;rgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha
+<!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97"> 97</a></span>
+dem Mann mit liebevoller Demut diente &#8211; ihm hilfreich zur Hand
+ging, ihm das Fleisch zubereitete, das Obst sch&auml;lte, den Wein
+einschenkte. Durch diese innerliche Wut best&auml;rkte Richard sich dann
+wieder recht in dem Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den
+guten Speisen, die ihm vorz&uuml;glich schmeckten, nie zum zweitenmal zu
+nehmen, &uuml;berhaupt nur gerade soviel, wie er notd&uuml;rftig
+gebrauchte, zu essen. Leicht wurde ihm das nicht immer, denn die starke
+Luft dieses zwischen zwei Meeren gelegenen Landstriches brachte ihm
+einen ungeahnten gesunden Appetit, und der Professor wie die Mutter
+waren so grausam, ihm noch t&uuml;chtig zuzureden.</p>
+
+<p>Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl l&auml;ndlich
+einfach, doch mit selbstverst&auml;ndlichem k&uuml;nstlerischen
+Geschmack eingerichtet waren und manches merkw&uuml;rdige St&uuml;ck an
+volkst&uuml;mlichen Schnitzereien und
+<!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98"> 98</a></span>
+Webearbeiten, an seltsamen alten B&uuml;chern und
+fremdl&auml;ndischen Gegenst&auml;nden enthielten. Hundertmal wollte ihm eine
+Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit
+der Dinge &uuml;ber die Lippen springen und er mu&szlig;te energisch die Z&auml;hne
+zusammenbei&szlig;en, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es
+immer, wenn am fr&uuml;hen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die
+altert&uuml;mliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und L&uuml;tje geschickt
+wurde oder er selbst dahin st&uuml;rmte, die neuen Zeitungen zu holen, und
+er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte &uuml;ber all die
+ungeheuren Taten, die drau&szlig;en geschahen, sondern so stumm und abseits
+stehen mu&szlig;te. Es war schon mit solchen Gel&uuml;bden eine bittere Sache!</p>
+
+<p>Dann wieder sagte er sich, da&szlig; er sich mit dem Manne doch nie
+verstehen w&uuml;rde. F&uuml;r einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
+<!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99"> 99</a></span>
+zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichg&uuml;ltigkeit, die den
+Jungen emp&ouml;rte. Er konnte, wenn be&auml;ngstigende oder glorreiche
+Nachrichten kamen, die gedruckten Bl&auml;tter schweigsam beiseite legen
+und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren.
+Das war dem Jungen unheimlich.</p>
+
+<p>Am liebsten trieb er sich drau&szlig;en im Garten und Hof, in Stall und
+Scheune herum. Da fand er eine h&ouml;chst anziehende Welt. Mit dem alten
+L&uuml;tje hatte er sich schnell angefreundet und lie&szlig; sich von ihm nicht
+nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im F&uuml;ttern und
+Aufz&auml;umen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem
+Ziehbrunnen, schaute, von M&auml;rchenschauern durchstr&ouml;mt, in seine enge
+dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise gl&auml;nzte, und lachte,
+wenn der hohe ungef&uuml;ge Schwengel bewegt und die vor Alter
+kohlschwarzen Ledereimer an
+<!-- Page 100 --><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100"> 100</a></span>
+einem Strick herabgelassen wurden, um
+gef&uuml;llt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das
+Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als k&auml;me es aus dem
+geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und tr&uuml;ge etwas von Urkraft
+in sich. &#8211; Es war ihm t&auml;glich ein neues Entz&uuml;cken, fr&uuml;h im Dunkelgrau
+des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu
+schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Z&uuml;gelf&uuml;hrung zu
+lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu
+schnellster Gangart anzuspornen und mit einem k&uuml;hnen Bogen vor der
+altert&uuml;mlichen Wirtschaft des St&auml;dtchens vorzufahren, wo die Liese
+untergestellt wurde, w&auml;hrend er selbst sich den Wissenschaften
+zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten
+Wissensw&uuml;rdige von allen guten Dingen der Erde d&uuml;nkten. Auch die
+Schuljungen langweilten ihn. Mit der
+<!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101"> 101</a></span>
+schweren verschlossenen, etwas
+hinterh&auml;ltigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und
+Gutsbesitzers&ouml;hne wu&szlig;te er nicht viel anzufangen. An
+Lebenserkenntnissen war er ihnen weit voran. Machte er eine Bemerkung,
+die ihm selbstverst&auml;ndlich schien, so begriffen sie ihn gar nicht,
+steckten hinter seinem R&uuml;cken die K&ouml;pfe zusammen und lachten. Auch
+wenn er begeistert neu entdeckte, was ihnen Altgewohntes war, und es
+nun pl&ouml;tzlich von einer ganz andern Seite beleuchtete und betrachtete,
+die ihnen gesucht und sonderbar vorkam. Hellauf loderte seine Freude
+an allem, was sich bewegte, wuchs, lebendig war in Tier- und
+Pflanzenwelt. Er konnte versunken stehen und den gefleckten K&uuml;hen
+nachschauen, die am Morgen durch die stillen Stadtstra&szlig;en getrieben
+wurden, und dar&uuml;ber den Schulanfang vers&auml;umen. Er brachte am liebsten
+selbst jeden Tag den Schweinen das Futter und sah
+<!-- Page 102 --><span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102"> 102</a></span>
+ihre gierigen R&uuml;ssel w&uuml;hlen. Er starrte mit einer
+Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten Augen in das faltige
+scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, da&szlig; der Alte verlegen und
+ge&auml;rgert sich brummend umwandte, als k&ouml;nne dieser Knabenblick
+ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf unbegreifliche Weise ans
+Licht bringen, wieviel Geld er auf der Sparbank liegen hatte, oder sonst
+Dinge ergr&uuml;nden, die nicht jeder zu wissen brauchte.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">R</span>olfers h&ouml;rte im Nebenzimmer oft mit Vergn&uuml;gen auf die frische
+Stimme, die so &uuml;bersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen
+unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und
+Kurioses begegnet war. Er h&uuml;tete sich, die beiden durch sein
+Erscheinen zu j&auml;hem Verstummen zu bringen. Es war ihm
+Bed&uuml;rfnis, viel allein zu
+<!-- Page 103 --><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103"> 103</a></span>
+sein, die Schmerzen, die ihn noch h&auml;ufig plagten, mit sich
+selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben,
+ohne seine st&ouml;rende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden.
+Das mu&szlig;te wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige
+Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu
+anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ihn, der keineswegs Anlage zu Gef&uuml;hlsseligkeit hatte, bewegte es
+dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen
+Gesch&auml;ftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am
+wenigsten in dieser Gegend zur H&ouml;flichkeit neigen, beim Anblick seines
+leer niederh&auml;ngenden &Auml;rmels mit linkischer Ehrfurcht die M&uuml;tzen zogen.
+Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vor&uuml;berging, oder
+sprangen herzu, ihm hilfreich eine T&uuml;r, ein Gatter zu &ouml;ffnen. Frauen
+<!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104"> 104</a></span>
+traten n&auml;her, fragten, wo er sich &raquo;das&laquo; geholt &#8211; und &raquo;Ihrer&laquo;
+sei auch dabei, und wann er meine, da&szlig; der Friede k&auml;me, als
+habe die Tatsache seiner Verwundung gen&uuml;gt, ihn mit hellseherischen
+Kr&auml;ften auszur&uuml;sten. Andre brachten ihm die letzten
+&Auml;pfel, die ersten frischen Eier ins Haus oder ein altes Huhn zu
+einer kr&auml;ftigen Fleischbr&uuml;he. Rolfers hatte niemals viel
+Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt &#8211; er hatte vor allem frei und
+unbel&auml;stigt in seinem H&auml;uschen leben wollen &#8211; er
+wu&szlig;te auch jetzt gut genug, da&szlig; diese Zeichen von Liebe und
+Freundlichkeit kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen
+Empfinden der Dankbarkeit gegen die Sch&uuml;tzer des Vaterlandes
+gegeben wurden. Dennoch taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn
+fester mit den Menschen, die um ihn her unter den alten
+gr&uuml;nbemoosten hohen Strohd&auml;chern
+wohnten. Sein Gru&szlig; wurde herzlicher. Hier
+<!-- Page 105 --><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105"> 105</a></span>
+und da blieb er selbst stehen, mit den Alten, die auch die S&ouml;hne an
+der Front hatten, eine Zwiesprache anzukn&uuml;pfen, nach Briefen zu
+fragen, Erkl&auml;rungen zu geben, soweit er es vermochte,
+Nachforschungen &uuml;ber Verwundete und Vermi&szlig;te in die richtigen
+Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, f&uuml;hlte er sich unter
+Freunden, und es bedr&uuml;ckte ihn nachgerade mit einer
+unertr&auml;glichen Spannung, da&szlig; der eigene Sohn in ihm nur den
+&raquo;Feind&laquo; zu sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards
+unfreundliches und kaltes Wesen, was ihn bek&uuml;mmerte, sondern
+vielmehr die Unf&auml;higkeit des Jungen, sich aus dem Pers&ouml;nlichen
+zu einer h&ouml;heren und st&auml;rkeren Anschauungswelt aufzuschwingen.</p>
+
+<p>Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer
+Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das
+Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann
+<!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106"> 106</a></span>
+kam seine Verwundung mit dem hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des
+Ortes. Rolfers glaubte die Angelegenheit l&auml;ngst vergessen und tat
+auch keine Schritte, sie wieder in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm
+das Kreuz durch den Oberst seines Regimentes im Auftrage des Generals
+doch noch &uuml;bersandt. Er ging hin&uuml;ber in das gemeinsame
+E&szlig;zimmer, wo er Martha und Richard h&ouml;rte, um der Frau das
+Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm das schwarzwei&szlig;e
+B&auml;ndchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wu&szlig;te er genau, er
+tat dies nur f&uuml;r den Knaben.</p>
+
+<p>Richard kam n&auml;her, nahm das Kreuz, w&auml;hrend es auf dem Tisch lag, in
+die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann
+wieder hin, warf einen scheuen gl&auml;nzenden Seitenblick auf Rolfers und
+besch&auml;ftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.</p>
+
+<p><!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107"> 107</a></span>
+&raquo;Du bist doch ein rechter Stoffel,&laquo; schalt Martha. &raquo;Kannst du nicht
+dem Onkel Gl&uuml;ck w&uuml;nschen?&laquo; Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung f&uuml;r
+die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.</p>
+
+<p>&raquo;Na, das hat doch beinahe jeder,&laquo; knurrte der Junge als Antwort. &raquo;Was
+ist denn da weiter dabei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein &#8211; ich mu&szlig; mich ja f&uuml;r
+dich sch&auml;men,&laquo; rief die Mutter und hatte Tr&auml;nen in der Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; nur Martha,&laquo; sagte Rolfers ruhig. &raquo;Er hat ja ganz recht. Es ist
+wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, da&szlig; man seine
+Pflicht getan hat. Man hat noch andre.&laquo;</p>
+
+<p>Richard zog die Mundwinkel ver&auml;chtlich herab. Er hatte sicher
+erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers&rsquo; Mund &uuml;ber das Eiserne Kreuz
+zu h&ouml;ren, hatte sich bereits innerlich dagegen
+<!-- Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108"> 108</a></span>
+gewappnet, und es kr&auml;nkte ihn, da&szlig; nun nichts dergleichen kam.</p>
+
+<p>&raquo;Der Kerl hat nat&uuml;rlich nicht das mindeste patriotische Gef&uuml;hl,&laquo; so
+ging es durch des Knaben Hirn. &raquo;Pfui, wie widerw&auml;rtig ist mir diese
+herablassende K&auml;lte!&laquo;</p>
+
+<p>Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund L&uuml;tje, die T&uuml;r mit
+betr&auml;chtlichem Knall zuschlagend.</p>
+
+<p>Rolfers trat neben die Mutter und strich leise &uuml;ber ihr Haar. Es war
+die erste sanfte Ber&uuml;hrung, seit sie zusammen hausten.</p>
+
+<p>&raquo;Geduld, Kind,&laquo; sagte er. &raquo;Schnell gehen solche Eroberungen niemals.
+Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefa&szlig;t
+gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den
+Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.&laquo;</p>
+
+<p>Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem
+Zusammenleben nicht
+<!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109"> 109</a></span>
+weichen wollte. Es hatten sich eine F&uuml;lle von
+Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Bl&uuml;te
+kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Bef&uuml;rchtungen.
+War es nicht tausendmal gem&uuml;tlicher gewesen, als sie und ihr Junge in
+der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fr&ouml;hlich hausten und sich
+lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung
+dem Manne &#8211; und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben &#8211; gebracht hatte,
+nun f&uuml;r Fr&uuml;chte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu
+erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten,
+was sie f&uuml;r Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er
+schien sehr gen&uuml;gsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in
+der langen Zeit ihrer Trennung.</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau,
+gegen die er
+<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110"> 110</a></span>
+viele und zarte gesellschaftliche R&uuml;cksichten zu nehmen
+hatte? Dem&uuml;tigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine
+Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach r&uuml;ckhaltlos mit ihr
+&uuml;ber alle seine gesch&auml;ftlichen und pekuni&auml;ren Angelegenheiten. Aber
+daneben &uuml;bte er sich doch fortw&auml;hrend im Schreiben mit der linken
+Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem
+geliebten Wesen endlich die erw&uuml;nschten Nachrichten von sich selbst
+ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?</p>
+
+<p>Hatte er in dem h&uuml;bschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem
+sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche
+Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wu&szlig;te davon&nbsp;... die wei&szlig;haarige
+Frau in dem Blaudruckkleide, die in der K&uuml;che mit dem Geschirr
+klapperte, h&auml;tte ihr Auskunft geben k&ouml;nnen. Aber es w&auml;re Martha Lebus
+<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111"> 111</a></span>
+eine Unm&ouml;glichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers&rsquo; Leben in
+der Zwischenzeit, seitdem er sie verlie&szlig;, geh&ouml;rte ihm, &#8211; wie ihr das
+ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere M&auml;nner ihr nahegetreten
+waren. Es kr&auml;nkte Martha, da&szlig; er davon nichts wissen wollte. Warum
+eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn
+es ihm gleichg&uuml;ltig war?</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">I</span>m Oberstock des Hauses hatte schon der fr&uuml;here Besitzer ein
+ger&auml;umiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es
+verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die
+Treppe, die nach oben f&uuml;hrte, betreten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Eines Nachmittags in der Schneed&auml;mmerung brachte der Fuhrmann zwei
+Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung
+zur&uuml;ckgesandt wurden. L&uuml;tje schleppte
+<!-- Page 112 --><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112"> 112</a></span>
+sie hinauf und rief Richard zu, sich den Schl&uuml;ssel zum Atelier von
+Herrn Rolfers geben zu lassen und ihm die T&uuml;re zu &ouml;ffnen. So
+betrat Richard die Werkstatt seines Vaters &#8211; zum erstenmal sah er
+die Werkstatt eines K&uuml;nstlers.</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;tje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?&laquo; fragte Martha.</p>
+
+<p>&raquo;Nee, der Richard ist noch oben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott &#8211; so lange&nbsp;... Ich will doch gleich&nbsp;... Hoffentlich gibt
+er keinen Unfug an!&laquo; rief sie besorgt.</p>
+
+<p>&raquo;Nee &#8211; Unfug macht er nich &#8211; der guckt sich blo&szlig; die Bilder an,&laquo;
+brummte L&uuml;tje.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; ihn,&laquo; entschied Rolfers.</p>
+
+<p>&raquo;Er kann ja gar nichts mehr sehen &#8211; willst du nicht doch
+hinaufgehen?&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in
+den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.</p>
+
+<p><!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113"> 113</a></span>
+Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die T&uuml;r zu
+gehen und hinauszurufen:</p>
+
+<p>&raquo;Richard, wo steckst du? Komm zu mir!&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck f&uuml;r
+einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen &#8211; und g&ouml;nnst ihm das
+nicht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich &auml;ngstige mich, er k&ouml;nnte etwas fallen lassen oder verderben&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn schon &#8211; was liegt daran&nbsp;... Sehen m&ouml;chte ich ihn &#8211; sein
+Gesicht &#8211; wie er da herum geistert&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die
+Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern ger&uuml;hrt. Sonst hatte
+ihr Richard stets gehorcht&nbsp;...</p>
+
+<p>Nach einer Weile h&ouml;rten sie ihn vorsichtig
+<!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114"> 114</a></span>
+die Treppe hinuntertappen, durch den Flur schleichen, die Haust&uuml;re
+aufklinken.</p>
+
+<p>&raquo;Er sollte doch zum Tee kommen,&laquo; bemerkte die Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen &#8211; la&szlig; ihn laufen, er soll
+mit sich allein sein.&laquo; Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und
+blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich,
+um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder
+ins Zimmer zur&uuml;ckschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angez&uuml;ndet
+hatte, gl&auml;nzten seine Z&uuml;ge warm und freudig.</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein
+Museum kam &#8211; meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die
+Stadt und ging mit mir hinein! &#8211; Wie besoffen bin ich vier Tage lang
+herumgelaufen &#8211; kriegte Tadel &uuml;ber Tadel in der Schule, weil ich
+nicht aufpa&szlig;te &#8211; ja &#8211; ich
+<!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115"> 115</a></span>
+wei&szlig; noch &#8211; ein kolossaler Schinken von
+Rubens mit so &rsquo;nem springenden L&ouml;wenbiest und einer fetten
+Frauensperson &#8211; der &uuml;berw&auml;ltigte mich ganz und gar &#8211; jetzt finde ich
+ihn scheu&szlig;lich &#8211; es war einfach die Kraft, die &Uuml;ppigkeit, die mich da
+so anschrie&nbsp;...&laquo; Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine
+Jugenderinnerungen vertiefte. &raquo;Damals ging mir&rsquo;s zuerst auf, da&szlig; ich
+Maler werden m&uuml;sse&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha fragte weiter und lie&szlig; sich erz&auml;hlen, w&auml;hrend sie
+ihn mit Tee versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren
+immer ihre liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet
+&#8211; es geschah schon fr&uuml;her selten genug und war allemal ein
+Zeichen von besonders guter Stimmung. Pl&ouml;tzlich kam ein Punkt, wo
+die Gegenwart sich wieder unerbittlich, gespenstisch vor die heitere
+tatenfrohe Vergangenheit schob. Und
+<!-- Page 116 --><span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116"> 116</a></span>
+der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen
+Rauchdunst eingeh&uuml;llt, und tr&auml;umte von unwiederbringlichem Gl&uuml;ck
+ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem
+Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie h&ouml;rte, stiegen
+Farben empor, f&uuml;gten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als
+Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie
+zusammen zu Entw&uuml;rfen. &#8211; &#8211; Rolfers blickte ihnen nach, wie sie
+entstanden und m&auml;hlich zerrannen&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">D</span>er Professor gab L&uuml;tje den Auftrag, den Atelierraum
+zu heizen. Nach dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu
+Richard:</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Die Bilder m&uuml;ssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst
+nachher mit hinaufkommen und mir helfen.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117"> 117</a></span>
+Das Gespr&auml;ch beschr&auml;nkte sich auch oben in dem verstaubten, mit
+Skizzen, Zeichnungen beh&auml;ngten, mit beiseite gestellten Leinw&auml;nden,
+mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien
+vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab.
+Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an
+den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick f&uuml;r alle
+Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung
+schrie.</p>
+
+<p>Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hie&szlig; er ihn, es auf
+eine Staffelei stellen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist unser Moor,&laquo; sagte der Junge erfreut.</p>
+
+<p>&raquo;Woran erkennst du&rsquo;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nu &#8211; hier doch, die gro&szlig;e Eberesche und der Torfgraben. Das mu&szlig; fein
+sein, wenn die Heide so bl&uuml;ht.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118"> 118</a></span>
+&raquo;&#8211; &#8211; Ja &#8211; von einer tollen Farbigkeit &#8211; das Braun des Bodens steht
+famos zu dem Purpur der Bl&uuml;tenfl&auml;che. In manchem Jahr ist sie auch
+blasser &#8211; lila &#8211; Die Luftt&ouml;ne sind hier immer so schwer und satt &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das m&ouml;chte ich sehen&nbsp;...,&laquo; rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an
+dem Bilde hingen.</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du schon mit der Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Torfstecher&nbsp;... das ist ja der alte Timme &#8211; in dem H&auml;uschen, wo
+das viele Moos auf dem Dache w&auml;chst &#8211; der sitzt immer so d&ouml;sig vor
+der T&uuml;r&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; d&ouml;sig ist er &#8211; hat &rsquo;en Blick wie ein altes Tier, das eben aus
+&rsquo;m Moor rausgekrochen ist. Warte mal, &#8211; irgendwo m&uuml;ssen hier herum
+die Studien zu dem Bild sein &#8211; daraus kannst du sehen, wie so was
+wird.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 119 --><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119"> 119</a></span>
+Der Junge stand verlegen, w&auml;hrend Rolfers in den Mappen bl&auml;tterte.
+Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den gro&szlig;en Tisch zu tragen.
+Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus &#8211; erkl&auml;rte, sprach &uuml;ber seine
+Pl&auml;ne, Versuche, er&ouml;rterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie,
+&uuml;ber Raumverteilung und Perspektive &#8211; &uuml;ber k&uuml;nstlerische Abgrenzung
+als Geschmacksfrage&nbsp;... Er dachte kaum noch daran, da&szlig; er einen Knaben
+vor sich hatte, dem das alles b&ouml;hmische D&ouml;rfer sein mu&szlig;ten. Er redete
+geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von
+herangewachsenen Akademiesch&uuml;lern gesprochen haben w&uuml;rde. Dabei ging
+er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausf&uuml;hrungen an dem
+Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnf&auml;lligen
+Beispielen.</p>
+
+<p>&raquo;Interessierst du dich eigentlich f&uuml;r diese Dinge?&laquo; fragte er, sich
+unterbrechend.</p>
+
+<p><!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120"> 120</a></span>
+Der Junge nickte eifrig.</p>
+
+<p>Rolfers l&auml;chelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen
+haben k&ouml;nnen &#8211; wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und
+Z&auml;rtlichkeit, seine Umarmung, seine K&uuml;sse erwartend. Sonderbar, wie
+tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden&nbsp;...</p>
+
+<p>Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben
+h&ouml;rte, scheu und heiser vor Erregung:</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte Ihnen mal was zeigen &#8211; na &#8211; es ist nischt &#8211; ich wei&szlig;
+schon&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also &#8211; hol&rsquo;s und dann werden wir sehen!&laquo;</p>
+
+<p>Er scho&szlig; unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vor&uuml;ber: &raquo;Du &#8211;
+er will meine Skizzen sehen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah die leuchtende Geistessch&ouml;nheit, die das junge Gesicht
+durchgl&uuml;hte &#8211; nein so &#8211; so hatte sie ihren Jungen nie vorher
+geschaut.</p>
+
+<p><!-- Page 121 --><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121"> 121</a></span>
+Ein Schmerz, der sie v&ouml;llig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis
+in die Fingerspitzen.</p>
+
+<p>Warum lie&szlig; ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie
+voller Ha&szlig;.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">N</span>un wurde Richard der Sch&uuml;ler seines Vaters. Der war ihm ein harter
+Lehrer. Oft h&auml;tte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber
+vertr&auml;umt, verbummelt, w&auml;re ziellos im Dorf und in der Umgegend
+herumgestreift. Das gab&rsquo;s nicht mehr. Die karge Zeit, die von den
+Schulpflichten &uuml;brigblieb, mu&szlig;te ausgen&uuml;tzt werden. Das Schlimmste f&uuml;r
+Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten,
+Pinsel und Farben beiseite lassen &#8211; nur zeichnen, mit Kohle, mit
+R&ouml;tel, mit Bleistift &#8211; aber immer nur zeichnen. Das fand er
+dem&uuml;tigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen
+<!-- Page 122 --><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122"> 122</a></span> auf
+und bereute oft genug, da&szlig; er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen
+lie&szlig;. Es war ein liebes Tr&auml;umen und Versuchen gewesen bisher, ein
+Ausf&uuml;llen von Mu&szlig;estunden. Was arbeiten hei&szlig;en wollte, lernte er jetzt
+erst.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Beim Durchbl&auml;ttern seiner fr&uuml;heren Skizzen hatte er eines Tages die
+m&uuml;hselig hingekritzelte &raquo;4&laquo; auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt
+und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine
+Arbeiten also schon fr&uuml;her gesehen&nbsp;... Na ja &#8211; die Mutter hatte es
+wohl nicht lassen k&ouml;nnen, mit ihm zu renommieren.</p>
+
+<p>Aber wie war denn das &#8211; sollte etwa doch das Interesse an seinen, an
+Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine
+Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre
+Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende
+<!-- Page 123 --><span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123"> 123</a></span>
+die Bemerkung des Professors: &raquo;Merke dir eins, mein Junge &#8211;
+beleidigen k&ouml;nnen mich deine Ungezogenheiten gar
+nicht&nbsp;&#8211;! Es kommt weder auf dich noch auf mich bei unserm
+Zusammenleben an &#8211; sondern nur deine Ausbildung ist von
+Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche &#8211; nicht der
+einzelne Mensch und seine Gef&uuml;hle oder Stimmungen!&laquo;</p>
+
+<p>Solche Ausspr&uuml;che &auml;rgerten Richard w&uuml;tend und er nahm sich dann erst
+recht vor, seinen Ha&szlig; und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen
+Herzenskammer sorgf&auml;ltig aufzuheben.</p>
+
+<p>Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum
+eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er,
+Richard, doch nie ein Meister werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht
+zufrieden
+<!-- Page 124 --><span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124"> 124</a></span>
+war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen
+von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit &#8211; machte
+ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten &#8211;
+manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie
+es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente
+sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen,
+an der Nachl&auml;ssigkeit gegen&uuml;ber dem Handwerklichen. Er konnte
+hinrei&szlig;end sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann h&ouml;rte Richard ihm
+mit gl&uuml;hendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in
+ihm auf.</p>
+
+<p>Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch
+einmal mit Schnee und Frost &uuml;bers Land gekommen war, sa&szlig;en sie mit
+Mappen und Bl&auml;ttern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so
+<!-- Page 125 --><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125"> 125</a></span>
+heftig durch die gro&szlig;en Atelierfenster gepfiffen hatte, da&szlig; sie beide
+vor K&auml;lte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte
+Torfst&uuml;cke in den gro&szlig;en Kachelofen oder strickte graue
+Soldatenstr&uuml;mpfe, die Besch&auml;ftigung aller deutschen Frauen und
+M&auml;dchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu m&uuml;ssen im
+feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle W&auml;nde
+drang, und mit den M&auml;usen, die ihr &uuml;ber die F&uuml;&szlig;e liefen. Sonst hatte
+sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche,
+das Gespr&auml;ch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer
+f&uuml;hlte, heftig und nachdr&uuml;cklich zur&uuml;ck. Martha wurde innerlich
+ersch&uuml;ttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, da&szlig;
+Richard r&uuml;cksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja
+geradezu den Ton des Professors nach. &Uuml;brigens t&auml;uschte sie sich,
+Richard war immer
+<!-- Page 126 --><span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126"> 126</a></span>
+ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter
+ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es
+wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und h&auml;tschelte, wie
+man ein kleines schwaches Kindchen h&auml;tschelt. Er hatte schon fr&uuml;h
+diesen m&auml;nnlich beh&uuml;tenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein
+wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so
+deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Fr&uuml;her war in ihr nur
+R&uuml;hrung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft
+bitteren &Auml;rger.</p>
+
+<p>So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige
+Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder
+&uuml;bers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: &raquo;Was lacht ihr?&laquo; und
+Richard sagte verschmitzt: &raquo;Ach, Mutti, das ist nur was f&uuml;r M&auml;nner!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 127 --><span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127"> 127</a></span>
+Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, da&szlig; Rolfers Sinn hatte f&uuml;r
+Schulgeschichten mit derber und meistens unanst&auml;ndiger Pointe. Wenn er
+sie in seinem Berliner Schuldeutsch erz&auml;hlte &#8211; und das konnte er gut,
+daf&uuml;r hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens
+sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich aussch&uuml;tten. Es
+brachte ihn ihm bedeutend n&auml;her. Er war doch ein feiner Kerl.</p>
+
+<p>Auch &uuml;ber M&auml;dels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert
+mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner
+Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch
+best&uuml;nden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unver&auml;ndert und
+es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der
+Schmuddelige, Gutm&uuml;tige, mit dem man Ulk trieb, bis er w&uuml;tend wurde
+und mit den F&auml;usten
+<!-- Page 128 --><span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128"> 128</a></span>
+aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante,
+der l&auml;cherliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen
+spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem
+man Respekt hatte. Alles war noch wie fr&uuml;her. Nur gehauen wurde in des
+Professors Jugend mehr. Es war ein allt&auml;gliches Vorkommnis, da&szlig; man
+sich feste Lehrb&uuml;cher einkn&ouml;pfte in die Buxen, &uuml;bergelegt wurde und
+mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine gro&szlig;e Geschichte und
+kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit verga&szlig;. Aber
+Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und
+manche trieben&rsquo;s widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte
+sich nicht viel aus den M&auml;dels.</p>
+
+<p>&raquo;Es wird noch kommen,&laquo; tr&ouml;stete der Professor. &raquo;Aber es wird nie die
+Hauptsache f&uuml;r dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten
+<!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129"> 129</a></span> immer
+nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchg&auml;nge&nbsp;... Das
+Wirkliche bleibt f&uuml;r uns immer nur die Kunst.&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;ber das Wort mu&szlig;te Richard viel nachdenken. Unsereinem &#8211; hatte der
+Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.</p>
+
+<p>Aber dann stie&szlig; er sich&nbsp;... Durchg&auml;nge&nbsp;&#8211;? War auf diesem Wege
+vielleicht die Erkl&auml;rung zu finden f&uuml;r die Weise, wie Rolfers seiner
+Mutter gegen&uuml;ber gehandelt hatte&nbsp;&#8211;? Seit Richard ihn kannte, schien
+ihm das Problem immer unbegreiflicher.</p>
+
+<p>&#8211; Durchg&auml;nge &#8211; und das Wirkliche nur die Kunst?&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Nein, hier emp&ouml;rte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er
+nicht auszudenken wagte: als habe eine g&ouml;ttliche Macht das zertretene
+Menschliche an dem ungl&uuml;cklichen Manne ger&auml;cht.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130"> 130</a></span>
+<span class="bigletter">I</span>n den fr&uuml;hen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der
+Schule das Fr&uuml;hst&uuml;ck zurechtmachte, w&auml;hrend Rolfers noch schlief, da
+konnte es geschehen, da&szlig; eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die
+sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers&rsquo; Ansichten
+angriff &#8211; ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben
+sich gelten lassen wollte &#8211; der bedeutend sei &#8211; wer h&auml;tte das
+bezweifeln k&ouml;nnen &#8211; aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt
+trauen d&uuml;rfe.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit
+rieb sich an des &Auml;ltern Zersetzungslust. Dann k&uuml;&szlig;ten Mutter und Sohn
+sich zum Abschied w&auml;rmer als sonst und f&uuml;hlten sich aufs neue froh
+vereint. Die Frau &uuml;berkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust
+das Bewu&szlig;tsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen
+<!-- Page 131 --><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131"> 131</a></span>
+jetzt so allein auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf
+mit dem Schicksal ausfechten mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt
+wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine
+heimliche Schuld an ihm zu s&uuml;hnen.</p>
+
+<p>In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor &uuml;ber
+die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers f&uuml;r Richards Leistungen in
+der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, da&szlig; er dem Jungen
+Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den
+Sonntagmorgen frei hatte, da&szlig; er ihm franz&ouml;sische &Uuml;bersetzungen und
+mathematische L&ouml;sungen einfach diktierte und sich mit ihm &uuml;ber die
+Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, da&szlig; er Richard
+geradezu aufgefordert und mit tausend Gr&uuml;nden ermuntert habe, nur das
+Freiwilligenzeugnis
+<!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132"> 132</a></span>
+zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen, nicht aber nach dem
+Abiturium zu streben, das f&uuml;r ihn nur Zeitvergeudung bedeuten
+w&uuml;rde. Solche leichtsinnigen &Auml;u&szlig;erungen
+m&uuml;&szlig;ten sch&auml;dlich auf den Jungen einwirken, und sie
+m&uuml;sse ihn dringend bitten, sie zu unterlassen. Sie habe f&uuml;r
+Richards Zukunft als Mutter die Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war
+laut und zornig, eine heftige innere Gereiztheit fand ihre Entladung.</p>
+
+<p>Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es
+ausgesprochen habe, da&szlig; in dem Jungen ein K&uuml;nstler stecke.</p>
+
+<p>Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren
+Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt k&ouml;nne er sicherer auf
+Brot und Verdienst rechnen.</p>
+
+<p>Worauf Rolfers ein lautes kr&auml;ftiges Gel&auml;chter anstimmte und meinte,
+das sei ohne
+<!-- Page 133 --><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133"> 133</a></span>
+Zweifel richtig, und der rechte K&uuml;nstler sei immer auf
+irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob
+ein Mensch dies nun auf sich nehmen m&uuml;sse, dar&uuml;ber entscheide nicht
+Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine h&ouml;here
+Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als da&szlig; sie eben
+auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus
+ihrem Munde so gefallen wie jenes: &raquo;Ich sagte nicht, er will Maler
+werden, sondern er wird es.&laquo; Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die
+ihr einmal gekommen, nicht durch nachtr&auml;gliches kleinliches Sorgen
+wieder zuschanden machen.</p>
+
+<p>Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard sp&auml;ter
+regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur
+gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers&rsquo;
+kaustischen Hohn
+<!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134"> 134</a></span>
+&uuml;ber die Akademien als die Brutst&auml;tten aller
+Mittelm&auml;&szlig;igkeiten &#8211; eine &Uuml;berzeugung, die ihm von seiner kurzen
+Lehrt&auml;tigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf
+nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm
+zu machen, der seinen Vater t&uuml;chtig &uuml;berfl&uuml;geln kann und ein
+wirklicher Gewinn f&uuml;r die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst
+mir nicht dazwischen pfuschen, Martha &#8211; das erwarte ich von dir. Merk
+dir&rsquo;s, Kind.&laquo;</p>
+
+<p>Nannte Rolfers sie &raquo;Kind&laquo;, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz,
+tausend Erinnerungen, s&uuml;&szlig;e und traurige, fielen &uuml;ber sie her und
+machten sie schwach, so da&szlig; sie nur den Kopf sch&uuml;tteln und die Lider
+senken konnte, damit er die Tr&auml;nen, die darunter brannten, nicht
+bemerkte.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135"> 135</a></span>
+<span class="bigletter">D</span>er Fr&uuml;hling kam sp&auml;t und sp&auml;rlich.
+Es war, als scheue er sich, seine
+friedevolle Blumensch&ouml;ne hineinzuwerfen in all das Morden, W&uuml;rgen und
+Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die
+Hohlwege um Rolfers&rsquo; Haus zwischen dem d&uuml;rren Heckenge&auml;st waren eine
+unergr&uuml;ndliche Schlammasse, oder ein j&auml;her Frost lie&szlig; sie glashart
+erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte
+in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht
+gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgr&uuml;n quollen die
+Moosflecke auf den St&auml;mmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem
+Farngekr&auml;ut, aus den faulenden Bl&auml;ttern der Wei&szlig;buchen. Efeu und
+Waldrebe bildeten ein z&auml;hes nasses Gespinst, das Luft und Licht von
+der Tiefe abhielt.
+<!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136"> 136</a></span>
+&Uuml;berall glitschte der Fu&szlig; auf Schl&uuml;pfrigem aus.</p>
+
+<p>Vor einem nicht hohen, aber steil niederst&uuml;rzenden Abhang blieb der
+Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm,
+den Schwindel zu &uuml;berwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er
+seine Kraft &uuml;bersch&auml;tzt. Es war l&auml;cherlich &#8211; erb&auml;rmlich &#8211; aber er
+wu&szlig;te, da&szlig; er da nicht hinunter kommen w&uuml;rde, mit diesem Gef&uuml;hl von
+Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortw&auml;hrend
+anzuk&auml;mpfen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind m&uuml;de,&laquo; sagte der Junge. &raquo;Legen Sie doch die Hand auf meine
+Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht
+ausrutsche.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten.
+Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der
+junge F&uuml;hrer den b&ouml;sen Weg hinab. Unten
+<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137"> 137</a></span>
+kamen sie in einen Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr
+d&uuml;rres Laub, ihre &Auml;ste knarrten und st&ouml;hnten, abgerissene
+Zweige lagen auf dem fahlen Grase. Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen
+T&ouml;ne, als jammerten verfolgte Menschen in gro&szlig;er Qual.</p>
+
+<p>&raquo;So denk&rsquo; ich mir die Argonnen,&laquo; rief Richard atemlos. &raquo;Donnerwetter,
+wenn man sich vorstellt, da&szlig; es so von allen Seiten kracht und
+prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt d&uuml;rrer
+Zweige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und man tritt in Leichen, statt in faulende Bl&auml;tter. Nein, Junge, man
+kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,&laquo;
+grollte Rolfers&rsquo; Stimme. &raquo;Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen
+die finsteren Moorw&auml;lder dort. Und die Angriffe nachts in der
+rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man
+nicht wei&szlig;, hat man Freund oder Feind im Griff der F&auml;uste
+<!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138"> 138</a></span> &#8211; man
+ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von
+Schlachtenbildern gesehen hat &#8211; was man von fr&uuml;heren Kriegen in der
+Schule gelernt hat &#8211; alles kindischer l&auml;cherlicher Kitsch gegen die
+Greuel von heute. Junge &#8211; f&uuml;r&rsquo;s Vaterland sterben &#8211; das klingt&nbsp;...
+Aber in so einem Mordwald liegenbleiben &#8211; von den Weiterst&uuml;rmenden
+vergessen &#8211; und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den B&auml;umen
+herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab &#8211; jeden
+Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt&nbsp;...? Und man tappt nach
+dem eigenen Messer &#8211; kann nicht dazu &#8211; kann nicht&nbsp;... liegt wehrlos
+da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie gl&uuml;cklich vor&uuml;ber
+sind, der Durst, der wie die H&ouml;lle ist, der Hunger, das Rasen in den
+Eingeweiden, die Angst &#8211; und das kleine Viehzeug, was sich nun leise
+scheu&szlig;lich in den eignen Wunden an die Arbeit
+<!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139"> 139</a></span>
+macht&nbsp;... Junge, was unsere Leute da aushalten, das ist mehr,
+hunderttausendmal mehr als das Sterben f&uuml;rs
+Vaterland&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Richards Augen gl&uuml;hten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm
+sprach. &#8211; Er &#8211; er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so
+objektiv erz&auml;hlte. Es w&uuml;hlte in des Jungen Z&uuml;gen, es ri&szlig; wie Schmerz
+und Lust an seinem Herzen. Sein gl&auml;nzender Blick hing voll scheuer
+Andacht an dem leeren &Auml;rmel &#8211; dort waren die Wunden, in denen die
+W&uuml;rmer gehaust &#8211; er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling
+der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene
+stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis
+&uuml;ber das sch&ouml;ne wei&szlig;e qualverzerrte Gesicht tasten&nbsp;... Und f&uuml;hlte den
+Krieg &#8211; f&uuml;hlte j&auml;h geoffenbart sein Entsetzen&nbsp;...</p>
+
+<p>Rolfers&rsquo; Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des
+Knaben blasses
+<!-- Page 140 --><span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140"> 140</a></span>
+Gesicht und seine Ersch&uuml;tterung bemerkte, was
+vollf&uuml;hre ich f&uuml;r ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Komm weiter,&laquo; brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben
+geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am
+Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. &Uuml;ber den Himmel
+jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder
+gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die
+sie trieben. Dazwischen gl&auml;nzte hartes helles Blau &#8211; die Landschaft
+leuchtete in einem j&auml;hen Licht weit hinaus, in starken kindlichen
+Farben: die blankgr&uuml;ne Wintersaat, die fetten schwarzen
+frischgebrochenen &Auml;cker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen
+Pflug mit hageren G&auml;ulen, die gleich ihm daheim geblieben, &uuml;ber die
+Breite f&uuml;hrte. Und die sprie&szlig;enden Moorwiesen, auf denen schon die
+<!-- Page 141 --><span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141"> 141</a></span>
+schwarz-wei&szlig;en K&uuml;he zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre
+Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungef&uuml;ge gr&uuml;n- und
+braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische
+Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsk&ouml;pfige Kinder
+spielend mit dem kl&auml;ffenden H&uuml;ndchen. Alles voll Heiterkeit und
+blitzendem Frohsinn.</p>
+
+<p>Rolfers lie&szlig; seine Augen schweifen: &raquo;Daf&uuml;r lohnte sich&rsquo;s schon,&laquo; sagte
+er. &raquo;Sieh, Richard, da&szlig; so was erhalten bleibt &#8211; still und friedlich
+bleibt &#8211; die Kinder spielen d&uuml;rfen &#8211; das H&uuml;ndchen kl&auml;ffen, die alte
+Hexe in der Sonne sitzen kann &#8211; und die Felder so fr&ouml;hlich blaugr&uuml;n
+sich breiten &#8211; darum hei&szlig;t es: f&uuml;rs Vaterland sterben!&laquo;</p>
+
+<p>Der Junge nickte stumm. Eine gro&szlig;e Wolke fuhr her&uuml;ber, nahm pl&ouml;tzlich
+allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, lie&szlig; nur den
+<!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142"> 142</a></span> Kampf
+des Grau mit dem Grau. Er mu&szlig;te seine M&uuml;tze packen, damit sie ihm
+nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer st&auml;rker werdenden Sturm
+k&auml;mpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in
+einer weichhingedehnten sch&ouml;nen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers
+&uuml;berlegte einen Augenblick. &raquo;Wir k&ouml;nnen hier noch ein St&uuml;ckchen weiter
+gehen und ich zeige dir unser Schlo&szlig;, einen famosen alten Barockbau.
+Der Graf wird im Felde sein und die Gr&auml;fin in Hamburg. Ich denke, wir
+k&ouml;nnen es ungest&ouml;rt besichtigen.&laquo;</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; &lsquo;Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile
+ausruhen&rsquo;, dachte er dabei, denn es schien ihm unertr&auml;glich, den
+Jungen noch einmal seine Ersch&ouml;pfung merken zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du schon einmal ein Schlo&szlig; gesehen?&laquo; fragte er unterwegs.</p>
+
+<p><!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143"> 143</a></span>
+&raquo;Das vom Kaiser in Berlin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, nat&uuml;rlich, ich meine so ein feines Landschlo&szlig;. Die geh&ouml;ren
+auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldh&uuml;tten. Sollst
+schon sehen, wird dir gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne sch&ouml;ne Baumgruppen
+gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel
+jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren
+ungeschickten Spr&uuml;ngen begeisterten. Der H&uuml;tejunge zog die schmierige
+Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter
+Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf
+dem das graue Schl&ouml;&szlig;chen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und
+der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen
+und Kastanien mochten ihm im Sommer einen gr&uuml;nen
+<!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144"> 144</a></span>
+Hintergrund bilden. Zur Seite zogen sich efeubesponnene
+Wirtschaftsgeb&auml;ude um einen l&auml;nglichen Hof.</p>
+
+<p>Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die
+Karyatiden, die das Wappen &uuml;ber dem Portale trugen, und die
+gefl&uuml;gelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem
+Parterrefenster und gr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Nachrichten vom Grafen da?&laquo; fragte Rolfers.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es geht ihm gut. Aber der j&uuml;ngste Bruder des Herrn ist gefallen.
+Die Gr&auml;fin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die
+Herrschaften in Hamburg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind gestern erst zur&uuml;ckgekehrt. &#8211; Die Frau Gr&auml;fin w&uuml;rde sich
+gewi&szlig; freuen!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 145 --><span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145"> 145</a></span>
+&raquo;Ich spreche in den n&auml;chsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.&laquo;
+Rolfers l&uuml;ftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee
+weiter. Der Junge trat zwischen die B&auml;ume und blickte noch einmal
+zur&uuml;ck auf die weite Wiese.</p>
+
+<p>&raquo;Das m&ouml;chte ich malen &#8211; &#8211; die komischen kleinen Viecher auf dem
+Gr&uuml;n&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versuch&rsquo;s &#8211; geh morgen nachmittag her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie mal &#8211; die B&auml;ume sind schon anders als im Winter &#8211; so viel
+dunkler und voller Saft&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; ich mochte den Vorfr&uuml;hling auch immer gern. Er ist bedeutend
+malerischer als das volle Bl&uuml;hen. Zeichne mal eine Studie von dem
+Ge&auml;st. Das ist wie Schmiedeeisen. &#8211; Na &#8211; da laufen wir der Gr&auml;fin
+doch in die Arme.&laquo;</p>
+
+<p>Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und
+n&auml;herten sich ihnen.</p>
+
+<p><!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146"> 146</a></span>
+Rolfers sah lachend auf den Jungen: &raquo;Mach&rsquo; kein so verst&ouml;rtes Gesicht,
+sie fressen dich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begr&uuml;&szlig;te sie. Richard hatte
+sich Gr&auml;finnen anders vorgestellt. Die J&uuml;ngere trug einen grauen
+Lodenmantel &uuml;ber dem Trauerkleid und einen ziemlich sch&auml;bigen
+schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den
+Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch gesch&uuml;rzt, die F&uuml;&szlig;e in derben
+Lederstiefeln. Trotz des l&auml;ndlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm
+aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor
+sprachen, war sehr herzlich &#8211; es mu&szlig;ten gute alte Bekannte sein. Die
+junge Gr&auml;fin sagte, sie habe gestern erst geh&ouml;rt, da&szlig; er zur&uuml;ck sei
+und schwer verwundet &#8211; und habe bereits zum n&auml;chsten Morgen den Wagen
+bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so
+tapfer marschierend zu finden. Er
+<!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147"> 147</a></span>
+m&uuml;sse mit seinem jungen Gast zu
+ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn sp&auml;ter nach Haus
+fahren lassen, denn er d&uuml;rfe sich durchaus nicht &uuml;beranstrengen.</p>
+
+<p>Rolfers z&ouml;gerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und
+fragte mit der freien Liebensw&uuml;rdigkeit, die zuweilen an den Damen der
+gro&szlig;en Welt so bezaubernd wirken kann: &raquo;Nicht wahr, du bist auch
+meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen
+ist, mu&szlig; er sich st&auml;rken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den
+magst du doch?&laquo;</p>
+
+<p>Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen F&uuml;llen
+auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Sch&uuml;ler,&laquo; stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gr&auml;fin rief
+lebhaft: &raquo;Ja, verzeihen Sie, da&szlig; ich Sie du nannte &#8211; Sie sehen noch
+so jung aus&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148"> 148</a></span>
+&raquo;Das ist er auch noch &#8211; vorl&auml;ufig nichts weiter als ein Schulbub.&laquo;</p>
+
+<p>Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zur&uuml;ck, der Professor zwischen den
+beiden Damen &#8211; sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von
+dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege
+&uuml;berhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er
+verwunderte sich, da&szlig; die alte Dame nicht weinte, w&auml;hrend sie von
+ihrem j&uuml;ngsten Sohn sprach &#8211; er war noch nicht neunzehn Jahre alt
+gewesen &#8211; ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden
+Ausdruck, ihr Mund l&auml;chelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her.
+Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes &#8211; &uuml;ber den
+Kummer hinaus erhaben.</p>
+
+<p>Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten W&auml;nden sch&ouml;ne
+gebauchte Rokokokommoden mit Mei&szlig;ner Porzellanfiguren
+<!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149"> 149</a></span>
+standen, man sa&szlig; auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen
+Damasten bezogen. Die Gr&auml;fin bereitete selbst den Tee auf einem
+Tischchen, das mit viel Silbergeschirr und eierschalend&uuml;nnen
+T&auml;&szlig;chen besetzt war. Nachdem der alte Diener ihr Mantel und
+Hut abgenommen und sie ihr Kleid heruntergelassen hatte, sah man erst,
+wie fein und schlank ihre Gestalt war.</p>
+
+<p>Richard fand sich pl&ouml;tzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber
+zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, da&szlig;
+Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden
+und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen
+sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen oft zu uns kommen, lieber Professor,&laquo; sagte die j&uuml;ngere
+Gr&auml;fin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur
+T&uuml;r das Geleit gab. &raquo;Sie tun meiner
+<!-- Page 150 --><span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150"> 150</a></span>
+Schwiegermutter und mir einen wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig
+zerstreuen. Die Abende sind fast nicht zu ertragen in diesem leeren
+Schlosse mit der Angst und Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist
+bewunderungsw&uuml;rdig, aber dann bricht sie zuweilen doch
+zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gr&auml;fin
+reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch sch&uuml;ttelte. &raquo;Ihren
+jungen Sch&uuml;ler bringen Sie aber mit,&laquo; sagte sie, dem Knaben herzlich
+zul&auml;chelnd, &raquo;das hei&szlig;t, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt.
+Aber wir haben ja B&uuml;cher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher
+interessieren werden.&laquo;</p>
+
+<p>Richard wurde aufs neue sehr rot, w&auml;hrend er die Aussicht,
+wiederkommen zu d&uuml;rfen, als etwas Entz&uuml;ckendes empfand, erschrak er
+zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu
+<!-- Page 151 --><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151"> 151</a></span>
+denen er dadurch gezwungen sein w&uuml;rde, be&auml;ngstigten ihn.</p>
+
+<p>Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gr&auml;fin bestellt
+hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen,
+begann der Professor auch schon: &raquo;Wenn die Gr&auml;fin dir die Hand reicht,
+hast du sie zu k&uuml;ssen &#8211; nicht mit einem heftigen Schmatz &#8211; sondern
+nur mit einem leisen Ber&uuml;hren der Lippen. &Uuml;brigens k&ouml;nntest du dir
+auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon l&auml;ngst
+einmal sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin doch kein Fatzke, der sich die N&auml;gel poliert,&laquo; brummte
+Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.</p>
+
+<p>&raquo;Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen K&ouml;rper pflegt. Das
+geh&ouml;rt einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du
+noch so ziemlich alles zu lernen.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 152 --><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152"> 152</a></span>
+&raquo;Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,&laquo; sagte Richard
+ungezogen.</p>
+
+<p>Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard
+aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft&nbsp;&#8211;? Na, es ist
+schon gut so, h&auml;&szlig;lich und plump wie ich bin &#8211; ein feiner Herr wie er
+werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke sch&ouml;ne kraftvoll
+beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und f&uuml;hlte j&auml;h den
+Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von hei&szlig;er Bewunderung
+schlug &uuml;ber sein Herz.</p>
+
+<p>Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, st&uuml;rzte er eifrig zu
+seiner Mutter herein.</p>
+
+<p>&raquo;Du &#8211; drau&szlig;en steht ein Diener vom Schlo&szlig; mit
+einem gro&szlig;en Korb f&uuml;r den Professor.&laquo;</p>
+
+<p>Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war m&uuml;rrisch, unzufrieden. Schon am
+vergangenen
+<!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153"> 153</a></span>
+Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine
+Erz&auml;hlung von dem Besuch bei den Gr&auml;finnen aufgenommen hatte.</p>
+
+<p>Der Diener lieferte einen anmutig mit Gew&auml;chshausflieder umkr&auml;nzten
+Korb erlesener &Auml;pfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard
+stand strahlend vor Freude neben der Gabe, w&auml;hrend Rolfers mit dem
+ge&ouml;ffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.</p>
+
+<p>&raquo;Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu sch&ouml;n, um es zu
+zerst&ouml;ren. Lieb von den Damen, nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten wei&szlig; und lila
+Bl&uuml;tenf&uuml;lle.</p>
+
+<p>Rolfers kam zur&uuml;ck, neigte sich &uuml;ber die Blumen und Fr&uuml;chte und sog
+ihren Duft ein. &raquo;Das gef&auml;llt dir, was, Kerlchen? Ja &#8211; wir K&uuml;nstler
+und der Luxus &#8211; das geh&ouml;rt nun
+<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154"> 154</a></span>
+mal zusammen. Wir sind ja auch Luxusgew&auml;chse. Du, wir sind zu
+morgen abend gebeten &#8211; einen Rehbraten mitessen! was sagst
+du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter auch?&laquo; fragte der Junge pl&ouml;tzlich und in seine Augen kam das
+helle st&auml;hlerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.</p>
+
+<p>&raquo;... Nein &#8211; &#8211; die Gr&auml;finnen kennen Mutter doch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schweigen war pl&ouml;tzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich
+hin und her ging. Richard polterte mit seinen B&uuml;chern und Martha
+entfernte sich &#8211; man h&ouml;rte sie dann in der K&uuml;che.</p>
+
+<p>Bei Tisch sagte Richard: &raquo;Ich m&ouml;chte nicht mit in das Schlo&szlig;. Was soll
+ich da&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,&laquo; antwortete Rolfers k&uuml;hl. &raquo;Ich
+glaube, die Gr&auml;finnen k&ouml;nnen deine Gegenwart entbehren.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 155 --><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155"> 155</a></span>
+Martha senkte den Kopf, eine R&ouml;te stieg ihr vom Hals herauf bis unter
+das helle krause Haar.</p>
+
+<p>Rolfers sah sie an und schwieg zun&auml;chst. Er hatte diese peinliche
+Situation vorausgesehen und deshalb das Schlo&szlig; bisher vermieden. Nun
+mu&szlig;te es durchgefochten werden.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,&laquo; sagte er zu der Frau,
+als sie allein waren, &raquo;warum dem Jungen die Freude verderben? Es war
+reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte
+begr&uuml;&szlig;te. Die alte Gr&auml;fin beobachtete ihn ein paarmal ganz ger&uuml;hrt. Er
+gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht
+hinein. &#8211; Nur &#8211; was mich betrifft &#8211; ich kann mich dem Umgang mit den
+Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen f&uuml;r viele
+Gastfreundschaft und manche erwiesene Gef&auml;lligkeit einmal n&uuml;tzlich
+sein kann.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156"> 156</a></span>
+&raquo;Du glaubst gewi&szlig;, ich h&auml;tte dir den Jungen aufs&auml;ssig gemacht,&laquo; sagte
+die Frau heftig. &raquo;Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er
+gehen. Er geh&ouml;rt ja doch bald ganz zu dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welcher Ton?&laquo; fragte Rolfers &uuml;berrascht. &raquo;Martha, ich f&uuml;rchte, du
+irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens
+eingedrungen. Mi&szlig;g&ouml;nnst du mir das schon?&laquo;</p>
+
+<p>Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins
+Gesicht. Dann sch&uuml;ttelte er ein wenig den Kopf.</p>
+
+<p>Martha begann zu schluchzen. &raquo;Ich bin auch nur ein Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, &#8211; vergi&szlig; nie, da&szlig; du mir
+das bist! Und da&szlig; ich dich sehr n&ouml;tig habe! Ja, wenn ich dich nicht
+wieder fand &#8211; wo w&auml;re ich jetzt?&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157"> 157</a></span>
+Er beugte sich und k&uuml;&szlig;te sie leise auf das Haar.</p>
+
+<p>&raquo;Meine gute Freundin!&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte durch ihre Tr&auml;nen und gab ihm die Hand:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast nichts mit der Gr&auml;fin? Zwar &#8211; was geht es mich an&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Martha, ich denke, du k&ouml;nntest mir den Takt zutrauen, da&szlig; ich dich
+dann nicht hierher gebracht h&auml;tte &#8211; dich und den Jungen! &#8211; Aber
+sieh, wenn du anf&auml;ngst eifers&uuml;chtig zu werden &#8211; dann geht das alles
+nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein!&laquo; rief die Frau &auml;ngstlich.</p>
+
+<p>&raquo;Dann bekommt alles eine F&auml;rbung, die ich nicht ertragen k&ouml;nnte!&laquo;
+sagte Rolfers. &raquo;Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser
+Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungen&uuml;gend oder
+unerfreulich, m&ouml;chte ich dich keine Stunde l&auml;nger
+<!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158"> 158</a></span>
+hier halten. Obschon ich dich entbehren w&uuml;rde. Von dem Jungen nicht
+zu reden. Ich wei&szlig;, ich bin ein unangenehmer Geselle &#8211; war
+es immer &#8211; bin es heute mehr als je zuvor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne dich besser,&laquo; sagte Martha weich. &raquo;Was kommt auf mich an.
+Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da mu&szlig; ich mich oft
+wundern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist doch mein Fleisch und Blut,&laquo; sagte Franz Rolfers ernst und
+seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich l&uuml;ge, dachte
+er, aber mag es immerhin sein &#8211; sie w&uuml;rde ja nie verstehen, da&szlig; ein
+Fremder mir dasselbe h&auml;tte werden k&ouml;nnen, wenn er Richards Talent und
+seinen Arbeitseifer h&auml;tte.&laquo;</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">M</span>artha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden &uuml;ber Rolfers&rsquo;
+Verkehr im Schlo&szlig; und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht
+teilzunehmen w&uuml;nschte. Sie hatte
+<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159"> 159</a></span>
+sich viele gute und kluge Worte
+zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen
+Angelegenheit und zu Rolfers&rsquo; Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam
+nicht dazu, ihren Vorsatz auszuf&uuml;hren. Es fand sich niemals die
+passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend
+nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten &#8211; seit wie langer
+Zeit wieder einmal allein miteinander&nbsp;... Da ging es am wenigsten. Sie
+sprachen sehr eifrig &uuml;ber den Krieg und die Zeitungsnachrichten, &uuml;ber
+Sch&uuml;tzengr&auml;ben und Friedensaussichten. Sp&auml;ter r&uuml;ckte sich Richard die
+Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den
+Wagen rollen h&ouml;rten, der den Professor zur&uuml;ckbrachte. Die
+Selbstverst&auml;ndlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gest&ouml;rt. Von
+den beiden Menschen, die so eng zusammengeh&ouml;rt hatten, f&uuml;hlte sich,
+durch ein drittes Element geschieden, pl&ouml;tzlich jeder
+<!-- Page 160 --><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160"> 160</a></span>
+in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen K&auml;mpfen
+besch&auml;ftigt, weit entfernt von dem anderen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, da&szlig; alles f&uuml;r ihn neu
+zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich
+erlahmen m&uuml;sse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei
+allem, was der &auml;ltere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung
+auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser
+Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und
+empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, da&szlig; er sofort abreisen oder
+einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch
+unsympathisch wurde, ihm durch gegens&auml;tzliche Ansichten &uuml;ber Kunst,
+durch den Klang der Stimme, durch irgendeine &Auml;u&szlig;erlichkeit auf die
+Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht f&uuml;r Monate in die Einsamkeit
+<!-- Page 161 --><span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161"> 161</a></span>
+begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu
+ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden
+empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fra&szlig; an
+seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum w&uuml;ten sah, die
+schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Sch&ouml;nheit, an Jugend, an
+reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte,
+bedr&uuml;ckte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten
+vermochte.</p>
+
+<p>Oft h&auml;tte er den widerborstigen Bengel sch&uuml;tteln und ohrfeigen m&ouml;gen
+und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung f&uuml;r
+das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin,
+dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit
+deines doppelt reich und herrlich bl&uuml;he?</p>
+
+<p><!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162"> 162</a></span>
+Rolfers sagte sich, da&szlig; er verzichten m&uuml;sse, dem Jungen menschlich
+n&auml;herzukommen, er besa&szlig; daf&uuml;r wohl ein f&uuml;r allemal nicht die richtige
+Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt &#8211; urspr&uuml;nglich. Nur sp&uuml;rte
+er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich
+auseinanderzuhalten waren. Beide M&auml;chte beeinflu&szlig;ten sich gegenseitig
+in einer Weise, die ihm ersch&uuml;tternde neue Erfahrungen brachte.</p>
+
+<p>Sein ganzes Werk an Richard &#8211; diese eigenartige, scharf durchdachte,
+ganz pers&ouml;nliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde
+in Frage gestellt, ja v&ouml;llig unm&ouml;glich gemacht, wenn der Junge sich
+ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von
+Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem
+heftig aufgest&ouml;rten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mi&szlig;trauen
+gegen des Lehrers Anweisungen zu
+<!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163"> 163</a></span>
+finden war. Und je mehr Richard geistig von ihm abr&uuml;ckte, desto
+strenger wurde Rolfers in seinen Forderungen, desto einsilbiger in ihrer
+Begr&uuml;ndung.</p>
+
+<p>&#8211; So &auml;rgerte es den Professor ma&szlig;los, da&szlig; Martha
+hinter seinem R&uuml;cken ihrem Sohn einen Malkasten mit &Ouml;lfarben
+geschenkt hatte, trotzdem er den Jungen vorl&auml;ufig noch ganz auf das
+Zeichnen beschr&auml;nkt wissen wollte. Tagelang schwieg er in
+verbissenem Groll. Endlich lie&szlig; er sich noch einmal herab, seinem
+Sch&uuml;ler die Gr&uuml;nde f&uuml;r seine Forderung zu erkl&auml;ren.
+Richard h&ouml;rte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu lesen
+stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche
+Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen
+&#8211; den verbotenen Kasten unter dem Arm.</p>
+
+<p>Lange w&uuml;rden die Dinge so nicht weitergehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164"> 164</a></span>
+&#8211; &#8211; Ist es immer und &uuml;berall Elternlos, zu geben &#8211; zu schenken &#8211;
+nichts daf&uuml;r einzutauschen &#8211; nicht Dankbarkeit &#8211; nicht Liebe &#8211;
+nicht einmal ein wenig Anh&auml;nglichkeit? so fragte sich Rolfers oft.
+Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande
+ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das
+Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu
+bestehen, um weiter zu bl&uuml;hen? Galt von ihnen das gleiche wie von der
+Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar f&uuml;r sich verlangt. Das wu&szlig;te er
+gut genug. Die r&uuml;cksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche
+Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner
+Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unm&ouml;glich
+geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen
+Gesch&ouml;pf, einem jungen, neu
+<!-- Page 165 --><span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165"> 165</a></span>
+beginnenden zu verstehen und ihm gerecht zu werden?</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p>&#8211; &#8211; &#8211; Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen h&auml;tte! &#8211; Aber nun
+sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder
+zur&uuml;ck in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben &#8211; aber
+sich selbst aufgeben, das schien ihm unm&ouml;glich. Mit vierzig Jahren und
+ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und
+Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe &#8211; konnte er das
+vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich emp&ouml;rt
+gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu
+lassen, dem Werk, in das er sich so gl&uuml;hend verbissen hatte? Es
+forderte das letzte Opfer von ihm &#8211; und das konnte er nicht bringen.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 166 --><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166"> 166</a></span>
+<span class="bigletter">I</span>m Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die
+Bl&auml;tterknospen aufbrachen, und sah mit hei&szlig;en &uuml;berwachten Augen dem
+alten L&uuml;tje zu, der sorglich die Rosen an neue St&ouml;cke band. Bei den
+Gem&uuml;sebeeten arbeitete Frau Martha im Schwei&szlig;e ihres Angesichtes. Sie
+war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit
+Kartoffeln, R&uuml;ben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst
+nicht h&auml;ufig im Dorfe aufzutreiben war, gab&rsquo;s jetzt in diesen
+Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter G&uuml;te. So pflegte sie
+lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um D&uuml;ngung, Saat- und
+Pflanzzeit, studierte B&uuml;cher wie den &raquo;kleinen Kriegsgem&uuml;segarten&laquo; und
+den &raquo;Blumengarten der deutschen Hausfrau&laquo;, hantierte mit Spaten,
+Steckholz und Rechen, wurde rotb&auml;ckig und fr&ouml;hlich in der neuen
+T&auml;tigkeit.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 167 --><span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167"> 167</a></span>
+&raquo;Sie w&auml;chst fest hier und lernt, sich zu Hause zu f&uuml;hlen,&laquo; dachte
+Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die
+schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit.
+Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer
+Tau und die Pfl&auml;nzchen zwischen den noch kahlen stachligen
+Rosenb&uuml;schen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder.
+Hier und da bl&uuml;hten schon B&uuml;schel von gelben Primeln, von blauen
+Perlhyazinthen und den zarten Gl&ouml;ckchen der Scilla. Die breiten
+Irisbl&auml;tter dr&auml;ngten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten
+die gefiederten Bl&auml;ttertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen
+Bauernpflanzen gab es in Rolfers&rsquo; Garten, wenn der Sommer auf seiner
+H&ouml;he stand, mu&szlig;te auf den Rabatten ein dichtgedr&auml;ngter tausendfarbiger
+Blumenflor sein Malerauge entz&uuml;cken. Er hatte Martha freie
+<!-- Page 168 --><span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168"> 168</a></span> Hand
+gelassen, f&uuml;r Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte,
+das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.</p>
+
+<p>Als er vor&uuml;berging, richtete sich die Frau aus ihrer geb&uuml;ckten
+Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen gl&auml;nzten in dem erhitzten
+Gesicht, unter dem wei&szlig;en Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte,
+hing ihr blondes Haar in losen L&ouml;ckchen &uuml;ber die Stirn.</p>
+
+<p>Schon sind ihre Bewegungen wieder kr&auml;ftiger und behender geworden, und
+wie h&uuml;bsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers,
+als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer wei&szlig;, erbl&uuml;ht ihr
+eine neue Jugend?</p>
+
+<p>Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und
+streng verschlossen. Die Augen blickten sehr m&uuml;de in all dies Keimen
+und Dr&auml;ngen jungen Daseins. W&auml;hrend hier die Pflanzen trieben und sich
+entfalteten,
+<!-- Page 169 --><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169"> 169</a></span>
+ungest&ouml;rt wachsen durften wie in jedem Jahr, und die
+Amsel im Geb&uuml;sch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des
+Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander
+seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartn&auml;ckiger und grauenhafter
+mit jedem Tage. In der Fr&uuml;h hatte er die Nachricht bekommen, da&szlig;
+wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre j&uuml;nger, ein fester
+und ehrlicher deutscher K&uuml;nstler, bei einem Sturmangriff gefallen war
+&#8211; Kopfschu&szlig; &#8211; sofort tot. Der Gl&uuml;ckliche&nbsp;...</p>
+
+<p>F&uuml;r ihn selbst mu&szlig;te der Kampf ein Leben lang dauern. Warum f&uuml;r ihn,
+und f&uuml;r jenen das schnelle leichte Ende?</p>
+
+<p>Er ging an der Frau vor&uuml;ber, es war ihm nicht nach einem behaglichen
+Geplauder zumute. Er &ouml;ffnete das Pf&ouml;rtchen in der Tannenhecke und trat
+hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen &uuml;berrieselt,
+<!-- Page 170 --><span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170"> 170</a></span> die
+die leichte Bewegung aus den h&ouml;heren B&auml;umen sch&uuml;ttelte. Der Knick war
+in seiner ganzen L&auml;nge mit Fliederb&auml;umen eingefa&szlig;t &#8211; die w&uuml;rden, wenn
+der Mai kam, in duftenden blauen Bl&uuml;tenwogen prangen &#8211; aber noch war
+es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem H&auml;uschen des
+Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach dem&uuml;tig in den
+Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor
+ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger wei&szlig;er Nebel lag noch
+&uuml;ber dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das
+sprossende Gr&uuml;n der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen
+Wasserl&auml;ufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die
+Fr&ouml;sche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und
+wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergi&szlig;meinnicht mit kleinen,
+fr&ouml;hlichen Blauaugen.
+<!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171"> 171</a></span>
+Die Ebereschenb&auml;ume zur Seite des Weges entfalteten ihr fein
+gefiedertes Laub. Zuweilen stie&szlig; ein Kiebitz seinen sonderbar
+schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging tr&auml;umend auf dem schmalen Wege,
+der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder schwankte. Hier
+kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance des Fr&uuml;hlings,
+er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen Linien der
+Landschaft, immer &uuml;berweht von der herben Luft, die vom Meer
+her&uuml;berkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er
+hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden
+D&uuml;fte all des Sprossens und Werdens ein, f&uuml;hlte die warmen
+Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde
+schwerer und schwerer vor Traurigkeit.</p>
+
+<p>Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand
+stand, wie in einen
+<!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172"> 172</a></span>
+durchsichtigen silbergr&uuml;nen Schleier geh&uuml;llt,
+jene Gruppe sch&ouml;ner Birken, die der fr&uuml;here Besitzer seines Hauses,
+der gute P&ouml;tsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers&rsquo; Rat
+gewaltsam von dem St&uuml;ck Heimaterde losri&szlig;, in das er sich festgerannt
+hatte. Heute sa&szlig; der Ungl&uuml;ckliche irgendwo in Sibirien in russischer
+Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie
+m&ouml;glich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die
+finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten
+war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die dar&uuml;ber gem&uuml;tskrank
+geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst l&auml;ngst von
+Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen
+war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen &#8211; oder ob er noch
+einmal heimkehren w&uuml;rde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,
+<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173"> 173</a></span>
+die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers
+durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto
+setzen.</p>
+
+<p>Herrgott &#8211; war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden?
+Die durchwachten N&auml;chte trugen mit Schuld, er wu&szlig;te es wohl. Die
+N&auml;chte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verl&ouml;schte und ein
+einsamer Mann sich &uuml;bte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter
+als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der z&auml;hen Energie
+eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder,
+Bleistift und Kohle zu f&uuml;hren, wie ihr Herr es wollte &#8211; und am Ende
+auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.</p>
+
+<p>Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets
+tr&ouml;stend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken
+<!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174"> 174</a></span> Hand so
+sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut &#8211; aber ihm
+stand die &Uuml;bung eines Lebensalters bei&nbsp;... Am Ende erreichte er es
+vielleicht auch &#8211; wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser
+schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in
+diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er sch&auml;mte sich, es dem Licht
+des Tages zu zeigen, verschlo&szlig; sorgf&auml;ltig den Raum vor allen fremden
+Blicken, ausgenommen denen seines getreuen L&uuml;tje, der die gute
+Eigenschaft besa&szlig;, &uuml;berhaupt nichts zu sehen. Unertr&auml;glich w&auml;re es ihm
+gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt h&auml;tten.
