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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:36:50 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ins neue Land
+
+Author: Gabriele Reuter
+
+Release Date: February 1, 2009 [EBook #27959]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ INS NEUE LAND
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+
+ Ullstein-Bücher
+
+ Eine Sammlung
+ zeitgenössischer Romane
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+ [Verlagslogo]
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+
+
+ Ullstein & Co / Berlin Und Wien
+
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+ INS NEUE LAND
+
+ VON
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+ GABRIELE REUTER
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+
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+ [Verlagslogo]
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+
+
+ Ullstein & Co / Berlin Und Wien
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+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+ Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.
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+ * * * * *
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+
+Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem
+Parterresaal der Verwundetenbaracke.
+
+»Wie geht's unserm Finsteren?« fragte der junge Doktor im weißen
+Operationsmantel, mit der unpersönlichen Heiterkeit, die Ärzten und
+Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur
+Gewohnheit geworden ist.
+
+»Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere
+Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch
+mal mit ihm, Herr Doktor ...«
+
+»Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten
+unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit
+ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen ...«
+
+»Sie haben eben die größere Denkfähigkeit, um sich alle
+Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,«
+antwortete die Schwester. »Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn
+unseres Finsteren geachtet?«
+
+»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ...
+Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.«
+
+Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer
+Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen
+und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge
+Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese
+Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen
+hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe
+geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne
+im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden,
+irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele
+erwarteten.
+
+Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte
+sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene
+Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für
+ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der,
+aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er
+zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf.
+»Weiterschlafen, -- ruhig weiterschlafen!«
+
+Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in
+reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf
+ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um
+das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken
+Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.
+
+»Damit können wir jetzt aufhören,« sagte der Arzt. Er löste mit Hilfe
+der Schwester die Binden und Gehänge. »Es hat keinen Zweck mehr. Die
+Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl erträglicher,
+seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? -- -- Was?«
+
+Ein bitterer Zug, der ein Lächeln vorstellen sollte, verzog den Mund
+des Mannes. Er brummte etwas Unverständliches.
+
+»Nun heißt es nur, auch den Allgemeinzustand heben,« fuhr der junge
+Arzt fort. »Dazu können Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber
+Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben -- -- wird schon alles
+wieder werden! Der Staat sorgt für seine Verteidiger -- --, na und
+einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn's sein muß,
+sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch -- --
+werden wieder gesund ...«
+
+Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tröster, scharf,
+durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, daß er verlegen
+schwieg.
+
+»Lassen wir die Zukunft,« sagte der Verstümmelte herrisch. »Wäre es
+nicht möglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte,
+oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten könnten, wär'
+ich Ihnen dankbar.«
+
+»Gewiß, gewiß -- -- das läßt sich tun! Nur, ich weiß nicht, ob Ihnen
+jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung,
+Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen
+Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!« Als der andre nicht
+antwortete, fuhr er zögernd fort: »Könnte nicht jemand von Ihrer
+Familie Sie mal besuchen?«
+
+»Ich habe keine Familie,« sagte der Mann schroff. »Bitte nur um das
+Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafür
+aufkommen.«
+
+Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.
+
+»Ich werde es besorgen,« sagte er in einem Ton, der plötzlich
+bescheiden und beinahe schüchtern geworden war. »Schwester, -- -- der
+Patient hier soll auf Nummer sechsunddreißig umgebettet werden. Sie
+könnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?« Er ging hinaus, die
+Schwester folgte ihm.
+
+»Was ist der Mann eigentlich, -- -- ich meine, seiner bürgerlichen
+Stellung nach?« fragte er draußen.
+
+»Ich glaube, Künstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie über sich.
+Man kommt ihm nicht näher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!«
+
+»Mein Gott,« murmelte der Doktor bekümmert, »wenn man immer wüßte -- --
+es ist so schwer ...«
+
+Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den
+Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu
+vollenden.
+
+ * * * * *
+
+Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die
+seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden
+Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu
+den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den
+verschiedenen Anfällen seiner Körperpein, nur um sein Denken nicht auf
+das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her
+waren Beine zerschmettert, Gedärme zerrissen, Lungen durchbohrt,
+Schädel zertrümmert worden ... alles hätte er mit Mut und Freude
+erlitten. -- -- Nur nicht die Augen, -- -- nicht Hand und Arm. Doch
+gerade das -- -- das Schwerste wurde von ihm gefordert.
+
+Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrümmerten Welt
+einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar
+-- -- selbstverständlich klar.
+
+Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die
+Möglichkeit in der Phantasie aufgestiegen -- -- er hatte sie mit
+Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewußtseins
+hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.
+
+Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender
+Traum.
+
+-- -- Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... -- Er sah
+es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fühlte wieder
+genau, wie alles sich für ihn abgespielt hatte. -- Das Boot des
+norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schäreninsel, wo er
+malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu
+bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von Ärger:
+»Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ...« Und:
+Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so.
+Vor allem, sich nicht stören lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm
+der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und
+schwenkte die Drucksachen wild in die Lüfte.
+
+... Zunächst ein Verstummen -- ein Versagen jeglichen Gefühls.
+Plötzlich diese fürchterliche Selbstverständlichkeit des
+Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfältiger blitzartiger
+Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle
+verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an ...
+
+Rolfers hatte niemals gedient. Militärisches Wesen lag völlig
+außerhalb seiner Lebenssphäre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte
+das Entsetzen wüten -- wenn er wollte, konnte er morgen weiter
+arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand würde ihn hier in
+seiner Nordlandeinsamkeit hindern.
+
+Auf dem schwarzen sonndurchwärmten Granitfelsen saß er abends, schaute
+über die wogenden Gewässer, die von lila und flaschengrünen Streifen
+durchzogen waren und in einem milchigen Weiß verdämmerten. Geruhsam
+klatschte das Wasser regelmäßig gegen den Stein, den die Umwälzungen
+von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.
+
+Da kam es plötzlich ...: Aus dem langsamen Näherrollen der fernen
+großen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ...
+Aus den tückischen Stimmen der Tiefe drang das böse Gemurmel ihres
+Hasses in sein Bewußtsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher
+Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ...
+Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig -- überlebensgroß an Formen
+und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre
+Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewänder wehen in der
+Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen
+Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmückengesichter, verzerrt von
+einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie
+geschwungen, sausten klatschend über ihre edle Stirne, daß Blut
+herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute
+gräßlicher Gestalten raste über sie dahin, immer teuflischer, immer
+grauenvoller an Aussehen und Gebärden ... Schwarze Rauchgespenster
+wälzten sich über den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen,
+wie er es nie gehört ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte
+ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlägen, die
+Brust war ganz erfüllt von diesem Pochen und Hämmern ... Gott -- Gott
+-- sie erhob sich -- blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schweiß
+bedeckt -- Sie sah auf ihn -- auf ihn, Franz Rolfers -- aus
+unergründlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie
+sterben mußte ...
+
+ * * * * *
+
+Eine Stunde später waren seine paar Malergerätschaften
+zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz
+eines Goldstückes und der Macht seiner herrischen Person bestochen,
+ihn hinüberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle
+nordische Nacht, in der alle Zauber göttlicher Friedensschönheit über
+den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. Über öde Heideflächen,
+durch Ginster und Wacholdergestrüpp, durch Birkenwälder und
+Felsenwildnisse stundenweit zur nächsten Bahnstation gelaufen. In
+atemloser Hast den Schnellzug genommen -- hinein gestürmt in den sich
+heimwärts ergießenden Schwall von Reisenden. Angehörige aller
+europäischen Völker in engsten Räumen zusammengepreßt einer neuen
+Trennung der Stämme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen
+mußte mit der Schärfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ...
+Gepäckstücke waren sie alle, nichts weiter, die befördert wurden,
+liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rücksicht auf
+menschliche Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und
+Nässe, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen
+schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaßten oder
+aufgeregt redenden Männern -- bis man in einer unbegreiflichen Weise
+zum Ziele kam und die deutsche Grenze überschritt.
+
+Von Militärbehörde zu Militärbehörde. Hier zurückgewiesen, dort
+vertröstet, -- endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie
+Tausende von andern Männern und jungen Knaben. Eingeordnet in die
+ungeheure, bewunderungswürdig genau arbeitende Maschine des deutschen
+Heerwesens.
+
+Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich für
+ihn und noch für manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr
+jungen Männer. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem
+Machtbewußtsein ihrer Herrschaft über die Fülle von Kraft, Geist und
+gelassener Vornehmheit, die ihnen so plötzlich zur Verfügung gestellt
+wurde. Aufgaben, für die in gewöhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen
+waren, mußten in Wochen bewältigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit
+in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine
+körperliche Abhärtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert
+abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. Übrigens ging
+alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind
+heran ... Nur ihn endlich fassen dürfen ... Hinaus -- hinaus ins Feld,
+an die Front ...!
+
+-- -- Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tränen, Singen, Jubeln,
+flatternde Tücher, winkende Hände, brausende Musik ... Rolfers
+marschierte, von einigen Schülern begleitet, die dem gleichen Los mit
+Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu.
+Ein Gefühl in ihnen allen ... Das Persönliche in dieser Stunde völlig
+ausgelöscht -- himmelhoch aufschlagend die Flamme _eines_ Wollens in
+Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht für ihn, den Einsiedler,
+der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft längst
+verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefühl aller als
+etwas Köstliches, als einen hehren und flüchtigen Besitz.
+
+Er kannte sich. Bald genug würden Kritik und Zweifelsucht und das
+innerliche Zurückweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das
+begann schon während der langen Eisenbahnfahrten unter all den
+schwitzenden, stinkenden Männern mit ihren plumpen Späßen, ihren
+törichten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden
+Singen, Schreien, Begrüßen an den Bahnhöfen. Doch herrschte ein
+Unbekanntes in ihm. Es war die Überzeugung von der völligen
+Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers fühlte und
+dachte. Das waren nur noch übriggebliebene Fetzen aus einem abgetanen
+und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichgültig wie den
+andern.
+
+Nur vorwärts, vorwärts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel! --
+
+Märsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten
+vor Schmerzen, bei denen der Schweiß am Körper niedertroff und ihn in
+ekle Dünste hüllte, bei denen man mit entzündeten Augenlidern im
+Sonnenbrand, unter dicken weißen Staubschichten, Staub in der
+ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend
+helle Landstraßen entlang trabte. Dann wieder in finsteren
+Regennächten durch unergründlichen zähen Schlamm vorwärts torkelnd,
+kaum den Vordermann zu unterscheiden vermögend und doch mit ihm die
+dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich ausstrecken -- schlafen --
+fressen ...
+
+Manchem zarten Jungen liefen die Tränen stromweis über die Backen in
+Überreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der Körper
+herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich --
+nur vorwärts -- vorwärts -- vorwärts!
+
+Der Hunger wühlte und riß in den Eingeweiden, quälte die erschöpfte
+Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in
+trüben Nebeln. Hartnäckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers'
+Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschäftigte sich mit
+einer Daunendecke von violetter Seide, kühl und zart anzufühlen, in
+die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer
+Freundin die Glieder hatte hüllen dürfen. Er sah das Monogramm, das
+er einmal gezeichnet, in dem Überschlag, die Freiherrenkrone über den
+Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glühte in großen
+Kristallkelchen -- immer hatte er eine Vorliebe gehabt für edles
+Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen -- er spürte den
+Geschmack des Weines auf der Zunge -- Fasanenpastete reichte der
+Diener ... Er roch den feinen Duft der Trüffeln -- widerlich, daß man
+von den dummen Erinnerungen nicht loskam ...
+
+»Verflucht feine Klöße konnte meine Olle kochen,« hörte er eine
+brummige Stimme hinter sich ... »ick sage schon, wenn ick davon 'ne
+Schüssel hier hätte -- mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja ...!«
+
+-- -- Franz Rolfers mußte lachen -- laut und erlösend. Hatte er das
+Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?
+
+ * * * * *
+
+Es kam keine große Schlacht für sie, keine der gewaltigen Taten mit
+Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes -- mit
+schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den
+leichenübersäten Feldern.
+
+Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment.
+Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch über ihren Köpfen
+vernahmen sie die kleinen Vögel, die so seltsam fein und scharf
+sangen, wenn man sie am Ohr vorüberfliegen hörte ... Hier -- dort
+streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte
+vorwärts -- sank in sich zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Die erste Zeit im Schützengraben ... Strenges Verbot zu feuern,
+nachdem einige der in den Gräben vor dem ihren liegenden Kameraden
+getroffen worden waren. Untätiges Liegen. -- Warten. -- Tage und
+Nächte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige
+Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden
+Gliedmaßen zusammen. Knattern, Sausen, Brüllen, Dröhnen, Donnern --
+die Luft auf Meilen ringsum von Getöse erfüllt. Ein Heulen in letzter
+Todesqual -- Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen -- obszöne Scherze
+-- krampfiges Gelächter -- betende Hilferufe, abgelöst von starrem
+Schweigen hinter zusammengebissenen Zähnen, während die Granaten in
+ihren Reihen wüteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers
+lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrückt, den
+Tornister zum Schutz auf den Nacken gerückt. Plötzlich fühlte er sich
+erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken
+-- erkannte, daß er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der
+explodierenden Geschosse. An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken
+ein schweres Schnarchen anderer toderschöpfter Männer. Er -- Franz
+Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte
+-- nur einer von vielen -- vom Todesgrauen in Bleischlaf gestürzt --
+wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf
+schlaftrunken an seine Schulter drängte.
+
+Als der Morgen dämmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stieß
+er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern,
+sprang, schlich, stürzte, sprang wieder in weiten Sätzen, wie sie die
+Sehnen nur leisten konnten, über die glitschigen Lehmschollen, die
+faulenden Blätter der Rübenfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder
+springen mit dem schweren Tornister auf dem Rücken, das Gewehr mit
+aufgepflanztem Bajonett schwingend, -- ja, wie sie brüllten schrien,
+tobten -- die Gesichter blaurot -- die Augen aus den Höhlen gequollen,
+kein menschlicher Ausdruck mehr -- vom Blutrausch ergriffen, eine
+Schar von Teufeln, von Vernichtern ... Und im Nebel auftauchend die
+blutigroten Flecken der Franzosenhosen -- die feindlichen Gestalten,
+die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenstürzten
+-- im grauen klatschenden Regen ... Im Nahkampf sich packten mit
+Fäusten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette
+sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfontänen spritzten in die
+Lüfte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den Höhlen -- die
+Nase füllte sich mit dem Gestank des Todes ... Keiner -- nicht Freund
+noch Feind -- mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden
+-- nur noch ungeheure Gewalten, in wütender Wollust und grausiger
+Umarmung gegeneinander ringend -- in jedem Blutstropfen nur noch das
+Leben des Vaterlandes spürend ...
+
+-- -- Vernichtet, zerstampft mußte sie werden, die feindliche Gewalt,
+wie Hirnmasse und Schädeldecken zerstampft wurden in den grausamen
+Kämpfen ... Rolfers raste, tobte, schoß, schlug, haute um sich,
+brüllte und würgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern.
+Vernichtet mußte sie werden, die französische Kultur, die er studiert,
+zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge
+auf Erden. Notwendigste Ergänzung des eigenen Besitzes war ihm
+Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen ... Welch
+ein wahnsinniger Traum ...
+
+-- -- Viele Nächte in Kellern oder zerschossenen Bauernhütten, wo man
+in der nächsten Sekunde in Flammen eingehüllt sein konnte, mit Gestank
+und Ungeziefer, zwischen einer feindlichen Bevölkerung, von der man
+sich aller Greuel und jeder Heimtücke zu versehen hatte. Ihm kam die
+Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdrücken
+zugute -- er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er
+Händel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur
+gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Mißverständnissen
+hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, faßten
+trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er
+sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg über alle diese
+Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den
+Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz
+fühlte er nur: auch sie morden ja für den einen göttlichen Begriff:
+Vaterland -- Heimat!
+
+Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie überall
+sonst zwischen Menschen: er genoß Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne
+geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den
+Kameraden verband, blieb eine kühle Ferne zwischen Rolfers und den
+Mannschaften. Das änderte sich auch nicht durch die brüderliche
+Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die
+Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur,
+die sich warm erschließen konnte, oder die Öffnung andrer Herzen zu
+erwecken vermochte. Früher hatte er diesen Mangel schmerzlichst
+beklagt, später nahm er ihn als unabänderlichen Teil seines Wesens.
+Dürstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach
+zu ihm, wie nur zu Auserwählten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie
+intimste Reize erschloß, den sie trunken machen konnte mit einem
+Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete Rolfers, daß
+auch unter Offizieren wie Soldaten manche während dieses Feldzuges die
+Rückkehr in den Zustand des wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen
+Lust genossen. -- Würde solche erstaunliche Veränderung Früchte tragen
+in einem Frieden, der höchst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar
+schien? ... Würde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und
+Empfindungen eine Neugestaltung überfeinerter Kultur bewirken können?
+Oder würde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb der
+schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln Gründe,
+die unter dem wachen Bewußtsein schlummern, zurückgeworfen und dem
+Vergessen überantwortet werden?
+
+Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in müßigen Stunden nach.
+Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich alles in
+strömender Bewegung, in fürchterlicher Aufwühlung von unmöglichen
+Gegensätzen, in denen zu jeder Stunde Rückfälle in Barbarentum und
+Tierheit mit den strahlendsten Beweisen höchsten Menschentums
+zusammenstießen. Gleicherweise bei Freund und Feind.
+
+In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein
+tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers.
+Gleich den Blutströmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in
+steter gleichmäßiger Tätigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder
+zurück den Weg durch Lunge und Körper nahmen, ihn mit tausend
+geheimnisvollen Kräften nährend, blieb der starke Strom seines
+Kunstgefühls zu jeder Sekunde in ihm rege tätig. Ohne daß die Gedanken
+teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern
+unaufhörlich getränkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebärden
+von Menschen, die groß, einfach und gewaltig waren, wie er nichts
+Ähnliches früher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von
+Pferden und Männern, die alles Glaubhafte weit hinter sich ließen,
+wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetüme von
+Haubitzen eine Anhöhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschütz, den
+Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende
+Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne
+Ertragen wütenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen,
+gegen die antike Masken von Kriegern gleichgültig wurden. Alles, alles
+war zum Äußersten gesteigert: Ausbrüche der Freude, der Wut, der
+Liebe, der Frömmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden
+aus Urschlünden und Abgründen ferner Zeiten, da Mensch und Tier
+begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnächte voll der
+süßesten Schönheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten,
+Tönen, Düften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das
+Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknüpften,
+daß es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu
+unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.
+
+ * * * * *
+
+Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal -- der
+Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages
+eine Schießerei in dem Gelände stattgefunden, die Rothosen waren
+überwältigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig
+zurückgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos
+vom Feind gesäubert war. Man fand nichts Verdächtiges, kehrte,
+vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurück. Der Offizier und
+die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stück weit voran, als Rolfers
+seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im
+tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag.
+
+»Ein Toter oder Verwundeter,« flüsterte er seinem Nachbar zu.
+
+»Ach was, schnell vorwärts,« murrte der. »Wir verlieren den Anschluß,
+und wer weiß, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.«
+
+Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen
+fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen
+in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mütze vor und leuchtete mit
+der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob
+sich mühsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung
+-- in demselben Moment krachte der Schuß.
+
+Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers -- er stürzte wie ein Stück Vieh
+quer über den Franzosen.
+
+ * * * * *
+
+Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bäume. Er bewegte den
+Kopf, blickte aus nächster Nähe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen,
+deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedächtnis
+trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der
+Mund war wie von einem müden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges,
+feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.
+
+Rolfers suchte sich zu erheben -- da packte ihn wütender Schmerz in
+Arm und Schulter und atemlose Angst ... War's möglich, war's nur zu
+denken, daß das Schlimmste getragen werden mußte?
+
+Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen -- auf den starren
+Körper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber
+Bewußtlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten Ängsten. Bei
+grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanitätssoldaten, die von den
+Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.
+
+Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser
+heimtückisch im Innern des Körpers platzenden Geschosse.
+
+Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.
+
+Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, daß der Stabsarzt
+begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch
+zahllose mühselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu
+entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mußte. Die
+wütenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten,
+unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von
+Hoffnung und Verzweiflung.
+
+In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er
+sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf
+einem gefällten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lässigen Grazie,
+die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde
+Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe
+Wange beschattet, ein lauernd grausames Lächeln um den roten
+Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers
+arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen
+seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung
+üben sollte, von der in den Schützengräben mit wollüstigem Vergnügen
+geredet wurde.
+
+Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz
+seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von Überfeinerung und
+Verruchtheit eines todgeweihten Volkes -- aber zugleich versank in ihm
+die Hoffnung tiefer und tiefer, daß er jemals wieder Stift und Pinsel
+führen könne.
+
+Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung
+eines großen Chirurgen in Berlin ausgeführt werden. Der Lazarettzug
+trug ihn mit vielen Leidensgefährten durchs deutsche Land.
+
+Einmal, während sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in
+langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren
+Fieberzuständen heraus, in denen die Dinge urplötzlich so
+geheimnisvolle Bedeutungen annehmen können, einen Anblick, der ihn
+grenzenlos erschütterte.
+
+Auf dem Bahndamm, hoch über dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau.
+Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme
+steil gen Himmel, faltete die Hände und beugte sich tief, bis zur Erde
+nieder.
+
+Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Größe und Inbrunst
+geschaut. Ihm war zumute, als grüße in der Gestalt dieser Bauersfrau
+Germania selbst ihre geopferten Söhne.
+
+Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fühlte sich mit
+einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlünde des Todes
+hinabsinken, gegrüßt von jener göttlich-hohen, inbrünstig-demütigen
+Gebärde.
+
+Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des
+brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu
+lassen.
+
+ * * * * *
+
+Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen
+Wunsch, seine künftigen Tage hinschleppen zu müssen ... Konnte das
+Pflicht sein? -- Unsinn!
+
+Er hatte seine Pflicht geleistet, rücksichtslos, instinktiv, wie alle
+Volksgenossen. -- -- Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz
+Rolfers, an. Er war aus einem Stück der Allgemeinheit wieder zur
+Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen
+fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt
+verlassen würde, mußte die Erlösungsstunde für ihn kommen. Dies hatte
+er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrückt
+den Interessen der Kameraden.
+
+Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten für andere sich
+hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstümmelten, das lag ihm nicht.
+Er haßte Heuchelei -- auch gegen sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Besuchsstunde. Neben den weißen Betten, auf den kleinen Glastischen
+Blumen oder Früchte: Trauben, Birnen, Äpfel auf Tellern, in braunen
+Tüten, weiße Kästchen mit Konfekt, Marmeladetöpfchen, Bücher und
+Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen
+Kinder, Frauen, Mütterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein
+Lachen, Schwatzen, Scherzen erfüllte den hohen Saal. Verstohlen
+wischte hie und da eine Frauenhand niederstürzende Tränen von der
+Wange. Ein altes Jüngferchen, dürftig gekleidet, mit einem lieben
+Lächeln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit süßem
+roten Gelee und weißer Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Für
+mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam
+täglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten
+sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen
+rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhüten durch das
+bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten
+Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weißen Häubchen,
+den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen
+ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.
+
+Alles in allem hätte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben
+können, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weißen, von
+heiterem Stimmenwirrwarr erfüllten Saal ausgefochten wurde.
+
+Rolfers tönten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine
+Gefühle waren zwiespältig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und
+opferwilligen Güte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher
+bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz über die Anmutlosigkeit
+der Gebärden, der Erscheinungsform dieser Liebe, über die Torheit der
+Gespräche, die Zudringlichkeit der Wohltäterinnen.
+
+Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prüfung seiner krankhaft
+gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme
+beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine
+Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit möglichst wenig auf seine
+Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, daß eine
+hübsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschäftigung, riesige
+Stücke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager plötzlich gestutzt
+hatte und dann einen Schrei tat: »Meister --! Ja, Meister Rolfers,
+sind Sie's oder sind Sie's nicht? Und Berlin weiß nicht, daß Sie hier
+liegen? Aber das ist ja unerhört -- aber da muß ich doch gleich ...
+Was kann ich nur für Sie tun?«
+
+»Nichts, gnädige Frau, als zu schweigen!« hatte Rolfers geantwortet.
+Dies war freilich das stärkste Verlangen, was man an die
+liebenswürdige Schwätzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen
+Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem
+Lackschuh -- jede Berührung seines Lagers verursachte ihm noch immer
+unerträgliche Pein -- und hatte ihm versichert, daß er ganz der Alte
+geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben
+dürfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine Überführung in das
+Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit
+haben würde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere
+Fürsorge.
+
+Rolfers sah, während die junge Frau so plauderte, auf den blaßroten
+Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen
+waren, und der unter dem weißen Schleier eigentümlich reizvoll
+blühte. Es fiel ihm ein, daß er diesen Mund einmal in der Nachtlaune
+eines Künstlerfestes sehr lange und innig geküßt hatte. Er dachte
+daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im
+Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Porträt gehabt.
+Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wäre
+ihm auch das reiche Mädchen nicht unzugänglich gewesen, doch nach dem
+Kuß auf den blühenden blaßroten Mund packte ihn plötzlich ein Grauen
+vor all dieser wohlarrangierten Bürgerlichkeit, und er hatte sich jäh
+zurückgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm
+aufs freundlichste ihre Gaben. Wie völlig belanglos schien ihm auch
+dies und jede Hoffnung, die sich daran knüpfen mochte. -- Widerwärtige
+Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu benützen, um als
+Krüppel über einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten
+obzusiegen ...
+
+Der jungen Frau wurde mit einem höflichen Lächeln ablehnend gedankt
+für all ihre gütigen Pläne. Als trotzdem am folgenden Tage eine
+Fruchtschale und Rosen von wundervollster Üppigkeit eintrafen, ließ
+Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht
+wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestärkte ihn nur in
+dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er für solche Besuche
+unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch
+wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die
+steigende Kühle ihm gegenüber mit Humor.
+
+Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz
+menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und
+seine Persönlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurückgenommen
+hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und
+die nur durch Hand und Arm für die Menschheit Wert gehabt, aus
+selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich
+wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kümmern, wie er auf
+seine Umgebung wirken mochte.
+
+ * * * * *
+
+»-- -- Fräulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle,
+Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,« hörte Rolfers
+eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er --
+oder täuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, daß er die Stimme
+gehört hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen
+ihm -- das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme
+heller und fröhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hören, und
+leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung
+verborgen die mittelgroße, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu
+Bett ging, mit den Schüsselchen, die sonst von dem alten Fräulein
+verteilt wurden.
+
+-- -- Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt
+... wie hübsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den
+hellen Augen -- lieber Gott -- nun sah sie aus wie irgend jemand ...
+farblos -- das war wohl heut die Formel für sie ...
+
+Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen
+Erkennungsszene -- aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig,
+und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn
+es einmal nicht zu umgehen war.
+
+Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das
+tut mir nun leid -- für Sie habe ich nichts mehr.«
+
+»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine
+junge Pflegerin, die vorüberlief.
+
+Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht -- machen
+Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die
+an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen.
+»Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?«
+
+»Es ist nichts Ernstes -- nur eine Erkältung,« antwortete die Frau.
+Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn.
+Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen
+Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue
+zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die
+hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen
+Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften.
+
+»-- Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.«
+
+Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht.
+
+»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns
+merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm -- Es ist lieb, daß
+das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht
+anders ...«
+
+Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl,
+den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit
+ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun
+leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?«
+fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die
+sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.
+
+'... Sie ist alt geworden,' dachte er. 'Merkwürdig, wie schnell das
+bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen
+Formen verlieren.' -- -- »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,«
+sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist
+überstanden. -- -- Wie lebst du, Martha?«
+
+»Wie immer -- ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein
+Brot. Wird der Chef eingezogen, weiß ich freilich nicht, wie es gehen
+soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,«
+fügte sie eilig hinzu.
+
+»Und der Junge?«
+
+»Ein großer Kerl -- schon in Obertertia.«
+
+»Ich habe mich gefreut, daß du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich
+wächst er dir nicht zu sehr über den Kopf, quält dich nicht ...«
+
+»O nein,« entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen
+begannen zu glänzen. »Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge
+und begabt! Hat für alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.« Kaum
+hörbar flüsterte sie: »Ich bin dir dankbar, daß ich ihn aufs Gymnasium
+schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!«
+
+»Das ist doch nur selbstverständlich!« antwortete Rolfers ablehnend,
+seine Brauen zogen sich zusammen.
+
+Martha Lebus erhob sich sofort. »Ich muß nun gehen,« sagte sie scheu,
+und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und
+mitleiderweckend. »Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?«
+
+Rolfers lächelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr
+bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden
+Frau.
+
+»Gewiß, Martha, das ist hübsch. Komm nur!«
+
+Sie hatte seine Hand gefaßt, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie
+zu drücken.
+
+»Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen
+werde. Du findest mich allein, und wir können freier miteinander
+plaudern. Lebe wohl, Martha.«
+
+Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal.
+An der Tür blickte sie noch einmal zurück und nickte Rolfers zu. Er
+grüßte mit der linken Hand.
+
+Die Klingel tönte, die Besucher, männliche und weibliche, entfernten
+sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam
+das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der
+Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltäglichen
+Ordnung zurück. Die meisten der Verwundeten waren müde von den
+ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit
+geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.
+
+'... Es scheint, daß ich noch einmal einen Überblick über mein
+ganzes Leben bekommen soll,' dachte er. 'Ob ich sie auf der Straße
+wiedererkannt hätte? Arme kleine Martha -- Die Zeit ist doch grausam
+gegen die Frauen' ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen
+verstaubten Atelier hausten, die unmöglichsten Gerichte auf dem
+Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den
+unmöglichsten Wirtschaften nächtigten ... Die Winterabende, an denen
+man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Köpfe heiß
+und die Kehlen trocken redete über lauter Kunstfragen, die er heute
+belächelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das
+so schlicht an ihrer schlanken Mädchengestalt niederfiel, ging, von
+all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehüllt, hin und
+wieder und legte Kohlen in das eiserne Öfchen, bis es rot glühte,
+oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus
+dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen
+Bewegungen, die ihn unsäglich rührten. -- -- Wie vorsichtig sie
+heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berühren ...
+
+ * * * * *
+
+Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten
+Ursache für den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein
+Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner
+Entwicklung.
+
+Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der
+sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht
+zurück zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet -- was er an
+ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstört
+-- all das Armselige, Lächerliche einer Familienwirtschaft ohne Geld
+... Es graute ihm davor. -- Er fühlte sich nicht im mindesten reif für
+die Pflichten eines Vaters.
+
+Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es
+gelassen und natürlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verständigkeit
+zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestört, die ihn leicht ein
+wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der
+Dämon seiner Kunst herrschte immer stärker über ihn. -- Die
+regelmäßigen Zahlungen für den Jungen, die von ihm erhöht wurden, als
+er besser verdiente, ließ er durch seinen Bankier übermitteln. Er
+selbst wollte möglichst wenig und selten an diese Jugendepisode
+gemahnt werden.
+
+ * * * * *
+
+Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die
+er gerne hörte. -- Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daß sie
+täglich am Nachmittag für einige Stunden bei ihm war, Aufträge für ihn
+besorgte, Briefe für ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand
+ging. Sie tat dies alles in einer selbstverständlichen schlichten
+Weise, so daß es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Dienste
+abzulehnen.
+
+Sie nannte Richard oft und erzählte diesen oder jenen Zug von dem
+Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fühlen beschäftigte
+sich mit ihm. Rolfers hörte höflich zu, ohne wärmere Anteilnahme zu
+zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht
+einmal mitbringen dürfe.
+
+Die Frage berührte ihn peinlich. -- Sein Sohn? -- Ein Stück seiner
+eigenen Persönlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine
+Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine Überraschung
+prägte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer
+gewußt, daß da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter
+sicherlich gut und tüchtig erzogen würde.
+
+Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung.
+Als er die traurige enttäuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur
+Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.
+
+»Martha -- Kind -- was hat es denn für einen Sinn? Der Junge wird kaum
+sehr freundliche Gefühle für mich haben können.«
+
+»Darum eben dachte ich ...,« stotterte sie verlegen.
+
+»Ihr Frauen denkt immer, das Unmögliche geht -- weil ihr es wünscht.
+Wozu den armen Kerl quälen mit unangenehmen Situationen? Ja, -- wenn
+er nie von mir gehört hätte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um
+sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht
+-- desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?«
+
+»Neugierig schon ...«
+
+»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier
+eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff.
+
+Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett
+bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke
+zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen.
+
+'Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und
+Vorwürfen,' dachte Rolfers. 'Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden
+lassen? -- Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen -- Oder
+nennt man das nun weibliches Heldentum?'
+
+Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn
+ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller
+als sonst.
+
+'So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel
+verfolgt,' überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen
+die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten
+konnten. 'Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich
+bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht
+unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben -- warum dann nicht
+ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft -- die
+schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde -- und ohne ihre
+Berechtigung. Sie will mich einfangen -- zweifellos -- das Muttertier
+kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden
+hat -- tausendmal bewies sie es --, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit
+einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege
+steht!'
+
+Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine
+gleichmütig-philosophische Rührung.
+
+Lieben kann sie mich kaum noch -- so wenig, wie ich sie noch liebe.
+Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt
+wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite
+würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu
+befürchten sein ...
+
+Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich
+einen Tag, der noch zu leben sei -- ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den
+tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen
+Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal
+sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht
+ausreichen würde.
+
+Wie in das Glück eines süßen Betäubungstrankes versanken seine Sinne
+in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit
+den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund
+gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des
+Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach
+Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine
+Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg,
+wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und
+verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten
+Schöpfungstag.
+
+Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis
+aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu
+lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die
+wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte,
+sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen
+ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor
+allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. -- Die andere
+Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von
+Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen.
+Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie
+Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht
+unterdrücken konnte.
+
+ * * * * *
+
+Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie
+das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu
+einem Beruf zeige.
+
+»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder
+Abneigung.
+
+»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er
+werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum
+in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee
+beigebracht?«
+
+»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha.
+
+Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: »Ihr Frauen seid
+unbegreifliche Geschöpfe. Ich erinnere mich gut, daß du meine Kunst im
+Grunde immer haßtest -- wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen
+konntest. Bei Gelegenheit brach's doch durch. Ganz elementar. War ja
+auch für dich eine fragwürdige feindliche Macht. Wäre ich einfacher
+Bürger gewesen, hätte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben
+handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von
+sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm
+vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte
+Verständigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwölf Jahr'?«
+
+»Nein -- vierzehn,« berichtigte sie mit zitterndem Munde.
+
+»Ach, so alt schon ...? Ja -- verzeih -- ich habe Tage und Jahre
+niemals nachgezählt!« Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit
+einem eigentümlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick
+ernst und ruhig.
+
+»Wir wollten von dem Jungen sprechen,« sagte er nach einer Weile kühl.
+»Du hast mir neulich angedeutet, daß er nicht gerade von liebevollen
+Gefühlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht
+verdenken kann.«
+
+»Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,«
+verteidigte sich Martha.
+
+»Das traue ich dir zu. Aber der Junge müßte doch ein Schlappinsky
+erster Güte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Haß gegen mich hätte
+-- Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn
+Bilder von mir?«
+
+»Außer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei
+uns hängt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie
+zu gehen und die 'Düne im Sturm' zu sehen, die sie dort von dir
+angekauft haben.«
+
+»Ja -- dann verstehe ich aber noch weniger ...«
+
+»Er will auch gar nicht Maler werden. Er haßt alle Künstler --
+'verachtet' sie, wie er sich ausdrückt. Er hat ja nie einen gesehen
+und gesprochen --,« fügte sie mit einem kleinen Lachen ein ... »Er
+will Jura studieren und Rechtsanwalt werden -- weil er gehört hat,
+die verdienten unter den Juristen am meisten Geld ...«
+
+»So so -- also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.«
+
+»Er will dir dann die Kosten für seine Erziehung mit Zinsen
+zurückgeben, hat er mir gesagt,« antwortete die Mutter und reckte sich
+in die Höhe.
+
+»Donnerwetter! Das ist ungewöhnlich!« rief Rolfers verblüfft.
+
+»Er will dir nichts zu verdanken haben!«
+
+»Famos -- famos! -- Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken
+haben, was er mir nicht gut zurückgeben kann!«
+
+»Ja, einen harten Willen hat er!«
+
+»Also -- was ist's dann mit dem Gefasel von der Künstlerschaft?«
+
+»Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden.
+Ich muß dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du
+wenigstens sehen!«
+
+»Ja, tue das -- morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief
+Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer.
+
+ * * * * *
+
+Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem
+Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer
+Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte,
+statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die
+feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das
+Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes
+erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der
+jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in
+einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flüchtigem
+Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein
+freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in
+braunen Schatten liegenden Augen.
+
+Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher
+Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger,
+dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat --
+der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer
+geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste
+Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie.
+
+Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das
+Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und
+wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um
+einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder
+bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als
+scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches.
+
+»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut -- ich hatte beinahe
+Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.«
+
+»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.«
+
+»So -- desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster
+rücken, bitte -- da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich,
+mir die Blätter zu geben. Danke -- ja -- so ist's gut. Das ist ja eine
+Menge! Fleißig scheint er zu sein.«
+
+Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun
+die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervös zitterten, vor ihn
+hinlegte. Kohle- und Rötelzeichnungen, dann ausgeführtere Aquarelle,
+auch einige Versuche in Öl. Landschaftsstudien, ein einzelner
+Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stückchen Ährenfeld, ein
+toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu
+fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von
+Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in
+Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur
+in ein paar Linien für das Gedächtnis festgehalten.
