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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:36:50 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:36:50 -0700 |
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diff --git a/27959-8.txt b/27959-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2600bc6 --- /dev/null +++ b/27959-8.txt @@ -0,0 +1,4333 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Ins neue Land + +Author: Gabriele Reuter + +Release Date: February 1, 2009 [EBook #27959] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + INS NEUE LAND + + + + + Ullstein-Bücher + + Eine Sammlung + zeitgenössischer Romane + + + + [Verlagslogo] + + + + Ullstein & Co / Berlin Und Wien + + + + + INS NEUE LAND + + VON + + GABRIELE REUTER + + + + [Verlagslogo] + + + + Ullstein & Co / Berlin Und Wien + + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin. + + + + + * * * * * + + + + +Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem +Parterresaal der Verwundetenbaracke. + +»Wie geht's unserm Finsteren?« fragte der junge Doktor im weißen +Operationsmantel, mit der unpersönlichen Heiterkeit, die Ärzten und +Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur +Gewohnheit geworden ist. + +»Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere +Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch +mal mit ihm, Herr Doktor ...« + +»Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten +unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit +ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen ...« + +»Sie haben eben die größere Denkfähigkeit, um sich alle +Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,« +antwortete die Schwester. »Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn +unseres Finsteren geachtet?« + +»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ... +Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.« + +Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer +Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen +und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge +Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese +Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen +hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe +geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne +im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden, +irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele +erwarteten. + +Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte +sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene +Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für +ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der, +aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er +zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf. +»Weiterschlafen, -- ruhig weiterschlafen!« + +Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in +reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf +ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um +das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken +Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung. + +»Damit können wir jetzt aufhören,« sagte der Arzt. Er löste mit Hilfe +der Schwester die Binden und Gehänge. »Es hat keinen Zweck mehr. Die +Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl erträglicher, +seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? -- -- Was?« + +Ein bitterer Zug, der ein Lächeln vorstellen sollte, verzog den Mund +des Mannes. Er brummte etwas Unverständliches. + +»Nun heißt es nur, auch den Allgemeinzustand heben,« fuhr der junge +Arzt fort. »Dazu können Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber +Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben -- -- wird schon alles +wieder werden! Der Staat sorgt für seine Verteidiger -- --, na und +einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn's sein muß, +sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch -- -- +werden wieder gesund ...« + +Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tröster, scharf, +durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, daß er verlegen +schwieg. + +»Lassen wir die Zukunft,« sagte der Verstümmelte herrisch. »Wäre es +nicht möglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte, +oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten könnten, wär' +ich Ihnen dankbar.« + +»Gewiß, gewiß -- -- das läßt sich tun! Nur, ich weiß nicht, ob Ihnen +jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung, +Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen +Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!« Als der andre nicht +antwortete, fuhr er zögernd fort: »Könnte nicht jemand von Ihrer +Familie Sie mal besuchen?« + +»Ich habe keine Familie,« sagte der Mann schroff. »Bitte nur um das +Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafür +aufkommen.« + +Der junge blonde Mediziner nickte eifrig. + +»Ich werde es besorgen,« sagte er in einem Ton, der plötzlich +bescheiden und beinahe schüchtern geworden war. »Schwester, -- -- der +Patient hier soll auf Nummer sechsunddreißig umgebettet werden. Sie +könnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?« Er ging hinaus, die +Schwester folgte ihm. + +»Was ist der Mann eigentlich, -- -- ich meine, seiner bürgerlichen +Stellung nach?« fragte er draußen. + +»Ich glaube, Künstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie über sich. +Man kommt ihm nicht näher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!« + +»Mein Gott,« murmelte der Doktor bekümmert, »wenn man immer wüßte -- -- +es ist so schwer ...« + +Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den +Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu +vollenden. + + * * * * * + +Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die +seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden +Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu +den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den +verschiedenen Anfällen seiner Körperpein, nur um sein Denken nicht auf +das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her +waren Beine zerschmettert, Gedärme zerrissen, Lungen durchbohrt, +Schädel zertrümmert worden ... alles hätte er mit Mut und Freude +erlitten. -- -- Nur nicht die Augen, -- -- nicht Hand und Arm. Doch +gerade das -- -- das Schwerste wurde von ihm gefordert. + +Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrümmerten Welt +einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar +-- -- selbstverständlich klar. + +Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die +Möglichkeit in der Phantasie aufgestiegen -- -- er hatte sie mit +Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewußtseins +hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten. + +Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender +Traum. + +-- -- Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... -- Er sah +es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fühlte wieder +genau, wie alles sich für ihn abgespielt hatte. -- Das Boot des +norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schäreninsel, wo er +malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu +bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von Ärger: +»Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ...« Und: +Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so. +Vor allem, sich nicht stören lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm +der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und +schwenkte die Drucksachen wild in die Lüfte. + +... Zunächst ein Verstummen -- ein Versagen jeglichen Gefühls. +Plötzlich diese fürchterliche Selbstverständlichkeit des +Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfältiger blitzartiger +Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle +verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an ... + +Rolfers hatte niemals gedient. Militärisches Wesen lag völlig +außerhalb seiner Lebenssphäre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte +das Entsetzen wüten -- wenn er wollte, konnte er morgen weiter +arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand würde ihn hier in +seiner Nordlandeinsamkeit hindern. + +Auf dem schwarzen sonndurchwärmten Granitfelsen saß er abends, schaute +über die wogenden Gewässer, die von lila und flaschengrünen Streifen +durchzogen waren und in einem milchigen Weiß verdämmerten. Geruhsam +klatschte das Wasser regelmäßig gegen den Stein, den die Umwälzungen +von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten. + +Da kam es plötzlich ...: Aus dem langsamen Näherrollen der fernen +großen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ... +Aus den tückischen Stimmen der Tiefe drang das böse Gemurmel ihres +Hasses in sein Bewußtsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher +Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ... +Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig -- überlebensgroß an Formen +und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre +Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewänder wehen in der +Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen +Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmückengesichter, verzerrt von +einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie +geschwungen, sausten klatschend über ihre edle Stirne, daß Blut +herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute +gräßlicher Gestalten raste über sie dahin, immer teuflischer, immer +grauenvoller an Aussehen und Gebärden ... Schwarze Rauchgespenster +wälzten sich über den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen, +wie er es nie gehört ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte +ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlägen, die +Brust war ganz erfüllt von diesem Pochen und Hämmern ... Gott -- Gott +-- sie erhob sich -- blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schweiß +bedeckt -- Sie sah auf ihn -- auf ihn, Franz Rolfers -- aus +unergründlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie +sterben mußte ... + + * * * * * + +Eine Stunde später waren seine paar Malergerätschaften +zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz +eines Goldstückes und der Macht seiner herrischen Person bestochen, +ihn hinüberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle +nordische Nacht, in der alle Zauber göttlicher Friedensschönheit über +den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. Über öde Heideflächen, +durch Ginster und Wacholdergestrüpp, durch Birkenwälder und +Felsenwildnisse stundenweit zur nächsten Bahnstation gelaufen. In +atemloser Hast den Schnellzug genommen -- hinein gestürmt in den sich +heimwärts ergießenden Schwall von Reisenden. Angehörige aller +europäischen Völker in engsten Räumen zusammengepreßt einer neuen +Trennung der Stämme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen +mußte mit der Schärfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ... +Gepäckstücke waren sie alle, nichts weiter, die befördert wurden, +liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rücksicht auf +menschliche Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und +Nässe, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen +schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaßten oder +aufgeregt redenden Männern -- bis man in einer unbegreiflichen Weise +zum Ziele kam und die deutsche Grenze überschritt. + +Von Militärbehörde zu Militärbehörde. Hier zurückgewiesen, dort +vertröstet, -- endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie +Tausende von andern Männern und jungen Knaben. Eingeordnet in die +ungeheure, bewunderungswürdig genau arbeitende Maschine des deutschen +Heerwesens. + +Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich für +ihn und noch für manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr +jungen Männer. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem +Machtbewußtsein ihrer Herrschaft über die Fülle von Kraft, Geist und +gelassener Vornehmheit, die ihnen so plötzlich zur Verfügung gestellt +wurde. Aufgaben, für die in gewöhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen +waren, mußten in Wochen bewältigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit +in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine +körperliche Abhärtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert +abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. Übrigens ging +alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind +heran ... Nur ihn endlich fassen dürfen ... Hinaus -- hinaus ins Feld, +an die Front ...! + +-- -- Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tränen, Singen, Jubeln, +flatternde Tücher, winkende Hände, brausende Musik ... Rolfers +marschierte, von einigen Schülern begleitet, die dem gleichen Los mit +Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu. +Ein Gefühl in ihnen allen ... Das Persönliche in dieser Stunde völlig +ausgelöscht -- himmelhoch aufschlagend die Flamme _eines_ Wollens in +Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht für ihn, den Einsiedler, +der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft längst +verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefühl aller als +etwas Köstliches, als einen hehren und flüchtigen Besitz. + +Er kannte sich. Bald genug würden Kritik und Zweifelsucht und das +innerliche Zurückweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das +begann schon während der langen Eisenbahnfahrten unter all den +schwitzenden, stinkenden Männern mit ihren plumpen Späßen, ihren +törichten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden +Singen, Schreien, Begrüßen an den Bahnhöfen. Doch herrschte ein +Unbekanntes in ihm. Es war die Überzeugung von der völligen +Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers fühlte und +dachte. Das waren nur noch übriggebliebene Fetzen aus einem abgetanen +und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichgültig wie den +andern. + +Nur vorwärts, vorwärts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel! -- + +Märsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten +vor Schmerzen, bei denen der Schweiß am Körper niedertroff und ihn in +ekle Dünste hüllte, bei denen man mit entzündeten Augenlidern im +Sonnenbrand, unter dicken weißen Staubschichten, Staub in der +ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend +helle Landstraßen entlang trabte. Dann wieder in finsteren +Regennächten durch unergründlichen zähen Schlamm vorwärts torkelnd, +kaum den Vordermann zu unterscheiden vermögend und doch mit ihm die +dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich ausstrecken -- schlafen -- +fressen ... + +Manchem zarten Jungen liefen die Tränen stromweis über die Backen in +Überreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der Körper +herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich -- +nur vorwärts -- vorwärts -- vorwärts! + +Der Hunger wühlte und riß in den Eingeweiden, quälte die erschöpfte +Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in +trüben Nebeln. Hartnäckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers' +Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschäftigte sich mit +einer Daunendecke von violetter Seide, kühl und zart anzufühlen, in +die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer +Freundin die Glieder hatte hüllen dürfen. Er sah das Monogramm, das +er einmal gezeichnet, in dem Überschlag, die Freiherrenkrone über den +Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glühte in großen +Kristallkelchen -- immer hatte er eine Vorliebe gehabt für edles +Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen -- er spürte den +Geschmack des Weines auf der Zunge -- Fasanenpastete reichte der +Diener ... Er roch den feinen Duft der Trüffeln -- widerlich, daß man +von den dummen Erinnerungen nicht loskam ... + +»Verflucht feine Klöße konnte meine Olle kochen,« hörte er eine +brummige Stimme hinter sich ... »ick sage schon, wenn ick davon 'ne +Schüssel hier hätte -- mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja ...!« + +-- -- Franz Rolfers mußte lachen -- laut und erlösend. Hatte er das +Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt? + + * * * * * + +Es kam keine große Schlacht für sie, keine der gewaltigen Taten mit +Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes -- mit +schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den +leichenübersäten Feldern. + +Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment. +Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch über ihren Köpfen +vernahmen sie die kleinen Vögel, die so seltsam fein und scharf +sangen, wenn man sie am Ohr vorüberfliegen hörte ... Hier -- dort +streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte +vorwärts -- sank in sich zusammen. + + * * * * * + +Die erste Zeit im Schützengraben ... Strenges Verbot zu feuern, +nachdem einige der in den Gräben vor dem ihren liegenden Kameraden +getroffen worden waren. Untätiges Liegen. -- Warten. -- Tage und +Nächte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige +Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden +Gliedmaßen zusammen. Knattern, Sausen, Brüllen, Dröhnen, Donnern -- +die Luft auf Meilen ringsum von Getöse erfüllt. Ein Heulen in letzter +Todesqual -- Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen -- obszöne Scherze +-- krampfiges Gelächter -- betende Hilferufe, abgelöst von starrem +Schweigen hinter zusammengebissenen Zähnen, während die Granaten in +ihren Reihen wüteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers +lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrückt, den +Tornister zum Schutz auf den Nacken gerückt. Plötzlich fühlte er sich +erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken +-- erkannte, daß er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der +explodierenden Geschosse. An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken +ein schweres Schnarchen anderer toderschöpfter Männer. Er -- Franz +Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte +-- nur einer von vielen -- vom Todesgrauen in Bleischlaf gestürzt -- +wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf +schlaftrunken an seine Schulter drängte. + +Als der Morgen dämmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stieß +er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern, +sprang, schlich, stürzte, sprang wieder in weiten Sätzen, wie sie die +Sehnen nur leisten konnten, über die glitschigen Lehmschollen, die +faulenden Blätter der Rübenfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder +springen mit dem schweren Tornister auf dem Rücken, das Gewehr mit +aufgepflanztem Bajonett schwingend, -- ja, wie sie brüllten schrien, +tobten -- die Gesichter blaurot -- die Augen aus den Höhlen gequollen, +kein menschlicher Ausdruck mehr -- vom Blutrausch ergriffen, eine +Schar von Teufeln, von Vernichtern ... Und im Nebel auftauchend die +blutigroten Flecken der Franzosenhosen -- die feindlichen Gestalten, +die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenstürzten +-- im grauen klatschenden Regen ... Im Nahkampf sich packten mit +Fäusten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette +sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfontänen spritzten in die +Lüfte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den Höhlen -- die +Nase füllte sich mit dem Gestank des Todes ... Keiner -- nicht Freund +noch Feind -- mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden +-- nur noch ungeheure Gewalten, in wütender Wollust und grausiger +Umarmung gegeneinander ringend -- in jedem Blutstropfen nur noch das +Leben des Vaterlandes spürend ... + +-- -- Vernichtet, zerstampft mußte sie werden, die feindliche Gewalt, +wie Hirnmasse und Schädeldecken zerstampft wurden in den grausamen +Kämpfen ... Rolfers raste, tobte, schoß, schlug, haute um sich, +brüllte und würgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern. +Vernichtet mußte sie werden, die französische Kultur, die er studiert, +zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge +auf Erden. Notwendigste Ergänzung des eigenen Besitzes war ihm +Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen ... Welch +ein wahnsinniger Traum ... + +-- -- Viele Nächte in Kellern oder zerschossenen Bauernhütten, wo man +in der nächsten Sekunde in Flammen eingehüllt sein konnte, mit Gestank +und Ungeziefer, zwischen einer feindlichen Bevölkerung, von der man +sich aller Greuel und jeder Heimtücke zu versehen hatte. Ihm kam die +Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdrücken +zugute -- er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er +Händel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur +gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Mißverständnissen +hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, faßten +trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er +sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg über alle diese +Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den +Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz +fühlte er nur: auch sie morden ja für den einen göttlichen Begriff: +Vaterland -- Heimat! + +Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie überall +sonst zwischen Menschen: er genoß Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne +geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den +Kameraden verband, blieb eine kühle Ferne zwischen Rolfers und den +Mannschaften. Das änderte sich auch nicht durch die brüderliche +Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die +Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur, +die sich warm erschließen konnte, oder die Öffnung andrer Herzen zu +erwecken vermochte. Früher hatte er diesen Mangel schmerzlichst +beklagt, später nahm er ihn als unabänderlichen Teil seines Wesens. +Dürstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach +zu ihm, wie nur zu Auserwählten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie +intimste Reize erschloß, den sie trunken machen konnte mit einem +Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete Rolfers, daß +auch unter Offizieren wie Soldaten manche während dieses Feldzuges die +Rückkehr in den Zustand des wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen +Lust genossen. -- Würde solche erstaunliche Veränderung Früchte tragen +in einem Frieden, der höchst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar +schien? ... Würde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und +Empfindungen eine Neugestaltung überfeinerter Kultur bewirken können? +Oder würde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb der +schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln Gründe, +die unter dem wachen Bewußtsein schlummern, zurückgeworfen und dem +Vergessen überantwortet werden? + +Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in müßigen Stunden nach. +Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich alles in +strömender Bewegung, in fürchterlicher Aufwühlung von unmöglichen +Gegensätzen, in denen zu jeder Stunde Rückfälle in Barbarentum und +Tierheit mit den strahlendsten Beweisen höchsten Menschentums +zusammenstießen. Gleicherweise bei Freund und Feind. + +In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein +tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers. +Gleich den Blutströmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in +steter gleichmäßiger Tätigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder +zurück den Weg durch Lunge und Körper nahmen, ihn mit tausend +geheimnisvollen Kräften nährend, blieb der starke Strom seines +Kunstgefühls zu jeder Sekunde in ihm rege tätig. Ohne daß die Gedanken +teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern +unaufhörlich getränkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebärden +von Menschen, die groß, einfach und gewaltig waren, wie er nichts +Ähnliches früher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von +Pferden und Männern, die alles Glaubhafte weit hinter sich ließen, +wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetüme von +Haubitzen eine Anhöhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschütz, den +Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende +Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne +Ertragen wütenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen, +gegen die antike Masken von Kriegern gleichgültig wurden. Alles, alles +war zum Äußersten gesteigert: Ausbrüche der Freude, der Wut, der +Liebe, der Frömmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden +aus Urschlünden und Abgründen ferner Zeiten, da Mensch und Tier +begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnächte voll der +süßesten Schönheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten, +Tönen, Düften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das +Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknüpften, +daß es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu +unsichtbarem, machtschwangerem Besitz. + + * * * * * + +Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal -- der +Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages +eine Schießerei in dem Gelände stattgefunden, die Rothosen waren +überwältigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig +zurückgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos +vom Feind gesäubert war. Man fand nichts Verdächtiges, kehrte, +vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurück. Der Offizier und +die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stück weit voran, als Rolfers +seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im +tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag. + +»Ein Toter oder Verwundeter,« flüsterte er seinem Nachbar zu. + +»Ach was, schnell vorwärts,« murrte der. »Wir verlieren den Anschluß, +und wer weiß, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.