+Darum &uuml;bte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wu&szlig;te,
+und k&auml;mpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die
+beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis,
+das rings um ihn her &uuml;ber dem Lande lag und
+<!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175"> 175</a></span>
+wie ein Feind durch die Fenster zu ihm einzudringen versuchte.</p>
+
+<p>Klagend seufzte der Wind &uuml;ber die Wiesen, eint&ouml;nig klatschte der Regen
+oder er pickte und rieselte noch melancholischer &#8211; oder der Sturm
+r&uuml;ttelte an Dachziegeln und L&auml;den. Selten erfreute ihn ein Blick auf
+klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn
+er, sich einen Augenblick der Erholung g&ouml;nnend, zum Fenster trat und
+sich aus den ge&ouml;ffneten Fl&uuml;geln hinausbeugte in die Nachtluft.</p>
+
+<p>Warum das gierige unerm&uuml;dliche hartn&auml;ckige Arbeiten? Hatte er dazu
+nicht Zeit genug vor sich &#8211; viele Jahre Zeit&nbsp;... Zu einer
+Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft &#8211; wie er sie
+verstand &#8211; irgend etwas zu tun hatte, w&uuml;rde er es ja doch nie
+bringen. Das f&uuml;hlte er bitter und deutlich. H&auml;tte er&rsquo;s nicht gef&uuml;hlt
+&#8211; grausame
+<!-- Page 176 --><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176"> 176</a></span>
+unbarmherzige Jugend mu&szlig;te ihn darauf sto&szlig;en, da&szlig; er den
+Schlag nie wieder verschmerzen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Er hatte Richard an der gro&szlig;en Wiese am Schlo&szlig; getroffen, wie er dabei
+war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten
+voll &Ouml;lfarben munter auf einer ziemlich gro&szlig;en Leinwand
+herumwirtschaftete. Der H&uuml;terjunge hielt ihm gerade das eine der
+braunen fr&ouml;hlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch
+ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem
+Pinsel darauf los arbeitete, da&szlig; ihm der Schwei&szlig; von der Stirne lief,
+war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht
+herausgekommen. Rolfers interessierte sich f&uuml;r seine verzweifelten
+Versuche &#8211; das war wieder einmal so k&uuml;hn angelegt, so pers&ouml;nlich
+gesehen, da&szlig; man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem
+Jungen
+<!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177"> 177</a></span>
+eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf
+fuhr und schrie: &raquo;Es ist zum Rasendwerden &#8211; ich krieg&rsquo;s nicht und
+krieg&rsquo;s nicht &#8211; das Biest h&auml;lt auch keine Sekunde still&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,&laquo; sagte Rolfers,
+beugte sich &uuml;ber Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. &raquo;Siehst Du
+&#8211; so mu&szlig; es einsetzen.&laquo; Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er
+gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche
+heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Teufel,&laquo; schrie Richard w&uuml;tend, &raquo;was machen Sie denn da &#8211; Sie
+verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie k&ouml;nnen doch nicht mehr
+malen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmi&szlig; voll
+Zorn die Leinwand daneben.</p>
+
+<p><!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178"> 178</a></span>
+&raquo;So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon
+gequ&auml;lt. Und ich h&auml;tt&rsquo;s auch noch gepackt &#8211; wenn Sie nicht
+dazugekommen w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers war wei&szlig; geworden und seine Z&uuml;ge erstarrten. Er regte sich
+nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als
+verm&ouml;chte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wu&szlig;te, diese Sekunde
+war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher
+Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich
+jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen &#8211; und
+das kann ich nicht ertragen &#8211; dann mu&szlig; ich ihn erw&uuml;rgen&nbsp;...</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und
+knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und f&uuml;hlte, er m&uuml;sse ihm den
+Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg
+<!-- Page 179 --><span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179"> 179</a></span>
+unm&ouml;glich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren
+Steifheit und Schw&auml;che in allen Gliedern, und ging die Lindenallee
+hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er
+in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines
+Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein
+Todfeind.</p>
+
+<p>Lange sa&szlig; er auf einem gef&auml;llten Stamm unter den hohen Buchen und
+&auml;chzte laut in bitteren Qualen, und f&uuml;hlte, wie es ihm hei&szlig; und salzig
+aus den Augen rann und die Wangen hinablief.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">S</span>eitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu
+beweisen, da&szlig; Manneswille das Unm&ouml;gliche erzwingen kann. Wie die
+drau&szlig;en an der Front Tag und Nacht das Unm&ouml;gliche dem h&ouml;chstgespannten
+Menschenwillen
+<!-- Page 180 --><span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180"> 180</a></span>
+abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Geh&ouml;rte er
+nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue
+Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen
+verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen
+neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die &Uuml;bermacht eines
+ungeheuren Schicksals besiegen, das mu&szlig;te er als einzelner ihnen
+gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem
+Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend
+heranwuchs &#8211; und wieder Kunst machen und Sch&ouml;nheit neu schaffen und
+die Alten verachten durfte&nbsp;...</p>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">D</span>as alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der n&auml;chsten &#8211;
+in vielen folgenden N&auml;chten, die er einsam arbeitend durchwachte und
+durchk&auml;mpfte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181"> 181</a></span>
+Vielleicht half ihm ein k&uuml;nstliches Glied, das ihm an sich als
+etwas greulich Un&auml;sthetisches, seinen k&uuml;nstlerischen Geschmack
+Verletzendes zuwider war&nbsp;... Tausendmal mehr nach seinem Sinn w&auml;re
+es gewesen, den leeren &Auml;rmel herabh&auml;ngen zu lassen, wie er es
+bisher getan. Und er fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung
+von L&uuml;tje, pr&uuml;fte, w&auml;hlte, lie&szlig; &auml;ndern und
+wieder &auml;ndern in der Werkst&auml;tte f&uuml;r Prothesen. Er gab
+selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte seine Ehre
+darein, dem K&uuml;nstler mit dem bekannten Namen, den das harte Los
+getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte
+Rolfers &auml;u&szlig;erlich als ein f&uuml;r den fl&uuml;chtigen Blick
+gesunder und wohlgebildeter Mann nach Haus zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Martha freute sich kindlich. Sie hatte l&auml;ngst gew&uuml;nscht, er m&ouml;ge sich
+zu diesem letzten Schritt entschlie&szlig;en. Es war ihr unbegreiflich,
+<!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182"> 182</a></span> da&szlig;
+er so lange damit gez&ouml;gert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so
+schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, f&uuml;r
+ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr
+und K&uuml;hle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei
+allen notwendigen &Uuml;bungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner
+bedienen zu lernen, lie&szlig; er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten
+L&uuml;tje helfen und verschm&auml;hte ihren Beistand. Sie mu&szlig;te ihm das Essen
+auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers
+mehr und mehr von ihr und Richard zur&uuml;ck und umh&uuml;llte sein verwundetes
+Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">R</span>ichard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf
+waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten
+<!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183"> 183</a></span>
+und grausamen Ausbruches auf den Professor vollst&auml;ndig
+erfa&szlig;t. Ein wirbelndes Gef&uuml;hl von schmerzhafter Wollust
+durchraste ihn.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als das strenge feine Antlitz, das ihm sch&ouml;ner erschien als irgendein
+andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und
+der schlanke gro&szlig;e Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, b&auml;umte
+ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem
+Herzen: &raquo;Das habe ich gekonnt &#8211; ich &#8211; R&auml;cher meiner Mutter und meiner
+Jugendschmach!&laquo;</p>
+
+<p>Und er h&auml;tte geradeheraus lachen m&ouml;gen, laut und wild und
+triumphierend lachen. Er bi&szlig; die Z&auml;hne aufeinander und knirschte mit
+ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum
+Schluchzen geworden w&auml;re, und weil er sich entsetzte &uuml;ber die Wirkung
+seiner Worte.</p>
+
+<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184"> 184</a></span>
+Armer R&auml;cher &#8211; auch ihm kamen nun schlaflose N&auml;chte, in denen er sich
+w&auml;lzte und in sein Kissen w&uuml;hlte, um die Tr&auml;nenfluten zu verbergen,
+die sein Gesicht &uuml;berschwemmten.</p>
+
+<p>Er heulte, weil er sich f&uuml;rchterlich verachtete. Als Kind hatte er
+sich oft vorgestellt, da&szlig; er seinen Vater t&ouml;ten m&uuml;sse &#8211; da&szlig; dieses
+Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit &uuml;ber ihm schwebe. Und er hatte
+sich immer ausgemalt, wie es geschehen w&uuml;rde. Er sah sich Rolfers zum
+erstenmal gegen&uuml;berstehen und den Dolch erheben &#8211; grauenhaft, kurz,
+gewaltt&auml;tig sch&ouml;n&nbsp;... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach
+dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein &#8211; niedertr&auml;chtig&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Sein leidenschaftlich unb&auml;ndiges Herz wurde durchsch&uuml;ttert von
+unerme&szlig;lichem Mitleid. Es bedr&auml;ngte ihn, wie noch nie zuvor ein Gef&uuml;hl
+ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es f&uuml;r
+diesen Mann
+<!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185"> 185</a></span>
+hei&szlig;en wollte, nicht mehr arbeiten k&ouml;nnen &#8211; leben m&uuml;ssen
+und nicht mehr wirken d&uuml;rfen&nbsp;... Blind und taub, dumm und beschr&auml;nkt
+war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung f&uuml;r die Seelengr&ouml;&szlig;e,
+die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was f&uuml;r sie
+selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig
+verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand
+bei Richard fest. Nein &#8211; er durfte sich auch selbst niemals
+verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur da&szlig; das so wehtat,
+hatte er nicht geahnt. Da&szlig; ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und
+verbrannt war, mu&szlig;te er nun tragen. Ja &#8211; er geno&szlig; den Schmerz, rang
+sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen
+des Vaterlandes &#8211; das k&auml;mpfende Vaterland in ihm! Was &#8211; er hatte ihm
+K&auml;lte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen &#8211; aber w&auml;hrend
+<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186"> 186</a></span>
+er, Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in sch&ouml;nen
+Tr&auml;umen, hatte der andre sich geopfert &#8211; hatte
+gelitten&nbsp;&#8211;! War denn der Professor nicht zum Kr&uuml;ppel
+geworden &#8211; damit das Vaterland frei blieb &#8211; damit er,
+Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und K&uuml;nstler werden
+d&uuml;rfte &#8211; wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll arbeiten
+&#8211; das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers&rsquo; Rat, ohne seine
+Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der sich sehen
+lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt haben
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>So nahm der Junge es auf sich, da&szlig; Rolfers sich nicht mehr um ihn
+k&uuml;mmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet
+hatte &#8211; deren Folgen er tragen mu&szlig;te. Ging ihm noch scheu aus dem
+Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der
+gesunde Jungenschlaf
+<!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187"> 187</a></span>
+&uuml;berw&auml;ltigte, ernsthafte und eindringliche
+Phantasiegespr&auml;che mit ihm, konnte stundenlang gr&uuml;beln &uuml;ber ein Wort,
+das der weltreife Mann fl&uuml;chtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und
+Bedeutung der Knabe sich nun abqu&auml;lte.</p>
+
+<p>&#8211; Ob diese Zeit gro&szlig; oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft
+erweisen. Die Gr&ouml;&szlig;e einer Zeit h&auml;nge nicht von Kriegen und Siegen ab,
+auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und
+Helden seien nur die zu nennen, die sich als Tr&auml;ger eines
+Gottgedankens f&uuml;hlen, &#8211; nicht die, welche f&uuml;r ihr Fleisch und Blut,
+f&uuml;r die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz k&auml;mpften.
+Bewundernswert auch diese, ja, &#8211; aber noch lange nicht Helden.</p>
+
+<p>Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, f&uuml;r die sein
+Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mu&szlig;te er
+<!-- Page 188 --><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188"> 188</a></span> dem
+Professor grollen, da&szlig; er ihn von Berlin fort in diese Ein&ouml;de gef&uuml;hrt
+hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur
+in die Ferne lauschend sp&uuml;ren konnte, w&auml;hrend er in Berlin sich ganz
+hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den
+Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.</p>
+
+<p>&#8211; &#8211; Warum in der Tutmesb&uuml;ste des K&ouml;nigs Amenophis und in denen
+seiner kleinen T&ouml;chter, der &auml;gyptischen Prinzessinnen, ein gr&ouml;&szlig;erer
+Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf
+den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? &#8211; Das Wort hatte
+Richard, als er es h&ouml;rte, heftig erz&uuml;rnt, ja erbittert. Er sp&uuml;rte
+daraus eine Gegens&auml;tzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft
+zwischen seinem Wesen und Rolfers&rsquo; Wesen. Der Mann &#8211; der
+Weltk&uuml;nstler, f&uuml;r den es keine Grenzen gab, keine nationalen
+<!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189"> 189</a></span>
+Unterschiede &#8211; nur Unterschiede in St&auml;rke und Schw&auml;che, in Sch&ouml;n und
+H&auml;&szlig;lich, f&uuml;r den dieser Krieg keine Aufw&auml;rtsbewegung, sondern einen
+Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten
+Europ&auml;ertums.</p>
+
+<p>&raquo;Guter Europ&auml;er&laquo; &#8211; auch so ein Ausdruck, den der Junge ha&szlig;te.
+Wom&ouml;glich sollte er auch noch ein guter &Auml;gypter werden &#8211; nein, er
+bedankte sich. Diese &auml;gyptische Kunst, von der der Professor so viel
+hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum &#8211;
+neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie
+ihm nicht das geringste &#8211; er stand ganz verst&auml;ndnislos vor den
+Kolossen &#8211; das seltsame starre G&ouml;tterl&auml;cheln erboste ihn nur. Was
+hatten sie so zu l&auml;cheln, &uuml;ber die Welt und alle ihre bedr&auml;ngende
+wundervolle Sch&ouml;nheit weit hinaus! Am liebsten h&auml;tte er sie
+<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190"> 190</a></span>
+zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen
+Zerst&ouml;rungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger
+Stil bis zur Wut kr&auml;nkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schlo&szlig;wiese
+war ihm mehr als alle die strengen G&ouml;tter und K&ouml;nige, als Amenophis
+mit dem &uuml;berfeinerten geistreich-kr&auml;nklichen Gesicht und die
+Vornehmheit seiner Prinzessinnen-T&ouml;chter. Wie die Pupille des Tieres
+in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm &#8211; wie das
+Gesch&ouml;pf ihn ansehen konnte &#8211; so dumm-unschuldig&nbsp;... War das nicht zum
+Schreien sch&ouml;n&nbsp;...? Und das wunderlich ungef&uuml;ge weiche Pferdemaul mit
+den gro&szlig;en N&uuml;sterl&ouml;chern dar&uuml;ber, das zarte Rosa an ihren R&auml;ndern&nbsp;...
+Gott &#8211; &#8211; welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten
+Fohlenmaul &#8211; in einem schwimmenden Tierauge.</p>
+
+<p><!-- Page 191 --><span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191"> 191</a></span>
+Nein, wahrhaftig, er w&uuml;rde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht
+an Freude, an Gl&uuml;ck aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der
+eigensten Empfindung, die himmelhoch in die H&ouml;he schlug&nbsp;... die und
+keine andere! Und wenn&rsquo;s ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden
+sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes
+Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht
+betr&uuml;gen lassen &#8211; auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, da&szlig;
+man h&auml;tte br&uuml;llen k&ouml;nnen, daf&uuml;r war man eben deutscher K&auml;mpfer und
+verbi&szlig; den Schmerz.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">F</span>rau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschr&ouml;tige Junge stand in
+hilfloser Verlegenheit vor ihr und lie&szlig; die Flut ihrer heftigen Worte
+wie einen Regengu&szlig; &uuml;ber sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr
+einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt,
+<!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192"> 192</a></span>
+da&szlig; Richards Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme.
+Er sei nicht unbegabt, nur grenzenlos vertr&auml;umt, und wenn er nicht
+einen energischen Anlauf nehme, so k&ouml;nne er unm&ouml;glich in der
+neuen Klasse, in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern
+Sch&uuml;lern Schritt halten.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&#8211; &raquo;Und eitel wirst du auch noch,&laquo; klagte die Mutter, nachdem er dies
+alles hatte anh&ouml;ren m&uuml;ssen und nicht wu&szlig;te, was er darauf erwidern
+sollte, denn es war ja leider die Wahrheit &#8211; er, Richard, war
+stinkend faul. &raquo;Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster
+Fehler,&laquo; h&ouml;rte er seine Mutter zanken, &raquo;aber jetzt mu&szlig; ich meine
+Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch
+suchen. Das ist einfach r&uuml;cksichtslos von dir. F&uuml;r solchen Kommunismus
+bin ich nicht zu haben, merk&rsquo; dir das&nbsp;... Ja,&laquo; wendete sie sich zu
+Rolfers, &raquo;meine Flasche
+<!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193"> 193</a></span>
+K&ouml;lnisches Wasser hat er mir auch stibitzt &#8211;
+was sagst du dazu&nbsp;...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein
+M&auml;del von der Tauentzienstra&szlig;e &#8211; pfui Teufel!&laquo;</p>
+
+<p>Also doch&nbsp;&#8211;! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und l&auml;chelte
+verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte,
+eine seltene Mischung von Veilchenparf&uuml;m, Schmierstiefeln, Pferdestall
+und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und
+hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch da&szlig; Richards dunkelblonder,
+w&uuml;ster Haarschopf dem kleinst&auml;dtischen Friseur zum Opfer gefallen und
+durch eine kurzgeschnittene B&uuml;rste ersetzt worden war, nicht eben zur
+Versch&ouml;nerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und H&auml;rte wunderlich
+miteinander stritten und vorl&auml;ufig nur die hellen glanzvollen Augen
+zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft &uuml;ben
+konnten.</p>
+
+<p><!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194"> 194</a></span>
+&raquo;Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gr&uuml;ndlich mit dem
+Direktor &uuml;ber Richard sprechen,&laquo; sagte Rolfers. &raquo;Er hat nat&uuml;rlich
+recht und Richard mu&szlig; sich M&uuml;he geben. Zu einer Zur&uuml;ckversetzung darf
+es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das w&uuml;rde seine Stellung in der
+Schule unm&ouml;glich machen. Dann m&uuml;&szlig;te man ihn sofort herausnehmen und es
+k&auml;me die Frage mit den gr&auml;&szlig;lichen Instituten, Pressen und dergleichen
+an die Reihe. Er h&auml;tte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen,
+zum Tr&auml;umen und zum Zeichnen. Die Penne mu&szlig; durchgemacht werden, wie
+der Sch&uuml;tzengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir
+sagen, Richard, &#8211; mancher von den Bengels hat sich brennend nach der
+Schulklasse zur&uuml;ck gesehnt, wenn er&rsquo;s auch nicht Wort haben wollte.&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers wandte sich zu dem Jungen und
+<!-- Page 195 --><span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195"> 195</a></span>
+seine dunklen tiefliegenden Augen flammten &uuml;ber ihn hin.</p>
+
+<p>&raquo;Ehe ich mit dem Manne &uuml;ber dich rede, mu&szlig; ich erst Klarheit haben,
+was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder
+K&uuml;nstler &#8211; was soll&rsquo;s werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch keine Frage mehr,&laquo; brummte Richard.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,&laquo; antwortete der Professor
+scharf. &raquo;Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen.
+Ein f&uuml;r allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung
+einfach eine Willensangelegenheit. Eine &Uuml;bung zu Gr&ouml;&szlig;erem! Also &#8211;
+kann ich bei dem Direx f&uuml;r dich eintreten &#8211; oder kann ich&rsquo;s nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit
+dem Professor klar und frei ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen es!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196"> 196</a></span>
+&raquo;Gut &#8211; schlag ein!&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine
+Rechte hinein. Der Mann dr&uuml;ckte sie fest.</p>
+
+<p>Richard ging ganz bet&auml;ubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der
+Professor war doch ein gro&szlig;artiger Mensch &#8211; wer von den V&auml;tern seiner
+Berliner Freunde w&uuml;rde so gehandelt haben? Keiner &#8211; kein einziger.
+Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen h&auml;tte es gehagelt &#8211;
+jawohl.&nbsp;&#8211; Er mu&szlig;te ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen
+geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die
+w&uuml;rden ihm Freude machen.</p>
+
+<p>Nun brauste das Gef&uuml;hl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch
+des Jungen Herz. Er &#8211; er &#8211; er f&uuml;llte sein Denken, Tr&auml;umen,
+Phantasieren. Freund &#8211; Freund &#8211; sagte er bisweilen leise vor sich
+hin. Professor &#8211;
+<!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197"> 197</a></span>
+Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs
+Haus, sobald er von der Schule heimkam.</p>
+
+<p>Versunken konnte er lange auf Rolfers&rsquo; Hand blicken, denn
+Menschenh&auml;nde bedeuteten ihm viel, &#8211; er hatte Jungens, die sich ihm
+zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre H&auml;nde ihm nicht gefielen.</p>
+
+<p>Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des
+Professors. Es machte ihn tief gl&uuml;cklich, in der Form der N&auml;gel, der
+Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens &Auml;hnlichkeiten zu entdecken.
+Und ein inneres hei&szlig;es Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, da&szlig;
+er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die K&uuml;nstlerhand des
+geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen d&uuml;rfen. Und er f&uuml;hlte
+zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der
+Vernichtung. F&uuml;hlte sie an dieser einen Menschenhand,
+<!-- Page 198 --><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198"> 198</a></span>
+die das Sch&ouml;ne geschaffen hatte und niemals wieder schaffen
+w&uuml;rde. Langsam bildete sich in ihm das Neue &#8211; das
+Verst&auml;ndnis und das Wollen: ein Erbe zu sein&nbsp;... Sein Sch&uuml;ler,
+&#8211; o ja&nbsp;&#8211;! Der Professor hatte selbst gesagt, das habe
+mit Gef&uuml;hlen nichts zu schaffen&nbsp;... Sein Sohn &#8211; dem Gedanken
+war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand das
+eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es aus den
+Gr&uuml;nden seines Herzens herauszurei&szlig;en. Und wie im
+M&auml;rchen ging es zu &#8211; das Trennende zerschmolz vor seinem
+festen Griff.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Sch&uuml;ler des Professors &#8211; er war
+sein Sohn&nbsp;...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mu&szlig;ten auch in ihm
+lebendig sein! Sp&uuml;rte er nicht seine Gabe des Schauens, die
+F&auml;higkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis
+<!-- Page 199 --><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199"> 199</a></span>
+in die Fingerspitzen &#8211; und schwoll nicht oft seine ganze Seele,
+der junge Leib von ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem
+Angebeteten so im tiefsten verwandt f&uuml;hlte&nbsp;...</p>
+
+<p>Wie junger Wein war seine Liebe, w&uuml;rzig und herbe und voll perlender
+Frische und h&auml;tte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins
+Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, versch&auml;mt, da&szlig;
+sie nie den Ausdruck f&uuml;r all dies Quellen und Dr&auml;ngen und all die
+goldenen Seligkeiten gefunden h&auml;tte. Eine Liebe, die keine
+Z&auml;rtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich
+nicht mehr aufhielt mit der Oberfl&auml;che der Dinge, sondern gleich
+eindrang in den Kern der Pers&ouml;nlichkeit des andern. Ein fl&uuml;chtiges,
+ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte
+tagelang in gl&uuml;cklichem Schweigen von dem
+<!-- Page 200 --><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200"> 200</a></span>
+wenigen. Und suchte seltene eigene Wege der Opferung.</p>
+
+<p>Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiesp&auml;ltigem Gef&uuml;hl.
+Fragte sich zuweilen: Ist&rsquo;s nicht zu sp&auml;t? Ist ein Vertrauen zwischen
+Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein
+f&uuml;r allemal unm&ouml;glich? Denn ein Groll sa&szlig; ihm noch im Herzen seit
+jenem schlimmen Abend an der Schlo&szlig;wiese vor dem Fohlen. Er f&uuml;hlte
+seitdem die Feindschaft dessen, der zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird, der der
+Jugend das Feld r&auml;umen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun
+war der zum Sieger &uuml;ber ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so
+schnell. Lie&szlig; ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das
+Gl&uuml;ck des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen
+gegen&uuml;ber &#8211; war eine Viertelstunde lang herzlich, gut,
+aufgeschlossen, zog sich dann wieder f&uuml;r
+<!-- Page 201 --><span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201"> 201</a></span>
+ganze Tage k&uuml;hl zur&uuml;ck. So ging der heimliche Kampf hin und
+her, lange Zeit.</p>
+
+<p>Der Flieder bl&uuml;hte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem
+Garten und seine D&uuml;fte schlugen mit s&uuml;&szlig;en D&auml;mpfen bis in die Veranda
+und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Fr&uuml;hling hatte
+sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang
+vers&auml;umt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, br&ouml;ckelnden Gem&auml;uer des
+alten Ziehbrunnens sprie&szlig;ten feine gr&uuml;ne Farnkr&auml;utlein und umkleideten
+seine dunkle Tiefe mit zierlicher Sch&ouml;nheit. In den B&uuml;schen sang und
+klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgr&uuml;ne, flache
+H&auml;nde breitete der Tulpenbaum an seinen breiten &Auml;sten aus und die
+alten knorrigen Apfelb&auml;ume waren nur noch zauberhafte Gebilde von
+rosenroten Bl&uuml;tengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus
+dem
+<!-- Page 202 --><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202"> 202</a></span>
+vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue
+Schaum der Vergi&szlig;meinnicht go&szlig; sich dar&uuml;ber. &Uuml;ber dem Moor wogten
+silberne Gr&auml;ser und r&ouml;tlich bl&uuml;hender Sauerampfer. Das Laub der Birken
+dunkelte schon, aber hellgr&uuml;n stand der Buchenwald in der Ferne. Und
+wei&szlig;e, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder,
+luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte
+Ast- und Laubwerk, und blies durch die bl&uuml;henden Graswellen, da&szlig; sie
+in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und
+wiegten.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">R</span>ichard taumelte vor Gl&uuml;ckseligkeit in diesem Fr&uuml;hlingsrausch, den er,
+das Gro&szlig;stadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen
+Hofwohnung gebunden, noch niemals in der F&uuml;lle seines Glanzes
+<!-- Page 203 --><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203"> 203</a></span>
+kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugr&uuml;ne Seide der
+sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vor&uuml;ber
+an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-wei&szlig;
+gefleckten K&uuml;he sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Geh&auml;nge der
+bl&uuml;henden Hecken in den Sandhohlwegen &#8211; in denen es zwitscherte und
+fl&ouml;tete von Leben der nistenden Vogelfamilien &#8211; jede Fahrt zur Schule
+mit der braven braunen Liese, die f&uuml;r den Milit&auml;rdienst untauglich
+befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen lie&szlig; er die Z&uuml;gel
+h&auml;ngen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg &#8211; er aber
+schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche,
+das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der wei&szlig;en Sommerwolken. In der
+Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und
+im milden Wei&szlig; den Mond sich
+<!-- Page 204 --><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204"> 204</a></span>
+spiegeln, da&szlig; das Geschwebe opalfarben
+zu schimmern begann &#8211; h&ouml;rte versunken auf das Liebesgequake und
+Geschnarr der Fr&ouml;sche &#8211; auf all das Gleiten, Schl&uuml;pfen, Huschen der
+kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte &#8211; sah
+die m&auml;rchenhafte Kr&ouml;te, m&auml;chtig und schauerlich mit ihren Warzen auf
+dem R&uuml;cken tr&auml;ge &uuml;ber den Weg h&uuml;pfen wie ein verzaubertes Hexenweib,
+sah die seltsam verkr&uuml;ppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen
+Wasserl&auml;ufen hocken und ihre Zweige wie sehns&uuml;chtige Arme in die Luft
+breiten &#8211; etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und
+wankte unter seinem Fu&szlig;, der da sank &#8211; sank &#8211; Er mu&szlig;te eilend
+zur&uuml;ckspringen auf sicheren Boden &#8211; und ahnte tausendfach
+erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen
+Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie
+hinauswagte.
+<!-- Page 205 --><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205"> 205</a></span>
+Und die Schauer der Verg&auml;nglichkeit durchwehten k&uuml;hl
+sein Blut, das noch eben pochte und gl&uuml;hte in seinen Adern, w&auml;hrend
+die N&uuml;stern die schweren taumelig s&uuml;&szlig;en Liebesd&uuml;fte der Fr&uuml;hlingsnacht
+eintranken.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und so geschah es, da&szlig; er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte
+Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekr&auml;uts, die
+Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und
+Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah
+er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn,
+hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der T&uuml;r der
+schlafenden Mutter vor&uuml;ber, um &raquo;Ihm&laquo;, den er dort oben wu&szlig;te, ein
+St&uuml;ck zu geben von seinem Gl&uuml;ck. Nichts andres. Dunkelheit ringsum,
+Schw&uuml;le, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemds&auml;rmeln am Tisch,
+bei der elektrischen Birne, die hartes, wei&szlig;es Licht auf das Blatt
+<!-- Page 206 --><span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206"> 206</a></span>
+warf, vorn&uuml;bergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der gro&szlig;en
+scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter gro&szlig;en runden
+Brillengl&auml;sern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er
+verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der m&uuml;hseligen,
+von all der Sommerherrlichkeit da drau&szlig;en nur die paar Gr&auml;ser in ihrer
+reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand
+nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgel&ouml;st, das seltsam
+schauerliche unlebendige Gebilde aus Dr&auml;hten, Holz, spiegelndem
+Metall, Schnallen und Riemen, das k&uuml;nstliche Glied.</p>
+
+<p>Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wu&szlig;te nicht warum. Der
+Mann sah auf, fragte kurz: &raquo;Was willst du?&laquo; Und schob ein Blatt &uuml;ber
+seine Versuche.</p>
+
+<p>Richard bemerkte es.
+</p>
+
+<p><!-- Page 207 --><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207"> 207</a></span>
+&raquo;Also, &#8211; was hei&szlig;t das?&laquo; fragte Rolfers ungeduldig. &raquo;Warum kommst du
+herauf und st&ouml;rst mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte nur &#8211; die Nacht ist so unb&auml;ndig sch&ouml;n &#8211;, ob Sie nicht
+hinauskommen m&ouml;chten?&laquo; stotterte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe zu tun. Geh jetzt!&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder
+auf.</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo;</p>
+
+<p>Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie
+Sommern&auml;chte duften, wehte von ihm zu dem &uuml;berwachten Mann hin. Und
+mit dem Dufte kam ein L&auml;cheln. Richard hatte nichts andres zu geben.
+Worte waren unm&ouml;glich. Er h&auml;tte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen
+Augen, um seinen bl&uuml;henden Mund lag alle Liebe, die er in diesen
+Sekunden empfand.</p>
+
+<p>Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><!-- Page 208 --><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208"> 208</a></span>
+<span class="bigletter">E</span>ine Woche sp&auml;ter traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand
+skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich
+ungeschickt. Beim N&auml;herkommen bemerkte Rolfers, da&szlig; der Junge sich mit
+Bindfaden den rechten Arm auf den R&uuml;cken festgebunden hatte. Er lie&szlig;
+den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen
+sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und
+die Fu&szlig;bank, die er f&uuml;r Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und
+stand nun besch&auml;mt, an seiner Fesselung zerrend.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Junge &#8211; verdrehter, toller Bengel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nichts Besseres haben als Sie!&laquo; schrie er leidenschaftlich,
+und die Tr&auml;nen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.</p>
+
+<p>Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so,
+damit er ihm nicht
+<!-- Page 209 --><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209"> 209</a></span>
+davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben
+Kopf, auf sein hartes B&uuml;rstenhaar.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Junge, mein lieber Junge!&laquo;</p>
+
+<p>Weiter wurde nichts &uuml;ber den Fall zwischen ihnen geredet.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">M</span>artha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe
+ausf&uuml;llen. L&uuml;tje mu&szlig;te Kisten zunageln, gro&szlig;e und kleine, und sie zur
+n&auml;chsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die
+beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu
+schelten, wenn etwas nicht so ausgef&uuml;hrt wurde, wie er es w&uuml;nschte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Eine gro&szlig;e Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner
+Arbeiten veranstalten, eine Gesamt&uuml;bersicht seines Schaffens durch
+verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der
+f&uuml;r
+<!-- Page 210 --><span class='pagenum'><a name="Page_210" id="Page_210"> 210</a></span>
+das Vaterland gelitten, &#8211; so schrieb der Besitzer.</p>
+
+<p>Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.</p>
+
+<p>&raquo;Wozu &#8211; kein Mensch hat heut Sinn f&uuml;r Bilder. Wenn wir einen
+ehrenvollen Frieden geschlossen haben &#8211; ja, dann lasse ich&rsquo;s mir
+gefallen. Dann k&ouml;nnen sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten
+&#8211; mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem gr&ouml;&szlig;ten
+Schinken. Jetzt ist&rsquo;s ein Reinfall. Ich will nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich lie&szlig; er sich doch &uuml;berzeugen. Praktische Erw&auml;gungen gaben
+den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war f&uuml;r die Zukunft nicht zu
+rechnen, da mu&szlig;te man sehen, das Vorhandene m&ouml;glichst g&uuml;nstig zu
+verwerten. Jetzt war sein Name noch im Ged&auml;chtnis der Kunstfreunde,
+der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der
+Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So
+<!-- Page 211 --><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211"> 211</a></span>
+sagte er sich, mit harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm
+mu&szlig;te das N&ouml;tige zum Studium bereitstehen.</p>
+
+<p>Selbst nach Berlin zu fahren, das H&auml;ngen der Bilder zu beaufsichtigen,
+dazu konnte er sich nicht entschlie&szlig;en. Ihm graute vor der Welt, vor
+dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene
+Heimst&auml;tte zwischen Wiese und Moor zu besitzen &#8211; hier ein Obdach f&uuml;r
+die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu vertr&auml;umen, zu durchleiden
+gezwungen war. Sich verkriechen zu k&ouml;nnen, ein weidwundes Tier, vor
+dem Mitleid, der Sentimentalit&auml;t der Menschen, war schon Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er dachte daran, Martha zu senden, lie&szlig; jedoch diesen Plan gleich
+wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den K&uuml;nstlerklatsch der
+Hauptstadt gezogen zu werden.</p>
+
+<p>Richard&nbsp;...? Sehr jung war er zu solcher
+<!-- Page 212 --><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212"> 212</a></span>
+Mission. In Kunstdingen trotzdem von einer Reife des
+Verst&auml;ndnisses, die mit seinem Alter nicht mehr in Zusammenhang
+stand. Eins der ewigen R&auml;tsel in der Welt der Naturgeschehnisse:
+dieses Hinauswachsen der Berufenen &uuml;ber die Gesetze von Zeit und
+regelrechter Entwicklung&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Richard &#8211; packe dir einen Handkoffer. Du mu&szlig;t &uuml;bermorgen zur
+Er&ouml;ffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief
+mit, der dich als meinen Vertreter einf&uuml;hrt. Was meinst du &#8211; freut&rsquo;s
+dich? Du mu&szlig;t ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben!
+Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergi&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Richard stand mit offenem Munde &#8211; ganz dumm vor Staunen. Vom Hals
+empor str&ouml;mte ihm hei&szlig;e R&ouml;te &uuml;ber Wangen und Stirn &#8211; und die Augen
+wurden mit jeder Sekunde gl&auml;nzender.
+</p>
+
+<p><!-- Page 213 --><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213"> 213</a></span>
+&raquo;Sie &#8211; Sie wollen mich doch nur uzen &#8211; es ist doch nicht wahr,
+Professor?&laquo;</p>
+
+<p>Rolfers l&auml;chelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen,
+das war doch entz&uuml;ckend&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie &#8211; Sie lachen &#8211; es ist doch nicht wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Dies kam mit einem unendlich entt&auml;uschten Ton.</p>
+
+<p>&raquo;Frage deine Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken.