+
+»Doll -- ganz doll,« murmelte Rolfers ein paarmal. »Was der Kerl
+riskiert -- eine unverschämte Keckheit --« Er schüttelte den Kopf,
+hielt ein Blatt lange vor sich hin. »Wieder mal recht kindlich --
+Dieses hier ist mißlungen, -- das auch, -- das -- -- nee, wahrhaftig,
+er fängt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich
+innerlich gebost haben. -- -- Dies ist nun geradezu unglaublich --!
+Dieser Sinn für Raumverteilung -- Köstlich -- jetzt kommen wohl die
+Schulzeichnungen? So 'n ganz andres Kaliber! Na ja -- hier schludert
+er richtig und macht so was für den Lehrer zurecht. #Ia#.
+Selbstverständlich! Schweinerei!«
+
+Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mühsam mit der Linken eine
+»#4b#« neben die Schulnote.
+
+»Meinst du nicht auch, daß er Talent hat?« fragte Martha zaghaft.
+
+Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.
+
+»Talent -- Talent hat heut jeder Lausejunge -- fragt sich, ob er den
+Charakter hat, ein Könner zu werden!«
+
+Rolfers zog zwei Blätter aus den übrigen hervor.
+
+»Donnerwetter -- was ist denn hier -- freie Phantasien ...« Mit den
+Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen
+die Unterschriften: »Der Schlafende« --»Der Erwachte«. In kühnen
+kräftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getönt,
+zeigten sie eine ganz eigentümliche und persönliche Technik. Eine Bank
+auf einer Anhöhe unter einem Baum, der ungefähr eine Eiche vorstellen
+mochte. Hier saß ein nackter Mann, einen alten ungefügen
+Kavalleriesäbel über den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt,
+in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbäumen,
+grünen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Dörfchen im
+Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen
+kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen,
+ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen,
+Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft
+verfinstert und wildverstört, das Dörfchen in gelb und roten Flammen,
+die Obstbäume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch
+das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom
+Sturm durchwühlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer
+Silhouette mit mächtigem Schritt die Anhöhe hinab, den Säbel gewaltig
+schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme
+nach ihm aus.
+
+»-- -- Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?« fragte
+Rolfers lebhaft ... »Das ist ja famos! die Gelöstheit der Glieder im
+Schlaf -- die Macht des Schreitens -- das ist einfach verblüffend --
+die Majestät der aufgereckten Haltung -- das soll erst mal einer von
+uns Älteren rauskriegen, was dem Bengel da geglückt ist ... Ha -- hier
+kommen die Studien -- wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also --
+die Badeanstalt!«
+
+»Ja -- von dort kam er immer zu spät heim -- da hat er Stunden und
+Stunden verhockt -- und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die
+Sachen entdeckte.«
+
+Rolfers vertiefte sich mit zusammengefaßter Aufmerksamkeit in die
+Skizzen.
+
+»Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. -- Na ja -- Anatomie
+fehlt noch -- aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ...
+merkwürdig -- höchst merkwürdig.«
+
+Plötzlich lehnte er sich zurück und lachte herzlich.
+
+»Der Bengel will Rechtsanwalt werden -- richtig so 'ne ausgeklügelte
+Chose --! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander
+bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwüstung
+ab! -- -- -- --
+
+Du -- schade eigentlich, daß du ihm gesagt hast ... wüßte er nicht,
+daß ich sein Vater bin, -- den Kerl hätte ich gern zum Schüler gehabt
+-- aus dem ließe sich was machen ... Teufel ja -- das könnte mich
+reizen ...«
+
+Marthas Blick glitt über ihn hin -- er fühlte ihn, sah auf, traf den
+Ausdruck eines erschütterten Mitleids in ihren Zügen.
+
+»-- Ja -- du hast ja recht ... ich hatte vergessen ...«
+
+Heftig stieß er den Stuhl zurück, sprang auf, schritt mit starken
+Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich plötzlich taumelnd auf
+den Bettrand, weiß, hohläugig -- mit gezerrten Zügen, wie ein
+Sterbender anzuschauen.
+
+Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nähe stand. Er
+trank das Glas leer und belebte sich allmählich wieder. Die Frau stand
+neben ihm und strich ihm zaghaft tröstend über das Haar. Er lehnte den
+Kopf an ihren Arm, schloß die Augen und murmelte: »Wie gut du bist.
+Aber geh jetzt -- ruf mir die Schwester -- ich muß mich hinlegen --
+man ist ja zu nichts mehr nütze.«
+
+»Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege ...«
+
+»Ach, Marthchen -- erholen ... wozu ...?«
+
+Er starrte in Gedanken vor sich nieder, während sie die Blätter wieder
+in die Mappe legte, die Bänder zuknüpfte, ihren Hut aufsetzte, sich
+still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.
+
+»Sag' dem Jungen vorläufig nichts davon, daß ich die Zeichnungen
+gesehen habe,« sagte Rolfers, »wenn sich's tun läßt.«
+
+»Gewiß nicht -- obschon es ihn natürlich doch beglücken würde -- aber
+es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, daß ich sie ohne sein Wissen
+mitbrachte.«
+
+Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.
+
+»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte
+Rolfers.
+
+ * * * * *
+
+Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und
+Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner
+Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in
+ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl
+der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf
+sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im
+gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte.
+Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte
+rangen um seine Seele -- gleich an Kraft und gleich in ihrer
+unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig
+feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale.
+-- Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen
+verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung
+seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen
+gesündigt, hatte es tausendmal verneint -- weil er an die ewige
+Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ...
+Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und
+Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen
+Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes -- war
+sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen
+Ideen? Die Staaten zerfielen -- die Rassen veränderten sich und
+versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen
+Forderungen und Idealen -- die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg
+über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind
+begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs
+neue zu erobern -- die selbe Welt, in der ihre höchsten Offenbarungen
+rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen.
+
+Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung
+sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen
+müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer
+einzigen Idee -- der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf
+sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten
+Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen
+Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der
+ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen
+allen so übermächtig geworden war -- wie hätten sie anders ihr
+Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers
+unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen.
+
+Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige
+leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem
+andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach
+heißen oder nicht -- gleichviel -- da war ein Geschöpf auf Erden, in
+dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der
+ihn erfüllte -- ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf
+dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. -- Und
+das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch
+geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich
+tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte
+sich auf gegen das Mitleid -- in sich spürte er ein wildes Tier, das
+die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich
+mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er
+sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme
+seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er
+sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da -- da --
+bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm
+das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf
+dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts
+schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer -- Weiser --
+Hüter sein durfte -- desto eigensinniger sein Verlangen, das
+Ungewohnte zu ertrotzen.
+
+ * * * * *
+
+Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, daß Rolfers in
+den nächsten Tagen entlassen würde. Die Trennung stand vor der Tür,
+schneller, als sie es erwartet hatte.
+
+»Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?« so fragte sie
+beklommen, weil sie sich nicht stärker über seine Genesung zu freuen
+vermochte.
+
+»In Berlin? Auf keinen Fall!« antwortete Rolfers heftig. »Sich hier
+als Krüppel anstaunen zu lassen -- nein, das wäre das letzte, was ich
+ertragen könnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Häuschen --
+dorthin will ich mich verkriechen. Es gehörte früher meinem Freunde
+Pötsch. Du hast ihn doch auch gekannt -- den Pötsch, der die
+Moorbilder malte -- immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht
+weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du
+nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht
+weiter mit deiner Malerei. Na -- und daraufhin habe ich ihm die
+Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram,
+Bücher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar
+hält mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau
+kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben.
+Ja -- nun wollte ich dich bitten, den Brief an Lütjes zu schreiben,
+sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorräte
+anschaffen, damit wir's gemütlich finden, wenn wir hinkommen.«
+
+Martha blickte hastig auf.
+
+»Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich für eine Weile zu
+begleiten.«
+
+»Aber der Junge?«
+
+»Der kommt natürlich mit!«
+
+»Er muß doch in die Schule!«
+
+»In der nächsten Stadt ist ein Gymnasium. Lütje fährt ihn hin, bis er
+die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor muß in seinem
+Alter sein. Die Jungens können sich zusammentun. Das wäre kein
+Hinderungsgrund.«
+
+»Ja, das ließe sich machen,« antwortete Martha -- »Nur ...«
+
+»-- Du hast mir neulich angedeutet,« sagte Rolfers bedächtig, »daß
+deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich muß jemand
+haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschäftlich immerfort etwas zu
+erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische
+Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas
+Ähnliches gedacht?«
+
+»Zuweilen habe ich daran gedacht,« gestand die Frau zögernd.
+
+»Also! -- Ohne Verbindlichkeiten für die Zukunft, so wenig von deiner
+wie von meiner Seite.«
+
+»Nein!« rief Martha hastig. »Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht
+dazu entschließen!«
+
+»Sage mir offen deine Gründe -- wir reden ruhig darüber.«
+
+»Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschränktes Leben ist
+mir wert geworden. Ich mag's nicht aufgeben. Wie es war, war's
+harmonisch -- friedlich.«
+
+»Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Für
+Kampf bin ich nicht mehr gestimmt -- wenigstens nicht für einen Kampf
+mit dir!«
+
+»Ach, Franz -- das sagt man so. Nachher ist's doch anders. Jeder will
+etwas für sich und der andre weiß nichts davon und will das Gegenteil.
+Und so quält man sich ...«
+
+»Wir müssen eben nicht zu viel wollen -- wir beiden Alten,« sagte
+Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl
+und spöttisch.
+
+»Mit dem Jungen ist's anders. Der soll nur wollen! Für ihn fällt doch
+manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung -- Ein frisches Stück
+Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...«
+
+»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,«
+antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz.
+
+»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein
+besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten
+Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! -- Nun
+wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche
+Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard
+herrichten! Paß auf -- es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu
+sein!«
+
+»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht
+verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.
+
+ * * * * *
+
+Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der
+Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie
+zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu
+verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der
+hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß
+Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr
+Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus,
+Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine
+Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht
+gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde
+darstellen sollte.
+
+Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte
+unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur mit
+dem Reiz der Jugend neugeschmückt --: eine schlanke geschmeidige
+Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur
+eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch
+ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der
+etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute
+Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses
+Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen,
+daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise
+gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich
+Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den
+Stolz seiner Zurückhaltung.
+
+Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und
+später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten
+Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch
+häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm
+gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über
+die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu
+halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die
+schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft
+werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig
+hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen
+hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.
+
+-- Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in
+diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen
+Kampf wird's kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn
+immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob
+Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben würde. Ehe man
+nicht diese _eine_ von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher
+hätte man doch nicht von hinnen gehen können.
+
+ * * * * *
+
+So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfes
+gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen
+Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von
+hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie
+weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den
+Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus
+mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda
+enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die
+beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie
+bestimmten Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit
+schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume.
+Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und
+streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen
+Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen.
+Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten,
+buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in
+die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen
+Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten.
+Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das
+frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das
+Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten
+moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall für
+das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten,
+deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem
+schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am
+Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand,
+mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen
+freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen
+um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen
+Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes
+Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der
+Bahnstation hergeführt hatte.
+
+-- -- Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu
+einer Übersiedelung in Rolfers' Haus zu bewegen. Sie mußte sich
+fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe.
+Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem
+Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt
+hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein
+Stück Brot anzunehmen! Was --? sie sollten ihm so geradehin gehorchen,
+dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch
+wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte
+sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, -- seine Mutter hatte ihn
+noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte
+ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die
+Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig
+sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu
+schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er verstummen, hier lag der
+Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen.
+Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der
+Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche
+Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit
+herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa
+einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens
+handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde
+als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich
+empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts
+andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen
+die Mutter. Donnerwetter, wär's anders gewesen, er war zu manchem
+fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es
+würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit
+liebevoller Demut diente -- ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das
+Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch
+diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem
+Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die
+ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur
+gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde
+ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren
+gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit,
+und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig
+zuzureden.
+
+Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich
+einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack
+eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen
+Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und
+fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine
+Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit
+der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne
+zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es
+immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die
+altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt
+wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und
+er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die
+ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits
+stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache!
+
+Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie
+verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
+zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den
+Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche
+Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen
+und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren.
+Das war dem Jungen unheimlich.
+
+Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und
+Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten
+Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht
+nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und
+Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem
+Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge
+dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte,
+wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter
+kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um
+gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das
+Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem
+geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft
+in sich. -- Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau
+des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu
+schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu
+lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu
+schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der
+altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese
+untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften
+zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten
+Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die
+Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas
+hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne
+wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit
+voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so
+begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe
+zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was
+ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern
+Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar
+vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte,
+wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken
+stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch
+die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den
+Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den
+Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rüssel wühlen. Er
+starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten
+Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß
+der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne
+dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf
+unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der
+Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder
+zu wissen brauchte.