« + +Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen +fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen +in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mütze vor und leuchtete mit +der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob +sich mühsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung +-- in demselben Moment krachte der Schuß. + +Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers -- er stürzte wie ein Stück Vieh +quer über den Franzosen. + + * * * * * + +Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bäume. Er bewegte den +Kopf, blickte aus nächster Nähe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen, +deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedächtnis +trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der +Mund war wie von einem müden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges, +feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet. + +Rolfers suchte sich zu erheben -- da packte ihn wütender Schmerz in +Arm und Schulter und atemlose Angst ... War's möglich, war's nur zu +denken, daß das Schlimmste getragen werden mußte? + +Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen -- auf den starren +Körper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber +Bewußtlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten Ängsten. Bei +grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanitätssoldaten, die von den +Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen. + +Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser +heimtückisch im Innern des Körpers platzenden Geschosse. + +Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren. + +Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, daß der Stabsarzt +begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch +zahllose mühselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu +entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mußte. Die +wütenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten, +unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von +Hoffnung und Verzweiflung. + +In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er +sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf +einem gefällten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lässigen Grazie, +die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde +Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe +Wange beschattet, ein lauernd grausames Lächeln um den roten +Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers +arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen +seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung +üben sollte, von der in den Schützengräben mit wollüstigem Vergnügen +geredet wurde. + +Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz +seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von Überfeinerung und +Verruchtheit eines todgeweihten Volkes -- aber zugleich versank in ihm +die Hoffnung tiefer und tiefer, daß er jemals wieder Stift und Pinsel +führen könne. + +Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung +eines großen Chirurgen in Berlin ausgeführt werden. Der Lazarettzug +trug ihn mit vielen Leidensgefährten durchs deutsche Land. + +Einmal, während sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in +langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren +Fieberzuständen heraus, in denen die Dinge urplötzlich so +geheimnisvolle Bedeutungen annehmen können, einen Anblick, der ihn +grenzenlos erschütterte. + +Auf dem Bahndamm, hoch über dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau. +Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme +steil gen Himmel, faltete die Hände und beugte sich tief, bis zur Erde +nieder. + +Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Größe und Inbrunst +geschaut. Ihm war zumute, als grüße in der Gestalt dieser Bauersfrau +Germania selbst ihre geopferten Söhne. + +Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fühlte sich mit +einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlünde des Todes +hinabsinken, gegrüßt von jener göttlich-hohen, inbrünstig-demütigen +Gebärde. + +Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des +brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu +lassen. + + * * * * * + +Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen +Wunsch, seine künftigen Tage hinschleppen zu müssen ... Konnte das +Pflicht sein? -- Unsinn! + +Er hatte seine Pflicht geleistet, rücksichtslos, instinktiv, wie alle +Volksgenossen. -- -- Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz +Rolfers, an. Er war aus einem Stück der Allgemeinheit wieder zur +Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen +fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt +verlassen würde, mußte die Erlösungsstunde für ihn kommen. Dies hatte +er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrückt +den Interessen der Kameraden. + +Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten für andere sich +hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstümmelten, das lag ihm nicht. +Er haßte Heuchelei -- auch gegen sich selbst. + + * * * * * + +Besuchsstunde. Neben den weißen Betten, auf den kleinen Glastischen +Blumen oder Früchte: Trauben, Birnen, Äpfel auf Tellern, in braunen +Tüten, weiße Kästchen mit Konfekt, Marmeladetöpfchen, Bücher und +Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen +Kinder, Frauen, Mütterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein +Lachen, Schwatzen, Scherzen erfüllte den hohen Saal. Verstohlen +wischte hie und da eine Frauenhand niederstürzende Tränen von der +Wange. Ein altes Jüngferchen, dürftig gekleidet, mit einem lieben +Lächeln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit süßem +roten Gelee und weißer Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Für +mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam +täglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten +sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen +rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhüten durch das +bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten +Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weißen Häubchen, +den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen +ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde. + +Alles in allem hätte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben +können, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weißen, von +heiterem Stimmenwirrwarr erfüllten Saal ausgefochten wurde. + +Rolfers tönten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine +Gefühle waren zwiespältig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und +opferwilligen Güte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher +bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz über die Anmutlosigkeit +der Gebärden, der Erscheinungsform dieser Liebe, über die Torheit der +Gespräche, die Zudringlichkeit der Wohltäterinnen. + +Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prüfung seiner krankhaft +gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme +beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine +Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit möglichst wenig auf seine +Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, daß eine +hübsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschäftigung, riesige +Stücke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager plötzlich gestutzt +hatte und dann einen Schrei tat: »Meister --! Ja, Meister Rolfers, +sind Sie's oder sind Sie's nicht? Und Berlin weiß nicht, daß Sie hier +liegen? Aber das ist ja unerhört -- aber da muß ich doch gleich ... +Was kann ich nur für Sie tun?« + +»Nichts, gnädige Frau, als zu schweigen!« hatte Rolfers geantwortet. +Dies war freilich das stärkste Verlangen, was man an die +liebenswürdige Schwätzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen +Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem +Lackschuh -- jede Berührung seines Lagers verursachte ihm noch immer +unerträgliche Pein -- und hatte ihm versichert, daß er ganz der Alte +geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben +dürfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine Überführung in das +Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit +haben würde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere +Fürsorge. + +Rolfers sah, während die junge Frau so plauderte, auf den blaßroten +Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen +waren, und der unter dem weißen Schleier eigentümlich reizvoll +blühte. Es fiel ihm ein, daß er diesen Mund einmal in der Nachtlaune +eines Künstlerfestes sehr lange und innig geküßt hatte. Er dachte +daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im +Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Porträt gehabt. +Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wäre +ihm auch das reiche Mädchen nicht unzugänglich gewesen, doch nach dem +Kuß auf den blühenden blaßroten Mund packte ihn plötzlich ein Grauen +vor all dieser wohlarrangierten Bürgerlichkeit, und er hatte sich jäh +zurückgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm +aufs freundlichste ihre Gaben. Wie völlig belanglos schien ihm auch +dies und jede Hoffnung, die sich daran knüpfen mochte. -- Widerwärtige +Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu benützen, um als +Krüppel über einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten +obzusiegen ... + +Der jungen Frau wurde mit einem höflichen Lächeln ablehnend gedankt +für all ihre gütigen Pläne. Als trotzdem am folgenden Tage eine +Fruchtschale und Rosen von wundervollster Üppigkeit eintrafen, ließ +Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht +wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestärkte ihn nur in +dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er für solche Besuche +unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch +wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die +steigende Kühle ihm gegenüber mit Humor. + +Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz +menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und +seine Persönlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurückgenommen +hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und +die nur durch Hand und Arm für die Menschheit Wert gehabt, aus +selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich +wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kümmern, wie er auf +seine Umgebung wirken mochte. + + * * * * * + +»-- -- Fräulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle, +Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,« hörte Rolfers +eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er -- +oder täuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, daß er die Stimme +gehört hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen +ihm -- das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme +heller und fröhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hören, und +leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung +verborgen die mittelgroße, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu +Bett ging, mit den Schüsselchen, die sonst von dem alten Fräulein +verteilt wurden. + +-- -- Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt +... wie hübsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den +hellen Augen -- lieber Gott -- nun sah sie aus wie irgend jemand ... +farblos -- das war wohl heut die Formel für sie ... + +Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen +Erkennungsszene -- aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig, +und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn +es einmal nicht zu umgehen war. + +Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das +tut mir nun leid -- für Sie habe ich nichts mehr.« + +»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine +junge Pflegerin, die vorüberlief. + +Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht -- machen +Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die +an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen. +»Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?« + +»Es ist nichts Ernstes -- nur eine Erkältung,« antwortete die Frau. +Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn. +Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen +Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue +zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die +hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen +Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften. + +»-- Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.« + +Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht. + +»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns +merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm -- Es ist lieb, daß +das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht +anders ...« + +Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl, +den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit +ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun +leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?« +fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die +sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte. + +'... Sie ist alt geworden,' dachte er. 'Merkwürdig, wie schnell das +bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen +Formen verlieren.' -- -- »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,« +sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist +überstanden. -- -- Wie lebst du, Martha?« + +»Wie immer -- ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein +Brot. Wird der Chef eingezogen, weiß ich freilich nicht, wie es gehen +soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,« +fügte sie eilig hinzu. + +»Und der Junge?« + +»Ein großer Kerl -- schon in Obertertia.« + +»Ich habe mich gefreut, daß du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich +wächst er dir nicht zu sehr über den Kopf, quält dich nicht ...« + +»O nein,« entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen +begannen zu glänzen. »Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge +und begabt! Hat für alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.« Kaum +hörbar flüsterte sie: »Ich bin dir dankbar, daß ich ihn aufs Gymnasium +schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!« + +»Das ist doch nur selbstverständlich!« antwortete Rolfers ablehnend, +seine Brauen zogen sich zusammen. + +Martha Lebus erhob sich sofort. »Ich muß nun gehen,« sagte sie scheu, +und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und +mitleiderweckend. »Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?« + +Rolfers lächelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr +bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden +Frau. + +»Gewiß, Martha, das ist hübsch. Komm nur!« + +Sie hatte seine Hand gefaßt, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie +zu drücken. + +»Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen +werde. Du findest mich allein, und wir können freier miteinander +plaudern. Lebe wohl, Martha.« + +Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal. +An der Tür blickte sie noch einmal zurück und nickte Rolfers zu. Er +grüßte mit der linken Hand. + +Die Klingel tönte, die Besucher, männliche und weibliche, entfernten +sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam +das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der +Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltäglichen +Ordnung zurück. Die meisten der Verwundeten waren müde von den +ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit +geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers. + +'... Es scheint, daß ich noch einmal einen Überblick über mein +ganzes Leben bekommen soll,' dachte er. 'Ob ich sie auf der Straße +wiedererkannt hätte? Arme kleine Martha -- Die Zeit ist doch grausam +gegen die Frauen' ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen +verstaubten Atelier hausten, die unmöglichsten Gerichte auf dem +Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den +unmöglichsten Wirtschaften nächtigten ... Die Winterabende, an denen +man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Köpfe heiß +und die Kehlen trocken redete über lauter Kunstfragen, die er heute +belächelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das +so schlicht an ihrer schlanken Mädchengestalt niederfiel, ging, von +all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehüllt, hin und +wieder und legte Kohlen in das eiserne Öfchen, bis es rot glühte, +oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus +dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen +Bewegungen, die ihn unsäglich rührten. -- -- Wie vorsichtig sie +heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berühren ... + + * * * * * + +Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten +Ursache für den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein +Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner +Entwicklung. + +Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der +sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht +zurück zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet -- was er an +ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstört +-- all das Armselige, Lächerliche einer Familienwirtschaft ohne Geld +... Es graute ihm davor. -- Er fühlte sich nicht im mindesten reif für +die Pflichten eines Vaters. + +Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es +gelassen und natürlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verständigkeit +zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestört, die ihn leicht ein +wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der +Dämon seiner Kunst herrschte immer stärker über ihn. -- Die +regelmäßigen Zahlungen für den Jungen, die von ihm erhöht wurden, als +er besser verdiente, ließ er durch seinen Bankier übermitteln. Er +selbst wollte möglichst wenig und selten an diese Jugendepisode +gemahnt werden. + + * * * * * + +Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die +er gerne hörte. -- Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daß sie +täglich am Nachmittag für einige Stunden bei ihm war, Aufträge für ihn +besorgte, Briefe für ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand +ging. Sie tat dies alles in einer selbstverständlichen schlichten +Weise, so daß es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Dienste +abzulehnen. + +Sie nannte Richard oft und erzählte diesen oder jenen Zug von dem +Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fühlen beschäftigte +sich mit ihm. Rolfers hörte höflich zu, ohne wärmere Anteilnahme zu +zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht +einmal mitbringen dürfe. + +Die Frage berührte ihn peinlich. -- Sein Sohn? -- Ein Stück seiner +eigenen Persönlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine +Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine Überraschung +prägte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer +gewußt, daß da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter +sicherlich gut und tüchtig erzogen würde. + +Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung. +Als er die traurige enttäuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur +Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn. + +»Martha -- Kind -- was hat es denn für einen Sinn? Der Junge wird kaum +sehr freundliche Gefühle für mich haben können.« + +»Darum eben dachte ich ...,« stotterte sie verlegen. + +»Ihr Frauen denkt immer, das Unmögliche geht -- weil ihr es wünscht. +Wozu den armen Kerl quälen mit unangenehmen Situationen? Ja, -- wenn +er nie von mir gehört hätte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um +sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht +-- desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?« + +»Neugierig schon ...