+&Uuml;bermorgen mit dem Fr&uuml;hzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten
+Anzug geb&uuml;gelt.&laquo;</p>
+
+<p>Richard stie&szlig; einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der
+Freude genannt werden durfte, und machte Luftspr&uuml;nge wie sein
+geliebtes Fohlen auf der Weide.</p>
+
+<p>Er raste treppauf, treppab und erf&uuml;llte das ganze Haus mit dem Gesause
+und Gebraus
+<!-- Page 214 --><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214"> 214</a></span>
+seiner st&uuml;rmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha
+bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu sp&uuml;ren, bis der kleine
+Handkoffer auf dem Korbw&auml;gelchen stand, bis Richard sich in der
+schaurigk&uuml;hlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter
+abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls
+aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsth&auml;ndler,
+seinen alten Freund, zu &uuml;bergeben, die Hand sch&uuml;ttelte. Rolfers hatte
+in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, da&szlig; der junge Bote sein
+Sohn sei und hoffentlich einmal sein k&uuml;nstlerischer Erbe.</p>
+
+<p>Sinnend blickte er dem davonrollenden W&auml;gelchen nach, von dem der
+Junge leidenschaftlich mit der M&uuml;tze zur&uuml;ckwinkte, als er um die Ecke
+bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute,
+auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.</p>
+
+<p><!-- Page 215 --><span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215"> 215</a></span>
+Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese
+N&auml;chte ihr Kopfkissen mit vielen Tr&auml;nen befeuchtet. Doch die zwei, die
+nur miteinander besch&auml;ftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr
+sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.</p>
+
+<p>Mit zwei Auftr&auml;gen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise
+bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins
+Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, die m&ouml;chte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel M&uuml;he und
+Arbeit von der Sache gehabt. Und ich w&uuml;nschte, da&szlig; du ihr einen
+sch&ouml;nen Kleiderstoff mitbr&auml;chtest. Eine weiche Wolle, die sanfte,
+flie&szlig;ende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln
+Violett wie reife Pflaumen. Das mu&szlig; gut stehen zu ihrem blonden Haar
+und zu der
+<!-- Page 216 --><span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216"> 216</a></span>
+Kette. Wir wollen unsre Mutter doch h&uuml;bsch sehen. Sie gibt
+zu wenig auf ihr &Auml;u&szlig;eres.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das habe ich ihr oft gesagt,&laquo; rief Richard eifrig. &raquo;Aber sie
+wollte nie h&ouml;ren, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig
+Geld, f&uuml;gte er naiv hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Darum m&uuml;ssen wir beide nun f&uuml;r sie sorgen,&laquo; sagte Rolfers und klopfte
+Richard auf die Schulter. &raquo;Sieh, da&szlig; du etwas Sch&ouml;nes findest &#8211; und
+vergi&szlig; auch die Farbentuben f&uuml;r dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob
+dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser
+Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, da&szlig; die Wohnung noch nicht gek&uuml;ndigt
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?&laquo; fragte er. &raquo;Deine
+Einrichtungen gehen mich ja nichts an &#8211; aber da
+<!-- Page 217 --><span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217"> 217</a></span>
+du sonst so sparsam wirtschaftest, nimmt es mich wunder&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie m&uuml;sse einen Ort haben,
+ihre M&ouml;bel aufzubewahren, an denen sie doch h&auml;nge, und &uuml;berhaupt wolle
+sie einen Fleck wissen, der ihr geh&ouml;re. Sie zeigte ein so ablehnendes
+Wesen in dieser Angelegenheit, da&szlig; Rolfers schnell das Gespr&auml;ch auf
+ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt
+war, mu&szlig;te er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck
+denken, der sich bei dem Gespr&auml;ch &uuml;ber die Wohnung auf ihrem Gesicht
+gezeigt hatte.</p>
+
+<p>Er ging viel und unruhig im Haus umher.</p>
+
+<p>&raquo;Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?&laquo; fragte
+er mehrmals. &raquo;Ich hatte gar nicht gewu&szlig;t, da&szlig; der Bengel so viel L&auml;rm
+vollf&uuml;hrte.&laquo; Und er h&ouml;rte in Gedanken die frische eifrige Stimme
+durchs Haus
+<!-- Page 218 --><span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218"> 218</a></span>
+jubeln: Professor &#8211; Professorchen! Denn je vertraulicher
+der Junge wurde, desto mehr Fragen und W&uuml;nsche hatte er auch an ihn.</p>
+
+<p>Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den
+breiten Weg zwischen den Gem&uuml;sebeeten hinab und hinauf wandelte, an
+dessen R&auml;ndern nun schon die ersten Rosenknospen sich &ouml;ffneten, fragte
+er seine Gef&auml;hrtin sacht und ein wenig verlegen: &raquo;Sage, Martha, hast
+du keine alten Photographien &#8211; so dumme kleine Kinderbilder von dem
+Jungen? Die m&ouml;cht&rsquo; ich wohl gerne einmal sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich lie&szlig; sie in Berlin!&laquo; erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg
+betroffen. Er ging dann bald ins Haus &lsquo;... Jetzt wird er bei Gebhardts
+sitzen,&rsquo; dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard
+in der Familie gastlich aufzunehmen, er wu&szlig;te, da&szlig; dies in dem
+gro&szlig;gef&uuml;hrten Hause keine
+<!-- Page 219 --><span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219"> 219</a></span>
+Schwierigkeiten machte. &lsquo;Oder vielleicht
+haben sie ihn auch ins Theater gef&uuml;hrt. Wie er sich wohl geb&auml;rden wird
+... ich wollte, ich k&ouml;nnte ihn sehen&rsquo;&nbsp;... So tr&auml;umte er sehns&uuml;chtig
+und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.</p>
+
+<p>Martha hatte sich ebenfalls fr&uuml;h in ihr Zimmer zur&uuml;ckgezogen. Sie
+verschlo&szlig; die T&uuml;r. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes
+abgegriffenes kleines Lederalbum und bl&auml;tterte darin. Es enthielt die
+Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als
+nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in
+der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard
+als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedr&auml;ngten
+Schuljungenk&ouml;pfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem
+Baumstumpf unter den Wanderv&ouml;geln. Sie k&uuml;&szlig;te
+<!-- Page 220 --><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220"> 220</a></span>
+und streichelte die Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen
+leidenschaftliche Kosenamen, als seien sie lebendig.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;die soll er niemals
+sehen &#8211; die sind mein Eigentum, meines allein &#8211; Seine
+s&uuml;&szlig;e Kindheit, die will ich mit niemand teilen &#8211; die
+geh&ouml;rt nur mir allein!&laquo;</p>
+
+<p>Sie versteckte das Album wieder sorgf&auml;ltig unter ihrer W&auml;sche und
+schob die Lade zu.</p>
+
+<p>Lange sa&szlig; sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte
+sich leise hin und her und schaute tr&uuml;be vor sich nieder. Zuletzt
+raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe,
+r&uuml;ckte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschlu&szlig;
+verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten
+hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen,
+legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch
+<ins class="correction" title="Original: einma">einmal</ins>
+<!-- Page 221 --><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221"> 221</a></span>
+rechnete sie auf dem L&ouml;schblatt verschiedene Zahlenreihen
+zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mu&szlig;te sie
+zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil gro&szlig;e Tr&auml;nen
+auf das Papier fielen und die Schrift verl&ouml;schten. Endlich brachte sie
+ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch
+zustande. Sie ging hinaus und &ouml;ffnete die Haust&uuml;r. Oben lehnte sich
+Rolfers aus dem Fenster.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,&laquo; antwortete Martha und
+lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene
+Dunkelheit hinaus.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">R</span>olfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang
+strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten &uuml;berstr&ouml;mend.
+In Berlin und Hamburg
+<!-- Page 222 --><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222"> 222</a></span>
+flatterten die Siegesfahnen von allen D&auml;chern,
+denn Lemberg sei gefallen, und nun st&uuml;rmten die Heere auf Warschau
+zu&nbsp;&#8211;! Und die Ausstellung&nbsp;&#8211;! Der Professor solle nur nicht glauben,
+da&szlig; die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr f&uuml;r Kunst
+haben wollten&nbsp;&#8211;! Gedr&auml;ngt h&auml;tten sich die Leute &#8211; die
+Nationalgalerie habe das gro&szlig;e Seest&uuml;ck gekauft, das mit der grauen
+schweren Luft und dem dunkeln Wasser &#8211; und es habe sich fein gemacht,
+da&szlig; schon bei der Er&ouml;ffnung der Ausstellung daran gestanden habe:
+Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es
+sei aber noch ungewi&szlig; welches. Und Gebhardt h&auml;tte es schon
+telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude g&ouml;nnen, es zu berichten.
+Und lieb sei er zu ihm gewesen &#8211; Frau Gebhardt auch und der junge
+Gebhardt&nbsp;... Nicht zu sagen&nbsp;&#8211;! Aber er wisse schon, wem er das zu
+verdanken habe.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 223 --><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223"> 223</a></span>
+Der Abend verging unter den fr&ouml;hlichen Berichten des aufgeregten
+Knaben. Sie sa&szlig;en auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das
+Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten,
+sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche
+Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die sch&ouml;nen schlanken
+Kristallkelche, die sonst im altert&uuml;mlichen Glasschrank standen.
+Richard war ganz wild vor Entz&uuml;cken. Martha sch&uuml;ttelte den Kopf und
+meinte, Rolfers verw&ouml;hne den Jungen, doch sie wurde &uuml;berstimmt. Der
+Professor war lustig wie ein Akademiesch&uuml;ler &#8211; und die beiden heckten
+allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das
+Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umh&uuml;llten
+sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing
+Rolfers ihr die goldene Kette &uuml;ber den Kopf. Dann
+<!-- Page 224 --><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224"> 224</a></span>
+holte Richard seine Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der
+Professor sang tapfer mit, lehrte ihn auch Melodien von sch&ouml;nen
+alten Volksliedern. Martha hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie
+schwieg bald wieder.</p>
+
+<p>Einmal fragte Rolfers: &raquo;Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so bla&szlig;
+aus?&laquo; Doch sie meinte, es sei nur der gr&uuml;ne Schein von den dichten
+Weinranken.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">M</span>it hei&szlig;en roten Backen und Augen wie
+zwei Lichtern schaute Richard aus den wei&szlig;en Bettkissen, als seine
+Mutter noch einmal zu ihm kam, ihm den Gutenachtku&szlig; geben.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Mutti &#8211; war das ein sch&ouml;ner Abend &#8211; nicht? Herrlich! Da&szlig; der
+Professor so lustig sein k&ouml;nnte, h&auml;tte ich doch nie geglaubt! Und die
+Goldkette, was&nbsp;&#8211;? Die mu&szlig;t du jetzt t&auml;glich tragen &#8211; o, warum hast
+du sie abgenommen &#8211; sie steht dir so gut! &#8211; Mutti,
+<!-- Page 225 --><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225"> 225</a></span>
+was hast du &#8211; dich qu&auml;lt etwas &#8211; du hast dich auch
+nicht gefreut &uuml;ber die Geschenke &#8211; glaubst du nicht,
+da&szlig; der Professor uns lieb hat? Sag&rsquo; doch, Mutti?&laquo;</p>
+
+<p>Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter
+Hals und streichelte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Dich hat er lieb!&laquo; stie&szlig; Frau Martha hervor. &raquo;Was bin ich ihm?
+Nichts! Weniger als nichts!&nbsp;... Eine Wirtschafterin&nbsp;&#8211;! Ausn&uuml;tzen tut
+er uns und dann ein Geschenk. Wie&rsquo;s mich beleidigt, ahnt er nicht
+einmal! So von oben herab! &#8211; O &#8211; ich kenne ihn, den Zauberer &#8211; aber
+&uuml;ber mich hat er keine Macht mehr &#8211; nur dich &#8211; dich hat er ganz und
+gar!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schluchzte laut auf. Richard l&ouml;ste best&uuml;rzt den Arm von ihrem
+Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, da&szlig; er zun&auml;chst nur
+grenzenlos erschrocken war. Niemals
+<!-- Page 226 --><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226"> 226</a></span>
+noch hatte er so leidenschaftliche T&ouml;ne aus seiner Mutter Munde
+verkommen. Wie kam sie, die Stille, Gefa&szlig;te, Verst&auml;ndige, zu
+diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange mu&szlig;te das schon in ihr
+gew&uuml;hlt haben&nbsp;... Aber was denn? Er begriff den Grund ihres Kummers
+noch immer nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sag&rsquo; mir doch nur, warum du so traurig bist?&laquo; bat er. Und als sie
+schwieg, nur den Kopf heftig sch&uuml;ttelte, begann er leise z&ouml;gernd, voll
+Scham und Scheu: &raquo;Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du
+dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs
+nicht &#8211; ja &#8211; aber dann&nbsp;&#8211;! Dann habe ich ja begriffen &#8211; so gut &#8211;
+so gut&nbsp;... Man mu&szlig; ihn verehren&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha ri&szlig; ihren Sohn pl&ouml;tzlich in ihre Arme und k&uuml;&szlig;te ihn wild.</p>
+
+<p>&raquo;Ich ertrage es nicht &#8211; ich ertrage es nicht!&laquo; st&ouml;hnte sie.
+&raquo;Ich gehe daran zugrunde &#8211; ich
+<!-- Page 227 --><span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227"> 227</a></span>
+werde schlecht, wenn ich hier bleibe &#8211; gemein,
+boshaft &#8211; geh&auml;ssig &#8211; ganz, ganz klein werde ich, wenn ich l&auml;nger
+hier bleibe&nbsp;... Er hat mir alles genommen &#8211; und er wird dich mir auch
+noch nehmen. Du siehst und h&ouml;rst ja schon nichts andres als ihn! Du
+bist ja schon wie verzaubert &#8211; Richard, hast du denn dein armes Mutti
+gar nicht mehr lieb?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Mutter &#8211;,&laquo; rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah
+seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, &raquo;wie redest du nur?
+Ich kenne dich gar nicht mehr&nbsp;... Ich habe dich lieb, das ist doch
+selbstverst&auml;ndlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht
+liebhaben&nbsp;... Mutti &#8211; er &#8211; er ist doch mein Vater!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut &#8211; so w&auml;hle!&laquo; sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit
+verweinten, zerw&uuml;hlten Z&uuml;gen auf ihn nieder. &raquo;Ja, Richard &#8211; es geht
+nicht anders. Ich habe
+<!-- Page 228 --><span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228"> 228</a></span>
+mir &Uuml;bermenschliches zugetraut und kann es nicht durchf&uuml;hren.
+Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur ein schwaches Weib.
+Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will ich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter &#8211; das &#8211; nein, das kannst du nicht!&laquo; schrie Richard ganz laut
+vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.</p>
+
+<p>&raquo;Sei leise, Richard, er h&ouml;rt uns,&laquo; mahnte die Mutter. &raquo;Mein Junge, es
+wird dir schwer, aber du mu&szlig;t mir das Opfer bringen &#8211; du wirst &#8211; ich
+wei&szlig; es&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Opfer?&laquo; fragte Richard und begann zu zittern. &raquo;Was meinst du
+denn, Mutti?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen
+wir fort. Anders geht es nicht &#8211; sonst bringt er uns ja doch wieder
+in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem
+Herzen
+<!-- Page 229 --><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229"> 229</a></span>
+fortlockt&nbsp;... Und glaube mir, Richard &#8211; ich kenne ihn &#8211; in
+ihm ist eine schauerliche K&auml;lte. Was gilt ihm Menschengl&uuml;ck &#8211; ihm
+gilt nur die Kunst&nbsp;... Wenn du ihn da entt&auml;uschest &#8211; du sollst es
+sehen, wie er dich r&uuml;cksichtslos &uuml;ber Bord wirft&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das darf er auch,&laquo; sagte der Knabe trotzig. &raquo;Das ist sein gutes
+Recht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Augen irrten hilflos. &raquo;Vielleicht ist es schon zu sp&auml;t,&laquo; sagte
+sie pl&ouml;tzlich gedr&uuml;ckt, wie unter einer allzu schweren B&uuml;rde von
+Kummer. &raquo;Ja, ich f&uuml;hle es, bleibe nur bei ihm&nbsp;... La&szlig; mich gehen,
+Richard, halte mich nicht zur&uuml;ck. Sieh &#8211; ich habe mir eine Stellung
+gesucht, wo ich Brot habe, selbst&auml;ndig bin. Nicht in Berlin, das war
+nur, um ihn irrezuf&uuml;hren. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn
+ich erst ganz weit fort von euch bin,
+<!-- Page 230 --><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230"> 230</a></span>
+in der Arbeit, in recht viel Arbeit &#8211; dann wird es ja schon gehen.
+Dann werde ich mich ja schon wiederfinden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter &#8211; das ist alles so unm&ouml;glich &#8211; so
+sonderbar unm&ouml;glich&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Nun streichelte sie ihn unter Tr&auml;nen, die ihr &uuml;ber das blasse,
+eingefallene und ersch&ouml;pfte Gesicht liefen.</p>
+
+<p>&raquo;Gelt &#8211; du sagst ihm nichts &#8211; verr&auml;tst mich nicht? Mein armer Junge,
+da&szlig; ich dir so weh tun mu&szlig;&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; murmelte Richard und lie&szlig; den Kopf trostlos auf
+die Brust fallen, &raquo;du tust mir weh &#8211; so weh&nbsp;...&laquo;
+Er kr&uuml;mmte sich, wie in gro&szlig;en K&ouml;rperschmerzen.
+&raquo;Nie habe ich daran gedacht&nbsp;... Nie&nbsp;... Mutter &#8211; bitte
+&#8211; versuche doch zu schlafen&nbsp;... Morgen wirst du alles anders
+sehen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Richard &#8211; das ist kein Plan von heut &#8211; der ist seit Wochen in
+mir gereift.
+<!-- Page 231 --><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231"> 231</a></span>
+Und nun bin ich ganz entschlossen&nbsp;... Aber ich will dich
+nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es w&auml;re wohl zu grausam&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>Richard ballte die F&auml;uste. &lsquo;Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,&rsquo;
+schrie es in ihm. &lsquo;Ich geh&ouml;re zu ihm und bleibe hier&rsquo;&nbsp;...</p>
+
+<p>Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn
+eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den
+Kopf von ihr fort. M&uuml;rrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.</p>
+
+<p>Einige Augenblicke stand sie unschl&uuml;ssig an seinem Bett. &raquo;Richard,
+willst du mir nicht noch einen Ku&szlig; geben?&laquo; fragte sie mit leiser
+dem&uuml;tiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und
+w&uuml;hlte sein Gesicht in die Kissen&nbsp;...</p>
+
+<p>Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zur&uuml;ck. Sie lie&szlig; die
+T&uuml;re ge&ouml;ffnet, denn ihr war, als k&ouml;nne sie jetzt nicht allein
+<!-- Page 232 --><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232"> 232</a></span> sein,
+als m&uuml;sse sie wenigstens noch seinen Atem h&ouml;ren. Leise und schnell
+legte sie sich nieder. Schwer hing die hei&szlig;e Sommernacht &uuml;ber dem
+Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie h&ouml;rte, wie
+Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange
+still, so da&szlig; sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. K&ouml;nnte
+sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen
+... Aber wenn er sich von ihr losmachen w&uuml;rde, wenn sie ihn verlieren
+m&uuml;&szlig;te?&nbsp;... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich
+klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So
+viele Jahre hatte sie in n&uuml;chterner Stille gelebt&nbsp;... Nein, sie h&auml;tte
+gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch
+auf ihr. Sie hatte es l&auml;ngst verwunden. Sie war friedlich und froh in
+ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung
+<!-- Page 233 --><span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233"> 233</a></span>
+hatte sie jemals beunruhigt, da&szlig; ihr noch einmal Seelenleiden
+aufgespart sein k&ouml;nnten, wie sie sie in den letzten Wochen
+durchgemacht hatte.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rte die T&uuml;re leise gehen, vernahm das Tappen nackter
+F&uuml;&szlig;e. Sie unterschied Richards Gestalt im wei&szlig;en
+Nachthemd. Er kam sachte n&auml;her, setzte sich zu ihr, beugte sich
+tief &uuml;ber sie nieder und fl&uuml;sterte ihr ins Ohr: &raquo;Mutti,
+sage mir eins&nbsp;... Du hast ihn noch lieb, nicht wahr?&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sie schlang die Arme um ihren Sohn und dr&uuml;ckte ihren Kopf an seine
+Brust. &raquo;Ich wei&szlig; nicht&nbsp;&#8211;! Hilf mir, Richard&nbsp;...