+
+ * * * * *
+
+Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme,
+die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen
+unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und
+Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein
+Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel
+allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich
+selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben,
+ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden.
+Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige
+Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu
+anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.
+
+Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es
+dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen
+Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am
+wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines
+leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen.
+Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder
+sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen
+traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt -- und »Ihrer« sei auch
+dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache
+seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten.
+Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins
+Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers
+hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt -- er hatte vor
+allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen -- er wußte
+auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit
+kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der
+Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch
+taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen,
+die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern
+wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst
+stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine
+Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben,
+soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte
+in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich
+unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer
+unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu
+sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und
+kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des
+Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren
+Anschauungswelt aufzuschwingen.
+
+Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer
+Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das
+Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem
+hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die
+Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder
+in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst
+seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er
+ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard
+hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm
+das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er
+genau, er tat dies nur für den Knaben.
+
+Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in
+die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann
+wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und
+beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.
+
+»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht
+dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für
+die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.
+
+»Na, das hat doch beinahe jeder,« knurrte der Junge als Antwort. »Was
+ist denn da weiter dabei!«
+
+»Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein -- ich muß mich ja für
+dich schämen,« rief die Mutter und hatte Tränen in der Stimme.
+
+»Laß nur Martha,« sagte Rolfers ruhig. »Er hat ja ganz recht. Es ist
+wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, daß man seine
+Pflicht getan hat. Man hat noch andre.«
+
+Richard zog die Mundwinkel verächtlich herab. Er hatte sicher
+erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers' Mund über das Eiserne Kreuz
+zu hören, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es
+kränkte ihn, daß nun nichts dergleichen kam.
+
+»Der Kerl hat natürlich nicht das mindeste patriotische Gefühl,« so
+ging es durch des Knaben Hirn. »Pfui, wie widerwärtig ist mir diese
+herablassende Kälte!«
+
+Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Lütje, die Tür mit
+beträchtlichem Knall zuschlagend.
+
+Rolfers trat neben die Mutter und strich leise über ihr Haar. Es war
+die erste sanfte Berührung, seit sie zusammen hausten.
+
+»Geduld, Kind,« sagte er. »Schnell gehen solche Eroberungen niemals.
+Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefaßt
+gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den
+Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.«
+
+Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem
+Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von
+Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte
+kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen.
+War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in
+der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich
+lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung
+dem Manne -- und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben -- gebracht hatte,
+nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu
+erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten,
+was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er
+schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in
+der langen Zeit ihrer Trennung.
+
+-- -- Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau,
+gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen
+hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine
+Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr
+über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber
+daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken
+Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem
+geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst
+ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?
+
+Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem
+sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche
+Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige
+Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr
+klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus
+eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers' Leben in
+der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, -- wie ihr das
+ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten
+waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum
+eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn
+es ihm gleichgültig war?
+
+ * * * * *
+
+Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein
+geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es
+verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die
+Treppe, die nach oben führte, betreten.
+
+Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei
+Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung
+zurückgesandt wurden. Lütje schleppte sie hinauf und rief Richard zu,
+sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und
+ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters
+-- zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers.
+
+»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha.
+
+»Nee, der Richard ist noch oben!«
+
+»Mein Gott -- so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt
+er keinen Unfug an!« rief sie besorgt.
+
+»Nee -- Unfug macht er nich -- der guckt sich bloß die Bilder an,«
+brummte Lütje.
+
+»Laß ihn,« entschied Rolfers.
+
+»Er kann ja gar nichts mehr sehen -- willst du nicht doch
+hinaufgehen?«
+
+Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in
+den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.
+
+Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tür zu
+gehen und hinauszurufen:
+
+»Richard, wo steckst du? Komm zu mir!«
+
+Rolfers schüttelte den Kopf.
+
+»Könnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck für
+einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen -- und gönnst ihm das
+nicht ...«
+
+»Ich ängstige mich, er könnte etwas fallen lassen oder verderben ...«
+
+»Und wenn schon -- was liegt daran ... Sehen möchte ich ihn -- sein
+Gesicht -- wie er da herum geistert ...«
+
+Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die
+Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerührt. Sonst hatte
+ihr Richard stets gehorcht ...
+
+Nach einer Weile hörten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen,
+durch den Flur schleichen, die Haustüre aufklinken.
+
+»Er sollte doch zum Tee kommen,« bemerkte die Mutter.
+
+»Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen -- laß ihn laufen, er soll
+mit sich allein sein.« Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und
+blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich,
+um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder
+ins Zimmer zurückschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezündet
+hatte, glänzten seine Züge warm und freudig.
+
+»-- Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein
+Museum kam -- meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die
+Stadt und ging mit mir hinein! -- Wie besoffen bin ich vier Tage lang
+herumgelaufen -- kriegte Tadel über Tadel in der Schule, weil ich
+nicht aufpaßte -- ja -- ich weiß noch -- ein kolossaler Schinken von
+Rubens mit so 'nem springenden Löwenbiest und einer fetten
+Frauensperson -- der überwältigte mich ganz und gar -- jetzt finde ich
+ihn scheußlich -- es war einfach die Kraft, die Üppigkeit, die mich da
+so anschrie ...« Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine
+Jugenderinnerungen vertiefte. »Damals ging mir's zuerst auf, daß ich
+Maler werden müsse ...«
+
+Martha fragte weiter und ließ sich erzählen, während sie ihn mit Tee
+versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre
+liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet -- es geschah
+schon früher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders
+guter Stimmung. Plötzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder
+unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit
+schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen
+Rauchdunst eingehüllt, und träumte von unwiederbringlichem Glück
+ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem
+Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hörte, stiegen
+Farben empor, fügten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als
+Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie
+zusammen zu Entwürfen. -- -- Rolfers blickte ihnen nach, wie sie
+entstanden und mählich zerrannen ...
+
+ * * * * *
+
+Der Professor gab Lütje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach
+dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard:
+
+»Die Bilder müssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst
+nachher mit hinaufkommen und mir helfen.«
+
+Das Gespräch beschränkte sich auch oben in dem verstaubten, mit
+Skizzen, Zeichnungen behängten, mit beiseite gestellten Leinwänden,
+mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien
+vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab.
+Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an
+den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick für alle
+Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung
+schrie.
+
+Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hieß er ihn, es auf
+eine Staffelei stellen.
+
+»Das ist unser Moor,« sagte der Junge erfreut.
+
+»Woran erkennst du's?«
+
+»Nu -- hier doch, die große Eberesche und der Torfgraben. Das muß fein
+sein, wenn die Heide so blüht.«
+
+»-- -- Ja -- von einer tollen Farbigkeit -- das Braun des Bodens steht
+famos zu dem Purpur der Blütenfläche. In manchem Jahr ist sie auch
+blasser -- lila -- Die Lufttöne sind hier immer so schwer und satt --«
+
+»Das möchte ich sehen ...,« rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an
+dem Bilde hingen.
+
+»Wirst du schon mit der Zeit.«
+
+»Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme -- in dem Häuschen, wo
+das viele Moos auf dem Dache wächst -- der sitzt immer so dösig vor
+der Tür ...«
+
+»Ja -- dösig ist er -- hat 'en Blick wie ein altes Tier, das eben aus
+'m Moor rausgekrochen ist. Warte mal, -- irgendwo müssen hier herum
+die Studien zu dem Bild sein -- daraus kannst du sehen, wie so was
+wird.«
+
+Der Junge stand verlegen, während Rolfers in den Mappen blätterte.
+Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den großen Tisch zu tragen.
+Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus -- erklärte, sprach über seine
+Pläne, Versuche, erörterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie,
+über Raumverteilung und Perspektive -- über künstlerische Abgrenzung
+als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, daß er einen Knaben
+vor sich hatte, dem das alles böhmische Dörfer sein mußten. Er redete
+geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von
+herangewachsenen Akademieschülern gesprochen haben würde. Dabei ging
+er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausführungen an dem
+Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnfälligen
+Beispielen.
+
+»Interessierst du dich eigentlich für diese Dinge?« fragte er, sich
+unterbrechend.
+
+Der Junge nickte eifrig.
+
+Rolfers lächelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen
+haben können -- wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und
+Zärtlichkeit, seine Umarmung, seine Küsse erwartend. Sonderbar, wie
+tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden ...
+
+Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben
+hörte, scheu und heiser vor Erregung:
+
+»Ich möchte Ihnen mal was zeigen -- na -- es ist nischt -- ich weiß
+schon ...«
+
+»Also -- hol's und dann werden wir sehen!«
+
+Er schoß unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorüber: »Du --
+er will meine Skizzen sehen ...«
+
+Sie sah die leuchtende Geistesschönheit, die das junge Gesicht
+durchglühte -- nein so -- so hatte sie ihren Jungen nie vorher
+geschaut.
+
+Ein Schmerz, der sie völlig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis
+in die Fingerspitzen.
+
+Warum ließ ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie
+voller Haß.
+
+ * * * * *
+
+Nun wurde Richard der Schüler seines Vaters. Der war ihm ein harter
+Lehrer. Oft hätte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber
+verträumt, verbummelt, wäre ziellos im Dorf und in der Umgegend
+herumgestreift. Das gab's nicht mehr. Die karge Zeit, die von den
+Schulpflichten übrigblieb, mußte ausgenützt werden. Das Schlimmste für
+Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten,
+Pinsel und Farben beiseite lassen -- nur zeichnen, mit Kohle, mit
+Rötel, mit Bleistift -- aber immer nur zeichnen. Das fand er
+demütigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf
+und bereute oft genug, daß er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen
+ließ. Es war ein liebes Träumen und Versuchen gewesen bisher, ein
+Ausfüllen von Mußestunden. Was arbeiten heißen wollte, lernte er jetzt
+erst.
+
+Beim Durchblättern seiner früheren Skizzen hatte er eines Tages die
+mühselig hingekritzelte »4« auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt
+und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine
+Arbeiten also schon früher gesehen ... Na ja -- die Mutter hatte es
+wohl nicht lassen können, mit ihm zu renommieren.
+
+Aber wie war denn das -- sollte etwa doch das Interesse an seinen, an
+Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine
+Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre
+Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung
+des Professors: »Merke dir eins, mein Junge -- beleidigen können mich
+deine Ungezogenheiten gar nicht --! Es kommt weder auf dich noch auf
+mich bei unserm Zusammenleben an -- sondern nur deine Ausbildung ist
+von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche -- nicht der
+einzelne Mensch und seine Gefühle oder Stimmungen!«
+
+Solche Aussprüche ärgerten Richard wütend und er nahm sich dann erst
+recht vor, seinen Haß und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen
+Herzenskammer sorgfältig aufzuheben.
+
+Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum
+eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er,
+Richard, doch nie ein Meister werden würde.
+
+Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht
+zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen
+von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit -- machte
+ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten --
+manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie
+es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente
+sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen,
+an der Nachlässigkeit gegenüber dem Handwerklichen. Er konnte
+hinreißend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hörte Richard ihm
+mit glühendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in
+ihm auf.
+
+Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch
+einmal mit Schnee und Frost übers Land gekommen war, saßen sie mit
+Mappen und Blättern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so
+heftig durch die großen Atelierfenster gepfiffen hatte, daß sie beide
+vor Kälte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte
+Torfstücke in den großen Kachelofen oder strickte graue
+Soldatenstrümpfe, die Beschäftigung aller deutschen Frauen und
+Mädchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu müssen im
+feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wände
+drang, und mit den Mäusen, die ihr über die Füße liefen. Sonst hatte
+sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche,
+das Gespräch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer
+fühlte, heftig und nachdrücklich zurück. Martha wurde innerlich
+erschüttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, daß
+Richard rücksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja
+geradezu den Ton des Professors nach. Übrigens täuschte sie sich,
+Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter
+ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es
+wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und hätschelte, wie
+man ein kleines schwaches Kindchen hätschelt. Er hatte schon früh
+diesen männlich behütenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein
+wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so
+deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Früher war in ihr nur
+Rührung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft
+bitteren Ärger.
+
+So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige
+Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder
+übers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: »Was lacht ihr?« und
+Richard sagte verschmitzt: »Ach, Mutti, das ist nur was für Männer!«
+
+Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, daß Rolfers Sinn hatte für
+Schulgeschichten mit derber und meistens unanständiger Pointe. Wenn er
+sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzählte -- und das konnte er gut,
+dafür hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens
+sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschütten. Es
+brachte ihn ihm bedeutend näher. Er war doch ein feiner Kerl.