« + +»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier +eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff. + +Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett +bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke +zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen. + +'Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und +Vorwürfen,' dachte Rolfers. 'Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden +lassen? -- Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen -- Oder +nennt man das nun weibliches Heldentum?' + +Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn +ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller +als sonst. + +'So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel +verfolgt,' überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen +die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten +konnten. 'Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich +bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht +unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben -- warum dann nicht +ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft -- die +schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde -- und ohne ihre +Berechtigung. Sie will mich einfangen -- zweifellos -- das Muttertier +kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden +hat -- tausendmal bewies sie es --, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit +einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege +steht!' + +Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine +gleichmütig-philosophische Rührung. + +Lieben kann sie mich kaum noch -- so wenig, wie ich sie noch liebe. +Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt +wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite +würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu +befürchten sein ... + +Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich +einen Tag, der noch zu leben sei -- ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den +tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen +Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal +sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht +ausreichen würde. + +Wie in das Glück eines süßen Betäubungstrankes versanken seine Sinne +in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit +den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund +gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des +Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach +Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine +Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg, +wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und +verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten +Schöpfungstag. + +Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis +aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu +lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die +wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte, +sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen +ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor +allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. -- Die andere +Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von +Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen. +Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie +Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht +unterdrücken konnte. + + * * * * * + +Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie +das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu +einem Beruf zeige. + +»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder +Abneigung. + +»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er +werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum +in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee +beigebracht?« + +»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha. + +Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: »Ihr Frauen seid +unbegreifliche Geschöpfe. Ich erinnere mich gut, daß du meine Kunst im +Grunde immer haßtest -- wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen +konntest. Bei Gelegenheit brach's doch durch. Ganz elementar. War ja +auch für dich eine fragwürdige feindliche Macht. Wäre ich einfacher +Bürger gewesen, hätte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben +handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von +sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm +vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte +Verständigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwölf Jahr'?« + +»Nein -- vierzehn,« berichtigte sie mit zitterndem Munde. + +»Ach, so alt schon ...? Ja -- verzeih -- ich habe Tage und Jahre +niemals nachgezählt!« Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit +einem eigentümlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick +ernst und ruhig. + +»Wir wollten von dem Jungen sprechen,« sagte er nach einer Weile kühl. +»Du hast mir neulich angedeutet, daß er nicht gerade von liebevollen +Gefühlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht +verdenken kann.« + +»Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,« +verteidigte sich Martha. + +»Das traue ich dir zu. Aber der Junge müßte doch ein Schlappinsky +erster Güte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Haß gegen mich hätte +-- Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn +Bilder von mir?« + +»Außer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei +uns hängt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie +zu gehen und die 'Düne im Sturm' zu sehen, die sie dort von dir +angekauft haben.« + +»Ja -- dann verstehe ich aber noch weniger ...« + +»Er will auch gar nicht Maler werden. Er haßt alle Künstler -- +'verachtet' sie, wie er sich ausdrückt. Er hat ja nie einen gesehen +und gesprochen --,« fügte sie mit einem kleinen Lachen ein ... »Er +will Jura studieren und Rechtsanwalt werden -- weil er gehört hat, +die verdienten unter den Juristen am meisten Geld ...« + +»So so -- also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.« + +»Er will dir dann die Kosten für seine Erziehung mit Zinsen +zurückgeben, hat er mir gesagt,« antwortete die Mutter und reckte sich +in die Höhe. + +»Donnerwetter! Das ist ungewöhnlich!« rief Rolfers verblüfft. + +»Er will dir nichts zu verdanken haben!« + +»Famos -- famos! -- Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken +haben, was er mir nicht gut zurückgeben kann!« + +»Ja, einen harten Willen hat er!« + +»Also -- was ist's dann mit dem Gefasel von der Künstlerschaft?« + +»Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden. +Ich muß dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du +wenigstens sehen!« + +»Ja, tue das -- morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief +Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer. + + * * * * * + +Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem +Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer +Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte, +statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die +feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das +Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes +erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der +jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in +einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flüchtigem +Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein +freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in +braunen Schatten liegenden Augen. + +Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher +Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger, +dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat -- +der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer +geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste +Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie. + +Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das +Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und +wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um +einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder +bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als +scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches. + +»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut -- ich hatte beinahe +Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.« + +»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.« + +»So -- desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster +rücken, bitte -- da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich, +mir die Blätter zu geben. Danke -- ja -- so ist's gut. Das ist ja eine +Menge! Fleißig scheint er zu sein.« + +Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun +die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervös zitterten, vor ihn +hinlegte. Kohle- und Rötelzeichnungen, dann ausgeführtere Aquarelle, +auch einige Versuche in Öl. Landschaftsstudien, ein einzelner +Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stückchen Ährenfeld, ein +toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu +fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von +Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in +Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur +in ein paar Linien für das Gedächtnis festgehalten. + +»Doll -- ganz doll,« murmelte Rolfers ein paarmal. »Was der Kerl +riskiert -- eine unverschämte Keckheit --« Er schüttelte den Kopf, +hielt ein Blatt lange vor sich hin. »Wieder mal recht kindlich -- +Dieses hier ist mißlungen, -- das auch, -- das -- -- nee, wahrhaftig, +er fängt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich +innerlich gebost haben. -- -- Dies ist nun geradezu unglaublich --! +Dieser Sinn für Raumverteilung -- Köstlich -- jetzt kommen wohl die +Schulzeichnungen? So 'n ganz andres Kaliber! Na ja -- hier schludert +er richtig und macht so was für den Lehrer zurecht. #Ia#. +Selbstverständlich! Schweinerei!« + +Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mühsam mit der Linken eine +»#4b#« neben die Schulnote. + +»Meinst du nicht auch, daß er Talent hat?« fragte Martha zaghaft. + +Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an. + +»Talent -- Talent hat heut jeder Lausejunge -- fragt sich, ob er den +Charakter hat, ein Könner zu werden!« + +Rolfers zog zwei Blätter aus den übrigen hervor. + +»Donnerwetter -- was ist denn hier -- freie Phantasien ...« Mit den +Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen +die Unterschriften: »Der Schlafende« --»Der Erwachte«. In kühnen +kräftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getönt, +zeigten sie eine ganz eigentümliche und persönliche Technik. Eine Bank +auf einer Anhöhe unter einem Baum, der ungefähr eine Eiche vorstellen +mochte. Hier saß ein nackter Mann, einen alten ungefügen +Kavalleriesäbel über den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, +in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbäumen, +grünen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Dörfchen im +Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen +kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen, +ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen, +Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft +verfinstert und wildverstört, das Dörfchen in gelb und roten Flammen, +die Obstbäume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch +das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom +Sturm durchwühlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer +Silhouette mit mächtigem Schritt die Anhöhe hinab, den Säbel gewaltig +schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme +nach ihm aus. + +»-- -- Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?« fragte +Rolfers lebhaft ... »Das ist ja famos! die Gelöstheit der Glieder im +Schlaf -- die Macht des Schreitens -- das ist einfach verblüffend -- +die Majestät der aufgereckten Haltung -- das soll erst mal einer von +uns Älteren rauskriegen, was dem Bengel da geglückt ist ... Ha -- hier +kommen die Studien -- wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also -- +die Badeanstalt!« + +»Ja -- von dort kam er immer zu spät heim -- da hat er Stunden und +Stunden verhockt -- und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die +Sachen entdeckte.« + +Rolfers vertiefte sich mit zusammengefaßter Aufmerksamkeit in die +Skizzen. + +»Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. -- Na ja -- Anatomie +fehlt noch -- aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ... +merkwürdig -- höchst merkwürdig.« + +Plötzlich lehnte er sich zurück und lachte herzlich. + +»Der Bengel will Rechtsanwalt werden -- richtig so 'ne ausgeklügelte +Chose --! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander +bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwüstung +ab! -- -- -- -- + +Du -- schade eigentlich, daß du ihm gesagt hast ... wüßte er nicht, +daß ich sein Vater bin, -- den Kerl hätte ich gern zum Schüler gehabt +-- aus dem ließe sich was machen ... Teufel ja -- das könnte mich +reizen ...« + +Marthas Blick glitt über ihn hin -- er fühlte ihn, sah auf, traf den +Ausdruck eines erschütterten Mitleids in ihren Zügen. + +»-- Ja -- du hast ja recht ... ich hatte vergessen ...« + +Heftig stieß er den Stuhl zurück, sprang auf, schritt mit starken +Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich plötzlich taumelnd auf +den Bettrand, weiß, hohläugig -- mit gezerrten Zügen, wie ein +Sterbender anzuschauen. + +Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nähe stand. Er +trank das Glas leer und belebte sich allmählich wieder. Die Frau stand +neben ihm und strich ihm zaghaft tröstend über das Haar. Er lehnte den +Kopf an ihren Arm, schloß die Augen und murmelte: »Wie gut du bist. +Aber geh jetzt -- ruf mir die Schwester -- ich muß mich hinlegen -- +man ist ja zu nichts mehr nütze.« + +»Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege ...« + +»Ach, Marthchen -- erholen ... wozu ...?« + +Er starrte in Gedanken vor sich nieder, während sie die Blätter wieder +in die Mappe legte, die Bänder zuknüpfte, ihren Hut aufsetzte, sich +still und gehorsam zum Fortgehen anschickte. + +»Sag' dem Jungen vorläufig nichts davon, daß ich die Zeichnungen +gesehen habe,« sagte Rolfers, »wenn sich's tun läßt.« + +»Gewiß nicht -- obschon es ihn natürlich doch beglücken würde -- aber +es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, daß ich sie ohne sein Wissen +mitbrachte.« + +Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben. + +»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte +Rolfers. + + * * * * * + +Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und +Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner +Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in +ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl +der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf +sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im +gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte. +Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte +rangen um seine Seele -- gleich an Kraft und gleich in ihrer +unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig +feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale. +-- Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen +verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung +seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen +gesündigt, hatte es tausendmal verneint -- weil er an die ewige +Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ... +Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und +Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen +Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes -- war +sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen +Ideen? Die Staaten zerfielen -- die Rassen veränderten sich und +versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen +Forderungen und Idealen -- die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg +über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind +begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs +neue zu erobern -- die selbe Welt, in der ihre höchsten Offenbarungen +rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen. + +Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung +sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen +müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer +einzigen Idee -- der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf +sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten +Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen +Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der +ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen +allen so übermächtig geworden war -- wie hätten sie anders ihr +Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers +unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen. + +Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige +leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem +andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach +heißen oder nicht -- gleichviel -- da war ein Geschöpf auf Erden, in +dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der +ihn erfüllte -- ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf +dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. -- Und +das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch +geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich +tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte +sich auf gegen das Mitleid -- in sich spürte er ein wildes Tier, das +die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich +mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er +sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme +seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er +sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da -- da -- +bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm +das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf +dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts +schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer -- Weiser -- +Hüter sein durfte -- desto eigensinniger sein Verlangen, das +Ungewohnte zu ertrotzen. + + * * * * * + +Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, daß Rolfers in +den nächsten Tagen entlassen würde. Die Trennung stand vor der Tür, +schneller, als sie es erwartet hatte. + +»Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?« so fragte sie +beklommen, weil sie sich nicht stärker über seine Genesung zu freuen +vermochte. + +»In Berlin? Auf keinen Fall!« antwortete Rolfers heftig. »Sich hier +als Krüppel anstaunen zu lassen -- nein, das wäre das letzte, was ich +ertragen könnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Häuschen -- +dorthin will ich mich verkriechen. Es gehörte früher meinem Freunde +Pötsch. Du hast ihn doch auch gekannt -- den Pötsch, der die +Moorbilder malte -- immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht +weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du +nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht +weiter mit deiner Malerei. Na -- und daraufhin habe ich ihm die +Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram, +Bücher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar +hält mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau +kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben. +Ja -- nun wollte ich dich bitten, den Brief an Lütjes zu schreiben, +sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorräte +anschaffen, damit wir's gemütlich finden, wenn wir hinkommen.« + +Martha blickte hastig auf. + +»Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich für eine Weile zu +begleiten.« + +»Aber der Junge?« + +»Der kommt natürlich mit!« + +»Er muß doch in die Schule!« + +»In der nächsten Stadt ist ein Gymnasium. Lütje fährt ihn hin, bis er +die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor muß in seinem +Alter sein. Die Jungens können sich zusammentun. Das wäre kein +Hinderungsgrund.« + +»Ja, das ließe sich machen,« antwortete Martha -- »Nur ...« + +»-- Du hast mir neulich angedeutet,« sagte Rolfers bedächtig, »daß +deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich muß jemand +haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschäftlich immerfort etwas zu +erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische +Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas +Ähnliches gedacht?« + +»Zuweilen habe ich daran gedacht,« gestand die Frau zögernd. + +»Also! -- Ohne Verbindlichkeiten für die Zukunft, so wenig von deiner +wie von meiner Seite.« + +»Nein!« rief Martha hastig. »Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht +dazu entschließen!« + +»Sage mir offen deine Gründe -- wir reden ruhig darüber.« + +»Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschränktes Leben ist +mir wert geworden. Ich mag's nicht aufgeben. Wie es war, war's +harmonisch -- friedlich.« + +»Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Für +Kampf bin ich nicht mehr gestimmt -- wenigstens nicht für einen Kampf +mit dir!« + +»Ach, Franz -- das sagt man so. Nachher ist's doch anders. Jeder will +etwas für sich und der andre weiß nichts davon und will das Gegenteil. +Und so quält man sich ...« + +»Wir müssen eben nicht zu viel wollen -- wir beiden Alten,« sagte +Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl +und spöttisch. + +»Mit dem Jungen ist's anders. Der soll nur wollen! Für ihn fällt doch +manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung -- Ein frisches Stück +Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...« + +»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,« +antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz. + +»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein +besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten +Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! -- Nun +wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche +Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard +herrichten! Paß auf -- es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu +sein!« + +»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht +verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit. + + * * * * * + +Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der +Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie +zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu +verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der +hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß +Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr +Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus, +Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine +Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht +gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde +darstellen sollte. + +Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte +unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur mit +dem Reiz der Jugend neugeschmückt --: eine schlanke geschmeidige +Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur +eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch +ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der +etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute +Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses +Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen, +daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise +gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich +Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den +Stolz seiner Zurückhaltung. + +Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und +später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten +Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch +häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm +gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über +die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu +halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die +schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft +werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig +hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen +hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen. + +-- Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in +diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen +Kampf wird's kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn +immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob +Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben würde. Ehe man +nicht diese _eine_ von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher +hätte man doch nicht von hinnen gehen können. + + * * * * * + +So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfes +gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen +Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von +hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie +weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den +Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus +mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda +enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die +beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie +bestimmten Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit +schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume. +Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und +streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen +Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen. +Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten, +buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in +die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen +Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten. +Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das +frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das +Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten +moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall für +das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten, +deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem +schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am +Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand, +mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen +freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen +um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen +Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes +Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der +Bahnstation hergeführt hatte. + +-- -- Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu +einer Übersiedelung in Rolfers' Haus zu bewegen. Sie mußte sich +fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe. +Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem +Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt +hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein +Stück Brot anzunehmen! Was --? sie sollten ihm so geradehin gehorchen, +dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch +wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte +sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, -- seine Mutter hatte ihn +noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte +ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die +Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig +sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu +schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er verstummen, hier lag der +Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen. +Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der +Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche +Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit +herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa +einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens +handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde +als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich +empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts +andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen +die Mutter. Donnerwetter, wär's anders gewesen, er war zu manchem +fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es +würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit +liebevoller Demut diente -- ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das +Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch +diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem +Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die +ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur +gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde +ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren +gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit, +und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig +zuzureden. + +Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich +einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack +eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen +Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und +fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine +Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit +der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne +zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es +immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die +altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt +wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und +er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die +ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits +stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache! + +Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie +verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel +zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den +Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche +Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen +und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren. +Das war dem Jungen unheimlich. + +Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und +Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten +Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht +nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und +Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem +Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge +dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte, +wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter +kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um +gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das +Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem +geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft +in sich. -- Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau +des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu +schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu +lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu +schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der +altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese +untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften +zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten +Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die +Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas +hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne +wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit +voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so +begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe +zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was +ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern +Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar +vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte, +wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken +stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch +die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den +Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den +Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rüssel wühlen. Er +starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten +Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß +der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne +dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf +unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der +Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder +zu wissen brauchte. + + * * * * * + +Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme, +die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen +unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und +Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein +Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel +allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich +selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben, +ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden. +Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige +Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu +anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig. + +Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es +dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen +Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am +wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines +leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen. +Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder +sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen +traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt -- und »Ihrer« sei auch +dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache +seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten. +Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins +Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers +hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt -- er hatte vor +allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen -- er wußte +auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit +kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der +Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch +taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen, +die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern +wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst +stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine +Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben, +soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte +in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich +unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer +unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu +sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und +kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des +Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren +Anschauungswelt aufzuschwingen. + +Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer +Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das +Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem +hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die +Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder +in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst +seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er +ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard +hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm +das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er +genau, er tat dies nur für den Knaben. + +Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in +die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann +wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und +beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen. + +»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht +dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für +die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden. + +»Na, das hat doch beinahe jeder,« knurrte der Junge als Antwort. »Was +ist denn da weiter dabei!« + +»Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein -- ich muß mich ja für +dich schämen,« rief die Mutter und hatte Tränen in der Stimme. + +»Laß nur Martha,« sagte Rolfers ruhig. »Er hat ja ganz recht. Es ist +wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, daß man seine +Pflicht getan hat. Man hat noch andre.« + +Richard zog die Mundwinkel verächtlich herab. Er hatte sicher +erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers' Mund über das Eiserne Kreuz +zu hören, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es +kränkte ihn, daß nun nichts dergleichen kam. + +»Der Kerl hat natürlich nicht das mindeste patriotische Gefühl,« so +ging es durch des Knaben Hirn. »Pfui, wie widerwärtig ist mir diese +herablassende Kälte!« + +Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Lütje, die Tür mit +beträchtlichem Knall zuschlagend. + +Rolfers trat neben die Mutter und strich leise über ihr Haar. Es war +die erste sanfte Berührung, seit sie zusammen hausten. + +»Geduld, Kind,« sagte er. »Schnell gehen solche Eroberungen niemals. +Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefaßt +gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den +Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.« + +Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem +Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von +Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte +kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen. +War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in +der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich +lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung +dem Manne -- und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben -- gebracht hatte, +nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu +erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten, +was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er +schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in +der langen Zeit ihrer Trennung. + +-- -- Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau, +gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen +hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine +Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr +über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber +daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken +Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem +geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst +ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte? + +Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem +sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche +Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige +Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr +klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus +eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers' Leben in +der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, -- wie ihr das +ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten +waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum +eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn +es ihm gleichgültig war? + + * * * * * + +Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein +geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es +verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die +Treppe, die nach oben führte, betreten. + +Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei +Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung +zurückgesandt wurden. Lütje schleppte sie hinauf und rief Richard zu, +sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und +ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters +-- zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers. + +»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha. + +»Nee, der Richard ist noch oben!« + +»Mein Gott -- so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt +er keinen Unfug an!« rief sie besorgt. + +»Nee -- Unfug macht er nich -- der guckt sich bloß die Bilder an,« +brummte Lütje. + +»Laß ihn,« entschied Rolfers. + +»Er kann ja gar nichts mehr sehen -- willst du nicht doch +hinaufgehen?« + +Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in +den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte. + +Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tür zu +gehen und hinauszurufen: + +»Richard, wo steckst du? Komm zu mir!« + +Rolfers schüttelte den Kopf. + +»Könnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck für +einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen -- und gönnst ihm das +nicht ...« + +»Ich ängstige mich, er könnte etwas fallen lassen oder verderben ...« + +»Und wenn schon -- was liegt daran ... Sehen möchte ich ihn -- sein +Gesicht -- wie er da herum geistert ...« + +Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die +Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerührt. Sonst hatte +ihr Richard stets gehorcht ... + +Nach einer Weile hörten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen, +durch den Flur schleichen, die Haustüre aufklinken. + +»Er sollte doch zum Tee kommen,« bemerkte die Mutter. + +»Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen -- laß ihn laufen, er soll +mit sich allein sein.« Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und +blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich, +um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder +ins Zimmer zurückschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezündet +hatte, glänzten seine Züge warm und freudig. + +»-- Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein +Museum kam -- meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die +Stadt und ging mit mir hinein! -- Wie besoffen bin ich vier Tage lang +herumgelaufen -- kriegte Tadel über Tadel in der Schule, weil ich +nicht aufpaßte -- ja -- ich weiß noch -- ein kolossaler Schinken von +Rubens mit so 'nem springenden Löwenbiest und einer fetten +Frauensperson -- der überwältigte mich ganz und gar -- jetzt finde ich +ihn scheußlich -- es war einfach die Kraft, die Üppigkeit, die mich da +so anschrie ...« Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine +Jugenderinnerungen vertiefte. »Damals ging mir's zuerst auf, daß ich +Maler werden müsse ...« + +Martha fragte weiter und ließ sich erzählen, während sie ihn mit Tee +versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre +liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet -- es geschah +schon früher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders +guter Stimmung. Plötzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder +unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit +schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen +Rauchdunst eingehüllt, und träumte von unwiederbringlichem Glück +ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem +Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hörte, stiegen +Farben empor, fügten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als +Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie +zusammen zu Entwürfen. -- -- Rolfers blickte ihnen nach, wie sie +entstanden und mählich zerrannen ... + + * * * * * + +Der Professor gab Lütje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach +dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard: + +»Die Bilder müssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst +nachher mit hinaufkommen und mir helfen.« + +Das Gespräch beschränkte sich auch oben in dem verstaubten, mit +Skizzen, Zeichnungen behängten, mit beiseite gestellten Leinwänden, +mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien +vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab. +Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an +den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick für alle +Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung +schrie. + +Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hieß er ihn, es auf +eine Staffelei stellen. + +»Das ist unser Moor,« sagte der Junge erfreut. + +»Woran erkennst du's?« + +»Nu -- hier doch, die große Eberesche und der Torfgraben. Das muß fein +sein, wenn die Heide so blüht.« + +»-- -- Ja -- von einer tollen Farbigkeit -- das Braun des Bodens steht +famos zu dem Purpur der Blütenfläche. In manchem Jahr ist sie auch +blasser -- lila -- Die Lufttöne sind hier immer so schwer und satt --« + +»Das möchte ich sehen ...,« rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an +dem Bilde hingen. + +»Wirst du schon mit der Zeit.« + +»Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme -- in dem Häuschen, wo +das viele Moos auf dem Dache wächst -- der sitzt immer so dösig vor +der Tür ...« + +»Ja -- dösig ist er -- hat 'en Blick wie ein altes Tier, das eben aus +'m Moor rausgekrochen ist. Warte mal, -- irgendwo müssen hier herum +die Studien zu dem Bild sein -- daraus kannst du sehen, wie so was +wird.« + +Der Junge stand verlegen, während Rolfers in den Mappen blätterte. +Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den großen Tisch zu tragen. +Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus -- erklärte, sprach über seine +Pläne, Versuche, erörterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie, +über Raumverteilung und Perspektive -- über künstlerische Abgrenzung +als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, daß er einen Knaben +vor sich hatte, dem das alles böhmische Dörfer sein mußten. Er redete +geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von +herangewachsenen Akademieschülern gesprochen haben würde. Dabei ging +er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausführungen an dem +Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnfälligen +Beispielen. + +»Interessierst du dich eigentlich für diese Dinge?« fragte er, sich +unterbrechend. + +Der Junge nickte eifrig. + +Rolfers lächelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen +haben können -- wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und +Zärtlichkeit, seine Umarmung, seine Küsse erwartend. Sonderbar, wie +tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden ... + +Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben +hörte, scheu und heiser vor Erregung: + +»Ich möchte Ihnen mal was zeigen -- na -- es ist nischt -- ich weiß +schon ...« + +»Also -- hol's und dann werden wir sehen!« + +Er schoß unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorüber: »Du -- +er will meine Skizzen sehen ...« + +Sie sah die leuchtende Geistesschönheit, die das junge Gesicht +durchglühte -- nein so -- so hatte sie ihren Jungen nie vorher +geschaut. + +Ein Schmerz, der sie völlig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis +in die Fingerspitzen. + +Warum ließ ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie +voller Haß. + + * * * * * + +Nun wurde Richard der Schüler seines Vaters. Der war ihm ein harter +Lehrer. Oft hätte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber +verträumt, verbummelt, wäre ziellos im Dorf und in der Umgegend +herumgestreift. Das gab's nicht mehr. Die karge Zeit, die von den +Schulpflichten übrigblieb, mußte ausgenützt werden. Das Schlimmste für +Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten, +Pinsel und Farben beiseite lassen -- nur zeichnen, mit Kohle, mit +Rötel, mit Bleistift -- aber immer nur zeichnen. Das fand er +demütigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf +und bereute oft genug, daß er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen +ließ. Es war ein liebes Träumen und Versuchen gewesen bisher, ein +Ausfüllen von Mußestunden. Was arbeiten heißen wollte, lernte er jetzt +erst. + +Beim Durchblättern seiner früheren Skizzen hatte er eines Tages die +mühselig hingekritzelte »4« auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt +und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine +Arbeiten also schon früher gesehen ... Na ja -- die Mutter hatte es +wohl nicht lassen können, mit ihm zu renommieren. + +Aber wie war denn das -- sollte etwa doch das Interesse an seinen, an +Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine +Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre +Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung +des Professors: »Merke dir eins, mein Junge -- beleidigen können mich +deine Ungezogenheiten gar nicht --! Es kommt weder auf dich noch auf +mich bei unserm Zusammenleben an -- sondern nur deine Ausbildung ist +von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche -- nicht der +einzelne Mensch und seine Gefühle oder Stimmungen!