+hilf mir doch &#8211; &#8211; ja &#8211; ich glaube &#8211; ich liebe
+ihn immer noch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann
+sagte er ruhig und sicher: &raquo;Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich
+nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe
+<!-- Page 234 --><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234"> 234</a></span>
+immer bei dir. Aber nun h&ouml;re zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun
+wir auf keinen Fall. Was man will, mu&szlig; man auch vertreten. Du
+mu&szlig;t es ihm sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, du kannst. Er h&auml;lt uns nicht zur&uuml;ck, wenn wir fortgehen wollen
+&#8211; dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und
+ich sage ihm, da&szlig; ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen
+uns.&laquo;</p>
+
+<p>Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerrei&szlig;enden Ton
+von Hoffnungslosigkeit, da&szlig; Martha ihn heftig an sich dr&uuml;ckte und
+fl&uuml;sterte:</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mich auch nicht hassen &#8211; mein Einziges?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Mutti &#8211; ich verstehe dich ja,&laquo; sagte er leise und m&uuml;de.</p>
+
+<p>So sa&szlig;en sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schw&uuml;len
+Sommernacht,
+<!-- Page 235 --><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235"> 235</a></span>
+schwiegen miteinander oder redeten leise &uuml;ber die Einzelheiten von
+Marthas Plan.</p>
+
+<p>Endlich kehrte Richard in sein Bett zur&uuml;ck und fiel gleich in einen
+tiefen, schweren Schlaf.</p>
+</div>
+
+<hr class="thoughtbreak" />
+
+<p><span class="bigletter">R</span>olfers ging &uuml;ber den Hof in die Scheune.
+L&uuml;tje sollte das Pferd putzen und einspannen. Er wollte mit Richard
+&uuml;ber Land fahren, um ihm einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem
+aus er das Bild gemalt hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen
+beabsichtigte. Er war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des
+fr&ouml;hlichen kleinen Gelages auf der Veranda, die Melodie von
+&raquo;Deutschland, Deutschland &uuml;ber alles&laquo;.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von
+Mackensen &#8211; damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das
+sich der Erfolg der deutschen Waffen vorw&auml;rts st&uuml;rmend nach Ru&szlig;land
+<!-- Page 236 --><span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236"> 236</a></span>
+hineinw&auml;lzen konnte. Deutschland w&uuml;rde nicht untergehen&nbsp;... Es w&uuml;rde
+leben und siegen&nbsp;... Und sein Blick schaute erl&ouml;st in die Zukunft. Der
+furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust
+gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen &#8211; sich
+freuen und leben. Sein Ich war tot &#8211; unter tausend bitteren Schmerzen
+gestorben. Dieses harte st&ouml;rrische Ich, das nur dazu da war, damit die
+Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich
+selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur
+Darstellung bringen mu&szlig;te, und darum doch niemals das H&ouml;chste
+erreichte&nbsp;... Das wu&szlig;te er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden
+Armen und H&auml;nden h&auml;tte er&rsquo;s nie gefa&szlig;t und erlangt, immer sich in
+Theorien zerqu&auml;lt&nbsp;... Der Junge &#8211; der arbeitete viel naiver darauf
+los, als er&rsquo;s je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in
+<!-- Page 237 --><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237"> 237</a></span>
+der Kunst, was er so inbr&uuml;nstig gesucht sein Leben lang.
+K&ouml;nnte er ihn nur bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem
+neidischen Schauen auf den Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach
+Aufsehen. K&ouml;nnte er ihn sch&uuml;tzen vor der wilden Hetzjagd, in
+der sie sich alle verzehrt hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag
+doch eine wundervolle reife S&uuml;&szlig;e in dem Sichselbstaufgeben um
+des Kommenden willen &#8211; nur noch einer sein, der den Weg bereitet
+in das neue Land, f&uuml;r die Jugend in der geretteten Heimat.</p>
+
+<p>Rolfers trat in den d&auml;mmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das
+gro&szlig;e Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden
+Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte
+eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da h&ouml;rte er
+hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein
+<!-- Page 238 --><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238"> 238</a></span>
+Bewegen. Er horchte auf &#8211; dort verbarg sich jemand.</p>
+
+<p>Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf
+einem Futtersack sa&szlig; Richard, zusammengekr&uuml;mmt, beide Arme auf einen
+vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedr&uuml;ckt. Seine
+Schultern zuckten in kurzen St&ouml;&szlig;en, ein Ton, wie von einem Weinen, das
+gewaltsam unterdr&uuml;ckt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt
+und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier
+geschehen?</p>
+
+<p>&raquo;Richard&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der w&uuml;hlte sich nur
+tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenk&ouml;rper wurde
+durchsch&uuml;ttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.</p>
+
+<p>&raquo;Richard, mein Kerlchen &#8211; um Gottes willen &#8211; was ist dir denn
+geschehen? Sieh
+<!-- Page 239 --><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239"> 239</a></span>
+mich doch an &#8211; wei&szlig;t du denn nicht, wie ich&rsquo;s mit
+dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein hei&szlig; und rot geweintes
+Gesicht, entz&uuml;ndete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den
+Hals und legte, wie in einer v&ouml;lligen Ersch&ouml;pfung von Jammer, seinen
+Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zun&auml;chst nur seine Tr&auml;nen zu
+trocknen, streichelte ihm das Haar und fl&uuml;sterte ihm gute, beruhigende
+Worte zu.</p>
+
+<p>Richard hob den Kopf und l&auml;chelte, wie kranke Kinder zuweilen l&auml;cheln,
+um die Erwachsenen &uuml;ber ihre Schmerzen zu beruhigen.</p>
+
+<p>&raquo;&#8211; Es ist ja nichts,&laquo; antwortete er eilig, &raquo;nur Dummheit&nbsp;... Ich
+hatte etwas mit Mutti, &#8211; es ist schon vorbei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da machst du mir nun nichts wei&szlig;, mein Junge,&laquo; sagte Rolfers sehr
+ernst. &raquo;Die Wahrheit
+<!-- Page 240 --><span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240"> 240</a></span>
+werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir
+nicht sagen willst &#8211; verla&szlig; dich drauf.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten
+M&ouml;glichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen
+Schmerzensausbruch veranla&szlig;t haben k&ouml;nnten, jagten durch seine
+Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in
+Berlin erschien ihm als das N&auml;chstliegende. Mutter und Sohn hatten
+gestern abend lange miteinander geredet, &#8211; ja er hatte ihre erregten
+Stimmen einigemal in harter Steigerung geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Richard, &#8211; soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?&laquo;</p>
+
+<p>In dem von Weinen verschwollenen Gesicht w&uuml;hlte und arbeitete es. &raquo;Die
+Mutter wollte mit Ihnen reden,&laquo; stotterte der Junge. &raquo;Sie wird es doch
+nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 241 --><span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241"> 241</a></span>
+Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas
+Finsteres, Drohendes. &raquo;Keinen Mut,&laquo; grollte er, &raquo;was soll denn das
+hei&szlig;en&nbsp;... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu
+leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem R&uuml;cken irgend
+etwas aus, was nur geheimgehalten werden mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie,&laquo; sagte Richard lebhaft, &raquo;das habe ich der Mutter auch
+gesagt. Sie m&uuml;ssen es wissen! Wir wollen fort!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was &#8211; fort von mir &#8211; fort&nbsp;&#8211;? du auch?&laquo;</p>
+
+<p>Richard nickte. &raquo;Ich geh&ouml;re zu Mutter!&laquo; Das war nur noch ein trotziges
+Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollst&auml;ndig
+fassungslos &#8211; an diese M&ouml;glichkeit, wenn er sie auch Martha
+freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gef&uuml;hl einer
+ungeheuren Entt&auml;uschung schn&uuml;rte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in
+<!-- Page 242 --><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242"> 242</a></span>
+ihm hoch &#8211; er h&auml;tte sich auf den Jungen werfen und ihn erw&uuml;rgen
+k&ouml;nnen. &#8211; Der aber, wie er sah, da&szlig; der Mann blauwei&szlig; wurde im
+Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine
+linke Hand und k&uuml;&szlig;te sie. Dem&uuml;tig und z&auml;rtlich hob er die Hand und
+legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden St&ouml;&szlig;en ihm die Brust
+beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotger&auml;nderten Augen, deren
+Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes
+Tierchen, dem gro&szlig;es Unrecht geschieht.</p>
+
+<p>Rolfers zog einen tiefen Atemzug. &raquo;Also &#8211; da scheint sich deine
+Mutter etwas recht T&ouml;richtes ausgegr&uuml;belt zu haben! Nun &#8211; wir werden
+ja sehen &#8211; wir werden ja sehen!&laquo;</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu
+sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben
+lange an.</p>
+
+<p><!-- Page 243 --><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243"> 243</a></span>
+&raquo;&#8211; du glaubst, ich lie&szlig;e dich von mir,&laquo; sagte er
+undeutlich, &raquo;dich &#8211; meinen Weg, mein Ziel&nbsp;... meine
+Ewigkeit&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Er strich mit der Hand &uuml;ber die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Nun komm, wir gehen durchs Gartenpf&ouml;rtchen ins Moor hinaus. Die
+Mutter ist vorn und sieht uns nicht, &#8211; da erz&auml;hlst du mir alles. Wir
+werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube,
+ich wei&szlig; bereits eins &#8211; mit dem ich mich in diesen ganzen letzten
+Wochen herumgeschleppt habe&nbsp;... Sonderbar &#8211; man wei&szlig; &#8211; ein Entschlu&szlig;
+ist reif &#8211; und kann doch nicht dazu kommen, die letzte T&uuml;re
+aufzusto&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr,&laquo; fragte Richard, &raquo;wenn wir heimlich fortgegangen w&auml;ren &#8211;
+Sie h&auml;tten uns nie wieder geholt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, da kennst du mich gut &#8211; das h&auml;tte ich nie &uuml;ber mich
+gebracht.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 244 --><span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244"> 244</a></span>
+Richard nickte sinnend. Pl&ouml;tzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um
+den Hals, dr&uuml;ckte ihn st&uuml;rmisch und k&uuml;&szlig;te ihn auf den Mund, der ihm
+begl&uuml;ckt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: &raquo;Vater
+&#8211; mein Vater!&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen
+kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war.
+Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.</p>
+
+<p>Martha sa&szlig; vor der Veranda und n&auml;hte, als Rolfers zur&uuml;ckkehrte und
+sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. &Uuml;ber
+dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die gro&szlig;en
+Tannen dufteten kr&auml;ftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie
+eine s&uuml;&szlig;e leichte Melodie in der Luft. Martha f&uuml;hlte sich ein wenig
+dumpf im Kopf und gleichsam ausgeh&ouml;hlt. Als habe
+<!-- Page 245 --><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245"> 245</a></span>
+mit der gestrigen
+Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschlu&szlig;
+an Energie verloren. Sie fand das Leben unertr&auml;glich schwer und
+arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein,
+denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie
+ein friedliches B&auml;chlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein.
+Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung
+gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder
+auf ebene freundliche Stra&szlig;en hinausfinden w&uuml;rde. Immer heftiger und
+eiliger stach sie mit der Nadel durch den wei&szlig;en Stoff, als m&uuml;sse mit
+der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endg&uuml;ltig beendigt
+werden. Sie h&ouml;rte Rolfers kommen und es scho&szlig; ihr durch den Kopf:
+jetzt w&auml;re der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu
+&uuml;berfallen. Sie nickte ihm nur fl&uuml;chtig
+<!-- Page 246 --><span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246"> 246</a></span>
+zu und n&auml;hte immer schneller
+weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuz&uuml;nden,
+doch das oft Ge&uuml;bte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu
+heftig, er mu&szlig;te um Marthas Unterst&uuml;tzung bitten. Sie strich ein
+Z&uuml;ndholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit
+wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.</p>
+
+<p>&raquo;Man sollte meinen, Martha, du n&auml;htest um dein Leben&nbsp;...,&laquo; sagte er
+heiter und eine Wenigkeit ironisch. &raquo;Sieh einmal auf und genie&szlig;e diese
+goldene Stunde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach &#8211; es ist einem nicht immer um goldene Stunden!&laquo; sagte sie
+traurig.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, gewi&szlig; nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns
+noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich f&uuml;rchte auch, ich w&auml;hle eigentlich
+nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange
+im Gem&uuml;t
+<!-- Page 247 --><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247"> 247</a></span>
+rumort. Aber es mu&szlig; nun doch heraus: Willst du meine Frau
+werden?&laquo;</p>
+
+<p>Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>&raquo;Das soll ich doch nur um Richards willen,&laquo; rief sie dunkel ergl&uuml;hend
+und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tr&auml;nen. &raquo;Wenn du glaubst,
+ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein f&uuml;r allemal
+vor&uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Martha, ich m&ouml;chte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig
+ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen
+Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das
+Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, da&szlig; ich ihn
+vielleicht nicht lieben gelernt h&auml;tte, wenn ich nicht in ihm mein
+eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden h&auml;tte. Du kennst
+mich, Martha, &#8211; meine St&auml;rke und meine
+<!-- Page 248 --><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248"> 248</a></span>
+Schw&auml;che, unter der du ja
+schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um
+irgendeinen lieben Jungen &#8211; es geht mir um meine Kunst &#8211; ach &#8211; was
+sage ich &#8211; meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard
+sich so prachtvoll frisch und kr&auml;ftig regt! Mu&szlig; ich k&uuml;nftig nur noch
+H&uuml;ter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kr&auml;ften werden!
+In diesen f&uuml;rchterlichen Weltkr&auml;mpfen ist es doch etwas Heiliges, die
+kleinen Pfl&auml;nzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verk&ouml;rpert,
+das der Mensch doch schlie&szlig;lich ebenso n&ouml;tig braucht wie Brot und
+Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkw&uuml;rdig, da&szlig; die
+Kunst auf blutigem, gef&auml;hrlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie
+ist eine d&auml;monische Luxuspflanze, die sich von kostbarem
+Menschend&uuml;nger n&auml;hrt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage,
+es geht in dieser Angelegenheit keineswegs
+<!-- Page 249 --><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249"> 249</a></span>
+um dein oder um mein Gl&uuml;ck, sondern um etwas viel H&ouml;heres,
+Allgemeineres. H&auml;tte ich die &Uuml;berzeugung nicht, ich w&uuml;rde
+gewi&szlig; nicht wagen, dir diese letzte Entsagung
+zuzumuten&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. &raquo;Ich
+kann nicht, Franz &#8211; was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten!
+Das mit der Kunst &#8211; es ist gewi&szlig; wahr &#8211; aber es klingt so kalt &#8211;
+ich kann es doch nicht verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stand auf, starrte in den bl&uuml;henden sommerwarmen Garten, blickte
+wieder zur&uuml;ck auf den Mann, den sie liebte &#8211; sie f&uuml;hlte es so stark
+in dieser Stunde &#8211; und der ihr doch so fremd war und so Grausames von
+ihr forderte, w&auml;hrend er still wartete.</p>
+
+<p>&raquo;Gut denn &#8211; nimm Richard &#8211; ich schenk ihn dir &#8211; wenn es sein Gl&uuml;ck
+ist&nbsp;...,&laquo; sprach sie bebend und schluchzend. &raquo;Nur sehen will
+<!-- Page 250 --><span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250"> 250</a></span>
+ich ihn zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage
+zum Besuch haben, das wirst du mir ja g&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie trank ihre salzigen Tr&auml;nen mit den Lippen, als m&uuml;sse sie damit den
+herben Trank ihrer Zukunft kosten.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Martha &#8211; das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide!
+Du bist seine Mutter &#8211; unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich
+ihn heute liebe &#8211; niemals m&ouml;chte ich den warmherzigen Jungen von
+seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&lsquo;Das k&ouml;nnte ich auch am wenigsten ertragen,&rsquo; fl&uuml;sterte Martha zornig.</p>
+
+<p>&raquo;Also lassen wir das Kapitel beiseite,&laquo; sagte Rolfers. &raquo;W&auml;re es dir
+lieber, Martha, wir w&uuml;rden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen:
+wir zwei alternde Menschen, f&uuml;r uns k&ouml;nne noch mal ein Liebesfr&uuml;hling
+kommen?
+<!-- Page 251 --><span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251"> 251</a></span>
+Unser Fr&uuml;hling hei&szlig;t Richard &#8211; ich meine, er bl&uuml;ht sch&ouml;n und
+verhei&szlig;ungsvoll.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Sieh, ich biete dir meine Hand&nbsp;... Mancherlei habe ich durchlitten &#8211;
+darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein F&uuml;hrer sein aus
+dir selbst heraus &#8211; hinein in ein besseres und h&ouml;heres Gef&uuml;hl, das
+uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe mu&szlig; genug Kraft und Saft
+haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du
+nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Franz&nbsp;...&laquo; Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend
+Erinnerungen, wu&szlig;te der Mann, da&szlig; er sie gewonnen hatte. Er &ouml;ffnete
+die T&uuml;re und rief laut nach seinem Sohn.</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<hr />
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+
+<p>Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.</p>
+
+<p>Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen:</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_26">S. 26</a>: dr&auml;ngte --> dr&auml;ngte. (Punkt erg&auml;nzt.)</li>
+<li><a href="#Page_52">S. 52</a>: qu&auml;lt dich nicht ..&laquo; --> qu&auml;lt dich nicht ...&laquo;
+(Auslassungspunkt erg&auml;nzt)</li>
+<li><a href="#Page_59">S. 59</a>: &Uuml;berrraschung --> &Uuml;berraschung (Druckfehler korrigiert)</li>
+<li><a href="#Page_220">S. 220</a>: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)</li>
+</ul>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND ***
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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