+
+Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert
+mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner
+Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch
+bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und
+es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der
+Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde
+und mit den Fäusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante,
+der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen
+spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem
+man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des
+Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man
+sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und
+mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und
+kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber
+Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und
+manche trieben's widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte
+sich nicht viel aus den Mädels.
+
+»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die
+Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer
+nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das
+Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.«
+
+Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem -- hatte der
+Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.
+
+Aber dann stieß er sich ... Durchgänge --? War auf diesem Wege
+vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner
+Mutter gegenüber gehandelt hatte --? Seit Richard ihn kannte, schien
+ihm das Problem immer unbegreiflicher.
+
+-- Durchgänge -- und das Wirkliche nur die Kunst? --
+
+Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er
+nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene
+Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt.
+
+ * * * * *
+
+In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der
+Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da
+konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die
+sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers' Ansichten
+angriff -- ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben
+sich gelten lassen wollte -- der bedeutend sei -- wer hätte das
+bezweifeln können -- aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt
+trauen dürfe.
+
+Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit
+rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn
+sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh
+vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust
+das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein
+auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem
+Schicksal ausfechten mußte.
+
+Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt
+wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine
+heimliche Schuld an ihm zu sühnen.
+
+In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über
+die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in
+der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen
+Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den
+Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und
+mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die
+Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard
+geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das
+Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen,
+nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur
+Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten
+schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten,
+sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die
+Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige
+innere Gereiztheit fand ihre Entladung.
+
+Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es
+ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke.
+
+Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren
+Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf
+Brot und Verdienst rechnen.
+
+Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte,
+das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf
+irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob
+ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht
+Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere
+Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben
+auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus
+ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler
+werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die
+ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen
+wieder zuschanden machen.
+
+Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später
+regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur
+gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers'
+kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller
+Mittelmäßigkeiten -- eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen
+Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.
+
+»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf
+nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm
+zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein
+wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst
+mir nicht dazwischen pfuschen, Martha -- das erwarte ich von dir. Merk
+dir's, Kind.«
+
+Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz,
+tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und
+machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider
+senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht
+bemerkte.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine
+friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und
+Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die
+Hohlwege um Rolfers' Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine
+unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart
+erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte
+in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.
+
+Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht
+gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die
+Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem
+Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und
+Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von
+der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus.
+
+Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der
+Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm,
+den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er
+seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich -- erbärmlich -- aber er
+wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von
+Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend
+anzukämpfen hatte.
+
+»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine
+Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht
+ausrutsche.«
+
+Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten.
+Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der
+junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen
+Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste
+knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase.
+Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte
+Menschen in großer Qual.
+
+»So denk' ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter,
+wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und
+prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer
+Zweige.«
+
+»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man
+kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,«
+grollte Rolfers' Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen
+die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der
+rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man
+nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste -- man
+ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von
+Schlachtenbildern gesehen hat -- was man von früheren Kriegen in der
+Schule gelernt hat -- alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die
+Greuel von heute. Junge -- für's Vaterland sterben -- das klingt ...
+Aber in so einem Mordwald liegenbleiben -- von den Weiterstürmenden
+vergessen -- und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen
+herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab -- jeden
+Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach
+dem eigenen Messer -- kann nicht dazu -- kann nicht ... liegt wehrlos
+da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber
+sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den
+Eingeweiden, die Angst -- und das kleine Viehzeug, was sich nun leise
+scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was
+unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als
+das Sterben fürs Vaterland --«
+
+Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm
+sprach. -- Er -- er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so
+objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz
+und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer
+Andacht an dem leeren Ärmel -- dort waren die Wunden, in denen die
+Würmer gehaust -- er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling
+der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene
+stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis
+über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den
+Krieg -- fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...
+
+Rolfers' Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des
+Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was
+vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...
+
+»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben
+geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am
+Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel
+jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder
+gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die
+sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau -- die Landschaft
+leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen
+Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen
+frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen
+Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die
+Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die
+schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre
+Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und
+braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische
+Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder
+spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und
+blitzendem Frohsinn.
+
+Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich's schon,« sagte
+er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt -- still und friedlich
+bleibt -- die Kinder spielen dürfen -- das Hündchen kläffen, die alte
+Hexe in der Sonne sitzen kann -- und die Felder so fröhlich blaugrün
+sich breiten -- darum heißt es: fürs Vaterland sterben!«
+
+Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich
+allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf
+des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm
+nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm
+kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in
+einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers
+überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter
+gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau.
+Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir
+können es ungestört besichtigen.«
+
+-- -- 'Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile
+ausruhen', dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den
+Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen.
+
+»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs.
+
+»Das vom Kaiser in Berlin!«
+
+»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören
+auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst
+schon sehen, wird dir gefallen.«
+
+Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen
+gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel
+jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren
+ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige
+Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter
+Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf
+dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und
+der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen
+und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden.
+Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen
+länglichen Hof.
+
+Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die
+Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die
+geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem
+Parterrefenster und grüßte.
+
+»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers.
+
+»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen.
+Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?«
+
+»Nein -- im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die
+Herrschaften in Hamburg.«
+
+»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. -- Die Frau Gräfin würde sich
+gewiß freuen!«
+
+»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.«
+Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee
+weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal
+zurück auf die weite Wiese.
+
+»Das möchte ich malen -- -- die komischen kleinen Viecher auf dem
+Grün ...«
+
+»Versuch's -- geh morgen nachmittag her.«
+
+»Sehen Sie mal -- die Bäume sind schon anders als im Winter -- so viel
+dunkler und voller Saft ...«
+
+»Ja -- ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend
+malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem
+Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. -- Na -- da laufen wir der Gräfin
+doch in die Arme.«
+
+Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und
+näherten sich ihnen.
+
+Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach' kein so verstörtes Gesicht,
+sie fressen dich nicht.«
+
+Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte
+sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen
+Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen
+schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den
+Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben
+Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm
+aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor
+sprachen, war sehr herzlich -- es mußten gute alte Bekannte sein. Die
+junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei
+und schwer verwundet -- und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen
+bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so
+tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu
+ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus
+fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.
+
+Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und
+fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der
+großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch
+meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen
+ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den
+magst du doch?«
+
+Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen
+auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.
+
+»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief
+lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte -- Sie sehen noch
+so jung aus ...«
+
+»Das ist er auch noch -- vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«
+
+Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den
+beiden Damen -- sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von
+dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege
+überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er
+verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von
+ihrem jüngsten Sohn sprach -- er war noch nicht neunzehn Jahre alt
+gewesen -- ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden
+Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her.
+Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes -- über den
+Kummer hinaus erhaben.
+
+Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne
+gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man
+saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen.
+Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel
+Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der
+alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid
+heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre
+Gestalt war.
+
+Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber
+zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß
+Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden
+und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen
+sprach.
+
+»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere
+Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur
+Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen
+wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind
+fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und
+Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann
+bricht sie zuweilen doch zusammen.«
+
+Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin
+reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren
+jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich
+zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt.
+Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher
+interessieren werden.«
+
+Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht,
+wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er
+zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch
+gezwungen sein würde, beängstigten ihn.
+
+Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt
+hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen,
+begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht,
+hast du sie zu küssen -- nicht mit einem heftigen Schmatz -- sondern
+nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir
+auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst
+einmal sagen.«
+
+»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte
+Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.
+
+»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das
+gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du
+noch so ziemlich alles zu lernen.«
+
+»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard
+ungezogen.
+
+Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard
+aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft --? Na, es ist
+schon gut so, häßlich und plump wie ich bin -- ein feiner Herr wie er
+werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll
+beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den
+Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung
+schlug über sein Herz.
+
+Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu
+seiner Mutter herein.
+
+»Du -- draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für
+den Professor.«
+
+Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am
+vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine
+Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte.
+
+Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten
+Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard
+stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem
+geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.
+
+»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu
+zerstören. Lieb von den Damen, nicht?«
+
+Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila
+Blütenfülle.
+
+Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog
+ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja -- wir Künstler
+und der Luxus -- das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch
+Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten -- einen Rehbraten
+mitessen! was sagst du?«
+
+»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das
+helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.
+
+»... Nein -- -- die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.«
+
+Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich
+hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha
+entfernte sich -- man hörte sie dann in der Küche.
+
+Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll
+ich da ...?«
+
+»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich
+glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.«
+
+Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter
+das helle krause Haar.
+
+Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche
+Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun
+mußte es durchgefochten werden.
+
+»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau,
+als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war
+reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte
+begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er
+gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht
+hinein. -- Nur -- was mich betrifft -- ich kann mich dem Umgang mit den
+Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele
+Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich
+sein kann.«
+
+»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte
+die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er
+gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.«
+
+»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du
+irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens
+eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?«
+
+Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins
+Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf.
+
+Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.«
+
+»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, -- vergiß nie, daß du mir
+das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht
+wieder fand -- wo wäre ich jetzt?«
+
+Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar.
+
+»Meine gute Freundin!«
+
+Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand:
+
+»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar -- was geht es mich an ...?«
+
+»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich
+dann nicht hierher gebracht hätte -- dich und den Jungen! -- Aber
+sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden -- dann geht das alles
+nicht mehr.«
+
+»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich.
+
+»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!«
+sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser
+Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder
+unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten.
+Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich
+weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle -- war es immer -- bin es heute
+mehr als je zuvor.«
+
+»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an.
+Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft
+wundern.«
+
+»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und
+seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte
+er, aber mag es immerhin sein -- sie würde ja nie verstehen, daß ein
+Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und
+seinen Arbeitseifer hätte.«
+
+ * * * * *
+
+Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers'
+Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht
+teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte
+zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen
+Angelegenheit und zu Rolfers' Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam
+nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die
+passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend
+nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten -- seit wie langer
+Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie
+sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über
+Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die
+Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den
+Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die
+Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von
+den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich,
+durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner
+eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt
+von dem anderen.
+
+Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu
+zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich
+erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei
+allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung
+auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser
+Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und
+empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder
+einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch
+unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst,
+durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die
+Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit
+begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu
+ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden
+empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an
+seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die
+schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an
+reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte,
+bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten
+vermochte.
+
+Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen
+und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für
+das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin,
+dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit
+deines doppelt reich und herrlich blühe?
+
+Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich
+näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige
+Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt -- ursprünglich. Nur spürte
+er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich
+auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig
+in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.
+
+Sein ganzes Werk an Richard -- diese eigenartige, scharf durchdachte,
+ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde
+in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich
+ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von
+Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem
+heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen
+gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard
+geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen
+Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.
+
+-- So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken
+ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er
+den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen
+wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich
+noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu
+erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu
+lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche
+Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen
+-- den verbotenen Kasten unter dem Arm.
+
+Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.
+
+-- -- Ist es immer und überall Elternlos, zu geben -- zu schenken --
+nichts dafür einzutauschen -- nicht Dankbarkeit -- nicht Liebe --
+nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft.
+Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande
+ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das
+Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu
+bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der
+Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er
+gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche
+Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner
+Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich
+geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen
+Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht
+zu werden?
+
+ * * * * *
+
+-- -- -- Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! -- Aber nun
+sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder
+zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben -- aber
+sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und
+ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und
+Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe -- konnte er das
+vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört
+gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.
+
+Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu
+lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es
+forderte das letzte Opfer von ihm -- und das konnte er nicht bringen.
+
+ * * * * *
+
+Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die
+Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem
+alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den
+Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie
+war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit
+Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst
+nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab's jetzt in diesen
+Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie
+lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und
+Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und
+den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten,
+Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen
+Tätigkeit.
+
+»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte
+Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die
+schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit.
+Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer
+Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen
+Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder.
+Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen
+Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten
+Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten
+die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen
+Bauernpflanzen gab es in Rolfers' Garten, wenn der Sommer auf seiner
+Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger
+Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand
+gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte,
+das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.
+
+Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten
+Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten
+Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte,
+hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.
+
+Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und
+wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers,
+als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr
+eine neue Jugend?
+
+Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und
+streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen
+und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich
+entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die
+Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des
+Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander
+seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter
+mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß
+wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester
+und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war
+-- Kopfschuß -- sofort tot. Der Glückliche ...
+
+Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn,
+und für jenen das schnelle leichte Ende?
+
+Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen
+Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat
+hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die
+die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war
+in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt -- die würden, wenn
+der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen -- aber noch war
+es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des
+Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den
+Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor
+ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch
+über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das
+sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen
+Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die
+Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und
+wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen,
+fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges
+entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz
+seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem
+schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder
+schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance
+des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen
+Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom
+Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er
+hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden
+Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen
+Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde
+schwerer und schwerer vor Traurigkeit.