« + +Solche Aussprüche ärgerten Richard wütend und er nahm sich dann erst +recht vor, seinen Haß und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen +Herzenskammer sorgfältig aufzuheben. + +Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum +eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er, +Richard, doch nie ein Meister werden würde. + +Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht +zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen +von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit -- machte +ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten -- +manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie +es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente +sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen, +an der Nachlässigkeit gegenüber dem Handwerklichen. Er konnte +hinreißend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hörte Richard ihm +mit glühendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in +ihm auf. + +Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch +einmal mit Schnee und Frost übers Land gekommen war, saßen sie mit +Mappen und Blättern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so +heftig durch die großen Atelierfenster gepfiffen hatte, daß sie beide +vor Kälte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte +Torfstücke in den großen Kachelofen oder strickte graue +Soldatenstrümpfe, die Beschäftigung aller deutschen Frauen und +Mädchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu müssen im +feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wände +drang, und mit den Mäusen, die ihr über die Füße liefen. Sonst hatte +sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche, +das Gespräch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer +fühlte, heftig und nachdrücklich zurück. Martha wurde innerlich +erschüttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, daß +Richard rücksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja +geradezu den Ton des Professors nach. Übrigens täuschte sie sich, +Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter +ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es +wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und hätschelte, wie +man ein kleines schwaches Kindchen hätschelt. Er hatte schon früh +diesen männlich behütenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein +wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so +deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Früher war in ihr nur +Rührung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft +bitteren Ärger. + +So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige +Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder +übers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: »Was lacht ihr?« und +Richard sagte verschmitzt: »Ach, Mutti, das ist nur was für Männer!« + +Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, daß Rolfers Sinn hatte für +Schulgeschichten mit derber und meistens unanständiger Pointe. Wenn er +sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzählte -- und das konnte er gut, +dafür hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens +sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschütten. Es +brachte ihn ihm bedeutend näher. Er war doch ein feiner Kerl. + +Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert +mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner +Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch +bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und +es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der +Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde +und mit den Fäusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante, +der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen +spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem +man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des +Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man +sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und +mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und +kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber +Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und +manche trieben's widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte +sich nicht viel aus den Mädels. + +»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die +Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer +nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das +Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.« + +Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem -- hatte der +Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz. + +Aber dann stieß er sich ... Durchgänge --? War auf diesem Wege +vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner +Mutter gegenüber gehandelt hatte --? Seit Richard ihn kannte, schien +ihm das Problem immer unbegreiflicher. + +-- Durchgänge -- und das Wirkliche nur die Kunst? -- + +Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er +nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene +Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt. + + * * * * * + +In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der +Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da +konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die +sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers' Ansichten +angriff -- ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben +sich gelten lassen wollte -- der bedeutend sei -- wer hätte das +bezweifeln können -- aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt +trauen dürfe. + +Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit +rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn +sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh +vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust +das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein +auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem +Schicksal ausfechten mußte. + +Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt +wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine +heimliche Schuld an ihm zu sühnen. + +In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über +die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in +der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen +Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den +Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und +mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die +Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard +geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das +Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen, +nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur +Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten +schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten, +sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die +Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige +innere Gereiztheit fand ihre Entladung. + +Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es +ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke. + +Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren +Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf +Brot und Verdienst rechnen. + +Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte, +das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf +irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob +ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht +Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere +Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben +auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus +ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler +werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die +ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen +wieder zuschanden machen. + +Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später +regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur +gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers' +kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller +Mittelmäßigkeiten -- eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen +Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war. + +»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf +nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm +zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein +wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst +mir nicht dazwischen pfuschen, Martha -- das erwarte ich von dir. Merk +dir's, Kind.« + +Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz, +tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und +machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider +senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht +bemerkte. + + * * * * * + +Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine +friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und +Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die +Hohlwege um Rolfers' Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine +unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart +erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte +in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen. + +Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht +gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die +Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem +Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und +Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von +der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus. + +Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der +Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm, +den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er +seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich -- erbärmlich -- aber er +wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von +Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend +anzukämpfen hatte. + +»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine +Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht +ausrutsche.« + +Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten. +Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der +junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen +Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste +knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase. +Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte +Menschen in großer Qual. + +»So denk' ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter, +wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und +prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer +Zweige.« + +»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man +kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,« +grollte Rolfers' Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen +die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der +rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man +nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste -- man +ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von +Schlachtenbildern gesehen hat -- was man von früheren Kriegen in der +Schule gelernt hat -- alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die +Greuel von heute. Junge -- für's Vaterland sterben -- das klingt ... +Aber in so einem Mordwald liegenbleiben -- von den Weiterstürmenden +vergessen -- und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen +herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab -- jeden +Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach +dem eigenen Messer -- kann nicht dazu -- kann nicht ... liegt wehrlos +da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber +sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den +Eingeweiden, die Angst -- und das kleine Viehzeug, was sich nun leise +scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was +unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als +das Sterben fürs Vaterland --« + +Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm +sprach. -- Er -- er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so +objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz +und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer +Andacht an dem leeren Ärmel -- dort waren die Wunden, in denen die +Würmer gehaust -- er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling +der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene +stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis +über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den +Krieg -- fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ... + +Rolfers' Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des +Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was +vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ... + +»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben +geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am +Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel +jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder +gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die +sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau -- die Landschaft +leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen +Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen +frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen +Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die +Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die +schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre +Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und +braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische +Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder +spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und +blitzendem Frohsinn. + +Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich's schon,« sagte +er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt -- still und friedlich +bleibt -- die Kinder spielen dürfen -- das Hündchen kläffen, die alte +Hexe in der Sonne sitzen kann -- und die Felder so fröhlich blaugrün +sich breiten -- darum heißt es: fürs Vaterland sterben!« + +Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich +allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf +des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm +nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm +kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in +einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers +überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter +gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau. +Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir +können es ungestört besichtigen.« + +-- -- 'Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile +ausruhen', dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den +Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen. + +»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs. + +»Das vom Kaiser in Berlin!« + +»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören +auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst +schon sehen, wird dir gefallen.« + +Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen +gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel +jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren +ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige +Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter +Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf +dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und +der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen +und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden. +Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen +länglichen Hof. + +Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die +Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die +geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem +Parterrefenster und grüßte. + +»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers. + +»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen. +Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?« + +»Nein -- im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die +Herrschaften in Hamburg.« + +»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. -- Die Frau Gräfin würde sich +gewiß freuen!« + +»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.« +Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee +weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal +zurück auf die weite Wiese. + +»Das möchte ich malen -- -- die komischen kleinen Viecher auf dem +Grün ...« + +»Versuch's -- geh morgen nachmittag her.« + +»Sehen Sie mal -- die Bäume sind schon anders als im Winter -- so viel +dunkler und voller Saft ...« + +»Ja -- ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend +malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem +Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. -- Na -- da laufen wir der Gräfin +doch in die Arme.« + +Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und +näherten sich ihnen. + +Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach' kein so verstörtes Gesicht, +sie fressen dich nicht.« + +Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte +sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen +Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen +schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den +Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben +Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm +aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor +sprachen, war sehr herzlich -- es mußten gute alte Bekannte sein. Die +junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei +und schwer verwundet -- und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen +bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so +tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu +ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus +fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen. + +Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und +fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der +großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch +meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen +ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den +magst du doch?« + +Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen +auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde. + +»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief +lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte -- Sie sehen noch +so jung aus ...« + +»Das ist er auch noch -- vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.« + +Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den +beiden Damen -- sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von +dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege +überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er +verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von +ihrem jüngsten Sohn sprach -- er war noch nicht neunzehn Jahre alt +gewesen -- ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden +Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her. +Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes -- über den +Kummer hinaus erhaben. + +Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne +gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man +saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen. +Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel +Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der +alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid +heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre +Gestalt war. + +Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber +zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß +Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden +und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen +sprach. + +»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere +Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur +Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen +wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind +fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und +Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann +bricht sie zuweilen doch zusammen.« + +Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin +reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren +jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich +zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt. +Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher +interessieren werden.« + +Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht, +wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er +zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch +gezwungen sein würde, beängstigten ihn. + +Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt +hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen, +begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht, +hast du sie zu küssen -- nicht mit einem heftigen Schmatz -- sondern +nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir +auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst +einmal sagen.« + +»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte +Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt. + +»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das +gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du +noch so ziemlich alles zu lernen.« + +»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard +ungezogen. + +Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard +aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft --? Na, es ist +schon gut so, häßlich und plump wie ich bin -- ein feiner Herr wie er +werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll +beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den +Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung +schlug über sein Herz. + +Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu +seiner Mutter herein. + +»Du -- draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für +den Professor.« + +Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am +vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine +Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte. + +Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten +Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard +stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem +geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben. + +»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu +zerstören. Lieb von den Damen, nicht?« + +Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila +Blütenfülle. + +Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog +ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja -- wir Künstler +und der Luxus -- das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch +Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten -- einen Rehbraten +mitessen! was sagst du?« + +»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das +helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte. + +»... Nein -- -- die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.« + +Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich +hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha +entfernte sich -- man hörte sie dann in der Küche. + +Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll +ich da ...?« + +»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich +glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.« + +Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter +das helle krause Haar. + +Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche +Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun +mußte es durchgefochten werden. + +»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau, +als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war +reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte +begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er +gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht +hinein. -- Nur -- was mich betrifft -- ich kann mich dem Umgang mit den +Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele +Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich +sein kann.« + +»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte +die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er +gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.« + +»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du +irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens +eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?« + +Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins +Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf. + +Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.« + +»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, -- vergiß nie, daß du mir +das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht +wieder fand -- wo wäre ich jetzt?« + +Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar. + +»Meine gute Freundin!« + +Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand: + +»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar -- was geht es mich an ...?« + +»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich +dann nicht hierher gebracht hätte -- dich und den Jungen! -- Aber +sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden -- dann geht das alles +nicht mehr.« + +»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich. + +»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!« +sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser +Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder +unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten. +Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich +weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle -- war es immer -- bin es heute +mehr als je zuvor.« + +»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an. +Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft +wundern.« + +»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und +seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte +er, aber mag es immerhin sein -- sie würde ja nie verstehen, daß ein +Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und +seinen Arbeitseifer hätte.« + + * * * * * + +Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers' +Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht +teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte +zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen +Angelegenheit und zu Rolfers' Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam +nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die +passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend +nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten -- seit wie langer +Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie +sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über +Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die +Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den +Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die +Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von +den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich, +durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner +eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt +von dem anderen. + +Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu +zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich +erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei +allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung +auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser +Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und +empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder +einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch +unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst, +durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die +Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit +begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu +ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden +empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an +seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die +schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an +reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte, +bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten +vermochte. + +Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen +und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für +das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin, +dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit +deines doppelt reich und herrlich blühe? + +Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich +näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige +Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt -- ursprünglich. Nur spürte +er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich +auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig +in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte. + +Sein ganzes Werk an Richard -- diese eigenartige, scharf durchdachte, +ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde +in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich +ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von +Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem +heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen +gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard +geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen +Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung. + +-- So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken +ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er +den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen +wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich +noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu +erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu +lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche +Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen +-- den verbotenen Kasten unter dem Arm. + +Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können. + +-- -- Ist es immer und überall Elternlos, zu geben -- zu schenken -- +nichts dafür einzutauschen -- nicht Dankbarkeit -- nicht Liebe -- +nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft. +Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande +ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das +Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu +bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der +Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er +gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche +Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner +Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich +geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen +Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht +zu werden? + + * * * * * + +-- -- -- Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! -- Aber nun +sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder +zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben -- aber +sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und +ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und +Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe -- konnte er das +vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört +gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich. + +Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu +lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es +forderte das letzte Opfer von ihm -- und das konnte er nicht bringen. + + * * * * * + +Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die +Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem +alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den +Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie +war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit +Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst +nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab's jetzt in diesen +Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie +lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und +Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und +den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten, +Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen +Tätigkeit. + +»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte +Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die +schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit. +Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer +Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen +Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder. +Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen +Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten +Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten +die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen +Bauernpflanzen gab es in Rolfers' Garten, wenn der Sommer auf seiner +Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger +Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand +gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte, +das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen. + +Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten +Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten +Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, +hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn. + +Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und +wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers, +als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr +eine neue Jugend? + +Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und +streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen +und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich +entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die +Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des +Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander +seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter +mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß +wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester +und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war +-- Kopfschuß -- sofort tot. Der Glückliche ... + +Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn, +und für jenen das schnelle leichte Ende? + +Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen +Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat +hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die +die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war +in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt -- die würden, wenn +der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen -- aber noch war +es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des +Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den +Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor +ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch +über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das +sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen +Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die +Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und +wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen, +fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges +entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz +seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem +schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder +schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance +des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen +Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom +Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er +hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden +Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen +Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde +schwerer und schwerer vor Traurigkeit. + +Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand +stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt, +jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses, +der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers' Rat +gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt +hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer +Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie +möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die +finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten +war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank +geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von +Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen +war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen -- oder ob er noch +einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden, +die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers +durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto +setzen. + +Herrgott -- war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden? +Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die +Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein +einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter +als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie +eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder, +Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte -- und am Ende +auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben. + +Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets +tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so +sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut -- aber ihm +stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es +vielleicht auch -- wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser +schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in +diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht +des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden +Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute +Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm +gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten. +Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte, +und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die +beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis, +das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die +Fenster zu ihm einzudringen versuchte. + +Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen +oder er pickte und rieselte noch melancholischer -- oder der Sturm +rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf +klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn +er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und +sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft. + +Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu +nicht Zeit genug vor sich -- viele Jahre Zeit ... Zu einer +Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft -- wie er sie +verstand -- irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie +bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er's nicht gefühlt +-- grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den +Schlag nie wieder verschmerzen würde. + +Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei +war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten +voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand +herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der +braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch +ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem +Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief, +war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht +herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten +Versuche -- das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich +gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem +Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf +fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden -- ich krieg's nicht und +krieg's nicht -- das Biest hält auch keine Sekunde still ...« + +»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers, +beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du +-- so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er +gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche +heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte. + +»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da -- Sie +verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr +malen ...« + +Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll +Zorn die Leinwand daneben. + +»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon +gequält. Und ich hätt's auch noch gepackt -- wenn Sie nicht +dazugekommen wären.« + +Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich +nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als +vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde +war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher +Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich +jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen -- und +das kann ich nicht ertragen -- dann muß ich ihn erwürgen ... + +Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und +knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den +Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg +unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren +Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee +hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er +in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines +Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein +Todfeind. + +Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und +ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig +aus den Augen rann und die Wangen hinablief. + + * * * * * + +Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu +beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die +draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten +Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er +nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue +Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen +verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen +neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines +ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen +gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem +Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend +heranwuchs -- und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und +die Alten verachten durfte ... + + * * * * * + +Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten -- +in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und +durchkämpfte. + +Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas +greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes +zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den +leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er +fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte, +wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen. +Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte +seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte +Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte +Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und +wohlgebildeter Mann nach Haus zurück. + +Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich +zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß +er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so +schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für +ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr +und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei +allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner +bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten +Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen +auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers +mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes +Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit. + + * * * * * + +Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf +waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und +grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein +wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn. + +Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein +andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und +der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte +ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem +Herzen: »Das habe ich gekonnt -- ich -- Rächer meiner Mutter und meiner +Jugendschmach!« + +Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und +triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit +ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum +Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung +seiner Worte. + +Armer Rächer -- auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich +wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen, +die sein Gesicht überschwemmten. + +Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er +sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse -- daß dieses +Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte +sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum +erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben -- grauenhaft, kurz, +gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach +dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein -- niederträchtig ... + +-- Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von +unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl +ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für +diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können -- leben müssen +und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt +war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße, +die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie +selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig +verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand +bei Richard fest. Nein -- er durfte sich auch selbst niemals +verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat, +hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und +verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja -- er genoß den Schmerz, rang +sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen +des Vaterlandes -- das kämpfende Vaterland in ihm! Was -- er hatte ihm +Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen -- aber während er, +Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen, +hatte der andre sich geopfert -- hatte gelitten --! War denn der +Professor nicht zum Krüppel geworden -- damit das Vaterland frei blieb +-- damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und +Künstler werden dürfte -- wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll +arbeiten -- das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers' Rat, ohne +seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der +sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt +haben mußte. + +So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn +kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet +hatte -- deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem +Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der +gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche +Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort, +das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und +Bedeutung der Knabe sich nun abquälte. + +-- Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft +erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab, +auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und +Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines +Gottgedankens fühlen, -- nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut, +für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften. +Bewundernswert auch diese, ja, -- aber noch lange nicht Helden. + +Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein +Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem +Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt +hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur +in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz +hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den +Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte. + +-- -- Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen +seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer +Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf +den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? -- Das Wort hatte +Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte +daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft +zwischen seinem Wesen und Rolfers' Wesen. Der Mann -- der +Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen +Unterschiede -- nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und +Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen +Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten +Europäertums. + +»Guter Europäer« -- auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte. +Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden -- nein, er +bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel +hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum -- +neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie +ihm nicht das geringste -- er stand ganz verständnislos vor den +Kolossen -- das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was +hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende +wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie +zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen +Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger +Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese +war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis +mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die +Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres +in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm -- wie das +Geschöpf ihn ansehen konnte -- so dumm-unschuldig ... War das nicht zum +Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit +den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ... +Gott -- -- welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten +Fohlenmaul -- in einem schwimmenden Tierauge. + +Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht +an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der +eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und +keine andere! Und wenn's ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden +sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes +Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht +betrügen lassen -- auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß +man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und +verbiß den Schmerz. + + * * * * * + +Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in +hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte +wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr +einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards +Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht +unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen +energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse, +in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt +halten. + +-- »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies +alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern +sollte, denn es war ja leider die Wahrheit -- er, Richard, war +stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster +Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine +Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch +suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus +bin ich nicht zu haben, merk' dir das ... Ja,« wendete sie sich zu +Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt -- +was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein +Mädel von der Tauentzienstraße -- pfui Teufel!