+
+Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand
+stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt,
+jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses,
+der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers' Rat
+gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt
+hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer
+Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie
+möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die
+finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten
+war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank
+geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von
+Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen
+war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen -- oder ob er noch
+einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,
+die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers
+durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto
+setzen.
+
+Herrgott -- war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden?
+Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die
+Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein
+einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter
+als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie
+eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder,
+Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte -- und am Ende
+auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.
+
+Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets
+tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so
+sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut -- aber ihm
+stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es
+vielleicht auch -- wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser
+schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in
+diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht
+des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden
+Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute
+Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm
+gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten.
+Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte,
+und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die
+beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis,
+das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die
+Fenster zu ihm einzudringen versuchte.
+
+Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen
+oder er pickte und rieselte noch melancholischer -- oder der Sturm
+rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf
+klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn
+er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und
+sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.
+
+Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu
+nicht Zeit genug vor sich -- viele Jahre Zeit ... Zu einer
+Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft -- wie er sie
+verstand -- irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie
+bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er's nicht gefühlt
+-- grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den
+Schlag nie wieder verschmerzen würde.
+
+Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei
+war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten
+voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand
+herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der
+braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch
+ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem
+Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief,
+war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht
+herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten
+Versuche -- das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich
+gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem
+Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf
+fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden -- ich krieg's nicht und
+krieg's nicht -- das Biest hält auch keine Sekunde still ...«
+
+»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers,
+beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du
+-- so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er
+gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche
+heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.
+
+»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da -- Sie
+verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr
+malen ...«
+
+Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll
+Zorn die Leinwand daneben.
+
+»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon
+gequält. Und ich hätt's auch noch gepackt -- wenn Sie nicht
+dazugekommen wären.«
+
+Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich
+nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als
+vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde
+war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher
+Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich
+jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen -- und
+das kann ich nicht ertragen -- dann muß ich ihn erwürgen ...
+
+Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und
+knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den
+Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg
+unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren
+Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee
+hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er
+in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines
+Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein
+Todfeind.
+
+Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und
+ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig
+aus den Augen rann und die Wangen hinablief.
+
+ * * * * *
+
+Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu
+beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die
+draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten
+Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er
+nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue
+Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen
+verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen
+neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines
+ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen
+gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem
+Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend
+heranwuchs -- und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und
+die Alten verachten durfte ...
+
+ * * * * *
+
+Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten --
+in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und
+durchkämpfte.
+
+Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas
+greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes
+zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den
+leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er
+fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte,
+wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen.
+Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte
+seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte
+Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte
+Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und
+wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.
+
+Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich
+zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß
+er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so
+schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für
+ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr
+und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei
+allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner
+bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten
+Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen
+auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers
+mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes
+Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.
+
+ * * * * *
+
+Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf
+waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und
+grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein
+wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.
+
+Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein
+andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und
+der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte
+ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem
+Herzen: »Das habe ich gekonnt -- ich -- Rächer meiner Mutter und meiner
+Jugendschmach!«
+
+Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und
+triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit
+ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum
+Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung
+seiner Worte.
+
+Armer Rächer -- auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich
+wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen,
+die sein Gesicht überschwemmten.
+
+Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er
+sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse -- daß dieses
+Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte
+sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum
+erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben -- grauenhaft, kurz,
+gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach
+dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein -- niederträchtig ...
+
+-- Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von
+unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl
+ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für
+diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können -- leben müssen
+und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt
+war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße,
+die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie
+selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig
+verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand
+bei Richard fest. Nein -- er durfte sich auch selbst niemals
+verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat,
+hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und
+verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja -- er genoß den Schmerz, rang
+sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen
+des Vaterlandes -- das kämpfende Vaterland in ihm! Was -- er hatte ihm
+Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen -- aber während er,
+Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen,
+hatte der andre sich geopfert -- hatte gelitten --! War denn der
+Professor nicht zum Krüppel geworden -- damit das Vaterland frei blieb
+-- damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und
+Künstler werden dürfte -- wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll
+arbeiten -- das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers' Rat, ohne
+seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der
+sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt
+haben mußte.
+
+So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn
+kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet
+hatte -- deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem
+Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der
+gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche
+Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort,
+das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und
+Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.
+
+-- Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft
+erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab,
+auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und
+Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines
+Gottgedankens fühlen, -- nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut,
+für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften.
+Bewundernswert auch diese, ja, -- aber noch lange nicht Helden.
+
+Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein
+Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem
+Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt
+hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur
+in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz
+hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den
+Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.
+
+-- -- Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen
+seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer
+Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf
+den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? -- Das Wort hatte
+Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte
+daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft
+zwischen seinem Wesen und Rolfers' Wesen. Der Mann -- der
+Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen
+Unterschiede -- nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und
+Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen
+Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten
+Europäertums.
+
+»Guter Europäer« -- auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte.
+Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden -- nein, er
+bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel
+hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum --
+neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie
+ihm nicht das geringste -- er stand ganz verständnislos vor den
+Kolossen -- das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was
+hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende
+wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie
+zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen
+Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger
+Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese
+war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis
+mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die
+Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres
+in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm -- wie das
+Geschöpf ihn ansehen konnte -- so dumm-unschuldig ... War das nicht zum
+Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit
+den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ...
+Gott -- -- welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten
+Fohlenmaul -- in einem schwimmenden Tierauge.
+
+Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht
+an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der
+eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und
+keine andere! Und wenn's ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden
+sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes
+Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht
+betrügen lassen -- auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß
+man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und
+verbiß den Schmerz.
+
+ * * * * *
+
+Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in
+hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte
+wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr
+einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards
+Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht
+unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen
+energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse,
+in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt
+halten.
+
+-- »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies
+alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern
+sollte, denn es war ja leider die Wahrheit -- er, Richard, war
+stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster
+Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine
+Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch
+suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus
+bin ich nicht zu haben, merk' dir das ... Ja,« wendete sie sich zu
+Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt --
+was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein
+Mädel von der Tauentzienstraße -- pfui Teufel!«
+
+Also doch --! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte
+verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte,
+eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall
+und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und
+hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder,
+wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und
+durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur
+Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich
+miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen
+zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben
+konnten.
+
+»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem
+Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich
+recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf
+es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der
+Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es
+käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen
+an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen,
+zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie
+der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir
+sagen, Richard, -- mancher von den Bengels hat sich brennend nach der
+Schulklasse zurück gesehnt, wenn er's auch nicht Wort haben wollte.«
+
+Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden
+Augen flammten über ihn hin.
+
+»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben,
+was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder
+Künstler -- was soll's werden?«
+
+»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard.
+
+»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor
+scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen.
+Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung
+einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also --
+kann ich bei dem Direx für dich eintreten -- oder kann ich's nicht?«
+
+Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit
+dem Professor klar und frei ins Gesicht.
+
+»Sie können es!«
+
+»Gut -- schlag ein!«
+
+Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine
+Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest.
+
+Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der
+Professor war doch ein großartiger Mensch -- wer von den Vätern seiner
+Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner -- kein einziger.
+Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt --
+jawohl. -- Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen
+geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die
+würden ihm Freude machen.
+
+Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch
+des Jungen Herz. Er -- er -- er füllte sein Denken, Träumen,
+Phantasieren. Freund -- Freund -- sagte er bisweilen leise vor sich
+hin. Professor -- Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs
+Haus, sobald er von der Schule heimkam.
+
+Versunken konnte er lange auf Rolfers' Hand blicken, denn
+Menschenhände bedeuteten ihm viel, -- er hatte Jungens, die sich ihm
+zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen.
+
+Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des
+Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der
+Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken.
+Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß
+er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des
+geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte
+zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der
+Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne
+geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete
+sich in ihm das Neue -- das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu
+sein ... Sein Schüler, -- o ja --! Der Professor hatte selbst gesagt,
+das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn -- dem Gedanken
+war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand
+das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es
+aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging
+es zu -- das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. --
+
+Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors -- er war
+sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm
+lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die
+Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen
+-- und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von
+ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im
+tiefsten verwandt fühlte ...
+
+Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender
+Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins
+Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß
+sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die
+goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine
+Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich
+nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich
+eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges,
+ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte
+tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene
+eigene Wege der Opferung.
+
+Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl.
+Fragte sich zuweilen: Ist's nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen
+Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein
+für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit
+jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte
+seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der
+Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun
+war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so
+schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das
+Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen
+gegenüber -- war eine Viertelstunde lang herzlich, gut,
+aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So
+ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.
+
+Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem
+Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda
+und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte
+sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang
+versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des
+alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten
+seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und
+klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache
+Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die
+alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von
+rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus
+dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue
+Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten
+silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken
+dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und
+weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder,
+luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte
+Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie
+in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und
+wiegten.
+
+ * * * * *
+
+Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er,
+das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen
+Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes
+kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der
+sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber
+an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß
+gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der
+blühenden Hecken in den Sandhohlwegen -- in denen es zwitscherte und
+flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien -- jede Fahrt zur Schule
+mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich
+befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel
+hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg -- er aber
+schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche,
+das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der
+Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und
+im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben
+zu schimmern begann -- hörte versunken auf das Liebesgequake und
+Geschnarr der Frösche -- auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der
+kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte -- sah
+die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf
+dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib,
+sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen
+Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft
+breiten -- etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und
+wankte unter seinem Fuß, der da sank -- sank -- Er mußte eilend
+zurückspringen auf sicheren Boden -- und ahnte tausendfach
+erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen
+Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie
+hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl
+sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während
+die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht
+eintranken.
+
+Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte
+Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die
+Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und
+Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah
+er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn,
+hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der
+schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein
+Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum,
+Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch,
+bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt
+warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen
+scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden
+Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er
+verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen,
+von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer
+reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand
+nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam
+schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem
+Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.
+
+Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der
+Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über
+seine Versuche.
+
+Richard bemerkte es.
+
+»Also, -- was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du
+herauf und störst mich?«
+
+»Ich dachte nur -- die Nacht ist so unbändig schön --, ob Sie nicht
+hinauskommen möchten?« stotterte er.
+
+»Ich habe zu tun. Geh jetzt!«
+
+Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder
+auf.
+
+»Nun?«
+
+Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie
+Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und
+mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben.
+Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen
+Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen
+Sekunden empfand.
+
+Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand
+skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich
+ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit
+Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ
+den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen
+sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und
+die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und
+stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend.
+
+»Junge -- verdrehter, toller Bengel!«
+
+»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich,
+und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.
+
+Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so,
+damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben
+Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar.
+
+»Mein Junge, mein lieber Junge!«
+
+Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet.
+
+ * * * * *
+
+Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe
+ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur
+nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die
+beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu
+schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte.
+
+Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner
+Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch
+verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der
+für das Vaterland gelitten, -- so schrieb der Besitzer.
+
+Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.
+
+»Wozu -- kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen
+ehrenvollen Frieden geschlossen haben -- ja, dann lasse ich's mir
+gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten
+-- mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten
+Schinken. Jetzt ist's ein Reinfall. Ich will nicht.«
+
+Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben
+den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu
+rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu
+verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde,
+der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der
+Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit
+harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum
+Studium bereitstehen.
+
+Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen,
+dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor
+dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene
+Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen -- hier ein Obdach für
+die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden
+gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor
+dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück.
+
+Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich
+wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der
+Hauptstadt gezogen zu werden.
+
+Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen
+trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter
+nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt
+der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die
+Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ...
+
+»Richard -- packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur
+Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief
+mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du -- freut's
+dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben!
+Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!«
+
+Richard stand mit offenem Munde -- ganz dumm vor Staunen. Vom Hals
+empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn -- und die Augen
+wurden mit jeder Sekunde glänzender.
+
+»Sie -- Sie wollen mich doch nur uzen -- es ist doch nicht wahr,
+Professor?«
+
+Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen,
+das war doch entzückend ...
+
+»Sehen Sie -- Sie lachen -- es ist doch nicht wahr.«
+
+Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton.
+
+»Frage deine Mutter!«
+
+»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken.
+Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten
+Anzug gebügelt.«
+
+Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der
+Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein
+geliebtes Fohlen auf der Weide.
+
+Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause
+und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha
+bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine
+Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der
+schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter
+abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls
+aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler,
+seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte
+in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein
+Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe.
+
+Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der
+Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke
+bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute,
+auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.
+
+Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese
+Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die
+nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr
+sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.
+
+Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise
+bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins
+Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.
+
+»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und
+Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen
+schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte,
+fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln
+Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar
+und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt
+zu wenig auf ihr Äußeres.«
+
+»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie
+wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig
+Geld, fügte er naiv hinzu.