« + +Also doch --! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte +verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte, +eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall +und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und +hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder, +wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und +durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur +Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich +miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen +zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben +konnten. + +»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem +Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich +recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf +es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der +Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es +käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen +an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen, +zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie +der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir +sagen, Richard, -- mancher von den Bengels hat sich brennend nach der +Schulklasse zurück gesehnt, wenn er's auch nicht Wort haben wollte.« + +Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden +Augen flammten über ihn hin. + +»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben, +was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder +Künstler -- was soll's werden?« + +»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard. + +»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor +scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen. +Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung +einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also -- +kann ich bei dem Direx für dich eintreten -- oder kann ich's nicht?« + +Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit +dem Professor klar und frei ins Gesicht. + +»Sie können es!« + +»Gut -- schlag ein!« + +Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine +Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest. + +Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der +Professor war doch ein großartiger Mensch -- wer von den Vätern seiner +Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner -- kein einziger. +Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt -- +jawohl. -- Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen +geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die +würden ihm Freude machen. + +Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch +des Jungen Herz. Er -- er -- er füllte sein Denken, Träumen, +Phantasieren. Freund -- Freund -- sagte er bisweilen leise vor sich +hin. Professor -- Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs +Haus, sobald er von der Schule heimkam. + +Versunken konnte er lange auf Rolfers' Hand blicken, denn +Menschenhände bedeuteten ihm viel, -- er hatte Jungens, die sich ihm +zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen. + +Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des +Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der +Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken. +Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß +er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des +geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte +zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der +Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne +geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete +sich in ihm das Neue -- das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu +sein ... Sein Schüler, -- o ja --! Der Professor hatte selbst gesagt, +das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn -- dem Gedanken +war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand +das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es +aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging +es zu -- das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. -- + +Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors -- er war +sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm +lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die +Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen +-- und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von +ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im +tiefsten verwandt fühlte ... + +Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender +Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins +Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß +sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die +goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine +Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich +nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich +eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges, +ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte +tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene +eigene Wege der Opferung. + +Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl. +Fragte sich zuweilen: Ist's nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen +Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein +für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit +jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte +seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der +Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun +war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so +schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das +Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen +gegenüber -- war eine Viertelstunde lang herzlich, gut, +aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So +ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit. + +Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem +Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda +und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte +sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang +versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des +alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten +seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und +klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache +Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die +alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von +rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus +dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue +Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten +silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken +dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und +weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder, +luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte +Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie +in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und +wiegten. + + * * * * * + +Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er, +das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen +Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes +kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der +sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber +an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß +gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der +blühenden Hecken in den Sandhohlwegen -- in denen es zwitscherte und +flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien -- jede Fahrt zur Schule +mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich +befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel +hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg -- er aber +schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche, +das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der +Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und +im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben +zu schimmern begann -- hörte versunken auf das Liebesgequake und +Geschnarr der Frösche -- auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der +kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte -- sah +die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf +dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib, +sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen +Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft +breiten -- etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und +wankte unter seinem Fuß, der da sank -- sank -- Er mußte eilend +zurückspringen auf sicheren Boden -- und ahnte tausendfach +erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen +Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie +hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl +sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während +die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht +eintranken. + +Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte +Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die +Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und +Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah +er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn, +hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der +schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein +Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum, +Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch, +bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt +warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen +scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden +Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er +verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen, +von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer +reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand +nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam +schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem +Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied. + +Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der +Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über +seine Versuche. + +Richard bemerkte es. + +»Also, -- was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du +herauf und störst mich?« + +»Ich dachte nur -- die Nacht ist so unbändig schön --, ob Sie nicht +hinauskommen möchten?« stotterte er. + +»Ich habe zu tun. Geh jetzt!« + +Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder +auf. + +»Nun?« + +Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie +Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und +mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben. +Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen +Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen +Sekunden empfand. + +Auf den Zehenspitzen ging er hinaus. + + * * * * * + +Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand +skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich +ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit +Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ +den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen +sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und +die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und +stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend. + +»Junge -- verdrehter, toller Bengel!« + +»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich, +und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor. + +Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so, +damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben +Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar. + +»Mein Junge, mein lieber Junge!« + +Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet. + + * * * * * + +Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe +ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur +nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die +beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu +schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte. + +Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner +Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch +verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der +für das Vaterland gelitten, -- so schrieb der Besitzer. + +Anfangs hatte Rolfers sich geweigert. + +»Wozu -- kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen +ehrenvollen Frieden geschlossen haben -- ja, dann lasse ich's mir +gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten +-- mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten +Schinken. Jetzt ist's ein Reinfall. Ich will nicht.« + +Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben +den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu +rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu +verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde, +der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der +Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit +harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum +Studium bereitstehen. + +Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen, +dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor +dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene +Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen -- hier ein Obdach für +die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden +gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor +dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück. + +Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich +wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der +Hauptstadt gezogen zu werden. + +Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen +trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter +nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt +der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die +Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ... + +»Richard -- packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur +Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief +mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du -- freut's +dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben! +Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!« + +Richard stand mit offenem Munde -- ganz dumm vor Staunen. Vom Hals +empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn -- und die Augen +wurden mit jeder Sekunde glänzender. + +»Sie -- Sie wollen mich doch nur uzen -- es ist doch nicht wahr, +Professor?« + +Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen, +das war doch entzückend ... + +»Sehen Sie -- Sie lachen -- es ist doch nicht wahr.« + +Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton. + +»Frage deine Mutter!« + +»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken. +Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten +Anzug gebügelt.« + +Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der +Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein +geliebtes Fohlen auf der Weide. + +Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause +und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha +bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine +Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der +schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter +abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls +aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler, +seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte +in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein +Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe. + +Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der +Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke +bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute, +auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede. + +Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese +Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die +nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr +sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging. + +Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise +bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins +Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt. + +»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und +Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen +schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte, +fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln +Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar +und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt +zu wenig auf ihr Äußeres.« + +»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie +wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig +Geld, fügte er naiv hinzu. + +»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte +Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest -- und +vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.« + +Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob +dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser +Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt +war. + +»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine +Einrichtungen gehen mich ja nichts an -- aber da du sonst so sparsam +wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...« + +Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben, +ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle +sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes +Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf +ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt +war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck +denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht +gezeigt hatte. + +Er ging viel und unruhig im Haus umher. + +»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte +er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm +vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme +durchs Haus jubeln: Professor -- Professorchen! Denn je vertraulicher +der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn. + +Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den +breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an +dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte +er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast +du keine alten Photographien -- so dumme kleine Kinderbilder von dem +Jungen? Die möcht' ich wohl gerne einmal sehen.« + +»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg +betroffen. Er ging dann bald ins Haus '... Jetzt wird er bei Gebhardts +sitzen,' dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard +in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem +großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. 'Oder vielleicht +haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird +... ich wollte, ich könnte ihn sehen' ... So träumte er sehnsüchtig +und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln. + +Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie +verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes +abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die +Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als +nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in +der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard +als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten +Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem +Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die +Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche +Kosenamen, als seien sie lebendig. + +»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen -- die sind +mein Eigentum, meines allein -- Seine süße Kindheit, die will ich mit +niemand teilen -- die gehört nur mir allein!« + +Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und +schob die Lade zu. + +Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte +sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt +raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe, +rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß +verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten +hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen, +legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch +einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen +zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie +zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen +auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie +ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch +zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich +Rolfers aus dem Fenster. + +»Wer ist dort?« + +»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und +lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene +Dunkelheit hinaus. + + * * * * * + +Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang +strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend. +In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern, +denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau +zu --! Und die Ausstellung --! Der Professor solle nur nicht glauben, +daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst +haben wollten --! Gedrängt hätten sich die Leute -- die +Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen +schweren Luft und dem dunkeln Wasser -- und es habe sich fein gemacht, +daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe: +Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es +sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon +telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten. +Und lieb sei er zu ihm gewesen -- Frau Gebhardt auch und der junge +Gebhardt ... Nicht zu sagen --! Aber er wisse schon, wem er das zu +verdanken habe. + +Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten +Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das +Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten, +sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche +Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken +Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen. +Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und +meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der +Professor war lustig wie ein Akademieschüler -- und die beiden heckten +allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das +Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten +sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing +Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine +Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer +mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha +hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder. + +Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß +aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten +Weinranken. + + * * * * * + +Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard +aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam, +ihm den Gutenachtkuß geben. + +»Mutti -- war das ein schöner Abend -- nicht? Herrlich! Daß der +Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die +Goldkette, was --? Die mußt du jetzt täglich tragen -- o, warum hast +du sie abgenommen -- sie steht dir so gut! -- Mutti, was hast du -- +dich quält etwas -- du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke +-- glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag' doch, Mutti?« + +Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter +Hals und streichelte sie. + +»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm? +Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin --! Ausnützen tut +er uns und dann ein Geschenk. Wie's mich beleidigt, ahnt er nicht +einmal! So von oben herab! -- O -- ich kenne ihn, den Zauberer -- aber +über mich hat er keine Macht mehr -- nur dich -- dich hat er ganz und +gar!« + +Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem +Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur +grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche +Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille, +Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange +mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff +den Grund ihres Kummers noch immer nicht. + +»Sag' mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie +schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll +Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du +dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs +nicht -- ja -- aber dann --! Dann habe ich ja begriffen -- so gut -- +so gut ... Man muß ihn verehren ...« + +Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild. + +»Ich ertrage es nicht -- ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe +daran zugrunde -- ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe -- gemein, +boshaft -- gehässig -- ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger +hier bleibe ... Er hat mir alles genommen -- und er wird dich mir auch +noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du +bist ja schon wie verzaubert -- Richard, hast du denn dein armes Mutti +gar nicht mehr lieb?« + +»Aber, Mutter --,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah +seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur? +Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch +selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht +liebhaben ... Mutti -- er -- er ist doch mein Vater!« + +»Gut -- so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit +verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard -- es geht +nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es +nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur +ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will +ich!« + +»Mutter -- das -- nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut +vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an. + +»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es +wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen -- du wirst -- ich +weiß es ...« + +»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du +denn, Mutti?« + +»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen +wir fort. Anders geht es nicht -- sonst bringt er uns ja doch wieder +in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem +Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard -- ich kenne ihn -- in +ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück -- ihm +gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest -- du sollst es +sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...« + +»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes +Recht!« + +»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.« + +Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte +sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von +Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen, +Richard, halte mich nicht zurück. Sieh -- ich habe mir eine Stellung +gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war +nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn +ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel +Arbeit -- dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon +wiederfinden ...« + +»Mutter -- das ist alles so unmöglich -- so sonderbar unmöglich ...« + +Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse, +eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen. + +»Gelt -- du sagst ihm nichts -- verrätst mich nicht? Mein armer Junge, +daß ich dir so weh tun muß ...« + +»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust +fallen, »du tust mir weh -- so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen +Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter -- +bitte -- versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders +sehen ...« + +»Nein, Richard -- das ist kein Plan von heut -- der ist seit Wochen in +mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich +nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?« + +Richard ballte die Fäuste. 'Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,' +schrie es in ihm. 'Ich gehöre zu ihm und bleibe hier' ... + +Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn +eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den +Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus. + +Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard, +willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser +demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und +wühlte sein Gesicht in die Kissen ... + +Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die +Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein, +als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell +legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem +Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie +Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange +still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte +sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen +... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren +müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich +klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So +viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte +gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch +auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in +ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß +ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in +den letzten Wochen durchgemacht hatte. + +Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie +unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher, +setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr +ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht +wahr? ...« + +Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine +Brust. »Ich weiß nicht --! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch -- -- +ja -- ich glaube -- ich liebe ihn immer noch ...« + +Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann +sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich +nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre +zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man +will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.« + +»Ich kann nicht!« + +»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen +-- dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und +ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen +uns.« + +Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton +von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und +flüsterte: + +»Du wirst mich auch nicht hassen -- mein Einziges?« + +»Nein, Mutti -- ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde. + +So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen +Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die +Einzelheiten von Marthas Plan. + +Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen +tiefen, schweren Schlaf. + + * * * * * + +Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd +putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm +einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt +hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er +war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen +Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland +über alles«. + +Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von +Mackensen -- damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das +sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland +hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde +leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der +furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust +gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen -- sich +freuen und leben. Sein Ich war tot -- unter tausend bitteren Schmerzen +gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die +Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich +selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur +Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste +erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden +Armen und Händen hätte er's nie gefaßt und erlangt, immer sich in +Theorien zerquält ... Der Junge -- der arbeitete viel naiver darauf +los, als er's je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst, +was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur +bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den +Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn +schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt +hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife +Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen -- nur noch +einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in +der geretteten Heimat. + +Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das +große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden +Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte +eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er +hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er +horchte auf -- dort verbarg sich jemand. + +Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf +einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen +vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine +Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das +gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt +und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier +geschehen? + +»Richard ...« + +Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur +tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde +durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen. + +»Richard, mein Kerlchen -- um Gottes willen -- was ist dir denn +geschehen? Sieh mich doch an -- weißt du denn nicht, wie ich's mit +dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!« + +Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes +Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den +Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen +Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu +trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende +Worte zu. + +Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln, +um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen. + +»-- Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich +hatte etwas mit Mutti, -- es ist schon vorbei.« + +»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr +ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir +nicht sagen willst -- verlaß dich drauf.« + +Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten +Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen +Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine +Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in +Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten +gestern abend lange miteinander geredet, -- ja er hatte ihre erregten +Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört. + +»Richard, -- soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?« + +In dem von Weinen verschwollenen Gesicht wühlte und arbeitete es. »Die +Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch +nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.« + +Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas +Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das +heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu +leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend +etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.« + +»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch +gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!« + +»Was -- fort von mir -- fort --? du auch?« + +Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges +Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig +fassungslos -- an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha +freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer +ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in +ihm hoch -- er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen +können. -- Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im +Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine +linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und +legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust +beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren +Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes +Tierchen, dem großes Unrecht geschieht. + +Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also -- da scheint sich deine +Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun -- wir werden +ja sehen -- wir werden ja sehen!« + +Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu +sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben +lange an. + +»-- du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich -- +meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...« + +Er strich mit der Hand über die Stirn. + +»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die +Mutter ist vorn und sieht uns nicht, -- da erzählst du mir alles. Wir +werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube, +ich weiß bereits eins -- mit dem ich mich in diesen ganzen letzten +Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar -- man weiß -- ein Entschluß +ist reif -- und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe +aufzustoßen.« + +»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären -- +Sie hätten uns nie wieder geholt?« + +»Nein, da kennst du mich gut -- das hätte ich nie über mich +gebracht.« + +Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um +den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm +beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater +-- mein Vater!« + +Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen +kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war. +Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde. + +Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und +sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über +dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen +Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie +eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig +dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen +Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß +an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und +arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein, +denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie +ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein. +Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung +gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder +auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und +eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit +der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt +werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf: +jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu +überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller +weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, +doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu +heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein +Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit +wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu. + +»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er +heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese +goldene Stunde!« + +»Ach -- es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie +traurig. + +»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns +noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich +nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange +im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau +werden?« + +Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe. + +»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend +und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst, +ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal +vorüber!« + +»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig +ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen +Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das +Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn +vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein +eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst +mich, Martha, -- meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja +schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um +irgendeinen lieben Jungen -- es geht mir um meine Kunst -- ach -- was +sage ich -- meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard +sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch +Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden! +In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die +kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert, +das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und +Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die +Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie +ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem +Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage, +es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein +Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die +Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte +Entsagung zuzumuten ...« + +Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich +kann nicht, Franz -- was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten! +Das mit der Kunst -- es ist gewiß wahr -- aber es klingt so kalt -- +ich kann es doch nicht verstehen.« + +Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte +wieder zurück auf den Mann, den sie liebte -- sie fühlte es so stark +in dieser Stunde -- und der ihr doch so fremd war und so Grausames von +ihr forderte, während er still wartete. + +»Gut denn -- nimm Richard -- ich schenk ihn dir -- wenn es sein Glück +ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn +zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum +Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!« + +Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den +herben Trank ihrer Zukunft kosten. + +»Nein, Martha -- das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide! +Du bist seine Mutter -- unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich +ihn heute liebe -- niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von +seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...« + +'Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,' flüsterte Martha zornig. + +»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir +lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen: +wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling +kommen? Unser Frühling heißt Richard -- ich meine, er blüht schön und +verheißungsvoll. -- -- + +Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten -- +darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus +dir selbst heraus -- hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das +uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft +haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du +nicht?« + +»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend +Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete +die Türe und rief laut nach seinem Sohn. + + + * * * * * + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der +Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen: + + S. 26: drängte --> drängte. (Punkt ergänzt.) + S. 52: quält dich nicht ..« --> quält dich nicht ...« + (Auslassungspunkt ergänzt) + S. 59: Überrraschung --> Überraschung (Druckfehler korrigiert) + S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert) + + +Formatierung: + +Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt. +Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_ +Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit # gekennzeichnet: #Text#. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND *** + +***** This file should be named 27959-8.txt or 27959-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/7/9/5/27959/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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