+
+»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte
+Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest -- und
+vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.«
+
+Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob
+dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser
+Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt
+war.
+
+»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine
+Einrichtungen gehen mich ja nichts an -- aber da du sonst so sparsam
+wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...«
+
+Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben,
+ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle
+sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes
+Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf
+ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt
+war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck
+denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht
+gezeigt hatte.
+
+Er ging viel und unruhig im Haus umher.
+
+»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte
+er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm
+vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme
+durchs Haus jubeln: Professor -- Professorchen! Denn je vertraulicher
+der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.
+
+Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den
+breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an
+dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte
+er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast
+du keine alten Photographien -- so dumme kleine Kinderbilder von dem
+Jungen? Die möcht' ich wohl gerne einmal sehen.«
+
+»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg
+betroffen. Er ging dann bald ins Haus '... Jetzt wird er bei Gebhardts
+sitzen,' dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard
+in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem
+großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. 'Oder vielleicht
+haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird
+... ich wollte, ich könnte ihn sehen' ... So träumte er sehnsüchtig
+und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.
+
+Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie
+verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes
+abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die
+Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als
+nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in
+der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard
+als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten
+Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem
+Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die
+Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche
+Kosenamen, als seien sie lebendig.
+
+»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen -- die sind
+mein Eigentum, meines allein -- Seine süße Kindheit, die will ich mit
+niemand teilen -- die gehört nur mir allein!«
+
+Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und
+schob die Lade zu.
+
+Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte
+sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt
+raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe,
+rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß
+verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten
+hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen,
+legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch
+einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen
+zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie
+zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen
+auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie
+ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch
+zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich
+Rolfers aus dem Fenster.
+
+»Wer ist dort?«
+
+»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und
+lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene
+Dunkelheit hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang
+strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend.
+In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern,
+denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau
+zu --! Und die Ausstellung --! Der Professor solle nur nicht glauben,
+daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst
+haben wollten --! Gedrängt hätten sich die Leute -- die
+Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen
+schweren Luft und dem dunkeln Wasser -- und es habe sich fein gemacht,
+daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe:
+Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es
+sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon
+telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten.
+Und lieb sei er zu ihm gewesen -- Frau Gebhardt auch und der junge
+Gebhardt ... Nicht zu sagen --! Aber er wisse schon, wem er das zu
+verdanken habe.
+
+Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten
+Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das
+Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten,
+sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche
+Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken
+Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen.
+Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und
+meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der
+Professor war lustig wie ein Akademieschüler -- und die beiden heckten
+allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das
+Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten
+sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing
+Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine
+Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer
+mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha
+hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.
+
+Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß
+aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten
+Weinranken.
+
+ * * * * *
+
+Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard
+aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam,
+ihm den Gutenachtkuß geben.
+
+»Mutti -- war das ein schöner Abend -- nicht? Herrlich! Daß der
+Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die
+Goldkette, was --? Die mußt du jetzt täglich tragen -- o, warum hast
+du sie abgenommen -- sie steht dir so gut! -- Mutti, was hast du --
+dich quält etwas -- du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke
+-- glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag' doch, Mutti?«
+
+Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter
+Hals und streichelte sie.
+
+»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm?
+Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin --! Ausnützen tut
+er uns und dann ein Geschenk. Wie's mich beleidigt, ahnt er nicht
+einmal! So von oben herab! -- O -- ich kenne ihn, den Zauberer -- aber
+über mich hat er keine Macht mehr -- nur dich -- dich hat er ganz und
+gar!«
+
+Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem
+Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur
+grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche
+Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille,
+Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange
+mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff
+den Grund ihres Kummers noch immer nicht.
+
+»Sag' mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie
+schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll
+Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du
+dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs
+nicht -- ja -- aber dann --! Dann habe ich ja begriffen -- so gut --
+so gut ... Man muß ihn verehren ...«
+
+Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild.
+
+»Ich ertrage es nicht -- ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe
+daran zugrunde -- ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe -- gemein,
+boshaft -- gehässig -- ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger
+hier bleibe ... Er hat mir alles genommen -- und er wird dich mir auch
+noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du
+bist ja schon wie verzaubert -- Richard, hast du denn dein armes Mutti
+gar nicht mehr lieb?«
+
+»Aber, Mutter --,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah
+seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur?
+Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch
+selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht
+liebhaben ... Mutti -- er -- er ist doch mein Vater!«
+
+»Gut -- so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit
+verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard -- es geht
+nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es
+nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur
+ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will
+ich!«
+
+»Mutter -- das -- nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut
+vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.
+
+»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es
+wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen -- du wirst -- ich
+weiß es ...«
+
+»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du
+denn, Mutti?«
+
+»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen
+wir fort. Anders geht es nicht -- sonst bringt er uns ja doch wieder
+in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem
+Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard -- ich kenne ihn -- in
+ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück -- ihm
+gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest -- du sollst es
+sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...«
+
+»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes
+Recht!«
+
+»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.«
+
+Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte
+sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von
+Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen,
+Richard, halte mich nicht zurück. Sieh -- ich habe mir eine Stellung
+gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war
+nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn
+ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel
+Arbeit -- dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon
+wiederfinden ...«
+
+»Mutter -- das ist alles so unmöglich -- so sonderbar unmöglich ...«
+
+Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse,
+eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen.
+
+»Gelt -- du sagst ihm nichts -- verrätst mich nicht? Mein armer Junge,
+daß ich dir so weh tun muß ...«
+
+»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust
+fallen, »du tust mir weh -- so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen
+Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter --
+bitte -- versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders
+sehen ...«
+
+»Nein, Richard -- das ist kein Plan von heut -- der ist seit Wochen in
+mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich
+nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?«
+
+Richard ballte die Fäuste. 'Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,'
+schrie es in ihm. 'Ich gehöre zu ihm und bleibe hier' ...
+
+Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn
+eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den
+Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.
+
+Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard,
+willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser
+demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und
+wühlte sein Gesicht in die Kissen ...
+
+Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die
+Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein,
+als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell
+legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem
+Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie
+Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange
+still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte
+sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen
+... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren
+müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich
+klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So
+viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte
+gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch
+auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in
+ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß
+ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in
+den letzten Wochen durchgemacht hatte.
+
+Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie
+unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher,
+setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr
+ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht
+wahr? ...«
+
+Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine
+Brust. »Ich weiß nicht --! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch -- --
+ja -- ich glaube -- ich liebe ihn immer noch ...«
+
+Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann
+sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich
+nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre
+zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man
+will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«
+
+»Ich kann nicht!«
+
+»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen
+-- dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und
+ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen
+uns.«
+
+Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton
+von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und
+flüsterte:
+
+»Du wirst mich auch nicht hassen -- mein Einziges?«
+
+»Nein, Mutti -- ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde.
+
+So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen
+Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die
+Einzelheiten von Marthas Plan.
+
+Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen
+tiefen, schweren Schlaf.
+
+ * * * * *
+
+Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd
+putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm
+einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt
+hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er
+war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen
+Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland
+über alles«.
+
+Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von
+Mackensen -- damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das
+sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland
+hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde
+leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der
+furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust
+gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen -- sich
+freuen und leben. Sein Ich war tot -- unter tausend bitteren Schmerzen
+gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die
+Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich
+selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur
+Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste
+erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden
+Armen und Händen hätte er's nie gefaßt und erlangt, immer sich in
+Theorien zerquält ... Der Junge -- der arbeitete viel naiver darauf
+los, als er's je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst,
+was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur
+bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den
+Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn
+schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt
+hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife
+Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen -- nur noch
+einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in
+der geretteten Heimat.
+
+Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das
+große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden
+Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte
+eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er
+hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er
+horchte auf -- dort verbarg sich jemand.
+
+Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf
+einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen
+vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine
+Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das
+gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt
+und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier
+geschehen?
+
+»Richard ...«
+
+Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur
+tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde
+durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.
+
+»Richard, mein Kerlchen -- um Gottes willen -- was ist dir denn
+geschehen? Sieh mich doch an -- weißt du denn nicht, wie ich's mit
+dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!«
+
+Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes
+Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den
+Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen
+Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu
+trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende
+Worte zu.
+
+Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln,
+um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen.
+
+»-- Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich
+hatte etwas mit Mutti, -- es ist schon vorbei.«
+
+»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr
+ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir
+nicht sagen willst -- verlaß dich drauf.«
+
+Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten
+Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen
+Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine
+Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in
+Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten
+gestern abend lange miteinander geredet, -- ja er hatte ihre erregten
+Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört.
+
+»Richard, -- soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?«
+
+In dem von Weinen verschwollenen Gesicht wühlte und arbeitete es. »Die
+Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch
+nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.«
+
+Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas
+Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das
+heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu
+leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend
+etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.«
+
+»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch
+gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!«
+
+»Was -- fort von mir -- fort --? du auch?«
+
+Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges
+Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig
+fassungslos -- an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha
+freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer
+ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in
+ihm hoch -- er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen
+können. -- Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im
+Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine
+linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und
+legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust
+beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren
+Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes
+Tierchen, dem großes Unrecht geschieht.
+
+Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also -- da scheint sich deine
+Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun -- wir werden
+ja sehen -- wir werden ja sehen!«
+
+Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu
+sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben
+lange an.
+
+»-- du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich --
+meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...«
+
+Er strich mit der Hand über die Stirn.
+
+»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die
+Mutter ist vorn und sieht uns nicht, -- da erzählst du mir alles. Wir
+werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube,
+ich weiß bereits eins -- mit dem ich mich in diesen ganzen letzten
+Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar -- man weiß -- ein Entschluß
+ist reif -- und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe
+aufzustoßen.«
+
+»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären --
+Sie hätten uns nie wieder geholt?«
+
+»Nein, da kennst du mich gut -- das hätte ich nie über mich
+gebracht.«
+
+Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um
+den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm
+beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater
+-- mein Vater!«
+
+Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen
+kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war.
+Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.
+
+Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und
+sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über
+dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen
+Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie
+eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig
+dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen
+Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß
+an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und
+arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein,
+denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie
+ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein.
+Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung
+gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder
+auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und
+eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit
+der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt
+werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf:
+jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu
+überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller
+weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden,
+doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu
+heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein
+Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit
+wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.
+
+»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er
+heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese
+goldene Stunde!«
+
+»Ach -- es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie
+traurig.
+
+»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns
+noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich
+nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange
+im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau
+werden?«
+
+Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.
+
+»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend
+und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst,
+ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal
+vorüber!«
+
+»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig
+ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen
+Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das
+Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn
+vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein
+eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst
+mich, Martha, -- meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja
+schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um
+irgendeinen lieben Jungen -- es geht mir um meine Kunst -- ach -- was
+sage ich -- meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard
+sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch
+Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden!
+In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die
+kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert,
+das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und
+Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die
+Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie
+ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem
+Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage,
+es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein
+Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die
+Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte
+Entsagung zuzumuten ...«
+
+Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich
+kann nicht, Franz -- was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten!
+Das mit der Kunst -- es ist gewiß wahr -- aber es klingt so kalt --
+ich kann es doch nicht verstehen.«
+
+Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte
+wieder zurück auf den Mann, den sie liebte -- sie fühlte es so stark
+in dieser Stunde -- und der ihr doch so fremd war und so Grausames von
+ihr forderte, während er still wartete.
+
+»Gut denn -- nimm Richard -- ich schenk ihn dir -- wenn es sein Glück
+ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn
+zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum
+Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«
+
+Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den
+herben Trank ihrer Zukunft kosten.
+
+»Nein, Martha -- das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide!
+Du bist seine Mutter -- unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich
+ihn heute liebe -- niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von
+seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«
+
+'Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,' flüsterte Martha zornig.
+
+»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir
+lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen:
+wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling
+kommen? Unser Frühling heißt Richard -- ich meine, er blüht schön und
+verheißungsvoll. -- --
+
+Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten --
+darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus
+dir selbst heraus -- hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das
+uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft
+haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du
+nicht?«
+
+»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend
+Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete
+die Türe und rief laut nach seinem Sohn.
+
+
+ * * * * *
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen:
+
+ S. 26: drängte --> drängte. (Punkt ergänzt.)
+ S. 52: quält dich nicht ..« --> quält dich nicht ...«
+ (Auslassungspunkt ergänzt)
+ S. 59: Überrraschung --> Überraschung (Druckfehler korrigiert)
+ S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)
+
+
+Formatierung:
+
+Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
+Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_
+Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit # gekennzeichnet: #Text#.
+
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+
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+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND ***
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.